Heine subversiv, Teil 1

 

https://www.youtube.com/watch?v=YHtECgvlxgA

 

Die Söhne des Glückes beneid ich nicht

Ob ihrem Leben, beneiden

Will ich sie nur ob ihrem Tod,

Dem schmerzlos raschen Verscheiden.

 

Im Prachtgewand, das Haupt bekränzt,

Und Lachen auf der Lippe,

Sitzen sie froh beim Lebensbankett -

Da trifft sie jählings die Hippe.

 

Im Festkleid und mit Rosen geschmückt,

Die noch wie lebend blühten,

Gelangen in das Schattenreich

Fortunas Favoriten.

 

Nie hatte Siechtum sie entstellt,

Sind Tote von guter Miene,

Und huldreich empfängt sie an ihrem Hof

Zarewna Proserpine.

 

Wie sehr muß ich beneiden ihr Los!

Schon sieben Jahre mit herben,

Qualvollen Gebresten wälz ich mich

Am Boden, und kann nicht sterben!

 

O Gott, verkürze meine Qual,

Damit man mich bald begrabe;

Du weißt ja, daß ich kein Talent

Zum Martyrtume habe.

 

Ob deiner Inkonsequenz, o Herr,

Erlaube, daß ich staune:

Du schufest den fröhlichsten Dichter, und raubst

Ihm jetzt seine gute Laune.

 

Der Schmerz verdampft den heitern Sinn

Und macht mich melancholisch;

Nimmt nicht der traurige Spaß ein End',

So werd ich am Ende katholisch.

 

Ich heule dir dann die Ohren voll,

Wie andre gute Christen -

O Miserere! Verloren geht

Der beste der Humoristen!

 

Vor 170 Jahren starb Heinrich Heine. Unbestritten einer der größten Dichter des Landes. Und von so ziemlich jedem wurde er auf den Sockel gestellt, selbst von seinen Gegnern. Dabei wird das Offensichtliche nicht wahrgenommen – Heinrich Heine gehört tatsächlich zu den besten Humoristen. Und kaum einer weiß es. Auch nicht die Damen und Herren vom „Literarischen Quartett“.

Der Wurm bietet seinen Lesern eine alphabetisch geordnete Auswahl subversiver und erstaunlicher Gedichte von Heinrich Heine. Völlig subjektiv und alles andere als vollständig. Mensch möge selbst in dessen Gedichten stöbern und wird findig werden. 

Menschen mit freiem Geist, klarem Verstand und Sinn für Humor wünscht der Wurm viel Spaß beim Lesen!

 

 

Ach, die Augen sind es wieder

 

Ach, die Augen sind es wieder,

Die mich einst so lieblich grüßten,

Und es sind die Lippen wieder,

Die das Leben mir versüßten!

 

Auch die Stimme ist es wieder,

Die ich einst so gern gehöret!

Nur ich selber bins nicht wieder,

Bin verändert heimgekehret.

 

Von den weißen, schönen Armen

Fest und liebevoll umschlossen,

Lieg ich jetzt an ihrem Herzen,

Dumpfen Sinnes und verdroßen.

 

 

Alte Rose

 

Eine Rosenknospe war

Sie, für die mein Herz erglühte;

Doch sie wuchs, und wunderbar

Schoss sie auf zu voller Blüte.

 

Ward die schönste Ros im Land,

Und ich wollt die Rose brechen,

Doch sie wusste mich pikant

Mit den Dornen fortzustechen.

 

Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt

Und verklatscht von Wind und Regen -

Liebster Heinrich bin ich jetzt,

Liebend kommt sie mir entgegen.

 

Heinrich hinten, Heinrich vorn,

Klingt es jetzt mit süssen Toenen;

Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,

Ist es an dem Kinn der Schönen.

 

Allzu hart die Borsten sind,

Die des Kinnes Wärzchen zieren-

Geh ins Kloster, liebstes Kind,

Oder lasse dich rasieren.

 

 

Altes Kaminstück

 

Draußen ziehen weiße Flocken

Durch die Nacht, der Sturm ist laut;

Hier im Stübchen ist es trocken,

Warm und einsam, stillvertraut.

 

Sinnend sitz ich auf dem Sessel,

An dem knisternden Kamin,

Kochend summt der Wasserkessel

Längst verklungne Melodien.

 

Und ein Kätzchen sitzt daneben,

Wärmt die Pfötchen an der Glut;

Und die Flammen schweben, weben,

Wundersam wird mir zu Mut.

 

Dämmernd kommt heraufgestiegen

Manche längst vergeßne Zeit,

Wie mit bunten Maskenzügen

Und verblichner Herrlichkeit.

 

Schöne Fraun, mit kluger Miene,

Winken süßgeheimnisvoll,

Und dazwischen Harlekine

Springen, lachen, lustigtoll.

 

Ferne grüßen Marmorgötter,

Traumhaft neben ihnen stehn

Märchenblumen, deren Blätter

In dem Mondenlichte wehn.

 

Wackelnd kommt herbeigeschwommen

Manches alte Zauberschloß;

Hintendrein geritten kommen

Blanke Ritter, Knappentroß.

 

Und das alles zieht vorüber,

Schattenhastig übereilt -

Ach! da kocht der Kessel über,

Und das nasse Kätzchen heult.

 

 

An Edom!

 

Ein Jahrtausend schon und länger,

Dulden wir uns brüderlich,

Du, du duldest, daß ich atme,

Daß du rasest, dulde Ich.

 

Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,

Ward dir wunderlich zu Mut,

Und die liebefrommen Tätzchen

Färbtest du mit meinem Blut!

 

Jetzt wird unsre Freundschaft fester,

Und noch täglich nimmt sie zu;

Denn ich selbst begann zu rasen,

Und ich werde fast wie Du.

 

 

Anfangs wollt ich fast verzagen

 

Anfangs wollt ich fast verzagen,

Und ich glaubt, ich trüg es nie;

Und ich hab es doch getragen -

Aber fragt mich nur nicht, wie?

 

 

Angelique

 

Fürchte nichts, geliebte Seele,

übersicher bist du hier;

fürchte nicht, dass man uns stehle,

ich verriegle schon die Tür.

 

Wie der Wind auch wütend wehe,

er gefährdet nicht das Haus;

dass auch nicht ein Brand entstehe,

lösch ich unsere Lampe aus.

 

Auch, erlaube, dass ich winde

meinen Arm um deinen Hals;

man erkältet sich geschwinde

in Ermanglung eines Schals.

 

 

Babylonische Sorgen

 

Mich ruft der Tod - Ich wollt′, o Süße,

Daß ich dich in einem Wald verließe,

In einem jener Tannenforsten,

Wo Wölfe heulen, Geier horsten

Und schrecklich grunzt die wilde Sau,

Des blonden Ebers Ehefrau.

 

Mich ruft der Tod - Es wär noch besser,

Müßt ich auf hohem Seegewässer

Verlassen dich, mein Weib, mein Kind,

Wenngleich der tolle Nordpolwind

Dort peitscht die Wellen, und aus den Tiefen

Die Ungetüme, die dort schliefen,

Haifisch′ und Krokodile, kommen

Mit offnem Rachen emporgeschwommen -

Glaub mir, mein Kind, mein Weib, Mathilde,

Nicht so gefährlich ist das wilde,

Erzürnte Meer und der trotzige Wald

Als unser jetziger Aufenthalt!

Wie schrecklich auch der Wolf und der Geier,

Haifische und sonstige Meerungeheuer:

Viel grimmere, schlimmere Bestien enthält

Paris, die leuchtende Hauptstadt der Welt,

Das singende, springende, schöne Paris,

Die Hölle der Engel, der Teufel Paradies -

Daß ich dich hier verlassen soll,

Das macht mich verrückt, das macht mich toll!

 

Mit spöttischem Sumsen mein Bett umschwirrn

Die schwarzen Fliegen; auf Nas′ und Stirn

Setzen sie sich - fatales Gelichter!

Etwelche haben wie Menschengesichter,

Auch Elefantenrüssel daran,

Wie Gott Ganesa in Hindostan. -

In meinem Hirne rumort es und knackt,

Ich glaube, da wird ein Koffer gepackt,

Und mein Verstand reist ab - o wehe! -

Noch früher, als ich selber gehe.

 

 

Das Fräulein stand am Meere

 

Das Fräulein stand am Meere

Und seufzte lang und bang,

Es rührte sie so sehre

Der Sonnenuntergang.

 

"Mein Fräulein! Sein Sie munter,

Das ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter

Und kehrt von hinten zurück."

 

 

Das Herz ist mir bedrückt

 

Das Herz ist mir bedrückt, und sehnlich

Gedenke ich der alten Zeit;

Die Welt war damals noch so wöhnlich,

Und ruhig lebten hin die Leut.

 

Doch jetzt ist alles wie verschoben,

Das ist ein Drängen! eine Not!

Gestorben ist der Herrgott oben,

und unten ist der Teufel tot.

 

Und alles schaut so grämlich trübe,

So krausverwirrt und morsch und kalt,

Und wäre nicht das bißchen Liebe,

So gäb es nirgends einen Halt.

 

Das Hohelied

 

Des Weibes Leib ist ein Gedicht,

Das Gott der Herr geschrieben

Ins große Stammbuch der Natur,

Als ihn der Geist getrieben.

 

Ja, günstig war die Stunde ihm,

Der Gott war hochbegeistert;

Er hat den spröden, rebellischen Stoff

Ganz künstlerisch bemeistert.

 

Fürwahr, der Leib des Weibes ist

Das Hohelied der Lieder;

Gar wunderbare Strophen sind

Die schlanken, weißen Glieder.

 

O welche göttliche Idee

Ist dieser Hals, der blanke,

Worauf sich wiegt der kleine Kopf,

Der lockige Hauptgedanke!

 

Der Brüstchen Rosenknospen sind

Epigrammatisch gefeilet;

Unsäglich entzückend ist die Zäsur,

Die streng den Busen teilet.

 

Den plastischen Schöpfer offenbart

Der Hüften Parallele;

Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt

Ist auch eine schöne Stelle.

 

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!

Das Lied hat Fleisch und Rippen,

Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt

Mit schöngereimten Lippen.

 

Hier atmet wahre Poesie!

Anmut in jeder Wendung!

Und auf der Stirne trägt das Lied

Den Stempel der Vollendung.

 

Lobsingen will ich dir, O Herr,

Und dich im Staub anbeten!

Wir sind nur Stümper gegen dich,

Den himmlischen Poeten.

 

Versenken will ich mich, o Herr,

In deines Liedes Prächten;

Ich widme seinem Studium

Den Tag mitsamt den Nächten.

 

Ja, Tag und Nacht studier ich dran,

Will keine Zeit verlieren;

Die Beine werden mir so dünn -

Das kommt vom vielen Studieren.

 

 

Das Lied vom blöden Ritter

 

Es war mal ein Ritter trübselig und stumm,

Mit hohlen, schneeweißen Wangen;

Er schwankte und schlenderte schlotternd herum,

In dumpfen Träumen befangen.

Er war so hölzern, so täppisch, so links,

Die Blümlein und Mägdlein die kicherten rings,

Wenn er stolpernd vorbeigegangen.

 

Oft saß er im finstersten Winkel zu Haus;

Er hatt sich vor Menschen verkrochen.

Da streckte er sehnend die Arme aus,

Doch hat er kein Wörtlein gesprochen.

Kam aber die Mitternachtstunde heran,

Ein seltsames Singen und Klingen begann

An die Türe da hört er es pochen.

 

Da kommt seine Liebste geschlichen herein,

Im rauschenden Wellenschaumkleide.

Sie blüht und glüht wie ein Röselein,

Ihr Schleier ist eitel Geschmeide.

Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt,

Die Äuglein grüßen mit süßer Gewalt –

In die Arme sinken sich beide.

 

Der Ritter umschlingt sie mit Liebesmacht,

Der Hölzerne steht jetzt in Feuer,

Der Blasse errötet, der Träumer erwacht,

Der Blöde wird freier und freier.

Sie aber, sie hat ihn gar schalkhaft geneckt,

Sie hat ihm ganz leise den Kopf bedeckt

Mit dem weißen, demantenen Schleier.

 

In einen kristallenen Wasserpalast

Ist plötzlich gezaubert der Ritter.

Er staunt, und die Augen erblinden ihm fast

Vor alle dem Glanz und Geflitter.

Doch hält ihn die Nixe umarmet gar traut,

Der Ritter ist Bräutgam, die Nixe ist Braut;

Ihre Jungfraun spielen die Zither.

 

Sie spielen und singen, und singen so schön,

Und heben zum Tanze die Füße;

Dem Ritter dem wollen die Sinne vergehn,

Und fester umschließt er die Süße –

Da löschen auf einmal die Lichter aus,

Der Ritter sitzt wieder ganz einsam zu Haus,

In dem düstern Poetenstübchen.

 

 

Deine weißen Lilienfinger

 

Deine weißen Lilienfinger,

Könnt ich sie noch einmal küssen,

Und sie drücken an mein Herz,

Und vergehn in stillem Weinen!

 

Deine klaren Veilchenaugen

Schweben vor mir Tag und Nacht,

Und mich quält es: was bedeuten

Diese süßen, blauen Rätsel?

 

Der Schiffbrüchige

 

Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert!

Und ich selber, gleich einer Leiche,

Die grollend ausgeworfen das Meer,

Lieg ich am Strande,

Am öden, kahlen Strande.

Vor mir woget die Wasserwüste,

Hinter mir liegt nur Kummer und Elend,

Und über mich hin ziehen die Wolken,

Die formlos grauen Töchter der Luft,

Die aus dem Meer, in Nebeleimern,

Das Wasser schöpfen,

Und es mühsam schleppen und schleppen,

Und es wieder verschütten ins Meer,

Ein trübes, langweil′ges Geschäft,

Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen,

Alte Erinnrungen wehen mich an,

Vergessene Träume, erloschene Bilder,

Qualvoll süße, tauchen hervor.

 

Es lebt ein Weib im Norden,

Ein schönes Weib, königlich schön.

Die schlanke Zypressengestalt

 

Umschließt ein lüstern weißes Gewand;

Die dunkle Lockenfülle,

Wie eine selige Nacht,

Von dem flechtengekrönten Haupt sich ergießend,

Ringelt sich träumerisch süß

Um das süße, blasse Antlitz;

Und aus dem süßen, blassen Antlitz,

Groß und gewaltig, strahlt ein Auge,

Wie eine schwarze Sonne.

 

Oh, du schwarze Sonne, wie oft,

Entzückend oft, trank ich aus dir

Die wilden Begeistrungsflammen,

Und stand und taumelte, feuerberauscht –

Dann schwebte ein taubenmildes Lächeln

Um die hochgeschürzten, stolzen Lippen,

Und die hochgeschürzten, stolzen Lippen

Hauchten Worte, süß wie Mondlicht,

Und zart wie der Duft der Rose –

Und meine Seele erhob sich

Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!

 

Schweigt, ihr Wogen und Möwen!

Vorüber ist alles, Glück und Hoffnung,

Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden.

Ein öder, schiffbrüchiger Mann,

Und drücke mein glühendes Antlitz

 

In den feuchten Sand.

 

 

Die blauen Frühlingsaugen

 

Die blauen Frühlingsaugen

Schaun aus dem Gras hervor;

Das sind die lieben Veilchen,

Die ich zum Strauß erkor.

 

Ich pflücke sie und denke,

Und die Gedanken all,

Die mir im Herzen seufzen,

Singe laut die Nachtigall.

 

Ja, was ich denke, singt sie

Laut schmetternd, dass es schallt;

Mein zärtliches Geheimnis

Weiß schon der ganze Wald.

 

 

Die Botschaft

 

Mein Knecht! steh auf und sattle schnell,

Und wirf dich auf dein Roß,

Und jage rasch durch Wald und Feld

Nach König Dunkans Schloß.

 

Dort schleich dich in den Stall, und wart,

Bis dich der Stallbub schaut.

Den forsch mir aus: Sprich, welche ist

Von Dunkans Töchtern Braut?

 

Und spricht der Bub: "Die Braune ist′s",

So bring mir schnell die Mär.

Doch spricht der Bub: "Die Blonde ist′s",

So eilt das nicht so sehr.

 

Dann geh zum Meister Seiler hin,

Und kauf mir einen Strick,

Und reite langsam, sprich kein Wort,

Und bring mir den zurück.

 

 

Die Heil′gen Drei Könige

 

Die Heil′gen Drei Könige aus Morgenland,

sie fragten in jedem Städtchen:

"Wo geht der Weg nach Bethlehem,

ihr lieben Buben und Mädchen?"

Die Jungen und Alten, sie wussten′s nicht,

die Könige zogen weiter;

sie folgten einem goldenen Stern,

der leuchtete lieblich und heiter.

Der Stern blieb stehen über Josephs Haus,

da sind sie hineingegangen;

das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie,

die Heil′gen Drei Könige sangen.

 

 

Die Launen der Verliebten

 

Der Käfer saß auf dem Zaun, betrübt;

Er hat sich in eine Fliege verliebt.

 

"Du bist, o Fliege meiner Seele,

Die Gattin, die ich auserwähle.

 

Heirate mich und sei mir hold!

Ich hab einen Bauch von eitel Gold.

 

Mein Rücken ist eine wahre Pracht;

Da flammt der Rubin, da glänzt der Smaragd."

 

"O daß ich eine Närrin wär!

Ein′n Käfer nehm ich nimmermehr.

 

Mich lockt nicht Gold, Rubin und Smaragd;

Ich weiß, daß Reichtum nicht glücklich macht.

 

Nach Idealen schwärmt mein Sinn,

Weil ich eine stolze Fliege bin." -

 

Der Käfer flog fort mit großem Grämen;

Die Fliege ging, ein Bad zu nehmen.

 

"Wo ist denn meine Magd, die Biene,

Daß sie beim Waschen mich bediene;

 

Daß sie mir streichle die feine Haut,

Denn ich bin eines Käfers Braut.

 

Wahrhaftig, ich mach eine große Partie;

Viel schöneren Käfer gab es nie.

 

Sein Rücken ist eine wahre Pracht;

Da flammt der Rubin, da glänzt der Smaragd.

 

Sein Bauch ist gülden, hat noble Züge;

Vor Neid wird bersten gar manche Schmeißfliege.

 

Spute dich, Bienchen, und frisier mich,

Und schnüre die Taille und parfümier mich;

 

Reib mich mit Rosenessenzen, und gieße

Lavendelöl auf meine Füße,

 

Damit ich gar nicht stinken tu,

Wenn ich in des Bräut′gams Armen ruh.

 

Schon flirren heran die blauen Libellen,

Und huldigen mir als Ehrenmamsellen.

 

Sie winden mir in den Jungfernkranz

Die weiße Blüte der Pomeranz′.

 

Viel Musikanten sind eingeladen,

Auch Sängerinnen, vornehme Zikaden.

 

Rohrdommel und Horniß, Bremse und Hummel,

Sie sollen trompeten und schlagen die Trummel;

 

Sie sollen aufspielen zum Hochzeitfest -

Schon kommen die buntbeflügelten Gäst′,

 

Schon kommt die Familie, geputzt und munter;

Gemeine Insekten sind viele darunter.

 

Heuschrecken und Wespen, Muhmen und Basen,

Sie kommen heran - die Trompeten blasen.

 

Der Pastor Maulwurf im schwarzen Ornat,

Da kommt er gleichfalls - es ist schon spat.

 

Die Glocken läuten, bim-bam, bim-bam -

Wo bleibt mein liebster Bräutigam?" - -

 

Bim-bam, bim-bam, klingt Glockengeläute,

Der Bräutigam aber flog fort ins Weite.

 

Die Glocken läuten, bim-bam, bim-bam -

"Wo bleibt mein liebster Bräutigam?"

 

Der Bräutigam hat unterdessen

Auf einem fernen Misthaufen gesessen.

 

Dort blieb er sitzen sieben Jahr′,

Bis daß die Braut verfaulet war.

 

 

Diese schönen Gliedermassen

 

Diese schönen Gliedermassen

Kolossaler Weiblichkeit

Sind jetzt, ohne Widerstreit,

Meinen Wünschen überlassen.

 

Wär ich, leidenschaftentzügelt,

Eigenkräftig ihr genaht,

Ich bereute solche Tat!

Ja, sie hätte mich geprügelt.

 

Welcher Busen, Hals und Kehle!

(Höher seh ich nicht genau.)

Eh ich ihr mich anvertrau,

Gott empfehl ich meine Seele.

 

 

Entartung

 

Hat die Natur sich auch verschlechtert,

Und nimmt sie Menschenfehler an?

Mich dünkt, die Pflanzen und die Tiere,

Sie lügen jetzt wie jedermann.

 

Ich glaub nicht an der Lilie Keuschheit,

Es buhlt mit ihr der bunte Geck,

Der Schmetterling; er küßt und flattert

Am End' mit ihrer Unschuld weg.

 

Von der Bescheidenheit der Veilchen

Halt ich nicht viel. Die kleine Blum',

Mit den koketten Düften lockt sie,

Und heimlich dürstet sie nach Ruhm.

 

Ich zweifle auch, ob sie empfindet,

Die Nachtigall, das, was sie singt;

Sie übertreibt und schluchzt und trillert

Nur aus Routine, wie mich dünkt.

 

Die Wahrheit schwindet von der Erde,

Auch mit der Treu' ist es vorbei.

Die Hunde wedeln noch und stinken

Wie sonst, doch sind sie nicht mehr treu.

 

 

Doch die Kastraten klagten

 

Doch die Kastraten klagten,

Als ich meine Stimm' erhob;

Sie klagten und sie sagten:

Ich sänge viel zu grob.

Und lieblich erhoben sie alle

Die kleinen Stimmelein,

Die Trillerchen, wie Kristalle,

Sie klangen so fein und rein.

 

Sie sangen von Liebessehnen,

Von Liebe und Liebeserguß;

Die Damen schwammen in Tränen

Bei solchem Kunstgenuß.

 

 

Doña Clara

 

In dem abendlichen Garten

Wandelt des Alkaden Tochter;

Pauken- und Drommetenjubel

Klingt herunter von dem Schlosse.

›Lästig werden mir die Tänze

Und die süßen Schmeichelworte,

Und die Ritter, die so zierlich

Mich vergleichen mit der Sonne.

 

Überlästig wird mir alles,

Seit ich sah, beim Strahl des Mondes

Jenen Ritter, dessen Laute

Nächtens mich ans Fenster lockte.

 

Wie er stand so schlank und mutig,

Und die Augen leuchtend schossen

Aus dem edelblassen Antlitz,

Glich er wahrlich Sankt Georgen.‹

 

Also dachte Doña Clara,

Und sie schaute auf den Boden;

Wie sie aufblickt, steht der schöne,

Unbekannte Ritter vor ihr.

 

Händedrückend, liebeflüsternd

Wandeln sie umher im Mondschein.

Und der Zephir schmeichelt freundlich,

Märchenartig grüßen Rosen.

 

Märchenartig grüßen Rosen,

Und sie glühn wie Liebesboten. -

»Aber sage mir, Geliebte,

Warum du so plötzlich rot wirst?«

 

»Mücken stachen mich, Geliebter,

Und die Mücken sind, im Sommer,

Mir so tief verhaßt, als wären's

Langenas'ge Judenrotten.«

 

»Laß die Mücken und die Juden«,

Spricht der Ritter, freundlich kosend.

Von den Mandelbäumen fallen

Tausend weiße Blütenflocken.

 

Tausend weiße Blütenflocken

Haben ihren Duft ergossen. -

»Aber sage mir, Geliebte,

Ist dein Herz mir ganz gewogen?«

 

»Ja, ich liebe dich, Geliebter,

Bei dem Heiland sei's geschworen,

Den die gottverfluchten Juden

Boshaft tückisch einst ermordet.«

 

»Laß den Heiland und die Juden«,

Spricht der Ritter, freundlich kosend.

In der Ferne schwanken traumhaft

Weiße Lilien, lichtumflossen.

 

Weiße Lilien, lichtumflossen,

Blicken nach den Sternen droben. -

»Aber sage mir, Geliebte,

Hast du auch nicht falsch geschworen?«

 

»Falsch ist nicht in mir, Geliebter,

Wie in meiner Brust kein Tropfen

Blut ist von dem Blut der Mohren

Und des schmutz'gen Judenvolkes.«

 

»Laß die Mohren und die Juden«,

Spricht der Ritter, freundlich kosend;

Und nach einer Myrtenlaube

Führt er die Alkadentochter.

 

Mit den weichen Liebesnetzen

Hat er heimlich sie umflochten;

Kurze Worte, lange Küsse,

Und die Herzen überflossen.

 

Wie ein schmelzend süßes Brautlied

Singt die Nachtigall, die holde;

Wie zum Fackeltanze hüpfen

Feuerwürmchen auf dem Boden.

 

In der Laube wird es stiller,

Und man hört nur, wie verstohlen,

Das Geflüster kluger Myrten

Und der Blumen Atemholen.

 

Aber Pauken und Drommeten

Schallen plötzlich aus dem Schlosse,

Und erwachend hat sich Clara

Aus des Ritters Arm gezogen.

 

»Horch! da ruft es mich, Geliebter;

Doch, bevor wir scheiden, sollst du

Nennen deinen lieben Namen,

Den du mir so lang verborgen.«

 

Und der Ritter, heiter lächelnd,

Küßt die Finger seiner Doña,

Küßt die Lippen und die Stirne,

Und er spricht zuletzt die Worte:

 

»Ich, Señora, Eu'r Geliebter,

Bin der Sohn des vielbelobten,

Großen, schriftgelehrten Rabbi

Israel von Saragossa.«

 

 

Ein Traum, gar seltsam schauerlich

 

Ein Traum, gar seltsam schauerlich,

Ergötzte und erschreckte mich.

Noch schwebt mir vor manch grausig Bild,

Und in dem Herzen wogt es wild.

 

Das war ein Garten, wunderschön,

Da wollt ich lustig mich ergehn;

Viel schöne Blumen sahn mich an,

Ich hatte meine Freude dran.

 

Es zwitscherten die Vögelein

Viel muntre Liebesmelodei'n;

Die Sonne rot, von Gold umstrahlt,

Die Blumen lustig bunt bemalt.

 

Viel Balsamduft aus Kräutern rinnt,

Die Lüfte wehen lieb und lind;

Und alles schimmert, alles lacht,

Und zeigt mir freundlich seine Pracht.

 

Inmitten in dem Blumenland

Ein klarer Marmorbrunnen stand;

Da schaut ich eine schöne Maid,

Die emsig wusch ein weißes Kleid.

 

Die Wänglein süß, die Äuglein mild,

Ein blondgelocktes Heil'genbild;

Und wie ich schau, die Maid ich fand

So fremd und doch so wohlbekannt.

 

Die schöne Maid, die sputet sich,

Sie summt ein Lied gar wunderlich:

»Rinne, rinne Wässerlein,

Wasche mir das Linnen rein!«

 

Ich ging und nahete mich ihr,

Und flüsterte: »O sage mir,

Du wunderschöne, süße Maid,

Für wen ist dieses weiße Kleid?«

 

Da sprach sie schnell: »Sei bald bereit,

Ich wasche dir dein Totenkleid!«

Und als sie dies gesprochen kaum,

Zerfloß das ganze Bild, wie Schaum. -

 

Und fortgezaubert stand ich bald

In einem düstern, wilden Wald.

Die Bäume ragten himmelan;

Ich stand erstaune und sann und sann.

 

Und horch! welch dumpfer Widerhall!

Wie ferner Äxtenschläge Schall;

Ich eil durch Busch und Wildnis fort,

Und komm an einen freien Ort.

 

Inmitten in dem grünen Raum,

Da stand ein großer Eichenbaum;

Und sieh! mein Mägdlein wundersam

Haut mit dem Beil den Eichenstamm.

 

Und Schlag auf Schlag, und sonder Weil',

Summt sie ein Lied und schwingt das Beil:

»Eisen blink, Eisen blank,

Zimmre hurtig Eichenschrank!«

 

Ich ging und nahete mich ihr,

Und flüsterte: »O sage mir,

Du wundersüßes Mägdelein,

Wem zimmerst du den Eichenschrein?«

 

Da sprach sie schnell: »Die Zeit ist karg,

Ich zimmre deinen Totensarg!«

Und als sie dies gesprochen kaum,

Zerfloß das ganze Bild, wie Schaum. -

 

Es lag so bleich, es lag so weit

Ringsum nur kahle, kahle Heid';

Ich wußte nicht, wie mir geschah,

Und heimlich schaudernd stand ich da.

 

Und nun ich eben fürder schweif,

Gewahr ich einen weißen Streif;

Ich eilt drauf zu, und eilt und stand,

Und sieh! die schöne Maid ich fand.

 

Auf weiter Heid' stand weiße Maid,

Grub tief die Erd' mit Grabescheit.

Kaum wagt ich noch sie anzuschaun,

Sie war so schön und doch ein Grau'n.

 

Die schöne Maid, die sputet sich,

Sie summt ein Lied gar wunderlich:

»Spaten, Spaten, scharf und breit,

Schaufle Grube tief und weit!«

 

Ich ging und nahete mich ihr,

Und flüsterte: »O sage mir,

Du wunderschöne, süße Maid,

Was diese Grube hier bedeut't?«

 

Da sprach sie schnell: »Sei still, ich hab

Geschaufelt dir ein kühles Grab.«

Und als so sprach die schöne Maid,

Da öffnet sich die Grube weit;

 

Und als ich in die Grube schaut,

Ein kalter Schauer mich durchgraut;

Und in die dunkle Grabesnacht

Stürzt ich hinein - und bin erwacht.

 

 

Ein Weib

 

Sie hatten sich beide so herzlich lieb,

Spitzbübin war sie, er war ein Dieb.

Wenn er Schelmenstreiche machte,

Sie warf sich aufs Bette und lachte.

Der Tag verging in Freud und Lust,

Des Nachts lag sie an seiner Brust.

Als man ins Gefängnis ihn brachte,

Sie stand am Fenster und lachte.

 

Er ließ ihr sagen: »O komm zu mir,

Ich sehne mich so sehr nach dir,

Ich rufe nach dir, ich schmachte« -

Sie schüttelt' das Haupt und lachte.

 

Um sechse des Morgens ward er gehenkt,

Um sieben ward er ins Grab gesenkt;

Sie aber schon um achte

Trank roten Wein und lachte.

 

 

Anno 1829

 

Daß ich bequem verbluten kann,

Gebt mir ein edles, weites Feld!

Oh, laßt mich nicht ersticken hier

In dieser engen Krämerwelt!

 

Sie essen gut, sie trinken gut,

Erfreun sich ihres Maulwurfglücks,

Und ihre Großmut ist so groß

Als wie das Loch der Armenbüchs'.

 

Zigarren tragen sie im Maul

Und in der Hosentasch' die Händ';

Auch die Verdauungskraft ist gut -

Wer sie nur selbst verdauen könnt!

 

Sie handeln mit den Spezerei'n

Der ganzen Welt, doch in der Luft,

Trotz allen Würzen, riecht man stets

Den faulen Schellfischseelenduft.

 

Oh, daß ich große Laster säh,

Verbrechen, blutig, kolossal -

Nur diese satte Tugend nicht,

Und zahlungsfähige Moral!

 

Ihr Wolken droben, nehmt mich mit,

Gleichviel nach welchem fernen Ort!

Nach Lappland oder Afrika,

Und sei's nach Pommern - fort! nur fort!

 

Oh, nehmt mich mit - sie hören nicht -

Die Wolken droben sind so klug!

Vorüberreisend dieser Stadt,

Ängstlich beschleun'gen sie den Flug.

 

 

Autodafé

 

Welke Veilchen, stäub'ge Locken,

Ein verblichen blaues Band,

Halb zerrissene Billette,

Längst vergeßner Herzenstand -

 

In die Flammen des Kamines

Werf ich sie verdroßnen Blicks;

Ängstlich knistern diese Trümmer

Meines Glücks und Mißgeschicks.

 

Liebeschwüre, flatterhafte

Falsche Eide, in den Schlot

Fliegen sie hinauf - es kichert

Unsichtbar der kleine Gott.

 

Bei den Flammen des Kamines

Sitz ich träumend, und ich seh,

Wie die Fünkchen in der Asche

Still verglühn - Gut' Nacht - Ade!

 

 

Da droben auf jenem Berge

 

Da droben auf jenem Berge,

Da steht ein feines Schloß,

Da wohnen drei schöne Fräulein,

Von denen ich Liebe genoß.

 

Sonnabend küßte mich Jette,

Und Sonntag die Julia,

Und Montag die Kunigunde,

Die hat mich erdrückt beinah.

 

Doch Dienstag war eine Fete

Bei meinen drei Fräulein im Schloß;

Die Nachbarschafts-Herren und -Damen,

Die kamen zu Wagen und Roß.

 

Ich aber war nicht geladen,

Und das habt ihr dumm gemacht!

Die zischelnden Muhmen und Basen,

Die merkten's und haben gelacht.

 

 

Das goldene Kalb

 

Doppelflöten, Hörner, Geigen

Spielen auf zum Götzenreigen,

Und es tanzen Jakobs Töchter

Um das Goldne Kalb herum -

Brum - brum - brum -

Paukenschläge und Gelächter!

 

Hochgeschürzt bis zu den Lenden

Und sich fassend an den Händen,

Jungfraun edelster Geschlechter

Kreisen wie ein Wirbelwind

Um das Rind -

Paukenschläge und Gelächter!

 

Aaron selbst wird fortgezogen

Von des Tanzes Wahnsinnwogen,

Und er selbst, der Glaubenswächter,

Tanzt im Hohenpriesterrock,

Wie ein Bock -

Paukenschläge und Gelächter!

 

 

Das weiß Gott, wo sich die tolle

 

Das weiß Gott, wo sich die tolle

Dirne einquartieret hat;

Fluchend, in dem Regenwetter,

Lauf ich durch die ganze Stadt.

 

Bin ich doch von einem Gasthof

Nach dem andern hingerannt,

Und an jeden groben Kellner

Hab ich mich umsonst gewandt.

 

Da erblick ich sie am Fenster,

Und sie winkt und kichert hell.

Konnt ich wissen, du bewohntest,

Mädchen, solches Prachthotel!

 

 

Den König Wiswamitra

 

Den König Wiswamitra,

Den treibt's ohne Rast und Ruh',

Er will durch Kampf und Büßung

Erwerben Wasischtas Kuh.

 

Oh, König Wiswamitra,

Oh, welch ein Ochs bist du,

Daß du soviel kämpfest und büßest,

Und alles für eine Kuh!

 

 

Der Apollogott

 

1

Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut,

Der Rhein vorüberrauschet;

Wohl durch das Gitterfenster schaut

Die junge Nonne und lauschet.

 

Da fährt ein Schifflein, märchenhaft

Vom Abendrot beglänzet;

Es ist bewimpelt von buntem Taft,

Von Lorbeern und Blumen bekränzet.

 

Ein schöner blondgelockter Fant

Steht in des Schiffes Mitte;

Sein goldgesticktes Purpurgewand

Ist von antikem Schnitte.

 

Zu seinen Füßen liegen da

Neun marmorschöne Weiber;

Die hochgeschürzte Tunika

Umschließt die schlanken Leiber.

 

Der Goldgelockte lieblich singt

Und spielt dazu die Leier;

Ins Herz der armen Nonne dringt

Das Lied und brennt wie Feuer.

 

Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmal

Schlägt sie ein Kreuz, die Nonne;

Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual,

Nicht bannt es die bittre Wonne.

 

2

»Ich bin der Gott der Musika,

Verehrt in allen Landen;

Mein Tempel hat in Gräcia

Auf Mont-Parnaß gestanden.

 

Auf Mont-Parnaß in Gräcia,

Da hab ich oft gesessen

Am holden Quell Kastalia,

Im Schatten der Zypressen.

 

Vokalisierend saßen da

Um mich herum die Töchter,

Das sang und klang la-la, la-la!

Geplauder und Gelächter.

 

Mitunter rief tra-ra, tra-ra!

Ein Waldhorn aus dem Holze;

Dort jagte Artemisia,

Mein Schwesterlein, die Stolze.

 

Ich weiß es nicht, wie mir geschah:

Ich brauchte nur zu nippen

Vom Wasser der Kastalia,

Da tönten meine Lippen.

 

Ich sang - und wie von selbst beinah

Die Leier klang, berauschend

Mir war, als ob ich Daphne sah,

Aus Lorbeerbüschen lauschend.

 

Ich sang - und wie Ambrosia

Wohlrüche sich ergossen,

Es war von einer Gloria

Die ganze Welt umflossen.

 

Wohl tausend Jahr' aus Gräcia

Bin ich verbannt, vertrieben -

Doch ist mein Herz in Gräcia,

In Gräcia geblieben.«

 

3

In der Tracht der Beguinen,

In dem Mantel mit der Kappe

Von der gröbsten schwarzen Serge,

Ist vermummt die junge Nonne.

 

Hastig längs des Rheines Ufern

Schreitet sie hinab die Landstraß',

Die nach Holland führt, und hastig

Fragt sie jeden, der vorbeikommt:

 

»Habt Ihr nicht gesehn Apollo?

Einen roten Mantel trägt er,

Lieblich singt er, spielt die Leier,

Und er ist mein holder Abgott.«

 

Keiner will ihr Rede stehen,

Mancher dreht ihr stumm den Rücken,

Mancher glotzt sie an und lächelt,

Mancher seufzet: »Armes Kind!«

 

Doch des Wegs herangetrottelt

Kommt ein schlottrig alter Mensch,

Fingert in der Luft, wie rechnend,

Näselnd singt er vor sich hin.

 

Einen schlappen Quersack trägt er,

Auch ein klein dreieckig Hütchen;

Und mit schmunzelnd klugen Äuglein

Hört er an den Spruch der Nonne:

 

»Habt Ihr nicht gesehn Apollo?

Einen roten Mantel trägt er,

Lieblich singt er, spielt die Leier,

Und er ist mein holder Abgott.«

 

Jener aber gab zur Antwort,

Während er sein Köpfchen wiegte

Hin und her, und gar possierlich

Zupfte an dem spitzen Bärtchen:

 

»Ob ich ihn gesehen habe?

Ja, ich habe ihm gesehen

Oft genug zu Amsterdam,

In der deutschen Synagoge.

 

Denn er war Vorsänger dorten,

Und da hieß er Rabbi Faibisch,

Was auf Hochdeutsch heiße Apollo -

Doch mein Abgott ist er nicht.

 

Roter Mantel? Auch den roten

Mantel kenn ich. Echter Scharlach,

Kostet acht Florin die Elle,

Und ist noch nicht ganz bezahlt.

 

Seinen Vater Moses Jitscher

Kenn ich gut. Vorhautabschneider

Ist er bei den Portugiesen.

Er beschnitt auch Souveräne.

 

Seine Mutter ist Cousine

Meines Schwagers, und sie handelt

Auf der Gracht mit sauern Gurken

Und mit abgelebten Hosen.

 

Haben kein Pläsier am Sohne.

Dieser spielt sehr gut die Leier,

Aber leider noch viel besser

Spielt er oft Tarock und L'hombre.

 

Auch ein Freigeist ist er, aß

Schweinefleisch, verlor sein Amt,

Und er zog herum im Lande

Mit geschminkten Komödianten.

 

In den Buden, auf den Märkten,

Spielte er den Pickelhering,

Holofernes, König David,

Diesen mit dem besten Beifall.

 

Denn des Königs eigne Lieder

Sang er in des Königs eigner

Muttersprache, tremulierend

In des Nigens alter Weise.

 

Aus dem Amsterdamer Spielhuis

Zog er jüngst etwelche Dirnen,

Und mit diesen Musen zieht er

Jetzt herum als ein Apollo.

 

Eine dicke ist darunter,

Die vorzüglich quiekt und grünzelt;

Ob dem großen Lorbeerkopfputz

Nennt man sie die grüne Sau.«

 

 

Der Gesang der Okeaniden

 

Abendlich blasser wird es am Meer,

Und einsam, mit seiner einsamen Seele,

Sitze dort ein Mann auf dem kahlen Strand,

Und schaut, todkalten Blickes, hinauf

Nach der weiten, todkalten Himmelswölbung,

Und schaut auf das weite, wogende Meer -

Und über das weite, wogende Meer,

Lüftesegler, ziehn seine Seufzer,

Und kehren zurück, trübselig,

Und hatten verschlossen gefunden das Herz,

Worin sie ankern wollten -

Und er stöhnt so laut, daß die weißen Möwen,

Aufgescheucht aus den sandigen Nestern,

Ihn herdenweis umflattern,

Und er spricht zu ihnen die lachenden Worte:

»Schwarzbeinigte Vögel,

Mit weißen Flügeln meerüberflatternde,

Mit krummen Schnäbeln seewassersaufende,

Und tranigtes Robbenfleisch fressende,

Eu'r Leben ist bitter wie eure Nahrung!

Ich aber, der Glückliche, koste nur Süßes!

Ich koste den süßen Duft der Rose,

Der mondscheingefütterten Nachtigallbraut,

Ich koste noch süßeres Zuckerbackwerk,

Gefüllt mit geschlagener Sahne;

Und das Allersüßeste kost ich,

Süße Liebe und süßes Geliebtsein.

 

Sie liebt mich! sie liebt mich! die holde Jungfrau!

Jetzt steht sie daheim, am Erker des Hauses,

Und schaut in die Dämmrung hinaus, auf die Landstraß',

Und horcht und sehnt sich nach mir - wahrhaftig!

Vergebens späht sie umher und sie seufzet,

Und seufzend steigt: sie hinab in den Garten,

Und wandelt in Duft und Mondschein,

Und spricht mit den Blumen, erzählet ihnen,

Wie ich, der Geliebte, so lieblich bin

Und so liebenswürdig - wahrhaftig!

Nachher im Bette, im Schlafe, im Traum,

Umgaukelt sie selig mein teures Bild,

Sogar des Morgens, beim Frühstück,

Auf dem glänzenden Butterbrote,

Sieht sie mein lächelndes Antlitz,

Und sie frißt es auf vor Liebe - wahrhaftig!«

 

Also prahlt er und prahlt er,

Und zwischendrein schrillen die Möwen,

Wie kaltes, ironisches Kichern.

Die Dämmrungsnebel steigen herauf;

Aus violettem Gewölk, unheimlich,

Schaut hervor der grasgelbe Mond;

Hochaufrauschen die Meereswogen,

Und tief aus hochaufrauschendem Meer,

Wehmütig wie flüsternder Windzug,

Tönt der Gesang der Okeaniden,

Der schönen, mitleidigen Wasserfraun,

Vor allen vernehmbar die liebliche Stimme

Der silberfüßigen Peleus-Gattin,

Und sie seufzen und singen:

 

»O Tor, du Tor, du prahlender Tor!

Du kummergequälter!

Dahingemordet sind all deine Hoffnungen,

Die tändelnden Kinder des Herzens,

Und, ach! dein Herz, Nioben gleich,

Versteinert vor Gram!

In deinem Haupte wird's Nacht,

Und es zucken hindurch die Blitze des Wahnsinns,

Und du prahlst vor Schmerzen!

O Tor, du Tor, du prahlender Tor!

Halsstarrig bist du wie dein Ahnherr,

Der hohe Titane, der himmlisches Feuer

Den Göttern stahl und den Menschen gab,

Und geiergequälet, felsengefesselt,

Olymp-auf trotzte und trotzte und stöhnte,

Daß wir es hörten im tiefen Meer,

Und zu ihm kamen mit Trostgesang.

 

O Tor, du Tor, du prahlender Tor!

Du aber bist ohnmächtiger noch,

Und es wäre vernünftig, du ehrtest die Götter,

Und trügest geduldig die Last des Elends,

Und trügest geduldig so lange, so lange,

Bis Atlas selbst die Geduld verliere,

Und die schwere Welt von den Schultern abwirft

In die ewige Nacht.«

 

So scholl der Gesang der Okeaniden,

Der schönen, mitleidigen Wasserfraun,

Bis lautere Wogen ihn überrauschten -

Hinter die Wolken zog sich der Mond,

Es gähnte die Nacht,

Und ich saß noch lange im Dunkeln und weinte.

 

 

Der Kaiser von China

 

Mein Vater war ein trockner Taps,

Ein nüchterner Duckmäuser,

Ich aber trinke meinen Schnaps

Und bin ein großer Kaiser.

Das ist ein Zaubertrank! Ich hab's

Entdeckt in meinem Gemüte:

Sobald ich getrunken meinen Schnaps,

Steht China ganz in Blüte.

 

Das Reich der Mitte verwandelt sich dann

In einen Blumenanger,

Ich selber werde fast ein Mann,

Und meine Frau wird schwanger.

 

Allüberall ist Überfluß,

Und es gesunden die Kranken;

Mein Hofweltweiser Confusius

Bekömmt die klarsten Gedanken.

 

Der Pumpernickel des Soldats

Wird Mandelkuchen - O Freude!

Und alle Lumpen meines Staats

Spazieren in Samt und Seide.

 

Die Mandarinenritterschaft,

Die invaliden Köpfe,

Gewinnen wieder Jugendkraft

Und schütteln ihre Zöpfe.

 

Die große Pagode, Symbol und Hort

Des Glaubens, ist fertig geworden;

Die letzten Juden taufen sich dort

Und kriegen den Drachenorden.

 

Es schwindet der Geist der Revolution,

Und es rufen die edelsten Mandschu:

»Wir wollen keine Konstitution,

Wir wollen den Stock, den Kantschu!«

 

Wohl haben die Schüler Äskulaps

Das Trinken mir widerraten,

Ich aber trinke meinen Schnaps

Zum Besten meiner Staaten.

 

Und noch einen Schnaps, und noch einen Schnaps!

Das schmeckt wie lauter Manna!

Mein Volk ist glücklich, hat's auch den Raps,

Und jubelt: »Hosianna!«

 

 

Der Philantrop

 

Das waren zwei liebe Geschwister,

Die Schwester war arm, der Bruder war reich.

Zum Reichen sprach die Arme:

»Gib mir ein Stückchen Brot.«

Zur Armen sprach der Reiche:

»Laß mich nur heut in Ruh'.

Heut geb ich mein jährliches Gastmahl

Den Herren vom großen Rat.

 

Der eine liebt Schildkrötensuppe,

Der andre Ananas,

Der dritte ißt gern Fasanen

Mit Trüffeln von Périgord.

 

Der vierte speist nur Seefisch,

Der fünfte verzehrt auch Lachs,

Der sechste, der frißt alles,

Und trinkt noch mehr dazu.«

 

Die arme, arme Schwester

Ging hungrig wieder nach Haus;

Sie warf sich auf den Strohsack

Und seufzte tief und starb.

 

Wir müssen alle sterben!

Des Todes Sense trifft

Am End' den reichen Bruder,

Wie er die Schwester traf.

 

Und als der reiche Bruder

Sein Stündlein kommen sah,

Da schickt' er zum Notare

Und macht' sein Testament.

 

Beträchtliche Legate

Bekam die Geistlichkeit,

Die Schulanstalten, das große

Museum für Zoologie.

 

Mit edlen Summen bedachte

Der große Testator zumal

Die Judenbekehrungsgesellschaft

Und das Taubstummeninstitut.

 

Er schenkte eine Glocke

Dem neuen Sankt-Stephans-Turm;

Die wiegt fünfhundert Zentner

Und ist vom besten Metall.

 

Das ist eine große Glocke

Und läutet spat und früh;

Sie läutet zum Lob und Ruhme

Des unvergeßlichen Manns.

 

Sie meldet mit eherner Zunge,

Wieviel er Gutes getan

Der Stadt und seinen Mitbürgern

Von jeglicher Konfession.

 

Du großer Wohltäter der Menschheit!

Wie im Leben, soll auch im Tod

Jedwede deiner Wohltaten

Verkünden die große Glock'!

 

Das Leichenbegängnis wurde

Gefeiert mit Prunk und Pracht;

Es strömte herbei die Menge

Und staunte ehrfurchtsvoll.

 

Auf einem schwarzen Wagen,

Der gleich einem Baldachin

Mit schwarzen Straußfederbüscheln

Gezieret, ruhte der Sarg.

 

Der strotzte von Silberblechen

Und Silberstickerei'n;

Es machte auf schwarzem Grunde

Das Silber den schönsten Effekt.

 

Den Wagen zogen sechs Rosse,

In schwarzen Decken vermummt;

Die fielen gleich Trauermänteln

Bis zu den Hufen hinab.

 

Dicht hinter dem Sarge gingen

Bediente in schwarzer Livree,

Schneeweiße Schnupftücher haltend

Vor dem kummerroten Gesicht.

 

Sämtliche Honoratioren

Der Stadt, ein langer Zug

Von schwarzen Paradekutschen,

Wackelte hintennach.

 

In diesem Leichenzuge,

Versteht sich, befanden sich auch

Die Herren vom hohen Rate,

Doch waren sie nicht komplett.

 

Es fehlte jener, der gerne

Fasanen mit Trüffeln aß;

War kurz vorher gestorben

An einer Indigestion.

 

 

Der Sturm spielt auf zum Tanze

 

Der Sturm spielt auf zum Tanze,

Er pfeift und saust und brüllt;

Heisa! wie springt das Schifflein!

Die Nacht ist lustig und wild.

 

Ein lebendes Wassergebirge

Bildet die tosende See;

Hier gähne ein schwarzer Abgrund,

Dort türmt es sich weiß in die Höh'.

 

Ein Fluchen, Erbrechen und Beten

Schallt aus der Kajüte heraus;

Ich halte mich fest am Mastbaum

Und wünsche: Wär ich zu Haus.

 

 

Die Erde war so lange geizig

 

Die Erde war so lange geizig

Da kam der Mai, und sie ward spendabel,

Und alles lacht, und jauchzt, und freut sich,

Ich aber bin nicht zu lachen kapabel.

Die Blumen sprießen, die Glöcklein schallen,

Die Vögel sprechen wie in der Fabel;

Mir aber will das Gespräch nicht gefallen,

Ich finde alles miserabel.

 

Das Menschenvolk mich ennuyieret,

Sogar der Freund, der sonst passabel; -

Das kömmt, weil man Madame titulieret

Mein süßes Liebchen, so süß und aimabel.

 

 

Die holden Wünsche blühen

 

Die holden Wünsche blühen,

Und welken wieder ab,

Und blühen und welken wieder -

So geht es bis ans Grab.

 

Das weiß ich, und das vertrübet

Mir alle Lieb' und Lust;

Mein Herz ist so klug und witzig,

Und verblutet in meiner Brust.

 

 

Die Jungfrau schläft in der Kammer

 

Die Jungfrau schläft in der Kammer,

Der Mond schaut zitternd hinein;

Da draußen singt es und klingt es,

Wie Walzermelodei'n.

»Ich will mal schaun aus dem Fenster,

Wer drunten stört meine Ruh'«

Da steht ein Totengerippe,

Und fiedelt und singt dazu:

 

»Hast einst mir den Tanz versprochen,

Und hast gebrochen dein Wort,

Und heut ist Ball auf dem Kirchhof,

Komm mit, wir tanzen dort.«

 

Die Jungfrau ergreift es gewaltig,

Es lockt sie hervor aus dem Haus;

Sie folgt dem Gerippe, das singend

Und fiedelnd schreitet voraus.

 

Es fiedelt und tänzelt und hüpfet,

Und klappert mit seinem Gebein,

Und nickt und nickt mit dem Schädel

Unheimlich im Mondenschein.

 

 

Die Libelle

 

Es tanzt die schöne Libelle

Wohl auf des Baches Welle;

Sie tanzt daher, sie tanzt dahin,

Die schimmernde, flimmernde Gauklerin.

Gar mancher junge Käfertor

Bewundert ihr Kleid von blauem Flor,

Bewundert des Leibchens Emaille

Und auch die schlanke Taille.

 

Gar mancher junge Käfertor

Sein bißchen Käferverstand verlor;

Die Buhlen sumsen von Lieb' und Treu,

Versprechen Holland und Brabant dabei.

 

Die schöne Libelle lacht und spricht:

»Holland und Brabant brauch ich nicht,

Doch sputet euch, ihr Freier,

Und holt mir ein Fünkchen Feuer.

 

Die Köchin kam in Wochen,

Muß selbst mein Süpplein kochen;

Die Kohlen des Herdes erloschen sind -

Holt mir ein Fünkchen Feuer geschwind.«

 

Kaum hat die Falsche gesprochen das Wort,

Die Käfer flatterten eilig fort.

Sie suchen Feuer, und lassen bald

Weit hinter sich den Heimatwald.

 

Sie sehen Kerzenlicht, ich glaube

In einer erleuchteten Gartenlaube;

Und die Verliebten, mit blindem Mut

Stürzen sie sich in die Kerzenglut.

 

Knisternd verzehrten die Flammen der Kerzen

Die Käfer und ihre liebenden Herzen;

Die einen büßten das Leben ein,

Die andern nur die Flügelein.

 

O wehe dem Käfer, welchem verbrannt

Die Flügel sind! Im fremden Land

Muß er wie ein Wurm am Boden kriechen,

Mit feuchten Insekten, die häßlich riechen.

 

»Die schlechte Gesellschaft«, hört man ihn klagen,

»Ist im Exil die schlimmste der Plagen.

Wir müssen verkehren mit einer Schar

Von Ungeziefer, von Wanzen sogar,

 

Die uns behandeln als Kameraden,

Weil wir im selben Schmutze waten -

Drob klagte schon der Schüler Virgils,

Der Dichter der Hölle und des Exils.

 

Ich denke mit Gram an die bessere Zeit,

Wo ich mit beflügelter Herrlichkeit

Im Heimatäther gegaukelt,

Auf Sonnenblumen geschaukelt,

 

Aus Rosenkelchen Nahrung sog

Und vornehm war, und Umgang pflog

Mit Schmetterlingen von adligem Sinn,

Und mit der Zikade, der Künstlerin -

 

Jetzt sind meine armen Flügel verbrannt;

Ich kann nicht zurück ins Vaterland,

Ich bin ein Wurm, und ich verrecke

Und ich verfaule im fremden Drecke.

 

Oh, daß ich nie gesehen hätt

Die Wasserfliege, die blaue Kokett'

Mit ihrer feinen Taille -

Die schöne, falsche Kanaille!«

 

 

Die Mitternacht war kalt und stumm

 

Die Mitternacht war kalt und stumm;

Ich irrte klagend im Wald herum.

Ich habe die Bäum' aus dem Schlaf gerüttelt;

Sie haben mitleidig die Köpfe geschüttelt.

 

 

Die Nacht am Strande

 

Sternlos und kalt ist die Nacht,

Es gärt das Meer;

Und über dem Meer, platt auf dem Bauch,

Liegt der ungestaltete Nordwind,

Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme,

Wie 'n störriger Griesgram, der gut gelaunt wird,

Schwatzt er ins Wasser hinein,

Und erzählt viel tolle Geschichten,

Riesenmärchen, totschlaglaunig,

Uralte Sagen aus Norweg,

Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult er

Beschwörungslieder der Edda,

Auch Runensprüche,

So dunkeltrotzig und zaubergewaltig,

Daß die weißen Meerkinder

Hoch aufspringen und jauchzen,

Übermutberauscht.

Derweilen, am flachen Gestade,

Über den flutbefeuchteten Sand,

Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen,

Das wilder noch als Wind und Wellen.

Wo er hintritt,

Sprühen Funken und knistern die Muscheln;

Und er hüllt sich fest in den grauen Mantel,

Und schreitet rasch durch die wehende Nacht; -

Sicher geleitet vom kleinen Lichte,

Das lockend und lieblich schimmert

Aus einsamer Fischerhütte.

 

Vater und Bruder sind auf der See,

Und mutterseelenallein blieb dort

In der Hütte die Fischertochter,

Die wunderschöne Fischertochter.

Am Herde sitzt sie,

Und horcht auf des Wasserkessels

Ahnungssüßes, heimliches Summen,

Und schüttet knisterndes Reisig ins Feuer,

Und bläst hinein,

Daß die flackernd roten Lichter

Zauberlieblich widerstrahlen

Auf das blühende Antlitz,

Auf die zarte, weiße Schulter,

Die rührend hervorlauscht

Aus dem groben, grauen Hemde,

Und auf die kleine, sorgsame Hand,

Die das Unterröckchen fester bindet

Um die feine Hüfte.

 

Aber plötzlich, die Tür springt auf,

Und es tritt herein der nächtige Fremdling;

Liebesicher ruht sein Auge

Auf dem weißen, schlanken Mädchen,

Das schauernd vor ihm steht,

Gleich einer erschrockenen Lilie;

Und er wirft den Mantel zur Erde,

Und lacht und spricht:

 

»Siehst du, mein Kind, ich halte Wort,

Und ich komme, und mit mir kommt

Die alte Zeit, wo die Götter des Himmels

Niederstiegen zu Töchtern der Menschen,

Und die Töchter der Menschen umarmten

Und mit ihnen zeugten

Zeptertragende Königsgeschlechter

Und Helden, Wunder der Welt.

Doch staune, mein Kind, nicht länger

Ob meiner Göttlichkeit,

Und, ich bitte dich, koche mir Tee mit Rum;

Denn draußen war's kalt,

Und bei solcher Nachtluft

Frieren auch wir, wir ewigen Götter,

Und kriegen wir leicht den göttlichsten Schnupfen

Und einen unsterblichen Husten.«

 

 

Die Rose duftet - doch ob sie empfindet

 

Die Rose duftet - doch ob sie empfindet

Das, was sie duftet, ob die Nachtigall

Selbst fühlt, was sich durch unsre Seele windet

Bei ihres Liedes süßem Widerhall; -

Ich weiß es nicht. Doch macht uns gar verdrießlich

Die Wahrheit oft! Und Ros' und Nachtigall,

Erlögen sie auch das Gefühl, ersprießlich

Wär solche Lüge, wie in manchem Fall -

 

 

Die Unbekannte

 

Meiner goldgelockten Schönen

Weiß ich täglich zu begegnen,

In dem Tuileriengarten,

Unter den Kastanienbäumen.

 

Täglich geht sie dort spazieren,

Mit zwei häßlich alten Damen -

Sind es Tanten? Sind's Dragoner,

Die vermummt in Weiberröcken?

 

Niemand konnt mir Auskunft geben,

Wer sie sei. Bei allen Freunden

Frug ich nach, und stets vergebens!

Ich erkrankte fast vor Sehnsucht.

 

Eingeschüchtert von dem Schnurrbart

Ihrer zwei Begleiterinnen,

Und von meinem eignen Herzen

Noch viel strenger eingeschüchtert,

 

Wagt ich nie ein seufzend Wörtchen

Im Vorübergehn zu flüstern,

Und ich wagte kaum mit Blicken

Meine Flamme zu bekunden.

 

Heute erst hab ich erfahren

Ihren Namen. Laura heißt sie,

Wie die schöne Provenzalin,

Die der große Dichter liebte.

 

Laura heißt sie! Nun da bin ich

Just so weit wie einst Petrarca,

Der das schöne Weib gefeiert

In Kanzonen und Sonetten.

 

Laura heißt sie! Wie Petrarca

Kann ich jetzt platonisch schwelgen

In dem Wohllaut dieses Namens -

Weiter hat er's nie gebracht.

 

 

Epilog

 

Unser Grab erwärmt der Ruhm.

Torenworte! Narrentum!

Eine beßre Wärme gibt

Eine Kuhmagd, die verliebt

Uns mit dicken Lippen küßt

Und beträchtlich riecht nach Mist.

Gleichfalls eine beßre Wärme

Wärmt dem Menschen die Gedärme,

Wenn er Glühwein trinkt und Punsch

Oder Grog nach Herzenswunsch

In den niedrigsten Spelunken,

Unter Dieben und Halunken,

Die dem Galgen sind entlaufen,

Aber leben, atmen, schnaufen,

Und beneidenswerter sind

Als der Thetis großes Kind -

Der Pelide sprach mit Recht:

»Leben wie der ärmste Knecht

In der Oberwelt ist besser,

Als am stygischen Gewässer

Schattenführer sein, ein Heros,

Den besungen selbst Homeros.«

 

 

Erinnerung

 

Dem einen die Perle, dem andern die Truhe,

O Wilhelm Wisetzki, du starbest so fruhe -

Doch die Katze, die Katz' ist gerettet.

 

Der Balken brach, worauf er geklommen,

Da ist er im Wasser umgekommen -

Doch die Katze, die Katz' ist gerettet.

 

Wir folgten der Leiche, dem lieblichen Knaben,

Sie haben ihn unter Maiblumen begraben -

Doch die Katze, die Katz' ist gerettet.

 

Bist klug gewesen, du bist entronnen

Den Stürmen, hast früh ein Obdach gewonnen -

Doch die Katze, die Katz' ist gerettet.

 

Bist früh entronnen, bist klug gewesen,

Noch eh' du erkranktest, bist du genesen -

Doch die Katze, die Katz' ist gerettet.

 

Seit langen Jahren, wie oft, o Kleiner,

Mit Neid und Wehmut gedenk ich deiner -

Doch die Katze, die Katz' ist gerettet.

 

 

Es blasen die blauen Husaren

 

Es blasen die blauen Husaren,

Und reiten zum Tor hinaus;

Da komm ich, Geliebte, und bringe

Dir einen Rosenstrauß.

 

Das war eine wilde Wirtschaft!

Kriegsvolk und Landesplag'!

Sogar in deinem Herzchen

Viel Einquartierung lag.

 

 

Es leuchtet meine Liebe

 

Es leuchtet meine Liebe,

In ihrer dunkeln Pracht,

Wie 'n Märchen traurig und trübe,

Erzählt in der Sommernacht.

 

»Im Zaubergarten wallen

Zwei Buhlen, stumm und allein;

Es singen die Nachtigallen,

Es flimmert der Mondenschein.

 

Die Jungfrau steht still wie ein Bildnis,

Der Ritter vor ihr kniet.

Da kommt der Riese der Wildnis,

Die bange Jungfrau flieht.

 

Der Ritter sinkt blutend zur Erde,

Es stolpert der Riese nach Haus« -

Wenn ich begraben werde,

Dann ist das Märchen aus.

 

 

Es ziehen die brausenden Wellen

 

Es ziehen die brausenden Wellen

Wohl nach dem Strand;

Sie schwellen und zerschellen

Wohl auf dem Sand.

 

Sie kommen groß und kräftig,

Ohn Unterlaß;

Sie werden endlich heftig -

Was hilft uns das ?

 

 

Fragen

 

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer

Steht ein Jüngling-Mann,

Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,

Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:

 

»O löst mir das Rätsel des Lebens,

Das qualvoll uralte Rätsel,

Worüber schon manche Häupter gegrübelt,

Häupter in Hieroglyphenmützen,

Häupter in Turban und schwarzem Barett,

Perückenhäupter und tausend andre

Arme, schwitzende Menschenhäupter -

Sagt mir, was bedeutet der Mensch?

Woher ist er kommen? Wo geht er hin?

Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?«

 

Es murmeln die Wogen ihr ew'ges Gemurmel,

Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,

Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,

Und ein Narr wartet auf Antwort.

 

 

Frau Mette

 

Herr Peter und Bender saßen beim Wein,

Herr Bender sprach: »Ich wette,

Bezwänge dein Singen die ganze Welt,

Doch nimmer bezwingt es Frau Mette.«

 

Herr Peter sprach: »Ich wette mein Roß,

Wohl gegen deine Hunde,

Frau Mette sing ich nach meinem Hof,

Noch heut, in der Mitternachtstunde.«

 

Und als die Mitternachtstunde kam,

Herr Peter hub an zu singen;

Wohl über den Fluß, wohl über den Wald

Die süßen Töne dringen.

 

Die Tannenbäume horchen so still,

Die Flut hört auf zu rauschen,

Am Himmel zittert der blasse Mond,

Die klugen Sterne lauschen.

 

Frau Mette erwacht aus ihrem Schlaf:

»Wer singt vor meiner Kammer?«

Sie achselt ihr Kleid, sie schreitet hinaus; -

Das ward zu großem Jammer.

 

Wohl durch den Wald, wohl durch den Fluß

Sie schreitet unaufhaltsam;

Herr Peter zog sie nach seinem Hof

Mit seinem Liede gewaltsam.

 

Und als sie morgens nach Hause kam,

Vor der Türe stand Herr Bender:

»Frau Mette, wo bist du gewesen zur Nacht,

Es triefen deine Gewänder?«

 

»Ich war heut nacht am Nixenfluß,

Dort hört ich prophezeien,

Es plätscherten und bespritzten mich

Die neckenden Wasserfeien.«

 

»Am Nixenfluß ist feiner Sand,

Dort bist du nicht gegangen,

Zerrissen und blutig sind deine Füß',

Auch bluten deine Wangen.«

 

»Ich war heut nacht im Elfenwald,

Zu schauen den Elfenreigen,

Ich hab mir verwundet Fuß und Gesicht,

An Dornen und Tannenzweigen.«

 

»Die Elfen tanzen im Monat Mai,

Auf weichen Blumenfeldern,

Jetzt aber herrscht der kalte Herbst

Und heult der Wind in den Wäldern.«

 

»Bei Peter Nielsen war ich heut nacht,

Er sang, und zaubergewaltsam,

Wohl durch den Wald, wohl durch den Fluß,

Es zog mich unaufhaltsam.

 

Sein Lied ist stark als wie der Tod,

Es lockt in Nacht und Verderben.

Noch brennt mir im Herzen die tönende Glut;

Ich weiß, jetzt muß ich sterben.« -

 

Die Kirchentür ist schwarz behängt,

Die Trauerglocken läuten;

Das soll den jämmerlichen Tod

Der armen Frau Mette bedeuten.

 

Herr Bender steht vor der Leichenbahr',

Und seufzt aus Herzensgrunde:

»Nun hab ich verloren mein schönes Weib

Und meine treuen Hunde.«

 

 

Frau Sorge

 

In meines Glückes Sonnenglanz,

Da gaukelte fröhlich der Mückentanz.

Die lieben Freunde liebten mich

Und teilten mit mir brüderlich

Wohl meinen besten Braten

Und meinen letzten Dukaten.

Das Glück ist fort, der Beutel leer,

Und hab auch keine Freunde mehr;

Erloschen ist der Sonnenglanz,

Zerstoben ist der Mückentanz,

Die Freunde, so wie die Mücke,

Verschwinden mit dem Glücke.

 

An meinem Bett in der Winternacht

Als Wärterin die Sorge wacht.

Sie trägt eine weiße Unterjack',

Ein schwarzes Mützchen, und schnupft Tabak.

Die Dose knarrt so gräßlich,

Die Alte nickt so häßlich.

 

Mir träumt manchmal, gekommen sei

Zurück das Glück und der junge Mai

Und die Freundschaft und der Mückenschwarm

Da knarrt die Dose - daß Gott erbarm,

Es platzt die Seifenblase -

Die Alte schneuzt die Nase.

 

Fresko-Sonette an Christian S.

 

I

Ich tanz nicht mit, ich räuchre nicht den Klötzen,

Die außen goldig sind, inwendig Sand;

Ich schlag nicht ein, reicht mir ein Bub die Hand,

Der heimlich mir den Namen will zerfetzen.

 

Ich beug mich nicht vor jenen hübschen Metzen,

Die schamlos prunken mit der eignen Schand';

Ich zieh nicht mit, wenn sich der Pöbel spannt

Vor Siegeswagen seiner eiteln Götzen.

 

Ich weiß es wohl, die Eiche muß erliegen,

Derweil das Rohr am Bach, durch schwankes Biegen,

In Wind und Wetter stehnbleibt, nach wie vor.

 

Doch sprich, wie weit bringt's wohl am End' solch Rohr?

Welch Glück! als ein Spazierstock dient's dem Stutzer,

Als Kleiderklopfer dient's dem Stiefelputzer.

 

II

Gib her die Larv', ich will mich jetzt maskieren

In einen Lumpenkerl, damit Halunken,

Die prächtig in Charaktermasken prunken,

Nicht wähnen, ich sei einer von den Ihren.

 

Gib her gemeine Worte und Manieren,

Ich zeige mich in Pöbelart versunken,

Verleugne all die schönen Geistesfunken,

Womit jetzt fade Schlingel kokettieren.

 

So tanz ich auf dem großen Maskenballe,

Umschwärme von deutschen Rittern, Mönchen, Kön'gen,

Von Harlekin gegrüßt, erkannt von wen'gen.

 

Mit ihrem Holzschwert prügeln sie mich alle.

Das ist der Spaß. Denn wollt ich mich entmummen,

So müßte all das Galgenpack verstummen.

 

III

Ich lache ob den abgeschmackten Laffen,

Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern;

Ich lache ob den Füchsen, die so nüchtern

Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen.

 

Ich lache ob den hochgelahrten Affen,

Die sich aufblähn zu stolzen Geistesrichtern;

Ich lache ob den feigen Bösewichtern,

Die mich bedrohn mit giftgetränkten Waffen.

 

Denn wenn des Glückes hübsche Siebensachen

Uns von des Schicksals Händen sind zerbrochen,

Und so zu unsern Füßen hingeschmissen;

 

Und wenn das Herz im Leibe ist zerrissen,

Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen -

Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen.

 

IV

Im Hirn spukt mir ein Märchen wunderfein,

Und in dem Märchen klingt ein feines Lied,

Und in dem Liede lebt und weht und blüht

Ein wunderschönes zartes Mägdelein.

 

Und in dem Mägdlein wohnt ein Herzchen klein,

Doch in dem Herzchen keine Liebe glüht;

In dieses lieblos frostige Gemüt

Kam Hochmut nur und Übermut hinein.

 

Hörst du, wie mir im Kopf das Märchen klinget?

Und wie das Liedchen summet ernst und schaurig?

Und wie das Mägdlein kichert, leise, leise?

 

Ich fürchte nur, daß mir der Kopf zerspringet -

Und ach! da wär's doch gar entsetzlich traurig,

Käm der Verstand mir aus dem alten Gleise.

 

V

In stiller, wehmutweicher Abendstunde

Umklingen mich die längst verschollnen Lieder,

Und Tränen fliegen von der Wange nieder,

Und Blut entquillt der alten Herzenswunde.

 

Und wie in eines Zauberspiegels Grunde

Seh ich das Bildnis meiner Liebsten wieder;

Sie sitzt am Arbeitstisch, im roten Mieder,

Und Stille herrscht in ihrer sel'gen Runde.

 

Doch plötzlich springt sie auf vom Stuhl und schneidet

Von ihrem Haupt die schönste aller Locken,

Und gibt sie mir - vor Freud' bin ich erschrocken.

 

Mephisto hat die Freude mir verleidet.

Er spann ein festes Seil von jenen Haaren,

Und schleift mich dran herum seit vielen Jahren.

 

VI

»Als ich vor einem Jahr dich wiederblickte,

Küßtest du mich nicht in der Willkommstund'.«

So sprach ich, und der Liebsten roter Mund

Den schönsten Kuß auf meine Lippen drückte.

 

Und lächelnd süß ein Myrtenreis sie pflückte

Vom Myrtenstrauche, der am Fenster stund:

»Nimm hin und pflanz dies Reis in frischen Grund,

Und stell ein Glas darauf«, sprach sie und nickte. -

 

Schon lang ist's her. Es starb das Reis im Topf.

Sie selbst hab ich seit Jahren nicht gesehn;

Doch brennt der Kuß mir immer noch im Kopf,

 

Und aus der Ferne trieb's mich jüngst zum Ort,

Wo Liebchen wohnt. Vorm Hause blieb ich stehn

Die ganze Nacht, ging erst am Morgen fort.

 

VII

Hüt dich, mein Freund, vor grimmen Teufelsfratzen,

Doch schlimmer sind die sanften Engelsfrätzchen.

Ein solches bot mir einst ein süßes Schmätzchen,

Doch wie ich kam, da fühlt ich scharfe Tatzen.

 

Hüt dich, mein Freund, vor schwarzen, alten Katzen,

Doch schlimmer sind die weißen, jungen Kätzchen;

Ein solches macht ich einst zu meinem Schätzchen,

Doch tät mein Schätzchen mir das Herz zerkratzen.

 

O süßes Frätzchen, wundersüßes Mädchen!

Wie konnte mich dein klares Äuglein täuschen?

Wie konnt dein Pfötchen mir das Herz zerfleischen?

 

O meines Kätzchens wunderzartes Pfötchen!

Könnt ich dich an die glühenden Lippen pressen,

Und könnt mein Herz verbluten unterdessen!

 

VIII

Du sahst mich oft im Kampf mit jenen Schlingeln,

Geschminkten Katzen und bebrillten Pudeln,

Die mir den blanken Namen gern besudeln,

Und mich so gerne ins Verderben züngeln.

 

Du sahest oft, wie mich Pedanten hudeln,

Wie Schellenkappenträger mich umklingeln,

Wie gift'ge Schlangen um mein Herz sich ringeln;

Du sahst mein Blut aus tausend Wunden sprudeln.

 

Du aber standest fest gleich einem Turme;

Ein Leuchtturm war dein Kopf mir in dem Sturme,

Dein treues Herz war mir ein guter Hafen.

 

Wohl wogt um jenen Hafen wilde Brandung,

Nur wen'ge Schiff' erringen dort die Landung,

Doch ist man dort, so kann man sicher schlafen.

 

IX

Ich möchte weinen, doch ich kann es nicht;

Ich möcht mich rüstig in die Höhe heben,

Doch kann ich's nicht; am Boden muß ich kleben,

Umkrächzt, umzischt von eklem Wurmgezücht.

 

Ich möchte gern mein heitres Lebenslicht,

Mein schönes Lieb, allüberall umschweben,

In ihrem selig süßen Hauche leben -

Doch kann ich's nicht, mein krankes Herze bricht.

 

Aus dem gebrochnen Herzen fühl ich fließen

Mein heißes Blut, ich fühle mich ermatten,

Und vor den Augen wird's mir trüb und trüber.

 

Und heimlich schauernd sehn ich mich hinüber

Nach jenem Nebelreich, wo stille Schatten

Mit weichen Armen liebend mich umschließen.

 

 

Gaben mir Rat und gute Lehren

 

Gaben mir Rat und gute Lehren,

Überschütteten mich mit Ehren,

Sagten, daß ich nur warten sollt,

Haben mich protegieren gewollt.

 

Aber bei all ihrem Protegieren,

Hätte ich können vor Hunger krepieren,

Wär nicht gekommen ein braver Mann,

Wacker nahm er sich meiner an.

 

Braver Mann! Er schafft mir zu essen!

Will es ihm nie und nimmer vergessen!

Schade, daß ich ihn nicht küssen kann!

Denn ich bin selbst dieser brave Mann.

 

 

Ganz entsetzlich ungesund

 

Ganz entsetzlich ungesund

Ist die Erde, und zugrund',

Ja, zugrund' muß alles gehn,

Was hienieden groß und schön.

 

Sind es alten Wahns Phantasmen,

Die dem Boden als Miasmen

Stumm entsteigen und die Lüfte

Schwängern mit dem argen Gifte?

 

Holde Frauenblumen, welche

Kaum erschlossen ihre Kelche

Den geliebten Sonnenküssen,

Hat der Tod schon fortgerissen.

 

Helden, trabend hoch zu Roß,

Trifft unsichtbar das Geschoß;

Und die Kröten sich beeifern,

Ihren Lorbeer zu begeifern.

 

Was noch gestern stolz gelodert,

Das ist heute schon vermodert;

Seine Leier mit Verdruß

Bricht entzwei der Genius.

 

O wie klug sind doch die Sterne!

Halten sich in sichrer Ferne

Von dem bösen Erdenrund,

Das so tödlich ungesund.

 

Kluge Sterne wollen nicht

Leben, Ruhe, Himmelslicht

Hier einbüßen, hier auf Erden,

Und mit uns elendig werden -

 

Wollen nicht mit uns versinken

In den Twieten, welche stinken,

In dem Mist, wo Würmer kriechen,

Welche auch nicht lieblich riechen -

 

Wollen immer ferne bleiben

Vom fatalen Erdentreiben,

Von dem Klüngel und Geruddel,

Von dem Erdenkuddelmuddel.

 

Mitleidsvoll aus ihrer Höhe

Schaun sie oft auf unser Wehe;

Eine goldne Träne fällt

Dann herab auf diese Welt.

 

 

Gedächtnisfeier

 

Keine Messe wird man singen,

Keinen Kadosch wird man sagen,

Nichts gesagt und nichts gesungen

Wird an meinen Sterbetagen.

Doch vielleicht an solchem Tage,

Wenn das Wetter schön und milde,

Geht spazieren auf Montmartre

Mit Paulinen Frau Mathilde.

 

Mit dem Kranz von Immortellen

Kommt sie, mir das Grab zu schmücken,

Und sie seufzet: »Pauvre homme!«

Feuchte Wehmut in den Blicken.

 

Leider wohn ich viel zu hoch,

Und ich habe meiner Süßen

Keinen Stuhl hier anzubieten;

Ach! sie schwankt mit müden Füßen.

 

Süßes, dickes Kind, du darfst

Nicht zu Fuß nach Hause gehen;

An dem Barrieregitter

Siehst du die Fiaker stehen.

 

 

Gespräch auf der Paderborner Heide

 

Hörst du nicht die fernen Töne,

Wie von Brummbaß und von Geigen?

Dorten tanzt wohl manche Schöne

Den geflügelt leichten Reigen.

 

»Ei, mein Freund, das nenn ich irren,

Von den Geigen hör ich keine,

Nur die Ferklein hör ich quirren,

Grunzen nur hör ich die Schweine.«

 

Hörst du nicht das Waldhorn blasen?

Jäger sich des Weidwerks freuen,

Fromme Lämmer seh ich grasen,

Schäfer spielen auf Schalmeien.

 

»Ei, mein Freund, was du vernommen,

Ist kein Waldhorn, noch Schalmeie;

Nur den Sauhirt seh ich kommen,

Heimwärts treibt er seine Säue.«

 

Hörst du nicht das ferne Singen,

Wie von süßen Wettgesängen?

Englein schlagen mit den Schwingen

Lauten Beifall solchen Klängen.

 

»Ei, was dort so hübsch geklungen,

Ist kein Wettgesang, mein Lieber!

Singend treiben Gänsejungen

Ihre Gänselein vorüber.«

 

Hörst du nicht die Glocken läuten,

Wunderlieblich, wunderhelle?

Fromme Kirchengänger schreiten

Andachtsvoll zur Dorfkapelle.

 

»Ei, mein Freund, das sind die Schellen

Von den Ochsen, von den Kühen,

Die nach ihren dunkeln Ställen

Mit gesenktem Kopfe ziehen.«

 

Siehst du nicht den Schleier wehen?

Siehst du nicht das leise Nicken?

Dort seh ich die Liebste stehen,

Feuchte Wehmut in den Blicken.

 

»Ei, mein Freund, dort seh ich nicken

Nur das Waldweib, nur die Liese;

Blaß und hager an den Krücken

Hinkt sie weiter nach der Wiese.«

 

Nun, mein Freund, so magst du lachen

Über des Phantasten Frage!

Wirst du auch zur Täuschung machen,

Was ich fest im Busen trage?

 

 

Götterdämmerung

 

Der Mai ist da mit seinen goldnen Lichtern

Und seidnen Lüften und gewürzten Düften,

Und freundlich lockt er mit den weißen Blüten,

Und grüßt aus tausend blauen Veilchenaugen,

Und breitet aus den blumreich grünen Teppich,

Durchwebt mit Sonnenschein und Morgentau,

Und ruft herbei die lieben Menschenkinder.

Das blöde Volk gehorcht dem ersten Ruf.

Die Männer ziehn die Nankinghosen an

Und Sonntagsröck' mit goldnen Spiegelknöpfen;

Die Frauen kleiden sich in Unschuldweiß;

Jünglinge kräuseln sich den Frühlingsschnurrbart,

Jungfrauen lassen ihre Busen wallen;

Die Stadtpoeten stecken in die Tasche

Papier und Bleistift und Lorgnett'; - und jubelnd

Zieht nach dem Tor die krausbewegte Schar,

Und lagert draußen sich auf grünem Rasen,

Bewundert, wie die Bäume fleißig wachsen,

Spielt mit den bunten, zarten Blümelein,

Horcht auf den Sang der lust'gen Vögelein,

Und jauchzt hinauf zum blauen Himmelszelt.

Zu mir kam auch der Mai. Er klopfte dreimal

An meine Tür und rief: »Ich bin der Mai,

Du bleicher Träumer, komm, ich will dich küssen!«

Ich hielt verriegelt meine Tür, und rief:

Vergebens lockst du mich, du schlimmer Gast.

Ich habe dich durchschaut, ich hab durchschaut

Den Bau der Welt, und hab zuviel geschaut,

Und viel zu tief, und hin ist alle Freude,

Und ew'ge Qualen zogen in mein Herz.

Ich schaue durch die steinern harten Rinden

Der Menschenhäuser und der Menschenherzen,

Und schau in beiden Lug und Trug und Elend.

Auf den Gesichtern les ich die Gedanken,

Viel schlimme. In der Jungfrau Schamerröten

Seh ich geheime Lust begehrlich zittern;

Auf dem begeistert stolzen Jünglingshaupt

Seh ich die lachend bunte Schellenkappe;

Und Fratzenbilder nur und sieche Schatten

Seh ich auf dieser Erde, und ich weiß nicht,

Ist sie ein Tollhaus oder Krankenhaus.

Ich sehe durch den Grund der alten Erde,

Als sei sie von Kristall, und seh das Grausen,

Das mit dem freud'gen Grüne zu bedecken

Der Mai vergeblich strebt. Ich seh die Toten;

Sie liegen unten in den schmalen Särgen,

Die Händ' gefaltet und die Augen offen,

Weiß das Gewand und weiß das Angesicht,

Und durch die Lippen kriechen gelbe Würmer.

Ich seh, der Sohn setzt sich mit seiner Buhle

Zur Kurzweil nieder auf des Vaters Grab; -

Spottlieder singen rings die Nachtigallen; -

Die sanften Wiesenblümchen lachen hämisch; -

Der tote Vater regt sich in dem Grab; -

Und schmerzhaft zuckt die alte Mutter Erde.

Du arme Erde, deine Schmerzen kenn ich!

Ich seh die Glut in deinem Busen wühlen,

Und deine tausend Adern seh ich bluten,

Und seh, wie deine Wunde klaffend aufreißt,

Und wild hervorströmt Flamm' und Rauch und Blut.

Ich sehe deine trotz'gen Riesensöhne,

Uralte Brut, aus dunkeln Schlünden steigend,

Und rote Fackeln in den Händen schwingend; -

Sie legen ihre Eisenleiter an

Und stürmen wild hinauf zur Himmelsfeste; -

Und schwarze Zwerge klettern nach; - und knisternd

Zerstieben droben alle goldnen Sterne.

Mit frecher Hand reißt man den goldnen Vorhang

Vom Zelte Gottes, heulend stürzen nieder,

Aufs Angesicht, die frommen Engelscharen.

Auf seinem Throne sitzt der bleiche Gott,

Reißt sich vom Haupt die Kron', zerrauft sein Haar -

Und näher drängt heran die wilde Rotte.

Die Riesen werfen ihre roten Fackeln

Ins weite Himmelreich, die Zwerge schlagen

Mit Flammengeißeln auf der Englein Rücken; -

Die winden sich und krümmen sich vor Qualen,

Und werden bei den Haaren fortgeschleudert; -

Und meinen eignen Engel seh ich dort,

Mit seinen blonden Locken, süßen Zügen,

Und mit der ew'gen Liebe um den Mund,

Und mit der Seligkeit im blauen Auge -

Und ein entsetzlich häßlich schwarzer Kobold

Reißt ihn vom Boden, meinen bleichen Engel,

Beäugelt grinsend seine edlen Glieder,

Umschlingt ihn fest mit zärtlicher Umschlingung -

Und gellend dröhnt ein Schrei durchs ganze Weltall,

Die Säulen brechen, Erd' und Himmel stürzen

Zusammen, und es herrscht die alte Nacht.

 

 

Gott gab uns nur einen Mund

 

Beine hat uns zwei gegeben

Gott der Herr, um fortzustreben,

wollte nicht, dass an der Scholle

unsre Menschheit kleben solle.

Um ein Stillstandsknecht zu sein,

genügte uns ein einzges Bein.

 

Augen gab uns Gott ein Paar,

daß wir schauen rein und klar;

um zu glauben, was wir lesen,

wär ein Aug genug gewesen.

Gott gab uns die Augen beide,

daß wir schauen und begaffen

wie er hübsch die Welt erschaffen

zu des Menschen Augenweide;

doch beim Gaffen in den Gassen

sollen wir die Augen brauchen

und uns dort nicht treten lassen

auf die armen Hühneraugen,

die uns ganz besonders plagen,

wenn wir enge Stiefel tragen.

 

Gott versah uns mit zwei Händen,

dass wir doppelt Gutes spenden;

nicht um doppelt zuzugreifen

und die Beute aufzuhäufen

in den großen Eisentruhn,

wie gewisse Leute tun -

(ihren Namen auszusprechen

dürfen wir uns nicht erfrechen -

hängen würden wir sie gern,

doch sie sind so große Herrn,

Philanthropen, Ehrenmänner,

manche sind auch unsre Gönner,

und man macht aus deutschen Eichen

keine Galgen für die Reichen.)

 

Gott gab uns nur eine Nase,

weil wir zwei in einem Glase

nicht hineinzubringen wüßten,

und den Wein verschlappern müßten.

 

Gott gab uns nur einen Mund,

weil zwei Mäuler ungesund.

Mit dem einen Maule schon

schwätzt zu viel der Erdensohn.

Wenn er doppelmäulig wär,

fräß und lög er auch noch mehr.

Hat er jetzt das Maul voll Brei,

muß er schweigen unterdessen,

hätt er aber Mäuler zwei,

löge er sogar beim Fressen.

 

Mit zwei Ohren hat versehn

uns der Herr. Vorzüglich schön

ist dabei die Symmetrie.

Sind nicht ganz so lang wie die,

so er unsern grauen braven

Kameraden anerschaffen.

Ohren gab uns Gott die beiden,

um von Mozart, Gluck und Hayden

Meisterstücke anzuhören -

Gäb es nur Tonkunst-Kolik

und Hämorrhoidal-Musik

von dem großen Meyerbeer,

schon ein Ohr hinlänglich wär! -

 

Als zur blonden Teutolinde

ich in solcher Weise sprach,

seufzte sie uns sagte: Ach!

Grübeln über Gottes Gründe,

kritisieren unsern Schöpfer,

ach! das ist, als ob der Topf

klüger sein wollt als der Töpfer!

Doch der Mensch fragt stets: Warum?

Wenn er sieht, dass etwas dumm.

Freund ich hab dir zugehört,

und du hast mir gut erklärt,

wie zum weisesten Behuf

Gott den Menschen zweifach schuf

Augen, Ohren, Arm′ und Bein′,

während er ihm nur ein

Exemplar von Nas und Mund -

doch nun sage mir den Grund:

Gott, der Schöpfer der Natur,

warum schuf er einfach nur

das skabröse Requisit,

das der Mann gebraucht, damit

er fortpflanze seine Rasse

und zugleich sein Wasser lasse?

Teurer Freund, ein Duplikat

wäre wahrlich hier vonnöten,

um Funktionen zu vertreten,

die so wichtig für den Staat

wie fürs Individuum,

kurz fürs ganze Publikum.

Zwei Funktionen, die so greulich

und so schimpflich und abscheulich

miteinander kontrastieren

und die Menschheit sehr blamieren.

Eine Jungfrau von Gemüt

muß sich schämen, wenn sie sieht,

wie ihr höchstes Ideal

wird entweiht so trivial!

Wie der Hochaltar der Minne

wird zur ganz gemeinen Rinne!

Psyche schaudert, denn der kleine

Gott Amur der Finsternis,

er verwandelt sich beim Scheine

ihrer Lamp - in Mankepiß.

 

Also Teutolinde sprach,

und ich sagte ihr: Gemach!

Unklug wie die Weiber sind,

du verstehst nicht, liebes Kind,

Gottes Nützlichkeitssystem,

sein Ökonomie-Problem

ist, dass wechselnd die Maschinen

jeglichem Bedürfnis dienen,

dem profanen wie dem heilgen,

dem pikanten wie langweilgen, -

alles wird simplifiziert;

klug ist alles kombiniert:

Was dem Menschen dient zum Seichen,

damit schafft er seinesgleichen.

Auf demselben Dudelsack

spielt dasselbe Lumpenpack.

Feine Pfote, derbe Patsche,

fiedelt auf derselben Bratsche.

Durch dieselben Dämpfe, Räder

springt und singt und gähnt ein jeder,

und derselbe Omnibus

fährt uns nach dem Tartarus.

 

 

Guter Rat

 

Laß dein Grämen und dein Schämen!

Werbe keck und fordre laut,

Und man wird sich dir bequemen,

Und du führest heim die Braut.

 

Wirf dein Geld den Musikanten,

Denn die Fiedel macht das Fest;

Küsse deine Schwiegertanten,

Denkst du gleich: ›Hol' euch die Pest!‹

 

Rede gut von einem Fürsten,

Und nicht schlecht von einer Frau;

Knickre nicht mit deinen Würsten,

Wenn du schlachtest eine Sau.

 

Ist die Kirche dir verhaßt, Tor,

Desto öfter geh hinein;

Zieh den Hut ab vor dem Pastor

Schick ihm auch ein Fläschchen Wein.

 

Fühlst du irgendwo ein Jücken,

Kratze dich als Ehrenmann;

Wenn dich deine Schuhe drücken,

Nun, so zieh Pantoffeln an.

 

Hat versalzen dir die Suppe

Deine Frau, bezähm die Wut,

Sag ihr lächelnd: »Süße Puppe,

Alles, was du kochst, ist gut.«

 

Trägt nach einem Schal Verlangen

Deine Frau, so kauf ihr zwei;

Kauf ihr Spitzen, goldne Spangen

Und Juwelen noch dabei.

 

Wirst du diesen Rat erproben,

Dann, mein Freund! genießest du

Einst das Himmelreich dort oben,

Und du hast auf Erden Ruh'.

 

 

Habe mich mit Liebesreden

 

Habe mich mit Liebesreden

Festgelogen an dein Herz,

Und, verstrickt in eignen Fäden,

Wird zum Ernste mir mein Scherz.

Wenn du dich mit vollem Rechte

Scherzend nun von mir entfernst,

Nahn sich mir die Höllenmächte,

Und ich schieß mich tot im Ernst.

 

 

Hans ohne Land

 

»Leb wohl, mein Weib«, sprach Hans ohne Land.

»Mich rufen hohe Zwecke;

Ein andres Weidwerk harret mein,

Ich schieße jetzt andre Böcke.

 

Ich laß dir mein Jagdhorn zurück, du kannst

Mit Tuten, wenn ich entfernet,

Die Zeit vertreiben; du hast ja zu Haus

Das Posthorn blasen gelernet.

 

Ich laß dir auch meinen Hund zurück,

Daß er die Burg behüte;

Mich selbst bewache mein deutsches Volk

Mit pudeltreuem Gemüte.

 

Sie bieten mir an die Kaiserkron',

Die Liebe ist kaum zu begreifen;

Sie tragen mein Bild in ihrer Brust

Und auf den Tabakspfeifen.

 

Ihr Deutschen seid ein großes Volk,

So simpel und doch so begabet!

Man sieht euch wahrhaftig nicht an, daß ihr

Das Pulver erfunden habet.

 

Nicht Kaiser, Vater will ich euch sein,

Ich werde euch glücklich machen -

O schöner Gedanke! er macht mich so stolz,

Als wär ich die Mutter der Gracchen.

 

Nicht mit dem Verstand, nein, mit dem Gemüt

Will ich mein Volk regieren;

Ich bin kein Diplomatikus

Und kann nicht politisieren.

 

Ich bin ein Jäger, ein Mensch der Natur,

Im Walde aufgewachsen

Mit Gemesn und Schnepfen, mit Rehbock und Sau,

Ich mache nicht Worte, nicht Faxen.

 

Ich ködre durch keine Proklamation,

Durch keinen gedruckten Lockwisch;

Ich sage: Mein Volk, es fehlt der Lachs,

Begnüge dich heut mit dem Stockfisch.

 

Gefall ich dir nicht als Kaiser, so nimm

Den ersten besten Lausangel;

Ich habe zu essen auch ohne dich,

Ich litt in Tirol nicht Mangel.

 

So red ich; doch jetzt, mein Weib, leb wohl!

Ich kann nicht länger weilen;

Des Schwiegervaters Postillion

Erwartet mich schon mit den Gäulen.

 

Reich mir geschwind die Reisemütz'

Mit dem schwarzrotgoldnen Bande -

Bald siehst du mich mit dem Diadem

Im alten Kaisergewande.

 

Bald schaust du mich in dem Pluvial,

Dem Purpurtalar, dem schönen,

Den weiland dem Kaiser Otto geschenkt

Der Sultan der Sarazenen.

 

Darunter trag ich die Dalmatika,

Worin gestickt mit Juwelen

Ein Zug von fabelhaftem Getier,

Von Löwen und Kamelen.

 

Ich trage die Stola auf der Brust,

Die ist gezieret bedeutsam

Mit schwarzen Adlern im gelben Grund;

Die Tracht ist äußerst kleidsam.

 

Leb wohl! Die Nachwelt wird sagen, daß ich

Verdiente, die Krone zu tragen -

Wer weiß? Die Nachwelt wird vielleicht

Halt gar nichts von mir sagen.«

 

 

Himmel grau und wochentäglich!

 

Himmel grau und wochentäglich!

Auch die Stadt ist noch dieselbe!

Und noch immer blöd und kläglich

Spiegelt sie sich in der Elbe.

 

Lange Nasen, noch langweilig

Werden sie wie sonst geschneuzet,

Und das duckt sich noch scheinheilig,

Oder bläht sich, stolz gespreizet.

 

Schöner Süden! wie verehr ich

Deinen Himmel, deine Götter,

Seit ich diesen Menschenkehricht

Wiederseh, und dieses Wetter!

 

Himmelfahrt

 

Der Leib lag auf der Totenbahr',

Jedoch die arme Seele war,

Entrissen irdischem Getümmel,

Schon auf dem Wege nach dem Himmel.

Dort klopft' sie an die hohe Pforte,

Und seufzte tief und sprach die Worte:

»Sankt Peter, komm und schließe auf!

Ich bin so müde vom Lebenslauf -

Ausruhen möcht ich auf seidnen Pfühlen

Im Himmelreich, ich möchte spielen

Mit lieben Englein Blindekuh

Und endlich genießen Glück und Ruh'!«

 

Man hört Pantoffelgeschlappe jetzund,

Auch klirrt es wie ein Schlüsselbund,

Und aus einem Gitterfenster am Tor

Sankt Peters Antlitz schaut hervor.

 

Er spricht: »Es kommen die Vagabunde,

Zigeuner, Polacken und Lumpenhunde,

Die Tagediebe, die Hottentotten -

Sie kommen einzeln und in Rotten,

Und wollen in den Himmel hinein

Und Engel werden und selig sein.

Holla! Holla! Für Galgengesichter

Von eurer Art, für solches Gelichter

Sind nicht erbaut die himmlischen Hallen -

Ihr seid dem leidigen Satan verfallen.

Fort, fort von hier! und trollt euch schnelle

Zum schwarzen Pfuhle der ewigen Hölle -«

 

So brummt der Alte, doch kann er nicht

Im Polterton verharren, er spricht

Gutmütig am Ende die tröstenden Worte:

»Du arme Seele, zu jener Sorte

Halunken scheinst du nicht zu gehören -

Nu! Nu! Ich will deinen Wunsch gewähren,

Weil heute mein Geburtstag just

Und mich erweicht barmherzige Lust -

Nenn mir daher die Stadt und das Reich,

Woher du bist; sag mir zugleich,

Ob du vermählt warst? - Eh'liches Dulden

Sühnt oft des Menschen ärgste Schulden;

Ein Eh'mann braucht nicht in der Hölle zu schmoren,

Ihn läßt man nicht warten vor Himmelstoren.«

 

Die Seele antwortet: »Ich bin aus Preußen,

Die Vaterstadt ist Berlin geheißen.

Dort rieselt die Spree, und in ihr Bette

Pflegen zu wässern die jungen Kadette;

Sie fließt gemütlich über, wenn's regent -

Berlin ist auch eine schöne Gegend!

Dort bin ich Privatdozent gewesen,

Und hab über Philosophie gelesen -

Mit einem Stiftsfräulein war ich vermählt,

Doch hat sie oft entsetzlich krakeelt,

Besonders wenn im Haus kein Brot -

Drauf bin ich gestorben und bin jetzt tot.«

 

Sankt Peter rief: »O weh! o weh!

Die Philosophie ist ein schlechtes Metier.

Wahrhaftig, ich begreife nie,

Warum man treibt Philosophie.

Sie ist langweilig und bringt nichts ein,

Und gottlos ist sie obendrein;

Da lebt man nur in Hunger und Zweifel,

Und endlich wird man geholt vom Teufel.

 

Gejammert hat wohl deine Xantuppe

Oft über die magre Wassersuppe,

Woraus niemals ein Auge von Fett

Sie tröstend angelächelt hätt -

Nun, sei getrost, du arme Seele!

Ich habe zwar die strengsten Befehle,

Jedweden, der sich je im Leben

Mit Philosophie hat abgegeben,

Zumalen mit der gottlos deutschen,

Ich soll ihn schimpflich von hinnen peitschen -

Doch mein Geburtstag, wie gesagt,

Ist eben heut, und fortgejagt

Sollst du nicht werden, ich schließe dir auf

Das Himmelstor, und jetzo lauf

Geschwind herein -

Jetzt bist du geborgen!

Den ganzen Tag, vom frühen Morgen

Bis abends spät, kannst du spazieren

Im Himmel herum und träumend flanieren

Auf edelsteingepflasterten Gassen.

Doch wisse, hier darfst du dich nie befassen

Mit Philosophie; du würdest mich

Kompromittieren fürchterlich -

Hörst du die Engel singen, so schneide

Ein schiefes Gesicht verklärter Freude -

Hat aber gar ein Erzengel gesungen,

Sei gänzlich von Begeistrung durchdrungen,

Und sag ihm, daß die Malibran

Niemals besessen solchen Sopran -

Auch applaudiere immer die Stimm'

Der Cherubim und der Seraphim,

Vergleiche sie mit Signor Rubini,

Mit Mario und Tamburini -

Gib ihnen den Titel von Exzellenzen

Und knickre nicht mit Reverenzen.

 

Die Sänger, im Himmel wie auf Erden,

Sie wollen alle geschmeichelt werden -

Der Weltkapellenmeister hier oben,

Er selbst sogar, hört gerne loben

Gleichfalls seine Werke, er hört es gern

Wenn man lobsinget Gott dem Herrn

Und seinem Preis und Ruhm ein Psalm

Erklingt im dicksten Weihrauchqualm.

 

Vergiß mich nicht. Wenn dir die Pracht

Des Himmels einmal Langweile macht,

So komm zu mir; dann spielen wir Karten.

Ich kenne Spiele von allen Arten,

Vom Landsknecht bis zum König Pharo.

Wir trinken auch - Doch apropos!

Begegnet dir von ungefähr

Der liebe Gott, und fragt dich: woher

Du seiest? so sage nicht: aus Berlin,

Sag lieber: aus München, oder aus Wien.«

 

 

Himmelsbräute

 

Wer dem Kloster geht vorbei

Mitternächtlich, sieht die Fenster

Hell erleuchtet. Ihren Umgang

Halten dorten die Gespenster.

 

Eine düstre Prozession

Toter Ursulinerinnen;

Junge, hübsche Angesichter

Lauschen aus Kapuz' und Linnen.

 

Tragen Kerzen in der Hand,

Die unheimlich blutrot schimmern;

Seltsam widerhallt im Kreuzgang

Ein Gewisper und ein Wimmern.

 

Nach der Kirche geht der Zug,

Und sie setzen dort sich nieder

Auf des Chores Buchsbaumstühle

Und beginnen ihre Lieder.

 

Litaneienfromme Weisen,

Aber wahnsinnwüste Worte;

Arme Seelen sind es, welche

Pochen an des Himmels Pforte.

 

»Bräute Christi waren wir,

Doch die Weltlust uns betörte,

Und da gaben wir dem Cäsar,

Was dem lieben Gott gehörte.

 

Reizend ist die Uniform

Und des Schnurrbarts Glanz und Glätte;

Doch verlockend sind am meisten

Cäsars goldne Epaulette.

 

Ach, der Stirne, welche trug

Eine Dornenkrone weiland,

Gaben wir ein Hirschgeweihe -

Wir betrogen unsern Heiland.

 

Jesus, der die Güte selbst,

Weinte sanft ob unsrer Fehle,

Und er sprach: ›Vermaledeit

Und verdammt sei eure Seele!‹

 

Grabenstiegner Spuk der Nacht,

Müssen büßend wir nunmehre

Irregehn in diesen Mauern -

Miserere! Miserere!

 

Ach, im Grabe ist es gut,

Ob es gleich viel besser wäre

In dem warmen Himmelreiche -

Miserere! Miserere!

 

Süßer Jesus, o vergib

Endlich uns die Schuld, die schwere,

Schließ uns auf den warmen Himmel -

Miserere! Miserere!«

 

Also singt die Nonnenschar,

Und ein längst verstorbner Küster

Spielt die Orgel Schattenhände

Stürmen toll durch die Register.

 

 

Hoffart

 

O Gräfin Gudel von Gudelfeld,

Dir huldigt die Menschheit, denn du hast Geld!

Du wirst mit vieren kutschieren,

Man wird dich bei Hof präsentieren.

Es trägt dich die goldne Karosse

Zum kerzenschimmernden Schlosse;

Es rauschet deine Schleppe

Hinauf die Marmortreppe;

Dort oben, in bunten Reihen,

Da stehen die Diener und schreien:

»Madame la comtesse de Gudelfeld.«

Stolz, in der Hand den Fächer,

Wandelst du durch die Gemächer.

Belastet mit Diamanten

Und Perlen und Brüsseler Kanten,

Dein weißer Busen schwellet

Und freudig überquellet.

Das ist ein Lächeln und Nicken

Und Knicksen und tiefes Bücken!

Die Herzogin von Pavia,

Die nennt dich: »Cara mia.«

Die Junker und die Schranzen,

Die wollen mit dir tanzen;

Und der Krone witziger Erbe

Ruft laut im Saal: »Süperbe

Schwingt sie den Steiß, die Gudelfeld!«

 

Doch, Ärmste, hast du einst kein Geld,

Dreht dir den Rücken die ganze Welt.

Es werden die Lakaien

Auf deine Schleppe speien.

Statt Bückling und Scherwenzen

Gibt's nur Impertinenzen.

Die cara mia bekreuzt sich,

Und der Kronprinz ruft und schneuzt sich:

»Nach Knoblauch riecht die Gudelfeld.«

 

 

Ich kam von meiner Herrin Haus

 

Ich kam von meiner Herrin Haus

Und wandelt in Wahnsinn und Mitternachtsgraus.

Und wie ich am Kirchhof vorübergehn will,

Da winken die Gräber ernst und still.

 

Da winkt's von des Spielmanns Leichenstein;

Da war der flimmernde Mondesschein.

Da lispelt's: »Lieb Bruder, ich komme gleich!«

Da steigt's aus dem Grabe nebelbleich.

 

Der Spielmann war's, der entstiegen jetzt,

Und hoch auf den Leichenstein sich setze.

In die Saiten der Zither greift er schnell,

Und singe dabei recht hohl und grell:

 

»Ei! kennt ihr noch das alte Lied,

Das einst so wild die Brust durchglüht,

Ihr Saiten dumpf und trübe?

Die Engel, die nennen es Himmelsfreud',

Die Teufel, die nennen es Höllenleid,

Die Menschen, die nennen es: Liebe!«

 

Kaum tönte des letzten Wortes Schall,

Da taten sich auf die Gräber all;

Viel Luftgestalten dringen hervor,

Umschweben den Spielmann und schrillen im Chor:

 

»Liebe! Liebe! deine Macht

Hat uns hier zu Bett gebracht

Und die Augen zugemacht -

Ei, was rufst du in der Nacht?«

 

So heult es verworren, und ächzet und girrt,

Und brauset und sauset, und krächzet und klirrt;

Und der tolle Schwarm den Spielmann umschweift,

Und der Spielmann wild in die Saiten greift:

 

»Bravo! bravo! immer toll!

Seid willkommen!

Habt vernommen,

Daß mein Zauberwort erscholl!

Liegt man doch jahraus, jahrein,

Mäuschenstill im Kämmerlein;

Laßt uns heute lustig sein!

Mit Vergunst -

Seht erst zu, sind wir allein? -

Narren waren wir im Leben,

Und mit toller Wut ergeben

Einer tollen Liebesbrunst.

Kurzweil kann uns heut nicht fehlen,

Jeder soll hier treu erzählen,

Was ihn weiland hergebracht,

Wie gehetzt,

Wie zerfetzt

Ihn die tolle Liebesjagd.«

 

Da hüpft aus dem Kreise, so leicht wie der Wind,

Ein mageres Wesen, das summend beginnt:

 

»Ich war ein Schneidergeselle

Mit Nadel und mit Scher';

Ich war so flink und schnelle

Mit Nadel und mit Scher';

Da kam die Meisterstochter

Mit Nadel und mit Scher';

Und hat mir ins Herz gestochen

Mit Nadel und mit Scher'.«

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Ein Zweiter trat still und ernst hervor:

 

»Den Rinaldo Rinaldini,

Schinderhanno, Orlandini,

Und besonders Carlo Moor

Nahm ich mir als Muster vor.

 

Auch verliebt - mit Ehr' zu melden -

Hab ich mich, wie jene Helden,

Und das schönste Frauenbild

Spukte mir im Kopfe wild.

 

Und ich seufzte auch und girrte;

Und wenn Liebe mich verwirrte,

Steckt ich meine Finger rasch

In des Herren Nachbars Tasch'.

 

Doch der Gassenvogt mir grollte,

Daß ich Sehnsuchtstränen wollte

Tocknen mit dem Taschentuch,

Das mein Nachbar bei sich trug.

 

Und nach frommer Häschersitte

Nahm man still mich in die Mitte,

Und das Zuchthaus, heilig groß,

Schloß mir auf den Mutterschoß.

 

Schwelgend süß in Liebessinnen,

Saß ich dort beim Wollespinnen,

Bis Rinaldos Schatten kam

Und die Seele mit sich nahm.«

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Geschminkt und geputzt trat ein Dritter hervor:

 

»Ich war ein König der Bretter

Und spielte das Liebhaberfach,

Ich brüllte manch wildes: Ihr Götter!

Ich seufzte manch zärtliches: Ach!

 

Den Mortimer spielt ich am besten,

Maria war immer so schön!

Doch trotz der natürlichsten Gesten,

Sie wollte mich nimmer verstehn. -

 

Einst, als ich verzweifelnd am Ende:

›Maria, du Heilige!‹ rief,

Da nahm ich den Dolch behende -

Und stach mich ein bißchen zu tief.«

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Im weißen Flausch trat ein Vierter hervor:

 

»Vom Katheder schwatzte herab der Professor.

Er schwatzte, und ich schlief gut dabei ein;

Doch hätt mir's behagt noch tausendmal besser

Bei seinem holdseligen Töchterlein.

 

Sie hatt mir oft zärtlich am Fenster genicket,

Die Blume der Blumen, mein Lebenslicht!

Doch die Blume der Blumen ward endlich gepflücket

Vom dürren Philister, dem reichen Wicht.

 

Da flucht ich den Weibern und reichen Halunken,

Und mischte mir Teufelskraut in den Wein,

Und hab mit dem Tode Smollis getrunken -

Der sprach: ›Fiduzit, ich heiße Freund Hein!‹«

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Einen Strick um den Hals, trat ein Fünfter hervor:

 

»Es prunkte und prahlte der Graf beim Wein

Mit dem Töchterchen sein und dem Edelgestein.

Was schert mich, du Gräflein, dein Edelgestein?

Mir mundet weit besser dein Töchterlein.

 

Sie lagen wohl beid' unter Riegel und Schloß,

Und der Graf besold'te viel Dienertroß.

Was scheren mich Diener und Riegel und Schloß? -

Ich stieg getrost auf die Leiterspross'.

 

An Liebchens Fensterlein klettr' ich getrost.

Da hör ich es unten fluchen erbost:

›Fein sachte, mein Bübchen, muß auch dabei sein,

Ich liebe ja auch das Edelgestein.‹

 

So spöttelt der Graf und erfaßt mich gar,

Und jauchzend umringt mich die Dienerschar.

›Zum Teufel, Gesindel! ich bin ja kein Dieb;

Ich wollte nur stehlen mein trautes Lieb!‹

 

Da half kein Gerede, da half kein Rat,

Da machte man hurtig die Stricke parat;

Wie die Sonne kam, da wundert' sie sich,

Am hellen Galgen fand sie mich.«

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Den Kopf in der Hand, trat ein Sechster hervor:

 

»Zum Weidwerk trieb mich Liebesharm;

Ich schlich umher, die Büchs' im Arm.

Da schnarret's hohl vom Baum herab,

Der Rabe rief: ›Kopf - ab! Kopf - ab!‹

 

Oh, spürt' ich doch ein Täubchen aus,

Ich brächt es meinem Lieb nach Haus!

So dacht ich, und in Busch und Strauch

Späht ringsumher mein Jägeraug'.

 

Was koset dort? was schnäbelt fein?

Zwei Turteltäubchen mögen's sein.

Ich schleich herbei - den Hahn gespannt -

Sieh da! mein eignes Lieb ich fand.

 

Das war mein Täubchen, meine Braut,

Ein fremder Mann umarmt sie traut -

Nun, alter Schütze, treffe gut!

Da lag der fremde Mann im Blut.

 

Bald drauf ein Zug mit Henkersfron -

Ich selbst dabei als Hauptperson -

Den Wald durchzog. Vom Baum herab

Der Rabe rief: ›Kopf - ab! Kopf - ab!‹«

 

Da lachten die Geister im lustigen Chor;

Da trat der Spielmann selber hervor:

 

»Ich hab mal ein Liedchen gesungen,

Das schöne Lied ist aus;

Wenn das Herz im Leibe zersprungen,

Dann gehen die Lieder nach Haus!«

 

Und das tolle Gelächter sich doppelt erhebt,

Und die bleiche Schar im Kreise schwebt.

Da scholl vom Kirchturm »Eins« herab,

Da stürzten die Geister sich heulend ins Grab.

 

 

Ich liebe solche weiße Glieder

 

Ich liebe solche weiße Glieder,

Der zarten Seele schlanke Hülle,

Wildgroße Augen und die Stirne

Umwogt von schwarzer Lockenfülle!

 

Du bist so recht die rechte Sorte,

Die ich gesucht in allen Landen;

Auch meinen Wert hat Euresgleichen

So recht zu würdigen verstanden.

 

Du hast an mir den Mann gefunden,

Wie du ihn brauchst. Du wirst mich reichlich

Beglücken mit Gefühl und Küssen,

Und dann verraten, wie gebräuchlich.

 

 

Ich rief den Teufel, und er kam

 

Ich rief den Teufel, und er kam,

Und ich sah ihn mit Verwundrung an.

Er ist nicht häßlich und ist nicht lahm,

Er ist ein lieber, scharmanter Mann,

Ein Mann in seinen besten Jahren,

Verbindlich und höflich und welterfahren.

Er ist ein gescheuter Diplomat,

Und spricht recht schön über Kirch'und Staat

Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder,

Sanskrit und Hegel studiert er jetzunder.

Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouqué.

Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen,

Die hat er jetzt gänzlich überlassen

Der teuren Großmutter Hekate.

Er lobte mein juristisches Streben,

Hat früher sich auch damit abgegeben.

Er sagte, meine Freundschaft sei

Ihm nicht zu teuer, und nickte dabei,

Und frug: ob wir uns früher nicht

Schon einmal gesehn beim span'schen Gesandten?

Und als ich recht besah sein Gesicht,

Fand ich in ihm einen alten Bekannten.

 

 

Ich unglücksel'ger Atlas! eine Welt

 

Ich unglücksel'ger Atlas! eine Welt,

Die ganze Welt der Schmerzen, muß ich tragen,

Ich trage Unerträgliches, und brechen

Will mir das Herz im Leibe.

 

Du stolzes Herz! du hast es ja gewollt!

Du wolltest glücklich sein, unendlich glücklich,

Oder unendlich elend, stolzes Herz,

Und jetzo bist du elend.

 

 

Im Hafen

 

Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat,

Und hinter sich ließ das Meer und die Stürme,

Und jetzo warm und ruhig sitzt

Im guten Ratskeller zu Bremen.

Wie doch die Welt so traulich und lieblich

Im Römerglas sich widerspiegelt,

Und wie der wogende Mikrokosmus

Sonnig hinabfließt ins durstige Herz!

Alles erblick ich im Glas,

Alte und neue Völkergeschichte,

Türken und Griechen, Hegel und Gans,

Zitronenwälder und Wachtparaden,

Berlin und Schilda und Tunis und Hamburg,

Vor allem aber das Bild der Geliebten,

Das Engelköpfchen auf Rheinweingoldgrund.

 

Oh, wie schön! wie schön bist du, Geliebte!

Du bist wie eine Rose!

Nicht wie die Rose von Schiras,

Die hafisbesungene Nachtigallbraut;

Nicht wie die Rose von Saron,

Die heiligrote, prophetengefeierte; -

Du bist wie die Ros' im Ratskeller zu Bremen!

Das ist die Rose der Rosen,

Je älter sie wird, je lieblicher blüht sie,

Und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt,

Er hat mich begeistert, er hat mich berauscht,

Und hielt mich nicht fest, am Schopfe fest,

Der Ratskellermeister von Bremen,

Ich wäre gepurzelt!

 

Der brave Mann! wir saßen beisammen

Und tranken wie Brüder,

Wir sprachen von hohen, heimlichen Dingen,

Wir seufzten und sanken uns in die Arme,

Und er hat mich bekehrt zum Glauben der Liebe -

Ich trank auf das Wohl meiner bittersten Feinde,

Und allen schlechten Poeten vergab ich,

Wie einst mir selber vergeben soll werden -

Ich weinte vor Andacht, und endlich

Erschlossen sich mir die Pforten des Heils,

Wo die zwölf Apostel, die heil'gen Stückfässer,

Schweigend pred'gen, und doch so verständlich

Für alle Völker.

 

Das sind Männer!

Unscheinbar von außen, in hölzernen Röcklein,

Sind sie von innen schöner und leuchtender

Denn all die stolzen Leviten des Tempels

Und des Herodes Trabanten und Höflinge,

Die goldgeschmückten, die purpurgekleideten -

Hab ich doch immer gesagt,

Nicht unter ganz gemeinen Leuten,

Nein, in der allerbesten Gesellschaft

Lebte beständig der König des Himmels!

 

Halleluja! Wie lieblich umwehen mich

Die Palmen von Beth-El!

Wie duften die Myrrhen von Hebron!

Wie rauscht der Jordan und taumelt vor Freude! -

Auch meine unsterbliche Seele taumelt,

Und ich taumle mit ihr, und taumelnd

Bringt mich die Treppe hinauf, ans Tagslicht,

Der brave Ratskellermeister von Bremen.

 

Du braver Ratskellermeister von Bremen!

Siehst du, auf den Dächern der Häuser sitzen

Die Engel und sind betrunken und singen;

Die glühende Sonne dort oben

Ist nur eine rote, betrunkene Nase,

Die Nase des Weltgeists;

Und um die rote Weltgeistnase

Dreht sich die ganze betrunkene Welt.

 

 

Im Mai

 

Die Freunde, die ich geküßt und geliebt,

Die haben das Schlimmste an mir verübt.

Mein Herze bricht; doch droben die Sonne,

Lachend begrüßt sie den Monat der Wonne.

 

Es blüht der Lenz. Im grünen Wald

Der lustige Vogelgesang erschallt,

Und Mädchen und Blumen, sie lächeln jungfräulich -

O schöne Welt, du bist abscheulich!

 

Da lob ich mir den Orkus fast;

Dort kränkt uns nirgends ein schnöder Kontrast;

Für leidende Herzen ist es viel besser

Dort unten am stygischen Nachtgewässer.

 

Sein melancholisches Geräusch,

Der Stymphaliden ödes Gekreisch,

Der Furien Singsang, so schrill und grell,

Dazwischen des Zerberus Gebell -

 

Das paßt verdrießlich zu Unglück und Qual -

Im Schattenreich, dem traurigen Tal,

In Proserpinens verdammten Domänen,

Ist alles im Einklang mit unseren Tränen.

 

Hier oben aber, wie grausamlich

Sonne und Rosen stechen sie mich!

Mich höhnt der Himmel, der bläulich und mailich -

O schöne Welt, du bist abscheulich!

 

 

Im Traum sah ich ein Männchen klein und putzig

 

Im Traum sah ich ein Männchen klein und putzig,

Das ging auf Stelzen, Schritte ellenweit,

Trug weiße Wäsche und ein feines Kleid,

Inwendig aber war es grob und schmutzig.

 

Inwendig war es jämmerlich, nichtsnutzig,

Jedoch von außen voller Würdigkeit;

Von der Courage sprach es lang und breit,

Und tat sogar recht trutzig und recht stutzig.

 

»Und weißt du, wer das ist? Komm her und schau!«

So sprach der Traumgott, und er zeigt' mir schlau

Die Bilderflut in eines Spiegels Rahmen.

 

Vor einem Altar stand das Männchen da,

Mein Lieb daneben, beide sprachen: »Ja!«

Und tausend Teufel riefen lachend: »Amen!«

 

 

In der Fremde

 

1

Es treibt dich fort von Ort zu Ort,

Du weißt nicht mal warum;

Im Winde klingt ein sanftes Wort,

Schaust dich verwundert um.

 

Die Liebe, die dahinten blieb,

Sie ruft dich sanft zurück:

O komm zurück, ich hab dich lieb,

Du bist mein einz'ges Glück!

 

Doch weiter, weiter, sonder Rast,

Du darfst nicht stillestehn;

Was du so sehr geliebet hast,

Sollst du nicht wiedersehn.

 

2

Du bist ja heut so grambefangen,

Wie ich dich lange nicht geschaut!

Es perlet still von deinen Wangen,

Und deine Seufzer werden laue.

 

Denkst du der Heimat, die so ferne,

So nebelferne dir verschwand?

Gestehe mir's, du wärest gerne

Manchmal im teuren Vaterland.

 

Denkst du der Dame, die so niedlich

Mit kleinem Zürnen dich ergötzt?

Oft zürntest du, dann ward sie friedlich,

Und immer lachtet ihr zuletzt.

 

Denkst du der Freunde, die da sanken

An deine Brust, in großer Stund'?

Im Herzen stürmten die Gedanken,

Jedoch verschwiegen blieb der Mund.

 

Denkst du der Mutter und der Schwester?

Mit beiden standest du ja gut.

Ich glaube gar, es schmilzt, mein Bester,

In deiner Brust der wilde Mut!

 

Denkst du der Vögel und der Bäume

Des schönen Gartens, wo du oft

Geträumt der Liebe junge Träume,

Wo du gezagt, wo du gehofft?

 

Es ist schon spät. Die Nacht ist helle,

Trübhell gefärbt vom feuchten Schnee.

Ankleiden muß ich mich nun schnelle

Und in Gesellschaft gehn. O weh!

 

3

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.

Der Eichenbaum

Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.

Es war ein Traum.

 

Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch

(Man glaubt es kaum,

Wie gut es klang) das Wort: »Ich liebe dich!«

Es war ein Traum.

 

 

In Mathildens Stammbuch

 

Hier, auf gewalkten Lumpen, soll ich

Mit einer Spule von der Gans

Hinkritzeln ernsthaft halb, halb drollig,

Versifizierten Firlefanz -

 

Ich, der gewohnt mich auszusprechen

Auf deinem schönen Rosenmund,

Mit Küssen, die wie Flammen brechen

Hervor aus tiefstem Herzensgrund!

 

O Modewut! Ist man ein Dichter,

Quält uns die eigne Frau zuletzt,

Bis man, wie andre Sangeslichter,

Ihr einen Reim ins Album setzt.

 

 

Jetzt wohin?

 

Jetzt wohin? Der dumme Fuß

Will mich gern nach Deutschland tragen;

Doch es schüttelt klug das Haupt

Mein Verstand und scheint zu sagen:

 

›Zwar beendigt ist der Krieg,

Doch die Kriegsgerichte blieben,

Und es heißt, du habest einst

Viel Erschießliches geschrieben.‹

 

Das ist wahr, unangenehm

Wär mir das Erschossenwerden;

Bin kein Held, es fehlen mir

Die pathetischen Gebärden.

 

Gern würd ich nach England gehn,

Wären dort nicht Kohlendämpfe

Und Engländer - schon ihr Duft

Gibt Erbrechen mir und Krämpfe.

 

Manchmal kommt mir in den Sinn,

Nach Amerika zu segeln,

Nach dem großen Freiheitstall,

Der bewohnt von Gleichheitsflegeln -

 

Doch es ängstet mich ein Land,

Wo die Menschen Tabak käuen,

Wo sie ohne König kegeln,

Wo sie ohne Spucknapf speien.

 

Rußland, dieses schöne Reich,

Würde mir vielleicht behagen,

Doch im Winter könnte ich

Dort die Knute nicht ertragen.

 

Traurig schau ich in die Höh',

Wo viel tausend Sterne nicken -

Aber meinen eignen Stern

Kann ich nirgens dort erblicken.

 

Hat im güldnen Labyrinth

Sich vielleicht verirrt am Himmel,

Wie ich selber mich verirrt

In dem irdischen Getümmel. –

 

 

Jung-Katerverein für Poesiemusik

 

Der philharmonische Katerverein

War auf dem Dache versammelt

Heut nacht - doch nicht aus Sinnenbrunst;

Da ward nicht gebuhlt und gerammelt.

 

Es paßt kein Sommernachthochzeitstraum,

Es passen nicht Lieder der Minne

Zur Winterjahrzeit, zu Frost und Schnee;

Gefroren war jede Rinne.

 

Auch hat überhaupt ein neuer Geist

Der Katzenschaf sich bemeistert;

Die Jugend zumal, der Jung - Kater ist

Für höheren Ernst begeistert.

 

Die alte frivole Generation

Verröchelt; ein neues Bestreben,

Ein Katzenfrühling der Poesie

Regt sich in Kunst und Leben.

 

Der philharmonische Katerverein,

Er kehrt zur primitiven

Kunstlosen Tonkunst jetzt zurück,

Zum schnauzenwüchsig Naiven.

 

Er will die Poesiemusik,

Rouladen ohne Triller,

Die Instrumental - und Vokalpoesie,

Die keine Musik ist, will er.

 

Er will die Herrschaft des Genies,

Das freilich manchmal stümpert,

Doch in der Kunst oft unbewußt

Die höchste Staffel erklimpert.

 

Er huldigt dem Genie, das sich

Nicht von der Natur entfernt hat,

Sich nicht mit Gelehrsamkeit brüsten will

Und wirklich auch nichts gelernt hat.

 

Dies ist das Programm des Katervereins,

Und voll von diesem Streben

Hat er sein erstes Winterkonzert

Heut nacht auf dem Dache gegeben.

 

Doch schrecklich war die Exekution

Der großen Idee, der pompösen -

Häng dich, mein teurer Berlioz,

Daß du nicht dabeigewesen!

 

Das war ein Charivari, als ob

Einen Kuhschwanzhopsaschleifer

Plötzlich aufspielten, branntweinberauscht,

Drei Dutzend Dudelsackpfeifer.

 

Das war ein Tauhu-Wauhu, als ob

In der Arche Noäh anfingen,

Sämtliche Tiere unisono

Die Sündflut zu besingen.

 

Oh, welch ein Krächzen und Heulen und Knurr'n,

Welch ein Miau'n und Gegröle!

Die alten Schornsteine stimmten ein

Und schnauften Kirchenchoräle.

 

Zumeist vernehmbar war eine Stimm',

Die kreischend zugleich und matte

Wie einst die Stimme der Sontag war,

Als sie keine Stimme mehr hatte.

 

Das tolle Konzert! Ich glaube, es ward

Ein großes Tedeum gesungen,

Zur Feier des Siegs, den über Vernunft

Der frechste Wahnsinn errungen.

 

Vielleicht auch ward vom Katerverein

Die große Oper probieret,

Die Ungarns größer Pianist

Für Charenton komponieret.

 

Es hat bei Tagesanbruch erst

Der Sabbat ein Ende genommen;

Eine schwangere Köchin ist dadurch

Zu früh in die Wochen gekommen.

 

Die sinnebetörte Wöchnerin

Hat ganz das Gedächtnis verloren;

Sie weiß nicht mehr, wer der Vater ist

Des Kindes, das sie geboren.

 

»War es der Peter? War es der Paul?

Sag, Liese, wer ist der Vater?«

Die Liese lächelt verklärt und spricht:

»Oh, Liszt! du himmlischer Kater!«

 

 

K.-Jammer

 

Diese graue Wolkenschar

Stieg aus einem Meer von Freuden;

Heute muß ich dafür leiden,

Daß ich gestern glücklich war.

 

Ach, in Wermut hat verkehrt

Sich der Nektar! Ach, wie quälend,

Katzenjammer, Hundeelend

Herz und Magen mir beschwert!

 

 

Kluge Sterne

 

Die Blumen erreicht der Fuß so leicht,

Auch werden zertreten die meisten;

Man gehe vorbei und tritt entzwei

Die blöden wie die dreisten.

 

Die Perlen ruhn in Meerestruhn,

Doch weiß man sie aufzuspüren;

Man bohrt ein Loch und spannt sie ins Joch,

Ins Joch von seidenen Schnüren.

 

Die Sterne sind klug, sie halten mit Fug

Von unserer Erde sich ferne;

Am Himmelszelt, als Lichter der Welt,

Stehn ewig sicher die Sterne.

 

 

Lamentationen

 

Das Glück ist eine leichte Dirne

Und weilt nicht gern am selben Ort;

Sie streicht das Haar dir von der Stirne,

Und küßt dich rasch und flattert fort.

 

Frau Unglück hat im Gegenteile

Dich liebefest ans Herz gedrückt;

Sie sagt, sie habe keine Eile,

Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.

 

 

Liebste, sollst mir heute sagen

 

Liebste, sollst mir heute sagen:

Bist du nicht ein Traumgebild',

Wie's in schwülen Sommertagen

Aus dem Hirn des Dichters quillt?

 

Aber nein, ein solches Mündchen,

Solcher Augen Zauberlicht,

Solch ein liebes, süßes Kindchen,

Das erschafft der Dichter nicht.

 

Basilisken und Vampire,

Lindenwürm' und Ungeheu'r,

Solche schlimme Fabeltiere,

Die erschafft des Dichters Feu'r.

 

Aber dich und deine Tücke,

Und dein holdes Angesicht,

Und die falschen frommen Blicke -

Das erschafft der Dichter nicht.

 

 

Mimi

 

»Bin kein sittsam Bürgerkätzchen,

Nicht im frommen Stübchen spinn ich.

Auf dem Dach, in freier Luft,

Eine freie Katze bin ich.

 

Wenn ich sommernächtlich schwärme,

Auf dem Dache, in der Kühle,

Schnurrt und knurrt in mir Musik,

Und ich singe, was ich fühle.«

 

Also spricht sie. Aus dem Busen

Wilde Brautgesänge quellen,

Und der Wohllaut lockt herbei

Alle Katerjunggesellen.

 

Alle Katerjunggesellen,

Schnurrend, knurrend, alle kommen,

Mit Mimi zu musizieren,

Liebelechzend, lustentglommen.

 

Das sind keine Virtuosen,

Die entweiht jemals für Lohngunst

Die Musik, sie blieben stets

Die Apostel heil'ger Tonkunst.

 

Brauchen keine Instrumente,

Sie sind selber Bratsch' und Flöte;

Eine Pauke ist ihr Bauch,

Ihre Nasen sind Trompeten.

 

Sie erheben ihre Stimmen

Zum Konzert gemeinsam jetzo;

Das sind Fugen, wie von Bach

Oder Guido von Arezzo.

 

Das sind tolle Symphonien,

Wie Kapricen von Beethoven

Oder Berlioz, der wird

Schnurrend, knurrend übertroffen.

 

Wunderbare Macht der Töne!

Zauberklänge sondergleichen!

Sie erschüttern selbst den Himmel,

Und die Sterne dort erbleichen.

 

Wenn sie hört die Zauberklänge,

Wenn sie hört die Wundertöne,

So verhüllt ihr Angesicht

Mit dem Wolkenflor Selene.

 

Nur das Lästermaul, die alte

Primadonna Philomele

Rümpft die Nase, schnupft und schmäht

Mimis Singen - kalte Seele!

 

Doch gleichviel! Das musizieret,

Trotz dem Neide der Signora,

Bis am Horizont erscheint

Rosig lächelnd Fee Aurora.

 

 

Mir träumt': Ich bin der liebe Gott

 

Mir träumt': Ich bin der liebe Gott,

Und sitz im Himmel droben,

Und Englein sitzen um mich her,

Die meine Verse loben.

 

Und Kuchen eß ich und Konfekt

Für manchen lieben Gulden,

Und Kardinal trink ich dabei,

Und habe keine Schulden.

 

Doch Langeweile plagt mich sehr,

Ich wollt, ich wär auf Erden,

Und wär ich nicht der liebe Gott,

Ich könnt des Teufels werden.

 

»Du langer Engel Gabriel,

Geh, mach dich auf die Sohlen,

Und meinen teuren Freund

Eugen Sollst du herauf mir holen.

 

Such ihn nicht im Kollegium,

Such ihn beim Glas Tokaier;

Such ihn nicht in der Hedwigskirch',

Such ihn bei Mamsell Meyer.«

 

Da breitet aus sein Flügelpaar

Und fliegt herab der Engel,

Und packt ihn auf, und bringt herauf

Den Freund, den lieben Bengel.

 

»Ja, Jung', ich bin der liebe Gott,

Und ich regiere die Erde!

Ich hab's ja immer dir gesagt,

Daß ich was Rechts noch werde.

 

Und Wunder tu ich alle Tag',

Die sollen dich entzücken,

Und dir zum Spaße will ich heut

Die Stadt Berlin beglücken.

 

Die Pflastersteine auf der Straß',

Die sollen jetzt sich spalten,

Und eine Auster, frisch und klar,

Soll jeder Stein enthalten.

 

Ein Regen von Zitronensaft

Soll tauig sie begießen,

Und in den Straßengössen soll

Der beste Rheinwein fließen.

 

Wie freuen die Berliner sich,

Sie gehen schon ans Fressen;

Die Herren von dem Landgericht,

Die saufen aus den Gössen.

 

Wie freuen die Poeten sich

Bei solchem Götterfraße!

Die Leutnants und die Fähnderichs,

Die lecken ab die Straße.

 

Die Leutnants und die Fähnderichs,

Das sind die klügsten Leute,

Sie denken: alle Tag' geschieht

Kein Wunder so wie heute.«

 

 

Mythologie

 

Ja, Europa ist erlegen -

Wer kann Ochsen widerstehen?

Wir verzeihen auch Danäen -

Sie erlag dem goldnen Regen!

 

Semele ließ sich verführen -

Denn sie dachte: eine Wolke,

Ideale Himmelswolke,

Kann uns nicht kompromittieren.

 

Aber tief muß uns empören

Was wir von der Leda lesen -

Welche Gans bist du gewesen,

Daß ein Schwan dich konnt betören!

 

 

Nacht lag auf meinen Augen

 

Nacht lag auf meinen Augen,

Blei lag auf meinem Mund,

Mit starrem Hirn und Herzen

Lag ich im Grabesgrund.

 

Wie lang, kann ich nicht sagen,

Daß ich geschlafen hab;

Ich wachte auf und hörte,

Wie's pochte an mein Grab.

 

»Willst du nicht aufstehn, Heinrich?

Der ew'ge Tag bricht an,

Die Toten sind erstanden,

Die ew'ge Lus' begann.«

 

Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

Bin ja noch immer blind;

Durch Weinen meine Augen

Gänzlich erloschen sind.

 

»Ich will dir küssen, Heinrich,

Vom Auge fort die Nacht;

Die Engel sollst du schauen,

Und auch des Himmels Pracht.«

 

Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

Noch blutet's immerfort,

Wo du ins Herz mich stachest

Mit einem spitz'gen Wort.

 

»Ganz leise leg ich, Heinrich,

Dir meine Hand aufs Herz;

Dann wird es nicht mehr bluten,

Geheilt ist all sein Schmerz.«

 

Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

Es blutet auch mein Haupt;

Hab ja hineingeschossen,

Als du mir wurdest geraubt.

 

»Mit meinen Locken, Heinrich,

Stopf ich des Hauptes Wund',

Und dräng zurück den Blutstrom

Und mache dein Haupt gesund.«

 

Es bat so sanft, so lieblich,

Ich konnt nicht widerstehn;

Ich wollte mich erheben

Und zu der Liebsten gehn.

 

Da brachen auf die Wunden,

Da stürzt' mit wilder Macht

Aus Kopf und Brust der Blutstrom,

Und sieh! - ich bin erwacht.

 

 

Neben mir wohnt Don Henriquez

 

Neben mir wohnt Don Henriquez,

Den man auch den Schönen nennet;

Nachbarlich sind unsre Zimmer,

Nur von dünner Wand getrennet.

 

Salamankas Damen glühen,

Wenn er durch die Straßen schreitet,

Sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd,

Und von Hunden stets begleitet.

 

Doch in stiller Abendstunde

Sitzt er ganz allein daheime,

In den Händen die Gitarre,

In der Seele süße Träume.

 

In die Saiten greift er bebend

Und beginne zu phantasieren -

Ach! wie Katzenjammer quält mich

Sein Geschnarr und Quinquilieren.

 

 

Poseidon

 

Die Sonnenlichter spielten

Über das weithinrollende Meer;

Fern auf der Reede glänzte das Schiff,

Das mich zur Heimat tragen sollte;

Aber es fehlte an gutem Fahrwind.

Und ich saß noch ruhig auf weißer Düne,

Am einsamen Strand,

Und ich las das Lied vom Odysseus,

Das alte, das ewig junge Lied,

Aus dessen meerdurchrauschten Blättern

Mir freudig entgegenstieg

Der Atem der Götter,

Und der leuchtende Menschenfrühling

Und der blühende Himmel von Hellas.

Mein edles Herz begleitete treulich

Den Sohn des Laertes, in Irrfahrt und Drangsal,

Setzte sich mit ihm, seelenbekümmert,

An gastliche Herde,

Wo Königinnen Purpur spinnen,

Und half ihm lügen und glücklich entrinnen

Aus Riesenhöhlen und Nymphenarmen,

Folgte ihm nach in kimmerische Nacht,

Und in Sturm und Schiffbruch,

Und duldete mit ihm unsägliches Elend.

Seufzend sprach ich: »Du böser Poseidon,

Dein Zorn ist furchtbar,

Und mir selber bangt

Od der eignen Heimkehr.«

 

Kaum sprach ich die Worte,

Da schäumte das Meer,

Und aus den weißen Wellen stieg

Das schilfbekränzte Haupt des Meergotts,

Und höhnisch rief er:

 

»Fürchte dich nicht, Poetlein!

Ich will nicht im g'ringsten gefährden

Dein armes Schiffchen,

Und nicht dein liebes Leben beängst'gen

Mit allzu bedenklichem Schaukeln.

Denn du, Poetlein, hast nie mich erzürnt,

Du hast kein einziges Türmchen verletzt

An Priamos' heiliger Feste,

Kein einziges Härchen hast du versengt

Am Aug' meines Sohns Polyphemos,

Und dich hat niemals ratend beschützt

Die Göttin der Klugheit, Pallas Athene.«

 

Also rief Poseidon

Und tauchte zurück ins Meer;

Und über den groben Seemannswitz

Lachten unter dem Wasser

Amphitrite, das plumpe Fischweib,

Und die dummen Töchter des Nereus.

 

 

Rhampsenit

 

Als der König Rhampsenit

Eintrat in die goldne Halle

Seiner Tochter, lachte diese,

Lachten ihre Zofen alle.

 

Auch die Schwarzen, die Eunuchen,

Stimmten lachend ein, es lachten

Selbst die Mumien, selbst die Sphinxe,

Daß sie schier zu bersten dachten.

 

Die Prinzessin sprach: »Ich glaubte

Schon, den Schatzdieb zu erfassen,

Der hat aber einen toten

Arm in meiner Hand gelassen.

 

Jetzt begreif ich, wie der Schatzdieb

Dringt in deine Schatzhauskammern,

Und die Schätze dir entwendet,

Trotz den Schlössern, Riegeln, Klammern.

 

Einen Zauberschlüssel hat er,

Der erschließet allerorten

Jede Türe, widerstehen

Können nicht die stärksten Pforten.

 

Ich bin keine starke Pforte,

Und ich hab nicht widerstanden,

Schätzehütend diese Nacht

Kam ein Schätzlein mir abhanden.«

 

So sprach lachend die Prinzessin,

Und sie tänzelt im Gemache,

Und die Zofen und Eunuchen

Hoben wieder ihre Lache.

 

An demselben Tag ganz Memphis

Lachte, selbst die Krokodile

Reckten lachend ihre Häupter

Aus dem schlammig gelben Nile,

 

Als sie Trommelschlag vernahmen

Und sie hörten an dem Ufer

Folgendes Reskript verlesen

Von dem Kanzeleiausrufer:

 

»Rhampsenit, von Gottes Gnaden

König zu und in Ägypten,

Wir entbieten Gruß und Freundschaft

Unsern Vielgetreun und Liebden.

 

In der Nacht vom dritten zu dem

Vierten Junius des Jahres

Dreizehnhundertvierundzwanzig

Vor Christi Geburt, da war es,

 

Daß ein Dieb aus unserm Schatzhaus

Eine Menge von Juwelen

Uns entwendet; es gelang ihm,

Uns auch später zu bestehlen.

 

Zur Ermittelung des Täters

Ließen schlafen wir die Tochter

Bei den Schätzen - doch auch jene

Zu bestehlen schlau vermocht er.

 

Um zu steuern solchem Diebstahl

Und zu gleicher Zeit dem Diebe

Unsre Sympathie zu zeigen,

Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe,

 

Wollen wir ihm zur Gemahlin

Unsre einz'ge Tochter geben

Und ihn auch als Thronnachfolger

In den Fürstenstand erheben.

 

Sintemal uns die Adresse

Unsres Eidams noch zur Stunde

Unbekannt, soll dies Reskript ihm

Bringen Unsrer Gnade Kunde.

 

So geschehn den dritten Jänner

Dreizehnhundertzwanzigsechs

Vor Christi Geburt. - Signieret

Von Uns: Rhampsenitus Rex.«

 

Rhampsenit hat Wort gehalten,

Nahm den Dieb zum Schwiegersohne,

Und nach seinem Tode erbte

Auch der Dieb Ägyptens Krone.

 

Er regierte wie die andern,

Schützte Handel und Talente;

Wenig, heißt es, ward gestohlen

Unter seinem Regimente.

 

 

Rote Pantoffeln

 

Gar böse Katze, so alt und grau,

Sie sagte, sie sei eine Schusterfrau;

Auch stand vor ihrem Fenster ein Lädchen,

Worin Pantoffeln für junge Mädchen,

Pantöffelchen von Maroquin,

Von Saffian und von Satin,

Von Samt, mit goldnen Borden garniert

Und buntgeblümten Bändern verziert.

Am lieblichsten dort zu schauen war

Ein scharlachrotes Pantöffelchenpaar;

Es hat mit seiner Farbenpracht

Gar manchem Dirnchen ins Herz gelacht.

Eine junge weiße Edelmaus,

Die ging vorbei dem Schusterhaus,

Kehrt' wieder um, dann blieb sie stehn,

Tät nochmals durch das Fenster sehn -

Sprach endlich: »Ich grüß Euch, Frau Kitze, Frau Katze,

Gar schöne rote Pantöffelchen hat Sie;

Sind sie nicht teuer, ich kauf sie Euch ab,

Sagt mir, wieviel ich zu zahlen hab.«

 

Die Katze rief: »Mein Jüngferlein,

Ich bitte gehorsamst, treten Sie ein,

Geruhen Sie, mein Haus zu beehren

Mit Dero Gegenwart; es verkehren

Mit mir die allerschönsten Madel

Und Herzoginnen, der höchste Adel -

Die Töffelchen will ich wohlfeil lassen -

Doch laßt uns sehn, ob sie Euch passen -

Ach, treten Sie ein und nehmen Sie Platz -«

 

So flötet die boshaft listige Katz',

Und das weiße, unerfahrene Ding

In die Mördergrub', in die Falle ging -

Auf eine Bank setzt sich die Maus

Und streckt ihr kleines Beinchen aus,

Um anzuprobieren die roten Schuhe -

Sie war ein Bild von Unschuld und Ruhe -

Da packt sie plötzlich die böse Katze

Und würgt sie mit der grimmigen Tatze,

Und beißt ihr ab das arme Köpfchen,

Und spricht: »Mein liebes, weißes Geschöpfchen,

Mein Mäuschen, du bist mausetot!

Jedoch die Pantöffelchen scharlachrot,

Die will ich stellen auf deine Gruft;

Und wenn die Weltposaune ruft

Zum Jüngsten Tanz, o weiße Maus,

Aus deinem Grab steigst du heraus,

Ganz wie die andern, und sodann

Ziehst du die roten Pantöffelchen an.«

 

Moral

 

Ihr weißen Mäuschen, nehmt euch in acht,

Laßt euch nicht ködern von weltlicher Pracht!

Ich rat euch, lieber barfuß zu laufen,

Als bei der Katze Pantoffeln zu kaufen.

 

 

Schelm von Bergen

 

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein

Wird Mummenschanz gehalten;

Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,

Da tanzen die bunten Gestalten.

 

Da tanzt die schöne Herzogin,

Sie lache laut auf beständig;

Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,

Gar höfisch und behendig.

 

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,

Daraus gar freudig blicket

Ein Auge, wie ein blanker

Dolch, Halb aus der Scheide gezücket.

 

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,

Wenn jene vorüberwalzen.

Der Drickes und die Marizzebill

Grüßen mit Schnarren und Schnalzen.

 

Und die Trompeten schmettern drein,

Der närrische Brummbaß brummet,

Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt

Und die Musik verstummet.

 

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,

Ich muß nach Hause gehen -«

Die Herzogin lacht: »Ich laß dich nicht fort,

Bevor ich dein Antlitz gesehen.«

 

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,

Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -«

Die Herzogin lacht: »Ich fürchte mich nicht,

Ich will dein Antlitz schauen.«

 

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,

Der Nacht und dem Tode gehör ich -«

Die Herzogin lacht: »Ich lasse dich nicht,

Dein Antlitz zu schauen begehr ich.«

 

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,

Das Weib nicht zähmen kunnt er;

Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt

Die Maske vom Antlitz herunter.

 

»Das ist der Scharfrichter von Bergen!« so schreit

Entsetzt die Menge im Saale

Und weichet scheusam - die Herzogin

Stürzt fort zu ihrem Gemahle.

 

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach

Der Gattin auf der Stelle.

Er zog sein blankes Schwert und sprach:

»Knie vor mir nieder, Geselle!

 

Mit diesem Schwertschlag mach ich dich

Jetzt ehrlich und ritterzünftig,

Und weil du ein Schelm, so nenne dich

Herr Schelm von Bergen künftig.«

 

So ward der Henker ein Edelmann

Und Ahnherr der Schelme von Bergen.

Ein stolzes Geschlecht! es blühte am Rhein.

Jetzt schläft es in steinernen Särgen.