Götz Werner wurde dieser Tage 70 Jahre alt.

http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Werner

Wer Götz Werner nicht kennt: Er ist der Gründer vom Drogeriemarkt „dm“. Gut und schön. Auch, wenn er es nicht gerne hören wird: Würde der Welt etwas fehlen, wenn es keinen „dm“ mehr gäbe? Es handelt sich um ein Handelsunternehmen und führt damit Produkte, die es anderswo auch zu kaufen gibt. Also wäre es kein großer Verlust.

Dennoch: mit seiner Drogeriekette und seinem außerbetrieblichen Engagement übt er einen Einfluss auf die Gesellschaft aus, der den meisten gar nicht bewusst ist.

Das meiste, was mensch über ihn wissen muss, steht in seiner Autobiographie „Womit ich nie gerechnet habe“. Es handelt sich um keine übliche Biographie – Privates steht nur wenig drin, gesellschaftliche und politische Änderungen kommen nur sehr am Rande vor.

Eine dieser politischen Änderungen kam für ihn jedoch zur richtigen Zeit: Das Ende der Preisbindung für Markenartikel Anfang der 1970er Jahre. Heute kaum mehr vorstellbar: Die Industrie diktierte dem Handel die Preise und die Endpreise waren in jedem Geschäft die gleichen. Heute gibt es das nur noch im Buchhandel oder in Apotheken.

„Ich aber war davon überzeugt, dass das Gesetz beschlossen und in Kraft treten würde. Und dann würden die Menschen sich nicht mehr in den traditionellen Theken-Drogerien teure Markenartikel über den Tresen reichen lassen, sondern in modernen Selbstbedienungsläden eigenhändig die günstigsten Angebote heraussuchen wollen.“

Im Alter von 28 Jahren schlug er dieses Konzept seinem damaligen Arbeitgeber, einem großen Drogerie-Filialbetrieb, vor: „Wir verkaufen statt 15.000 nur 2.000 Artikel, dafür machen wir statt 10.000 Mark 120.000 Mark Umsatz!“

Er wurde ausgelacht und Kredit von den Banken bekam er auch keinen. Nach dem Motto „Jetzt oder nie“ gründete er 1973 dennoch seine erste Filiale in Karlsruhe mit überwältigendem Erfolg von Anfang an. Anfangs bekam dm von der Industrie „noch einstweilige Verfügungen geschickt, weil wir ja die noch geltende Preisbindung nicht einhielten. Diese Schreiben habe ich einfach ignoriert und vertraute darauf, dass die Gerichte solche Verfügungen nicht mehr bearbeiten würden – nach dem Motto, das neue Gesetz kommt ja sowieso.“ 

Bis 1975 gab es schon über 20 Läden. Und es ging munter so weiter. Heute gibt es knapp 3.000 Märkte mit immer noch steigender Tendenz.

Mensch stelle sich mal vor, er könne sich von allen Zwängen lösen und aus Kundensicht einen idealen Drogeriemarkt gestalten. Das Ergebnis wird einem tatsächlichen „dm“ sehr ähnlich sehen: gut ausgeleuchtete breite Gänge, in dem zwei Kinderwägen bequem Platz haben; die Regale sind so hoch, dass auch kleinere Menschen sich die Ware greifen können; es gibt keine Drehkreuze am Ein- bzw. Ausgang (so dass mensch theoretisch rein und raus gehen kann, ohne den Kassenbereich zu passieren); die Einkaufswagen sind mit Lupen ausgestattet, so dass die kleingedruckten Inhaltsstoffe auf den Produkten bequem gelesen werden können; Mütter werden es zu schätzen wissen, dass nicht die üblichen Süßigkeiten verkauft werden, die ihre Kinder sonst immer haben wollen – und es gibt genügend Personal in den Läden, das kompetent und freundlich ist.

Das ist kein Zufall: „Der Mitarbeiter redet mit dem Kunden. In diesem Moment ist der Mitarbeiter der Wichtigste; alle anderen sind aus dieser Perspektive nur rückwärtige Dienstleistende. Und plötzlich war mir klar: Wir dürfen das Unternehmen nicht von oben nach unten denken, sondern wir müssen es von außen nach innen denken. Und die Mitarbeiter müssen erleben, dass es auf jeden Einzelnen von ihnen ankommt, auch wenn sie nur wenige Stunden pro Woche bei dm arbeiten.“

Daraus erfolgte der Leitgedanke „Die Betroffenen können am besten sehen, worauf es ankommt, am besten erkennen, was jetzt notwendig ist. Je mehr Menschen des Unternehmens aus eigener Erkenntnis bestimmen können, was notwendig ist, desto unternehmerischer wird das Unternehmen.“

Eine schöne Anekdote gibt es von einem neu eingestellten Gebietsleiter (einem der Wenigen, der nicht aus dm selbst kam), der von sich aus kündigte. Mit der Begründung „… wenn ich bei Lidl in den Laden gekommen bin und habe den Leuten etwas gesagt, dann haben die das genau so gemacht. Bei Ihnen muss ich mit dem Filialleiter immer erst diskutieren. Gleichgültig, was ich machen will, immer werde ich zur Rede gestellt, muss mich rechtfertigen, muss es genau erklären, sonst machen die das nicht. Ich bin ganz zerknirscht darüber, aber das halte ich auf Dauer nicht aus“.

„Geld brauchen sie nicht als Lohn für geleistete Arbeit, sondern um zu leben. Die Arbeit ist dazu da, dass man sich entwickelt, dass man über sich hinaus wächst.“

Das gilt natürlich auch für die „Lernlinge“, die während der Ausbildung zwei Mal an Theaterworkshops teilnehmen. „Unter Anleitung von professionellen Schauspielern, Regisseuren und Theaterpädagogen entwickeln sie ein eigenes Stück, das sie jeweils am achten Tag vor ihren Kollegen, Freunden und Familien auf die Bühne bringen. Eine besondere Erfahrung, denn auf der Bühne erleben sich die jungen Menschen in einer ungewohnten Situation und entdecken so ihr eigenes Entwicklungspotenzial. Sie erfahren, was sie mit eigenständigem Denken, selbstbewusstem Handeln, Mut und guten Ideen leisten können – in der Gruppe und für die Gruppe.“

Die Idee mit dem Theater entwickelte Götz Werner zusammen mit anderen, nachdem ihm bewusst geworden war, wie wenig sich viele Jugendliche sprachlich ausdrücken können. Der Erfolg gibt ihm Recht.

Zur Führung gehört auch professionelles Projektmanagement. Götz Werner nennt das „Dialogische Führung“ und „Demokratie im Betrieb“. Also wird jeder ernst genommen und kann seine Vorschläge einbringen. Die unterschiedlichsten Projektgruppen erarbeiten Strategien für die Zukunft. Deshalb kann dm auf alle „Überraschungen“ sehr schnell reagieren: „Sind wir so aufgestellt, dass wir auf alles angemessen reagieren können?“

Es wird nichts einfach „so“ gemacht, sondern den Mitarbeitern wird erklärt, wie und warum etwas passiert. Und natürlich ist es erwünscht, dass diese konstruktive Kritik üben.

Dazu gehört ein ordentliches Berichtswesen, bei dem jeder Mitarbeiter sehen kann, wo die Firma und ihre Filiale gerade finanziell steht. Interessant ist die Abschaffung der internen „Gemeinkosten“. „Die IT-Abteilung zum Beispiel produziert nämlich keine Kosten, sondern sie erfüllt Bedürfnisse, die in anderen Abteilungen im Gesamtorganismus entstanden sind. Diese Leistungen werden mit einem Preis versehen, der von jeder Abteilung eigenverantwortlich und offen kalkuliert werden muss.“

Auf den ersten Blick hört sich das nicht so spannend an. Allerdings kennt der Wurm Unternehmen, bei denen etwa auf „die Verwaltung“ bei jeder Gelegenheit geschimpft wird und deren Leistungen als selbstverständlich gesehen werden. Wenn jetzt klar ist: das ist die Leistung und das ist der Preis dafür, hat die getane Arbeit plötzlich einen anderen Stellenwert.

All diese Erkenntnisse hatte Götz Werner nicht von Anfang an, sondern nach und nach. Die geänderte Philosophie des Unternehmens zeigt sich in den unterschiedlichen Slogans: aus „Große Marken, kleine Preise“ wurde „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“. Götz Werner ist Anthroposoph und teilt viele seiner Ansichten, auch, was Unternehmens-Führung und –Organisation betrifft, mit anderen Anthroposophen bzw. hat sie mit denen entwickelt.

Für uns Erdreich-Bewohner sind (zumindest die jüngeren) Anthroposophen eine Art „rotes Tuch“, da sie sich gern als edle Menschen darstellen – aber wenn es drauf ankommt, sich in der Praxis einzubringen, anderen Menschen zu helfen, sind sie auf einmal nicht mehr zu sehen. Zu denjenigen, die in der Gemeinschaft den Tisch abräumen, gehören die Anthroposophen nicht gerade.

Das scheint auch eine Generationen-Frage zu sein. Zumindest Götz Werner und den Anthroposophen, mit denen er sich umgibt, scheint es ernst zu sein mit ihrem positiven Menschenbild.

Götz Werner hatte oft den Mut, in seinem Unternehmen völlig neue Wege zu gehen, was oft dazu führte, dass die gesamte Branche die Hände über dem Kopf zusammen schlug. Dazu gehört die Abschaffung der Sonderangebote hin zu Dauer-Niedrigpreisen, die Abschaffung der Sonderpreise bei „Eckartikeln“ (wichtige Artikel wie Haarshampoo, Windeln, Toilettenpapier, bei denen der Kunde denkt „aha, das ist billig – dann ist alles andere auch billig“) oder die Änderung der Preisendungen (meistens enden Preise im Einzelhandel mit ,99 €) hin zu -,95 €.

Götz Werner will die „Konsumbedürfnisse unserer Kunden veredeln“. „Die Menschen sind nicht die Abnehmer von Produkten, sondern in Wirklichkeit die Auftraggeber; sie müssen eine Mitverantwortung übernehmen für die Art und Weise, wie sie konsumieren. Die Wahrhaftigkeit dieses Gedankens wurde mit den Jahren immer deutlicher. Es entwickelt sich allmählich und bis heute ein neues Konsumbewusstsein: Öko, nachhaltig, fair, sozial. Mitte der 1980er Jahre waren wir davon noch weit entfernt.“

Götz Rehn sagte später einem Journalisten, dass er zutiefst dankbar sei, „dass es überhaupt anderthalb Personen gab, die einen nicht für wahnsinnig hielten“. Bei den „anderthalb Personen“ handelte es sich um seine Mutter und um Götz Werner. Ach ja, Götz Rehn ist der Gründer von „Alnatura“, dem heutigen Marktführer der Biobranche.

http://de.wikipedia.org/wiki/Alnatura

Anfangs lief das gar nicht gut und ohne den Einsatz von Götz Werner hätte das auch nicht geklappt: „Man musste erst mal Bio-Produkte entwickeln und dann Bauern und Firmen finden, die die Produkte entsprechend der Vorgaben herstellten: Tee, Saft, Müsli, Mehl, Honig, Marmelade … Anfangs ging es um das Trockensortiment, das wir – ohne speziellen Laden – bei dm und tegut anbieten und erproben konnten.“

„Das kleine Sortiment wurde dann Stück für Stück weiterentwickelt, immer mit der Zielsetzung, dass Götz Rehn irgendwann sein eigenes Unternehmen gründet: nämlich eine Bio-Supermarktkette.“

„Es dauerte einige Jahre und brauchte enorme Beharrlichkeit, die Götz Rehn vielleicht nur deshalb durchstand, weil er von Anfang an die dm-Mitarbeiter in zwei- oder dreitägigen Seminaren ausbildete und in diesen Seminaren für die Alnatura-Produkte begeistern konnte. Es gab dann immer mehr Mitarbeiter bei dm, die mit größtem Enthusiasmus und größtem Engagement das Alnatura-Segment gefördert haben.“

Zur „Veredelung der Konsumbedürfnisse“ gehören auch die Eigenmarken wie „Denkmit“ (Bioreinigungsmittel, die mit einem Bitterstoff versehen sind, dass Kinder die versehentlich in den Mund genommenen Reinigungsmittel gleich wieder ausspucken), „alverde“ (Naturkosmetik ohne Tierversuche und ohne tierische Inhaltsstoffe), „Alana“ (Babykleidung aus strapazierfähiger und atmungsaktiver Bio-Baumwolle, die sozial und fair hergestellt wird).

Im Gegensatz zu anderen Drogeriemärkten gab es bei dm noch nie Alkohol und Zigaretten zu kaufen und Süßigkeiten nur aus dem Bio-Bereich.

Es gibt viele Menschen, die sehen einen Gegensatz zwischen (meist „böser“ oder "kalter") Technik und dem „menschlichen“ Bereich. Vor allem bei esoterisch anfälligen Menschen ist das so. Für Götz Werner steht der Mensch im Mittelpunkt – aber für ihn ist Technik äußerst wichtig: „Inzwischen verkauft jede dm-Filiale etwa 12.500 verschiedene Artikel, und der Preiskampf mit der Konkurrenz findet im Centbereich statt. Die Einzelhändler können nur deswegen überleben, weil sie ganz genau wissen, welche Ware sie wann und zu welchem Preis verkauft haben – und zwar auf Knopfdruck.“

„Mir war dieses Detailwissen von Anfang an ein großes Bedürfnis. Ich wollte immer genau wissen: Wie viel verkaufen wir denn wirklich? Und in welchem Zeitraum? Denn nur mit diesem Wissen kann man ein intelligentes Warenwirtschaftssystem aufbauen“ … „Durch die atomistische Struktur eines Filialbetriebes wird alles immer unübersichtlicher, je mehr Filialen dazu kommen. Also muss man Instrumente schaffen, die einen das Ganze durchblicken lassen. Ziel ist es, dass im Lager automatisch Ware nachbestellt wird, wenn sie im Laden jemand aus dem Regal nimmt und bezahlt.“

Götz Werner drängt entsprechend seine Lieferanten dazu, Strichcodes auf ihre Produkte zu bringen, wobei es Jahre dauert, bis das alles umgesetzt wird. Die Folge: Verringerung von Inventurdifferenzen, bewusstes Steuern des Sortiments, Durchführung von Einkaufsanalysen, Reduktion von Beständen, Beschleunigung des Warenumsatzes.

Bald galt dm als führender IT-Nutzer im Handel. Ein weiterer Punkt: „Mittlerweile werden alle Geschäfte detailliert ausgemessen und die Ladenpläne bis auf den Zentimeter genau auf einem CAD-Rechner entwickelt.“

dm war auch einer der ersten Partner von „Payback“, einer Art modernem Rabattmarken-System. Vorteil: es ist bekannt, wie die Kunden was in welcher Kombination kaufen.

Die bei dm eingesetzte Technik trägt maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens bei. Technik und Mensch können also sehr wohl zusammen zum Wohle aller eingesetzt werden.

Auch, wenn sich einige Ideen speziell auf Götz Werner zurückführen lassen, handelt es sich in den meisten Fällen um Dinge zum Wohle des Unternehmens. Und wenn sie „nur“ indirekt zum Ansehen des Unternehmens beitragen. Genauso wenig, wie der Bäcker sein Brot backt, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, verkauft dm seine Produkte: beide wollen Geld verdienen.

Götz Werner auch. Sein Vermögen beläuft sich nach der niedrigsten Schätzung auf 800 Millionen Euro. Es sei ihm gegönnt. Allerdings lautet ein schöner Satz von ihm „Es ist keine Schande, reich zu werden – es ist aber eine Schande, reich zu sterben“. Entsprechend hat er sein Vermögen (von einem „kleinen Notgroschen“ mal abgesehen) in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht.

Auch, wenn sich die Gedanken des Wurms zu Götz Werner wie eine „Lobhudelei“ anhören: mehr zeigen sie auf, wie schlecht andere Unternehmen ihr Personal behandeln, schlecht und intransparent organisiert sind, wenig auf Technik (und damit auf genaue Zahlen) setzen, nicht das Wohl ihrer Kunden im Auge haben, ausschließlich auf das „schnelle Geld“ fixiert sind und denen die Gesellschaft völlig egal ist.

Und da erweist sich Götz Werner als „weisser Rabe“.

http://www.dm.de/de_homepage/

Unabhängig von seinem unternehmerischen Handeln ist Götz Werner führend in zwei gesellschaftlichen Debatten: der Abschaffung sämtlicher Steuern bis auf die Umsatzsteuer (die entsprechend erhöht werden soll) und vor allem dem Bedingungslosen Grundeinkommen.

Doch da die Menschen sich nur schwer auf viel Text konzentrieren können, macht der Wurm für heute Schluss und macht sich ein anderes Mal über diese Thematik seine Gedanken.

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/mein-weg/goetz-werner-milliardaer-mit-grundeinkommen-1544434.html

http://www.youtube.com/results?search_query=g%C3%B6tz+werner&sm=1

… und hier noch ein „dm-Check“ mit dem Versuch, ein Haar in der Suppe zu finden (was auch gelingt). Allerdings hat der Wurm andere Schwerpunkte als diese Fernsehsendung.

http://www.youtube.com/watch?v=lSexz_U9gGc