„Wenigstens mit Einem hat Noah Gordon recht: Das christliche Europa war im 11. Jahrhundert in den Gebieten Medizin und Wissenschaft völlig unterbelichtet, während beides in den islamischen Ländern eine Blütezeit erlebte. Da der Wurm weiss, dass er auch den seriösen Lesern nicht zu viel auf einmal zumuten darf, wird er jetzt Schluss machen und sich das nächste Mal darüber seine Gedanken machen“ So lautete der Schluss des letzten „Wurms“ zu „Der Medicus“ und jetzt macht er sich seine Gedanken.

Tatsächlich gilt Ibn Sina (Avicenna), der im „Medicus“ eine Hauptrolle spielt, im gesamten Orient als „Fürst aller Wissenschaften“.

http://www.eslam.de/begriffe/a/avicenna.htm

Götter, Gräber und Gelehrte: Iran antik

Avicenna kam nicht aus dem „Nichts“. In „Wikipedia“ steht: „Die arabische Medizin baute direkt auf den antiken Vorläufern auf. Die griechischen und lateinischen Texte wurden teils im Original tradiert, teils ins Arabische übersetzt. Im arabischen Raum erfuhr die Antike Medizin noch einmal eine Blüte, da arabische Mediziner auf ihr aufbauend auch zu neuen Erkenntnissen kamen. Die Araber entwickelten Spezialistentum und z. B. auch Krankenhäuser von einer Qualität, wie sie im Westen erst im 19. Jahrhundert wiederzufinden waren. Ein Teil des heute vorhandenen Wissens über die griechische Medizin wurde auf Arabisch festgehalten und später wieder ins Griechische übersetzt. Einer der bedeutendsten Ärzte dieser Zeit war der Perser Avicenna, seine Schrift Qanun galt seit dem 12. Jahrhundert als ein Standardwerk der Medizin. Ebenfalls von Bedeutung war der auch aus Persien stammende Rhazes, der einer der ersten Vertreter einer auf Experimenten beruhenden Medizin war.

Während die byzantinischen und arabischen Mediziner das antike Erbe bewahrten, war die Medizin des westlichen Mittelalters recht unberührt von allen Erkenntnissen, die es zuvor einmal gegeben hatte. Nur wenige lateinische Schriften aus dem Altertum hatten überlebt, das Griechische ging verloren. Lediglich klösterliche Heilkräuterkunde wurde betrieben, sodass man diesen Abschnitt als Klostermedizin zusammenfassen kann (dabei herausragend Hildegard von Bingen). Erst ab dem 13. Jahrhundert kamen über Spanien und die Mauren Einflüsse der hoch entwickelten arabischen Medizin nach Mittel- und Westeuropa. Über Italien und die dortigen Handelskontakte nach Byzanz/Konstantinopel wurden die griechischen Texte wieder zugänglich. Wesentlichen Anteil an der Einbringung des griechisch-arabischen Medizinwissens in die westliche Welt hatte die Schule von Salerno, die als eine der ersten medizinischen Hochschulen Europas gilt.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Medizingeschichte

Sehr kurz, aber prägnant dieser Artikel mit lohnenswerten Links zu arabischen Wissenschaftlern im Mittelalter:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bl%C3%BCtezeit_des_Islam

Und ein sehr schöner Beitrag zu einer wissenschaftlichen Ausstellung:

http://www.antikriegsforum-heidelberg.de/antiislam/tausendundeine_erfindung_jw.html

Um daraus zu zitieren:

„Viele der Erkenntnisse der hellenischen Klassik wurden uns von Muslimen übermittelt. Doch die arabischen Gelehrten waren mehr als nur Fackelträger, die das Wissen der Griechen lediglich bewahrt hatten, um es dem Westen später wieder zurückzugeben. Denn anders als die griechische Wissenschaft stellte die muslimische Wissenschaft nicht die Theorie in den Vordergrund, sondern war vor allem praktisch ausgerichtet. Neue Erkenntnisse wurden mit Hilfe von Experimenten und Beobachtungen erworben, ganze Disziplinen wurden so begründet.

In zahlreichen Versen im Koran werden Vorgänge der Natur beschrieben – von der Schöpfung des Universums bis hin zur befruchteten Eizelle. Der Mensch soll seine Umwelt erforschen und die Zeichen der Schöpfung erkunden, so will es der Islam. Gebiete wie die Astronomie, die Medizin, die Mathematik, die Architektur und die Geographie entwickelten sich zu den bedeutendsten Pfeilern wissenschaftlicher Erkenntnis des mittelalterlichen Islam.

»Allah hat keine Krankheit herabkommen lassen, ohne daß Er für sie zugleich ein Heilmittel herabkommen ließ«, heißt es in einem Hadith. Die muslimischen Gelehrten waren zuversichtlich, daß tatsächlich jede Krankheit heilbar war, wenn sie – so Gott will – nur die richtigen Heilmittel dafür fänden. Muslimische Ärzte gründeten die ersten Krankenhäuser der Welt, sie entwickelten ein Fachspezialistentum, das im Westen erst tausend Jahre später zu finden war. Ohne die islamische Medizin wäre die westliche gar nicht denkbar.

Um 1156 war das »Al-Nuri«-Hospital in Damaskus das größte und fortschrittlichste Krankenhaus weit und breit. Mehr als 8000 Betten standen für die stationäre Pflege der Patienten zur Verfügung; die medizinische Versorgung war kostenlos. (Heute ist darin das Museum für arabische Medizin und Wissenschaft untergebracht.) Zentrum der medizinischen Forschung aber war Bagdad. Hier praktizierten so herausragende Ärzte wie der Perser Abu Bakr Mohammad Ibn Zakariya ar-Razi (864–930) – Pionier der Geburtshilfe und Augenheilkunde, Vater der Kinderheilkunde; er erkannte die sterilisierende Eigenschaft des reinen Alkohols, arabisch alkoll (dt. »das Ganze«), und verwendete ihn als Antiseptikum.

Als es darum ging, einen Standort für das große Krankenhaus in Bagdad zu bestimmen, hängte ar-Razi drei Fleischstücke aus und wählte schließlich den Ort, an dem das Fleisch die geringsten Anzeichen von Fäulnis zeigte. Neben seiner Arbeit als Chirurg und Leiter eines Bagdader Krankenhauses forschte er auf dem Gebiet der Masern und Pocken. Sein berühmtes Buch über Pocken wurde 1565 erstmals ins Lateinische übersetzt. Ar-Razis größtes Werk, eine 23bändige Enzyklopädie, war vor dem 19. Jahrhundert eine der umfassendsten medizinischen Abhandlungen, die bis dahin jemals veröffentlicht worden waren. 183 medizinische Bücher soll er verfaßt haben; die Iraner gedenken an jedem 27. August der großartigen Leistungen ihres Starmediziners.

Ebenfalls für seine Verdienste in der Medizin anerkannt wird der im persischen Afschana bei Buchara (heute Usbekistan) geborene Abu Ali al-Hussain Ibn Sina (980–1037), im Westen besser bekannt unter dem Namen Avicenna. Selbst in der medizinischen Fakultät der Sorbonne in Paris findet sich sein Porträt. Wer Noah Gordons Bestseller »Der Medicus« gelesen hat, dem wird sein Name vertraut klingen – denn der Protagonist des Romans studiert bei Ibn Sina Medizin.

Ein altes Sprichwort sagt: »Wer ein guter Doktor sein will, muß ein Avicennist sein.« Ibn Sinas Werk über die allgemeinen Prinzipien der Medizin Al-Qanun fi-l-Tibb (»Kanon der Medizin«), oder einfach nur Kanon, war auch im Westen über 600 Jahre das möglicherweise meistgenutzte Standardwerk. Beschrieben werden Themen wie die Verbreitung von Krankheiten, die Behandlung von Haut-, Nerven- und Geschlechtskrankheiten; Darstellungen und Analysen zahlreicher psychologischer und pathologischer Fakten; Knochenbrüche, Organstörungen, Arzneimittelkunde und ähnliches. Bis ins 17. Jahrhundert hinein wurde es an Medizinschulen wie Louvain und Montpellier als Grundlagenwissen genutzt, und laut UNESCO ist der Kanon sogar noch 1909, also bis ins Zeitalter der modernen Medizin, an der Universität von Brüssel verwendet worden.

Ibn Sina, der auch der »islamische Galen« genannt wird, beschreibt als erster das Krankheitsbild der Meningitis (Hirnhautentzündung); ebenfalls als Erster erkannte er, warum sich Epidemien verbreiten und warum Tuberkulose ansteckend ist. 900 Jahre nach seinem Tod begeht die Türkei seit 1937 einen jährlichen Gedenktag zu Ehren des großen muslimischen Arztes und Enzyklopädisten.“

Hier tauchen zwei Fragen auf: Warum war das christliche Europa dem islamischen Raum zivilisatorisch dermaßen unterlegen? Und: Was hat zum Niedergang der arabischen Welt geführt?

Im Grunde hat beides die gleiche Ursache: die Überbetonung des Glaubens. Wer nicht wissen will, muss glauben. Im islamischen Raum ist der Vormarsch der Orthodoxie vor allem mit dem Namen al-Ghazali (1058 – 1111) verbunden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Al-Ghaz%C4%81l%C4%AB

Hinwendung zu Gott und nicht zur Welt – das ist die Richtung, die die islamische Welt bis heute geht und die zusehen muss, dass immer mehr nicht-islamische Länder große Fortschritte auf wissenschaftlichem und technischen Gebiet machen und große Projekte in den islamischen Ländern durchführen. Und die stolze Bevölkerung ist verzweifelt und fragt sich, warum ihr Gott sie verlassen hat. Eine beliebte Antwort lautet: Gott hat sich von ihnen abgewendet, weil sie zu wenig glauben. Deshalb müssten sie mehr glauben …

Nun zu Europa. Es ist ja doch einigen bekannt, dass das Römische Reich etwa auf technischem Gebiet einen hohen Stand hatte, dann ein jäher zivilisatorischer Rückfall erfolgte, bis nach mühsamer Kleinarbeit wenigstens der Stand von vor 1.000 Jahren erreicht wurde (ca. im Jahre 1500).

Gerne wird das mit „verlorenem“ Wissen begründet oder durch das Chaos bei der Zeit der Völkerwanderung. Mit der Völkerwanderung hatte das wenig zu tun, zumal zum Beispiel die Ostgoten vor allem unter Theoderich dem Großen große Freunde der Wissenschaft waren und das Oströmische (Byzantinische) Reich relativ unbeschadet aus den Wirrungen der Völkerwanderung hervortrat. Und mensch hätte sehen können, was sich in der islamischen Welt abspielte.

Nein, das christliche Europa ging im Gegensatz zum Islam den umgekehrten Gang: überall da, wo es sich verbreitete, wurde das Wissen zerstört: Der Mensch sollte glauben – nicht wissen.

Da der Wurm seine Leser jetzt aber nicht zu lange aufhalten möchte, wird er sich über diese Geschichte und ihre Überwindung das nächste Mal seine Gedanken machen.

Zumindest möchte er hier noch die Grundlagen der Medizin streifen. Zuerst die islamische Welt:

»Allah hat keine Krankheit herabkommen lassen, ohne daß Er für sie zugleich ein Heilmittel herabkommen ließ«, heißt es in einem Hadith (Überlieferungen über den Propheten Mohammed). Die muslimischen Gelehrten waren zuversichtlich, daß tatsächlich jede Krankheit heilbar war, wenn sie – so Gott will – nur die richtigen Heilmittel dafür fänden.“

Und jetzt die christliche Welt. Wenn Jesus mit seinen Jüngern Menschen heilt, ist das durchaus löblich. Weniger löblich ist, wodurch er Krankheiten (physische und psychische) herzukommen glaubt: durch Dämonen, Sünde bzw. Unglaube und Gottes „Offenbarung“.

Ein kranker Mensch ist also entweder von einem „Dämon“ besessen oder er ist ein (mehr oder weniger großer) Sünder. Oder er hat das Pech und Gott „offenbart“ sich an ihm. Heilung kommt dem entsprechend nicht aus medizinischer Behandlung, sondern aus Glaube. Anders ausgedrückt: Wer krank wird oder krank bleibt, glaubt zu wenig: eigene Schuld bzw. „Strafe Gottes“.

Hier die Stellen dazu, die Jeremias Juchtenkäfer von der Arbeitsgruppe REA (Religiöses, Esoterisches, Abstruses) zusammengetragen hat:

„Und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ Matthäus 9; 2

„Und siehe, eine Frau, die zwölf Jahre blutflüssig war, trat von hinten herzu und rührte den Saum seines Kleides an. Denn sie sagte bei sich selbst: Wenn ich nur sein Kleid anrühre, so bin ich gerettet! Jesus aber wandte sich um, sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen! Und das Weib war gerettet von jener Stunde an.“ Matthäus 9; 20-22

„Als er nun ins Haus kam, traten die Blinden zu ihm. Und Jesus fragte sie: Glaubt ihr, daß ich solches tun kann? Sie sprachen zu ihm: Ja, Herr! Da rührte er ihre Augen an und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben! … Als sie aber hinausgingen, siehe, da brachte man einen Menschen zu ihm, der stumm und besessen war. Und nachdem der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme.“ Matthäus 9; 28-33

http://bibel-online.net/buch/schlachter_1951/matthaeus/9/#1

„Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: O Frau, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter war geheilt von jener Stunde an.“ Matthäus 15; 28

http://bibel-online.net/buch/schlachter_1951/matthaeus/15/#1

„Darnach findet ihn Jesus im Tempel und spricht zu ihm: Siehe zu, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, damit dir nicht etwas Ärgeres widerfahre.“ Johannes 5; 14

http://bibel-online.net/buch/schlachter_1951/johannes/5/#1

„Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist? Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern; sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbar würden!“ Johannes 9; 2-3

http://bibel-online.net/buch/schlachter_1951/johannes/9/#1

„Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht nur tun, was mit dem Feigenbaum geschah, sondern auch, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Hebe dich und wirf dich ins Meer! so wird es geschehen. Und alles, was ihr gläubig erbittet im Gebet, werdet ihr empfangen.“ Matthäus 21; 21-22

http://bibel-online.net/buch/schlachter_1951/matthaeus/21/#1

Die Dämonen stehen bei Matthäus in 8; 28-31 + 10; 1 + 12; 43-45 + 17; 18 und ein Engel mit einer Art „Heilbad“ gibt’s bei Johannes 5; 4.

Auch Nicht-Christen meinen durch die christliche Propaganda zu wissen, dass Jesus ein humanistischer Traum sei. Tatsächlich ist Jesus aus humanistischer Sicht ein katastrophaler Alptraum. Nicht nur wg. der Gleichung „Krankheit = Sünde“. Mensch muss sich nur mal vorstellen, was die armen Menschen im christlichen Mittelalter alles mitmachen mussten. Vor allem dann, wenn sie krank waren. Auch in der Masse: Epidemien galten als Strafe Gottes. Es wurde nicht geheilt, sondern gebetet.

Der Wurm bedankt sich ganz, ganz herzlich für all die unnötig geplagten Menschen für diese Art von „Erlösung“. Danke!