Schwarz-Weiss-Denken ist gerade sehr in Mode. Gutmenschen und Pseudo-Linke postulieren den „Edlen Wilden“ und verdammen den „Alten Weissen Mann“. Und das mit großem Geschrei und aller Radikalität. Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/444-black-lives-matter.html und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/445-bildersturm.html .

Der größte Rassismus ist es aber, vor jeglicher Realität die Augen zu verschließen und in alle alles zu projizieren, wie es einem passt. Weder ist der „Wilde" edel noch der „Weisse" übel.

Wer es bislang noch nicht gelesen hat, sollte das Buch „Jenseits von Amerika - Eine Konfrontation mit Afrika, dem Land meiner Vorfahren“ von Keith B. Richburg aus dem Jahr 1998 jetzt lesen.

Der Wurm bietet Auszüge aus dem Buch.

 

Kritik

 

Bernd Pickert hat für die taz eine erstaunliche Kritik geschrieben. Erstaunlich deshalb, weil sie heute so wohl nicht mehr möglich wäre. Der heutige taz-Schreiberling würde über Keith B. Richburg wohl so etwas wie „sich selbst hassende Person of Colour“ schreiben. Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/447-nur-eine-meinung-ist-ok.html .

Nun aber zur damaligen Kritik von Bernd Pickert: „Es ist ein Buch voller Zündstoff. Was der Washington Post-Reporter Keith Richburg da unter dem Titel „Jenseits von Amerika“ geschrieben hat, provoziert, und das soll es auch, und zwar vor allem jene Schwarzen in den USA, die in einer Rückbesinnung auf den Kontinent ihrer Vorfahren ihre eigene Identität zu finden glauben oder hoffen. Nein, sagt Richburg, der schwarze Reporter, mit Afrika haben wir nichts zu tun, unsere Identität ist amerikanisch, wir gehören in die USA. Und er ist froh darüber.

Seine Basis sind über drei Jahre Aufenthalt in Afrika als Reporter der Washington Post, drei Jahre, in denen er unter anderem über den Bürgerkrieg in Somalia und den Völkermord in Ruanda zu berichten hatte. Mutter Afrika? „Tut mir leid, aber ich war dort. Mir wurde eine AK-47 unter die Nase gerammt, ich habe mit Hutu-Milizionären gesprochen, die mit ihren Macheten herumfuchtelten und deren T-Shirts noch vom Blut ihrer letzten Opfer bespritzt waren. Ich habe eine Cholera-Epidemie in Zaire, eine Hungersnot in Somalia und einen Bürgerkrieg in Liberia gesehen.“ Und das reicht ihm, um den schwarzen Führern in den USA zu begegnen, die „Afrika als eine Art schwarzes Walhalla“ preisen, „in dem die Nachfahren der Sklaven willkommen geheißen würden und in dem schwarze Männer und Frauen in Würde leben könnten“.

Afrika ist für ihn der Kontinent geworden, wo die Leichen nicht gezählt werden, wo menschliches Leben sinnlos vergeudet wird. Reporter werden in solchen Situationen zynisch – nicht Richburg, sonst hätte er nicht dieses Buch geschrieben. „Jenseits von Amerika“ ist im Gegenteil auch Richburgs Versuch, sich selbst vor dem Zynismus zu bewahren.

Er erzählt von erschlagenen Freunden, von Korruption und Verantwortungslosigkeit der Führungsschichten, von politischer Apathie der Bevölkerungen. Er erzählt sein Leben als schwarzer Korrespondent, der sich in Afrika so fremd und einsam gefühlt habe wie noch nirgendwo sonst und der immer wieder in bedrohliche Situationen kam, gerade weil ihn die Afrikaner für einen der Ihren hielten. Es ist ein desillusionierendes Buch, eine Erzählung quer über den Kontinent, die den Leser in Richburgs eigene Hoffnungslosigkeit mitnimmt, ein politisches Buch voller Emotion – und mit ein bißchen Pathos, wie es nur ein US- Reporter schreiben kann. „Ich habe es satt weiterzulügen“, sagt er, und es ist ihm egal, wessen Vorurteile er mit seinen Schilderungen und Schlußfolgerungen bestätigt. Ist das legitim? Na sicher.“

https://taz.de/Abschied-von-Mutter-Afrika/!1309458/

 

Jenseits von Amerika – Eine Konfrontation mit Afrika, dem Land meiner Vorfahren

 

Lerne zu lügen!

 

Schließlich war ich ein Veteran der Dritten Welt, jedenfalls dachte ich das. Ich wußte, daß ich in Afrika auf Armut, Verzweiflung und natürlich auf Gewalt stoßen würde. Aber ich hatte meine Zeit bei der Post nicht in Watte verpackt auf gemütlichen Schauplätzen verbracht. Ich hatte über den Fall "Baby Doc"-Duvalier in Haiti berichtet. Und danach hatte die Post mich in ihr Südostasienbüro auf die Philippinen geschickt. Ich hatte das Leid in den wuchernden kambodschanischen Flüchtlingslagern an der thailändisch-kambodschanischen Grenze gesehen und hatte im Landesinneren der Philippinen und in den Slums von Manila genug Armut mitbekommen, um überzeugt zu sein, jeden emotionalen Härtetest genauso gut zu bestehen wie der abgebrühteste Auslandskorrespondent.

Aber ich erhielt meine erste Lektion, als mein Flieger von der British Airways auf Nairobis Kenyatta International Airport landete. Ich will damit sagen, daß ich in Afrika das Lügen lernte.

Afrika ist ein Kontinent, auf dem es endlose verwirrende Regeln und Vorschriften gibt, die sich manchmal widersprechen und oft auf Grundsätzen beruhen, die alles andere als vernünftig oder zeitgemäß sind. Zumindest konnte ich nie etwas dergleichen herausfinden. Nehmen wir zum Beispiel das riesige Schild über dem Zoll am Flughafen von Nairobi, das die ankommenden Passagiere darüber informiert, welche Gegenstände im Land verboten sind. Darunter waren Faxgeräte, Aufnahmegeräte, schnurlose Telefone - so ungefähr alles, was ich für einen dreijährigen Job bei mir hatte. Ganz zu schweigen von meinem Toshiba Laptop - wenn sie den entdecken würden, wäre der "Zoll" mit Sicherheit teurer als der Apparat selbst.

Außerdem hatte ich relativ viel Bargeld und einige Tausend Dollar in Travellerschecks bei mir. Neil hatte mich gewarnt, und es sollte eine meiner bevorzugten "Catch-22"-Situationen mit der kenianischen Verwaltung werden. Wenn du in Kenia arbeiten willst, brauchst du eine Arbeitserlaubnis. Bis ein Journalist die bekommt, dauert es an die sechs Monate, wenn sie dich mögen, und gewöhnlich noch sehr viel länger. Während du darauf wartest, mußt du natürlich deine Arbeit machen, das Büro leiten, deine Rechnungen bezahlen und Mitarbeiter vor Ort einstellen. Aber - und das ist die "Catch-22"- Situation - die großen Banken gestatten es Ausländern ohne gültige Arbeitserlaubnis nicht, ein Konto zu eröffnen. So rennst du sechs Monate oder länger wie ein Drogenhändler oder ein international gesuchter Geldwäscher in der Stadt herum, bezahlst all deine Rechnungen in bar und trägst Hundert-Dollar-Scheine auf alle Taschen verteilt, in Schuhen und in Geheimtaschen auf der Innenseite deines Gürtels versteckt mit dir herum. Wenn du natürlich beim Flughafenzoll angeben würdest, daß du beabsichtigst, Tausende von Dollars in bar einzuführen, würde der diensthabende Zollbeamte zweifelsohne irgendeine dubiose legale Erklärung für dich finden, aufgrund derer du dich vom größten Teil deines Geldes verabschieden könntest. Und natürlich gäbe es keinerlei Quittung dafür.

Also lernst du zu lügen. Und während der Jahre, in denen ich auf afrikanischen Flughäfen startete oder landete - oft ohne die korrekten Visa, normalerweise ohne die Impfungen, die irgendein Gesundheitsministerium gerade vorschrieb -, wurde ich sehr versiert, was die Kunst des Lügens in Afrika angeht.

"Haben Sie etwas zu verzollen?"

"Nein, nichts."

"Zweck Ihres Aufenthalts in Kenia?"

"Ich bin Tourist."

"Ist das ein Computer?"

"Nein, es ist eine Schreibmaschine."

"Ich glaube, daß es ein Computer ist."

"Also, ich bitte Sie", sagte ich und versuchte, so genervt wie möglich zu klingen, "haben Sie je einen so kleinen Computer gesehen?"

Pause, dann hievt er sich endlich hoch -"Sie haben recht" - und winkt mich durch.

Vermutlich wußte er, daß es ein Computer ist. Und er wußte, daß ich wußte, daß er es wußte. Diese kleine Begebenheit ist ein Beispiel für das, was mir Kenner Afrikas als Faustregel für meine Reisen auf diesem Kontinent mitgegeben haben: Es ist ganz gleich, wie groß die Lüge ist, solange du nur daran festhältst. Es dauerte einige Monate, aber am Ende hatte ich ein Faxgerät, einen Anrufbeantworter, fast alles, von dem du dir vorstellen kannst, was in meine Schultertasche paßte, in Kenia durch den Zoll gebracht. Das Faxgerät gab ich als Kinderspielzeug aus, der Anrufbeantworter war zu klein, um entdeckt zu werden.

Es gibt ein Pendant zur Regel der Großen Lüge: Es ist ganz gleich, wie falsch deine Papiere sind, solange du sie mit überzeugender Autorität präsentierst. Diese Tatsache war besonders praktisch, wenn ich einen Bericht über den neuesten Staatsstreich oder die neueste Flüchtlingskrise in einem Land schreiben mußte, für das ich kein gültiges Visum hatte. Oder wenn ein Land - wie zum Beispiel Uganda - die gelben Impfpässe der Einreisenden häufig kontrollierte. Eine meiner Kolleginnen fing eine Art Handel mit gefälschten Stempeln an, die sie in Nairobi herstellen ließ. Wenn du unvorhergesehen in ein Land mußtest und erfuhrst, daß es an der Grenze plötzlich stichprobenweise Kontrollen für Gelbfieberimpfungen gab, stempelte sie dir die gelbe Karte mit dem Namen eines völlig fiktiven, aber offiziell klingenden Krankenhauses und unterschrieb sie mit irgendeinem Namen.

Ich schätze mal, daß der wichtigere Punkt dabei war, daß ich dadurch lernte, warum in so vielen Ländern Afrikas nichts funktioniert. Wir ausländischen Journalisten waren nicht die einzigen in diesem Netz von Betrug. Es ist überall eine Art nationalen Freizeitsports, der den Leuten vom Filz der Bürokratie und von veralteten Gesetzen aufgezwungen wird. Sogar normalerweise ehrliche Leute lernen, daß du Mittel und Wege finden mußt, um das System zu schlagen, wenn du nicht selber zwischen die Räder des Systems geraten willst. Man stelle sich einmal vor: Ein kenianischer Geschäftsmann indischer Abstammung erzählte mir, daß er für sein Büro ein Faxgerät benötigte. Da die kenianische Regierung aber Faxgeräte mit aberwitzig hohen Einfuhrgebühren belegt, schmuggelte er ein Gerät aus London im Anschluß an eine Geschäftsreise ins Land. Bald gab es genug Freunde, die Faxgeräte wollten, und er eröffnete einen kleinen Nebenhandel mit importierten Geräten, die er um die Hälfte des Preises verkaufte, der in Kenia dafür verlangt wird. Somit verlor die Regierung - da sie die Einfuhrgebühren nicht auf eine vernünftige Höhe festsetzte - Geld, und dieser Geschäftsmann wurde im Grunde zum Schmuggler.“

 

Mentalität

 

Weisser Rassismus

 

Von allen Beleidigungen, denen ein schwarzer Amerikaner in Afrika ausgesetzt ist, ist jedoch keine so ärgerlich wie die Abfuhr durch die Weißen – die weißen Afrikaner oder die Europäer, die in Afrika wohnen. Weiße in Afrika sind eine kleine Minderheit auf einem schwarzen Kontinent, aber viele verhalten sich so, als ob der Kolonialismus nie wirklich abgeschafft worden wäre und ihnen im Grunde noch alles gehöre.

Einmal stand ich mit einem Arm voller Lebensmittel in der Schlange eines Einkaufscenters. Gerade als ich an der Reihe war zu bezahlen, schob sich eine ältere weiße Frau direkt vor mich und stellte ihren Einkaufskorb auf die Kassentheke vor mir. "Entschuldigen Sie, Lady", sagte ich und versuchte gar nicht erst, meinen Ärger zu verbergen. "Sehen Sie nicht, daß ich hier stehe?"

Sie erkannte offensichtlich meinen amerikanischen Akzent und wurde nervös. "Oh, es tut mir schrecklich leid", sagte sie in breitem britischen Akzent, "ich dachte, Sie seien Afrikaner!"“

 

Schwarzer Rassismus

 

Da ist noch etwas, was ich aus meinen Erfahrungen mit afrikanischen Flughäfen lernte. Es war eine Wahrheit, die mich für den Großteil der drei Jahre, die ich den Kontinent bereiste, verfolgen sollte. Schlicht gesagt, beklagten sich meine Kollegen vom ausländischen Pressekorps - genauer gesagt, meine weißen Kollegen - selten über die gleichen Unannehmlichkeiten, denen ich Tag für Tag ausgesetzt war. Einige von ihnen brüsteten sich, daß sie sich normalerweise einfach durchboxen würden, hin und wieder mit ein paar barschen Worten. Weiße, die in Afrika reisen, werden selten angehalten, selten befragt, selten wird ihnen befohlen, ihre Taschen zu öffnen. Sie schaffen es, sich an den Anfang der Warteschlangen zu stellen, sie schreien und schimpfen, um Sitze für einen ausgebuchten Flug zu ergattern, sie bewegen sich mit einer Art selbstverständlicher Immunität, der Immunität ihrer Hautfarbe. Wenn du aber ein Schwarzer oder ein Inder bist, wirst du angehalten. Du wirst mit abschätzigem Blick gemustert. Deine Koffer werden durchsucht. Und es ist keinesfalls ratsam, dich als Schwarzer mit einem Zollbeamten anzulegen, da es sehr leicht damit enden könnte, daß er dir mit seinem Schlagstock einen über den Kopf zieht.“

Meist war es allerdings nicht lustig und kein Spiel. Ein Schwarzer in Somalia zu sein hieß, daß ich ständig in Gefahr war.

Das wurde mir Ende 1993 wieder bewußt, als ich einer der Reporter auf der ersten öffentlichen Kundgebung war, die Aidid in Mogadischu abhielt, nachdem er wieder aus seinem Versteck aufgetaucht war. Der Befehl zu seiner Verhaftung war aufgehoben worden, und die Clinton-Regierung hatte die entwürdigende und vergebliche Menschenjagd abgeblasen. Die Stimmung auf der Kundgebung war, wie zu erwarten, euphorisch. Eine Gruppe von uns wurde durch die Menge geschleust und bekam die Erlaubnis, am äußersten Ende der Tribüne auf den großen Auftritt des alten Mannes zu warten.

Plötzlich stürzte einer der somalischen Bewaffneten, die die Tribüne bewachten, auf mich zu und schlug mir mit der flachen Hand auf die Brust, so daß ich rücklings zu Boden ging. Ich blickte völlig sprachlos in seine wilden Augen, als er seine AK47 von der Schulter nahm und auf mich anlegte. Er schrie wild auf Somali, und ich konnte natürlich kein Wort verstehen. Eine Menge versammelte sich um uns, es gab noch mehr Geschrei und Gestoße, bis ihm endlich jemand das Wahnsinnsgewehr entriß.

Einer von Aidids Helfern eilte auf mich zu und half mir auf die Beine. "Entschuldigen Sie bitte", sagte er, "Sie sehen aus wie ein Somali. Er dachte, Sie wären jemand anders."

Ein Schwarzer in Afrika. Ich fühlte die Tränen aufsteigen, aber ich kämpfte hart, um nicht dort auf der Tribüne in Tränen auszubrechen. Damals dämmerte mir, daß ich nahe dran gewesen war, in die Statistik einzugehen. Ein paar Sekunden nur – die Zeit, die er brauchte, das Maschinengewehr von seiner Schulter zu nehmen, und bevor sich die Menge um ihn versammelte. Und es wäre aus gewesen mit mir, einfach so. Ein Irrtum. Ein Fall von Verwechslung.

Und all das, weil ich ein Schwarzer am falschen Platz war, ein Schwarzer in Afrika.“

„… Die Kriminalität in Nairobi zermürbte sie. Ihre Begegnung mit dem Tod in Kigali während des ruandischen Alptraums veränderte für immer ihre Einstellung zu Afrika. Was aber mehr als alles andere den Geist selbst dieser abgehärteten langjährigen Afrika-Liebhaberin brach, war die Haltung der Afrikaner selbst. Sie sei in Kenia nie in ein kenianisches Haus eingeladen worden. Und selbst in den alltäglichsten Dingen sei sie ständig mit einer den Kenianern eigenen perversen Form des Rassismus konfrontiert worden, einer Art Minderwertigkeitskomplex aus früheren Tagen, der schwarze Kenianer veranlaßt, Weißen auf Kosten ihrer angeblichen "Brüder" eine bevorzugte Behandlung zukommen zu lassen.

"Es gibt nichts, was mich mehr ärgert", sagte sie, "als in einem Restaurant zu sitzen und zu sehen, wie zwei Weiße bedient werden und ich warten muß." Einmal, in einem Strandhotel an der kenianischen Küste, beklagte sie sich beim Hotelmanager über den aberwitzig schlechten Service der Kellner und des Hotelpersonals. Der Manager erklärte entschuldigend: "Es ist, weil sie Sie für eine Kenianerin halten."

Etwas Ähnliches ereignete sich, als Thomas-Greenfield, ihr Mann und ein weiterer schwarzer Amerikaner ein beliebtes Restaurant beim Safari Park-Hotel in einem der Außenbezirke Nairobis besuchten. Thomas-Greenfield bereitete den Aufenthalt einer zwanzigköpfigen Delegation des amerikanischen Kongresses vor (Kongressmitglieder, Ehefrauen und Angestellte), die Ostafrika besuchen wollten, und sie beschloß, ins Restaurant zu gehen, um das Menu und den Service zu testen. Sie wartete endlos auf einen Kellner, damit sie ihre Getränke bestellen konnte, bis sie sich endlich wieder an den Manager wandte und sich beschwerte. Der antwortete: "Wir wußten nicht, wer Sie sind." Man hatte sie und die anderen schwarzen Amerikaner für Kenianer gehalten. "Hier ist die kolonialistische Mentalität noch tief verankert", sagte Thomas-Greenfield und schüttelte den Kopf. "Aber ich habe nicht vor, ein Schild mit der Aufschrift ,Ehrenweißer’ vor mir her zu tragen."

Dann machte sie ihrer tiefen Frustration in den härtesten Worten Luft, die sie finden konnte: "Ich wäre lieber eine Schwarze im Apartheids-Regime in Südafrika, als das durchzumachen, was ich hier in Kenia durchmache."

Es ist traurig, aber ich wußte genau, was sie meinte. Ich dachte an all die kleinen Kränkungen, die hochgezogenen Augenbrauen, die großen und kleinen Unannehmlichkeiten, die Appelle der Afrikaner an die "Brüderlichkeit", während sie die Hand aufhielten, und, schlimmer noch, das Mißtrauen, das mir immer entgegenschlug, wenn ich erklärte, daß ich tatsächlich Amerikaner sei, ein schwarzer Amerikaner in Afrika.“

 

Tote zählen nicht

 

Ich denke vor mich hin. Wie heißen sie? Haben sie Familien? Was haben sie gerade gemacht, als sie umgebracht und in den Fluß geworfen wurden? An was dachten sie, als sie starben? Ich erinnere mich an meine erste journalistische Ausbildung, als ich während eines Sommerpraktikums über die nächtlichen Einsätze der Polizei berichtete. Wenn eine Leiche – eine einzelne Leiche – in der Stadt entdeckt wurde, gab es eine ausführliche Untersuchung. Die Polizei fand einen Namen, kontaktierte eine Familie, bestimmte die Todesursache. Ich erinnere mich an eine Geschichte über ein Mordopfer, dessen Leiche mit einem abgetrennten Glied entdeckt wurde, ich glaube, es war ein Arm, jedenfalls stand es so im Polizeibericht, und so gab ich es an die Redaktion weiter. Aber sofort kam ein Anruf von Gene Bachinski, dem wachsamen Nachtredakteur, der mich in seinem charakteristischen Bariton anschrie: "Welcher Arm fehlte?" Welcher Arm? Der rechte oder der linke? Ich hatte keine Ahnung. Aber ich ging zurück zur Polizei und fand es heraus, weil es offensichtlich wichtig war. Aber das war Washington, wo jedes Mordopfer einen Namen hatte und eine Identität; und es war wichtig, wie sie gestorben waren und welches ihrer Gliedmaßen fehlte. Dies hier ist Afrika. Das hier sind nur Körper, die man in einen Fluß geworfen hat. Hunderte. Tausende. Keiner wird sie je zählen. Keiner wird sich je die Mühe machen, eine Identität festzustellen, eine Familie zu kontaktieren oder herauszufinden, welches ihrer Gliedmaße fehlte. Weil dies Afrika ist, und in Afrika zählt man die Körper nicht.

Das zu akzeptieren und zu begreifen fällt mir am schwersten. Es ist nicht der Tod selbst, obwohl das schlimm genug ist. Es ist die Anonymität des Todes in Afrika, die Anonymität des Massensterbens. Ich hatte das gleiche beunruhigende Gefühl in den immer größer werdenden Flüchtlingslagern im Inneren Somalias, wo ich die Leute verhungern sah: Kümmert es überhaupt irgend jemand, wie sie heißen? Gibt es jemand, der zumindest versucht, sie zu zählen, der in irgendeine Liste einträgt, daß ein menschliches Wesen die Erde verlassen hat und daß jemand vielleicht nach ihm sucht? Oder ist das Leben hier so schrecklich, daß der Tod kaum zählt?“

 

Apathie

 

Doch vielleicht mehr als alles andere hasse ich diesen wahnsinnig machenden Hang der Afrikaner, sich in ihrem eigenen Leid zu suhlen, sich lediglich umzudrehen, wenn sie getreten werden, und einen unerschütterlichen Glauben zu äußern, daß irgendeine Macht von außen, irgendein göttliches Eingreifen ihnen die Erlösung bringen wird.“

 

Ausreden und Disziplin

 

Es gelang mir, eine ziemlich gute Antwort zu finden, die aus einer ganz unerwarteten Quelle stammt – ich fand sie bei Yoweri Museveni, dem Präsidenten von Uganda.

Museveni kam auf altmodische Art an die Macht. Er stellte eine zerlumpte Guerilla-Armee zusammen und schoß sich 1986 den Weg nach Kampala, der Hauptstadt, frei. Er ist in manch unterschiedlicher Hinsicht ein altmodischer afrikanischer Großer Mann. Er duldet keine andere Meinung. Er hält nicht viel von westlicher Demokratie, er glaubt, daß Pluralismus nur Chaos verursacht. Seine Lösung ist eine Art "Demokratie ohne Parteien", womit er umschreibt, daß er ein autoritärer Ein-Mann-Herrscher ist. Trotzdem wird Museveni selten von seinen vielen freigebigen westlichen Geldgebern kritisiert, denn sie erinnern sich nur allzugut an den Alptraum, der ihm vorausging – das Chaos, das zwei aufeinander folgende brutale Diktatoren anrichteten: der Clown Idi Amin Dada und sein finsterer Nachfolger Milton Obote.

Trotz alledem ist Museveni ein Denker, der mehr wie ein Gelehrter redet als wie ein Soldat. Er ist auch im Gespräch ziemlich offen, wenn es um Afrika und seine Probleme geht. Ich sah ihn persönlich das erste Mal auf einem internationalen Forum von Regierungsbeamten, Diplomaten und Akademikern, die er nach Kampala eingeladen hatte. Museveni benutzte die Eröffnungszeremonien und sein Vorrecht als Präsident des Gastlandes dazu, sich über seine Theorie auszulassen, warum es Afrika nicht geschafft hat, seine Wirtschaft zu entwickeln.

Ich saß und hörte ihm zu, wie er dieselben müden alten Erklärungen – im Grunde Entschuldigungen– herunterrasselte, die ich schon unzählige Male gehört hatte. Erstens, sagte er, hatte Afrika fünfhundert Jahre lang nicht die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Das beste Beispiel hierfür sei die Frage, die während der Zeit des Kalten Krieges immer wieder gestellt wurde: "Bist du für den Osten oder bist du für den Westen?" Er hielt das "größtenteils für einen Fehler der Afrikaner", es der Rivalität der Supermächte erlaubt zu haben, den Kontinent zu spalten. Dann sprach er über Afrikas "fragmentierte Märkte" und die Notwendigkeit einer besseren innerafrikanischen Integration. Er gab zu, daß auf dem Kontinent ein "hoher Grad an Analphabetismus herrsche – nicht genug Handwerker, Techniker, Ingenieure". Er sprach über eine "Wirtschaftspolitik, die die Investitionslust der Unternehmer abgewürgt hatte", und erwähnte Wechselkurskontrollen und ähnliches.

Er schien mir ein paar vernünftige Argumente anzuführen. Als dann die Fragerunde für die anwesende Presse eröffnet wurde, kämpfte ich mich zu einem der Mikrophone durch und stellte ihm die Frage, die mich schon die ganze Zeit bedrängte. Warum, so fragte ich ihn, hatte sich Südostasien so schnell entwickelt und Afrika nicht? Ich nahm jeden der Gründe auf, die er in seiner Rede genannt hatte, und schleuderte sie ihm zurück. Südostasien, sagte ich, hatte ebenfalls unter dem Kolonialismus gelitten, das kann also als Entschuldigung nicht ausreichen. Asiatische Länder setzen sich ebenfalls aus zahlreichen ethnisch und sprachlich unterschiedlichen Gruppen zusammen, also kann auch diese Verschiedenheit kein ausreichender Grund sein. Auch asiatische Länder haben künstliche Grenzen und ständige Grenzstreitigkeiten, und einige Länder in Ostasien wie zum Beispiel Korea und Vietnam hatten in den fünfziger und sechziger Jahren ebenfalls vernichtende Bürgerkriege durchgemacht. Und doch hatte Asien einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufstieg geschafft, während die Afrikaner für ewig in der Armut hängenzubleiben scheinen. Warum ist das so? Was war geschehen?

Museveni dachte lange über meine Frage nach. Dann sprach er eine Zeitlang darüber, daß die südostasiatischen Länder mehr Unterstützung von den USA erhalten hätten, unter anderem für die Militärbasen der Amerikaner auf asiatischem Boden. Aber schließlich sprach er das aus, was er, wie ich vermute, die ganze Zeit über im Kopf gehabt hatte.

"Disziplin", sagte er zum Schluß. "Es ist die Disziplin der Asiaten, verglichen mit der der Afrikaner." Er machte eine Pause. "Ich würde sagen, daß unter den Asiaten in Uganda eine größere Disziplin herrscht als unter den Afrikanern. Ich habe keine Erklärung dafür. Leute, die aus einem Gebiet kommen, das eine große Bevölkerungsdichte hat, wo der Kampf um die natürlichen Ressourcen groß ist, neigen dazu, disziplinierter zu sein als Leute, die das Leben als selbstverständlich betrachten."

"Knappheit an Ressourcen lehrt die Menschen Disziplin", sagte er. "Zuviel Kampf um Ressourcen lehrt ein Volk ebenfalls Disziplin."

Es war eines der wenigen Male auf dem Kontinent, daß mich ein afrikanischer Führer beeindruckte, weil er wirklich bereit war, offen über Afrika und seine Probleme zu diskutieren. Diese Art Unvoreingenommenheit ist noch seltener unter Afrikas Freunden und Förderern im Westen zu finden. Anstatt offen über Afrika zu sprechen, hört man allenthalben nur Zweideutigkeiten, Entschuldigungen und Ausflüchte – und vor allem Scheinheiligkeit.

Es ist eines der Dinge, die ich am frustrierendsten an Afrika finde: die fehlende Bereitschaft selbst der erfahrensten Gelehrten und "Afrika-Experten", mir eine ehrliche, kühle, unsentimentale Einschätzung des Kontinents und seiner Probleme zu geben. Sobald die Rede auf die Rücksichtslosigkeit der Diktatoren kam, auf die Schwierigkeit der Demokratie, in Afrika Fuß zu fassen, auf das immer gegenwärtige Problem des Tribalismus, wird Afrika mit einem doppelten Maß gemessen, mit einem "afrikanischen Maß". Es gibt da eine Scheu, zu starken Druck auszuüben, zu schnell Reformen zu verlangen, eine Tendenz, möglichst keine allzu offene, allzu harsche Kritik zu üben.

Der Grund dafür ist natürlich, daß Afrikaner schwarz sind. Zu harte Kritik von weißen westlichen Ländern klingt gefährlich nach Rassismus. Und die afrikanischen Führer sind durchaus bereit, diese Karte auszuspielen, malen dauernd das Gespenst des "Neokolonialismus" an die Wand. Ich erinnere mich an den kenianischen Außenminister, der an meinem ersten Tag in Afrika den amerikanischen Botschafter beschimpfte, er habe "die Mentalität eines Sklavenhalters". Es war eine wohlbedacht spöttische Bemerkung, die auf eine der größten weißen Befürchtungen zielte: die, als Rassist dazustehen.

Meiner Meinung nach erweist man mit dieser Zurückhaltung, offen über Afrika zu reden, dem Land einen Bärendienst. Die alten Zeiten des Kalten Krieges, in denen man die Diktatoren verhätschelte, mögen vorbei sein, aber Afrikas Diktatoren werden noch immer nicht hart genug angefaßt. Man zwingt sie nicht, sich von der Dollarunterstützung unabhängig zu machen, und man zwingt sie schon gar nicht, sich im Umgang mit ihren eigenen Bürgern an internationale Normen zu halten.“

 

Bürgerkrieg in Liberia

 

Liberia ist deshalb so interessant und so erschütternd, weil der Staat von befreiten amerikanischen Sklaven gegründet wurde.

An einem drückendheißen Novembermorgen 1992 stand ich am Fuße der Brücke, die über den Po führt, in einem Außenbezirk Monrovias, der belagerten Hauptstadt des von Kriegen zerrissenen Liberia. Ich interviewte Soldaten vom Alligator- Bataillon, und die Jungen (keiner von ihnen schien älter als einundzwanzig zu sein) ließen eine besonders beißend riechende Marihuana-Zigarette herumgehen, während sie Wache standen, um die Rebellen daran zu hindern, von den umliegenden Sümpfen her in die Stadt einzudringen.

Der Kommandeur des Bataillons, Captain Jungle Jabba, hatte ein Operation Desert Storm-T-Shirt an und trug eine Sonnenbrille mit Goldrand. Sein stellvertretender Kommandeur, erkennbar hauptsächlich an seinen Tennisschuhen und seinen dicken Dreadlocks, stellte sich als Captain Pepper-and-Salt vor, "weil ich den Typen Feuer unterm Arsch mache", erklärte er und schwang seine AK-47. Weiter unten auf der Straße, am Ende der Brücke, war der Soldat, der die Wagen kontrollierte, mit einer langhaarigen aschblonden Perücke herausgeputzt, über die er sich noch eine schwarze Duschhaube gestülpt hatte. Bei ihm war ein zwölfjähriger Junge namens Abraham, der sich als Mitglied der "Spezialeinheit" bezeichnete und behauptete, seit seinem zehnten Lebensjahr im Dschungel Liberias zu kämpfen. Abraham trug einen Tarnanzug und an beiden Seiten seines Gürtels eine Handgranate.

Willkommen in Liberia, Schauplatz eines der verrücktesten und grausamsten Bürgerkriege Afrikas! Es ist ein Krieg mit einem General namens Mosquito, ein Krieg, in dem die Soldaten high sind und ihre Fingernägel lackieren, bevor sie in den Kampf ziehen. Es ist ein Krieg, in dem die Kämpfer manchmal Frauenperücken, Strumpfhosen, sogar Donald-Duck-Halloween-Masken tragen, bevor sie ihren Feinden einige der grausamsten Dinge antun, die die Welt je gesehen hat. Es ist der einzige Krieg, das sich ein Bataillon von Soldaten hält, das sich seiner Kleider entledigt, bevor es in den Kampf zieht, und das sich "die Nacktarsch-Brigade" nennt. Es ist ein Krieg, in dem Kindersoldaten Teddybären und Plastikpuppen in der einen und AK-47er in der anderen Hand haben. Es ist ein Krieg, in dem die Kämpfenden sich die Gesichter mit Make-up und Lehm beschmieren in dem Glauben, daß "Juju", westafrikanische Magie, sie vor den Geschossen ihrer Feinde beschützen werde.

Man könnte Liberia leicht als närrischen Fall abtun, wenn die Folgen des andauernden Krieges nicht so furchtbar wären: Zehntausende von Toten, noch mehr vertrieben, und einige der sinnlosesten Kriegsverbrechen, die je begangen wurden. Ich kam nach Liberia nur wenige Tage nachdem fünf amerikanische Nonnen in den Busch verschleppt und erschlagen worden waren. Es geschah in dem Gebiet, bekannt als "Taylorland", weil es von einem Tankstellenwart namens Charles Taylor, der sich den Rebellen anschloß, kontrolliert wird.

Liberia galt als das amerikanisierteste der afrikanischen Länder, ein Staat, der 1820 von befreiten amerikanischen Sklaven gegründet wurde. Liberia, dessen Name Freiheit bedeutet, war der Traum der American Colonization Society, deren Ziel es war, "befreite Schwarze" wieder in Afrika, dem Land ihrer Väter, anzusiedeln. Finanziert über einen Kredit des amerikanischen Kongresses, stattete die Society eine Flotte von Schiffen mit allem Nötigen aus, um den Atlantik zu überqueren und in der Nähe der Mündung des Mesurado an der westafrikanischen Goldküste Siedlungen zu gründen. 1847, als Liberia Afrikas erste unabhängige Republik wurde, war der amerikanische Einfluß unverkennbar. Die Hauptstadt Monrovia war nach dem amerikanischen Präsidenten James Monroe benannt worden, und andere Städte und Landkreise trugen bekannte Namen wie Buchanan, Maryland und New Georgia. Liberias Flagge war praktisch eine Kopie der amerikanischen Stars und Stripes – allerdings mit nur einem Stern –, und sein nationales Motto bezeugte die Hoffnung seiner Gründer: "Die Liebe zur Freiheit hat uns hierher gebracht."

Und eine lange Zeit schien Liberia, zumindest oberflächlich betrachtet, diesen Traum zu erfüllen; das Land konnte sich einer der längsten Perioden politischer Stabilität in Afrika rühmen – mehr als 130 Jahre ohne einen Staatsstreich, dieses Übel des modernen Afrika.

Wenn es für mich ein Land in Afrika hätte geben müssen, zu dem eine spontane Beziehung hätte entstehen können, so hätte es Liberia sein müssen – ein Land, das von befreiten Sklaven aus dem amerikanischen Süden und deren Söhnen und Enkeln gegründet wurde, denn ich selbst stamme ja von Sklaven aus dem Süden ab. Aber anstatt lang verlorene "Soul Brothers" wiederzufinden, befand ich mich in dem einzigen englischsprachigen Land der Welt, in dem ich mir einen Übersetzer besorgen mußte, und hörte Marihuana rauchenden Soldaten in Frauenkleidung zu, die mir erklärten, wie "juju" es verhindern könne, daß eine Kugel die Brust eines Mannes durchdringt.

Liberias freier Fall in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern war so rapide und so vollständig wie der von Somalia und Ruanda. Der Fäulnisprozeß begann 1990, als Präsident William Tolbert, der Enkel eines befreiten amerikanischen Sklaven, von einem achtundzwanzgjährigen Analphabeten, einem Armeesergeanten namens Samuel K. Doe, gestürzt wurde. Tolbert fand ein besonders grausames Ende, da man ihm die Eingeweide herausriß, während er noch im Bett lag, und ihn zusammen mit zwei Dutzend seiner Leibwächter in einem Massengrab verscharrte. Das allein hätte genügen müssen, die Vereinigten Staaten – die noch immer großen Einfluß auf Liberia hatten – dazu zu bringen, jeden Kontakt mit den Verbrechern an der Macht zu verweigern und ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen, um eine Rückkehr zur Demokratie und den friedlichen Regierungswechseln zu erzwingen, die Liberia bis dahin gekannt hatte. Statt dessen unterstützte die Reagan-Administration Doe bei seinen Unterdrückungen, überhäufte ihn mit Millionen von Dollars und nahm seine leeren Versprechungen, das Land wieder zur Demokratie zu führen, ernst.

Am Weihnachtsabend 1989 drangen Charles Taylor und seine Rebellenarmee von der angrenzenden Elfenbeinküste aus in Liberia ein. Im September des folgenden Jahres wurde Doe brutal ermordet, ein Video, das alle Schrecken der Exekution zeigte, kann man auf den Straßen Monrovias kaufen. Einen Monat später marschierte eine Friedensarmee der westafrikanischen Staaten ein und installierte einen Interimspräsidenten, einen leise sprechenden Akademiker namens Amos Sawyer aus dem amerikanischen mittleren Westen. Taylors Truppen kontrollierten allerdings 90 Prozent von Liberia, unter anderem die Schlüsselregion, in der Gummi hergestellt wird, während Sawyers Herrschaft sich lediglich auf die Stadt Monrovia beschränkte – und das auch noch ohne die Vororte hinter der Brücke, die über den Po führt.“

 

Militär an der Macht, Beispiel Sierra Leone

 

Sierra Leone ist ebenfalls von einer chronischen Instabilität zerstört. Ein lang anhaltender Bürgerkrieg hat Teile des Landes unpassierbar gemacht, und 1992 stürzte ein anderer großspuriger zwanzigundirgendwas alter Militär, Valentine Strasser, den amtierenden Präsidenten und wurde Afrikas jüngster Diktator. Ich hatte Gelegenheit, ihn in Dakar, der Hauptstadt des Nachbarlandes Senegal, beim jährlichen Gipfeltreffen der Staatsoberhäupter der Organization of African Unity aus der Nähe zu sehen …

Einigen Berichten zufolge war das, was wirklich geschah, etwas weniger dramatisch, als Strasser zugeben wollte. Die Soldaten, die wütend waren, daß sie ihren Sold nicht bekamen, hatten eine lautstarke Demonstration angezettelt, hatten ihre Gewehre abgefeuert und einen allgemeinen Krawall vor dem Präsidentenpalast veranstaltet. Die Regierung, die einen Staatsstreich befürchtete, packte ihre Sachen, floh und überließ Strasser die Verantwortung. Ungeachtet der Umstände seiner Machtübernahme wußte der junge Strasser sofort, was die Welt und vor allem der Westen hören wollte. "Wir werden uns unermüdlich mit all unseren Kräften dafür einsetzen, unser Land so bald wie möglich wieder zu einer Demokratie zu machen", versprach er damals. Was er nicht sagte, war, daß seine Regierung, während er sein Versprechen abgab, bereits systematisch Dissidenten und Amtsinhaber der vorigen Regierung verhaften und hinrichten ließ. Das war im Jahr 1992.

Vier Jahre später war Strasser noch immer Militärdiktator von Sierra Leone, bis er ebenfalls in einem neuerlichen Staatsstreich von einigen seiner eigenen Offiziere gestürzt wurde. Dieses Mal – Strasser war ins Exil nach London gegangen, und eine neue Zivilregierung war gewählt und bestätigt worden – hegten die westlichen Diplomaten eine vorsichtige Hoffnung, daß Sierra Leone auf dem Weg zur Demokratie sei.“

 

Die Guten, die Schlechten und die Hässlichen: Politik

 

Natürlich war es Mobutu, sagte er mit einer solchen Schärfe, daß ich erschrak. Es sei der unbarmherzige Versuch des Diktators, ihn einzuschüchtern. Dann schüttelte Kibassa resigniert den Kopf und starrte wie in tiefe Gedanken versunken vor sich hin. Schließlich sagte er: "Wir leben in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Warum tun Leute so etwas?"

Ja, warum? Es war eine verdammt gute Frage, eine, die auch ich mir immer wieder stellte, während ich das Land durchquerte und nicht nur Hungersnöte und Massaker sah, sondern auch das alltägliche menschliche Elend, die Rechtsbrechungen, das Herumtrampeln auf der Freiheit des einzelnen, die Schikanen der Polizei, die Schläge in den Gefängnissen, die Schließungen und Bombardierungen der Zeitungen, die Verhaftung von oppositionellen Politikern und den offenen Mord an denen, die den Mut aufbrachten, öffentlich ihre Stimme gegen diese Ungerechtigkeiten zu erheben.

Das war es, was mich an Afrika fast verzweifeln ließ, nicht die Somalias, Ruandas oder Liberias, die in vielerlei Hinsicht Ausnahmen waren, die hoffnungslosen Fälle, Orte, wo jemand durchgedreht war. Nein, die wirkliche Geschichte findet an den Orten statt, über die man selten etwas liest, an denen ich aber viel Zeit verbrachte – Zaire und Kenia, Kamerun und Gabun, und der Riese unter ihnen, Nigeria. Dies waren die Orte, wo ich Tag für Tag, mit jedem neuen Interview, auf eine weitere entmutigende Geschichte stieß, wo irgendein mutiger und namenloser Afrikaner, jemand wie Kibassa Maliba, sein Bestes gab und den Preis dafür bezahlte. Ich sah ihren Mut und ihre Selbstaufopferung, und es zerriß mir das Herz, es brannte sich tief in meine Seele ein. Am Schluß war es nur noch deprimierend, denn tief in meinem Inneren wußte ich, daß in Afrika solche Kämpfe ganz selten mit einem Sieg enden. In Afrika gewinnen die Good Guys nicht. Normalerweise werden sie ins Gefängnis geworfen, gefoltert, umgebracht, zusammengeschlagen oder manchmal nur unterdrückt. Sie werden so hart unterdrückt, daß sie schließlich aufgeben. Und der Rest? Sie hören schlicht damit auf, es zu versuchen, weil sie mit dem Versuch, einfach nur zu überleben, bereits alle Hände voll zu tun haben.

Wenn ich nicht zu deprimiert war, war ich zornig. Zornig wegen der ganzen zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit und deswegen, weil es so wenig gibt, was die übrige Welt, was irgend jemand wirklich tun kann, um zu helfen. Die Welt hat einmal versucht zu helfen, in Somalia, und ich war da gewesen, um zu bezeugen, wie ein milliardenschweres Fiasko daraus entstanden war. Inzwischen wünschte die Welt größtenteils nur noch eines: sich rauszuhalten.

Ich versuchte, die Ungerechtigkeit so gut ich konnte zu dokumentieren, versuchte, den Stimmlosen eine leise Stimme zu geben. Aber ich weiß, daß am Ende nicht viel dabei herauskommen wird. Die Großen Männer werden bleiben, arrogant, extravagant, und werden sich an den ausländischen Dollarhilfen sattfressen. Sie werden noch immer ihre Marmorpaläste besitzen, die sie aus dem Dschungel hauen ließen, und ihre Bankkonten in der Schweiz, ihre Villen in Südfrankreich und ihre Appartements auf der Avenue Foch in Paris. Sie werden ihre Mercedesflotten haben und ihre Privatjets. Sie werden Basiliken bauen, in denen sie sich auf Mosaiken neben den Aposteln verewigen lassen, und werden Universitäten gründen, die ihre Namen tragen, deren Studenten aber kein Geld haben werden, um Bücher zu kaufen, und keine Aussicht auf eine Stelle, wenn sie jemals die Universität verlassen. Sie werden ihre Armeen mit glänzenden Stiefeln ausstatten und ihre Sicherheitskräfte mit den neuesten Waffen, aber die Krankenhäuser werden nicht genügend Spritzen und Verbandszeug haben, und Schüler werden Pappattrappen benutzen, um die Tastatur eines Computers bedienen zu lernen, weil sie keinen richtigen Computer zur Verfügung haben.

Und ich komme nicht umhin, mir immer wieder Kibassa Malibas Frage zu stellen: Warum?

Natürlich war das alles nicht so gedacht, jedenfalls nicht zu der Zeit, als ich zum ersten Mal nach Afrika reiste. Die neunziger Jahre sollten Afrikas "Jahrzehnt der Demokratie" werden, so sagte man mir zumindest. Die westlichen Geberländer begannen nun endlich härter durchzugreifen und forderten freie Wahlen, verfassungsmäßig geschützte Oppositionsparteien und eine stärkere Kontrolle ausländischer Zahlungen. Auch im Inneren, so hieß es, zersetze eine explosive neue Kombination von Kräften die jahrzehntealte schweigsame Duldung des Autoritarismus: Die städtische Bevölkerung hatte besseren Zugang zu Informationen, und die jüngere Generation von Afrikanern besaß keine persönliche Erinnerung mehr an den weißen Kolonialismus, kannte nur die schwarze Unterdrückung. Unter diesem inneren und äußeren Druck begannen die alten afrikanischen Tyrannen zu wanken, einer nach dem andern. So sagte man jedenfalls.

Aber wenn ich mich in Afrika so umschaue, hat sich leider wenig wirklich verändert. Wie so vieles – zum Beispiel mein eigener vorschneller Optimismus vor der Katastrophe in Somalia – liegt auch das große Versprechen eines demokratischen Afrikas weitgehend in Schutt und Asche. In Nigeria wurde es von einem Militär namens Sani Abacha zertreten, der auf Babangida folgte und den Gewinner der freien Wahlen und rechtmäßigen Präsidenten des Landes, Moshood Abiola, ins Gefängnis werfen ließ. In Kamerun wurde es zu einer Farce, da der Dunkelmann Paul Biya es schaffte, die Wahlurnen zu kontrollieren und so das Wahlergebnis zu manipulieren. Er erklärte sich zum Gewinner eines Wahlkampfs um die Präsidentschaft, von dem ausländische Beobachter sagen, er sei mit zu viel Betrug erkauft, um fair zu sein. Auch in Zaire hat es nie wirklich eine Chance gegeben, wo Mobutu, der starrköpfigste der afrikanischen Tyrannen, sein Land lieber in einen Scherbenhaufen verwandelte, als auf seine Macht und die Möglichkeit zu verzichten, alles, was er noch irgendwie aus dem Land herausholen konnte, an sich zu reißen. Und in Kenia, wo Daniel arap Mois Einheitspartei die Stammeskämpfe anheizte, die Zehntausende von ihrem Land vertrieben, wurde das Versprechen der Demokratie eingeäschert, nur um die Prophezeiung wahr werden zu lassen, die ich von einem von Mois politischen Beratern einmal hörte, daß "Demokratie hier in Afrika nicht funktioniert".

Ich will damit nicht sagen, daß es keine Lichtblicke gibt. Ich ging nach Malawi und beobachtete den Untergang des ältesten und gleichzeitig längstgedienten Tyrannen, des "Life President" Hastings Kamuzu Banda, der sich selbst "Black Cock" nannte und für seine dunkle Sonnenbrille, seinen Fliegenwedel aus Pferdehaar und seine rothemdige "Jugendbrigade", Gangster, die die Bevölkerung terrorisierten, bekannt war. Ich sah ihn zu einer Wahl gehen, zu der er von einem weitgehend unbekannten Geschäftsmann namens Bakili Muluzi gezwungen worden war. Den hatte ich früher einmal auf dem Rücksitz eines Wagens interviewt, als es zu gefährlich war, ihn an einem öffentlichen Ort zu treffen. Ja, das war ein tolles Gefühl, denn Malawi war vermutlich eine der finstersten Diktaturen Afrikas, personifiziert in Banda, der einen so mächtigen Personenkult trieb, daß es in der Öffentlichkeit verboten war, seinen Namen auszusprechen, ohne den vollen Titel zu nennen: "Seine Exzellenz, der Life President" … Malawi war ein Ort, wo die internationale Gebergemeinschaft ihre Absicht verwirklichte, ihre Dollars als Hebel zu benutzen, um ein Mehrheitsparteiensystem und eine Wahl durchzusetzen, die den "Life President" zu Fall brachte. Aber die Zeit dort war reif für einen Wechsel. Banda war in den Neunzigern und kränklich, war kaum noch fähig zu sprechen und fast blind, war im Grunde ein wandelnder Leichnam, der von geldgierigen Höflingen aufrechtgehalten wurde, weil sie ihren Platz an der Futterkrippe nicht verlieren wollten. Banda wurde eigentlich nicht besiegt, sein Regime schwand einfach dahin.“

 

Justiz

 

„… Als man Koigi zum Schluß erlaubte, in eigener Sache zu sprechen, hielt er eine eloquente Anklagerede gegen das Femegericht, von dem er wußte, daß es ihn am Ende verurteilen würde. "Am meisten bedaure ich, daß ich mich vor einem Gerichtshof verteidigen muß, der mehr einem Kasernenhof ähnelt", sagte er. Der Prozeß, die Beweise gegen ihn, der erlogene Überfall sei alles von Moi ausgebrütet worden, der Koigi als Bedrohung empfinde und seine dicken Dreadlocks als nicht zu duldenden Akt des Widerstands in einem Land betrachte, das auf konservativer Uniformierung bestehe. Moi habe schon früher sein Wort darauf verpfändet, daß er Koigis Dreadlocks abschneiden lassen werde, so oder so.

"Wenn du einen Hund töten willst, nenne ihn einen schlechten Hund", fuhr Koigi fort. Und dann erinnerte er an zwei weitere afrikanische Helden, die ungerecht behandelt und verurteilt worden waren – an Nelson Mandela und Kenias Unabhängigkeitsführer Jomo Kenyatta. "Warum", fragte er, "sollte ein Gericht in einem unabhängigen Kenia sich so bemühen, die Gerichte der Kolonialzeit und der Apartheid an Ungerechtigkeit zu übertreffen? Ein solches Gericht kann doch nur von diesem Stammeshaß getrieben sein, der schon die Rechtsprechung in Ländern wie Ruanda, Somalia und Liberia mit Stumpf und Stiel vernichtet hat."

Die Wahrheit sei, so endete Koigi seine Anklage, daß, "obwohl Kenia unabhängig ist und Afrikaner jetzt an der Macht sind, Sie – ein schwarzer Afrikaner – uns, die wir nicht zu Ihrem Stamm gehören, weniger Gerechtigkeit zuteil werden lassen als die weißen Kolonialherren Kenyatta zugestanden hatten, obwohl er ein Schwarzer war und kolonialer Untertan … Präsident Moi wird einen Schuldspruch gegen uns dazu verwenden, um den Kikuyus und den anderen Nicht-Kalenin-Stämmen im RiftValley, die sich in der Opposition befinden, klarzumachen, daß sie entweder in die KANU eintreten oder das Rift-Valley verlassen müssen, und falls sie das nicht tun, das Risiko eingehen, bei Stammesfehden oder im Gefängnis per Gerichtsurteil getötet zu werden…

Präsident Moi wird einen Schuldspruch gegen uns dazu verwenden, der politischen Opposition in diesem Lande klarzumachen, daß einen Menschen, der nicht auf seiner Seite steht, kein Nachweis seiner Unschuld, kein geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz, keine Verfassung, keine Bitte um Gerechtigkeit, aus welcher Ecke auch immer, ja nicht einmal Gott vor seinem Zorn schützen wird. Diese Gerichtsverhandlung ist deshalb ein Teil von Mois Kampagne, die Mehrparteiendemokratie in diesem Lande zu verhindern."

Ich wünschte, sagen zu können, daß Koigis Beredtsamkeit Beachtung gefunden, daß Tuiyot seinen Fehler erkannt hätte, Kenias Rechtsprechung zum Werkzeug der KANU-Partei verkommen zu lassen. Aber dies ist Afrika, und die Good Guys gewinnen hier selten. Koigi wurde verurteilt – aber nicht wegen eines Kapitalverbrechens, was ihm die Todesstrafe ersparte. Er wurde zu acht Jahren Gefängnis und zu sechs Stockhieben verurteilt. Und gewiß bekam Moi seinen Wunsch, Koigis Dreadlocks abzuschneiden, erfüllt, da bin ich sicher. Ein wichtiger Kritiker, eine Persönlichkeit, die die Opposition hätte um sich sammeln können, wurde so bis lange nach der nächsten Wahl aus dem Verkehr gezogen.

Ich könnte endlos so weitermachen. Meine Notizbücher sind bis oben hin voll mit Geschichten über Unterdrückung, Verfolgung, Ungerechtigkeit. So voll, daß ich manchmal mit der Faust gegen die Wand schlagen möchte, aber natürlich weiß ich, daß das nichts nützt. Statt dessen bleiben meine Gefühle fest zugeschnürt in mir, bis zur nächsten Reise, zum nächsten Land, und zur selben Ungerechtigkeit, zur selben Unfairneß, und alles wie gehabt.“

 

Bildung

 

Edward Oyugi ist kein Krimineller, nicht einmal ein politischer Dissident, auf keinen Fall ein Unruhestifter. Er ist einfach ein Akademiker, ein Psychologieprofessor in Nairobi, einer der Afrikaner, die versuchen, die Leute aufzuwecken. Als Belohnung für seine Bemühungen hat er genug Zeit in Gefängnissen verbracht, um so etwas wie ein Experte auf dem Gebiet des kenianischen Strafvollzugs zu sein. Er kann dir von dem Gefängnis an der Küste erzählen, wo man ihn in einer kochend heißen Zelle in Isolationshaft hielt, vier Jahre lang Tag und Nacht eingesperrt, ohne etwas anderes zum Lesen als seine Bibel.

Sein Verbrechen? Er legte sich mit Präsident Daniel arap Moi an, der die Universitäten für Brutstätten der Subversion hält. Oyugi lehrte an der Kenyatta University, als er Ende der siebziger Jahre in den Personalrat der Universität gewählt wurde, zu einer Zeit, in der die Studentendemonstrationen einen regierungskritischen Ton anschlugen. Moi begann mit aller Macht, die sogenannten radikalen Elemente vom Campus zu entfernen, und Oyugi wurde zusammen mit drei anderen verhaftet und beschuldigt, ein "aufwieglerisches" Dokument in seinem Besitz zu haben.

Oyugi wurde entlassen, nachdem er in Hungerstreik getreten war, dann aber auf die schwarze Liste gesetzt und durfte nicht mehr an die Universität zurück. Also verließ er, wie viele der Besten und Klügsten Kenias, das Land und ging nach Deutschland. Er kehrte ein Jahr später zurück, als man ihm erlaubte, seine alte Stelle an der Kenyatta University wieder anzutreten, aber 1990, als das Mehrparteienfieber das Land ergriffen hatte, wurde er erneut verhaftet, ohne Beweis, ohne Prozeß, aus reiner Schikane. Diesmal wurde er wegen versuchten Regierungsumsturzes angeklagt. Er wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, aber die Anklage war offensichtlich erfunden und wurde später in der Berufung fallengelassen. Doch bis zur Aufhebung des Urteils hatte er bereits länger im Gefängnis gesessen, und als er entlassen wurde, verbot man ihm erneut, an seine alte Lehrstelle an der Universität zurückzukehren.

Edward Oyugi mag heute ein geschlagener Mann sein, ein Arbeitsloser, fertiggemacht von einem ungerechten System und einem rücksichtslosen Tyrannen. Aber er ist nicht verbittert. Er spricht mit leiser Stimme, und manchmal klagt er sich selber an. An den meisten Tagen "stöbert er herum", wie er sagt, und versucht, ein paar Beraterjobs zu finden oder ein wenig Geld zu verdienen, ein bißchen hier, ein bißchen da, gerade genug, um sich etwas zu essen zu kaufen. Wenn er so etwas wie Mitleid empfindet, dann nicht für sich, sondern für Kenias Bildungssystem und wie Moi es geschafft hat, es komplett zu zerstören, und damit die Zukunft des Landes aufs Spiel gesetzt hat. "Die meisten guten Professoren sind weg", sagte er. "Die, die bleiben, sind zum größten Teil Speichellecker, denen es nur ums Geld geht. Sie veröffentlichen nichts. Sie forschen nicht. Es gibt keine Qualität. Damit sind die Universitäten am Ende.

Es wird lange dauern. Es braucht eine neue Regierung, die die akademische Freiheit und die Souveränität der akademischen Institutionen respektiert. Moi ist unfähig, sich so zu verändern, daß unsere Universitäten in die Lage kämen, sich wieder zu erholen."

"Wir haben etwa drei Generationen verloren", sagte er. "Ich sehe komplexe Probleme, die lange Zeit in Anspruch nehmen werden, sie zu lösen. Es ist wirklich zum Erbarmen für die Zukunft dieses Landes, daß die Führer ihre Augen vor allem verschließen."“

 

Asien schneidet deutlich besser ab

 

Vor meiner Ankunft in Afrika hatte ich vier Jahre lang aus Südostasien berichtet. Ich verbrachte zudem ein Jahr mit einem Journalistik-Stipendium am East-West-Center in Honolulu, was mir erlaubte, zu Forschungszwecken nach Asien zurückzukehren. In Asien erlebte ich eine erstaunlich dynamische Wirtschaftsregion, hauptsächlich geprägt durch eine mehr als zehnjährige kontinuierliche Wachstumsrate und Weiterentwicklung, einen sehr viel höheren Lebensstandard als früher und weitreichende Möglichkeiten. Fast alle Länder in Südostasien hatten sich von armen Ländern zu relativ wohlhabenden Ländern entwickelt, besaßen eine breite, stabile Mittelschicht und waren dabei, die erste Stufe einer neuen industrialisierten Volkswirtschaft zu erklimmen.

Warum hat sich Südostasien zu einem Modell wirtschaftlichen Erfolgs entwickelt, während Afrika fast ausschließlich Armut, Hunger und eine Wirtschaft kennt, die sich nur mit Hilfe ausländischer Mittel über Wasser halten kann? Warum erweitert Südostasien inzwischen bereits sein Telekommunikationsnetz, während es in Afrika immer noch schwierig ist, auch nur zum nächsten Haus zu telefonieren? Warum kämpfen die Asiaten bereits um Wege und Möglichkeiten, den Zugang zum Internet zu kontrollieren, während Afrikas Studenten noch immer mit Pappcomputern arbeiten müssen, weil sie keine richtigen Computer in ihren Klassenzimmern haben? Warum erweitert East Asian Airlines das Angebot an Langstreckenflügen, während die bankrotten afrikanischen Fluggesellschaften ihre Flugzeuge auf unkrautüberwucherten Rollbahnen verrotten lassen, weil sie sich kein Benzin und keine Reparaturkosten leisten können? Warum verhandeln die Führer in Südostasien über Mittel und Wege, Handelsbarrieren zu senken und eine Freihandelszone zu schaffen, während die Afrikaner immer noch mit die höchsten Schutzzölle der Welt erheben, sogar auf den innerafrikanischen Handel?

Asiens Erfolg hatte nichts Zwangsläufiges an sich, und Afrikas verzweifelter Mißerfolg auch nicht. Beide Regionen schüttelten etwa zur gleichen Zeit den Kolonialismus ab und standen oft vor den gleichen Hindernissen. 1957, als Ghana seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklärte, schien es eine der leuchtendsten Hoffnungen des schwarzen Afrika zu sein, mit einem höheren Bruttosozialprodukt als Südkorea, das sich erst noch von einem zerstörerischen Krieg und fünfunddreißig Jahren japanischer Kolonialherrschaft erholen mußte. Heute ist Südkorea einer von Asiens "Drachen", ein ökonomisches Kraftwerk, das sich innerhalb des Landes und weltweit immer neue Märkte erschließt. Währenddessen ist Ghana zurückgefallen. Sein Bruttosozialprodukt ist inzwischen niedriger als zur Zeit seiner Unabhängigkeitserklärung. Weltbank-Ökonomen zeigen gern auf Ghana als Beispiel dafür, daß sich Afrikas Länder unter einer strikten Finanzdisziplin "erholen". Was sie nicht sagen, ist, daß die Wirtschaft vollgepumpt ist mit ausländischen Finanzmitteln.

Es ist eine häßliche Wahrheit, aber ich werde sie hier aussprechen, weil Afrikas Fehler schon zu lange hinter einem Schleier von Entschuldigungen und Verteidigungen versteckt wurde. Es ist mir klar, daß ich mich dabei auf vermintem Terrain bewege, also werde ich vorsichtig sein. Man macht es sich zu einfach, wenn man in die Falle der alten rassistischen Vorurteile stolpert – daß Afrikaner faul und Asiaten einfach schlauer seien, daß Schwarze noch immer etwas Wildes, Primitives an sich hätten. Ich bin zwar kein Afrikaner, aber ich bin schwarz, und deshalb werde ich mich auf dieses Gebiet vorwagen. Ich bin mir dabei der Gefahr durchaus bewußt und weiß genau, daß einige sagen werden, daß ich meiner Rasse einen schlechten Dienst erweise, wenn ich auf diese schmerzliche Realität hinweise. Aber ich bin schon zu weit gegangen, um jetzt einen Rückzieher machen zu können. Der schlechtere Dienst wäre inzwischen vermutlich, den Rest ungesagt zu lassen.

Werfen wir zuerst einen Blick auf die Statistiken, die harten und kalten Fakten, von denen leider viele bereits allzu bekannt sind. Laut Weltbank ist Afrika der Kontinent mit den ärmsten Ländern der Welt – und dabei werden Länder wie Somalia noch nicht mal richtig mitgezählt, wo es keine sinnvollen Statistiken gibt, weil es keine Regierung gibt, die sie erstellen ließe. Die Kinder in Afrika sterben von allen Kindern auf der Welt am wahrscheinlichsten bereits vor ihrem fünften Lebensjahr. Die Erwachsenen haben weltweit die geringste Erwartung, älter als fünfzig Jahre zu werden. Afrikaner sind im Durchschnitt schlechter ernährt, schlechter ausgebildet und anfälliger für eine Ansteckung mit tödlichen Krankheiten als die Bewohner irgendeines anderen Landes auf der Welt.

Afrikas Wirtschaft ist geschrumpft. Sein Anteil am Weltmarkt hat sich seit 1970 um die Hälfte verringert, und der Dollarwert seines Welthandelsaufkommens ging während der achtziger Jahre zurück. Afrikanische Waren machen weniger als ein Prozent der amerikanischen Importe aus. Mit Ausnahme von Südafrika ist der afrikanische Kontinent auf einem ökonomischen Abstellgleis gelandet, ist auf eine irrelevante Randposition im Welthandel verwiesen worden.

Wenn Sie mir jetzt mit dem Erbe des Kolonialismus kommen, verweise ich Sie auf Malaysia und Singapur, das von den Briten regiert und während des Zweiten Weltkriegs von den Japanern besetzt wurde. Oder auf Indonesien, das von den Holländern über drei Jahrhunderte lang ausgebeutet wurde. Oder schauen wir auf Vietnam, eine französische Kolonie, die später in einen Norden und einen Süden aufgeteilt wurde, mit den allseits bekannten tragischen Konsequenzen. Wie in Afrika haben die meisten der asiatischen Länder ihre wirkliche Unabhängigkeit erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erlangt. Im Gegensatz zu den Afrikanern wußten die Asiaten etwas damit anzufangen.

Kommen Sie mir nicht mit den Problemen des Tribalismus in Afrika, damit, daß die Europäer verschiedene ethnische und sprachliche Gruppen zu künstlichen Nationen zusammengefaßt haben. Sonst verweise ich Sie auf Indonesien, wo auf 13 700 verstreuten Inseln mehr als 360 verschiedene Stämme und ethnische Gruppen leben und ein Gemisch von Sprachen und Religionen herrscht. Indonesien hat zwar eine turbulente Vergangenheit hinter sich, zu der auch ein blutiges, 1965 von der Armee begangenes Massaker gehört, das eine Million Menschen das Leben kostete. Aber es hat seitdem dreißig Jahre relativer Stabilität und Prosperität erlebt. Wenn Sie jetzt von den afrikanischen Ländern sprechen, denen es an Bodenschätzen fehlt und die auf bestimmte Rohstoffe angewiesen sind, dann frage ich Sie, wie Sie sich Singapur erklären, einen kleinen Inselstaat ohne die geringste Spur von Bodenschätzen und mit einer Bevölkerung, die kaum groß genug ist für eine unabhängige Nation. Singapur ist heute eine der erfolgreichsten Wirtschaftsnationen der Welt.

Ich brachte die Frage des asiatischen Erfolgs auf meinen Reisen durch Afrika zur Sprache, wann immer ich konnte, weil ich wissen wollte, wie die Afrikaner selbst – Regierungsbeamte, Diplomaten, Akademiker – ihre mißliche Lage erklären. Worauf ich stieß, war Abwehr, gefolgt von Verärgerung und schließlich von Vorwürfen, von Geschichte keine Ahnung zu haben. Dann zählte man mir eine lange Latte von Entschuldigungen auf. Man verwies auf den Kalten Krieg und wie die beiden Supermächte ihre Rivalitäten über Stellvertreterkriege in Afrika ausgetragen und damit die Leiden des Kontinents verlängert hätten. Und ich antwortete, daß der längste und kostspieligste Konflikt des Kalten Krieges nicht in Afrika, sondern in Korea und Vietnam stattgefunden habe. Sagen Sie mir jetzt, welcher Kontinent nun das größte Spielfeld für die Rivalitäten der Supermächte war.

Wenn wir über Korruption sprechen – offizielle Plünderung auf höchster Ebene –, kommen wir der Sache schon näher. Korruption ist der Krebs, der das Herz Afrikas auffrißt. Korruption hält die Politgangster in Afrika an der Macht, und mit dem Geld, das sie stehlen, können sie es sich bei großzügiger Verteilung erlauben, Treue einzufordern auch dann noch, wenn bereits der letzte Fetzen von Legitimität verschwunden ist.

Natürlich gibt es auch in Südostasien Korruption. Sogar in großem Stil. Südkoreas ehemaliger Präsident kam wegen Korruption ins Gefängnis, nachdem er zugegeben hatte, Schmiergelder von den mächtigen Konzernen im Land angenommen zu haben. In Indonesien hat die Geschäftemacherei der Kinder Suhartos so schamlose und allgegenwärtige Ausmaße angenommen, daß es allgemein heißt, man müsse nur ein Taxi besteigen, in einem Hotel übernachten, eine Zigarette rauchen, von einer Telefonzelle aus telefonieren oder einen Mercedes in Djakarta kaufen, und schon pumpe man damit Geld in die Taschen der Präsidentenfamilie. Eine Überwachungskommission zählte Indonesien einmal zu den korruptesten Ländern der Welt, und Risikoberater in Hongkong sahen es an dritter Stelle in Asien, direkt hinter dem kommunistischen China und Vietnam. Und in Thailand erfreuen sich Armeegeneräle komfortabler Beziehungen zur Wirtschaft und sitzen sogar in den Aufsichtsräten der großen Konzerne.

Und doch ist Korea eine wirtschaftliche Großmacht, hat Indonesien die Armut innerhalb der letzten fünfundzwanzig Jahre jährlich stärker reduziert als jedes andere Entwicklungsland der Welt, und haben Thailand, Vietnam und China jährliche Wachstumsraten zwischen acht und zehn Prozent.“

 

Korruption

 

Dies alles steht im Gegensatz zu Afrika, wo die Korruption genauso weit verbreitet ist, aber mit völlig anderen Ergebnissen. Nehmen wir noch einmal Zaire, wo Mobutu in den dreißig Jahren seiner Regierung die Korruption in bis dahin unvorstellbare Höhen trieb (oder Tiefen, das kommt auf den Standpunkt an) und eine Kleptokratie etablierte, die sich nur noch an dem messen läßt, was Ferdinand E. Marcos auf den Philippinen errichtete. Man schätzt, daß Mobutu an die zehn Milliarden Dollar auf überseeische Bankkonten transferierte, Geld, das zum größten Teil aus den Einnahmen der Diamant- und Kupferminen stammt und aus den Beteiligungen an den Erträgen der staatlichen Körperschaften.

In einer so offensichtlichen Kleptokratie zu leben fördert auch bei den unteren Schichten den Hang zu Korruption und Diebstahl, und das ist genau das, zu was Zaire in den neunziger Jahren heruntergekommen ist. Jeder sieht nur auf seinen eigenen Vorteil, das lernte ich bereits in dem Augenblick, als ich auf dem chaotischen Ndili International Airport landete. Als erstes sah ich mich einem schwindelerregenden Aufgebot von Militär und Polizei, Zollbeamten, Einwanderungsbeamten, Gaunern, Taschendieben, Zuhältern, zwielichtigen Typen, Kofferträgern, Betrügern und Pennern ausgesetzt. Sie alle beanspruchen irgendeine "Funktion" für sich – kontrollieren deinen gelben Impfpaß, prüfen dein Gepäck, stempeln deinen Paß ab – und halten dann die Hand auf, um die Gebühr zu kassieren, normalerweise etwa zwanzig Dollar. Im Vergleich dazu war Mogadischus Flughafen ruhig und ordentlich.

Um diese laute und verwirrende Skala von Dieben zu meiden, entschloß ich mich, von der Möglichkeit des "VIP-Service" Gebrauch zu machen, was hieß, daß ich einem uniformierten Soldaten hundert Dollar bezahlte, der mich ziemlich schnell an der Reihe ausgestreckter Hände vorbeischleuste und vom Flughafen aus im Taxi mitfuhr, ein Maschinengewehr zwischen den Beinen. Man stelle sich bloß mal folgende Zeitungsanzeige vor: "Soldat ohne Sold als persönliche Eskorte zu mieten." Zaire, dachte ich, war tatsächlich nicht so weit von Somalia entfernt.

Korruption ist in Afrika so verbreitet – und um vieles destruktiver als ihr asiatisches Gegenstück –, daß der Vergleich einen bekannten Witz hervorgebracht hat, der folgendermaßen geht:

Ein Asiate und ein Afrikaner befreunden sich als Studenten an einer westlichen Universität. Jahre später werden beide Finanzminister in ihrem jeweiligen Land. Eines Tages fährt der Afrikaner nach Asien, um seinen alten Freund zu besuchen, und ist überrascht über den Palast, in dem der Asiate wohnt, über seine drei Mercedes-Limousinen in der Auffahrt, den Swimming-Pool und die Bediensteten.

"Mein Gott!" ruft der Afrikaner aus. "Früher waren wir arme Studenten! Wie um alles in der Welt kannst du dir das alles leisten?"

Der Asiate führt seinen Freund ans Fenster und zeigt ihm einen glänzenden neuen Highway in der Ferne. "Siehst du den Highway?" fragt der Asiate und klopft sich stolz auf die Brust. "Zehn Prozent." Und der Afrikaner nickt zustimmend.

Wieder ein paar Jahre später kommt der Asiate nach Afrika, um den Besuch zu erwidern. Er findet seinen alten Freund auf einem herrschaftlichen, viele Hektar großen Besitz. In der Auffahrt steht eine Flotte mit Dutzenden von Mercedes-Limousinen, es gibt ein Schwimmbad im Inneren des Hauses, Tennisplätze und eine Armee livrierter Chauffeure und Bediensteter. "Mein Gott!" sagt der Asiate. "Wie um alles in der Welt kannst du dir das alles leisten?"

Diesmal führt der Afrikaner seinen asiatischen Freund ans Fenster und zeigt hinaus. "Siehst du den Highway?" fragt er. Der Asiate schaut hinaus, sieht aber gar nichts, nur ein offenes Feld, auf dem ein paar Kühe grasen.

"Ich sehe keinen Highway", sagt der Asiate und strengt seine Augen an.

Bei diesen Worten lächelt der Afrikaner, schlägt sich an die Brust und verkündet stolz: "Hundert Prozent!"

Der Witz wurde mir zum ersten Mal von einem amerikanischen Diplomaten in Nigeria erzählt, der einige Zeit in Indonesien gewesen war. Die darin enthaltene Botschaft klang scharf und deutlich; im Gegensatz zu der gutartigeren Version in Asien hatte die Korruption in Afrika eine schwächende Wirkung. "In Indonesien mag zwar die Tochter des Präsidenten den Auftrag bekommen, Straßen zu bauen", sagte der Diplomat, "aber die Straßen werden gebaut und entlasten den Verkehr." In Afrika werden die Straßen niemals gebaut. Das war der Unterschied, sagte er, "zwischen produktiver Korruption und tödlicher Korruption".

Es ist dieses Problem der Korruption, vom Präsidenten bis hinunter zum kleinsten Zollbeamten, das mir eine ebenso treffende Erklärung für die Misere in Afrika zu sein scheint wie jede andere. Aber es ist immer noch nicht die Antwort auf die Frage: Warum? Gibt es irgend etwas in der Natur des Afrikaners, das ihn anfällig macht für Korruption? Warum bringt Asien einen Lee Kuan Yew und einen Suharto hervor, während statt dessen Afrika so viele Mobutus, Mois, Aidids und Hastings produziert?“

 

Tribalismus

 

Alle starken Männer Afrikas operieren gerne mit ethnischen Ängsten – spielen die Stammeskarte aus –, um an der Macht zu bleiben; im Fall Habyarimanas wurde die Angst, daß die Tutsis wieder an die Macht kommen könnten, zu einem perversen ideologischen Bindemittel des Regimes. Als er den alten Haß und Neid ausspielte, stieß er bei der meist ungebildeten ländlichen Hutu-Bevölkerung auf offene Ohren, da die soziale Kluft zwischen den Hutus und Tutsis, verstärkt durch ethnische Stereotypen, auch nach der Erlangung der Unabhängigkeit weiterbestand. Und das Stereotyp gründete sich auf das offensichtlich gute Aussehen und die Privilegien der Tutsis und die offensichtliche Häßlichkeit und Rückständigkeit der Hutus.

Wenn ich etwas lernte auf meinen Reisen durch Afrika, dann war es das, daß der Stamm eines der prägendsten Elemente fast jeder afrikanischen Gesellschaft bleibt. Das alte Mißtrauen zwischen den Stämmen und die Stammesstereotypen existieren nach wie vor, und die Gefahr einer gewaltsamen Implosion schwelt unterhalb der Oberfläche fort.

Selbst in den sogenannten kultivierteren oder entwickelteren Ländern wie Kenia ist es während dreißig Jahren "nation building" nicht gelungen, ein wirkliches Gefühl nationaler Identität zu schaffen, das über den Stamm hinausreichen könnte. In Kenia glauben die Kikuyu bis heute, daß die Luo minderwertig seien und daß sie, die Kikuyu, das Recht hätten zu herrschen. Die Luo trauen den Kikuyu nicht, weil sie denken, daß diese sie verachten. Und beide Stämme verachten die Luhya. Und so geht es weiter und weiter.

In Kenia sah ich auch die zerstörerischen Auswirkungen, die es haben kann, wenn Politiker wie Daniel arap Moi und seine Spießgesellen die "Stammeskarte" ausspielen und die Flammen der ethnischen Empfindlichkeiten schüren, um politischen Vorteil daraus zu ziehen. Ich ging durch die ausgebrannte Stadt Enosupukio, nachdem sie von den Massai-Kriegern überfallen worden war, die die Kikuyu vertrieben, weil diese sich nach ihrer Meinung auf traditionellem Weideland der Massai angesiedelt hatten. Die Stadt sah aus wie ein Kriegsgebiet nach einer Generalschlacht, was es, so vermute ich, in gewisser Weise auch war. Kein einziges Haus, kein einziger Laden stand mehr. Selbst die beiden Kirchen hatte man bis auf ein paar Kirchenbänke ausgeraubt. Als ich mit den Kikuyu-Flüchtlingen sprach, die aus der Stadt geflohen waren, erzählten sie mir, wie die Massai, die früher ihre Nachbarn gewesen waren, plötzlich mit Macheten, Gewehren und Speeren über die Stadt hergefallen seien. Eine Frau namens Loyce Majiru erzählte mir, wie sie mit ihren neun Kindern fliehen mußte und wie sie, als sie zurückschaute, den Körper eines Nachbarn, nackt und mit abgehacktem Kopf, am Straßenrand liegen sah.

Und das war Kenia, eines der großen Touristenziele und ein Land, das lange als eines der "stabileren" in Afrika angesehen wurde.

Doch über diese Dinge außerhalb Afrikas zu reden ist nicht sehr populär, besonders nicht unter den Afrikanisten und westlichen Akademikern, für die das Wort "Stamm" ein Fluchwort ist. Der bevorzugte Ausdruck ist "ethnische Gruppe", weil er als weniger rassistisch gilt. Aber die Afrikaner selbst sprechen von ihren "Stämmen", und sie warnen vor der Gefahr einer Explosion zwischen den Stämmen.

Es war lange die Argumentation der alten afrikanischen Machthaber, daß Stammesfehden dieser Art nur durch eine autoritäre Herrschaft verhindert werden könnten. Nach ihrer Theorie führt ein Mehrparteiensystem unweigerlich zu Gewalt unter den Stämmen, da der Pluralismus die Leute ermutigte, bei ihren familiären Stammesverbänden Schutz zu suchen. Es sei praktisch unvermeidlich, daß politische Parteien sich nach Ethnien, sprich Stämmen, ausrichten würden. Und das unterscheidet sie dann nicht mehr allzu sehr von dem stammesmäßigen Wahlverhalten in den großen amerikanischen Städten, wo man auf die schwarzen Stimmen, die irischen Stimmen, die polnischen Stimmen, die italienischen Stimmen und die jüdischen Stimmen zählen kann. Aber in Amerika greifen wir nicht zu unseren Panga-Messern, wenn unser Stamm die Wahl verliert.“

In Afrika gehört man zu einem Stamm; ohne einen Stamm gehörst du zu nichts. Schwarze Amerikaner wurden vor mehr als vierhundert oder noch mehr Jahren aus Afrika gerissen, aus ihren Stämmen gerissen, aus allem gerissen, zu dem sie gehörten. Und ohne daß man zu etwas gehört – ohne irgendeine wirklich identifizierbare Gruppe, ohne eine afrikanische Identität – wirst du ständig von allen Seiten mit Argwohn verfolgt, besonders dann, wenn Afrikas Stämme gegeneinander Krieg führen. Von amerikanischen Schwarzen wird in Afrika dauernd verlangt, sich für eine Seite zu entscheiden.

Und was noch gefährlicher ist, ein schwarzer Amerikaner kann leicht von einem Stamm mit dem Angehörigen eines anderen Stammes verwechselt werden. Jeder Unbekannte, jeder Fremde ist ein potentieller Feind – du kannst zur Zielscheibe werden wegen so unschuldiger Dinge wie der Form deines Kopfes, der Breite deiner Nase, deiner Größe, sogar wegen der Tatsache, daß du eine Brille trägst oder Englisch oder Französisch sprichst. In Afrika schwarz und ein Amerikaner zu sein heißt, sich dauernd hinter dem falschen Schutz des blauen amerikanischen Passes zu verbergen – und zu hoffen, daß der Typ, der dir seine AK-47 vor die Brust hält oder dir die Machete an den Hals setzt, zumindest den eingeprägten Adler vorne erkennt, sogar wenn er ein Analphabet ist und die Worte "United States of America" nicht lesen kann.“

Als wir einige Monate später in dem heiteren Ambiente der Terrasse des Inter-Continental-Hotels in Nairobi saßen, erzählte mir Thomas-Greenfield, was ihr in Ruanda zugestoßen war und wie sich dadurch ihre Sicht des Kontinents verändert habe. "Ich glaube, es ist ein absoluter Nachteil, in Afrika ein Schwarzer zu sein", sagte sie. "Hier wie überall sonst in Afrika ist die Spaltung keine rassische, sondern eine ethnische. Die Leute denken, daß sie wissen, welcher ethnischen Gruppe du angehörst, wenn sie dich nur ansehen. Wenn es einen Konflikt gibt zwischen den ethnischen Gruppen, mußt du sie wissen lassen, daß du Amerikaner bist."“

 

Hygiene

 

Es war eine mächtige Angst, diese Angst, mich mit Aids zu infizieren, und eine, derer ich mir in Afrika immer bewußt war. Die Geschosse, die Milizen mit ihren Macheten, irgendwelche herumirrenden Granatsplitter – das war eine Sache. Ich konnte nichts dagegen machen, wenn mir eine Granate oder eine verirrte Kugel den Kopf abriß, während ich mir die Schuhe band. Wenn das passieren würde, würde es mit etwas Glück ein schneller schmerzloser Tod sein. Aber mit Aids war das anders. Der Tod würde langsam kommen und schmerzvoll sein. Und Aids war etwas, das ich verhindern konnte.

Ich hielt meine Angst nie für irrational. Ich wußte genug über die Krankheit, um zu wissen, daß man sie nicht über alltägliche Berührungen wie Händeschütteln oder sogar Küssen bekommen konnte. Aber ich wußte, daß man sie über Blut bekommen konnte – und ich sah in Afrika eine schreckliche Menge Blut, und davor hatte ich Angst. Ich sah Blut auf den T-Shirts der jungen Milizen am Checkpoint im Südwesten Ruandas, als sie den Wagen anhielten, in dem Ruth und ich fuhren. Ich sah jedesmal Blut, wenn ich meinen Fuß in ein afrikanisches Krankenhaus setzte, ob es das Feldlazarett in Byumba war, wo ich das Gemetzel sah, das die Hutu-Milizen angerichtet hatten, oder das Benadir-Krankenhaus in Mogadischu, wo Paul Alexander und ich uns als Gesundheitsbeamte verkleidet hatten, um an die neuesten Verlustzahlen heranzukommen. Blut war auf den Tüchern, die man in den Ecken und Korridoren aufgeschichtet hatte. Blut war auf den weißen Kitteln des Krankenhauspersonals. Blut war an den Wänden und auf den Böden. Wann immer ich einen Schritt in ein afrikanisches Krankenhaus in einem Kriegsgebiet oder Flüchtlingslager machte, watete ich buchstäblich in Blut. Und doch sah ich immer wieder, wie das Krankenhauspersonal, Ärzte, Schwestern und Pfleger, die blutüberströmten Patienten hochnahmen, blutige Tücher zusammenlegten, und alles ohne die primitivsten Vorsichtsmaßnahmen, wie sich ein Paar Gummihandschuhe überzuziehen. Kannten sie nicht das Risiko?

Wenn ich in Afrika unterwegs war, trug ich immer meine eigenen Injektionsnadeln bei mir für den Fall, daß ich krank würde und eine Spritze brauchte. (Glücklicherweise hatte ich nie die Gelegenheit, sie zu benutzen!) Ich versuchte auch, so gut ich konnte, zu vermeiden, jemand vom Pflegepersonal die Hand zu geben, der gerade einen blutüberströmten Patienten auf die Seite gedreht oder eine blutende Schußwunde versorgt hatte. Manchmal jonglierte ich bewußt etwas linkisch und umständlich mit meinem Stift und meinem Notizblock und meiner Kamera herum, so daß es ausah, als ob ich keine Hand frei hätte. Einmal interviewte ich in Ruanda einen jungen Mann, der half, die Cholera-Opfer zu begraben. Er trug Gummihandschuhe, als er die frischen Leichen eine nach der anderen von einem Haufen auf die Ladefläche eines Lastwagens zog. Ich fragte ihn ein wenig darüber aus, wie er mit der grausigen Arbeit klarkomme, und bat ihn dann, seinen Namen zu buchstabieren. Bevor ich irgend etwas sagen konnte, hatte er mir meinen Kugelschreiber und mein Notizbuch aus der Hand genommen und schrieb mir, immer noch mit den Gummihandschuhen, seinen Namen auf, um sicherzustellen, daß er richtig geschrieben war. Als er mir mit einem Lächeln mein Notizbuch zurückgab, zögerte ich zuerst, und nahm es dann, weil ich nicht unhöflich erscheinen wollte. Aber einige Meter weiter warf ich Notizbuch und Kuli in einen Graben und vermied es, irgend etwas zu berühren, mich zu kratzen oder meine Hemdsärmel aufzurollen, um auf die Uhr zu schauen, bis ich wieder im Hotel war, wo ich fließendes Wasser hatte. Dann weichte ich gut dreißig Minuten die Hand ein, die das Notizbuch berührt hatte.“

Vielleicht ist einer der Gründe für die relativ nonchalante Haltung gegenüber Aids in Afrika die Tatsache, daß so viele andere, rascher tödliche Krankheiten ebenfalls auf dem Kontinent grassieren. Afrika ist die Brutstätte für Myriaden von Viren, Keimen, Epidemien, Parasiten, Bakterien und Infektionen, von deren Existenz die meisten Leute im Westen noch nicht einmal wissen – oder von denen man annahm, sie seien längst ausgerottet. In Kinshasa habe ich einmal mit ausländischen Ärzten gesprochen, die mir sagten daß sie sich Sorgen machten über einen neuerlichen Ausbruch der Schlafkrankheit in einigen abgelegenen Dörfern im Inneren des Landes. Schlafkrankheit! Ganze Dörfer legen sich einfach hin, schlafen ein und sterben. Ich fand es unglaublich, daß es so etwas in den neunziger Jahren noch gibt. Die Berichte hörten sich eher an wie aus dem 19. Jahrhundert. Noch erstaunlicher war aber, daß sich außer ein paar Ärzten in Kinshasa, die diese vereinzelten Berichte sammelten, kaum jemand um das Problem zu kümmern schien. Ein paar vereinzelte Dörfer, die einschliefen und starben, lösten in Afrika keine Krise aus, sondern galten eher als ein größeres gesundheitliches Ärgernis.

Der größte Killer in Afrika ist aber nicht Aids oder die Schlafkrankheit, sondern Malaria. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, daß etwa 88 Millionen Afrikaner davon betroffen sind. (Von den vier Malariaarten sind die drei häufigsten chronisch, das heißt, sie treten über Jahrzehnte hinweg immer wieder auf, während die vierte, die Malaria tropica, die nicht wiederkommt, tödlich verlaufen kann.) Weitere 171 Millionen Afrikaner haben Tb in irgendeinem Stadium. An Malaria, Tb, Masern und Durchfällen sterben die meisten Menschen in Afrika. Allein Malaria kostet schätzungsweise zwei Millionen Kinder jährlich das Leben. Die Weltbank schätzt, daß der Schaden durch Malaria infolge verlorener Produktivität in Afrika die Höhe der Gesamtausgaben für das Gesundheitswesen übersteigt. Das ist nicht weiter erstaunlich, wenn man die Baufälligkeit der meisten staatlichen afrikanischen Krankenhäuser bedenkt, die normalerweise nicht einmal genug Verbandsmaterial und Spritzen haben, geschweige denn genügend Medikamente. Ich hatte manchmal den Eindruck, daß das, was ich jährlich für Hundefutter und den Tierarzt ausgab, mehr war als das, was die afrikanische Regierung in ihr Gesundheitswesen investierte.

Der desolate Zustand, in dem sich die meisten staatlichen Krankenhäuser in Afrika befinden, ist ein trauriges Zeugnis für den miserablen Zustand des Gesundheitswesens. Krankenhäuser sind mehr als alles andere die Hauptbrutstätten für Krankheiten und Infektionen. Ich besuchte in fast jedem Land, in das ich kam, die Krankenhäuser, da sie ein guter Maßstab dafür sind, was eine Regierung für ihr Volk tut. Fast überall waren die Verhältnisse, um es milde auszudrücken, widerlich. Stickig heiße, fensterlose Räume, in deren übelriechender Luft es von Fliegen wimmelte. Patienten, die man in überfüllten Stationen im wahrsten Sinn des Wortes übereinandergeschichtet hatte. Überall Blut. Kranke, die meisten vermutlich mit Tb, die unkontrollierbar in den offenen Stationen herumhusteten. Familienangehörige, die entlang der Gänge und in den überfüllten Innenhöfen für ihre Kranken kochten, die sonst nichts zu essen bekommen hätten. Solltest du noch nicht krank sein, bevor du ein afrikanisches Krankenhaus betrittst, so dachte ich, wirst du es mit Sicherheit sein, wenn du es verläßt.

Es ist zum Beispiel kein Geheimnis, warum der Ebola-Virus 1995 für kurze Zeit in Zaire eine Epidemie auslöste. Es hatte Ebola-Ausbrüche schon früher in abgelegenen Dörfern gegeben, aber 1995 hatte ein Ebola-Patient den Fehler begangen, sich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Aufgrund fehlender Hygiene, eines Mangels an Gummihandschuhen und eines Mangels an gesundem Menschenverstand im Umgang mit Blut breitete sich der Ebola-Virus rasch unter dem Krankenhauspersonal aus, und eine neue Epidemie war geboren.

Eines der Hauptprobleme, unter denen Afrikas Gesundheitswesen leidet, ist die Korruption. In den meisten afrikanischen Krankenhäusern herrscht ein furchtbarer Mangel an Medikamenten. Aber auf der Straße kann man jede Art von Medikamenten kaufen, die zum größten Teil aus den Krankenhausapotheken gestohlen wurden, wenn sie überhaupt je dort angekommen waren. Wer Geld hat, kann es sich leisten, Medikamente privat zu kaufen. Wer keins hat – und das ist die große Mehrheit in Afrika –, leidet eben so lange, bis er stirbt.“

Immer, wenn ich an all die Krankheiten dachte – und das geschah oft, wenn ich durch eines der heruntergekommenen Krankenhäuser in den ländlichen Bezirken ging, die Flüchtlinge in Goma sah, wie sie wie die Fliegen an Cholera starben, oder in Merca durch eine überfüllte Tb-Station ging, wobei ich versuchte, nur flach zu atmen –, überfiel mich eine große Traurigkeit, die schwer auf mir lastete wie die abgestandene Luft des Todes, die über so weiten Teilen Afrikas hängt. So viele Afrikaner starben, unnötigerweise, wie mir schien, sie starben an Infektionen und Krankheiten, die leicht mit einer einfachen Injektion oder einer einwöchigen Einnahme von Antibiotika hätten geheilt werden können. Es schien eine so tragische Verschwendung zu sein. Wenn ich nur daran dachte, wie ich als Amerikaner bei der ersten Andeutung eines kratzenden Halses oder einer laufenden Nase ein Aspirin nahm, beim geringfügigsten Anzeichen eines noch gar nicht erkennbaren Ausschlags sofort zum Arzt rannte und mich gründlich untersuchen ließ!

Und in Afrika liefen die Leute wochenlang, jahrelang, manchmal ein ganzes Leben lang herum, ohne auch nur ein einziges Mal einen Fuß in ein Krankenhaus zu setzen. Manchmal war eine Behandlung einfach zu teuer, und manchmal – wie in Mogadischu – konnte die Fahrt zum Krankenhaus gefährlicher sein als die Krankheit selbst, vor allem, wenn man dazu während eines Artilleriesperrfeuers durchs Niemandsland mußte. In Somalia traf ich auf Dutzende von Leuten, die mir Schußwunden zeigten, die seit Wochen nicht behandelt waren. Sie wickelten einfach nur alte Lappen darum und ließen sie eitern.

Ich vermute auch, daß die Afrikaner dasselbe dachten wie ich – daß es keinen Sinn habe, in ein afrikanisches Krankenhaus voller Krankheiten zu gehen, da es in vielen Fällen lediglich ein Ort zum Sterben war.

Meist war ich aber einfach nur wütend über die ganze Situation. Wütend darüber, daß weder ich noch sonst irgend jemand auch nur etwas tun konnte, um zu helfen. Wütend, daß Medikamente, selbst wenn sie vorhanden waren, gestohlen und auf dem Schwarzen Markt verkauft wurden. Wütend darüber, daß die Regierungen überall auf dem Kontinent sicherstellten, daß ihre Soldaten neue Schuhe und neue Gewehre hatten, während die Krankenhäuser manchmal keinen Strom hatten, ganz zu schweigen von Verbandsmaterial oder Einwegspritzen.“

 

Zorn auf Afrika

 

Ich hasse weder Afrika noch die Afrikaner. Was ich hasse, ist die sinnlose Brutalität und die Vergeudung von Menschenleben. Ich hasse die Unfairneß, die Ungerechtigkeit, die Art und Weise, wie Unterdrückungssysteme Menschen ihrer Würde berauben. Ich hasse die Art, wie mein Fahrer in Somalia an einer verhungernden Frau am Straßenrand vorbeifährt und nicht anhalten will, damit ich ihr eine Flasche Wasser reichen kann. Ich hasse die Jungs, die vor den Essensausgaben mit ihren umgehängten Maschinenpistolen herumstolzieren und auf die Alten einschlagen, die in einer Schlange auf eine Handvoll Haferbrei warten. Ich hasse den Großen Mann, der die gesamte Regierung, das gesamte diplomatische Corps vor einem roten Teppich auf der Rollbahn in der glühenden Hitze Spalier stehen läßt, damit sie seinen Abflug zu einer Auslandsreise sehen konnten. Und ich hasse den Pressesprecher des Diktators, der in seinem stickig heißen Büro sitzt, ohne Strom, und mir glaubt einen Vortrag darüber halten zu müssen, wie "die Weißen" sein Land in den Ruin getrieben hätten. Ich hasse den Grenzbeamten an dem staubigen Grenzübergang, der diensteifrig meinen Paß studiert, den er in der einen Hand hält, während er die andere ungeniert nach einem Bestechungsgeld ausstreckt.“

Ich bewahre einige Fotos in meinem Schreibtisch auf, die ich aus einer der hier erscheinenden englischsprachigen Zeitungen ausgeschnitten habe. Ich glaube, ich hob sie für einen eventuellen Bericht auf, den ich dann aus irgendwelchen Gründen doch nicht geschrieben habe. Das erste ist auf einer Straße in der Innenstadt Nairobis aufgenommen und zeigt einen Kenianer in einem Popelinemantel, zusammengebunden wie ein Huhn und auf etwas geschnallt, das wie eine Schubkarre aussieht, und um ihn herum ist eine jubelnde Menge, die breit in die Kamera lächelt und das Siegeszeichen macht. Der Mann auf der Schubkarre hat einen eigenartigen Ausdruck im Gesicht – Angst, ja, aber auch etwas, was für mich so aussieht wie eine völlige Ergebenheit in sein Schicksal.

Die lange Bildunterschrift erklärt, daß dieser Mann irgendwo in der Innenstadt in einem Büro arbeitet und sich mit seinen Erfolgen beim anderen Geschlecht damit gebrüstet hat, daß er ein "ganzer Mann" sei. Eine der Frauen in seinem Büro, der er früher Avancen gemacht hatte, erzählte, sie wisse sicher, daß der Mann nicht beschnitten sei. Als seine Kollegen das hörten, umringten sie ihn, zogen ihm die Hosen herunter, bestätigten, daß er noch eine Vorhaut hatte, und trafen Vorbereitungen für eine rituelle Beschneidung, und zwar auf der Stelle. Er wurde auf die Schubkarre gebunden und feierlich durch Nairobis Straßen gerollt, was immer mehr Zuschauer anlockte. Er wurde zu einem Stammeshäuptling gebracht, der diesen Männlichkeitsritus ohne Betäubung, vermutlich mit einer stumpfen, rostigen schmutzigen Klinge durchführen würde. Das unglückliche Opfer, so stand in der Bildunterschrift zu lesen, war auf dem Weg, um "ins Messer zu schauen".

Es gab ein anderes Foto, das ich ebenfalls aufgehoben hatte. Es wurde in einem ländlichen Dorf aufgenommen und zeigt drei Männer, die dasitzen und verloren in die Kamera starren. Die Bildunterschrift erklärt, daß die drei gerade zwangsweise beschnitten wurden, festgehalten, während ein Ältester den Ritus mit einem Messer ausführte, das er vermutlich weder vorher noch zwischen den Beschneidungen sterilisiert hatte. Ein Artikel in derselben Zeitschrift rief ein paar Tage später die Kenianer dazu auf, diese Flut von zwangsweisen Beschneidungen zu beenden, die, wie es hieß, inzwischen alarmierende Ausmaße angenommen hatte, bei denen es immer wieder zu Zwischenfällen kam. Der Artikel warnte mit eindringlichen Worten vor der Gefährlichkeit dieser Prozedur, wenn die Instrumente nicht sauber sind und wenn kein ausgebildeter Mediziner dabei ist, um sie zu überwachen.

Es gibt ein letztes Foto, das aus neuerer Zeit stammt, und mich überläuft noch immer ein Schauder, wenn ich es betrachte. Es ist in einem Slum in Nairobi aufgenommen, nicht weit von meinem Haus entfernt, und zeigt einen Jungen, vielleicht im Teenageralter, der auf dem Rücken liegt, von einer Menge festgehalten, und vor Entsetzen schreit. Eine seiner Hände ist ihm abgehackt worden. Ein älterer Mann steht über ihm und hält fröhlich etwas in der Hand, das wie riesiges Hackmesser aussieht. Der alte Mann mit der Waffe lächelt und ist dabei, sich bereitzumachen, mit einem harten kräftigen Hieb die andere Hand abzuhacken. Die Bildunterschrift erklärt, daß man diesen Jungen bei einem Diebstahl erwischt habe und die Menge nun eine Art Straßenjustiz durchführe. Zuerst starrte ich gebannt auf das schreiende Gesicht des Jungen, danach aber auf die Gesichter der Leute im Hintergrund. Alle lachten und lächelten. Und ich frage mich, was um alles in der Welt ging in den Hirnen dieser Leute vor?

Wie konnte ein Mensch danebenstehen und lachen angesichts solcher Folter? Wie kann sich ein menschliches Wesen angesichts der Qual eines anderen Freude empfinden? Und das hier war nicht Ruanda, Somalia oder Liberia, wo ich eine so gefühllose Unmenschlichkeit erwartet hätte. Dies war Nairobi, angeblich eine der modernsten Hauptstädte Schwarz-Afrikas. Und diese Szenen spielten sich quasi direkt vor meiner Haustür ab.

Wie konnte ich mich mit diesen Afrikanern verbunden fühlen, wenn wir durch einen solchen Abgrund von Zivilisation, Lebensumständen, Emotionalität und Sensibilität getrennt waren? Wie konnte ich jemals begreifen, was im Kopf von Leuten vorgeht, ganz normalen Leuten, die als Zuschauer im Hintergrund stehen und angesichts solcher Qualen lachen?

Und was mich am meisten ängstigt, ist, daß alle diese lachenden Menschen auf den Fotos aussehen wie ich.

Wäre es meinem Vorfahr nicht gelungen, hier rauszukommen, stünde auch ich womöglich in dieser Menge und lachte schadenfroh, während ein Mann mit einem Hackmesser einem Dieb die Hand abhackt. Oder ich wäre vielleicht einer dieser Körper gewesen, die, Arme und Beine zusammengebunden, mit dem Wasserfall in Tansania in die Tiefe stürzten. Oder mein Sohn wäre von Soldaten angezündet worden. Oder ich würde jetzt hinken, weil ich in irgendeiner stinkenden Gefängniszelle gefoltert worden wäre.

Und dann würde ich vielleicht denken: Welches Glück diese schwarzen Amerikaner haben!“

 

Lichtblicke und mögliche Lösungen

 

Nach der Wahl von 1991 schien sich in Sambia zunächst alles verändert zu haben. Aber bereits 1996 wurde schmerzlich klar: Je mehr sich die Dinge ändern, um so mehr bleibt in Wirklichkeit alles beim alten.

Obwohl diese Erfolgsgeschichten herzerwärmend sind, gibt es doch immer noch viel zu wenige davon. In vielen Fällen kann man bestenfalls sagen, daß die Geschichte noch nicht abgeschlossen ist. Und die wenigen Erfolge konnten die überwältigende Verzweiflung nicht verhindern, die mich überkam, als ich sah, wie eine Wahl in Kamerun gestohlen, eine Wahl in Kenia manipuliert und eine Wahl in Nigeria annulliert wurde, und wie selbst äußerst fragwürdige Wahlen nur deshalb durchgeführt wurden, um den Status quo zu bestätigen oder, wie in Zimbabwe, Äthiopien, Tansania und Uganda, den ungehinderten Zustrom von Dollars sicherzustellen.“

Afrika braucht auch ein wenig mehr Dezentralisation, mehr "Devolution", um einen Begriff aus dem amerikanischen Politikwörterbuch zu benutzen. Die meisten Bürgerkriege und Konflikte auf dem Kontinent werden auf die eine oder andere Weise von separatistischen Gefühlen verursacht – die Hutu wollen nicht unter den Tutsi leben, die Habargidir denken, die Reihe sei jetzt an ihnen, Somalia zu regieren, die Kikuyu würden nicht für einen Luo als Präsidenten stimmen, die Zulu verlangen ein autonomes Homeland, die Eriträer haben sich bereits von Äthiopien gelöst und ihren eigenen Staat bekommen, usw.

Während der letzten dreieinhalb Jahrzehnte der Unabhängigkeit sind diese sezessionistischen Forderungen entweder unter den Teppich gekehrt oder unbarmherzig unterdrückt worden. Die Organisation für afrikanische Einheit hat die Unantastbarkeit der alten Kolonialgrenzen sogar zu einem ihrer heiligsten Glaubenssätze erklärt, aus lauter Angst, daß die Anerkennung dieser Forderungen vonseiten irgendeiner Gruppe zu Desintegration und Chaos führen könne.

Diese Einstellung muß sich ändern, wenn Afrika eine Überlebenschance haben will. Die Afrikaner könnten hier etwas von der ehemaligen Sowjetunion lernen, die in ihre Bestandteile zerfiel, oder von der ehemaligen Tschechoslowakei, die sich in die Tschechische Republik und die Slowakei teilte. Natürlich können Länder sich teilen, und natürlich können nationalistische Forderungen auf Selbstbestimmung anerkannt werden, ohne daß deshalb der Himmel über einem einstürzt.

Auch wenn Afrika daran denken sollte, seine alten Grenzen aufzubrechen, sollte es zugleich mehr Mittel und Wege finden, zusammenzukommen. Der weltweite Trend heute ist, daß Staaten sich zu stärkeren regionalen Wirtschaftsverbänden zusammenschließen. Beispiele sind die Europäische Gemeinschaft, die Nordamerikanische Freihandelszone, die Vereinigung Südostasiatischer Staaten und das Asien-PazifikForum für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auch Afrika hat solche regionalen Verbände, der vielversprechendste der südafrikanische Wirtschafts- und Handelsverband SADEC und die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (ECOWAS). Die westafrikanische Gemeinschaft galt als eines der möglichen Modelle, wie afrikanische Staaten ihre Probleme im eigenen Haus selbst lösen können, mit einer westafrikanischen Friedenstruppe zur Sicherung der Ordnung wie im Fall Liberias. Doch die Vorstellung, die diese Friedenstruppe in Liberia gab, war nicht überzeugend – in einigen Fällen haben sich die Soldaten, die eigentlich zum Schutz der Bevölkerung dort waren, den drogensüchtigen jungen Milizen angeschlossen, um die Stadt zu plündern.

Ein westafrikanisches Modell, das zu funktionieren scheint, ist die Luftfahrtgesellschaft Air Afrique, die mehreren westafrikanischen Staaten gemeinsam gehört und eine der effizientesten afrikanischen Fluglinien ist. Und in Ostafrika gibt es erste Schritte, die alte Ostafrikanische Gemeinschaft wiederzubeleben, die dazu führten, daß die Eisenbahnlinie zwischen Nairobi und Kampala nach langer Unterbrechung wieder eröffnet wurde.

Meistens aber kommen die afrikanischen Regionalgruppierungen nicht über das Niveau umständlich agierender Schwatzbuden hinaus; afrikanische Große Männer traten nur ungern etwas von ihrer kostbaren Autonomie zugunsten einer länderübergreifenden Gewalt ab. So werden wir uns weiterhin mit dem Irrsinn abfinden müssen, daß alle ostafrikanischen Länder kleine, verlustreiche und absolut unsichere nationale Fluglinien mit schlecht gewarteten Flugzeugen unterhalten, statt ihr Geld in einen Topf zu werfen und eine gemeinsame, effiziente und höchstwahrscheinlich profitable Fluglinie zu eröffnen.

Der zerstörerische und schwächende Einfluß des Tribalimus ist und bleibt die größte Plage, die das moderne Afrika und seine Suche nach Demokratie und Entwicklung heimsucht. Für Afrikas Übel den Tribalismus verantwortlich zu machen ist ein Klischee, gewiß. Aber wie viele Klischees hat auch dieses einen wahren Kern.

Ich erinnere mich, wie ich in Kenia ankam und einen dieser alten kolonialen Briten besuchte, einen Mann namens Douglas – ich habe nie seinen Vornamen erfahren –, der in einem beengten, schmuddeligen rauchgeschwängerten Büro über einem Souvenirladen arbeitete, umgeben von Stößen von Akten in blauen, rosa und gelben Aktenordnern. Er war ein großer Mann mit weißem Haar und einem dichten weißen Schnurrbart, und seine Hosenträger zogen seine Hose so hoch über die Taille, daß es aussah, als würden sie gleich seine Achselhöhle berühren. Er war der Makler des Hauses, das ich gemietet hatte, und ich mußte in sein Büro kommen, um ihm meinen Scheck vorbeizubringen. Ich erinnere mich, wie er sich gebieterisch zurücklehnte, die Hände über dem mächtigen Bauch verschränkt, mich, den Neuankömmling in Afrika, taxierte und dann verkündete: "Ihr Amerikaner wißt überhaupt nichts über die Afrikaner. Hier läuft alles über die Stämme – über die Stämme! Und das versteht ihr nicht." Und ich erinnere mich, wie ich damals dachte, wie aufgeblasen dieser Alte ist, wie überzeugt von sich selbst, als er mir mit Tribalismus kam, diesem alten abgenutzten Klischee, um Afrikas Übel zu erklären.

Ich nahm mir vor zu beweisen, daß der alte Douglas nicht recht hatte. Eine meiner ersten Reisen führte mich nach Tansania, und dort fand ich ein Land vor, das es tatsächlich geschafft hatte, sich vom Tribalismus zu befreien. Unter Julius Nyerere und seinen herrschenden Sozialisten gelang es der Regierung, ein echtes Nationalgefühl zu schaffen, das die natürlichen ethnischen Spaltungen des Landes überwand, unter anderem durch eine energisch durchgeführte Erziehungskampagne und die Einführung von Kisuaheli als Amtssprache. Kisuaheli wird heute in weiten Teilen des Landes gesprochen; in ihr wird auch an den Universitäten Tansanias gelehrt, wo ich auf einen Professor für Kisuaheli traf, der eifrig das neueste amerikanische Computerprogramm in Kisuaheli übersetzte. Tansania hat es geschafft, die Sprachbarrieren zu überwinden, die so viele afrikanischen Gruppierungen, die sich bekämpfen, trennen.

Nachdem ich aber den Kontinent drei Jahre lang bereist hatte, mußte ich feststellen, daß Tansania die Ausnahme ist, nicht die Regel. In Afrika dreht sich, wie mir der alte Douglas sagte, wirklich alles um die Stämme. Es ist der Tribalismus, der zehntausend Hutu in Ruanda dazu veranlaßte, ihre Macheten, Hacken, Panga-Messer und Landwerkzeuge zu nehmen, um ihren Tutsi-Nachbarn die Schädel einzuschlagen und die Gliedmaßen abzuhacken. Es ist der Tribalismus, weshalb ganze Landstreifen im Rift-Valley mit ausgebrannten Ruinen bedeckt sind, weshalb Zulu-Krieger in Skimasken Xhosa-Arbeiter vor einem Fabriktor in Südafrika niedermähen und Tausende von hungrigen vertriebenen Kasai sich unter einer Plastikplane auf einem abgelegenen Bahnhof im Osten Zaires zusammenkauern. Und es ist der Tribalismus, der unter anderem Namen – Klans, Unter-Klans, Splitterparteien – junge Männer in Mogadischu dazu brachte, die Stadt auszubomben und das, was von den Ruinen noch übriggeblieben war, zu plündern.

Ausschlaggebend scheint zu sein, ob ein bestimmter afrikanischer Führer willens ist, die Stammeskarte für seine eigenen Zwecke auszuspielen und die Emotionen und Rivalitäten zwischen den Stämmen für seine eigenen dunklen Ziele einzusetzen, die normalerweise darin bestehen, jene Art von gewaltsamem Chaos zu schaffen, die er braucht, um seinen eigenen Griff nach der Macht zu rechtfertigen. Traurigerweise haben zu viele – Doe, Habyarimana, Syad Barre, Äthiopiens Mengistu früher, Moi und Mobutu heute – mehr als bewiesen, daß sie genau das tun wollen.

Aber Tribalismus muß nicht notwendigerweise ein zerstörerischer Einfluß sein – und deshalb erhebt sich erneut die Frage nach Separatismus, Sezession und Selbstbestimmung. Afrika könnte eine kräftige Portion Föderalismus gebrauchen, um den Tribalismus zu entschärfen. Ein Stamm, der in eigener Sache wählen kann und eine Bezirks- oder Kommunalverwaltung kontrolliert, fühlt sich vermutlich weniger durch eine Zentralregierung, die von Mitgliedern eines anderen Stammes geführt wird, bedroht. Regionen, Provinzen und Städte, denen man wirkliche Autonomie zugesteht, werden die Menschen stärken, die dort leben. Zur Zeit allerdings machen Länder, die sich selbst "föderalistisch" nennen wie zum Beispiel Nigeria diesen Begriff zu einer echten Farce. Wenn es einen Präzedenzfall für ein föderalistisches System gibt, das funktioniert, so ist das Amerika.

Auch Amerika hat seine "Stämme", wie jeder bestätigen kann, der mit der Politik in den großen Städten vertraut ist. Wir haben unseren italienischen und unseren irischen Stamm, unseren polnischen und unseren jüdischen Stamm, und natürlich unseren schwarzen Stamm. Zeig mir die ethnische Zusammensetzung eines Wahlbezirks in Chicago, Boston oder Baltimore, und ich kann dir mit ziemlicher Genauigkeit voraussagen, ob der Kongressabgeordnete, der gewählt wird, Schwarzer, Italiener, Ire oder Jude ist. Es handelt sich um Stammespolitik – nur daß die amerikanische Version nicht typischerweise mit Gewalt verbunden ist.

Außerdem ändert es sich. Ein schwarzer Amerikaner kann Bürgermeister von Denver werden, einer Stadt mit einem geringen schwarzen Bevölkerungsanteil. Oder Bürgermeister von Minneapolis. Oder er kann Kongressabgeordneter eines Ostküstendistrikts werden. Die Menschen wählen quer durch alle Stammesgrenzen. Die alten städtischen Hochburgen brechen ein. Vielleicht gibt es eine Chance, daß der alte Traum einer multirassischen, farbenblinden Gesellschaft sich langsam realisiert. Das wäre auch besser so, denn ich war hier, und habe die Alternative gesehen.“

 

Leben in den USA

 

Fremd im eigenen Land

 

Doch trotz unseres "Amerikanertums", trotz der Beiträge, die Schwarze zu der Kultur geleistet haben, die Amerika für sich reklamiert, hat man den schwarzen Amerikanern immer das Gefühl gegeben, Fremde im eigenen Land zu sein, dem Land, in dem wir seit vierhundert Jahren leben. Ich weiß es, denn ich habe mich auch schon so gefühlt. Es ist manchmal kaum zu spüren, dieses Gefühl, nicht dazuzugehören. Aber die meisten Schwarzen in Amerika würden vermutlich bestätigen, daß sie es im Großen wie im Kleinen Tag für Tag erleben.

Ich selbst spüre es, wenn ich leger gekleidet bin, keinen Anzug und keine Krawatte anhabe, sondern vielleicht ein paar abgetragene alte Jeans und ein T-Shirt, und so ein Kaufhaus oder einen Laden an der Ecke betrete. Ich kann den Blick des Hausdetektivs spüren, wie er mir durch die Regale folgt, um sicherzugehen, daß ich nichts stehle. Und wenn ich mit einer Zeitung unterm Arm einen Laden betrete, winke ich damit der Verkäuferin, damit sie hinterher nicht denkt, ich hätte sie mir vom Stapel geklaut.

Ich spüre es, wenn ich an einer Straßenecke in Washington oder New York stehe und versuche, ein Taxi zu bekommen. Wenn ich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit bin, denke ich daran, meinen Mantel zu öffnen, damit der Taxifahrer mein Hemd und meine Krawatte sieht und denkt: Das ist nicht so ein Typ von der Straße, der mich womöglich ausraubt; das ist ein anständiger Schwarzer auf dem Nachhauseweg von seinem Büro. Und wenn ich in Washington bin und abends vom Rock Creek Park aus in den Westen nach Georgetown oder in eine der anderen "weißen" wohlhabenden Gegenden fahren will, passe ich auf, daß ich auf der richtigen Straßenseite stehe und man mich nicht aus Versehen für einen Schwarzen hält, der nach Osten in die Schwarzengegend will, in die Stadtteile, vor denen sich sogar schwarze Taxifahrer fürchten.

Ich spüre es auch, wenn ich in Amerika Auto fahre, überall in Amerika. Wenn mich die Polizei an den Straßenrand winkt, lege ich meine Hände offen aufs Lenkrad. Wenn ich eine Sonnenbrille aufhabe, setze ich sie ab. Denn ich weiß, ich bin ein Schwarzer in Amerika, und man könnte mich als eine Bedrohung sehen, als Gefahr.

Als ich einmal als Kind mit meiner Mutter in einem großen Kaufhaus einkaufen war, riß ich mich los, um die Paperbacks im Buchständer durchzustöbern. Als meine Mutter mit ihren Einkäufen fertig war und mich gefunden hatte und wir zusammen zum Ausgang gingen, wurde ich sofort von einem Sicherheitsbeamten angehalten, einem stämmigen barschen Weißen, der mir befahl, meine Taschen zu leeren. Es war im Winter in Michigan, und ich hatte Handschuhe, eine Wollmütze, vielleicht einen Schal in meine tiefen Manteltaschen gestopft, und ich zog alles brav ordentlich heraus, eins nach dem anderen. Ich erinnere mich, daß meine Mutter zornig war. Sie verfluchte den stämmigen weißen Sicherheitsbeamten und drohte damit, das Kaufhaus anzuzeigen. Sie sagte, ich sei nur angehalten worden, weil man dachte, ein schwarzes Kind könne nur daran interessiert sein, in Büchern zu stöbern, wenn es eines stehlen wolle. Ich nahm das zu dieser Zeit nicht so ernst, aber dann wiederum konnte ich es eigentlich doch nicht verstehen.

Ich hatte über diesen Vorfall und was das eigentlich bedeutete, nie so genau nachgedacht, bis ich sechzehn oder siebzehn war und ein Klassenkamerad aus der Highschool namens Curt und ich zu einer Bank in der Gegend gingen, um unser Schulgeld oder sonstwas einzuzahlen. Es war in diesem grünen Vorort von Detroit, Grosse Points, einer Gegend, in der man es nicht gewöhnt war, viele Schwarze zu sehen. Mein Freund ging an den Schalter, um sein Geld einzuzahlen, und ich trödelte irgendwie hinter ihm herum. Ich glaube, ich trug meine Sonnenbrille, und versuchte, cool auszusehen, eben wie ein Schüler von der High-School. Draußen war es kalt, und ich hatte meinen Mantelkragen hochgeschlagen.

Innerhalb weniger Minuten war in der Bank die Hölle los. Polizisten stürzten durch die Tür, hechteten hinter die Möbel, stießen Stühle um und brachten sich in Stellung. Die erschreckten Kunden wirbelten herum und nahmen die Hände hoch. Und die Kassiererin, eine junge Weiße, sagte zu Curt und zu mir, wir sollten die Hände aus den Taschen ziehen und sie langsam nach oben nehmen, dann wäre alles in Ordnung. Curt platzte heraus: "Was ist los? Wird die Bank überfallen? Wer ist es?" Da kam einer der Polizisten auf uns zu und sagte, daß man dachte, wir – Curt und ich – wollten die Bank überfallen. Einer der Kassierer hatte einen schwarzen Jungen mit Sonnenbrille und den Händen in den Taschen gesehen, der hinter einem weißen Jungen in die Bank ging. Der eifrige Kassierer, wer immer es auch war, dachte, ich hätte den weißen Jungen mit einer versteckten Waffe zwingen wollen, in die Bank zu gehen und sein Konto zu leeren. Er hatte heimlich auf den Alarmknopf gedrückt, der die Polizei von Grosse Points auf den Plan rief.

Damals kam uns das alles vor wie ein riesiger Witz. Wir lachten uns kaputt und hatten in der Schule eine tolle Geschichte zu erzählen. Die Bank entschuldigte sich schriftlich beim Direktor. Aber an diesem Tag habe ich eine noch wichtigere Lektion gelernt, nämlich etwas über die Angst der Weißen vor den Schwarzen in Amerika. Und jedesmal, wenn ich heute eine Bank betrete, denke ich an diese alte Geschichte und grinse in mich hinein. Und ich denke immer daran, meine Sonnenbrille abzunehmen – genauso als würde ich in Mogadischu auf einen pakistanischen Checkpoint zugehen.

Das ist nicht Paranoia, das ist tagtägliches Überleben, und Schwarze in Amerika, besonders schwarze Jugendliche in dem Alter, in dem sie am gefährlichsten aussehen, lernen ihre Lektion so gut, daß es ihnen schließlich zur zweiten Natur wird – wie sie sich anzuziehen haben, wie sie zu reden haben, wie sie zu gehen haben, um so ungefährlich wie möglich auszusehen. Der wichtigste Teil der Lektion ist, Gleichgültigkeit vorzutäuschen, auch gegen die vielen unbeabsichtigten Beleidigungen, die kleinen spitzen Bemerkungen, die zuweilen sogar wohlmeinende Weiße einem gegenüber machen, die immer noch nicht genügend über die Hautfarbe eines Menschen hinwegsehen können, um einen schwarzen Amerikaner eben genau wie jeden anderen Menschen zu behandeln. Du sagst ihnen, du seist gerade am Strand gewesen, und sie sagen "schön braun geworden" und denken, du müßtest das auch komisch finden. Oder sie machen irgendeine Bemerkung darüber, daß ihnen der Wind die Haare zerzaust hat, und fügen hinzu: "Über so was brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen." Als Schwarzer versucht man dann ein gequältes Lächeln und sagt: "Nein, wirklich nicht", und wechselt dann möglichst das Thema, bevor es schwierig wird. Die Schlimmsten sind natürlich die, die dir zeigen wollen, wie liberal sie sind, wie unvoreingenommen. Man erkennt sie relativ leicht, weil ein Gespräch mit ihnen immer irgendwie an dem Punkt landet, wo sie so etwas sagen wie: "Also, was halten Sie von Jesse Jackson?" oder: "Dieser Colin Powell ist wirklich stark!"

Ja, so ist das in Amerika, wenn man schwarz ist. Ich habe gelernt, es mit einem Schulterzucken wegzustecken, gelernt, mit den kleinen Klugscheißern über ihre Witze zu lachen. Aber tief drinnen tut es weh, weil es mich dauernd daran erinnert, daß schwarz zu sein immer auch heißt, anders, fremd zu sein, nie ganz dazuzugehören.“

 

Abstufungen von Schwarz

 

Ich bin nicht länger in Byumba, sondern in Detroit. Ich bin das kleine Kind, und es ist nicht eine Großmutter, sondern es sind mein eigener Vater und meine Verwandten, die ich höre. Der Ort ist ein anderer, die Stimmen sind andere, aber was ich höre, ist so ziemlich das gleiche.

"Untersteh dich, mit diesen schwarzen Kindern auf der Straße zu spielen. Die sind nichts für dich."

Sie waren "nichts für mich", weil ihnen ihr Haus nicht gehörte; sie lebten zur Miete. Weil sie bis tief in die Nacht auf ihren Veranden saßen, das Radio zu laut aufgedreht hatten und den nachbarschaftlichen Frieden störten. Weil sie, wenn sie zu Freds Laden an der Ecke hinuntergingen, ihre abgelatschten Hausschuhe trugen und Lockenwickler im Haar, und weil sie über ihre Schulter brüllten: "Also, was willst du, Süße? Besser, du bewegst deinen Arsch und fickst dich ins Knie!" Weil die Jungs sich bis zum anderen Ende der Straße "du Arschficker" nachschrien und man sie an Sommerabenden noch Straßen weiter hören konnte, wenn man nur die Fliegentür geschlossen hatte. Weil sie schwarz waren – tief schwarz, direkt-aus-demSüden-schwarz, Hinterwäldler-schwarz, und deshalb waren sie "nichts für mich".

Meine Mutter kam einmal nach Hause und erzählte die Geschichte, wie sie gerade im Grand-River-Bus von der Stadt nach Hause gefahren war. Und an einer Haltestelle stieg eine Gruppe Teenager ein, die laut fluchten und "Ausdrücke" benutzten. Und sie und einige der älteren Fahrgäste im Bus schauten hoch und waren überrascht. Schockiert, sagte sie. Denn der lauteste der Gruppe war ein hellhäutiger Junge. "Also, du erwartest doch nicht, einen so hellhäutigen Jungen so laut reden zu hören", sagte sie. Und sie war wirklich völlig perplex. "Normalerweise, wenn du all das Gefluche hörst, weißt du, daß es irgendein Dunkler, Häßlicher ist", sagte sie. Aber das war ein hellhäutiger Junge. Und gut aussehend noch dazu. Die Weltordnung hatte sich verschoben.

So beschrieben die Schwarzen im Detroit der sechziger, sogar noch der siebziger Jahre einander. Hellhäutig. Braunhäutig. Dunkelhäutig. Und es gab noch subtilere Farbabstufungen: "stark gelblicher Neger", "Rothaut". Die Bezeichnungen mögen seltsam klingen, besonders für einen Weißen, der in unsere Welt schaut und eigentlich nur einen Haufen Schwarzer sieht. Aber diese Unterscheidungen waren wichtig. Wir schätzten sie nicht nur, wir lebten danach. Es war die Zeit, in der, wie mein Vater sich vor kurzem erinnerte, "man auf eine Schlägerei gefaßt sein mußte, wenn man jemand als schwarz bezeichnete". Denn Schwarze, gute Schwarze, bezeichneten sich zu dieser Zeit als "Farbige".

Das war das schwarze Detroit. Oder genauer gesagt, eines der beiden schwarzen Detroits, wie es zumindest die "guten" Farbigen sahen, unter denen ich aufwuchs. Die Trennungslinie war die Woodward Avenue, die den Westen der Stadt vom Osten trennt, wenn man so will unsere Version der berühmten "Green Line" in Beirut. Aber die Trennungslinie war mehr psychologisch als geographisch, sie konzentrierte sich auf unser eigenes Kastensystem und wo du deine Wurzeln im Süden festmachen kannst. Grob gesagt, die Schwarzen aus South Carolina lebten im Westen, die aus Alabama im Osten. Und die Kluft war so real wie die zwischen den Hutus und Tutsis in Ruanda.

Und so hämmerten mir meine Eltern ein, ziemlich genauso wie Roses Eltern und Großeltern es ihr eingehämmert hatten, daß Schwarze wie wir – wir waren die South-Carolina-Westside-Schwarzen – anders waren als die Schwarzen drüben von der Eastside. South-Carolina-Schwarze besaßen Häuser und lebten nur selten in Miete. Sie hatten gepflegte kleine Rasenfleckchen in den Vorgärten, die durch kleine Zäune voneinander abgetrennt waren. Sie stammten aus Charleston, Anderson, Greenville, manchmal Columbia, Orte, wo Weiße nie ganz so repressiv waren und die Schwarzen nicht ganz so verhärtet und bitter. Sie arbeiteten hart, sparten ihr Geld, gingen am Sonntag in die Kirche, kauften an Ostern und zu Beginn des Schuljahrs neue Kleider. Sie hielten ihr Haar kurz geschnitten, sehr kurz, um auch nur den Anschein von Kraushaar zu vermeiden. Sie aßen Truthahn, Schinken und Grütze und süßen Kartoffelkuchen. Sie waren betucht, gut erzogen und erwarteten, daß ihre Kinder auch so waren.

Geh nicht über die Woodward Avenue, warnte man uns. Die Schwarzen dort drüben sind hart. Das sind Alabama-Schwarze, hart und bitter. Sie fluchen laut in der Öffentlichkeit. Sie besitzen nicht, sie mieten. Und weil sie mieten, lassen sie ihre Häuser verkommen. Sie reparieren ihre Zäune nicht, wenn sie kaputt sind, und sie lassen den Rasen vorne zu Dreck verkommen. Sie essen Schweinsfüße und haben meist ein Dutzend Verwandte, alle "frisch aus Alabama", in ihre paar winzigen Zimmer gestopft. Sie waren dunkel, weil sie den ganzen Tag unter der heißen Sonne auf den Baumwollfeldern geschuftet hatten. Sie waren, mit einem Wort, "Nigger", so jedenfalls bezeichneten die "guten" Farbigen aus South Carolina sie. Und die schlimmste Beleidigung war: "Er ist ein Nichts – er ist gerade aus Alabama heraufgekommen!"

Sicher, das waren alles nur Stereotypen, die mit der Realität weniger zu tun hatten als mit der Psyche derer, die die Geschichten erzählten. Aber für mich, einen Schwarzen, der in Amerika aufgewachsen war, waren diese Unterteilungen damals sehr sehr real – so real wie die Unterteilungen zwischen den Stämmen, die mir Rose Kayumba dort in Byumba auf dem verlassenen Kirchengelände im Mondschein beschrieb."

 

Nicht über Probleme reden

 

"Wir sollten aufhören, unsere Differenzen in Gegenwart der Weißen auszutragen, sollten den Weißen aus unseren Versammlungen verbannen, und sollten uns dann hinsetzen und miteinander über die Arbeit reden."

MALCOLM X, Ansprache in Detroit, 1963

 

Wenn das so klingt, als sei ich all der alten Ausreden müde, dann mag das daher kommen, daß ich sie bereits so oft gehört habe. Oder Variationen über ein Thema in unterschiedlichem Kontext. Und ich spreche hier nicht allein über Afrika – ich spreche auch über Amerika.

Haben Sie jemals versucht, in Amerika ein vernünftiges Gespräch über die Probleme der schwarzen Unterschicht zu führen? Über Drogenmißbrauch und Teenagerschwangerschaften in den schwarzen Vierteln? Über den Zusammenbruch der schwarzen Familie, die Zahl der vorzeitigen Schulabbrüche, die schwindelnde Höhe von Verbrechen, die Schwarze an Schwarzen begehen? Daniel Patrick Moynihan hat es vor langer Zeit, bevor er Senator wurde, versucht und warnte vor der Desintegration schwarzer Familien. Er holte sich eine schlimme Abfuhr – wurde als Rassist und Schlimmeres beschimpft. Aber wenn man sich heute anschaut, was er damals sagte, so hört sich das an, als ob Pat damals verdammt recht gehabt hätte, und das zu einer Zeit, bevor diese Art von Reden in Mode kam.

Weiße sprechen ungern über die Probleme der Schwarzen, aber verdammt noch mal, auch die Schwarzen sprechen nicht offen darüber. Ich versuche jedesmal, wenn ich zu einer dieser Familienferientreffen nach Detroit fahre, diese Dinge anzusprechen. Dabei höre ich eine Menge über weißen Rassismus. Ich erfahre alles über Jim Crow, legale Rassentrennung, fiese Vermietungspraktiken und all den Kram. Ich höre Ausreden, und sonst nichts – und fast immer ist es rückwärts gerichtet, nie nach innen.

Mir scheint aber, wenn es mit der Rassenfrage weitergehen soll, sollten wir damit beginnen zuzugeben, daß der Feind in uns selbst ist.

Mein Vater ist jemand, der offen seine Meinung sagt. Er ist nicht sehr gebildet, ein paar Jahre College und ein paar Weiterbildungskurse in der Gewerkschaft. Aber er liest sehr viel, kennt sich gut aus in Geschichte und kommt in einem Gespräch schnell zum Kern der Sache. Als ich einmal von Asien zurückkam und wir an Thanksgiving um den Truthahn herumsaßen, beschloß ich, ein ziemlich heikles Thema anzusprechen, um zu sehen, wie meine Familie reagieren würde.

Es war mir aufgefallen, daß in unserer Nachbarschaft immer mehr koreanische Lebensmittelläden und Kaufhäuser aus dem Boden schossen. Die Koreaner hatten eine ganze Reihe der alten ausgebrannten und verlassenen Gebäude aufgekauft und sie in profitable Geschäfte umgewandelt. Sie arbeiteten hart und beschäftigten nur Familienmitglieder, vor allem hinter der Kasse. Warum, fragte ich zwischen Truthahn und Füllung, kann das sein, daß diese Einwanderer in eine schwarze Gegend ziehen und den wirtschaftlichen Aufstieg schaffen, während die Schwarzen, die doch schon seit vierhundert Jahren hier sind, noch immer auf der untersten Sprosse der Leiter festsitzen? Dann erzählte ich die Geschichte einer vietnamesischen Amerikanerin, mit der ich befreundet bin und die inzwischen in Houston lebt. Sie kam 1975 mit neun Jahren nach Amerika und sprach kein Wort Englisch. Ihre Familie verlor so ziemlich alles, als die Kommunisten in Saigon einmarschierten, und mußte quasi bei Null anfangen. Aber meine Bekannte schaffte den Abschluß an einer guten Universität, machte ihren Magister und war gerade von einem großen Stromwerk in Houston eingestellt worden.

Warum kann ein Einwandererkind, das vor zwanzig Jahren nicht einmal Englisch verstand, in unserem System so erfolgreich sein, während so viele Schwarze sich noch immer auf der Straße abrackern, um dann schließlich nur einen Wurstzipfel zu ergattern?

Junge, war das still, nachdem ich das gesagt hatte, und sie waren es nicht, weil sie innehielten, um den Truthahn zu segnen. Es war dann mein Alter, der das Wort ergriff und ihnen zu Hilfe kam, und seine polternde Direktheit hatte mit seinen siebzig Jahren noch keineswegs an Schärfe verloren. "Weil diese Schwarzen", sagte er, "die du da draußen auf der Straße siehst, denken, der weiße Mann schulde ihnen etwas. Sie warten immer noch auf ihre zwanzig Acres Land und ihr Maultier."

Mein Vater hat Yoweri Museveni nie kennengelernt, wird ihn vermutlich auch nie kennenlernen. Aber ich weiß, daß die beiden sich großartig unterhalten würden – kein Wischiwaschi, nur direkte Fragen und offene Antworten.

In Afrika gibt es eine ganze Menge Leute, die so rückwärtsgewandt denken. Die meisten Afrikaner wurden in unabhängigen schwarzen Ländern geboren, aber ihre Führer reden immer noch genauso über den Kolonialismus, wie schwarze "Führer" in Amerika über die Sklaverei und Jim Crow reden. Es gibt noch eine andere Parallele: Schwarze Führer in Afrika reden über Auslandshilfe, als ob sie ihnen zustehe – sie ist etwas, was man Afrika schuldet, und zwar ohne daß Bedingungen daran geknüpft sind. In gleicher Weise betrachten viele amerikanische Schwarze die Hilfsprogramme der Regierung als eine Art Geburtsanrecht. In beiden Fällen bleibt ein schwarzes Volk, das sich in einem Sicherheitsnetz von Abhängigkeiten räkelt.

So gesehen haben die alten afrikanischen Tyrannen recht – es gibt wirklich eine weiße Verschwörung, die die Schwarzen unten hält. Nur ist es nicht die, an die sie dabei denken, sondern eine so umfassende und heimtückische Verschwörung, daß "Der Plan" daneben wie ein Kinderspiel wirkt. Ich spreche von der großen Verschwörung des Schweigens, der kollektiven Bereitschaft der Weißen im Westen, den Kopf in den Sand zu stecken, wenn es um Afrika geht. Diese Haltung ist so verbreitet, daß selbst das Wort "Stamm" einige Weiße nervös macht, weil sie denken, es sei rassistisch, verächtlich. Der höflichere Begriff ist zur Zeit "einheimische ethnische Gruppe".

Natürlich, auch die Schwarzen sind nichtangeklagte Verschwörer in diesem konspirativen Schweigen. Ich meine hier all die selbsternannten Sprecher, die vorgeben, das ganze schwarze Amerika zu repräsentieren, als ob wir eine geschlossene Gruppe wären mit nur einer einzigen Weltanschauung. Sie stellen ihre regelmäßigen Forderungen nach Schuldenerlaß. Sie rufen nach immer höheren ausländischen Hilfszahlungen für diese korrupten kleinen schwarzen Potentaten. Inzwischen haben sie sogar begonnen, die Forderung nach "Reparationen" herumzuposaunen, die die USA als Wiedergutmachung für die ehemalige Schuld der Sklaverei an die afrikanischen Länder zu zahlen hätten – obwohl einige der damaligen afrikanischen Herrscher sich als Komplizen durchaus mitschuldig gemacht hatten, waren sie es doch, die im Landesinnern die Sklaven für die weißen Händler, die diesen expandierenden Menschenmarkt schufen, zusammentrieben. All das Gerede über Afrika streift nur das Problem, um das es wirklich geht – um die Notwendigkeit einer kritischen Überprüfung von Afrikas eigenen Fehlern seit seiner Unabhängigkeit. Was bislang fehlt, ist eine offene Auseinandersetzung darüber.

Aber wie können Amerikaner offen über Afrika reden, wenn Schwarze nicht einmal unter sich offen über Rasse reden können?“

 

Freunde Afrikas

 

Heim ins Reich

 

Einmal, als ich gerade im Senegal unterwegs war, nahm ich die Fähre auf die Goree-Insel, direkt vor der atlantischen Küste. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert war Goree die Hauptdurchgangsstation für afrikanische Sklaven, die nach Amerika verschifft wurden. Sie waren aus dem afrikanischen Hinterland hierhergebracht worden und wurden zu je fünfzehn oder zwanzig in kleinen, höhlenartigen Zellen mit einem Durchmesser von 2,80 auf 1,80 Meter gehalten. Dort blieben sie, bis die Frachtschiffe bereit waren, sie zu verladen, und traten – ungefähr zwanzig Millionen körperlich gesunde Afrikaner, an Hals und Füßen aneinandergekettet – ihre Reise in die Sklaverei durch eine kleine Tür und über eine Holzplanke in die Neue Welt an.

Joseph Ndiaye, der Leiter des Sklavenmuseums auf Goree, hat ein Gästebuch aufgelegt, in das Besucher ihre Eindrücke schreiben können. Ich habe mehr als eine Stunde damit verbracht, darin zu lesen und mir einige der Kommentare zu notieren.

"Ja, Mutter, ich bin zurückgekommen – mehr als 440 Jahre später", schrieb eine Schwarze aus Sacramento. "Ich spürte die Gegenwart meiner Ahnen, und ich weiß, warum wir ein starkes Volk sind. Schwarz werde ich immer sein. Mutter Afrika, ich liebe dich."

"Ich bin heimgekehrt, und ich habe mir geschworen, daß so etwas nie mehr geschehen darf", schrieb ein anderer.

"Ich bin heute ein wiedergeborener Afrikaner", schrieb einer, der in Brooklyn geboren wurde.

Und eine zornige schwarze Frau, die nicht angab, woher sie kam: "Die einzige Sprache, die die Weißen verstehen, ist das Gewehr. Ich werde Waffen für die Revolution besorgen. Es ist der einzige Weg, auf dem Schwarze die Freiheit erlangen werden."

So ging es weiter. Einige der Eintragungen waren berührend, einige poetisch, einige zornig. Für viele schwarze Amerikaner, die den Atlantik überquert hatten, war diese Reise eindeutig so etwas wie eine religiöse Wallfahrt.

Ich war verstört, als ich so dastand. Ich zitterte ein wenig, als ich die verschiedenen Kommentare las. Auch ich war nach Goree gekommen, um diese Art geistiger Verbundenheit zu spüren, einen emotionalen Bezug zu finden. Und nun versuchte ich, etwas zu fühlen, was einfach nicht kommen wollte.

Ich blieb distanziert, ausgeschlossen. Ich fühlte Abscheu angesichts des ungeheuerlichen Verbrechens der Sklaverei – ein Gefühl, das ich schon Jahre zuvor empfunden hatte, als Rucksackstudent in Europa, als ich das Konzentrationslager Auschwitz besucht hatte. Goree war irgendwie genauso; Erinnerung an ein früheres Verbrechen, das nie vergessen werden darf. Aber aus irgendeinem Grund fühlte ich kaum persönliche Betroffenheit oder Schmerz. Goree war eine beeindruckende historische Gedenkstätte, eine, die ihre Besucher dazu brachte, über die verbrecherische Natur des Menschen nachzudenken. Aber für mich war es nicht mehr. Ich dachte an all die anderen Verbrechen, die ich in Afrika gesehen hatte, und wohl auch an all das Böse und Dunkle, das ich noch nicht gesehen hatte, von dem ich aber wußte, daß es mit Sicherheit auf mich wartete.

Und dann dachte ich: Würde es mir besser gehen, wenn es diese große Tragödie, dieses Verbrechen der Sklaverei nicht gegeben hätte? Wie würde mein Leben dann aussehen? Würde ich dann jetzt als Journalist mit dem Notizbuch in der Hand und der Kamera über der Schulter hier stehen?

Ich hörte auf, da ich begann, mich für meine Gedanken zu hassen. Diese Fragen trafen genau den Nerv dessen, was mich quälte, seitdem ich ins Land meiner Väter gekommen war. Aber die Antworten waren so unaussprechbar, im Grunde so undenkbar, daß ich die Augen schloß und sie im wahrsten Sinne des Wortes aus meinem Kopf verbannte. Ich wußte, was ich dachte, aber ich wollte nicht mehr denken, also bot ich all meinen Willen auf, nicht meine eigenen Gedanken zu denken.

Ich hätte schon viel früher nach Goree kommen sollen, dachte ich. Das war mein Problem. Ich hätte es in meiner Jugend besuchen sollen, als ich durch Europa und Asien gereist war und dabei aus irgendeinem Grund Afrika gemieden hatte – damals hätte ich nach Goree kommen sollen. Denn damals wäre ich wahrscheinlich aus der anderen Richtung gekommen, über den Atlantik her aus Amerika, und mein Kopf wäre leer gewesen, noch ohne die Bilder und Töne, die mich jetzt verfolgten. Damals hätte ich mich ebenfalls in das Buch eingetragen, hätte meinen eigenen bewegenden Tribut denen gezollt, die hier einst vor mir weggegangen waren. Und ich wäre nach Hause zurückgegangen, nach Amerika, und meine Seele wäre rein geblieben.

Aber dafür war es jetzt zu spät. Ich war aus dem Osten nach Goree gekommen, aus der Dunkelheit, und ich hatte bereits viel zu viel von Mutter Afrika gesehen, und was ich gesehen hatte, hatte mich bereits krank gemacht.

Ich verließ die Insel und fragte mich, ob ich je wieder heil werden könnte.“

 

Schwarzes Mekka

 

Ich weiß, daß viele schwarze Amerikaner in den Staaten unter einem Gefühl von Entfremdung leiden und sehnsuchtsvoll auf Afrika als ein Mekka schwarzer Selbstbestimmung blicken. Es ist ein verführerisches Bild, fast zu schön, um wahr zu sein, und ein erhebender Kontrapunkt zu dem Gefühl von Entbehrung und Diskriminierung, das man als Minderheit in Amerika oft hat. Schließlich handelt es sich hier um schwarze Nationen, die von Schwarzen regiert werden, das Gegenstück zu den Bedingungen zu Hause, wo sich viele Schwarze wie eine dauernde und unerwünschte Minderheit im Land ihrer Geburt fühlen.

Aber so ist das mit Bildern – wenn sie zu schön sind, um wahr zu sein, dann sind sie es meistens auch. Es ist ein Trugbild. Es spiegelt nicht die heutige Realität Afrikas wider, wo Schwarze in den meisten Ländern drei Jahrzehnte, nachdem die letzten Europäer ihre Sachen gepackt haben und abgezogen sind, noch immer darauf warten, ihre Selbstbestimmung zu verwirklichen. Natürlich wurden die Länder unabhängig, die Flaggen wechselten, die Namen wurden afrikanisiert, neue Nationalhymnen wurden gesungen, neue Feiertage gefeiert. Das Bild des Großen Mannes ersetzte das der Queen. Aber in einem Land nach dem anderen wechselte die Macht nur von einer weißen Kolonialherrschaft auf eine einheimische schwarze über – und das Ergebnis war mehr Unterdrückung, mehr Brutalität. Für die Afrikaner, die normalen, anständigen, leidgeprüften Afrikaner, hat sich herzlich wenig verändert.

Diese Analyse mag zu hart scheinen, übertrieben. Aber dafür kann ich keine Entschuldigung anbieten, denn ich war dort, und ich möchte es Ihnen so ehrlich schildern, wie ich es gesehen habe. Denn das ist eines der größten Probleme Afrikas: dieser völlige Mangel an offenen Gesprächen nicht einmal unter – oder vielleicht sollte ich sagen: gerade unter – den Freunden Afrikas.“

 

Schwarz = gut, Weiss = Böse. Immer

 

Ich sah Strasser ungefähr ein Jahr später in Libreville wieder, der Hauptstadt des kleinen erdölreichen afrikanischen Staates Gabun. Anlaß war ein Gipfeltreffen zwischen Amerikanern und Afro-Amerikanern, das Reverend Louis Sullivan organisiert hatte, ein langjähriger Bürgerrechtskämpfer und AntiApartheids-Aktivist, Verfasser der "Sullivan Prinzipien", die für US-Firmen, die mit dem südafrikanischen Apartheidsstaat Geschäftsbeziehungen unterhielten, Richtlinien für faire Anstellungsverträge und faire Arbeitsbedingungen formulierten. Das Gipfeltreffen brachte einige der größten Leuchten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zusammen – unter ihnen Coretta Scott King, der ehemalige UN-Botschafter Andrew Young, Jesse Jackson, der Komiker Dick Gregory, der Pfarrer Joseph Lowry, der Vorsitzende der Nation of Islam, Louis Farrakhan, und der Gouverneur von Virginia, Douglas Wilder. Außerdem waren Hunderte von afrikanischen Diplomaten und über zwanzig Staatsoberhäupter dabei.

Als Strasser den Versammlungsraum betrat, inzwischen mit einer handelsüblichen Sonnenbrille und in seinem Tarnanzug, begrüßte ihn die Menge von zumeist der Mittel- und Oberschicht angehörenden schwarzen Amerikaner euphorisch, die Frauen gerieten in Verzückung, es gab einige Pfiffe und tobenden Applaus. Man hätte denken können, Strasser sei ein Musikereignis und nicht ein armseliger jungenhafter Diktator. Diese schwarzen Amerikaner waren offensichtlich mehr von dem Macho-Militär-Image beeindruckt, das sich Strasser verpaßt hatte, als von der Tatsache, daß er all das repräsentierte, was in Afrika schief ging: Militärganoven, die die Macht übernehmen und die schwachen Versuche des Kontinents ersticken, sich in Richtung Demokratie zu bewegen. Das Geschrei und Gejohle war ein abstoßendes Schauspiel und zeigte mir überdeutlich die völlige Unwissenheit über Afrika innerhalb von Amerikas schwarzer Elite.

Der Empfang, den man Strasser bereitete, war nicht das einzige, was einen auf diesem Gipfel krank machen konnte. Ich saß da und hörte zu, wie ein Sprecher nach dem anderen die brutalsten und korruptesten Schlägertypen Afrikas und ihre Regime mit Lob überhäufte. Ein nichtsahnender Zuhörer hätte vermutlich nicht bemerkt, was für eine Farce Jesse Jacksons widerliche Huldigung an den nigerianischen Kraftprotz Ibrahim Babangida war. Jackson nannte Babangida "einen der größten Führer der modernen Welt, der seinem Land dient", und verkündete: "Sie stehen nicht allein, wenn Sie festen Schrittes Ihr Land zur Demokratie zurückführen." Jackson appellierte sogar an Präsident Clinton, Babangida mit einer offiziellen Einladung ins Weiße Haus zu ehren, was, wie er meinte, "ein Triumphzug werden würde, bei dem wir die Wiedereinführung der Demokratie verkünden könnten".

Das Problem mit Afrika ist, daß niemals etwas ist, wie es scheint. Die versammelten Leuchten schienen nicht zu realisieren, daß Diktatoren wie Babangida und Strasser nicht immer das tun, was sie verkünden, besonders dann nicht, wenn es um so etwas wie freie Wahlen geht. Aber sie sind ziemlich gut darin, das zu sagen, was ihre Zuhörerschaft hören will. Gott sei Dank lud Clinton Babangida nicht ins Weiße Haus ein – er hätte Mühe gehabt, seinen Lincoln Room danach wieder sauber zu bekommen …

Mit vielen amerikanischen schwarzen Führern scheint etwas höchst Merkwürdiges zu passieren, wenn sie nach Afrika kommen. Sobald sie den Fuß auf das Land ihrer Väter setzen, durchlaufen sie eine bizarre Art von Metamorphose. Einige der prominentesten Veteranen der Menschenrechtsbewegung – wortgewandte Verfechter der Menschenrechte und Grundfreiheiten der Schwarzen in Amerika – scheinen, wenn sie nach Afrika kommen, eine Art moralische und intellektuelle Black Box zu betreten. Diktatoren werden dann als Staatsmänner gepriesen, Regierungen, die das Volk nicht repräsentieren, werden für Demokratien gehalten, korrupte Regime werden dafür gepriesen, daß sie den Kolonialismus abgeschüttelt und "Entwicklung" ermöglicht hätten. Die schwarzen Amerikaner waren meist lautstark an vorderster Front mit ihrem Ruf nach sofortigen demokratischen Reformen in Südafrika. Wenn sich aber das Thema dem Mangel an Demokratie und Menschenrechten in den übrigen afrikanischen Staaten zuwendet, werden dieselben schwarzen Amerikaner plötzlich defensiv, nervös und ausgesprochen wortkarg. Sie bringen gequälte Erklärungen solcherart hervor wie die, warum Amerika Afrika nicht kritisieren, ihm nicht seine Maßstäbe aufzwingen dürfe, und warum Reformen nicht auf einmal, sondern schrittweise durchgeführt werden müßten.

Es ist, als ob Unterdrückung nur von Weißen ausgehen könne ….

Fairerweise anerkenne ich die schwierige Situation, in der sich Amerikas schwarze Führer befinden, wenn sie mit harten Fragen über das schwarze Afrika konfrontiert werden. Ich weiß, daß es keine einfachen Antworten gibt, und es ist auch nicht leicht, in einem Fall, der so komplex und mit einer so tiefreichenden Vorgeschichte belastet ist wie zum Beispiel Somalia oder Ruanda, eine Position zu beziehen. In Afrika ist es nicht immer leicht, die Guten zu erkennen – oft gibt es, wie in Somalia, überhaupt keine Guten, nur verschiedene Schattierungen des Bösen. Angesichts einer afrikanischen Krise wie der in Liberia eine vertretbare Position zu finden ist um vieles schwieriger, als Südafrika in der Apartheid-Ära anzugreifen, denn das war, im wahrsten Sinn des Wortes, eine Frage von schwarz und weiß.

Aber es gibt einen tiefergehenden Grund, weshalb das schwarze Amerika sich so sehr scheut, eine klare Gegenposition einzunehmen. Die schwarze Führung unabhängiger schwarzer Länder öffentlich zu kritisieren träfe einen wunden Punkt. In einem gewissen Sinn, ob richtig oder falsch, verbinden wir unsere Selbstachtung als schwarze Rasse in Amerika mit dem Erfolg oder dem Versagen unabhängiger schwarzer Regierungen in Afrika, die dort ihre eigenen Shows abziehen. "Es gibt da so eine Einstellung, daß man seine eigenen Brüder nicht angreifen darf", sagte C. Payne Lucas, Präsident der in Washington ansässigen schwarzen Entwicklungshilfegruppe Africare. "Das unterscheidet sich nicht allzusehr von dem, was wir bei den Juden oder Polen in Amerika sehen."

1963, als ich noch klein war, sagte Malcolm X so ziemlich dasselbe, als er in meine Heimatstadt Detroit kam, um auf einer Konferenz der Northern Negro Grass Roots Leadership eine Rede in der King Salomon Baptistenkirche zu halten. "Statt unsere Differenzen in der Öffentlichkeit auszutragen", sagte Malcolm der applaudierenden Zuhörerschaft, "sollten wir erkennen, daß wir zur selben Familie gehören. Und wenn es in einer Familie Streit gibt, trägt man den nicht auf der Straße aus. Wenn ihr das macht, sagen alle von euch, daß ihr ungehobelt, ungebildet, unkultiviert und primitiv seid. Was zu Hause schief geht, renkt man auch zu Hause wieder ein; man zieht sich zurück, man spricht darüber hinter geschlossenen Türen, und dann, wenn man auf die Straße geht, ist man sich einig und tritt geschlossen auf."

Ich habe Malcolm damals nicht sprechen gehört. Aber mit dem, was er da sagte, wurde ich später, während meiner Jahre als Reporter in der Zentralredaktion der Washington Post, schmerzhaft vertraut. Und es war etwas, was mich als schwarzen Reporter, der über das schwarze Afrika berichtete, verfolgte. Es ist ein Dilemma, vor dem fast jeder schwarze Journalist, der für die große (das heißt die "weiße") Presse arbeitet, steht und das man knapp in einer einzigen Frage zusammenfassen kann:

Bist du in erster Linie schwarz oder in erster Linie Journalist?

Was hinter der Frage steht, ist, ob du genau und kritisch über das, was du hörst und siehst, schreiben sollst. Oder sollst du vielmehr nicht insgeheim das, was gerade auf der schwarzen Tagesordnung steht, unterstützen, prominente Schwarze vor harten Überprüfungen bewahren und ihre Schwächen übersehen, indem du nur positiv über Themen schreibst und berichtest, die Amerikas Schwarze betreffen?

Viele dieser Fragen standen im Mittelpunkt einer Debatte, die Milton Coleman, ein Kollege bei der Post, auslöste, als er mitten in der Präsidentschaftskampagne 1984 einige Bemerkungen Jesse Jacksons veröffentlichte, die dieser über die Juden gemacht hatte, worin er sie als "Hymie" und New York als "Hymietown" bezeichnete. Man warf Coleman unfairerweise vor, er habe Material benutzt, das vertraulich war: reines Gequatsche zwischen Schwarzen, zwischen "Brothers", nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Beunruhigender für mich war, daß Coleman vorgeworfen wurde, er sei ein Verräter an seiner Rasse, und daß er den Zorn der Schwarzen auf sich zog und sogar ein paar verhüllte Drohungen von Louis Farrakhans Schlägern erhielt.

Ich erinnere mich, daß ich zu dieser Zeit mit Coleman mitfühlte. Schwarze Reporter stehen oft vor dieser Art intellektueller Herablassung, wenn man uns zu verstehen gibt – zum Beispiel angesichts eines Ereignisses wie Jacksons Kandidatur, die große Teile des schwarzen Amerikas mobilisierte –, daß unser Job weniger darin bestehe, objektiv zu berichten, als vielmehr darin, so etwas wie Einpeitscher zu sein, die das Publikum zu Beifall anfeuern, mehr Beschützer als die professionellen Zyniker, die wir waren. Wenn du kritisch über schwarze Politik und schwarze Politiker in Washington schreibst, wie ich es während meiner anderthalb Jahre als Rathausreporter tat, wird dir vorgeworfen, daß du "dich verkaufst" und dich beim "weißen Establishment" einschmeicheln willst. Entweder du hältst zu deinem Stamm oder du bist draußen, und wenn du für eine der großen Zeitungen arbeitest und nichts anderes im Sinn hast, als ein hartgesottener Reporter zu sein, wird man dir vorwerfen, daß du deiner Rasse den Rücken kehrst.

Sogar meine eigene Familie stellte mir ab und zu diese schwierigen Fragen, und manchmal ärgerte mich das. Ich erinnere mich, daß ich einmal an Thanksgiving oder über Weihnachten zu Hause in Detroit war und mich eine meiner Kusinen fragte: "Warum greift die Presse eigentlich dauernd unsere schwarzen Führer an?" Sie verwies auf den Bürgermeister von Washington D.C., Marion Barry, der wegen Kokainbesitz verhaftet worden war, und die verschiedenen Verfahren, die gegen den Detroiter Bürgermeister Coleman Young liefen, der, wie es scheint, immer irgendwie Dreck am Stecken hatte. Sie hatte noch einige andere Beispiele auf Lager, und jedesmal versuchte ich ihr zu erklären, daß Journalisten, die über solche Skandale schreiben, nur ihren Job tun, daß Straftaten veröffentlicht werden sollten, ob der Täter nun weiß ist oder schwarz. Aber meine Kusine war nicht überzeugt: "Sie sind doch die einzigen Vorbilder, die wir haben", sagte sie.

Ich habe andere Spielarten derselben Kritik schon früher gehört, von Verwandten, von Leuten, die ich interviewte, sogar von Washingtoner Taxifahrern, die ihre "Konspirationstheorie" herunterspulen, sobald ich im Rücksitz sitze und ihnen die Adresse der Washington Post-Redaktion nenne. Ich habe es tatsächlich schon so oft gehört, daß ich ganz automatisch abschalte. Ich habe es satt, mich dauernd verteidigen zu müssen.

Wenn ich heute darüber nachdenke, gibt es eine ganze Reihe von zwingenden Argumenten, die ich in solchen Gesprächen hätte anführen können. Ich hätte zum Beispiel sagen können, daß diese schwarzen Politiker, gerade weil sie unsere Vorbilder sind, eine besondere Verantwortung haben, sauber zu bleiben. Bezeichnen wir es ruhig als Rassismus, aber es muß gesagt werden, daß Schwarze, die eine prominente Führungsposition in Amerika innehaben, damit rechnen müssen, schärfer beobachtet zu werden. Sie sollten ihre Steuern rechtzeitig zahlen, sie sollten ihre Reißverschlüsse an ihren Hosen geschlossen halten, sie sollten ihre Finger von öffentlichen Geldern lassen, und sie sollten kein Crack rauchen, und zwar genau deshalb, weil sie eine Vorbildfunktion für die schwarze Gemeinschaft haben. Weiße Politiker werden an diesen Maßstäben gemessen, und schwarze Amtsinhaber sollten nicht erwarten, daß man sie mit irgendeinem Schutzwall des Schweigens umgibt oder daß die schwarzen Reporter, die über sie schreiben, in konspirativem Einverständnis zu ihnen stehen.

Das sind alles solide Gegenargumente. Aber keines würde wirklich etwas bewirken. Es ist ein Streit, der nicht gewonnen werden kann.

Er kann deshalb nicht gewonnen werden, weil viele Schwarze fest an eine große weiße Verschwörung glauben, die die Schwarzen unterdrückt, sie in Amerika nicht hochkommen lassen will. Auf der Straße, beim Friseur, in den Taxis von Washington, Detroit und anderen schwarzen Gemeinden, haben die Anhänger der Verschwörungstheorie sogar einen Namen dafür: "Der Plan".

Im weitesten Sinn beabsichtigt "Der Plan", schwarze Politiker, Filmstars oder berühmte Sportler gezielt zu schikanieren. Alles – von Marion Barrys Verurteilung wegen Kokainbesitz bis hin zur Anklage gegen Mike Tyson wegen Vergewaltigung – alles wird als Teil einer großen Verschwörung gesehen.

"Der Plan" ist die Geheimstrategie von Washingtons weißem Business-Establishment, der Regierung und der Medien, um die weiße Herrschaft über die Hauptstadt der Nation aufrechtzuerhalten. "Der Plan" ist subtil, komplex und auf lange Zeit hin angelegt. Er sieht vor, ein gewisses Maß an Selbstverwaltung für die Einwohner der Stadt und das Aufkommen einer schwarzen Politikerschicht zuzulassen. Aber natürlich legt man unserer Selbstverwaltung in Washington von Anfang an Fesseln an, indem der Kongress eine restriktive Steuergesetzgebung einführt und man auf eine staatliche Pauschale angewiesen ist, die einen großen Teil des Stadtbudgets ausmacht. Die schwarze Führungsspitze der Stadt wird behindert und ist zum Scheitern verurteilt.

Die Presse – und in Washington heißt das die Post – ist ein wesentlicher Bestandteil "Des Plans". Sie benutzt schwarze Reporter wie mich, denen eine Gehirnwäsche verpaßt wurde und die wie eine Art rassischer fünfter Kolonne alles infiltrieren. Die Presse startet eine systematische Kampagne, um die schwarze Führungsspitze der Stadt durch die Aufdeckung von Skandalen und Straftaten zu ruinieren. Und in Wahlzeiten wirft die einflußreiche Titelseite der Post ihr ganzes Gewicht in die Waagschale, um denjenigen Kandidaten zu unterstützen, der dem weißen Establishment am manipulierbarsten erscheint.

Das ist, in seinen Grundzügen, "Der Plan".

Wenn es lächerlich scheint, so deshalb, weil es lächerlich ist. Das Besorgniserregende daran ist, daß eine Menge Schwarze es glauben – sogar solche, die intelligent genug wären, um es besser zu wissen.

Ich lernte in Washington ziemlich schnell, daß man als Journalist, vor allem, wenn man bei der Post arbeitet, dem nicht enden wollenden Rassenkrieg in der Stadt nicht entgehen kann, daß es keinen Weg gibt, die undurchschaubaren rassischen Verschwörungstheorien zu ignorieren, daß man nicht einfach seinen Job tun und ein Reporter sein kann, ohne gleichzeitig ein "schwarzer Reporter" zu sein. Mein erster Auftrag bei der Post war, über die Stadtverwaltung zu berichten, und es dauerte nicht lange, bis ich mich gegen diese "Wir gegen sie"-Mentalität zur Wehr setzen mußte. Wenn ich eine aggressive Story über einen schwarzen Politiker oder eine als wohlwollend betrachtete Story über einen weißen Politiker schrieb – verdammt, selbst wenn ich dabei gesehen wurde, daß ich "zu freundlich" zu einem weißen Angestellten im Bezirksrathaus war oder eine weiße Pressesekretärin zum Lunch einlud –, griffen mich die Schwarzen in der Stadtverwaltung massiv an, bezeichneten mich als Verräter und als einen, der für die allgegenwärtigen "sie" arbeitete.

Weiße Reporter sind nie dazu gezwungen, Stellung zu beziehen, dachte ich, aber man sagte mir, daß ich als Schwarzer gar keine andere Wahl hätte. Mein ganzes Leben lang hatte ich es relativ gut geschafft, dieser Art von Zwang zu entgehen. Und jetzt war ich da, ein Reporter in der Hauptstadt der Nation, der für eine der angesehensten Zeitungen der Welt arbeitete, und ich kam mir vor, als reduziere man mich auf ein Rädchen im Getriebe einer großen weißen Verschwörung, als betrachte man mich mit rassistischem Mißtrauen, als klage man mich eines wie auch immer gearteten Verrats an, als sagten mir die Schwarzen im Grunde: Wenn du nicht ganz einer von "uns" bist, bist du vielleicht nicht schwarz genug. Ich hatte es in Washington dermaßen satt, dauernd von der "weißen Verschwörung" zu hören, daß ich beschloß, meinen Spaß damit zu treiben. So nahm ich mir eine Zeitlang vor, immer wenn ich ein Taxi nahm und dem Fahrer sagte, daß ich zur Post wolle, ganz gezielt auf seine Reaktion zu warten. Sollte er sich dann – was meist der Fall war – zu irgendeinem kritischen Bericht über das Amtsvergehen eines schwarzen Regierungsmitglieds äußern, würde ich sagen: "Nun, Bruder, du weißt doch, das ist alles Teil ,Des Plans’. Ich habe erst gestern in meinem Exemplar nachgesehen, und auf Seite 673 stand, daß es an der Zeit ist, daß wir zu Stufe zwei kommen, was heißt, daß wir zwar in der Zeit liegen, aber den Druck auf sie erhöhen müssen. Du solltest dir wirklich mal die Mühe machen, ,Den Plan’ zu lesen, Bruder. Es steht alles drin. Natürlich habe ich keinen Überblick über das Ganze, ich kenne nur das, was sie einen sehen lassen. Der ganze Plan liegt oben hinter Schloß und Riegel." Und dann würde ich mich zurücklehnen und so tun, als vertiefte ich mich in meine Zeitung, und stillvergnügt in mich hineinlachen, wenn der verdutzte Fahrer, ohne ein Wort zu sagen, weiterfuhr.

Es war eine ganz und gar unerwartete Erleichterung, als ich nach meinem ersten Jahr aus der Lokalredaktion abberufen wurde. Ich hätte mir nie träumen lassen, daß ich als Auslandskorrespondent im fernen Afrika – ein Job, den ich mir immer gewünscht hatte, weil ich damit den amerikanischen Rassenkämpfen und dem Druck, Stellung beziehen zu müssen, entkommen konnte – immer noch von der "weißen Verschwörung" verfolgt würde, diesmal einer westlichen Verschwörung gegen die Schwarzen, eines meisterhaften Plans, die Schwarzen unten zu halten …

Kitenge äußerte auch noch einige ausgewählte Worte über die westliche Presse, die offensichtlich auch Teil der großen Verschwörung war. "CNN ist nicht für die Schwarzen", sagte er. "Es ist für die Weißen." Er fuhr fort: "Es ist die gleiche Situation wie in den sechziger Jahren – der Westen ist für Neokolonialismus und Imperialismus."

Wenn ich die Augen geschlossen hätte, hätte das Gespräch genausogut im Büro irgendeiner politischen Operative in der Washingtoner Stadtverwaltung stattfinden können statt in Kinshasa, der Hauptstadt eines Landes, das um mich herum in seine Teile zerfiel. Die Worte waren zwar französisch. Aber die antiweißen Emotionen und der Glaube an eine weiße Verschwörung gegen die Schwarzen ähnelten sich verblüffend und schmerzlich zugleich. Ich stieß immer wieder auf die gleiche Haltung, wenn ich in Afrika reiste. Egal, ob es sich um einen politischen Berater des Präsidenten von Kenia oder um einen nigerianischen Drogenboß handelte, der sich über die Vorurteile der Amerikaner gegenüber unschuldigen nigerianischen Reisenden beklagte. Ich nehme an, daß meine weißen Kollegen nicht so oft zu hören bekamen, was die Afrikaner mir, einem schwarzen Reporter gegenüber offener zum Ausdruck brachten: ihre Paranoia. Immerhin war ich schwarz, ein Bruder. Man erwartete, daß ich es verstehen würde …

Der Sudan entwickelte sich unter Bashir zu einem der brutalsten Regime in Afrika, mit einem der schlimmsten Berichte über Menschenrechtsverletzungen auf der Welt. 1994 bezeichnete Human Rights Watch / Africa den Menschenrechtsbericht über den Sudan als "absolut katastrophal" und berichtete, daß "alle Formen politischer Opposition verboten sind, und zwar sowohl durch ein Gesetz als auch durch systematischen Terror".

Flüchtlinge aus dem Süden wurden in isolierte Wüstenlager verschleppt, in denen politische Gefangene einsaßen, unter ihnen Sadiq al-Mahdi, und es gab die "Geisterhäuser" – geheime Gefängnisse, in denen Dissidenten eingesperrt waren, ohne Verbindung zu ihren Familien aufnehmen zu können. Christliche Geistliche wurden in ihrer Bewegungsfreiheit behindert, die Anzahl der Kirchen, die gebaut werden durften, und die Einfuhr von Bibeln und theologischer Literatur wurden beschränkt. Und natürlich gab es die unbarmherzige Fortführung des Kriegs gegen Schwarze und Christen im Süden des Landes, die die Bombardierung von Dörfern mit einschloß.

Und auf dem Hintergrund all dessen meinte mich Hassan Turabi, der Architekt dieses Terrors, ein Mann, der dafür verantwortlich war, daß der brutale Krieg gegen die schwarzen Afrikaner wieder angeheizt worden war, über die Geschichte der Unterdrückung der Schwarzen in Amerika belehren zu müssen. Lassen Sie uns über die Unterdrückung der Schwarzen im Süden des Sudans reden, wollte ich sagen. Erzählen Sie mir etwas über all die Hände und Füße, die unter der sharia abgehackt worden sind. Erzählen Sie mir über die Verhaftungen, die Folter, die Hinrichtungen, die Bombardierung von Dörfern.

Objektivität sollte eine der Kardinaltugenden des Journalismus sein. Der Reporter fragt, und zwar kritisch. Aber man erwartet, daß wir aufhören, wenn unsere Fragen zu Kampfansagen werden und wir die Leute, die wir interviewen, kritisieren und mit ihnen zu streiten anfangen. Und das war etwas vom Härtesten für einen Journalisten in Afrika: Ungerechtigkeit zu sehen und gezwungen zu sein, ruhig dazusitzen, sich Scheinheiligkeiten und glatte Lügen anzuhören, und dabei den Mund zu halten …

In der Lobby stieß ich auf eine Gruppe schwarzer amerikanischer Hotelgäste, die auf einer Art "Tatsachensuche" durchs Land reisten und von der sudanesischen Regierung wie VIPs behandelt wurden. Einige der Männer hatten sich entsprechend angezogen, trugen fließende weiße afrikanische Roben und weiße Turbane. Einige der Frauen hatten sich verschleiert, und ich vermutete, daß es Muslime aus den Staaten waren.

Am nächsten Tag erfuhr ich, daß der US-Botschafter in Khartoum, Donald Petterson, die Gruppe zu einem kleinen Empfang in sein Haus geladen hatte. Auf der Titelseite der von der Regierung kontrollierten Zeitung stand groß aufgemacht ein Bericht darüber, wie die schwarze amerikanische Delegation sich beim Botschafter heftig über die Sudan-Politik der USA beklagt habe. Einige Mitglieder der Gruppe hatten Petterson zu verstehen gegeben, daß es unfair vom State Department sei, den Sudan als Geldgeber des weltweiten Terrorismus und als eines der grausamsten Regime der Welt zu bezeichnen. Sie selbst seien schließlich von ihren sudanesischen Gastgebern mit größter Zuvorkommenheit behandelt worden, und sie fänden, daß die staubigen Straßen dieser Hauptstadt sicherer seien als die zumeist von Kriminellen beherrschten Straßen amerikanischer Städte.

Als ich das las, kochte ich vor Wut. Sahen diese Leute denn nicht, daß man sie benutzte, daß einer der berüchtigtsten terroristischen Staaten sie manipulierte? Konnten diese schwarzen Amerikaner nicht begreifen, daß eine herrschende Clique, die schwarze Afrikaner im Namen des Islam gnadenlos verfolgte, sie zu willigen Werkzeugen machte? …

Manchmal überlege ich, ob es mir je möglich gewesen wäre, wie diese schwarzen Amerikaner in Khartoum zu werden. Vielleicht, wenn meine Interessen rein akademisch geblieben wären wie damals auf dem College, als ich mich ganz emotionslos mit afrikanischem Sozialismus, Befreiungstheorien und der Entwicklungsphilosophie eines Kenneth Kaunda, Julius Nyerere oder Kwame Nkrumah beschäftigt hatte. Vielleicht hätte ich es dann geschafft, von weit her über Afrika zu lesen, mir die gleichen wissenden Platitüden über die Übel des Kolonialismus und die Sünden des Westens zu eigen gemacht. Vielleicht wäre es besser für mich gewesen, nie nach Afrika zu gehen, außer als Tourist für einen einwöchigen Trip, gut aufgehoben in einem Fünf-Sterne-Hotel und nur daran interessiert, afrikanische Souvenirs zu kaufen und afrikanische Kente-Kleider zu tragen. Vielleicht hätte dann auch ich dieselbe inhaltslose Kritik von mir gegeben, die die amerikanische Einmischung für alle Übel Afrikas verantwortlich macht. Auch ich wäre dann vielleicht zum glühenden Verteidiger des Landes meiner Wurzeln geworden.

Aber dazu ist es jetzt zu spät, ich habe bereits zu lange hier gelebt. Und nicht nur ich, auch andere Schwarze, schwarze Amerikaner, die hierher gekommen sind, um hier zu arbeiten und zu leben, nicht diejenigen, für die Afrika lediglich ein Stempel in ihrem Paß ist. Nehmen wir den Fall Linda ThomasGreenfield, die Botschaftsangehörige, die man in Ruanda fast umgebracht hat. Aber das war nicht die einzige Erfahrung mit Afrika, die sie wie auch mich zynisch werden ließ und reif für die Heimreise.

Sie war kein Neuling, als ich sie in Nairobi kennenlernte. Es war bereits die dritte Stelle, die sie für das US-State Department in Afrika bekleidete, nachdem sie drei Jahre in Gambia und zweieinhalb Jahre in Nigeria verbracht hatte. Und davor hatte sie in Liberia gelebt, direkt nach ihrem Studium an der Universität von Wisconsin. "Ich erinnere mich noch gut, wie das Flugzeug zur Landung ansetzte", sagte sie, "ich konnte es kaum erwarten, daß wir aufsetzten."

Aber neun Monate nach ihrer Ankunft in Kenia und kurz nach ihrem fürchterlichen Erlebnis in Ruanda unterhielten wir uns bei einer Tasse Kaffee auf der Außenterrasse des InterContinental-Hotels in Nairobi. Und sie hatte die Schnauze voll, war genauso ausgebrannt und reif für die Heimreise wie ich.

Ihr Haus in Nairobi war fünfmal ausgeraubt worden, also hatte sie sich einen elektrischen Zaun installieren lassen. "Als sie den elektrischen Zaun hochzogen, sagte ich ihnen, sie sollten genügend Volt hineinpumpen, damit jeder, der darüber klettert, gegrillt wird", sagte sie. Aber der Zaun half nichts – es wurde weiterhin eingebrochen. Also ging sie zur nächsten Polizeistation, und die Polizei postierte zwei Wachen auf ihrem Grundstück. Doch dann fingen diese Wachen an, eine zusätzliche Bezahlung von ihr zu verlangen. "Ich bin an dem Punkt angelangt, daß ich größere Angst davor habe, ihnen das Geld nicht zu geben", sagte sie, "schließlich sitzen die mit Maschinenpistolen vor meinem Haus."

Schließlich ließ sie einen drei Meter hohen Zaun um ihr Grundstück errichten. Und als ich mich mit ihr traf, war sie so verzweifelt, daß sie mir sagte: "Inzwischen bin ich so weit, daß ich mich am liebsten selbst mit einer AK-47 draußen hinsetzen würde."“

 

Schwarzer Amerikaner

 

Also wurde ich Auslandskorrespondent. Im Ausland zu reisen und über die Orte und Menschen zu schreiben, die ich kennenlernte, wurde für mich die endgültige Flucht davor, immerzu über meine Hautfarbe definiert und beurteilt zu werden. Mitte der achtziger Jahre, nach einer einmonatigen Reise durch Hongkong und Taiwan, auf der ich Freunde vom auswärtigen Dienst besuchte, und einer zweiwöchigen Reise durch Japan, wo ich für die Post über das japanische Erziehungssystem berichtete, begann mich Asien zu faszinieren, weil man dort, wie es schien, als Schwarzer – als schwarzer Amerikaner – nicht so sehr nach der Schwärze seiner Haut, sondern eher nach dem Inhalt seiner Brieftasche beurteilt wurde. In Asien waren wir alle Fremde, Weiße genauso wie Schwarze. Die Kantonesen von Hongkong nannten mich "schwarzer Teufel" und die weißen Amerikaner "weiße Teufel", aber das fand ich in Ordnung – in ihren Augen waren wir alle Teufel.

Dann brachte mich mein Auslandsauftrag hierher, nach Afrika, und zwang mich schließlich, mich meiner Identität, meiner Rasse, meiner Hautfarbe und meiner Nationalität zu stellen. Nachdem ich mein ganzes Leben in Ländern verbracht hatte, in denen ich anders war, nicht dazugehörte, bin ich nun auf dem einzigen Kontinent angekommen, wo ich mich mit der Menge um mich herum vermische. Wenn ich irgendwohin gehöre – wenn es einen Ort auf der Welt gibt, wo ich nicht andersartig, fremd bin – sollte es hier sein, in Afrika.

Und ich hasse es.“

Meine Sprache mag düster und beunruhigend sein, aber so sah die Wirklichkeit für mich aus – fast immer düster und beunruhigend. Mehr als drei Jahre hier haben mich bitter gemacht, haben mir fast alle Hoffnung geraubt und mein Mitgefühl vertrocknen lassen.

Wenn ich jetzt die neuesten Nachrichten über die letzte afrikanische Tragödie höre – eine Stammesschlächterei in Burundi vielleicht, ein Aufstand in einem Flüchtlingslager in einem der abgelegenen Winkel Zaires, eine neue Flut von Flüchtlingen, die über eine Grenze in Uganda oder Sierra Leone schwappt –, kann ich dabei mit mehr als nur beiläufigem Interesse zuschauen, weil ich dort gewesen bin. Ich habe Mitleid mit den Opfern. Ich schüttle frustriert den Kopf über die anhaltende Qual des Kontinents. Ich schicke vielleicht sogar dem Roten Kreuz oder irgendeiner anderen Hilfsorganisation eine Spende. Aber sonst fühle ich nichts mehr.

Vielleicht würde es mich noch berühren, wenn ich nicht selbst dort gewesen wäre, wenn ich das Leiden nicht so nah erlebt hätte, wenn ich nicht die Körper gesehen hätte, die den Wasserfall hinunterstürzten, nicht das verwesende Fleisch gerochen hätte. Ja, wenn ich das alles vielleicht von einem anderen Blickwinkel aus sehen würde, könnte ich mir noch den Luxus leisten, in die alten Platitüden zu verfallen. Wenn ich nie meinen Fuß auf afrikanischen Boden gesetzt hätte, könnte ich vielleicht meine "Schwarzheit" feiern, mein "Afrikanertum". Dann würde ich mich vielleicht als ein Teil Afrikas fühlen, und Afrikas Schmerz wäre der meine. Und obwohl ich weiß, daß "Afrozentrismus" bei vielen schwarzen Amerikanern, die nach ihrer Identität suchen, in Mode gekommen ist, funktioniert das bei mir nicht. Ich war hier, ich habe hier gelebt und habe Afrika in all seinen Schrecken gesehen. Ich weiß jetzt, daß ich hier ein Fremder bin. Ich bin ein Amerikaner, ein schwarzer Amerikaner, und ich fühle keine Verbindung zu diesem fremdartigen und gewalttätigen Land.“

Inzwischen weiß ich, obwohl ich anonym durch die Straßen von Nairobi, Lagos, Kinshasa oder Khartoum gehen kann, obwohl ich durch ein Meer von schwarzen Gesichter gehen kann, ohne aufzufallen, daß ich trotzdem keiner von ihnen bin. Ich bin ein Fremder hier, durch nichts verbunden. Ich sehe die Menschen, aber ich sehe nicht, was hinter ihren leeren Blicken liegt. Ich sehe aus wie sie, ich kann sogar meine Kleidung ein wenig verändern, um weniger "westlich" zu wirken, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, einer von ihnen zu sein. Es ist wahr, meine Vorfahren kamen von hier, und das hier sind meine fernen Verwandten. Aber zwischen uns hat sich ein Abgrund aufgetan, ein Abgrund von vierhundert Jahren und zehntausend Meilen. Nichts in meiner eigenen Vergangenheit, nichts in meiner Erziehung hat mir eingeflößt, wie es sein müßte, ein Afrikaner zu sein. Malcolm X sagte, wir Schwarzen in Amerika seien mehr Afrikaner als Amerikaner – "Ihr seid nichts als Afrikaner" – aber ich spüre nichts dergleichen. Ich fühle mich in Afrika einsamer, als ich es jemals in Amerika empfunden hatte. In Amerika mag ich mich wie ein Fremder fühlen, aber in Afrika bin ich ein Fremder.

Aber die Einsamkeit ist nur ein Teil des Gefühls, das an mir nagt. Da ist mehr, etwas viel Tieferes, etwas, das zuzugeben ich mich schäme: Ich habe Angst vor Afrika. Ich möchte nicht von hier stammen. Im dunkelsten Grunde meines Herzens bin ich jetzt, in dieser pechschwarzen afrikanischen Nacht, insgeheim froh und dankbar dafür, daß mein Vorfahr die Überfahrt schaffte, die ihn hier herausbrachte.“

Ich schließe die Augen und schalte auf einen Musiksender um. Ich verlasse Afrika, ich will von den Unruhen in Ruanda nichts mehr hören, ich interessiere mich nicht für diese neueste tragische Entwicklung. Ich habe es alles bereits gesehen, und ich bin sicher, daß ich es erneut sehen werde. Aber von jetzt an werde ich es aus der Ferne verfolgen, werde es vermutlich wie Millionen anderer Amerikaner auf dem Fernsehschirm sehen. Ich werde die neuesten Bilder von Flüchtlingen sehen, die irgendwo über eine Grenze kommen, von Soldaten, die plündern, von Kindern mit Granatwerfern, die eine weitere malerische, aber zerfallende afrikanische Hauptstadt in die Luft gehen lassen. Ich werde mit mehr als beiläufigem Interesse zusehen, denn ich war dort. Ich werde nun die Komplexität der Konflikte begreifen. Ich werde auch wissen, daß die Probleme zu hartnäckig sind, daß die übrige Welt nichts tun kann, bevor Afrika nicht bereit ist, sich selbst zu retten. Ich werde auch wissen, daß nichts von all dem mich berühren kann, da mich nichts mit dem Land oder den Menschen verbindet.

Warum sollte ich mehr empfinden? Weil meine Haut schwarz ist? Weil irgendeiner meiner Vorfahren vor vierhundert Jahren von diesem Ort weggezerrt und nach Amerika geschickt wurde und ich deshalb jetzt so aussehe wie die, deren Vorfahren zurückgelassen wurden? Sollte ihr Leid heute noch irgendwie mein Leid sein?

Vielleicht würde es mich stärker berühren, wenn ich nie hierhergekommen wäre und nie gesehen hätte, was Afrika heute ist. Aber ich war hier, und ich habe es gesehen – und, ganz ehrlich, ich möchte kein Stück davon haben.

Bin ich deshalb ein kaltherziger Zyniker? Ein Afrikahasser? Vielleicht ein Rassist oder ein verlorener und einsamer Schwarzer vielleicht, der sich selbst haßt und seine afrikanischen Wurzeln vergessen hat? Vielleicht bin ich all das und noch viel mehr. Aber durch einen Zufall wurde ich als Schwarzer in Amerika geboren, und alles, was ich heute bin – meine Kultur, meine Einstellungen, meine Gefühle, das, was ich liebe und wonach ich mich sehne – rührt von dieser einfachen und unwiderlegbaren Tatsache her.“

Man sagt immer wieder, daß nichts einen das eigene Land mehr schätzen läßt, als wenn man von ihm wegreist. So ging es mir mit Amerika. Ich sehe die Fehler, ich verfluche die Intoleranz, ich schrecke vor den rassischen und ethnischen Spannungen zurück. Und mich machen die oft so hirnlosen politischen Debatten rasend, die so harmlos klingen wie das Geräusch eines zerbissenen Kartoffelchips. Aber trotz allem – vielleicht gerade deswegen – erkenne ich, daß es der einzige Ort ist, wo ich wirklich hingehöre. Es ist meine Heimat.

Als Thomas Jefferson Botschafter in Frankreich war, schrieb er an James Monroe und drängte ihn, ihn doch einmal zu besuchen. "Ich wünsche mir aufrichtig, daß Sie die Zeit finden könnten, hierher zu kommen", schrieb Jefferson. "Das Vergnügen der Reise wird geringer sein, als Sie erwarten, aber der Nutzen größer. Es wird Sie dazu bringen, Ihr eigenes Land anzubeten, seinen Boden, sein Klima, seine Gleichheit, Freiheit, Gesetze, Menschen und Lebensart. Mein Gott! Wie wenig wissen meine Landsleute, welch kostbare Segnungen sie besitzen, an denen sich kein anderes Volk der Erde erfreut. Ich gestehe, daß auch ich es nicht wußte."

Ich wußte es ebenfalls nicht, bis ich in ein Land kam, in dem so wilde Leidenschaften und eine solche Brutalität herrschen, dieses Land meiner Vorfahren.

Meine Schlußfolgerungen mögen den heutzutage populäreren Ansichten unter schwarzen Amerikanern widersprechen. Viele unter ihnen scheinen eine neue Art von freiwilliger Wiedereinführung der Rassentrennung zu befürworten, um sich vom Mainstream abzusetzen. Und es ist fraglos ein starkes Argument, daß mehr als vierzig Jahre, nachdem der Oberste Gerichtshof die Aufhebung der Rassentrennung mit "aller gebotenen Eile" angeordnet hatte, Amerika dem Traum einer farbenblinden, multikulturellen Gesellschaft, die einmal das Ziel der alten Bürgerrechtskämpfer war, noch immer kein bißchen nähergekommen ist. Enttäuscht vom An- und Ausgeschaltetwerden durch den weißen Mainstream sehen immer mehr Schwarze ihr Heil im Rückzug in eigene schwarze Gemeinden, eigene schwarze Schulen, eigene schwarze Wohngebiete, eigene schwarze Geschäftsviertel und eigene schwarze Identitäten. Dahinter verbirgt sich der Wunsch, sich wieder auf eine afrikanische Identität, eine afrikanische Abstammung zu besinnen, was man an dem wachsenden Trend zu afrikanischen Kentetuch-Mützen und Kwanza-Feiern sehen kann – obwohl ich während meiner drei Jahre auf dem afrikanischen Kontinent keinen einzigen Afrikaner traf, der Kwanza feierte oder mir auch nur hätte sagen können, was das war.

Ich glaube, daß Abspaltung der falsche Weg ist, daß wir statt dessen zu der ursprünglichen Idee Amerikas als Melting-Pot zurückkehren und eine Gesellschaft schaffen sollten, die wirklich farbenblind und nicht in rassische und ethnische Kleinstaaten aufgeteilt ist. Es tut mir leid, aber ich habe gesehen, was passiert, wenn Gesellschaften durch solche Aufteilungen in sich gespalten werden, wenn die kleinen Leute anfangen, die großen umzubringen, wenn die Form deines Kopfes oder die Farbe deiner Haut bestimmt, ob du ein Pangamesser über den Schädel bekommst. Wir in Amerika haben es bisher geschafft, dieser Art gewalttätigen Abrechnung zu entgehen, die einen so großen Teil der Welt auf die Zerreißprobe stellt – nicht nur Afrika –, und das, obwohl wir eine Nation sind, die aus vielen Farben, Religionen und ethnischen Gruppen geschaffen wurde. Die Antwort auf die Frage, wie man diese Art von Gewalt in Zukunft verhindern könnte, liegt mit Sicherheit nicht darin, daß man sich freiwillig trennt oder absondert, sondern darin, die alles verbindende Kraft Amerikas zu verstärken. Ich habe gesehen, zu was es führt, wenn Absonderung und Teilung auf die Spitze getrieben werden – dann hat man Ruanda, Liberia, Somalia. Warum um alles in der Welt sollten wir diesen gefährlichen Weg einschlagen?

Für die schwarzen Amerikaner spielt sich meiner Ansicht nach die Neubesinnung auf eine irgendwie geartete verlorene afrikanische Identität mehr in der Phantasie als in der Realität ab. Warum sollten wir als Amerikaner einen Kontinent an unser Herz drücken wollen, der so von ethnischem und religiösem Haß zerrissen ist? Und außerdem, wie können wir, Söhne und Töchter Amerikas, uns auf eine Identität besinnen, die es für uns an unserem ersten Ort nie gab?

Nein, Amerika ist unsere Heimat. Das Gerede, irgendwohin "zurück"zukehren, irgendwelche verlorenen "Wurzeln" zu suchen, irgendein Heimatland zu finden, macht keinen Sinn. Ich habe hier in Afrika gelebt, und ich kann Ihnen sagen, daß ich mich diesem fremdartigen Land mit keinem Teil meines Wesens verbunden fühle. Es ist viel besser, wenn wir alle unsere Energien darein setzen, Amerika besser zu machen, den Traum einer vielrassigen Gesellschaft zu realisieren, als dem Mythos anzuhängen, daß wir irgendwo anders hingehörten.“

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm