Jorge Luis Borges: „Die Commedia ist ein Buch, das wir alle lesen sollten. Dies nicht zu tun, bedeutet, sich des größten Geschenks zu berauben, das die Literatur uns bieten kann. Es bedeutet, sich zu einer seltsamen Askese zu verurteilen. Warum sollten wir auf die Freude verzichten, die Commedia zu lesen?“

Vor 700 Jahren starb Dante Alighieri. Vor allem mit der „Göttlichen Komödie“ schuf er ein Werk der Weltliteratur, bei dem jeder zumindest wissen sollte, worum es geht.

 

https://www.youtube.com/watch?v=UR_-5cHZ7XM

 

Maike Albath: „Dante Alighieri vor 700 Jahren gestorben - Sprachphilosoph, Exil-Literat, Reiseleiter durch die Hölle

Die „Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri zählt zu den großen Texten der Weltliteratur – über Jahrhunderte inspirierte er alle Kunstgattungen und wurde allein ins Deutsche hundertfach übersetzt. Der in der Heimat verfemte florentinische Dichter starb heute vor 700 Jahren im Exil.

„Mittwegs, auf halbem Weg des Lebens, verirrt ich mich im Wald.“

So hebt sie an, die „Divina Commedia“ des Dante Alighieri. Für den Sprachwissenschaftler und Romanisten Jürgen Trabant ist es immer noch faszinierend, „dass eine ganze Nation diese Texte kennt. Auch Shakespeare ist in England nicht so präsent, nicht so in der DNA der Nation, glaube ich, wie Dante in Italien.“

Alighieris „Göttliche Komödie“, entstanden ab 1307, kann als Gründungsdokument und erster Höhepunkt der italienischen Dichtung gelten. Erzählt wird eine Jenseitsreise, die von der Hölle über das Fegefeuer bis ins Paradies führt. Besonders packend sind die Schilderungen der Hölle, in der sich greinende Sünder tummeln: hier in der Hörspielfassung von Dieter Schönbach:

„Fort ging es übers Klippenjoch zum Rand, da sah ich unten in der Bucht gedrängt ein fürchterliches Schlangenknäuel sich winden, und zwischen diesen wütend bösen Nattern, gehetzt und angstvoll, liefen nackte Menschen.“

„Aber das eigentlich Interessante, finde ich, bei Dante ist, dass er gleichzeitig auch ein großer Philosoph ist. Er hat eine große politische Theorie geschrieben, die Monarchia, und dann eben diesen Text ‚De vulgari eloquentia‘, das übersetze ich immer mit ‚Über das Dichten in der Volkssprache‘. Darum geht es ja. Und da ist es so, dass dieser zweisprachige Florentiner zwei Sprachen hat. Das Lateinische, in dem er arbeitet und schreibt mit den anderen Doctores. Und dann hat er sein Vulgare.“

Sagt Romanist Jürgen Trabant. Dante, 1265 als Angehöriger des niederen Adels in Florenz geboren, musste wegen politischer Machtkämpfe zu Beginn des 14. Jahrhunderts aus seiner Heimatstadt fliehen und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Im Exil entstand sein Traktat „De vulgari eloquentia“ – auf Lateinisch. Dazu Jürgen Trabant:

„Und was das Großartige ist, er entfaltet hier eine ganze Theorie der Sprache und eine ganze Sprachgeschichte, also vom Paradies, von Adam anfangend bis zu ihm hin, und er situiert dann seine Sprache, das Vulgare Italiens, an einer ganz bestimmten Stelle in dieser Geschichte. Und dann fragt er sich, was soll ich denn nun machen? Ich bin ein Dichter. Er hat ja schon Gedichte, er hat schon Lyrik geschrieben. Was mache ich jetzt mit meiner Sprache? Welche Sprache von den vielen Dialekten Italiens soll ich denn nun verwenden? Denn: Was will ein Dichter? Ein Dichter will ewig sein, er will nicht variieren, und er will überall in der Welt gelesen werden, also will sozusagen global und universal sein.“

Als Erster durchdringt Dante die Variationen auch auf theoretischer Ebene, aber er hat gegen beinahe jeden der Dialekte etwas einzuwenden. Für seine Lyrik kommt nur eine hohe Sprache in Frage, so Jürgen Trabant:

„Und dann erfindet er sozusagen eine ideale Sprache, imaginiert gleichsam eine gemeinsame Sprache Italiens und vor allem der hohen Dichtung. Denn er will eigentlich Canzones dichten, und die Canzones sind die höchsten literarischen Formen, die man dichten kann. Er sucht also eine Sprache für diese Canzones. Dann ist immer die Frage: Ist das dann das, was er da so in der Komödie geschrieben hat, nun diese ideale Sprache? Und meine Antwort darauf ist: Nein, das ist sie nicht, sondern er hat dann wirklich gedichtet in dieser Volkssprache und hat die variatio mit hineingenommen. Er schreibt nicht nur Florentinisch, sondern greift aus allen Dialekten Italiens etwas auf.“

Auch deshalb nennt Dante sein Werk eine Commedia: Durch diese Bezeichnung rechtfertigt er die Mischung der Stilebenen. Es ist ein revolutionäres Unterfangen. Während das Inferno mit seinen Teufeln und den vielen Geschichten über Ehebrecher und Tyrannen anschaulich wirkt, scheint das Paradiso mit seinen himmlischen Sphären zunächst abstrakter. Dazu Jürgen Trabant:

„Diese Sprache ist ja eigentlich Italienisch, also die Wörter sind fast alle die, die wir heute noch haben. Nur ist es natürlich doch anders ausgedrückt. Es ist geheimnisvoller ausgedrückt, es ist auch syntaktisch viel schwieriger.“

Dantes Zeitgenossen waren mitgerissen von der „Göttlichen Komödie“, denn sie bündelte nicht nur sämtliches Wissen, sondern handelte von dem, was die Menschen umtrieb und war in einer Sprache verfasst, die sie verstanden. Man rezitierte die Commedia auf Plätzen und Straßen. Dante starb am 14. September 1321 im Exil in Ravenna. Nach seinem Tod dominierte wieder 200 Jahre lang das Lateinische. Das Fundament für das Italienische hatte er längst geschaffen.“

https://www.deutschlandfunk.de/dante-alighieri-vor-700-jahren-gestorben-sprachphilosoph.871.de.html?dram:article_id=503004

 

Stefanie Stahlhofen und Isabella Piro: „Papst würdigt Dante als „Prophet der Hoffnung“

Der große italienische Dichter Dante Alighieri, quasi der Goethe der Italiener, starb vor genau 700 Jahren. Sein Hauptwerk, die „Göttliche Komödie“ ist weltbekannt. Viele Päpste haben Dante gewürdigt - Papst Franziskus hat dem großen Poeten zu Ehren nun ein Apostolisches Schreiben verfasst.

Das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus trägt den Titel „Candor lucis aeternae“ (zu Deutsch etwa Glanz des ewigen Lichtes), gliedert sich in neun Punkte und ist rund 20 DIN-A4 Seiten lang. Der Vatikan veröffentlichte es an diesem Donnerstag. Anlässlich des 700. Todestags des großen toskanischen Dichters Dante Alighieri (1265-1321) betont der Papst darin den Tiefgang der „Göttlichen Komödie“, die Kraft des Glaubens, die darin zum Ausdruck kommt und die Aktualität des Textes. Er ruft dazu auf, das Werk wiederzuentdecken – auch jenseits von Schulen und Unis.

Dantes „Divina Commedia“ – so der italienische Originaltitel des Werks, das Dante kurz vor seinem Tod vollendete, könne Kraft, Trost und Hoffnung schenken, so Franziskus. Hier schlägt er auch einen Bogen zur aktuellen (Pandemie-)Lage:

„In diesem außergewöhnlichen historischen Moment, der von vielen Schatten gezeichnet ist, von Situationen, die die Menschheit erniedrigen, von einem Mangel an Vertrauen und Zukunftsperspektiven, kann uns Dante, der Prophet der Hoffnung und Zeuge des menschlichen Strebens nach dem Glück, auch heute noch Worte und Beispiele schenken, die uns auf unserem Weg neuen Schwung geben können“, heißt es so etwa in „Candor lucis aeternae“.

Dementsprechend ruft Papst Franziskus dazu auf, das Hauptwerk Dantes wieder bekannter zu machen. Er dankt allen, die dies bereits tun und appelliert zudem konkret auch an christliche Gemeinden, akademische und kulturelle Einrichtungen und Vereine, hier aktiv zu werden:

„Ganz besonders ermutige ich alle Künstler, der Poesie Dantes eine Stimme, ein Herz, eine Form, Farben und Klänge zu verleihen, und so mittels der Schönheit, wie der Meister Dante, die tiefsten Wahrheiten zu kommunizieren und zu verbreiten. Mit der Stimme, die der jeweiligen Kunstform eigen ist, verbreitet Botschaften des Friedens, der Freiheit, der Geschwisterlichkeit“, lautet der Appell des Papstes.

Die weite Verbreitung des Textes war übrigens schon Dante selbst offensichtlich ein Anliegen, denn die „Divina Commedia“ ist das erste italienische literarische Werk, das nicht auf Latein verfasst wurde. Dante wählte stattdessen die Volkssprache, das so genannte „volgare“, so wie es in seiner Heimatstadt Florenz gesprochen wurde. Hier sieht der Papst auch eine Parallele zum heiligen Franziskus, dem es ebenfalls ein Anliegen war, sich direkt an das Volk zu wenden. Beide seien zudem von der Schönheit der Schöpfung inspiriert gewesen.

Dantes „Göttliche Kommödie“ (um 1304/7 - 1321) ist ein Epos, also eine längere Erzählung in Versform, die sich mit dem Weg der Seelen nach dem Tod der Menschen befasst. Der Text besteht aus drei Teilen, den so genannten „Gesängen“ (Cantiche): Zunächst die Hölle (Inferno), dann das Fegefeuer (Purgatorio) und schließlich das Paradies (Paradiso).

Papst Franziskus hebt in seinem Apostolischen Schreiben „Candor lucis aeternae“ die Bedeutung von Dantes „Divina Commedia“ für die Kultur und den christlichen Glauben hervor. Das Hauptwerk des toskanischen Dichters führe die Leserinnen und Leser zurück zu den christlichen Wurzeln Europas und des Westens und erinnere an Ideale und Werte, die die Kirche auch heute noch empfehle, als „Basis des menschlichen Zusammenlebens“ und um „uns alle als Geschwister“ zu erkennen, so der Papst.

In seinem Apostolischen Schreiben geht Papst Franziskus auch auf die drei Frauen ein, die in Dantes „Göttlicher Komödie” eine wichtige Rolle spielen: Maria, die Muttergottes als Sinnbild der Nächstenliebe, Beatrice als Symbol für die Hoffnung und die heilige Lucia als Metapher für den Glauben.

Franziskus sieht Dantes Werk als Wegweiser für die Menschheit, wie sie statt auf „dunklen Pfaden“ zu wandeln zurück auf den „rechten Weg“ finden kann, um schließlich „die ewige Glückseligkeit in Gott“ zu finden. Der Weg, den Dante in der „Divina Commedia“ beschreibt, ist für den Papst daher auch eine „Pilgerreise“, und zwar eine, die auch jeder von uns unternehmen kann, da „Gottes Barmherzigkeit immer Gelegenheit zum Wandel und der Bekehrung bietet“.

Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Kulturrats und der vatikanischen Dante-Kommission, erklärte im Gespräch mit Radio Vatikan anlässlich des Apostolischen Schreibens „Candor lucis aeternae“ von Papst Franziskus, Dante sei sowohl Poet als auch Theologe gewesen:

„Er war vor allem ein großer Dichter, aber auch ein großer Gläubiger. Er hat eine Gratwanderung zwischen Kunst und Glaube unternommen, zwischen Geschichte und Transzendenz, dem Mysterium, der Ewigkeit. Das hat sozusagen seine Größe ausgemacht und deshalb kann er auch heute noch Auswirkungen auf aktuelle Geschehen haben: Durch ein Zeugnis, das uns vor allem die Hoffnung gibt, dass es jenseits des Schlamms der Hölle noch weiter geht.“

Wie Papst Franziskus ermutigt auch Kardinal Ravasi daher alle dazu, die „Göttliche Komödie“ von Dante zu lesen und das Kunstwerk zu entdecken, das Dante hier schuf: „Er spricht nicht nur durch Worte oder liefert nur anspruchsvolle theoretische Gedankengänge. Nein, Dante spricht ununterbrochen, indem er Dir Szenen vor Augen führt, und zwar so, dass der aufmerksame Leser vor seinem inneren Auge diese Bilder sieht, so als sähe er sie auf einer Leinwand oder einem Bildschirm. Jenseits dieser großartigen dichterischen Fähigkeit, die auch zum einfachen Volk sprach, ist da noch diese geistige Größe. Dante ist ein großer Dichter, aber er ist auch ein großer Wissenschaftler, ein großer Theologe und ein großer Philosoph“, betont der Präsident des Päpstlichen Kulturrats und der vatikanischen Dante-Kommission im Interview mit Radio Vatikan.“

https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-03/papst-franziskus-apostolisches-schreiben-700-todestag-poet-dante.html

 

Entwicklungen und Voraussetzungen

 

Die folgenden Passagen stammen aus dem Buch „Einladung, Dante zu lesen“ von Kurt Flasch:

 

Florenz und der Aufstieg des Bürgertums

 

„Florenz hatte vor 1050 keine überregionale Bedeutung, nahm aber an der rasanten Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung des 12. Jahrhunderts teil und setzte sich bald an deren europäische Spitze. Das war abzulesen an der Bevölkerungszahl. Ihr folgte die mehrfache Erweiterung des Mauerrings. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts kam es zur extremen Entwicklung des Handels und Geldwesens. 1252 prägte Florenz wieder eine Goldmünze, den Dollar des Mittelalters, den Goldgulden, den Fl., das heißt: der Florentinus. Die Stadt pflastert als eine der ersten Städte Europas 1237 ihre Straßen und baut ein städtisches Abwassersystem. Sie errichtet kurz hintereinander repräsentative Bauten, seit 1255 den Bargello, erweitert 1294 Santa Maria Novella, im Folgejahr die franziskanische Konkurrenz, S. Croce. Arnolfo di Cambio beginnt 1298 den Palazzo Vecchio.

In der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts war Florenz eine Weltmacht; es hatte die Stelle des alten Rom erreicht. Am Bargello brachte man eine Inschrift an, die eben dies von der Stadt behauptete, quae mare, quae terram, quae totum possidet orbem.

Dante spielt im Inferno auf diese hochmütige Selbsteinschätzung an: Florenz schlägt seine Flügel über Land und Meer, sein Name verbreitet sich in der Hölle. – In der Hölle wimmelt es von Florentinern. Dort gehören sie hin, denn sie sind stolz und geldgierig. Aber nicht nur Florenz hat den Untergang verdient, das ganze Arnotal ist verdorben; der Arno soll Pisa überschwemmen und seine Einwohner ertränken. Ganz Norditalien ist korrupt.

Florenz hatte nur die ökonomische und soziale Gesamtentwicklung seit Anfang des 12. Jahrhunderts genutzt: Jetzt konnte Westeuropa seine Menschen ernähren; bis gegen 1100 gab es nach Mißernten selbst im reichen Kloster Bec noch Hungersnot. Um 1300 exportierte England Wolle nach Brügge und nach Florenz; nach Frankfurt kamen regelmäßig Rinderherden aus Ungarn. Die Landwege wurden verbessert; der Geldverkehr überregional geregelt. Kaufleute und Handwerker organisierten sich im Lauf des 12. Jahrhunderts. Sie schaffen für sich und die Stadt Rechtsordnungen. Sie machen die Erfahrung, daß sie das können. Recht muß keine Gabe von oben sein, von Gott, vom Kaiser, vom Bischof. Ihnen gelingt der Aufbau der bürgerlichen Welt. Sie schaffen Eigentum, sie setzen Regeln des Zusammenlebens, sie organisieren Handel, Recht und Politik. Sie machen die geschichtlich neue Erfahrung der Selbständigkeit der Bürger; das fördert seit dem 12. Jahrhundert das Vernunftvertrauen. Der Einzelne versteht sich nicht mehr nur als Teil der Familie, der Korporation, der Gehorsamsgemeinschaft des Ordens oder der Zunft oder der Stadt. Er macht die außerhierarchische, auch antihierarchische Selbsterfahrung des Einzelnen, etwas, das manche Moderne dem Mittelalter nicht zutrauen. Der Schriftsteller entwickelt ein neues Autorenbewußtsein mit dem Recht auf Neuerungen. Es war auch Vernunftvertrauen, daß in den Jahrzehnten der Kritik, 1280 bis 1350, einige Philosophen die distanzierte Erforschung der Grenzen der Vernunft betrieben. Sie wollten lieber die Grenzen der Vernunft selbst bestimmen, als ihnen blind zu erliegen.

Florenz und seine Handelsorganisation und Geldwirtschaft führten die Grenzenlosigkeit der Selbstausdehnung anschaulich vor. Die Stadt wuchs und wuchs und wuchs. Die römische Militärsiedlung war klein; 1172 brauchte Florenz außerhalb der karolingischen eine neue Stadtbefestigung. Sie umschloß das Dreifache des Geländes des römischen Kastells. Ab 1284 plante Florenz die dritte Mauer, deren Größe heute am Straßenverlauf und an erhaltenen Festungstürmen noch leicht zu erkennen ist. Sie umschloß ein Gebiet, das etwa 20mal so groß war wie das alte römische Kastell. Jetzt hatte die Stadt etwa 100.000 Einwohner. Florenz innerhalb des alten Mauerrings, das war der Sehnsuchtsruf florentinischer Konservativer. Denn die Stadt barst vor Zuwanderern und extremen sozialen Spannungen: Ihre Bürger schließen bis 1295 den Adel von der Politik aus. Danach kämpfen Adlige gegen Großkaufleute, diese gegen die Zünfte und beide bald gegen die Wollarbeiter. Der Papst schürt die Parteiungen in der Stadt. Er will den Kirchenstaat nach Norden abrunden und schließt sich mit einer Partei der Willigen zusammen. Neapel stand unter seiner Gewalt, nur Florenz störte den Aufbau einer päpstlichen Machtzone, die halb Italien umfaßt hätte. Der Papst mußte versuchen, die inneren Zerwürfnisse der Stadt für seine Politik auszunutzen. Daher die Unruhe.

Dante vergleicht die Stadt, wegen des ständigen Wechsels der Verfassungen, mit einem Fieberkranken, der sich vor Schmerzen ständig im Bett herumwirft.

Guelfen und Ghibellinen, Papsttreue und Kaiseranhänger, hießen die Parteien, aber diese Schlagworte besagten zur Dante-Zeit fast nichts mehr; sie wurden bedeutungslos wie bei uns rechts und links. Nach Dantes Ansicht hatten sie sich gebildet anläßlich einer Metzelei, die am Ostersonntag 1216 nahe am Ponte Vecchio stattfand: Ein junger Adliger, Buondelmonte die Buodelmonti, heiratete an diesem Festtag, aber er hatte einer anderen Frau die Ehe versprochen, und deren Clan brachte ihn jetzt um. Die Guelfen spalteten sich 1300 in Schwarze und Weiße.

Dantes Commedia ist auch seine Auseinandersetzung mit dieser blutigen und für ihn aussichtslosen Florentiner Geschichte. Er begegnet, meist in der Hölle, den handelnden Figuren dieses Dramas. Er trifft unter den Ketzern den Kardinal Ottaviano degli Ubaldini, der nicht ans Jenseits glaubte, aber 1258 eine Verschwörung organisiert hatte, die zur Vertreibung der Ghibellinen führte. Die Geflüchteten organisierten in Siena eine Armee von mehr als 70.000 Mann. Sie wurde 1260 bei Montaperti vernichtend geschlagen. Das Wasser der Arbia färbte sich rot vom Blut der etwa 10.000 gefallenen Guelfen.

Im Purgatorio trifft Dante Manfred, den unehelichen Sohn von Kaiser Friedrich. Papst Urban IV. hatte ihn 1263 exkommuniziert und Karl von Anjou als König von Sizilien eingesetzt, der 1266 Manfred in der Schlacht von Benevent besiegte.

1289 wurden die Ghibellinen von Arezzo in der Schlacht von Campaldino geschlagen. Dante deutet an, er habe als Soldat an der Schlacht teilgenommen.“

 

Reich und Kirche

 

„Wie die Kaisergeschichte, so spiegelt sich auch die Papstgeschichte in der Commedia: 1294 dankte Coelestin V. nach wenigen Monaten ab; er starb zwei Jahre später im Gefängnis, in das ihn sein Nachfolger geworfen hat. Dante wirft ihm die große Verweigerung vor. Den Nachfolger Bonifaz VIII. trifft er unter den Simonisten in der Hölle. Dieser Papst habe die Kreuzzugsidee mißbraucht für private Rachefeldzüge gegen Christen; Dante läßt ihn durch den Apostel Petrus verurteilen.

Für das Imperium Romanum und damit für Reichsitalien war der Tod Friedrichs II. 1250 der Wendepunkt. Er hatte einen fast säkularen Staat geschaffen, er hatte in Neapel eine weltliche Universität gegründet; er unterlag dem Papsttum, das ihn viermal mit dem Kirchenbann belegt hatte. Dante war überzeugt, dieser Kirchenkonflikt habe den Niedergang Italiens besiegelt.

Das Kaisertum wurde immer schwächer: In Deutschland wegen der zunehmenden Macht der Territorialherren, vor allem der Kurfürsten; in Italien verlor es seit 1250 gegen die reichen Kommunen. Für gut 50 Jahre traten Päpste an die Spitze der europäischen Politik, nicht nur aufgrund der tatsächlich vorhandenen Ideologie päpstlicher Weltherrschaft, nicht nur aus Machtgier, sondern weil keine übergeordnete Macht da war. Die Päpste verhandelten mit Mongolen, sie trafen Friedensregelungen, sie führten Kreuzzüge an. Nie waren sie dem politischen Programm, der Idee der päpstlichen Weltherrschaft, so nah wie zwischen 1250 und 1303. Ihre Kunst bestand darin, Frankreich gegen das Reich aufzustellen und die inneren Streitigkeiten (Reich gegen Territorialherren, Kommune gegen Kommune) zu schüren. Schon Innozenz III. hatte 1202 erklärt, Frankreich habe in weltlichen Dingen keine Macht über sich. Das vom Papst instrumentalisierte Frankreich sah Dante als eine Gefahr für die ganze Christenheit. Das moralische und religiöse Ansehen des Papsttums war, wie das Decameron belegt, längst ruiniert; das Schisma ab 1378 machte den Verlust für alle sichtbar. Es gab jetzt zwei, zuweilen drei Päpste, die sich gegenseitig mit dem Kirchenbann belegten. Die Folge war der Sieg der konziliaren Bewegung. Aber diese konnte die großen Probleme auch nicht lösen: Sie erreichte weder die Kirchenreform noch verhinderte sie den Hussitismus, schon gar nicht das Vordringen der Türken. Das Papsttum konnte sich erst nach dem Zusammenbruch der konziliaren Bewegung konsolidieren; also etwa um 1450; der wirtschaftliche Aufschwung des Kirchenstaats stärkte das Papsttum, so korrupt es war, wie Nikolaus von Kues dem Papst ins Gesicht sagte.

Dante steckte von den sechs Päpsten, die er erlebt hat, fünf in die Hölle: Nikolaus III. (1277 – 1280), Bonifaz VIII. (1294 – 1303), Clemens V. (1305 – 1314); Coelestin V. versetzt er in die Vorhölle der Unentschiedenen, weil er 1294 nach wenigen Monaten das Amt aufgegeben hatte, das er hätte reformieren sollen, und damit dem Schlimmsten Platz machte, nämlich Bonifaz VIII., dem starken Hauptfeind, mit seiner Geldmacherei, seiner kaiserfeindlichen Politik und seinem Programm päpstlicher Weltherrschaft, das er in der Bulle Unam sanctam als unfehlbare Lehre verkündet hat. In der Hölle sitzt Clemens V., der erst 1305 nach zweijähriger Vakanz gewählt wurde, weil die  italienische und die französische Kardinalspartei sich nicht einigen konnten. Er regierte bis 1314, verlegte 1309 die Papstresidenz nach Avignon. Er hat Heinrich VII. erst zur Italienfahrt ermuntert und ihn dann aufgegeben aus Abhängigkeit von Frankreich. Dante verurteilt Johannes XXII., den mächtigen Avignoneser Papst aus Cahors. 1316 mit 72 Jahren zum Papst gewählt; zum Schrecken mancher hielt er durch bis 1336. Dante warf ihm illegitimen Amtserwerb (Simonie), Kaiserfeindlichkeit und Geldbesessenheit vor. 1314, bei der Doppelwahl zum deutschen König – Ludwig der Bayer oder Friedrich der Schöne – beanspruchte er das Entscheidungsrecht: sein Machtanspruch führte zu heftigen literarischen Auseinandersetzungen über die Kompetenz des Papstes. Im Kampf mit Kaiser Ludwig dem Bayern übertrug er Robert von Neapel das Reichsvikariat über Italien; gegen den kaisertreuen Visconti in Mailand bereitete er einen Kreuzzug vor. Er war ein Genie der Finanzverwaltung; er machte durch fiskalische Ausbeutung die Kurie in ganz Europa verhaßt, besonders in Deutschland.

Die deutschen Könige der Zeit konnten einem solchen Papst zwar wie Ludwig der Bayer, 1314 – 1347, Widerstand leisten, aber in Italien sich nicht mehr durchsetzen; die Selbständigkeit und der Reichtum der unter sich zerstrittenen Städte und der Einfluß des an Frankreich orientierten Papsttums schlossen dies aus. Mit Rudolf von Habsburg, 1275 – 1281, endete zwar die ‚kaiserlose, die schreckliche Zeit‘, aber er mußte im zerfallenden Reich für die Konsolidierung seiner Hausmacht sorgen. König Adolf von Nassau, 1292 bis 1298, hatte ohnehin eine zu kleine Hausmacht und fiel in der Schlacht gegen seinen Rivalen Albrecht von Habsburg. Dieser regierte von 1298 bis zu seiner Ermordung durch seinen Neffen 1308. Sein Nachfolger wurde der Luxemburger Heinrich VII., der Italien ordnen wollte, den Dante jubelnd begrüßte, der aber schon 1313 starb. Die lange Regierungszeit Ludwigs des Bayerns, bis 1347, verging mit Hausmachtspolitik und Streit mit den Päpsten; 1338 beschlossen die Kurfürsten in Rhens, daß der deutsche König auch ohne päpstliche Approbation Römischer Kaiser sei. Mit Kaiser Karl IV., 1346 bis 1378, kommen wir an das Ende unseres Zeitraums. Er baute Prag aus, pflegte die Beziehung zu Paris, ordnete die Zuständigkeit der Kurfürsten neu, denen er mit der Goldenen Bulle von 1356 weitgehende Selbständigkeit bot; er schuf mit Böhmen und Brandenburg ein geschlossenes Machtgebiet, das er arrondierte.

Die deutsche Geschichte des 14. Jahrhunderts zeigte vor allem zwei Resultate: Jetzt stellten sich neben den mächtigen rheinischen Kurfürsten – Mainz, Köln, Trier, Rheinpfalz – die Mittelmächte der deutschen Zukunft auf: Die Luxemburger mit Böhmen und Brandenburg, die Habsburger mit Streubesitz in der Schweiz, dort im Kampf gegen die Waldstädte, in Süddeutschland und Österreich, die Wittelsbacher in Bayern. Sie bestimmen für die nächsten Jahrhunderte die deutsche Politik. Sodann: Die Päpste in Avignon machen Reichspolitik in Italien unmöglich, vor allem wenn es ihnen gelingt, sich mit Neapel und Florenz zu verbünden. Sie bilden das Haupthindernis, daß Italien Frieden findet. Das haben Dante in seiner Monarchia und kurz darauf Marsilius von Padua im Defensor pacis schroff analysiert. Jetzt konnte man die Politik der Heiligen Kirche so rücksichtslos beschreiben wie die jeder anderen italienischen Mittelmacht …

Ich bin absichtlich über die Dante-Zeit hinausgegangen. Die Verhältnisse in Italien und im Reich zeigen seit 1250 Auflösung, Zersplitterung und Unruhe überall. Die großen Hoffnungen Dantes und die Italienpolitik Heinrichs VII. erschienen bald als Illusion. Spanien und England bauten ihr Herrschaftsgebiet aus; Frankreich war mit Ludwig IX. und Philipp le Bel vorangegangen, versank aber seit 1355 in den Hundertjährigen Krieg mit England. Die Institution Kirche büßte Glaubwürdigkeit ein. Es war schon viel, seine kleine Gruppe zusammenzuhalten in einer Welt, die bestimmt war von Pest, Hunger und Krieg. Der Rückzug ins Private stand offen, wenn Fortuna es gestattete. Übrigens schrieb auch Dante den dauernden Wechsel bei Macht und Reichtum dem Walten der Fortuna zu. Die allgemeine Sonne ist verschwunden. Die beiden Sonnen, Papstamt und Kaisertum, sind, wie Dante sagt, untergegangen. Dann flüchten die Menschen, wie Karl Marx im Blick auf Epikur formulierte, ins Lampenlicht des Privaten. Sie sehen, daß die Herrschenden nichts suchen als Macht, Genuß und Geld. Sie hören nicht auf deren Worte; sie sehen deren Taten und machen es wie sie.“

 

Intellektuelle und Philosophie

 

„Das 12. Jahrhundert brachte die soziale, die politische und die wissenschaftliche Wende, und das in mehrfacher Hinsicht. Die gesellschaftliche Entwicklung ermöglichte eine intellektuelle Doppelbewegung und hing von ihr ab: Sie drängte auf Anerkennung der menschlichen Individualität und zugleich auf härtere, weniger symbolische Erforschung der Natur. Abaelard forderte das Recht des irrenden Gewissens, schockierend genug für seine Leser, auch für die Henker bei der Hinrichtung Jesu. Das 12. Jahrhundert brachte die Anerkennung der Selbstbestimmung des Mönchs. Kein Mensch sollte mehr vom Vater als Geschenk (oblatus) einem Heiligen oder einem Kloster dargebracht werden; er sollte über seine Lebensform selbst entscheiden. Die allgemeine Anerkennung rationaler Kriterien führte zur allmählichen Abschaffung des Gottesurteils zugunsten rationaler, kriteriengeleiteter Gerichtsentscheidungen. Gleichzeitig brauchte die expandierende Gesellschaft eine bessere Erforschung der Natur. Die Naturwelt wurde umgestaltet durch Rodung, Stadtgründung und Architektur. Wer technische Arbeiten leitete in der Stadt oder beim Ackerbau, mußte die Natur kennen. So suchte man im 12. Jahrhundert nach neuen Büchern, die eine kausal analysierende Vergegenständlichung der Natur lehren und den moralistisch-religiösen Symbolismus zurückdrängten.

Diese Bedürfnisse begünstigten im 13. Jahrhundert die Rezeption des Aristoteles und der arabischen Wissenschaften. Sie meldeten sich schon im 12. Jahrhundert an und führten zur Suche griechisch-arabischer Bücher. Der Westen entdeckte, daß er neu lernen mußte und neu lernen konnte: Die ‚Weisheit‘ war nicht schon da; die alten patristischen Autoritäten, Augustus oder Gregor der Große, hatten nicht alle Fragen gelöst. Es begann eine neue Suche nach antiken Quellen: Cicero und Seneca boten das Konzept einer außerchristlichen allgemein-menschlichen Ethik. Dadurch spitzte sich die Frage zu, ob die Tugenden der Heiden mehr waren als, wie Augustin geschrieben hatte, ‚glänzende Laster‘. Es war nicht mehr selbstverständlich, daß allein Christen und unter ihnen nur die Mönche richtig lebten. Diesen großen Vorgang setzte das 13. Jahrhundert mit der Rezeption der Ethik und der Politik des Aristoteles fort; auch durch die Beschäftigung mit Cicero und Seneca; für Dante und Bocaccio wurde die Ethik Senecas besonders wichtig.

Albert der Große rezipierte in mindestens zwanzigjähriger Arbeit diese Textmassen. Er meinte keineswegs, er könne sie friedlich in das vorhandene Wissen des christlichen Westens einfügen, sondern war überzeugt, alles sei neu zu machen. Die Wissenschaft der Lateiner sei höchst unvollkommen, über grundlegende Konzepte wie Seele und Geist hätten sie kaum nachgedacht. Das sei alles neu zu finden. Dazu seien die Schriften des Aristoteles unentbehrlich, aber sie würden erst aufgeschlossen durch die arabischen Kommentatoren, also Avicenna und Averroes. Albert erklärte ausdrücklich, er stimme mit Averroes fast in allem überein. Siger von Brabant führte die Unbefangenheit Alberts fort; er hat über Gottfried von Fontaine, Boethius von Dacien, Meister Dietrich von Freiberg auf Meister Eckhart gewirkt und Dantes hohes Lob erhalten.

Dabei ging es unter anderem um die Lehre von der natürlichen Glückseligkeit des menschlichen Geistes. Aristoteles hatte die Ethik auf Eudaimonie hin angelegt. Das Ziel allen Handelns sei das Glück, und dem menschlichen Geist könne das Glück nicht umgeworfen werden wie ein Mantel; der Geist sei in sich Tätigkeit, er sei Aktivität der Selbst- und Welterfassung und insofern immer selig. So entstand in Paris, in Bologna und anderswo die Lehre vom Intellekt als Glück, von der felicità mentale. Der Westen entdeckte, es gebe wohl zwei Arten der Lebenserfüllung, also des Glücks: das natürliche Glück des Geistes, das jedem Menschen zugänglich sei, und für die Gläubigen das jenseitige Glück der Begnadeten. Demnach war das menschliche, das politische Leben als rationale Selbstgestaltung konsequent festzuhalten und gegen theologische Einsprüche zu verteidigen. Dann war das soziale, das politische Leben nach Vernunftregeln zu gestalten, auch wenn der Glauben eine höhere, jenseitige Glückseligkeit versprach. Diese Doppelung der Glückseligkeit des Geistes spricht Dante in der Monarchia aus und beruft sich dafür ausdrücklich auf Aristoteles-Averroes. Die Commedia kennt neben dem himmlischen Paradies auch das irdische. Das Ziel des menschlichen Lebens, lehrt die Monarchia, sei die Aktuierung aller Möglichkeiten der menschlichen Vernunft. Auch das erklärt das Lob, das Dante dem Thomas von Aquino über dessen Gegner Siger in den Mund legt.

Die Lehre vom Intellekt, von seiner Wesensaktivität, Glückseligkeit und Göttlichkeit, hatte Albert aus Aristoteles-Averroes herausgearbeitet, vor allem in seinem Traktat De intellectu et intelligibili. Aber er hatte mehr getan: Er hatte die gesamte Naturphilosophie des Aristoteles mit Hilfe des Averroes erklärt, einschließlich der Elementenlehre, über die Dante noch ein Jahr vor seinem Tod die Abhandlung De aqua et terra geschrieben hat. Naturphilosophie war keine Studienübung für Anfänger, sie blieb ein würdiges Forschungsgebiet bis zuletzt, bei Albert, Dietrich und Dante.“

 

„Das 12. Jahrhundert brachte einen allgemeinen Lebensaufbruch. Die Bevölkerung nahm zu; Städtegründungen und Rodungen veränderten die Landschaft. Wer sein Kind in die Schule schicken wollte, mußte es nicht aufs Land in ein Kloster verbringen; die Städte gründeten Hospitäler und Schulen. Der Fernhandel nahm zu; er lieferte jetzt nicht mehr nur seltene Luxusgüter wie Salz, Pfeffer und Gewürze, sondern Waren des täglichen Bedarfs. Die Kirche organisierte die konsequente Durchdringung des flachen Landes; sie setzte die Pfarreistruktur durch. In den Städten wuchs die Bedeutung der Predigt.

Dies war der Kontext für neue Denkentwürfe und neue Einstellungen, für bisher unbekannte Texte und neue Institutionen. Boethius, auch Seneca und Cicero wurden jetzt mehr gelesen als zuvor. Berengar-Debatte und Investiturstreit hatten die Geister aufgewühlt. Es entstanden Dauerdiskussionen auf den Gebieten der Jurisprudenz und Medizin, der Philosophie, Theologie und des Naturwissens. Die Neugier nahm zu. Ein neues Selbstbewußtsein der Lesenden und Lehrenden sprach sich aus; das städtische Bürgertum organisierte sich und stellte unerhörte Fragen an Stadtherren und Lehrautoritäten. Eine stürmische Entwicklung setzte ein; die Neuerer wurden mutiger und einflußreicher, die Konservativen mißtrauischer und defensiver, konnten aber nur durch Neuerungen ihre Macht erhalten. Die Meinungsvielfalt nahm zu. Überall gab es nun Ketzer oder was dafür gehalten wurde. Die westliche Gesellschaft zeitigte neue Spannungen und neues Entwicklungstempo. Städtische Gruppierungen, Fernkaufleute und Händler, bald auch Handwerker, äußerten neues Selbstvertrauen in Religions- und Rechtsfragen. Die Gewohnheit des Gottesurteils wurde durch geordnete Rechtspflege ersetzt. Der Eintritt in ein Kloster wurde zunehmend als Ergebnis individueller Bekehrung verstanden und der familiären Anweisung wenigstens formell entzogen.

In philosophischer Hinsicht brachte das Jahrhundert grundlegende Umwälzungen. Sie hatten gewiß auch ihre Vorgänger, aber so richtig begannen sie mit Peter Abaelard († 1136). Er wies auf die ungelösten Probleme der logischen Schriften des Boethius hin und machte Vorschläge, wie sie zu lösen seien. Dies betraf vor allem die Frage nach dem Realitätsgehalt allgemeiner Bestimmungen, die sog. Universaliendiskussion. Einschneidender waren seine ethischen Reflexionen. Sie verlagerten das Interesse von der objektiven Wertordnung auf die subjektive Seite des Handelnden, also auf seine Absicht. Für die Folgezeit am wirksamsten wurde seine Entdeckung, daß die Texte der christlichen Religion Widersprüche enthielten. In seinem Werk: Ja und Nein, Sic et non, listete er solche Widersprüche sorgfältig auf und formulierte Regeln, sie zu überwinden. So trug er bei zur Entstehung der scholastischen Theologie, also zu Versuchen der kohärenten Gesamtdarstellung des christlichen Denkens.

Den nächsten wichtigen Schritt in diese Richtung unternahm Petrus Lombardus, gestorben 1160 als Bischof von Paris. Sein Hauptwerk, das sog. Sentenzenbuch, stellte Zitate der lateinischen Kirchenväter harmonisierend zusammen. Ihre einheitliche Wahrheit sollte daraus hervorgehen. Die von Abaelard begonnene Arbeit schien – ohne dessen Aufsässigkeiten – erledigt. Die Zusammenstellung des Petrus Lombardus avancierte zum wichtigsten theologischen Lehrbuch bis ins hohe 16. Jahrhundert.

Der Lombarde, Bischof von Paris und Bauherr von Notre-Dame, hatte die Traditionsmasse des westlichen Christentums nach dem Grundriß des Glaubensbekenntnisses von Nicea so zusammengefaßt, daß sein Buch sofort ein Erfolg wurde. Es entsprach den späteren universitätspolitischen Forderungen der Päpste Innozenz III., Gregor IX. und Innozenz IV.: Die Philosophie sollte zugelassen, aber klein gehalten werden; die Magd sollte nicht über ihrer Herrin, der Theologie, stehen. Die Päpste zwischen 1200 und 1330 trieben aktive Universitätspolitik. Sie haben die Universität gefördert; sie haben sie bis in die Kleinigkeiten befehligt und kontrolliert. Für Dante wurde entscheidend: Sie haben in gleicher Häufigkeit und gleicher Härte, auch mit ähnlichen Metaphern, die Herrschaft der Päpste über weltliche Herrscher wie die der Theologie über die Wissenschaften gefordert. Genau dieser Zusammenhang war das historisch Charakteristische und bestimmte die Welt Dantes: Die Päpste haben die Selbständigkeit weltlicher Herrschaft ebenso untersagt wie die Selbständigkeit weltlicher Wissenschaft. Dies konnten sie nur durchhalten, wenn sie der Philosophie einen begrenzten Raum zugestanden. Diese Grenze war immer umstritten.

Ich bin über die Grenze des 12. Jahrhunderts hinausgegangen, kehre aber noch einmal zu ihm zurück: Wer in der Zeit vor Petrus Lombardus erfahren wollte, was Christen glauben, bekam die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse und deren Erklärungen zu lesen, aber wenn er es genauer und vollständiger wissen wollte, geriet er ins Unübersichtliche. Diesem Zustand setzte der Lombarde ein Ende. Er erfüllte die Vernunftforderung nach Widerspruchslosigkeit, nach Einheit und Klarheit an den divergierenden Materialien der christlichen Überlieferung. Sein Ziel war die Konkordanz der widersprechenden Stellen.

Fast zur gleichen Zeit arbeitete in Bologna Gratian an der Vereinheitlichung der vorhandenen Rechtsvorschriften. Das war ein Vorgang, den man nicht abschieben darf ins Spezialgebiet des Kirchenrechts. Gratian hat mehr getan, als nur die Grundlage des gesamten Kirchenrechts zu legen. Sein Buch, das Decretum, regelte zum ersten Mal eine Vielzahl auch profaner Lebensverhältnisse. Es definierte zum Beispiel, was ein Vertrag oder was eine Ehe ist. Es rationalisierte, was bisher unklar oder nur lokal geregelt war, für die ganze westliche Christenheit. Es brachte den gesellschaftlichen Status quo in eine juristische Form, nicht durch rein abstrakte juristische Systematik, sondern indem es die älteren Rechtsvorschriften zusammenstellte und harmonisierend interpretierte. Sein Ziel war die Herstellung gelehrter Konkordanz der vielfach widersprüchlichen bisherigen Rechtsgrundlagen. Auch hier wirkte das neue Bedürfnis nach umfassender Regelung, übrigens auch ethischer Normen, die einheitlich, vernünftig, d.h. vor allem widerspruchsfrei sein sollten.

Wer fortan die christliche Wahrheit definieren und den Alltag in ihrem Sinn beherrschen wollte, brauchte den Lombarden und das Decretum. Sie haben die Grundlage gelegt für viele Institutionen und Gewohnheiten, die es im früheren Mittelalter nicht gab. Die Papstkirche des 13. Jahrhunderts, die sich als die Vertretung der Weltherrschaft Gottes verstand, hatte jetzt ausgearbeitete Grundgesetze.

Das System des Kirchenrechts war seit dem 12. Jahrhundert überwiegend papalistisch. Deutsche Kaiser, die ihre Rechte gegenüber den Weltmachtplänen der Päpste behaupten mußten, hatten zunächst nur die Traditionen karolingisch-ottonischer Rechtsverhältnisse auf ihrer Seite. Aber auch sie fanden Hilfe in Bologna, denn dort wurde auch das alte Römische Recht gelehrt, das dem Kaiser eine unabhängige große Macht zusprach, wie sie in der römischen Antike als selbstverständlich galt.

Das Sentenzenwerk und Gratians Decretum waren Einheitssetzungen der menschlichen Vernunft, die dem Bedürfnis des Jahrhunderts entgegenkamen, aber sie hatten ihre Grenzen. Sie systematisierten, was im lateinischen Westen an kirchlichen Regeln und Stoffen vorhanden war. Der Lombarde vereinfachte das Denken Augustins und Gregors vorsichtig und kirchenkonform; er interessierte sich so gut wie nicht für andere Bedürfnisse, die sich jetzt ebenfalls anmeldeten – Krankheiten oder Stadtgründungen, Architektur oder ein Wissen über Tiere; es fehlte eine Biologie, die über deren symbolische Bedeutung hinausgegangen wäre. Dies alles aber brauchte die geschichtliche Dynamik dieses Jahrhunderts. Ihm fehlte noch mehr, nämlich die Chemie und die Optik, Literatur zu Ackerbau und Werkzeugherstellung. Auf diesen Gebieten hatte die islamische Welt einen großen Vorsprung. Er konnte in Spanien und Süditalien nicht verborgen bleiben, Kreuzzügler brachten Proben mit. Westliche Intellektuelle, zuerst in Salerno und Chartres, in Toledo, bald auch in Bologna und Montpellier arbeiteten daran, die Grenzen der rhetorischen, oft abstrakt-verbalen augustinisch-kirchlichen Schulkultur zu sprengen.

Sie hauchten der Philosophie und dem Naturwissen, die bei Petrus Lombardus so gut wie nicht vorkamen, neues Leben ein. Die Natur war neu zu sehen; sie blieb nicht länger nur das Bild ethisch-religiöser Vorstellungen. Mit leichter Vergröberung kann man sagen: Der Westen hat zwischen 1130 und 1230 ein Jahrhundert lang daran gearbeitet, sich die Errungenschaften der höheren griechisch-arabischen und auch der jüdischen Zivilisation zuerst einmal stofflich anzueignen. In der Folgezeit hat er sie weiterentwickelt, bis er ökonomisch, militärisch und technisch die sich geographisch immer mehr erweiternde Welt beherrschte. Dazu übernahm er zunächst die arabischen Zahlzeichen, mit denen Händler leichter rechnen konnten; dann arbeitete er die gesamte Textmasse der griechisch-arabischen Wissenschaften durch. Jetzt verband er Philosophie mit Erfahrungswissen, mit Tierkunde, Optik, Chemie und Medizin; er erarbeitete sich Aristoteles und seine arabischen Kommentoren. Das waren vor allem Ibn Sina (Avicenna, † 1037) und Ibn Rushd (Averroes, † 1198) …“

 

Auswirkungen auf Dante

 

„Dantes Poesie war nicht friedliche Besinnlichkeit, sondern argumentierender Kampf. Die bisherigen Kapitel haben dies jeweils aus der Perspektive eines Faches beschrieben: philosophie- oder ökonomiegeschichtlich, reichs- oder sprachgeschichtlich, kirchen- oder theologiegeschichtlich. Die Trennungen waren nicht radikal durchführbar. Dantes Lebenskampf hatte viele Felder, war aber insofern einfach, als er Aristoteles-Rezeption und Franziskanismus nutzte für die Verteidigung der Reichssouveränität und der Selbständigkeit natürlicher Lebenswerte und weltlicher Wissenschaft. Sein einheitliches Thema befand sich in dramatischer Bewegung, verlief nicht strikt teleologisch, aber bezog sich seit 1300 immer auf die päpstliche Weltherrschaftspolitik: Diese suchte die Städte und Frankreich gegen den Kaiser aufzustellen und erkannte mit großer Konsequenz sowohl weltliche Gewalt wie philosophisches Denken nur an, wenn sie untertänig blieben. Dagegen stellte sich Dante. Dies war sein Schicksal; dies ergab seinen Agon.

Dante wandte sich um 1290 der Philosophie zu. Damals war die intellektuelle Situation des lateinischen Westens schon recht kompliziert. Er konnte nicht vom Nullpunkt anfangen; er mußte sich auseinandersetzen mit dem, was er als politische Großwetterlage – einschließlich der Kirchenpolitik – und Theorie vorfand. Er antwortete philosophierend-poetisch auf die Gesamtsituation seiner Jahrzehnte. Um sie zu beschreiben, hole ich etwas weiter aus. Ich möchte Dante nicht monumentalisieren, sondern historisieren, und ich verstehe unter ›Historisieren‹ nicht das Vorbringen von Geschichtszahlen, sondern das Aufdecken nach- und fortwirkender Kräfte in dem Komplex Commedia–Monarchia, die gemeinsam ein historisches Bollwerk, aber auch ein Ferment für die Zukunft bilden. Denn im Laufe des 13. Jahrhunderts brachte die Papstpolitik divergierende realgeschichtliche, kirchenpolitische und philosophiegeschichtliche Mächte zusammen. Im Blick auf diese Zusammenführung entwickelte Dante seine poetische, philosophische und politische Position. Dante haßte Bonifaz VIII. Aber sein Konflikt mit ihm war von großer objektiver Natur. Er war Dantes Schicksal. Um es von kleinen Interessengegensätzen zu unterscheiden, spreche ich von Dantes Agon. Da standen nicht nur Dantes zwei Bücher gegen viele andere Schriften; da stritten weltgeschichtliche Tendenzen gegeneinander:

- die alte Reichsidee gegen die neue Rechtskonstruktion und ökonomische Produktivität der Kommunen und ihres Handels;

- die Idee der päpstlichen Weltherrschaft gegen die neuerwachte Selbständigkeit von Politik und Wissenschaft;

- die Gehorsamsforderung der kirchlichen Autorität gegen die Erfahrung der Natur der Dinge und des Wissens.

- Dante spricht im Bewußtsein historischer Dringlichkeit. Er sah Italien und die Menschheit aufs äußerste bedroht – durch die päpstliche Machtpolitik, die Konstantins Schenkung ermöglicht hat, und durch die Habgier der neuen Ökonomie.“

 

„… Für die Kontrolle der intellektuellen Arbeit behielt es Kraft bis über die Verbrennung von Hus hinaus; die Vielzahl aufsässiger und einander widersprechender Theorien konnte es freilich nicht verhindern. Der Vernunftanspruch vieler Städter und die intellektuelle Produktion hatten bereits eine Eigendynamik, die nicht mehr vollständig zu beherrschen war. Daher die Bekämpfung der Ketzer, die im 13. Jahrhundert dabei waren, ganze Landstriche aus der Oberherrschaft des Papstes herauszubrechen, was zu den grausamen Kämpfen gegen die Albigenser führte (1209 – 1229).

Ich fasse zusammen: Dante stellte sich als Dichter und Politiktheoretiker gegen drei Haupttendenzen des 13. Jahrhunderts. Er stemmte sich gegen alle drei zugleich, denn sie hatten einen gemeinsamen Ursprung: die Politik der Päpste.

- Dante verurteilte die Rebellion der reichen italienischen Städte gegen den Kaiser, die oft vom Staat gestützt und gedrängt wurden, um den Kirchenstaat zu schützen und abzurunden;

- er wandte sich gegen die offiziellen Ansprüche auf allumfassende Macht des Papstes, die plena potestas, weil sie dem Gemeinwesen die naturentsprungene Eigenwertigkeit nehmen;

- er weigerte sich, Wissen und Gemeinwesen dem Befehl des Papstes zu unterstellen. Er verteidigte das unabdingbare Eigenrecht natürlicher Werte und Institutionen. Unter Nutzung thomistischer Motive sah er sie als Folge der Erschaffung. Als Dichter, Philosoph und politischer Denker antwortete er schroff und klar auf diese geschichtlichen Herausforderungen.“

 

Göttliche Kömödie

 

Die „Göttliche Komödie“ können in ihrer Komplexität heutzutage nur einige wenige Menschen verstehen. Der interessierte Laie benötigt unbedingt eine kommentierte Version. Die gereimte Geschichte ist auch nicht jedermanns Sache – Abhilfe bietet unter anderem das Buch „Commedia – in deutscher Prosa von Kurt Flasch“. Wer sich darauf einlässt, wird stellenweise großen Genuss empfinden.

 

Die Hörbuch-Version  ist auch gelungen:

https://www.youtube.com/watch?v=6DHVHKIDvnw

 

Und nachzulesen in Reimen:

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap001.html

 

Zusammenfassungen

 

„Ardko“ vernachlässigt zwar (bewusst) wichtige Textstellen, gibt aber jeweils sehr gute Zusammenfassungen:

 

Dantes Inferno --- Die Göttliche Komödie

https://www.youtube.com/watch?v=g5OBVJxZBEY

 

Dantes Purgatorio --- Die Göttliche Komödie

https://www.youtube.com/watch?v=mBazCJUoP1k&list=PLreUTlJayRvzLFqyMpLj3cFK61EpwtPK9&index=23

 

Dantes Paradies Die Göttliche Komödie

https://www.youtube.com/watch?v=G6UbQ4DBLRo

 

In italienischer Sprache

 

In seiner „Einladung, Dante zu lesen“ gibt Kurt Flasch einige Kostproben der Poesie in italienischer Sprache.

 

Etwa „E caddi come corpo morto cade“ („Ich stürzte hin, wie ein toter Körper fällt“) am Ende der Francesca-Geschichte im „Inferno“.

 

Liebhaber der italienischen Sprache werden begeistert sein, wenn Vittorio Gassmann die gesamte „Göttliche Komödie“ rezitiert:

 

https://www.youtube.com/playlist?list=PLDFA6eyfneh7m3RLhO5I14CXpnujME310

 

Vittorio Gassman legge Dante - Commedia - Inferno, Canto I

https://www.youtube.com/watch?v=aBGq11ODudA&list=PLDFA6eyfneh7m3RLhO5I14CXpnujME310&index=1

 

Wer Roberto Benigni lediglich als Spaßvogel kennt, wird erstaunt sein, zu welch seriösen Leistungen er fähig ist:

 

Roberto Benigni recita il primo canto dell'Inferno di Dante

https://www.youtube.com/watch?v=igC8UcnAZHE

 

ROBERTO BENIGNI recita DANTE - Inferno e Paradiso

https://www.youtube.com/watch?v=g5Hdpyv4YP4

 

Matteo Laliscia bietet die ersten 5 Gesänge des „Inferno“ zusammen mit dem Text an – also hören und lesen gleichzeitig: 

https://www.youtube.com/playlist?list=PL42F0CCDC1ED2D98B

 

La Divina Commedia - Inferno - Canto I

https://www.youtube.com/watch?v=lr2MOZx8eIU&list=PL42F0CCDC1ED2D98B&index=1

 

Film

 

Der Stummfilm „L'inferno di dante“ aus dem Jahr 1911 bietet manche Freude; besonders die Darstellungen der Wölfin und der Harpyen haben es dem Wurm angetan:

 

https://www.youtube.com/watch?v=bhcyGT0vv6Q

 

Ausgewählte Textstellen

 

Die vom Wurm ausgewählten Textstellen sind vollkommen willkürlich und haben nichts mit Wichtigkeit zu tun. Sie sollen lediglich eine Einladung sein, sich auf die eine oder andere Art und Weise sich mit Dante zu beschäftigen.

 

Das Höllentor und die Vorhölle der Gleichgültigen

 

„Durch mich geht’s ein zur Stadt der Qualerkornen,

Durch mich geht’s ein zum ew’gen Weheschlund,

Durch mich geht’s ein zum Volke der Verlornen.

Das Recht war meines hohen Schöpfers Grund;

Die Allmacht wollt’ in mir sich offenbaren;

Allweisheit ward und erste Liebe kund.

Die schon vor mir erschaffnen Dinge waren

Nur ewige; und ewig daur’ auch ich.

Laßt, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren.

Die Inschrift zeigt’ in dunkler Farbe sich

Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte,

Drum ich: Hart, Meister, ist ihr Sinn für mich.

Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:

"Hier sei jedweder Argwohn weggebannt,

Und jede Feigheit sterb’ an diesem Orte.

Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,

Hier wirst du jene JammervoIIen schauen,

Für die das Heil des wahren Lichtes schwand."

Er faßte meine Hand, daher Vertrauen

Durch sein Gesicht voll Mut auch ich gewann.

Drauf führt’ er mich in das geheime Grauen.

Dort hob Geächz, Geschrei und Klagen an,

Laut durch die sternenlose Luft ertönend,

So daß ich selber weinte, da’s begann.

Verschiedne Sprachen, Worte, gräßlich dröhnend,

Handschläge, Klänge heiseren Geschreis,

Die Wut, aufkreischend, und der Schmerz, erstöhnend –

Dies alles wogte tosend stets, als sei’s

Im Wirbel Sand, durch Lüfte, die zu schwärzen

Es keiner Nacht bedarf, im ew’gen Kreis.

Und, ich vom Wahn umstrickt und bang im Herzen,

Sprach: Meister, welch Geschrei, das sich erhebt?

Wer ist doch hier so ganz besiegt von Schmerzen?

Und er: "Der Klang, der durch die Lüfte bebt,

Kommt von den JammerseeIen jener Wesen,

Die ohne Schimpf und ohne Lob gelebt.

Gemischt find die Nicht-Guten und Nicht-Bösen

Den Engeln, die nicht Gott getreu im Strauß,

Auch Meutrer nicht und nur für sich gewesen.

Die Himmel trieben sie als Mißzier aus,

Und da durch sie der Sünder Stolz erstünde,

Nimmt sie nicht ein der tiefen Hölle Graus."

Ich drauf: Was füllt ihr Wehlaut diese Gründe?

Was ist das Leiden, das so hart sie drückt?

Und er: "Vernimm, was ich dir kurz verkünde.

Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt.

Im blinden Leben, trüb und immer trüber,

Scheint ihrem Neid jed’ andres Los beglückt.

Sie kamen lautlos aus der Welt herüber,

Von Recht und Gnade werden sie verschmäht.

Doch still von ihnen – Schau’ und geh vorüber."

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap003.html

 

Bei den Wollüstigen: Francesca da Rimini erzählt die Geschichte ihrer Liebe und ihres Todes

 

„Lang hört’ ich den Bericht des Lehrers an,

Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten,

Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:

Mit diesen Zwei’n, die sich zusammenhalten,

Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,

Möcht’ ich, o Dichter, gern mich unterhalten.

Und er darauf: "Gib Achtung, wenn der Wind

Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,

Die beide führt, da kommen sie geschwind."

Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,

Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,

Wenn’s niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.

Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte teilt,

Wenn’s mit weitausgespreizten steten Schwingen

Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;

So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,

Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,

Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.

"Du, der du uns besuchst voll Gut’ und Huld

In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde

Vordem mit Blut getüncht durch unsre Schuld,

Gern bäten wir, daß Fried’ und Ruh’ dir werde,

War’ uns der Fürst des Weltenalls geneigt,

Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde.

Wie ihr zu Red’ und Hören Lust bezeigt,

So reden wir, so leih’n wir euch die Ohren,

Wenn nur, wie eben jetzt, der Sturmwind schweigt.

Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,

Wo Seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,

Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren.

Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,

Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte,

Der mir geraubt ward, wie’s noch jetzt mich kränkt.

Die Liebe, die Geliebte stets berückte,

Ergriff für diesen mich mit solchem Brand,

Daß, wie du stehst, kein Leid ihn unterdrückte.

Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt –

Kaina harret des, der uns erschlagen."

Der Schatten sprach’s, uns kläglich zugewandt.

Vernehmend der bedrängten Seelen Klagen,

Neigt’ ich mein Angesicht und stand gebückt.

Was denkst du? hört’ ich drauf den Dichter fragen.

Weh, sprach ich, welche Glut, die sie durchzückt,

Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren

Hat sie in dieses Qualenland entrückt?

Drauf säumt’ ich nicht, zu jener mich zu kehren.

"Franziska," So begann ich nun, "dein Leid

Drängt mir ins Auge fromme Mitleidszähren.

Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit,

Wodurch und wie verriet die Lieb’ euch beiden

Den zweifelhaften Wunsch der Zärtlichkeit."

Und sie zu mir: Wer fühlt wohl größres Leiden

Als der, dem schöner Zeiten Bild erscheint

Im Mißgeschick? Dein Lehrer mag’s entscheiden.

Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint,

Zu wissen, was hervor die Liebe brachte,

So will ich tun, wie wer da spricht und weint.

Wir lasen einst, weil’s beiden Kurzweil machte,

Von Lanzelot, wie ihn die Lieb’ umschlang.

Wir waren einsam, ferne von Verdachte.

Das Buch regt’ in uns auf des Herzens Drang,

Trieb unsre Blick’ und macht’ uns oft erblassen,

Doch eine Stelle war’s, die uns bezwang,

Als das ersehnte Lächeln küssen lassen,

Der, so dies schrieb, vom Buhlen schön und hehr.

Da naht’ er, der mich nimmer wird verlassen,

da küßte zitternd meinen Mund auch er –

Galeotto war das Buch, und der’s verfaßte –

An jenem Tage lasen wir nicht mehr.

Der eine Schatten sprach’s, der andre faßte

Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn

Vor Mitleid, daß ich wie im Tod erblaßte,

Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin.“

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap005.html

 

Schmeichler in der Scheiße

 

„Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug

Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen

Der Dämme, hier den andern Bogen schlug.

Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen,

Und Leute sah’n wir tief im Grunde sich

Laut schnaufend mit den flachen Händen schlagen.

Der Dämme Seiten waren schimmelig

Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte.

Für Aug’ und Nase feindlich widerlich.

Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte;

Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist,

Bis ich des Felsenbogens Höh’ erstrebte.

Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mißt.

Sah ich viel Leut in tiefem Kote stecken,

Und, wie mir’s vorkam, war es Menschenmist.

Ich forscht’ und sah ein Haupt sich vorwärts strecken,

Doch ganz beschmutzt mit Kot, drum könnt’ ich nicht,

Ob’s Lai’, ob Pfaffe sei, genau entdecken.

Da schrie er her: "Was bist du so erpicht,

Mich mehr als andre Schmutz’ge zu gewahren?"

Und ich: "Weil, ist mir recht, ich dein Gesicht

Bereits gesehn, allein mit trocknen Haaren.

Alex, Interminei heißest du,

Drum seh’ ich mehr auf dich als jene Scharen."

Und er, die Stirn sich schlagend, rief mir zu:

"Mich stürzte Schmeichelei herab zur Hölle,

Die ich dort übte sonder Rast und Ruh’."“

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap018.html

 

Betrüger in öffentlichen Ämtern leiden im kochenden Pech des fünften Grabens; Unterteufel treiben grausamen Schmerz mit ihnen

 

„So ging’s von Brück’ auf Brück’, in manchem Wort,

Das ich zu sagen nicht für nötig halte;

Und oben, an des Bogens höchstem Ort,

Verweilten wir ob einer neuen Spalte

Und hörten draus den eitlen Laut der Qual

Und sah’n, wie unten tiefes Dunkel walte.

Gleich wie man in Venedigs Arsenal

Das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen,

Womit das lecke Schiff, das manches Mal

Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen,

Kalfatert wird – da stopft nun der in Eil

Mit Werg die Löcher aus am Seitenbogen,

Der klopft am Vorder-, der am Hinterteil

Der ist bemüht, die Segel auszuflicken,

Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil;

So ist ein See von Pech dort zu erblicken,

Das kocht durch Gottes Kunst, und nicht durch Glut,

Des Dünste sich am Strand zum Leim verdicken.

Ich sah den See, doch nichts in seiner Flut,

Die jetzt sich senkt’ und jetzt sich wieder blähte.

Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud.

Indes ich scharfen Blicks hinunterspähte,

Zog mich, indem er rief: "Hab’ acht! Hab’ acht!"

Mein Meister zu sich hin von meiner Stätte.

Da wandt’ ich mich, gleich einem, den mit Macht

Die Neugier zieht, das Schreckliche zu sehen,

Und der, da jähe Furcht ihn schaudern macht,

Doch, um zu schau’n, nicht zögert, fortzugehen.

Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang

Uns hinterdrein auf jenen Felsenhöhen.

Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang,

Wie wild er schien, wie froh in andrer Schaden!

Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang,

Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen

Mit einem Sünder her, der oben ritt,

Und mit den Klauen packt’ er seine Waden.

"Von Lucca bring’ ich einen Ratsherrn mit" –

Schrie er, "auf, taucht ihn unter, Grimmetatzen!

Und jene Stadt ist wohlversehn damit,

Drum hoI’ ich gleich noch mehr von solchen Fratzen.

Gauner sind alle dort, nur nicht Bontur,

Und machen Ja aus Nein für blanke Batzen."

Hinunterwarf er noch den Sünder nur,

Und rannte gleich zurück in solcher Eile,

Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr.

Der Sünder sank, doch hob sich sonder Weile,

Da schrien die Teufel unten: "Fort mit dir,

Hier dient kein Heil’genbild zu deinem Heile.

Ganz anders als in Serchio schwimmt man hier.

Und sollen dich nicht unsre Haken packen.

So bleib im Peche nur, sonst fassen wir."

Gleich stießen sie mit tausend scharfen Zacken

Und schrien: "Dein Tänzchen mache hier versteckt.

Such’ unten einem etwas abzuzwacken."

Nicht anders macht’s ein Koch, wenn er entdeckt.

Das Fleisch im Kessel komm’ emporgeschwommen,

Und schnell es mit dem Haken untersteckt.

Virgil sprach: "Geh, eh’ sie dich wahrgenommen.

Und ducke dich bei jener Felsenbank;

Durch diese wirst du ein’gen Schirm bekommen.

Mir ist das Ding nicht fremd, drum bleibe frank

Von jeder Furcht, was man mir auch erzeige.

Denn früher war ich schon in solchem Zank."

Dann ging er jenseits auf dem Felsensteige,

Und wie er hingelangt zum sechsten Strand,

Tat’s not ihm, daß er sichre Stirne zeige.

Denn wie in Sturm und Wut hervorgerannt,

Die Haushund’ auf den armen Bettler fallen.

Wenn er am Haus, laut flehend, stillestand;

So stürzten jen’ aus dunkeln Felsenhallen

Und streckten all auf ihn die Haken hin,

Er aber schrie: "Zurück jetzt mit euch allen.

Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn?

Doch tret erst einer vor, um mich zu sprechen,

Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin."

"Geh vor denn, Stachelschwanz." So schrien die Frechen,

Und einer kam, die andern blieben stehn –

Und fragte, wie er wag’, hier einzubrechen?

"Wie", sprach mein Meister, "würdest du mich sehn.

Wie würd’ ich wagen, je hier einzudringen,

War’ ich auch sicher, euch zu wiederstehn,

Wenn’s Gott und Schicksal also nicht verhingen?

Drum laß mich zieh’n, der Himmel will, ich soll

Als Führer einen durch die Hölle bringen."

Der Haken fiel, da dieses Wort erscholl,

Ihm aus der Hand, so hatt’ ihn Furcht durchschauert.

"Gesellen," rief er aus, "laßt euren Groll!"

"Du, der dort zwischen Felsenstücken kauert,"

Rief nun mein Meister, "eile zu mir her,

Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert."

Und vorwärts trat ich und kam schnell daher,

Doch sah ich vorwärts auch die Teufel fahren,

Als gelte nichts die Übereinkunft mehr;

Und war voll Schrecken, wie Capronas Scharen,

Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah.

Als sie die Festung übergeben, waren.

Fest drängt’ ich mich an meinen Führer da

Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen,

Aus denen ich nichts Gutes mir ersah.

Und diese Rede hört’ ich zwischen ihnen:

"Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? Sprich!"

Der andre: "Ja, du magst ihn nur bedienen!"

Doch jener Geist, der mit dem Meister sich

Besprochen, wandte schleunig sich zurücke

Und rief: "Still, Raufbold, ruhig halte dich."

Und dann zu uns: "Auf diesem Felsenstücke

Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund

Liegt längst zertrümmert schon die sechste Brücke.

Und wollt ihr fort, geht oben, längs dem Schlund,

Dann seht ihr vorwärts einen Felsen ragen

Und kommt darauf bis zu dem nächsten Rund.

Denn gestern, um euch alles anzusagen,

War’s just zwölfhundertsechsundsechzig Jahr,

Seit jenen Weg ein Erdenstoß zerschlagen.

Dorthin entsend’ ich ein’ge meiner Schar,

Um Sündern, die sich lüften, nachzuspüren; ,

Mit ihnen geht und fürchtet nicht Gefahr.

Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rühren;

Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran,

Du, Sträubebart, sollst alle zehen führen.

Auf, Drachenblut, Kratzkrall’ und Eberzahn,

Scharfhaker, und auch du, Grimmrot der Tolle,

Und Firlefanz, schickt euch zum Wandern an.

Schaut, wer etwa im Pech auftauchen wolle,

Doch wißt, daß dieses Paar in Sicherheit

Bis zu der nächsten Brücke reisen solle."

"Ach, guter Meister," rief ich, "welch Geleit?

Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren,

Und bin mit dir allein zu gehn bereit.

Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gären,

Wie sie die Zähne fletschen und mit Droh’n

Nach uns die tiefgezognen Brauen kehren."

Und er zu mir: "Nicht fürchte dich, mein Sohn,

Laß sie nur fletschen ganz nach Gutbedünken,

Sie tun dies nur zu der Verdammten Hohn"

Sie schwenkten dann sich auf den Damm zur Linken,

Nachdem vorher die Zunge jeder wies,

Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken,

Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.

 

Schon sah ich Reiter aus dem Lager zieh’n,

Die Must’rung machen, in die Feinde brechen,

Auch wohl sich schwenken und zurückeflieh’n;

Von Streifpartei’n sah ich in euren Flächen,

Ihr Aretiner, einst euch hart bedroh’n;

Sah Festturnier und große Lanzenstechen;

Drommeten hört’ ich, Trommeln, Glockenton,

Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen,

Und fremd’ und heimische Signale schon;

Doch nimmer hieß ein Tonwerkzeug, dergleichen

Ich hier gehört, das Volk zu Roß und Fuß,

Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen.

Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruß,

Doch wußt’ ich, daß man Säufer in den Schenken

Und Beter in den Kirchen suchen muß,

Auch war aufs Pech gerichtet all mein Denken,

Um ganz des Orts Bewandtnis zu erspäh’n.

Und welche Leut’ in diese Glut versänken.

Wie die Delphine, die vor Sturmesweh’n

Mit den gebognen Rücken oft verkünden,

Zeit sei’s, sich mit den Schiffen vorzusehn;

So, um Erleichterung der Qual zu finden,

Taucht’ oft ein Sünderrücken auf und schwand

Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden.

Und wie die Frösch’ an eines Grabens Rand

Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken,

Die Schnauzen nur nach außen hingewandt;

So sah man jen’ hervor die Mäuler strecken,

Allein, wenn sie den Sträubebart erschaut,

Sich schleunig in dem heißen Pech verstecken.

Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut,

Nur einen harren, wie, wenn all entsprangen.

Ein einzler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut.

Kratzkralle, der am weitsten vorgegangen,

Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar

Und zog ihn auf, Fischottern gleich, gefangen.

Ich wußte schon, wie jedes Name war

Von ihrer Wahl und, daß mir nichts entfalle.

Nahm ich der Namen dann im Sprechen wahr.

"Frisch, Grimmrot, mit den scharfen Klauen falle

Auf diesen Wicht und zieht ihm ab das Fell."

So schrien zusammen die Verfluchten alle.

Und ich: "Mein Meister, o erforsche schnell,

Wer hier in seiner Feinde Hand gerate?

Wer ist wohl der unselige Gesell?"

Worauf mein Führer seiner Seite nahte,

Ihn fragend, wer er sei, wo sein Geschlecht?

"Ich bin gebürtig aus Navarras Staate.

Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht,

Weil sie von einem Prasser mich geboren,

Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht.

Zum Freunde dann vom Theobald erkoren,

Dem guten König, trieb ich Gaunerei.

Jetzt leg’ ich Rechnung ab in diesen Mooren."

Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei

Hauzähne ragten, wie aus Schweinefratzen,

Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sei.

Die Maus war in den Krallen arger Katzen,

Doch Sträubebart umarmt’ ihn fest und dicht

Und rief: "Ich halt’ ihn, fort mit euren Tatzen."

Und zu dem Meister kehrt’ er das Gesicht.

"Willst du, bevor die andern ihn zerreißen,

Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht."

Mein Führer: "Sprich, wie andre Sünder heißen,

Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?"

Und jener sprach: "Mir war dort in der heißen

Pechflut vor kurzer Zeit noch einer nah!

Was mußt ich doch darüber mich erheben,

Da ich dort nichts von Klau’n und Haken sah!"

"Wir haben’s schon zu lange zugegeben!"

Scharfhaker schrie’s und hakt auf ihn hinein,

Auch blieb ein Stück vom Arm am Haken kleben.

Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein,

Allein der Hauptmann blickt’ auf seine Scharen

Im Kreis herum und schien ergrimmt zu sein.

Da wandte sich, sobald sie stille waren,

Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied

Herniedersah, um mehr noch zu erfahren.

"Wer ist’s, von dem dein Mißgeschick dich schied,

Als du dich nach der Oberfläch’ erhoben?" –

"Der von Gallura ist’s, der Mönch Gomit.

Im Trug bestand er all und jede Proben,

Des Herrschers Feinde hielt er im Verlies

Und tat mit ihnen, was sie alle loben,

Geld nahm er, wie er selber sagt, und ließ

Sie sachte zieh’n, er, der in Amt und Ehren

Sich sonst als Schelm nicht klein, nein groß erwies.

Viel pflegt’ mit ihm Herr Zanche zu verkehren

Von Logodor – sie schwatzen immerfort.

Als ob sie jetzt noch in Sardinien wären.

Ach, Seht, wie fletscht die Zähne jener dort!

Gern sprach’ ich mehr, doch würd’ er mich kuranzen!

Er droht ja wütend schon bei jedem Wort."

Doch Sträubebart, gewandt zu Firlefanzen,

Des Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr:

"Verdammter Vogel, wirst du rückwärts tanzen?"

"Willst du," begann der bange Wicht nunmehr,

"Willst du Toskaner und Lombarden sehen?

Ich schaffe sie dir nach Belieben her,

Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen.

Und deren Rache sie nicht zittern macht.

Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen,

Und locke doch dir leicht statt eines acht,

Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen,

Um anzudeuten, daß kein Teufel wacht."

Da streckt’ ihm Bluthund seine Schnauz’ entgegen

Und schrie kopfschüttelnd: "Hört die Büberei!

Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen."

Allein der Sünder, reich an Schelmerei,

Sprach: "Wahrlich, bübisch bin ich wohl zu nennen.

Denn zu der Meinen Unglück trag’ ich bei."

Und Senkflug wollt ihm den Versuch vergönnen;

"Springst du," hob er mit jenen uneins an,

"So werd’ ich nicht zu Fuße nach dir rennen.

Nein, überm Pech schlag’ ich die Flügel dann.

Laßt Platz uns hinter diesem Damme nehmen,

Zu sehn, ob mehr als wir der eine kann."

Jetzt werdet ihr ein neues Spiel vernehmen.

Die Blicke wandten sie, und sehr bereit

War, der der Schlimmste schien, sich zu bequemen.

Doch wohl ersah der Gauner seine Zeit,

Stemmt’ ein die Fuß’ und war mit einem Satze

Von dem, was sie ihm zugedacht, befreit.

Dort standen alle mit verblüffter Fratze.

Und jener, der die Schuld des Fehlers trug,

Flog nach und schrie: "Du bist in meiner Tatze!"

Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug.

Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder,

Und rückwärts nahm der Teufel seinen Zug.

So taucht die Ente vor dem Falken nieder,

Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich

Zur Luft empor das sträubende Gefieder.

Eistreter kam, wie jener sank, sogleich

Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen

Und fiel, erbost von diesem Narrenstreich,

Mit seinen scharfen Klau’n auf den Genossen,

Und beide hielten überm Pech voll Wut

In wilder Balgerei sich fest umchlossen.

Doch braucht’ auch jener seine Krallen gut.

Und beide stürzten bald zu den Bepichten,

Die sie bewachten, in die heiße Flut.

Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten,

Doch, ganz bepicht das rasche Flügelpaar,

Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten.

Und Sträubebart, der sehr betreten war,

Ließ vier der Seinen rasch zu Hilfe fliegen.

Die äußerst schnell mit ihren Haken zwar,

Auf sein Geheiß zum Peche niederstiegen.

Wo jeder den Besalbten Hilfe bot,

Doch sahn wir sie gekocht im Sude liegen

Und ließen sie in dieser großen Not.“

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap021.html

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap022.html

 

Räuber, die von Schlangen geplagt werden

 

„Wir gingen fort – der Fels war rauh, verschoben,

Von Höckern voll und schwierig zu begehn,

Bei weitem steiler auch, als weiter oben.

Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,

Bis eine Stimm’ aus jenem Grund erschollen,

Verworren, wild und schwierig zu verstehn.

Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen,

Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand,

Doch schien, der sprach, zu zürnen und zu grollen.

Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,

Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer,

Drum sprach ich: "Meister, komm zum nächsten Strand

Und führe mich hinab von dieser Mauer.

Hier hör’ ich zwar, doch ich verstehe nicht,

Und, sehend, unterscheid’ ich nichts genauer."

"Die Tat", sprach er mit freundlichem Gesicht,

"Sei Antwort dir, weil sich’s geziemt, mit Schweigen

Zu tun, was der verständ gen Bitt’ entspricht."

Wir eilten, bei der Brück’ hinabzusteigen,

Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,

Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen.

Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut, -

Und denk’ ich heut der ekeln, mannigfachen

Scheusale noch, so starrt vor Grau’n mein Blut.

Nicht mag sich’s Libyen mehr zum Ruhme machen,

Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt

Und Vipernbrut und gift’ge Wasserdrachen.

Wie solche Pest nicht Äthiopien trägt,

So tönt am ganzen Strand kein solch Gezische,

An den die Flut des Roten Meeres schlägt.

Und unter diesem greulichen Gemische

Lief eine nackte, schreckensvolle Schar,

Nicht hoffend, daß sie je von dort entwische.

Am Rücken band die Hand’ ein Schlangenpaar,

Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte

Und vorn zu einem Knäu’I verschlungen war.

Da stürzt’ auf einen, den ich dort entdeckte,

Ein Ungeheu’r, das ihm den Hals durchstach

Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte.

Und eh’ man Amen sagt und Oh und Ach,

Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen,

Auch schon als Staub in sich zusammenbrach.

Und wie die Glieder kaum in nichts verschwammen,

So fügte sich, gesammelt, alsobald

Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen.

So stirbt der Phönix, fünf Jahrhundert’ alt,

(Die großen Weisen sagen’s) sich bekleidend

Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt,

Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend,

Von Weihrauchtränen und Amomen nur,

In einer Hüll’ aus Nard’ und Myrrhe scheidend.

Und gleich wie der, der ohne Lebensspur

Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden,

Vielleicht auch, weil in ihn ein Dämon fuhr.

Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,

Und um sich schauend stöhnt, verwirrt,

Von großer Todesangst, die er empfunden;

So war der aufgestandne Sünder jetzt. –

Oh möge keiner Gottes Rach’ entzünden,

Der solche Streich’ in deinem Zorn versetzt!

Gebeten, seinen Namen zu verkünden,

Entgegnet’ er: "Ich bin seit kurzem hier,

Von Tuscien hergestürzt nach diesen Schlünden.

Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt’ als Tier,

Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte.

Und würd’ge Höhle war Pistoja mir."

Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:

"Er weicht uns aus – doch frag’ ihn: weshalb kam

Er hierher, da er stets von Blutdurst brannte?"

Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,

Und Geist und Angesicht mir zugewendet,

Begann er nun, gedrückt von trüber Scham:

"Mehr schmerzt mich’s, daß dein Schicksal dich gesendet,

Um mich in diesem Jammerstand zu schau’n,

Als daß ich oben meinen Lauf geendet.

Doch was du fragtest, muß ich dir vertrau’n:

Daß ich im Heiligtum zu stehlen wagte,

Hat mich herabgestürzt in tiefres Grau’n.

Drob litten manche fälschlich Angeklagte. –

Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreu’n,

Kommst du je fort von hier, wo’s nimmer tagte.

Drum hör’, um jetzt dein Hierein zu bereu’n:

Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,

Und dann Florenz so Volk als Sitt’ erneu’n.

Aus Nebeln, die auf Magras Tale lagen,

Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus,

Und Sturme tosen dann und Blitze schlagen

Auf dem Picener Feld im wilden Strauß,

Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken,

Und alle Weißen flieh’n in Angst und Graus.

Dies aber sagt’ ich dir, um dich zu kränken."“

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap024.html

 

Florenz wird beschimpft

 

„Erfreue dich, Florenz, du bist so groß,

Daß du zu Land und Meer die Flügel schwingest,

Und selbst dein Nam’ erklingt im Höllenschoß.

Fünf deiner Bürger fand ich – also zwingest

Du mich zur Scham – den Dieben beigefügt,

Wodurch du dir nicht größern Ruhm erringest.

Doch wenn, was man am Morgen träumt, nicht lügt,

So wirst du großes Unglück bald empfinden,

Und Prato selbst, so nah dir, sieht’s vergnügt.

War’s jetzt, nicht würde man’s zu zeitig finden,

So, da’s nun einmal sein muß, war’s jetzt doch.

Denn, älter, werd’ ich’s schwerer nur verwinden.“

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap026.html

 

Genua wird beschimpft

 

„Genua, Feindin jeder Sitt’ und Pflicht,

Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen,

Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht?

Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen

Der euren einen, für sein Tun belohnt,

Die Seel’ in des Kozytus Eis verschlossen,

Des Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.“

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap033.html

 

Auch Logiker sind in der Hölle

 

„Franz wollte, wie ich starb, sein Amt verwalten,

Mich heimzuführen, doch ein Teufel kam

Und sprach: Halt ein, denn den muß ich erhalten.

Er kommt mit mir hinab zu ew’gem Gram,

Weil ich, seitdem er jenen Trug geraten,

Ihn bei dem Haar als meine Beute nahm.

Wer Ablaß will, bereu’ erst seine Taten.

Doch wer bereut und Böses will, der muß

Wohl mit sich selbst in Widerspruch geraten.

Ach! wie ich zuckt’ in Schrecken und Verdruß,

Als er mich faßt’ und, mich von dannen reißend,

Sprach: Meintest du, ich sei kein Logikus?

Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend

Den harten Rücken, bei dem achten Mal

Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beißend:

Der wird der Flamme Raub im achten Tal!

Und also ward ich von dem Schlund verschlungen

Und geh’ im Feuerkleid zu ew’ger Qual."

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap027.html

 

Der neunte Graben mit den Sündern, die Zwietracht säten; ihre Körper sind zur Strafe zerschlitzt

 

„Wer könnte je, auch mit dem freisten Wort,

Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,

Erzählt’ er auch die Kunde fort und fort.

Jedwede Zunge muß den Dienst versagen,

Da Sprach’ und Geist zu eng und schwach erscheint,

So Schreckliches zu fassen und zu tragen.

Und wäre das gesamte Volk vereint,

Das Puglien, das verhängnisvolle, hegte,

Dies Land, das einst die blut’ge Schar beweint,

Die Rom und jener lange Krieg erlegte,

Wo man so große Beut’ an Ringen fand,

Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte,

Vereint mit dem, das harte Schläg’ empfand,

Weil’s gegen Robert Guiscard ausgezogen;

Mit dem, des Knochen modern, dort im Land

Bei Ceperan, wo Pugliens Schar gelogen;

Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard,

Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen;

Und zeigte, wie es dort verstümmelt ward,

Sich jedes Glied, nicht war’ es zu vergleichen

Mit dieses neunten Schlundes Weis’ und Art.

Ein Faß, von welchem Reif und Dauben weichen,

Ist nicht durchlöchert, wie hier einer ging,

Zerfetzt vom Kinn bis zu Gefäß und Weichen,

Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring

Gedärm und Eingeweid’, wo sich die Speise

In Kot verwandelt, samt dem Magen hing.

Ich schaut’ ihn an und er mich gleicherweise,

Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf

Und sprach zu mir: "Sieh, wie ich mich zerreiße!

Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf!

Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten

Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf.

Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten,

Dort Ärgernis und Trennung ausgesät,

Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.

Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,

Er ist’s, der jeglichen zerfetzt und schändet,

Mit scharfem Schwert, der dort vorübergeht,

Wenn wir den schmerzensvollen Kreis vollendet;

Weil jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,

Eh’ unser Lauf zu ihm zurück sich wendet.

Doch wer bist du, der dort herniedergafft?

Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden,

In welche Klag’ und Urteilsspruch dich schafft?"

"Er ist nicht tot, noch hergeführt von Sünden,"

So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein,

"Doch soll er, was die Höll’ umfaßt, ergründen,

Und ich, der tot bin, soll sein Führer sein.

Drum führ’ ich ihn hinab von Rund’ zu Runde,

Und Glauben könnt ihr meinem Wort verleih’n."

Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde,

Nach mir hinblickend, still verwundert stehn,

Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde.

"Du wirst vielleicht die Sonn’ in kurzem sehn,

Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,

Eh’ ihn der Schnee belagert, sich versehn,

Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.

Allein vollbringt er, was ich riet, so muß

Novaras Heer ihn lang’ umsonst umkreisen."

Zum Weitergehn erhoben einen Fuß,

Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele,

Und setzt’ ihn hin und ging dann voll Verdruß.

Dann sah ich einen mit durchbohrter "Kehle,

Die Nase bis zum Auge hin zerhau’n,

Und wohl bemerkt’ ich, daß ein Ohr ihm fehle.

Und staunend sah auf mich dies Bild voll Grau’n

Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre,

Von außen rot und blutig anzuschau’n.

"Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre,

Den ich bereits im Latierlande sah,

Wenn ich durch Ähnlichkeit mich nicht betöre,

"Kommst du den schönen Ebnen wieder nah,

Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,

So denk’ an Pier von Medicina da.

Du magst den Besten Panos nicht verschweigen,

Dem Guid und AngioIeII, daß, wenn nicht irrt

Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen,

Nah bei Cattolica, schlau angekirrt,

Vom schändlichsten der Wüteriche verraten,

Das edle Paar ersäuft im Meere wird.

Noch nimmer hat Neptun so schnöde Taten

Von Zypern bis Majorka hin geschaut,

Von Griechenscharen nicht, noch von Piraten.

Der Bub’, auf einem Aug’ von Nacht umgraut,

Jetzt Herr des Lands, von welchem mein Geselle

Hier neben wünscht, er hätt’ es nie erschaut,

Ruft sie als Freund und tut an jener Stelle

So, daß sie nicht Gelübd’ tun, noch sich scheu’n,

Wie wild der Wind auch von Focara schwelle."

Drauf ich: "Soll dein Gedächtnis sich erneu’n,

So magst du dich zu sagen nicht entbrechen,

Wer muß den Anblick jenes Lands bereu’n?"

Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,

Nach eines andern Kiefer hin und schrie:

"Sieh her, der ist’s, allein er kann nicht sprechen,

Er, der verbannt, einst Cäsarn Mut verlieh,

Und alle seine Zweifel scheucht’, ihm sagend:

"Dem ’Kampfbereiten fromme Zögern nie."

O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend,

Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand,

Die Zung’, einst kühn und eilig alles wagend –

Und abgeschnitten die und jene Hand,

Stand einer, in die Nacht die Stümpf erhoben,

Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt,

Und rief: "Denkt man des Mosca noch dort oben?

Ich bin’s, der meine Hand zum Morde bot,

Ob des jetzt Tuscien die Partei’n durchtoben."

"Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!"

Setzt’ ich hinzu – und, häufend Grau’n auf Grauen,

Zog er davon in höchster Angst und Not.

Ich aber blieb, die andern anzuschauen,

Und was ich sah, so furchtbar und so neu,

Nicht wagt’ ich’s unverbürgt euch zu vertrauen,

Fühlt’ ich nicht mein Gewissen rein und treu,

Dies gute feste Schild, den sichern Leiter,

Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu.

Ich sah – noch ist dies Schreckbild mein Begleiter –

Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schar

Von Unglücksel’gen in der Tiefe weiter.

Er hielt das abgedchnittne Haupt beim Haar

Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen

Und seufzte tief, wie er uns nahe war.

So kam er eins in zwei’n dahergegangen

Und leuchtet’ als Laterne sich mit sich –

Wie’s möglich, weiß nur der, der’s so verhangen.

Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich,

Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen,

Den Arm zusamt dem Haupte gegen mich,

Und sprach: "Hier sieh die schrecklichste der Plagen!

Du, der du atmend in der Höll’ erscheinst,

Sprich: Ist wohl eine schwerer zu ertragen?

Jetzt horch, wenn du von mir zu künden meinst;

Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,

Dem König, gab ich bösen Ratschlag einst,

Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen,

Wie zwischen David einst und Absalon,

Durch Ahitophel Fehden sich entspannen.

Mein Hirn nun muß ich zum gerechten Lohn

Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen,

Weil ich getrennt den Vater und den Sohn,

Und so, wie ich getan, ist mir geschehen."“

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap028.html

 

Die Seligen singen das Lied zu Ehren der Trinität; Petrus hält die Strafrede gegen die neuen Päpste

 

„Dem Vater, Sohn und Heil’gen Geiste fang

Das ganze Paradies; ihm jubelt’ alles,

So daß ich trunken ward vom süßen Klang.

Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles,

Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit

Durch Aug’ und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.

O Lust! O unnennbare Seligkeit!

O friedenreiches, lieberfülltes Leben!

O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid!

Ich sah vor mir die Feuer glühend Schweben,

Und das der vier, das erst gekommen war,

Sah ich in höherm Glanze sich beleben.

Und also stellt’ es sich den Blicken dar,

Wie Jupiter, nahm’ man an seinen Gluten

Das hohe Rot des Marsgestirnes wahr.

Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten,

Des Vorsicht dort verteilet Pflicht und Amt,

Daß aller Sel’gen Wonnechöre ruhten.

Da hört’ ich: "Siehst du höher mich entflammt,

So staune nicht – bei meinen Worten werden

Sich diese hier entflammen allesamt.

Der meines Stuhls sich anmaßt dort auf Erden,

Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt itzt wacht,

Vor Christi Blick, zum Schutze seiner Herden,

Hat meine Grabstatt zur Kloak’ gemacht

Von Blut und Stank, drob der zu ew’gen Qualen

Einst von hier oben fiel, dort unten lacht."

 

https://www.projekt-gutenberg.org/dante/komoedie/chap094.html

 

Zum Schluss

 

Dante kann jeder!

Mensch suche sich eine Schar Menschen aus, die er in die Hölle stecken möchte. Dort suche er sich vielfältige Strafen aus. Dann begebe sich mensch auf einen imaginären Besuch in die von ihm selbst erschaffene Hölle, in der er jenen von ihm dort Hineingesteckten begegnet und sich mit ihnen über ihr gerechtes Schicksal unterhält.

Danach begebe er sich in das von ihm selbst geschaffene Paradies. Es sei mensch freigestellt, ob und wen er dorthin mitnimmt und was er dort macht.

 

Der Wurm wird sich heute abend mit einigen Bewohnern des Erdreichs im selbst geschaffenen Paradies treffen. Dort werden wir nicht weiterlesen.

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm

 

 

Das Böse verlachen

- Satire, Realsatire, ernst Gemeintes -

 

11. September – Wochenkommentar von Ferdinand Wegscheider

„Alles Verschwörung!“ - Im neuen Wochenkommentar geht es heute um einen Appell, sich keine Sorgen zu machen! Die Regierung hat alles perfekt im Griff und wenn alle Bürger den Politikern und den wichtigsten Medien vertrauen, finden wir einen sicheren Weg aus dieser Krise!!!

https://www.servustv.com/aktuelles/v/aa-289pz8hd51w11/

 

Swingerclub zur scharfen Koalition | Da treibt es doch jeder mit jedem | Strippenzieher

https://de.rt.com/programme/strippenzieher/123832-swingerclub-zur-scharfen-koalition-da/

 

99 IMPFTERMINE - Intermezzo des Tages #18 - Alien's Best Friend - Satire – Nena

https://www.youtube.com/watch?v=hPu42zprYSs

 

DAS FOTO, DAS 1918 DIE MASKENPFLICHT BEENDETE! TUCKER CARLSON, FOX NEWS DE SYNCH

https://www.bitchute.com/video/pypfOL5YJoCN/

 

ES IST DOCH NUR... HOFFENTLICH EINE VERSCHWÖRUNGSTHEORIE!

https://www.bitchute.com/video/AF5vCAKr53j6/

 

#allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownfürimmer: Gianna Valentina Bauer

https://www.youtube.com/watch?v=jPiNe1QMzi0

 

Steimles Aktuelle Kamera / Ausgabe 38

https://www.youtube.com/watch?v=qmTGHtvQ3ew

 

Rima-Spalter mit Marco Rima: Es gibt keine dummen Fragen. Ber-set gibt es nur gute Antworten.

https://www.youtube.com/watch?v=J1pbsCA0Rkg

 

HallMack Wieler und die Zahlen

https://www.frei3.de/post/d20c498a-2fda-4016-9726-7f897e8ef2b8

 

HallMack Pfälzerlied

https://www.frei3.de/post/41aec2b7-1b29-4603-ba6f-fd42c980025c

 

HallMack Licht aus in Dresden

https://www.frei3.de/post/06e14fb1-938c-4eb4-9352-760e4eed053e

 

HallMack Europäische Arbeitslosenversicherung

https://www.frei3.de/post/cc53b091-0d27-4d62-97f2-12b0a29f4f95