„Einem Ungarn ein frohes, neues Jahr zu wünschen, grenzt schon seit Jahren an offenen Sarkasmus. Für 2013 gilt das mehr denn je. Wünschen wir uns lieber, dass es schnell und schadensarm vorübergehen möge, wenn man es schon nicht überspringen kann. 2014 muss sich herausstellen, ob der aufrechte Gang auf den eigenen Beinen von den Bürgern als Möglichkeit wieder in Betracht gezogen wird oder ob man sich weiter gesenkten Hauptes den Gängelketten der großen Manipulatoren und Betrüger auszuliefern gedenkt.“

http://www.pesterlloyd.net/html/1301neujahrsauftakt.html

So lauteten die Neujahrswünsche des „Pester Lloyd“, der „Tageszeitung für Ungarn und Osteuropa“ zum Jahre 2013. Unabhängig vom Ausgang der gerade statt gefundenen Wahl ist zu befürchten, dass sich die Neujahrsgrüße für die nächsten Jahre genau so anhören könnten. Oder schlimmer.

Wer sich nicht für Ungarn interessiert, wird wahrscheinlich zu denen gehören, die sich vor ein paar Monaten nicht für die Ukraine und vor ein paar Jahren nicht für Griechenland interessiert haben. Macht nichts – mensch wird sich früher oder später für solche Länder wie Ungarn interessieren müssen. 

Grob geschrieben war der Wahlausgang folgender: 44% National-Konservative, 20% Rechtsradikale, 5% Grüne und 26% Rest (Liberale und mehr oder weniger Linke). Dank des von den National-Konservativen geänderten Wahlrechts bedeuten 44% der abgegebenen Stimmen 66% der Parlamentssitze. Die Parteien sind mit den deutschen Parteien nicht zu vergleichen, dennoch wagt der Wurm mal einen Vergleich. In diesem Fall käme die CDU auf 44%, die NPD auf 20%, die Grünen auf 5% und der Rest (FDP, SPD, Linke) auf 26%.

Hier eine treffende Wahlanalyse:

https://www.wsws.org/de/articles/2014/04/08/unga-a08.html

Eine ausgezeichnete Quelle dafür, was in Ungarn gerade los ist, ist der bereits zitierte „Pester Lloyd“. Relativ spärlich (zumindest in der online-Ausgabe) sind die Artikel über die ungarischen Nachbarländer – dafür aber gut strukturiert und immer noch gut für Informationen auch für solche, die sich alle paar Monate mal ansehen wollen, was in diesen Ländern gerade passiert.

Der Wurm freut sich, dass es mit diesen Journalisten noch ein Häuflein Aufrechter gibt, die ihren Humor nicht verloren haben. Auch, wenn er manchmal bissig wirkt. So wie der Anfang dieser leicht bösen Wahlempfehlung für die regierende National-konservative Partei:

„Eine durch und durch korrupte Regierung, ein Skandal jagt den nächsten, jeden Tag eine weitere Machtanmaßung, überdeckt von frömmelnd-nationalistischer Propaganda, demokratische Kontrollinstanzen erobert, den Rechtsstaat gebeugt, die Verfassung zum Parteiprogramm vergewaltigt und ständig sind ausländische Verschwörungen gegen die nationale Einheit im Gange, deren Handlanger die ansonsten unfähige Opposition ist. Die Grund- und Bürgerrechte werden Schritt für Schritt eingeschränkt, praktisch und strukturell, die Leute fliehen das Land, wer bleibt, dem geht es - gehört er nicht zum Gewinnerviertel - schlechter als zuvor. Und doch: knapp 50% der Wählerstimmen für die Regierungspartei. Soweit die Nachrichten aus der Türkei.

Die Sache ist zu ernst für einen Aprilscherz. Wer lieber glauben will, weil ihm die Kraft fürs Denken, gar Kämpfen ausgegangen ist, wer andere über sein Schicksal entscheiden lässt, der muss eben nehmen, was kommt. Ein Volk, dem die Welt zu kompliziert geworden zu sein scheint, das von seinen Politikern immer weiter von der Mit- und Selbstbestimmung abgeschnitten worden ist, das sich im tägliche Überlebenskampf aufbrauchte, ohne dass es von der Stelle kam, so ein Volk wird irgendwann erschöpft in eine mentale Duldungsstarre verfallen. Ein solches Volk kann sich nur noch erlösen lassen, sich hingeben, es kann sich nicht mehr selbst befreien.“

http://www.pesterlloyd.net/html/1414waehltfidesz.html

Wenn alles so schlimm ist, warum hat dann die Opposition nicht besser abgeschnitten? Um auch hier den gerade erwähnten Artikel zu zitieren:

„Wen sollten wir Ungarn heute wählen? Die linke Opposition, dieses Bündnis aus zwei Ex-Premiers und einer Ex-Kader-Partei, die zusammen einen großen Anteil an dem Schlamassel repräsentieren, in dem wir seit Jahrzehnten sitzen und deren Wahlprogramm vor allem aus "Orbán ist schlecht für Ungarn" besteht? Eine grüne Splitterpartei, die uns zwar keine Jobs, dafür aber die Stasi-Akten und Biomüsli geben will? Die Jobbik, damit wir uns nicht nur verbal bespucken, sondern auch noch gegenseitig die Schädel einschlagen?“

Bevor die jetzigen National-Konservativen 2010 die Macht übernahmen, gab es eine eher „linke“ Regierung. Legendär ist die Rede des damaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány vor den Führungszirkeln seiner Sozialistischen Partei, die dummerweise mitgeschnitten und veröffentlicht wurde:

„… Wir haben fast keine Wahl. Wir haben keine, weil wir's verschissen haben. Nicht ein bißchen, sondern sehr. In Europa hat man so eine Blödheit noch in keinem anderen Land gemacht, wie wir sie begangen haben. Das kann man erklären. Wir haben offenkundig die letzten eineinhalb, zwei Jahre durchgelogen. Es war ganz klar, daß nicht wahr ist, was wir sagen. Daß wir dermaßen jenseits der Möglichkeiten des Landes sind, wie wir es uns nie vorher von der gemeinsamen Regierung der Ungarischen Sozialistischen Partei und den Liberalen vorstellen konnten.

Und was haben wir sonst während der vier Jahre gemacht? Nichts. Ihr könnt keine einzige bedeutsame Regierungsentscheidung nennen, auf die wir stolz sein können, außer jener, daß wir zum Schluß die Regierungsarbeit aus der Scheiße gefahren haben. Nichts. Wenn wir vor dem Land Rechenschaft ablegen müssen, was wir in den vier Jahren gemacht haben, was sagen wir dann? …“

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/gyurcsany-wir-haben-gelogen-1357262.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/ungarn-angriff-auf-die-republik-1257239.html

Der Wurm geht mal davon aus, dass das eine Art „Ruck-Rede“ sein sollte. Aber auch dann zeugt sie von Dummheit, wenn er davon ausgegangen sein sollte, dass sich das nicht im Lande rum spricht.

Warum so eine Partei wählen? Ferenc Gyurcsány hatte auch eine führende Rolle im aktuellen Oppositionsbündnis. Wenn die Linken wg. Unfähigkeit kaum wählbar sind (und weil sie alles machen, was ihnen von außen – sprich: EU – gesagt wird), tendieren die Menschen nach rechts. Dort gibt es einfache Antworten auf komplexe Fragen und zumindest einen Vorteil: zumindest der halbherzige Versuch, sich von der EU und „den Konzernen“ abzugrenzen und eine eigenständige Politik zu betreiben.

Wer sich für Ungarn näher interessiert, dem sei wärmstens der „Pester Lloyd“ empfohlen. Hier die Jahresrückblicke der letzten zwei Jahre:

http://www.pesterlloyd.net/html/1251jahresrueckblick2012.html

http://www.pesterlloyd.net/html/1350jahresrueckblick2013.html

Und hier geht’s zum Internationalen wissenschaftlichen Symposium „Ungarn zwischen den Zeiten und Welten“, das 2010 in Karlsruhe statt fand. Mit mehreren Video-Aufzeichnungen der Vorträge und Diskussionen (teilweise in ungarischer Sprache).

http://www.zak.kit.edu/1263.php

Ungarn ist überall. Gerne zitiert der Wurm sich selbst aus dem „Boxer-Aufstand“, der über die Ukraine ging:

„… das Leben im Sozialismus war kein Zuckerschlecken und es gab genügend Grund zu schimpfen. Aber: es gab keine Arbeitslosigkeit; die Grundbedürfnisse wie Miete und Lebensmittel waren stark subventioniert und gegen alle Unwägbarkeiten des Lebens gab es eine Absicherung. Da es schon damals eine größere Korruption gab, war diese Absicherung nicht immer optimal, aber sie war halbwegs gewährleistet.

Nach dem Ende des Sozialismus fielen die Subventionen weg. Mit dem Ergebnis, dass sich viele ihre Grundbedürfnisse nicht mehr leisten konnten (wie die meisten Rentner) und viele arbeitslos wurden. Die konnten sich natürlich auch nichts mehr leisten. Eine adäquate Krankenversorgung gibt es natürlich auch nicht mehr. Wer seine Operation nicht bar bezahlen kann, kann davon ausgehen, statt ins Krankenhaus direkt auf den Friedhof zu kommen.

Die Folge ist, dass viele das Land verlassen und versuchen, im Ausland zu arbeiten bzw. sich im wahrsten Sinne des Wortes zu prostituieren. Auch wer in der Ukraine Arbeit hat, hat sehr oft nicht das Geld, das er zum Leben braucht. Natürlich haben materielle Probleme auch Folgen für die Familien: die Scheidungsrate ist mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland und viele Kinder wachsen bei einer allein erziehenden Mutter oder der Großmutter auf - oder sind ganz allein auf sich gestellt …

Dazu kommt noch der Ausverkauf des Staates: rentable Firmen und Immobilien wurden nach Einzug des Kapitalismus zu Schleuderpreisen verkauft (natürlich mit entsprechender „Provision“ an die Entscheidungsträger), was zu einer Kaste von extrem reichen Menschen geführt hat. Zu Lasten des Volkes. Diejenigen, die durch ihre Korruptheit schon im Sozialismus vorzüglich gelebt hatten, können jetzt aber so richtig abkassieren. Der Volkszorn ist entsprechend.

Im Grunde geht das in allen ehemaligen sozialistischen Staaten so zu. Mal mehr, mal weniger …“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/57-boxer-aufstand.html

Zwar pumpt die EU sehr viel Geld in die osteuropäischen Staaten, aber eine rosige Zukunft ist dort nur schwer zu sehen.

Im Gegenteil: einigen westlichen Ländern droht ein ähnliches Schicksal. Auch Deutschland ist davor nicht gefeit.

Der Wurm macht mal ein Ratespiel: Wer hat folgende Sätze gesagt:

„In Chile, in Israel, in Madrid oder London und an vielen weiteren Orten der Welt erzielt ein Buch „Empört Euch!“ große Auflagen. Hunderttausende kommen zusammen, um einem Gefühl des Unwohlseins, der Ungerechtigkeit, der gefühlten oder tatsächlichen Unfairness Ausdruck zu verleihen. Ich will nicht, daß wir erst in diese Diskussion eintreten, wenn wir auch in Deutschland große Demonstrationen Jüngerer wie Älterer haben, von Menschen, die meinen, es ginge nicht fair und gerecht zu.“

„Auf dem Deutschen Bankentag hatte ich den Finanzsektor bereits gewarnt. Wir haben weder die Ursachen der Krise beseitigt, noch können wir heute sagen: Gefahr erkannt - Gefahr gebannt. Wir sehen tatsächlich weiter eine Entwicklung, die an ein Domino-Spiel erinnert: Erst haben einzelne Banken andere Banken gerettet, dann haben Staaten vor allem ihre Banken gerettet, jetzt rettet die Staatengemeinschaft einzelne Staaten. Da ist die Frage nicht unbillig: Wer rettet aber am Ende die Retter? Wann werden aufgelaufene Defizite auf wen verteilt beziehungsweise von wem getragen? ...

Wichtig dabei ist, daß die Lasten fair verteilt werden. Ich verstehe, daß viele nicht nachvollziehen wollen, daß Bankmanager zum Teil exorbitant verdienen, daß aber zugleich Banken mit Milliarden gestützt werden. Und Trittbrettfahrer in der Finanzwelt spekulieren weiterhin darauf, von der Politik und damit letztlich von Steuerzahlern aufgefangen zu werden - weil sie zum Beispiel zu groß sind und zu relevant für den gesamten Wirtschaftskreislauf...

Statt klare Leitplanken zu setzen, lassen sich Regierungen immer mehr von den globalen Finanzmärkten treiben. Wenn der DAX, der Börsenindex fällt, sollen Politiker ihren Urlaub abbrechen. Wenn es gut läuft, war es die Wirtschaft, wenn es nicht so gut läuft, ist es die Politik. Das kann nicht die Aufgabenteilung in der Gegenwart und Zukunft sein. Immer öfter treffen die Politiker eilig weitreichende Entscheidungen kurz vor Börsenöffnung, anstatt den Gang der Dinge längerfristig zu bestimmen. Dies trifft Demokratien in ihrem Kern...

Zuerst: Politik muß ihre Handlungsfähigkeit zurückgewinnen. Sie muß sich endlich davon lösen, hektisch auf jeden Kursrutsch an den Börsen zu reagieren. Sie muß sich nicht abhängig fühlen und darf sich nicht am Nasenring durch die Manege führen lassen, von Banken, von Ratingagenturen oder sprunghaften Medien.“

Richtig: der ansonsten als farb- und harmlos dargestellte damalige Bundespräsident Christian Wulff. Die zitierten Sätze stammen aus dem August und September 2011. Im Februar 2012 war er nicht mehr Präsident.

https://www.bueso.de/node/5341

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/bundespraesident-wulff-in-lindau-donnerhall-am-bodensee-11126151.html

http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Christian-Wulff/Reden/2011/08/110824-Wirtschaftsnobelpreistraeger.html;jsessionid=78E29D5924F84DD877CA239C01B886D9.2_cid031

Es kommen noch turbulente Zeiten auf uns zu.