Zur Beruhigung: Heinrich Heine, Teil 1

 

https://www.youtube.com/watch?v=z6EzvfGgYvI

 

Sofern nicht anders angegeben, zitiert der Wurm aus dem Buch „Heinrich Heine – Die Erfindung des europäischen Intellektuellen“ von Rolf Hosfeld.

Vor 170 Jahren starb Heinrich Heine und wird auch heute noch maßlos unterschätzt. Richtig eingeschätzt wurde er ausgerechnet von der damaligen politischen Zensur, die ihn als Staatsfeind Nr. 1 betrachtete und seine Werke verbot.

„Clemens von Metternich war paradoxerweise der gleichen Meinung. Er las die Schrift und meinte in ihr die Quintessenz des revolutionären Geistes der Zeit erkannt zu haben, „nämlich die Untergrabung aller und jeder, geoffenbarten wie natürlichen Religion“ und eine daraus folgende „Vergötterung der Sinnlichkeit“. Seien erst einmal die Bande des religiösen und moralischen Lebens zerschnitten, warnte er, so werde sich der staatliche Zusammenhalt und das von ihm kunstvoll geplante System der europäischen Restaurationsordnung bald von selbst auflösen. „Zugleich“, so Metternich, sei das „Heinesche Produkt ein wahres Meisterwerk in Beziehung auf Stil und Darstellung“, weshalb man die Schrift als besonders gefährlich anzusehen habe.“

 

Über Heinrich Heine

 

Aus „Wikipedia“: „Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf, Herzogtum Berg; † 17. Februar 1856 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten des 19. Jahrhunderts.

Heine gilt als einer der letzten Vertreter und zugleich als Überwinder der Romantik, machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte, elegante Leichtigkeit. Die Werke kaum eines anderen Dichters deutscher Sprache wurden bis heute so häufig übersetzt und vertont. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gefürchtet. Im Deutschen Bund mit Publikationsverboten belegt, verbrachte er seine zweite Lebenshälfte im Pariser Exil. Antisemiten und Nationalisten feindeten Heine wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Haltung über den Tod hinaus an. Die Außenseiterrolle prägte sein Leben, sein Werk und dessen Rezeptionsgeschichte.“ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine

 

Ob man mich lobt oder tadelt, es rührt mich nicht, ich gehe meinen strengen Weg, den ich mal als den besten erkannt habe. Einige sagen, er führt mich in den Dreck, andere sagen, er führt mich nach dem Parnass. Wieder anderes sagen, er führe direkt in die Hölle. Gleichviel, der Weg ist neu, und ich suche Abenteuer.“

„Ich habe nie großen Wert gelegt auf Dichterruhm und ob man meine Lieder preiset oder tadelt, es kümmert sich wenig. Aber ein Schwert soll ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein treuer Soldat Im Befreiungskriege der Menschheit.“

„Michel Chevalier, Chefredakteur der Zeitschrift Globe, im Jahr 1831: „Der berühmte deutsche Schriftsteller, Dr. Heine, befindet sich seit vorgestern in Paris. Das ist einer der jungen und mutigen Männer, welche die Sache des Fortschritts verteidigen, ohne zu fürchten, dass sie sich der Feindschaft der Hofschranzen und der Aristokratie aussetzen. Herr Heine, erfüllt von sprühender Laune und Offenherzigkeit, widmete seine Feder der Verteidigung der Volksinteressen in Deutschland, ohne sich aber einem beschränkten Nationalismus zu verschreiben.““

 

Entwicklungen: Heinrich Heine und der Deutsche Bund

 

Aus „Wikipedia“: „Harry Heine besuchte zunächst ab 1803 die israelitische Privatschule von Hein Hertz Rintelsohn. Als die kurpfälzisch-bayerische Regierung, der das Herzogtum Berg und dessen Hauptstadt Düsseldorf unterstanden, 1804 auch jüdischen Kindern den Besuch christlicher Schulen erlaubte, wechselte er auf die städtische Grundschule, die heutige Max-Schule in der Citadellstraße, und 1807 in die Vorbereitungsklasse des Düsseldorfer Lyzeums, des heutigen Görres-Gymnasiums, das im Sinne der Spätaufklärung wirkte …

Infolge der Französischen Revolution fielen Heines Kindheit und Jugend in eine Zeit großer Veränderungen. 1811 erlebte der 13-Jährige den Einzug Napoleons I. in Düsseldorf. Maximilian Joseph von Bayern hatte die Souveränität über das Herzogtum Berg 1806 an den Kaiser der Franzosen abgetreten … Als Gliedstaat des Rheinbunds stand das Land unter starkem französischem Einfluss. Heine verehrte den Kaiser zeitlebens wegen der Einführung des Code civil, der 1804 in Kraft getreten war und Juden und Nicht-Juden gesetzlich gleichgestellt hatte. Nach dem Ende der Franzosenzeit erlebte Heine die politische und territoriale Neuordnung des Kontinents unter dem restaurativen Metternichschen System, das als Inbegriff von Verfolgung und Unterdrückung von Demokratie, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit galt.

In den Jahren 1815 und 1816 arbeitete Heine als Volontär zunächst bei dem Frankfurter Bankier Rindskopff. Damals lernte er in der Frankfurter Judengasse das bedrückende und ihm bis dahin fremde Ghettodasein vieler ärmerer Juden kennen. Heine und sein Vater besuchten damals auch die Frankfurter Freimaurerloge Zur aufgehenden Morgenröte. Unter den Freimaurern erfuhren sie die gesellschaftliche Anerkennung, die ihnen als Juden ansonsten oft verwehrt blieb.“ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine

 

„1820 lebten auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reichs 270.000 Juden Der einsetzende Prozess der Verbürgerlichen war mit dem Eintritt in die deutsche Kultur verbunden, doch als Heine aufwuchs, stellte es noch eine Ausnahme dar, dass Juden gesellschaftlich auf gleichem Niveau mit Nichtjuden verkehrten und aufgeklärte Bildung als anstrebenswertes Ziel erachteten.

Sie konnten damals aufwachsen wie Kinder wilder Völkerstämme, meinte Hannah Arendt einmal, ohne Kenntnis ihrer eigenen Geschichte und der der anderen. In Heines Familie war das nicht der Fall. In Frankfurt und Köln lebten die Juden im Ghetto, in Düsseldorf nicht.“

 

„Aber Frankfurt blieb für ihn dennoch eine wichtige Lebenserfahrung. Hier lernt er zum ersten Mal eine wirkliche jüdische Welt kennen. Über 10% der Frankfurter Stadtbevölkerung waren Anfang des 19. Jahrhunderts Juden. Sie lebten, bis 1796 die Franzosen kamen, seit einem Dekret von 1462 in einem Ghetto, der Frankfurter Judengasse, die am Ende wegen des großen Zuwachses auf kleiner Fläche aus allen Nähten platzte. Drückende Enge zeichnete das Quartier aus, dessen Tore abends verschlossen wurden. Es bestand, so der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe, der das Ghetto noch kannte, „kaum mehr als aus einer einzigen Straße“, die einmal „zwischen Stadtmauer und Graben mochte eingeklemmt worden sein“. Die Juden durften ihr Quartier nicht erweitern und mussten - wie Heine bemerkt - in dem Maße, wie sie sich vermehrten, ein Stockwerk über das andere bauen, mit dem Ergebnis, dass sie „sardellenartig zusammenrücken und dadurch an Leib und Seele verkrüppelten“. Die Häuser, empfindet er, sahen einen an, „als wollten sie mir „betrübsame Geschichten erzählen, Geschichten, die man wohl weiß, aber nicht wissen will“.“

 

„… Hier lernt er im September auch Gebhard Leberecht von Blücher kennen, den preußischen Kriegshelden von 1815 …

Blücher gehörte zu den Siegern der Geschichte, und Heine stand zu dieser Zeit vorübergehend ganz im Bann des patriotischen Aufbruchs von 1813. Während der Hundert Tage Napoleons im Vorjahr hatte er sich sogar freiwillig zum Kampf gegen die Franzosen gemeldet - „et ego in horum numeru“, wie er 1825 seinem Göttinger Doktorvater Gustav Hugo In einem lateinisch geschriebenen Brief mitteilt -, war aber wegen des frühzeitigen Siegs und Wellington und Blücher nicht mehr eingezogen worden. Napoleon galt nun, wie er in einem während der Befreiungskriege verfassten Gedicht schrieb, auch dem jungen Heine als „die aus fernem Frankenlande“ stammende „Hölle, schlau gewandt“, der „Hermanns Enkel“ entschlossen als „Racherichter“ entgegentraten, wobei sie „kein Blut“ scheuen wollten. Das waren ebenso drastische wie unselbständige Bilder und Klischees, die damals - nicht nur bei Theodor Körner und Ems Moritz Arndt - das Land fast inflationär überschwemmten. In Deutschlands Jugend kochten radikale Phantasien, und der junge Heine blieb von diesem Zeitgeist keineswegs ausgenommen.“

 

„Während 1817 auf der Wartburg die Burschenschaften Luther und den deutschen Nationalgedanken hochleben lassen, vertieft sich Heine etwas widerwillig, aber doch ergeben in das Geschäft eines Bankkaufmanns. Später, in seinem Börne-Buch, wird er über das Wartburgfest sagen, dass dort „jener beschränkte Teutomanismus“ herrschte, dessen Liebe „nichts anders war als Hass des Fremden, und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der In seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste als Bücher zu verbrennen“. Unter anderem wurden Saul Aschers sarkastischer Streitschrift Germanomanie und Napoleons Code Civil den Flammen übereignet. Der Juden- und Franzosenhass war - zumindest auf dem radikalen Flügel der dort versammelten Burschen – unüberhörbar, und das Paradox der deutschen Freiheitsbewegung wurde zum ersten Mal sichtbar. Eifriger als die Fürsten, wie Max Horkheimer die Ereignisse einmal sarkastisch kommentiert hat, sorgten nach dem Sturz Napoleons die nationalistischen Fortschrittsmänner dafür, dass der Rückschritt eingehalten wurde. Ob Heine in Hamburg diese die Regierungen des Deutschen Bundes aufrüttelnde Versammlung mitbekommen hat, wissen wir nicht. Es ist wahrscheinlich. Wahrscheinlich ist aber auch, dass er damals anders, „nationaler“ darüber dachte als später.“

 

„Als Mitte 1819 die von Würzburg ausgehenden europaweiten antisemitischen Hep-Hep-Unruhen Düsseldorf erreichen, ist es für die Familie nicht nur aufgrund der Entmündigungsaffäre Zeit. Die Stadt für immer zu verlassen. An den jüdischen Wohnhäusern Düsseldorfs kleben am 22. August plötzlich Plakate mit den Worten: „Schon zu lange hat die Herrschaft der Juden über den Betrieb des Handels gedauert.“ Unter Anspielung auf die blutige Pariser Bartholomäusnacht vom 23. August 1572 wird ihnen eine „Salomoni-Nacht“ angedroht, falls diesem „Handel und Moral verderbenden Volke“ nicht sofort Grenzen gesetzt würden. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte steht dabei nicht mehr der religiös motivierte christliche Antijudaismus im Vordergrund, sondern das politische Ressentiment gegen die Judenemanzipation und die damit verbundenen angeblichen materiellen Nutznießer eines Modernisierungsprozesses, welche die „altherkömmlich ehrenwerten fränkischen Gesetze“ in Frage gestellt haben und zu denen auch Salomon Heine gehört. An vielen Orten Deutschlands werden Häuser und Geschäfte angezündet, Synagogen in Brand gesetzt und Juden misshandelt. 

Sind wir im Jahr 1419 oder 1819? fragte sich der alte literarische Freigest Johann Heinrich Voß nach den Pogromen. Plötzlich schien, zeitgleich mit der romantischen Mode, das Mittelalterfieber auch die Volksseele erfasst zu haben. Atavismus, durch die Gewaltjahre der napoleonischen Kriege befördert, machte sich unter bisher eher obrigkeits- und ordnungstreuen Bevölkerungsschichten aus dem kleinen Bürgertum breit; aber das Schlimmste war die Reaktion der gebildeten Öffentlichkeit. Man kicherte und lachte, schrieb Ludwig Robert an seine Schwester Rahel Varnhagen, „das war alles, was man hörte“. In lokalen Zeitungen las man unverhohlener Drohungen; generell wurden die Ereignisse heruntergespielt. Rahel hatte diese Entwicklung vorausgesehen Die „gleißnerische Neu-Liebe zur christlichen Religion“, meinte sie, „zum Mittelalter, mit seiner Kunst, Dichtungen und Gräueln, hetzt das Volk zu dem einzigen Gräuel auf, zu dem es sich, noch an all der Erlebnisse erinnert, aufhetzen lässt! Judensturm.“ Der Judenhass, wird Heine später ähnlich auf ein Notizblatt kritzeln, entstand erst richtig mit der romantischen Freude am Mittelalter und er wurde noch gesteigert durch jene Teutomanen, die auf der Wartburg ihr Autodafé veranstalteten. Während der Unruhen hält er sich zur Vorbereitung seiner Aufnahmeprüfung für die Bonner Universität in Düsseldorf auf, und er hat den für ihn völlig unerwarteten - und in dieser Form bis dahin auch undenkbaren - Ausbruch von Judenhass dort hautnah miterlebt.

Aus früheren rheinischen Citoyens waren plötzlich Gejagte geworden.“

 

„Das Jahr 1819, in dem der 21jährige ehemalige Kaufmann Harry Heine sein Studium an der Bonner Universität aufnahm, brachte eine nachhaltige Zäsur im politischen Leben Deutschlands mit sich. Deutschland, das war seit 1815 der Deutsche Bund mit Österreich als dominierender Macht, und Bonn gehörte nun zum neuen preußischen Regierungsbezirk Köln. 1818 wurde die in den Revolutionskriegen geschlossene Bonner Universität als Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität neu gegründet. Der an der ehemaligen Bonner Alma Mater gepflegte Geist der Aufklärung passte gut in das Bildungskonzept der noch nicht zu Ende gegangenen preußischen Reformepoche. Zwei Ereignisse bewegten jedoch eine abrupte Umkehr: Die Ermordung des als russischer Spion verdächtigten Schriftstellers August von Kotzebue Am 23. März 1819 durch den Burschenschafter Karl Ludwig Sand, einen frühen nationalen Gesinnungsterroristen, und die erwähnten antisemitischen Hep-Hep-Unruhen. Letztere waren der unmittelbare Auslöser der sogenannten Karlsbader Beschlüsse vom August 1819. Durch sie sah sich der österreichische Staatskanzler Clemens von Metternich, der die Unruhen hauptsächlich als gefährliche, nach seiner Fehleinschätzung von Studenten verursachte Volkserhebungen betrachtete, unversehens in die Lage versetzt, auf Bundesebene seine restaurativen, gegen die deutsche Nationalbewegung und den politischen Konstitutionalismus gerichteten Ordnungsvorstellungen geradezu staatsstreichmäßig durchsetzen zu können. Das „System Metternich“ entstand, eine Art präventiver „Maginotlinie der Politik“ gegen alle wirklichen und eingebildeten Kräfte der Revolution, das zum ersten Mal In Europa die fatalen Potenzen einer engen Symbiose von Politik und Polizei vorexerzierte. Die Hochschulen wurden unter dauerhafte Überwachung gestellt, die Burschenschaften verboten, die von der Aufklärung wirksam bekämpfte Vorzensur wieder eingeführt und in Mainz eine zentrale staatspolizeiliche Untersuchungskommission aufgebaut. Das Blatt wendete sich, und plötzlich stand der Polizeistaat an der Wiege der Bonner Universität.“

 

„Die Zeitumstände bringen ihn bald in Verbindung mit der Studentenbewegung seiner Tage. Im November 1819 lernt er den ein Jahr jüngeren Wolfgang Menzel kennen, einen Freund des Kotzebue-Attentäters Karl Ludwig Sand. Menzel hatte als Jugendlicher an den Befragungskriegen gegen Napoleon teilgenommen und war gerade, am 7. dieses Monats, zum Vorstand der Bonner Allgemeinheit gewählt worden, die sich aus Gründen der politischen Vorsicht offiziell weder als Burschenschaft noch als Landsmannschaft bezeichnete, aber ganz die auf außeruniversitäre Wirkung gerichteten nationalen und romantisch freiheitlichen Ziele der Burschenschaften vertrat. Die Allgemeinheit wurde am 7 Juni 1820 verboten und aufgelöst. Menzel floh danach umgehend in die Schweiz. Anfang 1820 aber wird Heine noch offiziell Mitglied dieser Burschenschaft, was keine ganz harmlose Angelegenheit war. Seit Herbst 1819 wurden studentische Aktivitäten systematisch durch Spitzel überwacht … So viel stimmt aber: Heine wollte dazugehören. Er ist ein junger Studienanfänger und fühlt sich von dem „rhetorischen Talente“ der Matadore auf den Burschenschaftsversammlungen geradezu „überwunden“.

Noch ist seine Bewunderung für Männer wie Blücher nicht erloschen, noch setzt er auf jene, die nach 1813 „das Vaterland befreit“ hatten. Seine tiefe Abneigung gilt jenen, die den Geist dieser Zeit an die Metternichsche Restauration verraten haben und „die Kette schmieden, Die den deutschen Nacken biegt“ …

„Sieh nun, mein Freund, so eine Nacht durchwacht ich

Auf hohem Drachenfels, doch leider bracht ich

Den Schnupfen und den Husten mit nach Haus.“

Da sind Worte der innerlichen Distanz eines Außenseiters, der trotzdem dazu gehören wollte, eine Rolle, die er in Hamburg angenommen hatte und die ihm erhalten blieb …

Napoleon-Mythos, Blücher-Verehrung und alte jüdische Überlieferungen über Hybris und Fall von Tyrann vermischen sich in dieser Zeit bei Heine zu einem poetischen Amalgam von Freiheits- und Widerstandsbildern, das - vorbereitet durch die Hep-Hep-Unruhen von 1819 - einen ersten Bruch erfährt, als er sich im Sommersemester 1820 im Baumschuler Wäldchen bei Bonn wegen einer Beleidigung antisemitischen Charakters einem Säbelduell stellen muss. Er ist und bleibt ein Außenseiter. Trotzdem beherrscht nicht der Zweifel am Fortschritt der Vernunft seine Gedanken. In Berlin glaubt er 1822, an die Hep-Hep-Unruhen erinnert, so etwas werde in Zukunft kaum wieder vorkommen, denn die Presse sei nun eine heilsame Waffe.“

 

„Heine hatte der Ehre der Burschenschaft halber einiges riskiert, im Zweifelsfall, wenn das Duell zustande gekommen wäre, sogar das Leben. Umso mehr schmerzt es, als man ihn Ende Dezember 1820, nur kurz nach den Verhandlungen vor dem Universitätsgericht, mit Gewalt aus dem Burschenhaus hinauswirft und aus der Burschenschaft ausschließt, angeblich wegen unkeuschen Verhaltens auf der Knallhütte, einem Bordell bei Bowenden … und man hätte ihm den Verstoß gegen die Keuschheitsregeln angesichts dieses außergewöhnlichen Mutbeweises vermutlich nachgesehen, wenn da nicht andere Gründe im Hintergrund wirksam gewesen wären. Erst kurz zuvor nämlich, im Dezember 1820, hatte ein geheimer Burschentag in Dresden beschlossen, keine Juden mehr in den Reihen der deutschen Burschenschaften zu dulden. Heine zählte zu den ersten Opfern dieses Beschlusses.

Man kann die durch diese Zäsur ausgelöste Irritation kaum überschätzen. Er war ausgestoßen worden wie einst aus der Hamburger Gesellschaft und musste unvorbereitet die Erfahrung machen, als Fremder im eigenen Land behandelt zu werden. Das hat ihn tief getroffen. Er fand sich eigentlich nie als Jude, sondern als ein Deutschrt, dessen Vorfahren einmal Juden gewesen waren. Doch seine Umwelt sah das offenbar anders.“

 

„Nur die Galeerensklaven kennen sich, meinte umgekehrt Rahel mit Blick auf ihre Freundschaft zu dem jungen Heine, dessen - trotz Taufe – unumwundenes Ja zum Judentum sie, die diesem Schicksal zeit ihres Lebens zu entkommen trachtete, anfangs überrascht haben mag. „Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möchte‘ ich das jetzt missen“, sagte Rahel zu Karl August Varnhagen von Ense 1833 auf ihrem Totenbett. Diese Wandlung ihrer Einstellung zum Judentum verdankte sie im Wesentlichen Heinrich Heine.

Rahel Varnhagen hatte unter anderem die Romantiker Achim von Arnim, Clemens Brentano und ihre christlich-deutsche Tischgesellschaft für die Pogrome des Jahres 1819 verantwortlich gemacht. Sie waren es tatsächlich, durch die nach Jahren aufgeklärter Liberalität die Hetze gegen Juden auch in den besseren Kreisen wieder salonfähig wurde. Aber sie waren nicht die Einzigen. Dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte galten die Juden als ein „mächtiger, feindselig gesinnter“ Staat im Staate, und er wünschte, „ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken“. Ernst Moritz Arndt, den Heine an der Bonner Universität erlebte, wollte unter allen Umständen den germanischen Stamm von „fremdartigen Bestandteilen“ rein erhalten. In Rahel Varnhagen, die im Traumland aufgeklärter Salons aufgewachsen war, lösten solche Stimmen und vor allem die gewalttätigen Krawalle von 1819 einen regelrechten Kulturschock aus. „Grenzenlos traurig“ fühlte sie sich in jener Zeit, wie sie sich noch nie gefühlt hatte, „wegen der Juden“.“

 

„Anfang Februar 1822 wurde in Berlin eine Judenbekehrungsgesellschaft gegründet. Im März drohte zeitweilig die Ausweisung Heines wegen der Veröffentlichung seiner Briefe aus Berlin im Rheinisch-Westfälischen Anzeiger. im November des gleichen Jahres starb Hardenberg auf der Rückreise von einem Kongress im Genua. Die Zeit der preußischen Reformen, seit Gründung der Heiligen Allianz und der Beschlüsse von Karlsbad ohnehin in der Defensive, neigte sich ihrem Ende zu. Noch sprach man nicht, wie in den 1840er Jahren, vom „christlichen Staat“, doch die Missionierungstätigkeit fand die volle Unterstützung Friedrich Wilhelms III., der im Unterschied zu seinen aufgeklärten Vorgängern zunehmend davon überzeugt war, der Staat existiere zu dem Zweck, von der christlichen Religion vorgegebene Ziele zu verfolgen. Die Konversion von Juden, mit der automatisch alle staatsbürgerlichen Rechte verbunden waren, sollte erleichtert werden, was umgekehrt bedeutete, dass Juden, die sich dem Religionswechsel verweigerten, keine Staatsstellung bekleiden durften. In einer Kabinettsorder vom 4. Dezember 1822 wurde Juden - entgegen dem ausdrücklichen Wortlaut des Emanzipationsedikts von 1812 - der Zugang zu akademischen und Schulämtern ausdrücklich versperrt. Heine kam zunehmend zu Bewusstsein, dass Berlin nur ein Zwischenaufenthalt sein konnte, denn die von Anhängern der historischen Schule beherrschte juristische Fakultät der Universität lehnte deshalb die Promotion von Juden grundsätzlich ab.

Der „Schlag des aufgehobenen Edikts“ hat ihn tief getroffen …“

 

Aus „Wikipedia: „In den Jahren 1822 bis 1824 befasste sich Heine literarisch erstmals intensiv mit dem Judentum: Er war in Berlin aktives Mitglied im Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden, verkehrte u. a. mit Leopold Zunz, einem der Begründer der Wissenschaft des Judentums, und nahm 1824 die Arbeit an dem Fragment gebliebenen Roman Der Rabbi von Bacherach auf. Auf einer Reise nach Posen, die er 1822 von Berlin aus unternahm, begegnete er erstmals dem Chassidismus, der ihn zwar faszinierte, mit dem er sich jedoch nicht identifizieren konnte. Im Frühjahr 1823, zwei Jahre vor seinem Übertritt zum Christentum, schrieb er in einem Brief an seinen Freund Immanuel Wohlwill: „Auch ich habe nicht die Kraft einen Bart zu tragen, und mir Judemauschel nachrufen zu lassen, und zu fasten etc.“ Nach der Taufe rückten jüdische Themen im Werk Heines zwar in den Hintergrund. Sie beschäftigten ihn aber ein Leben lang und traten vor allem in seinem Spätwerk wieder verstärkt zutage, etwa in den Hebräischen Melodien, dem Dritten Buch des Romanzero.

Im Jahr 1824 kehrte Heine nach Göttingen zurück, wo er Mitglied des landsmannschaftlichen Corps Guestphalia wurde. Im Mai des folgenden Jahres legte er sein Examen ab und wurde im Juli 1825 zum Doktor der Rechte promoviert. Um seine Anstellungschancen als Jurist zu erhöhen, ließ Heine sich im Juni 1825, gleich nach dem bestandenen Examen, in Heiligenstadt evangelisch-lutherisch taufen und nahm die Vornamen Christian Johann Heinrich an. Von da an nannte er sich Heinrich Heine.

Zunächst versuchte er, die Konversion zum Christentum geheim zu halten: So wurde er nicht in der Kirche getauft, sondern in der Wohnung des Pfarrers mit dem Taufpaten als einzigem Zeugen. Religiös völlig indifferent, sah er in der Taufe „nichts als eine bloße Nützlichkeitstatsache“ und im Taufschein nur das „Entre Billet zur Europäischen Kultur“. Seine Pläne, sich in Hamburg als Anwalt niederzulassen, scheiterten aber noch Ende desselben Jahres. Und er musste feststellen, dass viele Träger dieser Kultur auch einen getauften Juden wie ihn nicht als ihresgleichen akzeptierten.“ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine

 

Exil in Paris

 

Aus „Wikipedia“: „Wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Ansichten zunehmend angefeindet – vor allem in Preußen – und der Zensur in Deutschland überdrüssig, übersiedelte Heine 1831 nach Paris. Von einem Exil im strengen Sinn kann zu dieser Zeit noch nicht gesprochen werden, erst die späteren Publikationsverbote 1833 und 1835 machten es dazu. In Paris begann seine zweite Lebens- und Schaffensphase. Paris habe für ihn eine „ähnlich lebensauffrischende Bedeutung“ gehabt wie „für Goethe die Flucht nach Italien“, urteilt sein Biograph Max Brod.[68] Auch Georg Lukács wertet die Übersiedlung nach der Julirevolution als eminent bedeutsam für Heines Biografie: sie machte „aus ihm einen revolutionären Publizisten von europäischem Format und europäischer Bedeutung“. Während der 25 Jahre in Paris bezog er fünfzehnmal neue Appartements, wobei Montmartre sein Lebensmittelpunkt blieb.

Im Oktober 1832 schrieb Heine in einem Brief an den Komponisten Ferdinand Hiller:[71]

„Fragt Sie jemand wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: wie ein Fisch im Wasser. Oder vielmehr, sagen Sie den Leuten; daß, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: ich befinde mich wie Heine in Paris.“

Seine erste Arbeit aus Frankreich war ein Bericht über die Gemäldeausstellung im Pariser Salon von 1831 für die deutsche Zeitschrift Morgenblatt für gebildete Stände. Darin besprach er u. a. das im Jahr zuvor entstandene Gemälde Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix.

Die französische Hauptstadt inspirierte Heine zu einer wahren Flut von Essays, politischen Artikeln, Polemiken, Denkschriften, Gedichten und Prosawerken …

Während er das französische Publikum mit der deutschen Romantik und der deutschen Philosophie vertraut machte, versuchte Heine, seinen deutschen Lesern die französische Kultur näherzubringen und dem in Deutschland verbreiteten Franzosenhass entgegenzuwirken. Er nahm zunehmend die Rolle eines geistigen Vermittlers zwischen beiden Ländern ein. Obwohl er sich dabei mitunter nationaler Stereotypen bediente, trug er durchaus zu einem differenzierten Bild des jeweils anderen Landes bei. Er schrieb für die beiden wichtigsten publizistischen Organe beider Länder: die Augsburger Allgemeine Zeitung und die (noch heute verlegte) Revue des Deux Mondes. Seit 1832 war er als Pariser Korrespondent der Allgemeinen Zeitung tätig. Gegründet von Johann Friedrich Cotta, dem bedeutendsten Verleger der Weimarer Klassik, war sie zu dieser Zeit die meistgelesene deutschsprachige Tageszeitung. In ihr stellte Heine seine Position erstmals auch in einem gesamteuropäischen Rahmen dar.

So verfasste er für die Allgemeine Zeitung eine Artikelserie, die sein Hamburger Verleger Julius Campe im Dezember 1832 unter dem Titel Französische Zustände in Buchform herausgab. Sie gilt als Meilenstein der deutschen Literatur- und Pressegeschichte, da Heine mit ihr formal und inhaltlich den modernen, politischen Journalismus begründete, eine Geschichtsschreibung der Gegenwart, deren Stil das deutsche Feuilleton bis heute prägt …

Heine genoss das Leben in der französischen Hauptstadt und trat mit den dort lebenden Größen des europäischen Kulturlebens in Kontakt, unter anderen mit Hector Berlioz, Ludwig Börne, Frédéric Chopin, George Sand, Alexandre Dumas und Alexander von Humboldt. Mit der Zeit wurde es selbstverständlich, dass deutsche Künstler von Rang, die sich in Paris aufhielten, Heine besuchten. Zu ihnen gehörten Schriftsteller wie Franz Grillparzer, Friedrich Hebbel und Georg Herwegh, auch Komponisten wie Richard Wagner, der während seines zweijährigen Paris-Aufenthalts Umgang mit Heine pflegte. Unter den Landsleuten, die seine Bekanntschaft suchten, befanden sich auch etliche Spione Metternichs, deren Geheimberichte 1912 publik gemacht wurden.“ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine

 

Heine und der Sozialismus

 

Aus „Wikipedia“: „Gleichwohl legte er wenig später mit „Deutschland. Ein Wintermärchen“ eine unverhohlen engagierte Dichtung vor, in der er äußerst bissig die staatlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland kritisierte …

In diesen Versen klingen Ideen von Karl Marx an, den er in jenen Jahren kennengelernt hatte und mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Marx übernahm von ihm die Metapher für die Religion als geistiges Opium aus der Börne-Denkschrift und spickte seine Beiträge für die Neue Rheinische Zeitung in den Revolutionsjahren 1848/49 häufig mit Heine-Zitaten. In seinem Hauptwerk Das Kapital hob Marx die „Courage meines Freundes H. Heine“ hervor. Georg Lukács zufolge ist Heine zu der Zeit „dem revolutionären Standpunkt von Marx und Engels näher als sonst irgendein Zeitgenosse“. Schon seit Beginn der 1840er Jahre hatte sich Heines Ton zusehends radikalisiert. Er gehörte zu den ersten deutschen Dichtern, die die Folgen der einsetzenden Industriellen Revolution zur Kenntnis nahmen und das Elend der neu entstandenen Arbeiterklasse in ihren Werken aufgriffen. Beispielhaft dafür ist sein Gedicht Die schlesischen Weber, das auch als Weberlied bekannt wurde, vom Juni 1844. Es war von dem Weberaufstand inspiriert, der im selben Monat in den schlesischen Ortschaften Peterswaldau und Langenbielau begann …

Vermittelt von Karl Marx, erschien das Gedicht am 10. Juli 1844 unter dem Titel Die armen Weber in der Wochenzeitung Vorwärts!. Es wurde in einer Auflage von 50.000 Stück als Flugblatt in den Aufstandsgebieten verteilt. Der preußische Innenminister Adolf Heinrich von Arnim-Boitzenburg bezeichnete das Werk in einem Bericht an König Friedrich Wilhelm IV. als „eine in aufrührerischem Ton gehaltene und mit verbrecherischen Äußerungen angefüllte Ansprache an die Armen im Volke“. Das Königlich Preußische Kammergericht ordnete ein Verbot des Gedichts an. Ein Rezitator, der es dennoch gewagt hatte, es öffentlich vorzutragen, wurde 1846 in Preußen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Friedrich Engels, der Heine im August 1844 in Paris kennengelernt hatte und ihn als den „hervorragendsten unter allen lebenden deutschen Dichtern“ bezeichnete, übersetzte das Weberlied ins Englische und publizierte es im Dezember desselben Jahres in der Zeitung „The New Moral World“. Neben Heines Mitarbeit am Vorwärts!, der eine Reihe von Heines Zeitgedichten veröffentlichte, schrieb Heine auch für die von Marx und Arnold Ruge herausgegebenen Deutsch-Französischen Jahrbücher, von denen allerdings nur ein Doppelheft erschien. Beide Publikationen wurden vom preußischen Innenministerium verboten und die Inhaftierung ihrer Mitarbeiter beim Überschreiten der Grenze angeordnet.

Im Dezember 1844 besuchte ein junger Student Heine in Paris: Ferdinand Lassalle, der spätere Begründer der deutschen Sozialdemokratie. Der energiegeladene Linkshegelianer imponierte dem Dichter ungemein wegen seiner Kampfansage an den Kapitalismus als „organisierten Räuberzustand“. Enthusiastisch schrieb Heine an Lassalles Vater: „In diesem neunzehnjährigen Jüngling sehe ich den Messias unseres Jahrhunderts.“

Darüber hinaus pflegte Heine seit Beginn seiner Pariser Zeit Kontakte zu Vertretern des Saint-Simonismus, einer frühen sozialistischen Strömung. Besonders mit Pierre Leroux, der zum gemeinsamen engeren Bekanntenkreis George Sands gehörte, kam es zum intellektuellen Austausch über dessen Sozialphilosophie und die revolutionäre Rolle der deutschen Philosophie, namentlich der Hegelschen. In einem Porträt für eine deutsche Zeitung bezeichnete er ihn als „den ersten Kirchenvater des Communismus“. Als eine führende Persönlichkeit des Sozialismus und möglichen Wegbereiter der künftigen Revolution würdigte Heine Louis Blanc,] an dessen Schrift L’organisation du Travail er die „glühende Phantasie für die Leiden des Volkes“ und zugleich die „Vorliebe für Ordnung[,] jene gründliche Abneigung gegen Anarchie“ hervorhob. Trotz seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Marx und Engels hatte er ein ambivalentes Verhältnis zur marxistischen Philosophie. Heine erkannte die Not der entstehenden Arbeiterklasse und unterstützte ihre Anliegen. Zugleich fürchtete er, dass der Materialismus und die Radikalität der kommunistischen Idee vieles von dem vernichten würden, was er an der europäischen Kultur liebte und bewunderte.“ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine

 

Heine und die Romantik

 

Es ist auch heute noch ein Genuss, die Werke von Heinrich Heine zu lesen, ob es sich um Essays, Reiseberichte oder Gedichte handelt. Häufig sind sie mit seiner Ironie versetzt, die ihresgleichen sucht. Im letzten Beitrag hatte der Wurm viele solcher Gedichte zitiert:

https://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/1463-heine-subversiv

https://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/1464-heine-subversiv-teil-2

 

Am bekanntesten dürfte Heinrich Heine für seine romantischen Gedichte sein. Der Wurm kommt nicht umhin, sein bedeutendstes romantisches Gedicht zu zitieren.

 

Lorelei - Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

Daß ich so traurig bin;

Ein Märchen aus alten Zeiten

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

 

Die Luft ist kühl und es dunkelt,

Und ruhig fließt der Rhein;

Der Gipfel des Berges funkelt

Im Abendsonnenschein.

 

Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar,

Ihr goldnes Geschmeide blitzet

Sie kämmt ihr goldenes Haar.

 

Sie kämmt es mit goldenem Kamme

Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame

Gewaltige Melodei.

 

Den Schiffer im kleinen Schiffe

ergreift es mit wildem Weh,

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh.

 

Ich glaube, die Wellen verschlingen

Am Ende Schiffer und Kahn;

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lorelei getan.

 

Über Deutschland

 

Sehr viel scheint sich in den letzten 200 Jahren nicht geändert zu haben.

 

Zur Beruhigung

 

Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief -

Doch jener erwachte und bohrte tief

In Cäsars Brust das kalte Messer!

Die Römer waren Tyrannenfresser.

 

Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak.

Ein jedes Volk hat seinen Geschmack,

Ein jedes Volk hat seine Größe;

In Schwaben kocht man die besten Klöße.

 

Wir sind Germanen, gemütlich und brav,

Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf,

Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten,

Doch nicht nach dem Blute unserer Fürsten.

 

Wir sind so treu wie Eichenholz,

Auch Lindenholz, drauf sind wir stolz;

Im Land der Eichen und der Linden

Wird niemals sich ein Brutus finden.

 

Und wenn auch ein Brutus unter uns wär,

Den Cäsar fänd er nimmermehr,

Vergeblich würd er den Cäsar suchen;

Wir haben gute Pfefferkuchen.

 

Wir haben sechsunddreißig Herrn

(Ist nicht zuviel!), und einen Stern

Trägt jeder schützend auf seinem Herzen,

Und er braucht nicht zu fürchten die Iden des Märzen.

 

Wir nennen sie Väter, und Vaterland

Benennen wir dasjenige Land,

Das erbeigentümlich gehört den Fürsten;

Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.

 

Wenn unser Vater spazierengeht,

Ziehn wir den Hut mit Pietät;

Deutschland, die fromme Kinderstube,

Ist keine römische Mördergrube.

 

Verheißung

 

Nicht mehr barfuß sollst du traben,

Deutsche Freiheit, durch die Sümpfe,

Endlich kommst du auf die Strümpfe,

Und auch Stiefeln sollst du haben!

 

Auf dem Haupte sollst du tragen

Eine warme Pudelmütze,

Daß sie dir die Ohren schütze

In den kalten Wintertagen.

 

Du bekommst sogar zu essen -

Eine große Zukunft naht dir! -

Laß dich nur vom welschen Satyr

Nicht verlocken zu Exzessen!

 

Werde nur nicht dreist und dreister!

Setz nicht den Respekt beiseiten

Vor den hohen Obrigkeiten

Und dem Herren Bürgermeister!

 

Anno 1839

 

Oh, Deutschland, meine ferne Liebe,

Gedenk ich deiner, wein ich fast!

Das muntre Frankreich scheint mir trabe,

Das leichte Volk wird mir zur Last.

 

Nur der Verstand, so kalt und trocken,

Herrscht in dem witzigen Paris -

Oh, Narrheitsglöcklein, Glaubensglocken,

Wie klingelt ihr daheim so süß!

 

Höfliche Männer! Doch verdrossen

Geb ich den art'gen Gruß zurück. -

Die Grobheit, die ich einst genossen

Im Vaterland, das war mein Glück!

 

Lächelnde Weiber! Plappern immer,

Wie Mühlenräder stets bewegt!

Da lob ich Deuschlands Frauenzimmer,

Das schweigend sich zu Bette legt.

 

Und alles dreht sich hier im Kreise,

Mit Ungestüm, wie 'n toller Traum!

Bei uns bleibt alles hübsch im Gleise,

Wie angenagelt, rührt sich kaum.

 

Mir ist, als hört' ich fern erklingen

Nachtwächterhörner, sanft und traut;

Nachtwächterlieder hör ich singen,

Dazwischen Nachtigallenlaut.

 

Dem Dichter war so wohl daheime,

In Schildas teurem Eichenhain!

Dort wob ich meine zarten Reime

Aus Veilchenduft und Mondenschein.

 

Bei des Nachtwächters Ankunft zu Paris

 

»Nachtwächter mit langen Fortschrittsbeinen,

Du kommst so verstört einhergerannt!

Wie geht es daheim den lieben Meinen,

Ist schon befreit das Vaterland?«

 

»Vortrefflich geht es, der stille Segen,

Er wuchert im sittlich gehüteten Haus,

Und ruhig und sicher, auf friedlichen Wegen,

Entwickelt sich Deutschland von innen heraus.

 

Nicht oberflächlich wie Frankreich blüht es,

Wo Freiheit das äußere Leben bewegt;

Nur in der Tiefe des Gemütes

Ein deutscher Mann die Freiheit trägt.

 

Der Dom zu Köllen wird vollendet,

Den Hohenzollern verdanken wir das;

Habsburg hat auch dazu gespendet,

Ein Wittelsbach schickt Fensterglas.

 

Die Konstitution, die Freiheitsgesetze,

Sie sind uns versprochen, wir haben das Wort,

Und Königsworte, das sind Schätze,

Wie tief im Rhein der Niblungshort.

 

Der freie Rhein, der Brutus der Flüsse,

Er wird uns nimmermehr geraubt!

Die Holländer binden ihm die Füße,

Die Schwyzer halten fest sein Haupt.

 

Auch eine Flotte will Gott uns bescheren,

Die patriotische Überkraft

Wird lustig rudern auf deutschen Galeeren;

Die Festungsstrafe wird abgeschafft.

 

Es blüht der Lenz, es platzen die Schoten,

Wir atmen frei in der freien Natur!

Und wird uns der ganze Verlag verboten,

So schwindet am Ende von selbst die Zensur.«

 

Erleuchtung

 

Michel! fallen dir die Schuppen

Von den Augen? Merkst du itzt,

Daß man dir die besten Suppen

Vor dem Maule wegstibitzt?

 

Als Ersatz ward dir versprochen

Reinverklärte Himmelsfreud'

Droben, wo die Engel kochen

Ohne Fleisch die Seligkeit!

 

Michel! wird dein Glaube schwächer

Oder stärker dein App'tit?

Du ergreifst den Lebensbecher,

Und du singst ein Heidenlied!

 

Michel! fürchte nichts und labe

Schon hienieden deinen Wanst,

Später liegen wir im Grabe,

Wo du still verdauen kannst.

 

Im lieben Deutschland

 

Im lieben Deutschland daheime,

da wachsen viele Lebensbäume;

doch lockt die Kirsche noch so sehr,

die Vogelscheuche schreckt noch mehr.

 

Wir lassen uns wie Spatzen

einschüchtern von Teufelsfratzen;

wie auch die Kirsche lacht und blüht,

wir singen ein Entsagungslied:

 

Die Kirschen sind von außen rot,

doch drinnen steck als Kern der Tod;

nur droben, wo die Sterne,

gibt′s Kirschen ohne Kerne.

 

Gott Vater, Gott Sohn, Gott heiliger Geist,

die unsere Seele lobt und preist -

nach diesen sehnet ewiglich

die arme deutsche Seele sich.

 

Nur wo die Engel fliegen,

da wächst das ewige Vergnügen;

hier unten ist alles Sünd und Leid

und saure Kirschen und Bitterkeit.

 

An den Nachtwächter

 

Bei späterer Gelegenheit

 

Verschlechtert sich nicht dein Herz und dein Stil,

So magst du treiben jedwedes Spiel;

Mein Freund, ich werde dich nie verkennen,

Und sollt ich dich auch Herr Hofrat nennen.

 

Sie machen jetzt ein großes Geschrei,

Von wegen deiner Verhofräterei,

Vom Seinestrand bis an der Elbe

Hört ich seit Monden immer dasselbe:

 

Die Fortschrittsbeine hätten sich

In Rückschrittsbeine verwandelt - Oh, sprich,

Reitest du wirklich auf schwäbischen Krebsen?

Äugelst du wirklich mit fürstlichen Kebsen?

 

Vielleicht bist du müde und sehnst dich nach Schlaf.

Du hast die Nacht hindurch so brav

Geblasen, jetzt hängst du das Horn an den Nagel,

Mag tuten, wer will, für den deutschen Janhagel!

 

Du legst dich zu Bette und schließest zu

Die Augen, doch läßt man dich nicht in Ruh'.

Vor deinem Fenster spotten die Schreier:

»Brutus, du schläfst? Wach auf, Befreier!«

 

Ach! so ein Schreier weiß nicht, warum

Der beste Nachtwächter wird endlich stumm,

Es ahndet nicht so ein junger Maulheld,

Warum der Mensch am End' das Maul hält.

 

Du fragst mich, wie es uns hier ergeht?

Hier ist es still, kein Windchen weht,

Die Wetterfahnen sind sehr verlegen,

Sie wissen nicht, wohin sich bewegen...

 

Das Kind

 

Den Frommen schenkt's der Herr im Traum,

Weißt nicht, wie dir geschah!

Du kriegst ein Kind und merkst es kaum,

Jungfrau Germania.

 

Es windet sich ein Bübelein

Von deiner Nabelschnur,

Es wird ein hübscher Schütze sein,

Als wie der Gott Amour.

 

Trifft einst in höchster Luft den Aar,

Und flög er noch so stolz,

Den doppelköpfigen sogar

Erreicht sein guter Bolz.

 

Doch nicht wie jener blinde Heid',

Nicht wie der Liebesgott,

Soll er sich ohne Hos' und Kleid

Zeigen als Sansculott'.

 

Bei uns zu Land die Witterung,

Moral und Polizei

Gebieten streng, daß alt und jung

Leiblich bekleidet sei.

 

Michel nach dem März

 

Solang ich den deutschen Michel gekannt,

War er ein Bärenhäuter;

Ich dachte im März, er hat sich ermannt

Und handelt fürder gescheuter.

 

Wie stolz erhob er das blonde Haupt

Vor seinen Landesvätern!

Wie sprach er - was doch unerlaubt -

Von hohen Landesverrätern.

 

Das klang so süß zu meinem Ohr

Wie märchenhafte Sagen,

Ich fühlte, wie ein junger Tor,

Das Herz mir wieder schlagen.

 

Doch als die schwarzrotgoldne Fahn',

Der altgermanische Plunder,

Aufs neu' erschien, da schwand mein Wahn

Und die süßen Märchenwunder.

 

Ich kannte die Farben in diesem Panier

Und ihre Vorbedeutung:

Von deutscher Freiheit brachten sie mir

Die schlimmste Hiobszeitung.

 

Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn -

Die Helden aus andern Zeiten

Aus ihren Gräbern wieder nahn

Und für den Kaiser streiten.

 

Die Burschenschaftler allesamt

Aus meinen Jünglingsjahren,

Die für den Kaiser sich entflammt,

Wenn sie betrunken waren.

 

Ich sah das sündenergraute Geschlecht

Der Diplomaten und Pfaffen,

Die alten Knappen vom römischen Recht,

Am Einheitstempel schaffen -

 

Derweil der Michel geduldig und gut

Begann zu schlafen und schnarchen,

Und wieder erwachte unter der Hut

Von vierunddreißig Monarchen.

 

Deutschland. Ein Traum

 

Sohn der Torheit! träume immer,

Wenn dir 's Herz im Busen schwillt;

Doch im Leben suche nimmer

Deines Traumes Ebenbild!

 

Einst stand ich in schönern Tagen

Auf dem höchsten Berg am Rhein;

Deutschlands Gauen vor mir lagen,

Blühend hell im Sonnenschein.

 

Unten murmelten die Wogen

Wilde Zaubermelodei'n;

Süße Ahndungschauer zogen

Schmeichelnd in mein Herz hinein.

 

Lausch ich jetzt im Sang der Wogen,

Klingt viel andre Melodei:

Schöner Traum ist längst verflogen,

Schöner Wahn brach längst entzwei.

 

Schau ich jetzt von meinem Berge

In das deutsche Land hinab:

Seh ich nur ein Völklein Zwerge,

Kriechend auf der Riesen Grab.

 

Such ich jetzt den goldnen Frieden,

Den das deutsche Blut ersiegt,

Seh ich nur die Kette schmieden,

Die den deutschen Nacken biegt.

 

Narren hör ich jene schelten,

Die dem Feind in wilder Schlacht

Kühn die Brust entgegenstellten,

Opfernd selbst sich dargebracht.

 

O der Schande! jene darben,

Die das Vaterland befreit;

Ihrer Wunden heil'ge Narben

Deckt ein grobes Bettlerkleid!

 

Muttersöhnchen gehn in Seide,

Nennen sich des Volkes Kern,

Schurken tragen Ehrgeschmeide,

Söldner brüsten sich als Herrn.

 

Nur ein Spottbild auf die Ahnen

Ist das Volk im deutschen Kleid;

Und die alten Röcke mahnen

Schmerzlich an die alte Zeit:

 

Wo die Sitte und die Tugend

Prunklos gingen Hand in Hand;

Wo mit Ehrfurchtscheu die Jugend

Vor dem Greisenalter stand;

 

Wo kein Jüngling seinem Mädchen

Modeseufzer vorgelügt;

Wo kein witziges Despötchen

Meineid in System gefügt;

 

Wo ein Handschlag mehr als Eide

Und Notarienakte war;

Wo ein Mann im Eisenkleide,

Und ein Herz im Manne war. -

 

Unsre Gartenbeete hegen

Tausend Blumen wunderfein,

Schwelgend in des Bodens Segen,

Lind umspielt von Sonnenschein.

 

Doch die allerschönste Blume

Blüht in unsern Gärten nie,

Sie, die einst im Altertume

Selbst auf fels'ger Höh' gedieh;

 

Die auf kalter Bergesfeste

Männer mit der Eisenhand

Pflegten als der Blumen beste -

Gastlichkeit wird sie genannt.

 

Müder Wandrer, steige nimmer

Nach der hohen Burg hinan:

Statt der gastlich warmen Zimmer

Kalte Wände dich empfahn.

 

Von dem Wartturm bläst kein Wächter,

Keine Fallbrück' rollt herab;

Denn der Burgherr und der Wächter

Schlummern längst im kühlen Grab.

 

In den dunkeln Särgen ruhen

Auch die Frauen minnehold;

Wahrlich hegen solche Truhen

Reichern Schatz denn Perl' und Gold.

 

Heimlich schauern da die Lüfte

Wie von Minnesängerhauch;

Denn in diese heil'gen Grüfte

Stieg die fromme Minne auch.

 

Zwar auch unsre Damen preis ich,

Denn sie blühen wie der Mai;

Lieben auch und üben fleißig

Tanzen, Sticken, Malerei;

 

Singen auch in süßen Reimen

Von der alten Lieb' und Treu';

Freilich zweiflend im geheimen:

Ob das Märchen möglich sei?

 

Unsre Mütter einst erkannten,

Sinnig, wie die Einfalt pflegt,

Daß den schönsten der Demanten

Nur der Mensch im Busen trägt.

 

Ganz nicht aus der Art geschlagen

Sind die klugen Töchterlein,

Denn die Fraun in unsern Tagen

Lieben auch die Edelstein'.

 

Traum der Freundschaft - - - -

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Mocht auch Aberglauben herrschen

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Denn die schöne Jordansperle

Hat des Römers Geiz verfälscht,

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Fort, ihr Bilder schönrer Tage!

Weicht zurück in eure Nacht!

Weckt nicht mehr die eitle Klage

Um die Zeit, die uns versagt!

 

Kobes I.

 

Im Jahre achtundvierzig hielt,

Zur Zeit der großen Erhitzung,

Das Parlament des deutschen Volks

Zu Frankfurt seine Sitzung.

Damals ließ auch auf dem Römer dort

Sich sehen die weiße Dame,

Das unheilkündende Gespenst;

Die Schaffnerin ist sein Name.

 

Man sagt, sie lasse sich jedesmal

Des Nachts auf dem Römer sehen,

Sooft einen großen Narrenstreich

Die lieben Deutschen begehen.

 

Dort sah ich sie selbst um jene Zeit

Durchwandeln die nächtliche Stille

Der öden Gemächer, wo aufgehäuft

Des Mittelalters Gerülle.

 

Die Lampe und ein Schlüsselbund

Hielt sie in den bleichen Händen;

Sie schloß die großen Truhen auf

Und die Schränke an den Wänden.

 

Da liegen die Kaiserinsignia,

Da liegt die Goldne Bulle,

Der Zepter, die Krone, der Apfel des Reichs

Und manche ähnliche Schrulle.

 

Da liegt das alte Kaiserornat,

Verblichen purpurner Plunder,

Die Garderobe des deutschen Reichs,

Verrostet, vermodert jetzunder.

 

Die Schaffnerin schüttelt wehmütig das Haupt

Bei diesem Anblick, doch plötzlich

Mit Widerwillen ruft sie aus:

»Das alles stinkt entsetzlich!

 

Das alles stinkt nach Mäusedreck,

Das ist verfault und verschimmelt,

Und in dem stolzen Lumpenkram

Das Ungeziefer wimmelt.

 

Wahrhaftig, auf diesem Hermelin,

Dem Krönungsmantel, dem alten,

Haben die Katzen des Römerquartiers

Ihr Wochenbett gehalten.

 

Da hilft kein Ausklopfen! Daß Gott sich erbarm'

Des künftigen Kaisers! Mit Flöhen

Wird ihn der Krönungsmantel gewiß

Auf Lebenszeit versehen.

 

Und wisset, wenn es den Kaiser juckt,

So müssen die Völker sich kratzen -

O Deutsche! Ich fürchte, die fürstlichen Flöh',

Die kosten euch manchen Batzen.

 

Jedoch wozu noch Kaiser und Flöh'?

Verrostet ist und vermodert

Das alte Kostüm - Die neue Zeit

Auch neue Röcke fodert.

 

Mit Recht sprach auch der deutsche Poet

Zum Rotbart im Kyffhäuser:

›Betracht ich die Sache ganz genau,

So brauchen wir gar keinen Kaiser!‹

 

Doch wollt ihr durchaus ein Kaisertum,

Wollt ihr einen Kaiser küren,

Ihr lieben Deutschen! laßt euch nicht

Von Geist und Ruhm verführen.

 

Erwählet kein Patrizierkind,

Erwählet einen vom Plebse,

Erwählt nicht den Fuchs und nicht den Leu,

Erwählt den dümmsten der Schöpse.

 

Erwählt den Sohn Colonias,

Den dummen Kobes von Köllen;

Der ist in der Dummheit fast ein Genie,

Er wird sein Volk nicht prellen.

 

Ein Klotz ist immer der beste Monarch,

Das zeigt Äsop in der Fabel;

Er frißt uns armen Frösche nicht,

Wie der Storch mit dem langen Schnabel.

 

Seid sicher, der Kobes wird kein Tyrann,

Kein Nero, kein Holofernes;

Er hat kein grausam antikes Herz,

Er hat ein weiches, modernes.

 

Der Krämerstolz verschmähte dies Herz,

Doch an die Brust des Heloten

Der Werkstatt warf der Gekränkte sich

Und ward die Blume der Knoten.

 

Die Brüder der Handwerksburschenschaft

Erwählten zum Sprecher den Kobes;

Er teilte mit ihnen ihr letztes Stück Brot,

Sie waren voll seines Lobes.

 

Sie rühmten, daß er nie studiert

Auf Universitäten

Und Bücher schrieb aus sich selbst heraus,

Ganz ohne Fakultäten.

 

Ja, seine ganze Ignoranz

Hat er sich selbst erworben;

Nicht fremde Bildung und Wissenschaft

Hat je sein Gemüt verdorben.

 

Gleichfalls sein Geist, sein Denken blieb

Ganz frei vom Einfluß abstrakter

Philosophie - Er blieb Er selbst!

Der Kobes ist ein Charakter.

 

In seinem schönen, Auge glänzt

Die Träne, die stereotype;

Und eine dicke Dummheit liegt

Beständig auf seiner Lippe.

 

Er schwätzt und flennt und flennt und schwätzt,

Worte mit langen Ohren!

Eine schwangere Frau, die ihn reden gehört,

Hat einen Esel geboren.

 

Mit Bücherschreiben und Stricken vertreibt

Er seine müßigen Stunden;

Es haben die Strümpfe, die er gestrickt,

Sehr großen Beifall gefunden.

 

Apoll und die Musen muntern ihn auf,

Sich ganz zu widmen dem Stricken -

Sie erschrecken, sooft sie in seiner Hand

Einen Gänsekiel erblicken.

 

Das Stricken mahnt an die alte Zeit

Der Funken. Auf ihren Wachtposten

Standen sie strickend - die Helden von Köln,

Sie ließen die Eisen nicht rosten.

 

Wird Kobes Kaiser, so ruft er gewiß

Die Funken wieder ins Leben.

Die tapfere Schar wird seinen Thron

Als Kaisergarde umgeben.

 

Wohl möcht ihn gelüsten, an ihrer Spitz'

In Frankreich einzudringen,

Elsaß, Burgund und Lothringerland

An Deutschland zurückzubringen.

 

Doch fürchtet nichts, er bleibt zu Haus;

Hier fesselt ihn friedliche Sendung,

Die Ausführung einer hohen Idee,

Des Kölner Doms Vollendung.

 

Ist aber der Dom zu Ende gebaut,

Dann wird sich der Kobes erbosen

Und mit dem Schwerte in der Hand

Zur Rechenschaft ziehn die Franzosen.

 

Er nimmt ihnen Elsaß und Lothringen ab,

Das sie dem Reiche entwendet,

Er zieht auch siegreich nach Burgund -

Sobald der Dom vollendet.

 

Ihr Deutsche! bleibt ihr bei eurem Sinn,

Wollt ihr durchaus einen Kaiser,

So sei es ein Karnevalskaiser von Köln,

Und Kobes der Erste heißt er!

 

Die Gecken des Kölner Faschingvereins,

Mit klingelnden Schellenkappen,

Die sollen seine Minister sein;

Er trage den Strickstrumpf im Wappen.

 

Der Drickes sei Kanzler, und nenne sich

Graf Drickes von Drickeshausen;

Die Staatsmätresse Marizzebill,

Die soll den Kaiser lausen.

 

In seiner guten, heil'gen Stadt Köln

Wird Kobes residieren -

Und hören die Kölner die frohe Mär,

Sie werden illuminieren.

 

Die Glocken, die eisernen Hunde der Luft,

Erheben ein Freudengebelle,

Und die Heil'gen Drei Kön'ge aus Morgenland

Erwachen in ihrer Kapelle.

 

Sie treten hervor mit dem Klappergebein,

Sie tänzeln vor Wonne und springen.

Halleluja und Kyrie

Eleison hör ich sie singen.« --

 

So sprach das weiße Nachtgespenst,

Und lachte aus voller Kehle;

Das Echo scholl so schauerlich

Durch alle die hallenden Säle.

 

König Langohr I.

 

Bei der Königswahl, wie sich versteht,

Hatten die Esel die Majorität,

Und es wurde ein Esel zum König gewählt.

Doch hört, was jetzt die Chronik erzählt:

Der gekrönte Esel bildete sich

Jetzt ein, daß er einem Löwen glich;

Er hing sich um eine Löwenhaut,

Und brüllte wie ein Löwe so laut.

Er pflegte Umgang nur mit Rossen -

Das hat die alten Esel verdrossen.

Bulldoggen und Wölfe waren sein Heer,

Drob murrten die Esel noch viel mehr.

Doch als er den Ochsen zum Kanzler erhoben,

Vor Wut die Esel rasten und schnoben.

Sie drohten sogar mit Revolution!

Der König erfuhr es, und stülpte die Kron'

Sich schnell aufs Haupt und wickelte schnell

Sich in sein mutiges Löwenfell.

Dann ließ er vor seines Thrones Stufen

Die malkontenten Esel rufen,

Und hat die folgende Rede gehalten:

 

»Hochmögende Esel, ihr jungen und alten!

Ihr glaubt, daß ich ein Esel sei

Wie ihr, ihr irrt euch, ich bin ein Leu;

Das sagt mir jeder an meinem Hofe,

Von der Edeldame bis zur Zofe.

Mein Hofpoet hat ein Gedicht

Auf mich gemacht, worin er spricht:

›Wie angeboren dem Kamele

Der Buckel ist, ist deiner Seele

Die Großmut des Löwen angeboren -

Es hat dein Herz keine langen Ohren!‹

 

So singt er in seiner schönsten Strophe,

Die jeder bewundert an meinem Hofe.

Hier bin ich geliebt; die stolzesten Pfauen

Wetteifern, mein königlich Haupt zu krauen.

Die Künste beschütz ich; man muß gestehn,

Ich bin zugleich August und Mäzen.

Ich habe ein schönes Hoftheater;

Die Heldenrollen spielt mein Kater.

Die Mimin Mimi, die holde Puppe,

Und zwanzig Möpse bilden die Truppe.

Ich hab eine Malerakademie

Gestiftet für Affen von Genie.

Als ihren Direktor hab ich in petto,

Den Raffael des Hamburger Getto,

Lehmann vom Dreckwall, zu engagieren;

Er soll mich auch selber porträtieren.

Ich hab eine Oper, ich hab ein Ballett,

Wo halb entkleidet und ganz kokett

Gar allerliebste Vögel singen

Und höchst talentvolle Flöhe springen.

Kapellenmeister ist Meyer-Bär,

Der musikalische Millionär;

Jetzt schreibt der große Bären-Meyer

Ein Festspiel zu meiner Vermählungsfeier.

Ich selber übe die Tonkunst ein wenig,

Wie Friedrich der Große, der Preußenkönig.

Er blies die Flöte, ich schlage die Laute,

Und manches schöne Auge schaute

Sehnsüchtig mich an, wenn ich mit Gefühl

Geklimpert auf meinem Saitenspiel.

Mit Freude wird einst die Königin

Entdecken, wie musikalisch ich bin!

Sie selbst ist eine vollkommene Stute

Von hoher Geburt, vom reinsten Blute.

Sie ist eine nahe Anverwandte

Von Don Quixotes Rosinante;

Ihr Stammbaum bezeugt, daß sie nicht minder

Verwandt mit dem Bayard der Haimonskinder;

Sie zählt auch unter ihren Ahnen

Gar manchen Hengst, der unter den Fahnen

Gottfrieds von Bouillon gewiehert hat,

Als dieser erobert die Heilige Stadt.

Vor allem aber durch ihre Schöne Glänzt sie!

Wenn sie schüttelt die Mähne,

Und wenn sie schnaubt mit den rosigen Nüstern,

Jauchzt auf mein Herz, entzückt und lüstern -

Sie ist die Blume und Krone der Mähren

Und wird mir einen Kronerben bescheren.

Ihr seht, verknüpft mit dieser Verbindung

Ist meiner Dynastie Begründung.

Mein Name wird nicht untergehn,

Wird ewig in Klios Annalen bestehn.

Die hohe Göttin wird von mir sagen,

Daß ich ein Löwenherz getragen

In meiner Brust, daß ich weise und klug

Regiert und auch die Laute schlug.«

 

Hier rülpste der König, doch unterbrach er

Nicht lange die Rede, und weiter sprach er:

 

»Hochmögende Esel, ihr jungen und alten!

Ich werd euch meine Gunst erhalten,

Solang ihr derselben würdig seid.

Zahlt eure Steuern zur rechten Zeit

Und wandelt stets der Tugend Bahn,

Wie weiland eure Väter getan,

Die alten Esel! Sie trugen zur Mühle

Geduldig die Säcke; denn ihre Gefühle,

Sie wurzelten tief in der Religion.

Sie wußten nichts von Revolution -

Kein Murren entschlüpfte der dicken Lippe,

Und an der Gewohnheit frommen Krippe

Fraßen sie friedlich ihr tägliches Heu!

Die alte Zeit, sie ist vorbei.

Ihr neueren Esel seid Esel geblieben,

Doch ohne Bescheidenheit zu üben.

Ihr wedelt kümmerlich mit dem Schwanz,

Doch drunter lauert die Arroganz.

Ob eurer albernen Miene hält

Für ehrliche Esel euch die Welt;

Ihr seid unehrlich und boshaft dabei,

Trotz eurer demütigen Eselei.

Steckt man euch Pfeffer in den Steiß,

Sogleich erhebt ihr des Eselgeschreis

Entsetzliche Laute! Ihr möchtet zerfleischen

Die ganze Welt, und könnt nur kreischen.

Unsinniger Jähzorn, der alles vergißt!

Ohnmächtige Wut, die lächerlich ist!

Eu'r dummes Gebreie, es offenbart,

Wie viele Tücken jeder Art,

Wie ganz gemeine Schlechtigkeit

Und blöde Niederträchtigkeit

Und Gift und Galle und Arglist sogar

In der Eselshaut verborgen war.«

 

Hier rülpste der König, doch unterbrach er

Nicht lange die Rede, und weiter sprach er:

 

»Hochmögende Esel, ihr jungen und alten!

Ihr seht, ich kenne euch! Ungehalten,

Ganz allerhöchst ungehalten bin ich,

Daß ihr so schamlos widersinnig

Verunglimpft habt mein Regiment.

Auf eurem Eselsstandpunkt könnt

Ihr nicht die großen Löwenideen

Von meiner Politik verstehen.

Nehmt euch in acht! In meinem Reiche

Wächst manche Buche und manche Eiche,

Woraus man die schönsten Galgen zimmert,

Auch gute Stöcke. Ich rat euch, bekümmert

Euch nicht ob meinem Schalten und Walten!

Ich rat euch, ganz das Maul zu halten!

Die Räsoneure, die frechen Sünder,

Die laß ich öffentlich stäupen vom Schinder;

Sie sollen im Zuchthaus Wolle kratzen.

Wird einer gar von Aufruhr schwatzen

Und Straßen entpflastern zur Barrikade -

Ich laß ihn henken ohne Gnade.

Das hab ich euch, Esel, einschärfen wollen!

Jetzt könnt ihr euch nach Hause trollen.«

 

Als diese Rede der König gehalten,

Da jauchzten die Esel, die jungen und alten;

Sie riefen einstimmig: »I-A! I-A!

Es lebe der König! Hurra! Hurra!«

 

Erinnerung an Hammonia

 

Waisenkinder, zwei und zwei,

Wallen fromm und froh vorbei,

Tragen alle blaue Röckchen,

Haben alle rote Bäckchen -

Oh, die hübschen Waisenkinder!

Jeder sieht sie an gerührt,

Und die Büchse klingeliert;

Von geheimen Vaterhänden

Fließen ihnen reiche Spenden -

Oh, die hübschen Waisenkinder!

 

Frauen, die gefühlvoll sind,

Küssen manchem armen Kind

Sein Rotznäschen und sein Schnütchen,

Schenken ihm ein Zuckerdütchen -

Oh, die hübschen Waisenkinder!

 

Schmuhlchen wirft verschämten Blicks

Einen Taler in die Büchs' -

Denn er hat ein Herz - und heiter

Schleppt er seinen Zwerchsack weiter.

Oh, die hübschen Waisenkinder!

 

Einen goldnen Louisdor

Gibt ein frommer Herr; zuvor

Guckt er in die Himmelshöhe,

Ob der liebe Gott ihn sähe?

Oh, die hübschen Waisenkinder!

 

Litzenbrüder, Arbeitsleut',

Hausknecht', Küper feiern heut;

Werden manche Flasche leeren

Auf das Wohlsein dieser Gören -

Oh, die hübschen Waisenkinder!

 

Schutzgöttin Hammonia

Folgt dem Zug inkognita,

Stolz bewegt sie die enormen

Massen ihrer hintern Formen -

Oh, die hübschen Waisenkinder!

 

Vor dem Tor, auf grünem Feld,

Rauscht Musik im hohen Zelt,

Das bewimpelt und beflittert;

Dorten werden abgefüttert

Diese hübschen Waisenkinder.

 

Sitzen dort in langer Reih',

Schmausen gütlich süßen Brei,

Torten, Kuchen, leckre Speischen,

Und sie knuspern wie die Mäuschen,

Diese hübschen Waisenkinder.

 

Leider kommt mir in den Sinn

Jetzt ein Waisenhaus, worin

Kein so fröhliches Gastieren;

Gar elendig lamentieren

Dort Millionen Waisenkinder.

 

Die Montur ist nicht egal,

Manchem fehlt das Mittagsmahl;

Keiner geht dort mit dem andern,

Einsam, kummervoll dort wandern

Viel Millionen Waisenkinder.

 

Die Audienz

 

Eine alte Fabel

 

»Ich laß nicht die Kindlein, wie Pharao,

Ersäufen im Nilstromwasser;

Ich bin auch kein Herodestyrann,

Kein Kinderabschlachtenlasser.

 

Ich will, wie einst mein Heiland tat,

Am Anblick der Kinder mich laben;

Laß zu mir kommen die Kindlein, zumal

Das große Kind aus Schwaben.«

 

So sprach der König; der Kämmerer lief,

Und kam zurück und brachte

Herein das große Schwabenkind,

Das seinen Diener machte.

 

Der König sprach: »Du bist wohl ein Schwab'?

Das ist just keine Schande.«

»Geraten!« erwidert der Schwab', »ich bin

Geboren im Schwabenlande.«

 

»Stammst du von den Sieben Schwaben ab?«

Frug jener. »Ich tu abstammen

Nur von einem einz'gen«, erwidert der Schwab',

»Doch nicht von allen zusammen.«

 

Der König frug ferner: »Sind dieses Jahr

Die Knödel in Schwaben geraten?«

»Ich danke der Nachfrag'«, antwortet der Schwab',

»Sie sind sehr gut geraten.«

 

»Habt ihr noch große Männer?« frug

Der König. »Im Augenblicke

Fehlt es an großen«, erwidert der Schwab',

»Wir haben jetzt nur dicke.«

 

»Hat Menzel«, frug weiter der König, »seitdem

Noch viel Maulschellen erhalten?«

»Ich danke der Nachfrag'«, erwidert der Schwab',

»Er hat noch genug an den alten.«

 

Der König sprach: »Du bist nicht so dumm,

Als wie du aussiehst, mein Holder.«

»Das kommt«, erwidert der Schwab', »weil mich

In der Wiege vertauscht die Kobolder.«

 

Der König sprach: »Es pflegt der Schwab'

Sein Vaterland zu lieben -

Nun sage mir, was hat dich fort

Aus deiner Heimat getrieben?«

 

Der Schwabe antwortet: »Tagtäglich gab's

Nur Sauerkraut und Rüben;

Hätt meine Mutter Fleisch gekocht,

So wär ich dort geblieben.«

 

»Erbitte dir eine Gnade«, sprach

Der König. Da kniete nieder

Der Schwabe und rief: »O geben Sie, Sire,

Dem Volke die Freiheit wieder!

 

Der Mensch ist frei, es hat die Natur

Ihn nicht geboren zum Knechte -

O geben Sie, Sire, dem deutschen Volk

Zurück seine Menschenrechte!«

 

Der König stand erschüttert tief -

Es war eine schöne Szene; -

Mit seinem Rockärmel wischte sich

Der Schwab' aus dem Auge die Träne.

 

Der König sprach endlich: »Ein schöner Traum! -

Leb wohl, und werde gescheiter;

Und da du ein Somnambülericht,

So geb ich dir zwei Begleiter,

 

Zwei sichre Gendarmen, die sollen dich

Bis an die Grenze führen -

Leb wohl! Ich muß zur Parade gehn,

Schon hör ich die Trommel rühren.«

 

So hat die rührende Audienz

Ein rührendes Ende genommen.

Doch ließ der König seitdem nicht mehr

Die Kindlein zu sich kommen.

 

Affrontenburg

 

Die Zeit verfließt, jedoch das Schloß,

Das alte Schloß mit Turm und Zinne

Und seinem blöden Menschenvolk,

Es kommt mir nimmer aus dem Sinne.

 

Ich sehe stets die Wetterfahn,

Die auf dem Dach sich rasselnd drehte.

Ein jeder blickte scheu hinauf,

Bevor er nur den Mund auftäte.

 

Wer sprechen wollt, erforschte erst

Den Wind, aus Furcht, es möchte plötzlich

Der alte Brummbär Boreas

Anschnauben ihn nicht sehr ergötzlich.

 

Die Klügsten freilich schwiegen ganz -

Denn ach, es gab an jenem Orte

Ein Echo, das im Wiederklatsch

Boshaft verfälschte alle Worte.

 

Inmitten im Schloßgarten stand

Ein sphinxgezierter Marmorbronnen,

Der immer trocken war, obgleich

Gar manche Träne dort geronnen.

 

Vermaledeiter Garten! Ach,

Da gab es nirgends eine Stätte,

Wo nicht mein Herz gekränket ward,

Wo nicht mein Aug geweinet hätte.

 

Da gabs wahrhaftig keinen Baum,

Worunter nicht Beleidigungen

Mir zugefüget worden sind

Von feinen und von groben Zungen.

 

Die Kröte, die im Gras gelauscht,

Hat alles mitgeteilt der Ratte,

Die ihrer Muhme Viper gleich

Erzählt, was sie vernommen hatte.

 

Die hats gesagt dem Schwager Frosch -

Und solcherweis erfahren konnte

Die ganze schmutzge Sippschaft stracks

Die mir erwiesenen Affronte.

 

Des Gartens Rosen waren schön,

Und lieblich lockten ihre Düfte;

Doch früh hinwelkend starben sie

An einem sonderbaren Gifte.

 

Zu Tod ist auch erkrankt seitdem

Die Nachtigall, der edle Sprosser,

Der jenen Rosen sang sein Lied; -

Ich glaub, vom selben Gift genoß er.

 

Vermaledeiter Garten! Ja,

Es war, als ob ein Fluch drauf laste;

Manchmal am hellen lichten Tag

Mich dort Gespensterfurcht erfaßte.

 

Mich grinste an der grüne Spuk,

Er schien mich grausam zu verhöhnen,

Und aus den Taxusbüschen drang

Alsbald ein Ächzen, Röcheln, Stöhnen.

 

Am Ende der Allee erhob

Sich die Terrasse, wo die Wellen

Der Nordsee, zu der Zeit der Flut,

Tief unten am Gestein zerschellen.

 

Dort schaut man weit hinaus ins Meer.

Dort stand ich oft in wilden Träumen.

Brandung war auch in meiner Brust -

Das war ein Tosen, Rasen, Schäumen -

 

Ein Schäumen, Rasen, Tosen wars,

Ohnmächtig gleichfalls wie die Wogen,

Die kläglich brach der harte Fels,

Wie stolz sie auch herangezogen.

 

Mit Neid sah ich die Schiffe ziehn

Vorüber nach beglückten Landen -

Doch mich hielt das verdammte Schloß

Gefesselt in verfluchten Banden.

 

Nachtgedanken

 

Denk ich an Deutschland in der Nacht,

Dann bin ich um den Schlaf gebracht,

Ich kann nicht mehr die Augen schließen,

Und meine heißen Tränen fließen.

 

Die Jahre kommen und vergehn!

Seit ich die Mutter nicht gesehn,

Zwölf Jahre sind schon hingegangen;

Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

 

Mein Sehnen und Verlangen wächst.

Die alte Frau hat mich behext,

Ich denke immer an die alte,

Die alte Frau, die Gott erhalte!

 

Die alte Frau hat mich so lieb,

Und in den Briefen, die sie schrieb,

Seh ich, wie ihre Hand gezittert,

Wie tief das Mutterherz erschüttert.

 

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.

Zwölf Jahre flossen hin,

Zwölf lange Jahre sind verflossen,

Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

 

Deutschland hat ewigen Bestand,

Es ist ein kerngesundes Land,

Mit seinen Eichen, seinen Linden

Werd ich es immer wiederfinden.

 

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,

Wenn nicht die Mutter dorten wär;

Das Vaterland wird nie verderben,

Jedoch die alte Frau kann sterben.

 

Seit ich das Land verlassen hab,

So viele sanken dort ins Grab,

Die ich geliebt - wenn ich sie zähle,

So will verbluten meine Seele.

 

Und zählen muß ich - Mit der Zahl

Schwillt immer höher meine Qual,

Mir ist, als wälzten sich die Leichen

Auf meine Brust - Gottlob! Sie weichen!

 

Gottlob! Durch meine Fenster bricht

Französisch heitres Tageslicht;

Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,

Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

 

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

 

Wir, Bürgermeister und Senat,

Wir haben folgendes Mandat

Stadtväterlichst an alle Klassen

Der treuen Bürgerschaft erlassen.

»Ausländer, Fremde, sind es meist,

Die unter uns gesät den Geist

Der Rebellion. Dergleichen Sünder,

Gottlob! sind selten Landeskinder.

 

Auch Gottesleugner sind es meist;

Wer sich von seinem Gotte reißt,

Wird endlich auch abtrünnig werden

Von seinen irdischen Behörden.

 

Der Obrigkeit gehorchen, ist

Die erste Pflicht für Jud' und Christ.

Es schließe jeder seine Bude,

Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

 

Wo ihrer drei beisammenstehn,

Da soll man auseinandergehn.

Des Nachts soll niemand auf den Gassen

Sich ohne Leuchte sehen lassen.

 

Es liefre seine Waffen aus

Ein jeder in dem Gildenhaus;

Auch Munition von jeder Sorte

Wird deponiert am selben Orte.

 

Wer auf der Straße räsoniert,

Wird unverzüglich füsiliert;

Das Räsonieren durch Gebärden

Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

 

Vertrauet eurem Magistrat,

Der fromm und liebend schützt den Staat

Durch huldreich hochwohlweises Walten;

Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.«

 

Lied des Gefangenen

 

Als meine Großmutter die Liese behext,

Da wollten die Leut' sie verbrennen.

Schon hatte der Amtmann viel Dinte verkleckst,

Doch wollte sie nicht bekennen.

Und als man sie in den Kessel schob,

Da schrie sie Mord und Wehe;

Und als sich der schwarze Qualm erhob,

Da flog sie als Rab' in die Höhe.

 

Mein schwarzes, gefiedertes Großmütterlein!

O komm mich im Turme besuchen!

Komm, fliege geschwind durchs Gitter herein,

Und bringe mir Käse und Kuchen.

 

Mein schwarzes, gefiedertes Großmütterlein!

O möchtest du nur sorgen,

Daß die Muhme nicht auspickt die Augen mein,

Wenn ich luftig schwebe morgen.

 

Warnung

 

Solche Bücher läßt du drucken!

Teurer Freund, du bist verloren!

Willst du Geld und Ehre haben,

Mußt du dich gehörig ducken.

 

Nimmer hätt ich dir geraten,

So zu sprechen vor dem Volke,

So zu sprechen von den Pfaffen

Und von hohen Potentaten!

 

Teurer Freund, - du bist verloren!

Fürsten haben lange Arme,

Pfaffen haben lange Zungen,

Und das Volk hat lange Ohren!

 

Seekrankheit

 

Die grauen Nachmittagswolken

Senken sich tiefer hinab auf das Meer,

Das ihnen dunkel entgegensteigt,

Und zwischendurch jagt das Schiff.

Seekrank sitz ich noch immer am Mastbaum,

Und mache Betrachtungen über mich selber,

Uralte, aschgraue Betrachtungen,

Die schon der Vater Loth gemacht,

Als er des Guten zuviel genossen

Und sich nachher so übel befand.

Mitunter denk ich auch alter Geschichtchen:

Wie kreuzbezeichnete Pilger der Vorzeit,

Auf stürmischer Meerfahrt, das trostreiche Bildnis

der heiligen Jungfrau gläubig küßten;

Wie kranke Ritter, in solcher Seenot,

Den lieben Handschuh ihrer Dame

An die Lippen preßten, gleich getröstet -

Ich aber sitze und kaue verdrießlich

Einen alten Hering, den salzigen Tröster

In Katzenjammer und Hundetrübsal!

 

Unterdessen kämpft das Schiff

Mit der wilden, wogenden Flut;

Wie′n bäumendes Schlachtroß, stellt es sich jetzt

Auf das Hinterteil, daß das Steuer kracht,

Jetzt stürzt es kopfüber wieder hinab

In den heulenden Wasserschlund,

Dann wieder, wie sorglos liebematt,

Denkt es sich hinzulegen

An den schwarzen Busen der Riesenwelle,

Die mächtig heranbraust,

Und plötzlich, ein wüster Meerwasserfall,

In weißem Gekräusel zusammenstürzt

Und mich selbst mit Schaum bedeckt.

Dieses Schwanken und Schweben und Schaukeln

Ist unerträglich!

 

Vergebens späht mein Auge und sucht

Die deutsche Küste. Doch ach! nur Wasser,

Und abermals Wasser, bewegtes Wasser!

Wie der Winterwandrer des Abends sich sehnt

Nach einer warmen, innigen Tasse Tee,

So sehnt sich jetzt mein Herz nach dir,

Mein deutsches Vaterland!

Mag immerhin dein süßer Boden bedeckt sein

Mit Wahnsinn, Husaren, schlechten Versen

Und laulich dünnen Traktätchen;

Mögen immerhin deine Zebras

Mit Rosen sich mästen statt Disteln;

Mögen immerhin deine noblen Affen

In müßigem Putz sich vornehm spreizen

Und sich besser dünken als all das andre

Banausisch dahinwandelnde Hornvieh;

Mag immerhin deine Schneckenversammlung

Sich für unsterblich halten,

Weil sie so langsam dahinkriecht,

Und mag sie täglich Stimmen sammeln,

Ob den Maden des Käses der Käse gehört?

Und noch lange Zeit in Beratung ziehen,

Wie man die ägyptischen Schafe veredle,

Damit ihre Wolle sich beßre

Und der Hirt sie scheren könne wie andre,

Ohn Unterschied -

Immerhin, mag Torheit und Unrecht

Dich ganz bedecken, o Deutschland!

Ich sehne mich dennoch nach dir:

Denn wenigstens bist du noch festes Land.

 

Deutschland

 

Deutschland ist noch ein kleines Kind,

Doch die Sonne ist seine Amme;

Sie säugt es nicht mit stiller Milch,

Sie säugt es mit wilder Flamme.

 

Bei solcher Nahrung wächst man schnell

Und kocht das Blut in den Adern.

Ihr Nachbarskinder, hütet euch,

Mit dem jungen Burschen zu hadern!

 

Es ist ein täppisches Rieselein,

Reißt aus dem Boden die Eiche,

Und schlägt euch damit den Rücken wund

Und die Köpfe windelweiche.

 

Dem Siegfried gleicht er, dem edlen Fant,

Von dem wir singen und sagen;

Der hat, nachdem er geschmiedet sein Schwert,

Den Amboß entzweigeschlagen!

 

Ja, du wirst einst wie Siegfried sein

Und töten den häßlichen Drachen,

Heisa! wie freudig vom Himmel herab

Wird deine Frau Amme lachen!

 

Du wirst ihn töten, und seinen Hort,

Die Reichskleinodien, besitzen.

Heisa! wie wird auf deinem Haupt

Die goldne Krone blitzen!

 

Diesseits und jenseits des Rheins

 

Sanftes Rasen, wildes Kosen,

Tändeln mit den glühnden Rosen,

Holde Lüge, süßer Dunst,

Die Veredlung roher Brunst,

Kurz, der Liebe heitre Kunst -

Da seid Meister ihr, Franzosen!

 

Aber wir verstehn uns baß,

Wir Germanen, auf den Haß.

Aus Gemütes Tiefen quillt er,

Deutscher Haß! Doch riesig schwillt er,

Und mit seinem Gifte füllt er

Schier das Heidelberger Faß.

 

Politik

 

König Richard

 

Wohl durch der Wälder einödige

Pracht Jagt ungestüm ein Reiter;

Er bläst ins Horn, er singt und lacht

Gar seelenvergnügt und heiter.

 

Sein Harnisch ist von starkem Erz,

Noch stärker ist sein Gemüte,

Das ist Herr Richard Löwenherz,

Der christlichen Ritterschaft Blüte.

 

»Willkommen in England!« rufen ihm zu

Die Bäume mit grünen Zungen -

»Wir freuen uns, o König, daß du

Östreichischer Haft entsprungen.«

 

Dem König ist wohl in der freien Luft,

Er fühlt sich wie neugeboren,

Er denkt an Östreichs Festungsduft -

Und gibt seinem Pferde die Sporen.

 

König Ludwig an den König von Preußen

 

Stammverwandter Hohenzoller,

Sei dem Wittelsbach kein Groller;

Zürne nicht ob Lola Montez,

Selber habend nie gekonnt es.

 

Lobgesänge auf König Ludwig

 

I

Das ist Herr Ludwig von Bayerland,

Desgleichen gibt es wenig;

Das Volk der Bavaren verehrt in ihm

Den angestammelten König.

 

Er liebt die Kunst, und die schönsten Fraun,

Die läßt er porträtieren;

Er geht in diesem gemalten Serail

Als Kunsteunuch spazieren.

 

Bei Regensburg läßt er erbaun

Eine marmorne Schädelstätte,

Und er hat höchstselbst für jeden Kopf

Verfertigt die Etikette.

 

»Walhallagenossen«, ein Meisterwerk,

Worin er jedweden Mannes

Verdienste, Charakter und Taten gerühmt,

Von Teut bis Schinderhannes.

 

Nur Luther, der Dickkopf, fehlt in Walhall,

Und es feiert ihn nicht der Walhall-Wisch;

In Naturaliensammlungen fehlt

Oft unter den Fischen der Walfisch.

 

Herr Ludwig ist ein großer Poet,

Und singt er, so stürzt Apollo

Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht:

»Halt ein! ich werde sonst toll, oh!«

 

Herr Ludwig ist ein mutiger Held,

Wie Otto, das Kind, sein Söhnchen;

Der kriegte den Durchfall zu Athen,

Und hat dort besudelt sein Thrönchen.

 

Stirbt einst Herr Ludwig, so kanonisiert

Zu Rom ihn der Heilige Vater -

Die Glorie paßt für ein solches Gesicht,

Wie Manschetten für unseren Kater!

 

Sobald auch die Affen und Känguruhs

Zum Christentum sich bekehren,

Sie werden gewiß Sankt Ludewig

Als Schutzpatron verehren.

 

II

Herr Ludewig von Bayerland

Sprach seufzend zu sich selber:

»Der Sommer weicht, der Winter naht,

Das Laub wird immer gelber.

 

Der Schelling und der Cornelius,

Sie mögen von dannen wandern;

Dem einen erlosch im Kopf die Vernunft,

Die Phantasie dem andern.

 

Doch daß man aus meiner Krone stahl

Die beste Perle, daß man

Mir meinen Turnkunstmeister geraubt,

Das Menschenjuwel, den Maßmann -

 

Das hat mich gebeugt, das hat mich geknickt,

Das hat mir die Seele zerschmettert:

Mir fehlt jetzt der Mann, der in seiner Kunst

Den höchsten Pfahl erklettert.

 

Ich sehe die kurzen Beinchen nicht mehr,

Nicht mehr die platte Nase;

Er schlug wie ein Pudel frisch-fromm-fröhlich-frei

Die Purzelbäume im Grase.

 

Nur Altdeutsch verstand er, der Patriot,

Nur Jakob-Grimmisch und Zeunisch;

Fremdwörter blieben ihm immer fremd,

Griechisch zumal und Lateinisch.

 

Er hat, ein vaterländisch Gemüt,

Nur Eichelkaffee getrunken,

Franzosen fraß er und Limburger Käs',

Nach letzterm hat er gestunken.

 

O Schwager! gib mir den Maßmann zurück!

Denn unter den Gesichtern

Ist sein Gesicht, was ich selber bin,

Als Dichter unter den Dichtern.

 

O Schwager! behalt den Cornelius,

Auch Schelling (daß du den Rückert

Behalten kannst, versteht sich von selbst) -

Wenn nur der Maßmann zurückkehrt!

 

O Schwager! begnüge dich mit dem Ruhm,

Daß du mich verdunkelt heute;

Ich, der in Deutschland der Erste war,

Ich bin nur noch der Zweite...«

 

III

Zu München in der Schloßkapell'

Steht eine schöne Madonne;

Sie trägt in den Armen ihr Jesulein,

Der Welt und des Himmels Wonne.

 

Als Ludewig von Bayerland

Das Heiligenbild erblicket,

Da kniete er nieder andachtsvoll

Und stotterte selig verzücket:

 

»Maria, Himmelskönigin,

Du Fürstin sonder Mängel!

Aus Heil'gen besteht dein Hofgesind',

Und deine Diener sind Engel.

 

Geflügelte Pagen warten dir auf,

Sie flechten dir Blumen und Bänder

Ins goldene Haar, sie tragen dir nach

Die Schleppe deiner Gewänder.

 

Maria, reiner Morgenstern,

Du Lilie sonder Makel,

Du hast so manches Wunder getan,

So manches fromme Mirakel -

 

Oh, laß aus deiner Gnaden Born

Auch mir ein Tröpflein gleiten!

Gib mir ein Zeichen deiner Huld,

Der hochgebenedeiten!« -

 

Die Muttergottes bewegt sich alsbald,

Sichtbar bewegt sich ihr Mündchen,

Sie schüttelt ungeduldig das Haupt

Und spricht zu ihrem Kindchen:

 

»Es ist ein Glück, daß ich auf dem Arm

Dich trage und nicht mehr im Bauche,

Ein Glück, daß ich vor dem Versehn

Mich nicht mehr zu fürchten brauche.

 

Hätt ich in meiner Schwangerschaft

Erblickt den häßlichen Toren,

Ich hätte gewiß einen Wechselbalg

Statt eines Gottes geboren.«

 

Schlosslegende

 

Zu Berlin im alten Schlosse

sehen wir aus Stein gemetzt

wie ein Weib mit einem Rosse

sodomitisch sich ergetzt.

 

Und es heißt, dass jene Dame

die erlauchte Mutter ward

unseres Fürstenstamms - Der Same

schlug fürwahr nicht aus der Art.

 

Ja, sie hatten alle wenig

von der menschlichen Natur,

und an jedem Preussen-König

merkte man die Pferdespur.

 

Stets brutal zugleich und blöde,

Stallgedanken, jammervoll,

eine Gewieher ihre Rede

eine Bestie jeder Zoll.

 

Du allein, du des Geschlechtes

letzter Sprößling, fühlst und denkst

wie ein Mensch, und hast ein echtes

Christenherz und bist kein Hengst.

 

Lumpentum

 

Die reichen Leute, die gewinnt

Man nur durch platte Schmeichelein -

Das Geld ist platt, mein liebes Kind,

Und will auch platt geschmeichelt sein.

 

Das Weihrauchfaß, das schwinge keck

Vor jedem göttlich goldnen Kalb;

Bet an im Staub, bet an im Dreck,

Vor allem aber lob nicht halb.

 

Das Brot ist teuer dieses Jahr,

Jedoch die schönsten Worte hat

Man noch umsonst - Besinge gar

Mäcenas' Hund, und friß dich satt!

 

Die Wahlesel

 

Die Freiheit hat man satt am End,

und die Republik der Tiere

begehrte, dass ein einziger Regent

sie absolut regiere.

 

Jedwede Tiergattung versammelte sich,

Wahlzettel wurden geschrieben;

Parteisucht wütete fürchterlich,

Intrigen wurden getrieben.

 

Das Komitee der Esel ward

von Alt-Langohren regieret;

sie hatten die Köpfe mit einer Kokard,

die schwarz-rot-gold, verzieret.

 

Es gab eine kleine Pferdepartei,

doch wagte sie nicht zu stimmen;

sie hatte Angst vor dem Geschrei

der Alt-Langohren, der grimmen.

 

Als einer jedoch die Kandidatur

des Rosses empfahl, mit Zeter

ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr,

und schrie: Du bist ein Verräter!

 

Du bist ein Verräter, es fliesst in dir

kein Tropfen vom Eselsblute;

du bist kein Esel, ich glaube schier,

dich warf eine welsche Stute.

 

Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut

sie ist gestreift zebräisch;

auch deiner Stimme näselnder Laut

klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.

 

Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur

Verstandesesel, ein kalter;

du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur,

dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.

 

Ich aber versenkte die Seele ganz

in jenes süsse Gedösel;

ich bin ein Esel, in meinem Schwanz

ist jedes Haar ein Esel.

 

Ich bin kein Römling, ich bin kein Sklav;

ein deutscher Esel bin ich,

gleich meinen Vätern. Sie waren so brav,

so pflanzenwüchsig, so sinnig.

 

Sie spielten nicht mit Galanterei

frivole Lasterspiele;

sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei,

mit ihren Säcken zu Mühle.

 

Die Väter sind nicht tot! Im Grab

nur ihre Häute liegen,

die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab

schaun sie auf uns mit Vergnügen.

 

Verklärte Esel im Gloria-Licht!

Wir wollen euch immer gleichen

und niemals von dem Pfad der Pflicht

nur einen Fingerbreit weichen.

 

O welche Wonne, ein Esel zu sein!

Ein Enkel von solchen Langohren!

Ich möchte es von allen Dächern schrein:

ich bin als ein Esel geboren.

 

Der große Esel, der mich erzeugt,

es war von deutschem Stamme;

mit deutscher Eselsmilch gesäugt

hat mich die Mutter, die Mamme.

 

Ich bin ein Esel, und will getreu,

wie meine Väter, die Alten,

an der alten, lieben Eselei,

am Eseltume halten.

 

Und weil ich ein Esel, so rat ich euch,

den Esel zum König zu wählen;

wir stiften das große Eselreich,

wo nur die Esel befehlen.

 

Wir sind alle Esel! I-A! I-A!

Wir sind keine Pferdeknechte.

Fort mit den Rosen! Es lebe hurra!

Der König vom Eselsgeschlechte!

 

So spracht der Pariot. Im Saal

die Esel Beifall rufen.

Sie waren alle national,

und stampften mit den Hufen.

 

Sie haben des Redners Haupt geschmückt

mit einem Eichenkranze.

Er dankte stumm, und hochbeglückt

wedelt′ er mit dem Schwanze.

 

Der neue Alexander

 

I

Es ist ein König in Thule, der trinkt

Champagner, es geht ihm nichts drüber;

Und wenn er seinen Champagner trinkt,

Dann gehen die Augen ihm über.

 

Die Ritter sitzen um ihn her,

Die ganze Historische Schule;

Ihm aber wird die Zunge schwer,

Es lallt der König von Thule:

 

»Als Alexander, der Griechenheld,

Mit seinem kleinen Haufen

Erobert hatte die ganze Welt,

Da gab er sich ans Saufen.

 

Ihn hatten so durstig gemacht der Krieg

Und die Schlachten, die er geschlagen;

Er soff sich zu Tode nach dem Sieg,

Er konnte nicht viel vertragen.

 

Ich aber bin ein stärkerer Mann

Und habe mich klüger besonnen:

Wie jener endete, fang ich an,

Ich hab mit dem Trinken begonnen.

 

Im Rausche wird der Heldenzug

Mir später weit besser gelingen;

Dann werde ich, taumelnd von Krug zu Krug,

Die ganze Welt bezwingen.«

 

II

Da sitzt er und schwatzt, mit lallender Zung',

Der neue Alexander;

Den Plan der Welteroberung,

Den setzt er auseinander:

 

»Lothringen und Elsaß, das weiß ich längst,

Die fallen uns zu von selber;

Der Stute folgt am End' der Hengst,

Es folgen der Kuh die Kälber.

 

Mich lockt die Champagne, das beßre Land,

Wo jene Reben sprießen,

Die lieblich erleuchten unsern Verstand

Und uns das Leben versüßen.

 

Hier soll sich erproben mein Kriegesmut,

Hier soll der Feldzug beginnen;

Es knallen die Pfropfen, das weiße Blut

Wird aus den Flaschen rinnen.

 

Hier wird mein junges Heldentum

Bis zu den Sternen moussieren!

Ich aber verfolge meinen Ruhm,

Ich will auf Paris marschieren.

 

Dort vor der Barriere mach ich halt,

Denn vor den Barrierepforten,

Da wird kein Oktroi bezahlt

Für Wein von allen Sorten.«

 

III

»Mein Lehrer, mein Aristoteles,

Der war zuerst ein Pfäffchen

Von der französischen Kolonie,

Und trug ein weißes Beffchen.

 

Er hat nachher als Philosoph

Vermittelt die Extreme,

Und leider Gottes! hat er mich

Erzogen nach seinem Systeme.

 

Ich ward ein Zwitter, ein Mittelding,

Das weder Fleisch noch Fisch ist,

Das von den Extremen unserer Zeit

Ein närrisches Gemisch ist.

 

Ich bin nicht schlecht, ich bin nicht gut,

Nicht dumm und nicht gescheute,

Und wenn ich gestern vorwärts ging,

So geh ich rückwärts heute;

 

Ein aufgeklärter Obskurant,

Und weder Hengst noch Stute!

Ja, ich begeistre mich zugleich

Für Sophokles und die Knute.

 

Herr Jesus ist meine Zuversicht,

Doch auch den Bacchus nehme

Ich mir zum Tröster, vermittelnd stets

Die beiden Götterextreme.«

 

Die Menge tut es

 

»Die Pfannekuchen, die ich gegeben bisher für

drei Silbergroschen, ich geb sie nunmehr für

zwei Silbergroschen; die Menge tue es.«

 

Nie löscht, als wär sie gegossen in Bronze,

Mir im Gedächtnis jene Annonce,

Die einst ich las im Intelligenzblatt

Der intelligenten Borussenhauptstadt.

 

Borussenhauptstadt, mein liebes Berlin,

Dein Ruhm wird blühen ewig grihn

Als wie die Beeme deiner Linden -

Leiden sie immer noch an Winden?

Wie geht's dem Tiergarten? Gibt's dort noch ein Tier,

Das ruhig trinkt sein blondes Bier,

Mit der blonden Gattin, in den Hütten,

Wo kalte Schale und fromme Sitten?

 

Borussenhauptstadt, Berlin, was machst du?

Ob welchem Eckensteher lachst du?

Zu meiner Zeit gab's noch keinen Nante:

Es haben damals nur gewitzelt

Der Herr Wisotzki und der bekannte

Kronprinz, der jetzt auf dem Throne sitzelt.

Es ist ihm seitdem der Spaß vergangen,

Und den Kopf mit der Krone läßt er hangen.

Ich habe ein Faible für diesen König;

Ich glaube, wir sind uns ähnlich ein wenig.

Ein vornehmer Geist, hat viel Talent -

Auch ich, ich wäre ein schlechter Regent.

Wie mir, ist auch zuwider ihm

Die Musik, das edle Ungetüm;

Aus diesem Grund protegiert auch er

Den Musikverderber, den Meyerbeer.

Der König bekam von ihm kein Geld,

Wie fälschlich behauptet die böse Welt.

Man lügt soviel! Auch keinen Dreier

Kostet der König dem Beerenmeyer.

Derselbe dirigiert für ihn

Die große Oper zu Berlin,

Und doch auch er, der edle Mensch,

Wird nur bezahlt en monnaie de singe,

Mit Titel und Würden - Das ist gewiß,

Er arbeitet dort für den Roi de Prusse.

 

Denk ich an Berlin, auch vor mir steht

Sogleich die Universität.

Dort reiten vorüber die roten Husaren,

Mit klingendem Spiel, Trompetenfanfaren -

Es dringen die soldatesken Töne

Bis in die Aula der Musensöhne.

Wie geht es dort den Professoren

Mit mehr oder minder langen Ohren?

Wie geht es dem elegant geleckten,

Süßlichen Troubadour der Pandekten,

Dem Savigny? Die holde Person,

Vielleicht ist sie längst gestorben schon -

Ich weiß es nicht - ihr dürft's mir entdecken,

Ich werde nicht zu sehr erschrecken.

Auch Lott' ist tot! Die Sterbestunde,

Sie schlägt für Menschen wie für Hunde,

Zumal für Hunde jener Zunft,

Die immer angebellt die Vernunft

Und gern zu einem römischen Knechte

Den deutschen Freiling machen möchte.

Und der Maßmann mit der platten Nas',

Hat Maßmann noch nicht gebissen ins Gras?

Ich will es nicht wissen, o sagt es mir nicht,

Wenn er verreckt - ich würde weinen.

O mag er noch lange im Lebenslicht

Hintrippeln auf seinen kurzen Beinchen,

Das Wurzelmännchen, das Alräunchen

Mit dem Hängewanst! O diese Figur

War meine Lieblingskreatur

So lange Zeit - ich sehe sie noch -

So klein sie war, sie soff wie ein Loch,

Mit seinen Schülern, die bierentzügelt

Den armen Turnmeister am Ende geprügelt.

Und welche Prügel! Die jungen Helden,

Sie wollten beweisen, daß rohe Kraft

Und Flegeltum noch nicht erschlafft

Beim Enkel von Hermann und Thusnelden!

Die ungewaschnen germanischen Hände,

Sie schlugen so gründlich, das nahm kein Ende,

Zumal in den Steiß die vielen Fußtritte,

Die das arme Luder geduldig litte.

»Ich kann«, rief ich, »dir nicht versagen

All meine Bewundrung; wie kannst du ertragen

So viele Prügel? du bist ein Brutus!«

Doch Maßmann sprach: »Die Menge tut es.«

 

Und apropos: wie sind geraten

In diesem Jahr die Teltower Rüben

Und sauren Gurken in meiner lieben

Borussenstadt? Und die Literaten,

Befinden sie sich noch frisch und munter?

Und ist immer noch kein Genie darunter?

Jedoch, wozu ein Genie? wir laben

Uns besser an frommen, bescheidnen Gaben,

Auch sittliche Menschen haben ihr Gutes -

Zwölf machen ein Dutzend - die Menge tut es.

 

Und wie geht's in Berlin den Leutenants

Der Garde? Haben sie noch ihre Arroganz

Und ihre enggeschnürte Taille?

Schwadronieren sie noch von Kanaille?

Ich rate euch, nehmt euch in acht,

Es bricht noch nicht, jedoch es kracht;

Und es ist das Brandenburger Tor

Noch immer so groß und so weit wie zuvor,

Und man könnt euch auf einmal zum Tor hinausschmeißen,

Euch alle, mitsamt dem Prinzen von Preußen -

 

Die Menge tut es.

 

Zu Halle auf dem Markt

 

Zu Halle auf dem Markt,

Da stehn zwei große Löwen.

Ei, du hallischer Löwentrotz,

Wie hat man dich gezähmet!

 

Zu Halle auf dem Markt,

Da steht ein großer Riese.

Er hat ein Schwert und regt sich nicht,

Er ist vor Schreck versteinert.

 

Zu Halle auf dem Markt,

Da steht eine große Kirche.

Die Burschenschaft und die Landsmannschaft,

Die haben dort Platz zum Beten.

 

Unsere Marine

 

Wir träumten von einer Flotte jüngst,

Und segelten schon vergnüglich

Hinaus aufs balkenlose Meer,

Der Wind war ganz vorzüglich.

 

Wir hatten unsern Fregatten schon

Die stolzesten Namen gegeben,

Prutz hieß die eine, die andre hieß

Hoffmann von Fallersleben.

 

Da schwamm der Kutter Freiligrath,

Darauf als Puppe die Büste

Des Mohrenkönigs, die wie ein Mond

(Versteht sich ein schwarzer) grüßte.

 

Da kamen geschwommen ein Gustav Schwab,

Ein Pfizer, ein Kölle, ein Mayer;

Auf jedem stand ein Schwabengesicht

Mit einer hölzernen Leier.

 

Da schwamm die Birch-Pfeiffer, eine Brigg,

Sie trug am Fockmast das Wappen

Der deutschen Admiralität

Auf schwarzrotgoldnem Lappen.

 

Wir kletterten keck an Bugspriet und Rahn

Und trugen uns wie Matrosen,

Die Jacke kurz, der Hut beteert,

Und weite Schifferhosen.

 

Gar mancher, der früher nur Tee genoß

Als wohlerzogener Eh'mann,

Der soff jetzt Rum und kaute Tabak,

Und fluchte wie ein Seemann.

 

Seekrank ist mancher geworden sogar,

Und auf dem Fallersleben,

Dem alten Brander, hat mancher sich

Gemütlich übergeben.

 

Wir träumten so schön, wir hatten fast

Schon eine Seeschlacht gewonnen -

Doch als die Morgensonne kam,

Ist Traum und Flotte zerronnen.

 

Wir lagen noch immer im heimischen Bett

Mit ausgestreckten Knochen.

Wir rieben uns aus den Augen den Schlaf,

Und haben gähnend gesprochen:

 

»Die Welt ist rund. Was nützt es am End',

Zu schaukeln auf müßiger Welle!

Der Weltumsegler kommt zuletzt

Zurück auf dieselbe Stelle.«

 

Wartet nur

 

Weil ich so ganz vorzüglich blitze,

Glaubt ihr, daß ich nicht donnern könnt!

Ihr irrt euch sehr, denn ich besitze

Gleichfalls fürs Donnern ein Talent.

 

Es wird sich grausenhaft bewähren,

Wenn einst erscheint der rechte Tag;

Dann sollt ihr meine Stimme hören,

Das Donnerwort, den Wetterschlag.

 

Gar manche Eiche wird zersplittern

An jenem Tag der wilde Sturm,

Gar mancher Palast wird erzittern

Und stürzen mancher Kirchenturm!

 

Die Tendenz

 

Deutscher Sänger! Sing und preise

Deutsche Freiheit, daß dein Lied

Unsrer Seelen sich bemeistre

Und zu Taten uns begeistre,

In Marseillerhymnenweise.

 

Girre nicht mehr wie ein Werther,

Welcher nur für Lotten glüht -

Was die Glocke hat geschlagen,

Sollst du deinem Volke sagen,

Rede Dolche, rede Schwerter!

 

Sei nicht mehr die weiche Flöte,

Das idyllische Gemüt -

Sei des Vaterlands Posaune,

Sei Kanone, sei Kartaune,

Blase, schmettre, donnre, töte!

 

Blase, schmettre, donnre täglich,

Bis der letzte Dränger flieht -

Singe nur in dieser Richtung,

Aber halte deine Dichtung

Nur so allgemein als möglich.

 

Doktrin

 

Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,

Und küsse die Marketenderin!

Das ist die ganze Wissenschaft,

Das ist der Bücher tiefster Sinn.

 

Trommle die Leute aus dem Schlaf,

Trommle Reveille mit Jugendkraft,

Marschiere trommelnd immer voran,

Das ist die ganze Wissenschaft.

 

Das ist die Hegelsche Philosophie,

Das ist der Bücher tiefster Sinn!

Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,

Und weil ich ein guter Tambour bin.

 

Den Schwachen

 

Das Sklavenschiff

 

I

Der Superkargo Mynheer van Koek

Sitzt rechnend in seiner Kajüte;

Er kalkuliert der Ladung Betrag

Und die probabeln Profite.

 

»Der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut,

Dreihundert Säcke und Fässer;

Ich habe Goldstaub und Elfenbein -

Die schwarze Ware ist besser.

 

Sechshundert Neger tauschte ich ein

Spottwohlfeil am Senegalflusse.

Das Fleisch ist hart, die Sehnen sind stramm,

Wie Eisen vom besten Gusse.

 

Ich hab zum Tausche Branntewein,

Glasperlen und Stahlzeug gegeben;

Gewinne daran achthundert Prozent,

Bleibt mir die Hälfte am Leben.

 

Bleiben mir Neger dreihundert nur

Im Hafen von Rio-Janeiro,

Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück

Das Haus Gonzales Perreiro.«

 

Da plötzlich wird Mynheer van Koek

Aus seinen Gedanken gerissen;

Der Schiffschirurgius tritt herein,

Der Doktor van der Smissen.

 

Das ist eine klapperdürre Figur,

Die Nase voll roter Warzen -

»Nun, Wasserfeldscherer«, ruft van Koek,

»Wie geht's meinen lieben Schwarzen?«

 

Der Doktor dankt der Nachfrage und spricht:

»Ich bin zu melden gekommen,

Daß heute nacht die Sterblichkeit

Bedeutend zugenommen.

 

Im Durchschnitt starben täglich zwei,

Doch heute starben sieben,

Vier Männer, drei Frauen - Ich hab den Verlust

Sogleich in die Kladde geschrieben.

 

Ich inspizierte die Leichen genau;

Denn diese Schelme stellen

Sich manchmal tot, damit man sie

Hinabwirft in die Wellen.

 

Ich nahm den Toten die Eisen ab;

Und wie ich gewöhnlich tue,

Ich ließ die Leichen werfen ins Meer

Des Morgens in der Fruhe.

 

Es schossen alsbald hervor aus der Flut

Haifische, ganze Heere,

Sie lieben so sehr das Negerfleisch;

Das sind meine Pensionäre.

 

Sie folgten unseres Schiffes Spur,

Seit wir verlassen die Küste;

Die Bestien wittern den Leichengeruch

Mit schnupperndem Fraßgelüste.

 

Es ist possierlich anzusehn,

Wie sie nach den Toten schnappen!

Die faßt den Kopf, die faßt das Bein,

Die andern schlucken die Lappen.

 

Ist alles verschlungen, dann tummeln sie sich

Vergnügt um des Schiffes Planken

Und glotzen mich an, als wollten sie

Sich für das Frühstück bedanken.«

 

Doch seufzend fällt ihm in die Red'

Van Koek: »Wie kann ich lindern

Das Übel? wie kann ich die Progression

Der Sterblichkeit verhindern?«

 

Der Doktor erwidert: »Durch eigne Schuld

Sind viele Schwarze gestorben;

Ihr schlechter Odem hat die Luft

Im Schiffsraum so sehr verdorben.

 

Auch starben viele durch Melancholie,

Dieweil sie sich tödlich langweilen;

Durch etwas Luft, Musik und Tanz

Läßt sich die Krankheit heilen.«

 

Da ruft van Koek: »Ein guter Rat!

Mein teurer Wasserfeldscherer

Ist klug wie Aristoteles,

Des Alexanders Lehrer.

 

Der Präsident der Sozietät

Der Tulpenveredlung im Delfte

Ist sehr gescheit, doch hat er nicht

Von Eurem Verstande die Hälfte.

 

Musik! Musik! Die Schwarzen soll'n

Hier auf dem Verdecke tanzen.

Und wer sich beim Hopsen nicht amüsiert,

Den soll die Peitsche kuranzen.«

 

II

 

Hoch aus dem blauen Himmelszelt

Viel tausend Sterne schauen,

Sehnsüchtig glänzend, groß und klug,

Wie Augen von schönen Frauen.

 

Sie blicken hinunter in das Meer,

Das weithin überzogen

Mit phosphorstrahlendem Purpurduft;

Wollüstig girren die Wogen.

 

Kein Segel flattert am Sklavenschiff,

Es liegt wie abgetakelt;

Doch schimmern Laternen auf dem Verdeck,

Wo Tanzmusik spektakelt.

 

Die Fiedel streicht der Steuermann,

Der Koch, der spielt die Flöte,

Ein Schiffsjung' schlägt die Trommel dazu,

Der Doktor bläst die Trompete.

 

Wohl hundert Neger, Männer und Fraun,

Sie jauchzen und hopsen und kreisen

Wie toll herum; bei jedem Sprung

Taktmäßig klirren die Eisen.

 

Sie stampfen den Boden mit tobender Lust,

Und manche schwarze Schöne

Umschlinge wollüstig den nackten Genoß -

Dazwischen ächzende Töne.

 

Der Büttel ist Maître des plaisirs,

Und hat mit Peitschenhieben

Die lässigen Tänzer stimuliert,

Zum Frohsinn angetrieben.

 

Und Dideldumdei und Schnedderedeng!

Der Lärm lockt aus den Tiefen

Die Ungetüme der Wasserwelt,

Die dort blödsinnig schliefen.

 

Schlaftrunken kommen geschwommen heran

Haifische, viele hundert;

Sie glotzen nach dem Schiff hinauf,

Sie sind verdutzt, verwundert.

 

Sie merken, daß die Frühstückstund'

Noch nicht gekommen, und gähnen,

Aufsperrend den Rachen; die Kiefer sind

Bepflanzt mit Sägezähnen.

 

Und Dideldumdei und Schnedderedeng -

Es nehmen kein Ende die Tänze.

Die Haifische beißen vor Ungeduld

Sich selber in die Schwänze.

 

Ich glaube, sie lieben nicht die Musik,

Wie viele von ihrem Gelichter.

»Trau keiner Bestie, die nicht liebt

Musik!« sagt Albions großer Dichter.

 

Und Schnedderedeng und Dideldumdei -

Die Tänze nehmen kein Ende.

Am Fockmast steht Mynheer van Koek

Und faltet betend die Hände:

 

»Um Christi willen verschone, o Herr,

Das Leben der schwarzen Sünder!

Erzürnten sie dich, so weißt du ja,

Sie sind so dumm wie die Rinder.

 

Verschone ihr Leben um Christi will'n,

Der für uns alle gestorben!

Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück,

So ist mein Geschäft verdorben.«

 

Die schlesischen Weber

 

Im düstern Auge keine Träne,

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

Deutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch -

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten

In Winterskälte und Hungersnöten;

Wir haben vergebens gehofft und geharrt -

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der den letzten Groschen von uns erpreßt

Und uns wie die Hunde erschießen läßt -

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nun gedeihen Schmach und Schande,

Wo jede Blume früh geknickt,

Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -

Wir weben, wir weben!

 

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,

Wir weben emsig Tag und Nacht -

Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch,

Wir weben, wir weben!

 

Die Wanderratten

 

Es gibt zwei Sorten Ratten:

Die hungrigen und satten.

Die satten bleiben vergnügt zu Haus,

Die hungrigen aber wandern aus.

 

Sie wandern viel tausend Meilen,

Ganz ohne Rasten und Weilen,

Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,

Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

 

Sie klimmen wohl über die Höhen,

Sie schwimmen wohl durch die Seen;

Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,

Die lebenden lassen die toten zurück.

 

Es haben diese Käuze

Gar fürchterliche Schnäuze;

Sie tragen die Köpfe geschoren egal,

Ganz radikal, ganz rattenkahl.

 

Die radikale Rotte

Weiß nichts von einem Gotte.

Sie lassen nicht taufen ihre Brut,

Die Weiber sind Gemeindegut.

 

Der sinnliche Rattenhaufen,

Er will nur fressen und saufen,

Er denkt nicht, während er säuft und frißt,

Daß unsre Seele unsterblich ist.

 

So eine wilde Ratze,

Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;

Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld

Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

 

Die Wanderratten, o wehe!

Sie sind schon in der Nähe.

Sie rücken heran, ich höre schon

Ihr Pfeifen - die Zahl ist Legion.

 

O wehe! wir sind verloren,

Sie sind schon vor den Toren!

Der Bürgermeister und Senat,

Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

 

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,

Die Glocken läuten die Pfaffen.

Gefährdet ist das Palladium

Des sittlichen Staats, das Eigentum.

 

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,

Nicht hochwohlweise Senatsdekrete,

Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,

Sie helfen euch heute, ihr lieben Kinder!

 

Heut helfen euch nicht die Wortgespinste

Der abgelebten Redekünste.

Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,

Sie springen über die feinsten Sophismen.

 

Im hungrigen Magen Eingang finden

Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,

Nur Argumente von Rinderbraten,

Begleitet mit Göttinger Wurstzitaten.

 

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,

Behaget den radikalen Rotten

Viel besser als ein Mirabeau

Und alle Redner seit Cicero.

 

Weltlauf

 

Hat man viel, so wird man bald

Noch viel mehr dazubekommen.

Wer nur wenig hat, dem wird

Auch das wenige genommen.

 

Wenn du aber gar nichts hast,

Ach, so lasse dich begraben -

Denn ein Recht zum Leben, Lump,

Haben nur, die etwas haben.

 

Carl I.

 

Im Wald, in der Köhlerhütte, sitzt

Trübsinnig allein der König;

Er sitzt an der Wiege des Köhlerkinds

Und wiegt und singt eintönig:

 

»Eiapopeia, was raschelt im Stroh?

Es blöken im Stalle die Schafe -

Du trägst das Zeichen an der Stirn

Und lächelst so furchtbar im Schlafe.

 

Eiapopeia, das Kätzchen ist tot -

Du trägst auf der Stirne das Zeichen -

Du wirst ein Mann und schwingst das Beil,

Schon zittern im Walde die Eichen.

 

Der alte Köhlerglaube verschwand,

Es glauben die Köhlerkinder -

Eiapopeia - nicht mehr an Gott,

Und an den König noch minder.

 

Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh -

Wir müssen zuschanden werden -

Eiapopeia - im Himmel der Gott

Und ich, der König auf Erden.

 

Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank,

Und täglich wird es kränker -

Eiapopeia - du Köhlerkind,

Ich weiß es, du bist mein Henker.

 

Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied -

Eiapopeia - die greisen

Haarlocken schneidest du ab zuvor -

Im Nacken klirrt mir das Eisen.

 

Eiapopeia, was raschelt im Stroh?

Du hast das Reich erworben,

Und schlägst mir das Haupt vom Rumpf herab -

Das Kätzchen ist gestorben.

 

Eiapopeia, was raschelt im Stroh?

Es blöken im Stalle die Schafe.

Das Kätzchen ist tot die Mäuschen sind froh -

Schlafe, mein Henkerchen, schlafe!«