Mit dem Regenwurm ist es so eine Sache. Meist nimmt ihn keiner wahr und ernst nehmen tut ihn kaum jemand. Und doch: meist ist er da und oft auch wichtig. Ein eigenes Leben hat er allemal, wenn auch überwiegend unter der Erde - da wühlt und gräbt er sich durch alles durch und kommt mit allem in Kontakt, was es da so gibt im Wurzelbereich und drunterhinaus. Was dahin gerät - und das meiste kommt früher oder später mal da an - betrifft ihn und seine Freunde. Ab und zu kommt Rupert (so der Name des Regenwurms) an die Erdoberfläche, um zu sehen, was die da oben schon wieder alles treiben. Und gibt Kunde davon seinen staunenden Kumpels im Erdreich und jenen über der Erde, die sich für ihn interessieren.

In Deutschland stehen die Bundestagswahlen an. Was wir Bewohner des Erdreiches uns fragen: was wählen die Menschen und warum tun die das?

Mal davon abgesehen, wie der aktuelle Zustand der jeweiligen Parteien ist oder welche Koalitionen möglich und wünschenswert scheinen, dürfte es eigentlich nur zwei Motive für das Wählen einer bestimmten Partei geben.

Das eine Motiv ist rational-egoistisch: wer sorgt dafür, dass es mir am besten geht? Wie viel Geld muss ich an staatliche oder halbstaatliche Organisationen zahlen, welche Leistungen bekomme ich von diesen? Wer bewahrt oder verbessert die Qualität der Sachen, die mir wichtig sind, z.B. Schulen, Krankenhäuser, Straßen.

Das andere Motiv ist rational-altruistisch und lautet ungefähr so: wer sorgt dafür, dass das größt-mögliche Glück für die größt-mögliche Zahl an Menschen eintritt? Für diesen Gedankengang muss mensch noch nicht mal selbstlos sein – je mehr unkontrollierbare Unzufriedene es gibt, umso egaler ist es ihnen, was sie kaputt machen. Also: je zufriedener die Menschen, umso mehr lassen sie die anderen in Ruhe.

Da die Menschen aber alles andere als vernünftig sind, ignorieren sie diese rationalen Gründe und lassen sich von Emotionen beeinflussen. Und da uns bekannt ist, dass die meisten Menschen weder zuhören können noch wollen, wissen wir auch, dass menschliche Kommunikation zum größten Teil kein Austausch von Inhalten ist, sondern von Emotionen. Mensch weiss zwar nicht, was der andere gesagt hat, aber die zwei verstehen sich.

Letzten Sonntag war das große Fernsehduell zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer um das Kanzleramt. Und was war das alles beherrschende Thema danach? Krieg? Wirtschaft? Energie? Soziales? Innere Sicherheit? Das alles interessiert die wohl nicht. Was die interessiert, ist die Halskette der Kanzlerin.

Wenn wir Regenwürmer unseren Kumpels in Bayern einen Besuch abstatten, besuchen wir meistens in München das Grabmal des unbekannten SPD-Wahlkämpfers, an dem wir einen Kranz nieder legen. Einige können dann ihre Tränen nicht zurück halten, denn die Existenz der bayerischen SPD ist für uns so etwas wie ein Sinnbild der Sinnlosigkeit. Vielleicht ist das jetzt etwas übertrieben, aber unser Mitleid haben die bayerischen Genossen allemal verdient.

Na ja, für die Genossen im restlichen Bundesgebiet gilt unser Mitleid aber auch. Zwar dürfen die dort manchmal mitregieren, aber was die dann in der Regierung machen, treibt die einfachen Mitglieder dann auf diesem Wege in die Verzweiflung.

Einer, der seit Jahrzehnten an das Gute im Menschen und in der SPD glaubt, ist der Grafikdesigner und (seit 2006) Präsident der Akademie der Künste in Berlin, Klaus Staeck. Berühmt wurde er durch Plakate und Postkarten, die größtenteils aus Fotomontagen und einem kurzen Text bestehen. Oft mit sehr direkter politischer Aussage und manchmal hintergründig (über „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“ werden manche Menschen etwas länger nachgedacht haben).

Natürlich eignen sich die Werke von Klaus Staeck wunderbar für den Wahlkampf. Aktuell gibt es große Aufregung über ein Postkatenmotiv von Klaus Staeck, das die Jusos in 100.000-facher Vervielfältigung vor den Fußballstadien verteilen. Zu sehen sind Angela Merkel und Uli Hoeneß mit dem Text „Glückwunsch, Uli! Wir Steuern das schon.“ Erst beschweren sich alle über den langweiligen Wahlkampf, dann über solch eine Aktion. Dem Gejaule nach muss damit wohl ein wunder Punkt getroffen worden sein.

Wir im Erdreich kapieren oft nicht, was und warum die Menschen etwas machen. Deshalb gibt es bei uns welche, die die Menschen studieren und uns Nachhilfe geben. Babette Bücherwurm hat’s mit der Literatur und piesackt uns mit solchen Sätzen wie „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa.

Weiter gehend haben wir unseren „Professor“ Aurelius Auerochs, der sich vorzüglich in der menschlichen Geschichte auskennt und uns anschauliche Beispiele gibt. So sollen wir uns vorstellen, wir wären in einem Land in Lateinamerika, in dem eine korrupte Oberschicht herrscht. Diese Oberschicht hat ein prächtiges Leben und kümmert sich kaum um die Masse der Bevölkerung, die mehr und mehr verelendet. Entweder wg. eigener Dummheit oder dadurch, dass Teile dieser Oberschicht sich gegen die oberste Spitze wenden und die Massen aufstacheln (was sehr viel wahrscheinlicher ist), kommt es zur Revolution.

Die neuen Machthaber sind mehr oder weniger auf der Seite des Volkes und versuchen, die Wirtschaft anzukurbeln und eine gerechtere Gesellschaft zu verwirklichen. Machen Fehler, sind manchmal etwas übereifrig und sind von Anfang an chancenlos: denn die bestimmenden Leute aus der Wirtschaft boykottieren die eigene Regierung, die Polizei macht keine Verbrechensbekämpfung mehr, wodurch die Kriminalität deutlich steigt. Außenpolitisch gibt es einen großen Staat in der Nähe, der kein Interesse hat, dass diese Regierung Erfolg hat und alles dafür tut, dass sie scheitert. Um die ohnehin instabile Lage weiter zu verschärfen, wird dafür gesorgt, dass wichtige Wirtschaftsgüter wie Lebensmittel oder Benzin knapp werden und sich lange Schlangen vor den jeweiligen Geschäften bilden. Und es wird eine neue Protestbewegung ausgebildet und bezahlt, die für ordentlich Rabbatz sorgen soll.

Nach relativ kurzer Zeit, sagen wir nach einem Jahr, meint das Militär einen Putsch machen zu müssen, führt mehr oder weniger die alten Zustände wieder ein und sorgt dafür, dass die Anhänger der gestürzten Regierung nie mehr an die Macht kommen können.

So oder so ähnlich spielt es sich bei den Menschen ab. Wir haben natürlich gleich gemerkt, dass Aurelius Auerochs uns mit „Land in Lateinamerika“ hinters Licht führen will und eigentlich Ägypten meint, wo das gerade passiert ist.

In Mainz fallen derzeit zahlreiche Züge aus, und der Regionalverkehr läuft nur eingeschränkt. Fernverkehrszüge wie ICE werden teils umgeleitet oder halten an anderen Bahnhöfen. Grund ist ein Personalengpass im Mainzer Bahnstellwerk.

Ist ja auch mal Zeit geworden, dass das Sparen am Personal bei der Bahn mal so richtig offensichtlich wird. Der Personalbestand wurde in den letzten Jahren stark ausgedünnt, so dass konzernweit 8 Millionen Überstunden und 9 Millionen Stunden ausstehender Urlaub aufgelaufen sind. Es wäre schön gewesen, wenn den Mitarbeitern wenigstens das Gefühl gegeben worden wäre, wichtig zu sein. Bei vielen wird das Gegenteil der Fall gewesen sein. Mit der Folge, dass die Identifikation der Mitarbeiter mit der Bahn sehr gesunken ist. Und das bei einem Unternehmen, bei dem schon Kinder davon geträumt haben, dort arbeiten zu dürfen.

Berthold Beitz ist tot, eine der führenden Gestalten der Wirtschaft seit den 1950er Jahren bis zur letzten Woche.

Offensichtlich besaß er hervorragende Manager-Qualitäten, aber deswegen äußert sich der Wurm nicht über ihn. Was ihn aus der Menge der Wirtschaftstreibenden und überhaupt der Menschen heraushebt, ist sein Charakter. So überragend war der jetzt auch wieder nicht, aber im Vergleich zu seinen Mitmenschen war Berthold Beitz für den Wurm ein Riese unter Zwergen.