Meyen

https://www.youtube.com/watch?v=ggWLgTP0TCw

 

Von Michael Meyen und dem, was ihm angetan wird, lässt sich am besten sehen, wie es um die westliche, vor allem deutsche, Medien-Welt bestellt ist: nicht gut.

Neu erschienen ist sein Buch „Der dressierte Nachwuchs – Was ist mit der Jugend los?“

 

2018: Rettet Claus Kleber!

 

„Claus Kleber „fragt nicht, woher die Nachrichtenagenturen und die Korrespondenten ihr Material haben. Er fragt nicht, wer die Begriffe für das prägt, was das „heute journal“ am Abend bringt. Noch schlimmer: Er sieht gar nicht, dass da ein Problem liegen könnte“. Das sagt der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen im Interview mit den NachDenkSeiten. Meyen, der am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrt, hat vor kurzem auf eine sehr pointierte Weise ein aktuelles Buch von Claus Kleber besprochen, in dem der Moderator des „heute journals“ sich mit der aktuellen Kritik an den Medien auseinandersetzt. Im NachDenkSeiten-Interview sagt er, was ihn an Klebers Einlassungen stört und geht auf die Probleme ein, die er im Journalismus unserer Zeit sieht. Für Meyen ist es vor allem die Funktionslogik der Medien, die eine Berichterstattung mit vielen Schlagseiten entstehen lässt. Medien, so Meyen, „vernachlässigen das, was man als ihre öffentliche Aufgabe bezeichnen kann“, nämlich: „Informieren, aufklären, die Mächtigen kritisieren“. Ein Interview von Marcus Klöckner.

Herr Meyen, Sie haben vor kurzem eine Rezension zum aktuellen Buch von Claus Kleber verfasst, Moderator des „heute journal“. Die Überschrift Ihrer Besprechung lautet: „Rettet Claus Kleber“. Warum muss der Nachrichtenmann des ZDF denn gerettet werden?

So eine Überschrift ist ja immer auch ein bisschen Rhetorik, selbst in einem wissenschaftlichen Blog. Da geht es auch um Leseanreiz.

Also muss Claus Kleber gar nicht gerettet werden?

Das weiß ich nicht. Qualitätsjournalismus – darum geht es. Um die Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, um die großen Zeitungen, um die Regionalpresse. Journalistische Qualitätskriterien wie Neutralität, Objektivität oder Vielfalt sind da längst zu Worthülsen geworden. Wir bekommen permanent Sensationen. Wir bekommen Superlative. Und wir bekommen Geschichten, die so spannend sind, dass wir gar nicht mehr wegschalten wollen. Wenn diese Geschichten dann noch ein bestimmtes politisches Interesse transportieren, dann hat das nichts mehr mit dem zu tun, was mündige Bürger vom Journalismus erwarten. Wir wollen informiert werden, wir wollen aufgeklärt werden, und wir wollen dann selbst entscheiden.

Der Reihe nach. Kleber hat ein Buch verfasst, worin er sich mit der Kritik an den Medien auseinandersetzt. Was stört Sie daran?

Erstmal gar nichts. Es ist gut, wenn Journalisten nicht einfach ignorieren, was das Publikum sagt. Es ist gut, wenn gerade Top-Leute wie Claus Kleber den Zuschauern erklären, wie sie arbeiten.

Was hat Sie dann gestört?

Wie er mit der Kritik umgeht. Er beschreibt einen Tag in der Redaktion, um zu beweisen, dass er weder von Angela Merkel gesteuert wird noch von sonst irgendwem. Kein Anruf aus dem Kanzleramt. Was abends über den Bildschirm geht, entscheiden all die tollen Leute in seinem Team und natürlich er, der Chef. Claus Kleber sieht einfach nur seinen Newsroom und blendet den Rest der Welt komplett aus.

Also zeichnet der Top-Nachrichtenmann eine zu einfache Realität?

Genau. Er fragt nicht, woher die Nachrichtenagenturen und die Korrespondenten ihr Material haben. Er fragt nicht, wer die Begriffe für das prägt, was das „heute journal“ am Abend bringt. Noch schlimmer: Er sieht gar nicht, dass da ein Problem liegen könnte. Das Bundespresseamt beschäftigt mehr als 400 Leute, alle gut ausgebildet und hoch bezahlt. Da sind die Pressemenschen in den Ministerien noch gar nicht mitgezählt, in den Bundesländern, in der Wirtschaft, in Think Tanks. Journalismus hat es schwer gegen die Definitionsmacht, die von dort ausgeht. Er sollte es aber wenigstens versuchen. Er sollte Distanz wahren, er sollte immer nach den Interessen der Mächtigen fragen. Nichts davon ist bei Claus Kleber zu sehen.

Was ist Ihnen in dem Buch noch aufgefallen?

Zwei Dinge. Claus Kleber will kein Beobachter sein. Er will nicht neutral sein wie einst Hanns Joachim Friedrichs, der von einem guten Journalisten gefordert hat, sich mit keiner Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten. Kleber fordert Haltung und Engagement. Was das heißt, kann man jeden Abend im Fernsehen sehen. Kleber ergreift Partei. In einem Nachrichtenmagazin.

Und die zweite Sache?

Claus Kleber hat die kommerzielle Medienlogik verinnerlicht. Er erzählt seinen Lesern ohne jede Hemmung, wie die Realität entsteht, die das „heute journal“ Abend für Abend sendet. Es braucht eine Story. Irgendetwas Spektakuläres, das gestern noch nicht da war und das auch die Konkurrenz nicht hat. Es braucht Bilder, möglichst emotional. Im Zweifel stellt man diese Bilder vermutlich selbst. Und es braucht „Pfeffer“. Kleber freut sich, als Gabriel kurz vor Redaktionsschluss auf die Kanzlerin einprügelt. Endlich ist die Sendung rund.

Eine Hauptkritik an den großen Medien und den Alphajournalisten lautet, dass sie einfach auf Biegen und Brechen ihre Arbeit verteidigen und nicht ansatzweise erkennen oder zugeben wollen, wie eindimensional ihre Erfassung der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit eigentlich ist.

Stimmen Sie dem zu? Ist der Journalismus, den wir innerhalb der großen Medien zu sehen bekommen, oft zu einseitig und spiegelt die Wirklichkeit nicht sauber wieder?

Journalismus war schon immer Selektion. Nicht einmal eine Kleinstadt passt in 30 Minuten Sendezeit. Das Problem ist: Heute wählen die Redakteure etwas ganz anderes aus als ihre Vorgänger vor 30 oder 40 Jahren. Und das, was sie auswählen, verpacken diese neuen Redakteure anders. Grell, schrill, laut. In diesem Dauerbeschuss haben wir gar nicht gemerkt, wie sich die Medienrealität verändert hat und damit unsere Informationsgrundlage.

Wie meinen Sie das?

Die Medien sollen uns Orientierung geben, die Medien sollen uns helfen, vernünftige Entscheidungen zu treffen, die Medien sollen die Mächtigen kontrollieren. Und was sehen wir stattdessen? Eine Arena für Hahnenkämpfe.

Können Sie das etwas genauer beschreiben? Was genau hat sich verändert?

A: Wir haben die Medienrealität von 1984 mit der von heute verglichen. Was haben die großen Zeitungen und die „Tagesschau“ 1984 berichtet und was berichten sie jetzt. Die Unterschiede fangen schon bei den Inhalten an. Heute gibt es weniger Politik und Wirtschaft und dafür viel mehr Soft News. Also Sport, Kultur, Human Interest. Fast noch wichtiger: Über die harten Themen wird heute ganz anders berichtet als vor 30 Jahren. Negativer und emotionaler, stärker an Prominenten und Experten aufgehängt und vor allem an Konflikten.

Die Hahnenkämpfe?

Genau. In der Medienrealität dominieren heute andere Konflikte als damals in der guten, alten Bundesrepublik. Es geht nicht mehr um Gruppen, also nicht mehr um Gewerkschaften und Arbeitgeber oder Professoren und Studenten. Heute geht es um Personen, die mächtig oder prominent sind. Gabriel gegen Merkel. Klebers „Pfeffer“.

Woran liegt das? Warum tun sich Medien so schwer damit, Wirklichkeit abzubilden – also soweit das eben überhaupt möglich ist.

Vieles ist da ja gut beschrieben worden von Medienkritikern wie Uwe Krüger oder Ulrich Teusch. Das Meinungsklima zum Beispiel, das heute längst nicht mehr so liberal ist wie in den 1970ern und inzwischen wieder verlangt, Position zu beziehen, für den Westen zum Beispiel. Oder die Nähe der Journalisten zu den Mächtigen, die schon bei der Herkunft beginnt und in der Ausbildung und die dann zu gemeinsamen Interessen führt und zu einem ganz ähnlichen Blick auf die Welt.

Das erklärt aber noch nicht die Veränderungen, die Sie gerade beschrieben haben.

Nein. Das hat mit der neuen Konkurrenz zu tun. Mit kommerziellen Radio- und Fernsehsendern, mit dem Internet, mit den sozialen Netzwerken. Journalismus konkurriert heute mit Anbietern, denen der Pressekodex egal ist und der Rundfunkstaatsvertrag auch. Und damit sind wir bei der Organisation der Medien und bei uns, bei den Nutzern.

Wie meinen Sie das?

Kommerzielle Medien sind auf Reichweite angewiesen. Auf uns. Das gilt selbst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sofort in Frage gestellt wird, wenn die Einschaltquoten sinken. In einem solchen Mediensystem dreht sich alles um Aufmerksamkeit. Jede Redaktion sieht heute in Echtzeit, welches Thema funktioniert. Sie sieht auch, woher die Nutzer kommen. Über Google, über Facebook, über die eigene Webseite. Und jede Redaktion weiß, dass die Konkurrenz nur einen Klick entfernt ist. Service, lustige Sachen, irgendwelche Rankings. Die Spirale der Aufmerksamkeit wird von uns selbst gefüttert.

Um den Wandel der Medien zu beschreiben, verwenden Sie den Begriff Medienlogik. Was ist damit gemeint?

Logik ist immer ein bisschen irreführend. Das klingt nach folgerichtig oder vernünftig. Das können viele nicht mit dem zusammenbringen, was sie in der „Tagesschau“ finden. Ich meine damit die Brille, durch die Medien die Welt sehen. Welche Themen werden ausgewählt, wie wird das Material zusammengestellt, in welchem Stil wird es präsentiert, was wird betont und was eher nicht? Medienlogik ist die Grammatik der Medienkommunikation und unabhängig vom Thema und auch ziemlich unabhängig vom Kanal. Putin und Erdogan, Flüchtlinge und Terror, Griechenland und die Bundesliga: Das wird uns alles überall auf die gleiche Weise präsentiert.

Wo liegt das Problem?

Das kann man gar nicht in einem Satz sagen. Ich habe dazu ein ganzes Buch geschrieben, das Anfang März bei Westend erscheint.

Versuchen Sie es für uns bitte in kurzer Form.

Das erste Problem habe ich gerade beschrieben. Wenn sich der Kampf um Aufmerksamkeit verschärft, konstruieren kommerziell organisierte Medien eine Realität, die auf Publikumsmaximierung zielt und auf sonst nichts. Das heißt: Sie vernachlässigen das, was man als ihre öffentliche Aufgabe bezeichnen kann. Informieren, aufklären, die Mächtigen kritisieren.

Und das zweite Problem?

Wir gewöhnen uns an dieses Konstruktionsprinzip. Wir fangen an, Medienrealität für die normale Form der Kommunikation zu halten, weil wir permanent Angebote nutzen, die auf Aufmerksamkeit zielen. Diese Logik fängt an zu bestimmen, wie wir uns im Alltag bewegen und wie wir unsere Organisationen und Institutionen gestalten. Man muss sich dazu nur die Firmenzentralen anschauen und die Konzerthallen, die heute gebaut werden, oder unsere Hochzeiten und Geburtstagsfeiern. Ein Superlativ nach dem anderen. Das ist kommerzielle Medienlogik in Reinkultur. Wirtschaft und Politik kennen diese Logik ganz genau und liefern den Journalisten das, wonach sie ohnehin suchen.

Aber das bedeutet doch auch, dass ein so funktionierendes Mediensystem sehr anfällig für Manipulationen ist.

Klar. PR ist ja längst nicht mehr nur Pressemitteilung oder Pressekonferenz. PR beginnt heute damit, Spitzenpersonal einzustellen, das in den Medien sympathisch wirkt, und dieses Personal dann auch entsprechend zu trainieren. Selbst Lehrer werden dazu angehalten, nicht zu streng zu sein. Bloß keine schlechte Presse. Das macht es Journalisten schwer, hinter die Fassaden zu schauen und Dinge ans Licht zu bringen, über die die Gesellschaft eigentlich sprechen müsste.

Was müsste sich denn aus Ihrer Sicht in den Medien und im Journalismus ändern?

Zuerst brauchen wir diese Debatte, glaube ich. Das hat ja längst angefangen mit der ganzen Kritik an der Russland-Berichterstattung, mit der Ukraine, mit Syrien, mit den Flüchtlingen. Wir müssen darüber diskutieren, was wir vom Journalismus erwarten und was wir uns das am Ende kosten lassen wollen. Qualität fällt ja nicht vom Himmel. Qualität kostet Geld. Medienunternehmen, die Gewinn erzielen müssen, entlassen Korrespondenten und Redakteure, wenn die Werbeerlöse sinken oder das Geschäft aus anderen Gründen schwierig wird.

Sie sind ein Vertreter aus dem wissenschaftlichen Feld. Es gibt eine ganze Reihe an kritischen Wissenschaftlern, die die Schwachstellen in den Medien genau erkennen und benennen können. Warum hört man von ihnen so wenig in den Medien? Wo ist ihre Einmischung?

Auch die Wissenschaft steht da vor einer Selektionshürde. Das ist ja überhaupt eine schizophrene Situation: Um als Medienkritiker gehört zu werden, braucht man genau die Plattformen, die man kritisieren will.

Anfang Dezember waren Sie Gastgeber für die Gründungstagung des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft. Warum braucht es dieses Netzwerk?

Das ist eine Initiative aus dem Nachwuchs, von Leuten, die sich nicht wiederfinden in dem, was ihre akademische Disziplin im Moment so macht. Sie vermissen Gesellschaftskritik, sie vermissen Utopien, sie vermissen ein Nachdenken über Medien, das über das Hier und Jetzt hinausgeht. Sie fragen nach Ideologie und Herrschaft, sie wollen sich einmischen und nicht nur zeigen, dass sie das methodische Handwerkszeug kennen. Sozialwissenschaftler neigen dazu, alles auszublenden, was sie nicht messen können. Das neue Netzwerk will diese Tendenz aufbrechen.

Haben Sie noch einen Ratschlag für die NachDenkSeiten-Leser? Worauf sollten Mediennutzer achten, wenn sie sich kritisch mit der Berichterstattung auseinandersetzen möchten?

Auf Transparenz. Das ist für mich das wichtigste Kriterium für guten Journalismus. Medien können kein Spiegel der Wirklichkeit sein. Sie müssen auswählen, gewichten, einordnen. Deshalb sollten die Journalisten sagen, wer sie sind, wo sie politisch stehen, woher sie ihre Informationen haben und wem diese Informationen wahrscheinlich nutzen, wenn sie das denn abschätzen können. Wenn der Berufsstand sich auf dieses Kriterium verständigen könnte, würden viele der Zweifel sofort zerstreut werden, die an der Berufsideologie hängen. Wir Nutzer wissen heute, dass man die Welt nicht objektiv abbilden kann. Wir haben nicht mehr nur das „heute journal“, sondern können leicht auf alternative Realitätskonstruktionen zugreifen. Gerade deshalb tut Transparenz not.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=41755

 

Siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/346-geistige-abschottung-fuehrt-zu-verbloedung aus dem Jahr 2014.

 

2018: „Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren"

 

„Der Journalismus „sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.“ Diese Auffassung vertritt Michael Meyen im Interview mit den NachDenkSeiten. Meyen, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München unterrichtet, kritisiert eine Entwicklung im Journalismus, die dazu führt, dass oftmals so genannte Qualitätsmedien, wie etwa die Tagesschau, nicht mehr von der Bild-Zeitung zu unterscheiden seien. Ein Interview von Marcus Klöckner.

Herr Meyen, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass es die Aufgabe von Journalisten ist, das zu leisten, was eine demokratische Gesellschaft erwartet, nämlich: „Öffentlichkeit herstellen, die Mächtigen kritisieren, die Mächtigen kontrollieren, uns alle informieren.“ Wie ist es um die Erfüllung bestellt?

Das ist eine große Frage, die vor 30 oder 40 Jahren allenfalls ein paar Akademiker beschäftigt hätte. Heute ist Medienkritik in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mich hat interessiert, wie es dazu kommen konnte.

Und? Wie konnte es dazu kommen?

Die Journalisten liefern uns heute etwas ganz anderes als damals. Das System der Massenmedien wird inzwischen vom Imperativ der Aufmerksamkeit regiert. Dieser Imperativ hat Qualitätskriterien wie Neutralität, Objektivität oder Vielfalt zu Worthülsen gemacht und ist zu einem Strudel geworden, der die Glaubwürdigkeit mitgerissen hat.

Woran machen Sie das fest?

An Inhaltsanalysen. Ich habe mir angeschaut, was wir früher in der Presse oder in den Fernsehnachrichten gefunden haben und was heute. Wie sieht zum Beispiel ein SPD-Parteitag in den Medien aus, die Generaldebatte im Bundestag, ein verheerender Sturm? Was ist das für eine Realität, die mir die Journalisten präsentieren? Wenn man so will: frei nach Niklas Luhmann. Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch Massenmedien.

Wie sieht die Realität der Massenmedien heute aus?

Bunt, schrill, originell. Journalisten machen das, was die Reichweite maximiert. Sie vereinfachen, sie übertreiben, sie spitzen zu. Sie erzählen uns Geschichten, sie verdichten komplexe Themen auf Konflikte zwischen zwei oder drei Spitzenleuten, sie laufen Prominenten hinterher, sie schauen Politikern in die Seele und in die Augen und liefern eine Deutung, die niemand sonst hat. Exklusivität auf allen Ebenen.

Sie sprechen über die Bild-Zeitung.

Leider nein. Die größten Veränderungen habe ich in den sogenannten Qualitätsmedien gefunden: in der Süddeutschen Zeitung, in der Tagesschau. Der Bild-Stil ist heute überall. Der Journalismus hetzt von einem Aufreger zum nächsten. Er nimmt sich keine Zeit für die Themen, er bleibt nicht dran, er sucht lieber nach einem neuen Dreh, als aufwändig zu recherchieren. Das müsste er aber, um seine öffentliche Aufgabe erfüllen zu können. Damit sägt er an dem Ast, auf dem er sitzt.

Wir leben in einer Zeit, in der weitreichende politische Themen eine große Rolle spielen: Da war die Griechenland-Krise, da ist die Krise in der Ukraine, der Konflikt zwischen Nato und Russland, da sehen wir eine SPD, die in der Wählergunst immer weiter verliert, und Parteien, die versuchen, eine neue Regierungskoalition zu bilden, aber dabei große Probleme haben. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie die Berichterstattung zu den schwerwiegenden politischen Themen verfolgen?

Ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen. Auf Einseitigkeit, auf Weglassen, auf Parteinahme für den Westen oder für Eliten. Das ist das, was die Menschen im Land aufregt, völlig zurecht. Ich habe die Schraube noch ein Stück weitergedreht und nach der Metabotschaft gefragt, jenseits von konkreten Inhalten. Egal ob Russland, Syrien oder Griechenland: Die Grammatik der Medienkommunikation ist immer gleich. Das nervt, wenn man sich wirklich informieren will und nicht nur Ablenkung und Aufregung sucht oder noch einmal hören will, dass wir hier im Westen schon alles richtig machen und ohnehin in der besten aller Welten leben.

Wie kommt es zu dieser Berichterstattung?

Auch das ist eine große Frage. Zum Journalismus selbst kann man ja viel bei Uwe Krüger finden. Zur Herkunft der Journalisten, zu ihrer Nähe zu den Mächtigen, zu ihrer Abhängigkeit von offiziellen Quellen und von dem, was in der Politik überhaupt diskutiert wird. Auch Krügers Begriff „Verantwortungsverschwörung“ finde ich gut. Der Journalist weiß, was gut oder schlecht ist, und er glaubt, dass er Einfluss auf die Menschen hat. Also lässt er das weg, was in die falsche Richtung führen könnte. Da er gar nicht so viel anders sozialisiert wurde als die Herrschenden und die Welt deshalb ganz ähnlich sieht, bedient er damit die politischen Interessen, anstatt diese Interessen offenzulegen und zu kritisieren.

Das erklärt aber noch nicht die Veränderungen, die Sie beschrieben haben.

Nein. Punkt eins ist das Mediensystem selbst. Die Politik hat Anfang der 1980er Jahre kommerziellen Rundfunk zugelassen und so die Kontrolle über das aufgegeben, was wir sehen und hören. Internet und soziale Medien haben das nur eine Schleife weitergedreht. Wenn ich Spieler im System habe, die nur Aufmerksamkeit maximieren müssen und sonst nichts, dann hat das Folgen für alle anderen. Die Süddeutsche Zeitung könnte heute selbst dann nicht mehr das gleiche liefern wie damals, wenn sie das wollen würde. Die Leute würden einfach zu anderen Angeboten abwandern. Zu Angeboten, die sich nicht um Pressekodex oder Rundfunkstaatsvertrag scheren müssen.

Und Punkt zwei?

Die Journalisten stoßen heute immerzu und überall auf Hochglanzfassaden und auf mundgerechte Bissen, hergerichtet und vorbereitet von PR-Profis, die wissen, was positive Medienberichte wert sind. Heute geht nichts mehr ohne öffentliche Aufmerksamkeit und ohne öffentliche Legitimation. Egal ob Großprojekt, Karriere oder politische Idee: Sie brauchen die Medien. Sie müssen die Berichterstattung entweder unterbinden oder die Logik des Systems für ihre Interessen nutzen. Im Bereich PR ist enorm aufgerüstet worden, und das in einer Zeit, in der die Redaktionen eher kleiner werden.

Also sind die PR-Leute Schuld?

PR ist nur eine Facette. Viel stärker wird die Funktionalität des Mediensystems durch das bedroht, was ich Medialisierung nenne. Durch Akteure, die ihre Strategien an die Medienlogik anpassen und ganze soziale Funktionssysteme umbauen, die Politik, die Kunst, die Wissenschaft. Gut aussehen und gut rüberkommen und dafür zur Not auch das vernachlässigen, um was es im jeweiligen System eigentlich geht. Das beginnt bei Spitzenpersonal, das medientauglich sein muss, und bei spektakulären Projekten, Events, Ideen oder Bauten, mit denen man garantiert in die Medien kommt, und endet bei den einfachen Mitarbeitern, von denen PR-Bewusstsein verlangt wird. Auf keinen Fall etwas machen, was uns in der Öffentlichkeit schlecht dastehen lässt. Überhaupt etwas machen, mit dem wir in die Öffentlichkeit kommen. Das Prinzip Markus Söder.

„Medienlogik“, dieser Begriff taucht in Ihrem Buch an vielen Stellen auf. Was ist das für eine „Logik“, nach der Medien heutzutage handeln?

Medienlogik ist die Brille, durch die Journalisten uns auf die Welt schauen lassen: Welche Themen werden ausgewählt, wie wird das Material zusammengestellt, in welchem Stil wird es präsentiert, was wird betont und was eher nicht. Wie diese Logik konkret aussieht, hängt auch vom Umfeld ab. Von Gesetzen, von der Konkurrenzsituation, von Traditionen, von den Erwartungen des Publikums, also auch von uns. In Deutschland hat sich die Handlungslogik des Systems Massenmedien in den letzten 30 Jahren vom normativen zum kommerziellen Pol verschoben. Also weg von der öffentlichen Aufgabe, hin zur Gewinnorientierung.

Welche Folgen hat das für den gewünschten „kritischen Journalismus“?

Er ist schwieriger geworden. Wer nur auf Klicks und Publikumsmaximierung aus ist, der vernachlässigt Themen, die komplex sind, die Aufwand erfordern, die unbequem sind. Wer auf Prominente fixiert ist und auf Konflikte zwischen Spitzenpersonal, der blendet strukturelle Ursachen aus. Und wer von den PR-Stäben einen Superlativ nach dem anderen geliefert bekommt, macht sich vielleicht nicht mehr die Mühe, selbst nach Themen zu suchen.

Was hat es mit dieser Medienlogik noch auf sich?

Sie verändert auch das, worüber berichtet wird. Die Politik, den Fußball, Gerichtsverhandlungen, den Unterricht an den Schulen und selbst Vorlesungen an der Universität. Es kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein, überall nur noch Showformate zu finden, selbst da, wo es um Entscheidungen von großer Tragweite geht. Der Teufel, den Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ an die Wand gemalt haben: Dieser Teufel ist jetzt da. Die Frankfurter Schule hat gefragt, was die Kulturindustrie aus dem Menschen macht. Heute wissen wir, wie sie die Gesellschaft verändert.

Durch das Internet existieren sehr viele neue Medien und Plattformen, die ebenfalls Informationen aufbereiten, veröffentlichen, politische und gesellschaftliche Ereignisse kommentieren und analysieren – wie hier die NachDenkSeiten. Ist es nicht interessant, dass sich überhaupt so viele „alternative Medien“ entwickelt haben?

Das ist eine Reaktion auf das Versagen der traditionellen Medien, auf den Wandel, den ich beschrieben habe. Der Bedarf an Orientierung und an grundlegenden Debatten ist ja nicht kleiner geworden, nur weil der professionelle Journalismus sich auf das konzentriert, was Quote, Klicks und Auflage bringt. Angebote wie die NachDenkSeiten setzen sich ja in jeder Hinsicht vom Zirkus- und Jahrmarkt-Prinzip der traditionellen Medien ab. Das beginnt schon bei der Aufmachung.

Sie waren auch als Zuschauer auf der Medientagung in Kassel. Dort ist aufgefallen, dass Vertreter etablierter Medien nicht berichtet haben und, laut Aussagen des Veranstalters, sich auch nicht auf den Dialog mit den Medienkritikern, die auf der Veranstaltung zusammengekommen sind, einlassen wollten. Was hat es mit diesem Graben zwischen Medien und ihren Kritikern auf sich?

Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Offenbar ist da etwas kaputt gegangen in den letzten zwei, drei Jahren. Sobald jemand das Schlagwort Medien in die Debatte wirft, wird es sehr emotional, auf beiden Seiten. Die professionellen Journalisten sagen, dass sie so gut arbeiten, wie sie nur können, und beschimpfen ihr Publikum. Selbst schuld, wenn ihr dem glaubt, was euch irgendwelche Leute auf Facebook erzählen. Das Publikum wiederum weiß, dass es mehr gibt als die eine Erzählung, die man in den traditionellen Medien findet, und fordert das ein, was die Journalisten immer wieder versprechen, aber nicht bieten. Neutralität und Objektivität, Ausgewogenheit und Vielfalt.

Wie könnte dieser Graben überbrückt werden?

Durch eine gesellschaftliche Debatte und durch Einsicht, auf beiden Seiten. Wir sollten diskutieren, wozu wir Journalismus brauchen, wie guter Journalismus aussehen könnte und was wir uns das kosten lassen wollen.

Wie könnte denn ein Mediensystem aussehen, in dem kritischer Journalismus ganz oben steht? Was wäre dafür notwendig?

Die Debatte hat ja noch gar nicht richtig angefangen. Was wir aber heute schon wissen: Journalismus, der seine öffentliche Aufgabe erfüllt, ist nicht zum Nulltarif zu haben und offenkundig auch nicht, wenn wir ihn kommerziellen Unternehmen überlassen. Es muss also auch um Medienstrukturen gehen, um Eigentumsverhältnisse, um gesellschaftliche Aufsicht, die anders organisiert ist als das, was wir im Moment im öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben. Und dann brauchen wir neue Kriterien für journalistische Qualität. Dass selbst der beste Journalist kein objektives Abbild irgendeiner Realität produzieren kann, ist heute ein Allgemeinplatz. Ich plädiere deshalb für das Kriterium Transparenz. Woher hat man das Material, wem wird es möglicherweise helfen, wie steht man selbst dazu?“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=42783

 

2020: „Und der Rundfunk würde plötzlich wieder denen gehören, die dafür bezahlen müssen“

 

Marcus Klöckner: „Die Debatte um die Erhöhung der Rundfunkgebühren hat hohe Wellen geschlagen. Nun soll das Bundesverfassungsgericht entscheiden. Der Münchner Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen, der an einem Projekt forscht, wie ein alternatives Mediensystem aussehen könnte, beobachtet die Diskussion genau. Im NachDenkSeiten-Interview legt Meyen dar, wie eine von Bürgern bestimmte Rundfunkaufsicht aussehen könnte, und er zeigt auf, wie viel bei den Öffentlich-Rechtlichen doch im Argen liegt. Ein Interview über eine Gebührenerhöhung von 86 Cent, hinter der mehr steckt, als man es annimmt, und über Redaktionen, die sich so verhalten, als hätten sie „Angst vor ihrem Publikum“.

Herr Meyen, in den vergangenen Tagen gab es einen ziemlichen Streit über die Erhöhung der Rundfunkgebühren. Wie haben Sie die Diskussion wahrgenommen?

Als sehr aufgeregt. Es gibt ganz neue Koalitionen. Plötzlich trommeln Zeitungen und Zeitschriften für eine Beitragssteigerung, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sonst verlässlich bekämpfen, egal ob es um Online-Aktivitäten geht, um einzelne Sendungen, um Rechte oder um Personalien. Auch die Politik jenseits von Sachsen-Anhalt spricht diesmal fast mit einer Stimme, obwohl gerade das Thema Rundfunkbeitrag früher oft genug für Profilierungsversuche herhalten musste. Leichter kann man eigentlich beim Publikum kaum punkten. Jetzt ist nirgendwo ein Sparfuchs zu sehen.

Würden Sie unseren Lesern kurz erklären, worum es genau bei dem Streit geht?

An der Oberfläche um den ersten Medienänderungsstaatsvertrag, den die Landesregierungen im Juni unterzeichnet haben. Dort ist für 2021 bis 2024 ein Rundfunkbeitrag von 18,36 Euro vorgesehen, 86 Cent mehr als im Moment. Damit dieser Staatsvertrag in Kraft treten kann, braucht es die Zustimmung aller Landtage. Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, hat die entsprechende Beschlussvorlage Anfang Dezember zurückgezogen. Wenn ein Parlament nicht zustimmt, bleibt in Sachen Rundfunkbeitrag alles so, wie es ist.

Offenbar steckt mehr dahinter als 86 Cent.

Viel mehr. Immer noch an der Oberfläche: In Sachsen-Anhalt hat die Koalition aus CDU, SPD und Grünen 2016 Beitragsstabilität vereinbart. Jetzt streitet man, wie das damals gemeint war. Mit Inflationsausgleich oder ohne? Und dann geht es natürlich um die AfD, die im Landtag vermutlich mit der CDU gegen die Erhöhung gestimmt hätte. Sachsen-Anhalt stand plötzlich als zweites Thüringen am Pranger. Noch so ein Bundesland, in dem eine der etablierten Parteien in einer wichtigen Frage mit der AfD stimmt. Haseloff hat die Vorlage zurückgezogen, um seine Koalition zu retten. Dabei sind seine Argumente fast untergegangen.

Was waren das für Argumente?

Es ging sowohl um Inhalte als auch um Strukturen. Haseloff hat moniert, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk über Sachsen-Anhalt berichtet und über den Osten ganz allgemein. In Kurzform: zu wenig und mit zu viel Moral. Der Osten als Krisengebiet, der Osten als Abweichung von der Norm, der Osten als das, was sich anzupassen hat. Man kann diesen Kritikpunkt auch aus der Ecke Regionalpolitik herausholen, wie ZDF-Fernsehrat Leonhard Dobusch das gemacht hat. Er moniert, dass bestimmte Milieus unterrepräsentiert sind und dass der Fokus auf den Ost-West-Gegensatz verschleiert, wie wenig die wachsende Ungleichheit im Programm präsent ist. Akademisch gebildete Großstadt-Mittelschichtredaktionen finden offenbar nur schwer Zugang zu Menschen, die ihr Leben nicht in Büros verbringen.

Und die Strukturen?

Reiner Haseloff hat die Gehälter der Intendanten genannt und überhaupt die Bezahlung von Spitzenkräften. In einem Interview mit der Zeit meinte er im Januar sogar, dass „das oberste Drittel der Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu viel Geld erhält“. Dabei ging es ausdrücklich nicht um den MDR, der ja überall als Beispiel für eine schlanke Anstalt gilt. Insofern könnte dieser Streit um 86 Cent zu einer Debatte führen, die lange überfällig ist. Die Gesellschaft muss diskutieren, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk leisten soll und was wir uns das in Zukunft kosten lassen wollen.

ARD und ZDF ziehen nun vor das Bundesverfassungsgericht.

Ja. Sie sagen, dass das Programm ohne die Erhöhung gefährdet sei und dass Kürzungen drohen, bei einzelnen Sendungen, beim Personal. Da es aus keiner der Parteien, die im Bund oder in den Ländern in Regierungsverantwortung stehen, Gegenwind gibt und da es schnell gehen muss, wenn man ab Januar mehr Geld eintreiben möchte, stehen die Chancen vor Gericht sicher gut. Damit würde das Thema von der Agenda verschwinden und wir hätten eine Chance vertan.

Wie müsste der öffentlich-rechtliche Rundfunk aussehen, damit er sein Geld wert ist?

Ich kann das Ergebnis der Diskussion schlecht vorwegnehmen. Wissenschaft sollte sich nicht anmaßen, alles besser zu wissen als das Publikum.

Sie können aber sagen, worüber wir diskutieren müssten.

Eigentlich über fast alles. Das beginnt mit der Aufsicht. Die Beitragszahler haben in den Rundfunkräten nichts zu sagen und sogar Schwierigkeiten, dort überhaupt mit ihren Anliegen vorzudringen. Das zeigt der Umgang mit Programmbeschwerden, die von den Anstalten in aller Regel pauschal zurückgewiesen werden und die Aufsichtsgremien erst gar nicht erreichen. Da könnte eine Ombudsstelle helfen, wie sie zum Beispiel die SRG in der Schweiz hat. Wer sich dort beschwert, hat spätestens nach 40 Tagen eine Reaktion. Außerdem versuchen die Ombudsleute, zwischen den Beteiligten zu vermitteln. Das Ergebnis ist öffentlich. Man kann das alles in einem Blog nachlesen.

Zurück zu den Rundfunkräten.

Ja. Die Politik stellt dort inzwischen zwar nur noch gut ein Drittel der Mitglieder, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist ja nicht nur die Politik. Da sitzen Wirtschaftslobbys und irgendwelche Verbände. Alles Bereiche, die der Journalismus eigentlich kontrollieren sollte. Im Moment ist es genau umgekehrt. Die Politik kontrolliert den Journalismus. Und die Politik bestimmt, wer in den Redaktionen das Sagen hat. Alle wichtigen Personalien werden in den Gremien entschieden und sind damit ein Spielball der Parteien.

Sie meinen Intendanten, Direktoren, Programmchefs, Etats.

Manchmal sagt ein Beispiel mehr als alle Studien. Christine Strobl soll im Mai Direktorin des ARD-Gemeinschaftsprogramms werden. Strobl ist Tochter von Wolfgang Schäuble und mit dem Innenminister von Baden-Württemberg verheiratet. Strobl war im Herbst auch als Intendantin des BR im Gespräch. Dort hätte sie Ulrich Wilhelm abgelöst, der vorher erst in Bayern Regierungssprecher war und dann bei Angela Merkel. Mehr muss man über die Verquickung von Politik und Rundfunk eigentlich gar nicht sagen. Für Gremien und Anstaltsspitzen ist das so normal, dass sie nicht einmal mehr merken, welche Signale von solchen Personalentscheidungen ausgehen.

Die Redaktionen könnten sich trotzdem an den journalistischen Qualitätsstandards orientieren, die zum Beispiel im Medienstaatsvertrag festgeklopft sind.

Natürlich. Gar nicht so wenige tun das ja auch. Diese Leute müssen wir stärken. Autonomie braucht entsprechende Bedingungen. Es kann nicht sein, dass zentrale Programmbestandteile von privaten Firmen geliefert werden, und es kann auch nicht sein, dass viele Redakteure keinen festen Arbeitsvertrag haben. Wie soll ich meiner Chefredakteurin widersprechen oder sogar dem Anrufer aus der Staatskanzlei, wenn ich nicht sicher sein kann, auch nächsten Monat wieder im Dienstplan zu stehen?

Solche Versuche, das Programm von außen zu beeinflussen, wird es immer geben.

Sicher. Das würde aber sofort aufhören, wenn die Redaktionen das öffentlich machen würden. Wenn jeder Anruf und jeder Brief auf einer Webseite dokumentiert werden würde. Ich plädiere generell für Transparenz als Qualitätskriterium. Im Moment diskutiert der Journalismus ja über Handwerk oder Haltung. Soll ich mich weiter an Normen wie Objektivität, Neutralität, Unabhängigkeit und Vielfalt orientieren oder ist es nicht besser, sich ganz offen für die Dinge einzusetzen, die man für wichtig und richtig hält? Ich halte diese Debatte für fatal. Journalismus muss all die vielen Interessen und Perspektiven aufgreifen, die es in einer Gesellschaft gibt, und zwar im Hauptprogramm zur besten Sendezeit und ohne jede Abwertung. Billiger ist Demokratie nicht zu haben.

Das ist etwas anderes als Transparenz.

Das ist ein Plädoyer für das Qualitätskriterium Vielfalt, ja. Außerdem möchte ich erfahren, woher man das Material hat, das da veröffentlicht wird, wem es möglicherweise hilft und wie man selbst dazu steht. Dass diese Art von Transparenz heute leicht möglich ist, machen einige Redaktionen ja vor. Mir würde reichen, wenn das alles auf einer Webseite zur Sendung zu finden ist.

Wie könnte eine Rundfunkaufsicht aussehen, die den Redaktionen Unabhängigkeit garantiert?

Auf jeden Fall müsste das Publikum dort das Sagen haben. Man könnte solche Räte wählen oder vielleicht sogar auslosen. Es gibt ja ausgearbeitete Modelle für Bürgerparlamente, die auf mich sehr verlockend wirken. Aleatorische Demokratie. Versprochen wird dort neben einem Ende des Lobbyismus auch eine Aktivierung der Bevölkerung, weil ja plötzlich jeder Gefahr laufen würde, für eine gewisse Zeit Abgeordneter zu sein. Ich kann verstehen, dass man das nicht gleich im Bundestag oder in den Landtagen ausprobieren möchte. Warum also nicht im Rundfunkrat? Viel schlechter als im Moment kann das nicht werden. Und der Rundfunk würde plötzlich tatsächlich wieder denen gehören, die dafür bezahlen müssen.

Sie haben vor kurzem an einem nicht-öffentlichen Austausch zwischen Medienkritikern und ARD-Offiziellen teilgenommen. Was haben Sie erlebt?

Eigentlich nichts, was gegen den Vorschlag spricht, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Bevölkerung zurückzugeben. Es ging um eine Petition und um eine Corona-Sondersendung, die Befürworter und Kritiker der Regierungslinie zusammenbringt. Drosten, Wieler, Lauterbach vs. Wodarg, Bhakdi, Homburg. Das hatten über 63.000 Leute unterschrieben. Man muss sich nur Bastian Barucker anschauen, den Initiator der Petition, und die vielen Kommentare auf seiner Webseite. Das Thema Rundfunk bewegt die Menschen. Und diese Menschen haben dazu etwas zu sagen.

Und die ARD-Seite? War man dort offen für das Anliegen der Petition?

Nicht wirklich. Von der Übergabe bis zu diesem Gespräch hat es gut zwei Monate gedauert. Auf dem Bildschirm haben wir dann gehört, dass die Redaktionen alle Bedenken kennen und man sich ansonsten an den „Fakten“ orientiert. Da bin ich dann wieder bei der Transparenz. Es gibt keine „Fakten“ ohne die Menschen, die sie produzieren, und damit auch keine „Fakten“ ohne Interessen. Wissenschaft wird heute offenbar zu einer Art Religionsersatz. An das Publikum dagegen scheint man in den Anstalten nicht zu glauben, jedenfalls nicht in dieser Runde. Ich habe nicht nur zwischen den Zeilen gehört, dass man den Menschen bestimmte Informationen nicht zumuten möchte, weil man ihnen nicht zutraut, mit mehr Komplexität umzugehen.

Also wird es keine solche Sondersendung geben.

Wir haben noch mehr vorgeschlagen. Eine Ombudsstelle, Reportagen über Petitionsunterzeichner, Vor-Ort-Sendungen nach Demos. Man könnte das weiterdrehen und über Lokalberichterstattung nachdenken. In den meisten Landkreisen war Pressekonkurrenz gestern, wenn überhaupt. In Sachsen-Anhalt gibt es nur zwei große Tageszeitungen, und die kommen beide aus dem gleichen Verlag. Hier hätte der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Aufgabe. Er könnte da an seine eigenen Traditionen anknüpfen. Es gab ja früher Mitmach-Journalismus. Hallo Ü-Wagen beim WDR zum Beispiel oder Vor Ort beim ORB. Dort konnten die Frau und der Mann von nebenan sprechen – live, ungefiltert und zu Themen, die auf keiner Pressekonferenz vorkamen. Heute wirkt es oft fast so, als ob die Redaktionen Angst vor ihrem Publikum haben und sich nicht trauen, ihre Konferenzräume zu verlassen und Pro und Contra klar zu benennen.

Kritiker werfen den Öffentlich-Rechtlichen vor, einseitig und unausgewogen zu berichten. Was ist Ihre Beobachtung?

Das müsste man Thema für Thema untersuchen, systematisch, ohne Emotionen. Eigentlich ist das ja ein Witz: Wir geben diesen Anstalten jedes Jahr mehr als acht Milliarden Euro und haben so gut wie keine Qualitätskontrolle. In den Rundfunkräten fehlen dafür Ausstattung und Expertise. Die meisten Mitglieder sind Laien und haben gar nicht die Zeit, das komplette Programm zu beobachten. Die Angestellten, die sich um die Räte kümmern, sind mit der Organisation der Sitzungen ausgelastet. Und die Forschung, die die Anstalten selbst machen oder in Auftrag geben, bekommt in aller Regel das heraus, was der Geldgeber hören will. Qualitätskontrolle muss unabhängig sein. Und sie braucht Geld. Schon mit einem Prozent der Beiträge wären wir bei 80 Millionen Euro. Das sollte für ein gutes Monitoring reichen und auch dafür, dabei das Publikum einzubeziehen.

Sie meinen also, dass Druck von außen helfen würde, das Programm zu verbessern?

Das wäre ein Baustein von vielen. Bei einer Reform müsste es auch um die Rekrutierung für die Redaktionen gehen und um die Ausbildung. Im Moment ziehen die Anstalten einen ganz bestimmten Menschenschlag an. Akademiker aus der Mittelschicht, die sich selbst verwirklichen wollen und nebenbei gleich noch die Welt verbessern. Das führt zu einem ganz bestimmten Blick auf die Welt und damit zum Gegenteil von Vielfalt. Über die Ausbildung habe ich gerade ein Buch geschrieben und dabei aus den Erfahrungen geschöpft, die ich in der DDR gesammelt habe sowie im langen 89er Herbst. All das spricht gegen das Volontariat als Königsweg in den Beruf. Dort lernt man, sich mit den Abhängigkeiten von Politik und Wirtschaft zu arrangieren. Auch die Ausbildung muss unabhängig sein, genau wie die Aufsicht und die Qualitätskontrolle.

Sie haben vorhin gesagt, dass wir eigentlich über fast alles diskutieren müssen. Gibt es etwas, was Sie nicht auf den Prüfstand stellen würden?

Die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Einige nutzen die aktuelle Debatte ja gleich wieder, um nach Privatisierung zu rufen. Das wäre das Ende jeder gesellschaftlichen Kontrolle. Man muss sich dazu nur anschauen, was die Silicon-Valley-Formen gerade aus dem Internet machen. Reichweitenstarke Plattformen werden einfach gesperrt, weil sie Dinge veröffentlichen, die mächtige Interessen stören. Die Rundfunkfrequenzen gehören uns. Sie sind ein öffentliches Gut. Wir sehen außerdem bei der Presse, dass der Markt nicht einfach so Vielfalt produziert, zumindest nicht auf Landes- oder Lokalebene. Wir brauchen deshalb überall öffentlich-rechtliche Medien: Presse, Radio, Fernsehen, Blogs, digitale Plattformen.

Das klingt nach noch höheren Beiträgen.

Vielleicht müssen wir auch da noch einmal ganz neu denken. Heiko Hilker, der beim MDR seit mehr als 20 Jahren im Rundfunkrat sitzt, schlägt zum Beispiel ein duales System vor, in dem es um Daten geht. Heute haben wir ja auf der einen Seite Medien mit Werbung und auf der anderen Rundfunkbeiträge. Hilker sagt: Als Nutzer von digitalen Plattformen muss ich die Wahl haben zwischen privaten Angeboten, die von meinen Daten leben, und öffentlich-rechtlichen, die meine Daten wieder löschen. Wer unsere Daten nicht nutzen darf, kann einen Beitrag legitimieren. Daten sind das neue Geld.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=68236

 

2021: Journalismus mit oder an Corona gestorben?

 

https://www.youtube.com/watch?v=rGKaTmDIzDs

 

https://www.youtube.com/watch?v=I-U1KaGIkGU

 

2021: Alles auf den Tisch / Auf dem Weg zum Wahrheitsministerium

 

https://www.youtube.com/watch?v=bJaKy2ZvQGk

 

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/760-alles-auf-den-tisch

 

https://www.youtube.com/watch?v=EbbSjsNe6z0

 

2021: Die Medien-Matrix

 

https://www.youtube.com/watch?v=jE2SkKXxtYQ

 

https://www.youtube.com/watch?v=h9q3r-KrPGE

 

2023: „Wie ich meine Uni verlor: Dreißig Jahre Bildungskrieg. Bilanz eines Ostdeutschen“

 

https://www.youtube.com/watch?v=jmmVzIQ7i8w

 

„Wie kann ein Professor seine Uni verlieren? In dem Buch „Wie ich meine Uni verlor: Dreißig Jahre Bildungskrieg. Bilanz eines Ostdeutschen“ erzählt der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen davon und gewährt einen tiefen Einblick in ein Hochschulsystem, das sich in einer schweren Schieflage befindet. Im NachDenkSeiten-Interview geht Meyen, gegen den ein Disziplinarverfahren läuft, auf sein Buch ein und sagt: „Das akademische Feld ist gekapert von der Wirtschaft, von der Politik und von den Medien, Geld, Macht, Aufmerksamkeit.“ Ein Interview über das Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Herrschaft und die Angst, die in der Wissenschaft umgeht. Von Marcus Klöckner.

Herr Meyen, wie sieht das Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Herrschaft aus?

Das akademische Feld ist gekapert von der Wirtschaft, von der Politik, von den Medien, Geld, Macht, Aufmerksamkeit. Außerdem ist dieses Feld ein Ort, an dem sich Menschen begegnen. Woran gearbeitet wird, hängt folglich auch und nicht zuletzt von Beziehungen ab und vor allem davon, was am Machtpol gerade goutiert wird. Wissenschaft ist die Religion der Gegenwart. Um heute etwas durchsetzen zu können, brauche ich Priester mit Professorentitel, Studien, Akademien, Ethikräte. Ohne die Weihen von Gelehrten keine Absolution. Diese Deutungshoheit macht die Universitäten attraktiv für alle, die tatsächlich etwas durchsetzen können.

Man könnte also sagen: Das Spannungsverhältnis ist in das System eingebaut?

Ja. Der Staat finanziert die Forschung, in den Geistes- und Sozialwissenschaften sogar ziemlich komplett. Inzwischen haben zwar auch Konzern- und Privatstiftungen die Universitäten entdeckt, aber die Grundfinanzierung und die meisten Projektmittel kommen aus Steuergeldern. Wer bezahlt, will etwas dafür haben. Wir bauen zwar keine Maschinen und melden auch keine Patente an, formen dafür aber die Sprache und die Denkmuster, mit denen eine Gesellschaft ihre Wirklichkeit beschreiben und begreifen kann. Diese Definitionsmacht ist für alle verlockend, die etwas zu entscheiden haben oder ihren Reichtum schützen und mehren wollen.

Haben Sie ein Beispiel für die Stiftungen?

Dieter Schwarz, also Kaufland und Lidl. In der Liste der reichsten Deutschen ziemlich weit oben. Seine Stiftung hat der TU München in den letzten vier Jahren 41 Professuren geschenkt, 32 davon angesiedelt in Heilbronn, am Gründungssitz der Firma. Ich erinnere mich noch an die Debatten, als der Deal mit der TU ruchbar wurde. Muss ein Schwarz-Professor eigentlich den Sponsor fragen, bevor er etwas veröffentlicht?

Macht- und Herrschaftseinflüsse werden eher selten thematisiert, wenn Journalisten und andere Akteure in der Öffentlichkeit ein Loblied auf die „freie Wissenschaft“ singen. Woran liegt das?

An der illusio des akademischen Feldes. Das ist ein Begriff von Pierre Bourdieu. Er meint damit den Glauben an Sinn, Regeln und Wert des Spiels Wissenschaft. Dieser Glaube hilft jedem Forscher, wieder und wieder ins Labor oder an den Schreibtisch zu gehen, dabei denjenigen zu huldigen, die erfolgreicher sind als er selbst, und Attacken von außen entrüstet zurückzuweisen, obwohl er wissen müsste, dass die Kritiker nicht immer falsch liegen. Das heißt: Wissenschaftler können sich einreden, uneigennützig für das Wohl aller zu arbeiten und nichts als die Wahrheit im Sinn zu haben. Vielleicht müssen sie sich das sogar einreden, um nicht zu verzweifeln.

In der Medienöffentlichkeit erwecken Journalisten, Experten, aber auch Politiker immer wieder den Eindruck, als gäbe es „die“ Wissenschaft, deren Forschungsergebnisse ohne jeden Zweifel als „wahr“ anzuerkennen seien.

Natürlich geht es um Wahrheit und um Objektivität, wir wissen aber, dass es keine Forschung ohne Forscher gibt. Also brauchen wir Öffentlichkeit, um prüfen zu können, was uns die Kollegen da auftischen. Wir brauchen die Kontroverse, wir brauchen gegenseitige Kritik. Wissenschaftliche Wahrheit ist ein Synonym für den aktuellen Stand des Irrtums. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass wir davor gefeit sind, genau wie unsere Vorfahren in Sackgassen zu laufen und die Gesellschaft auf der Basis von Annahmen und Forschungsergebnissen umzubauen, über die in 100 Jahren alle den Kopf schütteln werden.

Finanzielle Mittel für Forschungsprojekte zu gewinnen, gehört mehr oder weniger zum Alltag eines Professors. Angenommen, Sie wollten ein Projekt mit dem Titel „Wie Qualitätsmedien die Bevölkerung manipulieren und Propaganda verbreiten“ angehen und würden versuchen, dafür die entsprechenden Mittel zu bekommen. Wie sehen Sie die Chancen, ein derartiges Projekt zu realisieren?

Das ist eine rhetorische Frage, oder? So ein Antrag würde schon an den Begriffen im Titel scheitern. Nach der herrschenden Lesart wird die Bevölkerung in westlichen Gesellschaften nicht manipuliert. Propaganda gibt es nur bei den anderen. Russland, China, Nordkorea. Ich müsste das also entweder anders formulieren oder gleich aus Bordmitteln machen. Das geht, immer noch. Mit Hannah Broecker und Dennis Kaltwasser habe ich gerade ein Institut für kritische Gesellschaftsforschung gegründet. Dort machen wir genau die Forschung, auf die Sie anspielen.

Was ist eigentlich mit den Studenten in diesem Universitätssystem?

Im Bologna-System endet jede Lehrveranstaltung mit einer Prüfung. Gar nicht so selten sind das Multiple-Choice-Klausuren. Da bleibt kein Raum für Streit oder gar Protest. Der „Lehrer“ weiß, wo das Kreuz zu setzen ist, und belohnt die, die alles „richtig“ machen. Den jungen Menschen wird heute Alternativlosigkeit beigebracht. Dinge nachbeten und dabei die Termine einhalten – an der Universität wohlgemerkt, wo früher um den Weg zur Erkenntnis gerungen wurde.

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Eine Angst geht um in der Wissenschaft.“ Was meinen Sie damit?

Das lässt sich schwer greifen. Ich meine damit die Moralisierung aller Lebensbereiche, die von den Digitalplattformen ausgeht. Null und eins. Daumen hoch, Daumen runter. Die Plattformen sehen jedes Thema durch die Brille der Moral und stellen jeden Abweichler an den Pranger. Die Angst vor Isolation beschneidet eigentlich alles und greift schon nach der jüngsten Forschergeneration. Bachelorstudenten fragen, ob ein bestimmtes Thema oder ein bestimmter Betreuer ihre Karriere gefährden könnten. Manchmal fängt das schon bei den Interviewpartnern an. Bin ich „rechts“, wenn ich mit diesem Menschen rede? Kontaktschuld ist der Tod der Wissenschaft.

Ihr Buch trägt den Titel: „Wie ich meine Uni verlor“. Wie haben Sie denn Ihre Uni verloren?

Der Titel zielt auf die Universität als Ort, an dem man erwachsen werden kann. So ein Studium ist ja auch ein Moratorium im Leben – eine Atempause, die jungen Menschen erlaubt, sich umzuhören, etwas auszuprobieren und dabei die Pfade zu verlassen, die durch die Herkunft vorgezeichnet sind. Nur so kann etwas Neues entstehen. Nur so ist es für mich als Professor möglich, Gleichgesinnte um mich zu scharen und eine Schule zu gründen, die erst das akademische Denken erobert und dann die Gesellschaft. Heute hetzen die Studenten von Prüfung zu Prüfung. Und die Wissenschaftler fragen nicht mehr, was spannend ist oder relevant sein könnte, sondern schreiben Anträge an politische Behörden.

Ihr Buch ist auch sehr persönlich. Neben den Schieflagen im Uni-System geht es auch um Sie und um das, was Ihnen widerfahren ist – wobei das miteinander verknüpft ist.

Ich habe schon immer am meisten gelernt, wenn ich selbst betroffen bin. Kein Buch, kein Interview und kein Archiv können das ersetzen, was man selbst erlebt. Warum, so hieß die Frage diesmal, warum wird ein kleiner Professor aus allen Rohren beschossen, wenn er einer kleinen Zeitung wie dem Demokratischen Widerstand hilft? Die kurze Antwort kam von meinem Präsidenten an der LMU in München: Reputationstransfer. Wir wollen nicht, dass unser akademischer Ruhm dieses Blatt adelt. Die lange Antwort steht jetzt zwischen zwei Buchdeckeln.

Was sind die Konsequenzen für die Universitäten, aber auch für die Gesellschaft, aus der von Ihnen beschriebenen Entwicklung?

Wer die Universitäten beherrscht, der bestimmt, wie wir leben. Ich meine damit gar nicht nur die Denkmuster, über die wir schon gesprochen haben. Die Universität ist das Nadelöhr, das jeder passieren muss, der irgendwann irgendwo etwas zu sagen haben will. Schuldirektoren, Richter, CEOs, Chefredakteure, Intendanten, Minister. Wir erleben ja gerade, dass die ersten Pisa- und Bologna-Kinder in Spitzenpositionen aufsteigen, und sehen, welche Folgen das für die Diskussionskultur hat und für den politischen Prozess überhaupt.

Im Untertitel taucht das Wort „Bildungskrieg“ auf. Worauf bezieht sich das? Bitte erklären Sie.

Punkt eins: 2005 hat Rot-Grün das W-System eingeführt. Seitdem gibt es für Professoren ein Grundgehalt plus Zulagen. Was dafür zu tun ist, wird oft in Zielvereinbarungen festgehalten. Drittmittel etwa oder Publikationen. Punkt zwei: Vor allem der Bund und die EU haben ihre Projektausgaben seitdem erheblich aufgestockt. Ein Medienforscher wie ich bekommt sein Geld ja eher nicht aus der Wirtschaft. Drittmittel sind bei uns politische Gelder. Brüssel und die Ministerien in Bund und Ländern geben vor, was mit welchen Methoden zu untersuchen ist. Das geht bis hin zu Sprachregeln. Gendern zum Beispiel: Wenn das Gehalt davon abhängt, ob man mitmacht, ist es schwer, sich dem zu entziehen.

Vermutlich gibt es noch einen dritten Punkt.

Leider, ja. Prestige bringen heute nur noch ganz bestimmte Publikationen. Das Stichwort ist hier Web of Science. Diese Oberfläche wurde vom Medienkonzern Thomson Reuters erfunden, der eine Weile auch den Science Citation Index hatte und beide Marken 2016 in die Firma Clarivate Analytics überführt hat – inzwischen an der Börse notiert und vorher eine Goldgrube für milliardenschwere Kapitalanleger. Was dort nicht gelistet ist, fällt bei den Rankings unter den Tisch, in Shanghai zum Beispiel oder beim H-Index.

Was ist das?

Inzwischen das Nonplusultra für jeden Wissenschaftler. Namensgeber ist Jorge Hirsch, ein Physiker. Seine Idee war offenbar verlockend: Ich verdichte jede Lebensleistung auf einen einzigen Wert und kann so alles mit jedem vergleichen. Der Medienforscher spielt plötzlich in der gleichen Liga wie Mediziner und Mathematiker. Das Prinzip kann man sich auf Google Scholar anschauen. Für einen hohen H-Index braucht man viele Publikationen, die möglichst oft zitiert werden. Diesen Index gibt es erst seit 2005. Er hat die Forschung komplett umgebaut.

Wie meinen Sie das?

Publiziert wird vorrangig da, wo mitgezählt wird – in Zeitschriften und Verlagen, die zum Web of Science gehören. Mein Buch wird dort zum Beispiel gar nicht erfasst. Viele wundern sich ja, wenn 20 und mehr Namen über einem kleinen Artikel stehen. Der H-Index sagt: Publiziert viel und mit möglichst vielen Kollegen. Zitiert euch selbst und die, die auch viel schreiben und euch dann einen Gefallen schulden. Meidet Nischenthemen und Sprachen, die im Web of Science nicht verstanden werden. Genau das passiert gerade. Auf Deutsch über deutsche Medienpolitik oder die Weimarer Republik zu schreiben, macht nach dieser Logik keinen Sinn. Eigentlich macht das auch auf Englisch keinen Sinn, weil sich die US-Amerikaner für andere Sachen interessieren.

Gegen Sie läuft ein Disziplinarverfahren. Was hat es damit auf sich, was sind die Gründe?

Es geht um Zweifel an meiner Verfassungstreue. Nicht wegen irgendwelcher Sätze, die ich gesagt oder geschrieben habe, sondern weil ich Kontakt mit den falschen Leuten hatte oder habe. 2019 die Rote Hilfe, jetzt die Zeitung Demokratischer Widerstand.

Was ist Ihre Position zu den Vorwürfen?

Ich habe in der DDR erlebt, wohin die Reglementierung der Öffentlichkeit führen kann, und mir als Medienforscher das Ziel gesetzt, eine Wiederholung mit den Mitteln zu verhindern, die mir meine Professur bietet. Dazu gehört der Kontakt zu Bevölkerungsgruppen, die glauben, dass sich Politik und Staat von ihnen abgewendet haben. Ich halte das auch deshalb für meine Pflicht, weil ich einen Eid auf die bayerische Verfassung geschworen habe, die in Artikel 96 sagt, dass die Beamten „Diener des ganzen Volkes“ sind „und nicht einer einzelnen Partei“."

https://www.nachdenkseiten.de/?p=103051

 

2024: Über Zensur

 

„Gibt es in Deutschland Zensur? Wenn ja: Wie sieht sie aus? Wie ist sie zu verstehen? Gibt es eine Zensur ohne Zensor? Darüber spricht der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen im Interview mit den NachDenkSeiten. Meyen stellt fest: „Genau wie Propaganda ist der Begriff Zensur systematisch entkernt worden. In Wissenschaft und politischer Bildung wird er nur noch verwendet, wenn es um Regierungsformen geht, die als ‚totalitär‘, ‚diktatorisch‘ oder ‚undemokratisch‘ bezeichnet werden können.“ Mit anderen Worten: Wenn es keine Diktatur ist, kann es keine Zensur geben. Doch dieser Gedanke greift laut Meyen zu kurz. Das Interview führte Marcus Klöckner.

Zensur ohne Zensor – wie geht das?

Die Überschrift habe ich aus einem Buch über die DDR kopiert. Dort gab es ja weder ein Wahrheitsministerium noch eine Zensurbehörde. Die Medien waren trotzdem Sprachrohr der Partei und haben das unterstützt, was ganz oben gerade angesagt war. Es gab natürlich entsprechende Anweisungen, jeden Donnerstag für die wichtigsten Chefredakteure zum Beispiel und sonst auch per Telefon oder ganz direkt beim Mittagessen mit Erich Honecker. Gar nicht so wenige Meldungen hat der Parteichef sogar selbst geschrieben, manchmal zu ziemlich unwichtigen Dingen. Das allein ist es aber nicht. Zensur beginnt beim Medienbesitz und endet nicht bei der Auswahl und der Ausbildung von Journalisten. Die Ideologie, mit Vaclav Havel verstanden als Machtinterpretation der Wirklichkeit, steckte schon in den meisten Kinderbüchern.

Und heute?

So viel anders ist das gar nicht. Ich habe ja das Glück, meinen Enkeln hin und wieder vorlesen zu dürfen. Von da ist es gar nicht weit bis zu dem, was wir in der Universität inzwischen machen. Themen wie Klima oder Identitätspolitik werden von der Hochschulleitung forciert. Baut das bitte in eure Veranstaltungen ein, macht vielleicht sogar etwas extra dazu. Selbst bei uns gibt es inzwischen Beauftragte zu all den Themen, die in der Machtinterpretation der Wirklichkeit einen zentralen Platz haben.

Ich wollte mit Ihnen eigentlich über die Medien sprechen.

Sorry, ja. Über die Besitzverhältnisse müssen wir hier wahrscheinlich nicht reden. Die Familien, die 1945 in den Westzonen einen Verlag gründen durften, haben heute Milliardenvermögen oder wenigstens dreistellige Millionensummen. Mohn, Springer, Bauer, Burda, Holtzbrinck. Wir könnten diese Liste leicht fortsetzen. Dann der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Früher hätte ich gesagt: Die Drähte zu den Regierungen sind so fein gesponnen, dass man sie kaum erkennen kann. Jetzt wird eine Regierungssprecherin Intendantin.

Ulrike Demmer beim RBB.

Genau. Erst Merkel-Sprecherin und dann auf den Spuren von Ulrich Wilhelm, der 2010 auf dem gleichen Weg zum Bayerischen Rundfunk ging und in der Drehtür Steffen Seibert traf, ein ZDF-Gesicht, inzwischen Botschafter in Israel. Die Politik hat das Konstrukt öffentlich-rechtlich nie akzeptiert und die Anstalten immer als ihr Spielfeld gesehen.

Manche sagen, es habe dort früher mehr Spielraum gegeben.

Ich habe gerade noch einmal in der Autobiografie von Waldemar Hartmann geblättert – „Dritte Halbzeit“, erschienen 2013. Er hat ab 1976 die wichtigste Nachrichtensendung im BR moderiert. Im Buch wird die „Standleitung“ ins Funkhaus beschrieben, die jeden Dienstag nach der Kabinettssitzung aktiviert worden ist. Hartmann sagt: wie bei den „roten Genossen von drüben“. Als er Anfang der 1990er-Jahre mit seiner Bezahlung unzufrieden war, bekam er sofort einen Termin bei Ministerpräsident Max Streibl – und „haargenau“ den Vertrag, den er wollte. Die Landesregierung wusste genau, was ihr so ein Moderator wert ist. Darf ich noch ein Wort zu den Journalisten sagen?

Bitte.

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind zwei von drei Programm-Machern „frei“ oder „fest-frei“. Das heißt: Sie können nie sicher sein, dass es einen neuen Auftrag gibt oder einen Platz im nächsten Dienstplan. Das produziert Konformität und einen Gleichklang, den manche Gleichschaltung nennen und sich dabei auch auf die Forschung berufen können – von Pegida über Corona und Klima bis zur Ukraine und zur AfD. Alle großen Studien zeigen, dass der Leitmedienjournalismus zum Lautsprecher der Regierungspolitik geworden ist. Was das mit der Rekrutierung für den Beruf zu tun hat, haben Sie in Ihrem Buch „Sabotierte Wirklichkeit“ ja schön erklärt.

Sie meinen den Habitus der aufstiegsorientierten Mittelschicht, der die bewundert, die es nach ganz oben geschafft haben, und Herrschaftsverhältnisse schon deshalb akzeptiert.

Ja. In den Redaktionen dominieren Mittelschichtkinder mit Uni-Zeugnis, die gar nicht so selten über ihre Verhältnisse leben und schon qua Herkunft oft wenig Kontakte und Erfahrungen im ländlichen Raum oder in Arbeitervierteln haben. Dieses Sozialprofil prägt den Blick auf die Wirklichkeit und den persönlichen Umgang. Politik, Wirtschaft und Kultur rekrutieren ihre Entscheider in den gleichen Milieus. Wenn man dann noch permanent miteinander zu tun hat, entsteht Verständnis und vielleicht sogar Sympathie. Es ist ja kein Zufall, dass die Themen und die Perspektiven der Menschen, die ihr Geld mit den Händen verdienen, aus den Leitmedien verschwunden sind. Und worüber nicht berichtet wird, das interessiert auch die Politik nicht. Parteien, die sich selbst als links beschreiben oder dort ihre Vergangenheit haben, streiten sich dann lieber übers Gendern oder über CO2. Man kann da nur den Kopf schütteln, wenn man sieht, wie sehr die Ungerechtigkeit inzwischen zum Himmel schreit.

Wir sind schon mittendrin in Ihrem Buch zum Thema Zensur. Sie haben sich das Phänomen Zensur genauer angeschaut. Warum?

Ich wollte verstehen, warum nur noch 40 Prozent der Deutschen das Gefühl haben, ihre politische Meinung frei sagen zu können. Diese Allensbach-Umfrage von 2023 zeigt die Bruchlinien in diesem Land. Wer Abitur hat oder einen Hochschulabschluss und damit Aussicht auf einen Job in der Bewusstseinsindustrie oder in einer Behörde, der glaubt deutlich eher, in diesem Land „frei reden“ zu können. Bei den Anhängern der Grünen liegt dieser Wert bei 75 Prozent. Ich wollte wissen, wie diese Spaltung zu erklären ist. Auf der einen Seite Selbstbewusstsein oder Selbstgewissheit, die wir jetzt ja auch wieder bei den „Demos gegen rechts“ gesehen haben, und auf der anderen Seite eine Mauer des Schweigens. Die Antwort lässt sich auf einen Dreisatz verdichten: Zensur, Propaganda, Digitalkonzernstaat.

Hat die Wahrnehmung von Zensur nicht auch sehr viel damit zu tun, wie präsent der einzelne Bürger seine Sicht in Medien und Politik widergespiegelt sieht? Sprich: Dass die Anhänger der Grünen zu 75 Prozent sagen, sie könnten frei reden, könnte auch daran liegen, dass ihre Sicht von Medien und Politik ausreichend abgebildet wird, oder?

Keine Widerrede. Wir nutzen Leitmedien aus zwei Gründen. Wir wollen wissen, wer es geschafft hat, dort seine Interpretation der Wirklichkeit zu platzieren. Vor allem aber wollen wir wissen, was die anderen wissen. Wir unterstellen, dass Medien wirken, und nehmen erstmal an, dass alle genau das in ihr Weltbild übernehmen, was dort präsentiert wird. Wer in der Tagesschau, in der Süddeutschen oder im Spiegel permanent vor allem seine eigene Sicht der Dinge findet, hat in der Öffentlichkeit kein Problem, damit dann auch aufzutreten. Er muss keine Angst vor Isolation haben.

In unserem Grundgesetz heißt es: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Ein Kapitel Ihres Buches trägt den Namen: „Artikel 5 findet nicht statt.“ Wie ist das zu verstehen?

Genau wie Propaganda ist der Begriff Zensur systematisch entkernt worden. In Wissenschaft und politischer Bildung wird er nur noch verwendet, wenn es um Regierungsformen geht, die als „totalitär“, „diktatorisch“ oder „undemokratisch“ bezeichnet werden können. Hitlerdeutschland, die Sowjetunion, Russland, China, Nordkorea, manchmal auch Ungarn. Durch diese Brille beschreibt das Grundgesetz die Wirklichkeit, solange es keine Zensurbehörde gibt und der Staat die Medienhäuser nicht selbst besitzt. Wenn jemand das Gegenteil behauptet und von Zensur spricht, kann man ihn so als Rechten abstempeln oder als Agenten einer Querfront und neuerdings sogar mit der Keule „verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“ drohen. Das passiert mir ja gerade in meinem Disziplinarverfahren. Dieses Framing erlaubt es, das Phänomen Cancel Culture ins Reich der Fabel zu verweisen oder als perfide Finte der alten Eliten abzutun, die einfach nicht begreifen wollen, dass ihre Zeit vorbei ist und dass jetzt endlich auch die mitreden können, die früher keiner hören wollte.

Sie sagen Cancel Culture, meinen aber Zensur.

Genau. Cancel Culture ist mehr als ein Abend, der gestrichen werden muss, weil ein paar Leute fürchten, an den Pranger gestellt zu werden. Cancel Culture ist ein Programm, das Deutungshoheit sichert und damit Macht. Im Buch sage ich natürlich etwas zu Warnhinweisen vor alten Filmen oder zu Buchhändlern, die im Bestseller-Regal Fächer freilassen, wenn ihnen Autoren nicht passen. Cancel Culture geht tiefer. Cancel Culture ist kein Zufall, der aus den Tiefen des Netzes kommt und hier einen „Rechten“ trifft und dort einen Forscher auf Abwegen. Der Begriff Cancel Culture steht bei mir für eine Zensur, die nicht so heißen darf, weil sonst das Grundgesetz einstürzt wie ein Kartenhaus.

Würden Sie dem zustimmen: Viele Bürger spüren, dass es an verschiedenen Stellen Zensur gibt. Es fällt ihnen aber schwer, diese Zensur zu fassen. Am Ende steht dann der Verdacht, die Regierung ist der Zensor. Können Sie die Form der Zensur, mit der wir es zu tun haben, verständlich erklären?

Cancel Culture geht von den Leitmedien aus sowie von den Institutionen, die der Digitalkonzernstaat genau dafür geschaffen hat. Nehmen Sie nur das, was der Staat, die Behörden und die Parteien heute in Propaganda investieren, oder all die Beauftragten, die auf ganz unterschiedlichen Verwaltungsebenen installiert worden sind, wahlweise zuständig für Integration, Diskriminierung, Antisemitismus, Frauen, Klima und so weiter. Um ihre Existenz zu rechtfertigen, brauchen diese Menschen Leitmedienpräsenz und ziehen so in Unternehmen oder Kultur und Bildung Imitationen nach sich. Das heißt: Es steht ein ganzes Heer bereit, das nur darauf wartet, alles zu feiern, zu verurteilen oder zu verbannen, was ganz oben gefeiert, verurteilt oder verbannt wird. Die Schlagworte liefern die Zeitung oder die Tagesschau. Das erklärt, warum ein Konzernchef wie Thomas Rabe Bertelsmann-Mitarbeitern öffentlich raten kann, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen, wenn sie AfD wählen.

Haben Sie andere Beispiele? Wo und wie wird Zensur bei uns sichtbar?

Die Idee zu dem Buch hatte ich Ende Oktober in München, bei einem Vortrag von Kayvan Soufi-Siavash über die Macht der Propaganda. Kayvan, den viele noch als Ken Jebsen kennen, musste kurz vor der Veranstaltung den Saal wechseln, weil der Vertrag einfach gekündigt worden war, ohne dass es irgendwelche Medienberichte gab. Ich habe mir dann angeschaut, was beim Start seiner Tour passiert ist, Ende August in Bensheim im Kolpingwerk. Es gab eine Medienlawine, die über FAZ und Hessenschau sogar die Tagesschau erreicht hat. Ein Vortrag in Bensheim, wie gesagt. Es gab Distanzierungen, eine Gegendemo, die groß im Fernsehen lief, einen Rücktritt im Kolping-Vorstand und das Versprechen der Saalbetreiber, künftig besser aufzupassen.

In München wusste man also, was passieren würde. Die Süddeutsche Zeitung hat inzwischen auch den Raum zerstört, in dem Kayvan damals reden konnte. Anfang März gab es eine Kampagne mit der Behauptung, dort habe sich ein „bedeutender Vernetzungsort der rechten Szene“ entwickelt. Genannt wurden zum Beispiel auch die Basis-Partei oder die Initiative „München steht auf“. Wo diese Gruppen wirklich stehen, ist der Zeitung völlig egal. Sie waren gegen die Corona-Politik und demonstrieren immer noch, Punkt. Jeder Lokalbetreiber weiß jetzt: Wenn ich mich mit denen einlasse, droht der soziale Tod. Die Journalisten haben sogar die Unternehmen angeschrieben, die den Raum in München sonst noch nutzen, und für Distanzierungen gesorgt. So werden bestimmte Sichtweisen systematisch aus der Öffentlichkeit verdrängt.

Unterliegt das Reden über Zensur nicht schon selbst der Zensur? Jetzt würden einige sagen, die den Zensurbegriff für kategorisch falsch halten: Sie können doch hier über Zensur reden. Herr Professor Meyen darf sogar ein Buch zum Thema Zensur veröffentlichen. Allein diese beiden Tatsachen zeigen doch schon, wie falsch die Annahme in Ihrer Frage ist. Aber es ist komplizierter, oder? Was entgegnen Sie dem?

Meine Stimme hat ja längst nicht mehr das Gewicht wie früher. Der Spiegel hat mich als „Prof. Dr. Kokolores“ bezeichnet und die Süddeutsche Zeitung sogar als „Fall für den Verfassungsschutz“. Das schreckt Veranstalter ab, mich einzuladen. Neulich hat mich ein Redakteur vom Freitag gebeten, etwas zum Thema Staatsnähe und öffentlich-rechtlicher Rundfunk zu schreiben. Der Artikel wurde dann nicht gedruckt, weil die Chefredaktion meinen Namen nicht im Blatt haben wollte. Also ja: Es ist kompliziert. Cancel Culture trifft die Person, meint aber die Position. Sie zielt auf alles, was früher am Gatekeeper Journalismus vorbeimusste, um von jedem gesehen werden zu können. Sachbücher, Lesungen, Konzerte, Demos. Es geht um das, was die hegemonialen Narrative herausfordert und trotzdem durch die Fangnetze der Digitalzensur flutscht – weil es nicht im Internet spielt oder zu klein ist für die großen Dogmen. Wenn wir das jetzt nicht benennen – wann dann?“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=113420

 

2024: „Cancel Culture – Wie Propaganda und Zensur Demokratie und Gesellschaft zerstören“

 

Tilo Gräser: „„Nur was perfekt kontrolliert wird, kann die Sicherheit nicht bedrohen. Perfekte Kontrolle aber heißt Unterwerfung, heißt besiegen.“ Das schrieb der Kommunikationswissenschaftler Claus Eurich in seinem 1994 veröffentlichten Buch „Tödliche Signale – Die kriegerische Geschichte der Informationstechnik“. Es gilt bis heute und darüber hinaus. Die Methoden dabei werden ständig erweitert, wie Eurichs Fachkollege Michael Meyen in seinem neuesten Buch zeigt.

Cancel Culture ist nicht nur einfach eine Marotte woker „Gutmenschen“ und selbsternannter „Antifa“-Aktivisten. Dieses Phänomen ist eher kulturlos und zerstört Kultur, aber es ist mehr: ein gezielt eingesetztes Machtmittel. Das hat der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen kürzlich im Berliner „Sprechsaal“ deutlich gemacht, als er über dieses gesellschaftliche Phänomen sprach. Der selbst von dieser „sanften Zensur“ betroffene Kommunikationswissenschaftler hat sein neuestes Buch vorgestellt, das kürzlich unter dem Titel „Cancel Culture – Wie Propaganda und Zensur Demokratie und Gesellschaft zerstören“ erschien.

Meyen beschreibt darin unter anderem die technischen Grundlagen dieser neuen Form der Zensur, die ihre Wirkung vor allem mit Hilfe des Internets und der digitalen Plattformen erzielt. Er stellt fest, dass Internet und Ideologie, Kommunikationskanal und Inhalte „zusammenpassen wie die Faust aufs Auge“. Die digitalen Kommunikationskanäle würden über Spaltung funktionieren, erklärte er seinem Publikum in Berlin. Die digitale Kommunikation und das Internet funktionieren mit dem Code Eins und Null „und nichts dazwischen“. Wer Erfolg auf diesen Kanälen haben will, müsse moralisieren und „klare Kante zeigen. Dann muss ich mich zu einer Gruppe bekennen und alle anderen Gruppen ablehnen.“ Dieses Prinzip der Kommunikationskanäle sei in den 1960er-Jahren vom US-Kriegsministerium Pentagon auf den Weg gebracht worden, so Meyen.

Differenzierung und Zwischentöne seien bei alldem nicht mehr gefragt, machte er deutlich und verwies auf die „intellektuelle Barrierefreiheit“ der Inhalte. „Da muss man nicht viel lesen, um zu verstehen, worum es dabei geht“, was sich auch sehr gut eigne, „um Gut und Böse zu benennen“. Die ideologischen und theoretischen Konstrukte, auf die sich die entsprechenden Aktivisten – von Klima über Gender bis „Antifa“ – stützen, würden ihnen helfen, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Das passe zu den Kommunikationskanälen auf den digitalen Plattformen, die über Moralisierung und Polarisierung funktionierten.

„Beide Dinge kommen also aus der gleichen Küche“, erklärte der Kommunikationswissenschaftler und verwies auf die Zusammenarbeit des Pentagons mit den Digitalkonzernen. Und bei beiden, der Technologie wie den ideologisierten Inhalten, gehe es um Kontrolle. In den 1960er-Jahren begann nicht nur die Umwälzung der Technologie und Gesellschaft mit ihren einzelnen Bereichen durch die zunehmend massenhaft einsetzbaren Computer und damit der Digitalisierung. Die gleichzeitigen und teilweise mit der technologischen Entwicklung verbundenen globalen gesellschaftlichen Umbrüche machten den bis dahin Herrschenden Sorgen und Angst um ihre Macht – in Ost und West.

Gezielte Ablenkung

Zunehmend sei weltweit nach den Möglichkeiten einer freieren und gerechteren Gesellschaft gesucht worden, auch ausgehend von den sozialistischen Ideen, erinnerte Meyen. „Für die wenigen, die fast alles besitzen, ist das bedrohlich: Sehr viel mehr Menschen, die formal sehr viel besser gebildet sind und Zeit haben, weil sie sich nicht permanent ums Überleben kümmern müssen.“ Das sei in den 1960er-Jahren der Ansatzpunkt für die Entwicklung des Internets gewesen, das neben der Funktion als atomkriegssicheres Kommunikationssystem die eines Überwachungs- und Kontrollsystems habe. Letzteres könne nur funktionieren, wenn es global genutzt wird und die Eingabeinstrumente wie Computer und Smartphones von allen benutzt werden.

Dazu seien die Menschen gebracht worden mit Hilfe von Unterhaltungs- und Ablenkungsprogrammen, aber auch mit dem Aspekt der Bequemlichkeit und der scheinbaren Schnelligkeit der Kommunikation. Zu den Folgen gehöre, dass Studien zufolge junge Menschen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren rund 70 Stunden in der Woche die digitalen Geräte nutzen. Wir werden dabei in die Überwachung und Kontrolle gelockt, so Meyen, indem uns online Dinge geboten werden, nach denen wir suchen, zuallererst ein bequemes Leben. Dazu gehöre aber auch die Möglichkeit, auf diesen Geräten Informationen abzurufen, die den offiziellen Interpretationen der Wirklichkeit, der Rechtfertigungslehre und herrschenden Ideologie widersprechen. „Das ist der Trigger, der uns ins Netz bringt und der letztlich uns überwacht und kontrollierbar macht.“

Hinzu komme eine Ideologie, „die jungen Leuten das Gefühl gibt, fortschrittlich zu sein, auf der Seite der Guten zu stehen, ohne die entscheidende Frage nach dem Eigentum zu stellen: Wem gehört die Welt?“ Diese Frage werde nicht gestellt, und trotzdem könnten sich die davon abgelenkten jungen Aktivisten gut fühlen, weil sie „gegen das noch Bösere“ kämpfen. Meyen beschreibt das in seinem neuen Buch ausführlicher: „Cancel Culture ist ein Programm, das Deutungshoheit sichert und damit Macht.“

Meyen analysiert darin nicht nur einzelne Fälle wie Warnhinweise vor alten Filmen, vermeintlich nicht bestellbare Bücher und Quasi-Berufsverbote für Menschen, die diffamiert werden. Bei der Buchvorstellung machte er deutlich, wer für Cancel Culture verantwortlich ist: „Die Cancel Culture geht von den Leitmedien aus und von den Institutionen, die der Parteienstaat sich extra dafür geschaffen hat oder sich in den letzten Jahren unterworfen hat, die er gekapert hat. Diese Form der Zensur stützt sich auf ein intellektuelles Prekariat.“

Zu den Grundlagen der Cancel Culture gehöre die „Bewusstseinsindustrie“ in Bildung, Kultur, Medien und Politik. Wer dort tätig sei und in den großen Städten mit ihren hohen Lebenshaltungskosten lebe, habe oft nur Zeitverträge und halbe Stellen. Dieses „intellektuelle Prekariat“ konkurriere um die Posten in der Bewusstseinsindustrie. Es arbeite die Themen und die Moral ab, die von oben vorgegeben werden. Das sei das Futter für die Propaganda und die Zensur, die im Digitalkonzernstaat in der Zusammenarbeit von Regierung und Unternehmen durchgesetzt werden.

Gefahr für die Demokratie

Meyen stellte zu Propaganda und Zensur fest, dass diese als Begriffe für die Analyse westlicher Gesellschaften den Wissenschaftlern „weggenommen“ worden seien. Beides werde nur noch dem politischen Gegner in anderen Systemen zugeschrieben. Es gelte für Sozialwissenschaftler nicht mehr als legitim, Propaganda und Zensur auch in den westlichen Gesellschaften auszumachen – „beides machen nur die anderen“. Dass sie auch in dem Fall zutreffende Begriffe sind, dafür liefert er in seinem Buch eine Reihe von Beispielen.

„Propaganda ist für mich jeder Versuch staatlicher Stellen, öffentliche Meinung auf eine bestimmte Weise zu beeinflussen. Propaganda verlangt zwingend nach Zensur, wenn ich Öffentlichkeit auf bestimmte Weise beeinflussen will“, stellte er in Berlin klar. Als aktuelles Beispiel verwies er auf die politische und mediale Aufregung um die Friedensmission des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Das zeige, wie gegenläufige Ansichten, Gegenmeinungen unterdrückt werden. Diese würden sogar erfolgreich durch Zensur unterdrückt, die gegen Botschaften und Inhalte zum Einsatz komme. Entscheidend seien dabei zwei Eigenschaften der betroffenen Medien und Inhalte: Die eine ist der Widerspruch zur herrschenden Meinung und die andere die hohe Reichweite unter der Bevölkerung. Deshalb werde gegen Medien wie KenFM oder wie jüngst das Magazin Compact vorgegangen. Auch die NachDenkSeiten haben diese Methoden schon mehrfach zu spüren bekommen.

Meyen, der als Professor für Kommunikationswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) das von ihm Beschriebene selbst erlebt hat, betonte: „Propaganda und Zensur widersprechen meinem Demokratieverständnis. Demokratie ist für mich die Möglichkeit für uns alle, mitbestimmen zu können, wenn es um unser Leben geht, also um die Bedingungen geht, unter denen wir leben.“

Propaganda und Zensur würden mit Hilfe der sogenannten Leitmedien um- und durchgesetzt, die das „Gedächtnis der Gesellschaft“ fütterten. Sie würden die Themen bestimmen, über die die Menschen reden, ebenso die herrschende Moral. Wenn jemand nicht wisse, was in den Leitmedien berichtet wurde, falle er „aus der Gruppe von Menschen, die man ernst nehmen muss“. Auch dafür sei das Magazin Compact ein Beispiel, das nur wenige wirklich kennen würden und gelesen hätten. Aber die meisten hätten aus den Nachrichten erfahren, es sei „rechtsextremistisch“. Der „Stempel, den die Leitmedien für diese Angebote in das Gedächtnis der Gesellschaft eingebrannt haben“, wirke. Deshalb sei es schwer, diese Art von Zensur auch als Zensur deutlich zu machen und zu benennen.

Als eine der Grundlagen dieser Mechanismen beschrieb der Kommunikationswissenschaftler „eine sehr homogene Besetzung in einer Redaktion“ in den etablierten Medien. Es handele sich vorrangig um „Mittelschichtkinder mit akademischer Bildung, die in teuren Großstädten leben. Um seine Kinder heute in den Journalismus zu schicken, muss man Geld haben.“ Der Weg zu einer festen Stelle, wenn es solche noch gibt, sei zugleich sehr lang und dauere mehrere Jahre. Das bedeute lange Zeit wenig Einkommen und Unsicherheit, die sich junge Menschen aus Arbeiterfamilien nicht leisten könnten. Gegenwärtig würden beispielsweise zwei Drittel der Programmmacher im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, 18.000 Menschen, ohne festen Arbeitsplatz arbeiten, so Meyen.

Zunehmende Moralisierung

Das sei bis Ende des 20. Jahrhunderts anders gewesen, erklärte er und stellte fest, dass Journalismus heute ein prekärer Beruf ist. Seit Jahren würden die Stellen selbst in den Lokalredaktionen abgebaut, was Konkurrenz und Konsensdruck erhöhe. Das sorge mit dafür, dass es in den Medien keinen Widerstand gegen die Vorgaben von oben gebe. Diese seien aber nur selten nötig, wofür eine „Verantwortungsverschwörung“ sorge: Diese stütze sich zum einen auf das vermeintliche Wissen der Journalisten, „was gut und richtig ist“ – „das ist bei Journalisten oft das Gleiche wie bei anderen Eliten in Wirtschaft, Kultur, Politik“. Zum anderen wüssten die Journalisten, dass sie Einfluss auf die Gesellschaft und die Öffentlichkeit haben. Und zuletzt bereinigten sie die Wirklichkeit um die Teile, die dem im Weg stehen könnten, was sie für gut und richtig hielten.

Meyen machte im Vortrag wie auch im Buch für die letzten Jahrzehnte eine zunehmende Moralisierung in Politik und Medien aus. Daraus seien gleichzeitig die Lebenswelt und die Themen der arbeitenden Menschen weitgehend verschwunden. Doch während in den Medien fortgesetzt Stellen abgebaut würden, rüste der politische und staatliche Propaganda-Apparat weiter auf. Dazu gehöre auch die zunehmende Kumpanei zwischen Regierungsstellen und Leitmedien, wie sich auch beim Überfall auf die Compact-Zentrale gezeigt habe. Solche Vorfälle habe es auch schon in den Jahren davor gegeben, so beim Vorgehen gegen einen Verlag, der kurdische Literatur herausgab.

Dabei würden die „Stempel im Gedächtnis der Mehrheitsgesellschaft“ in Bezug auf vermeintliche „Rechtsextremisten“ und „Terroristen“ helfen, eingebrannt mit Hilfe der Leitmedien. Für diese würde zum Beispiel auch die auf 40 Mitarbeiter aufgestockte Abteilung für „strategische Kommunikation“ im Bundesaußenministerium unter Annalena Baerbock (Grüne) sorgen.

Meyen bezeichnete die Zensur als die „andere Seite der Propaganda-Medaille“. Diese sei von der Europäischen Union (EU mit dem Digital Services Act (DSA)) massiv ausgebaut worden. Damit würden die Internetkonzerne mit ihren digitalen Plattformen zu Kumpanen der Politik und zu „Zensurmaschinen“ gemacht. Aber auch die Technologie der Plattformen wirke als Zensurmechanismus, da Reichweite von Inhalten und Botschaften nur durch Moralisieren erreichbar seien. Zugleich unterstütze sie die „Mechanik der Cancel Culture“: „Wir haben Leitmedien, die eine bestimmte Moral vorgeben, die bestimmte Themen vorgeben. Wir haben eine Reihe von Aktivisten im Hintergrund, die bereit sind, sich entsprechend zu äußern. Und wir haben die Angst vor dem öffentlichen Pranger.“

Er habe das selbst erlebt, sagte Meyen und verwies auf den Umgang der LMU mit ihm, nachdem ihm Aktivisten mit Hilfe der Süddeutschen Zeitung Nähe zu Antisemiten und „Verschwörungstheoretikern“ vorgeworfen hatten. Er sei durch die Zeitung gar zum „Fall für den Verfassungsschutz“ erklärt worden, weil er sich für ein „Querdenker“-Medium engagiert habe. Wer einmal durch Leitmedien, Plattformen oder einen Wikipedia-Eintrag negativ gebrandmarkt worden sei, laufe „Gefahr, dass ihnen entweder der Raum gekündigt wird, Demonstranten vor der Tür stehen, dass Bankdirektoren ihre Konten kündigen“. Die Angst vor dem öffentlichen Pranger bringe Bankdirektoren, Saalbetreiber, Buchherausgeber dazu, sich von Veranstaltungen und Menschen zu distanzieren.

Widerstand gegen geistige Verarmung

Dieses digitale Kesseltreiben mit einem negativen Wikipedia-Eintrag als Höhepunkt sorge dafür, dass Autoren keine Bücher mehr veröffentlichen, Künstler nicht mehr auftreten und ausstellen, Wissenschaftler nicht mehr lehren und vortragen können. Es treffe inzwischen selbst Ärzte, wie Meyen am Beispiel eines Psychiaters schilderte, der sich aktivistischen Trends widersetze.

„Allein schon die Angst, dass dieser Mechanismus in Gang gesetzt wird, führt dazu, dass bestimmte Dinge nicht mehr passieren, dass bestimmte Dinge nicht mehr stattfinden. Bestimmte Ausstellungen, bestimmte Vorträge, bestimmte Bücher werden nicht mehr publiziert.“

In der Folge würden viele Dinge nicht mehr an die Öffentlichkeit kommen. Vieles werde „stillschweigend entsorgt“. Das Ergebnis ist nicht nur eine Verengung des Debattenraumes, der zunehmend beklagt wird, und die Unterdrückung jeglichen freien Diskurses, worauf Meyen auch aufmerksam machte. Diese Entwicklung führe auch zu einer geistigen Armut in der Gesellschaft, die nur noch den Unterschied zwischen Gut und Böse zulässt – mit Hilfe der auf 0 und 1 basierenden digitalen Technologie. Eines der Mittel gegen die geistige Verarmung seien analoge Bücher, erklärte der Kommunikationswissenschaftler.

In der Diskussion nach seinem Vortrag betonte er: „Macht hat der, der bestimmen kann, wie wir über die Wirklichkeit sprechen, wie wir die Wirklichkeit sehen.“ Der Kommunikationswissenschaftler hat nach seinen Worten die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass „Ideen wachsen werden, auch Informationssammlung und Aufbereitung auf eine andere Basis zu stellen, als wir das jetzt in den Leitmedien haben“. Das gesellschaftliche Bewusstsein für die Rolle der Medien habe in den letzten zehn Jahren zugenommen, was eine Quelle für eine Gegenbewegung sei.

Er wurde auch nach Alternativen gefragt, worauf er auf die Möglichkeiten der analogen Kommunikation und Medien verwies. Letztere könnten nicht so schnell abgeschaltet werden wie digitale Kanäle und könnten Inhalte vermitteln, die auf den Internet-Plattformen durch die „Cancel Culture“ verschwinden.

Deshalb sei nicht nur auf Meyens Bücher hinzuweisen, sondern zum Abschluss ein weiteres Mal der Kommunikationswissenschaftler Claus Eurich zitiert. Der schrieb in seinem 1991 erschienenen Buch „Die Megamaschine – Vom Sturm der Technik auf das Leben und Möglichkeiten des Widerstands“:

„Eine Gesellschaft ohne Bibliotheken, ohne Buch und Lesen hat sich selbst aufgegeben. Sie wird sich hoffnungslos im Netzwerk der Elektronik verstricken, der überlebensnotwendigen Ideen beraubt.“

Eurich stellte klar: „Lesen ist kultureller Widerstand. Wer es missachtet, ist gegen das Denken.““

https://www.nachdenkseiten.de/?p=118904

 

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/709-entweder-man-redet-ueber-die-meinungsfreiheit-oder-man-hat-sie aus dem Jahr 2020.

 

2024: „Der dressierte Nachwuchs – Was ist mit der Jugend los?“

 

https://www.youtube.com/watch?v=ENumsqz6c_g

 

„Dressiert jemand unsere Jugend? Ja, sagt der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen in seinem neuen Buch Der dressierte Nachwuchs – Was ist mit der Jugend los?. Aber wer dressiert hier die Jugend? Eine für ein paar Jahre ins Amt gewählte Regierung? Lehrer? Eltern? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn sie führt zu Machtstrukturen, langfristigen Prozessen, aber auch zu den Leitmedien, wie Meyen im Interview mit den NachDenkSeiten verdeutlicht. Ein Gespräch über die Beeinflussung der Jugend und die Frage: Wo ist eigentlich das Rebellentum der jungen Leute? „Es ist ja nicht weg, sondern dorthin gelenkt worden, wo es denen ganz oben nicht wehtut“, sagt Meyen. Das Interview führte Marcus Klöckner.

Herr Meyen, der Focus hat vor Kurzem ein interessantes Interview veröffentlicht. Ein Psychiater war dort „sehr besorgt“ und warnte, dass Kindern heute eine „wichtige Fähigkeit“ fehlt. Wenn ich Sie jetzt frage, was da los ist, werden sich einige Leser wundern. Schließlich sind Sie Medienforscher. Kinder und Jugendliche? Das ist nicht Ihr Gebiet. Dennoch, Sie haben gerade ein Büchlein veröffentlicht: „Der dressierte Nachwuchs – Was ist mit der Jugend los?“ Können Sie also vielleicht doch etwas zur angeblich fehlenden Empathiefähigkeit bei immer mehr Kindern sagen?

Kinder und Jugendliche wachsen längst mit den Digitalplattformen auf. Eine Studie der Postbank kam im letzten Jahr bei 16- bis 18-Jährigen auf knapp 64 Internetstunden pro Woche. Das Smartphone ist da, wenn morgens die Augen aufgehen, und kommt abends mit ins Bett, um noch einmal zu checken, was gerade so passiert. Inzwischen hat jeder zweite Zehnjährige so ein Gerät. Selbst im Vorschulalter ist das gar nicht mehr so selten. Also ja: Das ist ein Thema für die Medienforschung, zumal der Kollege aus der Psychologie in diesem langen Interview mit keinem Wort darauf eingeht und stattdessen den Kitas die Hauptschuld gibt und ein bisschen auch den Eltern, die angeblich abends zu erschöpft sind, um das aufzuholen, was tagsüber schiefläuft.

Wie meinen Sie das?

Die Frage ist ja: Was haben Kinder früher in all den Stunden gemacht, in denen heute gescrollt wird? Jeder, der etwas älter ist, wird sofort sagen: Wir haben gespielt – draußen, ohne Aufsicht und vor allem ohne Erzieher, die extra von einem Psychiater geschult worden sind. Bei uns im Dorf ging es auf einen alten Schießplatz zum Fußball, fast jeden Tag – ein Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg, wo inzwischen Gras wuchs. Die großen Jungs haben gesagt, wie es läuft. Drei Ecken, ein Tor. Und du, Knirps, kommst erst rein, wenn wir 3:0 vorn liegen. An so einem Ort lernt man alles, was man im Leben braucht. Hierarchie, Regeln aushandeln, sich in andere hineinversetzen. Was hilft mir, in einer Gruppe klarzukommen und anerkannt zu werden? Diesen Schießplatz gibt es nicht mehr. Heute bleiben die Kinder zu Hause, treffen sich auf TikTok, WhatsApp oder Instagram und schauen Videos. Wenn sie hochgucken, sehen sie Eltern, die auf einen Bildschirm starren und Stöpsel im Ohr haben. Und der Psychiater wundert sich, dass den Kindern Empathie fehlt.

Das müssen Sie erklären. Diese Plattformen arbeiten doch genau damit, mit Likes, Followern, Views. Mehr Rückmeldung geht gar nicht.

Die Plattformen nutzen aus, dass der Mensch ein Vergleichstier ist. Wir müssen wissen, was andere von uns halten. Im Internet läuft das aber völlig anders als damals auf dem Schießplatz. Dort hat jeder gesehen, wie die anderen gerade drauf sind, an den Klamotten, im Gesicht, an den Bewegungen. Jeder wusste außerdem, dass morgen alle wieder da sind. Da lässt sich keiner grundlos hängen oder redet irgendwelchen Blödsinn. Im Netz bin ich oft anonym und in mehreren Chats gleichzeitig. Ich sehe keine Körper, sondern Wörter oder Bilder, die immer häufiger künstlich sind, und bin mit einem Klick raus, ohne dass das irgendwelche Folgen hat. Außerdem sind die Programme so angelegt, dass sie süchtig machen. Wir Älteren können leichter aufhören, weil es diese Geräte nicht gab, als wir jung waren. Wir haben in einer analogen Welt gelernt, wie man miteinander umgeht, und wissen zum Beispiel, dass jedes Piepen stört, wenn wir mit anderen am Tisch sitzen. Wer mit dem Smartphone groß wird, hat eine völlig andere Vorstellung von Verbindlichkeit und Loyalität.

Lassen Sie uns auf Ihr Buch eingehen. Ich glaube, ein guter Ansatz ist hier der Titel. Wer dressiert die Jugend?

Beim Internet und bei den Plattformen ist das nicht so schwer. Wir wissen, wer die Geburtshelfer waren. Die Geheimdienste, das US-Militär, das State Department. Wir wissen auch, dass das alles in den 1960ern auf den Weg gebracht wurde. Im Buch spreche ich von einer Sattelzeit. In diesen Jahren entstehen all die Instrumente, die uns heute einen dressierten Nachwuchs bescheren. Bei manchen hat es ein wenig gedauert, bis sie nach Europa kamen, bei den Schulen und bei den Universitäten etwa, die hier erst ab den 1990ern umgebaut wurden. Andere haben einfach Zeit gebraucht. Eine Ideologie setzt sich ja genau wie ein Kommunikationskanal nicht von heute auf morgen durch.

Sie weichen meiner Frage aus. Also noch einmal: Wer dressiert die Jugend?

Wenn Sie das so formulieren, zielen Sie auf konkrete Personen und auf einen überschaubaren Zeitraum – Eltern, Lehrer, eine Regierung, die ein paar Jahre im Amt ist. In meinem Buch geht es um Machtstrukturen und um langfristige Prozesse, um Menschen, denen die halbe Welt gehört und die nur ein Ziel haben: immer reicher zu werden und die vielen, vielen anderen draußen zu halten. In den 1960ern und 1970ern war die Bedrohung für diese Leute ganz real. In den USA die Studenten, die Proteste gegen den Vietnamkrieg, der Marsch auf Washington, Martin Luther King; in Frankreich und in Italien die Kommunisten, die dort bei Wahlen lange zweistellig waren; und im ganzen Westen Intellektuelle, die den Sozialismus attraktiv fanden, selbst nach dem XX. KPdSU-Parteitag noch. Für den Machtblock hieß das: Wir müssen etwas tun. Wir müssen uns die Leitmedien vornehmen, die Universitäten und überhaupt alle Kanäle, über die ein Umsturz wachsen könnte. Vor allem aber dürfen wir nicht riskieren, dass die Jugend auf dumme Gedanken kommt, womöglich sogar in Richtung Sowjetunion schielt und die Eigentumsfrage stellt. Die Jugend ist der Schlüssel für jede Zukunft. Also hat man dort angesetzt.

War das nicht schon immer so? Kinder und Jugendliche durchlaufen eine Sozialisation und verinnerlichen Verhaltens-, Denk- und Wahrnehmungsmuster, Normen. Dass das nicht ohne Interessen passiert, leuchtet schnell ein. Das Elternhaus will, dass die Kinder sich „anständig“ und „gut“ verhalten, was auch immer dann damit gemeint ist. Und der Staat hat ebenfalls ein Interesse, „gute“ Staatsbürger heranzuziehen. Nun sprechen Sie aber von „Dressur“. Das ist ein Begriff, der normalerweise eher im Umgang mit Tieren verwendet wird. Wenn ein Mensch dressiert wird, dann stimmt etwas nicht, oder?

So ein Buchtitel soll ja zunächst für Aufmerksamkeit sorgen und stutzig machen. Was passiert hier gerade? Wie kommt es, dass Eltern und Großeltern für Frieden demonstrieren oder gegen die Coronapolitik und ihre Kinder und Enkel auf der anderen Seite stehen? Warum gendert die Tochter plötzlich, wenn sie mit Mama spricht, und warum will sie Oma ausreden, ihre geliebte Kreuzfahrt zu machen? Die Frage ist ja: Woher wissen wir, was „anständig“ und „gut“ ist? Und warum unterscheiden sich die Antworten von Jung und Alt selbst innerhalb einer Familie oft so sehr, dass man sich voneinander abwendet?

Der Jugend hat man lange nachgesagt, dass sie einen rebellischen Geist mit sich bringt. Kinder und Jugendliche entwickeln im Laufe der Zeit einen eigenen Willen und wollen sich von nichts und niemandem etwas sagen lassen – schon gar nicht von Eltern oder irgendwelchen Autoritäten. Wo ist das Rebellische geblieben?

Es ist ja nicht weg, sondern dorthin gelenkt worden, wo es denen ganz oben nicht wehtut. Man muss sich nur die Themen anschauen. Umwelt, Gleichheit der Geschlechter, Antirassismus, koloniale Befreiung, sexuelle Vielfalt: Das sind alles alte Hüte. Für all diese Anliegen gibt es längst Standards, durchgesetzt von den älteren Generationen. Wer das heute im Mund führt, kann sich einreden, rebellisch zu sein, obwohl er die Besitz- und damit die Machtverhältnisse ausblendet. Er muss auch selbst gar nichts mehr tun. Für Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe kann niemand etwas. Also preise ich weiter das Lastenfahrrad, verteufele die Pendler und glaube, so für eine gerechte Gesellschaft zu sorgen, obwohl ich de facto die Gräben zwischen den Klassen vertiefe. Das ist schon gut gemacht. Viele Köpfe der Klimabewegung zum Beispiel sind ja Akademikerkinder und haben gar nicht so selten steinreiche Eltern.

Mir ist das fehlende Rebellentum der Jugend insbesondere in der Coronazeit klar geworden. Sie haben bestimmt auch diese Schilder gesehen, zum Beispiel auf großen Parkplätzen: „Ab hier gilt Maskenpflicht“. Irgendwann hat mir eine innere Stimme gesagt: „Irgendetwas ist hier eigenartig.“ Und dann habe ich an meine Jugend gedacht. So ein Schild hätte damals keinen Tag überlebt. Viele hätten sich sogar darum geprügelt, wer den Schwachsinn nun entfernt, ganz egal, was da überhaupt steht. Jede Anweisung „von oben“ wäre für viele ein rotes Tuch gewesen!

Die Jugend von heute ist artig, ja. Sie säuft kaum noch und randaliert viel weniger. Auch Partys sind so gut wie kein Thema mehr. Das führt wieder zu den Plattformen, die ja Konformitätsmaschinen sind. Manche sagen: die besten aller Zeiten. Wir wissen beide, was passiert, wenn man dort nur ein wenig abweicht oder gar wider den Stachel löckt. Sie stehen sofort am Pranger und bleiben dort, überall und für jeden sichtbar. Jugendliche lernen sehr schnell, wie man den digitalen Tod vermeidet, und versuchen dann auch in der analogen Welt, eher nicht aufzufallen oder anzuecken. Die Pandemie-Erzählung hat ihnen erlaubt, mit dem Segen von oben den ganzen Tag das zu tun, was sie ohnehin am liebsten machen: online sein. Vater Staat und Mutter Tagesschau werden schon wissen, was gut und richtig ist, genau wie vorher Eltern, Lehrer, Dozenten. Wer nach 1995 geboren wurde, war viel eher für härtere Maßnahmen als etwa die Babyboomer und hat Corona auch eher als Chance für die Menschheit gesehen und nicht so sehr als den Anfang vom Ende jeder Freiheit.

Nun können wir gewiss darüber diskutieren, wie so ein Verhalten zu bewerten ist, aber ich möchte auf etwas anderes hinaus: Das Rebellentum der Jugend scheint verschwunden oder nur noch sehr schwach ausgeprägt zu sein. Hat das etwas mit der Dressur zu tun?

Wenn wir im Bild bleiben wollen: Jede Dressur braucht Futter und einen Käfig. Schauen Sie sich Kinder- und Lehrbücher an, schauen Sie, was an den Schulen und Universitäten läuft oder bei Netflix, beim Gaming, in den Leitmedien. Überall die gleichen Denkmuster und überall die gleichen Schlagworte, die wie Gitterstäbe funktionieren. Verschwörungstheorie, Fake News, Hass und Hetze, Populismus, irgendwas mit „rechts“. Rutsch, Ruck, Extremismus. Bloß nicht anfassen, igittigitt. Sonst gibt es etwas auf die Finger und weder Stipendien und Projekte noch Karriereaussichten im Beauftragten-Apparat, der ja in den letzten Jahren zu einem zweiten öffentlichen Dienst aufgeblasen wurde und die Ideologie flankiert. Man darf nicht vergessen, dass die Politik die Hochschulquote mit aller Macht nach oben gedrückt hat. Heute studiert jeder Zweite. In den 1980ern lag diese Zahl in der alten Bundesrepublik unter 20 Prozent. Die Akademikerschwemme führt zu Stellenknappheit in der Sinnproduktion und damit zu einer Konkurrenz, die den Einzelnen zwingt, an die offiziellen Narrative anzudocken.

Es wäre aber doch zu kurz gegriffen, wenn wir sagen würden: Die Jugend – das sind alles begeisterte rot-grüne, mülltrennende, autohassende, stark dem juste milieu zugeneigte Leute. Sie verweisen in Ihrem Buch zum einen darauf, dass es „die“ Jugend eigentlich gar nicht gibt, zum anderen auch auf das Vorhaben der Grünen, das Wahlalter auf 16 zu senken, und darauf, dass es sich bei den jungen Leuten eben mitnichten nur um potenzielle Grünenwähler handelt.

Die Europawahl im Juni hat das ja genauso gezeigt wie die Juniorwahl, ein Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung, das ab Klasse sieben greift und wo die Grünen seit 2021 im Sinkflug sind. Gerade der Erdrutsch ab 2023 lässt sich gut mit den drei Ampeljahren begründen. Die Coronaschule, die Aussicht auf Wehrdienst und Krieg, das ständige Gerede vom Verzichten, dazu das Vorbild der etwas Älteren, die auch dann nicht wirklich auf einen grünen Zweig kommen, wenn sie sich perfekt anpassen. In den teuren Medienstädten braucht man dafür ja mehr als einen Zeitvertrag oder ein paar Schreibaufträge hier und da. Dazu kommen die Bruchlinien, die ja mittlerweile nach jeder Wahl auf den Landkarten zu sehen sind und auch für den Nachwuchs gelten: Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, Akademiker und Nichtakademiker, Ost und West. Die jungen Leute hier bei mir auf dem Land sind ganz anders als in München. Im Buch konzentriere ich mich auf die, die jetzt schon das Sagen haben oder in Kürze an die Schaltstellen kommen werden.

Wenn wir über die Jugend im Allgemeinen reden, sollten wir natürlich auch nicht unterschlagen, dass 2024 nicht 2000 ist und auch nicht 1980 oder 1960. Sprich: Jede Jugendzeit ist eingebettet in einen bestimmten zeithistorischen Kontext. Die Entwicklung und das Verhalten der Jugend von heute haben mit der Zeit von heute zu tun. Wo liegen aus Ihrer Sicht die, sagen wir es zurückhaltend: Herausforderungen?

Oft vergessen wird das schiere Gewicht der Generationen in der Bevölkerungspyramide. Die Babyboomer treten gerade ab – die Geburtsjahrgänge ab 1950, die teilweise fast doppelt so groß waren wie ihre Pendants ab 1995. Damit das konkret wird: über 1,3 Millionen Geburten pro Jahr zwischen 1961 und 1966 und unter 700.000 zwischen 2005 und 2013. Lehrlinge wissen genau wie Schüler und Studenten, dass wir auf sie warten, und verhalten sich entsprechend. Wo es weniger Kinder gibt und mehr Wohlstand, wachsen außerdem Aufmerksamkeit und Zuwendung. Ich habe das selbst erlebt. Meine Tochter und mein Sohn hatten vier Großeltern, die genau zwei Enkel päppeln mussten. Beide kennen die Welt nur im Krisenmodus. Terror und Migration, Euro und Corona, jetzt Klima und Krieg. Die Jugend von heute hat aber gelernt, dass sich jemand um sie kümmern wird – in der Familie, aber vor allem darüber hinaus. Erziehung ist ja zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden. Neulich hat mir gerade ein junger Vater sein Leid geklagt über die Dauerbeobachtung, die Eltern bis in Gaststätten, Züge und Hotels verfolgt. Überall trifft er jemanden, der es besser weiß. Die aktuelle Debatte um Kinderrechte zielt ja genau darauf. Dazu fällt mir gerade noch ein Beispiel ein. Darf ich?

Bitte.

Als Sozialwissenschaftler weiß ich natürlich, dass man mit Einzelfällen nicht weiterkommt. Trotzdem: Diese Mutter wurde in die Kita zitiert, weil ihr Sohn in der Morgenrunde vom Schlachten erzählt hat. Gänse und Hühner, die letzten Federn mit der Pinzette ziehen – was man so macht, wenn man gerade fünf geworden ist und die Eltern eine Landwirtschaft haben. Die Erzieherin fand das überhaupt nicht toll. Da Sie nach Herausforderungen gefragt haben: Wir haben auf der einen Seite einen Staat, der sich in die Familien hineindrängt und dort seine Ideologie durchsetzen will. Und auf der anderen Seite haben wir Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die sich um sich selbst drehen, weil das der Modus der Plattformen ist, auf denen sie sich bewegen, und weil ihnen überall der rote Teppich ausgerollt wird.

Im Buch sprechen Sie auch von der „Abschaffung der Urteilskraft“. Gestatten Sie mir an dieser Stelle, auf Albrecht Müllers Titel „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst“ hinzuweisen. Das Buch zielt ja darauf, dass Menschen, Bürger eine politische Mündigkeit entwickeln, also auf ihr eigenes, fundiertes Urteil setzen können. Wie sieht Ihre Beobachtung mit jungen Leuten im Universitätsbetrieb aus?

Ich habe dafür eine schöne Formulierung gefunden bei Jonathan Haidt, einem Sozialpsychologen aus New York, der gerade ein Buch veröffentlicht hat über die „Generation Angst“. Haidt sagt: Seine Studenten sind vom Entdeckungs- in den Verteidigungsmodus gewechselt, irgendwann in den frühen 2010ern schon, als das losging mit dem Display in der Hosentasche. Die Neugier ist weg, die Lust auf Unbekanntes, zu der ja immer auch die Möglichkeit des Scheiterns gehört. Das hat hier in Deutschland sicher auch mit Bologna zu tun. Für solche politischen Weichenstellungen interessiert sich Haidt nicht. Er lässt auch das Schwarz-Weiß-Denken aus, das in die Digitallogik eingeschrieben ist: eins und null und nichts dazwischen. Viele Studenten haben keine Lust mehr, die Gegenseite zu hören. Sie wissen, was „gut“ und „richtig“ ist, und diskutieren selbst dann nicht mehr, wenn man vom Seminarraum in den Biergarten geht.

Lassen Sie mich nochmal auf den Begriff Dressur zu sprechen kommen. Dressur hat mit Unterwerfung zu tun, braucht aber doch ein wenig Bereitschaft. Wahrscheinlich würde ein großer Teil der Studenten widersprechen, wenn man ihnen vorhielte, sie seien dressiert. Neutraler gesprochen: Viele haben einfach die Regeln und Normen einverleibt, glauben an sie – und haben überhaupt kein Problem, sich ihnen zu „unterwerfen“. Aus ihrer Sicht verhalten sie sich völlig „normal“. So „macht man das eben“, wenn man weiterkommen will. Liegt hier der Knackpunkt? Und ist das vielleicht auch der Grund, warum bei vielen ein Denken „outside the box“, ein Denken, das sich gegen den Mainstream richtet, so verpönt ist? Wenn dem so sein sollte: Was würde das für das wissenschaftliche Feld, aber auch für die Gesellschaft bedeuten?

Das ist genau mein Ansatz, ja. Im Buch beschreibe ich das Zusammenspiel von Ideologie, Kommunikationskanälen, Bildungsreformen, Anreizsystemen und Soziodemografie. Damit das alles als „normal“ empfunden werden konnte, musste Zeit vergehen. Ich glaube zwar nicht, dass man solche Prozesse im Detail planen kann. Gesellschaft ist komplex und der Mensch kreativ und nicht berechenbar. Man darf aber trotzdem nicht ausblenden, dass es immer um Herrschaft und Kontrolle geht und dass es Apparate gibt, die über schier unerschöpfliche Ressourcen verfügen und damit nicht nur die Richtung vorgeben, sondern auch permanent nachsteuern können. Wenn die Diagnose stimmt, dass das Übel mit der Ideologie beginnt, mit der Rechtfertigungslehre und ihren Begriffen, dann liegt ein langer Weg vor uns, der mit Lesen, Lesen, Lesen verbunden ist und mit einem klaren Blick auf Machtverhältnisse. Rainer Mausfeld hat das ja gerade vorgeführt in seinem Wälzer „Hybris und Nemesis“ – über 500 Seiten zur Demokratie-Illusion. Es braucht mehr von solchen Büchern, und es braucht eine Debatte über solche Bücher. Ich dachte mir: Lass es bei 80 Seiten. Das passt zum Tempo dieser Zeit und kann vielleicht trotzdem einen Anstoß liefern.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=120315

 

Siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/548-generation-anything-goes und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/1305-duemmste-generation

 

2024: Süddeutsche Zeitung gegen Michael Meyen: ein Berichterstattungsexzess

 

Marcus Klöckner: „Die „Berichterstattung“ der Süddeutschen Zeitung über den Münchner Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen kommt einem Abgesang auf den Journalismus gleich. Von der intellektuellen Dürftigkeit ganz zu schweigen. Wo Verstand, Argumente und Analysestärke fehlen, stehen die „richtige“ Haltung und Empörungsgetue.

„Einladung an umstrittenen Professor stellt VHS-Förderverein vor Zerreißprobe“ – so lautet die Überschrift eines aktuellen Artikels der Süddeutschen Zeitung (SZ). Die SZ kann es nicht lassen. Sie kann es nicht lassen, den Journalismusforscher Michael Meyen anzugreifen.

Wer das Archiv der SZ bemüht, findet zahlreiche Beiträge, in denen das Blatt Meyen zum Gegenstand seiner Aufmerksamkeit macht. Die SZ und Meyen – das scheint eine sehr „spezielle“ Beziehung zu sein. Alleine schon die Anzahl der Beiträge über den Professor lässt den Verdacht entstehen, dass es in ganz Bayern bisweilen wohl kein wichtigeres, größeres Thema gibt als das, was Meyen sagt und tut. Immer wieder richtet das Blatt seinen Fokus auf den Professor der Ludwig-Maximilians-Universität. Immer wieder ist die Redaktion verantwortlich für Beiträge, die in ihrer weltanschaulich kontaminierten Grundausrichtung nur auf eines zu setzen scheinen: die öffentliche Zerstörung der Person Meyen. Die Redaktion sollte ihre Beiträge zu dem Wissenschaftler unter einer eigenen Überschrift zusammenfassen: „Meyen muss weg!“

Wie das Münchner Blatt mit Meyen umgeht, ist aus journalistischer Sicht untragbar. Und aus menschlicher Sicht eine Sauerei.

Im vergangenen Jahr war die SZ intern mit einer eigenen Tragödie konfrontiert. Die stellvertretende Chefredakteurin war Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Insbesondere im Internet wurde laute Kritik geübt. Kurzzeitig war die Chefredakteurin verschwunden, über Suizid wurde spekuliert. Im Nachgang berichteten zahlreiche Medien über den Fall, die Anschuldigungen, aber auch über die Art und Weise, wie öffentlich mit den Vorwürfen umgegangen worden sei. Der Vorwurf einer „Treibjagd“ stand schnell im Raum.

Was sich die SZ in Sachen Meyen leistet, ist an publizistischer „Asozialität“ nur schwer zu überbieten. Seit 2020 veröffentlichte das Blatt über zwei Dutzend Beiträge über Meyen. Das spuckt eine entsprechende Suche im Archiv aus. Das ist sehr viel publizistische Aufmerksamkeit von einem Blatt für einen Professor. Immer wieder geht es um Meyens angebliche – irgendwie – „skandalöse“ politische Weltsicht. Immer wieder skandalisiert das Blatt Meyens Verhalten.

Wer auch nur in Ansätzen verfolgt, wie die vorherrschenden Weltsichten innerhalb des journalistischen Feldes angelagert sind, kann sich an einer Hand abzählen, was wohl Gegenstand der publizistischen Anklage sein muss.

Im Grunde genommen ist es pure Zeitverschwendung, darlegen zu wollen, warum Meyen von der Redaktion als „umstritten“ bezeichnet wird, warum immer wieder ein Begriff wie „Verschwörungstheorie“ in den SZ-Beiträgen zu lesen ist oder die Formulierung „Nähe zu Querdenkern“ auftaucht.

Wer als halbwegs informierter Mediennutzer einen Zeitungsartikel mit derartigen Begriffen und Formulierungen liest, kann sich schnell denken: Da geht es wohl um Einen, der sich etwas leistet, was in der heutigen Zeit von den wackeren Wächtern der Demokratie als schwere Grenzüberschreitung verstanden wird: nämlich, eine eigene Meinung zu haben. Und zwar eine eigene Meinung, die abweicht von den heiligen Wahrheiten des Medienmainstreams.

In dem aktuellen Artikel „informiert“ die SZ ihre Leserschaft schon unter der Überschrift, dass ein „Förderverein“ Meyen auftreten lasse (Empörung!), der doch „wegen seiner ‚Nähe‘ zu Querdenkern und Verschwörungstheoretikern in der Kritik steht.“

Im Grunde genommen braucht man hier schon nicht mehr weiterzulesen. Anklage, Urteil und publizistisches Standgericht: alles schon da. Die SZ hat in ihrem – ja, wie soll man es nennen? – Berichterstattungsexzess zu Meyen etwas wirklich Beindruckendes vollbracht, das muss man ihr lassen. Ich habe keinen einzigen Artikel gefunden, in dem die Zeitung einen kritischen Fürsprecher Meyens zu Wort kommen lässt. Kein Experte von außerhalb, der ihn verteidigt; keiner, der dem „journalistisch“ angestimmten Empörungsgejaule mal breit und in der gebotenen Grundsätzlichkeit entgegentritt. Wie kann das sein? Wo ist hier die journalistische Ausgewogenheit?

Stattdessen baut die Zeitung ihre Skandalisierung auf intellektuell Entleertes auf. Was soll denn eine „Nähe“ zu „Verschwörungstheoretikern“ sein? Vor allem: Was soll daran denn schlimm sein? Soll es etwa verboten sein, eine „Nähe“ zu jemanden zu haben, der annimmt, dass hinter dem Vorgang A eine Verschwörung Z steckt? Wie tief kann eine Zeitung intellektuell sinken? Und was soll eine „Nähe“ zu „Querdenkern“ sein, was soll daran schlimm sein? Als sogenannte „Querdenker“ während den schwersten Grundrechtseinschränkungen der Republik im Sinne der Demokratie ihre Stimme erhoben haben, hat die SZ einen Artikel unter der Überschrift „Mehr Diktatur wagen“ veröffentlicht.

Mit anderen Worten: Meyen einerseits, irgendwie, ein Problem im Hinblick auf die demokratische Gesinnung zu unterstellen, aber andererseits „mehr Diktatur“ fordern. Doppelter Standard? Die SZ sollte sich in der Causa Meyen schnellstens in einer Rückbesinnung auf das üben, was doch eine Qualitätszeitung ausmacht: Journalismus. Dazu gehört auch: Fairness. Treibjagden hingegen, gehören zum Gossenjournalismus.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=123117

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm

 

 

Das Böse verlachen

- Satire, Realsatire, ernst Gemeintes -

 

Wochenkommentar von Ferdinand Wegscheider | 12.10.

„Krise? Es gibt keine Krise!“ - Im neuen Wochenkommentar geht es heute um das Kasperltheater in der Hofburg anlässlich der Regierungsbildung. Und wir werfen einen Blick auf die gefährlichen alternativen Medien im Internetz!

https://www.servustv.com/aktuelles/v/aavazebjp24f0v9lf94n/

 

Friedrich Merz (CDU) und die Grünen - Fortsetzung folgt

https://www.youtube.com/watch?v=QAWhRdlLx0E

 

Markus Söder und der Schlachtruf

https://www.youtube.com/watch?v=-mrx1F2i6g8

 

Simone Solga: Traumjob Ampel-Spitzel | Folge 135

https://www.youtube.com/watch?v=q2Tlfh8ZIXM

 

Gesichert: Unbequem / Steimles Aktuelle Kamera / Ausgabe 162

https://www.youtube.com/watch?v=COFTZ96h20M

 

HallMack  Aktuelle Kamera 82 - NRW: Wasser im Landtag

https://www.frei3.de/post/98166e07-bf36-4f27-9ee8-94822ce5ea25