Am 24. Dezember wurde Alan Turing von der englischen Königin begnadigt. Da er seit knapp 60 Jahren tot ist, hat er keinen sonderlichen Nutzen davon. Die Bewohner des Erdreichs fragen sich: wer war dieser Alan Turing, welches war sein Verbrechen und warum wurde er begnadigt?

Alan Turing war ein mathematisches Genie und Wegbereiter des Computer-Zeitalters. Nach ihm benannt sind der Turing Award, die bedeutendste Auszeichnung in der Informatik, sowie der Turing-Test zum Nachweis künstlicher Intelligenz.

Die heutige Welt würde ohne Alan Turing sehr viel anders aussehen, denn er war maßgeblich an der Entschlüsselung der deutschen Verschlüsselungs-Maschine ENIGMA im 2. Weltkrieg beteiligt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Enigma_(Maschine)

Nachdem polnische Kryptologen unter Marian Rejewski entscheidende Vorarbeit geleistet hatten, gelang es dem englischen Team um Alan Turing ab 1940, ENIGMA zu knacken und damit den gesamten deutschen Nachrichtenverkehr zu überwachen (ohne dass die Deutschen das wussten).

Das war sehr, sehr hilfreich und möglicherweise sogar kriegsentscheidend. Für einen Wurm heisst das zweierlei: Menschen mit Muskeln und Hau-Drauf-Mentalität mögen sich noch so sehr inszenieren – deutlich wichtiger (auch und erst recht in Extremsituationen wie Kriegen) sind solche, die was im Kopf haben. Eine Stenotypistin, die einen Funkspruch abfängt, ist wichtiger als 10 Machos, die wild in der Gegend rum ballern.

http://www.youtube.com/watch?v=RYbTeqRs5fA
http://www.youtube.com/watch?v=rtilXsjlWCA

Und: die Menschheit wird hauptsächlich von solchen Leuten voran gebracht, die etwas „verrückt“ sind (Turing war reichlich extrovertiert) und die Fähigkeit haben, etwas abseits des Normalen denken zu können.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83504613.html

Alan Turing hat also für sein Land Großbritannien (und nicht nur für das) eine überragend große Bedeutung und es ist ihm zu unendlichem Dank verpflichtet. Wurden ihm Kränze geflochten oder Denkmäler gesetzt?

Nein, ihm wurde wg. „grober Unzucht und sexueller Perversion“ der Prozess gemacht. Was war geschehen? Hatte er etwa kleine Jungs hinter die Büsche gelockt? Um „Wikipedia“ zu zitieren:

„1952 half der 19-jährige Arnold Murray, zu dem Turing eine gleichgeschlechtliche Beziehung hatte, einem Komplizen dabei, in Turings Haus einzubrechen. Turing meldete daraufhin einen Diebstahl bei der Polizei, die ihm als Folge der Ermittlungen eine sexuelle Beziehung zu Murray vorwarf. Da homosexuelle Handlungen zu dieser Zeit – wie in den meisten anderen (westlichen) Ländern – auch in England strafbar waren, wurde Turing wegen „grober Unzucht und sexueller Perversion“ angeklagt. Turing sah keinen Anlass, sich wegen dieser Vorwürfe zu rechtfertigen.

Nach seiner Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe wurde er vor die Wahl gestellt, die Haftstrafe anzutreten oder, da zu seiner Zeit Homosexualität von weiten Teilen der Psychiatrie als Krankheit angesehen wurde, sich behandeln zu lassen. Er entschied sich für die psychiatrische Behandlung, zu der auch eine medikamentöse Behandlung mit dem Hormon Östrogen gehörte. Östrogen wurde eine triebhemmende Wirkung zugeschrieben. Diese dauerte ein Jahr und führte zu Nebenwirkungen wie der Vergrößerung der Brustdrüse. Auch wenn er seine körperlichen Veränderungen mit Humor kommentierte, muss die Verweiblichung seiner Konturen den sportlichen Läufer und Tennisspieler schwer getroffen haben. Turing erkrankte an einer Depression.

1954 starb Turing, wahrscheinlich durch Suizid, an einer Cyanidvergiftung, dem Anschein nach von einem vergifteten Apfel herrührend, den man halb aufgegessen neben ihm auffand.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Turing

Noch einmal: Verurteilung wg. etwas, das niemandem Schaden zugefügt hat und das in den eigenen vier Wänden statt fand. Von einem Gericht in einem Land, das es ohne ihn vielleicht so gar nicht mehr geben würde.

Wozu gesagt werden muss, dass es sich um kein Fehlurteil handelte – die Gesetze waren so: von 1885 bis 1967 wurden in Großbritannien ca. 49.000 Männer wg. Homosexualität verurteilt.

Um wieder „Wikipedia“ (mit deutschem Schwerpunkt) zu zitieren:

„Bis zur Reform des § 175 im Jahr 1969 arbeitete die Polizei dabei mit Spitzeln in der schwulen Subkultur und geheimen Rosa Listen, auf denen zahlreiche Namen von homosexuellen Männern verzeichnet waren. Da Homosexualität verfolgt und bis in die 1970er Jahre als psychische Erkrankung diagnostiziert wurde, konnten Homosexuelle auch auf unbestimmte Zeit freiheitsentziehend in einer forensischen Psychiatrie untergebracht werden. Ein Beispiel ist die „Behandlung“ des britischen Mathematikers und Computerpioniers Alan Turing im Jahr 1952, der wenig später starb, wahrscheinlich durch Suizid.“

Im selben Artikel steht, dass während der Zeit des Nationalsozialismus 10.000 bis 15.000 homosexuelle Männer in Konzentrationslager verschleppt wurden und über die Hälfte von ihnen dort zu Tode kam.

http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexuelle#Geschichte

Mensch muss sich das mal vorstellen, was es heisst, als Homosexueller unter diesen angeblich so „zivilisierten“ Europäern gelebt zu haben. Ein Leben in ständiger Furcht ohne irgend jemandem etwas zuleide getan zu haben, ohne irgend etwas von irgend jemandem zu wollen.

Viele wählten Scheinehen, um sich den Anschein von einem halbwegs bürgerlichen Leben zu geben. Es war ja gesellschaftlich akzeptiert bis „normal“, als Mann Alkoholiker zu sein oder Frau und Kinder zu verprügeln. Aber etwas anderes als die festgelegte „Normalität“ zu machen oder auch nur verdächtig zu sein – nein, das war gar nicht gut.

Der Wurm hört schon das Gerede von „ollen Kamellen“. So lange ist das noch gar nicht her: Im Jahr der Anklage Turings war schon jene Frau Königin, die ihn letzte Woche begnadigte.

Und wer glaubt, Homosexuelle hätten heute keine Benachteiligungen zu erdulden, setzt sich dem Verdacht aus, auf einem fernen Planeten zu leben. Da reicht es schon, wenn im Lebenslauf das Wort „ledig“ steht. Es dürfte auch schwer fallen, trotz geeigneter Qualifikation hohe Führungs-Positionen zu ergattern. Ein Homosexueller im Vorstand etwa eines Versicherungs-Unternehmens? Nicht sehr wahrscheinlich.

Mensch höre sich mal an, was etwas einfacher strukturierte Menschen über bekannte homosexuelle Politiker sagen: das hört sich gar nicht gut an. Nicht auszuschließen, dass sich in mehr oder weniger naher Zukunft der Wind dreht und die Hatz von Neuem beginnt.

Die Einsicht vieler, dass Homosexuelle auf Grund ihrer Homosexualität als „normale Menschen“ zu betrachten sind, beruht nicht auf so etwas wie „Logik“, sondern auf jahre- und jahrzehntelanger Öffentlichkeitsarbeit.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/alan-turing-queen-begnadigt-homosexuellen-informatik-pionier-a-940758.html

Die Königin, in deren Namen Alan Turing verurteilt wurde, ist nach 60 Jahren leider auch nicht von selbst zur Einsicht gelangt, dass der „Retter der Nation“ begnadigt werden sollte. Es brauchte dazu viele Jahre unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit hauptsächlich von Wissenschaftlern, Homosexuellen und britischen Patrioten. Ohne diese Öffentlichkeitsarbeit geht nichts.

Die spinnen, die Menschen!