Mit dem Regenwurm ist es so eine Sache. Meist nimmt ihn keiner wahr und ernst nehmen tut ihn kaum jemand. Und doch: meist ist er da und oft auch wichtig. Ein eigenes Leben hat er allemal, wenn auch überwiegend unter der Erde - da wühlt und gräbt er sich durch alles durch und kommt mit allem in Kontakt, was es da so gibt im Wurzelbereich und drunterhinaus. Was dahin gerät - und das meiste kommt früher oder später mal da an - betrifft ihn und seine Freunde. Ab und zu kommt Rupert (so der Name des Regenwurms) an die Erdoberfläche, um zu sehen, was die da oben schon wieder alles treiben. Und gibt Kunde davon seinen staunenden Kumpels im Erdreich und jenen über der Erde, die sich für ihn interessieren.

Der Gutachter Thomas Holzmann wurde zu Schadensersatz in Höhe von insgesamt 197.000 €  plus Zinsen an drei der vier hessischen Steuerfahnder verurteilt, die wg. falscher Gutachten zwischen 2007 und 2009 zwangspensioniert wurden.

Einer der Betroffenen gab im Jahr 2013 ein Interview. Hier Auszüge daraus:

„Ich darf mich erst mal vorstellen: Mein Name ist Schmenger. Ich war in Hessen Steuerfahnder, wurde selbst psychiatrisiert, nachdem wir in Hessen auf die Mißstände hingewiesen hatten, daß wir in der Steuerfahndung Frankfurt die Bankenfälle nach dem Gesetz, nach dem Legalitätsprinzip, gar nicht abarbeiten können. Es wurden Geheimakten geführt über meine Person, es wurde ein disziplinarisches Ermittlungsverfahren konstruiert, es wurde ein Falschgutachter engagiert. Das ist eine Odyssee, die geht mittlerweile seit über zwölf Jahren, und ich habe im Rahmen dieser zwölf Jahre auch schon Teilerfolge erzielt, z.B. daß der Falschgutachter in der Steuerfahnderaffäre Hessen entlarvt wurde …

Der Falschgutachter von mir begutachtet bis zum heutigen Tage für die Justiz in Hessen, obwohl dieser Gutachter verurteilt wurde durch das zuständige Berufsgericht wegen vorsätzlicher Falschbegutachtung und das ist Dr. Holzmann aus Frankfurt - das kann auch jeder wissen und jeder nachlesen.“

http://www.nuernbergwiki.de/index.php/Rudolf_Schmenger_(N%C3%BCrnberger_Rede)

Der Fall der hessischen Steuerfahnder ist symptomatisch für gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Zunächst drei Schilderungen aus „Pelzig hält sich“, „capital“ und „Spiegel“: 

„Gegenwärtig hat man den Eindruck, dass die Welt nach dem Kalten Krieg in neue geopolitische Konflikte und endlose Kämpfe gegen islamistische Terroristen versinkt. Aber es gibt auch Terroranschläge, die nicht politisch oder religiös motiviert sind. Es sind die Amokläufer, die von Wut, Verzweiflung und dem Streben nach Aufmerksamkeit getrieben, möglichst viele Menschen mit in den Tod ziehen wollen. Wahrscheinlich hängt die Motivation, sich Terrorgruppen im Ausland anzuschließen und sein Leben aufs Spiel zu setzen, mit der zusammen, sich selbst in einem finalen und blutigen Aufmerksamkeitsspektakel aus dem Leben zu verabschieden …

Das FBI hat nun in Zusammenarbeit mit der Texas State University einen Bericht über die Amokläufer in den USA zwischen 2000 und 2013 veröffentlicht. Insgesamt 160 solcher "active shooter incidents" gefunden und ausgewertet, 40 Prozent davon "Massentötungen", bei denen 3 und mehr Menschen umgebracht wurden. Gemeint sind damit Vorfälle, in denen "Einzelpersonen Menschen in bevölkerten Gebieten aktiv getötet oder versucht haben, Menschen zu töten" (Ist die Provinz der Ursprung des massenmörderischen Bösen?). Schießereien, die mit Gangs oder Drogen verbunden sind, wurden nicht einbezogen.

Schottland hat abgestimmt: 55% der in Schottland lebenden Wähler wollen bei Großbritannien bleiben, 45% wollten die Unabhängigkeit.

Es stellt sich die Frage, warum das Ergebnis so knapp war: immerhin ist Schottland seit über 300 Jahren mit Großbritannien vereint und das gesamte Establishment inclusive der Arbeitgeber, die ihre Arbeitnehmer massiv unter Druck setzten, war massiv für einen Verbleib Schottlands.

Für die meisten deutschen Medien war dies alles eine Frage des schottischen Nationalismus. Das war es jedoch definitiv nicht. Aus nationalistischen Gründen hätten nicht wesentlich mehr als 20% für die Abspaltung gestimmt. Sehr wahrscheinlich durfte deshalb überhaupt abgestimmt werden. Große Niederlage der Nationalisten, und dann ist erst mal Ruhe.

Andreas Bodmer fasst die Gründe für den knappen Ausgang folgendermaßen zusammen (der Artikel entstand vor der Abstimmung):

 „Neben Karl Marx hat wohl kein anderer Philosoph der vergangenen zwei Jahrhunderte eine so große politische Wirkung erzielt wie Karl Raimund Popper. Während aber das Imperium, das sich auf das Marxsche Gedankensystem berief, 1989/90 unterging, sind die Ideen Poppers von ebenjener demokratischen Revolution, die es zum Einsturz brachte, eindrucksvoll bestätigt worden.“

http://www.zeit.de/2002/31/200231_popper.xml

Dies war der Beginn eines Artikels der „Zeit“ aus dem Jahr 2002 zum 100. Geburtstag von Karl Popper. Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen und der Wurm ist so frech zu behaupten, dass einige Ideen Poppers falsifiziert wurden.

Vor 20 Jahren starb Karl Popper und er kann von sich behaupten, dass ohne ihn die Welt anders aussehen würde, dass die Menschheit anders denken würde. Möglicherweise sähe die Welt ohne ihn in manchen Punkten schlechter aus. Allerdings – auch,  wenn das so nicht seine Absicht war - hatte sein Denken verheerende Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft.

Vor allem in zweierlei Hinsicht:

1) Egoismus und in letzter Konsequenz wirtschaftlicher Neoliberalismus, der zu mehr oder weniger großer Verelendung der Massen führt zugunsten von wenigen reichen Privatmenschen und Firmen.

2) die weit verbreitete Ansicht, dass mensch nichts wissen kann, es keine absoluten Wahrheiten, vor allem nicht in der Wissenschaft gibt und dem entsprechend alles erlaubt ist – mit der Konsequenz von allgemeiner Verblödung, Verdummung und Hinwendung zu Religion bzw. Esoterik. Selbstverständlich gibt es auch dort keine absoluten Wahrheiten und deshalb wird das so zusammen gebastelt, wie mensch es gerade der entsprechenden Zeitströmung für richtig hält. Jegliches in-die-Welt-hinausposaunen von Blödsinn, auch wenn er noch so abstrus ist, ist in Ordnung und darf nicht kritisiert werden.

Der Wurm versucht, einige für ihn interessante Punkte von Karl Poppers Denken nachzuvollziehen.

Vor 25 Jahren wurde in Bad Frankenhausen (Thüringen) ein Kunstwerk eingeweiht, das in seiner Machart nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit einzigartig ist. 

„Der Schreiber dieser Zeilen hatte das Glück, den Rundbau auf dem Hügel bei Frankenhausen im Oktober des Jahres 1987 zu besuchen, einige Wochen bevor Werner Tübke, nach zwölfjähriger Arbeit, sein Werk als vollendet bezeichnete, anderthalb Jahre bevor es der Öffentlichkeit gelegentlich einer Feier zugänglich gemacht werden wird. Wir waren zu dritt, mit zwei freundlichen Erklärern. Danach durften wir noch das Ehepaar Tübke begrüßen. Der Meister war tief erschöpft, soviel spürte man, sehr erholungsbedürftig, aber glücklich wohl auch. Was konnte ich ihm sagen? Kaum mehr, als was ich in das Gästebuch schrieb: „Voll Bewunderung und Staunen.“ Betritt man das riesige Gewölbe, sieht man steil nach oben, so wird man zunächst von etwas wie Schwindel erfasst. Dann versucht man sich zu orientieren; wozu eine Stunde niemals ausreichen kann. Es ist eine Welt, die sich da auftut; Menschenwelt im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Hatte der Meister Vorbilder, so waren es Maler eben jener Zeit; keineswegs die Historien-Maler des neunzehnten, die gar so schlecht auch nicht waren, mit denen sich aber jeder Vergleich verbietet. Überhaupt versagt hier das bloße Wort. Realismus? Ja, doch, der auch. Man sieht die Qual eines aufs Rad Geflochtenen. Man sieht Henker und Gehängte. Man sieht das üppige Leben, Lust und Wollust neuen, reich gewordenen Bürgertums. Stimmig ist auch hier eine Druckerwerkstatt mit von der Partie: Wirklichkeit und Symbol der neuen Großmacht. Aber wer unter jener Kuppel auf dem Frankenberg steht, dem Gemälde ohne Anfang, ohne Mitte und ohne Ende, der Schau, in welcher Symbole wie der berstende Turm von Babylon oder ein Regenbogen hoch über dem Schlachtengewimmel sich mit historischen Figuren versöhnen, dem wird die Zaubermacht der Kunst für einen Moment alle Theorie als grau in grau erscheinen lassen.“

 

Beim Schreiber dieser Zeilen handelte es sich um Golo Mann, einen der bedeutendsten deutschen Historiker.