In Kiew eskaliert die Gewalt mit Dutzenden von Toten in den letzten Tagen. Wie auch immer die ganze Geschichte ausgehen mag: gut wird sie nicht ausgehen. Seit ihrer Loslösung von der Sowjetunion ist die Ukraine ein Spielball ausländischer Mächte. Je mehr Zeit vergeht, umso deutlicher wird das und es ist nur die Frage, wessen Marionette letztendlich siegen wird.

Mensch braucht sich keinen Illussionen hinzugeben: „Gute“ gibt es in diesem Spiel keine. Im Wesentlichen gibt es dafür zwei Gründe: eine unsägliche Korruption, die sich durch sämtliche Institutionen zieht bis hin zu Politik, Polizei und Justiz. Und: vor nur wenigen Jahren gab es schon einmal eine erfolgreiche Revolution. Kaum an der Macht, ging’s genauso weiter wie schon zuvor. Es gibt leider keine Alternativen für die Ukraine.

Hier der Korruptions-Index von Transparency International. Die Ukraine hat es immerhin geschafft, vom korruptesten Land Europas zum zweitkorruptesten (noch vor Russland) zu werden und liegt weltweit auf Rang 134 (zum Vergleich: Dänemark liegt auf Platz 1, Deutschland auf Platz 15).

http://www.transparency.de/Tabellarisches-Ranking.1745.0.html

Um die Gegenwart der Ukraine zu verstehen, muss mensch ihre jüngere Geschichte kennen: das Land war bis 1991 Teil der großen Sowjetunion, das Leben im Sozialismus war kein Zuckerschlecken und es gab genügend Grund zu schimpfen. Aber: es gab keine Arbeitslosigkeit; die Grundbedürfnisse wie Miete und Lebensmittel waren stark subventioniert und gegen alle Unwägbarkeiten des Lebens gab es eine Absicherung. Da es schon damals eine größere Korruption gab, war diese Absicherung nicht immer optimal, aber sie war halbwegs gewährleistet.

Nach dem Ende des Sozialismus fielen die Subventionen weg. Mit dem Ergebnis, dass sich viele ihre Grundbedürfnisse nicht mehr leisten konnten (wie die meisten Rentner) und viele arbeitslos wurden. Die konnten sich natürlich auch nichts mehr leisten. Eine adäquate Krankenversorgung gibt es natürlich auch nicht mehr. Wer seine Operation nicht bar bezahlen kann, kann davon ausgehen, statt ins Krankenhaus direkt auf den Friedhof zu kommen.

Die Folge ist, dass viele das Land verlassen und versuchen, im Ausland zu arbeiten bzw. sich im wahrsten Sinne des Wortes zu prostituieren. Auch wer in der Ukraine Arbeit hat, hat sehr oft nicht das Geld, das er zum Leben braucht. Natürlich haben materielle Probleme auch Folgen für die Familien: die Scheidungsrate ist mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland und viele Kinder wachsen bei einer allein erziehenden Mutter oder der Großmutter auf - oder sind ganz allein auf sich gestellt

http://diepresse.com/home/leben/mode/654430/Ukraine_Das-Scheidungsturboland

Dazu kommt noch die Rolle der Kirchen, die wg. verzweifelter Lage der Menschen immer stärkeren Zulauf bekommen. Während die „westlich“ orientierten Kirchen wie die Katholische Kirche wenigstens noch einen sozialen Anspruch haben und wenigstens ein klein wenig tun, gibt es dieses soziale Denken bei den orthodoxen Kirchen so gut wie gar nicht.

Dazu kommt noch der Ausverkauf des Staates: rentable Firmen und Immobilien wurden nach Einzug des Kapitalismus zu Schleuderpreisen verkauft (natürlich mit entsprechender „Provision“ an die Entscheidungsträger), was zu einer Kaste von extrem reichen Menschen geführt hat. Zu Lasten des Volkes. Diejenigen, die durch ihre Korruptheit schon im Sozialismus vorzüglich gelebt hatten, können jetzt aber so richtig abkassieren. Der Volkszorn ist entsprechend.

Im Grunde geht das in allen ehemaligen sozialistischen Staaten so zu. Mal mehr, mal weniger. Die Besonderheit an der Ukraine ist die Spaltung zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil des Landes und die Einmischung des Auslands in ihre inneren Angelegenheiten.

Dazu kommen die Erfahrungen mit der „orangenen Revolution“ von 2004: damals konnte mensch ja noch Hoffnungen haben, dass zumindest der Weg in eine bessere Zukunft eingeschlagen werden würde. Doch die neue Regierung unter Präsident Viktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julia Timoschenko erwies sich als genauso korrupt wie die alte Regierung und wurde bei der nächsten Wahl wieder abgewählt.

Eine sehr gute Zusammenfassung der Ära Juschtschenko findet sich auf der „World Socialist Web Site“. Manche wird vielleicht das Vokabular im Text stören – im Wesentlichen ist aber die Struktur dieser Zeit sehr schön wiedergegeben:

https://www.wsws.org/de/articles/2010/03/ukra-f05.html

Für die Ukrainer ist damit klar, dass es keine Alternative gibt, für die es sich einzusetzen lohnt. Es gibt noch nicht mal ein „geringeres Übel“ – alles ist gleich schlecht. Der aktuelle Aufstand wurde im Wesentlichen vom Ausland inszeniert, um die eigenen Interessen in diesem strategisch wichtigen Land durchzusetzen. Dazu gesellten sich hauptsächlich rechtsextreme Gruppen, die vor Gewalt nicht zurückschrecken.

Für uns Bewohner des Erdreichs ist es immer wieder erstaunlich, dass es noch Menschen gibt, die allen Ernstes glauben, dass es Aufstände oder Revolutionen gibt, die „spontan“ entstehen. Natürlich sind die immer gesteuert und meistens mit ausländischer „Hilfe“. Hier ein Auszug aus einem „Spiegel“-Bericht aus dem Jahr 2005 mit dem Titel „Die Revolutions-GmbH“, in dem geschildert wird, wie moderne Revolutionen ablaufen:

„Wie macht man eine Revolution? Was in Jugoslawien 2000 passierte, in Georgien 2003, in der Ukraine 2004 wirkte wie ein spontaner Volksaufstand gegen Autokraten. In Wahrheit war vieles sorgfältig geplant - von Studentenführern und ihren vernetzten Organisationen. Sie scheuten auch amerikanische Hilfe nicht. Welches Regime wird ihr nächstes Opfer? …

Maric und seine Mitstreiter kümmern sich um die Jugend. Seit Monaten gibt es Bestrebungen, nach dem Modell von Otpor und Kmara eine Protestbewegung zu gründen. Ab Januar 2004 formiert sich dann Pora - "Es ist Zeit". Auf der Bühne positionieren sich gleichzeitig die Oppositionsführer Wiktor Juschtschenko und Julija Timoschenko als Hoffnungsträger.

65 Millionen Dollar an US-Steuergeldern fließen seit 2002 allein vom US-Außenministerium für die Wahl in der Ukraine über die NED und die Parteistiftungen NDI und IRI. "Wir wissen nicht genau, wie viele Millionen oder Dutzende Millionen Dollar die Regierung der USA für die Präsidentenwahl in der Ukraine ausgegeben hat", bemängelt der republikanische Abgeordnete Ron Paul in Washington: "Aber wir wissen, dass der Großteil des Geldes zur Unterstützung eines bestimmten Kandidaten gedacht war" - Wiktor Juschtschenko …

Andererseits führt nun für die USA und ihre westlichen Verbündeten kein Weg mehr zurück. Viel Geld, viel Mühe ist investiert worden. Kofferweise wird in den Wochen vor der Wahl Bargeld aus den USA am Flughafen Kiew ausgeladen, erzählt die Buchhalterin der oppositionellen Organisation "Unsere Ukraine" Vertrauten. Eine amerikanische Privatspende über 150 000 Dollar sei vorübergehend beiseite gelegt worden, weil keiner mehr gewusst habe, wohin mit ihr …

"Wir waren das Streichholz für das Feuer, das in den Leuten schon brannte", sagt ein Pora-Mann. Die Aktivisten organisieren eine Stadt aus 1546 Zelten, und aus den Provinzen reisen massenhaft Jugendliche an, die von selbsternannten "Atamanen", nach Kosakenführern benannt, in streng gegliederten Hundertschaften zu Protestzügen durch die Stadt starten. Auch Juschtschenkos Stab gibt sein Bestes, um die Erhebung auf der Straße mit dem zähen Ringen auf der politischen Bühne um eine Korrektur des Wahlergebnisses zu synchronisieren.

Doch ohne den Rückhalt der Bevölkerung, die in Frost und Schnee ausharrt und den kühl kalkulierten Aufstand gegen ein abgewirtschaftetes Regime in ein machtvolles Happening umwandeln hilft, wäre die Orange Revolution nicht gelungen. Am 27. November besetzen anderthalb Millionen Menschen den Maidan und die angrenzenden Straßen …

Unter der wochenlangen Belagerung mit eiserner Disziplin und Aktionen blühender Phantasie kollabiert am Ende das Kutschma-Regime. Das Oberste Gericht setzt eine Wiederholung des zweiten Wahlgangs an. Den gewinnt am 26. Dezember 2004 Wiktor Juschtschenko mit 51,9 Prozent.“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43103188.html

Eine Zusammenfassung der „Farbrevolutionen“ gibt’s auf Wikipedia:

http://de.wikipedia.org/wiki/Farbrevolutionen

Und spaßeshalber hatte sich der Wurm im letzten Jahr seine Gedanken zu den Aufständen in der Türkei gemacht:

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/22-getuerkt.html

Wer mischt aktuell mit? Hinter den Kulissen auf jeden Fall Russland. Unabhängig von der geostrategischen Bedeutung der Ukraine, ist geschichtlich gesehen die Kiewer Rus eine Art Vorläuferstaat Russlands und Kiew die erste russische Hauptstadt. Für Russen ist die Ukraine schon seit jeher ein „emotionaler“ Teil Russlands und entsprechend schmerzhaft war die Unabhängigkeits-Erklärung der Ukraine. Zudem liegt, durch Pachtverträge bis 2042 abgesichert, die russische Schwarzmeerflotte im ukrainischen Sewastopol, wichtige Öl- und Gasleitungen gehen durch die Ukraine, und immerhin ca. 17% der ukrainischen Bevölkerung sind Russen.

Recht offen mischen die USA mit. Entweder durch NGOs (nicht-staatliche Organisationen, wie die vom Milliardär George Soros) oder offiziell, wie durch den Auftritt des einflussreichen Republikaners John McCain:

http://www.sueddeutsche.de/politik/proteste-in-der-ukraine-us-senator-mccain-wirbt-fuer-europa-1.1844188

Mittlerweile legendär ist die Äußerung „Fuck the EU“ der Vize-Außenministerin der USA, Victoria Nuland, aus einem abgehörten Gespräch gegenüber dem US-Botschafter in der Ukraine, Geoffrey Pyatt. Auf den eigentlichen Gesprächsinhalt, nämlich wie sich die USA die nächste Regierung der Ukraine vorstellen und wie dies zu bewerkstelligen sei, sind die meisten deutschen Medien nicht eingegangen. Deshalb hier die Zusammenfassung:

http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2014/02/us-vizeaussenministerin-sagt-fck-die-eu.html

Die USA favorisieren also Arsenij Jazenjuk, offensichtlich auch so ein korrupter Arsch mit Ohren, den wir der Einfachheit halber „Klatschko“ nennen wollen.

http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2014/01/arsenij-jazenjuk-von-wegen-ein.html

Damit ist der Wurm schon beim Favoriten Deutschlands und der EU, dem ehemaligen Boxer Vitali Klitschko. Zuvor noch ganz kurz zu Elmar Brok. Who the Fuck is Elmar Brock (um im Vokabular von Victoria Nuland zu sprechen)? Nun, Elmar Brok ist „Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments“ und laut BILD „Brüssels heimlicher Strippenzieher in Kiew“:

http://www.bild.de/politik/ausland/ukraine/elmar-brok-bruessels-heimlicher-strippenzieher-in-kiew-34471264.bild.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Elmar_Brok

Nun aber endgültig zu Vitali Klitschko:

„Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Gruppe der konservativen Parteien in der EU (EVP) wollen den ukrainischen Politiker und Profiboxer Vitali Klitschko durch gemeinsame Auftritte in der Öffentlichkeit stärken. Ziel ist nach SPIEGEL-Informationen, ihn zum Oppositionsführer und Gegenkandidaten zu Präsident Wiktor Janukowitsch aufzubauen …

Parallel erhält Klitschkos Partei Udar logistische Unterstützung von der EVP und der Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU, unter anderem durch Schulungen für Udar-Parlamentarier und deren Mitarbeiter. Zuletzt hatten sich Merkels außenpolitischer Berater Christoph Heusgen, Kanzleramtsminister Ronald Pofalla und Außenminister Guido Westerwelle zu zum Teil vertraulichen Gesprächen mit Klitschko getroffen und ihm Unterstützung zugesagt.“

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-merkel-will-klitschko-zum-praesidenten-aufbauen-a-937853.html

Auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz vor ein paar Wochen wird ihm deutlich gesagt, was er zu tun hat:

http://www.bild.de/politik/ausland/vitali-klitschko/muenchner-sicherheitskonferenz-vitali-klitschko-kaempft-auch-angeschlagen-weiter-34491454.bild.html

Klitschko und Klatschko waren zusammen noch Anfang der Woche zu Gast bei Angela Merkel:

http://www.tagesschau.de/inland/merkel-klitschko100.html

Auffällig ist, dass in den deutschen Medien der US-Favorit Klatschko kaum erwähnt wird und oft so getan wird, als ob es ihn gar nicht gäbe (als etwa nach der ersten Gewalt-Eskalation Klitschko und Klatschko ein Treffen mit dem Präsidenten Viktor Janukowytsch hatten, wurde anfangs nur Klitschko erwähnt).

Umso blamabler, dass mittlerweile für jeden offensichtlich ist, dass Klitschko überhaupt keinen Rückhalt in der Bevölkerung hat:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/pro-west-protest-krawalle-in-der-ukraine-klitschko-attackiert-a-944356.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-klitschko-machtlos-vor-eskalation-der-gewalt-in-kiew-a-954489.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/marina-weisband-ueber-maidan-und-protest-in-kiew-a-954479.html

Mensch stelle sich mal vor, vor dem Brandenburger Tor gäbe es wochenlange, teils gewalttätige Demonstrationen. Die chinesische KP gibt Gelder an die Linke und versucht, Sahra Wagenknecht als neue Regierungschefin aufzubauen. Wladimir Putin und die russische Regierung wollen dagegen Jürgen Trittin haben. Dies alles natürlich, um russische bzw. chinesische Interessen durchzusetzen. Ursprünglich ließen Linke und Grüne ihre Anhänger aufmarschieren und mittlerweile haben sich NPD und andere gewaltbereite (und gewalttätige!) Rechtsextreme dem Ganzen angeschlossen.

Wem die Idee kommt, sich über so eine Vorstellung zu empören: so ähnlich geht es gerade in der Ukraine zu. In Anlehnung an die „Orangene Revolution“ sprechen russische Medien genüsslich von der „Braunen Revolution“.

Die ukrainische Bevölkerung ist so schon zur Genüge gepiesackt. Durch die Einmischung aus dem Ausland wird es nicht besser. Wie es auch immer weiter gehen mag: gut wird es nicht sein.

Hier noch ein paar Links, hauptsächlich zur geo-strategischen Bedeutung der Ukraine und welches Spiel gerade gespielt wird. Der Wurm stimmt nicht allem zu, aber interessant ist es allemal:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/kampf-um-die-ukraine-schachspiel-im-minenfeld-a-954527.html

http://krisenfrei.wordpress.com/2013/12/11/soros-und-der-regimewechsel-in-der-ukraine/

https://www.wsws.org/de/articles/2014/02/20/ukra-f20.html

http://alles-schallundrauch.blogspot.de/search/label/Ukraine

… und für diejenigen, die sich für das Land interessieren, hier ein paar Reiseberichte. Unter anderem wird allein vom Stadtbild her deutlich, wie „westlich“ etwa die Städte Lemberg und Czernowitz sind:

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/europa/ukraine/kiew.html

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/europa/ukraine/lemberg.html

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/europa/ukraine/czernowitz.html

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/europa/ukraine/chotyn.html

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/europa/ukraine/odessa.html

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/europa/ukraine/krim.html

https://www.youtube.com/watch?v=BD01z-K1HqY

https://www.youtube.com/watch?v=za3IXpDS9v0

https://www.youtube.com/watch?v=VdkG7yUWBso