Mit dem Regenwurm ist es so eine Sache. Meist nimmt ihn keiner wahr und ernst nehmen tut ihn kaum jemand. Und doch: meist ist er da und oft auch wichtig. Ein eigenes Leben hat er allemal, wenn auch überwiegend unter der Erde - da wühlt und gräbt er sich durch alles durch und kommt mit allem in Kontakt, was es da so gibt im Wurzelbereich und drunterhinaus. Was dahin gerät - und das meiste kommt früher oder später mal da an - betrifft ihn und seine Freunde. Ab und zu kommt Rupert (so der Name des Regenwurms) an die Erdoberfläche, um zu sehen, was die da oben schon wieder alles treiben. Und gibt Kunde davon seinen staunenden Kumpels im Erdreich und jenen über der Erde, die sich für ihn interessieren.

Mensch überlege sich mal, was er im Alter von 8 oder 9 Jahren gemacht hat. Oder was seine Eltern zu jener Zeit mit ihm unternommen haben.

Letzte Woche hat in der Nähe von Las Vegas ein 9-jähriges Mädchen völlig legal auf einem Schießstand mit einer Maschinenpistole einen Menschen erschossen. Es handelte sich um einen Unglücksfall. Da ein 9-jähriges Kind nun mal rein körperlich nicht mit einer Maschinenpistole umgehen kann, trägt für das Unglück der Schießlehrer die Schuld. Zur Verantwortung braucht der nicht mehr gezogen zu werden – er ist der Getötete.

„Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht“ ist ein Spruch, der im deutschen Sprachraum den meisten Kindern beigebracht wird (und in den USA gibt es mit Sicherheit ähnliche Sprüche). Wenn die Kinder etwas größer sind, sehen es die Eltern wohl auch nicht gerne, wenn sie mit Maschinenpistolen rumballern.

In den USA ist das Schießen für Kinder je nach Bundesstaat unterschiedlich geregelt. In diesem Fall (Arizona) betrug das Mindestalter 8 Jahre unter der Voraussetzung, dass mindestens ein Elternteil oder gesetzlicher Vertreter dabei ist. In diesem Fall waren beide Eltern dabei und haben Filmaufnahmen ihrer Tochter gemacht.

Kein Wurm könnte behaupten, er lebe in einer langweiligen Zeit. Wurm könnte sogar sagen, die Welt sei aus den Fugen geraten. Allerdings ist sie das ja schon, seitdem es Menschen auf der Erde gibt.

Nichtsdestotrotz nimmt sich der Wurm die Muße, sich Gedanken über ein Ereignis zu machen, das genau 2000 Jahre zurück liegt und gleichzeitig über den Kalender zu sinnieren. Warum heisst der Monat „August“ August? Hätte er nicht etwa Rosel oder Bartholomäus heissen können? Und was soll an einem Ereignis interessant sein, das vor 2000 Jahren statt gefunden hat?

Das Ereignis war der Tod des ersten römischen Imperators Octavian, der den Ehrennamen Augustus verliehen bekam („augere“ = mehren, wachsen lassen). Und nachdem der Monat August benannt worden ist. Wer es noch nicht wissen sollte: bis auf den heutigen Tag werden im deutschen Sprachraum (und nicht nur da) Monatsnamen aus der Zeit der Römer verwendet:

Der Wurm sagt: „Und da gibt es Leute, die allen Ernstes behaupten, dass die Frieden liebenden europäischen Staaten gar keinen Krieg wollten, sondern „hineingeschlittert“ seien. Menschen tendieren dazu, je öfter sie einen vollkommenen Blödsinn hören, diesen umso mehr zu glauben. Ein Wurm kann jedoch logisch denken und geht davon aus, dass solche Menschen, die diesen Unfug mit dem „Hineinschlittern“ in den 1. Weltkrieg von sich geben, entweder dumm sind oder lügen. Aus welchen Gründen auch immer.“ http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/109-platz-an-der-sonne.html

Passend dazu ein Zitat von George Orwell: "Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit."

Staaten machen gewöhnlicherweise für ihre Außenpolitik Langzeitpläne. Damit das Volk nicht gegen unpopuläre Entscheidungen rebelliert, werden für die Kontrolle der Gegenwart Journalisten eingespannt und für die Kontrolle der Vergangenheit Historiker.

Um die Historiker vorwegzunehmen, für die sich der 1. Weltkrieg als Zukunftsmodell anbietet:

- es gibt keine Schuldigen am Krieg, vor allem nicht Deutschland (alle sind „hineingeschlittert“)

- wenn es deutsche Kriegsverbrechen gab, werden sie relativiert mit dem Ziel, sie als unbedeutend darzustellen

-  der Krieg ging in die falsche Richtung – eigentlich hätte er zur Gänze Richtung Osten gehen müssen

- Historiker, die früher etwas anderes behaupteten, werden diffamiert, etwa, indem sie „unsauber“ arbeiteten oder ihre Thesen als „überholt“ gelten

„Mit schwerem Herzen habe ich meine Armee gegen einen Nachbarn mobilisieren müssen, mit dem sie auf so vielen Schlachtfeldern gemeinsam gefochten hat. Mit aufrichtigem Leid sah ich eine von Deutschland treu bewahrte Freundschaft zerbrechen. Die Kaiserlich Russische Regierung hat sich, dem Drängen eines unersättlichen Nationalismus nachgebend, für einen Staat eingesetzt, der durch Begünstigung verbrecherischer Anschläge das Unheil dieses Krieges veranlaßte.“

Vor 100 Jahren, am 4. August 1914, hielt Kaiser Wilhelm II. eine Thronrede zum Kriegseintritt Deutschlands.

Der Wurm möchte noch zwei Zitate daraus bringen, auf die er später eingehen wird:

„Die Feindseligkeit, die im Osten und im Westen seit langer Zeit um sich gegriffen hat, ist nun zu hellen Flammen aufgelodert. Die gegenwärtige Lage ging nicht aus vorübergehenden Interessenkonflikten oder diplomatischen Konstellationen hervor, sie ist das Ergebnis eines seit langen Jahren tätigen Übelwollens gegen Macht und Gedeihen des Deutschen Reiches.

Uns treibt nicht Eroberungslust, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den uns Gott gestellt hat, für uns und alle kommenden Geschlechter.

Hier wiederhole ich: Ich kenne keine Partei mehr, ich kenne nur Deutsche! Zum Zeichen dessen, daß Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschiede, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben.“

„Jaurès gleicht jenen Bergen, die uns höher scheinen, je weiter sie sich von uns entfernen … Überall die gleiche Überzeugung, ausgesprochen oder unausgesprochen: Hätte er gelebt! Er allein, nur er allein hätte dieses Unheil verhütet.“  Romain Rolland

„Human“ ist theoretisch das gleiche wie „menschlich“. Praktisch ist „menschliches“ Verhalten so, wie es ist und worunter wir Bewohner des Erdreichs zur Genüge zu leiden haben. Und „human“ heisst, dass sich die Menschen so verhalten sollten. Wir Erdreichbewohner lieben und verehren diese wenigen Menschen, die sich human im besten Sinne des Wortes verhalten.

Bei den Menschen ist das leider nicht so. Ab und zu werden welche auf den Sockel gehoben, die irgend wo in der Ferne sich privat verausgaben und niemandem schaden können (wie etwa Albert Schweitzer). Aber solche Idealisten, die ihr Leben den Menschen widmen, deren Ziel die internationale Verständigung ist und sich auch noch politisch dafür einsetzen, interessieren nur wenige.

Nein, die großen Idealisten und Humanisten werden bestenfalls nur am Rande erwähnt. Das ist bei Bertha von Suttner der Fall (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/101-die-waffen-nieder.html ) und bei Jean Jaurès, der vor 100 Jahren ermordet wurde, ist das auch nicht viel anders. Während der 100. Todestag von Bertha von Suttner im offiziellen Fernsehen so gut wie gar nicht erwähnt wurde, gab es zu Jean Jaurès zumindest im französich-deutschen Sender „arte“ zwei Filme über ihn zu sehen.

Jean wer? Die wenigsten Deutschen kennen ihn. Von der Geschichtslosigkeit des deutschen Volkes mal abgesehen, gibt es zwei weitere Gründe dafür: die deutsche Geschichtsschreibung kreist meist um sich selbst und um ihre bürgerlichen Repräsentanten. Ein französischer Sozialist interessiert die meisten schon gar nicht. Auch dann nicht, wenn er mal großen Einfluss auf die deutsche Arbeiterschaft hatte und die Symbolfigur der deutsch-französischen Verständigung ist. Aber halt Sozialist.

Wenn die meisten Menschen sich schon nicht für einen der ganz Großen ihrer Geschichte interessieren – der Wurm, der sich neben der Wurmität auch der Humanität verpflichtet fühlt,  tut es und ehrt Jean Jaurès mit diesem Beitrag.