Die halbe Welt regt sich darüber auf, dass von einer Terrorgruppe namens „Boko Haram“ („Westliche Erziehung ist Sünde“) über 200 Mädchen aus einer Schule entführt wurden mit dem Ziel, Lösegeld zu erpressen.

Das ist ohne Zweifel schlimm. Aber: seit über 10 Jahren wurden zehntausende Menschen in Nigeria getötet. Über drei Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Polizei, Justiz und Verwaltung sind vollkommen korrupt. Das Land hat eine (zumindest auf dem flachen Land) kaputte Infrastruktur und eine miserable Bildungspolitik. 80% der Menschen leben in bitterster Armut. Dazu kommen fanatisierte Religiöse (evangelikale Christen und Muslime). Sofern mensch nicht der Oberschicht angehört, ist es ein Horror, in solch einem Land leben zu müssen.

Doch der Wurm hat keine große Aufregung in der Welt vernommen über die Zustände im Land, die Millionen Flüchtlinge, die zehntausende Toten. Aber jetzt: 200 entführte Mädchen!

Aus Wikipedia:

„Kranke, Arme und Alte sind auf Familienhilfe angewiesen, nur Regierungsbedienstete kommen in den Genuss öffentlicher Fürsorge. Niedrige Einkommen, die schnell wachsende Bevölkerung und die leere Staatskasse führten zum Scheitern aller Pläne, ein Gesundheits- und Rentensystem zu schaffen. Epidemien fordern unter der unterernährten und schlecht versorgten Landbevölkerung oft Tausende von Opfern.

Die Gesundheitsbehörde National Agency for Food and Drug Administration and Control (NAFDAC) wurde 1993 gegründet und bis 2009 unter der Führung von Dora Akunyili zu einer starken Organisation ausgebaut.

Wegen des aus religiösen Gründen verhängten Impfverbots in nördlichen Teilen Nigerias waren 2004 fast zwei Drittel der weltweit über 1.250 Polio-Fälle (Kinderlähmung) in Nigeria anzutreffen. Damals hatten die Behörden die Impfungen ausgesetzt, nachdem muslimische Geistliche das Gerücht verbreiteten, der Impfstoff mache unfruchtbar. Auch in die angrenzenden Länder wurde Polio durch dieses Verbot transportiert.

Die Trinkwasserversorgung im Land ist wie in den Nachbarstaaten Niger und Tschad sehr schlecht. Zugang zu sauberem Trinkwasser, seit 2010 ein offizielles Menschenrecht der UNO, besitzt laut WHO und UNICEF nicht einmal jeder zweite nigerianische Bürger.

In Nigeria herrscht eine neunjährige Schulpflicht vom 6. bis zum 15. Lebensjahr. Die Einschulungsrate von 93 Prozent ist im Vergleich zu den Nachbarstaaten relativ hoch. Dennoch besuchen inzwischen nur noch etwa 50 Prozent aller Kinder im Schulalter eine Schule. Betrug der Bildungsetat 1985 noch 12,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, so sanken die Ausgaben 2003 auf 4,6 Prozent. Da deshalb der Besuch öffentlicher Schulen schon längst nicht mehr gewährleistet, Rechnen, Schreiben oder Lesen zu lernen, wächst vor allem in den Städten Lagos und Abuja die Zahl privater Bildungseinrichtungen, welche versuchen den Erwartungen der aufstrebenden Mittelschicht gerecht zu werden. Allerdings befinden sich Schulen und besonders Hochschulen in außerordentlich schlechtem Zustand. Hinzu kommt, bedingt durch ausbleibende Gehaltszahlungen, die geringe Motivation der Lehrkräfte und die enorme Zahl an Streiks, weswegen der Unterricht zuweilen vollständig unterbleibt. In einigen Bundesstaaten des Nordens sind alle Schulen geschlossen. Hier finden sich nur noch Koranschulen.

Neben den allgemeinen Kriminalitätsformen treten drei Kriminalitätsfelder immer wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses:

1. Kriminelle Banden zapfen Öl-Pipelines an und verkaufen das abgezapfte Öl auf dem Schwarzmarkt. Da dies sehr oft unter Billigung der Bevölkerung geschieht, kommt es häufig zu Menschenansammlungen an den illegalen Entnahmestellen. Ausgelöst durch Funkenbildung hat es schon eine Vielzahl von Explosionen gegeben, die teilweise mehrere Hunderte Menschenleben gefordert haben.

2. Eine weitere bekannte Kriminalitätsform ist der Vorauszahlungs- oder Vorschussbetrug, der auch als Nigerianische Betrugsmasche (in Deutschland auch unter dem Begriff „Nigeria-Connection“) bekannt ist.

3. In Nigeria sind Entführungen keine Seltenheit. Dahinter stehen in der Regel kriminelle Banden oder Rebellenorganisationen. Während kriminelle Organisationen sich von der Entführung ein Lösegeld versprechen, kämpfen Rebellenorganisationen oft für politische Forderungen. Die meisten Geiseln kommen nach Zahlung eines Lösegeldes nach einigen Tagen wieder frei.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Nigeria

Am wenigen Geld kann es nicht liegen. Durch die sprudelnden Erdölvorkommen ist Nigeria das reichste Land in Afrika. Völlig unterschätzt wird, dass es in Afrika ca. 140.000 Menschen gibt mit einem investierbaren Vermögen von mindestens einer Million Dollar und ca. 200 Dollar-Milliardäre. Trotz allem Hang zu Protz und Prunk machen die meisten von ihnen das nicht öffentlich. Wohl aus guten Gründen. Die reichsten Afrikaner stammen aus Nigeria. Der reichste von ihnen ist Aliko Dangote. Was auch immer Negatives über ihn zu sagen sein mag: zumindest produziert und investiert er.

http://www.dasinvestment.com/investments/news/news-detail/datum/2013/08/08/ghana-kenia-und-nigeria-banken-entdecken-afrikas-millionaere/

http://www.welt.de/finanzen/article109523289/In-Afrika-verbergen-sich-bis-zu-200-Milliardaere.html

Theoretisch könnte Nigeria ein richtig gut funktionierender Staat sein. Tatsächlich ist es ein richtig schlecht funktionierender Staat. Menschen aus Ländern, die sich selbst als Teil eines Staates empfinden, können das nicht verstehen und schieben alles auf einen einzigen Begriff, der da lautet „Afrika“. Das stimmt so aber nicht. Der Begriff lautet „Familie“. Der Familie fühlen sich ja alle Menschen verbunden. Die Frage ist, ob sie sich darüber hinaus einer Gemeinschaft verbunden fühlen, wie etwa dem Staat. Ist dies nicht der Fall, interessieren sich die Menschen ausschließlich auf sich und ihre eigene Familie. Was außerhalb dieser Familie passiert, ist völlig uninteressant. Am Beispiel von Pakistan hatte sich der Wurm schon seine Gedanken darüber gemacht:

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/19-oh-wie-schoen-ist-pakistan.html

Und lobend die Bevölkerungspolitik von zwei Staaten erwähnt, deren Gesellschaft ein Zusammengehörigkeits-Gefühl entwickelt hat: Iran und China:

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/24-arabischer-winter.html

Und die Wirtschaftspolitik der skandinavischen Länder zum Wohle der gesamten Bevölkerung:

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/35-das-wir-entscheidet-vorbild-skandinavien.html

Zurück zu Nigeria: eine recht gute Quelle für die Zustände im Land ist Human Rights Watch:

„Die nigerianische Regierung hat Massentötungen in den Bundesstaaten Plateau und Kaduna jahrelang weitgehend ignoriert, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Die Untersuchung dokumentiert sektiererische Gewaltakte in den beiden Bundesstaaten, bei denen seit 2010 mehr als 3.000 Menschen getötet wurden.

Viele der Gewaltopfer, zu denen auch Frauen und Kinder zählen, wurden – nur aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Identität – mit Beilhieben getötet, bei lebendigem Leib verbrannt oder erschossen. Der Bericht untersucht, warum die Regierung von einer Strafverfolgung der Täter mit wenigen Ausnahmen absah, obwohl deren Identität innerhalb der betroffenen Gemeinden in vielen Fällen bekannt war.“

http://www.hrw.org/de/news/2013/12/12/nigeria-massaker-werden-ignoriert

Ein Bericht aus dem Jahr 2010 über die korrupte Polizei:

„Der Bericht dokumentiert, wie tagtäglich Polizeibeamte Bestechungsgelder von unzähligen Nigerianern erpressen, die auf Landstraßen reisen, auf Märkten ein- und verkaufen, Besorgungen erledigen oder einfach nur in ihren Büros arbeiten. Routinemäßig bedrohen und misshandeln Beamte ihre Opfer, um die gewünschten Beträge zu erpressen … Es gibt hinreichende Beweise dafür, dass Beamte in zahlreichen Fällen Personen, die sich weigerten, die verlangten Beträge zu zahlen, schwer geschlagen, sexuell misshandelt oder sogar erschossen haben.“

http://www.hrw.org/de/news/2010/08/17/nigeria-korruption-f-rdert-polizeigewalt

Und hier über die Korruption in Politik und Verwaltung:

http://www.hrw.org/de/news/2007/01/31/nigeria-korruption-und-missbrauch-nehmen-nigerianern-ihre-rechte

http://www.hrw.org/de/news/2008/10/27/k-hler-soll-korruption-und-gewalt-nigeria-ansprechen

Und wenn der Staat doch mal was Gutes für die Bevölkerung tut, etwa Preise für Lebensmittel oder Benzin subventioniert, wird er vom Internationalen Währungsfonds (IWF) dazu genötigt, die Subventionen abzuschaffen.

https://www.wsws.org/de/articles/2012/01/nige-j13.html

Die Gesetze gegen Homosexuelle wurden in den letzten Jahren verschärft …

http://www.taz.de/!131149/

… und der Hexenglaube lebt. Wohlgemerkt: bei den Christen des Landes:

„Ausgemergelt lag Nwanaoko auf einem Krankenhausbett, die blinden Augen abgewandt. Ein Pastor hatte den Neunjährigen der Hexerei bezichtigt, sein Vater hatte ihm zwecks Exorzismus Säure einflößen wollen und ihm damit Gesicht und Augen verätzt. Völlig geschwächt konnte der Junge nur noch flüsternd den Namen der Kirche nennen, die ihn als Hexer brandmarkte. Einen Monat später war er tot.

Wie Nwanaoko werden immer mehr Kinder in Afrika von Geistlichen der Zauberei beschuldigt und dann - oft von den eigenen Angehörigen - gequält oder umgebracht. Bei der Hälfte von 200 Fällen von "Hexenkindern", denen die AP nachging, hatten Pastoren die Hand im Spiel.

13 Kirchen sind aktenkundig, einige davon abtrünnige Splittergruppen internationaler Glaubensgemeinschaften. Im Fall von Nwanaoko war es die Kirche "Mount Zion Lighthouse" (Leuchtturm Berg Zion), Teil der einflussreichen Pfingstbewegung Nigerias. Der Ableger einer kalifornischen Kirche gleichen Namens ist nach eigenen Angaben die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft in dem westafrikanischen Land mit mehr als 30 Millionen Mitgliedern.

Ihre Anhänger nehmen die biblische Ermahnung aus dem Buch Exodus wörtlich: "Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen." Ähnliches Gedankengut beherrscht unter anderem auch die evangelikalen Gemeinden "Born 2 Rule Crusade" (Kreuzzug der geborenen Herrscher), "Winners's Chapel" (Gemeinschaft der Sieger) oder "Embassy of Christ" (Botschaft Christi).“

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kindesmisshandlung-die-hexenkinder-von-nigeria-a-656308.html

http://www.welt.de/welt_print/politik/article9548129/Die-Hexenkinder-von-Nigeria.html

Hiermit ist der Wurm bei den Religionen angelangt. Fragt ein Wurm einen Gutmenschen nach Religion, so werden seine Augen leuchten und er wird der Meinung sein, dass Religion immer gut sei und religiöse Menschen gute Menschen seien. Es gibt höchstens mal ein paar Fehlgeleitete, die ihre Religion falsch interpretieren.

Nun ist das eigentliche Problem in Nigeria nicht die Religion. All die Morde, die im Namen der Religion begangen werden haben Ursachen, die außerhalb der Religion liegen. Nur: die Religion gebietet diesen Mördern nicht Einhalt, sondern unterstützt sie noch.

Das bereits erwähnte "Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen" steht in Exodus 22; 17 und war die theoretische Grundlage der Hexenverfolgung in Mittelalter und Neuzeit. Je nach Übersetzung heisst es statt „Hexe“ auch „Seherin“ oder „Zauberin“ und statt „sollst du nicht am Leben lassen“ heisst es auch gerne „darfst du nicht am Leben lassen“.

http://www.bibel-online.net/buch/neue_evangelistische/2_mose/22/#1

Wie soll dieser Satz falsch interpretiert werden? Entweder mensch nimmt seinen Glauben ernst und handelt entsprechend oder er nimmt seinen Glauben nicht ernst und handelt nach der jeweiligen Mode. Wer mit einem Menschen redet, der seinen Glauben ernst nimmt, der wird sehr schnell an die eigenen Grenzen stoßen. Da heisst es nämlich: da steht’s, und da, und da, und da … Dort steht’s meistens recht deutlich und es ist schnell aus mit der Interpretation.

Wenn es nicht da stünde, würde eine eventuelle Aggression ins Leere laufen. Da es aber in so ziemlich jeder Religion Aufrufe zur Gewalt unter anderem gegenüber Anders- oder Ungläubigen gibt, ist Religion immer ein Aufwiegler zu Gewalt.

Im Falle Nigeria ist Religion nicht der Auslöser von Gewalt, aber sie verstärkt das Ganze noch und gibt kriminellen Banden noch einen Anstrich von Legitimität. Und zwar auf allen Seiten.

Hier ein Interview mit dem Humanisten Leo Igwe:

http://hpd.de/node/13429

… zur Lage der über drei Millionen Binnenflüchtlinge:

http://www.dw.de/unhcr-z%C3%A4hlt-33-millionen-binnenfl%C3%BCchtlinge/a-17634742

Hier noch ein paar Berichte hauptsächlich zu Gewalttaten an Schulen und Universitäten mit der Ermordung zahlreicher Schüler und Studenten:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/nigeria-viele-tote-kinder-bei-angriff-auf-schule-in-potiskum-a-909788.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/40-tote-studenten-bei-terror-angriff-von-boko-haram-in-nigeria-a-925194.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/boko-haram-hat-in-nigeria-laut-uno-seit-mai-1200-menschen-getoetet-a-939438.html

http://www.deutschlandfunk.de/gewalt-in-nigeria-die-lage-wird-nicht-sicherer.694.de.html?dram:article_id=284287

Für uns Bewohner des Erdreichs ist es immer wieder gruselig mitansehen zu müssen, wozu Menschen fähig sind. Nicht nur gegenüber der Tierwelt, sondern auch gegenüber ihren Mitmenschen. Fast noch schlimmer ist das Desinteresse der Menschen in gesicherten Ländern gegenüber dem Elend, was vor ihrer eigenen Haustür und noch weiter weg passiert.

Ach, ja. Es wurden über 200 Mädchen entführt, um Lösegeld zu erpressen.

Die entsprechenden Informationen gibt es hier:

http://www.tagesschau.de/ausland/boko-haram108.html

http://www.tagesschau.de/ausland/nigeria584~_origin-466cb7a5-8abc-429a-8991-1f76d4f758b2.html

So schlimm das auch sein mag – es besteht doch ein Widerspruch darin, das ganze Elend in Nigeria zu ignorieren und sich jetzt über diesen einen Fall maßlos aufzuregen. Der Wurm versteht das nicht.

Immerhin bieten die Internationalen Sozialisten eine Erklärung für die Aufbauschung dieses Falles: militärische Präsenz (Militärberater, Spezialeinheiten) westlicher Staaten im strategisch wichtigen Afrika. Aus „humanitären Gründen“.

https://www.wsws.org/de/articles/2014/05/10/nige-m10.html