Zur Zeit läuft in den Kinos Roman Polanskis Meisterwerk „Venus im Pelz“ nach der gleichnamigen Novelle von Leopold von Sacher-Masoch.

http://www.youtube.com/watch?v=ztasskFNOac

Es handelt sich um zwei Personen in einem Raum. Den ganzen Film über. Und es wird nie langweilig. Zumindest nicht für diejenigen, die die Fähigkeit haben, zuhören zu können. Also nichts für die Halligalli-Truppe. Dafür umso mehr für Hans Has, unseren Filmexperten, mit dem Rupert Regenwurm im Kino war.

Die Kritik spricht von „Geschlechterkampf“ und dass abwechselnd sie oder er die Oberhand hätten. Hans Has und der Wurm sehen das etwas anders: sie allein bestimmt, was gespielt wird und wo es lang geht. Sie weiss es spätestens dann, als er sich auf ihr Spiel einlässt (in dem Moment, in dem er ihr das Theater-Kleid schließt). Für ihn kommt der Moment mit den ersten Sätzen, die sie vorspricht. Da weiss er zwar noch nicht, was auf ihn zukommt, aber er weiss, das ist genau die Frau, die er wollte: verführerisch und gefährlich zugleich.

http://www.youtube.com/watch?v=ZiVi7-msI_E

Eine Frau, die nicht als Objekt agiert, sondern als Subjekt und die alle Register zieht: von der Schlampe über die Emanze zur Diva und Göttin zugleich setzt sie ihm zu.

Dass es sich nicht um eine „normale“ Frau handelt, könnte mensch darin sehen, dass sie vor dem Theater weder zu sehen noch zu hören ist. Es könnte genauso gut ein zarter Windhauch sein, der zum Theater kommt. Die Türen des Theaters öffnen sich wie von Geisterhand. Und dann steht sie da und bestimmt von nun an die Handlung. Zum Schluss das gleiche: die Türen schließen sich und der Windhauch entfernt sich vom Theater.

Der Abspann zeigt die berühmtesten nackten Göttinnen der Kunstgeschichte. Entweder „richtige“ Göttinnen oder Frauen, die der jeweilige Maler für sich zur Göttin erhoben hat.

Sehr wahrscheinlich handelt es sich um die Liebesgöttin Venus selbst (bzw. die Frau als solche), die den armen Roman Polanski erst um den Verstand bringt und ihn zum Schluss zur lächerlichen Figur macht und ihn für alle sichtbar an den Pranger stellt.

Der Schauspieler sieht dem Regisseur Roman Polanski ähnlich. Und Roman Polanski saß wg. Vergewaltigung einer 13-jährigen unter Verwendung betäubender Mittel im Jahr 1977 in den USA im Gefängnis und kann seitdem nicht mehr in die USA einreisen aus Furcht, wieder ins Gefängnis gesteckt zu werden. Zuletzt machte er Schlagzeilen, als er wg. eines internationalen Haftbefehls über diesen Vorfall in der Schweiz festgenommen wurde. Dort saß er erst im Gefängnis und hatte dann einen elektronisch überwachten Hausarrest, bis er schließlich 2010 frei gelassen wurde.

http://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Pola%C5%84ski

Besonders über den Film hat sich Babette Bücherwurm gefreut, da sie ein großer Freund von Leopold von Sacher-Masoch ist. Obwohl sie andere Stücke von ihm lieber hat, mag sie auch „Venus im Pelz“.

Hier sollte mensch berücksichtigen, dass die „Venus im Pelz“ in sein Monumental-Werk „Das Vermächtnis Kains“ eingebettet ist. Verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens werden aus mehreren Blickrichtungen mit jeweils 6 Novellen beleuchtet, unter anderem der extremen und der idealen. Fertig gestellt hat er leider nur „Das Eigentum“ und „Die Liebe“, wobei „Venus im Pelz“ der extreme Teil der „Liebe“ ist.

Mit der „Venus im Pelz“ ist nicht nur die Angebetete gemeint, sondern auch die antike Göttin, die im kalten Nordeuropa von den Menschen des 19. Jahrhunderts ihrer Natürlichkeit beraubt ist. Hier ein Auszug einer Traumsequenz am Anfang der Novelle:

„‚Ihr nehmt im Norden die Liebe überhaupt zu wichtig und zu ernst. Ihr sprecht von Pflichten, wo nur vom Vergnügen die Rede sein sollte.‘

‚Ja, Madame, wir haben dafür auch sehr achtbare und tugendhafte Gefühle und dauerhafte Verhältnisse.‘

‚Und doch diese ewig rege, ewig ungesättigte Sehnsucht nach dem nackten Heidentum‘, fiel Madame ein, ‚aber jene Liebe, welche die höchste Freude, die göttliche Heiterkeit selbst ist, taugt nicht für euch Modernen, euch Kinder der Reflexion. Sie bringt euch Unheil. Sobald ihr natürlich sein wollt, werdet ihr gemein. Euch erscheint die Natur als etwas Feindseliges, ihr habt aus uns lachenden Göttern Griechenlands Dämonen, aus mir eine Teufelin gemacht. Ihr könnt mich nur bannen und verfluchen oder euch selbst in bacchantischem Wahnsinn vor meinem Altar als Opfer schlachten, und hat einmal einer von euch den Mut gehabt, meinen roten Mund zu küssen, so pilgert er dafür barfuß im Büßerhemd nach Rom und erwartet Blüten von dem dürren Stock, während unter meinem Fuße zu jeder Stunde Rosen, Veilchen und Myrten emporschießen, aber euch bekömmt ihr Duft nicht; bleibt nur in eurem nordischen Nebel und christlichen Weihrauch; laßt uns Heiden unter dem Schutt, unter der Lava ruhen, grabt uns nicht aus, für euch wurde Pompeji, für euch wurden unsere Villen, unsere Bäder, unsere Tempel nicht gebaut. Ihr braucht keine Götter! Uns friert in eurer Welt!‘“

Der Großneffe Alexander von Sacher-Masoch schrieb über Leopold im Jahre 1928:

„Ein Name, der irgendwie verwandt ist mit Namen wie Oscar Wilde, Gilles de Rais und de Sade. Ein Name, dessen Träger ein Spiel spielte um hohen Preis, einen Kampf kämpfte gegen Enge, Konvention, Selbstüberhebung, Lüge – gegen seine Zeit. Dämmerung fiel auf ihn, der die Fackel neuer Ideen trug, die Schleier abriß und das wahre Antlitz einer Epoche erbarmungslos entblößte: ‚Seht, Brüder, so sind wir, dies muß ich euch zeigen und auch dies, damit es nicht mehr ungekannt in euch lauert. Gefährlich ist das Ungekannte. Und darum müssen wir alle Tiefen enthüllen, was uns feind, klar erkennen, eigenes Urteil gewinnen, eigene Moral bauen, eigenes Leben leben.‘“

Zur „Venus im Pelz“ sollte mensch wissen, dass im Stück keine Sexszenen geschildert werden. Es gibt deutlich mehr philosophische als erotische Momente.

Die Menschen scheint das nicht zu interessieren, dafür umso mehr den Bücherwurm und den Regenwurm: es gibt mehrfach komische Situationen, als der Held der Geschichte den Diener spielen muss. Zum Beispiel, wenn er in einer kalten Dienstwohnung einquartiert wird:

„‚Das Leben ist doch urkomisch‘, dachte ich mir, ‚vor kurzem hat noch das schönste Weib, Venus selbst, an deiner Brust geruht, und jetzt hast du Gelegenheit, die Hölle der Chinesen zu studieren, welche die Verdammten nicht, gleich uns, in die Flammen werfen, sondern durch die Teufel auf Eisfelder treiben lassen. Wahrscheinlich haben ihre Religionsstifter auch in ungeheizten Zimmern geschlafen.‘“

Der wahre Sinn der Geschichte erschließt sich erst auf den letzten Seiten. Der Sklave Severin wird durch 2 Dinge von seiner Leidenschaft kuriert: durch das Extreme bis ins Letzte (vom Liebhaber der Angebeteten ausgepeitscht zu werden) und durch – Arbeit. Der Müßiggänger Severin muss sich um das väterliche Gut kümmern und kommt dadurch gar nicht mehr auf solche Ideen.

Sacher-Masoch legt ihm noch folgende Sätze in den Mund: „Dass das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine Despotin sein kann, nie aber seine Gefährtin. Dies wird sie erst dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.“

Durch die Schilderung des Extremen wird klar, worauf Sacher-Masoch raus will: Gleichberechtigung, Bildung, Arbeit. Letztendlich handelt es sich um einen Frauenversteher, der in der konservativen Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts naturgemäß viele Feinde hatte.

Zu diesen Feinden zählte der dem mächtigen „Bund der Antifeministen“ nahe stehende Psychiater und Gerichtsmediziner Richard Freiherr von Krafft-Ebing. Der klassifiziert sexuelle Gewohnheiten und erfindet im Jahr 1886 den Begriff „Masochismus“ (durch Erleiden von Schmerz wollüstiges Erregtwerden). Zur Empörung von Sacher-Masoch. Und das zu Recht. Auch wenn der Begriff griffig ist und man leicht nachvollziehen kann, worum es geht: Sacher-Masoch lebte noch und das war eindeutiger Rufmord. Sacher-Masoch war ab jetzt als „Perverser“ abgestempelt, für den sich bis zu seinem Tod 1895 nur noch wenige interessiert haben.

Zu seiner Zeit einer der meist gelesenen Schriftsteller, wurde und wird er meist auf die „Venus im Pelz“ reduziert, die oft auch noch falsch verstanden wird.

Hier eine Hommage an ihn von einem „Masochisten“:

Ich bin ein Masochist

In aller Munde und doch vergessen: Leopold von Sacher-Masoch

Tatsächlich habe ich eine kleine sadistische Ader: Seit Wochen stelle ich mir die Panik in den Gesichtern der RC-Redaktion vor, wenn sie die Überschrift sehen. Man möge mir verzeihen und sich eine angemessene Strafe für mich ausdenken :-)

Nun ernsthaft: Zur Einstimmung meiner letztjährigen Reise in die Ukraine hatte ich mir ein „Ukraine-Lesebuch“ besorgt mit Gedichten und Kurzgeschichten von Autoren aus dem Gebiet der heutigen Ukraine. Mit Abstand am Besten gefallen hat mir eine Geschichte von Leopold von Sacher-Masoch („Der Besuch beim Wunderrabbi von Sadagora“), von dem ich bislang angenommen hatte, dass er ein Schreiber von eher schlüpfrigen Sachen gewesen sei. Der Ausdruck „Masochismus“ geht ja auf ihn zurück. Neugierig geworden, bestellte ich mir den Sammelband „Der Judenraphael“, war völlig begeistert und beschäftigte mich etwas näher mit ihm. Hier das Resultat.

Galizien

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich das gebildete Europa mit Galizien. Vor allem Martin Buber, Joseph Roth, Soma Morgenstern, Manes Sperber und Mascha Kaleko machten es bekannt.

Auslöser und gleichzeitig Höhepunkt dieser „Welle“ war jedoch ein anderer: Leopold von Sacher-Masoch. 1836 als Sohn des österreichischen Polizeikomissars von Lemberg und einer adeligen Ruthenin (Ukrainerin) auf die Welt gekommen, zum großen Teil von einer ruthenischen Amme erzogen, lernte er das galizische Vielvölkergemisch schon in seiner Kindheit über alles lieben.

Kraftvoll und psychologisch genau stellt er in seinen Geschichten die handelnden Personen dar und seine Naturschilderungen der galizischen Steppe begeistern noch heute.

Der Judenraphael

Besonders exotisch und „attraktiv“ in einer für den Mitteleuropäer ungewohnten Welt war die Bevölkerungsgruppe der galizischen Juden. Spätere Welterfolge wie das Musical „Anatevka“ oder der Musikfilm „Yentl“ zeugen davon.

Literarisch herausragend und mit weitem Abstand am Besten sind hierzu Sacher-Masochs Werke. Wärmstens ans Herz legen möchte ich allen folgendes Buch:

Der Judenraphael. Geschichten aus Galizien

Berlin, Verlag Volk und Welt 1989

Hier handelt es sich um ein Buch mit einigen der besten jüdischen Geschichten von Sacher-Masoch:

- Die jüdischen Sekten in Galizien

- Der alte Pfarrer

- Der Judenraphael

- Der Dalles des roten Pfeffermannes

- Hasara Raba

- Der Iluj

Der Großvater mütterlicherseits, Franz von Masoch, war Professor der Medizin und angeblich der erste christliche Arzt, der ins Ghetto von Lemberg ging und dort den Menschen half. Seinen Enkel Leopold nahm der bei den Juden hoch angesehene Arzt häufig mit und so lernte dieser Sitten und Gebräuche der Juden kennen und schätzen.

Was beim Sammelband des „Judenraphael“ beeindruckt, sind die liebevollen Details, die man über das jüdische Alltagsleben erfährt (auch wer sonst gut über jüdisches Leben informiert ist, wird noch mehrere Sachen erfahren, die er bisher nicht gekannt hat), aber gleichzeitig auch der Realismus – Sacher-Masoch beschönigt nichts. Und genau das macht seine "Judengeschichten" so interessant.

Meines Wissens ist er überhaupt der erste in der deutschen Literatur, der das jüdische Leben zum Thema hat.

Je mehr Zeit vergeht, umso stärker wird der Antisemitismus in Europa, gerade gegen die galizischen Juden. Um dem entgegenzutreten, schreibt Sacher-Masoch weitere jüdische Geschichten. Das ist löblich, man lernt weitere jüdische Sitten und Verhaltensweisen kennen, aber die Charaktere werden als so gut und edel dargestellt, dass es zumindest literarisch nicht viel bringt.

Sein Großneffe Alexander Sacher-Masoch schreibt später über ihn: „Er war zeitlebens überzeugter Philosemit, hat für die Juden gestritten in einer Zeit, als Abkömmlingen dieser Rasse in den östlichen Ländern noch keinerlei Möglichkeit einer geistigen Entfaltung und kein öffentlicher Beruf offenstand. Hat für sie gekämpft, obwohl er viel darum befehdet wurde, als Christ, und ich kann wohl sagen, als einziger Christ seiner Zeit.“

Der Iluj

Sehr gut charakterisieren lässt sich Sacher-Masoch durch den „Iluj“, der manchmal auch als „Der Ilau“ geschrieben ist. Ein Iluj ist ein besonders hervorragender Gelehrter. Und das ist auch der Held in der Geschichte. Keiner kennt sich in jüdischer Religion und Tradition so gut aus wie dieser Stubenhocker, der den ganzen Tag mit Lesen zubringt. Eines Tages wird er mit den aufkommenden Naturwissenschaften konfrontiert, macht selbständige Beobachtungen und Forschungen. Das ist gegen Religion und Tradition. Aber nachdem er erkannt hat, dass diese sich mit Wahrheit und Logik nicht vereinbaren lassen, verwirft er diese und damit sein bisheriges Leben.

Später, als Professor an der Universität, wird er genötigt, auch hier sich gegen die Rationalität zu wenden („für den Staat gefährliche Gedanken“). Auch hier werden sämtliche Geschütze aufgefahren, ihn zur Umkehr zu bewegen bis hin zum Verlust der Arbeit und der Trennung seiner Frau.

Lieber verzichtet er auf alles, was ihm lieb und teuer, als mit der Lüge zu leben. Er muss tatsächlich auf alles verzichten und wird auch noch ins Irrenhaus gesteckt.

In der Literatur gab es schon immer Leute, die sich gegen ihre Umgebung gewandt haben und ihr eigenes Ding gemacht haben, etwa mit dem Liebespartner durchgebrannt. Auf der Wahrheit zu beharren und damit den Rest der Welt gegen sich aufzubringen – da fällt mir kein Werk vor diesem ein, vor allem keines, das dermaßen fulminant daher kommt wie dieses. Wer selbst so drauf ist bzw. das Verhalten nachvollziehen kann, wird vom „Iluj“ vollauf begeistert sein.

Und so, wie ich Sacher-Masoch einschätze, gehe ich davon aus, dass er genau so war.

Eingesetzt hat er sich vor allem für folgende Punkte:

- Er war großer Freund der Juden

- Gleichberechtigung der Slawen innerhalb des Habsburger Reiches (Deutsche und Ungarn waren in der Verwaltung bevorzugt)

- Demokratie

- Vereinigte Staaten von Europa, Deutschland als Vermittler zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd

- über die allgemeine Wehrpflicht hin zu Pazifismus

- wissenschaftliches Denken

- Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern

- Bildung für alle

- Verteilung des Eigentums durch den Staat, also durch entsprechende Steuern und Abschaffung der Erbschaften – jeder soll davon leben, was er selbst erarbeitet hat

- jeder soll arbeiten: damit ist nicht unbedingt körperliche Arbeit gemeint; gerichtet ist das gegen Müßiggang, weil man aus Erbschaften schon genügend Geld hat bzw. bei Frauen aus höheren Schichten, für die Arbeit nicht vorgesehen ist, die nur zum Vergnügen des Mannes bzw. zum Dasein als Mutter vorgesehen sind

- letztendlich war er ein Freund vom Klartext: wenn man etwas verstehen oder ändern will, muss man es klar benennen ("Ueber den Werth der Kritik" ist da ein sehr schönes Beispiel dafür)

Venus und andere im Pelz

Für sich allein betrachtet, ist sein heute bekanntestes Werk „Die Venus im Pelz“ nicht „masochistisch“. Die dominante Frau und der arme „Sklave“ werden zwar psychologisch fein heraus gearbeitet, der wahre Sinn der Geschichte erschließt sich jedoch erst auf den letzten Seiten. Der Sklave Severin wird durch 2 Dinge von seiner Leidenschaft kuriert: durch das Extreme bis ins Letzte (vom Liebhaber der Angebeteten ausgepeitscht zu werden) und durch – Arbeit. Der Müßiggänger Severin muss sich um das väterliche Gut kümmern und kommt dadurch gar nicht mehr auf solche Ideen.

Sacher-Masoch legt ihm noch folgende Sätze in den Mund: „Dass das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine Despotin sein kann, nie aber seine Gefährtin. Dies wird sie erst dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.“

Durch die Schilderung des Extremen wird klar, worauf Sacher-Masoch raus will: Gleichberechtigung, Bildung, Arbeit.

Eingebettet ist die „Venus im Pelz“ in sein Monumental-Werk „Das Vermächtnis Kains“. Verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens werden aus mehreren Blickrichtungen beleuchtet, unter anderem der extremen und der idealen. Fertig gestellt hat er leider nur „Das Eigentum“ und „Die Liebe“.

Unter anderem auch deshalb, weil solche deftigen Sachen beim Publikum ankamen und der oft in Geldschwierigkeiten Steckende auch von seinen Verlegern genötigt wurde, weiter in die Richtung zu gehen und wenn auch nur noch eine Ohrfeige oder ein Fußtritt in die Geschichte eingebaut wurde.

Auffällig ist, dass Sacher-Masoch in seinen „seriösen“ Werken häufig die ideale Liebe, die ideale Beziehung darstellt. Am Anfang der Beziehung. Wie die Beziehung auseinander bricht und die Charaktere sich ändern, schildert er kurz, aber deutlich: Trennung aus materiellen Gründen („Der Kapitulant“), der Mann kümmert sich mehr um seine Geschäfte als um seine Frau („Mondnacht“), die Frau kümmert sich nur noch um die Kinder („Don Juan von Kolomea“), religiöser Wahn („Der Illuj“), Tradition („Der Judenraphael“).

Die Gegner

Sacher-Masoch lebte von 1836 bis 1895 und hatte folgende lautstarke Gegner:

- Antisemiten

- Deutsch-Nationale (Sacher-Masoch war Philosemit, Halb-Slawe und frankophil)

- Machos, die nicht wollten, dass Frauen in ihre Welt eindringen (wie der mächtige „Bund der Antifeministen“)

- Konservative („alles soll so bleiben, wie es ist“)

- Religiöse

- Kapitalisten

- „Schickliche“ („es mag ja bestimmte menschliche Verhaltensweisen geben, aber darüber soll man nicht schreiben“)

Viel Feind, viel Ehr' - immerhin ist er in seinem Vorwort zu "Das Eigentum" stolz darauf, "mit Richard Wagner und Bismarck zu dem bestgehassten und bestverleumdeten deutschen Trifolium zu zählen".

Zuschlechterletzt kommt auch noch der Psychiater und Gerichtsmediziner Richard Freiherr von Krafft-Ebing, klassifiziert sexuelle Gewohnheiten und erfindet im Jahr 1886 den Begriff „Masochismus“ (durch Erleiden von Schmerz wollüstiges Erregtwerden). Zur Empörung von Sacher-Masoch. Und das zu Recht. Auch wenn der Begriff griffig ist und man leicht nachvollziehen kann, worum es geht: Sacher-Masoch lebte noch und das war eindeutiger Rufmord.

Und er war ab jetzt als „Perverser“ abgestempelt, für den sich bis zu seinem Tod 1895 nur noch wenige interessiert haben.

Für seinen Biographen Carl Felix von Schlichtegroll war er der nach Goethe bedeutendste deutsche Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Ob er in einer hypothetischen Rangliste jetzt auf Rang 2 oder „nur“ auf Rang 5 stehen sollte – er war auf jeden Fall ein großer Schriftsteller und ein großer Mensch.

1901 schreibt von Schlichtegroll: „Die Schlussworte von Goethes ‚Geschichte Gottfriedens von Berlichingen‘ können auch auf Sacher-Masoch in Anwendung gebracht werden:

Edler, edler Mann! Wehe dem Jahrhundert, das

Dich von sich stieß!

Wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt.“

Leopold von Sacher-Masoch heute

Es wäre interessant zu wissen, wie die heutige Welt ohne den in seiner Zeit viel gelesenen Sacher-Masoch aussehen würde. Auffallend ist, dass vieles, wofür er gekämpft hat, heute Wirklichkeit geworden ist. Manche sehen ihn deshalb sogar als „Wegbereiter des 20. Jahrhunderts“.

Anerkannt Bedeutendes geleistet hat er für die Psychologie. Obwohl das Phänomen des „Masochismus“ aus der antiken Sagenwelt oder durch das sich-selbst-quälen aus religiösem Wahn heraus durchaus bekannt war, war Sacher-Masoch der erste, der dieses Phänomen exakt beschrieben hat.

Das Blöde ist, dass sich die Nachwelt auf das Sexuelle bei ihm fixiert und es kaum Arbeiten über sein sonstiges Werk gibt. In seiner Zeit hatte er großen Einfluss, der heute kaum gewürdigt wird, sein „Don Juan von Kolomea“ hat einen Wirbel verursacht, wie er seit Goethes „Werther“ nicht mehr war, mit den Geistesgrößen seiner Zeit war er befreundet.

Immerhin schreibt Adolf Opel in seinem ausführlichen und sehr guten Nachwort zum „Judenraphael“ im Jahre 1986: „Was Hamerling hier so naturnahe und befremdlich vorkommt … ist nichts anderes als eine Vorwegnahme des „Naturalismus“ in der Literatur. Ein vergleichender Blick auf die Chronologie des literarischen Schaffens im 19. Jahrhundert lässt erkennen, dass Sacher-Masoch den naturalistischen Milieustudien Zolas, Ibsens Auflehnung gegen gesellschaftliche Konventionen und Strindbergs Analysen des Kampfes der Geschlechter zuvorgekommen ist – ohne dass dies gebührend zur Kenntnis genommen wurde, hat doch der schillernde Reiz seiner „masochistischen“ Schriften alles andere überstrahlt. Auch seine Rolle als Wegbereiter für den psychologischen Roman des 20. Jahrhunderts wäre zu untersuchen.“

Außer der „Venus im Pelz“ werden kaum noch Bücher aufgelegt und wenn, dann in mehr oder weniger willkürlich zusammen gestellten Sammelbänden. Es gibt einige wenige Nachdrucke; wer ein „kindle“ hat, kann sich bei amazon kostenlos ein paar Sachen runter laden. Anbei habe ich einen link zum Antiquariat und zwei zum online lesen.

http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords=&author=Sacher-Masoch%2C+Leopold+von&title=&check_sn=on

http://www.projekt.gutenberg.de/autor/504

http://de.wikisource.org/wiki/Leopold_Ritter_von_Sacher-Masoch

 

http://www.geo.de/reisen/community/tipp/495288/Ich-bin-ein-Masochist

Und drei weitere Novellen zum Thema „Liebe“ zum selbst Lesen: „Don Juan von Kolomea“, „Der Capitulant“, „Mondnacht“.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/4332/1

http://gutenberg.spiegel.de/buch/4333/1

http://gutenberg.spiegel.de/buch/4331/1

Um auf den Film zurück zu kommen: Im Gegensatz zu Leopold von Sacher-Masoch sieht Roman Polanski sich bzw. „den Mann“ als Opfer „der Frau“ und steht damit wahrlich nicht alleine.

Mehr oder weniger können die männlichen Menschen sowohl geistig als auch körperlich so ziemlich alles in den Griff kriegen. Mit einer Ausnahme: ihrer Sexualität. Auch, wenn sie noch so asketisch leben – irgend wann werden sie an einen weiblichen Menschen denken. Und dann ist’s aus mit Ruhe und Zufriedenheit.

Und wer ist aus ihrer Sicht daran schuld? Die Frauen! Aus deren Sicht unverständlich, da ja sie die Opfer von Sexual-Delikten sind und die Furcht haben müssen, dass hinter jeder Ecke ein oder mehrere Männer ihnen auflauern könnten.

Da es seit ein paar tausend Jahren bei den Menschen das Patriarchat gibt und damit zum überwiegenden Teil Männer in den Bereichen Religion, Philosophie und Literatur den Ton angeben, gibt es seit dieser Zeit andauernde Klagen über die „bösen“ Frauen. Vor allem von den besonders Religiösen.

Und die haben es sich so eingerichtet, dass sie von Frauen so wenig wie möglich „belästigt“ werden können. Etwa durch räumliche Trennung in der Öffentlichkeit oder durch spezielle Kleidervorschriften, die bis zur Vollverschleierung gehen. Es gibt auch heutzutage noch Länder, in denen das so gehandhabt wird.

Und wenn eine Frau Opfer von Gewalt wird, ist sie natürlich selbst daran schuld und muss dafür auch noch bestraft werden. Hier drei dieser empörenden Fälle:

http://www.tagesschau.de/ausland/vergewaltigung108.html

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gerichtsskandal-saudi-arabien-vergewaltigungsopfer-verurteilt/1097378.html

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/steinigung-in-somalia-13-jaehriges-vergewaltigungsopfer-brutal-hingerichtet-a-587905.html

In Europa ist die Lage etwas zivilisierter. Aber die Grundlagen dieser Geisteshaltung sind dieselben: die älteren Würmer haben uns berichtet, dass früher die Meinung weit verbreitet war, dass vergewaltigte Frauen wohl selbst an ihrem Schicksal schuld seien.

Das Opfer wird also zum Täter gemacht. Ganz aus den Köpfen raus ist das heute aber immer noch nicht.

Die spinnen, die Menschen!