„Geistige Abschottung kann leicht zur Verblödung führen“ hatte der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner nach einem für ihn unangenehmen Ergebnis einer Volksabstimmung in der Schweiz getwittert: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/97-hassobjekt-schweiz.html

Ein Beispiel für das Ergebnis geistiger Abschottung hatte letzten Sonntag Giovanni di Lorenzo geliefert, der munter daher plauderte, als Mensch mit deutschem und italienischem Pass zwei Stimmen bei der Europawahl abgegeben zu haben.

"Mir war nicht bewusst, dass man bei der Europawahl nicht in zwei Ländern abstimmen darf. Hätte ich es gewusst, hätte ich es nicht getan und natürlich auch nicht in der Sendung von Günther Jauch erzählt", sagte di Lorenzo. "Mir tut das aufrichtig leid."

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-05/di-lorenzo-europawahl-jauch-stimmabgabe

Nun hat di Lorenzos Wahlverhalten den Wahlausgang nicht entscheidend beeinflusst und der zweimalige Gang zu den Wahllokalen sei ihm gegönnt (Gernot Gockel und Priamos Pfau hätten daran ja auch ihre Freude gehabt). Aber ein Zeichen großer Weltfremdheit ist das schon. Zumal Giovanni di Lorenzo Chefredakteur der „Zeit“ ist und er nicht mal mitbekommt, was in seiner eigenen Zeitung steht - wenige Tage vor der Wahl gab es dort nämlich den Artikel „Lücke im EU-Wahlsystem“ von Fabio Ghelli mit auszugsweise folgendem Inhalt:

„Was passiert allerdings wenn ein übereifriger Wähler sich diese Botschaft allzu sehr zu Herzen nimmt und dabei gleich zweimal seine Stimme abgibt? Zwar steht in der Wahlbenachrichtigung ausdrücklich drin: Jeder Wähler darf ein und nur ein Mal wählen.

Wer zwei Mal wählt, kann nach Paragraf 107 des Strafgesetzbuches wegen Wahlfälschung mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden …

Letztlich ist das Gewissen der Wähler der einzige Schutzmechanismus gegen die Doppelwahl. Ein Sprecher der italienischen Botschaft räumt dies sogar offen ein: "Jeder Wähler trägt selbst die Verantwortung: Wenn er redlich ist, wird er seine Stimme wie alle anderen nur einmal abgeben", sagt er.“

http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-05/europawahl-doppelte-staatsbuergerschaft-doppelte-wahlbenachrichtigung

Hier ein Kommentar von Thomas Knüwer:

„Allein: Der Chefredakteur eines der wichtigsten überregionalen Medien der Republik kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass an seinem Verhalten etwas Falsches sein könnte. Der gesunde Menschenverstand ist abgeschaltet, die Bodenhaftung zur Normalität längst verloren.

Und: Damit ist er nicht allein.

Vielmehr ist seine Haltung Ausdruck einer elitären Arroganz, die bei viel zu vielen Journalisten zu beobachten ist. Die “Zeit” nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. 2011 interviewte das Blatt Thomas Middelhoff und der Ex-Karstadt-Chef hätte sich dieses Gespräch nicht besser kaufen können, es wurde gescherzt und gelacht. Kritische Fragen? Fehlanzeige. Auf einem Podium darauf angesprochen meinte di Lorenzo, man wolle bei dem Gespräch, dass der Interviewte sich selbst entlarvte. Die gleiche Taktik würde bedeuten, demnächst PR-Texte zu drucken – die könnten sich im Kopf des Lesers selbst entlarven.“

http://www.indiskretionehrensache.de/2014/05/giovanni-di-lorenzo/

Zum letztjährigen 200jährigen Geburtstag Georg Büchners machte sich der Wurm seine Gedanken über Intellektuelle in der heutigen Gesellschaft:

„Nichtsdestotrotz drängt sich einem Wurm die Frage auf, wie heutige deutsche Intellektuelle bzw. Wissenschaftler auf soziale Ungleichheiten oder Ungerechtigkeiten reagieren und wie sie sich für ihre Mitmenschen einsetzen.

Und dem Wurm kommt der Gedanke, dass diese Intellektuellen oftmals in einer Parallelgesellschaft leben, vom richtigen Leben wenig mitkriegen und auch gar kein Interesse daran haben.

Wer von denen nicht selbst unter einfachen Leuten aufgewachsen ist und heute noch (bzw. wieder) solche Leute in seiner Nachbarschaft hat, wird mit Nicht-Akademikern in seinem Privatleben kaum Kontakt haben.

Und wird versuchen, sich vom einfachen Volk abzugrenzen …

Ein modernes Zauberwort für die Akademiker lautet „privat“. Abgesehen von den privaten Krankenkassen gibt es mehr und mehr private Kindergärten, private Schulen, private Internate, private Universitäten. Natürlich wollen die alle auch in einer noblen Wohngegend wohnen. Von der Wiege bis zur Bahre abgeschottet vom real existierenden Leben …

Nun, wer in wissenschaftlichen Berufen arbeitet, der hat es „geschafft“. Und wer es „geschafft“ hat, hat entweder einen mitleidsvollen oder einen mitleidslosen Blick auf diejenigen, die auf die eine oder andere Art und Weise Probleme mit dem Leben haben und sei es „nur“ finanzieller Art. Schließlich seien die ja selbst schuld an ihrem Unglück. Wenn sie selbst es bis nach oben gebracht haben, können andere das ja auch – wenn sie nur wollten und sich etwas dafür anstrengen würden.

Verstärkt wird diese Meinung durch das Bild von Sozialhilfe-Empfängern, das bewusst von den Medien so dargestellt wird: neben solchen, die eigentlich nicht berechtigt wären und als „Sozialschmarotzer“ bezeichnet werden, werden sehr oft unglückliche Gestalten präsentiert, die negative Assoziationen auslösen. Etwa Dicke und Faule, die sich gerne von „Junk Food“ ernähren. Getoppt wird das dadurch, dass sie viele Kinder haben …

Im Grunde handelt es sich um eine abgeschottete Parallel-Gesellschaft, die um sich selbst kreist.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/39-leben-im-elfenbeinturm.html

Diese Abgehobenheit gilt genauso für Journalisten oder andere Menschen in führenden Positionen. Etwa den Fußball-Bundestrainer Jogi Löw, der es allen Ernstes geschafft hat, 18 Punkte in Flensburg zu bekommen und für 6 Monate seinen Führerschein abgeben zu müssen. Mit seinem Fahr- und Telefon-Verhalten im Auto hat er also Menschenleben gefährdet.

„…denn so ein drastischer Schritt wie der Führerscheinentzug kommt ja nicht überraschend. Jede Eintragung in Flensburg wird dokumentiert, in einem Brief dem Delinquenten auch mitgeteilt. Bei den meisten Menschen setzt spätestens nach dem zweiten oder dritten Vergehen die Erkenntnis ein, dass hier etwas schief läuft und sie gegensteuern müssen. Bei Herrn Löw hat es diese Erkenntnis offensichtlich nicht gegeben.“

http://www.spiegel.de/auto/aktuell/jogi-loew-auf-fuehrerscheinentzug-das-sagt-ein-experte-a-972038.html

Doch zurück zu den Journalisten. Boris Kartheuser (einer der wenigen Aufrechten) schreibt über sie:

„Journalisten gelten als Vierte Gewalt im Staat. Sie verfügen über die Macht, öffentliche Diskussionen zu lenken und das politische Geschehen zu beeinflussen. Entsprechend wichtig ist es, dass Medienvertreter jede Beeinflussung durch Dritte ablehnen und hohen moralischen Grundsätzen folgen. Denn mit hoher Macht geht hohe Verantwortung einher. Doch die Zunft kennt viele schwarze Schafe. Das zeigt eine Studie des Netzwerks Recherche, die ich mitverfasst habe.

Da gibt es beispielsweise die von Unternehmen gesponsorten First-Class-Flüge, Bordellbesuche oder Aufenthalte in teuren Ferienresorts, die von Journalisten dankend angenommen wurden. Die exklusiven und inhaltlich nicht erforderlichen Reisen führten nach Südafrika, China oder die Vereinigten Staaten. Immer unter dem Deckmantel einer Geschäftsreise. Unter den Eingeladenen befanden sich ebenso freie Journalisten wie hochbezahlte Chefredakteure. Und nur wenige der Meinungsmacher finden ihr Handeln im Nachhinein verwerflich, entwickeln so etwas ein Unrechtsbewusstsein.

Ähnlich sieht es bei Kooperationen aus. Da schreibt die altehrwürdige ZEIT auf Ihrer Webseite einen Essaywettbewerb aus zum Thema “Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft”. Doch den Sieger kürt der Kooperationspartner, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die jedes Jahr Millionenbeträge von der Arbeitgeberindustrie für ihre Lobbyarbeit kassiert. Anscheinend kein Problem für den ZEIT-Verlag, der auf diese Weise seinen guten Namen für eine PR-Aktion der Industrie hergibt.

Ebenjene INSM ist auch Kooperationspartner von Focus Money. Hier geht es um das Erstellen von Schulmaterial. Und auch das ist ganz auf Linie der Lobbyisten. Da reden Focus-Money-Journalisten Niedriglöhne schön (“bietet mehr Chancen als Risken”) oder fordern den Abbau von Subventionen. Mit den Argumenten der Initiative. Kein Wunder, denn die von Focus zitierten pseudoneutralen Studien entpuppen sich bei näherem Hinsehen als von der INSM finanziert. Lobbyarbeit vom Feinsten, direkt hinein in die Köpfe der Kleinsten.

Noch einen Schritt weiter geht die WAZ-Women-Group der Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Mediengruppe). Hier scheint das Einbinden von Schleichwerbung ein bisher noch nicht gekanntes Maß erreicht zu haben. So finden sich in den Titeln Hunderte konkreter Empfehlungen für spezifische Markenartikel. Obwohl der Artikel dies nicht erfordert. Die WAZ hat dafür eine erstaunliche Antwort parat: “Sofern Produktvorstellungen und Darstellungen von Bezugsquellen erfolgen, entspricht dies dem Interesse der Leser.”

Die Reaktion der Medien auf die Studie ist erwartbar – ertappte Medien wie FAZ, Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Süddeutsche oder  ZEIT berichten gar nicht oder nur minimal über die Studie. Von anderer Seite gibt es hingegen gute Artikel und Radiobeiträge. Besonders bitter muss die Studie all jenen ehrbaren Journalisten aufstoßen, die es nicht schaffen, innerhalb der Häuser gegen ihre korrupten Kollegen anzugehen. Und so bleibt ein fahler Nachgeschmack und die nicht neue Einsicht, dass es Zeit ist, den unverbindlichen Pressekodex durch strikte Regeln und Sanktionsmaßnahmen zu ergänzen.“

http://www.investigativerecherche.de/korruption-und-journalismus/

Wussten zu früheren Zeiten selbst die (meisten) Leser billiger Boulevard-Blätter, dass das, was da geschrieben steht, nicht immer ernst zu nehmen ist, wussten sie aber auch, dass es seriöse Medien gab, denen größtenteils vertraut wurde. Dazu gehörten die Öffentlich-Rechtlichen Fernseh- und Radio-Sender und solche Printmedien wie „Spiegel“, „Zeit“, „FAZ“, „Süddeutsche Zeitung“.

Immer mehr setzt sich jedoch die Erkenntnis in der Bevölkerung durch, dass diese Leitmedien alles andere als neutral sind bzw. dass diese nach Strich und Faden manipulieren. Gerade dieses Jahr gab es die offensichtlichen Höhepunkte im Fall Lanz/Jörges (gegen Sarah Wagenknecht) und vor allem in den Kommentaren zu den Vorfällen in der Ukraine.

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/54-schuss-nach-hinten.html

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/57-boxer-aufstand.html

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/88-bruch-des-voelkerrechts.html

Eine Art „Dammbruch“ scheint es mit der Satire-Sendung „Die Anstalt“ gegeben zu haben, die klar und deutlich die Interessens-Verflechtungen deutscher Spitzen-Journalisten benannt hatte:

„… Seitdem die Satire-Sendung "Die Anstalt" zur besten Sendezeit im ZDF die vielfältigen Interaktionsmuster von Journalisten in Think Tanks und politischen Netzwerken für ein Millionenpublikum transparent gemacht haben, rumort es hinter den Kulissen des ein oder anderen Medienbetriebs. Die Frage zwischen Nähe und Distanz von Journalisten und den big shots aus Politik und Wirtschaft hat eine neue Dynamik bekommen …

Der Beitrag aus der "Anstalt", in dem die Hintergründe deutscher Spitzenjournalisten angesprochen wurde, hat die Zuschauer elektrisiert. Sie spüren, dass es hier einen blinden Fleck in ihrem Wissen und in der Berichterstattung der Medien gibt.

Wer zur Bilderberg-Konferenz, zum Treffen der Machtelite am Bohemian Grove samt seines bizarren Rituals oder zur Atlantik-Brücke keinen kritischen Bericht in den Leitmedien findet, dem bleibt nichts anderes übrig, als eben das Internet zu bemühen.

Dem Journalismus der Leitmedien wird immer wieder ein gewaltiger "Bias" vorgeworfen, wenn es um die Deutungsnarrative zu aktuellen gewichtigen gesellschaftspolitischen Themen (siehe Ukraine-Krise) geht.

Vielleicht hängt diese angeprangerte Eindimensionalität in der Berichterstattung gerade auch mit der offensichtlich starken Verwurzelung von so manchem Spitzenjournalist im Eliten-Milieu zusammen. Ihr Habitus, ihre Denke, ihre Selektionskriterien, ja ihre Wahrnehmungs- und Interpretationsschemata entsprechen, das darf man annehmen, in etwa denjenigen, deren Politik und Handeln sie eigentlich kritisch beobachten sollten. Je näher der Kontakt gepflegt, je länger die Verbindungen dauern, umso mehr verschmelzen die beiden Gruppen miteinander, die doch eigentlich viel weiter auseinander stehen sollten. Und daraus resultiert dann ein "Meinungspluralismus" in den obersten Sphären des Journalismus, der leider nicht so pluralistisch ist, wie behauptet.

Die Mediennutzer haben das gemerkt - und lassen es die Medien auch wissen. Es ist an der Zeit, dass die Distanz zwischen Journalisten und Machteliten größer wird.“

http://www.heise.de/tp/artikel/41/41841/1.html

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/95-kriegshetzer.html

Es tut sich was. Für Wurm und Mensch dürfte es spannend sein, welche Konsequenzen die Macher der offiziellen Medien und deren Nutzer aus dem aktuellen Missverhältnis ziehen – und wie sehr sich das Nutzer-Verhalten ändert. Wie im vorigen Artikel bereits zitiert „dem bleibt nichts anderes übrig, als eben das Internet zu bemühen“.

Was da auch immer aus „dem Internet“ kommen mag – es wird interessant sein. Die Zeiten des Meinungs-Oligopols scheinen allerdings vorbei zu sein.

Die bisherigen Meinungsmacher scheinen das noch nicht so richtig kapiert zu haben. Die machen weiter wie bisher, wie sich an einem selten dämlichen Artikel über den AfD-Chef Bernd Lucke zeigen lässt:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-chef-bernd-lucke-will-nur-bis-bundestagswahl-ins-europa-parlament-a-971949.html

Stein des Anstoßes ist die Ankündigung Luckes, für den nächsten Bundestag kandidieren zu wollen, der in 3 ½ Jahren gewählt wird. Dass er jetzt gerade ins Europa-Parlament gewählt wurde, also nicht ganze 5 Jahre seine Zeit hier absitzen will, löst einen Sturm der Entrüstung aus. Zumindest bei parlamentarischen Dumpfbacken, die zitiert werden sowie beim Artikel-Schreiber selbst. Es lohnt, den Artikel selbst sowie die Kommentare dazu zu lesen.

Eine der Marschrichtungen der offiziellen Medien für die nächsten Jahre liegt somit klar auf der Hand: Bernd Lucke und seine AfD zu diskreditieren.

Den Leitmedien müssen weder Mensch noch Wurm noch Bonifaz Breitmaulfrosch mit seiner Arbeitsgruppe MMM (Macht, Medien, Manipulation) mehr auf die Schliche kommen – durch Dummheit, Dreistigkeit und Abgehobenheit zerlegen sich diese selbst.

Um noch mal Thomas Knüwer zu zitieren:

„Allein: Der Chefredakteur eines der wichtigsten überregionalen Medien der Republik kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass an seinem Verhalten etwas Falsches sein könnte. Der gesunde Menschenverstand ist abgeschaltet, die Bodenhaftung zur Normalität längst verloren.

Und: Damit ist er nicht allein.

Vielmehr ist seine Haltung Ausdruck einer elitären Arroganz, die bei viel zu vielen Journalisten zu beobachten ist.“