Mit dem Regenwurm ist es so eine Sache. Meist nimmt ihn keiner wahr und ernst nehmen tut ihn kaum jemand. Und doch: meist ist er da und oft auch wichtig. Ein eigenes Leben hat er allemal, wenn auch überwiegend unter der Erde - da wühlt und gräbt er sich durch alles durch und kommt mit allem in Kontakt, was es da so gibt im Wurzelbereich und drunterhinaus. Was dahin gerät - und das meiste kommt früher oder später mal da an - betrifft ihn und seine Freunde. Ab und zu kommt Rupert (so der Name des Regenwurms) an die Erdoberfläche, um zu sehen, was die da oben schon wieder alles treiben. Und gibt Kunde davon seinen staunenden Kumpels im Erdreich und jenen über der Erde, die sich für ihn interessieren.

„Geistige Abschottung kann leicht zur Verblödung führen“ hatte der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner nach einem für ihn unangenehmen Ergebnis einer Volksabstimmung in der Schweiz getwittert: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/97-hassobjekt-schweiz.html

Ein Beispiel für das Ergebnis geistiger Abschottung hatte letzten Sonntag Giovanni di Lorenzo geliefert, der munter daher plauderte, als Mensch mit deutschem und italienischem Pass zwei Stimmen bei der Europawahl abgegeben zu haben.

"Mir war nicht bewusst, dass man bei der Europawahl nicht in zwei Ländern abstimmen darf. Hätte ich es gewusst, hätte ich es nicht getan und natürlich auch nicht in der Sendung von Günther Jauch erzählt", sagte di Lorenzo. "Mir tut das aufrichtig leid."

In der Schweiz fand letzten Sonntag eine Volksabstimmung statt. Es ging um folgende Fragen:

Bundesbeschluss über die medizinische Grundversorgung

Der neue Verfassungsartikel verpflichtet Bund und Kantone, für eine medizinische Grundversorgung zu sorgen, die in hoher Qualität erbracht wird und zu der jeder und jede überall in der Schweiz rasch Zugang hat.

Volksinitiative "Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen"

Die Initiative verlangt, dass Personen, die verurteilt werden, weil sie die sexuelle Unversehrtheit eines Kindes oder einer abhängigen Person beeinträchtigt haben, endgültig das Recht verlieren, eine berufliche oder ehrenamtliche Tätigkeit mit Minderjährigen oder Abhängigen auszuüben.

Volksinitiative "Für den Schutz fairer Löhne"

Die Initiative verlangt, dass Bund und Kantone Gesamtarbeitsverträge mit Mindestlöhnen fördern und dass ein nationaler gesetzlicher Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde festgelegt wird. Dies entspricht rund 4000 Franken monatlich.

Bundesgesetz über den Fonds zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen

54 veraltete Kampfflugzeuge F-5 Tiger sollen durch 22 moderne Gripen-Kampfflugzeuge ersetzt werden. Die Beschaffung soll durch einen Fonds finanziert werden. Gegen die Vorlage wurde das Referendum ergriffen.

https://www.ch.ch/de/volksabstimmung-18-05-2014/

Der Link der Schweizerischen Bundeskanzlei gibt weitere Links mit Informationen und der Stellungnahme des jeweiligen Bundesrates (= Minister).

Schauen wir mal, welche Fragen bei den letzten Abstimmungen im Februar 2014 und November 2013 den Schweizern vorgelegt wurden:

Die halbe Welt regt sich darüber auf, dass von einer Terrorgruppe namens „Boko Haram“ („Westliche Erziehung ist Sünde“) über 200 Mädchen aus einer Schule entführt wurden mit dem Ziel, Lösegeld zu erpressen.

Das ist ohne Zweifel schlimm. Aber: seit über 10 Jahren wurden zehntausende Menschen in Nigeria getötet. Über drei Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Polizei, Justiz und Verwaltung sind vollkommen korrupt. Das Land hat eine (zumindest auf dem flachen Land) kaputte Infrastruktur und eine miserable Bildungspolitik. 80% der Menschen leben in bitterster Armut. Dazu kommen fanatisierte Religiöse (evangelikale Christen und Muslime). Sofern mensch nicht der Oberschicht angehört, ist es ein Horror, in solch einem Land leben zu müssen.

Doch der Wurm hat keine große Aufregung in der Welt vernommen über die Zustände im Land, die Millionen Flüchtlinge, die zehntausende Toten. Aber jetzt: 200 entführte Mädchen!

Letzte Woche, genauer gesagt am 29. April, erlebte das deutsche Fernsehen mit „Die Anstalt“ eine Sternstunde. Doch bevor der Wurm näher darauf eingeht, möchte er ein paar Zitate bringen und fragen, von wem die sein könnten:

"Man sollte vielleicht früher bedenken, was das Ergebnis ist, wenn man im Vorhof einer anderen Großmacht von außen für politische Veränderungen sorgt."

"Ich würde es umdrehen: Man muss sich fragen, ob man jemanden wie Putin nicht wesentlich früher hätte in den Prozess einbinden sollen – statt die Gespräche erst dann zu beginnen, wenn es zu spät ist."

"Hier ist eine Situation entstanden, in der sich Russland in die Ecke gedrängt fühlte"

Hier die Auflösung: es handelt sich um Topmanager der deutschen Wirtschaft: Frank Appel (Deutsche Post), Herbert Haimer (adidas) und Heinrich Hiesinger (ThyssenKrupp) in einem Gespräch mit der „Welt“.

https://3c.gmx.net/mail/client/dereferrer?redirectUrl=http%3A%2F%2Fwww.welt.de%2Fwirtschaft%2Farticle126335340%2FDeutsche-Top-Manager-nehmen-Putin-in-Schutz.html

Was die deutsche Wirtschaft insgesamt von der aktuellen Ukraine-Krise hält, wird, wenn überhaupt, nur sehr am Rande erwähnt und wird den meisten erst bewusst, als US-Senator John McCain diese Haltung scharf kritisiert. Aus einem weiteren Artikel der „Welt“:

„Der Einfluss der "Industrielobby" sei so groß, als säßen die Interessensvertreter selbst in der Bundesregierung, schimpfte McCain: "Eine Schande" und "peinlich" sei das.“

Der Schreiber des Artikels scheint der gleichen Meinung zu sein wie McCain und schreibt „Zu Hause muss sie (Angela Merkel) ihre Politik, sich von Putin nicht alles bieten zu lassen, gegen eine russlandfreundliche Öffentlichkeit verteidigen. Dort identifizieren sich nicht nur die überwältigende Mehrheit der Wirtschaft und führende Publizisten, sondern auch die Mehrheit der Leserbriefschreiber mit dem Aggressor.“

http://www.welt.de/politik/ausland/article127528026/US-Senator-McCain-nennt-Merkels-Politik-peinlich.html

Bemerkenswert ist die Wortwahl („sich von Putin nicht alles bieten zu lassen“, „Aggressor“) und die Frage, wer diese „führenden Publizisten“ sein sollen. In erster Linie aber ist es „die überwältigende Mehrheit der Wirtschaft“, die sich mit dem „Aggressor“ „identifiziert“. In anderen Worten: zum Maß halten aufruft.

Zusammen mit Angelo Roncalli wurde Karol Wojtyla heilig gesprochen. Von 1978 bis 2005 war er Papst und war in dieser Zeit durch die Medien ständiger Begleiter der Menschen. Ob sie es wollten oder nicht.

http://derstandard.at/1397521779209/Eilig-eilig---zwei-Paepste-wurden-heilig 

http://www.kiz-online.de/content/santo-subito-%E2%80%93-heilig-sofort

http://www.spiegel.de/einestages/papst-johannes-paul-ii-und-seine-selig-und-heiliggsprechungen-a-959623.html

Bereits bei seiner Begräbnisfeier forderten Sprechchöre und Spruchbänder seine sofortige Heiligsprechung. Alleine schon deshalb wäre es verwunderlich gewesen, wenn der Vatikan lange damit gewartet hätte. An einem oder mehreren Wundern, die dazu benötigt werden, sollte es jedenfalls nicht fehlen.