Der letzte Beitrag des Wurms anlässlich des 50. Todestages von Bertrand Russell endete mit „Nichtsdestotrotz: Es gibt ein Buch von Bertrand Russell, das für viele überhaupt das wichtigste von ihm ist. Seine Freunde dürfen sich darüber freuen: der nächste Beitrag des Wurms wird sich diesem Buch widmen.“

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Dieses Buch heisst „Eroberung des Glücks – Neue Wege zu einer besseren Lebensgestaltung“, welches sich auf deutlich höherem Niveau befindet als die üblichen heutigen Ratgeber.

Dem Buch ist anzumerken, dass es vor 90 Jahren geschrieben wurde und dass Bertrand Russell aus der britischen Oberschicht stammt, was seiner Qualität allerdings auch nicht schadet.

Aus dem Vorwort von Bertrand Russell: „Dieses Buch nimmt keinerlei besondere Bildung des Lesers zur Voraussetzung und richtet sich auch nicht an solche, die ein praktisches Problem nur als Unterhaltungsstoff betrachten. Weder tiefschürfende Philosophie noch imponierende Gelehrsamkeit wird man darin finden. Mein einziges Bestreben war die Zusammenstellung einer Reihe von Bemerkungen, die, wie ich hoffe, vom gesunden Menschenverstand eingegeben sind. Alles, was ich .zugunsten der hier vorgelegten Rezepte zum Glück anführen kann, ist, daß sie meiner eigenen Erfahrung und Beobachtung entspringen und meinem eigenen Glück stets förderlich waren, wenn ich mich an sie hielt. Aus diesem Grunde wage ich zu hoffen, daß einige von den unzähligen Menschen, die ihr Unglück über sich ergehen lassen, ohne ihm etwas Gutes abgewinnen zu können, in den folgenden Blättern eine Diagnose ihres Zustandes finden werden und zugleich einige Anregungen, wie sie ihm entrinnen können. Denn in dem Glauben, daß viele, die unglücklich sind, glücklich werden könnten, wenn sie es nur richtig anzufangen verstünden, habe ich dieses Buch geschrieben.“

 

Weiter: „Das Glück fällt einem - höchst seltene Fälle ausgenommen - nicht mir nichts, dir nichts in den Schoß wie eine reife Frucht, einfach weil günstige Umstände zusammenwirken. Darum habe ich dieses Buch „Eroberung des Glücks“ genannt. Denn in einer Welt so voll vermeidbarer und unvermeidbarer Mißgeschicke, voller Krankheiten und Seelenwirrnisse, Kampf und Armut und Übelwollen muß jeder, der nach Glück strebt, Mittel und Wege finden, mit den vielfältigen Unglücksmöglichkeiten, die einem jeden drohen, fertig zu werden. In gewissen seltenen Fällen mag es auch ohne Mühen gehen …

Die meisten Menschen sind nicht reich; sehr viele nicht gutmütig; viele haben verzwickte Leidenschaften, die ihnen ein ruhiges, wohlgeordnetes Dasein unerträglich öde erscheinen lassen; die Gesundheit ist ein Segen, von dem keiner weiß, wie lange er ihm erhalten bleibt, die Ehe nicht immer ein Born des Glücks. Aus allen diesen Gründen wird bei den meisten ein glückliches Leben eher eine Leistung sein als eine Gabe der Götter, und um sie zu vollbringen, ist große innere wie äußere Bemühung vonnöten.“

Das Buch ist in folgende Kapitel gegliedert:

 

Ursachen des Unglücks

1. Was macht den Menschen unglücklich?

2. Byronscher Weltschmerz

3. Der Geist der Konkurrenz

4. Langeweile und Anregung

5. Müdigkeit

6. Neid

7. Schuldgefühle

8. Verfolgungswahn

9. Was wird die Welt dazu sagen?

 

Ursachen des Glücks

10. Können wir noch glücklich sein?

11. Lebensbejahung

12. Zuneigung

13. Familie und Ehe

14. Arbeit

15. Der Wert „unpersönlicher Interessen“

16. Streben und Entsagung

17. Der glückliche Mensch

 

Es wäre lohnenswert, das ganze Buch zu lesen; der Wurm möchte sich jedoch auf einige wenige Punkte konzentrieren (und darauf hinweisen, dass es in den Büchern von Bertrand Russell üblicherweise um das Glück der gesamten Menschheit geht).

Zu Beginn sei noch Folgendes zu erwähnen:

„Diese Betrachtungen führen uns zu dem Lebensproblem, vor das sich jeder einzelne gestellt sieht: Was kann der Mensch hier und jetzt als Mitglied unserer Gesellschaft, die an der Sehnsucht nach Besserem krankt, tun, um sich selbst ein Glück zu schaffen? Bei der Erörterung dieser Frage werde ich meine Aufmerksamkeit nur denjenigen zuwenden, die nicht Opfer einer hoffnungslosen äußeren Lage sind. Ich werde ein Einkommen voraussetzen, das ausreicht, um Nahrung und Obdach zu beschaffen, und einen Gesundheitszustand, der der gewöhnlichen körperlichen Betätigung nicht im Wege steht. Auch werde ich mich nicht mit den großen Katastrophen des Lebens befassen, wie etwa mit dem Verlust sämtlicher Kinder oder mit öffentlicher Entehrung. Zwar kann man auch darüber manches - und manches Wichtige - sagen, aber das liegt auf einer anderen Ebene, als ich sie jetzt beschreiten will. Augenblicklich kommt es mir darauf an, einen Ausweg aus dem gewöhnlichen Alltagsunglück zu finden, an dem die meisten Kulturmenschen kranken und das um so unerträglicher ist, als es keine deutlich erkennbare äußere Ursache hat und daher kaum heilbar scheint. Unglück solcher Art beruht, wie ich glaube, meist auf einer falschen Weltauffassung, falschen ethischen Begriffen und falschen Lebensgewohnheiten, die zur Vernichtung jener natürlichen Lebensfreudigkeit, jener Lust nach erreichbaren Freuden führen, von denen letzten Endes alles Menschenglück abhängt. Da all dies im Willensbereich des Individuums liegt, will ich zu zeigen versuchen, wie man es anders machen kann, um bei halbwegs annehmbaren äußeren Verhältnissen glücklich zu werden.

Vielleicht sind ein paar autobiographische Worte die beste Einführung in die Philosophie, die ich vertrete. Ich wurde nicht als ein glücklicher Mensch geboren. Als Kind hatte ich ein Lieblingsied, das so anfing: „Müde der Welt und mit meiner Sünde beladen ...“ Im Alter von fünf Jahren stellte ich die Betrachtung an, daß ich, falls ich siebzig Jahre alt würde, bisher nur den vierzehnen Teil meines Lebens hinter mir hätte, und ich empfand die meiner wartende lange Daseinsöde als beinahe unerträglich. Während meiner Jugendzeit war mir das Leben verhaßt, und ich spielte ständig mit dem Gedanken an Selbstmord, vor dem mich indessen der Wunsch bewahrte, mich weiter in der Mathematik zu vervollkommnen. Jetzt hingegen habe ich Freude am Leben; ja, ich könnte fast sagen, daß ich von Jahr zu Jahr mehr Freude daran gewinne. Das kommt teils, weil ich nun herausgefunden habe, welcher Art die Dinge sind, die ich am meisten begehre, und mir allmählich viele davon verschafft habe, teils weil ich gewisse Wunschobjekte - wie z. B. die Erlangung unbezweifelbaren Wissens über diesen oder jenen Gegenstand - zu meinem Vorteil als grundsätzlich unerreichbar fahren gelassen habe. Zum allergrößten Teil aber ist meine heutige Gemütsverfassung einer immer geringeren Beschäftigung mit mir selbst zu verdanken. Gleich vielen anderen, die wie ich auf eine puritanische Erziehung zurückblicken, war es mir Gewohnheit, über meine Sünden, Torheiten und Mängel nachzugrübeln. Ich erschien mir selbst - gewiß mit völligem Recht - als ein jammervolles Wesen. Allmählich lernte ich dann, mir und meinen Unzulänglichkeiten gegenüber gleichmütig zubleiben; ich gelangte dahin, meine Aufmerksamkeit in wachsendem Maße äußeren Dingen zuzuwenden: den Zuständen in der Welt, verschiedenen Wissenszweigen, Menschen, für die ich Zuneigung empfand. Auch äußere Interessen tragen zwar ihre Leidensmöglichkeiten in sich: die Welt kann in Krieg versinken, Erkenntnis oft schwer zu erringen sein, Freunde können sterben. Doch Schmerzen dieser Art zerstören nicht wie jene, die dem Ekel am eignen Ich entspringen, den wesentlichen Gehalt des Daseins. Und jedes äußere Interesse belebt irgendeine Tätigkeit, die, solange es anhält, ein ausgezeichnetes Verhütungsmittel für die Langeweile ist. Ein Aufgehen in sich selbst dagegen verhilft zu keinerlei ersprießlicher Tätigkeit. Es vermag zur Abfassung eines Tagebuchs, zu einer psychoanalytischen Kur, vielleicht auch ins Kloster führen. Doch ein Mönch wird nicht glücklich sein, bevor das Einerlei seines Daseins ihm Vergessen der eigenen Seele gebracht hat. Das Glück, das er der Religion zuschreibt, könnte er auch als Straßenkehrer erlangt haben, wäre er gezwungen gewesen, einer zu sein und zu bleiben. Für die Unglücklichen, deren Selbstvertiefung zu fest eingewurzelt ist, um auf andere Art geheilt werden zu können, ist der einzige Weg zum Glück ein streng diszipliniertes Hinlenken des Geistes auf äußere Interessen.“

 

Innere Ursachen menschlichen Unglücks

 

„Vielfältig sind, wie jedem einleuchtet, die inneren Ursachen menschlichen Unglücks. Etwas aber haben alle gemein. Der typisch Unglückliche ist stets ein Mensch, der, in der Jugend um irgendeine normale Befriedigung betrogen, nun dieser besonderen Art der Befriedigung einen übertriebenen Wert beimißt und so seinem Leben eine einseitige Richtung gibt. Überdies legt er ein übermäßiges Gewicht auf die fertige Tat im Gegensatz zu dem mit ihr verknüpften Handeln. Es gibt jedoch noch eine weitere Stufe, die heutzutage sehr häufig ist. Es kann sich ein Mensch so von Grund aus hoffnungslos fühlen, daß er keinerlei Befriedigung mehr sucht, sondern nur noch Zerstreuung und Vergessen. Dann jagt er einzig dem „Vergnügen“ nach. Mit andern Worten, er sucht sich das Leben dadurch erträglich zu machen, daß er sich selbst unlebendiger macht. Der Rausch z. B. ist ein zeitweiliger Selbstmord; das Glück, das er schenkt, ist rein negativer Art: ein augenblickliches Aussetzen des Unglücks. Narzisten und Größenwahnsinnige glauben aber wenigstens noch, daß ein Glück möglich ist, wenn sie auch falsche Mittel zu seiner Herbeiführung anwenden mögen; doch der Mann, der den Rausch in irgendeiner Form sucht, hat jede Hoffnung außer der auf Vergessen fahren lassen. Ihn muß man darum zu überzeugen suchen, daß Glück etwas Begehrenswertes ist. Wer unglücklich ist und wer schlecht schläft, pflegt sich dessen gern zu rühmen, das heißt, er macht es ähnlich wie der Fuchs mit den sauren Trauben; in solchem Falle muß ihm derjenige, der ihn heilen will, zeigen, wie er zu den Trauben kommen kann. Nur die wenigsten, so glaube ich, werden bewußt das Unglück wählen, wenn sie eine Möglichkeit sehen, glücklich zu sein. Ich leugne zwar nicht, daß es solche Menschen gibt; sie sind aber so sehr in der Minderzahl, daß sie kaum ins Gewicht fallen. Darum nehme ich ein für allemal an, daß der Leser lieber glücklich wäre als unglücklich. Ob ich ihm helfen kann, diesen Wunsch zu erfüllen, weiß ich nicht; der Versuch aber kann auf keinen Fall schaden.“

 

ICH

 

„Ein weiterer Nachteil egozentrischer Einstellung ist, daß sie die Mannigfaltigkeit des Daseins fast gänzlich ausschaltet. Wer nur sich selber liebt, wird zwar dem Vorwurf der Wahllosigkeit in der Verteilung seiner Gefühle entgehen, auf die Länge wird aber die Eintönigkeit seiner Beschäftigung mit dem lieben Ich seinem Leben wenig Reiz verleihen. Wer unter Schuldgefühlen leidet, leidet unter einer besonderen Form der Selbstliebe: ihm scheint das Wichtigste auf der ganzen Welt die Forderung, daß er ohne Schuld durchs Leben geht. Diese Art der Selbstversenkung gefördert zu haben, ist ein schwerer Fehler gewisser Formen der hergebrachten Religion.

Der glückliche Mensch lebt sachlich, er hat freie Zuneigungen und umfassende Interessen und sichert sich sein Glück durch diese Interessen und den Umstand, daß sie ihn seinerseits auch wieder zu einem Gegenstand des Interesses und der Zuneigung für andere machen.“

 

Beschäftigung mit Sorgen

 

„Wir wollen uns, indem wir jene Klasse reicher Männer, die Narren und weiter nichts sind, beiseitelassen, den häufigeren Fällen zuwenden, bei denen die Ermüdung auf angespannter Arbeit zum Zwecke des Lebensunterhalts beruht. Da zeigt sich, daß die Ermüdung in hohem Maße mit Selbstquälerei zusammenhängt, die durch eine bessere Lebensgestaltung und ein wenig mehr geistige Selbstzucht beseitigt werden könnte. Die meisten Menschen lassen es nämlich in hohem Grade an Kontrolle über ihre Gedanken fehlen. Damit meine ich, daß sie nicht aufhören können, sich innerlich über Dinge abzuquälen, an denen zur Zeit doch nichts zu ändern ist. Die Männer nehmen ihre geschäftlichen Sorgen mit zu Bett, und statt während der Nachtstunden frische Kräfte zu sammeln, damit sie es mit den Anforderungen des nächsten Tages aufnehmen können, überdenken sie zum hundertsten und tausendsten Male Probleme, denen sie im Augenblick machtlos gegenüberstehen, und zwar überdenken sie sie nicht im Hinblick auf ein rasches zielbewußtes Eingreifen, sondern mit jener unsinnigen Aufgeregtheit, die für die Grübeleien schlafloser Nächte kennzeichnend ist. Noch am Morgen haftet ihnen etwas von diesem mitternächtlichen Wahnsinn an und trübt ihr Urteil, verdirbt ihnen die Laune und läßt sie über jedes Hindernis in Raserei geraten. Der Kluge beschäftigt sich nur dann mit seinen Sorgen, wenn es einen Zweck hat; sonst denkt er an etwas anderes oder, solange es Nacht ist, überhaupt an nichts. Ich will nun nicht sagen, jedermann könne angesichts einer großen Krise, etwa von unmittelbar drohendem Ruin oder wenn ein Mann Grund zu dem Verdacht hat, daß seine Frau ihn betrügt, die Sorgen in Augenblicken, wo ein Handeln sich verbietet, völlig ausschalten. Das ist nur ganz wenigen außergewöhnlich disziplinierten Geistern möglich: Ganz gut möglich aber ist es, die gewöhnlichen Alltagssorgen auszuschalten, außer in den Stunden, wo man tätig dagegen vorgehen kann. Es ist erstaunlich, in welchem Maße sowohl Glück wie Leistungsfähigkeit durch die Pflege eines wohlgeordneten Geistes gefördert werden können, das heißt eines Geistes, der, statt sich immerfort in unzweckmäßiger Weise mit den Dingen zu beschäftigen, sich zur richtigen Zeit in angemessener Weise damit beschäftigt. Steht ein schwieriger oder quälender Beschluß bevor, so tut man gut, ruhig und vernünftig darüber nachzudenken, sobald alle Bausteine dazu zusammengetragen sind, und ihn bald zu fassen; und ist das einmal geschehen, so sollte man ihn nicht umstürzen, es sei denn, daß neue Tatsachen hinzukämen. Nichts ist so zermürbend, nichts so unnütz wie Unentschlossenheit.“

 

Neid verbessert nicht die Lage der Unglücklichen

 

„Es ist fast überflüssig zu betonen, daß der Neid eng mit dem Konkurrenzsinn verschwistert ist. Wir neiden niemandem ein Glück, von dem wir wissen, daß es völlig unerreichbar für uns ist. Im Zeitalter der strengen sozialen Abstufung beneideten die unteren Schichten die oberen so lange nicht, wie der Glaube an die Gottgewolltheit einer Scheidung in arm und reich vorherrschte. Der Bettler beneidet nicht den Millionär, sondern bettelnde Kollegen, die bessere Geschäfte machen. Die mangelnde Stabilität in der sozialen Schichtung der modernen Welt hat im Verein mit den gleichmacherischen Lehren der Demokratie und des Sozialismus das Gebiet des Neides ungemein erweitert. Das ist ein Übelstand unseres Zeitalters, jedoch ein Übelstand, der hingenommen werden muß, damit wir zu einem gerechteren Sozialsystem gelangen können. Sobald man Ungleichheiten unter die Lupe der Vernunft nimmt, erkennt man sie als ungerecht, es sei denn, sie beruhten auf irgendeinem ganz besonderen persönlichen Verdienst. Und sobald eine Ungerechtigkeit einmal erkannt ist, sieht die daraus erwachsende Mißgunst keine andere Rettung für sich als die, sie zu beseitigen. So ist unsere Zeit eine, in der der Neid eine besonders große Rolle spielt. Die Armen beneiden die Reichen, die ärmeren Staaten die reicheren, die Frauen die Männer, tugendsame Frauen diejenigen ihrer Geschlechtsgenossinnen, die trotz ihrer brüchigen Tugend ungestraft davonkommen. Nun ist zwar nicht zu leugnen, daß der Neid die Haupttriebkraft ist, die für Gerechtigkeit zwischen den verschiedenen Klassen, verschiedenen Völkern und verschiedenen Geschlechtern sorgt, nicht weniger wahr aber ist, daß die durch den Neid geschaffene Gerechtigkeit meist die denkbar schlechteste ist, indem sie weniger darauf hinzielt, die Lage der Unglücklichen zu verbessern, als die der Bevorzugten zu verschlechtern. Jede Leidenschaft, die im Privatleben zersetzend wirkt, muß auch im öffentlichen Leben zersetzend wirken. Daß aus etwas so Schlimmem wie dem Neid Gutes entspringt, ist nicht anzunehmen. Darum muß jeder, der aus idealen Gründen eine tiefgreifende Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit ersehnt, hoffen, daß andere Kräfte als Neid und Mißgunst bei der Herbeiführung dieser Wandlungen ausschlaggebend sein werden.

Ein Übel hängt mit dem andern zusammen, und jedes wird leicht zur Ursache des andern. So liegt dem Neid sehr oft Überanstrengung zugrunde. Sobald sich der Mensch seiner Arbeit nicht gewachsen fühlt, bemächtigt sich seiner eine allgemeine Mißstimmung, die leicht zum Neid gegen Menschen wird, deren Arbeit weniger anstrengend ist. Weniger Überanstrengung bedeutet also auch weniger Mißgunst. Das Allerwichtigste von allem aber ist, daß man ein Leben führt, das die Instinkte nicht leer ausgehen läßt. Viel Neid, der rein beruflicher Art scheint, ist zutiefst sexuellen Ursprungs. Ein Mann, der sich in seiner Ehe und seinen Kindern glücklich fühlt, wird andere, die mehr Geld und Erfolg haben, kaum sonderlich beneiden, solange er genug verdient, um seine Kinder so zu erziehen, wie es ihm recht scheint. Die Wesensbestandteile des menschlichen Glücks sind einfach, so einfach, daß komplizierte Leute sich oft nicht eingestehen mögen, was ihnen im Grunde fehlt. Die vorhin erwähnten Frauen, die jede besser gekleidete Frau mit neidischen Blicken betrachten, sind ganz bestimmt in ihrem Gefühlsleben nicht glücklich. Besonders in den Ländern englischer Zunge und zumal unter den Frauen ist ein glückliches Gefühlsleben eine Seltenheit. Hier scheint die Kultur auf Abwege geraten zu sein. Wenn aber der Neid bekämpft werden soll, so muß etwas geschehen, um diesem Zustand abzuhelfen; denn wird nicht dafür gesorgt, dann ist unsere Kultur in Gefahr, in einer Orgie des Hasses sich selbst zu vernichten. In alten Tagen beneideten die Menschen nur ihren unmittelbaren Nächsten, weil sie von andern nicht viel wußten. Heutzutage hat ein jeder durch seine Erziehung und die Presse eine Menge oft wenig konkreter Vorstellungen von gewissen Menschenklassen, obwohl sich in seinem Bekanntenkreis kein einziger Vertreter dieser Klassen befindet. Durch das Kino kennen alle das Leben der Millionäre, durch die Zeitung werden sie reichlich über die Bosheit der andern Völker belehrt, durch Rassenhetze wissen sie, was für Scheusale alle jene sind, deren Hautfarbe von der ihren abweicht. Die Gelben hassen die Weißen, die Weißen die Schwarzen. Man mag sagen, dieser ganze Haß werde nur durch Propaganda erzeugt, doch das ist eine etwas oberflächliche Erklärung. Warum ist eine Propaganda, die an den Haß appelliert, so ungleich erfolgreicher als irgendein Versuch, freundschaftliche Gefühle zu erwecken? Das kann man nur so deuten, daß das menschliche Herz, wie es durch die moderne Zivilisation geworden ist, zum Haß viel bereiter ist als zur Freundschaft. Auch darum neigt es zum Haß, weil es unbefriedigt ist, weil es tief, vielleicht sogar unbewußt fühlt, daß der wahre Sinn des Lebens sich ihm irgendwie entzieht, daß vielleicht andere als wir selbst sich die guten Dinge zu sichern wußten, die die Natur zur Lust des Menschen hervorbringt. Die positive Summe der Freuden im Dasein eines modernen Menschen ist zweifellos größer als in früheren, primitiveren Zeitläufen, allein das Bewußtsein von dem, was noch erlangt werden könnte, hat in noch höherem Verhältnis zugenommen.“

 

Was wird die Welt dazu sagen?

 

„Nur verschwindend wenige Menschen fühlen sich glücklich, wenn nicht ihre Lebensweise und Weltauffassung wenigstens in großen Zügen von ihren Bekannten und insbesondere von ihrem näheren Freundeskreis gebilligt werden. Es ist eine Eigentümlichkeit unseres modernen Gemeinwesens, in verschiedene Schichten aufgespalten zu sein, die in moralischen und weltanschaulichen Fragen scharf voneinander abweichen. Dieser Sachverhalt bildet sich seit der Reformation oder vielleicht besser gesagt seit der Renaissance, die den Keim dazu legte, immer stärker heraus. Damals gab es die Protestanten und die Katholiken, die nicht nur über ihre Religion, sondern auch über irdischere Dinge uneins waren; die Aristokraten, die sich alles Mögliche herausnahmen, was dem Bürger untersagt war; dann die Freigeister, die keine religiösen Pflichten anerkannten. In unserer Zeit geht durch den ganzen europäischen Erdteil eine tiefe Spaltung zwischen Sozialisten und Nichtsozialisten, die nicht nur die Politik, sondern fast jedes Gebiet des Lebens erfaßt hat. Besonders viele Unterteilungen gibt es in den Ländern englischer Zunge. Manche Kreise sind dort große Verehrer der Kunst, während andere sie für eine Ausgeburt des Teufels halten, zumindest wenn sie modern ist. In manchen Kreisen gilt Liebe zum britischen Imperium als die höchste aller Tugenden, in anderen gilt sie als Laster, in noch anderen als eine besondere Form der Verblödung. Dem Sittenstrengen ist der Ehebruch eins der schlimmsten Verbrechen, weite Kreise der Bevölkerung aber betrachten ihn als entschuldbar, wenn auch nicht gerade lobenswert. Die Katholiken lassen überhaupt keine Ehescheidung zu, die meisten Nichtkatholiken sehen darin eine notwendige Erleichterung der Ehe.

Infolge all dieser unterschiedlichen Lebensauffassungen kann es geschehen, daß ein Mensch von bestimmter Geschmacksrichtung und Überzeugung innerhalb einer besonderen Kaste geradezu als Ausgestoßener behandelt wird, während ein anderer Kreis ihn als vollgültiges Mitglied anerkennen würde. Hieraus entsteht viel Unglück, besonders unter der Jugend, denn sie greift leicht Ideen auf, die in der Luft liegen, um alsbald zu erfahren, daß diese Ideen in ihrem eigenen Kreis verpönt sind. Da junge Menschen leicht glauben, das Milieu, in dem sie leben, bedeute die Welt schlechthin, können sie sich nur schwer vorstellen, daß anderswo die Ansichten, mit denen sie daheim, wenn sie nicht als grundverderbt gelten wollen, nicht hervorzutreten wagen, Binsenwahrheiten der Zeit sind. So nimmt mancher aus Unkenntnis der Welt viel Elend auf sich, zuweilen nur während der Jugend, oft aber auch das ganze Leben lang. So ein Ausgesperrtsein ist nicht nur schmerzlich, es führt auch zu großer Energievergeudung durch die unnütze Bemühung, sich seine geistige Unabhängigkeit der feindlichen Umgebung gegenüber zu wahren, und erzeugt in neunundneunzig Fällen von hundert eine gewisse Zaghaftigkeit, wenn es sich darum handelt, Gedankengänge konsequent bis zu Ende zu verfolgen. Die Schwestern Bronte kamen niemals mit geistesverwandten Persönlichkeiten zusammen, bis sie durch ihre Bücher bekannt wurden. Das berührte Emily, die ein großzügiger, heroischer Charakter war, nicht im geringsten, während es Charlotte sicherlich kränkte, da sie sich ungeachtet ihrer Begabung nie ganz von der Weltanschauung einer Gouvernante freimachte. Gleich Emily Bronte lebte Blake in völliger geistiger Vereinsamung; doch auch er war groß genug, ihre schlimmen Folgen zu überwinden, denn er zweifelte nie daran, daß er recht hätte und seine Kritiker unrecht. Seine Haltung der öffentlichen Meinung gegenüber gibt sich in den Worten kund:

Der einzige Mensch, den ich gekannt,

Und den ich nicht zum Kotzen fand,

War Fuseli, der Jud und Türk in einem war.

Und somit: Gottbefohlen, liebe Christenschar!

Nicht viele freilich besitzen so viel innere Stärke. Fast jeder hat eine sympathische Umgebung zu seinem Glücke nötig. Allerdings ist den meisten der Kreis, in den sie zufällig hineingeraten sind, sympathisch, weil sie die darin üblichen Vorurteile in ihrer Jugend aufnehmen und sich instinktiv den Überzeugungen und Sitten anpassen, die ihnen ringsum begegnen. Eine erhebliche Minderzahl aber, zu der man im Grunde jeden rechnen kann, der geistig oder künstlerisch besonders begabt ist, findet ein solches Sichfügen unmöglich. Nehmen wir einmal an, ein Mensch, der in einer kleinen Provinzstadt auf die Welt kommt, sieht sich von frühester Jugend an inmitten einer Umgebung, die allem feindselig gegenübersteht, was dem Geist dient. Liest er gern ernste Bücher, so wird er von seinen Kameraden verachtet und bekommt von den Lehrern zu hören, daß er dadurch nur aus dem inneren Gleichgewicht gebracht werden würde: Interessiert er sich für Kunst, dann halten ihn seine Altersgenossen für unmännlich und die älteren Leute für unmoralisch. Wünscht er irgendeine Laufbahn einzuschlagen, die seinem Kreise nicht altvertraut ist, so heißt es, er halte sich für etwas Besonderes, und was für seinen Vater gut genug gewesen sei, müsse auch für ihn gut genug sein. Neigt er dazu, die religiösen Anschauungen oder politischen Bindungen seiner Eltern zu kritisieren, so wird ihm das sicher übel bekommen. Aus all diesen Gründen ist die Jugend für besonders begabte Menschen gewöhnlich eine tiefunglückliche Zeit. Ihren weniger begabten Altersgenossen mag sie in Heiterkeit und Frohsinn dahingehen, sie selbst aber brauchen etwas ernsthaft Befriedigendes, das sie weder bei der älteren Generation noch bei ihren Kameraden innerhalb des Lebenskreises, in den sie hineingeboren wurden, finden können.

Kommen solche jungen Menschen auf die Universität, dann lernen sie in der Regel geistesverwandte Seelen kennen und erleben ein paar glückliche Jahre. Wenn sie Glück haben, führt sie nach Ablauf ihrer Studienzeit ihre Arbeit wiederum in ihnen zusagende Kreise; ein kluger Mensch in London oder New York findet nicht allzuschwer einen Verkehr, der ihm weder Zwang noch Heuchelei auferlegt. Nötigt ihn sein Beruf aber, an einem kleinen Ort zu leben und auf den Durchschnittsbürger Rücksicht zu nehmen, was z. B. beim Arzt oder Juristen der Fall ist, dann kann er sich vielfach sein ganzes Leben lang gezwungen sehen, seine wahren Neigungen, und Überzeugungen vor den meisten Leuten zu verleugnen, die er im Laufe des Tages trifft. Das trifft infolge der ungeheuren Ausdehnung des Landes zumal in Amerika zu. Dort begegnet man an den unwahrscheinlichsten Orten, im Osten, Süden, Norden oder Westen, vereinsamten Einzelgängern, die fast nie jemand sprechen, der zu ihnen paßt, und nur aus Büchern wissen, daß es Orte gibt, wo sie nicht einsam wären, die aber eine Gelegenheit haben, sich an solche Orte zu verpflanzen. Unter solchen Umständen ist wahrhaftes Glück unmöglich für alle, die nicht so großartig wie Emily Bronte oder Blake über den Dingen stehen. Wollen sie zu einem Glücke kommen, so muß eine Möglichkeit gefunden werden, die Tyrannei der öffentlichen Meinung entweder zu brechen oder zu umgehen und andere Angehörige der geistiger veranlagten Minderheit kennenzulernen, um sich an ihrer Gesellschaft aufzurichten.

In sehr vielen Fällen macht übertriebene Schüchternheit das Übel noch schlimmer, als es zu sein brauchte. Die Allgemeinheit ist immer despotischer gegen Menschen, denen sie sichtliche Angst einflößt, als gegen solche, die sie mit gleichgültigen Augen betrachten. Jeder Hund bellt lauter und beißt schneller zu, wenn man sich vor ihm fürchtet, als wenn man ihm Verachtung bezeigt, und die große Masse der Menschen benimmt sich nicht viel anders. Läßt man sich Angst anmerken, dann verspricht sie sich eine lustige Hetz; bleibt man gleichgültig, so beginnt sie an ihrer Macht zu zweifeln und läßt den Angefeindeten in Ruhe. Ich spreche natürlich nicht von extremen Fällen. Bekennt man sich in Kalifornien zu den Anschauungen, die in Rußland, oder in Rußland zu solchen, die in Kalifornien herrschen, dann muß man eben die Folgen auf sich nehmen. Ich denke hier jedoch nicht an derartige Extreme, sondern an mildere Verstöße gegen die Konvention, wie etwa Mißachtung der geltenden Vorschriften in Kleidung oder Lektüre oder kirchlichen Dingen. Solche Verstöße werden mit der Zeit, sofern sie mit Heiterkeit und Gelassenheit spontan, jedoch nicht in herausfordernder Weise begangen werden, selbst von der konventionellsten Gesellschaft geduldet. Allmählich bringt der oder jener es sogar bis zur Stellung eines öffentlich abgestempelten Irrsinnigen, dem das gestattet ist, was bei jedem andern unverzeihlich schiene. Ein solcher Erfolg hängt zum großen Teil von einer gewissen Gutmütigkeit und Menschenfreundlichkeit ab. Der Konventionelle gerät in der Hauptsache deshalb außer sich über ein Abweichen von der Konvention, weil er darin eine Kritik seiner selbst zu erkennen glaubt. Er sieht aber einem Menschen viel nach, der es versteht, auch dem Dümmsten durch sein nettes, liebenswürdiges Benehmen klarzumachen, daß er es nicht darauf anlegt, ihn zu kritisieren.

Diese Art und Weise, sich dem öffentlichen Tadel zu entziehen, ist jedoch für viele, die sich wegen ihrer Neigungen oder Überzeugungen als Außenseiter fühlen, eine Unmöglichkeit. Durch ihren Mangel an Einverständnis mit der Allgemeinheit fühlen sie sich nie recht wohl unter anderen und bekommen in ihrem ganzen Wesen etwas Streitbares, das sich deutlich fühlbar macht, auch wenn äußere Zusammenstöße vermieden bleiben. Menschen, die sich im Gegensatz zu den Lebensgewohnheiten ihres Kreises befinden, neigen daher zu gereiztem, unangenehmem und humorlosem Wesen, dem die Bereitschaft fehlt, in freundlichen Kontakt mit andern zu treten. Werden die gleichen Menschen in eine fremde Umgebung versetzt, wo ihre Ansichten nicht als sonderbar verschrien sind, so erscheinen sie meist völlig verwandelt. Statt wie zuvor ernst, schüchtern und zurückhaltend zu sein, werden sie fröhlich und selbstvertrauend; aus eckigen Burschen können gewandte, umgängliche Kameraden, aus Egozentrischen gesellige, an ihrer Umwelt interessierte Beobachter werden.

Wo immer angängig, sollten junge Menschen, die keinen Einklang zwischen sich und ihrer Umgebung herstellen können, darum bei ihrer Berufswahl auf eine Laufbahn Wert legen, die ihnen die Wahrscheinlichkeit eines passenden Verkehrs bietet, wenn auch ihr Einkommen darunter leiden sollte. Oft wissen sie aber gar nichts von solchen Möglichkeiten, weil sie die Welt nicht genügend kennen und leicht meinen, wie bei ihnen zu Hause ginge es überall zu. In derartigen Fällen, die ein gut Teil Menschenkenntnis erfordern, sollten tunlichst ältere Leute die jungen beraten.“

„Abgesehen vom Urteil des Fachmanns finde ich, daß im allgemeinen in kleinen wie in großen Dingen der Ansicht Dritter zuviel Wert beigemessen wird. Man sollte der öffentlichen Meinung so weit ihren Tribut zollen, wie es nötig ist, damit man nicht verhungert oder ins Gefängnis-kommt; alles, was darüber hinausgeht, ist jedoch willige Anerkennung einer unnötigen Tyrannei und stellt sich leicht dem Glück in der oder jener Weise entgegen. So geht es z. B. mit dem Geldausgeben. Sehr viele verwenden ihre Mittel auf ganz andere Dinge als auf das, was ihre persönlichen Neigungen eigentlich verlangen, nur weil sie meinen, daß die Hochachtung ihrer Nachbarn davon abhängt, ob sie ein feines Auto halten oder große Dinners geben. In Wirklichkeit steht es jedoch so, daß sich jemand, der augenscheinlich in der Lage ist, ein Auto anzuschaffen, aber ganz offen zeigt, daß er sein Geld lieber für Reisen oder eine schöne Bibliothek anlegt, letzten Endes weit größerer Achtung erfreut als wer nur mitmacht, was ein jeder tut. Es hat allerdings keinen Zweck, der öffentlichen Meinung mit Vorbedacht zu spotten; solch übertriebene Reaktion beweist nur, daß man doch unter ihrer Herrschaft steht. Ihr aber wahrhaft gleichmütig gegenüberzustehen, verleiht Kraft und Glück, ganz abgesehen davon, daß ein Kreis von Menschen, der sich nicht allzu willig den Konventionen unterordnet, weit interessanter ist als eine Gesellschaft, wo einer sich benimmt wie der andere. Wo jeder Charakter individuell entwickelt ist, sind die typischen Unterschiede nicht verwischt, und es lohnt sich, neue Menschen kennenzulernen, die nicht bloß andere Ausgaben derjenigen sind, die man schon kennt. Darin lag einer der Vorzüge der Aristokratie: wo der persönliche Wert auf der Geburt beruhte, durfte sich das Verhalten des einzelnen von der Norm entfernen. In unserer modernen Welt gehen wir dieser Quelle der sozialen Freiheit verlustig, und darum tut man gut, sich die Gefahren der Gleichmacherei bewußt vor Augen zu führen. Ich meine damit nicht, daß man sich absichtlich ein exzentrisches Benehmen angewöhnen soll, was genau so uninteressant ist wie Konventionalität. Ich meine nur, daß der Mensch natürlich sein und seinen spontanen Neigungen folgen soll, solange sie sich nicht ausgesprochen antisozial auswirken.“

 

Förderung von Mut

 

„Gerade in den Fragen, die die Angst betreffen, läßt die Morallehre unserer Zeit sehr viel zu wünschen übrig. Allerdings wird vom Manne, zumal in Kriegszeiten, physischer Mut verlangt, andere Formen des Mutes aber werden bei ihm nicht vorausgesetzt, und von der Frau wird Mut überhaupt nicht gefordert. Eine mutige Frau muß im Gegenteil diese Eigenschaft vor den Männern verbergen, wenn sie Wert auf Beliebtheit legt. Auch der Mann, der bei anderen Anlässen als in Körpergefahr mutig auftritt, wird nicht geschätzt. So faßt die Welt z. B. Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung als Herausforderung auf und tut alles, was in ihren Kräften steht, um den zu züchtigen, der ihrer Autorität zu trotzen wagt. Das alles ist genau umgekehrt wie es sein sollte. Jede Art von Mut, gleich ob bei Mann oder Frau, sollte ebenso bewundert werden, wie man die Tapferkeit beim Soldaten bewundert. Daß junge Leute fast durchweg körperlichen Mut zeigen, ist ein Beweis dafür, daß Mut gezüchtet werden kann, wenn die öffentliche Meinung es fordert. Gäbe es mehr Beherztheit in der Welt, so gäbe es auch weniger Selbstquälerei und damit weniger Ermattung; denn ein großer Teil aller nervösen Ermüdung, an der die Menschheit heute leidet, ist eine Folgeerscheinung bewußter oder unbewußter Angst.“

 

Essen = Leben

 

„In diesem Abschnitt will ich von dem reden, was mir das allgemeingültige und hervorstechendste Kennzeichen des glücklichen Menschen zu sein scheint: von der Daseinsfreudigkeit.

Was es mit diesem Merkmal auf sich hat, wird einem vielleicht am anschaulichsten klar, wenn man die verschiedenen Menschen bei Tische beobachtet. Da gibt es welche, denen die Mahlzeit nichts als eine Plage ist; mögen die aufgetragenen Speisen noch so vorzüglich sein, sie können ihnen keinen Reiz abgewinnen. Wahrscheinlich sind ihnen ihr Leben lang bei jeder Mahlzeit ebenso vorzügliche Gerichte vorgesetzt worden, und so wissen sie nicht, was es heißt, nichts zu brechen und zu beißen zu haben, bis der Hunger wie ein wildes Tier im Körper wütet. Ihnen bedeuten ihre Mahlzeiten nur die üblichen Unterbrechungen im täglichen Leben, die von der Sitte nun einmal so festgesetzt sind. Wie alles übrige auf der Welt, ist auch das Essen ihnen langweilig und lästig, nur lohnt es sich nicht, Aufhebens davon zu machen, weil alles andere ebenso langweilig und lästig ist. Eine andere Kategorie sind die Kränklichen, die nur aus Pflichtgefühl essen, weil der Arzt ihnen predigt, es sei zur Erhaltung der Kräfte nötig, sich ordentlich zu nähren. Dann haben wir den Feinschmecker, der sich voll freudiger Erwartung zu Tisch setzt, aber bald feststellen wird, daß ihm nichts gut genug zubereitet ist; ferner den Schlemmer und Vielfraß, der sich voll Gier auf sein Essen stürzt und so viel hinunterschlingt, daß er Kongestionen bekommt. Und schließlich den Menschen, der einen gesunden Appetit mit zu Tisch bringt, sich seines Essens freut, aber aufzuhören weiß, sobald er genug hat. Ganz ähnlich verhalten sich die Teilnehmer am Gastmahl des Lebens den guten Dingen gegenüber, die es ihnen bietet. Die Glücklichen gleichen dem letzten unserer Esser. Was der Hunger beim Essen, ist eine freudig bejahende und zugreifende Haltung in bezug auf das Leben. Wem Essen nur eine lästige Obliegenheit bedeutet, der entspricht dem Opfer der Schwermut; der Kranke, der sich aus Pflichtgefühl nährt, entspricht dem Asketen, der Schlemmer dem Wollüstling, während der Feinschmecker dem allzu wählerischen Menschen vergleichbar ist, der die Hälfte aller Freuden des Daseins als unästhetisch verwirft.

Sonderbarerweise verachten alle diese Typen, allenfalls mit Ausnahme des Schlemmers, den Menschen mit gesundem Appetit und fühlen sich ihm überlegen. Es kommt ihnen gewöhnlich vor, wenn jemand sein Essen mit Genuß verspeist, weil er hungrig ist, oder wenn man sich des Lebens erfreut, weil es eine Vielzahl interessanter Schauspiele und überraschender Erlebnisse bietet. Und von der Höhe ihrer Blasiertheit blicken sie auf jene hinab, da sie sie als einfältig verachten. Ich persönlich habe nichts für diese Einstellung übrig. Mir bedeutet jede Blasiertheit einen krankhaften Zustand, wie er sich unter bestimmten Umständen notgedrungen einstellen wird, der aber nichtsdestoweniger, wenn er auftritt, so rasch wie möglich bekämpft und nicht als eine besonders erhabene Form der Welterfassung betrachtet werden sollte. Wenn der eine gern Erdbeeren ißt und der andere nicht - worin besteht da seine Überlegenheit? Es gibt ja keinen objektiven, unpersönlichen Maßstab dafür, ob Erdbeeren gut sind oder nicht, sondern dem, der sie mag, schmecken sie und dem andern nicht. Allein derjenige, dem sie schmecken, hat einen Genuß, den der andere nicht kennt, und in diesem Sinne ist sein Leben erfreulicher und der Welt, in der beide leben müssen, besser angepaßt. Was auf dieses unerhebliche Beispiel zutrifft, trifft auch auf wichtigere Dinge zu. Wer Freude daran findet, einem Fußballkampf zuzuschauen, hat etwas vor dem voraus, dem so etwas nichts bedeutet; wer Freude am Lesen hat, ist dem Nichtleser überlegen und zwar in noch höherem Grade, da es im Leben mehr Gelegenheiten gibt zu lesen, als sich Fußballkämpfe anzusehen. Für je mehr Dinge einer sich interessiert, um so mehr Glücksmöglichkeiten hat er und um so weniger ist er der Spielball des Schicksals; denn falls eines ihm fehlschlägt, kann er sich etwas anderem zuwenden. Das Leben ist zu kurz, als daß man sich mit allem beschäftigen könnte, doch ist es gut, sich für so viel Dinge zu interessieren, wie man braucht, um dem Tag seinen Inhalt zu geben. Wir alle neigen etwas zu der Krankheit des Selbstanalytikers, der während der mannigfaltige Anblick der Welt ausgebreitet vor ihm liegt, sich abwendet und nur auf seine eigene innere Leere starrt. Nur wollen wir uns nicht einbilden, es sei etwas Großes um eine solch unglückliche Gemütsverfassung.“

 

Bedeutung in der Weltgeschichte

 

„Einer Menge kleiner Sorgen kann man die Spitze abbrechen, indem man sich die Bedeutungslosigkeit ihres Anlasses recht zu Gemüte führt. Ich pflegte in früheren Jahren häufig öffentlich zu sprechen; zuerst hatte ich ein wahres Grauen vor jedem Vortrag und sprach infolge meiner Nervosität herzlich schlecht. Ich hatte jedesmal solche Angst, daß ich im stillen hoffte, ich würde mir vorher das Bein brechen, und wenn es vorüber war, war ich von der nervösen Anspannung ganz erschöpft. Allmählich erzog ich mich zu der Einsicht, daß es gleichgültig sei, ob ich gut oder schlecht spräche, da die Welt sicher in keinem von beiden Fällen erheblich verändert würde. Ich merkte bald, daß ich um so besser sprach, je weniger mir daran lag, wie ich sprach, und mit der Zeit verging mein Lampenfieber so gut wie völlig. Auf solche Art kann man mit sehr vielerlei nervöser Abspannung fertigwerden. Was wir tun und lassen, ist nicht so ungeheuer wichtig, wie wir (ganz natürlicherweise) annehmen; letzten Endes sind unsere Erfolge oder Fehlschläge von recht geringer Tragweite. Sogar über großes Leid kommt man hinweg; Kummer, von dem man zunächst glaubt, er vernichte unser Lebensglück, verblaßt im Lauf der Zeit so sehr, daß es uns oft fast unmöglich wird, uns zu entsinnen, wie er einst schmerzte. Allein über all diesen egozentrischen Erwägungen steht die Tatsache, daß unser Ich nur ein verschwindend kleiner Teil des Weltganzen ist.“

„Wenn Unheil droht, ist es ratsam, sich ernsthaft und bedacht zu überlegen, was im schlimmsten Falle eintreten könnte. Hat man sich das möglicherweise bevorstehende Mißgeschick genau ausgemalt, dann suche man nach triftigen Gründen, aus denen es alles in allem doch nicht gar so furchtbar ist. Solche Gründe gibt es immer, da selbst im allerschlimmsten Falle nichts, was uns persönlich geschieht, irgendeine kosmische Bedeutung hat. Sobald man eine Zeitlang den schlimmsten Ausgang in Ruhe überdacht hat und mit aufrichtiger Überzeugung zu dem Schluß gekommen ist, daß er schließlich doch nicht von so ungeheurer Bedeutung ist, wird man finden, daß die Selbstquälerei in ganz erstaunlichem Grade nachläßt. Vielleicht ist es nötig, den Prozeß ein paarmal zu wiederholen, wenn man aber bei der Ausmalurig des schlimmsten Verlaufes keine der möglichen Folgen aus Feigheit übergangen hat, wird schließlich das Grübeln ganz aufhören und an seine Stelle eine Art überlegener Heiterkeit treten.“

 

Stoizismus

 

„Indes hat auch die Abfindung mit dem Schicksal bei der Erringung des Glücks eine Rolle zu spielen, und zwar keine unwesentlichere Rolle, als sie dem strebenden Bemühen zufällt. Der Weise wird niemals Zeit und Gemütskraft an unvermeidliches Mißgeschick verschwenden, obzwar er sich in Vermeidbares nicht entsagungsvoll schicken wird; und auch das an und für sich Vermeidbare wird er auf sich nehmen, falls die Zeit und Mühe, die er sonst aufwenden müßte, ihn bei der Verfolgung eines höheren Ziels stören würden. Wie viele Leute ärgern oder erzürnen sich über jede Lappalie, die ihnen schiefgeht, und vergeuden so eine Unmenge Energie, die besser angewandt werden könnte! Sogar, wo wirklich wichtige Dinge auf dem Spiel stehen, ist es töricht, sich seinen Gefühlen so unbeherrscht zu überlassen, daß der Gedanke an ein mögliches Fehlschlagen zu einer ständigen Bedrohung des Gemütsfriedens wird. Das Christentum lehrt Ergebung in den Willen Gottes; selbst wenn man sich mit dieser Formulierung nicht einverstanden erklären kann, sollte man doch sein Handeln ein wenig danach richten. Eine praktische Leistung gelingt durchaus nicht im Verhältnis zu der Gefühlsstärke, mit der wir uns daranbegeben; im Gegenteil - ein übertrieben gefühlsbetontes Element ist dabei oft nur von Nachteil. Richtig ist es vielmehr, sein Bestes zu tun, den Ausgang aber dem Schicksal zu überlassen. Es gibt zweierlei Ergebung: die eine wurzelt in Verzweiflung, die andere in unbesieglicher Hoffnung. Die erste ist schlecht, die zweite gut. Wer sich vom Schicksal so hat zu Boden drücken lassen, daß er alle Hoffnung, noch etwas zu leisten, aufgegeben hat, kommt vielleicht zu der ersten Art von Ergebung, und wenn das geschieht wird er jede ernste Tatkraft einbüßen; mag er auch seine Verzweiflung etwa mit religiösen Phrasen bemänteln oder sich zu der Lehre bekennen, daß in der Kontemplation die wahre Aufgabe des Menschen liege. Welches Gewand er sich auch umhängt, um seine innere Niederlage zu verschleiern, stets wird er ein unnützes Glied der Gesellschaft und grundunglücklich bleiben. Der Mensch, dessen Ergebung auf unbesieglicher Hoffnungsfreudigkeit beruht, stellt sich ganz anders zum Leben. Es liegt in der Natur unbesieglicher Hoffnung, umspannend und unpersönlich zu sein. Womit immer ich mich befassen mag, Tod oder Krankheit können mich niederwerfen; meine Feinde können die Oberhand behalten; ich finde vielleicht, daß ich einen falschen Weg eingeschlagen habe, der nicht zum Erfolg führen kann. Auf tausenderlei Art drohen unvermeidliche Fehlschläge rein persönlicher Hoffnungen; wenn diese aber nur ein Teil größerer, allgemein menschlicher Hoffnungen waren, bedeutet ein Fehlschlag noch keine gänzliche Niederlage. Dem Manne der Wissenschaft; der selber große Entdeckungen zu machen hoffte, mag sein Vorhaben mißlingen oder er muß vielleicht sein Werk aufgeben, weil er eine Verletzung am Kopf erlitten hat; erstrebt er aber ernsthaft den Fortschritt der Wissenschaft und nicht nur seinen eigenen Anteil daran, so wird er nicht von derselben Verzweiflung ergriffen werden wie ein Gelehrter, der nur seinen egoistischen Bestrebungen diente. Ein Mensch, der auf eine notwendige Reform hinarbeitet, erlebt vielleicht, daß ein Krieg all sein Mühen zuschanden macht, so daß eine Verwirklichung seiner Idee zu seinen Lebzeiten unmöglich wird. Aus diesem Grunde braucht er jedoch nicht völlig zu verzweifeln, wenn ihm die Zukunft der Menschheit und nicht nur das, was er selbst vollbringen wollte, am Herzen liegt.

Die soeben betrachteten Fälle gehören zu denen, wo Resignation besonders schwer ist; in einer Reihe von andern fällt sie viel leichter, dort nämlich, wo nur Nebenströmungen eine Trübung erleiden, während die Hauptziele des Lebens unverrückt bestehen bleiben. So beweist z. B. ein Mann, der eine wichtige Leistung zu vollbringen hat, Mangel an der rechten Art von Resignation, wenn er sich durch eine unglückliche Ehe davon ablenken läßt; beansprucht ihn seine Arbeit wirklich ganz und gar, so sollte er derartige Störungen flieht anders ansehen, als man einen Regentag ansieht, d. h. als ärgerlichen Zwischenfall, der nicht verdient, daß man ein Wort darüber verliert.

Viele Leute vermögen nicht einmal geduldig mit jenen geringfügigen Ärgernissen fertig zu werden, die, wenn wir es nicht zu verhindern wissen, einen sehr großen Raum im Leben einnehmen. Sie schäumen, wenn sie einen Zug verfehlen, rasen, wenn das Essen verpatzt ist, verzweifeln an Gott und der Welt, wenn ihr Kamin raucht, und geloben der gesamten Industrie Rache, wenn ein Kleidungsstück nicht rechtzeitig von der chemischen Reinigung zurück kommt. Die Energie, die solche Leute an kleinlichen Ärger verschwenden, würde, anders verwandt, ausreichen, um Weltreiche aufzubauen und zu zerstören. Der kluge Mann wird den Staub übersehen, den das Hausmädchen hat liegen lassen, er wird nicht bemerken, daß die Köchin keine Kartoffeln gekocht hat, wie ihr aufgetragen war, daß der Schornsteinfeger den Kamin nicht zur rechten Zeit geputzt hat. Ich meine damit nicht, er solle nichts tun, damit dergleichen nicht mehr vorkommt, sofern er Zeit dafür hat, sich darum zu kümmern; ich meine nur, er soll keine Gemütswallung mit alledem verbinden. Ärger und Verdrießlichkeit und Gereiztheit führen zu nichts. Wer sehr darunter zu leiden hat, sagt oft, er könne sich nicht darüber hinwegsetzen, und auch ich glaube, man kann nur mittels jener grundsätzlichen Ergebung damit fertig werden, von der vorhin die Rede war. Die gleiche Art von Konzentration auf große unpersönliche Hoffnungen, die den Menschen befähigt, persönliches Mißlingen seiner Arbeit oder die Pein einer unglücklichen Ehe zu tragen, wird ihn auch mit Geduld wappnen, wenn er den Zug versäumt oder seinen Schirm in den Straßenschmutz fallen läßt. Jede andere Einstellung dürfte in solchen Fällen versagen.

Wer es gelernt hat, sich von der Herrschaft des Ärgers zu befreien, wird das Leben viel lebenswerter finden, als es ihm schien, solange er in beständiger Gereiztheit einherging. Persönliche Manien von Leuten, in deren Gegenwart er früher am liebsten die Wände hinaufgeklettert wäre, werden jetzt nur noch seiner Belustigung dienen. Wenn Herr Soundso zum dreihundertvierundfünfzigsten Male die Anekdote vom Bischof von Tierra del Fuego zum besten gibt, nimmt er das stillschweigend und amüsiert zur Kenntnis, ohne, wie früher, den vergeblichen Versuch einer Ablenkung durch eine Gegenanekdote zu unternehmen. Reißt sein Schnürriemen gerade, wenn er rasch zum Morgenzug muß, dann stellt er nach Ausstoßung der zur Sache gehörigen Flüche die Betrachtung an, daß der Vorfall für die Menschheitsgeschichte von verschwindender Bedeutung ist. Wird er mitten in einem Heiratsantrag von einem lästigen Nachbar unterbrochen, so sagt er sich, daß das Menschenlos ist, nur Adam sei eine Ausnahme gewesen, der aber habe dafür wieder andere Sorgen gehabt. Es läßt sich nicht aufzählen, in wie vielfacher Weise man sich durch groteske Analogien und sonderbare Vergleiche über kleine Mißgeschicke hinwegtrösten kann. Jeder Kulturmensch hat irgendein bestimmtes Bild von sich selbst und ist ungehalten, wenn dieses Bild durch irgend etwas zerstört wird. Da ist das beste Heilmittel, sich nicht nur ein einziges Bild zu machen, sondern eine ganze Galerie, um bei gegebener Gelegenheit immer das passendste auswählen zu können. Sind einige unter diesen Porträts ein wenig lächerlich, nun um so besser; es tut nicht gut, sich den ganzen Tag als Helden einer Tragödie zu sehen. Nicht etwa, daß man sich fortgesetzt als Hanswurst betrachten sollte - die das tun, sind noch schlimmer; um die Rolle herauszugreifen, die für die Gelegenheit paßt, braucht man nur ein bißchen Takt. Wer sich allerdings tatsächlich selbst vergessen kann, ohne eine Rolle spielen zu müssen, ist des höchsten Lobes wert. Ist das Komödiespielen einem Mensehen aber zur zweiten Natur geworden, dann sollte er darauf achten, daß das Repertoire sich nicht wiederholt und daß Langeweile vermieden wird.

Viele sehr aktive Menschen meinen, die geringste Resignation, der leichteste Schimmer von Humor könnten der Energie, die sie auf ihre Arbeit verwenden, und der Entschlußkraft, von der, wie sie glauben, ihr Erfolg abhängt, Eintrag tun. Sicherlich haben sie damit unrecht. Arbeit, die wert ist, getan zu werden, kann auch von solchen getan werden, die sich weder über ihre Tragweite noch ihre Wichtigkeit oder die mehr oder weniger große Anstrengung, die sie erfordert, einer Täuschung hingeben. Wer seine Arbeit nur leisten kann, wenn Selbsttäuschung ihn stützt, sollte lieber erst lernen, die Wahrheit zu ertragen, ehe er in seiner Laufbahn weiterfährt, denn über kurz oder lang wird diese Mythenbildting doch einmal versagen, und damit wird seine Arbeit dann aufhören, gedeihlich zu sein, und eher Schaden stiften. Besser aber nichts tun als Schaden stiften. Die Hälfte aller nützlichen Arbeit in der Welt wird zu dem Zweck verrichtet, die schädliche zu bekämpfen. Wer eine kurze Spanne Zeit dafür opfert, den Tatsachen ins Auge sehen zu lernen, hat seine Zeit nicht verschwendet, und die Arbeit, die er danach leistet, wird höchstwahrscheinlich weniger Schaden stiften als die Arbeit von Menschen, die zum Ansporn ihrer Energie immer das geschwellte Gefühl des eigenen Ichs nötig haben. In der Bereitschaft, über uns selbst klar zu sehen, liegt eine gewisse Entsagung. Die Art dieser Entsagung jedoch, mag sie auf den ersten Anhieb auch schmerzvoll sein, gewährt letzten Endes einen Schutz (und zwar den einzig möglichen Schutz) gegen die Enttäuschungen und Ernüchterungen, die auf Schritt und Tritt bevorstehen, wenn man sich selbst betrügt. Nichts ist so anstrengend und auf die Dauer so nervenaufreibend wie unablässiges krampfhaftes Mühen, an etwas zu glauben, was täglich unglaubhafter wird. Diesem Selbstbetrug den Boden zu entziehen, ist eine unbedingte Vorbedingung sicheren und dauernden Glücks.“

 

Freude über Angenehmes

 

„Immer in Vergleichen zu denken, ist eine schlimme Angewohnheit. Wenn etwas Angenehmes vorfällt, sollte man darüber froh sein, ohne nachzusinnen, ob nicht einem andern vielleicht etwas noch Angenehmeres passiert. „Ja“, sagt der Neidische, „es ist ein schöner sonniger Frühlingstag, die Vögel singen und die Blumen stehen in Blüte, aber in Sizilien muß es um diese Zeit noch viel schöner sein, die Vögel in den Wäldern des Helikon sollen noch lieblicher singen, die Rose von Saron voller blühen als irgendeine aus meinem Garten.“ Und während er so denkt, verschleiert sich die Sonne, die Lieder der Vögel werden zum sinnlosen Gezwitscher und die Blumen scheinen keines Blicks mehr würdig. Mit den andern Lebensfreuden geht es ebenso. „Ja“, wird er sagen, „meine Liebste ist reizend, ich liebe sie und sie liebt mich, aber wieviel entzückender muß die Königin von Saba gewesen sein! Ach, wäre ich doch an Salomos Stelle gewesen!“ Alle derartigen Vergleiche sind sinnlos und töricht. Ob nun die Königin von Saba oder unser Nachbar von nebenan an der Unzufriedenheit schuld ist - eins ist so unnütz wie das andere.“

 

Dinge für sich sehen (und nicht im Verhältnis)

 

„Für den Vernünftigen verliert das, was er hat, nicht an Wert, weil jemand anders etwas anderes hat. Der Neid ist nur eine Form jenes teils geistigen, teils moralischen Lasters, das darin besteht, die Dinge nie an und für sich zu sehen, sondern nur in ihren Beziehungen. Ich verdiene, um ein Beispiel zu wählen, genug für meine Bedürfnisse. Ich sollte damit zufrieden sein, aber nun höre ich, daß ein anderer, den ich keineswegs höher einschätze als mich selber, ein doppelt so großes Gehalt hat. Sofort wird, wenn ich von neidischer Gemütsart bin, die Genugtuung, die ich aus meiner Lage ziehen könnte, schwinden, weil das Gefühl einer Ungerechtigkeit in mir zu nagen beginnt.

Für dies alles ist das gegebene Heilmittel geistige Disziplin, d. h. die Gewohnheit, keinen unfruchtbaren Gedanken nachzugehen. Und was wäre schließlich auch beneidenswerter als Glücklichsein? Wenn ich mich von Neid befreien und dadurch glücklich werden kann, bin ich selber beneidenswert geworden. Der, dem ich mißgönnte, daß er doppelt soviel verdient wie ich, kennt sicher seinerseits wieder jemand, der um ebensoviel besser gestellt ist als er, und leidet unter dem Gedanken, und so geht es weiter. Wer Ruhm begehrt, der beneidet vielleicht Napoleon. Doch Napoleon selbst beneidete Cäsar, Cäsar beneidete Alexander und Alexander beneidete vermutlich den Herkules, der nie gelebt hat. Durch Erfolg allein kann man also den Neid nicht loswerden, weil in Geschichte oder Sage immer jemand zu finden sein wird, der es noch weiter gebracht hat. Nur dadurch läßt sich der Neid abschütteln, daß man genießt, was sich bietet, die Arbeit tut, die man zu tun hat, und sich nicht mit Menschen vergleicht, die, wie man oft ganz fälschlich meint, besser daran sind als man selbst.“

 

Freundliches Interesse an Dingen

 

„Ich sprach kurz zuvor auch von dem, was ich ein freundliches Interesse an Dingen nenne. Dieser Ausdruck mag vielleicht erzwungen klingen; man kenn mir entgegenhalten, es sei unmöglich, Dingen gegenüber freundliche Empfindungen zu haben. Und doch liegt etwas dergleichen in der Art von Interesse, das etwa ein Geologe seinem Felsgestein entgegenbringt oder ein Archäologe den Ruinen, die er untersucht, und dieses Interesse sollte bei unserer Haltung dem einzelnen und der Gesamtheit gegenüber mitklingen. Man kann freilich auch ein Interesse an Dingen haben, das mehr auf feindseliger als auf freundlicher Einstellung beruht. So wäre es denkbar, daß ein Mensch sich genau über die Aufenthaltsgebiete der Spinnen unterrichtet, weil er diese Tiere haßt und an einem Ort zu leben wünscht, wo es möglichst wenige gibt. Solch eine Art von Interesse würde nicht dieselbe Befriedigung gewähren, wie sie der Geologe seinem Felsgestein abgewinnt. Ein richtig gelenktes Interesse an unpersönlichen Dingen aber ist sehr wichtig für uns, wenn ihm auch als Element des Alltagsglückes nicht ganz die Bedeutung zukommt wie einer freundlichen Einstellung zu unseren Mitmenschen. Die Welt ist weit, und unsere Kräfte sind beschränkt. Wenn sich unser ganzes Glück auf unsere persönlichen Verhältnisse konzentriert, ist es schwer, dem Leben nicht mehr abzuverlangen, als es geben kann. Und zuviel zu verlangen ist das sicherste Mittel, noch weniger zu bekommen, als möglich wäre. Wer seine persönlichen Kümmernisse über irgendeinem echten Interesse an der Außenwelt vergessen kann, sei es die Geschichte des Konzils von Trient oder der nächtliche Sternenhimmel, der wird, von seiner Abschweifung ins Unpersönliche zurückgekehrt, durch ein neues Gleichgewicht und eine neue Gelassenheit auf die denkbar, beste Weise gegen seine Sorgen angehen können. Und zu alledem hat ihm diese Abkehr von sich selbst ein echtes, wenn auch nur zeitweiliges Glück geschenkt.

Hierin liegt das Geheimnis des Glücks: daß der Mensch seine Interessen so umfassend wie möglich gestaltet, seine Reaktionen auf Dinge und Menschen aber nicht in feindliche, sondern in freundliche Bahnen lenkt.“

„Auch das ganz besonders von Glück begünstigte Leben hat Zeiten, in denen manches verkehrt geht. Nur wenige verheiratete Männer haben nie Streit mit ihren Frauen gehabt, wenige Eltern nicht schwere Ängste bei Krankheiten ihrer Kinder durchgemacht; wenige Geschäftsleute haben nie den Mißerfolg in ihren Unternehmungen, wenige Angehörige der freien Berufe nie ein zeitweiliges Aussetzen ihrer geistigen Spannkraft kennengelernt. In solchen Zeiten ist die Fähigkeit, sein Interesse einer außerhalb der Sorgenquelle liegenden Sache zuzuwenden, eine unermeßliche Wohltat. Dann mag, wenn sich trotz aller Befürchtungen im Augenblick nichts tun läßt, der eine Schach spielen, der andere Detektivromane lesen, ein Dritter seine Liebhaberei für Astronomie neu entdecken, noch ein anderer sich durch Berichte über die Ausgrabungen von Ur in Chaldäa ablenken lassen. Ein jeder von diesen vieren handelt damit weise, während ein Mensch, der nichts versucht, um sich zu zerstreuen, und seine Sorgen die Oberhand gewinnen läßt, unklug handelt und sich damit eines Teils seiner Fähigkeit beraubt, tatkräftig einzugreifen, wenn der richtige Augenblick gekommen ist. Ganz ähnliche Erwägungen treffen auf schweren Kummer wie Verlust eines geliebten Menschen zu. Niemand geschieht etwas Gutes, wenn man sich in einem solchen Fall ganz in sein Leid vergräbt. Kummer ist etwas Unvermeidliches, worauf man immer gefaßt sein muß, allein alles, was zu tun ist, sollte getan werden, um ihm die größte Schärfe zu nehmen. Es ist bloße Sentimentalität, es zu machen wie so viele, die sich geradezu bemühen, dem Unglück auch den letzten Tropfen Bitternis abzupressen. Ich will keineswegs leugnen, daß der Kummer einen Menschen brechen kann, darum sage ich aber doch, daß ein jeder sein Bestes tun sollte, diesem Geschick zu entgehen; und nach jeder, auch der banalsten Ablenkung greifen sollte, sofern sie nichts Schädliches oder Erniedrigendes hat. Zu den schädlichen und erniedrigenden Mitteln rechne ich z. B. Alkohol und Rauschgifte, deren Zweck es ist, die Denkfähigkeit wenigstens vorübergehend aufzuheben. Richtig handelt man nicht, indem man das Denken ausschaltet, sondern indem man es in neue Bahnen lenkt oder doch wenigstens in Bahnen, die von dem hereingebrochenen Unglück weit hinwegführen. Das zu tun ist schwer, wenn das Leben bis dahin auf ganz wenige Interessen eingerichtet war, die nun völlig vom Leid überflutet worden sind. Um imstande zu sein, Mißgeschick, wenn es hereinbricht, in der richtigen Weise hinzunehmen, ist es ratsam, sich in glücklicheren Zeiten einen umfassenden Interessenkreis zu schaffen, innerhalb dessen der Geist eine Zuflucht bereitet findet, wo andere Gedankenwege und andere Gemütsregungen seiner warten als die, durch die ihm die Gegenwart verleidet wird.

Menschen von hinreichender Lebenskraft und Daseinsfreudigkeit werden über alle Schicksalsschläge dadurch hinwegkommen, daß immer wieder ein Interesse an Leben und Welt bei ihnen durchbricht, stark genug, jedem einzelnen Verlust seinen tödlichen Stachel zu nehmen. Sich von einem oder auch mehreren Verlusten zu Boden schlagen zu lassen, ist nicht das Zeichen tiefer Empfindungsfähigkeit, die bewundert werden müßte, sondern ein beklagenswertes Versagen der Lebenskraft. Alle unsere Herzensgefühle sind dem Tode anheimgestellt, der die geliebten Menschen in jedem Augenblick treffen kann. Darum müssen wir tun, was wir vermögen, um unserm Leben jene enge Heftigkeit und Einseitigkeit zu nehmen, die Sinn und Bedeutung unseres Daseins dem Spiel des Zufalls preisgibt.

Aus all diesen Gründen wird der Mensch, der sein Wohlergehen klug im Auge behält, sich als Ergänzung zu den großen Hauptinteressen, auf denen sein Leben aufgebaut ist, eine Reihe befriedigender Nebeninteressen zu schaffen trachten.“

 

Arbeit mit dem Unterbewusstsein

 

„Die Psychologen der neuesten Zeit haben sich zwar eingehend mit der Einwirkung des Unterbewußtseins auf das Bewußtsein beschäftigt, viel weniger aber mit der des Bewußtseins auf das Unterbewußtsein. Und doch ist diese von ungeheurer Bedeutung bei der geistigen Hygiene und muß richtig erfaßt werden, sollen im Reiche des Unterbewußten jemals vernünftige Überzeugungen wirksam werden. Ganz besonders trifft das auf die Selbstquälerei zu. Es ist nicht weiter schwer, sich vorzureden, irgendein Unglück würde nicht allzu fürchterlich sein, falls es einträte; solange dieser Satz lediglich vom Bewußtsein ergriffen wird, wird er sich niemals während schlafloser Nächte bewähren oder das Auftreten von Angstträumen verhindern. Meine persönliche Überzeugung geht dahin, daß es möglich ist, dem Unterbewußtsein bewußt Gedanken aufzupfropfen, wenn man es sich angelegen genug sein läßt. Die meisten unbewußten Gedanken sind nämlich nichts anderes als frühere stark gefühlsbetonte bewußte Gedanken, die inzwischen versunken sind. Diesen Vorgang des Versenkens kann man auch mit voller Absicht herbeiführen und auf solche Weise dem Unterbewußtsein eine höchst nützliche Rolle zuteilen. So habe ich z. B. herausgefunden, daß die beste Methode, wenn ich über ein besonders schwieriges Thema zu schreiben habe, darin besteht, daß ich zunächst ein paar Stunden oder auch Tage lang intensiv - so intensiv ich überhaupt kann - darüber nachdenke und nach Ablauf dieser Zeit sozusagen dem Unterbewußtsein den Befehl . gebe, die Arbeit im stillen fortzusetzen. Nach einigen Monaten kehre ich bewußt zu meinem Gegenstand zurück und kann dann feststellen, daß die Arbeit geleistet ist. Bevor ich diese Technik heraus hatte, quälte ich mich in der Zwischenzeit unsinnig ab, weil ich nicht vorankam; doch durch Grübeln rückte ich der Lösung um nichts näher, und die dazwischenliegenden Monate waren vergeudet, während ich sie jetzt anderen Aufgaben widmen kann.“

 

Seelengröße

 

„Ein Mensch, der einmal in seinem Leben, wenn auch noch so vorübergehend und kurz, erfaßt hat, worin Seelengröße besteht, kann kein Glück mehr finden, wenn er kleinlich, selbstisch, von bedeutungslosen Ärgernissen gequält dahinlebt, in steter Angst vor dem, was das Geschick ihm noch zugedacht haben mag. Ein Mensch, der seelischer Größe fähig ist, wird die Fenster seines Geistes weit öffnen, um den Winden aus allen Teilen des Alls freien Zutritt zu gewähren. Er wird sich und Leben und Welt so richtig erkennen, wie unsere menschliche Beschränktheit es zuläßt; wird sich nicht über die kurze Dauer und Winzigkeit des menschlichen Lebens täuschen und dadurch zugleich erkennen, daß im Geiste des einzelnen sich zusammendrängt, was das erforschte Weltall an Werten für uns umschließt. Und er wird sehen, daß derjenige, in dessen Geiste sich die Welt spiegelt, in einem Sinne so groß wird wie die Welt selbst. Frei von den Ängsten, die den Sklaven der Verhältnisse befallen, wird er echte Freude kennen und durch alle Wechselfälle seines äußeren Lebens hindurch in den Tiefen seines Wesens von Glück erfüllt bleiben.“

 

Bürger des Alls

 

„Der glückliche Mensch ist derjenige, der die Einheit seines Ichs zu wahren weiß, dessen Persönlichkeit weder in sich selbst gespalten, noch gegen die ganze Außenwelt feindlich gesinnt ist. Ein solcher Mensch fühlt sich als ein Bürger des Alls, der ohne Hemmung das Schauspiel, das es bietet, und die Freuden, die es schenkt, genießen kann ...“

 

 

Die Bürger des Erdreichs würde es freuen, wenn sie durch die Vermittlung der Lektüre von Bertrand Russell dem ein oder anderen Menschen geholfen haben.

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/424-bertrand-russell-denken.html

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/425-bertrand-russel-handeln.html

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm