https://www.youtube.com/watch?v=GQHC2XCToJE
Vor 500 Jahren starb Jakob Fugger, der damals (und bis heute) reichste Mensch der Welt. Er schuf einen multinationalen Konzern, der führend war in Handel, Bankwesen und Bergbau und ca. 10% des Vermögens des Heiligen Römischen Reiches besaß.
„Erfolg ist eine Wissenschaft; wenn man die Bedingungen kennt und erfüllt, erhält man das Ergebnis.“ - Oscar Wilde
Wie kaum ein anderer hatte Jakob Fugger die Kenntnis und das Gespür, wieviel Geld bezahlt werden musste, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Ob es sich um Bestechung einzelner Personen handelte oder um die Investitionen, um einen Krieg zu gewinnen.
Alles und Jeder hat seinen Preis – mensch muss diesen Preis kennen und zu seinem Vorteil ausnutzen.
Allerdings lebte Jakob Fugger ausschließlich in seiner Geschäfts-Welt und es war außerhalb seines Denkens, dass es Idealisten gibt, die nicht käuflich sind und dass mensch etwas gegen abgemachte Geschäfte haben kann.
Massive Kritik am Früh-Kapitalismus und unter anderem am Ablaßhandel (an dem die Fugger kräftig verdienten) führten letztendlich zur Reformation, was für einen Jakob Fugger unvorstellbar war.
Aber das Fugger-Geld führte dazu, dass die „Frühbürgerliche Revolution“ (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/361-fruehbuergerliche-revolution-in-deutschland ) brutal beendet wurde.
Seine Angestellten fühlten sich einer Elite zugehörig und für seine Arbeiter erwirkte er eine Lockerung des strengen Fasten-Gebots sowie eine bessere Kranken-Versorgung, so dass sie mehr arbeiten konnten. Ansonsten wurden diese ausgebeutet, so dass es zu Arbeiter-Aufständen kam.
Otto von Bismarck wird folgender Spruch zugeschrieben: „Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends.“
Das lief hier nicht anders. Es waren mehrere Generationen, die Vermögen aufbauten, so dass Jakob Fugger eine solide Grundlage hatte, reichster Mensch der Weltgeschichte zu werden (bis 1525). Er kannte die meisten seiner Geschäfts-Partner und seiner oberen Angestellten persönlich und alle hatten ein gemeinsames Ziel vor Augen.
Sein Neffe Anton Fugger (bis 1560) verwaltete das Vermögen. Dessen Angestellte hatten schon kein Gemeinschafts-Gefühl mehr und arbeiteten für ihren eigenen Profit.
Danach kamen die Kunstgeschichtler und die Verkommenen.
Sorgen um deren Nachfolger muss mensch sich aber nicht machen – keiner von denen muss heutzutage „arbeiten“ im eigentlichen Sinne.
„Wenn du der Bank 100 Dollar schuldest, ist das dein Problem. Wenn du der Bank 100 Millionen Dollar schuldest, ist das das Problem der Bank."
Das ist auch das Problem, welches die Fugger hatten. Sie hatten dem Haus Habsburg immer mehr Kredite gegeben, bis sie in deren Hand waren. Drei Staatsbankrotte und offener Betrug führten zum Niedergang des Hauses Fugger.
Überblick
„Es gibt wohl kaum eine ungekrönte Person, die größeren Einfluss auf die Geschichte Europas bis ins 20. Jahrhundert hatte als Jakob Fugger (1459 - 1525). Nicht nur deckt sich seine Lebenszeit mit der Kaiser Maximilians, die Schicksale der beiden Männer hingen eng aneinander. Auch die Geschichte Tirols wurde vom bedeutendsten Finanzmagnaten seiner Zeit bestimmt.
Jakob Fugger entstammte einer Augsburger Kaufmannsfamilie. Die Ankunft des Stammvaters der Familie wurde im Steuerbuch Augsburgs unter „Fucker advenit“ vermerkt. Im 15. Jahrhundert entstand nach und nach ein Fugger´sches Handelsnetzwerk aus Faktoreien. Die Kaufleute gründeten für ihr Textilunternehmen Faktoreien in Venedig, Bozen, Mailand, Nürnberg, Frankfurt, Brügge und Antwerpen. Faktoreien waren ein multifunktioneller Mix aus Verkaufsfläche, Finanzniederlassung, Pferdestation, Lagerhaus, Post- und Nachrichtenstelle und diplomatischer Vertretung. Dieses System war aus Norditalien über die Alpen geschwappt. In der Region zwischen Florenz, Venedig und Mailand war eine frühe Form des Finanzkapitalismus entstanden. Das Bankwesen begann im Spätmittelalter hier seinen Siegeszug durch Europa. Kaufleute, die nicht Unmengen an Bargeld mit sich führen wollten, benötigten sogenannte Wechsel, um ihre Transaktionen durchführen zu können. In den bedeutenden Handelsstädten begannen sie deshalb Kontoreien aufzubauen. Auch in Innsbruck hatten italienische Finanzinstitute seit dem Hochmittelalter Niederlassungen.
Jakob und seine Brüder handelten in guter Familientradition zuerst ebenfalls Baumwolle mit den wohlhabenden norditalienischen Städten. In Venedig, dem Finanzzentrum des östlichen Mittelmeerraumes, lernte Jakob Fugger die Kunst der doppelten Buchführung und die Feinheiten der fortschrittlichen italienischen Finanzwirtschaft kennen. Er erkannte, dass mit Geldgeschäften und Krediten mehr zu verdienen war als mit Baumwolle. Die Monarchen und Aristokraten Europas finanzierten ihren Hofstaat und Kriege im Mittelalter über den Zehnten. Diese Abgabe wurde von den Bauern innerhalb des Feudalsystems geleistet. Besonders die Kriegsführung war, angetrieben durch moderne Schusswaffen, im 15. Jahrhundert immer kostspieliger geworden. Deshalb reichte der Zehent oft nicht mehr aus. Die Legitimation als Stellvertreter Gottes auf Erden hatte für Monarchen bis hierher funktioniert, um 1500 begannen klingende Münze und Zinsen in Form des Finanzkapitalismus langsam, aber sicher Gott als letztgültige Instanz abzulösen.
Die Verbindung Jakob Fuggers mit dem Hause Habsburg und im Speziellen mit Tirol begann sich 1487 zu intensivieren. Der Tiroler Landesfürst Siegmund unterlag in einer kriegerischen Auseinandersetzung der Republik Venedig. Um seine Schulden gegenüber der Mittelmeermacht in Höhe von 100.000 Gulden zu bezahlen, lieh er sich Geld von den Fuggern. Dafür stellte er Schuldscheine aus, die er durch die Verpfändung der Schwazer Silbermine an seine Kreditgeber deckte. Schwaz war vor der Erschließung der amerikanischen Silberminen die größte der Welt. Die Fugger verkauften das Schwazer Silber an die Münze Hall, deren Betreiber sie ebenfalls waren, und liehen diese Münzen wiederum Herzog Siegmund. Ein Kreislauf der besonderen Art war geboren.
Damit endete der politische Einfluss der Fugger auf die Weltpolitik aber nicht. Als 1490 die Tiroler Landstände Siegmund wegen seines desaströsen Geschäftsgebarens absetzten, folgte ihm Maximilian I. als Landesfürst Tirols nach. Fugger war klug genug, auf den neuen Landesfürsten zu setzen. Das Wort Kredit, zurückgehend auf das lateinische credere, also glauben, zeigt sich in dieser Wahl. Fugger glaubte an einen mächtigen Maximilian als sein bestes Asset. Er finanzierte 1493 die Wahl Maximilians zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und sicherte sich damit seinen Einfluss und eine Erhebung in den Adelsstand. Fugger war es auch, der die Wiener Doppelhochzeit, Maximilians Meisterstück der Heiratspolitik, sponsorte, womit Ungarn ein Teil des Habsburgerreiches wurde. Als Maximilian 1519 starb, wiederholte Fugger dies und ließ über seine Finanzkraft Maximilians Enkel Karl V. zum Kaiser wählen. Ein Kredit von 540.000 Gulden ging von den Fuggern an die Habsburger, um damit Werbe- und Bestechungsgelder zu begleichen. Karl V. räumte Fugger dafür Rechte an Bergwerken in Spanien und Südamerika ein, auf denen Sklaven unter menschenverachtenden Bedingungen arbeiteten, um dieses Rad an Ausbeutung und Korruption am Laufen zu halten
Geschätzte zwei Millionen Gulden an Krediten räumten die Fugger den Habsburgern allein zwischen 1487 und 1525 ein. Ein Gulden entsprach 60 Kronen. Ein Tagelöhner verdiente zu dieser Zeit etwa 6 Kronen. Man hätte mit dieser Summe knapp 55.000 Menschen für ein Jahr täglich beschäftigen können. Ein großer Teil dieser Schulden wurde mit Nutzungsrechten an Tiroler Assets und erhöhten Steuern beglichen. Es wird geschätzt, dass das Finanzimperium Fuggers zum Zeitpunkt seines Todes etwa 50% des Staatshaushalt Tirols abwickelten und 10% der Vermögenswerte des Heiligen Römischen Reiches besaßen. Seine Beamten verwalteten Minen in Tirol, Tschechien, der Slowakei und Spanien, finanzierten Handelsexpeditionen in der gesamten damals bekannten Welt und zahlreiche Kriege in Europa. Manchem Historiker gilt Jakob Fugger als der reichste Mann der Weltgeschichte. Wie hoch sein Vermögen war, ist schwer in heutige Maßstäbe umzurechnen. Als die FAZ 2016 einen Versuch unternahm, kam sie auf 300 Milliarden Dollar. Jakob Fugger war wie Maximilian I. gleichzeitig Machtmensch und gebildeter, frommer Katholik. Korruption, Ausbeutung, die Finanzierung von Kriegen und aus Gottesfurcht und Angst vor dem Fegefeuer die Fuggerei, die erste Sozialsiedlung der Welt in Augsburg, zu gründen, schloss sich nicht aus.“
https://www.discover-innsbruck.at/jakob-fugger-der-reichste-mann-der-geschichte/
Aus dem Buch „Kauf dir einen Kaiser – Die Geschichte der Fugger“ von Günter Ogger aus dem Jahr 1978:
„Nie zuvor und kaum wieder danach bestimmte die Wirtschaft so eindeutig die Weltpolitik wie in den Tagen Jakob Fuggers des Reichen. Es war nicht ein Mann des Staates, sondern ein privater Unternehmer, der die größte Macht der Welt in Händen hielt. Der Augsburger Geldherr entschied, wann Kriege geführt und Frieden geschlossen wurden. Von ihm hing es ab, ob ein Habsburger oder ein Valois zum römisch-deutschen Kaiser gewählt wurde. Ja, die Fugger mischten sich letztlich sogar in Angelegenheiten des Glaubens: Ihre dubiosen Ablaßgeschäfte führten zur Reformation und ihr Geld verhinderte, daß Mitteleuropa protestantisch wurde.
Die Stamokap-Theorien einiger Jusos, nach denen das Übel der Welt aus der Verflechtung des Staates mit dem Monopolkapitalismus herrührt, wurden schon vor 400 Jahren ad absurdum geführt. Denn in der ersten Phase des Frühkapitalismus war der Staat bereits total von der Privatwirtschaft abhängig. Aber das unausweichliche Chaos ruinierte nicht den Staat, sondern eben jene Großkaufleute, die ihn vorher so trefflich auszubeuten wußten.
Modellhaft spiegeln sich in jener „großen“ Zeit der europäischen Geschichte – den Jahren zwischen 1480 und 1560 – viele unserer heutigen Probleme. Ausbeutung der Dritten Welt, ungleiche Verteilung der Rohstoffe, Arbeitslosigkeit und Tarifkonflikte, Preiswucher und technologischer Fortschritt – all das gab es auch damals schon. Geändert haben sich seither die Produkte und die Produktionsprozesse, aber nicht die Menschen. Sie waren damals genauso gutmütig und bösartig, phantasievoll und stupide, charakterfest und bestechlich wie heute. Deshalb unterscheidet sich die beispiellose Erfolgs- und Mißerfolgsgeschichte der Fugger allenfalls in ihren Dimensionen von denen der großen Unternehmerdynastien der Gegenwart. Was die Fugger indes so einzigartig macht, ist die Zeit, in der sie lebten. Sie hatten den Vorteil, am Beginn einer Entwicklung zu stehen, deren Ende wir – vielleicht – noch erleben werden.
Mit ihnen begann der Siegeszug der europäischen Wirtschaft. Sie schufen den ersten multinationalen Konzern der Geschichte und dazu Organisationsformen, die bis heute nicht überholt sind. Ein moderner Mischkonzern wie die Flickgruppe oder amerikanische Konglomerate wie Litton sind dem einstigen Fuggerkonzern viel ähnlicher als traditionelle Mono-Unternehmen. Zwar funktionierte das „Management by Mittelalter“ noch ohne Computer und Firmenjet, aber es funktionierte mit erstaunlicher Präzision und Geschwindigkeit.
Die Fugger waren zweifellos hartgesottene Geschäftsleute mit einem ausgeprägten Instinkt für den kaufmännischen Nutzen neuer technischer Entwicklungen und menschlicher Schwächen. Sie profitierten von den Lastern der Fürsten ebenso wie von den Entdeckungen der Seefahrer, nutzten kaltblütig die Jenseitsangst der Gläubigen und die diesseitigen Erkenntnisse der Wissenschaftler. Sie beuteten die Bodenschätze der Alpen ebenso rücksichtslos aus wie Jahrhunderte später die Ölgesellschaften die Energievorräte Arabiens. Und sie bestachen die Politiker ihrer Zeit mindestens ebenso wirksam wie heutzutage die Lobbyisten des Lockheed-Konzerns. Nur hatten sie noch ein bißchen mehr Macht als jeder Großkonzern der Gegenwart: Als Jakob Fugger beispielsweise sämtliche Erzgruben Tirols in der Hand hatte, ließ er den Herrscher des Alpenlandes, Herzog Sigismund, kurzerhand absetzen.
Mit erschreckender Konsequenz nutzte bereits dieser frühkapitalistische Tycoon seine Marktmacht. Sein Ziel war stets das Monopol. Um es zu erreichen, manipulierte er die Preise nach Belieben, bis auch der letzte Konkurrent entmutigt aufgab und der Fugger dann die Kundschaft anschließend um so nachhaltiger zur Kasse bitten konnte. Und als die deutschen Reichsstände, eine Art Parlamentsvorläufer, dem einträglichen Profitspiel ein Ende bereiten wollten, mußte eben der Kaiser höchstselbst für den Schutz seines wichtigsten Finanziers sorgen.
Die unglaubliche Energie, mit der die Fugger ihren weltumspannenden Konzern ausbauten, hätte zweifellos den Wohlstand der ganzen Nation anheben können. Statt dessen aber wurde der größte Teil des neugeschaffenen Volksvermögens sinnlos auf den Schlachtfeldern verpulvert. Die permanenten Kriege zwischen Deutschen und Franzosen, Katholiken und Protestanten oder Christen und Moslems wären ohne die gewaltige Steigerung der Produktivkräfte gar nicht möglich gewesen. Insofern führte die erste Blüte der europäischen Wirtschaft schnurstracks zu ihrem eigenen Niedergang, und es dauerte Jahrhunderte, bis das kaufmännische, technologische und organisatorische Niveau der Fuggerzeit wieder erreicht wurde.
Bis heute dienen die Fugger deutschen Unternehmern als Vorbild, aber keiner hat je wieder auch nur entfernt ihre Machtfülle und historische Bedeutung erlangt. Der Clan, der einst die Welt beherrschte – sein Einflußbereich reichte von der Westküste Südamerikas über den gesamten europäischen Kontinent bis zu den Gewürzinseln der Molukken –, läßt sich allenfalls noch mit zwei anderen europäischen Familien vergleichen: den Medicis und den Rothschilds. Aber auch sie erreichten nie jene totale ökonomische Vorherrschaft, welche die Fugger zeitweilig im Bergbau sowie im Geld- und Warenverkehr besaßen.
Auch wenn die Fugger als Kunstsammler, Mäzene und Bauherren längst nicht Medici-Format erreichten, so überragen doch ihre kulturellen Leistungen alle diesbezüglichen Versuche gegenwärtiger Wirtschaftskapitäne um Längen. Das Sozialwerk der Fuggerei, dem sie bis heute ihren guten Namen verdanken, läßt bundesdeutsche Stifter der Gegenwart daneben doch reichlich bescheiden aussehen. Dabei waren jene schwäbischen Großkaufleute alles andere als pure Menschenfreunde. Die Art, in der sie beispielsweise Tarifkonflikte mit Kanonen und Hellebarden beendeten, unterscheidet sie glücklicherweise doch ganz erheblich von ihren späten Nachfahren.
Zweifellos sind die großen Familien der Gegenwart reicher, als es die Fugger selbst in ihren besten Tagen waren. Die beiden potentesten Privatkapitalisten der Bundesrepublik, der Münchner Bankier August von Finck, 79, und der Düsseldorfer Konzernerbe Friedrich Karl Flick, 50, verfügen über ein Vermögen von jeweils vier bis fünf Milliarden DM. Der reichste Amerikaner, Daniel K. Ludwig, dürfte sogar noch ein, zwei Milliarden DM mehr besitzen, trotz des gesunkenen Dollarkurses. Und diese Industriegiganten werden noch weit übertroffen von den Ölpotentaten des Nahen Ostens, wie Scheich Salem Al Sabbah von Kuwait, König Khaled von Saudi-Arabien oder Schah Reza Pahlewi von Persien.
Anton Fugger hingegen bilanzierte im Jahr 1550 keine Milliarden, sondern „nur“ ein Vermögen von rund sechs Millionen Gulden. Trotzdem wird keiner der Superreichen unserer Tage auch nur entfernt die Machtfülle und die historische Bedeutung jenes schwäbischen Kaufmanns aus der beginnenden Neuzeit erreichen.
Schon die einfache Umrechnung von harten Goldgulden der Fuggerzeit in weiche Papiermark des Jahres 1978 ergibt eine beträchtliche Aufwertung des Fuggervermögens. Der einzige brauchbare Umrechnungsfaktor wäre nämlich der Goldpreis. Ein rheinischer Goldgulden hatte damals 3,25 Gramm Feingewicht. Allein der Materialwert des Guldens würde nach heutigen Preisen demnach etwa 30 DM betragen. So gerechnet, wäre Anton Fugger wenigstens 1.180 Millionen DM „schwer“ gewesen.
In Wahrheit war er natürlich viel reicher. In seinen besten Tagen verfügte der Clan nämlich über fast zehn Prozent des gesamten Volksvermögens im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Wer heutzutage zehn Prozent des Volksvermögens der Bundesrepublik besäße, wäre wenigstens ein hundertfacher Milliardär.
Ein Konzern von der Übermacht der Fugger ist in unseren Tagen einfach nicht vorstellbar: Er müßte etwa die 100 größten Unternehmen der Bundesrepublik umfassen – vom VEBA-Konzern über VW, Thyssen, Siemens, Daimler-Benz bis hin zum Versandhaus Quelle – und nebenbei noch die Deutsche Bank und den Bundesnachrichtendienst einschließen. Zeitweilig war die Firma Fugger rund fünfzigmal größer als das zweitstärkste Unternehmen auf deutschem Boden, das den ebenfalls in Augsburg ansässigen Welsern gehörte. Das entspricht etwa dem Größenverhältnis zwischen dem weltumspannenden Thyssenkonzern und der Duftwasserfirma 4711.
Die Fugger beherrschten praktisch alle Bereiche der damaligen Wirtschaft. Sie waren einer der größten Grundbesitzer im Reich, die bedeutendsten Bankiers der Welt, das mit Abstand größte Handelshaus, wichtigstes Bergbauunternehmen, bedeutendster Arbeitgeber des Handwerks, Waffenproduzent, Münzverwalter und eine politische Großmacht ersten Ranges.
Nie zuvor und nie wieder danach hat eine einzige Firma so weitgehend das Wirtschaftsleben Europas und der Welt beeinflußt wie in den Jahren, als Jakob Fugger der Reiche regierte. Im Herrschaftsgebiet Kaiser Karls V., in dem die Sonne nicht unterging, gab es, den Kaiser eingeschlossen, keinen mächtigeren Mann als den Augsburger Kaufherrn. Denn Fugger war es, der die Wahl des Kaisers finanzierte, der seine Heere bezahlte und der letztlich auch die Politik des Kaisers mitbestimmte. In diesem europäischen Weltreich regierte in Wahrheit nicht der abgewirtschaftete Adel, sondern ein schwäbischer Geschäftsmann, der zum unerreichten Vorbild für die Großkapitalisten, Industriemagnaten und Bankfürsten bis in unsere Tage wurde.“
Sofern nicht anders angegeben, handelt es sich bei den folgenden Kapiteln um Zitate aus dem Buch von Günter Ogger.
Jakob Fugger
„Obwohl die Archive über die geschäftlichen Transaktionen und den Reichtum des jüngsten Fuggerbruders eine Menge berichten, erfährt man über den Menschen Jakob Fugger wenig. Er scheint wie viele große Unternehmer der Gegenwart im privaten Bereich äußerst zurückhaltend und publicityscheu gewesen zu sein.
Nach dem wenigen, was man darüber weiß, war er wirklich fromm, obwohl er sich nicht scheute, mit dem Glauben die übelsten Geschäfte zu machen. So kaufte er für sich selber viele Ablaßjahre, obwohl er wußte, wie fragwürdig das ganze Ablaßgeschäft war.
Ebenso widersprüchlich war seine Einstellung zu Kaiser und König: Obwohl er besser als jeder andere wußte, wie verlottert und verkommen das Staatswesen im Grunde war, und obwohl er mehrfach die Chance hatte, einen Machtwechsel in Europa herbeizuführen, blieb er den Habsburgern bis zu seinem Tod treu. Im Geschäft scheute er vor keinem Trick und keiner Abgefeimtheit zurück, um sein Ziel zu erreichen, privat aber war er aufs äußerste empört, als er in seiner Heimatkirche Sankt Moritz in Augsburg Unregelmäßigkeiten des Pastors entdeckte.
Er verteidigte die herkömmliche Ordnung mit seiner ganzen Kraft und der Macht seines Geldes, aber in seinen unternehmerischen Vorstellungen war er der Zeit um ein paar hundert Jahre voraus. Er verfügte über einen hochentwickelten Sinn für technische Entwicklungen und Organisationsstrukturen, aber alle Neuerungen auf künstlerischem oder kulturellem Gebiet lehnte er kategorisch ab.
Gegenüber Freunden und Verwandten konnte er kalt und rücksichtslos, ja brutal sein, während er mit seinen Mitarbeitern oft überraschend großzügig und nachsichtig umging. Zu Hause, im Kreis der Familie, scheint er sich manchmal über Kleinigkeiten beinahe cholerisch aufgeregt zu haben, obwohl er im Kontor mit der größten Ruhe und Kaltblütigkeit Transaktionen plante, die die Familie in den finanziellen Abgrund stürzen konnten.
Als seine Neffen alt genug waren, um die Dimensionen und die Gefährlichkeit solcher unternehmerischer Schachzüge einigermaßen zu begreifen, wollten sie von ihm wissen, wie er denn das überhaupt durchstehen könne. Jakobs zuverlässig überlieferte Antwort: „Wenn ich des Nachts schlafen gehe, habe ich keine Hinderung des Schlafes, sondern tue mit dem Hemd alle Sorgen und Anfechtungen des Handels von mir.“
Anders als viele neurotische Manager unserer Tage, die sich nach Büroschluß vom Kommandostand schleunigst auf die Couch des Psychiaters flüchten, scheint der Konzernchef über ein äußerst strapazierfähiges Nervenkostüm verfügt zu haben.
Was ihn antrieb, selbst im hohen Alter noch täglich zwölf Stunden und länger im Kontor zu stehen, hat er selbst einmal einem Vertrauten aus der Familie Thurzo erläutert, der dann berichten konnte: „Er hätte viel einen anderen Sinn, er wolle gewinnen, dieweil er könne“. Präziser wurde selten die Motivation eines Unternehmers beschrieben. Er spielte das Spiel, weil er es besser beherrschte als alle anderen und weil das Siegen Spaß machte. Der Reichtum an sich, seine heimliche Vorliebe für Juwelen, das Hochgefühl der Macht, das blieb alles nur Beiwerk. Ähnlich schlicht hat 500 Jahre später der amerikanische Präsident John F. Kennedy die Frage beantwortet, warum er 100 Milliarden Dollar ausgeben wolle, nur um zwei Amerikaner auf den Mond zu schicken: „Weil der Mond da ist.“
In seiner ganzen Art war Jakob Fugger schwäbisch, bodenständig, fast bäurisch. Er besaß einen sicheren Instinkt für das Solide, Dauerhafte und Machbare; andererseits hatte er eine Vorliebe fürs Artistische, Raffinierte, Italienische. Ohne sich zu verstellen, konnte er sich einem Fürsten in der devoten Haltung des Bürgers nähern, um ihn dann nach Strich und Faden übers Ohr zu hauen. Der Kaiser war für ihn stets eine Respektsperson, auch wenn er sich ihm überlegen fühlte. Stolz bekannte er einmal, er sei „reich von Gottes Gnaden“, während er gleichzeitig einen neuerlichen Kreditwunsch einer Majestät ablehnte, weil er derzeit „nicht sonderlich gut bei Kasse“ sei.
Alles, was an persönlichen Zeugnissen von Jakob Fugger überliefert ist, läßt darauf schließen, daß ihn seine Selbstdisziplin stets vor unbedachten Äußerungen schützte. Fugger zeigte seinen Reichtum, wenn er dies für politisch opportun hielt, und er machte sich ärmer als er war, wenn er sich davon Vorteile versprach.
Die Frage, in welchem Ausmaß Jakob Fugger den Gang der Weltgeschichte beeinflußt hat, mögen die Fachhistoriker beantworten. Sicher ist aber, daß er nichts oder nur wenig zur Veränderung der politischen Landschaft beigetragen hat, aber sehr viel zu ihrer Konsolidierung. Bei aller Machtfülle war Jakob Fugger kein vorausdenkender Politiker, sondern ein Geschäftsmann. Er hielt am Althergebrachten fest, auch dann, als mit der Reformation die Welt des Mittelalters endgültig ins Wanken geriet.
Wäre es den Freunden Martin Luthers gelungen, diesen Kaufmann auf ihre Seite zu ziehen, vielleicht wäre dann den Deutschen der Dreißigjährige Krieg erspart geblieben. So reizvoll solche Gedankenspiele sein mögen – sie sind müßig, denn Kaufleute wie Jakob Fugger hatten schon damals eine Abneigung gegen alles, was nach Reformen und Revolutionen aussah; vollends dann, wenn diese so gefährlich wurden wie der Aufstand der Bauern in Süddeutschland und der Bergarbeiter in Tirol.
Obwohl Jakob Fugger persönlich nie eine Waffe in die Hand nahm und für die Kriegsspiele und Ritterturniere der Fürsten nur ein süffisantes Lächeln übrig hatte, klebt an seinen Fingern mehr Blut als an denen der meisten Herrscher und Generäle. Denn mit seinem Geld wurden die Heere des Schwäbischen Bundes bezahlt, welche die Bauern reihenweise niedermetzelten, und nicht zuletzt war es sein Wille, das althergebrachte, verrottete Regime der Habsburger gegen die Interessen des Volkes, der Reichsstädte und der Mehrzahl der Fürsten zu stützen.
Ein schwacher, dümmlicher und weltfremder Kaiser war ihm lieber als ein finanziell gesunder Ständestaat. So half der solide, jeder Dekadenz abholde Schwabe schließlich, das brüchige Reich der Habsburger zum Weltreich auszubauen, in dem bekanntlich die Sonne nicht unterging.“
Der Fugger-Konzern
Wie heute „beim Daimler“
„Doch wie erwartet, dauerte es nicht lange, bis Maximilian erneuten Kredit forderte. Schon im Herbst 1495 stand fest, daß der Gemeine Pfennig viel weniger einbringen würde, als des Königs Finanzverwalter in der ersten Euphorie angenommen hatten. Jetzt befand sich der Monarch eindeutig in der schwächeren Position, und ein Jakob Fugger war nicht der Mann, diesen Vorteil ungenutzt verstreichen zu lassen. Kühl beschied er dem königlichen Gesandten Cyprian von Northeim, er habe mit seinen Darlehen „nichts als Mühe, Arbeit und Ungnade erlangt“.
Als daraufhin der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation selbst seinen Besuch auf der Frankfurter Herbstmesse ankündigte, reiste Jakob vorzeitig ab, um dringlichen Geldwünschen des Habsburgers zu entgehen. So eindeutig hatte noch nie ein Kaufmann seinem König die Grenzen der Macht gezeigt. Der junge, erst sechsunddreißigjährige Fugger hatte in den letzten 15 Jahren Stärken und Schwächen regierender Fürsten so genau kennengelernt, daß er glaubte, einen solchen Affront jederzeit riskieren zu können. Der großartige Aufschwung seiner Firma hatte das Selbstbewußtsein des nüchternen Rechners am Augsburger Rindermarkt erheblich gestärkt, und seine Autorität als Chef war unbestritten. Er galt als gerecht, pünktlich und vertrauenswürdig. Seine Leute bezahlte er gut, er verlangte ihnen aber auch das Letzte ab. Durch den ungewöhnlichen Stil ihrer Geschäfte, das atemberaubende Tempo ihrer Expansion und den unerhörten Einfluß an den Fürstenhöfen Europas gab die Firma ihren Mitarbeitern das Gefühl, einer Elite anzugehören.
Mitarbeiter der Fugger zu sein bedeutete damals mindestens ebensoviel, wie heute ein Posten im Top-Management von IBM. Fuggerfaktoren verdienten etwa zwei- bis dreimal soviel wie ein Universitätsprofessor, dafür mußten sie allerdings auch mehr leisten als die Angestellten anderer Firmen. Nie und nirgends waren sie vor einem jener Blitzbesuche sicher, mit denen der Juniorchef seine Mitarbeiter in allen Provinzen des Fuggerimperiums zu überraschen pflegte. Trotz der tausenderlei Geschäfte, die er ständig im Kopf hatte, kümmerte er sich mit Vorliebe um Details.
Als er bei einer Visite im Hüttenwerk Hohenkirchen feststellte, daß die jungen Bergarbeiter offensichtlich unterernährt waren, ließ er umgehend über Johannes Zink bei Papst Alexander VI. eine Lockerung der strengen Fastengebote erwirken. Und weil die verletzten Knappen im Neusohler Spital viel zu lange zur Genesung brauchten, verfügte er sofort eine gründliche Verbesserung der medizinischen Betreuung. So etwas wie ein soziales Gewissen darf ihm dabei kaum unterstellt werden, dafür aber ein scharfer Blick für die Effizienz seiner Organisation.“
Depots sicherer als in jeder heutzutagigen Sparkasse
„Schon seit langem arbeitete Jakob mit Fremdkapital, und zwar vorzugsweise mit schwarzem Geld. So, wie heute Diktatoren, Ölscheichs und Mafiabosse ihre Beute den Stahlsafes und Nummernkonten Schweizer Banken anvertrauen, brachten damals viele, die etwas zu verbergen hatten, ihr Scherflein zu den Fuggern. Dazu gehörten insbesondere hohe kirchliche Würdenträger, denen das kanonische Zinsverbot alle Einkünfte aus Kapitalvermögen strikt untersagte.
Kaum jemand ahnte etwas von den Riesensummen, welche auf diese Weise unter größter Geheimhaltung in die Kassen der Fugger gelangten. Denn die Augsburger Firma war damals mindestens so diskret, wie es heute die Großbanken in Zürich und Genf sind. Wer sich dafür interessiert hätte, wäre vielleicht auf ein seltsames Indiz gestoßen: Seit Jakob dem rührigen Johannes Zink die Leitung der römischen Fuggerfiliale anvertraut hatte, überwies die Zweigstelle im Rione di Ponte im päpstlichen Auftrag viel größere Summen an den Vatikan, als sie selbst aus der Zentrale oder anderen Faktoreien erhielt. Also mußte sie irgendwie reichlich mit Geld gespeist werden.
Doch die obersten Finanzbeamten der Kurie zeigten an solchen Informationen bemerkenswert geringes Interesse, da nicht wenige genau wußten, woher die Beträge stammten, welche die Fugger über ihre Geheimkonten laufen ließen. Der einflußreiche römische Kardinal Alesmandrino zum Beispiel kannte den Eigentümer von mindestens 22.000 Dukaten, weil er sie selbst klammheimlich eingezahlt hatte. Sogar der oberste Finanzverwalter der Kirche, der päpstliche Datar Fazio Santorio zählte zu den stillen Teilhabern der Fugger.
Größter Gläubiger aber war der Brixener Fürstbischof Melchior von Meckau. Jahrzehntelang hatte er sein Südtiroler Bistum nach Kräften geschröpft, und jeden Gulden, den er seinen Gläubigen, Priestern, Klöstern, Kirchengemeinden und Bergwerken abpreßte, steckte er in die dynamische Augsburger Firma. Nirgendwo wurde ihm eine bessere Rendite geboten, nirgendwo war er vor einer Entdeckung seines heimlichen Schatzes sicherer.
Die Fugger schrieben ihm nicht nur pünktlich die Zinsen gut, sondern sie waren ihm auch sonst zu allerlei Diensten gefällig. Als zum Beispiel der Borgia-Papst Alexander VI. am 31. März 1503, also kurz vor seinem Tod, eine Reihe von verdienten Würdenträgern zu Kardinälen ernannte, durfte sich als einziger Deutscher Melchior von Meckau den begehrten roten Hut aufsetzen. Selbstverständlich war der Titel nicht umsonst – der übliche Preis betrug 20.000 Gulden. Trotzdem hätte der Alpenländer ohne die geschickte Diplomatie des Fuggerfaktors Zink kaum eine Chance gehabt, in die purpurrote Phalanx der Italiener einzubrechen.
Dank der Fugger bekam der Provinzbischof Einblick in die Geschäfte der internationalen Hochfinanz sowie in die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Kirche. Obwohl beide Seiten stets bestrebt waren, Art und Umfang ihrer Geschäftsverbindung geheimzuhalten, spielten sich Bischof und Kaufmann in Rom und am Hof Maximilians gegenseitig die Bälle zu. So war Melchior von Meckau, wenn auch nur ersatzweise, zur Ehre gekommen, den Habsburger zum deutschen Kaiser proklamieren zu dürfen. Der Kleriker aus Südtirol fand Gefallen an seiner Gastrolle in der internationalen Politik. Immer häufiger reiste er an den Tiber, um in der Umgebung des mächtigen Julius II. die Interessen der Habsburger wie der Fugger zu vertreten.
Und jedesmal, wenn er wieder die Koffer packen ließ, grämten sich die Domherren in Brixen. Denn inzwischen war auch ihnen nicht verborgen geblieben, daß die Kassen des reichen Bistums an einer unerklärlichen Schwindsucht litten. Deshalb verlangten sie, als der Kardinal wieder einmal Reisevorbereitungen traf, daß „Kleinodien, Barschaft und anderes, dem Stift zugehörendes, hierbliebe, dieweil man öffentlich und glaublich sage, Seine Fürstlichen Gnaden räume alles und jegliches, so im Schlosse wäre, von dem meisten bis auf das wenigste auf, in der Meinung, es mit sich hinweg zu führen“. Melchior beschleunigte seine Abreise und beschloß, der peinlichen Neugier seiner Untergebenen zu entgehen, indem er sich in Rom einen zweiten Wohnsitz nahm.“
Nachrichten-Dienst
„Als Karl dann im Mai 1520 doch nach Norden aufbrach, um sich die Kaiserkrone aufsetzen zu lassen, kam es sofort zu blutigen Unruhen in Madrid und anderen großen Städten. Besorgt meldeten Fuggers Nachrichtenleute nach Augsburg: „In Hispania steht es nicht wohl.“ In der „Goldenen Schreibstube“ war man genauer und früher über alle Vorgänge am spanischen Hof unterrichtet als in allen deutschen Fürstenschlössern. Faktor Wolff Haller diente dem Kaiser als einer seiner engsten Ratgeber, und auch zahlreiche andere Agenten berichteten laufend nach Augsburg. Jakob nutzte seinen Informationsvorsprung, um Freunde zu gewinnen. Mit gedruckten Depeschen, den später so berühmt gewordenen „Fuggerzeitungen“, ließ er seine Geschäftspartner über wichtige Neuigkeiten informieren – etwa über die Tatsache, daß der Konvoi des Kaisers gerade die Niederlande erreicht habe …“
„Die diktatorische Struktur seines Konzerns zwang Anton, sich persönlich um alle wichtigen Probleme selbst zu kümmern. Um dabei Übersicht und Kontrolle nicht zu verlieren, bediente er sich eines gut organisierten Spitzelsystems. Schon Jakob hatte die Bedeutung der Information erkannt und sich einen privaten Nachrichtendienst eingerichtet, der ihn laufend mit wichtigen Mitteilungen aus der hohen Politik versorgte. Anton baute dieses Informationssystem zu seinem persönlichen Herrschaftsinstrument aus, mit dem er auch gegen Konkurrenten, Geschäftspartner und Mitarbeiter operierte.
So unterhielt er eine Geheimkartei, in der 626 Namen vermerkt waren. Sie enthielt neben der persönlichen oder brieflichen Anrede vertrauliche Daten, die bei Bedarf gegen den Betreffenden verwendet werden konnten. Informationen lieferten ihm neben seinen offiziellen Vertretern in ganz Europa auch getarnte Agenten, von denen niemand annehmen konnte, daß sie mit Fugger in Verbindung standen. Vorzugsweise bediente er sich der auf dem ganzen Kontinent umherziehenden Zigeunersippen als Spitzel und Zwischenträger.
Sie machten den Kaufherrn zweifellos zu einem der bestinformierten Männer seiner Zeit. Anton sammelte nicht nur politisch oder wirtschaftlich verwertbare Nachrichten, sondern er ließ sich auch stets über wissenschaftliche und technische Fortschritte berichten, da schon Jakob den Nutzen solcher Erfindungen – etwa im ungarischen Bergbau – schätzengelernt hatte.
Das für die damalige Zeit hervorragend funktionierende Nachrichtensystem verschaffte dem Konzern immer wieder beträchtliche Vorteile. Fuggerfaktor Sebastian Kurz konnte zum Beispiel auf dem Regensburger Reichstag im Jahr 1543 dem Kaiser persönlich die sechs Bände „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ eines gewissen Nikolaus Kopernikus überreichen, die alles, was man über die Erde und den Kosmos wußte, gründlich auf den Kopf stellten. Klar, daß die ketzerischen Ideen des Astronomen dem gemeinen Volk vorenthalten werden mußten. Aber ebenso klar war, daß sich weder ein Fugger noch ein Kaiser an die Verbote der Inquisition zu halten brauchte.
Karl V., ein begeisterter Hobby-Astronom, bat den Faktor sogar, er möge den berühmten Peter Appian beauftragen, ein Werkzeug zum Messen der Erdbreiten anzufertigen. Damit bewies der Monarch klar, daß er selbst längst nicht mehr an das glaubte, was er seinen Untertanen zu glauben befahl.“
Zensor
„Nebenbei ließ sich Jakob in Worms zum Aufseher über die Augsburger Buchdrucker ernennen und damit praktisch zum Zensor über alles Gedruckte. Er konnte nun anordnen, daß die Buchdrucker in den „Irrungen, die sich halten zwischen den Geistlichen und Doktoren der Heiligen Schrift, desgleichen in Schmähungen und Verletzungen der Ehrensachen ohne Wissen und wider Willen eines Ehrbaren nichts ferner drucken sollen“.
Multinationaler Konzern
„Zäh und unerbittlich trieb der Wirtschaftsdiktator von der „Goldenen Schreibstube“ aus die Expansion seines Unternehmens voran. Was Jakob vorschwebte, war eine weltumspannende Handelsorganisation ähnlich jenem Schema, dem die Kirche im Abendland ihr Monopol in Sachen Religion verdankte. Nationale Grenzen und die Hoheitsrechte der zahlreichen Landesherren im zersplitterten Europa waren für ihn nur lästige Handelshindernisse, die zu überwinden er seinen ganzen Scharfsinn und seine Energie einsetzte. Fugger plante nicht mehr und nicht weniger als den ersten multinationalen Konzern der Wirtschaftsgeschichte.
Zug um Zug errichtete er Außenposten an allen strategisch wichtigen Plätzen, um sie unverzüglich ins weitverzweigte Verkehrs- und Handelsnetz seiner Firma einzuspannen. Um 1510 verfügten die Fugger über Niederlassungen oder Hüttenwerke in Nürnberg, Frankfurt, Köln, Antwerpen, Hohenkirchen, Leipzig, Breslau, Wien, Fuggerau (Kärnten), Ofen (Budapest), Neusohl, Schwaz, Hall, Bozen, Venedig, Rom, Lyon und Madrid, um nur einige wichtige Orte zu nennen. Gehandelt wurde praktisch mit allem, was Gewinn versprach. Fuggersche Fuhrleute brachten Gewürze aus Lissabon nach Augsburg, Seide von Venedig nach Antwerpen und Kupfer aus Ungarn nach London. Wichtiger als der Warenhandel waren jedoch der Erzbergbau und die Geldgeschäfte, die Jakobs geniales Organisationstalent kunstvoll aufeinander abzustimmen und miteinander zu kombinieren verstand. So bestand zum Beispiel die Abfindung der Ansprüche des deutschen Kaisers auf das Meckau-Erbe letztlich in Wolldecken und Uniformtüchern, die er Jahre zuvor preiswert in Lyon und London eingekauft hatte.
Obwohl nur die Zentrale in Augsburg über alle Geschäfte Bescheid wußte, hatten die Faktoren in den Außenstellen doch weitgehende Entscheidungsbefugnisse. Schon weil die Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen schlecht funktionierten, mußten sie manches schnelle Geschäft auf eigene Verantwortung riskieren – oder absagen. Planmäßig baute Jakob seine Stützpunkte aus. Als die Winkelzüge des Johannes Zink in Rom allzu undurchsichtig wurden, stellte ihm der Chef mit dem Nürnberger Engelhard Schauer einen Assistenten und Aufpasser zur Seite. Allerdings dauerte es nur ein paar Jahre, bis der aufrechte Franke im römischen Klima ebenfalls levantinische Eigenschaften annahm und bald mehr in die eigene Tasche als in die der Fugger wirtschaftete.
Selbst Familienmitglieder wie der früh verstorbene Markus Fugger der Jüngere, welcher nach Zink als einer der erfolgreichsten Pfründenjäger galt, vermochten den Verlockungen Roms nicht zu widerstehen. Auch wenn sich im schwäbisch-strengen Augsburg die mediterranen Bräuche recht eigenartig ausnahmen, duldete Jakob sie, sofern nur die Kasse stimmte. Und da bestand kein Grund zur Klage, besonders seit die päpstliche Münze ab 1508 wieder in der Hand der Firma war. Nach Rom wurde Antwerpen, das damals noch Antorf hieß, zur bedeutendsten Außenstelle der Firma. Hier war der Hauptumschlagplatz im Handelsverkehr mit den Hansestädten, mit England, Spanien und Portugal. Schon frühzeitig erkannte Jakob die Bedeutung dieses ersten europäischen Börsenplatzes, und er sandte tüchtige Manager an die Schelde.“
Feindliche Übernahme
„Die Methode, mit welcher sich die Fugger in neue Branchen und fremde Städte drängten, war immer wieder dieselbe: Erst machte man einen alteingesessenen Geschäftsmann ausfindig, der nach Möglichkeit ein wenig knapp bei Kasse war. Dem bot man dann großzügigen Kredit gegen stille Teilhaberschaft an, um so alles Wissenswerte über das Geschäft zu erfahren. Sobald man der Meinung war, die Sache selbst in die Hand nehmen zu können, kaufte man den Partner auf oder ließ ihn pleite gehen. Nun brauchte man nur noch einen tüchtigen Faktor, und der Gulden konnte rollen.“
Ausbooten der Hanse
„In den folgenden Jahren zeigte es sich jedoch, daß Jakobs Strategie und seine geschäftliche Konzeption dem Vorgehen der Hansestädte weit überlegen war. Systematisch unterwanderte er die stärksten Bastionen der Seestädte, drang bis Nowgorod und Moskau vor, schleuste seine Mittelsmänner in Hamburg ein und sorgte auf unauffällige, aber höchst wirksame Weise für einen ungehinderten Seeverkehr zwischen Danzig und Amsterdam.
In der niederländischen Hafenstadt saß einer seiner fähigsten Faktoren, Pompejus Occo, der zugleich auch Beauftragter des dänischen Königs war. Jakob beorderte ihn später nach Kopenhagen, von wo aus er für den reibungslosen Ablauf der nordischen Geschäfte zu sorgen hatte. Nachdem schon Danzig auf der Seite der Augsburger stand, gelang es der beharrlichen Diplomatie Occos und anderer Faktoren, nach und nach weitere Hansestädte vom Vorteil der Fuggerschen Geschäfte für ihre eigenen Finanzen zu überzeugen.
Der Hanse-Kenner Zimmerling glaubt sogar, daß das beinahe geräuschlose Eindringen der Fugger in den niederdeutschen Handel einer der entscheidenden Gründe für den Niedergang der Hansestädte war: Überall erwiesen Europas Potentaten dem mächtigen Mann aus Augsburg ihre Referenzen, der ein dichtes Gespinst von Bank- und Warengeschäften von Rom bis Kopenhagen, von London, Lissabon bis hin nach Rußland gewoben hatte. Die Hanse stand diesem Phänomen einigermaßen hilflos gegenüber. Denn anders ist es nicht zu erklären, daß sie noch nicht einmal die wenigen Möglichkeiten nutzte, dem gerissenen Schwaben Einhalt zu gebieten. Fugger hatte die Hanse überrannt.
Bald sahen sich die streitbaren Lübecker von allen Seiten eingekreist. Ihr Erzfeind Dänemark paktierte schon lange mit den Süddeutschen, Rußland war brennend interessiert am Warenaustausch mit den Augsburgern, der polnische König stand längst auf ihrer Seite, Litauen hatte ihnen Tür und Tor geöffnet, der Hochmeister des Deutschen Ordens stellte sich auf Weisung Roms hinter den Fugger – und schließlich sahen selbst die Hansestädte die Widersinnigkeit einer Anti-Fugger-Blockade ein.
Schon 1513 gestanden zumindest Riga, Reval und Dorpat die Ergebnislosigkeit des Handelskrieges ein, und wenige Jahre danach wurden im Hamburger Hafen Fuggersche Waren umgeschlagen: Der Sieg des zähen Schwaben über die Seestädte war unumstößlich.“
Erledigen lästiger Konkurrenz
„Wer immer noch daran zweifelte, daß hinter den seltsamen Gerüchten, Falschmeldungen und Finanzoperationen eine planende Hand steckte, wurde spätestens im Sommer 1528 eines Besseren belehrt. Wie auf ein Kommando verlangten plötzlich sämtliche Lieferanten, Gläubiger und Teilhaber des weitverzweigten Höchstetterkonzerns ihr Geld zurück. Am ungeduldigsten gebärdeten sich die Kreditoren Thurzo, Artzt, Rehlinger, Grander, Manlich, Welser, Langenmantel und Adler – allesamt Leute, die zum Kreis der Fugger gehörten.
Da war es dann sicher kein Zufall mehr, daß sie alle lauthals nach einem neutralen Wirtschaftsprüfer verlangten, der endlich Klarheit über die wahren Vermögensverhältnisse Höchstetters schaffen sollte. Und schon gar nicht verwunderlich war es, daß ausgerechnet Anton Fugger dieser „neutrale“ Prüfer sein sollte.
Tatsächlich übergab der angeschlagene Ambrosius seinem jungen Konkurrenten eine Vermögensaufstellung, nach der er noch über Waren im Wert von 167.000 Gulden verfügte gegenüber einem Schuldenstand von angeblich nur 105.000 Gulden. „Also befinden wir, daß wir auf keine Art mehr schuldig sind, mehr: so ist man uns noch schuldig“, tönte Ambrosius. Anton ließ sich davon freilich nicht beeindrucken und zerpflückte das Zahlenwerk mit der Akribie eines Experten. „Ich glaube“, resümierte er in der Gläubigerversammlung, „daß ihrer noch viel mehr sind der bösen Schulden.“
Mit unerbittlicher Konsequenz bereitete Anton den Abschuß des großen Konkurrenten vor. Der alte Fuchs Ambrosius Höchstetter muß blind gewesen sein, als er mitansah, wie der junge Fugger, scheinbar um ihm zu helfen, den drängendsten Gläubigern ihre Forderungen abkaufte. Während die Höchstetter noch auf weitere Hilfe ihres Augsburger Nachbarn hofften, eröffnete Anton in der „Goldenen Schreibstube“ in Wirklichkeit die Treibjagd auf den angeschlagenen Gegner. Den ersten Schuß gaben nicht ohne Grund die unverdächtigen Welser ab. Im Oktober erzwangen sie zu Innsbruck die Abtretung sämtlicher Silberrechte Höchstetters. Etwa gleichzeitig beschaffte sich der Antwerpener Fuggerfaktor Konrad Mair auf Befehl Antons in Brüssel sämtliche Schuldverschreibungen der Höchstetter, die nur irgendwo aufzutreiben waren. Darunter befand sich natürlich auch die letzte Anleihe über 200.000 Karolus-Gulden der Brüsseler Regierung. Teilweise wurden diese Papiere, die insgesamt einen Wert von 400.000 Gulden repräsentierten, aber natürlich zu weit geringeren Preisen feil waren, über Strohmänner wie den berüchtigten Lazarus Tucher erworben, damit Ambrosius nicht zu früh Verdacht schöpfte.
Im Herbst 1528 hatte Anton praktisch die Kontrolle über den Höchstetterkonzern übernommen. Damit die übrigen Gläubiger nicht merkten, was da gespielt wurde, pumpte er über Mittelsmänner sogar noch 30.000 Dukaten in die marode Firma, mit denen die vordringlichsten Rechnungen beglichen wurden. Der eigentliche Grund war jedoch, daß Anton den Konkurrenzkonzern erst bis zum letzten Gulden ausräubern wollte, ehe er ihn in Konkurs gehen ließ. Kaltblütiger hätte auch ein Jakob Fugger diesen ehemals mächtigen Widersacher nicht vernichten können als der junge „Herr Antoni“ mit den träumerischen Augen, der stets so aussah, als komme er gerade aus dem Beichtstuhl. Sogar der gerissene Lazarus Tucher verlor schließlich am Höchstetterkonkurs noch 1.400 Flämische Pfund, die ihm an Maklergebühren zustanden, und er hatte obendrein noch mit dem Gerücht fertig zu werden, er allein sei in Wahrheit schuld am Zusammenbruch des Konzerns.
Selbst als der Konkurrent am Boden lag, blieb der Fugger kalt. Obwohl Ambrosius mit Anton sogar entfernt verwandt war – seine Frau war ebenfalls eine Rehlinger und trug denselben Vornamen wie Anna Fugger –, rührte der Sieger keinen Finger, als die Familie des geschlagenen Höchstetter in Not geriet. Vergebens flehte Ambrosius der Jüngere, der „liebe Herr Vetter“ solle „aus diesem Jammer helfen“, damit die Familie „mit Ehren bestehen möge“. Der Sohn des gebrochenen Konkurrenten wollte nur ein wenig Bargeld für den letzten Rest des noch vorhandenen Quecksilbers. „Ich hoffe zu Gott dem Allmächtigen, Du schlägst uns das nicht ab“, jammerte Höchstetter, „denn Du glaubst nicht, was es ist, wenn einer nicht Trauen und Glauben hat … Es ist wohl weinens- und klagenswert.“
Nach den – nicht immer ganz zuverlässigen Berichten – Clemens Senders sollen die Höchstetter jedoch noch versucht haben, ihre letzten Schätze in Warenballen mit fremden Handelszeichen zu verpacken und aus der Stadt zu schmuggeln. Ob das nun zutraf oder nicht, Anton jedenfalls ließ sich nicht erweichen. Auch der alte, verbitterte Ambrosius griff umsonst zur Feder: „Weil Gott der Allmächtige mich also dermaßen angegriffen und mir dieses Unglück zugestoßen, Gott weiß wie, und ich alt, schwach und ganz verblendet bin, und ich nicht gern von Sinnen kommen möchte.“ Anton würdigte diesen Hilferuf nicht einmal einer Antwort.
Unbarmherzig ließ er sich sämtliche Vermögenswerte Höchstetters, darunter wertvolle Tiroler Schmelz- und Hüttenwerke, überschreiben, während die übrigen Gläubiger größtenteils leer ausgingen. Vor allem aber hatte er es auf das prächtige Schloß und Rittergut Burgwalden bei Augsburg abgesehen, das zum Privatbesitz von Ambrosius und Anna Höchstetter zählte. Am 2. März 1529 mußten sie es denn auch tatsächlich ihrem hartnäckigsten Gläubiger überlassen.
Dem einst ob seiner Gerissenheit vielbewunderten Altmeister der oberdeutschen Kaufleute blieb nichts erspart. Die etwa 300 von Anton Fugger um die Konkursmasse geprellten Gläubiger erwirkten schließlich im August die Verhaftung der Höchstetter. Nur Sohn Joachim konnte fliehen. Er entkam nach England und machte dort eine vielbeachtete Karriere: König Heinrich VIII. ernannte ihn zum „Principal surveyor and master of all mines in England and Ireland“, also zum Oberaufseher aller britischen Bergwerke.
Die oberdeutschen Unternehmer galten damals als die besten Montanexperten der Welt, während der englische Bergbau noch in den Kinderschuhen steckte. Tatsächlich gelang es Joachim Höchstetter, mit Hilfe importierter Bergleute aus Tirol und Sachsen die Ausbeute der königlichen Minen beträchtlich zu steigern. Die anderen Angehörigen des Höchstetter-Clans aber erholten sich nie mehr von dem Schlag, den ihnen Anton Fugger versetzt hatte. Ambrosius Höchstetter, von dem Zeitgenossen schrieben, er sei ein „großer, stattlicher, schöner Mann gewesen“, starb, an Händen und Füßen gefesselt, im Herbst 1534 im Augsburger Schuldturm.
Während der Zeit des Kampfes mit Höchstetter, der sich über rund drei Jahre hinzog, ging es mit der Fuggerfirma zwar nicht besonders stürmisch, aber stetig bergauf, und als Anton Ende 1527 Bilanz zog, durfte er alles in allem zufrieden sein. Die Aktiva beliefen sich auf rund 3 Millionen Gulden, das eigentliche Geschäftskapital, das Hauptgut, betrug 1,6 Millionen Gulden. Anlaß zur Sorge hätte allein das rasche Anwachsen der Außenstände geben können, das letztlich auf die erhebliche Verschuldung der Habsburger zurückzuführen war. „Der Betrag der Außenstände war ungemein hoch, aber die dagegen empfangenen Sicherheiten waren gut, und die ganze geschäftliche Lage des Hauses war eine durchaus gesunde“, urteilt Bilanzexperte Richard Ehrenberg.“
Umgang mit Arbeitern
„Mit der Niederwerfung der süddeutschen Bauern war der Volksaufstand aber noch keineswegs beendet. Die Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit hatten überall dort gezündet, wo Unterdrückung und Ausbeutung an der Tagesordnung waren. Und dazu gehörten in erster Linie die finsteren Gruben und Stollen des größten Montan-Konzerns der Welt. In den Fuggerschen Bergwerken zwischen Almaden in Spanien und Villach in Kärnten schufteten Zehntausende schlechtbezahlter Arbeiter – das erste Proletariat der neueren Geschichte. Und hier begann, lange vor dem von Karl Marx geschmähten Manchester-Kapitalismus, der Klassenkampf.
Angestachelt von der anfangs erfolgreichen Bauernrevolution, meuterten zuerst die Knappen im Bergbaugebiet zwischen Bautzen und Görlitz. Auf dem Platz vor Fuggers Hüttenwerk in Hochkirch versammelten sich einige hundert Bergarbeiter, um für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu demonstrieren. Faktor Matthäus Lachenbeck verhinderte durch geschicktes Taktieren und allerlei Versprechungen, daß die aufgebrachten Proletarier die Bergwerke besetzten. Aber die erste Arbeiterbewegung auf deutschem Boden war nicht mehr aufzuhalten. Überall in den Bergbaugebieten, wo Hauer und Knappen in Fuggers Diensten standen, kam es zu Streiks, Demonstrationen und blutigen Auseinandersetzungen.
Als die Erzschürfer in den Salzburger Gruben zwischen Rauris und Schladming mehr Lohn forderten, trieben sie Söldner des Erzbischofs und Fuggerfreundes Matthäus Lang in die Stollen zurück. Wo immer die Knappen meuterten, stets wurden sie vom langen Arm der Augsburger Gesellschaft gepackt – in Hall, Schwaz, Rattenberg, Gossensaß, Sterzing, Klausen, Kitzbühel, Lienz und Fuggerau.
Die Bergarbeiter waren alles andere als blindwütige Rebellen. Ihnen ging es um die konkrete Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Ihr Wortführer war Michael Gaismaier, der Sohn eines Bergwerksbesitzers aus Sterzing. Der ehemalige Zollbeamte und Sekretär des Erzbischofs von Brixen war weit herumgekommen und kannte die ausgedehnten Metallgeschäfte der Fugger. Er predigte einen religiös verbrämten Staatssozialismus, ähnlich wie ihn ein paar hundert Kilometer weiter nördlich der sächsische Pastor Thomas Münzer verkündete. Was heute die Gewerkschaften fordern, nämlich mehr Mitbestimmung und Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand, wollte schon jener Tiroler Volkstribun zu Beginn des 16. Jahrhunderts für die Bergleute erkämpfen.
Obwohl Jakob Fuggers privater Nachrichtendienst ihn bald als bezahlten Agenten der Republik Venedig denunzierte und ihm auch konkrete Kontakte zu venezianischen Mittelsleuten nachwies, blieb er bis zu seiner Ermordung im Jahr 1532 der anerkannte Sprecher der Tiroler Arbeiter und Bauern. Unter Gaismaiers Regie plünderten die Knappen das Fuggerhaus in Hall, und sie blockierten sämtliche Handelsstraßen nach dem Süden, womit der Bergbau größtenteils lahmgelegt wurde.
Wie zu erwarten war, dauerte es nicht lange, bis die Kriegsknechte des Schwäbischen Bundes unter dem Haudegen Georg von Frundsberg mit brutaler Gewalt wieder für Unrecht und Ordnung sorgten. Der Knappenaufstand hatte allerdings inzwischen auch die Bürger ermutigt, die verhaßte Fremdherrschaft des schwäbischen Finanzbarons abzuschütteln. Die Reichsstände boten Erzherzog Ferdinand die für ihre Verhältnisse gewaltige Summe von 138.000 Gulden an, damit er seine Schulden zurückzahlen und sich so aus der Abhängigkeit von Jakob Fugger befreien konnte.
Sie hatten damit auf andere Weise ausgedrückt, was die Bauern und Bergarbeiter in Meran mit ihren 106 Artikeln proklamierten: „Fugger muß verschwinden!“ Doch die vielfältigen Bande zwischen Habsburg und Augsburg waren schon so eng und fest geknüpft, daß sie auch dieser Belastung standhielten. 138.000 Gulden waren schlicht zu wenig, um den Erzherzog freizukaufen, der bei Fugger mit weit höheren Summen in der Kreide stand. Außerdem banden ihn langfristige Verträge an die Firma, ganz abgesehen von dem Interesse des Kaisers am Fortbestand der Allianz.
So endeten die Arbeitskämpfe wie schon vorher der Bauernaufstand: in einem Meer aus Blut und Tränen. Jakob Fugger selbst schätzte, daß während der Volkserhebung rund 50.000 rebellierende Bauern, Bürger und Arbeiter den Tod fanden. Der ökonomisch denkende Konzernherr hatte dies sicher nicht gewollt – der Krieg erschien ihm als sinnlose Vernichtung von Gütern und Arbeitskräften –, aber er trug zweifellos einen erheblichen Teil der Verantwortung für den Aufstand und seine brutale Niederwerfung.
In einer schwachen Stunde kamen selbst diesem selbstbewußten Wirtschaftscäsaren Zweifel, ob das Ganze unvermeidlich war: „ich weiß nicht, was daraus werden will“, schrieb er resigniert am 16. Oktober 1525 seinem Faktor Jörg Högel nach Krakau. Der Urheber des Schlamassels aber stand für ihn ein für allemal fest: Martin Luther. Ohne diesen Reformator, klagte er mehrfach seinen Mitarbeitern, hätten die Bauern nie den Mut zur Rebellion gefunden. Luthers Anhänger erschienen ihm einfach als „Buben“ und „unverständige Leute“, als Volksverhetzer und Aufwiegler, kurz, nach heutiger Definition, als Kommunisten: „Das machen nun die neuen Prediger, die da predigen, man solle auf Menschengebot nicht achten. Das haben die Bauern gewollt, haben auf ihre Herren nicht mehr achten wollen“, erboste sich Jakob in seinen Briefen. Die Schuld von Kaiser, Kirche und Kapital, jener unheiligen Dreifaltigkeit der Epoche, sah er nicht.
Um so mehr muß den Fugger deshalb der Aufstand seiner ungarischen Knappen überrascht haben, die von des reformatorischen Gedankens Blässe gewiß noch nicht angekränkelt waren. Die Rebellion im Osten, die zu Jakobs letztem Gefecht werden sollte, begann noch mitten im deutschen Bauernkrieg. Im Januar 1525 legten die Arbeiter in den Neusohler Fuggergruben ihre Spitzhacken weg. Sie wollten so lange streiken, bis ihnen höhere Löhne gewährt wurden.
Die Forderungen, das mußte selbst der Faktor Hans Ploss einsehen, waren nicht unberechtigt, denn in den letzten Jahren hatte das Geld rapide an Wert verloren. Der Gulden verdiente kaum mehr seinen Namen, und die Pfennige bestanden aus mehr Eisen als aus Silber. Früher ergaben 120 Pfennige einen Goldgulden, bald aber waren es 150, und schließlich gar 240 Pfennige. Das hieß: Der Gulden hatte seinen Wert halbiert. So war es nur logisch, daß die Bergarbeiter entweder doppelten Lohn oder aber die Bezahlung mit altem, gutem Geld verlangten.
Erst als sie damit drohten, die Hüttenwerke zu plündern und die Gruben absaufen zu lassen, ritt der Fuggerfaktor mit einem Troß aus Richtern und Gemeinderäten ins Barackenlager seiner Arbeiter, um die Tarifverhandlungen aufzunehmen. Auf beiden Seiten wurde nicht weniger zäh gekämpft als bei den Lohnrunden unserer Tage. Nach einwöchiger Debatte einigte man sich auf einen Kompromiß, der in Wirklichkeit gar keiner war; denn die Forderungen der Arbeiter wurden von der Geschäftsführung voll akzeptiert. Hans Ploss hatte gut daran getan – anderntags zeigten die Knappen ihre Macht: Mit 500 Gewehren bewaffnet, veranstalteten sie unterm dumpfen Dröhnen ihrer Pauken einen Triumphzug durch die Stadt.
Hauptursache der ungarischen Wirtschaftsmisere, der dann auch prompt eine politische Krise folgte, war wie im übrigen Europa die liederliche Finanzverwaltung der regierenden Fürsten. Auf dem Thron saß der schwächliche Jagellonen-Sproß Ludwig II., aber die stärkste politische Kraft war zweifellos der Woiwode von Siebenbürgen, Johann Zapolya. Er hatte sich zum Anführer der Nationalpartei aufgeschwungen, deren Ziel es war, die vom König geduldete Fremdherrschaft der Habsburger und Fugger abzuschütteln. Ihm kam deshalb die Empörung des Volkes über die Münzverschlechterung und die Warenverknappung gerade recht, denn der ehrgeizige Adelige aus dem Geschlecht der Grafen von Zips gedachte mit Hilfe des „Pöbels“ den Jagellonen vom Thron zu stoßen.
Auf dem Reichstag im Mai 1525, der auf dem Rakosyfeld stattfand, geißelte er in einer zündenden Rede die Korruption bei Hofe und die Zustände im Finanzwesen. Erzbischof Zalkanus, obwohl Anhänger Zapolyas, wurde zum Sündenbock gestempelt und er mußte abdanken. Mit ihm stürzten eine ganze Reihe anderer hoher Würdenträger, die als Anhänger der habsburgfreundlichen Politik des Königs galten. Der neue Schatzmeister aber wurde festgenommen und zwei Wochen lang eingesperrt.
Während dieser Zeit organisierten Zapolyas Anhänger zwischen dem 22. und 24. Juni den Volksaufstand. Ein Haufe „gemeinen Pöbels“ zog ins feine Villenviertel der Hauptstadt, um den Palast des inhaftierten Münzverderbers zu plündern. Noch während die Randalierer die wertvollen Möbel, Kunstwerke und Seidengewänder des Kaufmanns auf die Straße warfen, stürmte eine andere Gruppe, angeführt von einem Diener Zapolyas, in den daneben stehenden Palast des gestürzten Erzbischofs, und bald darauf schlugen Flammen aus dem prächtigen Gebäude.
Nur drei Häuser weiter befand sich die Residenz des Fuggerfaktors, und es stand zu befürchten, daß nach und nach das ganze Viertel ausgeplündert werde. In aller Eile versorgten sich die Bewohner der umliegenden Villen mit Waffen; einige stellten sogar Kanonen auf. Nun schalteten sich Johann Zapolya und sein Bruder Georg von Trenchin selbst ins Geschehen ein. Um ein großes Blutvergießen zu verhindern, überredeten sie die Demonstranten, nach Hause zu gehen, indem sie ihnen versprachen, für eine schnelle Veränderung der Verhälmisse zu sorgen.
Am dritten Tag nach der Plünderung wurde der aus München stammende Fuggerfaktor von einer bewaffneten Eskorte auf die Ofener Burg geleitet. Anstatt zu fliehen, folgte der eingeschüchterte Statthalter Jakobs – und kam nie mehr zurück. Nun wurde es ernst für die Fugger, denn das gesamte ungarische Metallgeschäft stand auf dem Spiel. Daß Hans Alber kein Mann von großer Standhaftigkeit war, wußten auch seine Mitarbeiter. Nun kam es ganz auf den Stellvertreter an, einen Schwaben namens Hans Riedmüller, der sich Dernschwamm nannte.
Schon als die Plünderer durch die Straßen zogen, hatte er umsichtig die Verteidigung organisiert, Pulver besorgt und Musketenschützen postiert. Jetzt ließ er heimlich alle Wertgegenstände aus der Ofener Faktorei zusammenpacken und bei Nacht nach Neusohl abtransportieren, während der Gefangene Hans Alber auf der Burg bereits die Urkunde über die freiwillige Abtretung der Kemnitzer Gold- und Silberbetriebe unterschrieb. Der eingeschüchterte Faktor vermochte dem Druck seiner Häscher nicht zu widerstehen und erklärte wenig später in Jakob Fuggers Namen auch den Verzicht auf den Neusohler Bergbau.
Unterdessen wickelte sein Stellvertreter in fliegender Hast die letzten Geschäfte ab. Sämtliches Bargeld, rund 33.000 Gulden und 5.000 Golddukaten, ließ er gegen Quittung an den päpstlichen Nuntius auszahlen, bei dem es sicherer war als auf irgendeinem Pferdefuhrwerk, von dem man nicht wußte, ob es je nach Neusohl durchkommen würde. Die Vorderfront der Faktorei wurde von Zapolyas Leuten ständig beobachtet. Boten und Transportwagen konnten das Fuggerhaus also nur nach Einbruch der Dunkelheit durch den Hinterausgang verlassen. Der Angestellte Hans Reitschuh, der als besonders guter Reiter galt, erhielt den Befehl, dafür zu sorgen, daß der Neusohler Faktor Hans Ploss sofort alles Bargeld und die Warenvorräte über die polnische Grenze nach Krakau schaffen ließ. Schließlich floh auch Dernschwamm nachts mit den letzten Getreuen aus der belagerten Faktorei, die schon am nächsten Tag geplündert wurde.
Durch die von Alber unterzeichneten Dokumente legitimiert, sollte nun Münzmeister Bernhard Behaim im Auftrag des ungarischen Königs die Fuggerschen Bergwerke übernehmen. Doch Hans Dernschwamm hatte vorgesorgt und seine besten Leute längst nach Polen oder Sachsen beordert. Den verbliebenen Grubenarbeitern schilderte er, unter welch miserablen Bedingungen sie künftig zu schuften hätten und wie gering der Lohn sei, der sie bei Behaim erwarte. Die letzte Möglichkeit, nämlich die Gruben absaufen zu lassen, verwarf er allerdings wieder, da er damit rechnete, daß die Fugger in absehbarer Zeit „ihre“ Minen wieder in Betrieb nehmen würden.“
„… Weniger gesund freilich war oft genug das, wofür Fuggergeld ausgegeben wurde. So lieh sich zum Beispiel im Frühjahr 1528 ein Graf Gerhard von Arco bei Antons engstem Vertrauten Georg Hörmann 1.000 Gulden. Die Summe war für denjenigen bestimmt, der es riskierte, den unbequemen Wortführer der Bergarbeiter, Michael Gaismaier, für immer zum Schweigen zu bringen. Kein Geringerer als Seine Majestät höchstselbst, Ferdinand, der neugekrönte König von Ungarn und Böhmen, hatte den Mord befohlen, da er nur so den immer wieder aufflackernden Arbeiterunruhen in den alpenländischen Erzbergwerken Herr zu werden glaubte.
Ein Tiroler Landsmann, der Postmeister von Mantua, erbot sich, „wo solches Geld gewiß sei, Wege zu finden, daß derselbe Gaismaier entleibt werden möge“. Am 14. März 1527 schrieb deshalb Ferdinand aus Prag an seinen Schatzmeister in Innsbruck, die erforderlichen 1.000 Gulden sollten bei Graf von Arco oder an einem anderen sicheren Ort verwahrt und nicht früher ausbezahlt werden, bis Gaismaier entweder gefangen war „oder gewisse und wahre Kundschaft, daß er entleibt und umgebracht sei“, vorlag.
Der Postmeister indessen überlegte sich die Sache doch noch einmal, weshalb der „Terrorist“ Gaismaier eine Gnadenfrist erhielt. Der Tiroler Volksheld, Verfasser einer verblüffend modernen „Landesordnung“, hatte sich unter den Schutz italienischer Fürsten begeben, seit der mit Fuggergeld bezahlte Söldnerführer Georg von Frundsberg Jagd auf ihn gemacht hatte. Erst stand er im Dienst der Republik Venedig, dann heuerte ihn die florentinische Bankiersdynastie Strozzi als „Militärberater“ für den Krieg gegen die Medicis an. Finanziell saniert, kaufte sich Gaismaier im August 1528 ein großes Landgut mit 20 Pferden, 50 Kühen sowie 300 Schafen und Ziegen unweit des Heilbades Abano Therme.
Die Agenten der Habsburger und Fugger hatten ihn jedoch bald aufgespürt. Als dann Venedig im Jahr 1529 mit den Habsburgern wieder einmal Frieden schloß, wußte Gaismaier, daß er nun ständig in Lebensgefahr schwebte. Nie ritt er ohne bewaffnete Begleiter aus, und stets steckte ein silberner Dolch in seinem Gürtel. Doch es dauerte keine drei Jahre, bis im Kontor der Fugger die „wahre Kundschaft“ vorlag, zwei neapolitanische Ex-Söldner hätten Gaismaier in Padua erstochen.“
Geschäfte mit Kolonien
„Bei all den komplizierten Transaktionen zwischen Kirche, Kaiser und Königen übersah Jakob Fugger keineswegs die neuen geschäftlichen Möglichkeiten, welche die Entdeckungen der Seefahrer und die Erfindungen der Techniker mit sich brachten. Seit der Nürnberger Martin Behaim 1485 mit dem portugiesischen Abenteurer Diego Cao am Kongo war, ließ sich die Augsburger Zentrale ständig über die Ergebnisse der Entdeckungsreisen unterrichten.
Im Kontor am Rindermarkt war man der Meinung, daß an den fremden Ländern auf dreierlei Art verdient werden könne: erstens durch Importe von Waren, vor allem von Gewürzen, zweitens durch den Handel mit billigen Arbeitskräften, also Sklaven, und drittens durch die Ausfuhr von Waren, speziell von Metallen in jene Länder. Doch vorläufig blieben die „konventionellen“ Geschäfte so umfangreich und lukrativ, daß man den neuen Möglichkeiten allenfalls zukünftige Bedeutung beimaß.
Wie eine Bombe schlug deshalb die Nachricht ein, daß die Welser mit Lukas Rem einen ihrer tüchtigsten Männer als ständigen Faktor nach Lissabon entsandt haben, um sich in den Gewürzhandel mit Indien einzuschalten. Sofort ließ Jakob unter seinen Angestellten nach einem Mann fahnden, der erstens portugiesisch sprach und zweitens clever genug erschien, um sich am Tejo gegen Lukas Rem zu behaupten.
Ein gewisser Markus Zimmermann reiste schließlich im Auftrag der Fugger nach Lissabon, doch war ihm dort kein großer Erfolg beschieden. Der Abgesandte Jakobs fiel durch seine zahlreichen Affären und wegen seines „unwürdigen, die Nation schädigenden Verhaltens“ (Pölnitz) mehr auf als durch geschäftliche Tüchtigkeit. Spätestens ab 1511 ließ ihn sein Chef durch Hans von Schüren und Georg Herwart ablösen.
Immerhin war auch Fuggerkapital beteiligt, als die Portugiesen mit einer großen Flotte anno 1505 zu ihrer Molukken-Expedition in See stachen. Die Schiffe „San Hieronymo“, „Raffael“ und „Lionardo“ wurden ausschließlich von fremden Kaufleuten finanziert. Florentiner und Genueser Bankiers brachten 29.400 Cruzados auf, die deutschen Finanziers sogar 36.000. Mit Abstand den größten Anteil steuerten die Welser bei (20.000 Cruzados), während die Fugger und Höchstetter nur je 4.000 Cruzados gaben. Beteiligt waren ferner die Augsburger Imhof und Gossembrot (je 3.000 Cruzados) und die Nürnberger Firma Hirschvogel (2.000 Cruzados).
So sehr ihn die horrenden Gewinne im Gewürzhandel lockten, so klar sah Jakob Fugger auch die Risiken dieses abenteuerlichen Geschäfts. Er hielt sich deshalb im Gegensatz zu den Welsern bei allen künftigen Entdeckungsreisen und Kolonialplänen auffallend zurück. Vernünftiger schien ihm, abzuwarten, was die Schiffe nach Hause brachten, um dann die ganzen Gewürzladungen an der Antorfer Börse aufzukaufen. Für Pfeffer, Zimt und Nelken konnte man damals phantastische Preise erzielen.“
„Als Karl V. einmal mehr dringend Geld für seine Kriegskasse brauchte, weil erstens die Franzosen und zweitens die Türken seine Herrschaft bedrohten, hielt Anton die Zeit für gekommen, seinen großen Kolonialcoup zu landen. Sozusagen als Ausgleich für den drohenden Verlust seiner Besitztümer im Osten und als Sicherheit für seinen Beitrag zu einer Großanleihe über insgesamt 1,5 Millionen Gulden, die der Kaiser bei den Fuggern und den Welsern aufzunehmen gedachte, verlangte Anton das größte Stück vom südamerikanischen Kuchen.
Im Dezember 1530 erläuterte Veit Hörl dem Concejo seine Vorstellungen, der sie zusammen mit einem Gegenentwurf 30 Tage später an Karl nach Brüssel sandte. Die Antwort des Monarchen lautete: „Ich habe es für gut befunden.“ Nach spanischem Recht durfte allein der König die von seinen Untertanen entdeckten und eroberten Gebiete in Besitz nehmen. Doch konnte er jederzeit seine Herrschaftsrechte an Privatleute verpachten.
Was Fugger begehrte, war schlechthin unverschämt, nämlich die gesamte südamerikanische Pazifikküste von Chincha in Peru bis hinunter nach Feuerland auf einer Breite von 200 Meilen, also praktisch das gesamte Land zwischen der Küste und den Kordilleren. Seit Pizarro 1427 das goldene Reich der Inka entdeckt hatte, galt die Pazifikseite des neuen Kontinents als die ergiebigere. Doch mit dem Festland allein war Anton noch nicht zufrieden, er wollte auch noch die Inseln, die Magalhães auf seiner Weltumsegelung im Pazifik berührt hatte.
In langwierigen Verhandlungen mit dem Concejo des Indias wurde dann bis in alle Einzelheiten der südamerikanische Fuggerbesitz ausgehandelt. Anton mußte sich verpflichten, wenigstens drei Flotten mit zusammen 500 Mann Besatzung auszurüsten. Die ersten drei Karavellen sollten binnen eines Jahres in See stechen. Vom Erfolg dieses Voraustrupps wurde der weitere Terminplan der Kolonisierung abhängig gemacht.
Wenn die Firma innerhalb einer bestimmten Probezeit ihre Amerikafahrten nicht fortsetzte, durfte der spanische König die Gebiete anderweitig vergeben. Die Kolonialrechte wurden den Fuggern für drei Generationen, also für die Dauer von rund 100 Jahren, überschrieben. In dem genau bezeichneten Gebiet hatten sie alle militärischen, wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen Rechte, und zwar als Statthalter und Generalkapitäne des Königs. Sie durften zwei Land- und zwei Hafenfestungen sowie zahlreiche militärische Stützpunkte anlegen und mit den Eingeborenen praktisch nach Gutdünken verfahren. Sogar das Recht auf Plünderung der Eingeborenengräber, in denen man große Kostbarkeiten vermutete, ließen sich die Augsburger verbriefen.
Anton verlangte darüber hinaus ein Achtel des gesamten Kolonialgebietes als Privatbesitz und dazu wenigstens einen Hafen sowie die unumschränkte Gerichtsbarkeit in seinem Kolonialreich. Der endgültige Vertrag kam im Sommer 1531 zustande. Er machte die Fugger schlagartig zur größten privaten Kolonialmacht der Erde, doch gleichzeitig bürdete er ihnen, wenn sie seine Möglichkeiten auch nur einigermaßen ausschöpfen wollten, enorme Risiken und Lasten auf. Da mußten – für Bewohner des Binnenlandes ungewohnt – Schiffe gezimmert, Flotten ausgerüstet und Kapitäne angeheuert werden. Man brauchte Conquistadores von der Schläue und Härte eines Pizarro, Soldaten und Kolonisatoren, Bürokraten und Techniker, Agrarexperten und Priester.
Das „Unternehmen Südamerika“ hätte gewiß die ganze Kraft des Fuggerkonzerns beansprucht, doch für Anton war es eher so etwas wie eine zwar reizvolle, doch nicht allzu bedeutsame Zukunftsinvestition. Wie moderne Konzerne Entwicklungs- und Forschungsabteilungen führen, leistete sich Fugger eben die Abteilung Südamerika. Nie setzte der Konzernchef oder einer seiner engsten Mitarbeiter einen Fuß auf den Boden der fernen Provinz, nie räumte er den Investitionsplänen Veit Hörls höchste Dringlichkeit ein. Und selbst der Faktor in Sevilla kümmerte sich bald mehr um die Quecksilbergruben im nahen Almaden als um das weite Land im fernen „Indien“.
In der Zentrale am Augsburger Weinmarkt verschwand das utopische, weil viel zu große Kolonisationsprojekt bald aus dem Blickfeld. Andere, handgreiflichere Geschäfte erforderten ständig die ungeteilte Aufmerksamkeit. Daß es um Südamerika immer stiller wurde, lag zum Teil am unzureichenden Management, zum Teil aber auch an den Erfolgen der Konkurrenz. Der ebenso ehrgeizige wie rücksichtslose Eroberer Francisco Pizarro hatte nämlich, während die Fugger noch mit dem Concejo, dem Indienrat, verhandelten, das von ihm besetzte Territorium beträchtlich erweitert.
Nach seinem Vernichtungskrieg gegen die Eingeborenen, dem auch der letzte Inkaherrscher Atahualpa zum Opfer fiel, waren Pizarro und sein Kompagnon Diego de Almagro weit ins Hoheitsgebiet der Fugger nach Süden vorgedrungen. Anton machte sich keine Illusionen über die Chancen seiner unerfahrenen Angestellten gegenüber dem routinierten Eroberer. Die Statthalter der Welser jedoch schickten unterdessen neue Erfolgsmeldungen nach Augsburg.
Ambrosius Ehinger, der erste Gouverneur Venezuelas, fiel zwar im Sommer 1533 im Kampf mit den Eingeborenen, aber die Herrschaft der schwäbischen Kaufleute über die Indios am Orinoco blieb bestehen. Ehingers Nachfolger Nikolaus Federmann mußte unsägliche Mühen und Gefahren auf sich nehmen, wurde dann aber mit reicher Ausbeute an Gold, Perlen und Edelsteinen entlohnt. Die Fugger hingegen ernteten lange Zeit nur Verdruß.
Im Jahr 1532 kam es auf dem Atlantik zu einer folgenschweren Schiffskatastrophe, über deren Einzelheiten man sich im Konzern aus Prestigegründen beharrlich ausschwieg. Offenbar war eine Flotte unter der Leitung Admiral Alcazabas in einen Orkan geraten, dem mehrere Karavellen zum Opfer fielen. Nach dem im Indias-Generalarchiv zu Sevilla aufbewahrten Bericht eines Überlebenden spielten sich dabei grauenvolle Szenen ab: Um jeden Platz in den viel zu wenigen Rettungsbooten wurde erbittert gekämpft und mindestens eines der Boote sank. Mit den Schiffen gingen auch wertvolle Aufzeichnungen über den kaum entdeckten Kontinent verloren.
Vorfälle wie dieser und die Enttäuschung angesichts der offenkundigen Erfolge der Welser sowie der spanischen Conquistadores ließen in Anton die Einsicht reifen, daß man sich in der neuen Welt doch wohl auf zu unsicherem Boden bewegte. Ohne daß es seine Konkurrenten richtig merkten, beschloß er den Rückzug aus Südamerika. Zum ersten Mal mußte der vom Erfolg verwöhnte Erbe die Erfahrung machen, daß auch für einen Fugger nicht jeder Traum in Erfüllung ging. Entscheidender Anlaß für seinen Sinneswandel war wohl die Nachricht, daß Karl V. Pizarro zum Gouverneur der Provinz Peru ernannt hatte. Fuggeragenten erfuhren am spanischen Hof, daß der Conquistador über seinen Bruder dem Kaiser laufend kostbare Geschenke übermitteln ließ, weshalb er sich höchster Gunst erfreute. So erschien es ziemlich aussichtslos, den Expansionsdrang des Kriegshelden mit juristischen Mitteln zu bekämpfen.
Im Erobern und Ausplündern waren die Spanier den Schwaben haushoch überlegen. Ohne Rücksicht auf Fuggersche Hoheitsrechte marschierte Diego de Almagro 1535 immer weiter nach Süden. Die tödliche Rivalität zwischen Almagro und Pizarro hätte geschickten Gegenspielern vielleicht noch die Möglichkeit gegeben, eine entscheidende Rolle bei der Kolonisation Südamerikas zu spielen. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Anton längst die Lust verloren und seinen riesigen Besitz in Übersee abgeschrieben – freilich erst, nachdem ihm der Kaiser versprochen hatte, den Verlust zu ersetzen.“
Fugger, Ablaßhandel und Reformation
„Während er sich gegenüber dem Kardinal Ludwig von Aragon unverblümt rühmte, bei der Besetzung „sämtlicher deutscher Bistümer, bei manchen sogar zwei- und dreimal mitgewirkt und daran verdient“ zu haben, warf er den „eigenmächtigen Pfaffen, die gern Krieg und Unglück sehen“, vor, sie würden ihre Pflichten sträflich vernachlässigen.“
„Bei so viel kaiserlicher Huld mochte der Papst nicht zurückstehen, und er beauftragte die schwäbische Firma mit dem Einzug der Ablaßgelder für Sankt Peter, an dem natürlich wiederum ganz nett zu verdienen war. In Schlesien, Ungarn und Polen begleiteten Fuggerangestellte die Ablaßprediger auf ihren Bettelzügen und verwalteten die Schlüssel zu den eisernen Truhen, in welche die Gläubigen ihren Obolus warfen, damit sie ein paar Jährchen weniger im Fegefeuer schmoren mußten. Kühl und geschäftsmäßig, wie Bankangestellte nun mal zu sein pflegen, kassierten die „Fuggerer“ den Lohn der Angst und brachten ihn nach Augsburg. Selbst Fuggerfreund von Pölnitz gesteht: „Daß hierbei Zwischenfälle sich ereigneten, die das religiöse Feingefühl der Gläubigen aus übertriebener Geschäftsbeflissenheit untergeordneter Organe verletzten, ist durchaus denkbar“. Daß solche „Geschäftsbeflissenheit“ wenig später die Reformation auslösen sollte, ahnten weder Jakob noch sein Kaiser. Beide hatten sich zu weit von den Sorgen und Nöten der Bevölkerung entfernt, als daß sie noch ein Gespür für die Brisanz dieses Geschäfts besaßen. Als typischer Renaissance-Herrscher sah der Habsburger – seinem römischen Gegenspieler darin sehr ähnlich – in der Kirche vornehmlich eine leistungsfähige Organisation und im Glauben ein Machtmittel erster Qualität.“
„Blieb Jakobs privater Glaubenskrieg, der sich bis ins Jahr 1520 hinzog, letztlich auch erfolglos, so durfte der Fugger bei seinen rein geschäftlichen Beziehungen zur Kirche um so erfreulichere Ergebnisse registrieren. Zunächst aber sah es unterm Pontifikat des Medici-Sprößlings nicht so aus, als könne die Vorherrschaft der Augsburger im Finanzwesen der Kurie fortbestehen. Leo X. widerrief nicht nur alle Ablässe seines Vorgängers, sondern er kündigte auch den auf 15 Jahre abgeschlossenen Pachtvertrag der Fugger über die päpstliche Münze.
Als Gründe führte der Papst den Tod Julius’ II. und die Neugestaltung der Firma Fugger an, die ja jetzt nicht mehr dieselbe sei wie jene, die den Vertrag abgeschlossen hatte. Obwohl Zink geltend machte, daß er für die Münze extra einen stattlichen Neubau habe errichten lassen, übergab Leo das lukrative Prägeprivileg Florentiner Bankiers. Erst am 3. März 1518 wurden die Fugger wieder Münzpächter.
Günstiger entwickelte sich das Ablaßgeschäft, da auch der Medici-Papst den Verlockungen der ebenso bequem zu erschließenden wie reichhaltig sprudelnden Einnahmequellen aus den diversen Ablässen nicht zu widerstehen vermochte. So erklärte er bald alle für den Bau des Petersdoms bestimmten Ablässe wieder für gültig, und er ließ auch nach und nach die meisten anderen Ablässe, die er zuvor widerrufen hatte, wieder zu. Die Fugger begriffen den Sinneswandel sofort und ließen keine Gelegenheit aus, neue Anlässe für einen Ablaß zu präsentieren – und notfalls auch zu konstruieren.
Als zum Beispiel im Herbst 1511 ein Brand große Teile des Konstanzer Münsters zerstörte, war das für Zink eine willkommene Gelegenheit, die Kassen klingeln zu lassen. Für die Bistümer Konstanz, Chur, Augsburg, Straßburg, Mainz, Bamberg, Salzburg, Passau und Würzburg erwirkte er den sogenannten Konstanzer-Münster-Ablaß. Bezeichnenderweise gelangte die päpstliche Bulle zuerst nach Augsburg. Jakob wollte sie nur dann herausgeben, wenn ihm die Domherren zusicherten, wenigstens die Hälfte der Erträge den Fuggern zu überlassen.
Weil damit beträchtlich weniger in die Kassen der Domerbauer geflossen wäre, entschloß man sich, über Zink in Rom auch noch die Ausdehnung auf das Bistum Magdeburg zu erreichen, was prompt genehmigt wurde, so daß sich der Münster-Ablaß schließlich auf einen großen Teil des Deutschen Reiches erstreckte. Weil das so gut geklappt hatte und zum Ausgleich für die entgangenen Münzgewinne, kurbelten Johannes Zink und sein Adlatus Engelhard Schauer das Ablaßgeschäft kräftig an. In Rom erwirkten sie immer neue Ablaßbullen für den Bau von Hospitälern, Kirchen und Klöstern in Wittenberg, Straßburg, Nürnberg, Wien, Annaberg, Trier, Ingolstadt sowie vielen anderen Orten. Die Angst der Gläubigen vor dem Fegefeuer ließ zwischen Etsch und Belt, Maas und Memel überall die Kassen klingeln. Da brauchte es nur noch des berühmten Tropfens, der das Faß zum Überlaufen brachte.
Das verhängnisvolle Geschäft, das die Reformation auslöste und die anderthalb Jahrtausende alte Kirche sprengte, begann am 30. August 1513. An diesem schönen Hochsommertag wurde der erst 23 Jahre alte Hohenzollernsproß Albrecht von Brandenburg zum Magdeburger Erzbischof gekürt. Bereits eine Woche später ließ sich Albrecht, ein Bruder des Brandenburger Kurfürsten Joachim, auch noch zum Administrator des sächsischen Bistums Halberstadt ernennen.
Dieser klare Punktsieg der Hohenzollern im Machtkampf mit dem sächsischen Fürstenhaus Wettin bedurfte jedoch noch der Bestätigung durch den Papst. Und das war diesmal mehr als eine Formsache, denn erstens galt es, die Zusammenlegung zweier Bistümer zu rechtfertigen und zweitens das jugendliche Alter des neuen Doppelbischofs …
Zink regelte im Namen der Fugger das Finanzielle und zahlte beim päpstlichen Kämmerer 1.079 Dukaten bar ein. Bis hierher verlief der Handel, wenn auch nicht ganz koscher, so doch im Rahmen der damaligen (Un-)Sitten.
Die Gesandten waren gerade – mit den üblichen Gnadenbeweisen Seiner Heiligkeit versehen – auf der Rückreise nach Deutschland, als der Zufall dem jungen Erzbischof die Chance einer weiteren Ausdehnung seines Herrschaftsgebietes in die Hände spielte. Denn am 9. Februar verstarb der Chef des ausgedehnten Mainzer Erzbistums. Dies eröffnete nun ganz neue Perspektiven; falls genug Geld aufzutreiben war, hatte der Hohenzoller reelle Aussichten, sich auch noch das Herzstück der deutschen Kirchenprovinz einzuverleiben.
Schon der Verblichene hatte sich den Mainzer Bischofsstab im Jahr 1508 die nette Summe von 21.000 Gulden kosten lassen, die selbstverständlich später die Gläubigen aufzubringen hatten. Das Kirchenvolk war in den letzten zehn Jahren gründlich geschröpft worden, da der Bischofsring in diesem Zeitraum dreimal den Besitzer gewechselt hatte. Der expansionslüsterne Brandenburger mußte also davon ausgehen, daß er aus dem hochverschuldeten „Goldenen Mainz“ nicht genügend Geld herauspressen konnte, um den begehrten Titel zu finanzieren. Trotzdem ließ er nichts unversucht, seinen Mitbewerber, einen Bruder des Kurfürsten Ludwig von der Pfalz, beim Kaiser und bei den Domherren madig zu machen – nach dem Motto: Mainz bleibt meins. Als das Domkapitel dann am 9. März zur Bischofswahl zusammentrat, war das Rennen praktisch schon gelaufen. Der Brandenburger versprach, die erforderlichen Palliengelder aus eigener Tasche zu bezahlen, ferner die an Hessen verpfändete Stadt Gernsheim auszulösen und drittens das Hochstift gegen alle äußeren Feinde auf eigene Kosten zu verteidigen. Tatsächlich wurde er einstimmig gewählt.
Nun hatte Albrecht nur noch das kleine Problem zu lösen, wie er den Wahlerfolg seinem Papst beibringen sollte. Er war sich darüber im klaren, daß ihm nur die Fugger helfen konnten. Sein älterer Bruder, Kurfürst Joachim, schrieb deshalb nach Augsburg, man solle schleunigst die beigefügten Empfehlungsbriefe an Doktor Blankenfeld nach Rom schicken und sich auf die Auszahlung einer größeren Summe in Rom vorbereiten …
Von Anfang an waren die Fugger in die Pfründenjagd Albrecht von Brandenburgs eingeweiht. Hohe Kurialbeamte oder einflußreiche Kardinäle wären vielleicht ebenfalls in der Lage gewesen, dem Hohenzollern für Geld die Bistümer zu verschaffen. Aber sie hatten bestimmt keine so präzisen Kenntnisse über die finanziellen Möglichkeiten der deutschen Kirchenprovinzen, wie sie für die weitere Abwicklung des Projekts unerläßlich waren.
Der Unbekannte pokerte nämlich den Preis systematisch weiter hoch. Erst hieß es, der Papst plane nun, das Bistum Halberstadt doch wieder aus dem Pfründenpaket des Brandenburgers herauszunehmen. Dann erfuhren die Gesandten, Leo X. wolle dem Erzbischof nur den nichtssagenden Titel eines Ökonomen von Halberstadt zugestehen. Erst nach neuen finanziellen Zugeständnissen wurde aus dem Ökonomen ein respektabler Administrator von Halberstadt. Der Handel zog sich über den ganzen Juli hin, und erst am 18. August ernannte Leo X. im Konsistorium den Brandenburger zum Erzbischof von Mainz und Magdeburg sowie zum Administrator des Stifts Halberstadt. Erleichtert schrieb Blankenfeld nach Hause: „Darum jubiliere Eure Fürstliche Gnaden in Domino.“
Während Albrecht von Brandenburg am 6. November feierlich in Mainz Einzug hielt und sich von Tausenden von Gläubigen umjubeln ließ, zog Jakob Fugger im Augsburger Kontor Bilanz. Das Unternehmen hatte einschließlich sämtlicher Schmiergelder, Botenlöhne, Unkosten und Zinsen die Riesensumme von 48.236 Gulden verschluckt. Das Geld war größtenteils schon ausbezahlt, nun galt es, die Finanzierung sicherzustellen.
Selbstverständlich hatte man vorgesorgt und schon vor Abschluß des Geschäfts einen genauen Plan zur Geldbeschaffung ausgeheckt. Aus den ausgezehrten Bistümern waren solche Beträge nicht herauszupressen, das stand von vornherein fest. Ebensowenig war das Haus Brandenburg flüssig genug, derartige Summen aufzubringen. Nur eine Großbank wie die der Fugger konnte also die Finanzierung übernehmen. Um das Geld wieder hereinzubekommen und möglichst noch erklecklich daran zu verdienen, mußte man sich etwas einfallen lassen. Um solche Einfälle war gerade Johannes Zink noch nie verlegen gewesen. Deshalb hatte er das Pfründengeschäft von Anfang an mit einem zweiten gekoppelt: Nur wenn der Papst einen großzügigen Ablaß genehmige, so hatte er die Finanzverwalter der Kurie wissen lassen, sei ein hoher Preis für die drei Bistümer zu erzielen. Da der Ablaß der Kirche nicht mehr kostete als Leos Unterschrift auf einer Rolle Pergament, andererseits aber ganz erhebliche Einnahmen zu erwarten waren, gestalteten sich die Verhandlungen für beide Seiten durchaus erfreulich. Denn genauso geschickt, wie der Unbekannte den Preis bei den Gesandten Albrechts hochtrieb, feilschte der Fuggerfaktor am Vatikan um Ausmaß und Dauer des geplanten Ablasses.
Das Tauziehen erforderte den ganzen Herbst, denn erst am 2. Dezember trafen Albrechts Gesandte wieder in Mainz ein. Das Ergebnis des Kuhhandels wurde zunächst strikt geheimgehalten, so ungeheuerlich erschien es selbst den abgebrühten Kurialbeamten. Denn Leo X. räumte dem Brandenburger das Recht ein, in einem Gebiet, das fast die Hälfte des Deutschen Reiches bedeckte, acht Jahre lang die Gläubigen zu schröpfen. Der Kirchenhistoriker Aloys Schulte versuchte die Motive für das ungewöhnliche Geschäft zu ergründen: Die Kurie mochte sich entschuldigen mit dem Gedanken, daß die Bitte um drei Bistümer exorbitant sei; welches Interesse konnte sie auch an einer solchen Erhöhung des Brandenburgers haben? Wenn man schon in die Wünsche, die auf die glänzende Ausstattung eines jungen deutschen Prinzen hinausliefen, willigte, so wollte die Datarie auch eine Erhöhung der päpstlichen Einnahmen. Und die deutschen Gesandten redeten sich wiederum ein, daß das Haus des Datars sowieso ein Markt sei, daß ohne die Einwilligung in den geforderten Preis das Ziel nicht zu erreichen sei.
So kam es, daß bald darauf die berüchtigten Ablaßprediger durch die deutschen Lande zogen, um den Gläubigen einen ordentlichen Schrecken vor dem Fegefeuer einzujagen. Offiziell wurde die Aktion als „Jubelablaß für den Bau der Sankt-Peters-Kirche zu Rom“ deklariert, in Wahrheit aber sollte der Ertrag zur Finanzierung des dubiosen Pfründengeschäfts mit dem Brandenburger dienen.
Die Details des Geschäfts verraten die kundige Hand eines Meisters. Geschickt wurde zum Beispiel der Beginn des Ablasses auf den 1. August 1514 gelegt, jenen Tag, an dem der Papst in Rom den berühmten Raffaello Santi zum Architekten des Riesenbaus ernannte. Empörte sich Aloys Schulte: „Wir haben gesehen, daß oft genug der Ablaß nicht deutlich den Zweck angab, den der Antragsteller dabei verfolgte. Aber daß ein Ablaß auf Sankt Peter lautete, um einem Kirchenfürsten das Beschaffen der zur Simonie erforderlichen Gelder und das Kumulieren von Bistümern zu erleichtern, steht doch ohne Beispiel da. Für alle Beteiligten ist dieser Ablaß unehrenhaft.“
Er war in Wirklichkeit noch viel mehr als unehrenhaft, er war der Tropfen, der das Faß der Unzufriedenheit zum Überlaufen brachte. Mit diesem Superablaß verschaffte der Papst den Fuggern das Monopol zur Ausbeutung der Seelenängste nahezu aller deutscher Gläubigen. Denn sobald er in Kraft trat, waren alle anderen Ablässe in den betroffenen Gebieten automatisch aufgehoben. Ausgespart von diesem seltsamen Jubelablaß blieben typischerweise jene Gegenden, in denen die Fugger vorher schon exklusiv Ablaßgelder einsammelten, sei es für den Bau des Konstanzer Münsters oder das Augsburger Dominikanerkloster.
Alle Kirchenfürsten, die sich ohne Mitwirkung der Fugger Sonderablässe gesichert hatten, mußten nun plötzlich auf die gewohnten Einnahmen verzichten. „Albrecht“, charakterisiert Schulte, „jagte durch diese Bulle allen, die von ihren Bullen Spenden und Erträge erhofft hatten, das Geld ab und brachte es in seine Hände.“ Damit dabei nichts schiefgehen konnte, hatte Zink in Rom das päpstliche Dekret gegen jeden Versuch einer Zurücknahme absichern lassen. Der Ablaß war vor Ablauf von acht Jahren unter keinen Umständen kündbar.
Gleichzeitig verschaffte sich der tüchtige Dr. Johann Blankenfeld mit Zinks Hilfe einen Sonderablaß für Skandinavien sowie Litauen und ließ sich obendrein zum zuständigen Kommissar bestellen. Lange rätselten die geprellten Kirchenfürsten und die italienischen Großbankiers, wie es den Fuggern und ihren brandenburgischen Auftraggebern gelungen war, praktisch ganz Mittel- und Nordeuropa unter ihre Fittiche zu nehmen. Des Rätsels Lösung ist simpel genug: mit Geld natürlich. Johannes Zink versprach dem Papst die Hälfte der Ablaßerträge und nicht, wie allgemein üblich, nur ein Drittel.
Da aber auch der stets an Geld interessierte Maximilian einen Anteil an den Erträgen haben wollte und deshalb mit der kaiserlichen Genehmigung noch zögerte, wurde das so sorgfältig geplante Unternehmen allmählich zum kaufmännischen Risiko, ließ sich doch schwer abschätzen, wieviel die Gläubigen in ihr Seelenheil zu investieren bereit waren. Deshalb fackelte der junge Doppel-Erzbischof nicht lange und begann bald nach seiner Amtsübernahme bei allen Kirchen, Klöstern und Priestern noch eine Sondersteuer in Höhe von vier Zehntel ihrer Einnahmen einzutreiben.
Damit ließen sich vielleicht gerade die „normalen“ Jahrgelder begleichen, jene Konfirmation hingegen sollte aus den Ablaßerträgen finanziert werden. Bevor der Tanz ums goldene Kalb beginnen konnte, mußten freilich erst noch die jeweiligen Landesherren zufriedengestellt werden, die selbstverständlich ebenfalls von dem zu erwartenden Geldsegen profitieren wollten. Nur wenige widerstanden der Versuchung und verboten das zweifelhafte Geschäft mit dem Fegefeuer in ihrem Hoheitsgebiet. Einer von diesen war Herzog Georg von Sachsen, der am 1. April an die Leipziger Dominikaner schrieb: „Wir werden berichten, daß sich Herr Tetzel und etliche seines Anhangs in eurem Kloster Gnadenbriefe auszugeben unterstehen und unsere Untertanen in ihren Predigten, dieselben zu lösen, fast reizen sollen. Dieweil wir denn auf Befehl Kaiserlicher Majestät diese und andere Gnaden in unseren Landen zuzulassen bisher abgeschlagen.“
Der Dominikaner Johann Tetzel aus Pirna war zweifellos der lauteste unter den zahlreichen Ablaßpredigern, die Albrecht von Brandenburg durch die Lande schickte. Beredsam und clever wie ein IOS-Vertreter lockte er die Gläubigen zur dreifach verschlossenen Ablaßtruhe: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!“ Während die frommen Kirchgänger ihre letzten Kreuzer zusammenkratzten, um sich für ein paar Tage oder Wochen von den gefürchteten Reinigungsqualen freizukaufen, regten sich unter den Gebildeten die ersten Kritiker des schamlosen Geschäfts.
Männer wie der Ritter Ulrich von Hutten und der Augsburger Domherr Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden empörten sich über den „wucherischen Zweck“ der Kollekte. Doch erst als der vierunddreißigjährige Theologe Martin Luther am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg ein gedrucktes Plakat mit 95 lateinisch abgefaßten Thesen über die Kraft des Ablasses heftete, wurde aus dem allgemeinen Unbehagen über die Geschäftstüchtigkeit der Kirche eine zielgerichtete Massenbewegung.
Dank der neuen Buchdruckerkunst wurden Luthers Thesen schnell zu einem Bestseller. Von seinem ersten Erfolg ermutigt, brachte der sächsische Doktor der Theologie vier Monate später seine erste in Deutsch abgefaßte Schrift unters Volk, den „Sermon von Ablaß und Gnade“. Darin nahm Luther den Papst gegen die Ablaßprediger und Geschäftemacher in Schutz, weil er ja keine neue Kirche gründen wollte, sondern die alte von ihren schlimmen Auswüchsen befreien.
Als Jakob Fugger in Augsburg von seinem Leipziger Faktor Andreas Mattstedt erstmals über die aufmüpfigen Ansichten Luthers und die Resonanz, die diese im Volk fanden, informiert wurde, blieb der Kaufmann gleichgültig. Er hatte wichtigeres zu tun, als sich mit den theologischen Haarspaltereien eines unbedeutenden Mönchs auseinanderzusetzen. Wichtiger erschien ihm zum Beispiel die Tatsache, daß der Ablaß offensichtlich weniger einbrachte, als die Finanzberater des Erzbischofs angenommen hatten. Die Organisation des Geschäfts hingegen kostete erheblich mehr, als zunächst kalkuliert worden war.
Erfolgreiche Ablaßprediger wie der berüchtigte Tetzel verdienten immerhin bis zu 300 Gulden monatlich, und jedermann wollte bei dem scheinbar mühelosen Geschäft mitverdienen. Der Personalaufwand war beträchtlich. Hinter jedem Prediger mußte ein verläßlicher Fuggerangestellter herlaufen, um die Einzahlungen zu überwachen und sorgfältig Buch zu führen. Stets bestand Gefahr, daß die Kommissare oder Subkommissare sich mehr unter den Nagel rissen, als ihnen zustand.
Im September 1518, als die Religionshändel schon voll im Gang waren, wurde abgerechnet. Die gesamten Einnahmen beliefen sich auf 42.043 Gulden, das waren genau 6.192 Gulden weniger als die Ausgaben. Mit dem Fehlbetrag wurde das Konto Albrechts von Brandenburg belastet, der seine Schuld tatsächlich auch beglich. Hätten die Fugger allein die fünf Prozent Zinsen verdient, die sie in ihren Büchern auswiesen, dann wäre der Ablaß in der Tat für sie ein schlechtes Geschäft gewesen. Getrost darf man deshalb annehmen, daß da nicht alles so verbucht wurde, wie es in die Kasse floß. Und mit Sicherheit wurde auch an der in Rom entrichteten Konfirmation eine hübsche Summe verdient. Trotzdem war das Geschäft, alles in allem, einen Religionskrieg nicht wert.“
„Die regierenden Fürsten hatten nichts anderes im Sinn, als ihre Erbhöfe zu erweitern und sich an ihren Untertanen zu bereichern. Zusammen mit der alleinseligmachenden Kirche und den großen Handelsgesellschaften beherrschten sie das Land.
Das „gemeine“ Volk aber, rund 16 Millionen Menschen, litt bittere Not. Pestseuchen zogen über das Land, Hungersnöte rafften ganze Familien dahin – es gab ja keine Sozialversicherung und keine Krankenkasse. Leiden, Siechtum und Tod waren stets allgegenwärtig. Für die meisten Deutschen war der Glaube an Gott der einzige Luxus, den sie sich leisten konnten. Um so heftiger reagierten sie auf die zynische Geschäftigkeit und die skrupellose Machtpolitik der römisch-katholischen Kirche.
Martin Luthers mutiger Auftritt in Worms machte aus der bisher eher akademisch geführten Diskussion um den rechten Glauben eine Massenbewegung. Als der Kaiser auf Betreiben des päpstlichen Nuntius Aleander den Reformator mit der Vollstreckung der Reichsacht und der Verbrennung seiner Bücher mundtot machen wollte, warnten ihn die Delegierten des Reichstags: Das Volk werde solches nicht dulden und zur offenen Revolution übergehen. Erschrocken meldete Aleander nach Rom: Neun Zehntel von Deutschland erheben das Feldgeschrei „Luther“!
Am 17. April 1521 stand der Mönch aus Wittenberg in der niedrigen Hofstube der bischöflichen Residenz zu Worms dem jungen Kaiser gegenüber. Er fing sich nicht in den kunstvoll ausgelegten Fallstricken der römischen Diplomaten, sondern redete Tacheles: „Da Eure Majestät und Eure Herrlichkeit eine schlichte Antwort begehren, so will ich eine ohne Hörner und Zähne geben. Es sei denn, daß ich durch Zeugnisse der Schrift oder klare Vernunftgründe überwunden werde – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es am Tage ist, daß sie zu mehreren Malen geirrt und sich selbst widersprochen haben –, so bin ich überwunden durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, und Gefangener in meinem Gewissen an dem Wort Gottes. Deshalb kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen zu handeln beschwerlich, nicht ratsam und gefährlich ist. Gott helfe mir, Amen.“
Für den Kaiser war die Sache klar: Dieser starrköpfige Bursche war ein Ketzer übelster Sorte, dem man schleunigst den Garaus machen mußte. Luther hatte drei Wochen Zeit, bis der Reichstag zu Ende ging, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Reformation nahm ihren Lauf.
Der Aufstand gegen die Kirche wurde von den zum Himmel schreienden sozialen Ungerechtigkeiten und der tiefen Verzweiflung, die weite Teile der Bevölkerung erfaßt hatte, genährt. Drei Viertel aller Deutschen waren geplagte, geknechtete und ausgebeutete Bauern. Seit 1476, dem Jahr, in dem der Schafhirte Hans Böheim, genannt das »Pfeiferhänslein«, den ersten Bauernaufstand organisiert hatte, gärte es im unterdrückten Volk. Die Regenten erwiesen sich als unfähig, die Not zu lindern, und wählten statt dessen den bequemeren Weg brutaler Unterdrückung.
Mit dem Geld, das sie ihren Untertanen abpreßten – oder bei Bedarf von Kaufleuten wie Jakob Fugger pumpten –, heuerten sie Söldnerhaufen an, um jeden Volksaufstand blutig niederzuschlagen …
Aus den gleichen Gründen scheiterte auch der „Arme Konrad“, jener Geheimbund schwäbischer Bauern, der 1514 gegen Herzog Ulrich von Württemberg losmarschierte, um die Landbevölkerung von der drückenden Steuerlast zu befreien. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, doch konnte sich der junge Herzog seines Sieges nicht lange erfreuen, da er vier Jahre später von den mit Fuggerschem Geld bezahlten Truppen des Schwäbischen Bundes aus dem Land gejagt wurde. Etwa gleichzeitig mit den Bauern entdeckte der gehobene Mittelstand der Ritter und Intellektuellen seine Unzufriedenheit mit den sozialen Verhältnissen. Viele der einst ob ihrer Tapferkeit bewunderten „Rittersleut“ nagten am Hungertuch, denn die stolzen Burgherren waren, seit die Kriege von der Infanterie gewonnen wurden, seit der Sold der Landsknechte den Treueschwur überflüssig machte und seit die Feuerwaffen der Kavallerie immer empfindlichere Verluste beibrachten, weitgehend entbehrlich geworden.
Viele von ihnen nahmen sich deshalb als Raubritter mit Gewalt, was ihnen die Landesherren, die Kaufleute und die Bauern verweigerten. Wer aber nicht zum Verbrecher werden wollte, dem blieben praktisch nur zwei Möglichkeiten: Entweder er begab sich als Söldnerführer in den Dienst streitlustiger Fürsten, wie es Georg von Frundsberg, Georg Truchseß von Waldburg und zeitweilig auch Götz von Berlichingen taten, oder aber er versuchte den Aufstand, um die sozialen Voraussetzungen zu ändern. Die Ritter verfügten über jene militärischen Tugenden, die den Bauern fehlten, aber sie hatten zu wenig Rückhalt beim Volk und waren zahlenmäßig den Söldnerheeren der Landesherren weit unterlegen. Nur wenn sich die aufständischen Ritter mit den Bauern solidarisierten, war ein Sieg der Revolution möglich.
Zwei Männer hatten es in der Hand, das verhaßte herkömmliche System auf den Scheiterhaufen der Geschichte zu werfen. Der eine war der Theologe Martin Luther, der andere der Reichsritter Franz von Sickingen. Beide waren im Grunde jedoch viel zu konservativ und elitär, um mit den Bauern gemeinsame Sache zu machen. Franz von Sickingen kämpfte als Symbolfigur der Reichsritter zwar gegen die Willkürherrschaft der Fürsten in Rheinland, er träumte aber eher von einer Wiederherstellung der alten Ritterherrhichkeit als von einem Staat, in dem alle gleich sein sollten.
Auf seinen Burgen Landstuhl und Ebernburg scharte der bärenstarke, von einem leidenschaftlichen Gerechtigkeitssinn beseelte Ritter einige der klügsten Köpfe der Nation um sich. Zu seinen Freunden zählten der bedeutende Humanist Johannes Reuchlin, der reformistische Prediger Martin Bucer und der hitzköpfige Schriftsteller Ulrich von Hutten. Als eine Art deutscher Robin Hood kämpfte der Ritter für das Recht der Unterdrückten, wo immer sich dazu Gelegenheit bot.
Er führte Krieg gegen die reiche Stadt Worms, die seinem Sekretär Balthasar Schlör Unrecht zugefügt hatte, schlug sich mit dem Herzog von Lothringen und den Patriziern der Stadt Metz. Nach dem Possenspiel der Kaiserwahl und unter dem Eindruck der Glaubenserneuerung faßte er, vom Freund Hutten ermutigt, den Plan, das politisch und moralisch verkommene Deutsche Reich gründlich zu reformieren. Den Anfang wollte er dort machen, wo Politik, Kirche und Kommerz die engste Allianz eingegangen waren: im Erzbistum Trier.
Nachdem er dem Erzbischof von Greiffenklau artig einen Fehdebrief geschickt hatte, zog er im September 1522 mit 5.000 Mann Fußvolk und 1.500 Berittenen in die rheinische Kirchenprovinz ein. Zwar konnte er einige Burgen und kleinere Städte einnehmen, aber die stark befestigten Mauern Triers widerstanden seinem Angriff. Der Erzbischof rief seine Freunde zu Hilfe, und Sickingen mußte die Belagerung abbrechen. Er zog sich nach Landstuhl zurück, wo ihn am 8. Oktober die Kunde erreichte, daß der Kaiser gegen ihn die Reichsacht verhängt hatte. Der Mann, über den sein Freund Ulrich von Hutten schrieb: „Wahrlich, eine größere Seele gibt es nicht in Deutschland“, war nun ein Verbrecher – vogelfrei und zum Abschuß freigegeben. Das Heer des Schwäbischen Bundes, zum großen Teil von Jakob Fugger finanziert und von dem gnadenlosen Bauernschreck Georg Truchseß von Waldburg geführt, machte Jagd auf den rebellischen Reichsritter. Im April vereinigten sich die Streitmächte der Fürsten vor der Feste Landstuhl, um kurz darauf das Feuer zu eröffnen. Eine Kanonenkugel schlug in einen Balken. Die Splitter zerfetzten Sickingens Bein, und er starb nach sieben qualvollen Tagen am 7. Mai 1523.
Sickingens Freunde flohen – wie Ulrich von Hutten – in die Schweiz oder zogen sich resigniert auf ihre Burgen zurück. Der Aufstand des Adels brach mit dem Tod des Ritters, den seine Feinde als „Afterkatse“« verleumdeten, zusammen. Nur die Revolte der Bauern hielt an. In die gedämpfte Atmosphäre der »Goldenen Schreibstube« drangen die Schreie der Gefolterten, der Donner der Kanonen und das Röcheln der Sterbenden nicht. Und doch tobte auch hier ein lautloser, verbissen geführter Kampf. Mit einem Mal sah sich Jakob Fugger von allen Seiten bedroht; die Welt schien verrückt zu spielen. Die alte Ordnung, die seiner Familie den Aufstieg aus einer Bauernstube in Graben am Lech an die Spitze der Weltwirtschaft ermöglicht hatte, brach unter den Donnerschlägen sozialer, politischer, religiöser und wirtschaftlicher Umwälzungen zusammen wie ein morscher Chorstuhl.
Der Kaufherr, der sich noch vor kurzem in dem Gefühl sonnen durfte, den Herrscher der Welt „gemacht“ zu haben, sah sich von allen Seiten als Bösewicht, Ausbeuter und Wucherer diffamiert …
Selbst in Augsburg wurde das Klima für die Fugger spürbar kälter. Luthers Gedanken waren hier auf fruchtbaren Boden gefallen, und eines Tages lief sogar der Domprediger Urbanus Rhegius zu den Reformierten über. Bald folgten ihm die Karmelitermönche von Sankt Anna. Jakob empfand es wie einen Hohn des Schicksals, daß ausgerechnet »seine« beiden Hauskirchen, Sankt Moritz und Sankt Anna, zu Keimzellen der Augsburger Reformation wurden.
Der Konzernherr unterschätzte nach wie vor die Bedeutung der Anti-Kirchenbewegung und die moralische Kraft Martin Luthers. Ebenso verkannte er die gesellschafts- und sozialpolitischen Beweggründe der Reformation. Ohne die Mißwirtschaft der Landesherren, die durch die großen Handelsgesellschaften mitverursachten Preissteigerungen, die Hungersnöte, Pestseuchen und das krasse Vermögensgefälle zwischen arm und reich wäre die Kirchenrevolution sicher zum Scheitern verurteilt gewesen.
So aber sprach Martin Luther den Leuten aus der Seele, als er in seiner Streitschrift „Großer Sermon vom Wucher“ die Handelsgesellschaften als die eigentlichen Urheber der Wirtschaftsmisere entlarvte. Geld- und Zinsgeschäfte erschienen dem Wirtschaftslaien Luther als „das größte Unglück der deutschen Nation“ und gar „vom Teufel erdacht“. Der Mönch vermochte nicht zu begreifen, „wie man mit 100 Gulden mag des Jahres erwerben 20, ja ein Gulden den anderen und das alles nicht aus der Erden oder von dem Vieh“.
Angesichts des Fuggerschen Reichtums klagte Luther: „Das sollte göttlich und recht zugehen, daß bei einem Menschenleben sollten auf einen Haufen so große, königliche Güter gebracht werden. Deshalb“, polterte der Reformator, „muß man wirklich dem Fugger und dergleichen Gesellschaft einen Zaum ins Maul legen.“ Nur, wie dieser Zaum aussehen sollte und wer ihn dem Wirtschaftsmoloch anlegen sollte, das wußte auch der Prediger nicht zu sagen.
Noch deutlicher wurde der temperamentvolle Reichsritter, Humanist und Dichter Ulrich von Hutten, der auf seinen ausgedehnten Reisen eine Ahnung von der Macht der Augsburger Kaufleute bekommen hatte. Im Frühjahr 1521 veröffentlichte der Freund Franz von Sickingens und begeisterte Anhänger Martin Luthers den satirischen Dialog „Die Räuber“. Die zweifelhaften Titelhelden waren natürlich niemand anders als die reichen Großkaufleute. Hutten schilderte sie als beutegierige Verbrecher, die Deutschland ausplündern, mit ihrem Gold die Sitten verderben, seriöse Geschäftsleute ruinieren, die Preise hochtreiben, die Kirche korrumpieren und an der Not des Volkes die größte Schuld tragen.
Gezielt warf der wortmächtige Ritter dem Reichsgrafen bürgerlicher Herkunft, Jakob Fugger, vor, er habe sich den Adelsbrief nicht erkämpft, sondern erkauft und sollte deshalb besser ans Kreuz als zum Ritter geschlagen werden. Im Hinblick auf die mitunter dubiosen Geschäfte der römischen Fuggerfiliale ernannte er die Augsburger Kaufleute zu „Fürsten der Kurtisanen“. In seinem Pamphlet „Bullentöter“ behauptete der Literat sogar, die Fugger hätten ihn bestechen wollen. „Auch für Fuggers Geld werde ich nicht schweigen«, beteuerte von Hutten, »da es um die deutsche Freiheit geht.“
Die publizistischen Tiefschläge blieben nicht ohne Wirkung. Wie heute die multinationalen Konzerne vom Schlag der ITT, Exxon und General Motors im Kreuzfeuer der Kritik stehen, so wurden schon damals die großen Handelsgesellschaften für wirtschaftliche Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht. Jakob Fugger traute man einfach alles zu.“
„Bei aller Gesetzestreue, die er sich so eifrig bescheinigen ließ, konnte der Rechner im Olymp der „Goldenen Schreibstube“ nicht verhindern, daß sein Lebenswerk immer mehr zum Ärgernis geriet. Auch wenn er seine Geschäfte noch so sorgfältig tarnte und alle Mitarbeiter zu strengstem Stillschweigen verpflichtete, drang doch immer noch genug von den finsteren Geheimnissen seiner Aktenschränke nach draußen, um die wildesten Spekulationen zu nähren. Gerade weil so wenig greifbare Fakten über den sagenhaften Fugger bekannt waren, wurde er zur verhaßten Phantasiegestalt, zur negativen Symbolfigur des Fürstenstaats. „Fuggern“ hieß im Sprachgebrauch des Volkes soviel wie betrügen, und ein „Fuggerer“ war so etwas wie eine Mischung aus Taschendieb, Geizhals und Raubritter.
Der Aufstand der Bauern, die bisher bedeutendste Sozialrevolution auf deutschem Boden, richtete sich zwar in erster Linie gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Fürsten, gleichzeitig aber auch gegen die Preistreiberei, die künstliche Warenverknappung und das Monopolstreben der großen Handelsgesellschaften. In ihrer Naivität durchschauten die Bauernführer nicht das geheime Zusammenspiel zwischen Kaiser und Konzernen. Sie kämpften gegen die Willkürherrschaft einzelner Landesherren, glaubten aber an die Gerechtigkeit des obersten Regenten.
Der Bauernkrieg begann nach den verschiedenen gescheiterten Bundschuhaufständen im Sommer 1524 in der kleinen Grafschaft Stühlingen nahe der Schweizer Grenze. Als die Gräfin dort mitten in der Erntezeit verlangte, die Bauern sollten ihre Felder verlassen und im Wald nach Schneckenhäusern suchen, war für die seit Jahrzehnten bis aufs Hemd ausgebeuteten Untertanen das Maß voll. Sie versammelten sich in den Dörfern und verlangten die sofortige Befreiung von der Leibeigenschaft.
Vermutlich wäre auch dieser „Streik“ sang- und klanglos beendet worden, wenn die Stühlinger Bauern nicht in Hans Müller von Bulgenbach einen zur Begeisterung hinreißenden Anführer gefunden hätten. Der ehemalige Söldner war des Lesens und Schreibens mächtig und faßte die Forderungen der Bauern zu einem schlüssigen Programm zusammen. Er verbündete sich mit den unzufriedenen Bürgern der nahen Stadt Waldshut, die sich größtenteils zur Reformation bekannten. Die Allianz zwischen Bürgern und Bauern sprach sich auf den umliegenden Dörfern schnell herum, und immer mehr Bauern verließen ihre Felder, um sich Hans Müller anzuschließen. Sie brachten ihre Sensen, Äxte und Dreschflegel mit, die sie in Hieb- und Stichwaffen umfunktionierten. Der „Schwarzwälder Haufe“ Hans Müllers zählte bald 6.000 Mann und stellte eine recht stattliche Streitmacht dar, die dem Landgrafen von Stühlingen einen gehörigen Schrecken einjagte.
Fast gleichzeitig rotteten sich wie auf ein geheimes Kommando Bauern in vielen Gegenden Süddeutschlands zusammen. Bei Ulm versammelte sich der 9.000 Mann starke „Baltringer Haufe“ unter dem Kommando des Hufschmieds Ulrich Schmid, im Voralpengebiet entstanden zwei „Allgäuer Haufen“, am Bodensee der „Seehaufe“, an der Donau der „Leipheimer Haufe“ und bei Rothenburg der „Taubertaler Haufe“. So sehr sich die lokalen Bauernaufstände auch glichen – ihnen fehlte doch eine gemeinsame Führung und ein verbindliches politisches Programm. Die klügsten unter den Bauernführern waren sich dessen wohl bewußt, und so trafen sich die Anführer und jeweils vier gewählte Räte der Bauernhaufen am 27. Februar 1525 in der oberschwäbischen Stadt Memmingen, um die Ziele der Volkserhebung festzulegen. In den „Zwölf Memminger Artikeln“ forderten sie vor allem die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Befreiung von den harten Dienstverpflichtungen durch die jeweiligen Landesherren, freie Jagd und freien Fischfang, Senkung oder Abschaffung der Steuern und Kirchenabgaben sowie die freie Wahl der Pfarrer durch die Gemeinden.
Im zwölften und letzten Artikel aber verlangte der Bauerntag die „Beseitigung der Fugger, Welser und Höchstetter“ sowie die Beschränkung des Geschäftskapitals aller Unternehmen auf bestimmte Höchstgrenzen. Im Grunde wiederholten die Bauern damit die Forderungen der Stände auf dem Nürnberger Reichstag.
Zweifellos hatte den Bauern Martin Luthers Kirchenkampf Mut gemacht, aber sie begriffen die Reformation eher sozial als religiös. Abtrünnige Geistliche zählten in vielen Bauernhaufen zu den Wortführern. Vertrauensvoll schickten sie aus Memmingen die „Zwölf Artikel“ an den Mann, von dem sie sich die moralische Legitimation zum Aufstand erhofften. Martin Luther schien zunächst auch Sympathie fürs aufständische Volk zu empfinden und antwortete mit der begütigenden Schrift „Ermahnung zum Frieden auf die Zwölf Artikel der Bauern“.
Die Fürsten indessen, von der sich wie ein Lauffeuer ausbreitenden Bauernrebellion überrascht, versuchten, Zeit zu gewinnen. Während sie scheinbar auf die Verhandlungsangebote der Bauern eingingen, rüsteten sie eilig in aller Stille auf. Unter der Führung des gerissenen Taktikers und erbarmungslosen Haudegens Georg Truchseß von Waldburg und mit dem Geld Jakob Fuggers stellte der Schwäbische Bund eine gewaltige Streitmacht auf, um den Bauern Gehorsam beizubringen.
Unter den Bauernführern profilierten sich insbesondere der Häuptling des „Neckartaler und Odenwälder Haufens“, der ehemalige Gastwirt Georg Metzler, und sein „Kanzler“ Wendel Hipler sowie der als Raufbold berüchtigte Schwabe Jäcklein Rohrbach nebst seiner Geliebten, der „Schwarzen Hofmännin“. Chefstratege der Volksstreitmacht war der fünfunddreißigjährige Ritter und Schloßbesitzer Florian Geyer, der sich mit seiner „Schwarzen Schar“ aus purem Idealismus und Gerechtigkeitssinn den Bauern anschloß.
Weil die „Schwarze Hofmännin“, die in Wirklichkeit Margarete Renner hieß und aus dem Heilbronner Vorort Böckingen stammte, einen unbändigen Haß auf die Bürger ihrer Heimatstadt verspürte, schlug der von Jäcklein Rohrbach geführte „Neckartaler Haufe“ zuerst los. Im April berannten 8.000 Mann Schloß Neuenstein, auf dem die beiden Brüder Albrecht und Georg von Hohenlohe residierten. Die Grafen ergaben sich, um ihr Leben zu retten, und durften sich dafür als „Bruder Albrecht“ und „Bruder Georg“ dem Bauernheer anschließen. Siegestrunken marschierte der Haufen weiter. Er plünderte Klöster, Städte und Schlösser, bis am Ostersonntag die mächtige Festung Weinsberg in der Nähe Heilbronns erreicht war. Noch bevor die Bauern aber zum Angriff übergehen konnten, wehten auf dem Burgfried bereits ihre Fahnen, denn Florian Geyer hatte sich mit einer Elitetruppe von rückwärts angeschlichen und die Festung im Sturm genommen. Obwohl er und Georg Metzler alles versuchten, ein Blutvergießen zu verhindern, ließen sich die beutegierigen Bauern nicht zurückhalten.
Empört über das arrogante Benehmen der Schloßbewohner und von der „Schwarzen Hofmännin“ angestachelt, ließen sie die Gefangenen Spießruten laufen, obwohl die junge Gräfin Helfenstein, eine Tochter des verstorbenen Kaisers Maximilian, vor Jäcklein Rohrbach auf die Knie fiel und um das Leben ihres Mannes flehte. Nur die Gräfin und ihr Sohn blieben am Leben. Die Bauern zogen ihr die Kleider aus, warfen sie auf einen Mistwagen und grölten: „In einer goldenen Kutsche bist du gekommen, auf einem Mistwagen verschwindest du wieder!“
Die Weinsberger Exzesse boten den Fürsten eine günstige Gelegenheit zum Gegenschlag. Die Bürger in den Städten waren beunruhigt, und selbst Martin Luther, auf den die Bauern so große Hoffnungen gesetzt hatten, wandte sich nun endgültig von ihnen ab. In seiner Kampfschrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ zürnte er zur Freude der Fürsten: „… jetzt muß jedermann zum Schwert greifen, um die Mordpropheten und Rottengeister niederzuschlagen! Hundertmal soll ein frommer Christ den Tod leiden, ehe er in die Sache der Bauern einwilligt! Die Obrigkeit soll kein Erbarmen haben! Die Zeit des Zorns und des Schwerts ist gekommen!“
Sie war in der Tat gekommen. Was bei den Bauern eine von ihren Anführern ungewollte Entgleisung war, wurde unterm Schreckensregiment des „Bauernschlächters“ Georg von Waldburg zum systematischen Kriegshandwerk: Unbarmherzig trieben seine Söldner die Landbevölkerung in den Dörfern zusammen. Sie ließen alle Bauern, die im Verdacht standen, mit den Aufrührern zu sympathisieren, reihenweise aufhängen, erpreßten mit brutalen Foltermethoden Geständnisse, brannten Höfe nieder, verwüsteten die Felder und erlegten den Überlebenden drakonische Zwangssteuern auf.
Obwohl Jakob Fugger die Mißwirtschaft der Fürsten nur allzugut kannte, hatte er für die unbotmäßigen Bauern nicht das geringste Verständnis. Der Nachfahre Lechtaler Landwirte hielt die Rebellen für arbeitsscheues und anmaßendes Gesindel, das am Ende nichts anderes wollte, als ihm und seinesgleichen die so mühsam erworbenen Reichtümer wegnehmen. Zynisch kommentierte er den Memminger Bauerntag: Wohl hat man allenthalben mit dem Glauben viel zu schaffen, daß der gemeine Pöbel gern reich wollte werden und niemand arbeiten. Die Bauern wollten zinsfrei sein.“
Kapitalismus-Kritik und wie diese zerstört wird
„Jakob Fugger befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, als er den Entschluß zu jenem Werk faßte, das mehr als jedes andere zum Renommee seiner Dynastie beitrug: der Fuggerei. Nach dem Testament Jakobs wurde der Plan dazu bereits zu Lebzeiten seiner Brüder Ulrich und Georg gefaßt, doch erst, als Jakob allen Grund hatte, die sogenannte öffentliche Meinung für sich einzunehmen, wurde das Projekt in die Tat umgesetzt.
Unmittelbarer Anlaß für die wohl genialste Public-Relations-Leistung eines Wirtschaftsunternehmens waren die zunehmend schärferen Angriffe von Intellektuellen, Geistlichen und Politikern gegen die wirtschaftliche und finanzielle Übermacht des Augsburger Kaufmanns. Der unverhüllte Reichtum Fuggers schien Leuten wie dem Ritter Ulrich von Hutten, dem Domherrn Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden oder dem Humanisten Christoph Scheurl unerträglich in Zeiten, da der Großteil der Bevölkerung im Reich Hunger litt.
Zweifellos war die Masse der Bevölkerung bettelarm und selbst unter den privilegierten Adeligen gab es nur wenige, die im Luxus schwelgten. Um so mysteriöser mußte da den Zeitgenossen Jakobs Reichtum erscheinen, den sie sich, da sie von wirtschaftlichen Zusammenhängen so gut wie nichts verstanden, unmöglich erklären konnten. So entzündete sich die öffentliche Diskussion allein an Reizworten wie „Wucher“, „Zins“ und „Monopol“. Der Kaufmann spürte die Gefahr, die ihm von dieser Seite drohte und schickte deshalb einige der gewandtesten Rhetoriker in die Redeschlacht gegen die „linken“ Volksaufklärer.
Gelehrte Schützenhilfe kaufte er sich unter anderem bei den Humanisten Konrad Peutinger und Sebastian Ilsung. Als beweglichster Verfechter des freien Unternehmertums und des „angemessenen Zinses“ erwies sich jedoch der Ingolstädter Professor Johann Eck, der in Augsburg und Bologna für die Fugger focht. Mit dem Dominikanerprior Johann Faber und dessen Sekundanten, Johann Dobeneck-Cochlaeus, führte er ebenso elegante wie irrelevante Scheindialoge, um die Maxime vom größtmöglichen Profit zu rechtfertigen.
Der geringe Preis, zu dem die Meinung der hochberühmten Intellektuellen zu haben war, förderte Jakobs Mißachtung aller Literaten und Theoretiker. Schließlich wußte keiner besser als er selbst, wie ungerecht das Wirtschaftssystem in der Tat war. Jakobs untrügliches Gespür für Realitäten ließ sich vom scheinbaren Erfolg seiner rhetorischen Hilfstruppen nicht blenden. Den schönen Worten mußten Taten folgen, sonst war der Ansturm der Neider und Versager nicht aufzuhalten.
Was dem schwäbischen Kaufmann vorschwebte, war eine neue, nützliche Art des Mäzenatentums. Der Krösus, der seine Frau mit den teuersten Juwelen der Welt verwöhnte, hielt nichts von der Förderung elitärer Kunstwerke im Stil der Strozzis, Medicis oder Grimaldis. Er war zu sehr Bürger und Kaufmann, um Geld allein für die Schönheit auszugeben. Er wollte etwas Handfestes, für andere Nützliches schaffen.
Die Art und der Stil, in dem er sein Vorhaben verwirklichte, sprechen für sein Format: Die Fuggerei wurde zur ersten Sozialsiedlung der neueren Geschichte. Es begann damit, daß Jakob am 26. Februar 1514 von Anna Streußlin, der Witwe des Bürgermeisters Hieronymus Wehser, vier „Häuser, Hof, Sach und Gesäß“ in der Jakober Vorstadt Augsburgs für 900 Gulden kaufte. Nach und nach erweiterte er dies Areal durch Zukäufe zu einem stattlichen Häuserkomplex.
Als er am 6. Juni mit dem Rat der Stadt ein Abkommen wegen der Besteuerung dieser Häuser traf, wurde auch der Zweck der Anlage definiert: Jakob Fugger ist „des Willens und Fürnehmens … zu Förderung ewiger Freude“ eine Stiftung zu machen, „damit doch etlich armdürftig Bürger und Inwohner zu Augsburg … Handwerker, Taglöhner und andere, so öffentlich das Almosen nicht suchen, … ohn sonder merklich beschwert der Hauszins zum Teil ergötzt werde“ und sie ihr „Gemach und Behausung bequemlicher gehaben und bewohnen mögen …“
Der reiche Fugger wollte also eine Wohnstätte für unverschuldet in Not geratene Mitbürger schaffen. Mit dem Bau der ersten Häuser wurde noch 1516 begonnen, und jedes Jahr kamen dann neue hinzu. Dem Ganzen lag ein einheitlicher Bauplan zugrunde, an dem Jakob selbst mitgewirkt hatte und der vom Maurermeister Thoman Krebs ausgearbeitet wurde.
Bis 1523 entstanden 106 Dreizimmerwohnungen in 53 sauberen, für damalige Verhältnisse außerordentlich komfortablen Reihenhäusern. Es spricht für den noblen Charakter der Stiftung, daß alles vermieden wurde, was den Beschenkten als Almosen erscheinen mußte. Niemand sollte das Gefühl haben, einem reichen Bürger als Aushängeschild für seine Großmütigkeit zu dienen. Deshalb verlangte Jakob von jedem Bewohner der Fuggerei die symbolische Jahresmiete von einem Rheinischen Gulden.
Nach den Satzungen der Stiftung durften nur Augsburger Bürger aufgenommen werden, die als „rechtschaffen, fleißig und ehrlich“ galten. Finanziert wurde das Sozialwerk zunächst mit jenen 15.000 Gulden, die Jakob vorsorglich auf das Konto des heiligen Ulrich eingezahlt hatte. Später legte der Firmenchef noch einmal 10.000 Gulden dazu, so daß ihn die Fuggerei also nicht mehr als 25.000 Gulden kostete.
Mit Sicherheit war dies die beste Investition, die Jakob je tätigte. Der Kaufmann, der etwa zur gleichen Zeit dieselbe Summe für den wunderschönen Stirndiamanten des Sultans von Kairo ausgab, sicherte sich mit der architektonisch geglückten Siedlung in der Jakober Vorstadt für alle Zeiten einen Platz in den Geschichts- und Schulbüchern der Nation. Die karitative Idee der Fuggerei rückte die Dynastie ins günstigste Licht und verschaffte ihr bis heute einen Goodwill-Kredit, während die mitunter rüden Transaktionen, welche die Einrichtung dieser Siedlung ermöglichten, längst vergessen und vergeben sind. Noch heute zahlen die „Mieter“ der 143 Wohnungen in der Fuggerei nicht mehr als den einen Rheinischen Gulden, den Jakob vor 450 Jahren festgelegt hat. Eigentlich liegt die Gebühr sogar niedriger, denn die 1,72 Mark, die an die Verwaltung der Fuggerstiftung abgeführt werden müssen, entsprechen dem Umrechnungskurs des Jahres 1870.
Über dem Haupteingang der Fuggerei steht lateinisch in Stein gemeißelt: „1519. Ulrich, Georg und Jakob Fugger aus Augsburg, leibliche Brüder, fest davon überzeugt, daß sie zum besten der Stadt geboren sind und daß sie ihr gewaltiges Vermögen vor allem dem allerhöchsten und allgütigen Gott verdanken, haben aus Frömmigkeit und zum Vorbild besonderer Freigebigkeit 106 Wohnungen mit Baulichkeiten und Einrichtung denjenigen ihrer Mitbürger, die rechtschaffen, aber von Armut heimgesucht sind, geschenkt, übergeben und gewidmet.““
Aus exakt den gleichen Gründen wurde etwa 1913 die Rockefeller-Stiftung gegründet. Seine Firma „Standard Oil“ war bereits zerschlagen und er selbst hatte ein miserables Image. Seit der Gründungs-Stiftung wird John D. Rockefeller als großer Philanthrop gefeiert.
Stiftungen dienen dem eigenen Wohl. Es wird Einfluss auf die Politik genommen, es wird Geld damit verdient, es werden Steuern gespart. Zumindest sind sie gut für das eigene Ansehen. Kaum ein Bericht über die Fugger, der nicht lobend die Fuggerei erwähnt.
„Der dringende Geldbedarf des Kaisers kam Jakob Fugger sehr zustatten, als sich der Nürnberger Reichstag im März 1522 der Geschäftspraktiken deutscher Großkonzerne annahm. Was die Mitglieder beider Untersuchungsausschüsse vorbrachten, würde ohne weiteres ins Vokabular eines Juso-Vorsitzenden passen. Bis aufs Detail glichen die Vorwürfe der mittelalterlichen Ratsherren gegen die großen Handelsgesellschaften den Argumenten in modernen Anti-Trust-Verfahren. Unverblümt wetterte beispielsweise ein Mitglied des Kleinen Nürnberger Untersuchungsausschusses, die großen Firmen würden der Volkswirtschaft mehr Schaden zufügen „als alle anderen Straßenräuber und Diebe zusammen“ – womit nicht zufällig ein Bezug zur modernen Wirtschaftskriminalität hergestellt ist.
Als Beweis für den kriminellen Charakter der großen Unternehmungen betrachteten die ehrbaren Untersuchungsrichter – wie ähneln sich die Zeiten – die ungleiche Verteilung des Wohlstands, wie das der Reichen „und ihrer Diener Köstlichkeit, Pracht und überschwenglicher Reichtum öffentlich anzeige“. Daß es bei der Anhäufung des Wohlstandes der Kaufleute nicht mit rechten Dingen zugehen konnte, sahen sie seit dem Fall Rehm für erwiesen an. Bartholomäus Rehm aus der bekannten Augsburger Unternehmerdynastie hatte ein paar Monate vorher Warentransporte seines Konkurrenten Ambrosius Höchstetter überfallen. Rehm wurde in Worms verhaftet, konnte mit Hilfe bestochener Wärter fliehen, fiel aber wenig später erneut seinen Häschern in die Hände.
Der Fall erregte in ganz Deutschland großes Aufsehen, da er den Leuten für die Art, wie die Kaufleute ihr Geld „verdienten“, als typisch erschien. Um das gesellschaftspolitische Klima zu entschärfen, ließen die betroffenen Augsburger das Gerücht ausstreuen, Bartholomäus Rehm sei geistesgestört. Doch mehr als der medizinische Befund interessierte die Nürnberger Untersuchungsrichter die Frage, wie ein junger Kaufmann vom Schlag Rehms binnen weniger Jahre aus 800 Gulden rund 33.000 Gulden machen konnte. Soviel besaß der in seinen Mitteln wenig wählerische Unternehmer nämlich bei seiner Festnahme.
Die Großkonzerne, wetterten die Nürnberger Ankläger, würden „allenthalben den Kern für sich ziehen und die Spreu den anderen lassen“. Man müsse deshalb den verbotenen Monopolgeschäften „ein Deckel und Hütlein aufsetzen“. Denn nur „viele Verkäufer bringen guten Kauf und wohlfeile Waren“. Beim großen Anti-Trust-Verfahren gegen John D. Rockefellers Standard Oil um die Jahrhundertwende in den Vereinigten Staaten klangen die Argumente nicht viel anders, und noch heute ließe sich mit ihnen manches Verfahren vor dem Bundeskartellamt in Berlin motivieren.
Gleich der Anklage klang auch die Verteidigung der großen Konzerne überraschend zeitgemäß. Jakob Fugger schickte einmal mehr seinen Hausintellektuellen Konrad Peutinger an die Monopolfront. Was der berühmte Humanist vorbrachte, hört sich an wie die Verteidigungsrede eines Generaldirektors von Esso, Shell oder BP: Nur hohe Preise, beispielsweise für Kupfer, erlaubten es den Unternehmen, die Bodenschätze auszubeuten. Peutinger über die Metalle: Je teurer sie verkauft und je höher sie im Preise gehalten werden, um so besser können die Bergwerke als eine große und einzige Gottesgabe instand gehalten werden.
Man könne deshalb getrost „die reichen Gesellschaften preisen, anstatt sich über sie zu beschweren“.
Um das Übel der Monopolherrschaft weniger Großunternehmen zu beseitigen, forderte der Kleine Nürnberger Ausschuß folgende Maßnahmen: Keine Gesellschaft sollte mehr als 50.000 Gulden Kapital besitzen und über mehr als drei auswärtige Lager verfügen (damit sich die Warenhortung in Grenzen hielt). Anleihen, die gegen Zinsen ausgegeben werden, seien ihrem Wesen nach „ungöttlich und wucherisch“. Zur Bekämpfung der Inflation – neben den Preisen für Lebensmittel waren insbesondere die für Grundstücke explodiert – sollte ein allgemeiner Preisstop verfügt werden. Den Manipulationen der Fernhandelsgesellschaften wollte man mit kategorischen Handelssperren einen Riegel vorschieben, wie auch heute die Regierungen aller Industriestaaten versuchen, die multinationalen Konzerne unter Kontrolle zu bekommen.
Jakob Fugger blieb dem Nürnberger Tribunal fern und schickte lediglich seinen Neffen Raymund zur Beobachtung. Das geschah aber nicht, weil er die Gefährlichkeit der Angriffe unterschätzte, sondern eher aus persönlicher Bequemlichkeit. Er dirigierte die Abwehrschlacht von seinem Kontor aus. Das rhetorische Sperrfeuer Konrad Peutingers, darüber war sich der Konzernchef von vornherein im klaren, mußte durch handfeste politische Maßnahmen ergänzt werden.
Zu seiner Verteidigung bot er deshalb die ihm verpflichteten großen Reichsstädte und den Kaiser auf. Selbst die Stadt Nürnberg stimmte deshalb ebenso wie Köln, Frankfurt und die anderen großen Handelsmetropolen gegen die Zerschlagung und Entflechtung der Gesellschaften. Und hinter den Kulissen sorgten die Habsburger Diplomaten dafür, daß es auf dem Reichstag bei den verbalen Angriffen blieb.
Jakobs Druckmittel auf den Kaiser war ebenso simpel wie wirkungsvoll: Nur wenn endlich die ungerechtfertigten Vorwürfe gegen die großen Unternehmen aufhörten, seien diese bereit, das 4.000 Mann starke Heer, das zum Schutz der Ostgrenze gegen die Türken benötigt wurde, mit Waffen und Lebensmitteln auszurüsten. Damit die Bitte des Kaufmanns bei Hofe wohlgeneigte Ohren fand, ließ Jakob einige kostbare Teppiche niederländischer Meister mitschicken. Seinen Augsburger Konkurrenten machte er inzwischen klar, daß in diesen schweren Zeiten alle persönlichen und geschäftlichen Rivalitäten zurückstehen müßten. Nur gemeinsam könne man die Gegner der Wirtschaft bezwingen.
Tatsächlich verlief der Nürnberger Reichstag ohne allzu ernste Folgen für die Konzerne. Dank der Intervention der Reichsstädte und des Herrscherhauses wurden keine gravierenden Beschlüsse gefaßt. Doch so leicht gaben sich die Gegner der Großunternehmen nicht geschlagen, zumal sie die Mehrheit des Volkes hinter sich wußten. Schon ein Jahr später kam das gleiche Thema an derselben Stelle erneut aufs Tapet. Und diesmal gingen die Reichsstände etwas pfiffiger vor. Da der Angriff auf die Gesellschaften keinen Erfolg gehabt hatte, versuchten sie es nun mit juristischen Sanktionen gegen deren Inhaber.
Reichsfiskal Caspar Marth lud die Chefs der Firmen Fugger, Welser, Höchstetter, Herwart, Grander und Rehm wegen Vergehens gegen die Monopolbestimmungen persönlich vors Gericht. Peinlicherweise wurde die Vorladung nicht nur den Angeklagten zugestellt, sondern auch am Augsburger Rathaus angeschlagen. Jakob Fugger war empört. Vor aller Öffentlichkeit stand er, dem der Kaiser seine Krone verdankte, wie ein gewöhnlicher Verbrecher da. Das konnte er sich auf keinen Fall gefallen lassen.
Nun, da er sich persönlich herausgefordert fühlte, wich die leidenschaftslose Sachlichkeit, mit der er vorher das Geplänkel in Nürnberg behandelt hatte, einem tiefen Zorn. Wütend schrieb er dem Kaiser einen Mahnbrief, der als eines der erstaunlichsten Dokumente der Wirtschaftsgeschichte gilt. Unverblümt forderte der Augsburger Bürger darin vom mächtigsten Mann der Erde das, was ihm seiner Meinung nach zustand:
Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster Römischer Kaiser, allergnädigster Herr!
Eure Kaiserliche Majestät tragen ungezweifelt gut Wissen, wie ich und meine Neffen bisher dem Haus Österreich zu dessen Wohlfahrt und Aufstieg in aller Untertänigkeit zu dienen geneigt gewesen sind. Deshalb wir uns auch mit weiland Kaiser Maximilian, Eurer Kaiserlichen Majestät Ahnherrn, eingelassen und Seiner Majestät zu untertänigem Gefallen zur Erlangung der Römischen Krone für Eure Kaiserliche Majestät uns gegen etliche Fürsten verschrieben, die ihr Trauen und Glauben auf mich und vielleicht auf sonst niemanden setzen wollten. Auch haben wir nachmals auf Eurer Kaiserlichen Majestät verordneten Kommissarien Verhandlungen zur Vollziehung obgemelter fürgenommener Sachen eine treffliche Summa Gelds dargestreckt, die ich nicht allein bei mir und meinen Neffen, sondern auch bei den anderen meinen guten Freunden mit großem Schaden aufgebracht, damit solch löbliches Fürnehmen Eurer Kaiserlichen Majestät zu hohen Ehren und Wohlfahrt Fortgang gewinne.
Es ist auch wissentlich und liegt am Tag, daß Eure Majestät die Römische Krone ohne mich nicht hätte erlangen mögen, wie ich dann solches mit aller Euer Kaiserlichen Majestät Kommissarien Handschriften anzeigen kann. So hab ich auch hierin meinen eigenen Nutzen nicht angesehen. Dann wo ich von dem Hause Österreich abstehen und Frankreich fördern hätte wollen, würde ich groß Gut und Geld, wie mir dann angeboten worden, erlangt haben. Was aber Eurer Kaiserlichen Majestät und dem Hause Österreich für Nachteil daraus entstanden wäre, das haben Eure Majestät aus hohem Verstande wohl zu erwägen.
Dem allen nach, so ist an Eure Kaiserliche Majestät mein untertäntges Bitten, die wolle solche meine getreuen, untertänigen Dienste, die Eurer Majestät zu hoher Wohlfahrt erschlossen sind, gnädiglich bedenken und verordnen, daß mir solch mein ausliegend Summa Geld samt dem Interesse ohne längeren Verzug entrichtet und bezahlt werde. Das um Eure Kaiserliche Majestät zu verdienen, will ich in aller Untertänigkeit erfunden werden und tue mich hiermit allzeit Eurer Kaiserlichen Majestät untertänig befehlen.
Eurer Kaiserlichen Majestät
untertänigster Jakob Fugger
In diesem Ton war bis dahin in Deutschland noch kein Kaufmann mit seinem obersten Herrn umgesprungen. Obwohl der Brief bei Hofe als unverschämt empfunden wurde, schadete er – soweit bekannt – dem Absender keineswegs. Im Gegenteil: Selbst Fuggers Konkurrenten freuten sich, daß endlich einmal einer das liederliche Finanzgebaren des Herrscherhauses bloßstellte. Der Historiker Jakob Strieder urteilt: „Außerordentlich war sein Ansehen unter der internationalen Kaufmannschaft seit dem noch immer gewachsen … In dem letzten Jahrfünft seines Lebens steht der geschäftliche Ruf Jakob Fuggers einzig da. Sein Kredit kannte kaum noch Grenzen.“
Der Konzernchef indes wußte ganz genau, wie weit er den Bogen spannen durfte, ohne daß dieser brach. An eine schnelle Tilgung der kaiserlichen Schulden war ohnehin nicht zu denken, da in der Staatskasse Ebbe herrschte. Der Brief sollte also in Wahrheit Karl V. nur ermuntern, sich ein wenig mehr um den Schutz seines wichtigsten Finanziers zu kümmern.
Nach der bewährten Zuckerbrot-und-Peitsche-Taktik gab Jakob dem Kaiser denn auch gleich wieder zu verstehen, daß er an einer weiteren Geschäftsverbindung interessiert sei. So investierte er rund 10.000 Dukaten in die Ausrüstung der aus acht Schiffen bestehenden zweiten spanischen Molukkenflotte. Zusammen mit dem spanischen Edelmann Diego de Haro wurde der Schwabe dafür zum Leiter dieses vielversprechenden Entwicklungsprojekts ernannt, mit dem die Spanier das portugiesische Monopol im Gewürzhandel zu brechen hofften. Auch dem wichtigsten Finanzberater Karls war der Kaufmann gefällig. Zu seiner Hochzeit mit der Gräfin Eberstein bekam Gabriel von Salamanca-Ortenburg im Juli 1523 von Jakob Fugger die österreichische Herrschaft Ehrenberg und 1.000 Mark Silber geschenkt, nachdem kurz zuvor der Fuggerkonkurrent Philipp Adler von Salamanca aus der Liste der kaiserlichen Bankiers gestrichen worden war.
Beweise für die kaiserliche Huld ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Mitte September schickte Karl V. aus Burgos an den Reichsfiskal einen geharnischten Brief, in dem er schrieb, er wolle „aus etlichen trefflichen und wohlbegründeten Ursachen keineswegs zusehen und gestatten, daß dermaßen wider die obgemeldeten Kaufleute gehandelt und procediert sollte werden“. Caspar Marth erhielt Befehl, die Untersuchungen gegen die Konzerne bis auf weiteres einzustellen und sämtliche Prozeßakten sofort an den spanischen Hof abzusenden. Waren die Unterlagen erst einmal außer Reichweite des Reichstags, konnte es Jahre dauern, bis das Verfahren wieder in Gang kam. Jakob Fugger gab sich jedoch damit noch nicht zufrieden. Bei Karls Bruder, dem Erzherzog Ferdinand, insistierte er, man möge allen Gerichtsbehörden untersagen, ein Urteil gegen seine Firma zu fällen.
Der greise Konzernchef, der in seinem Leben ungezählte Male die Erfahrung machte, daß jeder Mensch seinen Preis hatte, glaubte nicht an idealistische oder soziale Beweggründe des Widerstands gegen die Großunternehmen. Für ihn war das eine gesteuerte Kampagne seiner geschäftlichen Gegner, die er hauptsächlich in den Hansestädten vermutete. Er begriff auch nicht, daß dank der Erfindung des Buchdrucks die öffentliche Meinung erstmals zu einem politischen Faktor geworden war.
Nur mit Hilfe der gedruckten Literatur, der Schriften Martin Luthers, Ulrich von Huttens und anderer Humanisten, war es zu einer Allianz zwischen Rittern, Bürgern, Intellektuellen und Geistlichen gegen das Großkapital gekommen. Diese „linke“ Opposition war freilich noch viel zu schwach, um es mit dem Kaiser und Jakob Fugger aufnehmen zu können. Die aufgestaute Wut der Bevölkerung entlud sich gern in harmlosen Spottversen, kaum aber in wirksamen politischen Manövern. So mußte eines Tages der Erzherzog an seiner Burgmauer die Worte lesen:
„Wer den Salamanca finge
und Jakob Fugger hinge,
zerbräche der großen Hansen List.
So würde Ferdinandus größer, denn er ist.“
In Nürnberg nahm inzwischen das von Jakob Fugger und Kaiser Karl ausgeheckte Possenspiel seinen Lauf. Während sich die Delegierten der Reichsstände den Kopf darüber zerbrachen, wie die heimische Wirtschaft am besten und gerechtesten zu organisieren sei, operierte der kaiserliche Beauftragte Jean Hannart im Hintergrund, um das Verfahren niederzuschlagen. Der von Ulrich Fugger dem Jüngeren im Auftrag seines Onkels reichlich mit Geschenken bedachte kaiserliche Rat schlug dem Reichstag schließlich ein groteskes Geschäft vor: Wenn die angeklagten Unternehmen sämtliche Spesen und Kosten des Reichsregiments sowie des Kammergerichts übernähmen, die er großzügig mit 18.000 Gulden ansetzte, sollten diese Behörden auf alle weiteren Maßnahmen verzichten.
Klar, daß die Firmen keinen Augenblick zögerten, ihren Obolus zu entrichten. Klar auch, daß der Kaiser damit seinen Beitrag zur Finanzierung des Reichstags einsparte. Blieb nur noch das kleine Problem zu lösen, wie die Stände ihr Gesicht wahren konnten. Also wurde nach außen hin die ganze Angelegenheit zunächst wieder einmal vertagt, intern aber in der von Hannart vorgeschlagenen Weise geregelt. Darüber mokiert sich selbst der den Fuggern wohlgesonnene Historiker von Pölnitz: „Welchen moralischen Schaden die deutsche Justiz und das Ansehen des Reichs durch ein derartiges Verfahren erlitten, und die Unverantwortlichkeit, womit die Krone volkswirtschaftliche Probleme zu Nötigungen und Privatgeschäften benützte, kümmerten niemanden.“
Während das erste große Monopolverfahren gegen deutsche Unternehmen ausging wie das Hornberger Schießen, bahnten sich für Jakob Fugger weitere große Erfolge an. Zunächst gelang es ihm im Bund mit dem Herzog Georg von Sachsen, die geplanten Gesetze zur Bekämpfung der Kapitalflucht und Eindämmung der Münzverschlechterung abzuschmettern. Weil das Geld zunehmend aus minderen Metallen geprägt wurde, wollte das inzwischen nach Esslingen am Neckar verlegte Reichsregiment ein absolutes Ausfuhrverbot für Silber verfügen. Das ging natürlich dem über alle Grenzen hinweg operierenden Kaufmann ebenso gegen den Strich wie dem sächsischen Herzog, der auch über reichliche Silbervorkommen verfügte.
Was kümmerte den reichen Fugger der Verfall der deutschen Volkswirtschaft, wenn er daran klotzig verdiente und im übrigen seine Geschäfte mit der ganzen Welt machte? Der stetige Geldbedarf der Habsburger Brüder führte in den folgenden Monaten zu einer beträchtlichen Ausdehnung seines Geschäftsbereichs. 1524 lieh er dem Erzherzog 25.000 Gulden und 20.000 Dukaten. Weil in ganz Tirol keine geeigneten Pfänder mehr verfügbar waren, auf denen nicht schon des Fuggers Hand lastete, bot Ferdinand als Sicherheit Einkünfte aus dem Königreich Neapel an, das seit 1503 zum Machtbereich der spanischen Krone gehörte. Bald konnte Jakob in Neapel einen eigenen Stützpunkt gründen, da seine süditalienischen Besitztümer infolge der steigenden Verschuldung des Erzherzogs rasch zunahmen.
Mittendrin statt nur dabei: In den Wirren der Zeit
Absicherung der ungarischen Geschäfte
„Da Maximilian hartnäckig seinen Handelskrieg gegen die unbotmäßige Republik Venedig fortsetzte, mußte er sich immer höher verschulden. So gelangte Jakob unversehens zum Ehrentitel eines Kaiserlichen Rates und am 17. Juli 1514 gar zu dem eines Reichsgrafen. Die Unfähigkeit des Monarchen und die Schlamperei bei Hofe zwangen den größten Gläubiger Seiner Majestät immer mehr in die Rolle eines Verwalters der kaiserlichen Finanzen.
Die meisten Einnahmen und Ausgaben des Kaisers liefen über die Bücher der Fugger, und Jakob wurde in zunehmendem Maß in die damit zusammenhängenden Geschäfte und Affären verstrickt – meist gegen seinen Willen. Einmal mußte er der Reichsstadt Nürnberg zur Arrondierung ihres Besitzes verhelfen, dann wieder den Schwäbischen Bund mit Soldaten ausstatten. Die Zustände bei der kaiserlichen Finanzverwaltung spotteten jeder Beschreibung. Es kam so weit, daß Maximilian vom Fuggerkonkurrenten Höchstetter sein eigenes Kupfer teuer zurückkaufen mußte, um damit fällige Schulden bei Jakob bezahlen zu können. Gelegentlich mußte der Kaiser sogar selbst beim Kaufmann vorsprechen, um eine Verlängerung der fälligen Wechsel zu erbitten. Einen Höhepunkt erreichte die Demütigung des deutschen Kaisers im Sommer 1515 beim ersten Wiener Kongreß. Schon rund 300 Jahre vor dem denkwürdigen Balanceakt des Fürsten Metternich war die Donaumetropole Schauplatz eines glanzvollen Fürstentreffens. Die Initiative dazu ging von dem Augsburger Kaufmann aus, der seine osteuropäischen Unternehmungen politisch absichern wollte. Jakob investierte in den ungarischen Bergbau Riesensummen. Klammheimlich hatte er über Mittelsmänner weitere Gruben und Lagerstätten aufkaufen, Hüttenwerke errichten, Straßen bauen und Vorratsplätze anlegen lassen. Unaufhaltsam dehnte er seinen Einfluß aus, indem er souverän die Landesgrenzen zwischen Ungarn, Böhmen, Polen, Sachsen und dem restlichen Reich übersprang …
Insbesondere in Ungarn wuchs der Haß auf die allgegenwärtige Handelsgesellschaft, die überall ihre Finger im Spiel zu haben schien. Man gab ihr die Schuld für die horrenden Preissteigerungen und für die rapide Verschlechterung des Geldwertes. Jakob baute seine Verteidigung zunächst über diplomatische Kanäle auf. Über Johannes Zink erwirkte er in Rom eine Aufforderung an den ungarischen Klerus, bei den Gläubigen keinen Haß gegen die schwäbische Firma zu schüren. Der ungarische Adel indes war nicht so leicht zu besänftigen und zwang den schwächlichen König Wladislaw zu hochnotpeinlichen Untersuchungen über die Ursachen der Geldentwertung und den Monopolcharakter der Fuggerschen Unternehmungen. Eine einflußreiche Finanzgruppe um den Ofener Unternehmer Sigismund Wenzeslai forderte sogar die sofortige Kündigung der Fuggerschen Münzpacht.
Obwohl es der Augsburger Lobby mit dem zum Kammergrafen geadelten Alexej Thurzo an der Spitze gelang, mit Hilfe großzügiger Geschenke an das Herrscherpaar und die wichtigsten Höflinge den Angriff abzublocken, hielt der Stratege am Augsburger Weinmarkt diese Sicherung für unzureichend. Jakob dachte in großen Zusammenhängen und langen Zeiträumen und trachtete deshalb nach einer dauerhaften Lösung des Ungarnproblems.
Am zweckmäßigsten schien es ihm, wenn das bisher selbständige Königreich ganz dem Machtbereich Habsburgs zugeschlagen würde, damit ein für allemal Ruhe sei. Der Geldfürst betrachtete offenbar bereits das ganze Deutsche Reich als sein Privatunternehmen. Der Plan für die Eingliederung Ungarns in die Habsburger Monarchie war zwar nicht neu, aber Maximilian hatte ihn bisher eher halbherzig verfolgt. Jakob machte deshalb im Frühjahr 1515 neue Kredite davon abhängig, daß die deutschungarischen Verhandlungen wieder aufgenommen wurden.
Sein Ziel war es, einen der beiden Enkel des Kaisers mit der ungarischen Königstochter zu vermählen, damit nach dem Tod des greisen Wladislaw die Stephanskrone endgültig an einen Habsburger fiel. Da der ungarische König ein Bruder des polnischen Königs Sigismund war und der Kaiser wie der Fugger Ruhe auch im Nordosten haben wollte, bot sich ein Dreier-Gipfel förmlich an …
Wie sehr die Wohlfahrt des Kaisers von seinem Kaufmann abhing, zeigte sich in aller Deutlichkeit beim Kongreß. Der bettelarme Monarch, der seine letzten Besitztümer schon zwei- und dreimal verpfändet hatte, prunkte mit kostbaren Gewändern, Tafelsilber und Schmuck, daß den Jagellonen-Königen die Augen übergingen. Selbstverständlich war all der Glitzerkram gepumpt. Jakob hatte seine Schatztruhen geöffnet, „damit Kaiserliche Majestät vor den Königen, auch den jungen Königinnen und anderen großen Fürsten und Herren seinen Reichtum und Vermögen erzeigen“ konnte.
Sofort nach der Beendigung des Kongresses ließ der Kaufmann seine Pretiosen wieder fein säuberlich einsammeln und verschließen. Während der von Jakob Villinger arrangierten Tagung weilte Jakob selbst in der Donaumetropole, und nicht nur seine großzügigen Geschenke wiesen ihn als den eigentlichen Herrscher Europas aus. Bewundernd vermerkt von Pölnitz: „Hochstehende Herren empfingen goldene Ringe mit Rubinen, Diamanten, Saphiren, Türkisen und sonstigen Edelsteinen. Frauen erhielten Halsbänder oder Ketten, Perlen, seidene Gewandung, Samt, Damast, Brokat und kostbare Pelze. Sogar die polnische Königstochter entzog sich solcher Einflußnahme nicht.“
Mit dem politischen Ergebnis des Dreiergesprächs konnte Jakob zufrieden sein, da die habsburgische Heiratsstrategie auch diesmal zum Tragen kam. Maximilian adoptierte zum Schein den ungarischen Thronfolger Ludwig, der so Aussicht auf die römische Kaiserkrone haben sollte. In Wahrheit aber diente die Adoption der Besiegelung des habsburgischen Anspruchs auf die Stephanskrone, die spätestens nach dem Tod Ludwigs an Maximilians Enkel Erzherzog Ferdinand fallen sollte. Gleichzeitig ließ der Monarch den Erzherzog mit der erst zwölf Jahre alten Prinzessin Anna vermählen, um den Pakt doppelt abzusichern. Fugger indes mochte sich nicht allein auf derart dubiose Heiratspolitik verlassen und ging noch während des Kongresses eine enge Geschäftsverbindung mit dem mächtigen Erzbischof von Gran ein. Der reiche ungarische Kirchenfürst brachte ähnlich wie früher der Brixener Erzbischof Melchior von Meckau eine ansehnliche Summe als verzinsliche Einlage in die Firma ein. Der politische Beistand des einflußreichen Klerikers war Jakob somit sicher.“
Kaiser-Kauf
„Aussichtsreichster Bewerber um die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation schien zunächst der französische König Franz I. aus dem Haus Valois zu sein. Der Schwiegersohn und Nachfolger Ludwigs XII. verfügte dank der zentralistischen Organisation und des hochentwickelten Steuerwesens seines Landes über beträchtliche Einnahmen. Er verkörperte nach Maximilian die stärkste politische und militärische Macht des Kontinents. Seine Jahreseinkünfte schätzten Experten auf drei Millionen Livres, und mindestens die Hälfte davon, so sickerte durch, wolle er zur Finanzierung seines „Wahlkampfes“ verwenden.
Habsburg hatte dem nicht allzu viel entgegenzusetzen. Maximilians Enkel waren zu jung und unerfahren, um mehr zu sein als Schachfiguren, die andere bewegten. Carlos, der 1516 von den Niederlanden nach Spanien übersiedelte, um seinem Großvater Ferdinand dem Katholischen auf dem Königsthron nachzufolgen, war noch nicht 17 Jahre alt; sein Bruder Ferdinand gar erst 14. Und der von Krankheiten geplagte Senior des Erzhauses war so bettelarm, daß er ohne den Beistand der Fugger buchstäblich „nichts zu essen“ gehabt hätte.
Wenn letztlich trotzdem die Habsburger ihre europäische Vorherrschaft verteidigen und sogar noch festigen konnten, haben sie dies in erster Linie dem schwäbischen Kaufmann zu verdanken. Nüchtern konstatiert der Wirtschaftshistoriker Richard Ehrenberg: „Die Wahl Karls von Spanien zum Römischen König ist ohne Frage dasjenige Ereignis des Zeitalters, welches die damalige Macht des Geldes am deutlichsten zum Ausdruck gebracht hat, es ist ein Ereignis, das allein schon hinreicht, um die Bezeichnung „Zeitalter der Fugger“ zu rechtfertigen.“
Der bühnenreife Machtkampf um die Führungsrolle in Europa begann im August 1517, als Carlos, der stolze, von frühester Kindheit an zum Herrschen erzogene Sohn Philipps des Schönen, seine Kandidatur zur Kaiserwahl anmeldete. Der introvertierte, kluge Jüngling war nun seit einem Jahr König von Spanien, aber seine Aussichten, den an Alter und politischem Gewicht überlegenen Franzosenkönig auszustechen, standen nicht besonders gut. Die deutschen Kurfürsten, deren Stimmen den Ausschlag gaben, hatten nämlich offenbar keine allzu große Meinung von der Zahlungsfähigkeit des Hauses Habsburg.
Um seine Finanzkraft unter Beweis zu stellen, schickte Karl seinen Kammerherrn mit Wechseln über 100.000 Gulden nach Innsbruck. In der Tiroler Landeshauptstadt war man jedoch besser über die Ansprüche der Fürsten informiert, und der Schatzmeister machte dem spanischen Gesandten klar, daß die Summe bei weitem nicht ausreichen werde. Erst nach langem, peinlichem Drängen des Schatzmeisters gab der Kammerherr zu, daß er notfalls die doppelte Summe zusagen könne. Sie dürfe allerdings erst nach der Wahl ausbezahlt werden, da sein Herr auf keinen Fall die Kaiserkrone erkaufen wolle.
Als Jakob Fugger in seinem Augsburger Kontor davon hörte, mag er sich ein amüsiertes Lächeln gestattet haben. Der Kaufmann kannte die wahren Triebkräfte des Jahrhunderts besser als der spanische König. Obwohl er mit dem idealistischen Knaben auf dem Königsthron persönlich nicht viel anzufangen wußte, wog er leidenschaftslos die Vor- und Nachteile von dessen Wahl zum römisch-deutschen Kaiser ab. Relativ lange Zeit schien er sich nicht entscheiden zu können, welcher der beiden Kandidaten der sicherere Garant für politische Stabilität und wirtschaftlichen Aufschwung sein würde – der spanische Karl oder der französische Franz.
Vorsichtshalber polierte er den Verbindungsdraht zu beiden Rivalen auf Hochglanz. Seine Kontaktperson bei Karl war der Antwerpener Faktor Wolff Haller, der den jungen Monarchen noch von dessen Ausbildungszeit in den Niederlanden her kannte. Wie sehr der kühle König der Spanier den als angenehmen Gesellschafter und scharfsinnigen Geschäftsmann bekannten Fuggerfaktor schätzte, zeigt schon der Umstand, daß er ihn noch viele Jahre später „unseren Rath von Jugend auf“ nannte. Auch Jakob sorgte für gute Beziehungen zum spanischen Hof, als er den Kardinal Ludwig von Aragon in Augsburg mit rauschenden Festen, Tanz und Wasserspielen wie einen regierenden Fürsten empfing, obwohl der Spanier im Verdacht stand, einer der Hintermänner des – fehlgeschlagenen – Attentats auf Papst Leo X. zu sein. Jakob selbst blieb übrigens von den Auswirkungen der edlen Kunst des Giftmischens, die sich auch bei den Borgias großer Beliebtheit erfreute, ebenfalls nicht verschont. Während eines Besuchs beim mächtigen Fürstbischof Christoph von Stadion in Dillingen, mit dem er sich in den letzten Monaten nicht mehr so gut verstanden hatte, wurden Jakob und sein Begleiter plötzlich von heftigen Bauchschmerzen geplagt. Offenbar schwebte der Kaufmann in Lebensgefahr, während er von seinen Leuten in fliegender Hast nach Augsburg zurückgefahren wurde. Die besten Ärzte bemühten sich um den Konzernchef, der sich dann auch schnell wieder erholte. Doch für die meisten seiner Freunde war es sonnenklar, daß nur ein heimtückischer Giftanschlag diese plötzliche, rätselhafte Erkrankung bewirkt haben konnte.
Von dem spanischen Kardinal aber hatte Jakob nichts zu befürchten. Fr bewirtete ihn aufs köstlichste und sparte nicht mit Hinweisen auf die Leistungsfähigkeit seiner Firma. An die 10.000 Bergleute würden für ihn arbeiten, erklärte er während des Festmahls beiläufig, und eine Summe von 500.000 Gulden könne er von heute auf morgen entrichten. Es war klar, worauf der sonst so zurückhaltende Kaufmann abzielte: Der Kardinal sollte seinem König klarmachen, daß niemand außer den Fuggern dessen Wahl zum römisch-deutschen Kaiser garantieren könne.
Weniger offen verliefen die Kanäle, die von Augsburg über Lyon nach Paris führten. Als Hausbank der Habsburger konnten es sich die Fugger nicht leisten, allzu sichtbar auf die französische Karte zu setzen. Doch vielerlei Indizien deuten darauf hin, daß Jakob in aller Stille auch im Reich jenseits des Rheins ausgedehnte Geschäfte machte. Doch bediente er sich dort stets unverdächtiger Strohmänner, ob es nun um die Finanzierung stattlicher Anleihen oder um schlichte Warengeschäfte ging. Gesichert ist nur, daß die Fugger im französischen Pfründenwesen eine bedeutende Rolle spielten und an der Lyoner Seidenbörse über verschiedene Maklerfirmen vertreten waren.
Die Entscheidung im Duell zwischen Habsburg und Valois sollte auf dem Augsburger Reichstag des Frühsommers 1518 fallen. Doch während sich die Agenten beider Herrscher um die deutschen Kurfürsten bemühten und sich so gegenseitig die Preise „verdarben“, war noch nicht einmal klar, ob der Reichstag überhaupt zusammentreten konnte. Denn zu seiner Finanzierung fehlte dem alternden Kaiser, um dessen Nachfolge es letztlich ging, wieder einmal das Geld. Jeder, der am Innsbrucker Hof um Audienz nachsuchte, wurde „für und für um Geld ersucht, und nicht einmal am Tage, sondern schier alle Stund“. Seine Räte ließ der Kaiser wissen, er habe „nicht einen Vierer mehr“. Deshalb mußte der stolze Großschatzmeister erneut zur Bettelfahrt nach Augsburg aufbrechen.
Selbstverständlich nutzte Jakob die Gelegenheit mit unerbittlicher Konsequenz. Da der Kaiser nichts mehr zum Verpfänden hatte, mußte Jakob Villinger mit seinem Privatvermögen für die Schulden Seiner Majestät einstehen. Gleichzeitig erwartete der Bankier, daß das lästige Geschrei wegen seiner angeblichen Monopolherrschaft in Innsbruck und anderswo endgültig zum Schweigen gebracht werde. Geld rückte Jakob stets nur in kleinen Summen heraus, so daß sich die kaiserlichen Finanzbeamten immer aufs neue seinen Wünschen beugen mußten. Oft ließ er sie nicht einmal mit Geld, sondern mit – meist minderwertigen oder sogar illegal erworbenen – Waren zurückfahren, und die Gesandten waren froh, nicht mit völlig leeren Händen heimzukehren.
Als der Reichstag dann dank der Firma Fugger doch eröffnet wurde, zeigte es sich bald, daß die meisten Kurfürsten den französischen König favorisierten. Die rheinischen Länder zwischen Köln und Trier waren traditionell nach Westen orientiert, und auch die Brandenburger schienen eher auf die Zahlungsfähigkeit des Franzosen zu Vertrauen. Hinter den Kulissen des Reichstags begann nun ein zähes Feilschen um Geld und Stimmen.
Kaum jemals zuvor bestimmten in der europäischen Geschichte kaufmännische Überlegungen und pure Habsucht so sehr den Gang der Geschichte wie in den Monaten vor der Krönung des mächtigsten Imperators seit dem Niedergang des Römischen Reiches. Die allein wahlberechtigten Kurfürsten und Fürstbischöfe ließen sich ihre Stimmen so teuer wie nur möglich bezahlen. Und da zwei etwa gleich starke Rivalen um die Krone kämpften, mußten letztlich allein die finanziellen Reserven den Ausschlag geben.
Die Allerchristlichste Majestät aus dem Hause Valois verfügte sicher über ungeheure Reichtümer, doch hatte sie – und das war in den Augen der Kurfürsten eine Todsünde – nur wenig Bargeld flüssig. So versprach Franz dem geldgierigsten unter den Kaiserwählern, dem Kurfürsten Joachim von Brandenburg, eine wohlhabende französische Prinzessin als Schwiegertochter, wenn er für ihn stimme. Ehe der Handel abgeschlossen war, flüchtete sich die edle Dame aber in die Arme des Herzogs von Savoyen, um der königlichen Verkuppelung zu entgehen.
Das war die Chance, auf die der Habsburger gewartet hatte. Sofort offerierte der spanische König dem Brandenburger die Hand seiner Schwester, der Infantin Catharina, die angeblich eine Mitgift von rund 300.000 Gulden an Schmuck und Bargeld in die Ehe bringen sollte. Karls Unterhändler wollten das Geschäft gleich besiegeln und Jakob Fugger zur Auszahlung einer ersten Rate über 100.000 Gulden an den Brandenburger bewegen. Aber so leicht gab Jakob kein Geld aus der Hand, schien ihm doch das Risiko unübersehbar: Noch gab es keinen gültigen Ehevertrag und noch war die Wahl nicht entschieden. Nicht einmal der Termin dafür stand endgültig fest.
In der Nacht zum 22. August 1518 versuchte der Großschatzmeister Maximilians, den Fugger doch noch zur Bereitstellung der riesigen Summe zu überreden. Schließlich gab der Kaufmann nach und machte zur Bedingung, daß die Wahl bis spätestens 1. März 1519 stattfinden müsse. Wenn bis dahin nicht gewählt wurde, war seine Zusage hinfällig. Außerdem mußten sich Maximilian und Karls Kammerherr de Courteville verpflichten, ihm alle entstehenden Unkosten zu ersetzen. Am nächsten Tag fand tatsächlich eine provisorische Trauung des Kurfürsten Joachim mit der spanischen Infantin statt.
Die Verbindung der beiden mächtigen Fürstenhäuser Habsburg und Hohenzollern wurde drei Tage lang gefeiert. Der berühmteste deutsche Künstler jener Tage, Albrecht Dürer, porträtierte während der Trauung den Kaiser, die Kurfürsten und auch Jakob Fugger. Später malte er nach jenen Skizzen sein berühmtes Bild des Handelsherrn. Jakob lud die feudale Hochzeitsgesellschaft in seine Häuser am Weinmarkt ein, wo er zu Ehren der Brautpaare eine rauschende Ballnacht veranstaltete. Maximilian wäre nicht der „letzte Ritter“ gewesen, wenn er nicht anderntags auf einem Turnier nach alter Sitte bestanden hätte, das insgesamt vier Stunden dauerte und mit all seinen chevaleresken Regeln so gar nicht zu dem knallbarten Geschäft passen wollte, das sich in Augsburg hinter den Kulissen abspielte.
Denn auch das prunkvolle Fest konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß noch viel zuwenig Geld in den Kassen der Habsburger klingelte, um die Stimmen der Kurfürsten zu kaufen. Notgedrungen ließ Karl aus Madrid Wechsel über weitere 200.000 Gulden anweisen. Die Hälfte davon sollte von Jakob Fugger, die andere Hälfte von Anton Welser ausbezahlt werden. Als die Kurfürsten davon erfuhren, waren sie dennoch keineswegs hellauf begeistert. Handfeste Bürgschaften der schwäbischen Kaufleute waren ihnen lieber als vage Zahlungsversprechen des fernen Monarchen.
Der alte Kaiser wollte die verfahrene Situation nun endgültig bereinigen und lud deshalb am 27. August die Erzbischöfe von Mainz und Köln, die Kurfürsten von Brandenburg und der Pfalz sowie die Delegierten aus Polen und Böhmen zu einem exklusiven Treffen ein, an dem auch Jakob Fugger teilnahm. Das Ergebnis des Herrenabends wurde vier Tage später verbrieft und besiegelt: Zwölf deutsche Kurfürsten verpflichteten sich schriftlich, Seine Katholische Majestät, König Karl von Spanien, zum römisch-deutschen Kaiser zu wählen. Sobald der Reichstag abgeschlossen war, sollten Kaiser und Kurfürsten umgehend nach Frankfurt ziehen, um dort traditionsgemäß die Wahl abzuhalten.
Für Jakob Fugger bedeutete die Übereinkunft, daß er nun schnellstens beträchtliche Summen zur Auszahlung bereitstellen mußte. In schwerbewaffneten Konvois ließ er prall mit Gold gefüllte, versiegelte Leinensäcke an den Main karren, wo sie beim Rat der Stadt Frankfurt deponiert wurden. Da er nicht wußte, wie hoch seine endgültigen Verpflichtungen sein würden, sah sich der vorsichtige Kaufmann frühzeitig nach weiteren Geldquellen um, denn er hatte nicht die Absicht, wegen der immer noch ungewissen Kaiserwahl seine Liquidität zu opfern. Deshalb nahm er heimlich mit einem der reichsten deutschen Adeligen, dem Herzog Georg von Sachsen aus dem Hause Wettin, Verhandlungen über eine verzinsliche Einlage auf. Einen Anknüpfungspunkt boten jene 200.000 Gulden, die der Sachse noch vom Haus Habsburg zu bekommen hatte. Herzog Georg war Realist genug, um zu wissen, daß er ohne den Beistand der Fugger sein Geld kaum jemals wiedersehen würde.
Obwohl Jakob also offenbar fest damit rechnete, die Finanzierung der Wahl zum größten Teil übernehmen zu können, sah es zunächst gar nicht danach aus. Denn der junge Kandidat im fernen Spanien hielt immer noch nicht allzuviel von der schwäbischen Geldmacht. Vielleicht hatte er aber auch nur die wenig vorteilhaften Folgen der Finanz-Allianz zwischen seinem Großvater und Jakob Fugger vor Augen, als er sich entschloß, den Florentiner Bankier Filippo Gualterotti, den Augsburger Fuggerkonkurrenten Anton Weiser sowie einige Genueser Bankhäuser mit der Finanzierung seiner Wahl zu beauftragen. Zwischen den stärksten Geldmächten Europas entbrannte nun ein Machtkampf wie zwischen den Königen von Spanien und Frankreich, nur wurde er diskreter geführt.
Brüsk lehnte Jakob Fugger jede Kooperation mit anderen Banken ab, da er sich allen haushoch überlegen fühlte. Sein Spiel hieß „Alles oder Nichts“, und der mindestens ebenso stolze Spanier schien zunächst mit dem „Nichts“ durchaus einverstanden zu sein. Nachdem Jakob einen detaillierten Finanzierungsplan ausarbeiten ließ, der durch einen Mittelsmann, den Propst von Leuven, dem spanischen König persönlich übergeben wurde, wartete er vergeblich auf ein Signal von jenseits der Pyrenäen. Ohne bindende Zusage des Kandidaten jedoch wollte Jakob von sich aus keine Schritte unternehmen.
Den französischen Diplomaten blieb die Funkstille zwischen dem spanischen Hof und Augsburg natürlich nicht verborgen, und Jakob tat auch nichts, um sie geheimzuhalten. Franz I. aus dem Hause Valois witterte Morgenluft und ließ über die mit ihm verwandten Medicis in Rom Kontakte mit den Fuggern aufnehmen. In der Filiale am Tiber leitete seit kurzem einer der drei Söhne Georgs, der junge Anton Fugger, die diplomatischen Geschäfte, da der alte Zink an Podagra litt und wegen seines zweifelhaften Rufs allmählich zu einer immer größeren Belastung für die Firma wurde. Der junge Neffe erwies sich als gelehriger Schüler Zinks: Obwohl sich der Medici-Papst ziemlich eindeutig auf eine Kandidatur des Franzosenkönigs festlegte, tat dies der Kumpanei zwischen Kaufmann und Kurie keinen Abbruch. Anton wurde trotz seiner Jugend sogar zum päpstlichen Ritter und lateranischen Pfalzgrafen ernannt.
Der Konzernchef in der „Goldenen Schreibstube“ verlor in diesen Monaten der totalen Konfusion und der Unsicherheit über die künftige Unternehmenspolitik nicht einen Augenblick die Übersicht. Da sich der ihm wesensmäßig fremde Spanier zurückzog, gefiel es ihm nicht schlecht, vom König der Franzosen hofiert zu werden. Ob er freilich ernsthaft daran dachte, die Fronten zu wechseln, wußten wahrscheinlich nicht einmal seine engsten Mitarbeiter. Der alte Kaiser jedenfalls tat alles, damit „die Kaufleute lustig erhalten“ wurden, wenigstens bis „die Elektion für und hindurch“ war. Maximilian wußte besser als sein unerfahrener Enkel, daß allein die Zahlungsbereitschaft der großen Unternehmen dem Hause Habsburg die Kaiserkrone sichern konnte.
Während der hektischen Verhandlungen vor und hinter den Kulissen, bei denen um die Zukunft Europas wie um einen Rettich auf dem Wochenmarkt gefeilscht wurde, entschied sich in Augsburg so nebenbei das Schicksal der Reformation. Martin Luther, von Fuggers Lohnschreiber Johann Eck als „Hussit und Ketzer“ verdammt, wurde zur selben Zeit, als in Augsburg der Reichstag stattfand, in Rom der Prozeß gemacht.
Der Augustinermönch freilich blieb wohlweislich in Deutschland, wo er den Schutz seines Landesherrn genoß, des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen. Trotzdem hätte Luther an das Inquisitionsgericht ausgeliefert werden müssen – Kaiser Maximilian war ohne weiteres dazu bereit –, wenn nicht des Kurfürsten Stimme bei der bevorstehenden Wahl von beiden Seiten gebraucht worden wäre. So aber hoffte der Medici-Papst in Rom, durch nachsichtige Behandlung des „Falles Luther“, eine Stimme für Franz I. zu gewinnen. Er schickte deshalb den Kardinal Cajetanus mit der Weisung nach Augsburg, den rebellischen Mönch gründlich, aber nicht allzu grob zu verhören.
Mit großem Gefolge zog der päpstliche Legat in Augsburg ein. Jakob Fugger hieß ihn wie einen Fürsten willkommen und nahm ihn mitsamt seinem Hofstaat für die Dauer des Aufenthaltes im Fuggerhaus am Weinmarkt auf. Etwas später und erheblich bescheidener kam aus Wittenberg der Angeklagte angefahren. Er stieg bei den Karmelitermönchen von Sankt Anna ab. Beraten von Freunden wie dem sächsisch-thüringischen Generalvikar Johann von Staupitz und dem Straßburger Prediger Martin Bucer, einem Vorfahren des Hamburger Großverlegers Gerd Bucerius, weigerte sich Martin Luther beharrlich, seine Schriften zu widerrufen. Bei Nacht und Nebel floh er aus Augsburg, um einer Verhandlung zu entgehen.
Jakob Fugger widmete dem Streit der Theologen wenig Aufmerksamkeit. Er hielt Luther immer noch für einen unbedeutenden Ketzer, der weder ihm noch der Kirche gefährlich werden konnte. Wichtiger erschien es ihm, über Cajetanus seine Beziehungen zum Papst zu festigen und im übrigen die Kaiserwahl so zu steuern, wie er es für richtig hielt. Daß das Problem allmählich dringlich wurde, merkte er vor allem daran, daß in den Tagesabrechnungen für den Innsbrucker Hof immer häufiger Ausgaben für Ärzte und Sänftenträger erschienen …
Am 12. Januar 1519 schloß Maximilian in Wels zwischen drei und vier Uhr morgens, noch keine 60 Jahre alt, die Augen.
Nun waren die Abmachungen vom Reichstag hinfällig geworden, und das Tauziehen um die Nachfolge begann aufs neue. Vom Krankenbett aus eröffnete Jakob Fugger die nächste Partie. Über seinen Nachrichtendienst ließ er den französischen König vom Ableben Maximilians informieren. Damit konnte er Karl seine Unabhängigkeit demonstrieren – und der stolze Spanier begriff schnell. Schon wenig später traf sein Gesandter mit Wechseln über 300.000 Gulden in Augsburg ein. Doch bald stellte sich heraus, daß der Kampf für die Fugger noch keineswegs gewonnen war. Jakob sollte zwar das Geld auszahlen, aber eingelöst werden konnten die Papiere nur bei italienischen Banken und bei den Welsern. Die Konkurrenz ließ sich offenbar nicht so leicht ausschalten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Kaufmann in der „Goldenen Schreibstube“ aber schon endgültig entschieden. Nach dem Tode Maximilians mußten die Habsburger an der Macht bleiben, sonst waren ihre Schuldscheine nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben waren. Außerdem mußte Jakob befürchten, daß ihm die langfristigen Tiroler Erzkontrakte, die er mit Maximilian abgeschlossen hatte, gekündigt wurden. Beide Faustpfänder aber wollte er nicht aufs Spiel setzen, und so zog er alle Register, um sich zum alleinigen Kaisermacher aufzuschwingen.
Wenn schon der junge Monarch keine Anstalten machte, ihm die Finanzierung seiner Wahl anzuvertrauen – nun, dann mußte man eben bei den Kurfürsten einhaken. Tatsächlich fragte kurz darauf Joachim von Brandenburg, der Fugger bekanntlich das große Ablaßgeschäft zu verdanken hatte, in Augsburg an, ob das Wahlgeld des Spaniers endlich einbezahlt sei. Selbstverständlich ließ Jakob sofort den Gesandten des spanischen Königs benachrichtigen. Erst jetzt erklärte sich der Vertraute Karls bereit, Fugger die Wechsel zu übergeben. Immer dringlicher wurden nun die Forderungen der Kurfürsten. Joachim von Brandenburg wünschte unmißverständlich eine Bürgschaft Fuggers für das Heiratsgut seiner ihm bereits provisorisch angetrauten Frau, der Infantin Catharina.
Auch der Erzbischof von Mainz und andere Stimmberechtigte verlangten Jakobs Zusage. Sie wollten das Bestechungsgeld vom Fugger garantiert bekommen und nicht vom künftigen Kaiser. Vorsichtig ließen sie anfragen, ob Jakob nicht auch im Fall einer Wahl des Franzosenkönigs die Garantien für die Auszahlung übernehmen könne. Erst jetzt begann Karl, der es nicht für nötig hielt, nach Deutschland zu kommen, die wahre Macht der Fugger zu begreifen.
Während die italienischen Bankiers und die Welser vergeblich versuchten, die Fugger aus dem Geschäft zu drängen, schwang sich die Tante des jungen Königs, die Erzherzogin Margarete, zur Fürsprecherin der Augsburger Kaufleute auf. Sie überzeugte schließlich auch Karls engsten Ratgeber Zevenbergen, der über den Fugger dann nach Hause schrieb: „Er leistet täglich dem König so viele Gefälligkeiten und Dienste auf unser Ersuchen gegenüber den Kurfürsten und allen Seiten hin, daß der König verpflichtet ist, sich ihm eines Tages erkenntlich zu zeigen.“
Je länger der Kuhhandel dauerte, desto teurer wurden die Stimmen der Kurfürsten. Der Mainzer Erzbischof zum Beispiel wollte seinen Preis sogar auf 220.000 Gulden verdoppeln, und auch die anderen Fürsten verlangten immer mehr. War der Preis für die Kaiserkrone Anfang März noch auf etwa 500.000 Gulden taxiert worden, so mußte Karls Gesandter wenige Wochen später nach Hause berichten, die Summe habe sich inzwischen auf 720.000 Gulden erhöht.
Weitere beträchtliche Ausgaben kamen durch den „Württembergischen Krieg“ hinzu, an dem sich die Habsburger über die Fugger auf seiten des Schwäbischen Bundes beteiligten. Herzog Ulrich von Württemberg, dessen harte Steuerpolitik schon 1514 den Bauernaufstand des „Armen Konrad“ provoziert hatte, überfiel später die Freie Reichsstadt Reutlingen und gab damit den Habsburgern die Gelegenheit, im Südwesten des Reichs reinen Tisch zu machen, das heißt, das Territorium zwischen ihren Besitzungen in Tirol, Vorarlberg und am Rhein zu erobern. Die Strafexpedition des Schwäbischen Bundes, die schließlich zur Vertreibung des Herzogs führte, kostete insgesamt 300.000 Gulden und wurde größtenteils von den Fuggern finanziert. Fein säuberlich stellte Jakob dies dem künftigen Kaiser in Rechnung. Das Schachern um die Stimmen der Kurfürsten dauerte bis zum Tag der Wahl, dem 28. Mai 1519. Noch im letzten Augenblick trat der habgierigste von allen, Joachim von Brandenburg, trotz außergewöhnlicher Zusagen Karls ins französische Lager über. Dennoch hatte die von Jakob Fugger unaufhörlich mit Geld gespeiste Bestechungsmaschinerie Habsburgs gute Arbeit geleistet. Die Abstimmung in der Frankfurter Wahlkapelle brachte eine klare Mehrheit für den spanischen König, der sich künftig Kaiser Karl V. nannte und der ein Reich regieren sollte, in dem „die Sonne nicht unterging“.
Schon am nächsten Tag brachte ein reitender Bote die Siegesmeldung nach Augsburg. Selbst Jakob Fugger zeigte nun eine Gemütsbewegung. Er befahl seinen Angestellten, sofort Freudenfeuer zu entzünden und ein riesiges Feuerwerk zu veranstalten. Die vornehmen Augsburger Stadträte mochten sich jedoch nicht von ihrem reichsten Bürger die Schau stehlen lassen und übernahmen deshalb – gegen ihre sonstigen Gepflogenheiten – die Kosten für alle Festivitäten. Stadtschreiber Clemens Sender berichtet: „Es waren viele verborgene Büchsen darin, die schossen im Feuer ab; es war hübsch zugerichtet und kostete viel Geld.“
Ungleich größer waren freilich die Summen, die inzwischen die Buchhalter im Fuggerschen Kontor abrechneten. In einer Kladde mit der Überschrift „Was Kaiser Carolus dem V. die römische Königswahl kostete“ listeten sie fein säuberlich jeden einzelnen Ausgabeposten auf. Neben den Geldern für die Kurfürsten waren es Zuwendungen an die Reichsstädte, an Beamte des Kammergerichts, an die spanischen Kommissare und vieles andere mehr. Insgesamt wurden nach der Fuggerschen Endabrechnung 851.918 Gulden ausgegeben. Davon kamen 543.585 Gulden aus der Tasche Jakob Fuggers, rund 143.000 Gulden von den Welsern und weitere 165.000 Gulden von den Bankiers aus Genua und Florenz.
Fürs erste konnte Jakob Fugger zufrieden sein. Vor aller Welt hatte er die Macht seines Geldes bewiesen, indem er dem spanischen König die römisch-deutsche Kaiserkrone kaufte und ihn damit zum Beherrscher Europas machte. So eindeutig hat niemals zuvor in der abendländischen Geschichte ein Kaufmann den Gang der Politik beeinflußt. Man stelle sich vor: Ein Konzern wie beispielsweise Daimler-Benz oder Siemens würde sich einen Bundeskanzler „kaufen“! Vor der Geschichte gilt Karl V. als mächtigster Monarch der Epoche, und doch war er nur ein Kaiser von Fuggers Gnaden.“
Da ist Günter Ogger aber etwas blauäugig – selbstverständlich sind heutige Regierungen abhängig von ihren Partei- und Wahlkampf-Spendern. Am deutlichsten ist das in den USA zu sehen: ein Donald Trump macht exakt das, was seine Geldgeber ihm sagen.
Sacco di Roma
„Ähnlich verworren war die Lage in Italien. Nach der siegreichen Schlacht von Pavia hatte Kaiser Karl den gefangenen Franzosenkönig nach Madrid bringen lassen. Er wollte ihn jedoch keinesfalls töten, sondern gegen ein möglichst hohes Lösegeld wieder freilassen. Nach langwierigen, zähen Verhandlungen einigte man sich schließlich am 14. Januar 1526 im Frieden von Madrid auf den Preis: Franz I. verzichtete auf Mailand, Genua, Neapel, Flandern sowie Artois und erkannte die Herrschaft des Kaisers über das Herzogtum Burgund an. Außerdem versprach er, 200.000 Sonnenkronen zum Feldzug gegen die Türken beizusteuern
Natürlich war allen Beteiligten klar, daß solche Beteuerungen keinen Wert mehr hatten, sobald sich der König wieder in Freiheit befand. Deshalb wurde die künftige „Freundschaft“ noch schnell mit einer Ehe zwischen Franz und Karls älterer Schwester, der Königinwitwe Eleonore von Portugal, besiegelt. Der mißtrauische Habsburger war damit aber noch nicht ganz zufrieden. Er verlangte, Franz solle seine beiden Söhne als Geiseln so lange in Madrid lassen, bis alle Bedingungen erfüllt seien. Der schlitzohrige König war auch damit einverstanden, da er darauf spekulierte, daß sich der deutsche Kaiser keinen Mord an zwei unschuldigen Kindern leisten konnte.
Kaum wieder in Freiheit, erklärte Franz I. sofort alle unter Zwang abgegebenen Versprechungen für hinfällig, und er rüstete erneut zum Kampf gegen den verhaßten Habsburger. Dank der festen Hand seiner Mutter Luise befand sich der französische Staat zwar in guter Verfassung, aber allein hatte er keine Chance gegen Karls Riesenreich. Franz sah sich also nach geeigneten Verbündeten um – und die waren nicht schwer zu finden.
Die italienischen Landesherren, von denen keiner stark genug war, das Land zu einigen, hatten ein gemeinsames Interesse: den Durchmarsch des übermächtigen Habsburgers zu verhindern. Einzeln waren sie viel zu schwach, um den deutschen und spanischen Truppen Widerstand zu leisten. Aber zusammen mit Frankreich konnten sie es schaffen. In der berühmten französischen Weinbrennerstadt an der Charente verbündeten sich deshalb am 22. Mai 1526 Papst Clemens VII., Herzog Franz Sforza von Mailand und die Republik Venedig mit Franz I. zur Heiligen Liga von Cognac, um den Vormarsch des Habsburgers zu stoppen. Aber schon bald erwachte in den Italienern das alte Mißtrauen gegen die Franzosen, von denen insbesondere der Mailänder Herzog nichts Gutes erwartete.
Hätten die Verbündeten ihre Streitkräfte zu einem einzigen großen Heer vereinigt, wäre es ihnen sicher gelungen, die schlecht ausgerüstete, unterernährte und verwahrloste Truppe des Kaisers aus der Lombardei zu vertreiben. So aber konnte sich der habsburgische Feldherr Karl von Bourbon gegen die einzeln und ungeordnet angreifenden Heerhaufen der Liga lange genug halten, bis der von Ferdinand entsandte und mit Augsburger Geld bezahlte Haudegen Georg von Frundsberg mit 2.000 deutschen Landsknechten über die verschneiten Alpen gezogen kam.
Da es im verwüsteten Oberitalien nichts mehr zu plündern gab und immer noch kein Sold eintraf, begannen die kaiserlichen Truppen zu meutern. Beim Versuch, seine Soldaten zu beruhigen, wurde der schwergewichtige „Vater der Landsknechte“ vom Schlag getroffen. Unterm Oberbefehl Bourbons zog der Heerwurm nach Süden in der Hoffnung, in Rom und Neapel reiche Beute zu machen.
Am Abend des 5. Mai 1527 stand der wüste Söldnerhaufen vor den mächtigen Mauern der Kirchenmetropole. Nur mit Mühe konnte Karl von Bourbon seine ausgehungerten Kriegsknechte davon abhalten, sofort die Tore und Türme der Stadt auf den sieben Hügeln, in der sie unermeßliche Schätze vermuteten, zu stürmen.
Der Angriff begann am nächsten Morgen, und die seit Hannibals Zeiten nicht mehr an kriegerische Auseinandersetzungen gewöhnte Stadt hatte nicht die geringste Chance, dem Angriff der Berserker aus dem Norden standzuhalten. Zwar fiel Karl von Bourbon während des Sturms, aber schon am Abend war Rom in der Hand seiner Truppen. Die führerlosen Landsknechte kamen über die reichste Stadt der Welt wie eine Naturkatastrophe. Plündernd zogen sie durch die Straßen. Sie raubten die Paläste der Reichen aus und schändeten ihre Frauen. Türen, die sich ihnen nicht öffneten, wurden eingeschlagen; Männer, die sich nicht ergeben wollten, aufgehängt. Der Sacco di Roma, die Plünderung Roms, empörte die ganze Welt und bereitete der italienischen Renaissance, einer der künstlerisch fruchtbarsten Epochen der Menschheitsgeschichte, ein schreckliches Ende.
In den Greueltaten der Barbaren entlud sich auch lange aufgestauter Haß über die sozialen Ungerechtigkeiten und die zynische Machtpolitik der katholischen Kirche. So trieben spanische Landsknechte den neunzigjährigen Kardinal Ponzetti nackt durch die Straßen, weil sie in ihm einen der korruptesten Drahtzieher des Vatikans vermuteten. Den Generalkommissar für den südosteuropäischen Ablaß, Kardinal Cristoforo da Forli, mißbrauchten sie zu einem üblen Possenspiel. Sie legten ihn wie einen Toten auf eine Bahre, um ihn in einer Prozession durch die Straßen Roms zu tragen. In einer Kirche hielten sie seine Leichenpredigt, ehe sie in seine Wohnung einbrachen und mit geweihtem Meßgerät eine Orgie feierten. Selbst der deutschfreundliche Kardinal Enckenvoirt mußte den Plünderern seinen mit erlesenen Kunstschätzen ausstaffierten Palast öffnen.
Nur der berüchtigte Kardinal Armellini konnte in letzter Minute noch in die päpstliche Engelsburg fliehen, indem er sich in einem Korb die Mauern hinaufziehen ließ. Der vorher beinahe allmächtige Kardinal Pucci hingegen wurde auf einer Brücke vor seinem Palast brutal zusammengeschlagen, ehe ihn seine Diener befreien konnten. Halbtot wurde er durch ein Fenster in die Engelsburg gehievt.
In all dem Durcheinander gab es außer dem Zufluchtsort des Papstes – der sich nach vierwöchiger Belagerung ebenfalls ergeben sollte – in ganz Rom nur einen sicheren Platz: das Fuggerhaus. Während überall im Bankenviertel die Plünderer wüteten und jeden Dukaten, den sie finden konnten, mitnahmen, blieb die vornehme Filiale des schwäbischen Handelshauses völlig unangetastet.
Selbst der Faktor der Augsburger Konkurrenzfirma Welser flüchtete am 8. August mit seinen Mitarbeitern, vielem wertvollen Silbergeschirr und einer kostbaren Edelsteinsammlung unters Fuggerdach, da ihm die eigene Niederlassung nicht mehr sicher erschien. Vorher hatte er noch zahlreichen Kaufleuten das Leben gerettet, indem er sie, selbstverständlich mit ihrem eigenen Geld, aus den Gefängnissen der Besatzer freikaufte.
Wie es die Fuggerfaktoren Christoph Muelich und Engelhard Schauer schafften, von den Plünderern verschont zu werden, obwohl ihr Konzern mehr als jeder andere zur Korrumpierung der Kirche beigetragen hatte, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben. Jedenfalls erfreute sich die Filiale im Rione di Ponte von Beginn der Besatzungszeit an der persönlichen Protektion zahlreicher Söldnerführer.
Viele der deutschen Plünderer ließen sogar durch die Fugger den Erlös ihrer Beute in die Heimat überweisen. Allein der jugendliche Kriegsheld Sebastian Schertlin von Burtenbach schickte 15.000 Gulden, wertvolle Seidengewänder und Schmuck mit Hilfe der Fuggerbank nach Deutschland. Auch der ehemalige Leutnant Frundsbergs, Konrad von Bemmelberg, reihte sich in die Kundenliste ein. Insgesamt transportierten die Fugger Kriegsbeute im Wert von 24.000 Gulden nach dem Norden.
Auch die Soldatenliebchen standen nicht zurück: Die Marketenderinnen Elisabeth von Günzburg und Christina Puecherin von Bern ließen insgesamt 675 Dukaten überweisen. Engelhard Schauer sah, wie schnell und leicht in diesen wirren Zeiten Geld zu verdienen war. Er beschloß daher, die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Mit Hilfe einiger befreundeter Soldaten ließ er aus dem Vatikan und den Kirchen kostbares Silbergerät organisieren und einschmelzen, um auf eigene Rechnung Münzen daraus zu prägen.
Als Anton Fugger in Augsburg davon erfuhr, entließ er ihn fristlos und machte den Faktor der Welserschen Konkurrenzfirma zu seinem Nachfolger. Engelhard Schauer blieb in Italien, tat sich mit dem Nürnberger Kaufmann Imhof zusammen und handelte mit allem, was schnellen Gewinn versprach. Den Römern blieb das gute Einvernehmen der Fuggerbank mit den verhaßten Besatzern nicht verborgen. Kaum waren die Söldner wieder abgezogen, weil Papst Clemens VII. gelobt hatte, sich künftig aus dem Streit zwischen Habsburg und Frankreich herauszuhalten, gingen die Umsätze der römischen Filiale schlagartig zurück. Ende 1527 veranschlagte die Augsburger Zentrale ihren Wert nur noch mit 1.000 Dukaten, „wiewohl es uns viel ein mehreres gekostet“.“
Händel in Italien
„Als Kaiser Karl V. zu Beginn des Jahres 1528 noch immer in Italien um seine europäische Vormachtstellung kämpfte, war er mehr denn je auf das Geld der oberdeutschen Kaufleute angewiesen. Für die Fugger ging es darum, ihre Führungsposition unter den Geldhäusern Europas zu behaupten. Nach dem totalen Sieg über Höchstetter hatte Anton nur noch die italienischen Bankiers zu respektieren. Insbesondere die Geldherren aus Genua versuchten immer wieder, die lukrativsten Geschäfte mit den europäischen Herrscherhäusern an sich zu ziehen. Dabei ließen sie sich nicht selten auf äußerst waghalsige Transaktionen ein, um die etablierten Konkurrenten aus Florenz und Augsburg auszustechen.
Der harte Wettbewerb unter den Bankiers brachte die Kreditnehmer – von den Habsburgern bis zum kleinsten Kurfürsten – häufig in die bessere Verhandlungsposition. Am Augsburger Weinmarkt quittierte man deshalb die Nachrichten über den Genueser Finanzskandal vom März 1528 mit Erleichterung. Die Sauli-Bank, ältestes und angesehenstes Geldinstitut der Hafenstadt, mußte ihre Pforten schließen. Der Konkurs riß sofort einige andere Banken mit sich. So geriet auch Tomaso Fornari, ein Schwager des reichsten Genuesen, Agostino Centurioni, in Zahlungsschwierigkeiten. Sogar die mächtigen Grimaldis, hieß es, seien nicht gut bei Kasse. Dies wiederum gab den Fuggern Gelegenheit, im Spiel um die Macht wieder kräftiger mitzumischen.
Schlüsselfigur des italienischen Krieges zwischen den Habsburgern auf der einen sowie Frankreich und dem Papst auf der anderen Seite war ebenfalls ein Genuese: Admiral Andrea Doria kämpfte mal auf dieser, mal auf jener Seite, mit Vorliebe aber auf der, die ihm größeren Gewinn versprach. Nachdem kaiserliche Truppen unter General Pescara 1522 Genua erobert und drei Tage lang ausgeplündert hatten, segelte der ob seines taktischen Geschicks vielbewunderte Admiral mitsamt seiner beträchtlichen Flotte ins Fahrwasser des französischen Königs. Zu seinem Leidwesen aber mußte er bald die Erfahrung machen, daß Franz I. entweder nicht in der Lage oder nicht willens war, ihn angemessen zu entlohnen. Vier Jahre später verdingte er sich und seine gut bestückten Galeeren dem wohlhabenderen Papst, der jedoch nach dem Sacco di Roma ebenfalls nicht mehr in der Lage war, die Dienste des Kriegshelden angemessen zu honorieren. Inzwischen war Franz I. durch seinen Pakt mit Heinrich VIII. von England wieder etwas flüssiger geworden. Der Blaubart brauchte für seine Scheidung von Katharina von Aragon, der Tante Karls V., und die Heirat mit Anna Boleyn das Wohlwollen des Papstes und geizte deshalb nicht mit Subsidien für dessen Verbündeten.
Die Franzosen versprachen deshalb Andrea Doria erneut goldene Berge, und der Söldner nahm Kurs auf das von kaiserlichen Truppen besetzte Genua. Die vereinigten See- und Landstreitkräfte eroberten zwar die reiche Handels- und Hafenstadt, doch was die Beute anbetraf, sah sich der Admiral abermals enttäuscht. Franz I. brauchte gerade Riesensummen, um seine noch in Madrid inhaftierten Söhne auszulösen. Deshalb ließ er dem Seehelden nicht einmal den Erlös aus dem »Verkauf« der gefangenen Soldaten Karls V. Als dann auch noch Dorias Heimatstadt zur Zahlung einer großen Zwangsanleihe verpflichtet werden sollte, war für diesen das Maß voll. Er nutzte den Lokalpatriotismus der bisher verfeindeten Parteien, um eine genuesische Sammlungsbewegung zu gründen, welche die französischen Besatzer aus der Republik verjagen konnte. Als er sah, daß die Bevölkerung hinter ihm stand, begann er insgeheim, mit Agenten Karls V. über einen Übertritt ins kaiserliche Lager zu verhandeln. Der Habsburger schätzte den Wert des italienischen Optimaten, wie sich die reichen Genueser nannten, offenbar höher ein als der Valois. Obwohl seine Kriegskasse leer war und die Truppen wegen ausstehender Soldzahlungen zu meutern drohten, willigte der Kaiser in sämtliche Forderungen Dorias ein.
Karl V. wußte zweifellos, daß er dringend neuen Kredit brauchte, wenn er diese Forderungen des Admirals erfüllen wollte. Der Augenblick war gekommen, der den Fuggern wieder eine wichtige Rolle in der Weltpolitik zuwies. Gaben sie dem Kaiser Geld, so konnten sie damit vielleicht den italienischen Krieg entscheiden. Freilich bestand auch die Möglichkeit, daß Karl V. trotz des Kredits verlor und seine Schulden nie mehr zurückzahlte.
Was Anton letztlich bewog, schnell zu handeln und zusammen mit den Welsern dem Kaiser insgesamt 90.000 Dukaten zur Verfügung zu stellen, war der Gedanke an seine neapolitanischen Besitzungen. Das Konigreich Neapel zählte seit der Eroberung durch Ferdinand von Aragon im Jahr 1503 zu den wertvollsten Besitztümern des Kaisers. Wenn ein genuesischer oder Augsburger Bankier Sicherheiten für seine Kredite forderte, wurden ihm stets Ländereien oder Bergrechte in Neapel offeriert. Der Fuggersche Besitz im Königreich Neapel, den Fachleute auf über 100.000 Gulden taxierten, war aufs äußerste bedroht, als die kaiserlichen Truppen unter Graf Philibert von Oranien im Süden Italiens abgeschnitten wurden. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sie sich den Franzosen ergeben mußten, da auch vom Meer her kein Nachschub zu erwarten war.
Die Flotte Andrea Dorias beherrschte das westliche Mittelmeer. Nur mit Unterstützung dieses Seehelden war es möglich, Neapel für Habsburg und damit auch für Augsburg zu erhalten. Tatsächlich brachte Dorias Frontwechsel dann die entscheidende Wende im italienischen Krieg: Neapel wurde befreit, und Karl V. konnte aus Spanien frische Truppen nach Genua verschiffen. Sein Feldherr Antonio de Leyva besiegte am 21. Juni 1529 bei Landriano das Hauptheer der Franzosen, und das Weltreich Karls V. war wieder ein Stück größer geworden. Kaum eine Woche später schloß der Kaiser in Barcelona Frieden mit dem Papst, für den das Bündnis mit Frankreich nun keinen Wert mehr besaß.
Ein neuer, alter Feind zwang die streitlustigen europäischen Herrscher, ihre Machtkämpfe für eine Weile zu unterbrechen: Suleiman der Prächtige rückte gegen Wien vor und drohte wie weiland der Hunne Attila Europa vom Osten her zu erobern. Angesichts dieser Gefahr vergaßen die Franzosen, Spanier, Italiener und Deutschen für eine Weile ihren traditionellen Zwist. Bezeichnenderweise waren es zwei kluge Frauen, welche die verfeindeten Kampfhähne zur Vernunft brachten: Margarethe von Habsburg, die neunundvierzigjährige Tochter Kaiser Maximilians und Statthalterin der Niederlande, traf sich am 3. August 1529 mit der Mutter des französischen Königs, Luise von Savoyen, in der nordfranzösischen Stadt Cambrai, um endlich das Blutvergießen zu beenden.
Der Damenfrieden von Cambrai wurde zu ähnlichen Bedingungen abgeschlossen wie dreieinhalb Jahre vorher der Vertrag zu Madrid. Frankreich erklärte nun seinen Verzicht auf Flandern und Artois sowie auf sämtliche Ansprüche in Italien, doch durfte es das Herzogtum Burgund behalten.“
Händel in Ungarn
„Für Karl V. war nun der Weg frei nach Italien. Zum Zeichen seiner neu gewonnenen Macht ließ er sich im Februar 1530 in Bologna von seinem einstigen Gegner, dem Medici-Papst Clemens VII., die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs aufsetzen. Die deutschen Kurfürsten, die ihm einst für Fuggers Geld ihre Stimmen verkauft hatten, waren diesmal nicht dabei. Der Habsburger stützte seine Macht jetzt stärker auf Spanien und Italien als auf den nördlichen Teil seines Weltreichs, dessen Regierung er ganz seinem Bruder Ferdinand überließ.
Der ungarisch-böhmische Doppelkönig war denn auch häufiger als der Kaiser Fuggerscher Geschäftspartner. Auf seinem vorgeschobenen Posten hatte er als erster die Türken aufzuhalten. Nur mit Hilfe der oberdeutschen Kaufleute, denen er ständig Bodenschätze und Bergrechte verpfänden mußte, konnte er seinen laufenden Verpflichtungen nachkommen. Was blieb ihm deshalb anderes übrig, als auch die Forderung der Fugger nach einer Entschädigung für ihre Verluste in Ungarn anzuerkennen?
Am 28. Februar 1530 akzeptierte er in Gran „als ein redlicher und gerechter Fürst“ Antons Ansprüche in Höhe von 206.741 Gulden. Freilich dachte er nicht daran, die riesige Summe, die er selbst hätte nie aufbringen können, in bar zurückzuzahlen. Stattdessen verwies er das „Opfer“ der ungarischen Plünderungen unter der Regentschaft seines unseligen Schwagers Ludwig II. auf die Einkünfte aus den Salzbergwerken in Siebenbürgen. Das war nun zweifellos ein recht schlauer Schachzug, denn erstens verpflichtete er damit die Fugger zum Beistand gegen die Türken, zweitens band er sie fester an Ungarn und drittens befanden sich die ehemals profitablen Salzkammern in einem katastrophalen Zustand.
Davon dürfte die Augsburger Zentrale zunächst keine Ahnung gehabt haben, da Faktor Konrad Mair, den Anton mit den Verhandlungen beauftragt hatte, ein „tapferes Einkommen“ von jährlich etwa 100.000 Gulden aus Siebenbürgen erwartete. Schon bald zeigte sich, daß dieser sonst so tüchtige Manager wie gelegentlich auch Georg Hörmann mehr an seine eigenen Geschäfte dachte als an die der Firma. Anton entschloß sich deshalb, Mair das Geschäft zu verderben und den bewährten Hans Dernschwamm nach Siebenbürgen zu entsenden.
Was den Retter in der Not dort erwartete, übertraf gewiß seine schlimmsten Befürchtungen. „Die Kammern sind alle öde und nichts dabei, so von Nöten ist“, schrieb er deprimiert nach Hause. Die Bergwerke waren vollkommen verwahrlost, in den Gruben stand das Wasser „wie in einem Brunnen“, die Vorräte lagerten unter freiem Himmel und waren deshalb größtenteils verdorben. Noch schlimmer stand es um die Belegschaft. Weil sich die Salzhauer vom staatlichen Verwalter Marx Pempflinger schlecht behandelt und entlohnt fühlten, kam es immer wieder zu Streiks und Protestdemonstrationen, die oft nur mit Waffengewalt niedergeschlagen werden konnten.
Dernschwamm versuchte, die Bergleute zu motivieren, indem er aus der Faktorei in Klausenburg Textilien herbeischaffen und kostenlos verteilen ließ. Wenn die Knappen erst wieder ordentlich gekleidet waren, vermutete der neue Boß, würden sie auch besser arbeiten. Anders als sein Vorgänger akzeptierte er auch die beiden Obmänner der Belegschaft als Gesprächspartner, und die Stollen ließ er von einem Unschlittknecht ordentlich beleuchten.
So sehr sich Dernschwamm auch anstrengte – am Ende war doch alle Mühe vergebens. Denn als er die insgesamt zehn Salzkammern auf Vordermann gebracht, die Transporte genügend gesichert und den Handel mit den Kaufleuten aus der Walachei einträglich organisiert hatte, versalzten dem Manager die Politiker die Suppe.
Ferdinands Aufpasser Marx Pempflinger hintertrieb Dernschwamms Aufbauarbeit, weil Seine Majestät die Fugger zwecks einer neuen Anleihe unter Druck zu setzen gedachte. Auch Johann Zapolya, der alte Widersacher der Habsburger in Ungarn, hatte natürlich kein Interesse an einem florierenden Fuggerbetrieb. Und schließlich war da noch Suleiman der Prächtige, von dem man jeden Tag annehmen mußte, daß er erneut zum Angriff blies.
Währenddessen entfalteten die bedrohten europäischen Fürsten eine fieberhafte diplomatische Tätigkeit. Karl V. erklärte zwar wiederholt, daß er mit allen Mitteln versuchen werde, das Abendland zu verteidigen, aber seine Streitkräfte waren noch in Oberitalien beschäftigt. Nur die oberdeutschen Großkaufleute verfügten über das nötige Kapital, um genügend neue Truppen anzuwerben und auszurüsten. Aber die Fugger und auch die Welser gaben sich in diesen kritischen Wochen knausriger denn je. Angesichts der andauernden heftigen Kämpfe um Florenz und der schweren Verluste, die Habsburg in den Kriegen gegen Frankreich erlitten hatte, schien es ihnen ein zu großes Risiko, alles auf deren Karte zu setzen.
Die Nachrichten, die man in Augsburg über das Heer des Sultans erhielt, waren nicht dazu angetan, die Skepsis der Geldgeber zu verringern. Scheinbar mühelos marschierte Suleiman in Österreich ein. Im Spätherbst 1529 stand er bereits vor Wien, und über kurz oder lang war zu befürchten, daß die österreichischen Erblande zur Außenprovinz des Osmanischen Weltreichs wurden. Doch wie schon bei der Belagerung von Ofen, machte der vorsichtige Türke erneut einen Rückzieher. Offenbar fühlte er sich nicht stark genug, schon jetzt den entscheidenden Schlag gegen die Großmacht Habsburg zu führen. Als Wien überraschend heftigen Widerstand leistete, befahl der Sultan die Umkehr.
Für die Fugger ging es nun darum, ihre ungarischen Besitztümer vor dem Zugriff der Türken zu sichern. Helfen konnte ihnen dabei nur einer: der Habsburger Erzrivale Johann Zapolya. Ohne Rücksicht auf die Politik Karls und seines Bruders Ferdinand ließ Anton Fugger über polnische Mittelsleute geheime Kontakte zum ungarischen Gegenkönig knüpfen.
Man machte den Magyaren klar, daß sie nur mit Fuggers Hilfe ihre reichen Bodenschätze optimal ausbeuten konnten. Wenn Zapolya die Pachtverträge verlängere, teilten Antons Unterhändler dem Paladin Hieronymus Lasko mit, dann könne er an den gewiß opulenten Erträgen in angemessener Weise partizipieren. Der von den Woiwoden gestützte König, welcher ebenso unter Geldmangel litt wie sein habsburgischer Gegenspieler, ging auf das Angebot ein und bestätigte am 1. November 1529 die Verlängerung der Fuggerschen Pachtverträge für die Kupferbergwerke.
Anton war sich über die politische Brisanz seines Doppelspiels durchaus im klaren. Dies beweist schon die Tatsache, daß die Verhandlungen unter größter Geheimhaltung geführt wurden. Im unumgänglich notwendigen Schriftwechsel erhielt Zapolya den Decknamen „Meister Hans“.“
Streben nach der Welt-Herrschaft und deren Finanzierung
„Diese Gefahren hätte wohl auch ein Jakob Fugger nicht unbeschadet überstanden. Sie drohten im Gefolge des imperialen Herrschaftsanspruchs Karls V. und des moralischen wie politischen Zerfalls der Kirche. In insgesamt vier Kriegen gegen seinen Intimfeind Franz I. verpulverte der Habsburger mehr, als die Fugger auf dem Höhepunkt ihrer Macht besaßen: etwa acht Millionen Gulden.
Ohne die Schätze des neuentdeckten Kontinents Amerika hätte er sich diesen Dauerstreit, unter dessen finanziellen Folgen noch die nächsten Generationen zu leiden hatten, gar nicht leisten können. Aber was zählten wirtschaftliche Gesichtspunkte, wenn es um die Herrschaft und den Ruhm des Imperators ging!
Sein Pech war es, daß er auf zwei ebenso „großartige“ Widersacher stieß: den Franzosenkönig und den Türkensultan. Während Karl von einem weltweiten Christenreich träumte, kämpfte Suleiman für die Vorherrschaft des Islam. Mehrfach stieß er weit nach Norden in den Machtbereich des Habsburgers vor. Er belagerte Wien, zog sich aber wieder zurück, da er das Risiko einer Entscheidungsschlacht scheute. Auch in seinem Reich, das von Tanger bis Kairo, von Bagdad bis Budapest reichte, gärte es ständig. Obwohl er zeitweilig 400.000 Mann unter Waffen hatte, wich er immer wieder aus. Statt dessen kam es des öfteren zu begrenzten Gefechten mit den meist mangelhaft ausgerüsteten Truppen König Ferdinands. Die ständige Bedrohung des Christentums schien ihm vorteilhafter zu sein als ein schneller Sieg, der auch eine Niederlage sein konnte.
Während Ferdinand mit dem Geld der Fugger und anderer oberdeutscher Kaufleute die Südostflanke des Habsburger Reichs mehr schlecht als recht verteidigte, setzte der Kaiser im Südwesten zum Gegenschlag an. Am 15. Juni 1535 landete er mit einer beträchtlichen, von Andrea Doria befehligten Flotte an der Stelle des alten Karthago in Nordafrika, um den mit den Franzosen verbündeten Türkenpascha und Seeräuber Chaireddin Barbarossa zu verjagen.
Nach verlustreichen Kämpfen gelang es ihm tatsächlich, Tunis und La Valetta zu erobern. Umgehend plante er deshalb einen großen Feldzug gegen Sultan Suleiman. Dazu brauchte er jedoch Geld und Verbündete. Also ließ er sich übers Mittelmeer setzen, um mit dem Papst, der Republik Venedig und seinem Bruder Ferdinand eine Heilige Liga gegen die Türken zu schmieden.
Kaum hatte der Kaiser Afrika verlassen, kam Chaireddin Barbarossa aus seinem Versteck hervor und setzte die alte Gewohnheit der Seeräuberei fort. Auch mit dem Feldzug gegen die Türken wurde es nichts. Denn erstens fielen die Franzosen nach dem Tod des Herzogs Francesco Sforza in Mailand ein, weshalb sie natürlich postwendend bestraft werden mußten, zweitens schlossen die Venezianer überraschend mit den Türken Frieden und drittens wurden die „Ketzer“ im Norden des Riesenreichs immer dreister.“
Kampf gegen protestantische Heere
„Die Bürger der reichen flämischen Handelsstadt Gent verweigerten schon seit geraumer Zeit Steuern und Gehorsam. Außerdem drohte das ausgedehnte Herzogtum Geldern, das bis zur Zuidersee reichte, nach dem Tod des alten Regenten Karl von Egmont ins protestantische Fahrwasser zu geraten. Die Stände des reichen und fruchtbaren Landes hatten sich 1538 für den frankreichfreundlichen und mit den Lutheranern sympathisierenden Herzog Wilhelm von Jülich-Cleve-Berg als neuen Herrscher entschieden. Die Gefahr einer anti-habsburgischen Allianz war groß.
Also ließ der Kaiser die Türken Türken sein und marschierte mit seinem Heer von Oberitalien im Eiltempo nach Gent. In der stolzen Handelsmetropole an der Schelde wollte er ein Exempel statuieren. Am 14. Februar 1540 ritt er mit seiner Schwester, der niederländischen Statthalterin Maria, und dem päpstlichen Legaten in die besetzte Stadt ein. Neun Bürger Gents wurden auf Befehl des Kaisers enthauptet. Ihre Körper stellte man, auf große Wagenräder gespannt, öffentlich zur Schau, die Köpfe steckten auf Lanzen. Außerdem mußte die Stadt hohe Bußgelder bezahlen und die kaiserlichen Truppen kostenlos ernähren. Vor dem unausweichlichen Zusammenstoß mit dem Herzog von Jülich-Cleve-Berg wollte der Habsburger aber die deutschen Protestanten beruhigen. Nach vergeblichen Verhandlungen in der elsässischen Stadt Hagenau und in Worms trafen sich die im Schmalkaldischen Bund vereinigten Protestantenführer und die katholischen Fürsten am 5. April 1541 auf dem Reichstag zu Regensburg.
Zwar kam es wieder zu keiner Einigung, aber Karl V. erzielte doch einen Teilerfolg. In Geheimverhandlungen gelang es ihm nämlich, seinen gefährlichsten Widersacher unter den Protestanten, den hessischen Landgrafen, weitgehend auszuschalten. Der potente Philipp, offiziell verheiratet mit der Tochter des Herzogs Georg von Sachsen, war bekannt für seine erotischen Eskapaden. Um sein unübersichtlich gewordenes Liebesleben besser unter Kontrolle zu bekommen, hatte der lebenslustige Graf im März 1539 eine seiner Hofdamen illegal zur Nebenfrau gemacht. Die um den politischen Führer des Schmalkaldischen Bundes besorgten Theologen Martin Bucer und Philipp Melanchthon waren damit einverstanden, obwohl sie wußten, daß diese Zweitehe ihrem Herrn den Kopf kosten konnte.
Selbstverständlich blieb das Doppelleben Philipps nicht lange verborgen, und Karl V. hätte ihn dem Halsgericht überantworten können. In Regensburg schlossen die beiden Glaubensfeinde aber ein Zweckbündnis: Der Kaiser verzieh dem Landgrafen die Bigamie, und Philipp versprach, Karls Ansprüche auf das Herzogtum Geldern zu unterstützen und die Aufnahme Cleves in den Schmalkaldischen Bund zu hintertreiben. „Mit diesem Verrat“, urteilt der Historiker Walther Peter Fuchs, „war die Schlagkraft des Protestantenbundes weithin lahmgelegt und der Ausgangspunkt für ein kriegerisches Vorgehen gewonnen.“
Zunächst sah es freilich eher nach einem klaren Punktsieg für die Protestanten aus. Denn als der französische König, unterstützt von den Türken, Dänen, Schweden und Schotten sowie dem Herzog von Cleve, 1542 den vierten Krieg gegen den Kaiser begann, hatten sie die einmalige Chance, die Herrschaft Roms und Habsburgs endgültig abzuschütteln. Aber während Karl V. beinahe an allen Fronten seines Reiches Krieg führte und der spanische Grande Ignatius von Loyola mit der Gründung des Jesuitenordens die Gegenreformation zu organisieren begann, stritten sich die protestantischen deutschen Fürsten um vergleichsweise unbedeutende Gebietsansprüche. Sie ließen die Gelegenheit eines Präventivschlags ungenutzt verstreichen, bis sich Karl V. wieder so weit erholt hatte, daß er ihnen Paroli bieten konnte.“
„Noch während der müde Monarch in Augsburg und der kranke Kaufmann in Schwaz ihre dynastischen Probleme zu lösen versuchten, braute sich neues Unheil zusammen. Die protestantischen deutschen Fürsten gaben sich mit dem Interim nicht zufrieden. Ihr klügster Kopf, der erst dreißigjährige Herzog Moritz von Sachsen, schmiedete mit Unterstützung Augsburger Kaufleute und verschiedener protestantischer Reichsstädte unter höchster Geheimhaltung die Opposition gegen den Kaiser wieder zusammen
Offiziell von Karl V. mit der Reichsexekution gegen Magdeburg beauftragt, verwendete er in Wahrheit das Geld des Habsburgers dazu, Waffen zu kaufen und Soldaten anzuheuern. Am 3. Oktober 1551 schloß er sogar mit dem nur zwei Jahre älteren Franzosenkönig Heinrich II. einen Geheimpakt gegen den Kaiser. Der Sachse lieferte die zum Reich gehörenden Städte Metz, Toul, Verdun und Cambrai an Frankreich aus und erhielt dafür Geld und Militärhilfe zu einem neuen Feldzug gegen Karl V.
Im März 1552 schlug Moritz schließlich zusammen mit seinem Schwager Wilhelm von Hessen und dem kriegslüsternen Markgrafen Albrecht-Alcibiades von Brandenburg los. Ihre Truppen hatten die drei protestantischen Fürsten in Franken zusammengezogen; ihr erstes Ziel hieß Augsburg. Der Kaiser war wie sein Partner Anton Fugger viel zu lange ahnungslos geblieben. Die Reichsstadt hatte er schon im Oktober verlassen, um in der Innsbrucker Burg Quartier zu beziehen. Die bei Mühlberg siegreichen Truppen waren längst entlassen, und niemand fand sich bereit, dem ungeliebten Herrscher beizustehen. „Es ist“, klagte der vordem so stolze Spanier, „als ob die Kaufleute miteinander übereingekommen wären, mir nicht mehr zu dienen. Ich finde weder in Augsburg noch sonst irgendwo jemand, der mir Geld leihen will, welchen Vorteil man auch bieten mag.“ Bitter rächte sich nun die selbstherrliche Art, mit welcher er in besseren Zeiten seinen bürgerlichen Finanziers begegnet war.
Auch Anton Fugger ließ sich zunächst entschuldigen: Er sei nur noch Privatmann und könne nicht mehr im Namen der Firma disponieren. Doch die Hilferufe aus Innsbruck wurden immer dringlicher, je weiter die feindlichen Truppen nach Süden vorstießen. Albrecht-Alcibiades hatte Bamberg überfallen, Landgraf Wilhelm von Hessen den strategisch bedeutsamen Paß bei St. Goar am Rhein besetzt. Die Spitzen der protestantischen Streitmacht standen bereits vor Dinkelsbühl, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Augsburg in die Hände der Opposition fiel.
Anton blieb nach wie vor hart, aber sein Antwerpener Faktor Matthäus Örtel erbarmte sich schließlich der Not des Herrscherhauses und bewilligte der Exkönigin Maria, der Statthalterin der Niederlande, ein Darlehen über 195.000 Dukaten. Das Geld stammte aus der Schuldentilgung der britischen Krone. Anton akzeptierte hinterher den eigenmächtigen Entschluß seines niederländischen Vertreters, aber später sollte sich dessen Selbstbewußtsein noch verhängnisvoll auswirken.
Auch Hans Jakob Fugger steuerte nun ungeniert seinen eigenen Kurs. Er gab sich gegenüber den Protestanten liberaler als sein erzkonservativer Onkel und stimmte schließlich auch dem Beschluß seiner Augsburger Ratskollegen zu, sich weder für noch gegen den Kaiser zu engagieren. Inzwischen kam aus Donauwörth die Kunde, daß ausgerechnet Fuggers früherer Angestellter Sylvester Raid an der Spitze der protestantischen Truppen einmarschiert war.
Einige der spanischen Höflinge in der Umgebung Karls V. begannen bereits, offen Zweifel an der Treue des Augsburger Geldhauses zu äußern. Beinahe verzweifelt schrieb der Monarch eigenhändig an seinen verläßlichsten Finanzier, er möge doch um Gottes willen so schnell wie möglich nach Innsbruck kommen: „Dies ist dasjenige, was ich jetzt am meisten wünsche.“
Ein letztes Mal bestimmten nun die Fugger den Gang der Weltgeschichte. Von Anton allein hing es ab, ob der Kaiser genug Geld bekam, um den Fürstenaufstand niederzuschlagen. Karl V. hatte kaum noch Macht über seinen Bankier, er war unweigerlich verloren, wenn ihm der Fugger nicht aus der Patsche half: Der Untergang des Hauses Habsburg konnte von einem schwäbischen Kaufmann besiegelt werden. Zögerte Anton, so würde Karl in Gefangenschaft geraten und mit ihm sein Bruder Ferdinand zur Abdankung gezwungen werden. Die Türken bekämen eine neue Chance, nach Mitteleuropa vorzustoßen, und Frankreich würde zur führenden Kontinentalmacht. Ausgespielt wäre dann auch, zumindest für die folgenden Jahre, die beherrschende Rolle der römisch-katholischen Kirche auf der deutschen Bühne.
Anton Fugger muß dies alles ganz deutlich überblickt haben, als er am 2. April 1552 die Pferde anspannen ließ, um eiligst nach Innsbruck zu jagen. Kaum drei Tage später ritten die drei rebellischen Protestantenfürsten als Sieger in Augsburg ein. Was den Millionär letztlich bewogen hatte, sich wieder einmal auf die Seite des ihm wesensmäßig fremden Habsburgers zu stellen und den längst fälligen Rückzug ins Privatleben erneut zu verschieben, wußte wahrscheinlich nur er selbst. Ein Pakt mit den Protestanten kam für ihn schon aus religiösen Gründen nicht in Betracht. Untätig zuzusehen, wie ringsumher das alte Reich in Schutt und Asche fiel, erschien ihm wahrscheinlich sinnlos und dumm. Also blieb wohl nur die dritte Möglichkeit: Er mußte helfen, wenn es um das Schicksal des Reiches ging!
Die Finanzgespräche in der Innsbrucker Burg, die Anton zunächst mit dem kaiserlichen Finanzsekretär Francisco de Erasso führte, verliefen jedoch viel zäher, als sich der ungeduldige Herrscher dies vorgestellt hatte. Denn es war nicht mehr allzu viel, was die Habsburger einem Fugger zu bieten hatten. Tirol war weitgehend ausgebeutet, und die noch in Spanien vorhandenen Schätze ließen sich nicht so schnell durchs feindliche Gebiet transportieren, weil Moritz von Sachsen mit seinen Truppen unaufhaltsam gegen Innsbruck vorrückte.
In Augsburg gelang es Hans Jakob Fugger, dank der alten Beziehungen seiner Familie zu Sebastian Schertlin, Güter und Liegenschaften vor dem Zugriff der protestantischen Soldaten zu schützen. In Innsbruck mußte Anton laufend kleinere Ausgaben des Kaisers finanzieren, damit die Regierung wenigstens einigermaßen funktionsfähig blieb. Aber zu einer großen Anleihe mochte er sich noch nicht entschließen. Erst als die Festung Ehrenberg in Nordtirol gefallen war, sah er ein, daß weiteres Zögern keinen Vorteil mehr brachte.
Zusammen mit dem Kaiser und seinem Hofstaat floh Anton aus der bedrohten Tiroler Landeshauptstadt nach Villach in Kärnten. Wenige Tage später, am 23. Mai, war Innsbruck in der Hand des Gegners. Wurde vorher noch tagelang um Konditionen und Sicherheiten gefeilscht, so kam jetzt im Exil das Geschäft zwischen den beiden alten Männern schnell zustande. Anton, bleich, hager, mit eindrucksvollem Rauschebart, bewilligte dem kranken, abgeschlafften Habsburger die sagenhafte Summe von 400.000 Dukaten. Davon sollten 100.000 Dukaten in Deutschland ausgezahlt werden, 50.000 Dukaten in Venedig, der Rest aber direkt an Karl. Gleichzeitig hoffte der Monarch, mit Fuggers Bürgschaft bei Genueser Banken noch einmal die gleiche Summe aufzutreiben.
Zurückgezahlt werden sollte das Darlehen aus den Einkünften der Krone und der Kirche in Spanien, sowie aus amerikanischen Gold- und Silbertransporten. Selbstverständlich benutzte der immer noch hellwache Kaufmann die Gelegenheit, sich diverse Zollvergünstigungen und Steuerprivilegien garantieren zu lassen.
Der am 28. Mai unterzeichnete Vertrag verschaffte dem Kaiser wieder Autorität. Karl V. lebte sichtlich auf: Aus dem mutlosen Flüchtling wurde dank dem Gold der Fugger wieder ein machtbewußter Herrscher. Bei den Friedensverhandlungen in Passau, die auf katholischer Seite von seinem Bruder Ferdinand geführt wurden, trotzte er den militärischen Siegern beträchtliche Zugeständnisse ab. Moritz von Hessen verpflichtete sich beispielsweise zum Beistand gegen die wieder munter gewordenen Türken, und er akzeptierte den Vorschlag, dem nächsten Reichstag die Entscheidung darüber zu überlassen, ob die Glaubensfrage auf dem Konzil oder per Reichsbeschluß entschieden werden sollte.
Der einzige, der keine Lust zum Frieden verspürte, war der ungebärdige Markgraf Albrecht-Alcibiades. Ihm diente die Religionsfrage nur als Vorwand, um seine Rauflust zu befriedigen. Plündernd und mordend zog er mit seinem Söldnerhaufen weiter durch Franken und das Elsaß, bis es schließlich auch seinen ehemaligen Verbündeten zuviel wurde. Dafür machte ihn der Kaiser, der mit Fuggers Hilfe in aller Eile wieder ein großes Heer aufgestellt hatte, nun zu seinem Waffenbruder, da er die von Frankreich bedrohte Westgrenze des Reichs stabilisieren mußte.
Der neue Krieg gegen den linksrheinischen Nachbarn aber wurde viel teurer, als Karl und seine Geldgeber kalkuliert hatten. Die schwer befestigte Stadt Metz widerstand allen Angriffen, und der Imperator zog enttäuscht und gesundheitlich angeschlagen unverrichteter Dinge wieder ab. Weil er von den widerborstigen Deutschen ohnehin genug hatte, ritt er schnurstracks nach Norden in die Niederlande.
Moritz von Sachsen nutzte das Machtvakuum, das so entstanden war, und bereitete dem blutigen Treiben des Markgrafen ein Ende. In der verlustreichsten Schlacht der ganzen Reformationszeit besiegte er am 9. Juli 1553 Albrecht-Alcibiades, büßte aber auf dem Schlachtfeld seinen Erfolg mit dem Leben. Sein Gegner überlebte ihn zwar um dreieinhalb Jahre, gewann jedoch keine politische Bedeutung mehr. Er starb am 8. Januar 1557 als Geächteter in Pforzheim.“
Nachfolge-Regelungen
„Als Kaiser Karl V. im Fuggerhaus Quartier bezog, befand er sich in einer ähnlich maladen Situation wie der Hausherr. Auch er war müde und abgekämpft. Auch er wollte, von Mißerfolgserlebnissen gepeinigt, abdanken. Als der aus Italien angereiste Meister Tiziano Vecellio im Augsburger Fuggerpalast seine beiden berühmten Porträts des Kaisers malte – das eine zeigt Karl hoch zu Roß als Sieger von Mühlberg, das andere als Weltenherrscher im purpurnen Sessel – plante Karl V. bereits die Regelung seiner Nachfolge.
Aber anders als Anton Fugger dachte der Imperator nicht an einen Machtverzicht seiner Dynastie. Sein Sohn Philipp, der eilends aus Spanien angereist kam, erhielt zunächst die Herrschaft über Mailand, Geldern, Brabant, Luxemburg, Limburg, Flandern und Burgund. König Ferdinands Sohn Maximilian hingegen, der mit den Protestanten sympathisierte, wurde vergleichsweise bescheiden bedacht. Verärgert reiste der Bruder des Kaisers deshalb aus Augsburg ab.
Um die Herrschaft der Habsburger über Europa zu sichern, sollten die beiden Familienzweige künstlich verklammert werden. Karl V. ordnete an, daß Ferdinand sein Nachfolger auf dem Kaiserthron werden solle, dafür mußte dieser sich verpflichten, bei den deutschen Kurfürsten die Wahl Philipps zum Römischen König durchzusetzen. Philipp wiederum sollte dafür sorgen, daß einst Maximilian seinem Vater Ferdinand auf dem Kaiserthron nachfolgen könne.“
Spanien mit England: Bloody Mary und Religions-Frieden in Deutschland
„Das größte Problem aber waren zweifellos die spanischen Investitionen. Den iberischen Geschäftsleuten war die Finanzherrschaft der Fugger schon lange ein Dorn im Auge. Im Verein mit der Madrider Finanzbürokratie versuchten sie immer nachdrücklicher, die Erträge der amerikanischen Kolonien wie die der inländischen Provinzen an sich zu ziehen. Die spanischen Behörden ließen keinen Gulden aus dem Land, ohne daran über Zölle oder Steuern partizipiert zu haben. Der Devisenschmuggel begann deshalb üppig zu blühen.
Ende 1553 gelang es den Fuggern, eine größere Summe aus Spanien herauszuholen. Das Gold – insgesamt 200.000 Dukaten – steckte in Getreidesäcken, welche auf die Schiffe des Kaisers verladen wurden. Prinz Philipp fuhr damit nach Norden zu seinem Vater, der den letzten großen Schachzug seines Lebens plante.
Ein glücklicher Zufall gab den Habsburgern noch einmal die Chance, ihr Weltreich weiter auszudehnen. Am 6. Juli 1553 war König Eduard IV. von England gestorben; seine Nachfolgerin wurde Mary, die Tochter von Heinrich VIII. aus seiner ersten Ehe mit Katharina von Aragon. Die junge Queen war noch unverheiratet, was den habsburgischen Kaiser auf eine für seine Familie typische Idee brachte: Wenn sein eben verwitweter Sohn Philipp Mary heiratete, gehörte ganz England schlagartig zum Habsburger Reichs- und Familienverbund.
Frankreich wäre dann umzingelt und hätte keine Chance mehr, dem Kaiser in Europa den Rang streitig zu machen. Außerdem eröffnete sich so die Möglichkeit, das anglikanische Königreich in den Schoß der Kirche zurückzuführen und doch noch den Traum vom universalen Christenreich unter einem habsburgischen Kaiser zu verwirklichen. All dies hing nun davon ab, ob es gelang, diese Ehe zustandezubringen. Wichtigste Voraussetzung war natürlich die befriedigende Regelung der finanziellen Aspekte. Die Queen brauchte dringend Bargeld. Ihr Schatzkanzler, Sir Thomas Gresham, kam nach Antwerpen, um bei Genueser und Augsburger Bankiers insgesamt 300.000 Dukaten aufzunehmen. Das Geld wurde jedoch nicht in den Niederlanden ausbezahlt, sondern auf Betreiben der Fugger in Spanien zur Verfügung gestellt. Denn die englische Königin bekam selbstverständlich vor ihrer geplanten Heirat mit Philipp eher die Erlaubnis, die Moneten aus Spanien herauszuholen.
Als dieser Punkt geklärt war, bestritt Anton über ein Drittel der Gesamtsumme, genau 112.750 Dukaten, die er damit dem Zugriff der Madrider Finanzbürokratie entzog. Nachdem die königliche Heirat am 25. Juli 1554 tatsächlich stattgefunden hatte, eröffneten sich für die Fugger ebenso wie für die Habsburger ungeahnte Perspektiven. Plötzlich schienen die vielen Millionen, die man in die Kriege des Kaisers investiert hatte, keineswegs mehr verloren zu sein. Im Verbund mit dem reichen England wurde die Habsburger Monarchie wieder zahlungsfähig.
Das Zeitalter der Kriege schien vorüber zu sein, die Überlegenheit des Erzhauses war zu eindeutig. Selbst der müde Anton Fugger bekam wieder funkelnde Augen, als er an die neuen finanzpolitischen Möglichkeiten dachte, die sich aus dem Erfolg der Habsburger Heiratspolitik ergaben. Jetzt lohnte es sich nochmals, für die Zukunft zu planen. Jetzt mußte man am Ball bleiben und den Spitzenplatz auf den internationalen Finanzmärkten verteidigen.
Der Optimismus, der in den Augsburger Kontoren zur Schau getragen wurde, hatte etwas Hektisches, beinahe Krampfhaftes. Nach den Jahren der Melancholie und des langsamen Abstiegs brauchte man einfach ein Stimulans, und nichts war dafür besser geeignet als der Gedanke an die Rückzahlung der riesigen spanischen Außenstände.
Zunächst schien auch alles bestens zu laufen: Im Februar 1555 trat in Augsburg der Reichstag zusammen, um endlich den Glaubensstreit zwischen Protestanten und Katholiken zu begraben. Ein neues Zeitalter des Friedens, der Koexistenz beider Glaubensrichtungen, schien anzubrechen. Wenn erst die großen Territorial- und Religionskriege aufhörten – so hofften die Kaufleute –, ließ sich wieder gut verdienen. Dann konnten die Könige ihre Schulden tilgen und wirtschaftlich sinnvollere Investitionen wagen.
Doch in Wahrheit kam alles ganz anders. Das Unheil begann, als den Zeitgenossen dämmerte, daß die Ehe zwischen Prinz Philipp und Queen Mary kinderlos bleiben würde. Damit war der Traum vom habsburgischen Weltkaisertum fürs erste ausgeträumt. Die englische Königin erwies sich bald eher als Ballast denn als Stütze des Imperiums. Die überzeugte Katholikin, welche den Beinamen „die Blutige“ erhielt, wütete auf der Insel so erbarmungslos gegen die Andersgläubigen, daß sie zur Sicherung ihrer Macht immer neue Kredite beanspruchen mußte.
Als der alte Kaiser begriff, wie unfruchtbar im wahrsten Sinne des Wortes die englische Allianz war, brachen alle seine Hoffnungen zusammen. Er zeigte nicht mehr die geringste Lust, selbst nach Augsburg zu reisen, um den Religionsfrieden wiederherzustellen. Statt dessen ließ er seinen Bruder Ferdinand, den designierten Nachfolger auf dem Kaiserthron, die Augsburger Tagung leiten. Dort kam nach langen, mühsamen Verhandlungen am 25. September 1555 der berühmte Augsburger Religionsfrieden zustande, der das Nebeneinander der beiden „offiziellen“ Konfessionen, der römisch-katholischen und der lutherisch-augsburgischen, bestätigte und alle weiteren Sekten wie die Zwinglianer, Calvinisten und Wiedertäufer für ungesetzlich erklärte. Für die Kaufleute bedeutsamer waren jedoch die militärischen und politischen Folgen der mißglückten Allianz mit England. Frankreichs König Heinrich II. witterte nämlich Morgenluft und begann erneut zu rüsten. Auf dem Lyoner Kapitalmarkt borgte er sich große Summen, die hauptsächlich von Finanziers aus Genua, Augsburg und Nürnberg stammten.
In der „Goldenen Schreibstube“ stand man traditionellerweise im habsburgischen Lager, und man widerstand der Versuchung eines finanzpolitischen Doppelspiels. Dies fiel um so leichter, als nun wieder die Habsburger ihre Finger in die Taschen der Fugger steckten. Denn selbstverständlich mußten diese beim Wettrüsten mitziehen, und das konnten sie nur, indem sie sich noch höher verschuldeten.“
Staatsbankrott Nr. 2
(Staatsbankrott Nr. 1 wird im Kapitel „Das Haus Habsburg trickst den Fugger-Konzern aus" beschrieben)
„Philipps Kriege gegen die Türken, die niederländischen Protestanten und die englische Königin verschlangen solch enorme Summen, daß die Staatsschulden auch mit allem Gold Amerikas nicht verringert werden konnten. Im Gegenteil, sie wuchsen immer weiter an und erreichten 1575 die Rekordhöhe von 37 Millionen Dukaten. Längst waren die Bankiers aus Genua und Spanien ausgeblutet, und in Europa wurde Bargeld knapper als je zuvor.
Am 1. September 1575 griff Philipp II. erneut zur Feder, um sein zweites „Dekret“ zu unterzeichnen. Der neuerliche Staatsbankrott bedeutete den Ruin für viele italienische und spanische Bankhäuser, während die Fugger vergleichsweise glimpflich davonkamen. Zu verdanken hatten sie dies ihrer zurückhaltenden Geschäftspolitik der letzten Jahre. Sie waren nun auch die einzigen, bei denen der König unter Umständen noch ein paar hunderttausend Dukaten auftreiben konnte.
Daß darüber ihre Konkurrenten „vor Neid zerschellen“ wollten, wie der Antwerpener Faktor berichtete, kann man verstehen. Am Tag nach der Verkündung des Staatsbankrotts schrieb Christoph Hörmann nach Augsburg: „Es ist der Credito ganz allgemein durch diese Neuerung darniedergelegt, und bei keiner Nation Bargeld zu bekommen, weder auf Deposito noch gegen Wechsel.“
Wichtigster Mann im Konzern war in jenen Jahren nicht der Chef in Augsburg, sondern Faktor Thomas Müller in Madrid. Obwohl er von den spanischen Hofbeamten permanent unter Druck gesetzt wurde, gelang es ihm, vom Winter 1575 bis zum Frühjahr 1578 rund zwei Millionen Kronen aus Spanien herauszubringen. Das Geld stammte teils aus der Maestrazgo-Pacht, teils aus amerikanischen Silbertransporten. Trotzdem mußten die Fuggererben immer wieder Geld aus ihrem Privatvermögen abziehen und in die Firma einbringen, da die neuen spanischen Kredite die Rückzahlungen bei weitem übertrafen. Wie hart damals ums Geld gerungen wurde, zeigt die Korrespondenz zwischen Thomas Müller und der Zentrale im Herbst 1576. Eines Tages erschien ein hoher Offizier in der Madrider Faktorei und verlangte, die Firma müsse sofort 200.000 Kronen in die Niederlande senden, weil soeben die Nachricht eingetroffen sei, daß die spanischen Truppen dort zu meutern begannen. Wenn kein Sold käme, dann gingen die niederländischen Provinzen verloren, und die Schuld daran trügen allein die Fugger. Nur die Firma könne jetzt noch helfen, denn sobald die Soldaten die Fuggerschen Wechsel sähen, würden sie sich beruhigen und warten, bis das Geld darauf zusammengebracht sei.
Als sich der Faktor weigerte, verließ der Offizier wutentbrannt das Kontor. Mitten in der Nacht erschien er wieder. Er beschwor Müller, nun gehe es wirklich um das Schicksal Spaniens und ganz Europas. Der König würde nicht zögern, die Fugger nachträglich dem Dekret zu unterwerfen, wenn sie sich weiterhin weigerten, wenigstens Wechsel herauszugeben: „Ich schwöre beim Heiligen Kreuze, wenn Flandern aus Geldmangel verlorengeht, so ist es Eure Schuld.“
Kaum war der Offizier erneut abgezogen, traf ein Bote mit einem persönlichen Brief des Königs ein. Philipp II. schrieb, niemand außer den Fuggern könne ihm in dieser Not dienen, und dies solle der letzte derartige Dienst sein, den er von ihnen beanspruche. Müller antwortete, wenn die Fugger auch groß seien, „so könnten sie doch aus Steinen kein Geld machen“. Aber schließlich mußte er doch, „um die Brühe nicht ganz und gar zu verschütten“, Wechsel über 200.000 Kronen herausrücken.
Damit ließ sich das Unglück in den Niederlanden freilich nicht mehr verhindern. Am 4. November plünderten die um ihren Sold geprellten spanischen Truppen die damals reichste Stadt der Welt. Die meisten Kaufleute und Bankiers hatten Antwerpen kurz vorher verlassen, nur im Fuggerpalast herrschte noch Betrieb: Christoph Hörmann mußte das Geld des Königs bewachen, das eigentlich an die Soldaten hätte ausgezahlt werden sollen.
Als diese nun kamen, um es sich mit Gewalt zu holen, gelang es dem Faktor, einen einflußreichen Hauptmann mit insgesamt 11.000 Kronen zu bestechen und dafür den Schutz von dessen Truppen zu erkaufen. Wenig später allerdings bekam Hörmann wieder bewaffneten Besuch. Diesmal handelte es sich um den Reiteroberst Carl Fugger, einen lieben Verwandten der Familie also, der seit 1573 im Dienst des Herzogs von Alba stand. Carl forderte die Kleinigkeit von 50.000 Kronen, da er sonst leider gezwungen sei, das Haus zu plündern. Nur mit Mühe konnte der Faktor den unfreundlichen Gast mit Hilfe einiger Antwerpener Kommunalpolitiker wieder loswerden.
Spanien gegen England: Armada
„Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?“
Aus „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von Bertolt Brecht
Mit Sicherheit weinten die Verantwortlichen des Fugger-Konzerns, deren Investitionen mit untergegangen waren.
„Wie aus der Bilanz des Jahres 1577 hervorgeht, hatte Markus der Ältere wohl mit Brachialgewalt versucht, das Unternehmen zu sanieren. Den bisher hohen Anteil an Fremdkapital hatte er drastisch reduziert und dafür sämtliche Familienmitglieder gezwungen, sich mit ihrem Privatvermögen zu beteiligen. So mußten Antons Söhne insgesamt zwei Millionen Gulden einbringen, die zu den üblichen Sätzen verzinst wurden. Nahezu unverändert hoch blieben die spanischen Schulden mit rund fünf Millionen Gulden, von denen etwa 1,25 Millionen als „zweifelhaft“ eingestuft wurden.
Die zunächst durchaus sinnvolle Konsolidierung des Gesellschaftskapitals erwies sich jedoch auf lange Sicht als verhängnisvoll. Denn solange der spanische König mit seiner Fünf-Millionen-Gulden-Schuld an einem Hebel saß, mit dem er jederzeit die Kassen der Fugger sprengen konnte, bestand stets die Gefahr, daß auch das neu eingezahlte Kapital verlorenging.
Prekär wurde die Lage vor allem durch die riskante Machtpolitik Philipps II., der nichts tat, um seinen Schuldenberg abzubauen, sondern laufend weitere Kredite anhäufte. Sie dienten unter anderem dazu, die aus 130 Kriegsschiffen bestehende „unüberwindliche Armada“ auszurüsten, mit der er 1588 England angriff. Binnen weniger Tage wurde sie von der britischen Flotte unter Admiral Howard und Francis Drake bei Calais vernichtend geschlagen, und nur 76 Schiffe kehrten, teilweise schwer beschädigt, nach Spanien zurück.
Fortan besaß England die Seeherrschaft, so daß auch die Fuggerschen Handelsschiffe künftig nicht mehr vor den Enterbeilen des genialen Kapitäns und Freibeuters Francis Drake sicher waren, der den Ozean bis hinunter zur Straße von Gibraltar beherrschte. 1592, berichten die Chroniken, kaperte er das von den Fuggern und Welsern gemeinsam finanzierte Pfefferschiff „Madre de Dios“, das mit reicher Gewürzladung aus Ostindien zurückkehrte.“
Das Haus Habsburg trickst den Fugger-Konzern aus
Immer mehr Geld, immer größere Abhängigkeit
„Der junge Spanier war indes alles andere als eine Marionette. Er besaß ein ausgeprägteres Selbstbewußtsein als sein Großvater Maximilian und versuchte zunächst mit allen Mitteln, das lästige Augsburger Joch abzuschütteln. Als Schuldner war er gegenüber seinem Gläubiger im Vorteil, denn wie sollte wohl ein Kaufmann, auch wenn er Jakob Fugger hieß, den Kaiser zur Rechenschaft ziehen? Für den Augsburger, der sich diese Frage oft gestellt hatte, begannen deshalb die eigentlichen Probleme erst nach dem Sieg.
Der finanzielle Kraftakt hatte ihn zwar zum heimlichen Herrscher Europas gemacht, aber vom Gipfel der Macht führten alle Wege nur noch in eine Richtung: nach unten. Unwiderruflich war von nun an das Schicksal seiner Dynastie an das der Habsburger gekettet. Auch wenn Jakobs eiserner Wille zunächst noch das Gesetz des Handelns bestimmte, schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis schwächere Nachfolger im Strudel der europäischen Großmachtpolitik versanken. Der Niedergang des ersten multinationalen Konzerns der Geschichte war bereits zu dem Zeitpunkt vorprogrammiert, als eine breitere Öffentlichkeit staunend seinen Aufstieg registrierte. Denn die Verfilzung von Staat und Wirtschaft, deren Problematik in den spätmarxistischen Stamokap-Theorien der Gegenwart brisant nachgewiesen wird, erwies sich schon zu Beginn des modernen Kapitalismus als gefährliches Experiment. Den Staat führte die Abhängigkeit von einem privaten Unternehmer in den Bankrott, den Unternehmer kostete die Herrschaft über die Staatsfinanzen den größten Teil seines Vermögens. Nur in einem war dieser „politischwirtschaftliche Komplex“ schon damals erfolgreich: Er verhinderte überfällige Sozialreformen.
Karl, der schon während des Wahlkampfes hatte erkennen lassen, daß die Fugger für ihn nicht mehr waren als gewöhnliche Kaufleute, stellte auch nach der Wahl seine Unabhängigkeit in den Vordergrund. Obwohl er im Reich sehnlichst erwartet wurde, blieb er zunächst seelenruhig in Spanien. Sein teuer erkaufter Sieg über Franz I. bescherte ihm nämlich zwei diffizile Probleme: erstens die Todfeindschaft des Franzosenkönigs und zweitens die Rebellion der spanischen Granden. Mit dem Valois mußte er zwischen 1521 und 1544 insgesamt vier Kriege austragen, in denen es um die Vorherrschaft in Burgund und in Italien ging. Mit den spanischen Adeligen bekam er Ärger, weil sie keine Lust verspürten, die immensen Kosten seiner Wahl zum deutschen Kaiser zu übernehmen …
Nachdem eine erste Einigung mit dem Kaiser erzielt war, mochte sich Jakob neuen Kreditwünschen nicht verschließen. Karl brauchte Geld für den unmittelbar bevorstehenden Krieg gegen Frankreich, zur Niederwerfung seiner rebellischen Adeligen und zur Abwehr der sein Reich bedrohenden Türken. Bald stand auf seinem Konto wieder eine Schuldsumme von mehreren hunderttausend Gulden, und wieder begann Jakob auf Rückzahlung seines Geldes zu drängen.
Von Anfang an befand sich der junge Kaiser in noch schlimmeren Finanzschwierigkeiten als sein Großvater, und auch die politischen Probleme in dem Riesenreich, das der erst Zwanzigjährige regierte, nahmen gigantische Formen an. Auch ein erfahrenerer Regent wäre kaum in der Lage gewesen, an allen Fronten die Situation zu beherrschen. In Mittel- und Südamerika eroberten spanische Conquistadores die ersten Kolonien, in Oberitalien tobte der Krieg mit Frankreich, im Osten rüstete der Sultan des Osmanischen Reiches zu einem erneuten Vorstoß gegen Ungarn und Österreich. Wie sollte Karl noch Zeit finden, sich mit den spezifisch deutschen Problemen zu beschäftigen? Dem Kaiser, der selbst nur spanisch und französisch sprach, blieben seine teutonischen Untertanen zeitlebens fremd und auch ein wenig unheimlich. Anders als sein viele Sprachen beherrschender Großvater (Italienisch, Französisch, Tschechisch, Lateinisch und Deutsch), fand er nie den direkten Kontakt zum Charakter der Deutschen. Im Reich machte praktisch jeder, was er wollte. Die regierenden Fürsten hatten nichts anderes im Sinn, als ihre Erbhöfe zu erweitern und sich an ihren Untertanen zu bereichern. Zusammen mit der alleinseligmachenden Kirche und den großen Handelsgesellschaften beherrschten sie das Land.“
„Selbst der Kaiser, der ihm seine Krone verdankte, versuchte ihn mit einem Trick auszumanövrieren. Noch während des Wormser Reichstags übergab er nämlich seine deutschen Hoheitsgebiete einschließlich der gefürsteten Grafschaft Tirol seinem Bruder, dem Erzherzog Ferdinand. Jakob Fugger wurde mit der Tatsache konfrontiert, daß für die Rückzahlung seiner Forderungen nun plötzlich ein Fürst zuständig war, den er kaum kannte und der ihm persönlich nichts schuldete.
Der Kaiser selbst hielt sich längst wieder im Westen auf, um den Krieg gegen Frankreich zu organisieren. Inzwischen drohten in Innsbruck die Ratsherren mit Demission, weil sie keine Chance mehr sahen, das ehedem so reiche Land Tirol vor dem Bankrott zu bewahren. Sämtliche bedeutenden Bodenschätze des Landes waren auf Jahre hinaus an Jakob Fugger verpfändet, und die Schuldenlast, die bereits über eine Million Gulden betrug, wuchs ständig weiter an.“
„Nachdem sich die Dinge in Tirol besser anließen, als er erwartet hatte – die Hütte Rattenberg wurde vereinbarungsgemäß seinem Faktor Hans Stöckl übergeben, und die gewinnträchtige Salzpfanne von Hall war größtenteils ebenfalls in seiner Hand –, hielt Jakob es für angebracht, nun auch mit dem Kaiser Fraktur zu reden. Die Tilgung der Wahlschulden stand immer noch aus, und über den Wert der von Karl offerierten spanischen Sicherheiten bestanden zwischen Schuldner und Gläubiger erhebliche Meinungsverschiedenheiten.
Der Kaiser befand sich offensichtlich in Geldverlegenheit. Denn gleichzeitig mit Jakob Fugger forderten der Herzog von Sachsen, die Kurfürsten von Mainz und der Pfalz sowie Herzog Friedrich von Bayern teilweise recht erhebliche Beträge zurück. Der Krieg gegen Frankreich aber verschlang riesige Summen, und im Osten drohte unausweichlich eine Auseinandersetzung mit den Türken. Nach dem Tod des 1520 verstorbenen Sultans Selim I. hatte der expansionslüsterne Suleiman II. die Macht im Osmanischen Reich übernommen, der später den Beinamen »der Prächtige« erhalten sollte und schon mehrfach den Vorstoß nach Westen angekündigt hatte.“
„Um viel größere Beträge ging es bei den Finanzgeschäften mit dem Kaiser. Seit seiner Krönung befand sich Karl V. auf dem Kriegspfad. Seine Heere fochten in Oberitalien und Südfrankreich mit wechselndem Glück gegen die Streitmacht des Franzosenkönigs. In den ersten Monaten des Jahres 1524 schien es so, als ob der Krieg wegen Geldmangels des Kaisers bald beendet werden müßte. Nirgendwo in Europa mochte ihm noch jemand Kredit einräumen.
Im Frühsommer aber erhielten seine Soldaten plötzlich wieder ihren Sold. Es wurden wieder Waffen eingekauft, Uniformen bestellt und Söldner geworben. Das Geld konnte nur aus Augsburg gekommen sein. Ende August war es freilich schon wieder ausgegeben, und die Kriegsknechte des Kaisers nagten vor Marseille erneut am Hungertuch. König Blaubart, Heinrich VIII. von England, hatte zwar wieder einmal umfangreiche Subsidien zugesagt, weil er seinem französischen Nachbarn eins auswischen wollte, aber wie schon der alte Maximilian, mußte nun auch Karl V. die Erfahrung machen, daß Versprechungen des Tudors mit Vorsicht zu genießen waren. Die sehnlichst erwarteten britischen Pfunde blieben aus. Franz I. von Valois nutzte seine Chance und wagte einen Ausfall nach Oberitalien, um Mailand zu erobern. Die am Po stationierten kaiserlichen Truppen befanden sich in einer schlimmen Lage. Seit drei Monaten hatten die Mannschaften keinen Sold mehr erhalten, es fehlte an Nahrungsmitteln und an Futter für die Pferde. Vor allem aber fehlten klare Befehle des obersten Kriegsherrn. In dieser verzweifelten Situation faßte der kaiserliche Feldherr Ferrante Pescara den Entschluß, alles auf eine Karte zu setzen. Mit dem Mut der Verlorenen griffen seine Soldaten im Februar 1525 bei Pavia das französische Heer an – und siegten. Franz I. wurde gefangengenommen: Karl V. war ohne sein Zutun der Herrscher über Europa. Nun flossen plötzlich auch die britischen Subsidien, aus den Republiken Genua und Venedig kam Geld, und selbst der Papst sowie der Herzog von Mailand erwiesen dem Sieger finanziell Reverenz.
Diesen Triumph verdankte Karl V. natürlich in erster Linie der mutigen Entscheidung seines Feldherrn, zu einem erheblichen Teil aber auch den Finanzspritzen Jakob Fuggers. Ohne das Geld aus Augsburg hätte Karl schon früher den Waffengang abbrechen müssen. Nicht nur seine französischen Gegner stellten sich die Frage, was der hochverschuldete Habsburger denn nun verpfändet haben mochte. Denn daß ein Jakob Fugger Geld ohne erstklassige Sicherheiten herausrückte, hielt jedermann für ausgeschlossen.
Tatsächlich kam im Krisenjahr 1524 eines der bedeutendsten Geschäfte der Fuggerschen Firmengeschichte zustande. Eingeleitet wurde es von Karls ehemaligem Erzieher, Papst Hadrian VI., der für Habsburg und gegen Frankreich Partei ergriff. Zum Zeichen seines Beistands überließ er dem Kaiser die Herrschaft über die drei spanischen Ritterorden Santiago, Alcantara und Calatrava, die nicht nur über ausgedehnte Ländereien in ganz Spanien verfügten, sondern auch die kostbaren Quecksilbergruben von Almaden und die Silberminen von Guadalcanal besaßen. Damit hielt Karl V. wieder Pfänder in der Hand, nach denen sich die Bankiers in ganz Europa die Finger leckten.
Wer zum Beispiel die Gruben von Almaden ausbeuten durfte, besaß praktisch das spanische Quecksilbermonopol. Nur im krainischen Idria – zwischen Ljubljana und Udine – gab es ähnlich reichhaltige Vorkommen. Pächter der Almadener Bergrechte, der sogenannten Maestrazgos, war seit 1516 der spanische Großkaufmann Alfonso Gutierrez, aber sein Vertrag lief Ende 1524 aus.
Als größter Gläubiger Karls war der Fugger kaum von der Futterkrippe zu drängen, dafür sorgte schon der gut geschmierte Gabriel von Salamanca-Ortenburg. Ende 1524 wurde der Pachtvertrag abgeschlossen. Er galt für drei Jahre und kostete Jakob Fugger die Riesensumme von 400.000 Dukaten. Allerdings wurde die Hälfte davon gleich zur Tilgung der noch ausstehenden Wahlschulden Karls abgezogen, so daß der Kaufmann nur noch 200.000 Dukaten zu entrichten hatte, mit denen der Kaiser sofort seine Kriegskasse auffüllte.
Damit sich der hohe Einstandspreis möglichst bald amortisierte, schickte Jakob einige Topmanager nach Spanien, die unter Leitung Wolff Hallers den Ertrag der Maestrazgos steigern sollten. Mit schwäbischer Gründlichkeit begannen sie, die ausgedehnten Landgüter der Ritterorden auf Vordermann zu bringen. Um den Ertrag der Quecksilbergruben und Silberminen zu steigern, forderten sie aus Tirol und Ungarn Techniker, Ingenieure und Knappen an. Tatsächlich gelang es dem erprobten Montan-Management der Fugger, trotz der hohen Pacht in drei Jahren aus den Maestrazgos einen Gewinn von 2,2 Millionen Maravedis zu erwirtschaften – rund 20.000 Gulden.
Obwohl der Ertrag, an Fuggermaßstäben gemessen, keineswegs außergewöhnlich war, entwickelten sich die spanischen Einkünfte im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu einer der ergiebigsten und sichersten Einnahmequellen der Dynastie. Das Quecksilber wurde aus Zinnobererzen herausgeröstet und zum Scheiden vieler Metalle sowie zur Goldgewinnung dringend benötigt.“
„Selbst als der Kaiser höchstpersönlich Augsburg ansteuerte, blieb der um seine osteuropäischen Investitionen besorgte Konzernherr auf Gegenkurs. Karl V. kam aus Bologna über den Brenner. Auf der Paßhöhe begrüßte ihn sein Bruder, und mit großem Gefolge zogen die beiden Habsburger in das von Glaubenszwisten aufgewühlte Reich ein. Bisher hatte keiner der Fugger je den Mann persönlich zu Gesicht bekommen, dem sie einst mit ihrem Geld zur Kaiserkrone verholfen hatten und der nun auf der Höhe seiner Macht stand. Doch Anton zeigte auch jetzt keine Eile, seinen teuersten Kunden persönlich zu begrüßen.
Karl, der im Fuggerhaus zu Schwaz einkehrte, um sich über den Tiroler Bergbau zu informieren, mußte mit angestellten Faktoren als Gesprächspartner vorliebnehmen. Keiner der drei Fuggerneffen hatte es für nötig befunden, dem Herrscher entgegenzureiten – was einen gehörigen Affront gegenüber Seiner Majestät darstellte. Auch als der stolze Spanier am 15. Juni 1530 in Augsburg einritt – die Nacht vorher hatte er im nahen Fürstenfeldbruck verbracht –, um den Reichstag zu eröffnen, blieben die Fugger auf Distanz. Zwar sah die ungarische Königswitwe Maria von einem Fenster des Fuggerpalastes aus dem prächtigen Festzug zu, aber nie wollte sich während des Reichstags jene Vertraulichkeit in den Beziehungen zwischen den Geldfürsten und ihrem Monarchen einstellen wie zu den Tagen Jakobs und Maximilians. Anton wurde dem Kaiser vorgestellt und mit der ausgesuchtesten Höflichkeit behandelt, aber Karl blieb der hoheitsvolle Herrscher und Fugger der selbstbewußte Kaufmann. Jeder merkte, daß sich hier zwei aufeinander angewiesene Geschäftspartner begegneten und nicht zwei Freunde.
Hinter den Kulissen des Reichstags, der den ganzen Sommer über dauerte und mit verschiedenen Festen, Turnieren und Umzügen gefeiert wurde, begannen nun beinharte Kreditgespräche. Während auf den vielen offiziellen Versammlungen vor allem das Schicksal der Reformation zu Debatte stand – Philipp Melanchthon hatte seine berühmte „Augsburgische Konfession“ vorgelegt –, verhandelte man in der „Goldenen Schreibstube“ über die Finanzierung der Wahl Ferdinands zum Römischen König.
Des Kaisers Bruder drängte schon lange darauf, neben der relativ unbedeutenden Stephanskrone die Würde eines Königs über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu übernehmen. Karl V., der sich immer mehr als Weltkaiser fühlte, hatte nichts dagegen. Schließlich würde die Macht der Habsburger dadurch nur noch mehr gefestigt. Die Kosten für die Krone taxierten Ferdinands Finanzexperten im August 1530 auf rund 600.000 Gulden. Anton sicherte bis 15. Oktober insgesamt 356.545 Gulden zu. Einen Tag später bekamen die drei Fuggerneffen den schon erwähnten Adelsbrief und die Grafschaft Burgau ausgehändigt. Mit Fuggers Geld sollten die Stimmen von wenigstens fünf Kurfürsten gekauft werden. Das Schuldenkonto Ferdinands wuchs damit allerdings auf über eine Million Gulden an.
Wie sehr Anton seine Unabhängigkeit auch betonen und wie geschickt er sein diplomatisches Doppelspiel in Szene setzen mochte – angesichts solcher Summen war das Wohl seines Unternehmens untrennbar an das Schicksal der Habsburger gebunden. Und das konnte auch diesen nicht verborgen geblieben sein. Als die deutschen Kurfürsten im Januar 1531 in Köln zusammenkamen, um ihren König zu wählen, gab es außer Ferdinand keinen ernst zu nehmenden Kandidaten. Deshalb hatte Veit Hörl, den Anton mit dem Finanzmanagement der „Elektion“ beauftragt hatte, weniger Mühe als zwölf Jahre zuvor Wolff Haller bei der Wahl Karls. Das glanzvolle Ereignis der in Aachen zelebrierten Königskrönung wurde überschattet vom Tod der niederländischen Statthalterin Margarethe, in der die Fugger stets eine entschiedene Fürsprecherin hatten. Zu ihrer Nachfolgerin machte der Kaiser die Königinwitwe Maria von Ungarn, mit der – wie zu befürchten stand – weniger gut Kirschen essen war.
Bei den Verhandlungen über die Konditionen für die Wahlhilfe gab sich Anton mindestens ebenso zäh und hartnäckig wie sein verstorbener Onkel. Ferdinand mußte für die Kredite 10 Prozent Zinsen und darüber hinaus eine besondere „Ergötzlichkeit und Verehrung“ von 40.000 Gulden bezahlen. Anton hatte diese Sonderprovision damit begründet, daß er „bei diesen schweren Läufen das Geld selbst gegen Zinsen leihen“ mußte.
Oberflächlich betrachtet, durfte er also mit dem Geschäft durchaus zufrieden sein. Bei näherem Hinsehen allerdings zeigte sich, daß die Sicherheiten, die das Haus Habsburg für die immer größer werdenden Kredite bot, längst nicht mehr so solide und einträglich waren wie zu Zeiten Jakobs. Früher gab es noch Bergwerke und Münzrechte, nun vorwiegend wenig rentable Liegenschaften und Titel. Kein Wunder, wenn das Vermögen der Fugger in diesen Jahren keineswegs mehr so stürmisch wuchs.
Während Jakob über einen langen Zeitraum hinweg pro Jahr über 50 Prozent Gewinn erwirtschaftet hatte, vermehrte sich das Geschäftskapital in der Zeit von 1527 bis 1536 nur um 120.000 Gulden oder spärliche 2,2 Prozent im Jahr. Die Ursachen dafür waren vielfältig: Kaiser Karl V. war dank seiner spanischen Reserven und militärischen Erfolge viel weniger zu beeinflussen als sein Großvater Maximilian. Außerdem hatte sich die Konkurrenz unter den Großkaufleuten beträchtlich verschärft, da die Geschäftsmethoden Jakob Fuggers Schule gemacht hatten und überall Nachahmer fanden.“
„Was Anton gelegentlich so deprimierte, war die Einsicht, daß sein Handlungsspielraum immer kleiner wurde, je mehr der Konzern an politischer Bedeutung gewann. Klar dominierte in diesen Jahren die Politik über die Wirtschaft. Hatte Jakob einst den Kaiser Maximilian beherrscht, so war es nun der ungleich stärkere Karl, der den Geschäftsleuten vorschrieb, was sie zu tun hatten
Welcher Bankier hätte es beispielsweise wagen können, dem Kaiser einen Kredit abzuschlagen, wenn davon das Schicksal des Abendlandes abhing! Was zählten die Bedenken und Ängste einer schwäbischen Krämerseele, wenn Europa vor den Türken gerettet und der christliche Glaube gegen die reformatorischen Ketzer verteidigt werden mußte? Früher war ein Jakob Fugger stets genauestens über die Vorhaben der Majestäten unterrichtet, und oft genug hatte er diese entscheidend beeinflußt. Jetzt aber bemühte sich der Neffe oft vergebens, den Plänen und Absichten der Habsburger rechtzeitig auf die Spur zu kommen. Zwar war die Finanzkraft der Fugger so bedeutend, daß weder Karl V. noch sein Bruder Ferdinand auf sie verzichten konnten, aber der eine wie der andere bedienten sich ihrer immer bedenkenloser.
Hatten die kaiserlichen Räte Maximilians bei einem Jakob Fugger wegen 20.000 Gulden noch tagelang verhandeln müssen, so forderte der stolze Spanier nun oft barsch Beträge an, die zehn- oder zwanzigmal größer waren. Anton vermochte sich den ständigen Geldwünschen kaum zu entziehen. Jeden ernsthaften Widerstand brach der Kaiser sofort, indem er den italienischen Fuggerkonkurrenten bedeutende Finanzierungsprojekte zu außergewöhnlich günstigen Konditionen übertrug.
In Antwerpen, das zum bedeutendsten Finanzplatz Europas aufgestiegen war, galten beispielsweise die Italiener Gaspare Ducci und Agostino Chigi als die gewitztesten und erfolgreichsten Bankiers, während die Fugger im Ruf nachlassender Finanzkraft und übertrieben konservativer Geschäftsprinzipien standen. Für Anton ergab sich die Alternative: entweder die zunehmende Abhängigkeit des Konzerns vom Haus Habsburg zu dulden oder aber auf die angestammte Führungsrolle in der internationalen Hochfinanz zu verzichten.
Der sensible, sich seiner Widersprüche durchaus bewußte Kaufmann wollte weder das eine noch das andere. Dank seiner Intelligenz und der unerhörten Wirtschaftsmacht seines Konzerns gelang es ihm auch erstaunlich lange, sich an der Spitze der Finanzwelt zu behaupten, ohne in den zahlreichen politischen Krisen ernsthafte Einbußen hinnehmen zu müssen. Auf die Dauer freilich – darüber machte sich Anton Fugger gewiß keine Illusionen – war dieser Kurs nicht durchzuhalten.“
„Immer, wenn die Habsburger zum Schwert griffen, mußte Anton in die Kasse fassen. Und da Karl V. partout die Welt beherrschen wollte, dauerten die Zeiten zwischen den Kriegen nie sehr lange. Kaum waren wieder einmal die Franzosen eingeschüchtert, da erdreisteten sich doch die Schweizer, dem Ketzer Zwingli nachzulaufen. Zum Glück gab es dort tief in den Bergen die standhaften Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden sowie die Städte Luzern und Zug, die sich mit der nötigen Unterstützung zu einem katholischen Bollwerk gegen die protestantische Flut ausbauen ließen.
Nachdem beim ersten Gefecht anno 1529 unprogrammgemäß die Reformer gesiegt hatten, konnte sich ein Anton Fugger selbstverständlich den Bitten der Katholiken um Waffen und Geld nicht entziehen. Tatsächlich gelang es den kaiser- und papsttreuen Gebirglern dann auch mit Fuggers Hilfe, in der Schlacht bei Kappel am 11. Oktober 1531 den Siegeszug der Andersgläubigen zu stoppen und den Oberketzer Huldrych Zwingli so schwer zu verwunden, daß er noch am gleichen Tag starb.
Die Unterstützung durch den Augsburger Konzern erschien den Habsburgern im Laufe der Jahre so selbstverständlich, daß sie immer weniger Mühe zur Kontaktpflege aufwandten. Insbesondere nach glücklich erfochtenen Siegen ließen die kaiserlichen Gunstbezeigungen auffällig nach. Anton beschloß deshalb, bei der nächstbesten Gelegenheit seine stolzen Geschäftspartner vom hohen Roß herabzunötigen. Diese Chance kam, als Philipp von Hessen sich der Sache des von den Habsburgern vertriebenen Herzogs Ulrich von Württemberg annahm und mit einer wohlgerüsteten Streitmacht im Schwabenland einrückte.
Die Verteidigung des von österreichischen Truppen okkupierten Herzogtums oblag König Ferdinand, der eilends seinen Pfennigmeister Johann Löble nach Augsburg schickte, um die Kriegskasse aufzufüllen. Wider Erwarten zeigte Anton wenig Interesse, obwohl Landgraf Philipp ja indirekt auch seine eigenen Besitztümer bedrohte. Erst nach langem Zögern, als es schon fast zu spät war, bequemte sich der Kaufherr, ganze 50.000 Gulden herauszurücken. Der König mußte ihm dafür Tafelsilber und Schmuck verpfänden und darüber hinaus Einkünfte aus den Erzminen von Hall, Schwaz und Joachimsthal überlassen.
Fuggers Geld reichte indessen nicht aus, in aller Eile eine ebenbürtige Streitmacht aufzustellen. Nach einem bitterkalten Winter schlug der Hesse die habsburgischen Truppen am 13. Mai 1534 bei Lauffen am Neckar entscheidend. Anton Fugger war darüber jedoch keineswegs unglücklich, zumal er sich bald davon überzeugen konnte, daß es dem Hessen lediglich um die Rückkehr des württembergischen Herzogs ging. Noch bevor Ferdinand im Frieden zu Kaaden notgedrungen auf Württemberg verzichtete, ließen Fuggerfaktoren gegenüber britischen Diplomaten durchblicken, daß der Krieg ohne weiteres hätte gewonnen werden können, wenn Anton dem König statt nur 50.000 Gulden 150.000 geliehen hätte.
Wieder einmal hatte ein Fugger die Macht des Geldes demonstriert, aber die Freude darüber währte in Augsburg nicht lange. Zwar zeigte sich nun plötzlich auch Karl V. wieder von seiner großzügigen Seite, indem er den Fuggern das kaiserliche Münzprivileg für die Dauer von zehn Jahren anvertraute, dafür ließen aber neue Kreditgesuche, die den Konzern noch enger an das Erzhaus binden sollten, nicht lange auf sich warten.
Am 25. September 1534 starb mit Papst Clemens VII. ein langjähriger Gegner des Kaisers. Deshalb sollte jetzt nach den Plänen der Habsburger ein Vertrauensmann auf dem Stuhl Petri Platz nehmen. Noch während der Medici mit dem Tod rang, hatte König Ferdinand Vorbereitungen getroffen, um die Wahl des ihm ergebenen Trientiner Kardinals Bernhard von Glues zu sichern. Selbstverständlich war er sich darüber im klaren, daß dies in erster Linie eine Geldfrage war. Sein „Finanzminister“ Johannes Zott nahm deshalb Kurs auf Augsburg.
Auch für die Fugger hätte die Wahl eines deutschfreundlichen Papstes zweifellos Vorteile gebracht. Denn seit der unseligen Plünderung Roms war das Kirchengeschäft nie mehr so richtig in Gang gekommen. Anton sagte deshalb ohne weiteres 100.000 Dukaten zu. Aber in der Folge haperte es, wie schon mehrfach bei Ferdinands Projekten, am Management. Noch bevor das Schmiergeld in Rom eintraf und die 35 Kardinäle „geimpft“ werden konnten, trat bereits am 11. Oktober 1534 das Konklave zusammen.
Die gewitzten römischen Kleriker hatten offenbar eine Kampagne der Habsburger erwartet und – ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit – aufs Tempo gedrückt. Gewählt wurde der vom französischen Lager vorgeschlagene Dekan des Heiligen Kollegs, Alessandro Farnese. Der sechsundsechzigjährige Italiener galt als relativ reformfreudig und politisch neutral. War es auch diesmal durch Nachlässigkeit nicht geglückt, die Papstwahl entscheidend zu beeinflussen, so zeigt doch Antons großzügiger Kredit, daß auch er keineswegs zimperlich war, wenn es um Geschäfte mit Kirche und Glauben ging.
Seinen Geschäftspartner plagte nach dem Fehlschlag ein neues Problem: Wie konnte man es nur anstellen, grübelte König Ferdinand, die vom Fugger für die Papstwahl bereitgestellten 100.000 Dukaten in die eigene Tasche zu lenken? Es gelang ihm schließlich, als er Anton die Garantie gab, daß in den nächsten zehn Jahren sämtliches in Tirol geförderte Kupfer und Silber ausschließlich den Fuggern verpfändet werde. Nun hatte auch Anton erreicht, was schon Jakob für kurze Zeit geglückt war: Er besaß praktisch das Finanzierungsmonopol bei Hofe. Das galt freilich nur für den Hof Ferdinands; der Kaiser ließ sich nicht so leicht vor den Karren der Kaufleute spannen. Im Gegenteil: Er verstand es immer wieder, sich die Fugger gefügig zu machen und sie – manchmal sogar gegen ihren Willen – für seine Zwecke einzusetzen. Schon die geographische und menschliche Distanz zwischen Kaiser und Kaufmann erschwerte den Konsens. Karl sprach kein Wort Deutsch, Anton mochte sich aus schwäbischem Stolz nicht in Latein unterhalten. Den Spanier umgab stets eine Aura der Unnahbarkeit, und die Zeiten waren vorbei, da sich ein Kaiser von einem Fugger zu fröhlichen Landpartys einladen ließ. Jetzt regierte das strenge spanische Protokoll. Auch der altgewohnte Stil im Umgang mit den Beratern und Vasallen der Majestät wollte sich nicht mehr so recht bewähren. Als beispielsweise der Finanzexperte und einflußreichste Hofbeamte Karls V., Nicolas Perrenot de Granvella, in Augsburg seinen Besuch ankündigte, ritt ihm Hans Jakob Fugger zusammen mit dem Augsburger Bürgermeister und einem Troß von 21 Begleitern bis Schongau entgegen.
Auf Französisch hielt ihn der älteste Sohn Raymunds willkommen, dann überreichte er ihm einen schwer gefüllten Silberpokal. Groß war das Erstaunen der biederen Schwaben, als der stolze Spanier zwar den Pokal annahm, seinen Inhalt aber mit dem Bemerken zurückgab, er habe, seit er im Dienst des Kaisers stehe, noch nie eine Schenkung in Münze und Gold angenommen. Die Willkommensgabe der Fugger hatte aus 500 Goldgulden bestanden.
Auch die zweite Anlaufstelle der Fugger am kaiserlichen Hof, der Finanzstaatssekretär Francisco de Erasso, erwies sich als so unbequem, daß Anton in einem seiner Briefe an den Antwerpener Faktor Matthäus Örtel voll Zorn schrieb: Den Erasso belangend, der ist einmal dermaßen geschaffen, daß ich gar nicht denke mit ihm zu handeln und ist gewiß, daß er seinem Herrn übel dient, der will es aber also haben.
Tatsächlich aber war es so, daß sich der Finanzstaatssekretär aus der Sicht des Kaisers als überaus tüchtig erwies, während er mit den schwäbischen Kaufleuten mitunter ebenso unverfroren umsprang wie diese einst mit den hilflosen Beamten der Innsbrucker Raitkammer. Verwirrt klagte Antons Faktor Konrad Mair, Erasso lasse sich zwar wohl bestechen, mache dann aber hinterher doch, was er wolle. Den Augsburger Kaufherrn beschlich langsam das Gefühl, nicht mehr ein Macher, sondern ein Gemachter zu sein.
„In dem Jahrzehnt zwischen 1536 und 1546 wuchs die Firma zwar schneller als je zuvor, aber sie bezahlte ihre Expansion mit dem Verlust der Unabhängigkeit. Die Geschäfte, auf die sich Anton einließ, wurden immer größer, der Ertrag erreichte jedoch nie mehr auch nur annähernd das „gesunde Maß“ Jakobs. Um die horrenden Kreditwünsche der Habsburger Monarchen befriedigen und die eigene Vormachtstellung auf den Finanzmärkten sichern zu können, mußten die Fugger nun viel mehr Fremdkapital als früher aufnehmen.
Sie borgten sich das Geld bei der Augsburger Konkurrenz oder – meist getarnt über Mittelsmänner wie Lazarus Tucher und Gaspare Ducci – an der Antwerpener Börse. Selbstverständlich mußten sie für die Depositen hohe Zinsen bezahlen, die zu Lasten ihres Gewinns gingen. Dabei warfen die Anleihegeschäfte jetzt bei weitem nicht mehr so viel ab wie in jenen Tagen, als Jakob Fugger den Tiroler Bergbau eroberte. Angesichts der riesigen Summen, die jetzt verlangt wurden, reichten die Erträge der seit Jahrzehnten überschuldeten Tiroler Kupfer- und Silbergruben als Sicherheiten schon lange nicht mehr aus. Lukrativ blieb dagegen nach wie vor der Quecksilberabbau in Almaden, der trotz der hohen Pacht von jährlich über 150.000 Dukaten einen Reingewinn von rund 55 Prozent einbrachte. Immer häufiger aber wurden die Fugger mit ihren Anleihen auf spanische Steuereinnahmen, neapolitanische Renten und südamerikanische Silberschiffe verwiesen.
Das Edelmetall stammte größtenteils aus der Minenstadt Potosi am Fuß des sagenhaften Silberbergs im bolivianischen Hochland. Zwar landete auf diese Weise noch ein erheblicher Teil des südamerikanischen Reichtums in den Kassen der Fugger, obwohl diese ihre eigenen Kolonialpläne längst aufgegeben hatten, aber gesteuert und kontrolliert wurde der Silberstrom ausschließlich von Spaniern. Während die Fugger früher den Bergbau in eigener Regie gemanagt und ihre Gewinne praktisch nach Gutdünken selbst festgelegt hatten, bekamen sie jetzt für ihre Anleihen nur noch den marktgängigen Zins.
Ein besonders bequemer Geschäftspartner war auch des Kaisers Bruder nicht. König Ferdinand, willensschwächer als Karl, versuchte immer wieder, sich hinterrücks den Fängen der Augsburger Finanzmafia zu entziehen, da ihm zum offenen Widerstand Mut und Standvermögen fehlten. Nie war sich Anton Fugger seines hohen Schuldners restlos sicher, denn Ferdinand nutzte jede Gelegenheit, die Bankiers und Kaufleute gegeneinander auszuspielen.
In seiner permanenten Geldverlegenheit ließ sich der König mit jedem Geschäftspartner ein, auch wenn dieser im protestantischen oder gar französischen Lager stand. So trug er sich eines Tages mit dem Gedanken, für rund 200.000 Dukaten einen wertvollen Seehafen an seine venezianischen Erzfeinde zu verkaufen.
Einen neuen Beweis seiner sprunghaften Geschäftspolitik lieferte er im Frühjahr 1538. Da ihm Anton gerade ein Kreditgesuch abgeschlagen hatte, wandte er sich kurzerhand an die mit den Fuggern seit Jahren in Fehde liegende protestantische Reichsstadt Ulm. Tatsächlich lieh ihm der wohlhabende Ulmer Bürgermeister Georg Besserer 20.000 Gulden. Er ließ sich dafür als Sicherheit die noch an Jakob verpfändeten Herrschaften Kirchberg, Weißenhorn, Illerzell, Wullenstetten, Pfaffenhofen, Marstetten und Buch überschreiben.
Ferdinand hoffte, mit der Drohung, die Fuggerschen Latifundien nach Ablauf der Pachtverträge den Ulmern zu überlassen, Antons Schatulle zu öffnen.
Der Kaufmann reagierte schnell und entschlossen. Am 11. Juli 1538 schrieb er dem König einen deutlichen Brief, in dem er die dringende Bitte äußerte, Ferdinand möge sein „Gemüt und Willen gnädigst berichtigen“. Tatsächlich ließ der Habsburger seine Verkaufsabsicht einen Monat später dementieren. Dafür beteiligten sich die Fugger nun an der Kollekte zur Türkenabwehr.
Solange sie in Geschäftsverbindung standen, hatten Anton und Ferdinand ihre liebe Not miteinander. Keiner traute dem anderen über den Weg, aber jeder war auf den anderen angewiesen. Der König versuchte seine Selbständigkeit dadurch zurückzugewinnen, daß er die anderen großen Augsburger Kaufleute wie Hieronymus Seiler, Sebastian Neidhart, Melchior Manlich, Anton Haug und die Gebrüder Pimmel verstärkt in Anspruch nahm – auch wenn diese zusammen kaum halb so viel Kapital wie Anton Fugger aufzubringen vermochten. Der Konzernherr erkannte klar die Gefahren der wachsenden Verschuldung Habsburgs. Aber sein verzweifelter Unabhängigkeitskampf mußte zwangsläufig mit einer Niederlage enden, wenn er nicht bereit war, die Bühne der Weltpolitik zu verlassen.“
„Die ständigen Kriege überforderten nicht nur die Staatsfinanzen, sondern auch die Kassen der Fugger. Nur weil immer wieder ganze Konvois mit Silber- und Goldladungen in Cadiz eintrafen und weil der Kaiser die neu eroberten Gebiete in Italien wie Zitronen auspreßte, konnte er das Reich zusammenhalten.
Anton Fugger wurde, ob er wollte oder nicht, immer tiefer in die Staatsgeschäfte verstrickt. Zeitweilig glich sein Kontor am Augsburger Weinmarkt eher einer Staatskanzlei als der Zentrale eines Privatunternehmens. Zur Finanzierung des Krieges gegen Chaireddin Barbarossa mußte er die für damalige Verhältnisse gigantische Summe von 750.000 Gulden lockermachen. Kaum war das Geld verpulvert, standen ihm die Emissäre König Ferdinands ins Haus, die eine Kollekte mehr zur Bekämpfung der Türken veranstalteten.
Da die ungarischen Erzgruben wegen der Wilden-Reiter-GmbH des Sultans für den Kaufmann erheblich an Reiz eingebüßt hatten und der Habsburger ansonsten nicht sehr viel zu bieten hatte, ließ sich Anton Fugger den Widerstand gegen die Ungläubigen kaum mehr als ein Taschengeld kosten. Auch die übrigen Augsburger Bosse, wie der außerordentlich erfolgreiche Sebastian Neidhart, die Gebrüder Pimmel oder Hans Baumgartner, verschlossen flugs ihre Truhen. Zu oft hatte man sie schon mit dem Schrecken aus dem Osten geködert, als daß sie sich jetzt zur Herausgabe zusätzlicher Gelder animieren ließen. Tatsächlich aber eroberten die Türken wenig später nochmals die ungarische Hauptstadt, und die Augsburger Montanmagnaten hatten nun allen Grund, um ihre Investitionen zu zittern.“
„1537 wollte Anton bereits die ungarische Montanpacht aufgeben. Am liebsten wäre es ihm gewesen, der Staat hätte die Bergwerke in eigener Regie betrieben und ihm das gesamte Kupfer zum Verkauf überlassen. Dann wäre er allen Ärger mit den Arbeitern wie mit den Türken losgeworden und hätte mit geringerem Risiko am Kupferhandel verdienen können. Des Königs Räte aber überredeten Georg Hörmann in Wien zum Bleiben. Sie wollten auf die eingespielte Organisation der Fugger nicht verzichten, da sie wußten, daß die staatliche Verwaltung der komplexen Aufgabe nicht gewachsen war.
Selbstverständlich ließ sich Anton dieses Nachgeben mit allerlei Privilegien honorieren. Ab sofort mußten die ungarischen Betriebe weniger Steuern bezahlen, die Löhne ihrer Arbeiter durften gekürzt, das Leistungssoll konnte angehoben werden. Schließlich durften sogar Kinder beschäftigt werden. Obwohl die Erträge nun erfreulich anstiegen, wollte sich bei Anton auf die Dauer keine ungetrübte Freude über die ungarischen Stollen einstellen.
Die Zustände in den Gruben wurden nämlich so unhaltbar, daß sich die Bürger in den nahen Städten mit den geschundenen Bergarbeitern solidarisierten und eines Tages sogar die Minen besetzten. Nach Meinung Antons war der König verpflichtet, „Aufruhr, Empörung und Abfall“ zu verhindern. Vorsorglich ließ der Fugger einen Trupp bewaffneter Soldaten in Neusohl einmarschieren und die Arbeiter mit Gewehren in die Stollen zwingen. Als der Widerstand gebrochen war, zeigte er sich geneigt, den Pachtvertrag um weitere fünf Jahre zu verlängern.
Selbstverständlich beeilte sich Ferdinand, dem wichtigsten Geldgeber die Rechtmäßigkeit seines Verhaltens zu bestätigen und die aufmüpfigen Neusohler Bürger unter Kuratel zu stellen. Denn der König brauchte die Fugger bei den Erbschaftsauseinandersetzungen mit der Witwe Johann Zapolyas. Der ungarische König war im Juli 1540 gestorben, und nach den alten Abmachungen hätte die Krone schon seit dem Tod Ludwigs II. Ferdinand zugestanden. Aber kurz vor Zapolyas Tod hatte seine Frau Isabella einen Sohn geboren, den sie nun zum Erben machen wollte.
Als Ferdinand auf seinem Anspruch beharrte, rief Isabella den Sultan zu Hilfe, während der Habsburger hoffte, mit Fuggers Geld und Einfluß doch noch legal Alleinherrscher über Ungarn zu werden. Bisher hatte er lediglich das sogenannte königliche Ungarn regiert, einen relativ schmalen Gebietsstreifen, der einen Teil Kroatiens, das Gebiet bis zum Plattensee und im Nordosten den Bezirk Zips umfaßte.
Auch wenn das diplomatische Ränkespiel letztlich vergeblich war, weil Rest-Ungarn zu einer Provinz – einem sogenannten Paschalik – des Osmanischen Reichs wurde, kosteten die Auseinandersetzungen den Augsburger Konzernherrn doch eine Menge Zeit und Energie.“
„Damit beginnt nun das traurigste Kapitel der Fuggergeschichte. Denn die eigentlich führerlose Firma war den neuen finanzpolitischen Manövern ihres größten Schuldners nicht mehr gewachsen. Immer wieder verstand es der kaiserliche „Finanzminister“ Francisco de Erasso, das schwäbische Handelshaus buchstäblich auszuplündern. Mal geschah dies mit horrenden Versprechungen, mal mit brutalen Drohungen. Und wenn beides nicht half, dann wurde der Antwerpener Faktor Matthäus Örtel so lange bestochen – oft mit dem von ihm zur Verfügung gestellten Geld –, bis er schließlich doch nachgab. Und in Augsburg sah sich Anton außerstande, dem bösen Treiben Einhalt zu gebieten.
Oft erfuhr er zu spät – oder gar nicht mehr –, daß wieder eine neue Anleihe gezeichnet, ein neuer Kredit genehmigt wurde. Für gewöhnlich lief das folgendermaßen ab: Francisco de Erasso wandte sich an Matthäus Örtel, und der Faktor suchte Rückendeckung bei Hans Jakob Fugger. Antons Neffe war stolz darüber, in solch wichtigen Transaktionen das letzte Wort sprechen zu können, und er durchschaute meistens die Tricks der Spanier nicht, oder er ließ sich mit fadenscheinigen Versprechungen abspeisen. Wenn es auf diese Weise nicht funktionierte, schickte Erasso seine schärfste Waffe an die Kreditfront: den listigen Geldhändler Josef vom Goldenen Schwan. Geschickt verstand es der aus dem Frankfurter Getto stammende Jude, selbst den alten Anton Fugger einzuwickeln. Es gelang ihm vor allem mit dem Argument, daß seine jüdischen Kollegen begierig darauf seien, die schwäbischen Kaufleute als Kreditgeber der Majestäten abzulösen.“
Karl V. ist erledigt
„Schon ab der Antwerpener Ostermesse des Jahres 1555 begann sich das Kreditkarussell schneller zu drehen. Angeschoben wurde es auch von dem neu gewählten Papst. Paul IV. alias Gian Pietro Carafa wollte die von den weltlichen Mächten korrumpierte Kirche von Grund auf erneuern. Er hielt nichts vom Trientiner Konzil und sandte statt dessen die Inquisitoren mit ihren Folterinstrumenten aus, um die Ketzer zur Räson zu bringen.
Der universale Machtanspruch Karls V. war ihm ebenso zuwider wie der halbherzige Kompromiß des Augsburger Religionsfriedens. Für Frankreichs Heinrich II. gab er deshalb einen idealen Bundesgenossen gegen die Habsburger ab. Und je mehr der Franzose mit Hilfe des Papstes aufrüstete, desto höher wurden die Kreditforderungen der spanischen Majestät an die Fugger. „Sobald das Signal gegeben wurde, trieb ein Keil den anderen“, vermutet Götz von Pölnitz. „Erasso und Josef vom Goldenen Schwan arbeiteten sich in die Hand.“
Hans Jakob sah ohnmächtig zu, wie die Feinde der Fuggergesellschaft allenthalben Boden gewannen. Für die wahnwitzige Schuldenpolitik des Herrscherhauses mochte schließlich auch der resignierte Kaiser nicht mehr geradestehen. Im Oktober übergab er die Regierung der Niederlande seinem Sohn Philipp, und gegen Ende des Jahres 1555 festigte sich in ihm die Überzeugung, daß seine Politik und sein Regime gescheitert seien. Die politische und wirtschaftliche Bankrotterklärung waren unausweichlich.
Der bedeutendste Herrscher der Epoche, der einst die ganze Welt regieren wollte, erklärte am 16. Januar 1556 in Brüssel seinen Rücktritt. Spanien, Amerika, die Niederlande und Burgund fielen an Philipp, Österreich und die Kaiserkrone an Ferdinand. Verbittert zog sich der gescheiterte Regent ein paar Monate später in die Einsamkeit des Klosters San Geronimo de Yuste in Estremadura zurück, wo er schließlich am 21. September 1558 nach zunehmender Verwirrung seines Verstandes starb.
Kaum hatte der Kaiser abgedankt, ließen König Philipp und sein Finanzratgeber jede Rücksicht fallen. Bereits am 1. Februar 1556 preßten sie den Fuggern in Antwerpen 400.000 Dukaten ab. Zahlten die Kaufleute nicht, dann – so drohte Erasso – seien ihre spanischen Investitionen für immer verloren. Der König brauchte nämlich das Geld, um seine Soldaten zu bezahlen, die bereits zu meutern begannen und die Bevölkerung drangsalierten.
Örtel akzeptierte schließlich unter der Bedingung, daß alle bisherigen Schulden des Königshauses mit zwölf Prozent verzinst und durch Verpfändung relativ sicherer Kroneinkünfte abgedeckt wurden. Für die Rückzahlung des neuen Kredits hatten sich die höchsten niederländischen Beamten persönlich zu verbürgen. Hans Jakob Fugger vertrat gegenüber seinem Onkel die Ansicht, früher hätte sich die Firma nach derart massiv abgesicherten und hoch verzinsten Darlehen alle Finger geleckt.
Kaum zwei Monate später gab Örtel dann, wiederum von Hans Jakob gedeckt, ein weiteres Darlehen über 600.000 Dukaten. Als Gegenleistung erhielt er niederländische Rentmeisterbriefe. Das waren festverzinsliche Wertpapiere, für welche die Rentmeister der einzelnen niederländischen Provinzen geradestehen mußten. „Diese Rentmeisterbriefe“, urteilt Richard Ehrenberg, „waren schon seit geraumer Zeit als eine keineswegs sehr sichere Anlage betrachtet worden.“ Offenbar waren die Fugger zu dieser Zeit bereits nicht mehr Herr ihrer eigenen Entschlüsse.
Mit der Drohung, sämtliche früheren Schulden verfallen zu lassen, machte sich Francisco de Erasso die einst so hartgesottenen Schwaben immer wieder gefügig. Als schließlich leere Drohungen nicht mehr wirken wollten, ließ er kurzerhand die Fuggerbetriebe in Spanien enteignen und die Maestrazgo-Verträge kündigen. Anstatt nun endgültig jeglichen Geschäftsverkehr mit den Habsburgern abzubrechen, wie das vielleicht noch Jakob der Reiche riskiert hätte, ließen sich der altersschwache Anton und seine wenig erfahrenen Neffen immer noch mehr Geld aus den Taschen ziehen.
Anfang 1557 lieh Örtel nochmals 430.000 Dukaten, die zurückbezahlt werden sollten „von dem ersten Gold und Silber, so aus Indien kommen wird“. Wundert sich Richard Ehrenberg: „So ging es weiter: Statt daß die Fugger ihre älteren Vorschüsse zurückerhielten, mußten sie dem Haus Österreich in anderthalb Jahren so viel Geld leihen, wie dies in so kurzer Zeit niemals vorher von ihnen beansprucht worden war. Erasso pumpte sie geradezu aus. Dank verdienten sie dadurch weder bei ihm noch bei seinem Herrn.“
Nie zeigte sich die Abhängigkeit des Gläubigers von seinem Schuldner deutlicher als in den ersten Monaten des Jahres 1557. Im April schrieb Faktor Örtel aus Antwerpen an den Seniorchef nach Augsburg: „Ich wüßte nicht, wie ich es bewerkstelligen sollte, den Erasso uns zum Freund zu machen; denn seinesgleichen ist mir noch nicht begegnet, der einem ins Gesicht so gute Worte macht und hinter dem Rücken immer das Gegenteil sagt … Denn er und die Seinen sagen jedem, der es hören will, man habe mit niemand so viel Klage und so wenig Vorteil wie bei uns“. Welch ein Unterschied zu den Zeiten, als Kaiser Maximilian bei Jakob dem Reichen um ein paar Gulden bettelte, damit er seinen Schneider bezahlen konnte!“
Staatsbankrott Nr. 1 und Betrug
„Zu Jakobs Zeiten waren die Habsburger zwar auch verschuldet, aber sie besaßen noch die unermeßlichen Bergschätze Tirols. Nun aber, da das südamerikanische Silber sinnlos auf den Schlachtfeldern verpulvert war und neue Bodenschätze nicht zur Verfügung standen, hatte König Philipp keine andere Wahl mehr, als sich schlicht für zahlungsunfähig zu erklären. Im Juni 1557 unterschrieb er in Valladolid jenes Dekret, das den ersten offiziellen Staatsbankrott der Geschichte einleitete.
Die Schulden der Krone – insgesamt rund sieben Millionen Dukaten – sollten zwar nicht völlig verfallen, aber die Gläubiger mußten ab sofort auf die vereinbarten Tilgungsraten verzichten. Hatte ihnen das Herrscherhaus vorher Einnahmen aus Steuern, Pachten oder Bergwerken versprochen, so mußten sich die Geldgeber nun mit minderwertigen Wertpapieren zufriedengeben. Diese sogenannten Juros brachten zwar zwischen fünf und siebeneinhalb Prozent Zinsen, fielen aber im Kurs an der Antwerpener Börse über Nacht um fünfzehn Prozent.
Kurz zuvor hatten die Fugger weitere Kredite gewährt und sich dafür Silber aus Amerika im Wert von 570.000 Dukaten überschreiben lassen. Ausnahmsweise genehmigte die Regierung sogar die Ausfuhr des Metalls, das auf Schiffen von Sevilla nach den Niederlanden gebracht werden sollte. Kaum hatten jedoch die Karavellen im Antwerpener Hafen festgemacht, als königliche Soldaten an Bord kamen und die kostbare Ladung beschlagnahmten. Mit dem Dekret Philipps, so beschied Erasso dem Faktor Örtel, sei auch die Auslieferung des Silbers hinfällig geworden.
Die Nachricht von diesem offensichtlichen Betrug am größten Gläubiger der Krone verbreitete sich in der Welthandelsmetropole wie ein Lauffeuer. Binnen weniger Stunden sackte der Juro-Kurs um weitere 25 Prozent ab. Als der Alte in Augsburg davon erfuhr, tobte er durch die Kontore und drohte, sofort alle Zahlungen an die Habsburger einzustellen. Sein Zorn galt in erster Linie dem Antwerpener Faktor, da dieser für die meisten Kredite der letzten Monate verantwortlich war. Vergebens versuchte Matthäus Örtel den Chef zu beruhigen, indem er auf den Sieg hinwies, den Graf Egmont mit seinem aus Holländern und Briten bestehenden Heer im August bei Saint Quentin gegen die Franzosen erzielte. Als dies nicht viel half, beteuerte der Faktor, er habe alles versucht, um beim König eine Ausnahmebehandlung der Fugger zu erreichen, doch dieses Vorhaben sei von Erasso durchkreuzt worden. Philipp II. habe ihm selbst zweimal gesagt, „er tue es so ungern, wie er je eine Sache getan, doch die große Not zwinge ihn dazu, damit man mit dem Kriegsvolk nicht zuschanden werde“. Erasso indes habe es nie gern gesehen, daß den Fuggern ihre Forderungen in Spanien bezahlt würden. Jetzt sei es zu spät, den durchtriebenen Finanzexperten noch mit Geld zu bestechen: „Die Sache ist zu weit gekommen.“
Anton gab nichts mehr auf das Geschwätz seines Faktors, dessen persönliches Vermögen in den letzten Jahren verdächtig zugenommen hatte, während das Firmenkapital drastisch zusammenschmolz. Wütend schimpfte der um seine wohlverdiente Ruhe gebrachte Senior: »Der Teufel dank Euch diese Faktorei!« Noch einmal ergriff er für kurze Zeit das Ruder der Firma. Um »ruhig schlafen zu können«, entzog er dem unglücklichen Faktor erst die Handlungsvollmacht, dann befahl er seine fristlose Entlassung.
Anton wollte selbst an die Schelde reisen, um die Geschäfte wieder in Ordnung zu bringen. Doch sein schwacher Körper war dem neuerlichen Streß nicht mehr gewachsen. Mit hohem Fieber und am ganzen Leib zitternd lag er im Bett, während sich draußen das Schicksal des Konzerns entschied. Weil er den Neffen nicht traute, entsandte er seinen sechsundzwanzigjährigen Sohn Johannes zusammen mit dem bewährten Faktor Sebastian Kurz nach Antwerpen. Sie sollten retten, was noch zu retten war, sollten die Außenstände einziehen und, wenn es erforderlich war, neues Geld aufnehmen, um sämtliche Rechnungen pünktlich bezahlen zu können.
Der gute Ruf der Firma stand auf dem Spiel, die Gläubiger mußten beruhigt, die Mitarbeiter neu motiviert werden. Der erste spanische Staatsbankrott hatte die Familie etwa 30 Prozent ihrer Außenstände gekostet, also etwa eine runde Million Gulden. Die Folgen waren unübersehbar und konnten leicht zu einer Katastrophe führen, wenn nun in einer Kettenreaktion sämtliche Gläubiger ihr Geld zurückverlangten. „Der Kreditoren sind viel“, schrieb Anton ahnungsvoll nach Antwerpen, „und es sollte einem davor grausen.“
Wenn die Fugger noch einmal mit einem blauen Auge davonkamen, so hatten sie dies kurioserweise dem französischen König zu verdanken. Heinrich II. ließ nämlich, vom Erfolg seines Habsburger Rivalen angeregt, die Gläubiger ebenfalls vertrösten. Die üblicherweise bei den Augustmessen in Lyon und Paris fälligen Zinsen und Tilgungsraten wurden einfach nicht bezahlt. Wie vorher die Juros, so sanken nun auch die französischen Königsbriefe auf etwa 70 Prozent ihres Wertes.
Fuggerkonkurrenten wie die Welser, Tucher und Imhof, die sich noch vor kurzem über den Reinfall der Augsburger Kaisermacher gefreut hatten, mußten nun ebenfalls plötzlich riesige Verluste verkraften. Offenbar waren also die Nachfolger des reichen Jakob doch keine so schlechten Kaufleute, wie das noch vor wenigen Wochen in Augsburg und Antwerpen kolportiert wurde. Der Kredit der Firma stieg wieder in dem Maße, wie der ihrer Konkurrenten abnahm, und ihre Schuldbriefe, mit denen sie für acht Prozent Zinsen in Antwerpen große Summen aufnahmen, fanden sofort Abnehmer. „Jedermann“, so heißt es in einer zeitgenössischen Chronik, „nach der Fugger Briefe trachtete“ …
Einigen Genueser Banken war es bereits gelungen, wie der venezianische Gesandte Tiepolo aus Madrid nach Hause schrieb, ihre alten spanischen Forderungen in voller Höhe einzutreiben. Allerdings mußten sie dafür König Philipp neue Darlehen für den fortdauernden Krieg gegen Frankreich gewähren. Die Fugger hingegen bekamen keinen Gulden zurück und mußten untätig zusehen, wie die auflaufenden Zinsen ihre Forderungen in schwindelnde Höhen trieben.
Ende 1560 beliefen sich ihre spanischen Außenstände auf rund vier Millionen Gulden, gleichzeitig betrug aber das gesamte Gesellschaftskapital nur noch zwei Millionen Gulden. „Das Haus befand sich bereits in hochgradig gefährdeter Lage“, stellt Richard Ehrenberg fest. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß zu jener Zeit das Gesellschaftskapital schon viel geringer war als das hauptsächlich in Grund und Boden investierte Privatvermögen der Familie.
Erpressung in Deutschland
„Der einträgliche Coup seines Neffen Philipp brachte auch den deutschen Kaiser auf die Idee, sich an den Fuggern schadlos zu halten. Ferdinand wußte nur noch nicht so recht, wie er dies anstellen sollte. Als er dann eines Tages Nachricht erhielt, daß ein Fuggerangestellter namens Urban Mair beim Silberschmuggel nach Italien erwischt worden war, hielt er den Augenblick für gekommen, der Augsburger Firma die – wie er glaubte – jahrelange Benachteiligung gegenüber seinem Bruder Karl V. heimzuzahlen.
Programmgemäß gestand der unglückliche Angestellte unter der Folter, daß die Fugger seit langer Zeit systematisch die einschlägigen Zollbestimmungen umgangen hätten. Das reichte für einen prächtigen Schauprozeß gegen den immer noch verhaßten Konzern. Aber Ferdinand wollte das Geld, nicht die Ehre der Fugger. Nur wenn Anton neue Darlehen über mehrere 100.000 Gulden gewährte, sei er bereit, auf die Beschlagnahme des gesamten Firmenvermögens zu verzichten, ließen seine Emissäre den Kaufherrn wissen.
Anton, der sich früher über solche tölpelhaften Erpressungsversuche höchstens amüsiert hätte, reagierte nun gereizt, ja hilflos. Hastig ließ er wie schon beim Schmalkaldischen Krieg Geschäftspapiere in Sicherheit bringen und seine Flucht vorbereiten. Nur dem Eingreifen einiger älterer Faktoren ist es zu verdanken, daß ein solcher Schritt unterblieb, der letztlich nur als Schwäche ausgelegt werden konnte. Der Kaiser und sein königlicher Kaufmann aber hatten sich nichts mehr zu sagen. Künftig verkehrten sie nur noch „über ihre Anwälte“ miteinander. Vordergründig ging es um Zollvergehen, in Wahrheit aber pokerten sie um den Schuldenberg des Herrscherhauses.
Um seinen unbequemen Gläubiger gefügig zu machen, setzte der Kaiser bis auf das Militär alle seine Machtmittel ein. Er ließ Anton bespitzeln, seine Briefe abfangen und Boten überfallen. Der altersstarre Kaufmann wiederum verbot den Abgesandten Ferdinands sein Haus und gab Befehl, alle Zahlungen an den Hof sofort einzustellen. Als der Herrscher drohte, die Fugger aus den Tiroler Bergbaubetrieben zu vertreiben, konterte Anton: Er solle sich die Bergwerke doch nehmen und zusehen, wie er damit zurechtkomme. Man habe ja in Ungarn erlebt, was geschieht, wenn sich der Staat als Bergbauunternehmer versucht. Ferdinand merkte bald, daß der Widerstand der störrischen Schwaben nicht so leicht zu brechen war, zumindest nicht, solange der Alte lebte. Enttäuscht schimpfte der Kaiser, nachdem Anton seine Verteidigungsschrift übergeben hatte, „er wisse wohl, woran die Kaufleute so reich werden“. Das bloße Wissen freilich half ihm wenig, wenn er nicht in der Lage war, seine Tiroler Bodenschätze selbst auszubeuten.
Da die meisten anderen oberdeutschen Großkaufleute wegen ihrer französischen Verluste schlecht bei Kasse waren, konnte Ferdinand einen endgültigen Bruch mit den Fuggern nicht riskieren. Das Zollverfahren wurde deshalb wieder eingestellt, und Anton gab als Zeichen seines guten Willens im Frühjahr 1560 ein neues Darlehen über 40.000 Gulden für den nächsten Feldzug gegen die Türken. Dafür mußte ihm der Kaiser die Einnahmen der Salzämter in Wien und Aussee verpfänden. Ferdinands Sohn Maximilian bekam daraufhin noch einmal 30.000 Gulden zu zehn Prozent Zinsen.“
Anton Fugger
„Mit 32 Jahren stand Anton Fugger, schlank und blaß, vor der beinahe unlösbaren Aufgabe, aus dem Schatten des übermächtigen Toten zu treten. Er war klug, ehrgeizig und außerordentlich diszipliniert. Jahrelang hatte er ohne aufzumucken Jakobs herrisches Wesen ertragen und war doch kein Duckmäuser geworden. Er wußte, daß man jede seiner Entscheidungen sofort an dem großen Alten messen würde. Vermutlich ahnte er zudem, daß es ein großer Zufall wäre, wenn nach drei erfolgreichen Fuggergenerationen auch die vierte Glück hätte.
Sein bereits stark strapaziertes Selbstbewußtsein überwand indes bald alle derartigen Zweifel. Zum Nachdenken hatte er auch nicht allzuviel Zeit, denn die Ereignisse stürzten auf ihn ein. Anton war für seine neue Aufgabe keineswegs schlecht vorbereitet, auch wenn er, solange Jakob lebte, nie die Rolle des Kronprinzen spielen durfte. Der Alte war stets der Meinung gewesen, die künftigen Erben sollten sich gefälligst mit Hilfe ihrer eigenen Ellenbogen vordrängen, wenn sie einen Platz an der Spitze einnehmen wollten. In der Augsburger Zentrale hätten sie aber praktisch »unter Naturschutz« gestanden und niemals gelernt, selbständig zu entscheiden. Anton Fuggers Lehrjahre waren deshalb Wanderjahre.
Wie ein gewöhnlicher Angestellter hatte er seinen Dienst in den Faktoreien von Nürnberg, Breslau, Krakau, Wien und Ofen versehen, ehe er auf Weisung des Chefs nach Rom versetzt wurde. Als er im Herbst 1514 aus Breslau nach Augsburg schrieb, er sei dafür, Schloß und Stadt Freiwaldau aus politischen Gründen zum Schein an den Faktor Hans Süß zu verkaufen, ließ ihn Jakob ohne direkten Befehl. Anton verkaufte. Als Einundzwanzigjähriger entdeckte er in der ungarischen Metropole, daß Faktoren und Angestellte in die eigene Tasche wirtschafteten. Ohne zu zögern stellte er die Übeltäter bloß und sorgte für ihren sofortigen Rausschmiß. Auch dies hatte der Chef in der »Goldenen Schreibstube« mit Wohlwollen beobachtet, ohne den Neffen jedoch besonders zu loben.
Die entscheidende Station auf Antons Weg nach oben aber wurde Rom. Wie schon Jahrzehnte vor ihm Jakob, so fühlte sich nun auch Anton von der Pracht und dem Reichtum, der intellektuellen Raffinesse und der unermüdlichen Geschäftigkeit der Weltstadt am Tiber fasziniert. Schlagartig wurde er sich seiner Provinzialität bewußt, als er die eleganten römischen Playboys sah. Im Nu begriff er auch, daß Augsburg offenbar doch nicht der Nabel der Welt war und daß am Tiber Dinge, die am Weinmarkt vielleicht erhebliche Bedeutung besaßen, nicht das geringste Interesse erregten.
Der junge Schwabe, kaum der dumpfen Atmosphäre der Fuggerkontore entronnen, stürzte sich Hals über Kopf ins Dolce vita. Augsburg war weit und der Onkel nur noch ein alter Mann. Was Anton während seiner römischen Sturm-und-Drang-Zeit alles anstellte – ob er sich kostspielige Freundinnen hielt, ob er spielte oder auf eigene Rechnung dunkle Geschäfte machte –, davon erfuhr nicht einmal der Onkel etwas. Sicher ist nur, daß der junge Herr bald 700 Dukaten Privatschulden hatte – nach heutigem Geld etwa eine Viertelmillion.
In seiner Not wandte sich Anton, da Jakob um keinen Preis davon erfahren durfte, an seinen Schwager Hans Baumgartner den Jüngeren. Ihm hatte er als einzigem schon früher seine Wut und Enttäuschung über den unduldsamen Oheim anvertraut, und Baumgartner hatte geschwiegen. Auch diesmal erwies er sich als guter Freund. Obwohl ihm dies bestimmt nicht leichtfiel, trieb er als Mitinhaber einer gutgehenden Handelsgesellschaft das Geld auf, das er über einen vertrauenswürdigen Mittelsmann nach Rom schickte. Baumgartner bot Anton – freilich vergebens – sogar an, als sein Teilhaber nach Augsburg zu kommen. Sorgfältig vermieden die beiden Konspiranten in ihrem Briefwechsel jeden Hinweis auf das heimliche Geschäft: »Es will sich nicht fügen zu schreiben«, hatte Anton den Freund gewarnt.
Fortan kümmerte sich der Fugger immerhin mehr ums Geschäft als ums römische Nachtleben. Chef der Filiale im Rione di Ponte war nominell immer noch der alte Zink, aber die laufenden Geschäfte erledigten der aus Nürnberg stammende Faktor Engelhard Schauer und der Augsburger Patriziersproß Christoph Muelich. Nun aber, daran ließ jakobs Neffe keinen Zweifel, würde nur noch einer das Sagen haben – er selbst.
In dem Bestreben, seine finanziellen Eskapaden wiedergutzumachen, zeigte der Juniorchef eine Härte, die ihm seine Angestellten bestimmt nicht zugetraut hatten. Von Zink und den beiden anderen Faktoren ließ er sich in die mitunter recht verschlungenen Wege der vatikanischen Diplomatie einweihen, und auch dieser Fugger begriff beinahe instinktiv das verwirrende Spiel um Geld und Macht in den päpstlichen Wandelgängen und Geheimkabinetten. Dank seiner natürlichen Intelligenz und der in den letzten Monaten vervollkommneten Umgangsformen gelang es ihm bald, Kontakte mit bedeutenden Kirchenfürsten, Kurialbeamten, Diplomaten und Finanziers aufzunehmen.
Während er hellwach die Hohe Schule der vatikanischen Diplomatie zu erlernen trachtete, erreichten ihn immer häufiger mahnende Briefe aus Augsburg, in denen der greise Konzernchef darauf drängte, in dem für ihn offenbar so wichtigen Streit um die Pfarrei St. Moritz den Beistand des Papstes zu erwirken. Anton hatte Mühe, seine Erheiterung zu unterdrücken. Der große Jakob Fugger stritt sich monatelang mit einem völlig unbedeutenden Pfarrer herum und glaubte, mit seinen Provinzhändeln den Papst belästigen zu müssen. Das war vermutlich der Augenblick, in dem sich der Neffe aus der geistigen Abhängigkeit von seinem bewunderten Onkel befreite.
Wie Schuppen mag es ihm von den Augen gefallen sein, daß auch der geniale Jakob nur ein Mensch mit all seinen Schwächen und Eitelkeiten war. Mit beinahe verletzender Kälte beschied er dem Konzernchef: Was Ihr sonst schreibt in causa praedicaturae, tut nicht not zu antworten. Damit seid Gott befohlen.
Der ungewohnte Ton machte den Alten stutzig. Sofort diktierte er einen geharnischten Brief nach Rom, in dem er den Neffen zu mehr Fleiß ermunterte. Anton begriff, daß er zu weit gegangen war, und bemühte nich deshalb, da der Alte keine Ruhe gab, notgedrungen den Segen des Heiligen Vaters einzuholen. Er war zu jener Zeit mit den Schleichpfaden durch den Dschungel der römischen Bürokratie schon so vertraut, daß er tatsächlich bis zu Leo X. vordrang und mit Hilfe des Kardinals und Papstverwandten Giulio de’ Medici, des späteren Clemens VII., die Prädikatur für Jakobs Favoriten Johann Eck durchsetzte.
Sein Draht zu den Medicis war so gut, daß er sogar die Zustimmung des Papstes zur Wahl Karls V. erwirkte und die italienischen Bankiers nach und nach aus den großen Anleihegeschäften mit der Kirche verdrängen konnte. Da der junge Neffe des Konzernchefs die Leitung der römischen Geschäfte so energisch an sich gerissen hatte, gab es für den an Gicht leidenden Johannes Zink nicht mehr viel zu tun. Konsequent bereitete Anton dessen Abschuß vor. »Herrn Hans Zink halber«, schrieb er nach Hause, wäre es gut, wenn Jakob »sein Konto mit ihm hätte klargemacht, denn er auch alt ist und täglich schwach.« Nicht zuletzt dürfte diese wenig sentimentale Art, mit der sich Anton in Rom durchsetzte, beim Alten den Ausschlag gegeben haben, ihn zum Nachfolger zu machen.
Ein weniger kluger Erbe als Anton Fugger wäre wahrscheinlich versucht gewesen, sich sofort mit aufsehenerregenden Entscheidungen zu profilieren. Anton aber ließ zunächst einmal alles beim alten, das heißt, er versuchte nach besten Kräften, die laufenden Transaktionen im Rahmen der vorgegebenen Direktiven abzuwickeln.
Etwa vier Wochen nach seiner Amtsübernahme begann er, sich ganz auf das ungelöste Ungarnproblem zu konzentrieren. Am 10. Februar 1526 fuhr er selbst nach Wien, um die festgefahrenen Verhandlungen wieder in Gang zu bringen. Über seine Gesandten ließ er das ungarische Königspaar wissen, daß er als der Jüngere allein aus Ehrerbietung die beschwerliche Reise auf sich genommen habe und „daß er nicht der Ursache halber herabgezogen, daß ihm so not nach dem Bergwerk und Handel sei“.
Doch seine ungarischen Gegenspieler ahnten, daß der junge Fugger auf einen schnellen Erfolg aus war und verschleppten die Verhandlungen. Als nach drei Wochen immer noch keine Einigung in Aussicht war, zeigte Anton, den viele als weichlich einschätzten, die Zähne. Brüsk drohte er mit seiner Abreise; der Effekt war, daß ihn die Königin selbst um eine Verlängerung der Verhandlungsfrist bat. Kurz darauf erfuhr er jedoch, Bernhard Behaim fühle im Auftrag des Königspaares bei Nürnberger Fuggerkonkurrenten wegen einer Übernahme der Neusohler Gruben vor. Anton hielt solches Doppelspiel für sinnlos, da der türkische Sultan Suleiman mit einem riesigen Heer, gegen das König Ludwig allein nicht die geringste Chance hatte, der ungarischen Grenze naherrückte. Dieser Nervenkrieg in Wien mußte also über kurz oder lang zu Ende gehen.
Der erste Härtetest des jungen Kaufmanns endete denn auch mit seinem totalen Sieg. Das ungarische Königspaar schickte Anfang April Alexej Thurzo als seinen Beauftragten mit außerordentlichen Vollmachten nach Wien. Anton rächte sich für die lange Wartezeit, indem er nun seine Forderungen voll durchdrückte. Am 4. April wurde der Vorvertrag über eine neue Pacht der ungarischen Bergwerke abgeschlossen. Zehn Tage später widerriefen König Ludwig und die Königin in Gran alle Anschuldigungen gegen den Fuggerkonzern, und sie versprachen sogar die Entschädigung für die entstandenen Verluste.
Der Preis, mit dem sich Anton die volle Rehabilitierung erkauft hatte, war ein Kredit über 50.000 Dukaten. Damit sollten Truppen angeworben werden. Daß der Betrag bei weitem nicht ausreichte, ein den Türken ebenbürtiges Heer aufzustellen, wußte zumindest Anton Fugger recht gut. Suleiman der Prächtige schlug denn auch in der Schlacht bei Mohacs am 29. August das zwar tapfere, aber zahlenmäßig weit unterlegene Häuflein der Ungarn entscheidend. Ludwig II., der König von Ungarn und Böhmen, verlor im Kampf sein Leben, und Anton Fugger war clever genug, dies sofort propagandistisch auszuschlachten. So erfuhren englische Diplomaten von Fuggerfaktoren, daß 150.000 Dukaten an Stelle der nur 50.000 ausgereicht hätten, die Türken aufzuhalten – aber wer seinen Kredit bei Anton Fugger verspiele, der sei eben nicht mehr zu retten.
Als das Reiterheer des Sultans allerdings bis nach Ofen vorstürmte, hatte auch der junge Herr in den Kontoren am Augsburger Weinmarkt Grund zum Zittern. Denn was nützten ihm noch seine wertvollen Bergwerke, die Hans Dernschwamm mit großer Mühe eben wieder in Gang gesetzt hatte, wenn über ganz Ungarn die Flagge des Halbmondes wehte?
Unversehens sah sich der junge „Regierer“ an allen Fronten seines Wirtschaftsimperiums in Konflikte verstrickt: In Ungarn ging es nach dem Tod des Jagellonen darum, wer sich die verwaiste Stephanskrone aufsetzen und den Vormarsch der Türken stoppen würde. In Italien war der Krieg zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erneut entbrannt. In Rom eröffneten die inzwischen vom Papst protegierten italienischen Finanziers ihre Offensive gegen die Fugger. In Tirol kam es immer wieder zu Streiks, Demonstrationen und Übergriffen der unzufriedenen Bergarbeiter. Sogar in Innsbruck versuchten die schwäbischen Konkurrenten Welser, Höchstetter, Baumgartner und Pimmel die Vormachtstellung der Fugger zu untergraben.
Die Gefahr war groß, daß sich der neue Konzernchef in eines der vielen Probleme verbiß und dabei die anderen aus den Augen verlor. Anton spürte nun zum ersten Mal die Einsamkeit des Machthabers. Nur er allein hatte zu entscheiden, wie sich die Firma angesichts der vielfältigen Fragen, die beinahe gleichzeitig nach einer Antwort verlangten, zu verhalten hatte. Obwohl die Versuchung stark war, die Rivalitäten der Fürsten durch eine Schaukelpolitik für sich auszunutzen, hielt Anton an der von Jakob vorgegebenen Generallinie fest: Unterstützung der Habsburger, ohne in deren Abhängigkeit zu geraten.
Erzherzog Ferdinand beanspruchte sofort nach dem Tode Ludwigs II. die Stephanskrone, die ihm nach den Verträgen Maximilians aus dem Jahre 1515 rechtlich zustand. Gegen den Widerstand der national gesinnten Magyaren um Johann Zapolya und des Bayernherzogs Wilhelm IV. ließ er sich denn auch sogleich mit Unterstützung seiner Schwester, der Königinwitwe Maria, zum Doppelkönig von Ungarn und Böhmen ausrufen. Zapolya, der Woiwode von Siebenbürgen, war darauf so erbost, daß er trotz seiner militärischen Unterlegenheit mit einem kleinen Heer losmarschierte, um den Habsburger zu verjagen. Prompt wurde er bei dem Weinbauernstädtchen Tokay besiegt. Er entkam jedoch unverletzt und ließ sich von den magyarischen Magnaten am 10. November in Stuhlweißenburg zum ungarischen Gegenkönig krönen. So gab es nun in dem kleinen Pußtaland zwei schwache Könige und – mit dem türkischen Sultan – eine starke Besatzungsmacht.“
„Da Anton ahnte, daß die goldenen Tage am Tiber gezählt waren, verfügte er unsentimental die Schließung der Filiale, in der er einst das kleine Einmaleins des Bankgeschäftes gelernt hatte. Zwei Jahre nach dem Tod des übermächtigen Vorbilds hatte sich der junge Schwabe längst mit seiner Führungsrolle identifiziert. Der Schatten des großen Alten lastete zwar immer noch über ihm, aber mit jedem Tag bewies er seine wachsende Unabhängigkeit.
Beraten von erfahrenen Managern steuerte er den Riesenkonzern zwar weniger patriarchalisch, aber kaum nachlässiger als Jakob. Anton war kein unternehmerisches Genie wie sein Onkel, aber er hatte ein besseres Gespür für die geistigen Strömungen der Zeit, und er wirkte auf Geschäftspartner und Mitarbeiter konzilianter, auch wenn er am Ende meist doch seinen Willen durchsetzte. Vom Typ her glich er eher einem diplomatisch geschulten Vorstandsvorsitzenden eines Großkonzerns als einem hemdsärmeligen Selfmade-Boß.“
„Antons Position als „Regierer“ war jedoch nie gefährdet: Am 14. September 1532 schlossen die drei Fuggerneffen einen neuen Gesellschaftsvertrag ab, der Anton praktisch dieselben Rechte einräumte, die einst Jakob für sich in Anspruch genommen hatte.
Raymund und der Cousin Hieronymus erkannten Anton ausdrücklich als „einen obersten Verwalter und Verweser“ ihres „gemeinen Gesellschaftshandels“ an. Gleichzeitig wurde der Firmenname geändert; das Unternehmen hieß nun: „Raymundus, Antonius und Hieronymus die Fugger, Gebrüder und Vettern“.
Als der neue Gesellschaftsvertrag unterzeichnet wurde, war Anton knapp 40 Jahre alt. Nach außen hin bot die Fuggersche Handelsmonarchie dasselbe Bild wie zu Lebzeiten Jakobs. Sie war die mit Abstand größte Firma ihrer Zeit und der wichtigste Finanzier des habsburgischen Weltreichs. Ihr Einflußbereich war in den letzten Jahren sogar noch beträchtlich gewachsen. Er reichte nun von der Pazifikküste Südamerikas bis zum Zarenreich und von Schweden bis Neapel.
Scheinbar kerngesund an Haupt und Gliedern, dehnte sich der vielarmige Wirtschaftsmoloch immer weiter aus. Niemand, so schien es, konnte den schwäbischen Giganten aufhalten. Aber während die Buchhalter in den holzgetäfelten Kontoren im Augsburger Fuggerpalast immer neue Rekordzahlen notierten, häuften sich bereits die Anzeichen für den drohenden Verfall. Und niemand spürte das so deutlich wie Anton Fugger.
Er war längst nicht mehr der erfolgsbesessene Macher, als der er einst die Nachfolge Jakobs angetreten hatte. Nun, da er alle Geheimnisse des Konzerns kannte und alle Reize der Macht sowie des Reichtums ausgekostet hatte, quälten ihn immer häufiger Zweifel am Sinn seines Daseins und seines Konzerns.
Auf Phasen heftiger Geschäftigkeit, während der er härter, länger und auch effektiver arbeiten konnte als jeder andere, folgten immer wieder Tage voller Melancholie. Lust- und interesselos betrachtete der Konzernchef dann das ameisenhafte Treiben seiner Angestellten. Manchmal verschwand er auch spurlos für ein paar Tage aus Augsburg, um irgendwo auf dem Land auszuspannen und nachzudenken.
Anton besaß nicht mehr die ungebrochene Spannkraft seines Onkels, sondern er mußte sich mitunter zwingen, den tausenderlei Problemen der Firma die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Viel trug dazu seine relativ schwache körperliche Konstitution bei. Schmalschultrig, hager und zierlich, hatte er gelegentlich Mühe, den pausenlosen Streß physisch zu bewältigen. Er entwickelte deshalb eine beinahe panische Angst vor Krankheiten.
Schon die ersten Nachrichten über eine auffällige Zunahme der Sterblichkeitsrate konnte ihn zu einer überstürzten Flucht aus Augsburg bewegen. Stets wachten mehrere Ärzte über seinen Gesundheitszustand. Wenn er befürchtete, sie seien nicht kompetent genug, scheute er keine Ausgaben, um die namhaftesten Koryphäen nach Augsburg kommen zu lassen. Einmal nahm der stets auf seine Bequemlichkeit bedachte Konzernherr sogar die Mühen einer Reise über die Alpen auf sich, damit er in Bologna von Spezialisten untersucht werden konnte.“
„Enttäuscht von der Verwandtschaft, von den Angestellten betrogen und von den Vertrauten im Stich gelassen, wurde Anton mit zunehmendem Alter immer mißtrauischer und einsamer. Das ging so weit, daß er für besonders gewagte Transaktionen fremde Geschäftsleute als „Unterkäufer“ anheuerte, damit seine Absichten nicht vorzeitig bekannt wurden
Zeitweilig fühlte er sich persönlich verfolgt und bespitzelt. Dann verließ er nur nachts unter allerlei Tarn- und Täuschungsmanövern die Konzernzentrale. Wie sich später herausstellte, waren seine Befürchtungen nicht ganz grundlos, denn tatsächlich hatte der protestantische Wortführer Philipp von Hessen den Augsburger Arzt Gereon Sailer beauftragt, den Finanzier seiner katholischen Gegner laufend zu beobachten.
Zur Verbitterung Antons trug auch der Haß seiner ärmeren Mitbürger bei, der ihm beinahe täglich entgegenschlug. Als er nach dem Tod seines Bruders Raymund Geld und Kleider an die Bedürftigen Augsburgs verteilen wollte, verbot dies der Rat, weil er darin nur eine unerwünschte Propagandakampagne Fuggers sah. Der reichste Mann Deutschlands konnte es nicht einmal riskieren, seinen Bruder standesgemäß beerdigen zu lassen, da er mit gewalttätigen Demonstrationen rechnen mußte. Erst drei Wochen nach dem Tod Raymunds ließ Anton den Leichnam heimlich von acht Dienern zur Sankt-Anna-Gruft tragen. So weit war es also mit den Fuggern gekommen, daß sie in der Stadt, die sie einst beherrscht und „vergoldet“ hatten, nicht einmal mehr nach dem Tod Ruhe fanden.
Obwohl es den meisten Menschen materiell immer noch nicht besser ging als 50 oder 60 Jahre zuvor – im strengen Winter von 1533 auf 1534 starben in Augsburg Hunderte den Hungertod –, so beschäftigten sie sich doch lieber mit religiösen als mit wirtschaftlichen Problemen. Geld erschien nebensächlich, wo es um die Seele ging. Das von der Kirche jahrhundertelang geförderte Desinteresse der Gläubigen an irdischen Gütern erleichterte einer kleinen Gruppe von Großkaufleuten die radikale Ausbeutung der Schwächeren.
Die Fugger waren zwar keineswegs die einzigen, die sich hier hemmungslos bedienten, aber dank der unternehmerischen Talente Jakobs und ihres unverhüllten Reichtums wurden sie zu negativen Symbolfiguren des Frühkapitalismus. Und Anton, der mit feinen Antennen für die geistigen Strömungen seiner Zeit ausgestattet war, fragte nicht grundlos hin und wieder nach dem Sinn seines rastlosen Profitstrebens. Doch er war zu perfekt in das System integriert, um noch die Freiheit der Entscheidung über die Ziele seines Handelns zu besitzen. Er hatte nur noch die Wahl, das Konzernschiff ein wenig langsamer oder ein wenig schneller in den tödlichen Strudel der Staatsfinanzierung treiben zu lassen.“
„Da die verwickelten Finanzgeschäfte mit der Krone Antons ganze Aufmerksamkeit und den größten Teil seines Kapitals in Anspruch nahmen, mußten die übrigen Unternehmungen Stückwerk bleiben. So versuchte er beispielsweise vergebens, neue Bergbauprojekte in Skandinavien und Süditalien anzukurbeln. Nach Norden entsandte er den gerissenen Diplomaten Sylvester Raid mit der Order, die Möglichkeiten der Eisen- und Kupfergewinnung in Norwegen und Schweden zu eruieren. Im Süden versuchte sein Faktor Christoph Vogel mit einer Handvoll hochkarätiger Experten, verlassene Silberminen in Kalabrien wieder in Gang zu setzen.
Doch Sylvester Raid verstand zu wenig vom Montangeschäft. Er ließ sich in politische Ränkespiele ein, lief später sogar zu den Protestanten über und wurde einer der gefährlichsten Gegner Fuggers. Christoph Vogel hingegen entpuppte sich als völlige Niete: Seine Erfolgsmeldungen waren frisiert und die Gruben von Cosenza längst ausgebeutet. Glücklicher verlief der Versuch, den traditionellen Barchenthandel über Antwerpen in die nordischen Länder auszudehnen und auch das übrige Warengeschäft zu forcieren. Darüber hinaus begann Anton schon frühzeitig, erhebliche Teile seines Kapitals dem Zugriff der habgierigen Habsburger zu entziehen, indem er es langfristig in weiteren Grundbesitz investierte.
So kaufte er für über 105.000 Gulden ein riesiges Areal um die mächtige Bibersburg in der Slowakei, und er versäumte keine Gelegenheit, seinen schwäbischen Landbesitz weiter zu arrondieren. Die Familienteilhaber der Gesellschaft erhielten in jenen Jahren auch beträchtlich höhere Auszahlungen als zu Jakobs Zeiten. Der ausgeschüttete Gewinn wurde dann meist in solide Sachwerte wie Häuser, Schmuck, Edelsteine oder Kunstwerke investiert.
Einen weiteren, viel bedeutenderen Aderlaß verordnete Anton dem Gesellschaftskapital mit den großzügigen Anleihen für Englands zahlungskräftigen König Heinrich VIII. Der Tudor lieh sich bei den Fuggern binnen weniger Jahre die Riesensumme von 1,5 Millionen Gulden, was bei den Habsburgern, als sie davon erfuhren, heftige Wutausbrüche hervorrief. Denn das Geld, das sich der Blaubart pumpte, fehlte in ihren Kassen. Anton stolperte also keineswegs blindlings in das Desaster, das ihn am Ende seines langen, erfolgreichen Lebens erwarten sollte. Er sah ganz genau die Gefahren, die auf ihn zukamen, aber sein Ehrgeiz und sein Selbstbewußtsein zwangen ihn, sich ihnen zu stellen, anstatt ihnen auszuweichen.“
„Auf der Höhe seines Schaffens hatte Anton Fugger mit demselben Übel zu kämpfen, das auch dem Kaiser schwer zu schaffen machte: mit der Machtkonzentration. Der Konzern war eigentlich zu groß geworden, um noch von einem einzigen Mann mit den unzulänglichen Kommunikationsmitteln jener Zeit gesteuert zu werden. Und die Aufgaben, die auf den „Regierer“ zukamen, wurden von Jahr zu Jahr mehr.
Die Staatsgeschäfte, in denen ein großer Teil seines Vermögens steckte, beanspruchten Anton bereits über Gebühr. Hier mußte der Donauwörther Kampfbund gegen die Reformation organisiert und finanziert werden, dort liefen langwierige Verhandlungen mit dem dänischen König, damit die Fuggerschiffe endlich den Öresund und den Großen Belt gefahrlos passieren konnten. Daneben kümmerte er sich um die Finanzen der Reichsprovinzen in Süditalien, denn Ferdinand hatte den Fugger aus Bequemlichkeit zum Steuereinnehmer von Kalabrien ernannt.
1541 erreichte ihn die Hiobsbotschaft, daß Karl V. bei seinem zweiten Krieg auf nordafrikanischem Boden gegen Chaireddin Barbarossa eine Riesenschlappe einstecken mußte und daß er den größten Teil seines 25.000 Mann starken Heeres verloren hatte. Wenig später meldeten seine Faktoren aus Ungarn Truppenkonzentrationen beträchtlichen Ausmaßes bei den Türken, so daß mit einer baldigen Offensive zu rechnen war. Frankreichs unermüdlicher Franz I. hatte sich mit dem Sultan gegen den Kaiser verbündet und rüstete erneut auf. Als bedeutete das noch nicht genug Ärger, kam aus Österreich, Ungarn und den rheinischen Provinzen die Kunde von einer verheerenden Seuche, der angeblich bereits mehr als 20.000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Daß dann auch noch in Rom die renommierte Bank de Venturi zusammenbrach, konnte den Kaufmann in der „Goldenen Schreibstube“ kaum noch erschüttern.
Anton konzentrierte sich bereits ganz auf den Reichstag in Speyer, der sich auch dem brisanten Thema des Verhältnisses zwischen den abgetakelten Fürsten und den neureichen Bürgern widmen wollte. Schon lange hatte der Adel den sozialen Aufstieg der bürgerlichen Kaufleute mit scheelen Augen verfolgt. Nun wollten – welche Kühnheit – die Reichsstädte in aller Offenheit gar vorschlagen, die Adelsprivilegien abzubauen und die Blaublütigen nach Schweizer Vorbild den „Bürgern und dem gemeinen Manne gleich zu machen“. Als reichster Bürger mußte Anton den Antrag eigentlich unterstützen, als Graf, Lehensherr und Geschäftspartner der Monarchen hatte er ihn natürlich gefälligst abzulehnen. Damit aber war das Schicksal der bürgerlichen Protestbewegung schon entschieden.
Angesichts der hochoffiziellen Pflichten des Chefs kamen viele der täglichen Probleme mitunter zu kurz. Zwar konnte er sich stets auf einen Stab hervorragender Mitarbeiter stützen, aber wenn es hart auf hart ging, fehlte oft das entscheidende Machtwort des Chefs.
So raufte sich Georg Hörmann jahrelang im heutigen Ski-Dorado Kitzbühel mit den ortsansässigen Gewerken Virgil und Christoph Fröschlmoser herum, die just im Machtbereich der Fugger eigene Erzgruben ausheben lassen wollten. Und in Spanien gelang es doch tatsächlich einem gewissen Pero Gonzales de Leon aus Valladolid, den Fuggern wenigstens für ein paar Jahre die kostbare Maestrazgo-Pacht abzujagen. Wen wunderte es da noch, daß der windige Gaspare Ducci in Antwerpen sich zum Oberfinanzier des vierten Franzosenkrieges aufschwingen konnte und den Fuggern allenfalls noch ein paar Unterbeteiligungen an den diversen Anleihen überließ?
Seit dem Tod seines Bruders Raymund kümmerte sich Anton intensiv um den ausgedehnten Grundbesitz der Familie. Er sah in ihm nicht nur so etwas wie eine Sparbüchse der Firma, sondern – von Jahr zu Jahr mehr – die Zukunft seiner Dynastie. Je komplizierter die Geschäfte wurden und je mehr die Firma wuchs, desto klarer erkannte der Neffe des großen Jakob, daß die gewaltige Maschinerie des Konzerns auf die Dauer die Kräfte der Familie überforderte.
Immer wieder spielte er nächtelang in Gedanken den Rückzug der Fugger aus der internationalen Hochfinanz durch, und stets gelangte er zu der Einsicht, daß dies nur über eine allmähliche Verlagerung des Familienvermögens geschehen konnte. Beharrlich mußte unternehmerisches Risikokapital in langfristig gesichertes Anlagevermögen umgewandelt werden. Die Idee stammte noch von Jakob, aber erst Anton setzte sie konsequent in die Tat um.
Systematisch investierte er immer größere Summen in Ländereien, Schlösser, Burgen und ganze Dörfer. So kaufte er im Frühjahr 1537 von Ulrich Burggraf für 23.000 Gulden das Schloß und den Ort Glött bei Dillingen an der Donau. Ein gutes Jahr später kamen die Ortschaften Babenhausen und Brandenburg nebst ausgedehntem Grundbesitz hinzu, die Anton für insgesamt 36.000 Gulden aus dem Besitz der Grafen von Rechberg und des Herzogs Ulrich von Württemberg erwarb. Ob Anton in seinen späten Jahren noch immer das Ziel verfolgte, eines Tages sämtliche schwäbischen Herrschaften in einem eigenen Fürstentum zusammenzufassen, läßt sich heute nicht mehr beweisen. Vermutlich schätzte er die politischen Widerstände seitens der etablierten Herrscherhäuser für so stark ein, daß er dieses Fernziel der nächsten Generation überließ. Denn der weitsichtige Kaufmann konzentrierte nun seinen Grundbesitz keineswegs mehr im Schwabenland, sondern er setzte sich auch in entfernteren Gegenden fest.
Von Wilhelm von Roggendorf kaufte er 1541 für rund 36.000 Karolus-Gulden das Schloß und die Stadt Condé im Elsaß. Später wurde der Fuggerbesitz im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Frankreich um die Ortschaften Aitkirch, Pfirst und Isenheim noch beträchtlich erweitert. Im Osten, in der Nähe der Stadt Preßburg, besaß Anton schon seit 1536 das mächtige Schloß Biebersburg, das er von Alexej Thurzo gegen eine Schuldenverrechnung in Höhe von 105.401 Gulden übernommen hatte. Und seit ihm der Kaiser die Gerichtsbarkeit über alle eigenen Herrschaften anvertraut hatte, mußte sich der vielbeschäftigte Konzernherr auch noch um die nebensächlichsten Streitereien seiner Untertanen kümmern.“
„Zu dieser Zeit interessierten den Greis in der „Goldenen Schreibstube“ geschäftliche und politische Vorgänge aber kaum noch. „Was soll’s?“ fragte sich der alte Mann, der eigentlich viel lieber Philosoph als Kaufmann geworden wäre, als er erfuhr, daß Frankreichs Heinrich II. in Paris gestorben war und sein Nachfolger Franz II. sich gegen die Machtansprüche der Herzöge von Guise und der rebellischen Hugenotten zu erwehren hatte. Gleichgültig nahm er auch zur Kenntnis, daß die neue englische Königin Elisabeth – Maria die Blutige war 1558 gestorben – seinem großen Schuldner Philipp II. einen Korb gegeben hatte und gerade dabei war, die anglikanische Staatskirche wieder einzuführen. Zu viele Herrscher hatte der alte Kaufmann kommen und gehen sehen, als daß ihn dies alles noch berührt hätte.
Selbst Vorgänge, die das wirtschaftliche Interesse der Firma unmittelbar beeinflußten, fanden kaum noch seine Beachtung. So etwa die ergebnislose Reise des Neffen Hans Jakob quer durch Spanien, die infamen Versuche Erassos, ihn mit Drohungen, Prozessen und brutalen Überfällen auf Fuggerbetriebe zu weiteren Darlehen zu zwingen – all dies hatte für Anton nur noch sekundäre Bedeutung. Seine Zeit war abgelaufen.
Um so intensiver konzentrierte er sich in seinen letzten Monaten auf religiöse Probleme und auf das, was nach dem Tod folgen mochte. Denn daß er bald sterben werde, daran gab es für ihn keinen Zweifel mehr, seit ihm das Atmen immer schwerer fiel, das Essen nicht mehr schmeckte und die Pausen, die er brauchte, um der Müdigkeit Herr zu werden, immer länger wurden. Statt mit Managern und Politikern umgab er sich nun mit Geistlichen wie dem Jesuitenpater Petrus Canisius, der seit Weihnachten 1559 im Fuggerhaus weilte und im Auftrag seines Ordens in Deutschland die Gegenreformation organisieren sollte.
Bitter vermerkte der meditierende Greis, daß die „teuflischen“ Ideen der Ketzer inzwischen selbst in seine Familie Eingang gefunden hatten. Zwei seiner Söhne und Neffen hatten Protestantinnen zur Frau genommen. Neffe Ulrich dachte selbst wie ein Ketzer und galt als einer der geheimen Hintermänner des Aufstands protestantischer Adeliger gegen den Herzog von Bayern. Eine Fuggerin war schließlich sogar dem Kloster entflohen. Die gute alte Zeit – wo war sie nur geblieben?“
Der Abstieg
„Mehr noch als die „außenpolitischen“ Turbulenzen beunruhigten Anton die Auflösungserscheinungen innerhalb des Konzerns und der Familie. Je mehr er seine Alleinherrschaft festigte, desto größer wurde das Desinteresse der übrigen Familienmitglieder. Raymund kümmerte sich lieber um die Jagd und seine wertvollen Antiquitätensammlungen – er galt als einer der besten Kenner alter Inschriften – als um die Verwaltung des ausgedehnten Grundbesitzes. Trotz seines Jähzorns war er im Grunde gutmütiger und menschlicher als Anton. Er hing sehr an seinen 13 Kindern und seiner Frau Katharina, die er einst auf Befehl Jakobs geheiratet hatte, um das geschäftliche Bündnis mit den Thurzos zu festigen.“
„Am meisten konnte sich der geschwächte „Regierer“ in seinen depressiven Phasen noch auf Hans Jakob verlassen, den ältesten Sohn Raymunds, der nach seiner Heirat mit Ursula von Harrach wieder mehr Interesse für die Firma aufbrachte. Der engagierte Kommunalpolitiker, der später in den Geheimen Rat und sogar zum Bürgermeister Augsburgs gewählt wurde, war berühmt für seine eleganten Formulierungen. „Wenn sie Philippus Melanchthon geschrieben hätte, dürfte sich der nicht schämen“, urteilte Jörg Högel.
Der gewandte Junior warf dem Onkel vor, er sei ein „Zauderer und Zögerer“ und habe die Geschäfte nicht fest genug in der Hand. Auch wenn er damit der Leistung Antons gewiß nicht gerecht wurde, so schien es doch zeitweise, als sei der Vorwurf nur allzu berechtigt. Denn Anfang der vierziger Jahre des 16. Jahrhunderts schien die Firma ihre frühere Dynamik weitgehend verloren zu haben. „Business as usual“ hieß die Devise in allen Provinzen des Handelsimperiums, aber es fehlte der zündende Funke, die bestimmende Kraft, welche den Ereignissen ihren Stempel aufdrückte. Statt dessen wurde der Konzern zum Spielball von Kaiser und Königen.“
„Der Vertrag mit dem Kaiser und der neue Krieg gegen Frankreich, der ungeheure Summen verschlang, durchkreuzten die Rückzugspläne Anton Fuggers. Es war ihm einfach nicht vergönnt, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Schon seit geraumer Zeit interessierten ihn philosophische und religiöse Probleme mehr als das Geschäft, aber unerbittlich zog ihn das Kapital wieder in seinen Bann.
Das Darlehen über 400.000 Gulden, das den Kaiser rettete, versprach im Endeffekt nur einen bescheidenen Ertrag von sieben Prozent, und die Bürgschaft für die Genueser Anleihen des Kaisers bargen unübersehbare Risiken. Erst im Juni 1552 informierte er seine Neffen über die Details des Abkommens. Hans Jakob, der in dem Alten zunehmend einen lästigen Störenfried sah, benutzte die Gelegenheit zu einer Machtprobe. Er und seine Brüder verweigerten dem bisherigen Alleinherrscher die Zustimmung zu dem Villacher Vertragswerk. Der in der Geschichte der Fugger beispiellose Ungehorsam zwang Anton, das Geschäft auf eigene Rechnung abzuwickeln.
Hans Jakob Fugger, inzwischen zum Rektor der Ingolstädter Universität gewählt, probte den Aufstand. Er hielt sich für klüger und gerissener als der müde Onkel, der immer nur ablehnte und sich, wenn er schon einmal ein Geschäft riskierte, mit zu bescheidenen Gewinnen begnügte. Auch den anderen „Jungtürken“ im Fuggerschen Kontor erschien der hohlwangige Senior als Relikt einer vergangenen Epoche, als ewiger Nörgler und Besserwisser.
Anton war es einfach leid, sich mit den jungen Wirrköpfen ernsthaft auseinanderzusetzen. Gelegentlich hatte er mit dem einen oder anderen von ihnen eine Auseinandersetzung, aber den Zerfall der Familie konnte er nicht mehr aufhalten. Hans Jakob begann, sich mit seinem Erbe einen eigenen Herrschaftsbereich im Südwesten des Reiches zwischen dem Rhein, dem Bodensee und der Schweiz zusammenzukaufen, während Georg und Christoph Fugger die immer wichtiger werdenden Geschäfte der Antwerpener Faktorei unter Matthäus Örtel an sich zogen.
Während der alte Herr versuchte, das Geld zusammenzuhalten, damit „diesen großen Herren billig die Lust zum Kriege vergehen“ werde, ließen sich die Neffen und manche der jüngeren Faktoren zu allerlei riskanten Geschäften verlocken. Immer wieder gab Matthäus Örtel in Antwerpen den Schmeicheleien, Drohungen und Versprechungen der Königinwitwe Maria nach, obwohl sich Anton darüber beklagte, „daß so gar keine Resolution unserer Schulden kommen will“.
Um den unersättlichen Finanzbedarf des Kaisers decken zu können und die aggressiven Genueser Konkurrenten in Schach zu halten, mußte der Senior viel Fremdkapital in Augsburg und Nürnberg zu hohen Zinsen aufnehmen. Obwohl er die Spanier für „böse und listige Leute“ hielt, mochte er doch den Kontakt zum Hof nicht abbrechen lassen. Die Schulden des Kaisers waren bereits zu hoch, als daß man nun von heute auf morgen den Laden schließen konnte. Wenn er je das ausgeliehene Geld wiedersehen wollte, mußte er jetzt, ob er wollte oder nicht, das Herrscherhaus weiter finanzieren. Nur wenn die Habsburger weiter regierten, bestand Aussicht, daß sie ihre Schulden tilgen konnten. Gutes Geld mußte – im Jargon der Bankiers – dem „schlechten“ nachgeworfen werden, damit dieses nicht ganz verdarb.
Bald war Anton Fugger wieder voll in die Geschäfte verstrickt. Dem Kaiser gab er nochmals 300.000 Karolus-Gulden zu zehn Prozent Zinsen auf die Einkünfte von Brabant und Flandern, und weitere 100.000 Gulden bekam der Florentiner Herzog Cosimo von Medici für seinen Kampf gegen die Republik Siena. Daneben lief die Finanzierung des Innsbrucker Hofs. Als Anton erfuhr, daß einige andere Augsburger Großkaufleute den französischen König finanzierten, verdoppelte er seine Anstrengungen für Karl V.
Jakob Herbrot, mit dem er sich verkracht hatte, versuchte er aus dem Rennen zu werfen, indem er ihn über seinen Nachrichtendienst denunzieren ließ. Eines Tages meldeten die „Neuen Zeitungen aus der Fuggerei“, die an bevorzugte Geschäftsfreunde verschickt wurden, der ehemalige Augsburger Bürgermeister habe sich dem Teufel verschrieben. Gegen Antons Willen schlossen inzwischen die Neffen einen neuen Vertrag über die Quecksilbergruben von Almaden ab. Spanische Kaufleute hatten vergeblich versucht, die Ausländer zu verjagen. Nun brachen in den Stollen verheerende Brände aus, die nur durch Sabotage entstanden sein konnten. Als bei Guadalcanal bedeutende Silbererzvorkommen entdeckt wurden, glaubten Hans Jakob und seine Brüder, hier das große Geschäft machen zu können. Energisch verbot Anton jede weitere Investition auf der Iberischen Halbinsel: „Ich habe keine Lust zu solcher Handlung, also genug davon.“
Verärgert über die Eigenmächtigkeiten der Neffen und mancher Manager schrieb er am 5. Dezember 1553 aus Augsburg an den Faktor Hans Bächler nach Spanien: Also gehst du nur deinem einfältigen Kopf nach, man schreibe dir gleich, was man wolle. Das taugt aber gar nichts, und ich will haben, daß du meinem Befehl und Ordnung nachkommst. Unterm eisernen Regiment Jakobs hatte jeder Faktor, der den Befehlen des Chefs zuwiderhandelte, mit sofortiger Entlassung rechnen müssen. Anton aber war auf seine Experten angewiesen, da er selbst nicht mehr so genau über alle Einzelheiten des Konzerns Bescheid wußte und nicht genügend Ersatzleute für jeden wichtigen Posten hatte. Das blieb den unternehmungslustigen, auf schnelle Erfolge versessenen Mitarbeitern natürlich nicht verborgen, so daß die Zentrale in Augsburg immer mehr die Kontrolle über die Geschäfte der Außenstellen verlor.
Dabei besaß der sechzigjährige Kaufherr immer noch den besseren Instinkt. Klarer als seine Faktoren und Verwandten erkannte er, daß in vielen lukrativ wirkenden Angeboten nur Scheingewinne steckten. In den vergangenen Jahren war die Geldmenge erheblich angewachsen, die Preise stiegen schneller als je zuvor. Da war es zweifellos klüger, das Geld zusammenzuhalten und in solide Sachwerte zu investieren, als kühnen Projekten nachzulaufen. Die ehrgeizigeren unter seinen Angestellten aber trachteten eher nach hohen Wachstums- als Gewinnraten. Am 31. Dezember 1553 zog Anton wieder einmal Bilanz; er mußte feststellen, daß die Geschäfte zwar noch recht gut liefen, daß aber die Gewinne erheblich hinterherhinkten. Seit der letzten Generalrechnung vom 31. Dezember 1546 hatte die Firma nur einen jährlichen Durchschnittsgewinn von fünfeinhalb Prozent erzielt. Dabei brachten schon gewöhnliche Anleihepapiere auf den internationalen Finanzmärkten mühelos zwölf Prozent.“
„Schlimmer als der Geldverlust war der fortschreitende Verfall innerhalb der Firma. Anton, den seine Gesellschaft, wie Götz von Pölnitz berichtet, „von aller Welt her mit Drogen versah“, hatte nicht mehr die Kraft, einen neuen Anfang zu machen. Und von seinen Söhnen und Neffen, das zeigte die Krise mit erschreckender Deutlichkeit, hatte keiner genügend Format, um in seine Fußstapfen zu treten. Sie interessierten sich entweder gar nicht mehr fürs Geschäft wie Hans Jakob, der meist in diplomatischer Mission für den bayerischen Herzog unterwegs war, oder sie erwiesen sich schlicht als zu faul und zu naiv für einen Job an der Spitze des Konzerns.
Manche der Faktoren und auch kleinere Angestellte nutzten die Führungsschwäche der Familie für allerlei Privatgeschäfte. Einige spielten beispielsweise dem berüchtigten Raubritter Wilhelm von Grombach Informationen über wertvolle Italientransporte Augsburger und Nürnberger Firmen zu. Der Schwager Florian Geyers konnte so seine Überfälle beinahe generalstabsmäßig planen und auch die Fugger um beträchtliche Summen schädigen.
Wenn sich dann Anton soweit aufgerappelt hatte, daß er die Leitung der Firma wieder übernehmen konnte, gingen die Angestellten meist nur noch lustlos auf seine Ideen ein – ganz gleich, ob es sich um die Ankurbelung des Afrikageschäfts oder um eine Beteiligung an toskanischen Erzgruben handelte. Die Firma schien bald wieder in Lethargie zu verfallen und zur wehrlosen Beute aggressiverer Konkurrenten zu werden.“
„Wie indes die neue Zeit werden würde, das wagte sich der zum Sterben bereite Patriarch kaum noch auszumalen. Am 11. Juli 1560 ließ er sein schon zehn Jahre vorher verfaßtes Testament ergänzen. Darin schildert er mit verzweifelter Offenheit, wie er vergeblich versuchte, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Der älteste der Neffen, Hans Jakob, der nach Fuggerscher Tradition eigentlich „Regierer“ hätte werden sollen, lehnte den Job rundweg ab, da er mit seinen kommunalen und wissenschaftlichen Interessen genügend ausgelastet war.
Sein Bruder Georg beschied dem Chef, er vermöge „die Arbeit nicht zu leisten“ und wolle „viel lieber in Ruhe leben“. Auch Christoph zeigte nicht die geringste Lust, seine Zeit der Firma zu opfern, und Raymund schließlich war ständig krank und daher für den aufreibenden Posten nicht geeignet. Antons eigene Söhne aber waren noch sehr jung und unerfahren. Wer also sollte nun die trotz allem bedeutendste Firma der Welt und ihr gewaltiges Vermögen in Zukunft verwalten?
Der Greis verordnete den vom Erfolg übersättigten und verweichlichten Nachkommen eine Kompromißlösung: Neffe Hans Jakob sollte mit Antons ältestem Sohn Markus zusammen die Bürde auf sich nehmen. Sie sollten in den nächsten sechs Jahren die Firma allmählich liquidieren, aber sämtliche Geschäftspapiere sorgfältig aufbewahren, damit spätere, tüchtigere Generationen den Grundstock für einen neuen Anfang hatten. Gleichfalls verbot der Alte seinen Nachfolgern kategorisch den Verkauf der liegenden Güter, das heißt, er wollte verhindern, daß die untauglichen Erben das von Jakob und ihm angesammelte Vermögen verschleuderten.
Nachdem das Haus bestellt war, kümmerte sich Anton wie einst der Onkel nur noch um sein Seelenheil. Auch für ihn sollten die Armen „den allmächtigen Gott treulich anrufen und bitten, daß er ihm seine göttliche Gnade und Gesundheit verleihen“ möge. Am 14. September 1560 schloß Anton Fugger für immer die Augen. Seine sterblichen Überreste wurden in einem Zinksarg in der Babenhausener Schloßkapelle beigesetzt.
Die Frage, welcher der beiden großen Fugger der bedeutendere war, ist müßig. Jakob war das unternehmerische Genie. Aber Anton hatte wahrscheinlich die schwierigere Aufgabe zu lösen. Er mußte den riesenhaft angewachsenen Konzern mit den unzulänglichen Kommunikations- und Organisationsmitteln seiner Zeit durch äußerst unruhige Zeiten steuern. Und seinem Weitblick hat es die Familie letztlich zu verdanken, daß das Vermögen nicht wie bei den anderen großen Unternehmen jener Zeit dahinschmolz.
Neffe Hans Jakob freilich hielt nicht allzu viel vom großen Oheim. In seinem 1546 verfaßten „Geheimen Ehrenbuche“ der Familie, das hauptsächlich seiner eigenen Imagepflege dienen sollte, gönnte er Anton nur ein paar nichtssagende Zeilen. Er sei, urteilte der Neffe von oben herab, „als der Älteste des fuggerischen Handels diesen zu führen ganz emsig und beflissen, ganz sanfter Rede, groß in Ratschlägen und von trefflicher Besinnlichkeit.“
Den Neffen indes fehlte es sowohl an Emsigkeit als auch an Trefflichkeit. Hans Jakob betrieb den Job an der Spitze des Konzerns mit der chevaleresken Gleichgültigkeit eines Mannes, der es eigentlich nicht nötig hatte und der sich den „simplen Geschäftemachern“ intellektuell haushoch überlegen wähnte.
Der Playboy und Amateurdiplomat, der sich nur selten in der „Goldenen Schreibstube“ blicken ließ, jonglierte so unbekümmert mit den ererbten Millionen, daß sich der Kredit der Firma rapide verschlechterte. Galten 1560 die Fuggerbriefe in Antwerpen noch als sicherste Kapitalanlage, so äußerte zwei Jahre später der britische Schatzkanzler Sir Thomas Gresham bereits „große Besorgnis“ über die Zahlungsfähigkeit der Firma.
Wie naiv der neue „Regierer“ die Geschäfte handhabte, zeigt das Beispiel einer 300.000-Kronen-Anleihe bei dem spanischen Wucherer Juan Curiel della Torre. Entgegen dem Testament des Onkels hatte Hans Jakob die Geschäfte nicht langsam abgebaut, sondern unbekümmert forciert. Nach dem Vorbild der Genueser Konkurrenten pumpte er weiter Geld nach Spanien – aber anders als jene erwirkte er keine Tilgung der alten Schulden. So mußten die Fugger, die noch vor ein paar Jahren das Habsburgische Weltreich finanziert hatten, nun plötzlich Kredite bei solch dubiosen Adressen aufnehmen. Und Hans Jakob akzeptierte Bedingungen des Wucherers, die schon beinahe an Betrug grenzten.
Die 300.000 Kronen sollten zwar zum üblichen Satz von zehn Prozent verzinst werden, aber die Fugger bekamen keineswegs den vollen Betrag ausbezahlt. Für 100.000 Kronen nämlich gab ihnen Torre spanische Juros, die allenfalls die Hälfte ihres Nominalbetrages wert waren. 50.000 Kronen mußten also gleich abgeschrieben werden, wodurch der Zinssatz in astronomische Höhen kletterte.
Angesichts solcher Geschäfte wundert es nicht, wenn die Bilanz am Ende des Jahres 1563 ein betrübliches Bild bot. Praktisch war bereits ein großer Teil des Gesellschaftskapitals verwirtschaftet, denn den Aktiva in Höhe von 5,6 Millionen Gulden standen Passiva von 5,4 Millionen Gulden gegenüber, und die meisten der ausstehenden Kredite waren zudem faul.
Als die Zahlen auf dem Tisch lagen, dämmerte den Gesellschaftern des Familienverbandes, daß sie bald pleite sein würden, wenn dies so weiterging. Schon in den letzten Jahren hatte es ständig Krach zwischen den beiden ungleichen Chefs gegeben, da Markus Fugger trotz seiner Jugend der bessere Kaufmann war und die seltsamen Geschäfte seines Vetters nur dem Letzten Willen des verstorbenen Vaters zuliebe duldete. Nun aber war endgültig Schluß.
Markus erklärte sich zwar bereit, für die Schulden der Firma geradezustehen, dafür aber mußte Hans Jakob unwiderruflich seinen Platz räumen und alle Verbindlichkeiten, die aus seinen Privatgeschäften herrührten, selbst übernehmen. Entnervt floh der gestürzte „Regierer“ aus Augsburg. Nur seine Freundschaft zum Bayernherzog bewahrte ihn auf seinem Schloß Taufkirchen vor dem Zugriff der Gläubiger.
1571 mußte der Lebemann und Kunstmäzen dem Herzog sogar seine kostbare Büchersammlung verkaufen, um sich über Wasser halten zu können. Diese mehrere hundert Bände umfassende Sammlung bildete den Grundstock der späteren Bayerischen Staatsbibliothek. Unklar blieb bis heute, weshalb ausgerechnet ihm, dem einzigen Bankrotteur seiner Dynastie – wenn man von den Fuggern vom Reh absieht –, die Reichsstadt Augsburg ein Denkmal aufstellen ließ. Ironischerweise steht es ausgerechnet gegenüber der Industrie- und Handelskammer. Der Streit zwischen den beiden Familienzweigen – hier die Erben Raymunds, dort die Söhne Antons – hörte nach dem Ausscheiden Hans Jakobs keineswegs auf, sondern nahm immer heftigere Formen an, je mehr Markus die alleinige Führung der Gesellschaft für sich beanspruchte. Von den drei Brüdern Hans Jakobs starben Georg und Raymund schon 1569. Als letzter blieb Christoph in der Firma, der in vielerlei Hinsicht als Außenseiter galt.
Er war der einzige Fugger seiner Generation, der sich selbst offen zum Protestantismus bekannte. Außerdem hatte er offenbar das meiste von dem Geschäftstalent seiner Vorfahren geerbt. Denn sein Privatvermögen wuchs in jenen Jahren viel schneller als das der Firma. 1572 verließ auch er nach einem heftigen Konflikt mit Markus das Unternehmen und machte Heidelberg zu seinem Wohnsitz. Als er sieben Jahre später starb, galt er als der reichste Fugger seiner Zeit.
Die Firma hingegen befand sich in einer fatalen Situation. Spaniens König Philipp II., dessen berühmter Admiral Juan d’Austria in der Seeschlacht bei Lepanto die Türken besiegt hatte und sich nun zum Vorkämpfer der Rekatholisierung Europas machte, traf nicht die geringsten Anstalten, seine immensen Schulden zurückzuzahlen. Nur wenn sich einer seiner Gläubiger bereit erklärte, ihm neue Kredite einzuräumen, ließ er über die Tilgung der alten Schulden mit sich reden.
Da Markus Fugger, der Politik seines Vaters folgend, erst die alten Verbindlichkeiten getilgt wissen wollte, ehe er sich zu neuen Darlehen verstand, wurde er von den beweglicheren Konkurrenten aus Genua laufend ausgespielt. Das hatte den Effekt, daß weder neue Geschäfte zustande kamen noch alte Schulden beglichen wurden. Schließlich gab er den ständigen Drohungen und Erpressungsmanövern der spanischen Finanzbürokraten doch nach.
Markus Fugger war zwar ein durchaus solider Kaufmann, aber ihm fehlte die Raffinesse seines Vaters und die kompromißlose Härte des reichen Jakob. „In Spanien waren die Genueser jetzt an die Stelle der Fugger eingerückt“, faßt Richard Ehrenberg zusammen. „Zwar dienten auch letztere dem Könige wiederholt mit neuen Vorschüssen; aber von den Genuesen erhielt er unvergleichlich höhere Summen, und daneben traten jetzt auch wieder spanische Bankiers in den Vordergrund. Freilich mußte sich der König von ihnen ganz andere harte Bedingungen gefallen lassen als von den Fuggern. Aber er erhielt wenigstens Geld, während die Fugger, wenn irgend möglich, sich von neuen Geschäften freizuhalten suchten. Nur durch die Drohung, man werde ihnen die älteren Forderungen nicht bezahlen, gelang es immer wieder, einiges von ihnen herauszupressen. Andererseits mußten die Fugger die Finanzbeamten immer von neuem bestechen, um nur etwas von den versprochenen Rückzahlungen zu erhalten.“
„Die ganze Last der Verantwortung hatte nun Markus Fugger zu tragen, denn seine Brüder und Vettern fanden bald mehr Gefallen am Geldausgeben als am Geldverdienen. Urteilt Götz von Pölnitz: „Der Lebensstil jener Generation, die nicht mehr kaufmännisch empfand, gestaltete sich grandios. Stadthäuser und Schlösser schimmerten von Kostbarkeiten aus aller Herren Länder … Weltweite, signorile Gastlichkeit eines Geschlechts, das mehr von seinem Ruhm als für neue Taten lebte, erfüllte die Räume.“
Zu einer Zeit, als ihr Reichtum längst nicht mehr so groß war wie der eines Anton oder Jakob Fugger, entfalteten die Nachfolger einen Prunk, wie ihn die Familie bis dahin nicht kannte. Ihre Feste und Feuerwerke, Turniere und Tänze, Gästehäuser und Gärten galten als Inbegriff feudalen Lebenswandels.
Kein regierender Fürst konnte es in puncto Prachtentfaltung mit Antons Sohn Johannes Fugger aufnehmen, der im westlichen Komplex des Augsburger Palastes residierte und sich mit Kostbarkeiten aus aller Welt umgab. Über die weitgespannte Handelsorganisation der Firma bezog er Blumensamen aus Indien, Musikinstrumente aus Italien, Pelze aus Rußland, Schwerter aus Spanien sowie Juwelen aus Peru. Seine Stadtwohnung aber dünkte ihm bald zu klein, so daß er 1578 anfing, die alte Burg Kirchheim an der Mindel zu einem prächtigen Schloß von kolossalen Dimensionen auszubauen.
Firmenchef Markus überbot seinen Bruder womöglich noch an Prachtentfaltung. Seine Feste, die meist mit stundenlangen Feuerwerken endeten, wurden weltberühmt. Einem deutschen Herzog zeigte er einmal im Schatztürmchen des Augsburger Fuggerpalastes die sagenhaft wertvolle Sammlung an Juwelen und Münzen sowie Goldklumpen bis zur Größe eines Menschenkopfes, die seine Familie im Laufe der Jahrzehnte angehäuft hatte. Von diesem Krösus stammt auch der Spruch: „Nichts Angenehmeres ist auf der Erd’ als eine schöne Dama und ein schönes Pferd.“
Gelegentlich machten auch noch die aus der Firma ausgeschiedenen Vettern von sich reden. Georg, der zweitälteste, hatte den Einfall, sein Erbe nicht durch kluges Wirtschaften, sondern durch chemische Experimente zu vermehren. Alchimisten aller Nationen dienten ihm ihre Kenntnisse an, und Georg Fugger entdeckte eine ganze Menge – bloß nicht den Stein der Weisen. In Trient wurde er beinahe gesteinigt, weil seine verstörten Nachbarn meinten, er stehe mit dem Teufel im Bunde. Da es in seinem Palast offenbar nicht mit rechten Dingen zuging, tauften die Trientiner das Gebäude „Palazzo del Diavolo“.
Spätere Generationen hielten es dafür mehr mit den himmlischen Mächten. In ihren Augsburger Salons trug man schlichtes Schwarz, als es wieder chic war zu fasten, statt zu schlemmen, und zu beten, statt zu tanzen. Als überzeugte Anhänger des Pater Canisius und seiner asketischen Jünger ließen sich beispielsweise Georgs Söhne den Teufel von Exorzisten austreiben.
Philipp Eduard und Octavianus Secundus Fugger glaubten schließlich sogar an ihre eigene Wiedergeburt.
Die Wiedergeburt des einstigen Geschäftsgeistes freilich ließ bis heute auf sich warten. Markus regierte die Firma, bis ihm 1595 ein Schlaganfall das Ruder aus der Hand riß. Er starb zwei Jahre später. Nun war sein Bruder Johannes, der Erbauer des Schlosses Kirchheim, „Regierer“. Doch dessen ungeduldiger Sohn, Markus der Jüngere, übernahm schon 1597 das Amt. Richard Ehrenberg meint dazu: „Seitdem ist es ziemlich gleichgültig, wer die Verwaltung des Geschäfts führte. Letzteres verlor seine Bedeutung immer mehr, und schon in den Jahrzehnten, während welcher Antons Söhne den Handel verwalteten, nahm dessen Bedeutung derart ab, daß es keinen Zweck hat, seinen Gang zu verfolgen.““
„Immerhin gelang es der Familie, zwischen 1594 und 1600 noch einen Gewinn von 575.397 Gulden zu erzielen. Doch dann ging’s unaufhaltsam bergab. Am dritten spanischen Staatsbankrott vom Jahr 1607 waren sie bereits mit 3,25 Millionen Dukaten beteiligt. Damals hatten sie den größten Teil ihres privaten Anteils am Gesellschaftskapital wieder abgezogen und dafür über zwei Millionen Gulden Fremdkapital aufgenommen. Wie nicht anders zu erwarten, gab es deshalb „ein großes Geläuf“ der Gläubiger, und nur ein Moratorium König Philipps III. bewahrte sie vor dem Schlimmsten.
Um ihren dringendsten Verpflichtungen nachkommen zu können, mußten die Fugger nun ausgerechnet bei ihren schärfsten Konkurrenten, den italienischen Banken, hohe Kredite aufnehmen. Schon 1630 konnte Genuas Bankfürst Octavio Centurione glaubwürdig versichern, der angebliche Reichtum der Fugger sei „pure Einbildung“.
Sieben Jahre später hatte sich das Unternehmen so verschuldet, daß seine sämtlichen spanischen Besitztümer unter Genueser Verwaltung kamen, obwohl die Firma bei der Krone immer noch Außenstände von vier Millionen Dukaten einzufordern hatte. Aber die Madrider Regenten dachten ebensowenig wie die österreichischen Habsburger daran, den Fuggern je wieder auch nur einen Gulden zurückzuzahlen. Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts betrugen ihre Forderungen gegenüber den Habsburgern insgesamt rund acht Millionen Goldgulden. Dazu Richard Ehrenberg: „Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß der größte Teil dessen, was die Fugger in hundertjähriger Arbeit verdient hatten, auf solche Weise wieder verlorenging.“
Wenn die Familie dennoch Reste ihres einstigen Vermögens bewahrte und es ein Fugger bis heute nicht nötig hat, sich durch seiner eigenen Hände Arbeit zu ernähren, so ist dies im wesentlichen der Klugheit Antons zuzuschreiben. Nur weil er große Teile des Familienvermögens in Grundbesitz investierte und das eherne Gesetz erließ, daß dieser nur an männliche Nachkommen vererbt und nichts davon verkauft werden darf, blieben Teile des einstigen Reichtums durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag erhalten, obwohl seither nie wieder ein Fugger von Fuggerformat geboren wurde.“
Zum Schluss
Die Parallelen zwischen damals und heute sind verblüffend: vor 500 Jahren ging es kaum anders zu als heute.
Es sind immer die selben Muster.
Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm
Das Böse verlachen
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