Letzte Woche ist Karlheinz Deschner gestorben. Die Bewohner des Erdreichs, vor allem die Mitglieder der Arbeitsgruppe REA (Religiöses, Esoterisches, Abstruses) trauern um den großen Tierfreund und Humanisten.

Michael Schmidt-Salomon hat einen treffenden Nachruf geschrieben:

“‘Aufklärung ist Ärgernis, wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher.‘ Mit diesem Aphorismus formulierte Karlheinz Deschner das eigene Lebensmotto. Denn Deschner war die Personifikation des aufklärerischen Ärgernisses, ein Stachel im Fleisch der Zeit, an dem sich die Diskussion immer wieder entzünden musste ...

Schon allein aufgrund seiner ungeheuren literarischen Qualität gehört Deschners Werk zu den kostbarsten Juwelen der Aufklärung, ein Juwel, das auch in Zukunft noch funkeln wird, um die Welt zu erhellen und jenen Dreck zu verdeutlichen, der ansonsten liebend gerne wieder unter den Teppich gekehrt würde ...“

http://hpd.de/node/18330?page=0,0

Der Humanistische Pressedienst gibt eine kurze Übersicht über die Medienberichte zu seinem Tod:

http://hpd.de/node/18341

Dankenswerterweise hat Karlheinz Deschner immer Klartext geredet. Er war also nicht immer das, was die Menschen „diplomatisch“ nennen. Dafür wusste mensch, was und wer gemeint war. Er hat sich für viele Sachen interessiert. Auch, wenn es sich lohnt, etwa seine Bücher über die Geschichte der USA oder den Balkankonflikt zu lesen, wird er meist auf seine Kritik am Christentum reduziert. Das hat vor allem damit zu tun, dass er sich wie kein zweiter mit der Geschichte dieser Religion beschäftigt hat und derjenige war, der die dunklen Seiten dieser Geschichte für die breite Masse der Leser beleuchtet hat.

Anbei ein Link, der einige Aphorismen von ihm bringt. Nach den Aphorismen ist eine Karikatur zu sehen, die aufzeigt, warum es überhaupt Kritik am Christentum gibt. In Stein gemeißelt stehen folgende Worte: „Gegen erbitterten kirchlichen Widerstand wurden durchgesetzt: Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Rechtsstaat, Frauenemanzipation, Aufhebung der Sklaverei, Folterverbot, Abschaffung der Todesstrafe, Freiheit der Kunst, Abschaffung der Prügelstrafe, Tierrechte“. Vor diesem Stein steht ein Bischof, der folgende Worte sagt: „OK, OK! Aber das Patentrecht für die Nächstenliebe liegt immer noch bei uns!“

http://veganer-freigeist.blog.de/2011/02/27/zitate-kirchenkritiker-karlheinz-deschner-10704888/

Die Bewohner des Erdreichs stellen immer wieder erstaunt fest, dass die Menschen ihre eigene Geschichte nicht kennen. Auch nicht die allereinfachsten Sachen wie die auf dem Stein erwähnten. Im Gegenteil: überwiegend wird angenommen, dass die auf dem Stein erwähnten Punkte Errungenschaften des Christentums seien. Das Gegenteil ist richtig: sie wurden gegen den massiven Widerstand des organisierten Christentums erkämpft.

Die Geschichtslosigkeit der Menschen und gerade der Deutschen geht sogar soweit, dass sie nicht mehr wissen, was vor ein paar Jahrzehnten los war. 1951, noch bevor er irgend etwas Unchristliches veröffentlicht hatte, wurde Karlheinz Deschner von der katholischen Kirche exkommuniziert. Nach christlicher Lesart also ewigen Höllenqualen überantwortet. Was war sein Verbrechen? Er hatte eine geschiedene Frau geheiratet. Es ist davon auszugehen, dass er nicht der Einzige war, dem dieses Schicksal widerfuhr. Und es ist davon auszugehen, dass es sowohl christliche "Hirten" als auch "Schafe" zwar im Gottesdienst mit der "Nächstenliebe" hatten - außerhalb jedoch nicht.

Ewige Höllenqualen für die Heirat eines Partners, der geschieden ist und kaum Protest dagegen - das ist schon derb. Mörder (auch millionenfache) wurden und werden nicht exkommuniziert.

Unabhängig vom Fehlverhalten christlicher Funktionäre, gibt es im christlichen Glauben einige eher unappetitliche Sachen, die spezifisch für diese Religion sind – da sie so ausdrücklich in der Bibel stehen:

- positive Einstellung zum Krieg bis hin zum Völkermord

- Intoleranz „ungläubigen“ Menschen, deren Glauben und deren Kultgegenständen gegenüber

- Intoleranz gegenüber Christen mit anderer Meinung („Ketzern“)

- Bejahung der Sklaverei

- Antisemitismus

- Herabsetzung und Entrechtlichung der Frauen

- Hexenverfolgungen

- Verdammung der Sexualität schon von klein auf („Sünde“)

- Prügelstrafe und Erziehung zu absolutem Gehorsam

- Angst machen vor Teufel und Hölle mit ewigen Qualen

- Zurückführen von Krankheiten auf „Sünde“ und mangelnden Glauben

- Gier nach Geld und Ausbeutung des Nächsten

- Wissenschaftsfeindlichkeit

- Zerstörung der Schöpfung

- Herbeiführenwollen des Weltendes (oder zumindest lokaler Zerstörungen) bei Wirrköpfen

- Bereitschaft zur Lüge

So gesehen ist es keine Überraschung, dass die christlichen Kirchen etwa einen Adolf Hitler unterstützten – er vertrat ein sehr ähnliches Programm (und wurde nicht exkommuniziert).

Ein Humanist und sensibler Mensch wie Karlheinz Deschner findet natürlich keinen Gefallen daran. Auch dann nicht, als sich große Teile der Großkirchen im westlichen Europa von ihrem eigenen Glauben entfernen und in Richtung Humanismus gehen. Das ist zwar schön, hat dann aber mit dem eigentlichen Glauben nichts mehr zu tun. Das merkt mensch dann, wenn er auf Christen stößt, die es mit ihrem Glauben noch ernst nehmen. Da wird dann aber sehr schnell die Bibel aufgeschlagen, auf die entsprechende Stelle gezeigt und gesagt: „da steht’s!“. Spätestens dann ist Schluss mit der Nächstenliebe.

Hier schreibt Horst Herrmann über die „Kriminalgeschichte des Christentums“:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13493017.html

In allen Nachrufen spielt die „Kriminalgeschichte des Christentums“ die bedeutendste Rolle. In der Tat handelt es sich um eine große Fleißarbeit, die sich über lange Jahre erstreckt hat und von großer Bedeutung ist. Vor allem, wenn mensch bedenkt, dass das, was Deschner da ausbreitet, ansonsten gerne verschwiegen oder geleugnet wird.

Für den Wurm bedeutender sind aber folgende Bücher: „Abermals krähte der Hahn“, worin er zum größten Teil die Geschichte der frühen Christenheit erzählt, angefangen mit der Entstehung der Evangelien (und hierin weitest gehend mit der modernen christlichen Bibelforschung übereinstimmt). Dazu sucht er sich noch ein paar weitere Themen der christlichen Geschichte aus wie die Unterstützung des Faschismus im 20. Jahrhundert.

Genauso bedeutend ist „Das Kreuz mit der Kirche – eine Sexualgeschichte des Christentums“, das jedem kulturhistorisch Interessierten dringend zu empfehlen ist. Da geht’s nicht nur um Askese und Zölibat, sondern auch um Diffamierung und Unterdrückung der Frau, um die rigorose Einschränkung des ehelichen Geschlechtsverkehrs (Sex-Verbot unter anderem an bestimmten Wochentagen, an Feiertagen, mehrere Tage vor der Kommunion, während der Fasten- und Adventszeit), Verbot von Empfängnisverhütung und Abtreibung, Onanie, Homosexualität und vieles anderes mehr.

Vielfach unterschätzt, aber mindestens genauso bedeutend ist „Das Christentum im Urteil seiner Gegner“. Die Zitate von Theodor Lessing und Hans Henny Jahnn in „Ökoterrorist Noah“ hat der Wurm aus diesem Buch. Wer sich bislang noch nicht mit dem Christentum auseinander gesetzt hat und nacheinander die Argumente der christlichen Gegner liest, wird sich fragen, warum er nicht schon vorher selbst Gegner dieses Glaubens war. Aufgeführt sind Philosophen wie Porphyrios, Dennis Diderot, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und Voltaire, Schriftsteller wie Mark Twain, Johann Wolfgang von Goethe, Albert Camus, Friedrich Hebbel und Kurt Tucholsky, Herrscher wie der byzantinische Kaiser Julian, Friedrich II. („der Große“) von Preußen und Lenin, aber auch der Theologe Walter Nigg wird folgendermaßen zitiert: „Die Behauptung, dass es nicht so schlimm gewesen sei, muss geantwortet werden: Doch, es war schlimm, so schlimm, dass es schlimmer nicht hätte sein können.“

Dass Deschner zumindest nichts Falsches behauptet hat, ist schon daran ersichtlich, dass er nicht wg. falscher Behauptungen verklagt wurde.

Und immerhin hatte im Jahr 2000 Papst Johannes Paul II. für Irrtümer und Verbrechen im Namen des katholischen Glaubens um Vergebung gebeten (allerdings sehr allgemein gehalten und nicht vor den Menschen, sondern vor Gott):

http://www.spiegel.de/politik/ausland/johannes-paul-ii-mea-culpa-a-68777.html

http://www.domradio.de/nachrichten/2010-03-12/vor-zehn-jahren-sprach-johannes-paul-ii-das-grosse-mea-culpa

Sehenswert ist die Dokumentation „Die hasserfüllten Augen des Herrn Deschner”:

https://www.youtube.com/watch?v=7GuVff9timQ&list=PL9EE709657DC09371

http://hpd.de/node/18350

Und hier ein Nachruf vom Bayerischen Rundfunk:

http://www.br.de/nachrichten/unterfranken/karlheinz-deschner-gestorben-hassfurt-100.html

Dieser Nachruf stammt von Eberhard Schellenberger, einem gläubigen Christen, der Karlheinz Deschner seinen Respekt zollt. Und da sind wir schon bei einem Schwachpunkt in Deschners Werk angelangt: mit Kritik an Jesus hält er sich weitest gehend zurück. Und so gibt es durchaus gläubige, humanistisch gesinnte Christen, die mit ihm nach der Formel „guter Jesus, schlechte Kirche bzw. schlechte Menschen“ gut leben können und ihm in so ziemlich allem zustimmen.

Da verweist der Wurm gern auf Franz Buggle, der mit einem einzigen Buch genau diesen Jesus mit seinen eigenen Aussagen auseinander nimmt und aufzeigt, welch katastrophale Folgen dieser Jesus für einen Großteil der Menschheit hatte. Schon allein mit der Einführung von Teufel und Hölle mit ewigen Qualen, die es beide im Judentum nicht gab und nicht gibt.

http://fowid.de/fileadmin/textarchiv/Buggle_Franz/Jesus_Inhuman_TA1994_2.pdf

Dieses starke Buch trägt den Titel „Denn sie wissen nicht, was sie glauben – Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann“. Hierin führt er auch auf, welche Gefahren für die Welt christliches Gedankengut vor allem bei fundamentalistisch-konservativen Politikern, etwa bei den „Republikanern“ in den USA, beinhaltet.

Hier ein Mitschnitt eines Vortrages von Franz Buggle:

https://www.youtube.com/watch?v=YMV6IrU5Qls

Zurück zu Karlheinz Deschner: sehr viele Menschen kamen durch ihn auf neue Ideen bzw. hatten schon vorher Gedanken, die durch ihn bestätigt wurden. Dazu gehörte auch der Unternehmer Herbert Steffen, der, vor allem angeregt durch Deschners Werke, heute als Mäzen der säkularen Szene tätig ist und unter anderem die Giordano-Bruno-Stiftung und den Humanistischen Pressedienst ins Leben gerufen hat.

Auf Video ist festgehalten, wie er Kontakt zu Karlheinz Deschner aufnahm:

https://www.youtube.com/watch?v=Ly4dUUP5ZUE

So bedeutsam Deschner für die säkularen Menschen war und ist, so möchte der Wurm doch auf einen gerade für einen Wurm wichtigen Punkt hinweisen, der auf seine ethische Position verweist: er war vorbildlicher Vegetarier und wollte nicht, dass auch nur einem einzigen Lebewesen Leid zugefügt wird.

Hierzu ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Vegetarierbund:

https://www.vebu.de/menschen/interviews/304-eine-revolution-waere-noetig

Beim „tierrechte.blog“ gibt’s Auszüge aus „Das schwärzeste aller Verbrechen - Christen gegen die Kreatur - Eine Polemik“. Mensch achte mal auf die linke Spalte. Da gibt es nämlich den „Todesticker“, die „Anzahl der für die Fleisch-Industrie weltweit ermordeten Tiere, seit Du diese Seite geöffnet hast“. Erschreckend, wozu Menschen fähig sind.

http://tierrechte.blog.de/2009/12/03/karl-heinz-deschner-christen-kreatur-7501504/

„Wer die Kirche verlässt: ein Lichtblick für mich; wer kein Tier mehr isst: mein Bruder.“

Alleine dieses Zitat zeigt, welch ethisch hoch stehender Mensch Karlheinz Deschner war (der Wurm braucht nicht extra zu erwähnen, dass der letzte Halbsatz beim ethisch sehr weit unter ihm stehenden Jesus völlig undenkbar wäre).

Hier noch zwei Seiten zu ihm …

http://de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Deschner

http://www.deschner.info/

… und noch Unchristliches vom Wurm:

Die Katholiban und das Leben (zu Krieg, Todesstrafe, Abtreibung):

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/26-die-katholiban-und-das-leben.html

Flug, Lug und Betrug (zu Reichtum und Protzerei):

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/40-flug-lug-und-betrug.html

Fest der Familie (zu Familie, Erziehung, Prügelstrafe, Evangelikalen):

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/49-fest-der-familie.html

Glauben und Wissen (zu Krankheit):

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/52-glauben-und-wissen.html

Die Meme des Eriugena (zu Wissenschaft):

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/53-die-meme-des-eriugena.html

Ökoterrorist Noah (zu Tieren, Pflanzen, Umwelt):

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/90-oekoterrorist-noah.html