„Russell strebte nicht nur danach, die Welt zu interpretieren, sondern auch danach, sie zu verändern. Ich denke, daß er Marx' Ermahnung zugestimmt hätte, demzufolge „die eigentliche Aufgabe“ darin besteht, die Welt zu verändern.“

Noam Chomsky, 1971

Der letzte Beitrag des Wurms anlässlich des 50. Todestages von Bertrand Russell endete mit „Denken und seine Gedanken seinen Mitmenschen mitzuteilen, ist wichtig. Nicht weniger wichtig ist das Handeln. Die Freunde Bertrand Russells dürfen sich auf den 2. Teil freuen. Denn dort geht es um sein Handeln.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/424-bertrand-russell-denken.html

Hier geht es um die Konsequenzen des Denkens, um Bertrand Russells Bemühen, Einfluss auf die Menschheit zu nehmen. Um es vorwegzunehmen: zumindest trug er mit dazu bei, das Eine oder Andere positiv zu gestalten.

 

Politisches und gesellschaftliches Engagement

 

Aus „Wikipedia“: „Schon in frühen Jahren befasste sich Russell mit gesellschaftlichen Themen. So schrieb er sein erstes Buch nicht etwa über ein mathematisches Thema, sondern über die zu der Zeit revolutionäre deutsche Sozialdemokratie (1896) nach einer Berlin-Reise, auf der er unter anderem mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht zusammengetroffen war. Im Verlauf seines Lebens veröffentlichte er noch viele gesellschaftskritische und philosophische Studien; schließlich wurde ihm „als eine Anerkennung für seine vielseitige und bedeutungsvolle Verfasserschaft, worin er als Vorkämpfer der Humanität und Gedankenfreiheit hervortritt“, 1950 der Nobelpreis für Literatur verliehen.

Russell beließ es nicht bei der Theorie. Er setzte sich im frühen 20. Jahrhundert für das Frauenwahlrecht und für soziale Gerechtigkeit ein. In Proposed Roads to Freedom: Socialism, Anarchism and Syndicalism (1919) sprach er sich für eine moderate Form des Syndikalismus, den englischen Gildensozialismus, aus.

Als Pazifist und Friedensaktivist war Russell seit dem Ersten Weltkrieg bekannt. Ein Pazifist, der Gewalt kategorisch ablehnte, war Russell, der jeder Ideologie gegenüber kritisch eingestellt war, jedoch nicht. Er engagierte sich aber in pazifistischen Organisationen, schrieb einen offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson und setzte sich später für eine Organisation zur Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern ein. Wegen eines Artikels für eine Zeitschrift dieser Organisation verbüßte er eine Haftstrafe von sechs Monaten. Seine Anstellung am Trinity College hatte er aufgrund seiner politischen Aktivität schon vorher verloren.

Nach dem Ersten Weltkrieg kandidierte er bei Wahlen 1922 und 1923 für die Labour Party, blieb aber erfolglos. Seine gesellschaftliche Aktivität konzentrierte sich bald auf die 1927 mit seiner damaligen Frau Dora Russell gegründete libertären Internatsschule Beacon Hill School, ein Projekt, das der Unzufriedenheit der Russells mit allen damaligen Schulmodellen entsprang. Bertrand Russell sah das in der Öffentlichkeit viel beachtete Experiment der neuen Schule, die nach der Trennung von seiner Frau alleine weitergeführt wurde, im Rückblick kritisch und konstatierte, dass die Freiheit der Kinder in der Schule geringer war, als es vorgegeben wurde.

Bertrand Russell hatte sich 1935 in Which Way to Peace (ein Buch, dessen Wiederauflage er bis an sein Lebensende untersagte) noch für eine Appeasement-Politik gegenüber Nazideutschland ausgesprochen. Von dieser Position rückte er 1940 ab, weil er einsah, dass Adolf Hitler besiegt werden musste („Ich stelle fest, dass ich in diesem Krieg meine pazifistische Einstellung nicht beibehalten kann“).

Er gehörte mit Victor Gollancz, George Bell und anderen zu den Unterzeichnern eines am 12. September 1945 in mehreren Londoner Tageszeitungen erschienenen Aufrufs gegen die Vertreibung von Deutschen aus Ostmitteleuropa.

Ein wichtiges Ereignis für Russell, das sein weiteres Leben bestimmen sollte, war der Abwurf der ersten Atombombe 1945. Russell sah die gesamte Menschheit bedroht, wenn die kommunistische Sowjetunion ebenfalls über die entsprechende Technologie verfügen würde. Er sagte voraus, dass die Atombomben billiger werden und dass es in nicht allzu ferner Zukunft eine Wasserstoffbombe geben würde. Seiner Meinung nach (und nach der einer Reihe weiterer westlicher Intellektueller jener Zeit) war es notwendig, eine Weltregierung unter Führung der USA zu bilden.

In mehreren Artikeln – unter anderem in der Abhandlung Humanity’s Last Chance, die im Oktober 1945 von der Zeitschrift Cavalcade veröffentlicht wurde – schlug er vor, mit Hilfe der Atombombe einen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion innerhalb der nächsten zwei Jahre zu führen, um diese zu zwingen, eine Weltregierung unter US-amerikanischer Führung zu akzeptieren. Als 1949 die ersten sowjetischen Atombombentests erfolgten, modifizierte Russell seine Einstellung. Nun sah Russell die einzige Chance zum Überleben der Menschheit darin, einen Dritten Weltkrieg zu verhindern, und widmete diesem Ziel einen Großteil seiner Zeit.

1955 verfasste Russell mit Albert Einstein und anderen namhaften Wissenschaftlern das Russell-Einstein-Manifest, in dem an die Verantwortung von Wissenschaft und Forschung appelliert wurde. Hierauf basierten 1957 die Pugwash Conferences on Science and World Affairs, wo renommierte Wissenschaftler Fragen der atomaren Bedrohung und Vorschläge zur globalen Sicherheit debattieren.

Als Präsident der 1958 gegründeten Campaign for Nuclear Disarmament engagierte er sich in vielen Interviews, Schriften und Vorträgen für den Frieden. Er versuchte in Briefwechseln, die Präsidenten Dwight D. Eisenhower und Nikita Sergejewitsch Chruschtschow zur Kooperation und zur Abrüstung zu bewegen.

1962 griff Russell durch Telegramme an John F. Kennedy, Chruschtschow, den UN-Generalsekretär Sithu U Thant und den britischen Premier Harold Macmillan in die Kubakrise ein, als die Welt am Rand eines Atomkrieges stand. Chruschtschow schrieb Russell eine lange Antwort, die von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS veröffentlicht wurde und eigentlich an Kennedy und die westliche Welt gerichtet war. Chruschtschow lenkte schließlich ein, wodurch ein Atomkrieg abgewendet wurde.

1962 forderte Russell in einem Telegramm an Chruschtschow, das auch von François Mauriac und Martin Buber unterzeichnet wurde, die Wiederherstellung sämtlicher Bürgerrechte für sowjetische Juden. Russells privater Briefwechsel mit Chruschtschow zu diesem Thema wurde im Februar 1963 in der britischen und der sowjetischen Presse sowie von Radio Moskau veröffentlicht.

Überdies gründete Russell 1963 die Bertrand Russell Peace Foundation, die auch nach seinem Tod den Einsatz für Frieden und Menschenrechte gewährleisten sollte. Er gehörte zur Opposition gegen den Vietnamkrieg und untersuchte noch im hohen Alter im Rahmen der Russell-Tribunale seit 1966 unter anderem mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Günther Anders und Peter Weiss Kriegsverbrechen der USA in Vietnam.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Bertrand_Russell

„1939 verließ Russell Los Angeles, um am City College of New York eine Stelle als Dozent anzunehmen. Obwohl er in New York bereits zum Professor ernannt worden war, wurde die New Yorker Universität 1940 dazu gezwungen, ihre Ernennung zurückzuziehen. Grund hierfür waren Proteste fundamentalistischer Christen und Politiker, die der Ansicht waren, Russell spreche sich in seinen Schriften gegen Religion und somit für Unmoral aus und sei deshalb ungeeignet für die Aufgabe, Logik und Grundlagen der Mathematik zu lehren. Besonders kritisierten diese Kreise Russells Buch Ehe und Moral.

Studenten, Mitglieder der Fakultät und mehrere Intellektuelle (darunter John Dewey und Albert Einstein) protestierten vergeblich gegen diese Einmischung in die Freiheit der Lehre. Es kam zu einem Prozess gegen die Universität, den die Mutter einer Studentin angestrengt hatte. Das umstrittene Urteil untersagte der Universität eine Berufung Russells, weil dieser die Moral der Studenten gefährde, Ehebruch und das „Verbrechen der Homosexualität“ befürworte.

Dies brachte Bertrand Russell, der – wie er in seiner Autobiografie schrieb – zeitweise den Eindruck hatte, nicht mehr öffentlich auftreten zu können, ohne einen „katholischen Lynchmob“ hervorzurufen, in eine finanziell schwierige Situation, da er für die Ausbildung seiner Kinder aufkommen musste.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Bertrand_Russell

 

Mensch und Zivilisation

 

Macht und Persönlichkeit: Gemeinschaft und Individualität

 

„Die rein biologische Höher-Entwicklung hat sich, soweit das aus den Knochenfunden hervorgeht, schon vor sehr langer Zeit vollendet. Daraus folgt, daß das geistige Rüstzeug, welches wir bei der Geburt mitbekommen, im Gegensatz zu dem, was wir dazulernen, bei uns nicht sehr viel von dem des Menschen der älteren Steinzeit verschieden ist. Anscheinend wohnen uns noch die gleichen Instinkte inne, die den Menschen, bevor sein Handeln bewußte Formen annahm, dazu bestimmten, in kleinen Gruppen zu leben - wobei Kameradschaft innerhalb des Stammesgefüges und Feindseligkeit nach außen hin sich schroff gegenüberstanden. Die Umwälzungen, die sich seither ereignet haben, bezogen ihre Stoßkraft zu einem Teil von jenen primitiven Instinkten und zum andern aus einem, oft wohl kaum im Bewußtsein verankerten Empfinden für den Gemeinnutzen. Einer der Anlässe für Belastung und Spannung im menschlichen Gemeinschaftsleben ist die Möglichkeit, bis zu einem gewissen Grade Vernunftgründe für Handlungen zu finden, die nicht vom Instinkt eingegeben wurden; wenn jedoch ein solches Verhalten dem Instinkt zu sehr Gewalt antut, rächt sich die Natur, indem sie den Menschen entweder teilnahmslos oder zerstörungswütig werden läßt. Beide Wirkungen können den Zusammenbruch einer Ordnung, die auf der Vernunft beruht, zur Folge haben …

In der Praxis jedoch hatten jene, die diesen Glauben theoretisch besitzen, schon immer die Ansicht, die anderen, die ihn nicht teilen, seien keineswegs Kinder Gottes, sondern im Gegenteil Kinder des Teufels - und schon beginnt der altbewährte Mechanismus des Hasses gegen den Stammesfremden wieder zu funktionieren. Er gibt dem Glauben neue Stoßkraft, aber in einer Richtung, die ihn von seinem ursprünglichen Ziel abführt. Die Religion, die Moral, unser ureigenstes wirtschaftliches Interesse, ja, einfach der reine Selbsterhaltungstrieb liefern dem Verstand unwiderlegbare Argumente, die für ein weltumspannendes Zusammenwirken aller sprechen. Die alten Instinkte aber, die wir von unseren in der Stammesgemeinschaft lebenden Vorfahren ererbt haben, begehren auf: Das Leben würde ja seinen Reiz verlieren, wenn niemand mehr da wäre, den man hassen kann.

Ein Mensch, der behauptet, einen solchen Gegner wie Herrn XY zu lieben, wäre ja ein armseliger Wurm. Kampf ist das Gesetz des Lebens. In einer Welt, wo alle einander lieben, hat das Leben aufgehört, lebenswert zu sein.

Wenn die Menschheit jemals zu wirklicher Einigkeit gelangen soll, müssen Mittel und Wege gefunden werden, um die primitive Kampfeslust, die - uns selbst großenteils unbewußt - noch in uns steckt, zu überlisten: Einerseits durch Errichtung eines tatsächlichen Rechtszustandes, andererseits durch Schaffung harmloser Ausgleichsmöglichkeiten für unsere kämpferischen Instinkte.

Das ist ein schwieriges Problem und kann vom Ethischen her allein nicht gelöst werden. Die Psychoanalyse hat uns, wenngleich sie nicht frei von Übertreibungen und vielleicht sogar Abgeschmacktheiten ist, doch viel Wahres und Wertvolles gelehrt. Ein altes Sprichwort lautet: „Man kann den alten Adam mit der Heugabel austreiben, er kommt doch wieder zurück." Und die Psychoanalyse hat den Kommentar zu diesem Text geliefert. Wir wissen heute, daß eine Lebensführung, die den Instinkten zu sehr Gewalt antut, leicht Überspannungen zur Folge hat, die sich ebenso schlimm auswirken können wie ein Nachgeben verbotenen Trieben gegenüber. Menschen, die in ihrem Leben den natürlichen Gegebenheiten nicht Rechnung tragen, neigen, wenn ein gewisses Maß überschritten ist, leicht zu Neid, Bösartigkeit und Lieblosigkeit. Sie können einen Zug zur Grausamkeit entwickeln, oder andererseits so völlig alle Lebensfreude verlieren, daß sie keiner Anstrengung mehr fähig sind. Das letztere hat man bei wilden Eingeborenenstämmen beobachtet, die plötzlich mit der modernen Zivilisation in Berührung kamen. Anthropologen haben von ihren Forschungsreisen berichtet, wie die Papua-Kopfjäger, von den weißen Machthabern an der Ausübung ihres Lieblingssports gehindert, alle Lust am Leben verlieren und gänzlich teilnahmslos werden …

Mein drittes Beispiel beziehe ich von den Krähen-Indianern Amerikas, die Dr. R. Lowrie viele Jahre hindurch genau beobachtet hat. Heute leben sie im sicheren Schutze einer Reservation. ,Wenn man einen Krähen-Indianer fragt', so berichtet Dr. Lowrie, ‚was ihm lieber wäre, die Sicherheit, die er heute genießt oder die früheren Zeiten mit all ihren Gefahren, so wird er antworten: Die alten Zeiten mit ihren Gefahren. Sie hatten ihren Glanz.' - Ich nehme an, daß die ungeordneten und wilden Lebensbedingungen, die ich im Vorstehenden beschrieben habe, jenen gleichen, unter denen die Menschheit in der Frühzeit ihrer Entwicklung lebte. Unter solchen Lebensbedingungen und Bräuchen - die Blutrache gehörte dazu -, bildeten sich Natur und Charakter des Menschen heraus."

Solche Züge der menschlichen Psyche erklären verschiedene überraschende (mir wenigstens erschienen sie so) Phänomene, deren ich im Jahre 1914 zum ersten Male gewahr wurde. Viele Menschen sind im Krieg glücklicher als im Frieden, vorausgesetzt, daß die unmittelbaren leidvollen Folgen der Kampfhandlungen sie persönlich nicht allzu schwer treffen. Ein ruhiges Leben ist eben oft ein langweiliges Leben. Das abenteuerliche Dasein eines korrekten Bürgers, der sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt in untergeordneter Stellung verdient, läßt alle jene Anlagen seines natürlichen Erbes ungenutzt, die er vor vierhunderttausend Jahren auf der Nahrungssuche, beim Köpfen erlegter Feinde und auf der Flucht vor dem wilden Tiger überreichlich hätte ausleben können. Wenn heute ein Krieg ausbricht, kann es dem Bankbeamten gelingen, dem Alltag zu entfliehen und Offizier zu werden; dann spürt er endlich: ‚Jetzt lebe ich, wie die Natur es will‘ …

Jeder kraftvolle Mensch sehnt sich nach etwas, was man mit Glanz bezeichnen kann. Einigen wenigen wird dieser Wunsch erfüllt - den Filmstars, berühmten Sportlern, Armeeführern, und sogar einigen Politikern. Aber sie bilden eine kleine Minderheit, und den übrigen bleibt nichts als Träume - Wunschträume - im Kino, beim Lesen von Wildwestgeschichten, persönliche Machtträume. Ich gehöre nicht zu denen, die das Bauen von Luftschlössern für etwas Ungutes halten; sie sind ein unentbehrlicher Teil unserer Vorstellungswelt. Wenn man jedoch ein ganzes Leben hindurch keinerlei Möglichkeit erhält, sie in die Wirklichkeit umzusetzen, bekommen sie einem schlecht und können sogar den Keim des Wahnsinns in sich bergen. Vielleicht gelingt es selbst in unserer mechanisierten Welt doch noch, einen wirklichen Ausweg für die natürlichen Triebe zu finden, die jetzt auf das Reich der Phantasie eingeengt sind. Im Interesse der menschlichen Gesellschaft ist das sehr zu hoffen; andernfalls werden destruktive Weltanschauungen immer wieder die besten Errungenschaften der Menschheit hinwegfegen. Um dem vorzubeugen, muß der Wilde in jedem von uns seinen Auslauf erhalten, und zwar in einer Form, die sowohl mit einer zivilisierten Lebensführung wie mit dem Wohlergehen des genau so wilden Mitmenschen vereinbar ist.“

 

Macht und Persönlichkeit: Individualethik und Sozialethik

 

„Ich erwähnte schon im dritten Vortrag, daß die Propheten, Mystiker, Dichter und wissenschaftlichen Entdecker Menschen sind, deren Leben eine Vision beherrscht; sie sind ihrem Wesen nach einsame Menschen. Wenn ein starker Impuls sie vorantreibt, glauben sie, der Autorität nicht gehorchen zu dürfen, falls sie ihrer innersten Überzeugung widerspricht. Wenn man sie deshalb auch zu ihren Lebzeiten verfolgt, wird die Nachwelt doch meist gerade ihnen die höchsten Ehren erweisen: Solch Menschen schenken der Welt alle jene Werte, die wir am höchsten schätzen, nicht nur auf den Gebieten der Religion, der Kunst, der Wissenschaft; sie beeinflussen auch unsere Haltung dem Nächsten gegenüber; denn jede Steigerung unseres Gefühls für soziale Verpflichtung, wie überhaupt jede Besserung auf allen Gebieten, verdanken wir zum großen Teil den einsamen Männern, deren Gedanken und Gefühle sich dem Machtstreben der Herde entzogen …

Freude im täglichen Leben, Zeiten der Sorglosigkeit, Abenteuer und Gelegenheit zur schöpferischen Tat sind zur Gestaltung eines lebenswerten Daseins mindestens ebenso wichtig wie Gerechtigkeit. Eintönigkeit kann mehr zerstören als der Wechsel von großer Freude und tiefem Leid. Die Schöpfer von verwaltungstechnischen Reformen und von Plänen zur Verbesserung der sozialen Lage sind meist nicht mehr ganz junge seriöse Leute. Zu oft vergessen sie, daß zum Glück der meisten Menschen nicht nur Handlungsfreiheit gehört, sondern auch eine gewisse Selbstachtung, ein persönlicher Stolz. Den Stolz großer Eroberer kann sich eine geregelte Welt nicht leisten; der Stolz des Künstlers aber, der Stolz des Entdeckers, der Stolz eines Mannes, der wildes Land in einen Garten gewandelt oder Menschen glücklich gemacht hat, die ohne ihn im Elend leben würden, - dieser Stolz ist gut, und unser Gesellschaftssystem sollte ihn nicht nur für wenige, sondern für recht viele möglich machen.

Die Instinkte, die vor langer Zeit unsere Vorfahren zur Jagd und zum Kampfe trieben, verlangen nach einem Ventil; wenn sie sonst keinen Ausweg finden, können sie als Neid und Mißgunst auftreten. Es gibt aber auch Ausgleichsmöglichkeiten für diese Instinkte, die nicht vom Übel sind. Der Wettbewerb, der Sport können den Kampf ersetzen, der Jagdtrieb lebt sich aus in Abenteuerlust, Entdecker- und Schaffensfreude. Wir dürfen diese Triebe nicht übersehen, und wir brauchen sie nicht zu bedauern; sie sind nicht nur die Quelle alles Bösen, sie treiben den Menschen auch zu seinen höchsten Leistungen. Sobald Sicherheit hergestellt ist, wird es für alle, die Glück und Zufriedenheit für die Menschheit erstreben, die wichtigste Aufgabe sein, für diese alten mächtigen Instinkte weder Fesseln noch eine alles vernichtende hemmungslose Freiheit zu schaffen, sondern möglichst viel Spielraum, so daß sie sich rege betätigen und das menschliche Leben mit Freude, Stolz und Glanz erfüllen können.

Während seiner ganzen Entwicklung war der Mensch zweierlei Unbill unterworfen. Ich meine die Härten der Natur und die Leiden, die sich die Menschen in ihrer Torheit zufügten. Anfangs spielte die Natur den Menschen am schlimmsten mit. Sie waren eine wenig zahlreiche Gattung, ihr Fortbestand schien gefährdet. Ohne die Gelenkigkeit des Affen, ohne sein Pelzkleid fiel es dem Menschen schwer, den wilden Tieren zu entgehen und die Winterkälte in vielen Teilen der Welt auszuhalten. Nur zwei biologische Vorteile waren ihm gegeben: die aufrechte Haltung machte seine Hände frei, und seine Intelligenz setzte ihn in den Stand, Erfahrungen weiterzugeben. Mit der Zeit gewann er dadurch die Vorherrschaft. Die Gattung Mensch übertraf zahlenmäßig bald alle größeren Säugetiere. Aber die Natur konnte ihre Macht noch immer zeigen: durch Überschwemmung, Hungersnot und Pestilenz, und indem sie die große Mehrzahl der Menschheit dazu zwang, ihr Brot unter fortwährenden Mühen und Anstrengungen zu essen.

Heute nimmt unsere Abhängigkeit von den Naturgewalten rasch ab, da die wissenschaftliche Erkenntnis stetig wächst. Hungersnot und Seuchen wüten noch immer, aber wir lernen Jahr für Jahr neue Mittel gegen sie kennen. Hart arbeiten müssen wir noch immer, aber nur, weil wir unklug sind: Frieden und Zusammenarbeit, und wir könnten mit nur wenig schwerer Arbeit auskommen. Mit den Mitteln der Technik können wir, sobald wir uns nur entscheiden, klug zu handeln, viele alte Ketten abstreifen, die uns noch an die Natur fesseln.

Die Leiden, die sich die Menschen gegenseitig zufügen, sind jedoch nicht im gleichen Maße geringer geworden. Kriege, Unterdrückung und furchtbare Grausamkeiten kommen noch immer vor. Habgierige Menschen rauben ihren Reichtum noch immer von jenen, die weniger verschlagen und weniger skrupellos sind als sie. Wille zur Macht führt noch immer zur Errichtung riesiger Tyrannenreiche oder zu den milderen Ausdrucksformen eines skrupellosen Wettbewerbs. Und die Angst, eine tiefe, vielleicht kaum bewußte Angst, ist noch immer der alles beherrschende Faktor im Leben vieler Menschen.

Alles dies ist unnötig, nichts findet sich in der menschlichen Natur, das diese Übel unanwendbar machen könnte. Ich möchte mit dem größten Nachdruck wiederholen, daß ich mit jenen Leuten ganz und gar nicht einer Meinung bin, die aus dem Vorhandensein unserer kämpferischen Instinkte den Schluß ziehen zu müssen glauben, daß die menschliche Natur den Krieg und andere vernichtende Formen des Kampfes bedingt. Im Gegenteil, ich behaupte, daß den kämpferischen Instinkten eine wichtige positive Rolle zukommt und daß ihre schädlichen Ausdrucksformen stark gemildert werden können.

Die Habgier wird unter den Menschen seltener sein, wenn die Angst vor Verarmung und Elend geschwunden ist. Der Wunsch nach Macht kann auf vielerlei Arten befriedigt werden, die andere nicht schädigen: durch Macht über Naturgewalten, welche die Frucht von Entdeckungen und Erfindungen ist, durch Hervorbringen wertvoller Bücher und Kunstwerke und durch die Erfolge der Überredung. Energie und Leistungswille sind Vorzüge, wenn sie das richtige Betätigungsfeld finden. Wenn nicht, stiften sie Schaden, wie der Dampf, der ebenso den Zug antreiben wie den Lokomotivkessel sprengen kann.

Die Befreiung von den Ketten, die uns früher an die Naturgewalten fesselten, hat es ermöglicht, daß wir reicher sein könnten als je zuvor. Soll diese Möglichkeit ausgenützt werden, muß Handlungsfreiheit bestehen, überall wo kein Schaden dadurch angerichtet wird. Erscheinungsformen der Initiative, die das Menschenleben bereichern, müssen gefördert werden. Es wird uns kaum gelingen, eine rechte Welt aufzubauen, wenn wir die Menschheit lehren, zahm und furchtsam zu sein. Wir müssen sie dazu ermutigen, kühn, abenteuerlustig und ohne Furcht zu sein, nur nicht zu böser Tat gegen den Nächsten. In unserer Zeit sind die Gelegenheiten, Gutes zu tun, fast ohne Grenzen, und die Gelegenheiten, Böses zu tun, sind es nicht minder. An unserer gegenwärtigen schlimmen Lage ist vor allem die Tatsache schuld, daß wir die Naturgewalten in fast erschreckendem Maße zu beherrschen gelernt haben, über die Gewalten in uns selbst dagegen keine Macht besitzen.“

 

Erziehung

 

Achim v. Borries in der Einleitung zum Sammelband Freiheit ohne Furcht – Erziehung für eine neue Gesellschaft aus dem Jahr 1975:

„Der Erste Weltkrieg bedeutete eine Zäsur im Selbstverständnis Bertrand Russells. Erst kurz zuvor hatten ihn die drei zwischen 1910 und 1913 erschienenen Bände der Principia Mathematica (von Russell und Whitehead) als einen der bedeutendsten Philosophen des Zeitalters ausgewiesen. Der Krieg aber (bei dessen Ausbruch er zweiundvierzig Jahre alt war) beendete, was Russell selbst später die Abkapslung „in einer Welt der reinen Abstraktionen“ genannt hat: „Ich sah die jungen Männer, die in Truppentransporte verladen wurden, um an der Somme abgeschlachtet zu werden - bloß weil es stupide Generale gab. Ich beobachtete sie mit einem Mitgefühl, das voll von schmerzlichem Entsetzen war und bewirkte, daß ich mich der realen Welt in einer Art Bruderschaft des Elends zugehörig fühlte. All meine hochfliegenden Ideen über die Welt des reinen Denkens erschienen mir angesichts dieser nicht enden wollenden Leiden auf einmal schal und trivial. Gewiß, man konnte sich hin und wieder in die Welt der außermenschlichen Dinge flüchten, aber der Ort, an dem man ein endgültiges Zuhause finden konnte, war sie nicht.“

Russell engagierte sich während des Krieges in der Bewegung der englischen Kriegsdienstgegner. Doch auch als Autor zog er Konsequenzen aus der schockartigen Erfahrung von 1914. Ohne seine philosophische Arbeit aufzugeben, wandte er sich nun auch Grundproblemen der gesellschaftlich-politischen Ordnung zu. Fortan gab es neben dem Philosophen Russell, dessen Werke nur einer kleinen Minderheit zugänglich waren, den sozialphilosophisch-politischen Publizisten Russell, der sich an ein breites Publikum wandte. Dieses Nebeneinander von Philosophie und Publizistik bestimmte Russells intellektuelle Existenz vom Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tode im Jahre 1970.

Der Weltkrieg war für Russell nicht nur das blutige Resultat nationalpolitischer Rivalitäten: Er sah in dieser europäischen Katastrophe die Konsequenz und zugleich die historische Bankrotterklärung des kapitalistischen Systems. Bis 1914 ein Reformliberaler, wurde Russell unter dem Eindruck des Krieges zum engagierten Sozialisten - zum „Systemveränderer“. Er kam zu der Überzeugung, daß eine friedliche und glückliche Zukunft der Menschheit ein neues, vom Produktionsfetischismus und vom Konkurrenzprinzip freies ökonomisches System voraussetzte. In den noch während des Krieges erschienenen Büchern Principles of Social Reconstruction, Political Ideals und Roads to Freedom trat Russell für einen freiheitlichen Sozialismus mit weitgehender industrieller Selbstverwaltung ein. Er fand es (1916) „erstaunlich, daß, wo doch Männer und Frauen gekämpft haben, die politische Demokratie zu erreichen, so wenig getan worden ist, um die Demokratie in der Industrie einzuführen“.

In diesen biographischen und sachlichen Zusammenhang gehört auch Russells Hinwendung zum Problemkomplex Erziehung. Russell hatte erkannt, daß eine grundlegende Umstrukturierung des gesellschaftlichen Systems eine Reform der Erziehung einschließen mußte. Der 1916 in Atlantic Monthly erschienene und gleichzeitig in Principles of Social Reconstruction, aufgenommene Aufsatz Education as a Political Institution, ist zwar nicht sein erster publizistischer Beitrag zu Fragen der Erziehung überhaupt, wohl aber der erste, in dem die Erziehung als „Systemproblem“ erörtert wird.

Russell sah eine unmittelbare Mitveranwortung der bisherigen Erziehung für die Katastrophe von 1914. Denn die Schulen standen überall im Dienste des Nationalismus. Und die nationalistische Selbstbeweihräucherung bereitete psychologisch der imperialistischen Machtpolitik den Weg. Gleichzeitig zielte die traditionelle Erziehung auf die Integration des Kindes in das bestehende System ab - sie schuf keine mündigen, kritischen Individuen, sondern verlangte Anpassung an den Status quo. Und schließlich: die Erziehung zwang den Kindern einen starren, glücksfeindlichen Moralkodex auf. Die aus dieser Glücksversagung resultierenden Frustrationen fanden dann ein Ventil in kollektiver Aggressivität und Destruktion.

Doch Russell verwarf nicht allein das - nach seiner Ansicht nur mehr destruktive - kapitalistische System: Er warnte zugleich nachdrücklich vor einem zentralistischen Staatssozialismus. Ein solcher bedeutete eine neue Gefahr für die Freiheit, vor allem für die geistige Freiheit. Und er schloß nicht zuletzt eine bürokratische Reglementierung, wenn nicht gar eine ideologische Gleichschaltung der Erziehung ein. In diesen Befürchtungen sah sich Russell durch die Entwicklung des bolschewistischen Regimes in Rußland alsbald bestätigt.

Sowohl in dem Kapitel Education, seines (unter Mitarbeit seiner zweiten Frau Dora Russell entstandenen) Buches The Prospects of Industrial Civilization (1923) als auch in dem 1925 in Harper's Magazine erschienenen Aufsatz Socialism and Education ging Russell auf das Problem der Freiheit im Sozialismus und seine Bedeutung für die Erziehung ein. Den wichtigsten Vorzug des Sozialismus unter pädagogischem Aspekt sah er in der Chancengleichheit, das heißt in der Unabhängigkeit der Ausbildung der Kinder vom wirtschaftlich-sozialen Status der Eltern. In Socialism and Education heißt es aber auch, der Sozialismus könne die Erziehung nur verbessern, „wenn der Staat sich strikt an die Auffassung hält, daß denen kein Wissen vorenthalten werden darf, die nach ihm verlangen. Kein Dogmatiker - ob Katholik, Protestant oder Bolschewist - kann die unparteiische Verbreitung von Wissen tolerieren. Jeder Dogmatiker weiß im Unterbewußtsein, daß es Tatsachen gibt, die sein Dogma als falsch erweisen; diese Tatsachen wünscht er um jeden Preis zu verschweigen. Wenn er den Staatsapparat erobern kann, wird er ihn dazu benutzen, alles Wissen zu unterdrücken, das für sein Credo nachteilig ist. Jedes Glaubensbekenntnis ist, weil starr, notwendigerweise fortschrittsfeindlich. Darum wird ein sozialistischer Staat, der ein Glaubensbekenntnis hat, Fortschritt unmöglich machen.“

Russells Buch Education and the Social Order (1932) enthielt auch ein Kapital Education under the Communism, in dem Russell sich mit dem Erziehungssystem der Sowjetunion beschäftigt. Sein Urteil über dieses System war ambivalent. Er sprach der neuen Erziehung in Rußland durchaus Wesensmerkmale zu, „aufgrund derer sie bereits heute jeder in kapitalistischen Ländern möglichen Ausbildung vorzuziehen“ sei. Als eines dieser Merkmale bezeichnet er „die nur in abgeschwächter Form auftretende Konkurrenz sowie die Tatsache, daß die individuelle Arbeit durch Gruppenaktivität ersetzt wurde“. Man vermittle dem Kind von Anfang an „das Gefühl, daß es in der Gesellschaft eine feste Einheit darstellt und der Gemeinschaft verpflichtet ist. Und man vermittelt ihnen dieses Gefühl nicht so sehr in Form von Vorschriften, sondern vielmehr dadurch, daß man ihm seine Tätigkeiten anweist. Dieser behavioristische Teil der Moralerziehung in Rußland ist eine bewundernswerte Sache“. Da die Konkurrenz in der Sowjetunion nicht allein aus der Schule, sondern auch aus dem Alltag verbannt sei, sei es möglich gewesen, „in den Menschen einen im Westen unbekannten Geist der Kooperation zu wecken“.

Dies die eine, die positive Seite des bolschewistischen Erziehungssystems, wie es sich Russell zu Beginn der dreißiger Jahre (nicht auf Grund persönlicher Anschauung, sondern aus der Distanz) darstellte. Es gab jedoch auch die andere Seite - eine ideologische Indoktrination und „moralische“ Rigidität, die, unter anderen Vorzeichen, an entsprechende Tendenzen im bürgerlich-kapitalistischen Westen erinnerten: „In bezug auf Religion und Sex scheint der Unterschied zwischen russischen und westlichen Schulen gegenwärtig nur gering zu sein. Die dort gelehrte Religion ist nicht dieselbe, aber man lehrt sie mit demselben Dogmatismus.“ Russell warnte nachdrücklich vor der Einseitigkeit eines exklusiven Marxismus: „Die Welt ist inhaltsreicher und vielfältiger als die Marx'sche Formel. Eine in die Schranken der Philosophie des Kapital verwiesene Generation mag nützlich, glücklich und mächtig sein, aber sie kann nicht weise sein und auch nicht wissen, daß sie es nicht ist; intellektuell ist sie seicht und ihrer Sache zu sicher.“

Der Ausgang des Weltkrieges hatte im Westen zwar zu gewissen politischen Veränderungen, nicht aber zu der von vielen erhofften Liquidation des kapitalistischen Systems geführt. Angesichts der erkennbar gewordenen politisch-psychologischen Schwierigkeiten der notwendigen „Systemveränderung“ befürwortete Russell seit Anfang der zwanziger Jahre eine langfristige Strategie evolutionärer Reformen. Dabei kam es nicht zuletzt darauf an, der Erziehung - und das hieß in erster Linie: den Lehrern - im Rahmen des bestehenden Systems ein Höchstmaß an Freiheit zu sichern. Diese Freiheit wurde im kapitalistischen Westen durch den Staat, die herrschenden Wirtschaftsmächte und die Kirche immer wieder gefährdet. Das galt in besonderem Maße für die USA, wo unabhängige politische, religiöse und moralische Auffassungen einem starken öffentlichen Druck ausgesetzt waren und wo Berufsverbote sowie andere Maßnahmen gegen Lehrer mit „subversiven“ Ansichten dazu dienten, einen systemstabiliserenden Konformismus zu erzwingen. Russell konstatierte denn auch 1928, daß „die Demokratie dem Schulunterricht stets erlaubt, die Interessen der Reichen zu fördern; Schullehrer werden entlassen, weil sie Kommunisten sind, aber niemals, weil sie Konservative sind. Ich sehe keinen Grund zu der Annahme, daß sich dies in naher Zukunft ändern wird.“

In seinem Aufsatz Education as a Political Institution, hatte Bertrand Russell 1916 geschrieben, er selbst habe „weder über Kinder noch über Erziehung Erfahrung, die mich befähigte, die eventuellen Fehler in den Schriften anderer zu verbessern“. Ein Jahrzehnt später sollte er über diese wie über jene Erfahrung verfügen. Das Heranwachsen seiner beiden Kinder John und Kate (aus der Ehe mit Dora Black, 1921 und 1923 geboren) veranlaßte ihn, sich seit Mitte der zwanziger Jahrs intensiv mit praktischen Problemen, aber auch mit theoretischen Aspekten der Kindererziehung zu beschäftigen. Dieses Interesse - das von Dora Russell geteilt wurde - fand seinen Niederschlag zunächst in einer Reihe von Zeitschriftenaufsätzen und dann in dem 1926 erschienenen Buch On Education, especially in Early Childhood, das in England und in den USA beträchtliches Aufsehen erregte.

Die in On Education, skizzierte Charaktererziehung mußte - nach Russells Auffassung - schon früh einsetzen, weil die ersten Lebensjahre für die spätere Persönlichkeitsentwicklung von entscheidender Bedeutung waren. Russell knüpfte hier wie in anderen pädagogischen Fragen sowohl an die Psychoanalyse als auch an den Behaviorismus an; er stand beiden jedoch nicht unkritisch gegenüber. Das wichtigste Erziehungsziel sah er in der Förderung individueller Spontaneität und Kreativität einerseits, kooperativen Verhaltens andererseits. Die Erziehung sollte zu freier individueller Entfaltung, nicht aber zu einem selbstbezogen-rücksichtslosen Individualismus, zu einer sozialkonstruktiven Grundhaltung, nicht aber zum Konformismus führen. Dazu bedurfte es eines Aufwachsens der Kinder in der Gesellschaft von Gleichaltrigen (und zwar von früh an), wie es im Rahmen der traditionellen Familie durchweg unmöglich war.

In dem schon einmal erwähnten Kapitel über die Erziehung unter dem Kommunismus in Education and the Social Order (1932) sagt Russell auch, die progressive Erziehung im Westen neige dazu, „im Kind einen Eigendünkel zu wecken und zuzulassen, daß es sich als kleiner Aristokrat fühlt, dem die Erwachsenen zu dienen haben. Dies führt dazu, daß man einen Anarchisten heranzieht, der die Zwänge des Lebens in der Gesellschaft nicht hinnimmt.“ Diese kritische Bemerkung deutet gewisse Differenzen zwischen Russell und anderen Vorkämpfern einer neuen, freiheitlich-emanzipatorischen Erziehung im ersten Drittel unseres Jahrhunderts an. In der Tat ging Russell in einer Reihe von pädagogischen Fragen seine eigenen Wege. So fanden er und seine Frau auch keine der bereits bestehenden Reformschulen - von den konventionellen Schulen ganz zu schweigen - für die Erziehung ihrer beiden Kinder geeignet. Das war der Ausgangspunkt ihrer eigenen Schulgründung (Beacon Hill) im Jahre 1927.

Russell hegte Bewunderung für die reformpädagogischen Bemühungen eines A. S. Neill. Vor der Eröffnung seiner eigenen Schule hielt er sich eine Woche lang in Summerhill auf. Er konnte sich jedoch nicht bereitfinden, das Neill'sche Erziehungskonzept als direktes Vorbild für Beacon Hill zu betrachten. In zwei Punkten vor allem wich der Pädagoge Russell ausdrücklich von Neill ab. Einmal hielt er es nicht für sinnvoll, den Kindern ein solches Maß an Freiheit zu gewähren wie Neill in Summerhill. Die Förderung des Kindes verlangte sowohl Freiheit als auch Autorität und Disziplin: Diese Auffassung hatte Russell schon 1916 vertreten, und er sah sich in ihr durch alle späteren praktischen Erfahrungen nur bestärkt. Zum anderen warf er Neill und anderen Reformpädagogen vor, sie vernachlässigten die intellektuelle Seite der Erziehung. Ein wissenschaftlich-rationales Weltverständnis und ein kritisches Urteilsvermögen, durch das die Kinder befähigt wurden, sich in der komplexen modernen Gesellschaft zurechtzufinden, erschienen Russell besonders wichtig. Erziehung mußte sich nicht zuletzt als Education for a difficult world (so der Titel eines Aufsatzes von Russell aus dem Jahre 1962) verstehen.

Im September 1927 eröffneten Bertrand und Dora Russell ihre Reformschule Beacon Hill in der Nähe von Petersfield (Zwischen London und Portsmouth). Nach ihrer Scheidung (1935) wurde die Schule von Dora Russell allein weitergeführt. Sie bestand - allerdings mit zweimaligem Ortswechsel - bis 1943. Russell äußerte sich öffentlich zuerst 1931 in einer Reihe von Zeitschriftenartikeln über seine pädagogischen Erfahrungen. In einem englischen Handbuch über moderne Erziehung erschien 1934 der auch in diesem Band wiedergegebene Bericht von Dora Russell über die Beacon Hill School.

Die praktischen Probleme, denen sich Russell in Beacon Hill konfrontiert sah, waren vor allem organisatorischer und in allererster Linie finanzieller Art. Die Notwendigkeit, die Schule aus eigenen Mitteln zu unterhalten, zwang ihn zu einer verstärkten publizistischen Tätigkeit. So lag die pädagogische Leitung primär in den Händen seiner Frau. Anfang der dreißiger Jahre wurde die Schule von 25 – 30 Kindern besucht. Unvorhergesehene pädagogische Schwierigkeiten ergaben sich aus der Tatsache, daß unter diesen Kindern ein unerwartet großer Prozentsatz von „Problemkindern“ war. Die in Beacon Hill angewandten Erziehungsmethoden erwiesen sich offenbar (nach Russells eigener Aussage in seiner Autobiographie) als wenig geeignet für diese Kinder.

Unter Hinweis auf die zahlreichen praktischen Komplikationen in Beacon Hill hat Russell sein Schulexperiment später als Mißerfolg bezeichnet: „Eine Schule ist ein Verwaltungsunternehmen und ich stellte fest, daß mir selbst die Fähigkeiten eines Administrators abgingen. Darum war die Schule ein Fehlschlag.“ Dagegen meint Professor Joe Park in seiner 1964 erschienenen Studie über den Pädagogen Russell: „Eine kritische Prüfung des jetzt zugänglichen Materials führt zu dem Schluß, daß die Schule in gewissen Grenzen erfolgreich war. Der Lehrplan war durchaus fortschrittlich und die angewandten Methoden scheinen sich nicht von denen unterschieden zu haben, deren man sich in anderen progressiven Schulen der Zeit bediente. Es gab Kritik, aber die besten der progressiven Schulen wurden ähnlich kritisiert. Finanzielle Schwierigkeiten plagten die Russells, aber von diesem Punkte abgesehen scheint die Beacon Hill School erfolgreicher gewesen zu sein als Bertrand Russell zuzugeben bereit ist.“

„Nationalismus, Kapitalismus und die Achtung vor der Obrigkeit sind abergläubische Vorstellungen, die einen wesentlichen Teil der staatlichen Erziehung bilden, und sie sind unzweifelhaft ein sehr schädlicher Aberglauben”, schrieb Russell in The Prospects of Industrial Civilization (1923). In der Befreiung der Erziehung von diesen „abergläubischen Vorstellungen“ sah er eine der Voraussetzungen einer demokratischen und humanen Industriegesellschaft.

So entschieden Russell in diesem Sinne für eine „systemkritische“ Erziehung eintrat: nicht weniger bestimmt wandte er sich gegen einen ideologischen Dogmatismus unter „progressiven“ Vorzeichen, der Erziehung vor allem als Indoktrination verstand. Er verwarf alle Bestrebungen, aus den Kindern von früh an „einen Bestandteil dieser oder jener Partei zu machen“ - auf Kosten ihrer Mündigkeit und kritischen Urteilsfähigkeit. Was er 1916 in Education as a Political Institution gesagt hatte, blieb seine Grundüberzeugung über mehr als ein halbes Jahrhundert: „Ein Mann, der ein guter Erzieher sein und der Jugend zu vollem Wachstum und reicher Entwicklung verhelfen soll, muß durch und durch vom Geist der Ehrfurcht erfüllt sein. Ehrfurcht gegen andere ist es, die denen mangelt, welche maschinenmäßige starre Systeme verteidigen: Militarismus, Kapitalismus, die wissenschaftliche Organisation der Fabier und all die anderen Gefängnisse, in welche Reformer und Reaktionäre den menschlichen Geist einzuzwängen suchen.“

Seit dem Ersten Weltkrieg hat Bertrand Russell immer wieder auf die große Bedeutung der Erziehung für die Schaffung einer Welt des Friedens und der internationalen Kooperation hingewiesen. Als ihm 1950 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, schloß er seine Stockholmer Dankrede mit den Worten: „Sofern meine Ausführungen richtig sind, ist das Notwendigste, was die Welt braucht, um glücklich zu werden, Einsicht. Und nun ist es doch ein optimistischer Schluß geworden, denn Einsicht ist etwas, was sich durch erprobte Erziehungsmethoden fördern läßt.““

 

Erziehung als politische Institution (1916)

 

„Fast jede Erziehung hat ein politisches Motiv: Sie strebt danach, irgendeine nationale oder religiöse oder selbst soziale Partei im Wettbewerb mit andern zu stärken. Hauptsächlich dieses Motiv bestimmt die Lehrgegenstände, die dargebotenen und die vorenthaltenen Kenntnisse, und entscheidet auch, welch geistige Haltung man die Schüler gewinnen lassen will. Kaum etwas wird getan, um das innere Wachstum von Geist und Gemüt zu pflegen. Und in der Tat sind jene, welche die beste Schulbildung hatten, sehr oft in ihrem geistigen und seelischen Leben verkümmert, der Impulse beraubt und nur im Besitz gewisser mechanischer Fertigkeiten, die den Platz des lebendigen Gedankens einnehmen. Einiges von dem, was die Erziehung zur Zeit vollbringt, muß von ihr immer und in jedem zivilisierten Lande vollbracht werden. Alle Kinder müssen nach wie vor lesen und schreiben lernen, und einige müssen auch fernerhin die Vorkenntnisse des ärztlichen, juristischen und des Ingenieurberufs erwerben. Die höhere, für die Wissenschaften und die Künste erforderliche Schulbildung ist notwendig für Kinder, die sich dafür eignen. Außer in Geschichte, Religion und verwandten Gebieten ist die augenblickliche Belehrung nur unzulänglich, nicht positiv schädlich. Doch sie müßte in freierem Geiste gegeben werden und müßte mehr versuchen, ihre letzten Anwendungen zu zeigen. Und selbstverständlich ist vieles an ihr traditionell und tot. In der Hauptsache aber ist sie notwendig und wird stets einen Teil jedes Erziehungssystems bilden. Dagegen ist in Geschichte, Religion und anderen umstrittenen Gebieten die heutige Belehrung positiv schädlich. Diese Gegenstände berühren die Interessen, aus denen heraus Schulen unterhalten werden, um durch sie den Kindern bestimmte Meinungen über diese Gegenstände einzuflößen. Geschichte wird in jedem Land so gelehrt, daß sie das Land verherrlicht. Die Kinder lernen glauben, daß ihr eigenes Land immer im Recht war und fast immer siegreich, daß es fast alle großen Leute hervorgebracht hat und daß es in jeder Hinsicht allen anderen Ländern überlegen ist. Weil diese Glaubenssätze schmeichelhaft sind, werden sie leicht angenommen und kaum jemals durch späteres Wissen aus dem Instinkt ausgeschaltet.

Um ein einfaches und fast triviales Beispiel zu nehmen: Die Tatsachen über die Schlacht von Waterloo sind im kleinsten Detail und in peinlicher Genauigkeit bekannt. Aber die in der Elementarschule gelehrten Tatsachen sind ganz verschieden in England, Frankreich und Deutschland. Der englische Durchschnittsjunge glaubt, daß die Preußen kaum irgendeine Rolle spielten. Der deutsche Junge glaubt, daß Wellington tatsächlich geschlagen war, als der Tag durch Blüchers Ritterlichkeit gerettet wurde. Würden in beiden Ländern die Tatsachen der Wirklichkeit entsprechend gelehrt, so würde der Nationalstolz nicht in gleicher Weise großgezogen, keine Nation würde sich im Kriegsfall so siegesgewiß fühlen, und der Wille zum Kampf würde verringert werden. Dieses Resultat muß verhindert werden. Jeder Staat will den Nationalstolz fördern und ist sich bewußt, daß dies nicht durch unparteiische Geschichtsschreibung geschehen kann. Und so werden die wehrlosen Kinder durch Verdrehungen und Verschweigungen und Suggestionen belehrt. Die falsche Auffassung der Weltgeschichte, die in den verschiedenen Ländern gelehrt wird, begünstigt einen Krieg und dient dazu, einen bigotten Nationalismus zu lehren. Wenn man gute Beziehungen zwischen den Staaten wünscht, so müßte es einer der ersten Schritte sein, allen Geschichtsunterricht einer internationalen Kommission zu unterbreiten, die neutrale Textbücher aufstellen müßte, frei von patriotischer Tendenz, wie man sie jetzt überall verlangt.

Genau dasselbe gilt für die Religion. Die Elementarschulen sind, tatsächlich immer in Händen einer religiösen Körperschaft oder eines Staates, der eine bestimmte Stellung der Religion gegenüber einnimmt. Die Existenz einer religiösen Körperschaft beruht darauf, daß all ihre Mitglieder bestimmte entscheidende Glaubenssätze über Dinge haben, deren Wahrheit nicht zu beweisen ist. Schulen, die von religiösen Körperschaften geleitet werden, sollen die von Natur oft fragesüchtige Jugend von der Entdeckung zurückhalten, daß diesen endgültigen Überzeugungen andere gegenüberstehen, die nicht unvernünftiger sind, und daß viele der zum Urteil am meisten befähigten Männer denken, ein bestimmter Glaube sei nicht zu beweisen. Steht der Staat im Säkularisationskampf, wie in Frankreich, so werden die Staatsschulen ebenso dogmatisch wie jene, die in den Händen der Kirche sind. (Wie ich höre, darf das Wort „Gott“ in einer französischen Elementarschule nicht erwähnt werden.) Das Resultat ist in allen Fällen das gleiche: Freies Fragen wird unterdrückt, und in den wichtigsten Angelegenheiten der Welt wird dem Kind entweder mit einem Dogma oder mit eisernem Schweigen begegnet …

Vor allem müßte man Streben wecken und Liebe zu geistigen Entdeckungen anregen. Die Welt, in der wir leben, ist mannigfaltig und erstaunlich: Manche von den Dingen, die höchst einfach erscheinen, werden immer schwieriger, je mehr man sie betrachtet. Andere Dinge, deren Entdeckung man für ganz unmöglich hat halten können, sind trotzdem durch Genialität und Fleiß bloßgelegt worden. Die Kräfte des Denkens, die weiten Regionen, die sie beherrschen, und die noch weiteren Regionen, auf die sie die Phantasie nur dunkel hinweisen, geben denen, deren Denken sich jenseits des alltäglichen Kreises bewegt, einen erstaunlichen Reichtum an Stoff, ein Flüchten aus der Trivialität und Langeweile des gewöhnlichen Schlendrians, durch welches das ganze Leben mit Interesse gefüllt ist und das die Gefängnismauern der Alltagsmeinung niederbricht. Die gleiche Abenteuerlust, die Menschen nach dem Südpol führt, die gleiche Leidenschaft für eine entscheidende Kraftprobe, die gewisse Menschen dazu bringt, sich für den Krieg zu begeistern, kann in schöpferischem Denken eine Auslösung finden, die weder zerstörend noch grausam ist, sondern die Würde des Menschen dadurch vermehrt, daß sie im Leben etwas von jener leuchtenden Kraft sichtbar macht, welche der menschliche Geist aus dem Unbekannten herabbringt. Diese Freude in größerem oder geringerem Maße allen zu geben, die ihrer fähig sind, ist das höchste Ziel, das der geistigen Erziehung gesetzt werden muß.

Man wird einwenden, daß gedankliche Unternehmungslust nur selten sein kann, daß es nur wenige gibt, die sie zu schätzen wissen, und daß die gewöhnliche Erziehung auf etwas so Aristokratisches keine Rücksicht nehmen kann. Ich glaube das nicht. Die geistige Unternehmungslust ist bei der Jugend weit allgemeiner als bei Erwachsenen. Unter Kindern ist sie etwas ganz Allgemeines und wächst natürlich hervor aus der Periode der Phantasien und Märchen. Sie ist nur darum im späteren Leben selten, weil alles getan wird, um sie während der Schuljahre zu töten. Die Menschen fürchten das Denken wie nichts anderes in der Welt, mehr als Verderben, mehr selbst als den Tod. Denken ist umstürzlerisch und revolutionär, zerstörend und erschreckend. Das Denken ist erbarmungslos gegen Privilegien, etablierte Institutionen und bequeme Gebräuche. Denken ist anarchisch und gesetzlos, es fragt nicht nach Autorität und kümmert sich nicht um die wohlerprobte Weisheit der Jahrhunderte. Denken schaut in die Tiefen der Hölle und fürchtet sie nicht. Es sieht den Menschen als kleines Staubkorn, umgeben von undurchdringlichen Tiefen des Schweigens. Und doch hält es sich selbst stolz und sicher, als wäre es der Herr des Weltalls. Das Denken ist groß, kühn und frei, das Licht der Welt und der höchste Ruhm des Menschen.

Aber wenn das Denken der Besitz vieler werden soll und nicht das Privilegium weniger, müssen wir mit der Furcht fertig werden. Die Furcht ist es, welche die Menschen zurückhält - Furcht, daß ihre geliebten Glaubensbekenntnisse sich als Täuschung, daß die Institutionen, durch die sie leben, sich als schädlich erweisen könnten, Furcht, daß sie sich selbst als weniger achtenswert erwiesen als sie dachten. „Soll der Arbeiter frei über Besitz denken? Was wird denn dann aus uns, den Reichen? Sollen junge Männer und junge Frauen frei über geschlechtliche Beziehungen denken? Was wird denn dann aus der Moral? Sollen Soldaten frei über den Krieg denken? Was wird denn dann aus der militärischen Disziplin? Fort mit dem Denken! Zurück in die Schatten des Vorurteils, damit Besitz, Moral und Krieg nicht in Gefahr kommen! Besser, daß die Menschen dumm, träge und unterdrückt sind, als ihre Gedanken frei. Denn wären ihre Gedanken frei, so würden sie nicht so denken wie wir. Und dieses Unheil muß um jeden Preis abgewendet werden.“ So argumentieren die Gegner des Denkens in den unbewußten Tiefen ihrer Seelen. Und so handeln sie in ihren Schulen, ihren Kirchen und ihren Universitäten.

Keine durch Furcht veranlaßte Einrichtung kann auf die Dauer leben. Hoffnung, nicht Furcht, ist das schöpferische Prinzip in menschlichen Dingen. Alles, was den Menschen groß gemacht hat, ist aus dem Versuch entstanden, das Gute zu festigen, und nicht aus dem Kampf für die Verhütung des Schlechten. Weil moderne Erziehung so selten von großer Hoffnung beseelt ist, wird so selten ein großes Resultat erreicht. Der Wunsch, die Vergangenheit festzuhalten, beherrscht diejenigen, die die Erziehung der Jugend leiten, mehr als die Hoffnung, die Zukunft zu schaffen. Die Schulbildung sollte nicht nach einer passiven Kenntnisnahme toter Ereignisse streben, sondern nach einer Aktivität, gerichtet auf die Welt, die unsere Bemühungen schaffen sollen. Sie sollte beseelt sein nicht von einem bedauernden Sehnen nach den erloschenen Schönheiten Griechenlands und der Renaissance, sondern von einer leuchtenden Vision der Gesellschaft, wie sie sein wird, des Triumphes, den das Denken in kommender Zeit erreichen wird, und des sich ständig erweiternden Horizonts der menschlichen Überschau über das Universum. Die in diesem Geist Erzogenen werden mit Leben, Freude und Hoffnung erfüllt sein und fähig, ihren Teil dazu beizutragen, der Menschheit eine Zukunft zu schenken, weniger düster als die Vergangenheit es war, und mit Glauben an die Herrlichkeit, die menschliche Kraft zu erschaffen vermag.“

 

Erziehung in der Industriegesellschaft (1923)

 

„Wenn es einen allgemeinen Schulzwang geben soll, ist es praktisch unvermeidlich, daß er vom Staat finanziert wird. Im Rahmen dieser Notwendigkeit gibt es jedoch zwei Möglichkeiten: Der Staat kann auch die Leitung der Erziehung übernehmen, oder er kann die Verwaltung privaten Organisationen überlassen und sich selbst auf die Aufsicht beschränken, um einen effizienten Unterricht zu sichern. A priori könnte die letztere Methode als die bessere erscheinen, da sie wahrscheinlich eine größere Vielfalt gewährleistet und den Eltern die Möglichkeit gibt, eine Schule nach ihrem Geschmack zu finden. Gäbe es keine Kirchen, so hätte dies Argument mehr Gewicht, als es hat; in der Praxis aber sind die Kirchen die einzigen Organisationen, die die Mühe auf sich nehmen, für Erziehung im großen Maßstab zu sorgen, und sie tun es, um die Kinder am Denken zu hindern, da sie wissen, daß die meisten denkenden Menschen eine bestimmte Art von Orthodoxie nicht akzeptieren. Obgleich ich mir bei einer solchen Behauptung meiner Unvorsichtigkeit bewußt bin, so zweifle ich doch, ob eine Erziehung, die auf die Verhinderung des Denkens zielt, die bestmögliche ist. Darum muß man zugeben, daß die Vorzüge einer nicht vom Staat, sondern von anderen Organisationen geleiteten Erziehung beim gegenwärtigen Stand der öffentlichen Meinung problematisch sind.

Es gibt jedoch einige weitere Argumente zugunsten einer Erziehung durch andere Organisationen als den Staat. Gegenwärtig ist der Staat nicht unparteiisch, wenn es sich um Körperschaften handelt, denen er die Erziehung übertragen will. Er läßt Römische Katholiken und Anglikaner zu, deren Schulen zu finanzieren er bereit ist, Sozialisten aber würde er nicht zulassen. Wenn die Independent Labour Party Elementarschulen eröffnen würde, so ist anzunehmen, daß der gegenwärtige Staat sie nicht so freundlich behandeln würde wie er die überlieferten Religionen behandelt. Das könnte jedoch in nicht zu ferner Zukunft abgestellt werden, und wenn es so wäre, so könnten viele Kinder aus der Arbeiterklasse eine Erziehung erhalten, die von kapitalistischer Schlagseite frei wäre. Das ist eine Sache, die mit Gewinn einige der Gedanken der ersten Labour-Regierung in Anspruch nehmen könnte, wenn sie kommt.

Zweitens beruht der bestehende Staat, genau wie die Kirchen, auf abergläubischen Vorstellungen, an die nur gedankenlose oder daran interessierte Leute ehrlich glauben. Nationalismus, Kapitalismus und die Achtung vor der Obrigkeit sind abergläubische Vorstellungen, die einen wesentlichen Teil der staatlichen Erziehung ausmachen, und sie sind ein unzweifelhaft sehr schädlicher Aberglaube. Das beste, was von ihnen im Vergleich mit den Dogmen der Kirche gesagt werden kann, ist, daß die meisten Leute sie leichter glauben können und daß sie keinen so großen Bereich der Welt des Geistes in Anspruch nehmen. Sie können darum mit weniger Künstlichkeit und mit einer geringeren Isolierung von der kräftigen gegenwärtigen Weltanschauung eingeflößt werden, als eine religiöse Erziehung verlangt. Aber dieser Vorzug ist ein vorübergehender. Je mehr der Staat sich bedroht fühlt, desto mehr muß er seine Schulkinder vor Kontakt mit modernen Ideen schützen und desto mehr muß er sich der Hervorbringung künstlicher Dummheit widmen. Die Überlegenheit des Staates gegenüber der Kirche bis jetzt hat ihren Grund darin, daß er weniger herausgefordert war. In dem Maße, wie sich das ändert, wird der Staat genau so obskurantistisch werden wie die Kirchen.

Aber was auch immer man von den Vorzügen oder Nachteilen des Staates halten mag, es ist höchst wahrscheinlich, daß der größte Teil der Erziehung noch eine lange Zeit in den Händen des Staates liegen wird. Die Frage, die von praktischem Interesse ist, lautet: Kann irgendeine Kraft ins Spiel gebracht werden, um die Übel der staatlichen Erziehung zu mildern?

Auf die öffentliche Meinung der Eltern kann man sich nicht sehr verlassen. Eltern wünschen vor allem, daß ihre Kinder das gelehrt werden, was sie brauchen, um sich ein Auskommen zu verdienen, und wenn sie religiös sind, dann wünschen sie, daß die Kinder religiös erzogen werden. Doch sie kümmern sich in der Regel nicht darum, welche Anschauungen ihre Kinder sich aneignen, solange sie nicht gegen die Konvention verstoßen, und die große Mehrheit der Eltern ist nicht gebildet genug, um einzusehen, wie mechanisch und trocken das Meiste des Unterrichts ist.

Am meisten kann man von den Lehrern erhoffen. Die Lehrer könnten auf völliger Freiheit bestehen, solange der tatsächliche Unterricht befriedigend ist. Das heißt, sie könnten fordern und erreichen, daß ein Lehrer an einer staatlichen Schule nicht wegen seiner Meinungen oder der Meinungen, die er im Unterricht äußert, oder wegen seiner Aktivitäten außerhalb der Schulstunden leiden muß, solange an den Kenntnissen seiner Schüler nichts auszusetzen ist. Ein besonders grober Eingriff in die Freiheit der Lehre hat kürzlich in großem Maßstab in den meisten Teilen Englands stattgefunden; ich meine die Entlassung von verheirateten Lehrerinnen. Man behauptet nicht, eine verheiratete Frau sei eine schlechtere Lehrerin als eine unverheiratete. Im Gegenteil, jedermann weiß, daß unverheiratete Frauen, wenn sie nicht mehr ganz jung sind, zur Hysterie und zur Reizbarkeit neigen, was sie als Lehrerinnen weniger wünschenswert macht als Frauen, die ein natürlicheres Leben geführt haben. Aber natürlich kümmert sich keine Erziehungsbehörde um Erziehung …

Während des Unterrichts übt ein Lehrer unvermeidlich einen gewissen Einfluß auf den Charakter und die Neigungen seiner Schüler aus. Wenn Lehrer selbst von bestimmten Lebensidealen erfüllt sind, so werden sie diese Ideale einem gewissen Teil ihrer Schüler vermitteln. Ich meine nicht eine ausgesprochene Propaganda für den Katholizismus oder Sozialismus oder irgendeinen anderen „Ismus“. Von solcher Propaganda haben wir schon viel zu viel, besonders in der Erziehung. Ich denke an weniger bestimmte Dinge: intellektuelle Ehrlichkeit, Toleranz, Weitherzigkeit, Liebe zur Erkenntnis, die Dinge, die das ausmachen, was man die intellektuellen Tugenden nennen könnte. Ein Junge wird natürlich das lieben, was die Partei, der er angehört, zu unterstützen scheint: Ein Junge aus Manchester wird unwillig werden, wenn er hört, daß man Liverpool lobt, und umgekehrt. Aber man kann Jungen lehren, die Anständigkeit der Gesinnung ebenso zu lieben wie die Anständigkeit im Spiel. Es ist schade, daß der Geist des Fairplay als schlecht gilt, wenn man ihn auf die intellektuelle Sphäre anwendet; so wird zum Beispiel ein Mensch, der in Kriegszeiten Lügen über den Feind ablehnt, als Verräter betrachtet.

Bestimmte Ansichten des Lehrers können oft bei Schülern Widerstand erwecken, die Ideale aber, an die er aufrichtig glaubt, werden wahrscheinlich beträchtlichen Einfluß haben. Welche Ideale sollten es sein, denen der Lehrer sich selbst verpflichtet?

Es gibt zwei Ziele, die ein Erziehungssystem zu erreichen anstreben kann: gute Bürger zu schaffen oder gute menschliche Wesen. Weit und philosophisch verstanden, stehen diese Ziele in keinem Konflikt miteinander; eng aufgefaßt aber, wie Administratoren sie wahrscheinlich auffassen, geraten sie in einen ernsten Konflikt. Der von der mechanistischen Weltanschauung durchdrungene Mensch wird versuchen, eher gute Bürger zu schaffen als gute Menschen, und er wird einen guten Bürger so verstehen, daß das die Eigenschaften eines guten Menschen nahezu ausschließt. In dem Begriff des guten Bürgers, wie er von Regierungen verstanden wird, sehe ich drei verhängnisvolle Fehler:

Erstens werden Mann und Frau als Bürger eines einzelnen Staates verstanden, nicht als Bürger der Welt;

zweitens wird vorausgesetzt, daß es ein Wohl des Staates oder der Gemeinschaft gibt, das ein anderes und höheres Wohl sei als das ihrer einzelnen Bürger;

drittens wird das Wohl als etwas aufgefaßt, das durch rein mechanische Mittel verwirklicht werden kann, nicht als etwas, das abhängig ist von dem geistigen Niveau der Individuen.

Der erste dieser Fehler, nämlich der Nationalismus, steht in keinem inneren Zusammenhang mit dem Mechanismus, ist aber enorm gestärkt worden durch die Art und Weise, wie sich der Industrialismus auf nationaler Ebene entwickelt hat, so daß die Verbindung mit dem Maschinenwesen faktisch, wenn auch nicht logisch, eine sehr enge ist.

Natürlich muß die Grundlage jedes Systems der Volkserziehung die Vermittlung jenes notwendigen Minimums an Kenntnissen sein, ohne das ein Mensch nicht seine Rolle in der modernen Gesellschaft zu spielen vermag. Es ist notwendig, daß jedermann lesen und schreiben und rechnen kann und so weiter. Mit der Zeit vergrößert der Staat das Minimum an Kenntnissen, das allmählich ganz beträchtlich groß werden kann. Doch es ist nicht meine Sache, dies Problem der Grundlage zu diskutieren, so wichtig es auch sein mag, weil hier allgemeine Übereinstimmung herrscht. Es ist eher meine Sache, jene Fragen zu erörtern, über die Meinungsverschiedenheiten möglich sind.

Im Laufe des Unterrichts hat der Lehrer Gelegenheit, seinen Schülern gewisse geistige Gewohnheiten einzuflößen. Hier beginnt die Meinungsdifferenz: Welche geistigen Gewohnheiten sollte er lehren? Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten. Die Jesuiten haben im Verlauf eines bewundernswerten Unterrichts ihre Schüler gelehrt, die Dogmen der katholischen Kirche kritiklos anzunehmen. Amerikanische Volksschulen lehren die Kinder, hundertprozentige Amerikaner zu werden, das heißt zu glauben, daß Amerika Gottes eigenes Land sei, seine Verfassung göttlich inspiriert und seine Millionäre Muster von Sonntagsschultugenden. Englische Volksschulen lehren, daß unser Empire groß und wohltätig sei, daß es Indien nie unterdrückt und China nie Opium aufgezwungen habe, daß es in Afrika stets menschenfreundlich gehandelt habe und daß alle Deutschen schlecht seien. Russische Volksschulen lehren, daß die Kommunisten tugendhaft, die Anarchisten böse und die Bourgeois irregeleitet seien; daß die soziale Revolution in ganz Europa unmittelbar bevorstehe und daß es in der Kommunistischen Partei keinen Imperialismus geben könne, weil aller Imperialismus auf den Kapitalismus zurückzuführen sei. Die Japaner lehren, daß der Mikado ein göttliches Wesen sei, das von der Sonnengöttin abstamme; daß Japan früher als andere Teile der Erde geschaffen wurde und daß es daher die Pflicht der Chinesen sei, sich demütig allem zu unterwerfen, was immer die Befehle der Japaner ihnen auferlegen mögen. Ich nehme als sicher an, daß ähnliche Doktrinen in Uruguay, Paraguay und San Marino gelehrt werden, von denen jedes besonders vom Himmel begünstigt wird und viel tugendhafter als seine Nachbarn ist. Kurz, überall, wo eine souveräne Regierung besteht, benutzt sie ihr Monopol im Unterricht von Schreiben und Lesen dazu, den Kindern eine Reihe lächerlicher Vorstellungen aufzuzwingen, deren Zweck es ist, ihre Bereitschaft zum Menschenmord zu erhöhen. Und um dieser Glaubensüberzeugungen willen werden auch geistige Gewohnheiten besonderer Art ermuntert: Leichtgläubigkeit, blinde Voreingenommenheit und kollektive Grausamkeit - alles Eigenschaften, die dem Primitiven eigen sind, von denen man aber erwarten dürfte, daß sie durch Erziehung gemildert würden.

Die Mächtigen der Welt glauben und haben immer geglaubt, daß Tugend nur gelehrt werden kann, indem Lügen gelehrt werden, und daß jeder Mensch, der die Wahrheit wüßte, schlecht sei. Ich teile diesen Glauben ganz und gar nicht. Ich glaube, daß die Liebe zur Wahrheit die Basis aller wirklichen Tugend ist, und daß Tugenden, deren Grundlage Lügen sind, nur Unheil stiften können. Vielleicht würde ich daran in jedem Falle wie an einen Glaubensartikel glauben, aber es gibt in der Tat eine Fülle von Beweisen dafür. Jeder Erziehungsminister der Welt weiß, daß die Lehrbücher, nach denen Geschichte unterrichtet wird, vorsätzlich und absichtlich irreführen, infolge ihrer patriotischen Einseitigkeit. Nicht nur, daß die Geschichte, die gelehrt wird, falsch ist; das Schlimmste ist, daß ihre Lügen von der Art sind, daß sie Kriege wahrscheinlicher machen. Die Sozialisten sprechen, sehr zu Recht, viel von der Bedeutung des Internationalismus in der ökonomischen Sphäre; Internationalismus im Bereich der Erziehung aber ist mindestens so wichtig. Wenn den Kindern in allen zivilisierten Ländern dieselbe Geschichte gelehrt würde, würden die verschiedenen Länder einander weniger hassen, und kein Land würde sich so siegessicher fühlen, wenn es sich darum handelt, an die Waffen zu appellieren. Die gegenwärtige Praxis steigert den Glauben jeder Nation an ihre eigene Rechtschaffenheit und Macht und darum ihre Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen. Das scheint in der Tat der Grund zu sein, warum der gegenwärtige lügenhafte Unterricht existiert …

Die ganze Anhäufung des Grauens, die vor uns liegt durch die wachsende Bösartigkeit des Nationalismus, könnte verhindert werden, wenn die Erziehung es sich zum Ziel setzte, Tatsachen statt Fiktionen zu lehren, oder wenn die pädagogischen Autoritäten die Jungen und Mädchen als künftige Weltbürger betrachten könnten, nicht nur als Bürger der bestimmten geographischen Gebiete, in denen sie gerade leben. Es wäre natürlich ungerecht, den ganzen kampfeslustigen Nationalismus unserer Zeit falscher Erziehung zuzuschreiben. Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe, Stolz auf ihre Leistungen, wirkliche oder eingebildete, und Feindschaft gegen rivalisierende Gruppen, all das gehört zum instinktiven Apparat des Menschen. Die Erziehung hat sich darauf beschränkt, sich an diesen Instinkt zu wenden und ihn in eine bestimmte Bahn zu lenken. Die Menschen, die die Erziehung leiten, sind selbst diesem Instinkt unterworfen und handeln nicht bewußt oder vorsätzlich gegen das, was sie für recht halten. Es ist gut möglich, daß sie, wenn sie einsehen, daß der ungeheure Zusammenbruch der westlichen Zivilisation daraus resultiert, daß sie dem Instinkt gefrönt haben, verstehen werden, daß in dieser wie in anderer Hinsicht die Erziehung darauf abzielen sollte, den rohen Instinkt durch eine rationale Voraussicht der Folgen zu kontrollieren und die instinktiven Leidenschaften so zu schulen, daß sie dem Leben der Welt eher förderlich sind, als daß sie es hemmen. Gegenwärtig sind nur wenige von uns im Privatleben Mörder, während in einer wilden Gemeinschaft von Kopfjägern die meisten Männer es sind. In solchen Gemeinschaften wird alles getan, den Instinkt für persönlichen Mord zu steigern, der bei uns, ausgenommen bei ungewöhnlich gewalttätigen Leuten, mit Erfolg unterdrückt wird. Hinsichtlich des öffentlichen Menschenmordes im Kriege aber entspricht die Richtung, die wir einschlagen, genau der der Kopfjäger in bezug auf den privaten Mord. Die Methoden, die uns befähigt haben, den Instinkt für privaten Mord zu überwinden, würden uns auch befähigen, denselben Instinkt zu überwinden, wenn er die Form von Kriegslust annimmt. Diese Methoden sollten bei der Erziehung angewendet werden statt der jetzigen Methoden, die den kleinen Keim des Instinktes nähren, bis er zum großen Baum der nationalen Rüstungen und des internationalen Mißtrauens emporwächst.

Das Gefühl, daß die Menschheit eine einzige Familie ist und die Teilung in Nationen eine bedeutungslose Torheit, könnte sehr leicht in einem Durchschnittsjungen oder -mädchen erweckt werden, wenn die Erziehung darauf hinzielen würde. Ein Buch wie H. G. Wells' Outline of History, das mit dem geologischen und biologischen Vorleben der menschlichen Spezies beginnt und den menschlichen Fortschritt als eine einzige Bewegung behandelt, zu der viele Nationen beigetragen haben, würde wahrscheinlich eine großzügigere Weltanschauung hervorrufen als der chauvinistische Unterricht über Azincourt und Trafalgar oder Lexington und Saratoga. Vielleicht mag es für die angemessene Ausübung unserer Instinkte notwendig sein, irgendeinen Gegenstand des Hasses zu haben. Im Mittelalter konnte man den Teufel ohne Schaden für menschliche Wesen hassen; in unserer Zeit aber glauben trotz des Krieges und des Friedens nur wenige Menschen an ihn. Wir müssen daher einen anderen außermenschlichen Gegenstand des Hasses finden, wenn wir verhüten wollen, daß die Menschen ihre Nachbarn in anderen Ländern hassen. Man könnte, den Manichäern gleich, die, Materie hassen oder die Unwissenheit oder die Krankheit. Es wäre gut, diese Dinge zu hassen; und mit etwas Symbolismus könnte man damit unser instinktives Verlangen nach Haß befriedigen. Aber der Haß gegen andere Gruppen menschlicher Wesen kann nur Schaden anrichten, und es ist ungeheuerlich, daß die Erziehung danach strebt, solchen Haß durch Lügen und Unterdrückung zu erwecken. Dennoch ist das bei jeder der großen Nationen der Fall, mit Ausnahme Chinas, das infolgedessen unterdrückt und verachtet wird …

Strafe ist selten der beste Weg, die Fehler der Menschen zu behandeln, und es gibt kaum jemanden, der so fehlerfrei wäre, daß er das Recht hätte, sie zu verhängen. Wie die Dinge liegen, kennen wir die Sünden unserer Feinde, aber nicht unsere eigenen; darum führt die moralische Entrüstung nur zur Steigerung der gegenseitigen Feindschaft. Die Amerikaner zum Beispiel kennen die Greuel, deren sich Japan in Korea schuldig gemacht hat und die neun Zehnteln aller Japaner unbekannt sind; die Japaner, auf der anderen Seite, kennen das Schlimmste, was man über das Lynchen von Negern in Amerika sagen kann, weit besser als die Amerikaner selbst. So wird der Haß auf beiden Seiten stimuliert, und nichts wird getan auf beiden Seiten, die Übel in die Schranken zu weisen. Entrüstung gegen den Verbrecher ist selten von Nutzen; von Nutzen ist Mitleid für das Opfer und die Bereitschaft, der Tatsache ins Auge zu sehen, daß es nicht nur unsere Feinde sind, die andere zu ihren Opfern machen. Ich meine jedoch, daß es in der Erziehung nützlicher wäre, bei der wechselseitigen Verbindung zwischen verschiedenen Teilen der Welt zu verharren als bei dem, was man humanitäre Argumente nennen könnte. Es ist leicht zu sehen und zu lehren, daß wir nicht unsere Feinde vernichten können, ohne uns selbst zu vernichten, und daß aus bloßem Selbsterhaltungstrieb die Feindschaften zwischen Nationen nicht fortdauern dürfen, wenn die Welt ihre gegenwärtige Bevölkerung behalten soll.“

 

Bürgerbewußtsein oder Individualität? (1932)

 

„Eine ablehnende Haltung dem Status quo gegenüber läßt sich auf zwei Quellen zurückführen: auf Mitleid mit dem Unglücklichen oder auf Haß gegen den Glücklichen. Ist letzteres der Grund, so schließt sie nicht weniger ein nur begrenztes Mitgefühl ein als der Konservatismus. Vielen Revolutionären geht es in ihren Wunschträumen nicht so sehr um das künftige Glück des gemeinen Volkes als vielmehr um die Rache, die sie an den unverschämten Machthabern üben können, unter denen sie gegenwärtig leiden. Auf seiten der Intellektuellen wiederum besteht die Tendenz, daß die Befürworter eines Wandels sich zu Gruppen organisieren, die aufgrund einer engstirnigen Orthodoxie zusammenhalten, Häresie hassen und sie als moralischen Verrat zugunsten der im Wohlstand lebenden Sünder betrachten. Orthodoxie ist das Grab der Intelligenz, um welche Orthodoxie auch immer es sich handeln mag. Und so gesehen ist das orthodoxe Denken des Radikalen keineswegs besser als das des Reaktionärs.“

 

Erziehung zu Nationalismus und Militarismus (1932)

 

„In der ganzen westlichen Welt lehrt man Jungen und Mädchen, daß die soziale Loyalität gegenüber dem Staat, dessen Bürger sie sind, ihre wichtigste Pflicht sei und daß ihre Aufgabe gegenüber dem Staat darin bestehe, so zu handeln, wie dessen Regierung es verfügt. Damit sie diese Doktrin nicht etwa in Frage stellen, lehrt man sie eine falsche Geschichte, eine falsche Politik, eine falsche Volkswirtschaft. Man informiert sie über die Missetaten fremder Staaten, nicht aber über jene ihres eigenen Staates. Man läßt sie vermuten, daß alle Kriege, in die ihr eigener Staat sich eingelassen hat, Verteidigungskriege seien, während es sich bei den Kriegen fremder Staaten, um Angriffskriege handle. Man lehrt sie zu glauben, daß, wenn ihr eigenes Land wider Erwarten tatsächlich ein fremdes Land erobere, dies in der Absicht geschehe, die Kultur oder das Licht des Evangeliums oder eine hehre Moral oder die Prohibition oder irgend etwas gleichermaßen Edles zu verbreiten. Man lehrt sie zu glauben, daß fremde Nationen moralisch nicht auf der Höhe seien und daß es, wie die britische Nationalhymne behauptet, die Pflicht der Vorsehung sei, „ihre Schurkenstreiche zu vereiteln“ - eine Pflicht, bei deren Erfüllung die Vorsehung nicht verschmähen wird, uns als ihr Werkzeug zu verwenden. Tatsache ist, daß jede Nation im Verkehr mit jeder anderen all jene Verbrechen begeht, zu denen ihre bewaffneten Kräfte die Voraussetzungen schaffen. Weil sie nicht wissen, was vor sich geht, oder die Fakten nicht aus der richtigen Perspektive sehen, stimmen die Bürger, selbst anständige, den Aktivitäten voll und ganz zu, die diese Verbrechen möglich machen.

Für diese Bereitschaft des gewöhnlichen Bürgers, ein bewußter Mordkomplize um des Raubes willen zu werden, ist hauptsächlich die Erziehung verantwortlich. Manche verurteilen die Presse, aber hier, so meine ich, sind sie im Irrtum. Die Presse ist so, wie die Öffentlichkeit sie haben will, und die Öffentlichkeit will schlechte Zeitungen, weil sie eine schlechte Ausbildung erhielt. Der Patriotismus nationalistischer Prägung sollte, wovon die Schulen weit entfernt sind, eine Form der Massenhysterie genannt werden, für die die Menschen leider anfällig sind und gegen die sie sowohl intellektuell als auch moralisch gerüstet sein müssen. Der Nationalismus ist zweifellos das gefährlichste Laster unserer Zeit - weit gefährlicher als Trunksucht oder Drogen oder kommerzielle Unehrlichkeit oder irgendeines der übrigen Laster, gegen die eine konventionelle Moralerziehung sich richtet. Alle jene, die in der Lage sind, sich einen Überblick über die moderne Welt zu verschaffen, wissen, daß aufgrund des Nationalismus der Fortbestand der Zivilisation in Gefahr ist. Dies ist, wer wüßte es nicht, allen Personen gemeinhin bekannt, die über internationale Angelegenheiten gut informiert sind. Dessen ungeachtet werden überall öffentliche Gelder weiterhin dafür ausgegeben, dieses destruktive Laster zu propagieren und zu intensivieren. Jene Menschen, nach deren Meinung man Kinder nicht lehren sollte, Massenmord als das edelste Werk, des Menschen zu betrachten, werden als Renegaten und als Freunde aller anderen Länder, nur nicht ihres eigenen, denunziert. Man hätte annehmen können, daß aufgrund eines natürlichen Empfindens viele Leute der Gedanke peinige, ihre Kinder könnten qualvoll sterben. Dem ist nicht so. Obgleich die Gefahr offensichtlich ist, sehen die meisten Machthaber in fast allen Ländern jeden Versuch, mit ihr fertig zu werden, als verrucht an. Den Militärdienst stellt man als edle Vorbereitung auf die Verteidigung des eigenen Landes dar, und nicht ein Wort fällt, das den jungen Menschen bewußt machen könnte, daß die militärischen Operationen ihres eigenen Landes, vorausgesetzt, es ist mächtig, weit eher im Angriff auf fremde Länder als in der Verteidigung der Heimat bestehen …

Geschichte sollte in allen Ländern der Welt in genau derselben Weise gelehrt und geschichtliche Lehrbücher sollten vom Völkerbund unter Assistenz eines Amerikaners und eines Sowjetrussen ausgearbeitet werden. Geschichte sollte weniger nationale Geschichte als Weltgeschichte sein, und sie sollte weniger auf Kriege als auf kulturell wichtige Dinge Nachdruck legen. Soweit von Kriegen im Unterricht überhaupt die Rede sein muß, sollten sie nicht nur von der Warte des Siegers und unter dem Gesichtspunkt heroischer Taten gelehrt werden. Der Schüler sollte auf dem Schlachtfeld unter den Verwundeten weilen, man sollte ihn die traurige Lage von Obdachlosen in verwüsteten Gebieten nachvollziehen lassen, und man sollte ihm all die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten bewußt machen, für die der Krieg eine günstige Gelegenheit bietet. Derzeit ist fast der ganze Unterricht so geartet, daß er den Krieg verherrlicht. In Anbetracht des an Schulen vermittelten Wissens ist die Arbeit der Pazifisten vergeblich. Dies betrifft natürlich speziell die Schulen für die Reichen, die den Schulen für die Armen überall moralisch und intellektuell unterlegen sind. Die Kinder lernen in der Schule die Fehler anderer Nationen, nicht aber die ihrer eigenen. Die Fehler anderer Nationen zu kennen dient nur der Selbstgerechtigkeit und einem Gefühl, das den Krieg bejaht, während es heilsam ist, um die Fehler der eigenen Nation zu wissen …

Der Patriotismus in seinen militanteren Formen ist eng mit Geld verknüpft. Die bewaffneten Kräfte des Staates können für die Bereicherung seiner Bürger herangezogen werden, und sie werden es auch. Dies geschieht teils dadurch, daß man einen Tribut oder Entschädigung fordert, teils dadurch, daß man auf der Zahlung von Schulden besteht, die sonst erlassen würden, teils durch die Wegnahme von Rohstoffen und teils mit Hilfe aufgezwungener Handelsverträge. Wäre der ganze Prozeß nicht vom falschen Glanz des Patriotismus überstrahlt, so würden seine Niedertracht und Verruchtheit allen normalen Menschen deutlich. Die Erziehung könnte, wenn die Menschen nur wollten, ohne weiteres ein Gefühl der Solidarität der Menschheit sowie einen Sinn für die Bedeutung internationaler Kooperation erzeugen. Innerhalb einer Generation könnte dann der ungestüme Nationalismus, an dem die Welt krankt, ausgelöscht sein. Innerhalb einer Generation könnte man die Zollmauern, durch die wir uns selbst mit dem Tode bedrohen, abschaffen, könnte an die Stelle der Gehässigkeit, mit der wir uns selbst am meisten schaden, Wohlwollen treten. Der heute überall seine Blüten treibende Nationalismus ist hauptsächlich ein Produkt der Schulen, und wenn ihm ein Ende gesetzt werden soll, muß ein anderer Geist die Erziehung durchdringen.

 

Die Aufgaben des Lehrers (1940)

 

„Jeder Mensch, der die innere Berufung zum Lehrer hat, wird lieber in seinen Büchern weiterleben wollen als in Fleisch und Blut.“ - Bertrand Russell ging es hier um die freie Rede ohne Angst vor Sanktionen.

„Leidenschaftliche Unterdrückung und Gesinnungsterror sind sehr weit verbreitet, wie die derzeitige Weltlage nur zu deutlich beweist. Sie sind aber keineswegs im Charakter des Menschen angelegt. Sie sind im Gegenteil meines Erachtens immer die Folge irgendeines unglücklichen Zustandes. Es müßte eine der Aufgaben des Lehrers sein, seinen Schülern die Augen zu öffnen und ihnen zu zeigen, welch ein reiches Arbeitsfeld, freudebringend und nutzbringend zugleich, sie erwartet, und so das Gute in ihnen freizumachen und den Wunsch, andere der Freuden zu berauben, die ihnen selbst entgehen werden, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Viele Menschen verwerfen das Glücklichsein als Lebensziel für sich selbst wie für andere; doch drängt sich leicht der Verdacht auf, daß ihnen die Trauben zu sauer sind. Wenn jemand auf persönliches Glück zugunsten des Gemeinwohls verzichtet, so ist das noch lange nicht dasselbe, als wenn er das Glück der Allgemeinheit als unwichtig beiseiteschiebt. Und dennoch geschieht dies oft im Namen eines angeblichen Heroismus. Wer so handelt, hat meist eine grausame Ader in sich, der wahrscheinlich unbewußter Neid zugrunde liegt; die Quelle dieses Neides wird man in den meisten Fällen in der Kindheit oder Jugend des Betreffenden entdecken. Ziel des Erziehers sollte es sein, Erwachsene heranzubilden, die von solchen seelischen Mängeln frei sind und nicht trachten, anderen ihr Glück zu rauben, weil man es auch ihnen nicht geraubt hat.

Wie die Dinge heute liegen, sind viele Lehrer nicht in der Lage, ihr Bestes zu geben. Dafür gibt es viele Gründe; einige davon sind mehr oder weniger zufällig, andere sehr tief eingewurzelt. Was die erstgenannten betrifft, so sind viele Lehrer überarbeitet und müssen ihre Schüler mehr auf Prüfungen vorbereiten, statt ihnen eine aufklärende Geistesbildung vermitteln zu können. Leute, die das Unterrichten nicht gewöhnt sind - und dazu gehören praktisch alle Unterrichtsbehörden - haben keine Ahnung, wie sehr man sich dabei geistig verausgaben muß. Von Geistlichen erwartet man nicht, daß sie jeden Tag mehrere Stunden predigen; vom Lehrer jedoch verlangt man eine Anstrengung, die dieser gleichkommt. Infolgedessen werden viele Lehrer gedrückt und nervös, verlieren den Kontakt mit der neueren Forschung in ihren Lehrfächern und werden unfähig, ihren Schülern eine Ahnung der geistigen Genüsse zu vermitteln, die aus neugewonnenem Verstehen und Wissen entspringen.“

 

Sexuelle Erziehung (1926)

 

„Wann vor der Pubertät diese Belehrung gegeben werden soll, hängt von den Umständen ab. Ein wißbegieriges und geistig lebendiges Kind muß eher belehrt werden als ein anderes, das langsam und träge ist. Unbefriedigte Neugierde muß zu jeder Zeit vermieden werden. Wie jung das Kind auch sein mag, auf seine Fragen muß man antworten. Und das Verhalten seiner Eltern muß derart sein, daß es fragt, wenn es etwas wissen will. Fragt das Kind nicht von sich aus, dann muß es auf alle Fälle vor dem zehnten Lebensjahr belehrt werden, denn sonst besteht die Gefahr, daß es dies alles von anderen in gemeiner Weise erfährt. Deshalb ist es vielleicht wünschenswert, seine Neugierde durch Belehrung über die Zeugung bei Pflanzen und Tieren zu reizen. Das muß ohne alle Feierlichkeit, ohne Räuspern und ohne Einleitung wie etwa: „Nun, mein lieber Sohn, muß ich dir etwas sagen, was zu wissen die Zeit gekommen ist“ geschehen. Die Belehrung darf aus dem Rahmen des Alltäglichen nicht herausfallen. Und deshalb erledigt sie sich am besten durch Frage und Antwort.

Ich glaube, ich brauche nicht besonders darauf hinzuweisen, daß Knaben und Mädchen in der gleichen Weise behandelt werden müssen. Als ich jung war, war es üblich, daß ein wohlerzogenes Mädchen heiratete, ohne auch nur etwas über die Natur der Ehe zu wissen. Das alles mußte sie erst von ihrem Mann lernen. In den letzten Jahren ist mir derartiges nicht mehr zu Ohren gekommen. Ich glaube, die meisten Leute wissen heute, daß eine Tugend, die auf Unwissenheit beruht, wertlos ist und daß Mädchen dasselbe Recht auf Wissen haben wie die Knaben. Sollte es noch Menschen geben, die das nicht erkannt haben, so werden sie mein Buch bestimmt nicht lesen, so daß es keinen Sinn hat, mit ihnen zu argumentieren.

Ich habe nicht die Absicht, mich über das Lehren sexueller Moral im engeren Sinne auszulassen. Diese Materie hat eine Mannigfaltigkeit von Ansichten entstehen lassen. Christen unterscheiden sich von Mohammedanern, Katholiken von Protestanten, die die Ehescheidung gestatten, Freidenker von Forschern des Mittelalters. Alle Eltern werden wünschen, daß ihre Kinder die Art sexueller Moral lernen, an die sie selbst glauben, und ich möchte nicht, daß der Staat sich darum kümmert. Auch ohne sich an strittige Fragen heranzumachen, ist genug vorhanden, über das man sich auseinandersetzen könnte.

Da ist vor allem die Hygiene. Junge Menschen müssen über venerische Krankheiten Bescheid wissen, bevor sie sich ihren Gefahren aussetzen. Man sollte sie der Wahrheit gemäß über sie aufklären, ohne dabei jenen Übertreibungen zu frönen, die bei manchen im Interesse der Moral so beliebt sind. Sie sollten nicht nur lernen, wie man ihnen aus dem Wege geht, sondern auch, wie man sie heilt. Es ist falsch, eine solche Belehrung durch den vollkommen Tugendhaften geben zu lassen, und in dem Unglück, das andere traf, eine gerechte Strafe für die Sünde zu sehen. Geradesogut könnten wir uns weigern, einem Menschen zu helfen, der bei einem Autounfall zu Schaden kam, mit der Begründung, sorgloses Fahren wäre eine Sünde. Außerdem kann in beiden Fällen die Strafe den Unschuldigen treffen. Niemand kann behaupten, daß Kinder mit angeborener Syphilis böse sind, wie auch niemand behaupten kann, daß ein Mensch böse ist, wenn ein sorgloser und unbedachter Fahrer ihn überfährt.

Junge Leute sollten dazu gebracht werden, zu erkennen, daß es etwas sehr Ernstes ist, ein Kind zu besitzen, und man erst dann Kinder zeugen sollte, wenn Gesundheit und Glück des Kindes gewährleistet sind. Der traditionelle Standpunkt war, daß es innerhalb der Ehe immer zu rechtfertigen war, Kinder zu haben, selbst wenn sie einander so schnell folgten, daß die Gesundheit der Mutter dabei Schaden leidet, selbst wenn die Kinder krank oder geistig nicht normal sind, selbst dann noch, wenn nicht genug vorhanden ist, sie zu sättigen. Dieser Standpunkt wird heute nur noch von herzlosen Dogmatikern vertreten, die der Ansicht huldigen, daß alles, was der Menschheit Unglück ist, dem Ruhme Gottes gilt. Menschen, denen Kinder am Herzen liegen und die keine Freude daran haben, über hilflose Wesen Unglück zu bringen, empören sich gegen diese unbarmherzigen Dogmen, die eine solche ' Grausamkeit rechtfertigen. Ein wesentlicher Teil der moralischen Erziehung sollte es sein, für die Rechte und die Wichtigkeit der Kinder mit allem, was dazu gehört, einzutreten.

Mädchen sollte man darauf hinweisen, daß sie eines Tages wahrscheinlich Mütter werden, und sie sollten sich schon allerlei Kenntnisse von dem aneignen, was ihnen in dieser Eigenschaft nützlich sein kann. Natürlich sollten sowohl Knaben als auch Mädchen etwas über Physiologie und Hygiene lernen. Sie sollten wissen, daß nur der ein guter Vater und nur die eine gute Mutter sein kann, die der elterlichen Liebe fähig sind, daß aber neben der elterlichen Liebe beträchtliche Kenntnisse erforderlich sind. Je mehr die Notwendigkeit von Kenntnissen begriffen wird, desto stärker werden sich intelligente Frauen zur Mutterschaft hingezogen fühlen. Viele hochgebildete Frauen verachten sie heute noch, weil sie glauben, Mutterschaft täte ihren intellektuellen Fähigkeiten Abbruch. Das ist ein großes Unglück, denn sie könnten die besten Mütter sein, wenn sich nur ihre Gedanken in dieser Richtung bewegten.“

 

Freiheit oder Autorität in der Erziehung? (1928)

 

„Die Gewohnheit, eine politische, religiöse oder moralische Orthodoxie zu lehren, hat alle möglichen schlechten Auswirkungen. Zunächst schließt sie alle die Leute vom Lehrberuf aus, die Ehrlichkeit mit geistiger Regsamkeit vereinen und genau die Menschen sind, die vermutlich den besten sittlichen und geistigen Einfluß auf ihre Schüler hätten. Hier drei Beispiele. 1. Beispiel, die Politik betreffend: Von einem Lehrer der Wirtschaftswissenschaften wird in Amerika erwartet, daß er nur solche Doktrinen lehrt, die zum Reichtum und zur Macht der Schwerreichen beitragen; tut er das nicht, dann wird er es ratsam finden, woanders hinzugehen, wie Mr. Harold Laski, früher Harvard, jetzt einer der angesehensten Dozenten an der London School of Economics. 2. Beispiel, die Religion betreffend: Die meisten geistig bedeutenden Menschen glauben nicht an die Wahrheit der christlichen Religion, halten das aber vor der Öffentlichkeit geheim, aus Angst, ihr Einkommen zu verlieren. So ist auf dem wichtigsten aller Gebiete die Mehrzahl der Menschen, deren Ansichten und Argumente zu erfahren äußerst gewinnbringend wäre, zum Schweigen verurteilt. 3. Beispiel, die Moral betreffend: Praktisch alle Männer sind zu irgendeiner Zeit ihres Lebens unkeusch; natürlich sind diejenigen, die diese Tatsache vor der Öffentlichkeit verheimlichen, schlechter als die, die das nicht tun, weil sie sich auch noch der Heuchelei schuldig machen. Doch nur den Heuchlern stehen Lehrämter offen. Soviel über den Einfluß der Orthodoxie auf die Wahl und den Charakter von Lehrern.“

 

In unserer Schule (1931)

 

„Unser Verzicht auf Zensur findet seine Rechtfertigung im Bemühen der Kinder um Genauigkeit, das sie dazu bringt, die Wissenschaften zu studieren und aufrichtige Beziehungen miteinander einzugehen, und auch in ihrem entwickelten und künstlerischen Gebrauch der Sprache als Ausdruck des Gefülüs. Ihre Liebe zur Poesie ist bemerkenswert, ihre eigene Poesie, ihre Theaterstücke und ihre Geschichten haben jene unmittelbare Beziehung zwischen Gefühl und Sprache, wie sie nur unzensierte Literatur haben kann. Es passiert ihnen nicht, daß sich irgend etwas nicht sagen läßt oder daß man über irgend etwas nicht nachdenken kann oder daß es auf irgendeine Frage keine abschließende Antwort gibt. Zu einem Kind mit einer fast schon exzessiven Leidenschaft für Akkuratheit und Richtigkeit sagte jemand: „Die Gefühle der Leute werden bisweilen verletzt, wenn du ihnen stets sagst, daß sie im Unrecht sind.“ Die Antwort lautete: „Aber ich sage ihnen nicht, daß sie sich im Unrecht befinden, ohne daß sie wirklich im Unrecht sind.“ Das Kind, um das es sich handelt, ist ein Mädchen, doch selbst wenn es keines wäre, würde das soziale Leben ihm schließlich genügend mäßigenden Takt beibringen, um harmonisch mit anderen zusammenzuleben. Und intellektuelle Ehrlichkeit ist eine wertvollere Eigenschaft als unaufrichtige Manieren.“

 

Freie Rede in der Kindheit (1931)

 

„… Und wenngleich wir alle uns daran erinnern können, unsere Eltern und Lehrer verachtet zu haben, so denken wir gern, daß die Jungen, deren Eltern und Lehrer wir sind, eine ganz andere Haltung einnehmen als wir in unserer Jugend. Auch meint man, die Redefreiheit sei zwar im Prinzip eine gute Sache, aber sie müsse natürlich den Einschränkungen unterworfen sein, die der gute Geschmack gebiete. In der Beacon Hill Schule gibt es solche Einschränkungen nicht. Es gibt keine Schranke für Respektlosigkeit gegenüber Älteren und Besseren, keine Schranke für wissenschaftliche Neugier und keine für die Wahl von Worten.

Die Vorteile dieses Systems sind zahlreich. Erstens ist es innerhalb gewisser Grenzen mehr oder weniger möglich zu wissen, was die Kinder denken. Die Technik der Psychoanalyse wurde erfunden, um die Wirkungen der „Still, still!“-Politik ungeschehen zu machen, indem sie die Leute sagen lehrt, was sie bisher nur gedacht haben. Wir meinen, daß es eher ein Fehler ist, den Leuten eine kostspielige Erziehung im Verschweigen zu geben, deren Ergebnis nervöse Störungen sind, um sie dann in einer kostspieligen Umerziehung vom Verschweigen abzubringen und möglicherweise ihre nervösen Störungen zu heilen. Wenn Kinder hinsichtlich ihrer Sprache Freiheit haben, so sagen sie von Zeit zu Zeit Dinge, von denen Freudianische Lehrbücher versichern, sie müßten sie denken; da sie aber ihre Gedanken frei äußern können, sind sie nicht gezwungen, sie in irgendeine phantastische Form zu kleiden und in eben diesem Maße den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren.

Ein robuster Wirklichkeitssinn ist meiner Ansicht nach ein sehr wertvoller Besitz. Um damit zu beginnen: Kinder sind unwissend, aber voll wissenschaftlicher Neugier. Die konventionelle Erziehung zielt darauf ab, sie noch unwissend zu lassen, aber ihre wissenschaftliche Neugier abzutöten. Dafür gibt es viele Motive, politische, religiöse und moralische, doch sie alle haben ihre Quelle in einer tiefverwurzelten Furcht vor der Wirklichkeit. Es scheint orthodoxe Ansicht zu sein, daß Gott die Welt schuf und daß sie so abscheulich ist, daß wir am besten so wenig wie möglich von ihr wissen. Ich für meinen Teil akzeptiere weder diese Prämisse noch die Schlußfolgerung. Durch die bloße Tolerierung der freien Rede vermeiden wir es, die wissenschaftlichen Impulse der Kinder zu zerstören, so daß ihre Gedanken rege und ihre Gefühle normal bleiben.

Ich werde oft gefragt: „Wie wird es euren Kindern ergehen, wenn sie mit der wirklichen Welt in Berührung kommen?“ Die Leute haben die Vorstellung, daß wir ein künstliches Paradies schaffen, und wenn die Kinder aus ihm heraustreten, dann entdecken sie zu ihrer Überraschung, daß die Welt voller Übel ist. Ich bin im Gegenteil der Meinung, daß dies die übliche Erziehungspraxis ist und unsere Besonderheit darin besteht, daß wir der kindlichen Phantasie keine Märchenwelt vorsetzen. In der gewöhnlichen Erziehung wird das Kind erzogen zu glauben - oder zumindest vorzugeben, es glaube -, daß seine Eltern und Lehrer unfehlbar sind, daß dies Land immer im Recht ‚ist, daß Staatsmänner seines eigenen Landes und seiner eigenen Partei ausnahmslos hochsinnige Leute sind, daß sich die Bösen leicht erkennen lassen und am Ende ohne Ausnahme besiegt werden und daß nur Menschen von seltener Verderbtheit, wie man ihnen kaum begegnen wird, sich irgendeiner sexuellen Ausschweifung schuldig machen würden. Industriekapitäne, Besitzer großer Zeitungen, Admiräle, Generäle, Staatsräte und dergleichen werden als Leute dargestellt, die ausnahmslos vom erhabensten Gemeinsinn geleitet werden. Wenn der junge Mann in die Welt hinausgeht und alle diese liebenswürdigen Falschheiten durchschaut, wird er beinahe unvermeidlich zum Zyniker. Zynismus ist der Preis, den wir für eine groteske Ethik bezahlen. Kindern, die mit einem Sinn für die Wirklichkeit erzogen werden, bleibt dieser Schock erspart.

Unter spezifisch pädagogischen Gesichtspunkten sind die Wirkungen der freien Rede erstaunlich gut, nicht nur in wissenschaftlicher, sondern auch in literarischer Hinsicht.

Um mit dem wissenschaftlichen Aspekt zu beginnen: Die Nichtexistenz des Sextabus ist viel wichtiger, als allgemein angenommen wird, vor allem, so meine ich, für Mädchen. Die meisten Jungen mit wissenschaftlichen Neigungen sind vor allem an Maschinen interessiert, wo das Sextabu kein Hindernis darstellt. So können die mechanischen Wissenschaften gedeihen, während andere es nicht können. Wir machen denn auch die Feststellung, daß Zivilisationen; die von der Maschine beherrscht werden, auf den Puritanismus zurückzuführen sind. Mäd,chen hingegen, die einen Hang zur Wissenschaft haben, neigen in der Regel zu biologischen Interessen. Die Darstellung von Anatomie und Physiologie endet in Büchern, die für Kinder bestimmt sind, stets an einem gewissen Punkt. Die Kinder bemerken das und ziehen den Schluß, daß die weggelassenen Dinge für eine wissenschaftliche Darstellung nicht geeignet sind. Um so mehr denken sie über sich nach, aber phantasierend, nicht vernünftig. Die phantastischen Ideen ihrer Kindheit sinken allmählich ins Unbewußte, von wo aus sie das Verhalten der Erwachsenen beherrschen, indem sie es zu der lächerlichen und irrationalen Absurdität machen, die es im allgemeinen ist. Und durch diesen Prozeß werden die wissenschaftlichen Interessen intelligenter Mädchen blockiert. Wenn sie später, sagen wir, Medizin studieren, müssen sie Hemmungen überwinden, deren sie nur intellektuell, nicht auch gefühlsmäßig Herr werden. Ein Arzt soll den Körper seiner Patienten nicht nur mit dem Hirn, sondern auch mit den Eingeweiden verstehen. In der Regel sind aber Eingeweide und Hirn durch frühe Tabus voneinander getrennt worden.“

 

Die emotionale Umwelt des Kindes (1932)

 

„Eine Welt von Menschen mit diesem emotionalen Rüstzeug würde mit unserem Sozialsystem, seinen Kriegen und Repressionen, seiner wirtschaftlichen Ungerechtigkeit und seinem Horror vor freier Rede und freier Nachforschung sowie seinem von Aberglauben bestimmten Moralkodex kurzen Prozeß machen. Die Tolerierung dieser Übel hängt zusammen mit der Scheu, seine Gedanken zu äußern, und mit feindseligen Gefühlen, die wiederum auf fehlende Freiheit zurückzuführen sind. Dr. Watson, der die angeborenen Seiten eines Charakters mit einem Minimum ansetzt, räumt gleichwohl als eine der nicht erlernten Reaktionen des Säuglings etwa den Zorn ein, der sich im Zusammenziehen der Glieder äußert. Diese instinktive Emotion ist Grundlage für die Liebe zur Freiheit. Ein Mensch, dem durch Tabus oder Gesetze gegen die freie Rede das Sprechen verwehrt ist, dem durch die Zensur das Schreiben versagt ist, dessen Lieben durch eine Ethik eingeengt werden, in der Eifersucht als eine bessere Sache gilt denn Zuneigung, dessen Kindheit in einen Verhaltenskodex gepreßt und dessen Jugend durch das Eintrichtern einer erbarmungslosen Orthodoxie geprägt war, wird gegen die Welt, die ihn in seiner Entfaltung einschränkt, denselben Zorn empfinden, den auch der Säugling verspürt, dem Arme und Beine festgehalten werden. In seiner Wut wird er sich der Destruktion hingeben und je nach Temperament und Gelegenheit ein Revolutionär, Militarist oder ein andersgesinnte Menschen peinigender Moralist werden. Menschen heranzuziehen, die eine bessere Welt schaffen können, ist ein Problem der Emotionspsychologie: Es ist das Problem, Menschen heranzuziehen, die eine sich frei entfaltende Intelligenz, verbunden mit einem glücklichen Gemüt, besitzen. Dieses Problem zu bewältigen liegt durchaus in der Macht der Wissenschaft; es ist der Wille, der fehlt, und nicht die Macht.“

 

Erziehung und Disziplin (1934)

 

„Die Argumente zugunsten einer Erziehung, die sehr viel Freiheit einräumt, stützen sich nicht auf den Glauben an die von Natur guten Anlagen des Menschen, vielmehr auf die Auswirkung der Autorität sowohl auf die, die ihr unterworfen werden, als auch auf die, die sie ausüben. Diejenigen, die der Autorität ausgeliefert sind, werden entweder unterwürfig oder aufsässig, und beides hat seine Nachteile.

Der unterwürfige Mensch büßt im Denken wie im Handeln die Kraft zur Initiative ein; außerdem sucht sich sein Ärger über die eigene Gehemmtheit meist ein Ventil im Unterdrücken des Schwächeren. Daher hat alles, was ein tyrannisches Vorzeichen trägt, so gefährlich fortwirkende Kraft: Was ein Mann von seinem Vater zu erdulden hatte, gibt er an seinen Sohn weiter, und die Demütigungen, deren er sich aus seiner Schulzeit erinnert, überträgt er, wenn er als Staatsbeamter ins Ausland geht, auf die Eingeborenen. Auf diese Weise macht eine ungebührliche Erziehung aus den Schülern furchtsame Tyrannen, die nicht mehr fähig sind, Ursprünglichkeit in Tat oder Wort zu fordern oder auch nur zu dulden. Die Wirkung auf die Erzieher ist ebenfalls schlecht: sie stehen in Gefahr, sadistische Zuchtmeister zu weiden, die mit Genuß Schrecken verbreiten und sonst gar nichts. Da diese Männer die Wissenschaft vertreten, lernen die Schüler das Wissen zu verabscheuen, was nach Ansicht der englischen Oberschicht zur Naturdes Menschen gehört, in Wirklichkeit aber auf dem begründeten Haß gegenüber autoritären Pädagogen beruht.

Die Rebellen andererseits werden, obwohl sie notwendig sein mögen, dem Bestehenden gegenüber kaum gerecht sein können. Außerdem gibt es viele Arten zu rebellieren, und nur sehr wenige kann man als klug bezeichnen. Galilei war ein Rebell und zugleich klug; die Anhänger der Theorie, die Erde sei eine flache Scheibe, sind ebenfalls Rebellen, aber töricht. Es ist sehr gefährlich, annehmen zu wollen, daß Opposition gegen die Autorität an sich schon verdienstvoll sei und daß ungewöhnliche Ansichten zwangsläufig richtig sein müssen: Wer Steine nach Straßenlaternen wirft oder behauptet, Shakespeare sei kein Dichter, 'dient damit noch keinem nützlichen Zweck. Und doch wird häufig ein derart extrem aufrührerischer Geist hervorgerufen durch zuviel Autorität gegenüber lebhaften begabten Schülern. Und wenn solche Empörer dann Erzieher werden, unterstützen sie zuweilen Trotz und Auflehnung bei ihren Schülern, für die sie gleichzeitig eine vollkommene. Umgebung zu schaffen suchen, obwohl diese beiden Ziele schwerlich miteinander vereinbar sind.

Wir brauchen aber weder Unterwürfigkeit noch den Geist des Aufruhrs, sondern schlichte Gutherzigkeit und ein allgemeines Wohlwollen gegenüber Menschen und neuen Ideen. Diese Eigenschaften beruhen teilweise auf körperlichen Voraussetzungen, denen altmodische Erzieher zu wenig Beachtung schenkten; sie sind aber in noch höherem Maße abhängig davon, daß kein Gefühl verächtlicher Schwäche und Unfähigkeit aufkommt, wie es entsteht, wenn wesentliche, lebendige Impulse unterdrückt werden. Sollen die Jugendlichen zu freundlich gesonnenen Menschen heranwachsen, dann brauchen sie in den meisten Fällen die Empfindung, daß ihre Umgebung ihnen wohlwollend gegenübersieht. Das bedingt eine gewisse Sympathie für die Wünsche, die dem Kind selbst wichtig sind, und nicht nur das Bemühen, es für abstrakte Ziele einzusetzen Wie zur Ehre Gottes oder zum Ruhm des Vaterlandes. Und im Unterricht sollte alles Erdenkliche versucht werden, um dem Kind das Gefühl zu geben, es lohne sich zu wissen, was da gefordert wird - zumindest sofern das zutrifft. Wenn der Schüler gern mitarbeitet, lernt er doppelt so schnell und ermüdet nicht halb so stark. Das alles sind triftige Gründe, die für ein sehr großes Maß an Freiheit sprechen. Man kann allerdings, auf diese Begründung gestützt, leicht zu weit gehen …“

 

Politische Ideale

 

Politische Ideale – Wie die Welt gemacht werden kann (1916)

 

Achim von Borries: „Im Blick auf die Probleme aber, vor denen unsere Gesellschaft an der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht, könnte es hilfreich sein, an die Worte Bertrand Russell's in seiner Schrift von 1916 zu denken: "Revolutionäres Handeln mag nicht notwendig sein, revolutionäres Denken aber ist unerlässlich, und als Frucht dieses Denkens eine rationale und konstruktive Hoffnung."

Bertrand Russell: „Von Bernard Shaw wird gesagt, er halte "Troilus und Cressida" für das beste Werk Shakespeares. Wenn ich diese Meinung auch nicht teile, würde ich sie bei einem Schüler als Zeichen seiner Individualität gutheissen; aber die meisten Lehrer würden eine solche andersgläubige Meinung nicht dulden. Nicht nur die Lehrer, sondern alle Beamten des öffentlichen Dienstes wünschen von ihren Untergebenen jene Gleichförmigkeit, die ihre Handlungsweisen leicht voraussehbar und nie unbequem macht. Die Folge ist, dass sie den Unternehmungsgeist und die Individualität unterdrücken, wo sie können, und wenn sie es nicht können, damit hadern.

Nicht ein Ideal für alle, sondern ein besonderes Ideal für jeden besonderen Menschen, das ist es, was, wenn möglich, verwirklicht werden muss. Jeder Mensch hat etwas in seinem Wesen, was sich zum Guten oder Schlechten entwickeln kann: es gibt ein Bestmögliches für ihn und ein Schlechtestmögliches. Seine Lebensumstände bestimmen, ob seine Fähigkeiten zum Guten entwickelt oder unterdrückt werden, und ob seine schlechten Antriebe verstärkt oder schrittweise in bessere Kanäle geleitet werden.

Aber wenngleich wir nicht im einzelnen einen idealen Charakter darstellen können, der allgemein anzustreben ist, - wenngleich wir z.B. nicht sagen können, dass alle Menschen arbeitsam oder selbstaufopfernd oder von Musik begeistert sein sollten - gibt es einige umfassende Grundsätze, die angewendet werden können, um unsere Einschätzung dessen, was möglich oder wünschenswert ist, zu lenken.

Wir können zwei Arten von Gütern und zwei entsprechende Arten von Antrieben unterscheiden. Es gibt Güter, die der Einzelne besitzen kann, und es gibt Güter, an denen alle gleichermassen teilhaben können. Die Nahrung und Kleidung des einen Menschen ist nicht die Nahrung und Kleidung eines anderen; ist die Versorgung ungenügend, so ist das, was der eine besitzt, nur auf Kosten eines anderen zu erlangen. Das gilt allgemein für materielle Güter und deshalb für den grösseren Teil des gegenwärtigen Wirtschaftslebens der Welt. Auf der anderen Seite gehören geistige Güter nicht dem einzelnen Menschen unter Ausschluss aller anderen. Wenn der eine in der Wissenschaft bewandert ist, hindert das nicht den anderen, sie auch zu kennen; im Gegenteil, das hilft beiden, Erkenntnis zu gewinnen …

Trotz der politischen Demokratie besteht ein ausserordentlicher Grad an Verschiedenheit in der Macht der Selbstbestimmung, die ein Kapitalist und ein Mann besitzt, der seinen Lebensunterhalt erwerben muss. Die Wirtschaftsvorgänge berühren das Leben der Menschen meistens viel persönlicher als politische Fragen. Gegenwärtig muss sich der Mann, der kein Kapital besitzt, gewöhnlich einer grossen Organisation, wie zum Beispiel einem Produktionsbetrieb, verkaufen. Er hat keine Stimme bei der Betriebsführung und keine Freiheit in der Politik, ausgenommen, was seine Gewerkschaft ihm sicherstellen kann. Wenn er zufällig eine Form der Freiheit wünscht, die von seiner Gewerkschaft nicht für wichtig gehalten wird, ist er machtlos; er muss sich unterwerfen oder hungern.

Genau dasselbe geschieht den Akademikern und höheren Bediensteten. Wahrscheinlich ist die Mehrheit der Journalisten mit dem Schreiben für Zeitungen beschäftigt, mit deren Politik sie nicht übereinstimmen; nur ein reicher Mann kann sich eine grosse Zeitung leisten, und nur zufällig können der Standpunkt oder die Interessen Derjenigen, die nicht wohlhabend sind, in einer Zeitung zu Wort kommen. Ein grosser Teil der besten Begabungen unseres Landes steht im Staatsdienst, wo die Bedingung ihrer Beschäftigung Stillschweigen über die Übel auferlegt, die ihnen nicht verborgen bleiben können. Ein nonkonformistischer Geistlicher verliert seinen Lebensunterhalt, wenn seine Ansichten seiner Gemeinde missfallen; ein Mitglied des Parlaments verliert seinen Sitz, wenn er nicht unterwürfig genug oder stumpfsinnig genug ist, um allen Drehungen und Wendungen der öffentlichen Meinung zu folgen oder sie zu teilen. Auf jedem Schritt des Lebens wird die geistige Unabhängigkeit mit Untersagungen bestraft, je stärker und strenger die wirtschaftlichen Organisationen werden. Ist es überraschend, dass die Menschen immer fügsamer werden, zunehmend bereit, sich dem Diktat zu beugen und auf das Recht, selbst zu denken, zu verzichten? Auf solchen Wegen kann jedoch die Zivilisation nur in eine byzantinische Unbeweglichkeit versinken …

Die Angst vor der Armut ist kein Beweggrund, aus dem ein freies, schöpferisches Leben erwachsen kann, aber sie ist der Hauptbeweggrund, der die meisten Lohnempfänger zur täglichen Arbeit antreibt. Die Hoffnung auf noch mehr Besitz und Macht, als ein Einzelner haben sollte, die der entsprechende Beweggrund der Reichen ist, ist in ihrer Auswirkung ebenso schlecht; sie zwingt die Menschen, sich gegen die Gerechtigkeit zu verschliessen, und sie hindert sie daran, in sozialen Fragen aufrichtig zu denken, während sie sich im Grunde ihres Herzens unbehaglich fühlen, dass ihre Genüsse mit dem Elend der Anderen erkauft werden. Die Ungerechtigkeit infolge von Armut und Wohlstand sollte unmöglich gemacht werden, dann würde eine grosse Angst aus dem Leben der Vielen verschwinden und die Hoffnung müsste im Leben der Wenigen einen besseren Ton annehmen.

Aber Sicherheit und Freiheit sind nur die negativen Bedingungen guter politischer Einrichtungen. Wenn sie erreicht sind, benötigen wir auch die positive Bedingung: Ermutigung der schöpferischen Energie. Sicherheit allein könnte eine spiessige und gleichförmige Gesellschaft hervorbringen; sie erfordert die Kreativität als ihren Gegenpart, um Abenteuer und Interesse am Leben und die Bewegung zu ständig neuen und besseren Zielen lebendig zu erhalten. Es gibt kein letztes Ziel für menschliche Einrichtungen; die besten Ziele sind die, die den Fortschritt zu noch besseren anregen. Ohne Bemühung und Veränderung kann das menschliche Leben nicht gut bleiben. Es ist nicht ein endgültiges Utopia, was wir uns wünschen sollten, sondern eine Welt, in der das Vorstellungsvermögen und das Hoffen lebendig und tätig sind.

Es ist ein trauriges Zeugnis des Überdrusses, den die Menschheit infolge übermässiger Plackerei erlitten hat, dass ihre Himmel gewöhnlich Orte gewesen sind, wo nie etwas geschah oder sich veränderte. Müdigkeit erzeugt die Illusion, dass nur Ruhe zum Glück nötig sei; aber wenn die Menschen eine Zeitlang geruht haben, treibt sie die Langeweile zu neuerlicher Tätigkeit. Aus diesem Grunde muss ein glückliches Leben eines sein, in dem es etwas zu tun gibt. Wenn es auch ein nützliches Leben sein soll, müsste das Tätigsein so weit wie möglich schöpferisch sein, nicht nur räuberisch oder defensiv …

Das Wesen des Regierens ist der Gebrauch der Gewalt in Übereinstimmung mit dem Gesetz, um bestimmte Ziele sicherzustellen, die die Machthaber als wünschenswert erachten. Das Zwingen eines Individuums oder einer Gruppe mit Gewalt ist immer mehr oder weniger schädlich. Aber wenn es keine Regierung gäbe, wäre die Folge nicht die Abwesenheit von Gewalt in den Beziehungen der Menschen zueinander; sie wäre nur die Ausübung von Gewalt durch Diejenigen, die starke räuberische Instinkte besitzen, was notwendigerweise entweder zur SkIaverei oder zu der ständigen Bereitschaft führen würde, Gewalt mit Gewalt zu beantworten seitens Derer, deren Triebe weniger heftig sind.

Das ist der gegenwärtige Stand der Dinge in den internationalen Beziehungen infolge des Umstandes, dass es keine internationale Regierung gibt. Die Folgen der Anarchie zwischen den Staaten sollten genügen, um uns davon zu überzeugen, dass die Anarchie keine Lösung für die Übel in der Welt zu bieten hat.

Es gibt wahrscheinlich eine Aufgabe, und nur eine, bei der die Anwendung von Gewalt durch eine Regierung wohltuend ist, und das ist, den gesamten in der Welt angewendeten Umfang an Gewalt zu verringern. Es ist zum Beispiel klar, dass das gesetzmässige Verbot des Mordens den Gesamtumfang an Gewalttätigkeit in der Welt vermindert. Und niemand wird behaupten, dass Eltern die unbegrenzte Freiheit besitzen sollten, ihre Kinder schlecht zu behandeln. Solange die Menschen Anderen Gewalt antun wollen, kann es keine völlige Freiheit geben, denn entweder muss der Wunsch nach Gewalttätigkeit in Schranken gehalten werden, oder die Opfer müssen leiden. Aus diesem Grunde dürfen die Individuen und Gesellschaften, obwohl sie die äusserste Freiheit in bezug auf ihre eigenen Angelegenheiten besitzen sollten, nicht völlige Freiheit beim Umgang mit Anderen haben. Dem Starken die Freiheit zu lassen, den Schwachen zu unterdrücken, ist nicht der Weg, um die grösstmögliche Freiheit in der Welt zu sichern.

Das ist der Grund für den sozialistischen Aufstand gegen die Art Freiheit, die gewöhnlich von den Ökonomen des laisser faire vertreten wird …

Die Welt ist voller vermeidbarer Übel, die die meisten Menschen gern verhindert sähen.

Dennoch bleiben diese Übel bestehen, und nichts Wirksames wird für ihre Ausmerzung unternommen.

Diese Paradoxie bewirkt bei unerfahrenen Reformern Erstaunen und zu oft Enttäuschungen bei Denen, die die Schwierigkeit, die menschlichen Einrichtungen zu verändern, erfahren haben.

Der Krieg wird von einer weit überwiegenden Mehrheit in jedem zivilisierten Lande als ein Übel erkannt; aber diese Erkenntnis verhindert den Krieg nicht.

Die ungerechte Verteilung des Wohlstandes muss offensichtlich Denen, die nicht begütert sind, als Übel erscheinen, und das sind neun Zehntel der Bevölkerung. Trotzdem setzt sie sich unvermindert fort.

Die Tyrannei Derjenigen, die die Macht besitzen, ist eine Quelle unnötiger Leiden und Missgeschicke für sehr grosse Teile der Menschheit; aber die Macht verbleibt in wenigen Händen und tendiert wo möglich dahin, sich sogar noch weiter zu konzentrieren.

Ich möchte zuerst die Übel unserer gegenwärtigen Einrichtungen und die Ursachen des sehr begrenzten Erfolgs der Reformer in der Vergangenheit untersuchen und dann Gründe für die Hoffnung auf einen dauerhaften und stetigen Erfolg in naher Zukunft anführen …

Ein anderer Einwand gegen ein Programm, das eines fernen Tages durch eine Revolution oder einen Generalstreik plötzlich verwirklicht werden soll, ist, dass die Begeisterung nachlässt, wenn inzwischen nichts zu tun ist und kein besonderer Erfolg gegeben ist, um die Ermüdung des Martens zu ertragen. Die einzige Art von Bewegung, die mittels solcher Methoden Erfolg haben kann, ist eine, in der Gefühl und Programm sehr einfach sind, wie im Falle des Aufstands unterdrückter Nationen. Aber die Trennungslinie zwischen dem Kapitalisten und dem Lohnempfänger ist nicht so scharf wie die zwischen einem Türken und einem Armenier oder die zwischen einem Engländer und einem indischen Eingeborenen.

Diejenigen, die für eine soziale Revolution eingetreten sind, haben sich in ihren politischen Methoden geirrt, hauptsächlich, weil sie nicht erkannt haben, wie viele Menschen es in der Gemeinschaft gibt, deren Sympathien und Interessen halb auf seiten des Kapitals und halb auf seiten der Arbeit liegen. Diese Leute machen eine geradewegs revolutionäre Politik sehr schwierig.

Aus diesem Grunde müssen Diejenigen, die einen ökonomischen Wiederaufbau anstreben, der wahrscheinlich nicht schon morgen fertig ist, wenn sie auch nur eine Hoffnung auf Erfolg haben sollen, in der Lage sein, sich ihrem Ziel schrittweise zu nähern, durch Massnahmen, die für sich nützlich sind, selbst wenn sie am Ende nicht zum gewünschten Ziel führen. Es muss Unternehmungen geben, die die Menschen für Diejenigen interessieren, die sie letztlich durchführen müssen, und es muss mögliche Errungenschaften in naher Zukunft geben, nicht nur vage Hoffnungen auf ein fernes Paradies.

Aber obwohl ich glaube, dass das alles stimmt, glaube ich nicht weniger fest, dass eine wahre, lebendige und gründliche Reform doch eine Vorstellung über die unmittelbare Zukunft hinaus erfordert, eine Vorstellung davon, was die Menschen aus dem menschlichen Leben machen könnten, wenn sie es wollen. Ohne eine solche Hoffnung werden die Menschen nicht die Energie und Begeisterung aufbringen, die nötig sind, um eine Gegnerschaft zu überwinden, oder die Standfestigkeit, unbeirrt zu bleiben, wenn ihre Ziele im Augenblick unpopulär sind. Jeder, der wirklich den ernsten Wunsch nach einer gründlichen Verbesserung der Lebensbedingungen hat, muss zuerst der Lächerlichkeit, dann der Verfolgung, dann dem guten Zureden und den Versuchen spitzfindiger Korruption die Stirn bieten. Wir wissen aus schmerzlicher Erfahrung, wie Wenige unversehrt durch diese drei Feuerproben hindurchkommen. Besonders die letzte ist, wenn dem Reformer all die Reichtümer der Erde gezeigt werden, schwierig, ja, fast unmöglich, ausgenommen für Diejenigen, die sich ihr letztes Ziel durch klares und bestimmtes Denken selbst klargemacht haben.

Wirtschaftssysteme haben im wesentlichen mit der Produktion und der Verteilung materieller Güter zu tun. Unser gegenwärtiges System ist auf seiten der Produktion verschwenderisch und auf seiten der Verteilung ungerecht. Es bedingt ein Leben der Versklavung an die wirtschaftlichen Kräfte für die grosse Mehrheit der Gemeinschaft und für eine Minorität einen Umfang an Macht über das Leben Anderer, den kein Mensch besitzen sollte. In einer guten Gemeinschaft wäre die Produktion des für die Existenz Notwendigen nur eine Voraussetzung für den wichtigen und interessanten Teil des Lebens, ausgenommen für Diejenigen, die teilweise an der Arbeit für die Herstellung des Nötigen Vergnügen finden. Es ist nicht im geringsten notwendig, dass die wirtschaftlichen Bedürfnisse den Menschen beherrschen, wie sie es gegenwärtig tun. Das ist gegenwärtig nur notwendig gemacht teils durch die Ungleichheiten des Wohlstands, teils durch den Umstand, dass Dinge von wirklichem Wert - wie eine gute Erziehung - schwer zu erlangen sind, ausgenommen für die Wohlhabenden.

Privatbesitz an Land und Kapital ist aus Gründen der Gerechtigkeit oder aus dem Grunde, dass er ein wirtschaftlicher Weg zur Produzierung dessen ist, was die Gemeinschaft braucht, nicht zu verteidigen. Aber der Haupteinwand gegen ihn ist, dass er das Leben von Männern und Frauen verkümmern lässt, dass er die skrupellose Besitzgier in jeder Hinsicht, die dem Erfolg zugeschrieben wird, wie ein Heiligtum verehrt, dass er die Menschen dazu bringt, den grössten Teil ihres Denkens und ihrer Zeit mit dem Erwerb rein materieller Güter auszufüllen, und dass er ein schrecklliches Hindernis gegen den Aufstieg der Zivilisation und der schöpferischen Energie bildet.

Die Annäherung an ein System, das von diesen Übeln frei ist, muss nicht plötzlich geschehen; es ist durchaus möglich, Schritt für Schritt zu wirtschaftlicher Freiheit und industrieller Selbstverwaltung zu gelangen. Es ist nicht wahr, dass es irgendwelche Schwierigkeiten von aussen gibt, diese Art von Institutionen zu schaffen, die wir betrachtet haben. Wenn die organisierte Arbeit sie schaffen will, kann ihr nichts im Wege stehen. Die Schwierigkeit dabei ist nur, die Menschen mit Hoffnung zu erfüllen, ihnen genügend Einbildungskraft zu verleihen, damit sie erkennen, dass die Übel, unter denen sie leiden, unnötig sind, und genügend Nachdenken, um zu verstehen, wie die Übel geheilt werden können. Das ist eine Schwierigkeit, die mit Zeit und Energie überwunden werden kann. Aber sie wird nicht überwunden, wenn die Führer der organisierten Arbeit keine Grosszügigkeit der Auffassung, keine Vorstellungskraft, keine Hoffnungen über einige geringfügige oberflächliche Verbesserungen im Rahmen des bestehenden Systems hinaus besitzen. Revolutionäre Aktion mag unnötig sein, aber revolutionäres Denken ist unentbehrlich und als Ergebnis des Denkens eine vernünftige und aufbauende Hoffnung …

Ein Staatssozialismus ist selbst in einer Nation, die die Form politischer Demokratie besitzt, kein wirklich demokratisches System. Die Art und Weise, in der er versagt, demokratisch zu sein, kann durch eine Analogie aus dem politischen Bereich erklärt werden. Jeder Demokrat gibt zu, dass die Iren für die irischen Angelegenheiten eine eigene Regierung haben sollten und dass man ihnen nicht sagen sollte, sie hätten keinen Grund zur Klage, weil sie am Parlament des Vereinigten Königreichs teilhaben. Es ist für die Demokratie wesentlich, dass jede Gruppe von Bürgern, deren Interessen und Wünsche sie von dem übrigen Teil der Gemeinschaft weit trennen, frei sein sollte, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu entscheiden. Und was für nationale und lokale Gruppen gilt, gilt ebenso für wirtschaftliche Gruppen wie Bergarbeiter oder Eisenbahner. Das nationale Triebwerk der allgemeinen Wahlen reicht keineswegs aus, für Gruppen dieser Art die Freiheit zu sichern, die sie besitzen sollten.

Die Macht der Beamten, die eine grosse und wachsende Gefahr im modernen Staat ist, entsteht aus dem Umstand, dass die Mehrheit der Wähler, die die letztliche öffentliche Kontrolle über die Beamten ausüben, in der Regel nicht an Einzelfragen interessiert ist und deshalb kaum gegen einen Beamten vorgeht, der die Wünsche der interessierten Minderheit durchkreuzt. Der Beamte ist nominell der indirekten öffentlichen Kontrolle unterworfen, aber nicht der Kontrolle Derjenigen, die unmittelbar durch seine Handlungsweise betroffen sind. Die Masse der Öffentlichkeit wird entweder nichts von der in Frage stehenden Angelegenheit hören, oder, wenn sie davon hört, sich rasch eine Meinung bilden, die auf unangemessener Information beruht, die weit wahrscheinlicher von der Seite der Beamten stammt als von dem Teil der Gemeinschaft, die von dem in Frage stehenden Problem berührt ist. Bei einem wichtigen politischen Problem wird sich mit der Zeit wahrscheinlich einige Kenntnis verbreiten; aber bei anderen Gelegenheiten besteht wenig Hoffnung, dass das geschehen wird.

Es mag gesagt werden, dass die Macht der Beamten viel weniger gefährlich ist als die Macht der Kapitalisten, weil die Beamten keine wirtschaftlichen Interessen besitzen, die gegen die Lohnempfänger stehen. Aber dieses Argument enthält eine zu einfache Theorie der politischen menschlichen Natur - eine Theorie, die der orthodoxe Sozialismus von der politischen Ökonomie übernahm und er neigt dazu, sie beizubehalten trotz der wachsenden Effizienz ihrer Unrichtigkeit. Das wirtschaftliche Eigeninteresse und sogar das wirtschaftliche Klasseninteresse ist keineswegs das allein wichtige politische Motiv. Beamte, deren Gehalt im allgemeinen völlig von ihren Entscheidungen in besonderen Fragen unberührt ist, neigen dazu, wenn sie durchschnittlich aufrichtig sind, gemäss ihrer Auffassung vom öffentlichen Interesse zu entscheiden; aber ihre Ansicht wird nichts desto weniger eine Neigung haben, die sie oft falsch lenkt. Es ist wichtig, diese Neigung zu verstehen, bevor wir unsere Geschicke zu vorbehaltlos den Regierungsabteilungen anvertrauen.

Das erste, was in jeder grossen Organisation, vor allem aber in einem grossen Staat zu beachten ist, ist, dass Beamte und Gesetzgeber gewöhnlich von Denen sehr weit entfernt sind, die sie regieren, und in ihrer Vorstellung nicht mit den Lebensbedingungen bekannt sind, auf die ihre Beschlüsse angewendet werden. Das lässt sie in Unwissenheit über vieles, was sie wissen müssten, selbst wenn sie fleissig und bereit zu lernen sind, was immer Statistiken und amtliche Veröffentlichungen lehren können. Das einzige, was sie genau kennen, ist die Amtsroutine und sind die Verwaltungsregeln. Ich habe von einem französischen Erziehungsminister gehört, der seine Uhr herausnahm und bemerkte: „In diesem Augenblick lernen alle Kinder von dem und dem Alter das und das." Das ist das Ideal des Verwaltungsbeamten, ein Ideal, das für ein freies Wachstum, den Unternehmungsgeist, das Experimentieren und jede weitreichende Neuerung äusserst verhängnisvoll ist. Faulheit ist nicht einer der Beweggründe, die in Büchern über politische Theorie erwartet werden, weil alles übliche Wissen über die menschliche Natur für die Bedeutung dieser Tätigkeiten von keinem Wert gehalten wird; aber wir wissen alle, dass Faulheit ein äusserst starker Beweggrund für die ganze Menschheit ausser einer kleinen Minderheit ist.

Leider wird die Faulheit durch die Liebe zur Macht verstärkt, was die tatkräftigen Beamten dazu verführt, das System zu schaffen, das faule Beamte gerne handhaben. Der tatkräftige Beamte kann unvermeidlicherweise nichts leiden, was er nicht beherrschen kann. Seine amtliche Billigung muss erlangt werden, bevor irgend etwas getan werden kann. Was immer er vorfindet, wünscht er in irgend einer Weise zu verändern, um die Befriedigung zu haben, seine Macht zu fühlen und fühlen zu lassen. Wenn er überzeugt ist, wird er sich ein perfektes, einheitliches und strenges Schema ausdenken, das er für das bestmögliche hält, und er wird dann dieses Schema rücksichtslos durchsetzen, wie viele vielversprechende Entwicklungen er auch aus Gründen der Symmetrie beschneiden muss. Das Ergebnis besitzt unvermeidlich etwas von der Langweiligkeit einer rechtwinkligen Stadt im Vergleich zu der Schönheit und dem Reichtum einer alten Stadt, die mit den einzelnen Menschenleben und Eigenarten vieler Generationen bestanden hat und gewachsen ist. Was gewachsen ist, hat immer mehr Leben, als was verordnet worden ist; aber der tatkräftige Beamte will immer nur die Ordnung dessen, was er verordnet hat, der scheinbaren Unordnung des spontan Gewachsenen vorziehen.

Der blosse Besitz der Macht neigt dazu, eine Liebe zur Macht hervorzurufen, was ein sehr gefährlicher Beweggrund ist, weil der einzig sichere Beweis der Macht darin besteht, Andere daran zu hindern, zu tun, was sie tun wollen. Das Wesentliche an der Theorie der Demokratie ist die Verteilung der Macht auf das ganze Volk, so dass die durch die im Besitz eines einzelnen Menschen befindliche Macht hervorgerufenen Übel verhindert werden. Aber die Verteilung der Macht durch die Demokratie ist nur wirksam, wenn die Wähler ein Interesse an den einbezogenen Fragen haben. Wenn sie eine Frage nicht interessiert, versuchen sie auch nicht, die Verwaltung zu kontrollieren, und die gesamte tatsächliche Macht geht in die Hände der Beamten über.

Aus diesem Grunde werden die wahren Ziele der Demokratie nicht durch einen Staatssozialismus oder irgend ein System erreicht, das die Macht in die Hände von Leuten verlegt, die keiner öffentlichen Kontrolle unterworfen sind, ausgenommen das, was mehr oder weniger indirekt durch das Parlament ausgeübt wird.

Jeder neue Überblick über die politischen Aktionen der Menschen zeigt, dass in denen, die genug Energie besitzen, um politisch wirksam zu sein, die Liebe zur Macht ein stärkerer Beweggrund ist als das wirtschaftliche Eigeninteresse. Die Liebe zur Macht trieb die grossen Millionäre an, die weit mehr Geld besitzen als sie ausgeben können, aber fortfahren, Reichtum anzuhäufen, bloss, um die Weltfinanzen mehr und mehr zu beherrschen. Die Liebe zur Macht ist offensichtlich der vorherrschende Beweggrund für viele Politiker. Sie ist auch die Hauptursache für Kriege, die zugegebenermassen fast immer eine schlechte Spekulation vom Standpunkt blossen Reichtums sind. Aus diesem Grund wird ein neues Wirtschaftssystem, das nur die wirtschaftlichen Beweggründe angreift und sich nicht mit der Konzentration der Macht befasst, wahrscheinlich keine grossen Verbesserungen in der Welt bewirken. Das ist einer der Hauptgründe, den Staatssozialismus mit Argwohn zu betrachten …

Aber schon geringe Erfahrung wird gewöhnlich den Unterschied zwischen einem echten und einem nur vorübergehenden Antrieb aufzeigen; und es entsteht weniger Schaden, wenn einem vorübergehenden Antrieb eine zeitlang nachgegeben wird, als durch die Durchkreuzung eines echten Antriebes. Dennoch neigt der Durchschnittsmensch immer dazu, den, echten Antrieb zu durchkreuzen, weil er anarchisch und unvernünftig erscheint, und ist selten in der Lage, ihn im voraus richtig zu erfassen.

Was deutlich für hervorragende Persönlichkeiten gilt, gilt in geringerem Grade für fast jedes Individuum, das viel Vitalität und Lebenskraft besitzt; es gibt Antriebe zu irgend einer Aktivität, in der Jugend in der Regel nicht sehr bestimmt, aber schrittweise unter dem Einfluss von Erziehung und Gelegenheit schärfer hervortretend. Der unmittelbare Antrieb zu irgend einer Aktivität um ihrer selbst willen muss von dem Wunsche nach den erwarteten Auswirkungen der Aktivität unterschieden werden. Ein junger Mann kann sich die Belohnungen einer grossen Errungenschaft wünschen, ohne den spontanen Antrieb zu den Aktivitäten zu besitzen, die zu der Errungenschaft führen. Aber diejenigen, die tatsächlich viel erreichen, obwohl sie sich die Belohnungen wünschen, haben auch etwas in ihrem Wesen, das sie geneigt macht, eine bestimmte Art Arbeit als den Weg zu wählen, den sie gehen müssen, wenn ihr Bestreben befriedigt werden soll. Dieser künstlerische Antrieb, wie er genannt werden kann, ist etwas von unendlichem Wert für das Individuum und oft auch für die Welt; ihn bei sich selbst und Anderen zu achten, macht neun Zehntel des guten Lebens aus. In den meisten Menschen ist er ziemlich schwach, eher unbrauchbar oder behindert; Eltern und Lehrer sind ihm zu oft feindlich gesonnen, und unser Wirtschaftssystem quetscht seine letzten Reste aus den jungen Männern und Frauen heraus. Die Folge ist, dass die Menschen aufhören, individuell zu sein oder den angeborenen Stolz zu bewahren, der ihr Geburtsrecht ist; sie werden zu Maschinen, zahm, zum Bürokraten und drillenden Feldwebel, geeignet, in Statistiken erfasst zu werden. Das ist das Grundübel, das aus dem Mangel an Freiheit entsteht. Und es ist ein Übel, das sich ständig mit der sich mehr und mehr verdichtenden Bevölkerung verstärkt, wie auch mit den ständig wirksamer werdenden Organisationen.

Die Dinge, die der Mensch sich wünscht, sind vielartig und verschieden: Bewunderung, Zuneigung, Macht, Sicherheit, Bequemlichkeit, Auslässe für die Kraft sind unter den üblichsten Beweggründen. Aber diese Abstraktionen berühren nicht das, was den Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Menschen macht. Immer, wenn ich in den Zoo gehe, bin ich von dem Umstand betroffen, dass alle Bewegungen eines Storches eine gemeinsame Eigenschaft besitzen, die sich von der der Bewegungen eines Papageis oder eines Strausses unterscheidet. Es ist unmöglich, in Worte zu fassen, was diese gemeinsame Eigenschaft ist. Und doch fühlen wir, dass alles, was ein Tier tut, von der Art ist, die wir von diesem Tier erwarten könnten. Diese undefinierbare Eigenschaft bildet die Individualität des Tieres und lässt das Vergnügen entstehen, das wir empfinden, wenn wir es beobachten. In einem Menschen besteht, wenn er nicht durch ein Wirtschafts- oder Regierungstriebwerk ausgequetscht worden ist, dieselbe Art Individualität, eine ganz bestimmte Art, ohne die kein Mann und keine Frau viel Bedeutung erlangen oder die volle Würde bewahren kann, die dem Menschen angeboren ist. Diese unterscheidende Individualität ist es, die die Künstler, ob Maler oder Schriftsteller, lieben. Der Künstler selbst und der schöpferische Mensch, ganz gleich, in welcher Richtung, besitzt mehr davon als der Durchschnittsmensch. Jede Gesellschaft, die diese Eigenschaft ausmerzt, absichtlich oder zufällig, muss bald äusserst leblos und traditionell werden ohne Hoffnung auf Fortschritt und irgend einen Sinn in sich selbst. Den Antrieb, der die Individualität ausmacht, zu bewahren und zu stärken, sollte das vornehmste Ziel aller politischen Institutionen sein.“

 

Die Philosophie des Pazifismus (1915)

 

„Die moralischen Einwände gegen den Krieg können grob in drei Klassen eingeteilt werden: Erstens diejenigen, die mit den wesentlichen Übeln des Krieges zu tun haben; zweitens diejenigen, die die ethische Zwecklosigkeit, eine Nation zu „bestrafen", aufzeigen; drittens diejenigen, die die praktische Unmöglichkeit betonen, mit Gewalt zu zerstören, was im Leben einer Nation von wirklichem Wert ist. Bei allen diesen drei Gegenständen war die Überlegung Derjenigen, die den Krieg verteidigen, infolge von Vorurteilen völlig verworren. Das Vorurteil zugunsten der Gewalt zu überwinden, ist eine Aufgabe für den Erzieher; dem Philosophen ist es nur möglich, die falschen und irreführenden Behauptungen aufzuzeigen, durch die die Menschen dazu gebracht werden, zu glauben, dass Kriege unvermeidlich und oft sogar wohltuend seien.

Die wesentlichen Übel des Krieges sind so gross und so offensichtlich, dass es schwer zu verstehen ist, wie die Menschen sie so leichtfertig behandeln können, wie sie es tun. Von dem Schwarzen Tod und von der Pest von London wird immer noch als von nationalen Unglücksfällen gesprochen; ich kann aber nicht erkennen, warum eine ähnliche Vernichtung menschlichen Lebens kein Unglücksfall sein soll, wenn sie absichtlich durch den Willen des Menschen herbeigeführt wird. Das Übel wird durch den Umstand verhüllt, dass die Hälfte der Verluste auf Nationen entfällt, die „Feinde" genannt werden; diese Hälfte der Verluste löst Frohlocken aus, nicht Kummer, und die andere Hälfte hält man für den Preis, der bezahlt werden muss, um zu dieser Freudenquelle zu gelangen. Aber nur die Blindheit zu Kriegszeiten und der überwältigende Durst nach Sieg kann einen solchen Standpunkt aufrechterhalten. Die feindlichen Soldaten haben ebenso wie unsere eigenen Mütter, die trauern, wenn sie getötet werden, und ihre Begabungen, die der Bereicherung der Welt hätten gewidmet werden können statt der Zerstörung. Bei den Streitereien zwischen zivilisierten Nationen, wie verschieden auch die politischen Ziele der Regierungen sein mögen, besteht wahrscheinlich ein geringerer Unterschied zwischen den eigentlichen Werten der einzelnen Menschen.

Aber manchmal wird behauptet, dass die gesamten Verluste durch die hohen moralischen Werte mehr als aufgewogen werden, die im Krieg ans Licht kommen. Ich möchte nicht im geringsten den Wert des Mutes verringern; ich schätze ihn ebenso hoch, wie jeder Militarist es kann. Aber angenommen, Mut ist vorhanden, so ist es nicht nötig, dass er beim Hinschlachten durch Männer mit ebensolchem Mut offenbar wird. Und in der Tat sind die Verteidiger des Krieges bei ihrer Anerkennung des Mutes sehr parteiisch: sie haben kein gutes Wort für Diejenigen, die gegen den allgemeinen Tumult aufstehen oder bemüht sind, die Menschen in Zeiten der Erregung zur Vernunft zu bringen. Diese Art Mut ist weit geringer vorhanden und wäre für die Menschheit unbezweifelbar von weit grösserem Wert.

Abgesehen von der einen Qualität des Mutes sind die moralischen Auswirkungen eines Krieges fast völlig minderwertig. Hass, Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Unwahrhaftigkeit, Neigung zur Gewalt sind in Friedenszeiten Schlechtigkeiten; aber sobald Krieg ausbricht, werden sie allgemein gelobt und angeregt, während Zurückhaltung als eine Art Verrat verdächtigt wird. Diese Auswirkungen sind bei Denen, die zuhause bleiben, ausgeprägter als bei den Kämpfenden, und sie sind zum Teil die Folge nervöser Spannung und werden durch heftige Aktionen verringert. Aber sie sind auch mehr oder weniger bei vielen vorhanden, die kämpfen. Ich habe einen verwundeten Soldaten - ein Schotte mit unschuldigem Gesicht - sich fröhlich rühmen gehört, sein Bajonett einem unbewaffneten Deutschen in den Leib gestossen zu haben, der weinend und um Gnade flehend vor ihm gekniet hatte. Ein Anderer, den ich in einem Zug traf, verursachte grosse Belustigung bei seinen Mitreisenden durch die Versicherung, dass die Franzosen keine Gefangenen machen, dass sie den Deutschen die Ohren abschneiden und Halsketten daraus machen. Es ist schwer, sich etwas Schändlicheres als das Vergnügen seiner Zuhörer vorzustellen. Die Kriegführenden haben die Seelen dieser Menschen ebenso zu verantworten wie die Körper derjenigen, die fallen.

Bei empfindsameren und menschlicheren Soldaten kann der Schrecken des Krieges zu einem nervösen Zusammenbruch führen, der entweder so vollständig ist, dass eine lange ärztliche Behandlung erforderlich wird, oder weniger ausgeprägt Gleichgültigkeit, Mangel an Aufmerksamkeit und allgemeine Unfähigkeit zur Anstrengung bewirkt. Es muss befürchtet werden, dass Denjenigen, bei denen der Krieg keine abgebrühte Grausamkeit hervorruft, der Wille gebrochen wird, und dass sie unfähig werden, ihre Rolle im Leben ihres Volkes zu spielen.“

 

Ein Appell an die Intellektuellen Europas (1915)

 

„Zu einer Zeit, als Frankreich und Hannover sich im Krieg befanden, spricht Leibniz in einem Brief an einen französischen Korrespondenten von einem Krieg, an dem die Philosophie keinen Anteil nehme. Wir haben uns von diesen Zeiten weit entfernt. Heute nehmen es Philosophen, Professoren und Intellektuelle im allgemeinen bereitwillig auf sich, ihren jeweiligen Regierungen jene ausgeklügelten Entstellungen und subtilen Unwahrheiten zu liefern, mit Hilfe derer der Anschein erweckt wird, alles Gute sei auf der einen Seite und alles Schlechte auf der anderen. In den Ausgaben der SCIENTIA (Italien) finden sich seitenweise Artikel verschiedenster Gelehrter; sie alle verraten ihre nationalen Vorurteile auf das schamloseste, alle sind sie der Wirklichkeit gegenüber blind wie jede noch so billige Zeitung und alle nicht weniger voller spitzfindiger Parteinahmen und Geschichtsentstellungen. Und alle akzeptieren die Unvermeidlichkeit gegenseitiger Vorurteile als Selbstverständlichkeit; sie stimmen zwar in den jeweiligen Schlussfolgerungen mit den anderen nicht überein, wohl aber in ihrer Geisteshaltung. Sie alle sind sich darin einig, dass es die oberste Pflicht eines jeden Schreibenden sei, Argumente zur Verteidigung des eigenen Landes zu liefern.

Von dieser Haltung hat es bemerkenswerte Ausnahmen gegeben, unter Literaten - zum Beispiel Romain Rolland und Bernhard Shaw - wie auch unter Politikern, obwohl das Gerechtigkeitsempfinden heute allerseits mit dem politischen Untergang bestraft wird. Es gibt fraglos viele Gelehrte, die in ihren Gedanken und privaten Äusserungen an ihrem Gerechtigkeitssinn festgehalten haben. Doch haben sie sich, sei es aus Angst oder aus dem Wunsch heraus, nicht unpatriotisch zu erscheinen, fast ganz in Schweigen gehüllt. Und die wenigen von ihnen, die ihrer Meinung dennoch öffentlich Ausdruck gegeben haben, liessen jeglichen intellektuellen Abstand vermissen ...

Ich meine, indem die Gelehrten eine gewisse Färbung ihrer Gedanken und Äusserungen zuliessen, haben sie versäumt, der Menschheit einen Dienst zu leisten, für den sie dank ihrer Ausbildung besonders hätten befähigt sein müssen. Die Wahrheit, wie immer sie auch aussehen mag, ist dieselbe in England, Frankreich und Deutschland, in Russland und in Australien. Sie lässt sich keinen nationalen Bedürfnissen anpassen: sie ist ihrem Wesen nach neutral. Sie steht jenseits von Leidenschaft und Hass, und sie enthüllt denen, die sie suchen, die tragische Ironie des Krieges und der damit verbundenen Illusionen. Gelehrte, die es durch ihre tägliche Arbeit gewohnt sein sollten, nach Wahrheit zu streben, hätten zu diesem Zeitpunkt versuchen können, sich zum Sprachrohr der Wahrheit zu machen, sie hätten versuchen können, herauszufinden, wo ihre Seite im Unrecht und wo ihre Gegner im Recht waren. Sie hätten sich mit ihrem Namen und ihrer politischen Unabhängigkeit dafür einsetzen können, die zwischen den einzelnen Nationen erwachsenen Hassgefühle zu beschwichtigen, gegenseitiges Verständnis zu fördern und dafür zu sorgen, dass der Frieden, wenn er kommt, nicht nur aufgrund allgemeiner Kriegsmüdigkeit mehr oder weniger ein Stillstand sein wird, sondern eine brüderliche Versöhnung, geboren aus der Erkenntnis, dass der Streit eine törichte Verblendung war. Doch sie haben sich entschieden, nichts von alledem zu tun. Sie fühlen sich dem Vaterland mehr verpflichtet als der Wahrheit. Das Denken ist nicht mehr Herr, sondern Sklave des Instinkts. Die Hüter des Tempels der Wahrheit haben ihn an Götzendiener verraten und waren die ersten, den Götzendienst zu verkünden.

Eines der erstaunlichsten Phänomene an diesem Krieg ist der allgemeine Appell an atavistische Moralbegriffe, die jeder zivilisierte Mensch in Friedenszeiten weit von sich gewiesen hätte. Deutsche sprechen von Englands brutalem nationalen Egoismus, und sich selbst stellen sie dar, als kämpften sie, um ein grosses Ideal der Zivilisation gegen eine missgünstige Welt zu behaupten. Die Engländer sprechen vom unerbittlichen Militarismus und von der Machtgier der Deutschen und stellen sich selbst dar, als kämpften sie, um die Unantastbarkeit von Staatsverträgen und die Rechte kleiner Nationen zu verteidigen. Viele der Männer, die sich einer solchen Sprache bedienen, würden bei objektiver Beobachtung erkennen, dass sie melodramatisch und mythisch ist. Alle Nationen sind immer und zu jeder Zeit egoistisch. Es kann sich zufällig ergeben, dass eine Nation, in dem Bestreben, eigene Interessen zu verwirklichen, auch der Zivilisation einen Dienst erweist; aber kein unvoreingenommener Mensch wird glauben, eine Nation bringe unzählige Menschenleben und Millionen-, wenn nicht gar Milliardenbeträge derartigen Zielen zum Opfer. Opfer dieser Grössenordnung werden nur für höchst eigennützige Staatsinteressen dargebracht, und ehe man nicht erkennt, dass alle am Krieg beteiligten Länder gleichermassen und uneingeschränkt eigennützig handeln, wird kein ehrliches Denken über die zur Debatte stehenden Fragen möglich sein.

Moralische Verurteilungen, soweit sie das Verhalten anderer betreffen, haben auf etwas subtilere Weise eine ähnliche Funktion wie die Polizei: Sie machen sich den Wunsch des Menschen zunutze, Eigeninteressen mit denen seiner Nachbarn in Einklang zu bringen. Aber wenn ein Mensch bereits versucht, Sie zu töten, wird Sie der Gedanke, er halte von Ihren moralischen und charakterlichen Qualitäten sehr wenig, nicht noch zusätzlich belasten. Darum hat die Verachtung des Gegners im Krieg auf den Gegner selbst keine Wirkung. In anderer Hinsicht jedoch bewirkt sie durchaus etwas, sie verhindert, humane Gefühle für den Gegner aufkommen zu lassen, und sie erstickt jeden Ansatz von Mitleid für seine Leiden im Keime. Unter dem Druck der Gefahr ordnen sich alle Gedanken und Gefühle einem einzigen Ziel unter, nämlich der Selbsterhaltung. Nun widerspricht es zivilisierten Menschen aber, andere, die ihnen gleichen, zu töten oder zu verletzen, also müssen sie notgedrungen diesen Widerstand überwinden, indem sie denen, die sie schädigen wollen, jede Ähnlichkeit mit sich selbst absprechen und ihnen Schlechtigkeit unterstellen. Und so kommt es dazu, dass die härtesten moralischen Urteile über den Feind bei Nationen entstehen, die die stärksten instinktiven Sympathien füreinander zu überwinden haben.

Um diesen Glauben an die besondere Schlechtigkeit des Feindes zu untermauern, entsteht eine ganze Mythologie von Unwahrheiten, teilweise durch gezieltes Handeln von Presse und Regierung, mehr noch aber durch den allen starken kollektiven Emotionen innewohnenden Hang, Mythen zu schaffen. Jedes unkontrollierte Gefühl löst meistens ein durch dieses Gefühl bedingtes System falscher Anschauungen aus. Ein verliebter Mann wird dem Gegenstand seiner Verehrung unzählige nicht vorhandene Tugenden zuschreiben, und ein eifersüchtiger Mann wird dem Gegenstand seiner Eifersucht gleichermassen nicht vorhandene Untugenden andichten. Im normalen Leben wird diese Neigung ständig gezügelt durch unseren Umgang mit anderen Menschen, die unsere persönlichen Gefühle nicht teilen, und die unseren irrationalen Anschauungen daher kritisch gegenüberstehen. In nationalen Fragen fehlt dieses Korrektiv. Nur wenige Menschen haben Kontakt zu Ausländern - und in Kriegszeiten noch weniger. Durch unkontrollierte Gefühle genährte Anschauungen, die sich auf ein anderes Volk beziehen, lassen sich anderen daher mitteilen, ohne dass man Gefahr läuft, auf Unverständnis zu stossen. Angebliche Tatsachen intensivieren das unkontrollierte Gefühl, aus dem sie erwachsen sind, und werden von denen, die sie erfahren, noch weiter aufgebauscht. Unkontrollierte individuelle Gefühle, von pathologischen Fällen einmal abgesehen, legen nur den Keim für Mythen, der durch die Indifferenz anderer ständig ausgeglichen wird; unkontrollierte kollektive Gefühle jedoch entgehen diesem Korrektiv und schaffen scheinbar unwiderlegbare Beweise für völlig irrige Anschauungen.

Gelehrte, die genau wissen, welche Rolle kollektive Irrtümer in der Religionsgeschichte spielten, hätten sich vor Angriffen auf ihre Leichtgläubigkeit hüten müssen. Sie hätten an der offensichtlichen Unrichtigkeit der entsprechenden gegensätzlichen Anschauungen der gegnerischen Länder erkennen müssen, dass die mythenschaffenden Impulse ungewöhnlich aktiv waren. Aber ich finde nicht, dass sie merklich weniger leichtgläubig waren als die breite Masse. In den ersten Septembertagen vergangenen Jahres, als die Deutschen in Frankreich auf der ganzen Linie siegten, schuf das dringende Bedürfnis nach einem Hoffnungsschimmer das zwar nicht von allen geglaubte Gerücht, dass ein grosses russisches Heer von Archangelsk über England nach Belgien gelangt sei. Die Beweise dafür waren sehr viel stichhaltiger, als es Beweise für historische Tatsachen normalerweise sind: Die meisten Menschen kannten Augenzeugen ihres Durchmarsches, und zuguterletzt veröffentlichte eine Zeitung den Bericht eines ihrer Korrespondenten, der besagte, er habe sie in Belgien ausfindig gemacht. Erst da wurde die Geschichte offiziell dementiert, doch wurde sie von vielen auch weiterhin noch lange geglaubt. Und die Intellektuellen waren keineswegs weniger bereit, daran zu glauben, als die übrige Bevölkerung.

Die wirklich gefährlichen Anschauungen sind die, die den Hass auf den Feind schüren. Die Verwüstungen und Misshandlungen in Belgien werden sicher in humanen Deutschen einige Bedenken erweckt haben. Aber der Selbsterhaltungstrieb liess eine Fülle haarsträubender Anschuldigungen gegen die Belgier entstehen: Sie würden verwundeten Deutschen die Augen ausstechen oder die Hände abhacken; sie verhielten sich deutschen Frauen in Belgien gegenüber brutal; und überhaupt, sie hätten eine solche Schändlichkeit bewiesen, dass sie aller Rücksichtnahme unwürdig seien. Und gleichzeitig wurde in England von unzähligen Greueltaten der Deutschen berichtet. Es lässt sich leider nicht leugnen, dass viele entsetzliche Greueltaten verübt wurden, aber nicht annähernd so viele, wie die Engländer zunächst glaubten. Viele behaupteten unter der Hand, sie kennten Engländer, die bei sich zu Hause belgische Kinder aufgenommen hätten, deren Hände von deutschen Soldaten abgehackt worden seien. Einige solcher Fälle hat es in Belgien tatsächlich gegeben, allerdings weiss ich von keinem Beweis dafür, dass auch nur einer dieser Menschen je nach England gekommen sei. Der Einwand, dass doch zumindest einer dieser Fälle, wenn es derer tatsächlich so viele gebe, namentlich in der Zeitung erwähnt worden wäre, hatte überhaupt keine Wirkung. Solche Argumente sind machtlos gegenüber einer Anschauung, die Feindschaft stimuliert und aus diesem Grunde für nützlich erachtet wird. Gewiss sind Greueltaten auf beiden Seiten begangen worden. Aber es ist sicher, dass sie sehr viel weniger häufig und (zum grössten Teil) weniger unmenschlich waren, als man gemeinhin annimmt ...

Kein Mensch, der auch nur über einen Funken Gerechtigkeitssinn verfügt, wird von seinen Feinden vorsätzlich schlechter denken, als sie es verdient haben. Doch der Instinkt spielt dem eigenen Urteilsvermögen sehr schnell einen Streich. Man merkt sehr bald, wenn das im gegnerischen Land geschieht; mir liegt jedoch daran, deutlich zu machen, dass das in allen kriegführenden Ländern geschieht. Diejenigen, die voll Bedauern bemerken, der Feind sei von Lügen eingenebelt, täten gut daran, sich der uns allen gemeinsamen menschlichen Natur zu entsinnen und zu erkennen, dass ihr eigenes Land in dem gleichen Masse von genau den gleichen „Lügen" eingenebelt wird - obwohl „Lügen" kaum das passende Wort ist, da sehr wenig vorsätzliche Täuschung dabei im Spiel ist.

Es gibt jedoch irrige Anschauungen anderer Art, bei denen vorsätzliche Täuschung durchaus eine Rolle gespielt hat, und zwar irrige Anschauungen über politische Tatsachen. Ich werde zwei Beispiele nennen, für jede Seite eins.

In Deutschland scheint man nahezu einhellig der Auffassung zu sein, England habe die Neutralität Belgiens verletzt noch ehe Deutschland es tat. Diese Annahme beruht zum Teil auf der Behauptung, die Engländer hätten noch vor der Kriegserklärung Truppen nach Belgien geschickt, und zum Teil auf den Militärabkommen von 1906 und 1912 in Brüssel. Zu der ersten Behauptung liesse sich folgendes sagen: Sie ist nicht nur von unserer Regierung dementiert worden, was als Beweis anzuerkennen man von den Deutschen kaum verlangen kann; ihre Lügenhaftigkeit erweist sich nicht nur aus dem belgischen Graubuch, das die Deutschen vielleicht für eine ausgeklügelte Machenschaft halten; und nicht nur können jene unter uns, die viele Bekannte beim Heer haben, und die es privat hätten erfahren müssen, wenn Truppen nach Belgien geschickt worden wären, mit absoluter Sicherheit beteuern, dass so etwas nicht geschehen ist; sondern allein schon die militärischen Ereignisse des vergangenen August, sollte man meinen, sind - bei allem Misstrauen des Feindes - Beweis genug. Die Deutschen haben in ihren ersten Kämpfen gegen die Belgier keine englischen Gefangenen gemacht, und soweit ich gehört habe, behaupten sie nicht einmal, irgendwelchen Engländern begegnet zu sein, ehe sie Mons erreichten.

Die Behauptung, die Militärabkommen stellten einen Neutralitätsbruch dar, stützt sich auf das Verschweigen der Tatsache, dass alle Vereinbarungen nur dann inkrafttreten sollten, wenn Deutschland Belgien angriffe. Es war allgemein bekannt, dass man im Falle eines Krieges durchaus damit rechnen musste, und dass England und Frankreich Belgien dann nach Möglichkeit beistehen würden. Hätten die Deutschen die Neutralität Belgiens im entscheidenden Augenblick respektiert, so hätten sie die Verhandlungen als einen Beweis unbegründeten Misstrauens darstellen können. Aber angesichts des tatsächlichen Geschehens ist es absurd, so zu tun, als hätten England und Belgien kein Recht, gemeinsam zu beraten, wie sie einer drohenden Gefahr, die sich als nur allzu wahr erwiesen hat, begegnen sollten. Die deutschen Anschuldigungen sind wie die den Belgiern vorgeworfenen Greueltaten lediglich Ausdruck eines schlechten Gewissens und nicht das Ergebnis gelassener Prüfung der Beweise.

Mein zweites Beispiel betrifft den Zeitpunkt der Mobilmachung. In England besteht man generell darauf, dass die allgemeine Mobilmachung Österreichs der russischen voraus ging, während offenbar das Gegenteil der Wahrheit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit entspricht. Und zunächst glaubte man in England auch die wahre Version, genauso wie Bethmann Hollweg zugab, die Invasion Belgiens sei eine Rechtsverletzung gewesen. Aber so wie man in diesem Eingeständnis eine verhängnisvolle Schwächung der Position Deutschlands sah, so sah man in der Mobilmachung Russlands eine Schwächung der Position der Alliierten, die ja behaupteten, dass Deutschland bewusst auf einen Krieg hinarbeitete. Und so begannen beide Seiten, die früher gemachten Zugeständnisse abzubauen, um sich ein gutes Gewissen und eine vertretbare Position zu schaffen, und zwar mit Methoden, denen man bewusstes Verfälschen kaum ganz abstreiten kann. Aber auf keiner Seite haben die Intellektuellen auch nur einen nennenswerten Versuch gemacht, diesem Prozess der Selbsttäuschung, zu dem sie von ihren Regierungen verleitet wurden, zu widerstehen. Und die wenigen tatsächlich unternommenen Versuche, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, gingen ausschliesslich von Sozialisten aus, die keine der durch die Erziehung bedingten Vorteile hatten, die sich unter den Professoren als so nutzlos erwiesen haben.

Die Anschauungen, die die Gelehrten so bereitwillig mit ihren Landsleuten teilten, haben sich nicht nur in ihren groben Umrissen vom Boden der Tatsachen entfernt, sondern sie werden darüber hinaus selbst in ihren Nuancen mehr oder weniger von kriegerischen Instinkten genährt. Die Deutschen hegen die starke Hoffnung auf einen separaten Frieden mit Frankreich, eine gewisse Hoffnung auf einen separaten Frieden mit Russland und keinerlei Hoffnung auf einen separaten Frieden mit England. Daraus folgt, dass man den Franzosen keine Schlechtigkeit nachsagen kann, dass sich die Schlechtigkeit der Russen in Grenzen hält, während die Engländer der Schandfleck der gesamten Menschheit sind! Die Engländer wiederum sind sich so gut wie sicher, dass sie die Türkei vernichten können, recht sicher, dass sie Österreich daran hindern können, je wieder zu einer Gefahr zu werden, aber keineswegs sicher, dass sie etwas gegen Deutschland vermögen. Daraus folgern sie, dass die Türken zwar gut sind, nur leider fehlgeleitet wurden, dass Österreich lediglich ein Werkzeug Preussens ist, während die Deutschen verdienten, in den tiefsten Abgrund der Hölle verdammt zu werden. Es ist zwecklos, darauf hinzuweisen, dass die Türken jahrhundertelang als Personifizierung der Grausamkeit galten, dass Österreich allem Anschein nach an dem Krieg mehr Schuld hat als Deutschland, oder dass Deutschland das Kulturgut der Welt um einige der wesentlichsten Beiträge bereichert hat. Solche schlichten Tatsachen haben kein Gewicht: Die moralische Verurteilung ist nichts als ein Ausdruck des Hasses, und Hass ist ein natürliches Produkt biologischer Instinkte. Es ist des Menschen, der die Freiheit des Denkens für sich beansprucht, einfach unwürdig, sich in dem Netz dieses rein animalischen Mechanismus gefangen halten zu lassen. Es gibt keinen Grund, von Professoren ein Übermass an humanitären Regungen zu erwarten; doch einen gewissen Stolz auf die Vernunft, eine gewisse Unbereitschaft, das Urteilsvermögen brutalen Emotionen unterzuordnen, hätten wir wohl erwarten können: leider vergeblich.

Die allem zugrunde liegende irrationale Ansicht ist, dass der Sieg der eigenen Seite ohne jeden Zweifel von grösster Wichtigkeit sei, so wichtig gar, dass dafür alle Nachteile, die eine Verlängerung des Krieges mit sich bringen würde, in Kauf genommen werden müssten. Angesichts der Ungewissheit allen menschlichen Tuns ist es nicht ausgeschlossen, dass ein Sieg der einen oder der anderen Seite der Menschheit zum Wohl gereichen könnte. Aber selbst wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, so sind die Anschauungen der kämpfenden Truppen nicht minder irrational, da es keinen Beweis gibt, der einen unparteiischen Aussenstehenden überzeugen könnte. Die Alliierten sind überzeugt, dass ihr Sieg dem Wohl der Menschheit dient, und die Deutschen und Österreicher sind ihrerseits nicht weniger davon überzeugt. Wenn zwei grosse Menschengruppen zwei verschiedene Meinungen vertreten, und wenn sich diese Meinungen in beiden Fällen mit dem jeweiligen Eigeninteresse decken, dann kann man kaum davon ausgehen, die Meinung einer der beiden Seiten beruhe auf Gründen der Vernunft. Inzwischen nehmen die durch den Krieg hervorgerufenen Übel von Tag zu Tag zu, und sie jedenfalls müssen von beiden Seiten gleichermassen zugegeben werden.

Der Meinungsunterschied über den erwünschten Ausgang des Krieges ist nicht ausschliesslich auf Eigeninteresse zurückzuführen, auch wenn das ohne Zweifel der Hauptgrund ist. Er beruht zum Teil auch auf unterschiedlichen Idealen, die sich in unterschiedlichen Wünschen äussern. Betrachten wir die Sache einmal nüchtern und beziehen wir uns nur auf den Krieg an der Westfront, dann können wir sagen, die Deutschen lieben Ordnung, Wissenschaft und Musik - alles gute Dinge-, während die Franzosen und Engländer Demokratie und Freiheit lieben - ebenfalls gute Dinge. Um ihre jeweiligen Ideale anderen Nationen, die davon nicht so überzeugt sind, aufzuzwingen, sind die Deutschen bereit, die Ordnung in Europa durch das allgemeine Chaos des Krieges zu ersetzen und die jungen Männer, die studieren und sich der Kunst widmen, auf das Schlachtfeld zu schicken, während Frankreich und England es für nötig halten, Demokratie und Freiheit für den Augenblick zu unterdrücken, ohne dafür zu garantieren, dass sie sich nach Beendigung des Krieges wieder herstellen lassen. Sollte der Krieg lange dauern, dann wird alles, was an den Idealen Deutschlands, Frankreichs und Englands gut war, zugrunde gegangen sein, so wie die Ideale der Spartaner und Athener im Peloponnesischen Krieg zugrunde gingen. Alle drei Völker, mit allem, was sie zu unserer Zivilisation beigetragen haben, werden erschöpft sein, und ein Sieg - einerlei für welche Seite - wird dann so unfruchtbar und sinnlos sein wie eine Niederlage.

Unter dem alles verzerrenden Einfluss des Krieges sind die fraglichen und mikroskopisch kleinen Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Völkern übertrieben worden, und es gilt geradezu als Verrat, ihre überwältigende Bedeutung in Frage zu stellen. Jeder gebildete Mensch weiss heute, ohne es zuzugeben, so wie er es vor dem Krieg gewusst und auch zugegeben hat, dass die Dinge, die den europäischen Völkern gemeinsam sind, sehr viel mehr Gewicht haben als das, was sie voneinander unterscheidet. Kongresse, Konferenzen und die verschiedensten internationalen Organisationen dokumentierten das weitverbreitete Bewusstsein eines gemeinsamen Zieles, einer gemeinsamen Aufgabe im Leben einer Zivilisation. Und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, ist das alles vergessen: Deutsche Gelehrte stellen englische Verdienste in Abrede, und die Engländer streiten ihrerseits den Deutschen alle Verdienste auf kultureller und wissenschaftlicher Ebene ab. Schlagartig wurde die gesamte kooperative Zusammenarbeit der akademischen Welt für das Vergnügen, sich in einen bitteren und trivialen Hass zu stürzen, beiseite geschoben.

Dieser Krieg ist trotz seines ungeheuerlichen Ausmasses trivial. Es geht um keine übergeordneten Prinzipien, auf keiner Seite sind grosse menschliche Ziele im Spiel. Die vorgegebenen ideellen Ziele, für die er ausgetragen wird, sind lediglich Teil des Mythos. Jedes Land gibt vor, für seine Selbstverteidigung zu kämpfen, jedes Land behauptet, die Tyrannei der Waffengewalt vernichten zu wollen, jedes Land kämpft angeblich, um zu zeigen, dass ein Angriff, der nicht herausgefordert wurde, nicht ungestraft hingenommen wird. Jedes Land preist den Frieden und behauptet, der Feind habe den Krieg begonnen. Die Tatsache, dass diese Beteuerungen auf beiden Seiten von der gleichen Überzeugung getragen werden, zeigt, dass sie nicht auf Vernunft beruhen, sondern nur auf Vorurteilen. Aber abgesehen von diesen gemeinsamen Zielen gibt es auch einige für beide Seiten verschiedene. Die beiden Kaiser würden wahrscheinlich sagen und vielleicht glauben, sie kämpften, um zu zeigen, dass es ein Verbrechen ist, Thronerben hinterrücks zu ermorden. Man kann kaum annehmen, der Zar werde das bestreiten, doch würde er ebenso wie die Engländer sagen, es sei ein Verbrechen, wenn ein starkes Land ein schwaches unterdrückt. Dieser Satz hat allerdings nur für gewisse Gebiete Gültigkeit, er gilt nicht für Finnland oder Persien. Die Engländer und Franzosen sagen, sie kämpften, um die Demokratie zu verteidigen. Doch möchten sie nicht, dass ihre Worte in Petersburg oder Kalkutta gehört werden. Und sonderbarerweise sind diejenigen, die Demokratie zu Hause am meisten verabscheuen, gegenüber Deutschland ihre erbittertsten Verteidiger.

Dieser Krieg wird nicht aus Gründen der Vernunft geführt: Er wird geführt, weil die Länder zunächst einmal kämpfen wollten, und jetzt sind sie zornig und entschlossen, zu siegen. Alles andere ist reines Geschwätz, der Versuch, eine rationale Begründung für instinktives Handeln und unkontrollierte Gefühle zu geben ...

Der ursprünglich ausschlaggebende Impuls für den Krieg war in den ersten Tagen sehr stark, auch wenn er inzwischen seine Kraft verloren hat. Kämpfen und töten gehören zu den natürlichen männlichen Aktivitäten, das gilt für Menschen wie für höher entwickelte Tiere. Das Schauspiel, wie sich Männchen im Kampf um das Weibchen gegenseitig umbringen, ist für die weiblichen Tiere vermutlich ein Vergnügen, mit Sicherheit jedoch trifft das für viele der Spezies homo sapiens zu. Der Einsatz der Polizei schränkt die Möglichkeiten für Vergnügen dieser Art in zivilisierten Ländern erheblich ein. Daher wird bei einem Kriegsausbruch eine Fülle normalerweise unterdrückter Instinkte entfesselt. Das bringt eine Gelöstheit mit sich, die sich mit der des Verliebtseins vergleichen liesse. Die Aussicht auf die Grauen des Krieges - verwundete oder gefallene Freunde und Verwandte, verheerte Länder, eine zutiefst verwundete Zivilisation - hätte die meisten Männer doch eigentlich in Angst und Schrecken versetzen müssen, doch statt dessen waren sie in den ersten Tagen erregt und glücklich, sie empfanden ein ungewöhnliches Mass an Freiheit und erfanden mit unbewusster Heuchelei alle möglichen humanen Erklärungen, um ihre Freude zu rechtfertigen. In dieser Stimmung ist für Hass auf den Feind nicht viel Platz: Er wird vielmehr gebraucht, denn ohne ihn gäbe es keinen Kampf. Der ihm zugefügte Schaden ist ein mehr beiläufiges und fast bedauerliches Ergebnis der Schlacht. Dieser Stimmung begegnet man in primitiver Dichtung häufig, und die ersten Augusttage haben gezeigt, dass sie auch heute noch unter zivilisierten Menschen aufkommen kann.

Aber wenn, wie in diesem Krieg, keine der beiden Seiten eine endgültige Entscheidung herbeiführen kann, und es der grössten Anstrengungen bedarf, Katastrophen zu vermeiden, dann folgt dem Flitterwochenrausch der ersten Zeit sehr bald eine trübere Stimmung. Dämpfer schaffen Zorn, und erlittene Schmach erzeugt Hass. Die Gedanken der Menschen konzentrieren sich mehr und mehr darauf, den Stolz des Feindes zu verletzen. Wenn der Krieg lange Zeit unentschieden bleibt, wenn die Truppenreserven auf beiden Seiten erschöpft sind, ohne zum Sieg oder zur Niederlage geführt zu haben, dann wird sich eine wachsende Grausamkeit verbreiten, die zu Greueln führt, wie sie sich die Menschen selbst in diesem Krieg nicht einmal vorstellen können. Ein Soldat nach dem anderen wird aus der Grausamkeit plötzlich in Apathie verfallen: Der Lebenswille wird gebrochen, und es wird Millionen menschlicher Wracks geben, die nur noch in Krankenhäusern und Irrenanstalten richtig untergebracht sein werden. Das ist es, was die Deutschen meinen, wenn sie sagen, der Krieg werde durch nervliches Durchhaltevermögen entschieden werden. Sie hoffen, dass bei den deutschen Soldaten ein geringerer Prozentsatz an dieser Spannung zerbrechen wird als bei den Alliierten. Militärs beider Seiten sehen gelassen der Vernichtung fast aller Ziele ihres Landes und fast aller Männer zwischen zwanzig und vierzig entgegen. Und dennoch tun sie weiterhin so, als sei der Sieg ihrer Seite wichtiger als ein früher Frieden. Und in dieser Infamie werden sie von ihren professionellen Parasiten unterstützt und angefeuert.

Das grösste Unheil hätte sich vermeiden lassen, wenn eine der beiden Seiten einen schnellen Sieg errungen hätte, und es liesse sich selbst jetzt noch vermeiden, wenn der Krieg noch in diesem Jahr (1915) ein Ende fände. Aber wenn nicht bald Friede geschlossen wird, wenn keine militärische Entscheidung fällt, wird es dazu kommen müssen, dass sich der eiserne Wille in allen Ländern leidenschaftlich auf ein gemeinsames Ziel, auf die gegenseitige Vernichtung konzentriert. Da die erforderliche Willensanstrengung durch die allgemeine Unlust grösser und schwerer wird, wird die Lebenskraft der einzelnen Länder immer mehr geschwächt. Und wenn dann endlich Friede geschlossen wird, ist zu befürchten, dass kein Impuls stark genug sein wird, um die Menschen zu neuem schöpferischen Tun zu bewegen. Nach der übermässigen Anspannung im Krieg wird nichts mehr wichtig erscheinen; ein müdes und lethargisches Sichgehenlassen wird der übermässigen, unnatürlichen Anspannung folgen. Es gibt in der Geschichte keine Parallele zu dem Konflikt, in dem sich die Welt heute befindet. Nie zuvor war ein so grosser Teil der Weltbevölkerung in einen Krieg verstrickt, und nie zuvor war ein Kampf so mörderisch.

Alles, was Wissenschaft und systematische Arbeit geschaffen haben, um die Effizienz der Arbeitskraft zu steigern, ist benutzt worden, um mehr Menschen für die zerstörerische Arbeit auf dem Schlachtfeld freizusetzen. Die immer stärkere Herrschaft des Menschen über die Natur hat das Unheil nur vergrössert, da er nicht gleichzeitig eine bessere Beherrschung seiner Emotionen erlernt hat. Und wenn er seiner eigenen Emotionen nicht Herr wird, bedeutet das, dass alle jetzt nicht erreichte Zerstörung nur auf einen späteren Zeitpunkt vertagt wird.

Zu sehen, wie die Technik ihrer Funktion, das Los der Menschen zu verbessern, beraubt wird, ist einer der schmerzlichsten Aspekte des Krieges. Der primitive Mensch lebt wie der Wilde als Knecht seiner Lebensumstände: Die Aufgabe, die bare Existenz zu retten, verbraucht seine ganze Energie, und ihm verbleibt weder Kraft noch Musse, um zu denken und um Kunst und geistige Güter zu pflegen. Technische Errungenschaften haben die Bevölkerung zivilisierter Länder immer mehr von dieser Knechtschaft befreit. Die Arbeitskraft eines Menschen kann heute sehr viel mehr produzieren, als ein Mensch zum Leben braucht. Mit Hilfe der so freigesetzten Zeit haben wir Literatur und Musik, Dichtung und Philosophie und die grossartigen Triumphe der Technik selbst schaffen können. Gesteigerte Arbeitsproduktivität ist die Basis für das Erziehungswesen, für Demokratie und all die politischen Vorteile eines modernen Staates. Und jetzt plötzlich, weil Europa von einer Zerstörungswut erfasst ist, haben die Wissenschaftler von ihren dem Wohle aller dienenden Arbeiten abgelassen: Physiker erfinden schnellere Flugzeuge, Chemiker entwickeln noch wirksamere, todbringende Vernichtungswaffen, und wer immer kann, widmet seine Arbeit dem Tod. Es liegt nahe, dass sie sich nie überlegt haben, welchen Platz die Technik in der Entwicklung des Menschen einnimmt, da sie gewillt sind, sie für die Zerstörung ihres eigenen Werkes herzugeben.

Wissen im Verein mit zunehmender Vernunft ist der eigentliche Motor für den menschlichen Fortschritt; Wissen ohne zunehmende Vernunft wird leicht zu einem teuflischen Werkzeug und vertieft die Wunden, die der Mensch dem Menschen zufügt. Die Gelehrten sollten die Hüter einer geheiligten Flamme sein, die die Finsternis erhellt, in die hinein der menschliche Geist geboren ist. Von ihnen hängt das Ideal gerechten Denkens und des unvoreingenommenen Strebens nach Wahrheit ab, das, wäre es weiter verbreitet gewesen, allein schon gereicht hätte, die gegenwärtigen Schrecken zu verhindern. Diesem Ideal zu dienen, ein Ziel jenseits allen Streites lebendig zu erhalten, ist der geistigen Elite Europas würdiger, als die Regierungen darin zu unterstützen, Hass zu schüren oder weitere junge Männer abzuschlachten, an denen die Zukunft der Welt hängt. Es ist an der Zeit, unsere vermeintlich getrennte Pflicht gegenüber Deutschland, Österreich, Russland, Frankreich oder England zu vergessen und sich der höheren Pflicht der Menschheit gegenüber zu erinnern, in der wir immer noch eins sein können.“

 

Staat und Macht

 

Kommunismus und Kapitalismus (im Gespräch mit Woodrow Wyatt)

 

„Nun, es gibt mehrere Unzulänglichkeiten, aber die wichtigste ist, daß sie nicht frei ist. Sie hat kein Recht auf den Titel „freie Welt". Sie wissen natürlich, daß wir in England uns alle sehr klar über die Terrorherrschaft unter McCarthy gewesen sind, die in Amerika existierte, aber wir machen uns, glaube ich, nicht ganz klar, daß sich dieselbe Sache auch hier ereignet. Daß Sie, wenn Sie in den Staatsdienst eintreten wollen, bespitzelt werden und ihnen nicht bloß direkte Fragen nach Ihren Ansichten gestellt werden, sondern daß von Ihren Universitätslehrern und anderen Personen erwartet wird, daß sie als Regierungsspione agieren.

Meinen Sie, daß, wenn jemand gerade aus Oxford kommt und sich um einen Beamtenposten bewirbt, sein früherer Tutor gefragt wird, „Halten Sie ihn für einen politisch zuverlässigen Mann?"

Das kommt vor. Sehr viele haben sich geweigert, solche Fragen zu beantworten, aber es kommt vor. Ich weiß nicht, ob im Hinblick auf Menschen in Oxford, aber sicher kommt das vor.

Aber könnte es nicht eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme für eine Regierung sein, damit sie vermeidet, Leute in den öffentlichen Dienst zu lassen, die Regierungsgeheimnisse an ausländische Mächte weitergeben können?

Ich glaube nicht. Ich meine, daß diese ganze Sache mit Spionen und Geheimnissen und allem übrigen weit, weit übertrieben ist. Tatsächlich sind die Russen völlig in der Lage, alles selbst herauszufinden, und ich glaube nicht, daß die Spione und Verräter uns viele Nachteile und ihnen viele Vorteile gebracht haben. Ich meine, daß wir es hier mit einem der Themen zu tun haben, die melodramatisch sind und die Phantasie der Menschen aufreizen.

Was sonst war nach Ihrer Meinung an der besonderen Art schlecht, in der die Freie Welt sich selbst darstellt?

Nun, nehmen wir ein anderes Beispiel, das uns zeigt, wie sie sich eben nicht für Freiheit einsetzte. Sie ist bereit, sich mit Franco zu verbünden, und ich meine, Francos Regime hat alle Nachteile, die das kommunistische Regime hat. Wer eine bestimmte weltanschauliche Grundlage hat, darf sich nicht mit Menschen einlassen, die genau das tun, was der eigenen Überzeugung entgegengesetzt ist.

Wenn Sie unsere Welt nicht eine freie Welt nennen wollen, wie würden Sie sie dann nennen?

Ich würde sie die kapitalistische Welt nennen.

Obwohl sie Länder wie Schweden, Norwegen und Dänemark einschließt, die nicht wirklich kapitalistisch sind?

Vielleicht wäre es nicht ganz fair, sie so zu nennen.“

 

Macht (im Gespräch mit Woodrow Wyatt)

 

Halten Sie die Macht der Propaganda stets für schlecht?

Oh, keineswegs. Oh, nein. Sie ist schlecht, wenn sie schlechte Ansichten mit guten verwechselt, aber ich glaube gewiß nicht, sie sei stets schlecht. Man müßte sonst sagen, jede Erziehung sei schlecht, wollte man dies behaupten, denn die Erziehung besteht aus einer Art von Propaganda.

Meinen Sie, daß die Stärke der Macht der Propaganda deren Beschränkung erfordert? Sind die Menschen in einen Zustand der Unterwerfung unter die Mittel der Massenkommunikation geraten, in dem sie nicht mehr selbständig klar denken können?

Oh, sicherlich muß die Propaganda enorm beschränkt werden. Soviel ich weiß, sind die Ansichten des Durchschnittsrussen über das, was in den westlichen Ländern vorgeht, sehr, sehr weit von der Wahrheit entfernt, und das kommt von der Herrschaft der Propaganda über die Erziehung, die in den kommunistischen Ländern existiert. Es gibt eine etwas weniger strenge Überwachung in den nicht-kommunistischen Ländern, aber dennoch eine sehr starke Manipulation mit dem Ziel, nicht die Menschen zum wahrheitsgemäßen Denken zu erziehen, sondern sie das denken zu lassen, was ihre Regierung denkt.

Wie steht es mit dem Westen? Bedarf die Propaganda nicht im Westen sehr der Beschränkung?

Gewiß bedarf sie der Beschränkung. Nicht so viel wie im Osten, aber auch sie braucht eine Beschränkung, weil Sie feststellen werden, daß es bei allem, was an Schulen und Universitäten gelehrt wird, keinen freien ungehinderten Wettbewerb zwischen verschiedenen Ansichten gibt, sondern daß bestimmte Ansichten auf Kosten der anderen sehr stark begünstigt werden.

Wie wichtig ist nun dies ganze Problem der Anwendung und des Mißbrauchs von Macht im Leben eines Menschen?

Ich glaube, es ist von ganz enormer Bedeutung, und tatsächlich bin ich der Ansicht, dies sei fast der Hauptunterschied zwischen einer guten Regierung und einer schlechten. In einer guten Regierung wird die Macht mit Einschränkungen und ausgleichenden Kontrollen ausgeübt, während sie bei einer schlechten Regierung unterschiedslos gebraucht wird. Ich meine, die ganze Frage ist überaus wichtig.“

 

Berühmte Männer, die ich kannte

 

„Lenin, mit dem ich 1920 in Moskau eine lange Unterredung hatte, besaß, oberflächlich betrachtet, sehr wenig Aehnlichkeit mit Gladstone, und doch hatten die beiden Männer, wenn man vom Unterschied der Zeit, des Ortes und der Weltanschauung absieht, vieles gemeinsam. Um zunächst von den Unterschieden zu sprechen: Lenin war grausam, Gladstone nicht; Lenin hatte keine Achtung vor der Tradition, Gladstone sehr viel; Lenin waren alle Mittel recht, den Sieg seiner Partei herbeizuführen, während für Gladstone die Politik ein Spiel mit bestimmten Regeln war, die man einhalten mußte. Alle diese Unterschiede sprechen meines Erachtens für Gladstone, und daher hatte Gladstones Politik im allgemeinen wohltätige, die Lenins katastrophale Folgen. Trotz dieser Unterschiede jedoch gibt es eine Reihe ebenso schlagender Aehnlichkeiten. Lenin hielt sich für einen Atheisten; darin täuschte er sich aber. Er glaubt, die Welt werde von der Dialektik beherrscht, und er sei ihr Werkzeug; genau so wie Gladstone sah er sich als das menschliche Werkzeug einer übermenschlichen Macht. Seine Rücksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit betraf nur die Mittel, nicht den Zweck; er hätte seine persönliche Macht nicht um den Preis der Abtrünnigkeit erkaufen wollen. Beide schöpften ihre persönliche Kraft aus dieser unerschütterlichen Ueberzeugung von ihrer eigenen Redlichkeit. Beide wagten sich zur Unterstützung ihrer Weltanschauung auf Gebiet, auf denen sie sich durch ihre Unwissenheit nur lächerlich machen konnten - Gladstone an die Bibelkritik, Lenin an die Philosophie.

Als Persönlichkeit war meines Erachtens Gladstone der Unvergeßlichere von beiden. Als Prüfstein dient mir hier der Eindruck, den man von jedem der beiden als zufällig Mitreisender in einem Zug empfangen hätte, ohne zu wissen, wen man vor sich hatte. Ich bin überzeugt, daß mir unter solchen Umständen Gladstone als einer der bemerkenswertesten Menschen, denen ich je begegnet bin, aufgefallen wäre und mich gar bald zu schweigender Ergebenheit in seine Ansichten gezwungen hätte. Lenin hingegen wäre mir wohl sofort als engstirniger Fanatiker und billiger Zyniker erschienen. Ich behaupte nicht, daß dies ein gerechtes Urteil gewesen wäre; es wäre ungerecht oder besser unvollständig gewesen. Als ich mit Lenin zusammentraf, machte er mir viel weniger den Eindruck eines großen Mannes, als ich erwartet hatte; die stärksten Eindrücke, die ich empfing, waren engstirniger Fanatismus und mongolische Grausamkeit. Als ich ihn über den Sozialismus in der Landwirtschaft befragte, führte er lachend aus, wie er die ärmeren Bauern gegen die reicheren aufgehetzt hatte, „und sie knüpften sie bald am nächsten Baum auf - ha! ha! ha!“ Sein Lachen beim Gedanken an die Hingemordeten ließ mir das Blut gerinnen.

Die politischen Führereigenschaften lagen bei Lenin weniger klar zutage als bei Gladstone. Ich zweifle, ob Lenin in ruhigeren Zeiten ein Führer hätte werden können. Das Geheimnis seiner Macht war, daß er inmitten eines verwirrten und geschlagenen Volkes fast als einziger keine Zweifel hegte und trotz des militärischen Zusammenbruchs Hoffnung auf einen neuen, andersgearteten Sieg versprach. Diese Botschaft verkündete er anscheinend mit kühlem Verstand, der die Logik zum Bundesgenossen anrief. So erschien die Leidenschaft seiner Anhänger allmählich ihnen wie Lenin selbst als wissenschaftlich untermauert und als der einzige Weg zum Heil der Welt. Robespierre muß ähnliche Eigenschaften besessen haben …

Ich habe von Menschen gesprochen, die auf diesem oder jenem Gebiet berühmt waren. Eigentlich aber bin ich ebensooft von Männern wie Frauen tief beeindruckt gewesen, die in keiner Weise berühmt waren. Das Unvergeßlichste ist mir eine bestimmte sittliche Eigenschaft, eine gewisse Selbstlosigkeit, sei es nun im Privatleben, in öffentlichen Angelegenheiten oder im Streben nach der Wahrheit. Ich hatte einmal einen Gärtner, der weder lesen noch schreiben konnte, aber ein vollkommenes Beispiel einfacher Güte war, so wie Tolstoi sie unter seinen Bauern so gerne beschreibt. Ein Mann, den ich wegen seiner Herzensreinheit nie vergessen werde, war E. D. Morel. Er erfuhr als Beamter einer Liverpooler Reederei von den Greueln bei der Ausbeutung des Kongogebiets durch König Leopold. Um die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf diese Zustände zu lenken, mußte er seine Stellung und seinen Lebensunterhalt opfern. Zunächst auf sich allein gestellt, gewann er allmählich trotz der Oppostion aller europäischen Regierungen das Ohr der Oeffentichkeit und setzte eine Reform durch. Den neuen Ruhm, den er so erworben hatte, opferte er im Kriege dem pazifistischen Gedanken; er wurde während des Krieges eingekerkert. Er lebte bis kurz nach der Bildung der ersten Labourregierung, aus der Ramsay MacDonald ihn ausschloß, in der Hoffnung, dadurch seine eigene pazifistische Vergangenheit zu verschleiern. Solchen Menschen sind selten äußere Erfolge beschieden, aber sie erfüllen alle, die sie kennen, mit Liebe und Bewunderung, und das ist mehr, als jene empfangen, die weniger reinen Herzens sind.“

 

Leben in Zeiten der Bombe

 

Die Wasserstoffbombe (im Gespräch mit Woodrow Wyatt, 1959)

 

„Jeder erinnert sich daran, daß Nobel (Alfred Nobel, 1833-96), der sich den Nobel-Friedenspreis ausdachte und ein sehr nachdrücklicher Befürworter des Friedens war, auch das Dynamit erfand. Er glaubte, das Dynamit werde den Krieg so schrecklich machen, daß es niemals einen weiteren Krieg geben würde. Nun, es hat sich nicht in dieser Weise ausgewirkt, und ich befürchte, es könnte mit der Wasserstoffbombe genau so gehen.

Sicherlich hat die Wasserstoffbombe einen ganz anderen Charakter. Sie ist nicht nur eine größere Waffe auf demselben Gebiet, sondern eine ganz andersartige Waffe.

Ja, aber die Menschen gewöhnen sich so schrecklich schnell an das Neue. Als die Atombomben in Hiroshima und Nagasaki fielen, war die Welt starr vor Schrecken, und alle dachten, „Wie fürchterlich ist dies." Nun rechnet man heute die Atombombe zu den taktischen Waffen, und niemand regt sich groß darüber auf. Sie ist eine vertraute alte Sache wie Bogen und Pfeile.“

 

Der Weg zum Weltstaat (1948)

 

Ernst Tugendhat im Jahr 1987: „Wenn also die freiwillige Realisierung eines Weltstaats unwahrscheinlich ist, weil alle wichtigen Kontrahenten auf ihre Macht freiwillig verzichten müßten, gibt es nur die andere Möglichkeit, daß ein Weltstaat durch gewaltsame Machtdurchsetzung einer Seite und die Unterwerfung der anderen, also durch Krieg realisiert wird. Vielleicht gab es nach dem Zweiten Weltkrieg eine kurze Zeit, in der dieser Weg, so grauenhaft die Vorstellung ist, zumindest denkbar gewesen ist. Immerhin verdient es nicht vergessen zu werden, daß der größte Pazifist unserer Zeit, Bertrand Russell, im Jahr 1948 den Vorschlag machte, die Vereinigten Staaten sollten durch Kriegsdrohung und notfalls Krieg die Sowjetunion zwingen, einem zu gründenden Weltstaat beizutreten ("The Future of Mankind", in Unpopular Essays, New York 1950).

Dieser Vorschlag war ein Akt der Verzweiflung, den Russell schnell wieder zurücknahm, aber bevor man ihn entrüstet von sich weist, sollte man ihn wenigstens einen Moment lang aushalten. Wenn es wahr ist, daß nur ein Weltstaat uns vor dem Untergang bewahren kann, und wenn es wahr ist, daß wir nur durch einen Krieg zu einem Weltstaat kommen, so stünden wir ja vor einem entsetzlichen Dilemma: das einzige Mittel, künftige Kriege zu verhindern, wäre ein Krieg.

Die falsche Prämisse in diesem Argument ist, daß wir mit Sicherheit voraussehen könnten, daß Kriege nur durch einen Weltstaat zu verhindern sind. Anstelle von "sicher" darf man hier nur sagen "sehr wahrscheinlich". Die Meinung, historisch etwas mit Sicherheit voraussehen zu können, kann immer nur eine Anmaßung sein.

Ich fürchte nur, daß ich mit dieser Aussage eine schnellere Zustimmung finde als mir lieb ist. Diejenigen, die einen Vorschlag wie den von Russell aus dem Jahr 1948 a priori von sich weisen, tun es, weil sie wohl meist emotional unfähig sind, der Gefahr des Weltuntergangs ins Auge zu sehen und daher unfähig, die Dringlichkeit eines Weltstaats einzusehen. Inzwischen haben sich die Vernichtungspotentiale so vervielfacht, daß nur noch einige Verrückte in Washington (und ich weiß nicht, ob es solche auch in Moskau gibt) an der Idee einer Weltherrschaft festhalten – Weltherrschaft muß ich jetzt sagen, nicht Weltstaat, denn hier handelt es sich nicht mehr wie bei Russell um eine Idee aus neutraler Überlegung, sondern um die Steigerung der eigenen Macht ins Universelle.“

https://www.zeit.de/1987/49/ueberlegungen-zum-dritten-weltkrieg/seite-3

 

Bertrand Russell: „Wenn nicht gänzlich unvorherzusehende Ereignisse eintreten, wird noch vor Ablauf dieses Jahrhunderts entweder das menschliche Leben auf unserem Planeten überhaupt auf gehört haben oder seine Bevölkerung nach einer katastrophalen Verminderung in den Zustand der Barbarei zurückfallen oder die Welt unter einer einzigen Regierung vereinigt sein, die das Monopol für alle wichtigeren Kriegswaffen besitzt.

Ich behaupte nicht, zu wissen, welche dieser drei Möglichkeiten eintreten wird, oder auch nur, welche die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat. Ich bestreite nur, daß der bisherige Zustand fortdauern kann.

Die Vernichtung der menschlichen Rasse ist noch nicht für den nächsten Weltkrieg zu erwarten, es sei denn, daß er länger aufgeschoben wird, als im Augenblick wahrscheinlich ist. Aber wenn dieser nächste Krieg keine klare Entscheidung bringt oder der Sieger sich unvernünftig benimmt, ja wenn überhaupt organisierte Staatswesen diesen Krieg überdauern, so ist nach seinem Abschluß ein Zeitabschnitt fieberhaft technischer Entwicklung zu erwarten. Viele nüchterne Männer der Wissenschaft glauben, daß dann mit Hilfe einer weitaus wirksameren Nutzbarmachung der Atomenergie, als sie zur Zeit möglich ist, u. a. radioaktive Wolken erzeugt und um den Erdball geschickt werden können, die das Gewebe aller Lebewesen zerstören. Die ungemütliche Episode des „Lebens“ wird danach zu Ende sein, und nur mehr friedliche Steinmassen werden sich weiter um die Sonne drehen, bis sie schließlich explodiert.

Vielleicht würde ein unbeteiligter Zuschauer diese Lösung für die wünschenswerteste halten, in Anbetracht der schon so lange anhaltenden menschlichen Torheit und Grausamkeit. Aber wir anderen, die wir Mitspieler in diesem Drama sind, eingeflochten in das Netz privater Neigungen und allgemeiner Wünsche, wir können eine solche Einstellung kaum mit reinem Herzen dulden. Es stimmt schon, daß ich Menschen sagen hörte, sie würden der Unterwerfung unter die Sowjetunion den Untergang vorziehen, und sicher gibt es auch in Rußland Leute, die in bezug auf die Unterwerfung unter den westlichen Kapitalismus genau dasselbe sagen würden. Aber das ist pure Rederei unter der lügenhaften Maske von Heroismus. Wenn man das also auch als gedankenlosen Unsinn ansehen kann, so ist es doch gefährlich, weil es die Energie der Menschen beim Suchen nach einem Ausweg aus der Katastrophe, die sie angeblich nicht fürchten, nur lähmen kann.

Bei einem Rückfall in die Barbarei wäre eine spätere allmähliche Rückkehr zur Zivilisation - wie etwa nach dem Untergange Roms - noch immer wahrscheinlich. Einige hundert Jahre hindurch würde das Leben zwar hart und grau sein, aber dann würde es doch noch eine Zukunft für die Menschheit geben und vielleicht eine berechtigte Hoffnung.

Ich halte einen solchen Ausgang des wahrhaft „wissenschaftlichen“ Weltkrieges keineswegs für unwahrscheinlich. Man stelle sich vor, daß beide Parteien die wichtigsten Städte und Industriezentren des Feindes zu zerstören vermögen, daß Laboratorien und Bibliotheken so gut wie völlig vernichtet und die Reihen der Forscher gelichtet worden sind, daß Hungersnot infolge radioaktiver und Pestilenz infolge bakteriologischer Kriegsführung ausbrechen: würde das Gewebe der menschlichen Gesellschaft derartige Zerreißproben überstehen? Würden nicht Propheten der an den Rand des Wahnsinns getriebenen Bevölkerung predigen, daß ihr Unglück nur von der Wissenschaft komme und daß die Ausrottung der Bildungsschicht das tausendjährige Reich Christi bringen würde? Aus verzweifeltem Elend werden verzweifelte Hoffnungen geboren, und in einer solchen Welt könnte es nur Hoffnungen geben, die abseits aller Vernunft liegen. Ich glaube, die großen Staaten, in denen wir zu leben gewohnt sind, würden aufhören zu bestehen und die wenigen, weit verstreuten Ueberlebenden würden zu einer primitiven Dorfwirtschaft zurückkehren.

Die dritte Möglichkeit, die Errichtung einer einzigen Regierung für die ganze Welt, könnte auf verschiedene Weise Wirklichkeit werden: durch einen Sieg entweder der Vereinigten Staaten oder der UdSSR im nächsten Weltkrieg, theoretisch auch durch ein Uebereinkommen. Oder aber - und das wäre wohl unter den überhaupt in Betracht kommenden Möglichkeiten der hoffnungsvollste Ausweg - durch ein Bündnis derjenigen Nationen, die eine internationale Regierung wünschen, ein Bündnis, welches schließlich so stark werden müßte, daß Rußland es nicht länger wagen könnte, abseits zu stehen. Es wäre denkbar, daß diese Lösung auch ohne einen neuen Krieg zu erreichen ist, aber dazu müßte es in einer Reihe von Ländern Staatsmänner geben, die zugleich Mut und Phantasie besitzen.

Gegen den Plan einer Weltregierung werden verschiedene Gründe geltend gemacht. Das verbreitetste Gegenargument ist, daß das Projekt utopisch und unausführbar sei; aber die Verfechter dieser Meinung - ebenso übrigens wie die meisten Befürworter einer Weltregierung - denken dabei nur an eine auf dem Wege der Verständigung zustande gekommene Weltregierung. Meiner Ansicht nach liegt es jedoch auf der Hand, daß für absehbare Zeit jede Hoffnung auf eine wirkliche Verständigung durch den beiderseitigen Argwohn zwischen Rußland und dem Westen zunichte gemacht wird. Jede vorgebliche universelle Autorität, der beide Seiten zustimmen können, muß wie die UN, nach Lage der Dinge, eine bloße Fassade bleiben. Man braucht nur an die Schwierigkeiten zu denken, auf die das viel bescheidenere Projekt einer internationalen Kontrolle der Atomenergie gestoßen ist, der Rußland nur zustimmen will, wenn sie dem Veto unterliegt und damit zu einer Farce wird. Wir sollten uns meiner Meinung nach zu der Erkenntnis durchringen, daß eine Weltregierung auf dem Wege der Gewalt erzwungen werden muß.

Es habe Kriege gegeben, so argumentiert man, seit die Menschen sich über den Familienverband hinaus zusammengeschlossen haben; trotzdem sei die menschliche Rasse nicht ausgestorben. Warum sollte sie also nicht weiterhin am Leben bleiben, selbst wenn weiter von Zeit zu Zeit Kriege ausbrächen? Ueberdies liebten die Völker den Krieg und würden das Leben ohne ihn schal und leer finden, und ohne Krieg werde es keine Gelegenheit mehr für Heldentum und Opfermut geben. Diese Argumentation läßt die modernen technischen Möglichkeiten außer acht. Die Zivilisation könnte wahrscheinlich noch einen Weltkrieg überstehen, vorausgesetzt, daß er sehr bald kommt und nicht lange dauert. Aber wenn sich das Tempo der Erfindungen und Entdeckungen nicht verlangsamt und weiter große Kriege ausbrechen, wird die zu erwartende Zerstörung, selbst wenn die menschliche Rasse nicht ganz ausgerottet wird, ziemlich sicher zu einem Rückfall in ein primitives gesellschaftliches System führen, wie ich oben ausgeführt habe. Es wird - nicht nur infolge der Kriegshandlungen, sondern auch durch Hunger und Krankheit - ein so gewaltiger Bevölkerungsrückgang eintreten, daß die Ueberlebenden zwangsläufig wieder in einen gewissen Urzustand zurückfallen und, wenigstens auf längere Zeit, nicht die Eigenschaften besitzen werden, die für einen Wiederaufbau der Zivilisation erforderlich sind. Ebensowenig kann man vernünftigerweise die Hoffnung haben, daß es nicht mehr zum Kriege kommen wird, ohne daß wirksame Maßnahmen gegen ihn ergriffen werden. Kriege sind immer wieder von Zeit zu Zeit ausgebrochen und werden offensichtlich auch früher oder später wieder ausbrechen, wenn die Menschheit nicht irgendein System annimmt, das Kriege unmöglich macht. Das einzige derartige System aber ist eine Weltregierung mit einem militärischen Monopol.

Wenn man die Dinge weiter treiben läßt, so werden die Spannungen zwischen Rußland und den Westdemokratien noch so lange anhalten, bis Rußland einen erheblichen Atombombenvorrat besitzt. Dann wird ein Atomkrieg ausbrechen und in ihm - selbst wenn die schlimmsten Folgen vermieden werden - Westeuropa einschließlich England tatsächlich ausgelöscht werden. Falls Amerika und die UdSSR als geordnete Staatswesen übrig bleiben, werden sie sehr rasch wieder gegeneinander Krieg führen. Bleibt eine Seite Sieger, dann wird diese die Welt beherrschen, und eine einheitliche Weltregierung wird eingesetzt werden müssen; falls das nicht erfolgt, wird die Menschheit, mindestens aber die Zivilisation untergehen. Diese Entwicklung ist unvermeidlich, falls die Nationen und die Lenker ihrer Geschicke es an einer konstruktiven Planung fehlen lassen.

Mehr als die Hälfte aller Amerikaner ist nach einer Umfrage des Gallup-Institutes der Meinung, daß eine Weltregierung wünschenswert ist. Aber sie denken dabei an etwas, was auf dem Wege friedlicher Verhandlungen vereinbart wird, und schrecken vor dem Gedanken an Gewaltanwendung zurück. In dieser Hinsicht sind sie, glaube ich, im Irrtum. Ich hoffe, daß es genügen wird, mit Gewaltmaßnahmen nur zu drohen; im anderen Falle aber sollte wirklich Gewalt angewandt werden.

Wie wird die Welt nun aussehen, wenn in einem Krieg zwischen den USA und der UdSSR durch den Sieg einer Partei ein Monopol der militärischen Machtmittel errichtet würde? In einer solchen Welt wird ein erfolgreicher Aufstand unmöglich sein. Obwohl natürlich noch gelegentliche Ueberfälle vorkommen können, wird der Sieger dank der Tatsache, daß er allein über alle wichtigen Waffen verfügt, praktisch unwiderstehlich sein. Deswegen wird Friede herrschen. Die Oberschicht, zumindest der herrschenden Nation, auch wenn sie sonst nichts abzugeben gewillt ist, wird in einer Sphäre außerordentlich großen materiellen Komforts leben. Wie bei den Römern wird das Bürgerrecht zu gegebener Zeit auch auf die Besiegten ausgedehnt werden. Wir werden einen wirklichen Weltstaat - und in seiner Folge allgemeine Sicherheit - haben, und man wird darüber vergessen können, daß er seine Entstehung kriegerischen Eroberungen verdankt. Ein Weltreich unter Führung der USA oder der UdSSR ist somit den Folgen einer längeren internationalen Anarchie wie der gegenwärtigen vorzuziehen.

Allerdings gibt es gewichtige. Gründe, die einen Sieg Amerikas wünschenswert erscheinen lassen. In meinen Augen der wichtigste ist, daß in Amerika mehr Achtung vor der Freiheit und anderen Werten einer zivilisierten Lebensform besteht als in Rußland. Was ein russischer Sieg bedeuten würde, läßt sich unschwer aus der Entwicklung in Polen ablesen. In Polen gab es blühende Universitäten, deren Professoren große geistige Leistungen aufzuweisen hatten. Einige von ihnen sind glücklicherweise entkommen; die übrigen aber sind einfach verschwunden. Das Unterrichtswesen ist jetzt auf das Erlernen der orthodoxen stalinistischen Lehre beschränkt worden, und die höhere Schulbildung ist lediglich den Jugendlichen zugänglich, deren Eltern „unbelastet“ sind. Geistige Werte können durch ein derartiges Bildungssystem nicht geschaffen werden. Der Mittelstand wurde durch Massendeportationen vernichtet, zunächst im Jahre 1940 und dann wieder nach der Vertreibung der Deutschen. Politiker der Mehrheitsparteien wurden liquidiert, eingekerkert oder zur Flucht gezwungen. Wer den Verdacht der Regierung erregt hat, kann oft nur dadurch sein Leben retten, daß er seine Freunde an die Polizei verrät und bei den folgenden Gerichtsverhandlungen Meineide schwört. Wenn dieses Regime während einer Generation an der Macht bleibt, wird es zweifellos seine Ziele erreichen. Die traditionelle polnische Feindschaft gegen Rußland wird durch die kommunistische Orthodoxie ersetzt werden. Wissenschaft und Philosophie, Kunst und Literatur werden zu knechtischen Anhängseln des Regierungssystems werden, geistlos, beschränkt und dumm. Kein Individuum wird selbst denken oder auch nur fühlen, jeder wird eine bloße Nummer in der Masse sein. Nach einem russischen Sieg würde diese Mentalität in der ganzen Welt herrschen. Zweifellos müßte als Folge des Sieges eine gewisse Nachgiebigkeit letztlich zu einer Lockerung der Kontrollmaßnahmen führen, aber doch nur sehr langsam, und es bliebe zweifelhaft, ob man je wieder zur Achtung der Einzelpersönlichkeit zurückkehren würde. Aus diesen Gründen wäre ein russischer Sieg in meinen Augen ein schreckliches Unglück.

Ein Sieg der Vereinigten Staaten hätte weit weniger drastische Folgen. Zunächst einmal würde es sich nicht um einen Sieg der Vereinigten Staaten allein handeln, sondern eines Bündnissystems, in dem die anderen Mitglieder einen großen Teil ihrer Unabhängigkeit behalten hätten. Man kann sich auch kaum vorstellen, daß die amerikanische Armee die Professoren von Oxford und Cambridge zur Zwangsarbeit nach Alaska schicken würde. Ebensowenig glaube ich, daß sie einen Mann wie Attlee wegen Beteiligung an einer Verschwörung anklagen und damit zwingen würde, nach Moskau zu fliehen, lauter Analogien zu den Dingen, die die Russen in Polen getan haben. Auch nach dem Sieg einer von den USA geführten Allianz würde es immer noch eine britische, französische, italienische und, wie ich hoffe, auch deutsche Kultur geben. Es würde nicht die gleiche tote Uniformität entstehen, die die Folge einer sowjetrussischen Herrschaft wäre.

Die Moskauer Orthodoxie ist viel durchdringender als die von Washington. Ein amerikanischer Erbbiologe kann von der Lehre Mendels halten, was er will; wenn man aber in Rußland als Biologe nicht mit Lysenko übereinstimmt, läuft man Gefahr, auf geheimnisvolle Weise zu verschwinden. In Amerika kann man getrost, wenn man sich dazu veranlaßt fühlt, ein kritisches Buch über Lincoln schreiben: in Rußland würde ein Buch, in dem Lenin kritisiert wird, nicht veröffentlicht und der Verfasser selbst liquidiert werden. Als amerikanischer Volkswirtschaftler kann man die Meinung vertreten, daß Amerika auf eine Depression zusteuert, oder auch das Gegenteil; in Rußland wagt kein Volkswirtschaftler zu bezweifeln, daß in Amerika die Depression vor der Tür steht. In Amerika kann ein Philosoph ein Idealist, ein Materialist, ein Pragmatist, ein Positivist sein, oder Was ihm sonst gefällt, er kann auf Kongressen mit Leuten diskutieren, die anderer Meinung sind, und die Hörer können sich ein Urteil darüber bilden, wer recht hat. In Rußland muß man ein dialektischer Materialist sein. Allerdings überwiegt manchmal das materialistische Element das dialektische oder umgekehrt, und wer den Entwicklungen der offiziellen Metaphysik nicht mit der erforderlichen Wendigkeit folgt, hat Schlimmes zu befürchten. Stalin zwar weiß jederzeit die Wahrheit über die Metaphysik, aber man darf nicht glauben, daß die Wahrheit in diesem Jahr so lautet wie im vergangenen. In einer solchen Welt muß das geistige Leben stagnieren, und selbst der technische Fortschritt muß zum Stillstand kommen.

Freiheit ist wichtig, nicht nur für die Intellektuellen, sondern für jeden. Da es in Rußland keine Freiheit gibt, hat die sowjetische Regierung ein größeres Maß wirtschaftlicher Ungleichheit schaffen können, als es in England oder Amerika besteht. Eine Oligarchie, die alle Mittel der öffentlichen Meinungsbildung kontrolliert, kann Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten begehen, die kaum möglich wären, wenn sie allgemein bekannt würden. Nur die Demokratie und die volle Oeffentlichkeit des Staatslebens kann die Machthaber hindern, einen Sklavenstaat mit Luxus für wenige und Armut für viele aufzurichten, wie es die Sowjetregierung überall da getan hat, wo sie die absolute Herrschaft ausübt. Natürlich gibt es in der ganzen Welt wirtschaftliche Ungleichheit, aber unter einem demokratischen Regime wird sie allmählich schwächer, in einer Oligarchie dagegen stärker werden. Und überall da, wo eine Oligarchie an der Macht ist, droht die wirtschaftliche Ungleichheit zu einem Dauerzustand zu werden, eben weil eine erfolgreiche Revolution unter den modernen Verhältnissen unmöglich ist.

Jetzt komme ich zu der Frage: was für eine Politik sollen wir angesichts der zahllosen Gefahren einschlagen, der die Menschheit ausgesetzt ist? Um unsere oben dargelegten Argumente kurz zusammenzufassen: wir müssen uns gegen drei Gefahren wappnen. Erstens gegen die Austilgung der menschlichen Rasse; zweitens gegen einen Rückfall in die Barbarei; drittens gegen die Errichtung eines über die ganze Welt ausgedehnten Sklavenstaates, der für die überwiegende Mehrheit Verelendung mit sich bringt und jeglichen Fortschritt in Wissenschaft und Denken auslöscht. Die erste oder die zweite dieser Katastrophen wird fast mit Sicherheit eintreten, es sei denn, große Kriege könnten rasch zu einem Ende gebracht werden. Die großen Kriege können nur aufhören, wenn alle militärische Macht unter einer einzigen Autorität zusammengefaßt wird. Infolge des sowjetrussischen Widerstandes kann eine solche Konzentration nicht auf dem Verhandlungswege erreicht werden. Aber erreicht werden muß sie irgendwie. Der erste Schritt dazu ist, die Vereinigten Staaten und das Britische Commonwealth von der absoluten Notwendigkeit einer militärischen Zusammenfassung der Welt zu überzeugen. Alsdann sollten die Regierungen der Englisch sprechenden Nationen allen anderen Ländern den Beitritt zu einem festen Bündnis unter Konzentration aller militärischen Mittel und bei gegenseitiger Verteidigung gegen jeden Angriff vorschlagen. Nationen, die wie Italien oder China noch zögern, sollten durch gewichtige wirtschaftliche und militärische Gründe zur Mitarbeit geworben werden.

In einem gewissen Stadium, d. h. wenn das Bündnis stark genug geworden ist, sollte jede Großmacht, die sich noch weigert beizutreten, mit der Strafe der Aechtung bedroht und, falls sie dann noch widerstrebt, als öffentlicher Feind betrachtet werden. Ein daraus entstehender Krieg würde voraussichtlich, falls er bald kommt, die wirtschaftliche und politische Struktur der Vereinigten Staaten intakt lassen. Er würde die siegreiche Allianz in die Lage versetzen, ein militärisches Monopol aufzurichten und damit den Frieden zu sichern. Wenn die Allianz stark genug ist, braucht es zu diesem Kriege nicht erst zu kommen, denn dann würden die widerstrebenden Staaten es vorziehen, ihr als gleichberechtigte Mitglieder beizutreten, anstatt sich ihr nach einem furchtbaren Kriege als besiegte Feinde unterwerfen zu müssen. Eine Hoffnung, den Krieg auf irgendeine andere Weise zu vermeiden, sehe ich nicht. Ob Rußland aber bloßen Kriegsdrohungen nachgeben wird, ist eine Frage, die ich nicht zu beantworten wage.

Ich habe mich vorwiegend mit den düsteren Aspekten der gegenwärtigen Situation der Menschheit befaßt. Aber das muß man tun, um die Welt dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die den traditionellen Gewohnheiten des Denkens und den eingewurzelten Vorurteilen zuwiderlaufen. Jenseits der Schwierigkeiten und voraussichtlichen Tragödien, welche die nahe Zukunft bringen wird, liegt die Möglichkeit eines größeren Wohlstandes, als ihn die Menschheit bisher je gekannt hat. Von der Auflösung des Römischen Reiches bis zum heutigen Tage sind die Staaten immer größer geworden. Jetzt gibt es nur noch zwei völlig unabhängige Staaten: Amerika und Rußland. Der nächste Schritt in dieser langen historischen Entwicklung müßte darin bestehen, daß beide in einem einzigen Staat zusammengefaßt werden und damit die lange Periode des organisierten Kriegszustandes beendet wird, die vor rund 6000 Jahren in Aegypten begann. Wenn der Krieg ohne die Aufrichtung einer drückenden Tyrannei verhindert werden kann, wird der menschliche Geist von einer schweren Last befreit und die tief eingewurzelte Furcht der Massen gebannt werden. Und wenn die Furcht abnimmt, können wir hoffen, daß auch die Grausamkeit sich verringert.

Seltsam sind die Nutzanwendungen, zu denen die Menschen ihre erhöhte Kontrolle der Naturkräfte herangezogen haben. Im neunzehnten Jahrhundert widmeten sie sich hauptsächlich der Vermehrung der Exemplare der Gattung homo sapiens, und zwar besonders der weißen Spielart. Im zwanzigsten Jahrhundert haben sie bis jetzt das genau entgegengesetzte Ziel verfolgt. Infolge des gesteigerten Arbeitsertrages ist es möglich geworden, dem Kriege einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung zuzuführen. Wenn die Atomenergie wirklich eine Erleichterung der Produktion bedeutet, wäre, wie die Dinge liegen, die einzige Wirkung die, daß die Kriege noch schlimmer würden, da ja weniger Menschen für die Aufgabe, das Lebensnotwendige herzustellen, benötigt würden. Solange wir mit dem Problem der Abschaffung des Krieges nicht fertig werden, besteht kein Grund, über die arbeitsparende Technik zu frohlocken; eher ist das Gegenteil angebracht. Andererseits könnte nach einer Ausschaltung der Kriegsgefahr endlich auch die technische Wissenschaft der Förderung der menschlichen Wohlfahrt nutzbar gemacht werden. Dann besteht kein technischer Grund mehr für die Fortdauer der Armut, selbst nicht in so dicht bevölkerten Ländern wie Indien und China. Wenn der Krieg die menschliche Tatkraft nicht mehr in Anspruch nimmt, könnten wir innerhalb einer Generation aller wirklich bedrückenden Armut in der ganzen Welt ein Ende machen.

Freiheit ist kein absoluter Wert. Wir alle erkennen die Notwendigkeit an, mit Mördern fertig zu werden; noch wichtiger aber ist es, mit mörderischen Staaten fertig zu werden. Freiheit muß ihre Grenzen im Gesetz finden, sie kann in ihren besten Formen nur innerhalb eines Rechtssystemes existieren. Was die Welt am dringendsten braucht, ist eine wirksame Gesetzgebung zur Regelung der internationalen Beziehungen. Der erste und schwierigste Schritt auf dem Wege zu einer solchen Gesetzgebung ist die Festlegung angemessener Sanktionen. Sie werden nur durch die Bildung einer einzigen bewaffneten Streitmacht unter der Kontrolle der ganzen Welt ermöglicht. Aber diese Militärmacht darf ebensowenig wie die Polizei einer Gemeinde zum Selbstzweck werden. Sie ist nur ein Mittel zum Gedeihen eines vom Recht beherrschten Gesellschaftssystems, in dem die. Macht nicht mehr das Vorrecht einzelner Personen oder Nationen ist, sondern nur von einer neutralen Autorität nach vorher niedergelegten Rechtsnormen ausgeübt wird. Es besteht die Hoffnung, daß nicht verantwortungslose Gewalt, sondern das Recht die Beziehungen der Nationen noch in, diesem Jahrhundert beherrschen wird. Wenn diese Hoffnung sich nicht verwirklicht, stehen wir yor einem ungeheuren Unglück; wenn sie sich verwirklicht, wird die Welt weitaus besser sein als zu irgendeinem Zeitpunkt in der bisherigen Geschichte der Menschheit.“

 

Kuba-Krise 1962

 

Sieg ohne Waffen – Was ein Einzelner zu tun vermag (1963)

 

Al Seckel: „Die Kubakrise dauerte nur dreizehn Tage, vom 15. Oktober bis 28. Oktober 1962. Dreizehn Tage lang wurde die Welt näher an den Abgrund eines Atomkrieges gebracht als jemals zuvor. Während dieser Zeitspanne schickte Bertrand Russell eine erstaunliche Anzahl von Telegrammen an Präsident John F. Kennedy, Generalsekretär Nikita Chruschtschow, U Thant (damals Generalsekretär der Vereinten Nationen), Premierminister Harold MacMillan und weitere Regierungsoberhäupter, sowie an größere Zeitungen wie den Manchester Guardian, die Times in London und die New York Times. Innerhalb von achtundvierzig Stunden nach Russells Telegrammen verbreitete die TASS-Nachrichtenagentur (Moskau) im Rundfunk eine wichtige Antwort an Russell von Generalsekretär Chruschtschow; dies war ein Ereignis, das Russell näher an den Mittelpunkt des Geschehens brachte. Das veranlaßte die Presse, das Fernsehen und die Rundfunk-Korrespondenten, umgehend „den neunzigjährigen Intellektuellen in roten Hausschuhen in seinem Dorf in Nordwales" zu interviewen, um herauszufinden, warum der Führer eines mächtigen Staates einen neunzig Jahre alten Philosophen in sein Spiel um die Macht einschaltete.

Einschätzungen der Wirkung Russells auf die Krise überspannen den weiten Bereich des Spektrums, von Ronald Clarks negativer Feststellung: „Es gibt keinen Beweis für die Annahme, daß Russells Vermittlung den Gang der Ereignisse beeinflußte", bis zu Behauptungen einiger Russell-Anhänger, seine Bemühungen hätten entscheidend dazu beigetragen, den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Viele damalige Zeitungsberichte lobten seine Vermittlung, weil sie den Wendepunkt in der Krise herbeigeführt habe, dagegen ignorieren viele maßgebende historische Berichte, d.h. die von Abel, Allison, Dinnerstein, Kennedy und Larson entweder Russells Beteiligung völlig, oder sie erwähnen ihn nur beiläufig. Typisch ist Robert Kennedys Darstellung in „Dreizehn Tage"; er erwähnt nur Russells Telegramm an J.F. Kennedy und Kennedys weithin veröffentlichten Tadel. Dieses Verfahren verstärkt die allgemeine falsche Auffassung, daß Russell in der Angelegenheit keine wirkliche Bedeutung gehabt habe und daß Chruschtschow nur deshalb sein Vorgehen änderte, weil Amerika seine Muskeln spielen ließ. Russell selbst hielt seine Handlungsweise für wichtig genug, um darüber in seinem Buch "Unarmed Victory" einen Bericht zu veröffentlichen. Hier wird der Versuch gemacht, die tatsächliche Wirkung von Russells Telegrammen bei der friedlichen Lösung der Kubakrise zu untersuchen und Russells eigene Rolle bei den Ereignissen zu bestimmen ...

Mittlerweile hatte Chruschtschow auf Kennedys Ankündigung der Blockade geantwortet. Chruschtschow beschuldigte den amerikanischen Präsidenten, der Sowjetunion zu drohen, und versicherte, daß die Blockade nicht beachtet werden würde. Die Sowjetunion werde ihre mit Kurs auf Kuba fahrenden Schiffe instruieren, die Anweisungen der amerikanischen Marine nicht zu befolgen. Falls irgend etwas geschehe, um die sowjetischen Schiffe aufzuhalten, „wären wir dann gezwungen, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen." Aus diesem Brief ging hervor, daß Rußland willens war wegen der sowjetischen Einrichtungen in Kuba Krieg zu führen. Die dunkelste .Stunde schien für die Welt angebrochen .zu. sein. In der Presse erschienen Überschriften wie die im Daily Sketch am 25. Oktober: "Khrushchev orders SAIL ON - OR SINK. U.S. WAITS... WATCHES". Dann begann es plötzlich heller zu werden. Chruschtschow antwortete öffentlich auf Russells Telegramm mit einem langen Brief, der von TASS am 24. Oktober veröffentlicht wurde. Es war ein Schlüsselbrief, der zum ersten Mal ein Zeichen von Kompromißbereitschaft zeigte. Chruschtschow schrieb u.a.: „Solange keine Atomraketen ins Spiel gebracht sind, ist es noch möglich, den Krieg zu vermeiden. Wenn die Aggression durch die Amerikaner ausgelöst ist, wird eine solche Begegnung bereits unmöglich und nutzlos werden."

Aus den letzten zwei Sätzen geht klar hervor, daß das einzige, was die Russen zum Krieg veranlassen konnte, eine amerikanische Aggression war. Herbert Dinnerstein hat darauf hingewiesen: „Was an dem Brief auffällt, ist, was zu sagen er unterläßt. Dahin war die Verpflichtung, Kuba zu verteidigen, dahin war die Feststellung, daß Kuba das Recht auf alle Waffen habe, die es für seine Selbstverteidigung benötige. Nicht einmal wurde eine indirekte Verpflichtung erwähnt, Kuba zu verteidigen, falls es angegriffen würde. Die einzige Forderung war, die Blockade aufzuheben; über alles übrige ließe sich wahrscheinlich verhandeln." Dies war eine recht eindrucksvolle Abkehr von dem Schreiben, das Chruschtschow am vorhergehenden Tag an Kennedy gerichtet hatte.

Wie faßte Washington Chruschtschows offenen Brief an Russell auf? Arthur Schlesinger schreibt über die Nacht des 24.:

„Ich erhielt einen Anruf von Averill Harriman. Er sprach mit ungewöhnlicher Dringlichkeit und sagte, Chruschtschow signalisiere verzweifelt den Wunsch, in Richtung einer friedlichen Kooperation zusammenzuarbeiten ... Harriman legte den Beweis dafür dar: Chruschtschows Vorschlag eines Gipfeltreffens in seiner Antwort an Bertrand Russell ... die Hinweise darauf, daß die am weitesten herangekommenen sowjetischen Schiffe ihre Fahrt verlangsamten und den Kurs änderten. ,Dies war nicht das Verhalten eines Mannes, der den Krieg wollte', sagte Harriman, ‚es war das Verhalten eines Mannes, der unsere Hilfe erbat, sich aus der Schlinge zu ziehen ... wir müssen ihm einen Ausweg geben ... falls wir dies klug zu tun vermögen, können wir die harte Gruppe in der Sowjetunion ausmanövrieren, die ihm riet, all dies zu tun. Wenn wir ihm aber keinen Ausweg bieten, dann werden wir diese Angelegenheit zu einem Atomkrieg steigern.'"

Russell telegrafierte erneut an Chruschtschow, dankte ihm für seine öffentliche Antwort und schlug als einen möglichen Kompromiß vor, daß die kubanischen Abschußrampen gegen die amerikanischen Abschußrampen in der Türkei ausgetauscht würden. In „Unarmed Victory" gab Russell zu verstehen, daß Chruschtschow seine Anregung annahm ...

Russells Telegramm vom 26. Oktober verursachte mehr Probleme, als es löste, denn - was Russell nicht wußte - an diesem Morgen regte Alexander Fomin, ein sowjetischer Botschaftsrat, an, falls die Vereinigten Staaten ihre Raketen in Florida unter Aufsicht der UNO entfernen würden, werde Generalsekretär Chruschstschow vorschlagen, niemals wieder solche Waffen nach Kuba zu liefern. Nach der Beratung über den Vorschlag übermittelte Staatssekretär Dean Rusk folgende Botschaft an Fomin: „Die Vereinigten Staaten sehen echte Möglichkeiten für eine Verhandlung, aber die Zeit ist knapp." Zwei Stunden später erhielt Kennedy einen langen Brief von Chruschtschow, in dem die Notwendigkeit eines Kompromisses betont wurde. Am gleichen Tag hatte der Sowjetbotschafter V.A. Zorin denselben Vorschlag U Thant übermittelt. Washington glaubte, daß Chruschtschows Brief an Kennedy, zusammen mit dem Vorschlag Fomins, etwas Hoffnung auf eine Regelung verspreche. Am Morgen des 27. jedoch verdüsterten sich die Aussichten plötzlich. TASS hatte begonnen, einen völlig neuen Brief Chruschtschows im Rundfunk zu verbreiten, der zur allgemeinen Bestürzung einen Vorschlag enthielt, der gänzlich verschieden war von dem durch Fomin übermittelten und im Brief Chruschtschows von der vorhergehenden Nacht enthaltenen Vorschlag. Die Sowjetunion sagte jetzt, sie werde ihre Raketen aus Kuba entfernen und der Türkei einen Nichtangriffspakt anbieten, wenn die USA ihre Raketen aus der Türkei abziehen und Kuba einen Nichtangriffspakt anbieten würden. Als dieser Vorschlag von Chruschtschow kam, waren die Amerikaner völlig überrascht. Vor dem 27. hatte Chruschtschow nur den Austausch von Florida-Basen gegen Kuba-Abschußrampen erwähnt.

In einem Interview mit dem Daily Herald am 27. Oktober sagte Russell: „Es sieht indessen so aus, als ob meine Telegramme einige Wirkung gehabt hätten." Chruschtschows Brief an Kennedy - ein Echo von Russells Worten - scheint zu zeigen, daß Chruschtschows Verwendung seiner Anregung aus seiner Korrespondenz mit Russell hervorgegangen sein muß. Kennedy dagegen fand den Gedanken völlig abwegig, und der Austausch wurde prompt zurückgewiesen ...

In seiner Autobiographie hatte Russell folgendes über sein Telegramm an Kennedy zu sagen: „Ich möchte meinen Kritikern nur diesen einen Olivenzweig reichen: Ich bedaure, daß ich mein Telegramm vom 23. Oktober an Präsident Kennedy nicht freundlicher abfaßte. Ich gebe zu, seine Unmittelbarkeit machte es unwahrscheinlich, viel Eis aufzubrechen."

Russell sagt in Unarmed Victory, was sich danach ereignete: „Spät am Abend jenes Tages, am 28., erfuhren wir, daß Parteisekretär Chruschtschow angeboten hatte, alle Abschußbasen in Kuba zu entfernen, Raketen und sowjetische Emissäre aus Kuba abzuziehen und keine weiteren Raketen nach Kuba zu exportieren. Er hatte die Rettung. der Menschheit angeboten. Die Erlösung war überwältigend.“ Russell überläßt dem Leser die Schlußfolgerung, daß die Krise erst nach seinem Telegramm vom 28. endete. Oder, wie Ronald Clark bei seiner Besprechung von Unarmed Victory es so angemessen ausdrückt: „"Es entstand der überwältigende Eindruck, daß das Ende der Krise auf Russells Telegramm wie die Wirkung auf die Ursache folgte ...

Warum antwortete Chruschtschow Russell, einem weithin bekannten Kritiker der Sowjetunion? Es war eine Anzahl international anerkannter Staatsmänner beteiligt. „Die Großen", stellte Russell im Jahre 1964 fest, „sind auf den Gipfeln des öffentlichen Ansehens gestrandet und begrüßen einen Vorwand, herunterzukommen. Das Eintreten eines Philosophen, eines Mannes ohne Macht, ohne eigennützige Zwecke, könnte ihnen einen solchen Vorwand liefern." Feinberg und Kasrils stellen in ihrer neuen Darstellung des Anteils von Bertrand Russell an der Kubakrise fest:

„Während viele Prominente und Friedensorganisationen sich nachdrücklich für eine ausgehandelte Beilegung aussprachen, ist es klar, daß Russells einzigartiges Ansehen es ihm ermöglichte, eine wichtige Rolle in der Krise zu spielen ... Die Tatsache, daß Russells Stimme beachtet wurde, ist auf seine unermüdlichen Bemühungen seit 1945 zurückzuführen, die Menschheit angesichts der Gefahren eines Atomkrieges aufzurütteln. Die Zahl der Menschen, die sich auf sein Urteil und seine Aktivitäten während dieser schwierigen Periode verließen, war beträchtlich."

Im Jahre 1957 veröffentlichte Russell einen offenen Brief an Chruschtschow und Eisenhower, in dem er sie aufforderte, vergangene Differenzen zu vergessen und über atomare Abrüstung zu sprechen. Chruschtschow antwortete sofort; Eisenhower wartete zwei Monate und überließ es dann seinem Staatssekretär, John Foster Dulles, eine Antwort zu formulieren. Chruschtschow veröffentlichte darauf eine Widerlegung der Dulles-Argumente. Russell beendete die Debatte mit einem weiteren offenen Brief, in dem er die beiden schalt wegen ihrer Unfähigkeit, vergangene Streitigkeiten zu vergessen und statt dessen ihre Aufmerksamkeit auf die wirklichen Probleme der Menschheit zu richten. Diese Debatte, die im New Statesman abgedruckt ‚wurde, hat die Sache des Friedens nicht wesentlich vorangebracht, sie zeigt aber, daß Chruschtschow zu einem frühen Zeitpunkt der Stellungnahme Bertrand Russells zum Frieden zugänglich war.

In einem Privatbrief, den Chruschtschow am 26. Oktober 1962; an Kennedy schickte, bezieht er sich auf Russell:

"Wir heißen alle Kräfte, die für den Frieden eintreten, willkommen. Infolgedessen habe ich meine Dankbarkeit auch Herrn Bertrand Russell ausgedrückt, der große Besorgnis um das Schicksal der Welt an den Tag gelegt hat, und ich ging bereitwillig auf den Aufruf des amtierenden Vorsitzenden der Vereinten Nationen, U Thant, ein."

Auch U Thant schreibt in seinem View from the United Nations die Änderung in Chruschtschows Haltung, wenigstens teilweise, Russell zu:

„Ich schreibe ausführlicher über Bertrand Russells Aktivitäten hinsichtlich der Krise, weil ich damals wie jetzt der Ansicht bin, daß Chruschtschows positive Antwort auf meinen ersten Aufruf vom 24. Oktober, wenigstens teilweise, auf Earl Russells wiederholte an ihn gerichtete Bitten zurückzuführen ist und auf seinen Glückwunsch „zu Ihrem mutigen Eintreten für die Vernunft".

In Chruschtschow erinnert sich schrieb Chruschtschow: „Wir konnten sehen, daß wir unsere Einstellung rasch ändern mußten. ‚Genossen', sagte ich, ‚wir müssen nach einem würdigen Ausweg aus diesem Konflikt suchen. Gleichzeitig müssen wir bedacht sein, Kuba nicht zu kompromittieren.' Russell, ein Nobelpreisträger, angesehen bei Millionen Menschen in der Welt, verschaffte Chruschtschow den Ausweg dadurch, daß er als einzige international angesehene Persönlichkeit Chruschtschow als einen „Friedensmacher" begrüßte. Nicht nur dies tat Russell, sondern er kritisierte öffentlich die Vereinigten Staaten in Punkten, auf die Chruschtschow verzweifelt die Aufmerksamkeit der Welt zu lenken versuchte. Falls es Chruschtschow gelingen würde, die Weltöffentlichkeit auf diese Punkte zu lenken, könnte er aus der Situation mit Anstand herauskommen, ohne das Gesicht zu verlieren. Chruschtschow hatte keinen Erfolg damit, U Thant zu überreden, die Vereinigten Staaten öffentlich zu kritisieren, angesichts der offiziellen Stellung U Thants. Russell andererseits verschaffte in seinen Briefen vom 23., 26. und besonders vom 28. (in dem er schrieb: „Ich bin der Ansicht, daß es der Weltmeinung klargemacht werden sollte ...") Chruschtschow jenen wichtigen Ausweg. Chruschtschow sah diese Möglichkeit in Russells Telegrammen und richtete seinen lebenswichtigen Brief an Russell im Bewußtsein der zusätzlichen Aufmerksamkeit, die der Brief erhalten würde. Chruschtschow zählte darauf, daß Russell, mit seinem großen Ansehen, der Welt das edle, ‚mutige Einstehen für Vernunft' der Sowjetunion verkünden werde, was Russell tatsächlich durch seine Pressemitteilungen und danach durch Veröffentlichung von Unarmed Victory zu tun versuchte. Dies ist der Grund. dafür, daß Kennedy seine weitverbreitete Antwort auf Russells Telegramm verfaßte, Kennedy würde Russell niemals geantwortet haben, wenn Russell nicht nach Chruschtschows öffentlicher Antwort weltweite Aufmerksamkeit für seine Ansichten erreicht hätte.

Auf diese Weise handelte Russell als ein Vermittler in der Krise und ermöglichte Chruschtschow einen Ausweg, den er sonst nicht gehabt hätte. Es wäre schwierig, anzugeben, was sich ereignet haben würde, falls Russell nicht interveniert hätte. Wie Averill Harriman sagte: „Falls wir ihm keinen Ausweg lassen, dann werden wir diese Sache zu einem Atomkrieg steigern."

Es zeigen sich zahlreiche Beweise dafür, daß Russells Beteiligung an der Kubakrise wichtiger war, als Clark und andere Kommentatoren angenommen haben. Für künftige Biographen Russells und Historiker der Kubakrise wäre es ein schwerwiegender Fehler bei der genauen abwägenden Darstellung der Ereignisse, wenn sie seinen unzweifelhaften Einfluß ignorieren würden.“

 

Bertrand Russell: „„Die gegenwärtige Situation bringt eine unmittelbar drohende und tägliche Gefahr, nicht nur für die Nationen der Nato und des Warschauer Pakts, sondern für die ganze Menschheit. Von all den Risiken, die mit der einen oder anderen Politik, zusammenhängen, ist keines auch nur annährend so groß wie das Risiko eines Atomkrieges. Jeder Unterhändler des Westens sollte feststellen: 'Ich bin fest davon überzeugt, daß ein Atomkrieg schlimmer als der weltweite Sieg des - Kommunismus sein würde.' Jeder Vermittler des Ostens sollte erklären: 'Ich bin fest davon überzeugt, daß ein Atomkrieg schlimmer als der weltweite Sieg des Kaptitalismus sein würde.' Diejenigen auf beiden Seiten, die sich weigerten, eine solche Erklärung abzugeben, würden Sich selbst als Feinde der Menschheit und als Befürworter der Auslöschung der Menschheit brandmarken. Heutzutage neigen Verhandlungspartner dazu, von den möglichen Gefahren bei irgendwelchen vorgeschlagenen Konzessionen an die andere Seite besessen zu sein und zu vergessen; daß die Fortsetzung des Wettrüstens viel schlimmere Gefahren mit sich bringt als diejenigen, die die Unterhändler geneigt sind, hervorzuheben:"

Chruschtschow hatte diesen Absatz in meiner Botschaft als besonders erwägenswert hervorgehoben Im Westen wurde die Botschaft weniger günstig aufgenommen: Die Gelehrten der englischen Labour Party machten den mißglückten Vorschlag, mich aus der Partei auszuschließen, weil ich mit Kommunisten gesprochen hatte.

In diesem Buch möchte ich von meinem persönlichen Standpunkt aus die Geschichte der beiden Krisen erzählen: der Kubakrise und des chinesisch-indischen Grenzkonflikts, bei denen ich versuchte, die Staatsführer und die öffentliche Meinung auf beiden Seiten zu beeinflussen. Ich werde einesteils einen Bericht darüber geben, was ich zu tun versuchte, und andererseits über die relevanten öffentlichen Vorgänge berichten. Ich hoffe, daß der persönliche Briefwechsel und die Dokumente, die ich veröffentlichen werde, ein Gefühl der Unmittelbarkeit geben und die Entwicklung von Tag zu Tag zeigen werden. Es ist mir ein Vergnügen, Gelegenheit dazu zu haben, öffentlich meinem Sekretär, Mr. Ralph Schoenman, und denjenigen in London, die mir halfen, meinen Dank zu sagen, Mr. Alastair Yule, Mr. Christopher Farley und Mr. Nicholas Johnson. Mr. Schoenman leistete übermenschliche Arbeit und erledigte sie außerordentlich gut, sowohl während der Nächte als auch der Tage in den beunruhigenden Wochen der internationalen Krise, als Briefe und Berichte geschrieben, Telegramme aufgegeben und Telefongespräche geführt und jederzeit rund um die Uhr entgegengenommen werden mußten. Es ist ihm und seinen Kollegen sowie ihren Helfern in London zu verdanken, daß ich mit den sich schnell verändernden Ereignissen Schritt halten konnte und die Briefe, Erklärungen und Telegramme wie beabsichtigt absenden konnte …

Die immense Zerstörungskraft der Atomwaffen machte einen Weltkrieg unführbar, und der Tod Stalins machte eine Koexistenz sowohl möglich als auch notwendig.

Leider hat sich die antikommunistische Propaganda aus der Zeit Stalins nach seinem Tode unvermindert fortgesetzt. Man sagt uns, und viele von uns glauben es, daß Nicht-Kommunisten für die Freiheit eintreten, während kommunistische Regierungen eine Art von Sklaverei auferlegen. Ich will sofort zugeben, daß es in kommunistischen Ländern nicht so viel Freiheit gibt, wie ich zu sehen wünschte. Ich muß aber hinzufügen, daß dasselbe in den antikommunistischen Ländern der Fall ist. Es könnte aufschlußreich sein, die Fälle von Ivinskaya in Rußland und von Sobell in den USA miteinander zu vergleichen - beide, gegen die ich heftig protestiert habe, bedauerlich. Auch könnte man die fortgesetzte Einkerkerung von Gefangenen in Griechenland und die jüngsten barbarischen Vorkommnisse in Frankreich oder die Behandlung der Nagas durch die Inder, ebenso wie die chinesische Behandlung der Tibetaner anführen, wenn jemand dazu neigt, sich zur Freiheit für Nicht-Kommunisten zu gratulieren. Ebenso gut könnte es sein, die Geschehnisse in Mississippi, Südafrika und Notting Hill in Betracht zu ziehen. Spanien und Portugal gehören angeblich zur "freien Welt" (1963, Übs.), obgleich beide Regierungen haben, die widerwärtige Tyranneien sind. In Amerika ist der Kommunismus neuerdings zu einem Verbrechen geworden. In den Jahren seit Stalins Tod hat es im Osten zunehmend Freiheit gegeben; und im Westen hat sich die Freiheit vermindert, mit dem Ergebnis, daß, heutzutage der Unterschied nicht sehr bemerkenswert ist. Mittlerweile sind Haß und Kriegsbereitschaft im Westen sowie in China und Indien eingeimpft worden, aber nicht länger in Rußland.

Ich habe durch die letzten Jahre hindurch versucht, Intoleranz zu vermindern und den Bevölkerungen bewußt zu machen, was ein Atomkrieg bedeuten würde. Es ist ein Teil dieser Bemühung, daß ich in den beiden Krisen, von denen dieses Buch handelt, aktiv geworden bin. In diesen beiden Krisen haben sich zufällig die Kommunisten, wie mir scheint, besser benommen als ihre Gegner, und dies könnte den Leser vermuten lassen, daß ich dem Kommunismus günstiger gesonnen bin, als es tatsächlich, der Fall ist. Mit wenigen Worten möchte ich meine Einstellung klarmachen.

Weil der Kommunismus undemokratisch ist, liebe ich ihn nicht. Nach einem Besuch in Rußland im Jahre 1920 schrieb ich eine sehr feindselige Kritik über ihn, und die Erwartungen, die ich danach zum Ausdruck brachte, wurden in der Zeit Stalins erfüllt. (Anm. d. Übs.: "The Practise and Theory of Bolshevism", London 1920, vgl. Anmerkung 1) Sowohl vor als auch nach dieser Zeit, um 1896 und 1934, schrieb ich sehr feindliche Kritiken über Marx, und ich sehe keinen Grund dafür, diese zu widerrufen. Kommunistische Regimes sind gewaltsam in Osteuropa errichtet worden und wären zweifellos an vielen anderen Stellen zwangsweise eingeführt worden, falls dies möglich gewesen wäre. Das ostdeutsche Regime nennt sich die Deutsche Demokratische Republik, obwohl es von einer fremden Militärmacht einer Bevölkerung aufgezwungen wurde, die es ablehnt. Dasselbe läßt sich von Ungarn sagen, wo Rußland die Art von Imperialismus an den Tag gelegt hat, den es verurteilt, wenn er von anderen praktiziert wird, wie auch von China in Bezug auf Tibet. Aber es gibt auch viele Aspekte des Kapitalismus, die man unmöglich billigen kann, besonders in seinem Verhalten gegenüber Entwicklungsländern. In Katanga hat sich der Kapitalismus als ebenso schlecht erwiesen wie der Kommunismus in Ungarn. Und ich glaube, dasselbe läßt sich vom Kapitalismus in vielen Teilen Lateinamerikas sagen. Ich meinerseits bin ein Anhänger des demokratischen Sozialismus. Mir mißfällt der Kommunismus, weil er undemokratisch ist, und der Kapitalismus, weil er die Ausbeutung begünstigt.

Aber immer, wenn die Frage von Frieden oder Krieg auf dem Spiele steht, wird die Berechtigung der beiden Seiten unbedeutend im Vergleich mit der Wichtigkeit des Friedens. Im Atomzeitalter kann die Menschheit nicht ohne Frieden überleben. Aus diesem Grunde werde ich immer für die friedlichere Partei in jedem Streit zwischen mächtigen Nationen eintreten. Es hat sich so ergeben, daß dies in den beiden Streitfällen; von denen dieses Buch handelt, die kommunistische Seite gewesen ist, aber es läßt sich nicht sagen, daß dies immer der Fall ist, und wo es nicht Zutrifft, liegen meine Sympathien bei den Antikommunisten.

Auf den folgenden Seiten werde ich hauptsächlich Vorgänge in Kuba und am Himalaya behandeln; aber ich möchte gern diesem Bericht einige allgemeinere Betrachtungen vorausschicken. In Kuba war der Streit eindeutig zwischen Kommunisten und Antikommunisten. Im chinesich-indischen Streit war im Gegenteil zunächst der Streitpunkt rein nationalistisch. China und Indien hatten beide ihren eigenen Nationalismus. Keiner berief sich auf die Vor- oder Nachteile des Kommunismus. Angenommen, daß die Vereinigten Staaten bei ihren nicht sehr präzisen Versprechen bleiben, von einer Invasion abzusehen, solange Kuba auf Atomwaffen verzichtet, ist das Ergebnis im ganzen gut. Und die Verlegung von Atomwaffen nach Kuba wäre ebenso bedauerlich gewesen wie ihre Verlegung in irgendein neues Land. Wir haben aber nicht festgestellt, daß entweder die USA oder England gegen die Aufstellung von kanadischen Atomwaffen Stellung genommen haben …

Ich drängte Premierminister Macmillan, „den amerikanischen Wahnsinn daran zu hindern, einen Atomkrieg herbeizuführen. Äußern Sie sich, solange die Zeit es erlaubt“ …

Am Nachmittag desselben Tages, des 23. Oktober, appellierte ich an die britische Presse, „der Bevölkerung die schwere Gefahr zur Kenntnis zu bringen, der die Menschheit gegenübersteht, und die Bevölkerung aufzufordern zu demonstrieren und gegen den Tod und für das menschliche Überleben zu handeln.“ Und am nächsten Tag, dem 24., brachte ich ein Flugblatt heraus:

SIE WERDEN STERBEN,

nicht auf natürliche Weise, sondern in wenigen Wochen. Und nicht Sie allein, sondern Ihre Familie, Ihre Freunde und alle Einwohner Englands, zusammen mit vielen hundert Millionen unschuldiger Menschen anderswo.

WARUM?

Weil reiche Amerikaner die Regierung, die die Kubaner bevorzugen, nicht mögen, und weil sie einen Teil ihres Reichtums dafür ausgegeben haben, um darüber Lügen zu verbreiten.

WAS KÖNNEN SIE TUN?

Sie können auf die Straße gehen und auf den Marktplatz und ausrufen: „Wir dürfen nicht gewalttätigen und wahnsinnigen Mördern nachgeben. Glauben Sie nicht, es sei Ihre Pflicht zu sterben, wenn Ihr Premierminister und der Präsident der Vereinigten Staaten Sie dazu auffordern. Denken Sie vielmehr an Ihre Pflicht gegenüber Ihrer Familie, Ihren Freunden, Ihrem Land, der Welt, in der Sie leben, und der zukünftigen Welt, die, wenn Sie es wollen, großartig, glücklich und frei sein könnte.

UND DENKEN SIE DARAN:

ANPASSUNG BEDEUTET TOD.

NUR PROTEST BRINGT EINE HOFFNUNG AUF LEBEN.

Diese Erklärung wurde als Flugblatt in Wales in Umlauf gebracht und wurde in der kubanischen Botschaft gedruckt und vom Komitee der 100, dem Britischen Kuba-Komitee, dem Britischen Friedens-Komitee und den Jugendgruppen der Kampagne für atomare Abrüstung weit verbreitet. In der Presse wurde sie, soweit ich weiß, nirgends in England veröffentlicht. Wenige, wenn überhaupt welche, meiner Erklärungen wurden abgedruckt …

Am 24. Oktober gaben die Briten im UNO-Sicherheitsrat den USA ihre uneingeschränkte Unterstützung, und der britische ständige Vertreter, Sir Patrick Dean, brandmarkte Rußlands „berechnete Doppelzüngigkeit" wegen der hinterlistigen Aufstellung weitreichender Raketen in Kuba, wodurch das militärische Gleichgewicht gestört werde. Er muß erheblich überrascht gewesen sein, als Chruschtschow aus eigenem Entschluß all das anbot, was in Sir Patricks Eingabe an den Sicherheitsrat als Aufforderung enthalten war - was der Sicherheitsrat jedoch nicht forderte. Weder Sir Patrick Dean noch dem britischen Außenminister, Lord Home, scheint eingefallen zu sein, daß die Handlungsweisen der „Freien Welt" nicht immer völlig frei von Hinterlist sind. Sie waren sich der freimütigen Ehrlichkeit der USA derart sicher, daß ihnen nicht der Gedanke gekommen zu sein scheint zu fragen, ob die Raketen, die sie derart beunruhigten, tatsächlich weitreichend waren. Heute wissen wir, daß sie es nicht waren. In ihrer Empörung verloren sie ihr Gefühl für Verhältnismäßigkeit und vergaßen, daß das einzige, was vermieden werden mußte, Krieg - Atomkrieg - war. Hätten sie sich ebenso eifrig dafür eingesetzt, die USA friedlich zu stimmen und beide, USA und UdSSR-, zu Verhandlungen zu drängen, wie sie die Russen verleumdeten, dann hätten sie sich um die Menschheit, ebenso wie um England insbesondere, mehr verdient gemacht, als es der Fall war. Lord Home hob besonders nachdrücklich den Hang zur „Doppelzüngigkeit" der Russen hervor. Er behandelte lang und breit die Gefahren einer münchen-ähnlichen Beschwichtigung des Feindes - des Kommunismus. Er wies darauf hin, daß wenigstens er aus „München" gelernt habe, daß Beschwichtigung nur zu einem hinausgeschobenen, aber gerade deshalb heftigeren Kampf führe. Es entging ihm, und zweifelsohne vielen seiner Zuhörer, daß er nicht die heute wichtige Lektion gelernt hatte, daß ein Krieg, der unvermeidlich zu einem atomaren, ja globalen und atomaren Krieg eskalieren -würde, verhindert werden muß. Es war schwierig, herauszufinden, was Premierminister Macmillan und andere wichtige englische Politiker, die im Amt waren, taten oder dachten. Sie schienen hauptsächlich mit der Tatsache beschäftigt zu sein, daß Amerika ohne vorhergehende Konsultation mit Großbritannien handelte …

Ich gab auch eine Presseerklärung ab. Sie wurde aus dem Zusammenhang gerissen und auf solche Weise veröffentlicht daß sie den Eindruck vermittelte, ich unterstützte das Vorhandensein von Raketen in Kuba und „wiederholte" den sowjetischen Standpunkt. Die Erklärung lautete wie folgt: „Generalsekretär Chruschtschow persönlich ist die Vermeidung eines Krieges mit atomarer Verwüstung zu verdanken. Er hat in einer der größten Krisen mit größter Zurückhaltung gehandelt.

Er hat jeden Buchstaben des Versprechens erfüllt, das in seiner Botschaft an mich enthalten ist. Er versprach, nichts Unbesonnenes zu tun und nichts, womit ein Konflikt riskiert würde, und zwölf russische Schiffe kehrten von ihrer nach Kuba gerichteten Fahrt zurück. Er hat alle weiteren Verschiffungen gestoppt. Dadurch bleibt Kuba blockiert. Herrn Cnruschtschows äußerst wichtige Mäßigung verpflichtet Präsident Kennedy, auf das Angebot zu einem Gipfeltreffen einzugehen und über die offenen Fragen zu sprechen. Die Blockade verletzt internationales Recht. Sie ist illegal. Sie ist unmoralisch. Wenn sich die Blockade Kubas rechtfertigen läßt, dann wäre sie gegenüber England ebenso gerechtfertigt. Amerika sollte sich an den Krieg von 1812 erinnern. Wenn Atomraketen in Kuba unerträglich sind, dann sind sie es überall. Dies ist das Kernstück dessen, was ich dem englischen Volk während der langen Kampagne für atomare Abrüstung zu sagen versucht habe. Abschußrampen für Atomraketen gefährden den Frieden aller. Jetzt ist der Zeitpunkt für uns gekommen zu begreifen, daß wir unmittelbar am äußersten Ende menschlichen Lebens auf unserem Planeten standen. Herrn Chruschtschows Angebot, zusammenzukommen und die Konfliktursachen zu besprechen, muß von jedem vernünftigen Mann, jeder vernünftigen Frau unterstützt werden."

Während der Krise wurde ich um Botschaften für Versammlungen, Demonstrationen und einzelne Menschen in vielen Teilen der Welt gebeten, und ich tat mein Bestes, diesen Bitten nachzukommen. An den Herausgeber des Vancouver Sun beispielsweise schrieb ich: „Meine Ansicht über die Krise ist, daß das Verhalten Chruschtschows den Beweis dafür liefert, daß die Sowjetunion tatsächlich ein Ende des Kalten Krieges wünscht. Ich glaube, wir können dies ganz klar sehen, wenn wir uns das Ergebnis einer Blockade von Taiwan, Quemoy oder Matsu durch die chinesische oder die russische Regierung vorstellen, begleitet von der Drohung mit einem Atomkrieg, falls die dort aufgestellten Raketen nicht sofort abgebaut würden. Präsident Kennedy hätte, meine ich, nicht den Mut gehabt zu tun, was Generalsekretär Chruschtschow hinsichtlich Kubas tat. Ich glaube daher, daß die Gelegenheit, die sich nun uns allen bietet, gänzlich von der amerikanischen Einsicht in die Tatsache abhängt, gaß es die Russen sind, die ihren Willen bewiesen haben, einen großen Schritt unter schwierigen Umständen zu tun, und daß es nun Präsident Kennedy obliegt, über das Recht seiner Regierung nachzudenken, Raketenbasen im Umkreis der Sowjetunion zu unterhalten.

Wenn man Bedenken gegen Abschußrampen auf Kuba hat, die unerträglich sind wie alle atomaren Abschußrampen, dann muß man ehrlich genug sein, sich klarzumachen, was die Sowjetunion und die Chinesen bei Abschußrampen empfinden, die sie seit vielen Jahren umgeben. Ich glaube, es liegt in der Verantwortung der Zeitungen, vom Klima des Fanatismus abzukommen, damit aufzuhören, die Sowjets als Teufel hinzustellen, und anzuerkennen, daß wir wahrscheinlich alle ausgelöscht werden, falls nicht bald ein Weg gefunden wird, den Kalten Krieg zu beenden …

Chruschtschow hatte seine Schiffe zurückgehalten. Die unmittelbare Katastrophe war verhindert worden. Ich erwartete, die ganze Welt werde bereit sein, Herrn Chruschtschow zu beglückwünschen, aber ich wurde darin enttäuscht. Obwohl die Situation, nachdem Chruschtschow seine Schiffe abgezogen hatte, weniger gespannt war als vorher, gab es noch einige Hindernisse zu beseitigen. Die Amerikaner hatten durch Luftaufklärung entdeckt, daß Rußland atomare Abschußrampen in Kuba vorbereitete, und Chruschtschow wurde der Doppelzüngigkeit angeklagt, weil er gesagt hatte, daß die nach Kuba gelieferten Waffen rein defensiv seien. Die Amerikaner sagten, die Atomwaffen in Kuba seien nicht defensiv, obwohl sie viele Jahre lang behauptet hatten, daß die amerikanischen Atomwaffen defensiv seien, wo immer sie sich auch befanden, doch das ist natürlich etwas anderes!

Um zum Fortgang der Ereignisse während dieser kritischen Tage zurückzukommen: Chruschtschow ging nun weiter in der Friedensstiftung. Er stimmte zu, die Atomabschußrampen auf Kuba abzubauen, zu verladen und aus Kuba zurückzuziehen, wenn die USA garantieren würden, Kuba nicht zu besetzen. Die Amerikaner verlangten die Inspektion der angeblichen Atom-Abschußrampen, um sicherzugehen, daß die Russen ihr Wort hielten und sie abbauten. Castro verweigerte. eine Inspektion. Die Situation hatte sich erneut verschlechtert …

Auch Castro bat U Thant, nach Kuba zu kommen und zu vermitteln, aber die USA weigerten sich, die Vereinten Nationen als Inspektoren der Lager in Florida zu akzeptieren oder über (den amerikanischen Militärstützpunkt auf Kuba) Guantanamo zu diskutieren. Castro seinerseits glaubte, er könne nicht genügend auf Objektivität einer Inspektion rechnen, bei der die amerikanischen Invasionszentren in Florida und Georgia ausgelassen würden. Eine UNO-Inspektion auf amerikanischem Boden fand bei der amerikanischen Regierung keinen Anklang.

Mittlerweile hatte Chruschtschow den Vorschlag gemacht; eine Aufgabe der türkischen Stützpunkte gegen die kubanischen auszuhandeln. Kennedy aber hatte abgelehnt. Die Dinge schienen ausweglos. Die einzige Hoffnung für die Menschheit war, daß eine der in den Streit verwickelten Nationen nachgab. Es erschien nutzlos, an die USA zu appellieren, dies zu tun. Die USA; besessen von dem stolzen Ruhm, „fest zu stehen", hätten nicht einmal erwogen; irgendeine großmütige Geste um der gesamten Menschheit willen zu machen - sie begriffen nicht ihre Notwendigkeit, oder was deren Unterlassung für sie selbst und ebenso für alle Leute in der ganzen Welt bedeutete. Sie wollten nur ihre Macht beweisen und, nochmals, die ‚Festigkeit' ihrer Haltung gegen den Kommunismus. Sie waren von dem schädlichen Glauben indoktriniert, daß nur der ‘American way of life' geduldet werden könne. Der einzige andere Gesichtspunkt, den sie sahen, war die Einstellung: „Besser rot als tot" - ein Slogan, der mir zugeschrieben worden war, obgleich er die Übersetzung eines Slogans eines feindlichen deutschen Journalisten war. Ich glaube an die Möglichkeit der Koexistenz. Obwohl ich ebensowenig an die Wohltaten des Kommunismus (wie an diejenigen vieler anderer Religionen) glaube und ihn sowohl privat als auch öffentlich stets bekämpft habe, seitdem ich im Jahre 1896 zu studieren begann, glaube ich, daß es durchaus möglich ist für Menschen mit unterschiedlichen Religionen und Völkern mit verschiedenartigen ökonomischen und politischen Systemen, in dieser Welt zusammen zu leben. Zu diesem kritischen Zeitpunkt der Geschichte schien mir, daß nicht die Politiker meiner eigenen „Freien Welt", sondern nur die Kommunisten, die an dem Konflikt beteiligt waren, die Bedeutung und die wahrscheinlichen Folgen ihrer Handlungen begriffen. Ich entschloß mich daher, nochmals an Castro zu appellieren, und telegrafierte ihm um Mitternacht des 28.:

„Sehr geehrter Herr Dr. Castro,

Könnten Sie nicht angesichts Amerikas totaler und gefährlicher Nichtbereitwilligkeit, auf Mäßigung zu reagieren, eine große Geste für die Menschheit tun und sich bereiterklären, die Abschußrampen abzubauen? Das Schicksal der Menschheit ruht in Ihrer Entscheidung. Ich mache diese Mitteilung nur mit Ihrer Zustimmung publik.

Mit herzlichem Gruß

Bertrand Russell"

Und in Verzweiflung telegrafierte ich eine Stunde Später das folgende Memorandum an Chruschtschow: „Die amerikanische Ablehnung Ihrer Vorschläge, die sowjetischen Installationen in Kuba gegen die Nato-Installationen in der Türkei einzutauschen, ist gänzlich ungerechtfertigt und ein Anzeichen kranken Wahnsinns.

Diplomatischer Ausdrucksweise entblößt, ist die Einstellung der USA diese: 'Wenn nicht jedermann überall genau das tut, was wir wünschen, werden wir das Menschengeschlecht ausrotten.' Sie haben die Macht, es zu tun, und es scheint, auch den Willen. Was tun vernünftige Leute angesichts dieser bewaffnetem Verrücktheit?

Ich meine, wenn auch mit großem Widerstreben, daß vernünftige Leute so viel wie nötig nachgeben sollten, um eine Katastrophe zu vermeiden. Das Ende der Menschheit wäre definitiv, wogegen amerikanische Verrücktheit vorübergehend sein mag. Mir scheint deshalb, Sie sollten die sowjetischen Installationen, in Kuba unter der Garantie der Inspektion der UNO abbauen und dafür nur verlangen, wenn die UNO die nötige Garantie gibt, daß die amerikanische Blockade Kubas aufgehoben werden sollte. Ich glaube, es sollte der öffentlichen Weltmeinung klar sein, daß diese Handlung nur als Antwort auf eine Art Erpressung geschieht, die weder vernünftig noch berechtigt ist.

Ich schicke dieses Memorandum über die gegenwärtige Situation in Kuba. Ich habe es nicht veröffentlicht und werde dies auch nicht tun, falls Sie es nicht billigen. Es verlangt von Ihnen ein Opfer, das Sie vielleicht übertrieben und unerträglich finden.

Mit beständiger Hochachtung

Bertrand Russell"

Spät am Abend dieses Tages erfuhren wir, daß Generalsekretär Chruschtschow angeboten hatte, alle Raketenrampen in Kuba zu entfernen, die Raketen und das sowjetische Militärpersonal zurückzuholen und keine Raketen mehr nach Kuba zu exportieren. Er hatte der Menschheit die Rettung angeboten. Die Erlösung war überwältigend.

Einige Zeit später verschickte ich folgende Presseerklärung:

„Ich sage dem Generalsekretär Chruschtschow, daß die Menschheit tief in seiner Schuld steht wegen seines Mutes und seiner Entschlossenheit, den durch den amerikanischen Militarismus verschuldeten Krieg zu verhindern. Unter der öffentlichen Drohung einer Großmacht hat er das Diktat des falschen Stolzes, des infantilen Verhaltenskodes ignoriert, der Männer der Macht dazu führt, die Interessen der Menschheit ihres eigenen muskelstarken Prestiges wegen zu mißachten. Ich kann die Vernunft und die Großmut nicht genug preisen, die Bereitwilligkeit, alles Notwendige zu tun, um diese überwältigend schwere Krise zu lösen. Es ist absolut notwendig, klarzustellen, was Herr Chruschtschow getan hat. Er hat seine Schiffe gestoppt, bevor sie das Blockade-Gebiet erreichten. Er hat versprochen, keine überstürzte Handlung vorzunehmen oder das Risiko eines Atomkrieges einzugehen. Er hat angeboten, die Abschußrampen abzubauen, und er hat darum gebeten, einige von denen zu entfernen, die sein Land umringen. Er hat jetzt einseitig zugestimmt, alle Basen in Kuba zu entfernen, und hat den unter Gewaltandrohung gestellten Forderungen nachgegeben. Ich zolle ihm Lob. Es ist wichtig zu sehen, daß er auch angeboten hat, andere Konflikte zu vermeiden, die zu einem Weltkrieg führen könnten. Präsident Kennedy steht unter einer moralischen Verpflichtung, die ihm die Menschheit auferlegt, und hat die absolute Pflicht, Herrn Chruschtschow zu treffen und ernsthaft die Beseitigung der NATO und des Warschauer Paktes anzustreben, Abrüstung zu erreichen und, wie Herr Chruschtschow gesagt hat, alle Fragen von Krieg und Frieden in Betracht zu ziehen.

Wenn jemals auf Worte Taten folgten, dann war dies bei der Sowjetunion so. Die konkrete Tat ist die Beendigung der Krise. Wenn die Vereinigten Staaten jemals in ihrer Behauptung ehrlich gewesen sind, den Kalten Krieg beenden zu wollen, unter der Bedingung, daß russische Taten ihren Worten entsprächen, dann ist es nun Zeit für die Vereinigten Staaten und Mr. Kennedy, es zu beweisen."

Aber die Vereinigten Staaten und Mr. Kennedy zeigten sich nicht willens, es zu beweisen - vielleicht angesichts ihrer angeberischen Worte und derjenigen ihrer Politiker und der Tagespresse, die seit langem ihre Bevölkerung zum Kriege aufgereizt haben. Notgedrungen akzeptierten sie Herrn Chruschtschows Angebot, taten dies aber so widerwillig und mit offener Verdächtigung seines guten Willens. Ich schäme mich zu sagen, daß die Politiker und die Presse meines eigenen Landes, England, sie darin unterstützt haben, um den Anschein zu erwecken, daß Herr Chruschtschow aus Furcht vor einer russischen Niederlage ‚klein beigab', und daß die Menschheit vor sofortiger Auslöschung durch amerikanische „Stärke" und Entschlossenheit, nicht nachzugeben, gerettet wurde. Dank dieser kurzsichtigen und kleinlichen Haltung haben sich die Vereinigten Staaten unfähig gezeigt, ruhig und sachlich zu verhandeln, und die Kuba-Angelegenheit schleppt sich weiter hin.

Das fürchterliche Zentrum des Wirbelsturms hat sich jedoch von Kuba entfernt, und alle Völker der Welt und die liebliche Welt selbst und alles, was der Mensch geschaffen hat, durften wenigstens einige Monate länger leben, als es Ende Oktober wahrscheinlich schien. Mit Chruschtschows Angebot und seiner ungnädigen Annahme endete meine offene Beteiligung an der Kubakrise. Es blieb mir nur übrig, meine eigene tiefe Dankbarkeit Zentralsekretär Chruschtschow zum Ausdruck zu bringen, und dies tat ich in einem spät abends am 28. Oktober aufgegebenen Telegramm:

„Mein lieber Herr Chruschtschow, ich möchte, daß Sie meine persönlichen Gefühle zu Ihrer Lösung der Kubakrise erfahren. Ich habe nie einen Staatsmann gekannt, der mit der Großmut und der Größe gehandelt hat, die Sie bei Kuba gezeigt haben, und ich möchte, daß Sie sich darüber klar sind, daß jeder aufrichtige und ehrliche Mensch Ihnen für Ihren Mut huldigt.

Mit dauernder Wertschätzung

Bertrand Russell"

Vom Gesichtspunkt, einen allgemeinen Atomkrieg zu verhindern, war der Höhepunkt der Kubakrise, als Chruschtschow den russischen Schiffen befahl, einen Konflikt mit den amerikanischen Blockadeschiffen zu vermeiden. Von diesem Augenblick an wurde klar, daß die Sowjetregierung, nicht aber die Regierung der USA, das Überleben der Gattung Mensch für wichtiger hielt als die Frage, ob es Kuba erlaubt sein sollte, diejenige Regierung zu haben, die es haben wollte. Bis zu diesem Augenblick hatte sich die amerikanische Politik nicht sehr von der russischen Politik unterschieden. Als aber Chruschtschow diesen unbezweifelbaren Beweis für seine Entschlossenheit gab, einen allgemeinen Atomkrieg zu vermeiden, wurde die UdSSR zum vernünftiger Handelnden der beiden Streitparteien. Aber vom amerikanischen Standpunkt aus blieb der Streit noch einige Zeit nach der Umkehr der russischen Schiffe gespannt. Die Russen hatten Abschußrampen für Atomraketen auf Kuba errichtet und Atomraketen importiert. Sie hatten zur gleichen Zeit erklärt, daß die von ihnen nach Kuba importierten Waffen rein defensiv seien. Dies wurde von den USA als eine Täuschung und als Grund dafür angesehen, Rußland nicht zu glauben, es werde irgendein Abkommen, das geschlossen werden könnte, einhalten. Es wurde darauf hingewiesen, daß alle amerikanischen atomaren Vorbereitungen als defensiv angesehen wurden.

Zum Beispiel sagte Hanson W. Baldwin (amerikanischer Militärschriftsteller, geboren 1903) in der New York Times vom 7. November: „Die Behauptung der Vereinigten Staaten, die von ihren Alliierten geteilt wird, ist immer gewesen, daß ihre Überseebasen einzig und allein als Antwort des kommunistischen aggressiven Expansionismus errichtet wurden."

Es ließe sich erwidern, daß die Basen, die Rußland in Kuba errichtete, als Antwort auf den aggressiven USA-Expansionismus errichtet wurden. Aber in den USA hielt sich hartnäckig die Ansicht, daß alle kommunistischen Waffen aggressiv seien und alle antikommunistischen Waffen defensiv. Was die „Täuschung" angeht, die Russen haben keinen Versuch unternommen zu verbergen, was sie taten. Einige ihrer Installationen waren nahe an Hauptstraßen, und alle standen der Beobachtung durch amerikanische Flugzeuge offen.

Die Russen stimmten zu, alles zu entfernen, was sie als atomare Vorbereitungen in Kuba getan hatten, und waren bereit, die Beseitigung durch Inspektion der Vereinten Nationen garantieren zu lassen. Fidel Castro verkündete nach erheblicher Diskussion mit U Thant seine Einwilligung zur Inspektion durch die Vereinten Nationen. Er stellte jedoch fest, daß eine ähnliche Inspektion in den Invasionslagern der Vereinigten Staaten in Florida und Georgia erfolgen sollte.

Wie würden die Amerikaner reagieren, wenn kubanische Aufklärungsflugzeuge über Florida und Georgia, ganz zu schweigen von Washington, fliegen würden? Die Vereinigten Staaten unterhalten außerdem in direktem Widerspruch zur kubanischen Regierung im östlichen Kuba in Guantanamo eine Militärbasis. Zehntausende amerikanischer Truppen befinden sich in dieser Basis auf kubanischem Boden. Castro verlangte die Beendigung dieser ausländischen Basis als weitere Bedingung und versuchte, die Angelegenheit vor die Vereinten Nationen zu bringen.

Was würden die Engländer empfinden, wenn sich eine feindliche Militärbasis in Ost-England befände, gegen den Willen der Bevölkerung und der Regierung, aber unter Androhung eines sofortigen atomaren Angriffs aufrechterhalten, falls sie wirtschaftlich oder militärisch beeinträchtigt werde? Amerika beklagt sich über eine kubanische Bedrohung, hält es aber für unerhört, daß Kuba fordert, eine Militärbasis mit Zehntausenden Matrosen und kampfbereiten Düsenflugzeugen zu entfernen. Mir fällt kein anderes Beispiel der Blindheit gegenüber dem Standpunkt des anderen und keine ausgesprochen deutlichere Kraftprobe des Imperialismus ein.

Wegen dieser Meinungsverschiedenheit wurde die Krise am Leben erhalten. Es war aber klar, daß sie nicht mehr bis zum Kriegsausbruch gesteigert werden konnte. Obgleich noch nichts endgültig geregelt ist, ist das Ergebnis klar. Als Gegenleistung, für die Entfernung aller russischen schweren Waffen und Militärs aus Kuba hat die USA-Regierung eine nicht sehr präzise Zusage gegeben, keine Invasion in Kuba zu unternehmen. Falls diese Zusage verläßlich ist, ist das Ergebnis im großen und ganzen befriedigend. Man kann nicht wünschen, daß Atomwaffen sich in irgendeinem Gebiet ausbreiten, das bislang frei von ihnen war, aber man möchte wünschen, daß die amerikanische Aufregung wegen Atomwaffen in Kuba den Amerikanern geholfen hätte, die russische Aufregung über die amerikanischen Installationen an vielen Stellen nahe der russischen Grenze zu verstehen, ganz zu schweigen von der Gefahr, die Atomwaffen Kanada und verschiedenen europäischen und asiatischen Nationen bereiten, die bisher keine besaßen. Dies scheint sich bisher aber nicht ereignet zu haben. Die USA sind gegenüber allen Torheiten wachsam, außer gegenüber den eigenen.

Kuba war reichlich gerechtfertigt, eine neutrale Inspektion einer Inspektion durch die USA vorzuziehen, denn zur gleichen Zeit, als USA-Regierungsstellen sich laut über die russische Täuschung beklagten, machte der Assistent-Secretary of Defense, Mr. Arthur Sylvester, ein entschieden überraschendes Bekenntnis. The Times vom 12. Dezember berichtet, er habe gesagt, daß von der amerikanischen Regierung „produzierte" Nachrichten erfolgreich in der Kubakrise verwendet worden seien und daß die Regierung weiterhin „Nachrichten" verwenden werde, um ihre Außenpolitik voranzubringen. Natürlich, sagte er, dürfe die Regierung keine falsche Information herausgeben. Nachrichten seien jedoch „eine Waffe im amerikanischen Arsenal". Er fügte einigermaßen alarmierend hinzu: „Ich glaube, die Regierung hat unbedingt das Recht zu lügen, um sich selbst zu retten, wenn ihr eine atomare Katastrophe droht." Als er für diese Bemerkungen getadelt wurde, wiederholte er, alle seien wahr, hätten jedoch von seinen offiziellen Vorgesetzten gemacht werden sollen.

Ein Beispiel für die Art „Lügen", die die USA-Behörden sich erlaubten, wurde von Robert Hale in Aviation Week gegeben. Angesichts solcher Geständnisse konnte von Kuba kaum erwartet werden, daß es Versprechungen der USA als verläßlich ansah.

Es scheint dem größten Teil des allgemeinen Publikums sowohl in den USA als auch in England entgangen zu sein, daß der Präsident stillschweigend den Kernpunkt der Monroe-Doktrin geändert hat. Die Doktrin pflegte zu besagen, daß kein Staat außerhalb der westlichen Halbkugel in die inneren Angelegenheiten irgendeines Staates der westlichen Hemisphäre eingreifen darf. Die jetzt verkündete Monroe-Doktrin lautet, falls irgendein Staat in der westlichen Hemisphäre von einer Invasion durch die USA aus dem alleinigen Grund bedroht ist, daß den USA seine Regierungsform nicht gefällt, dann darf kein Staat außerhalb der westlichen Hemisphäre dem bedrohten Staat Hilfe anbieten. Dann wird natürlich die UNO-Charta unsinnig.

Es muß daran erinnert werden, daß die Ursache der Krise Amerikas Versuch war, die Castro-Regierung zu stürzen und durch eine Regierung zu ersetzen, die den amerikanischen Finanzinteressen günstiger war. Es besteht kaum ein Zweifel, daß ohne die russische Intervention Amerika auf diesem Kurs bestanden hätte, so daß es dasselbe Verbrechen begangen hätte wie Rußland in Ungarn und Ostdeutschland. Es liegt keine Logik darin, solche Verbrechen zu verurteilen, wenn die eine Seite sie begangen hat, und sie zu beschönigen, wenn die andere Seite sie begangen hat.

Ich weiß nicht, warum sich Chruschtschow entschieden bat, wegen des Falles Kuba nicht zu kämpfen. Die USA-Regierung glaubte freilich, es sei so gekommen, weil Chruschtschow durch die amerikanische Kraftentfaltung eingeschüchtert worden war. In den USA ist ziemlich erfolgreich versucht worden, jedes Abrücken von einem Atomkrieg als Feigheit zu etikettieren. Angesichts der vielen Äußerungen Chruschtschows zugunsten einer friedlichen Koexistenz glaube ich aber nicht, daß sein Motiv, das Überleben der Menschheit zu ermöglichen, irgend etwas mit Feigheit zu tun hat. Im Gegenteil glaube ich, daß er so handelte, wie er es tat, aus der Erkenntnis der unermeßlichen Katastrophe, die ein Atomkrieg herbeiführen würde. Ich bezweifle nicht, daß er Kuba helfen wollte und daß er auf seinem Versuch beharrt hätte, falls dies nicht zu einem Atomkrieg geführt hätte.

Ich glaube auch, daß die Auslösung eines Atomkrieges das größte Verbrechen ist, das einem Menschen im heutigen Zustand der Welt möglich ist. Vor diesem Verbrechen zurückzuschrecken, ist, weit entfernt davon, Feigheit zu sein, Vernunft, und es gehört dazu wohl, wie es bei der Kubakrise der Fall war, die höchste Form des Mutes.

Es ist bedauerlich, daß Chruschtschows dramatisches Eintreten für die Vermeidung eines Krieges keine großzügigere Antwort im Westen gefunden hat. Die allgemeine Antwort der Politiker im Westen, besonders in den USA und England, waren Spott, Mißtrauen und fortgesetzte Feindseligkeit. Das schien mir so gefährlich, daß ich am 18. November an die Washington Post einen Brief schrieb, in dem ich darzulegen suchte, wohin eine solche Politik wahrscheinlich führen würde. Ich sagte:

„Ich bin höchst besorgt über die jüngsten amerikanischen Erklärungen zu Kuba und auf offene Fragen hinsichtlich der Sowjetunion. Unter öffentlicher Androhung entfernte Herr Chruschtschow die Raketen aus Kuba und verhinderte dadurch einen Konflikt, dessen Folge nur ein dritter Weltkrieg hätte sein können. Es ist fraglich, ob Herr Kennedy ähnlich reagiert hätte, wäre die Blockade von China über Formosa verhängt worden. Nichtsdestoweniger erreichte Herr Chruschtschow durch den Rückzug aller Raketen die unzweideutige Versicherung, daß die USA die Souveränität Kubas respektieren werden.

Seit dieser feierlichen Versicherung haben amerikanische offizielle Sprecher erklärt, daß sie die Verhängung von Handelsembargos und von wirtschaftlichem Boykott weiterhin anwenden werden und sich das Recht auf militärische Intervention vorbehalten. Es wurde erklärt, daß Dr. Castros Regierungsform in der westlichen Hemisphäre nicht geduldet werden könne. Dies ist gröbster Imperialismus. Dieses Verhalten findet keine Spur von Rechtfertigung im internationalen Recht und ist ein Grundsatz, der, falls durchgeführt, bedeutet, daß die Stärkeren auf ewig die Souveränität der Schwächeren vernichten könnten, wenn sie die Politik der Schwächeren mißbilligen.

Der Versuch, sich aus einem öffentlichen Versprechen herauszuwinden, ist eine Gefahr für den Frieden und arglistig. Ich möchte die Aufmerksamkeit der amerikanischen Öffentlichkeit darauf lenken, daß diejenigen, die keine Anhänger des Kalten Krieges sind, von der Kriegslust der Regierung der Vereinigten Staaten entsetzt sind. Der Anstand verlangt, daß jeder gewissenhafte Mensch darauf besteht, daß das amerikanische Versprechen eingehalten wird und der Versuch eingestellt wird, die Regierung von Dr. Castro zu stürzen.

Die Beilegung der Kubakrise bietet eine Gelegenheit, wie sie sich für die leidende Welt noch nicht geboten hat. Die Russen haben eine schmerzhafte Entscheidung gefällt, zu der sie stehen. Es liegt an den Vereinigten Staaten, mit Großzügigkeit darauf zu reagieren und ein Abkommen über Berlin, über Atomtests, über Raketenbasen rund um die Welt und über alle Angelegenheiten zu ermöglichen, die, sollte eine Einigung nicht zustande kommen, unerbittlich zur Endkatastrophe führen werden.

Wir wissen alle, daß Herr Chruschtschow seine führende Stellung auf die Möglichkeit eines Abkommens mit der Regierung der Vereinigten Staaten über offene Fragen gegründet hat. Ich betrachte es als eine Sache des persönlichen Anstandes für Männer und Frauen in der ganzen Welt, darauf zu bestehen, daß ein solches Abkommen geschlossen wird und daß jede Anstrengung von den Vereinigten Staaten unternommen wird, vernünftig und gerecht zu sein."

Seit diesem Datum wurden einige gerechte und großzügige Erklärungen von offiziellen Sprechern abgegeben. U Thant, dessen Stellung ein gerechtes Gleichgewicht zwischen Ost und West verlangt und dessen Äußerungen ihn stets als gerecht und großzügig gezeigt haben, hat kategorisch erklärt, daß die UdSSR keinen Krieg will (The Times, 3.Dezember). Sir Frank Roberts, bis unlängst britischer Botschafter in Moskau, hat festgestellt, daß sich Chruschtschow dem Westen „zuwende“ (Sun day Times, 18. November). Sogar Lord Home hat zugegeben, daß es „liberalisierende Kräfte in der UdSSR gebe, hat aber versichert, daß diese nicht in der Außenpolitik in Erscheinung träten (Guardian, 14, Dezember). Meistenteils aber hat der englische Außenminister nachdrücklich die Linie verfolgt, die England im Sicherheitsrat eingenommen hat, wo England die UdSSR der Lügen, Täuschung und Doppelzüngigkeit anklagte (Daily Mail , 25. Oktober). Dieses Versäumnis, auf Chruschtschows friedlichere Stimmung einzugehen, ist höchst bedauerlich und entsetzlich gefährlich. Chruschtschows Politik hat Feinde im kommunistischen Lager, und wenn der Westen auf dem Versuch beharrt, sie zu einem Fehlschlag zu machen, dann besteht echte Gefahr, daß es seinen stalinistischen Gegnern gelingt, ihn zu Fall zu bringen. Falls dies geschieht, wird die Verantwortung dafür weitgehend beim Westen liegen.

Ich muß wiederholen, was ich bereits gesagt habe, daß meine Ansichten zur Kubakrise nicht auf irgendeiner Liebe zum Kommunismus beruhen. Ich selbst ziehe den demokratischen Sozialismus vor, und ich widerspreche heftig dem kommunistischen Mißbrauch des Wortes ‚demokratisch'. Wenn das ostdeutsche Regime von Kommunisten als die „Deutsche Demokratische Republik" bezeichnet wird, wogegen sie ein anti-demokratisches Regime ist, das von einer ausländischen Militärmacht errichtet wurde, dann bin ich entrüstet, glaube aber, daß die Verhinderung eines Atomkrieges eine Aufgabe ist, deren Wichtigkeit alle anderen internationalen Fragen übersteigt, und daß bei diesem Thema, wenn immer es ansteht, meines Erachtens die pazifistischere Seite Unterstützung verdient. Nur aus diesem Grunde, daß sich Chruschtschow seitdem, obwohl nicht vorher, entschlossen hat, die Blockade nicht in Frage zu stellen, habe ich ihn für lobenswerter als seine Gegner gehalten.

Um zusammenzufassen: Obwohl es noch Fragen gibt, die im kubanischen Streit nicht entschieden sind, ist jetzt recht klar, wie die endgültige Regelung aussehen wird. Es ist unwahrscheinlich, daß die USA eine Invasion nach Kuba machen werden oder die Blockade, außer für Waffen, verlängern werden, und es ist sicher, daß Kuba keine weiteren Waffen oder atomare Einrichtungen von Rußland erhalten wird. Aus diesen beiden Gründen können wir aufatmen. Die Verbreitung atomarerWaffen auf neue Länder ist stets bedauerlich, und wenn Kuba sie hätte, würden andere lateinamerikanische Länder rasch folgen. Noch wichtiger als dies ist der Rückschlag für den amerikanischen Wirtschaftsimperialismus. Diejenigen, die von der „Freien Welt" schwätzen, scheinen zu glauben, daß in der ganzen westlichen Hemisphäre die einzige Freiheit darin bestehen sollte, den Vereinigten Staaten zu gehorchen. Jede mächtige Nation, England eingeschlossen, hat sich zu ihrer Zeit eines derartigen Imperialismus schuldig gemacht. Im Atomzeitalter aber ist eine Politik dieser Sorte unerträglich gefährlich geworden. Es steht zu hoffen, daß sie zusehends sowohl im Osten als auch im Westen verschwinden wird.

Die bemerkenswerteste Eigenheit des ganzen Verlaufs der Kubakrise ist der Erfolg der Einseitigkeit. Chruschtschow zog seine Schiffe als einseitige Handlung der Sowjetunion zurück. Hätte er nicht einseitig gehandelt, dann ist nahezu sicher, daß es Krieg gegeben hätte. Einen Atomkrieg zu riskieren, ist Wahnsinn. Die USA waren gewillt, dieses Risiko einzugehen. Chruschtschow erwies sich im allerletzten Augenblick als dazu nicht gewillt. Ohne Rücksicht auf die relativen Vorzüge des Kapitalismus und des Kommunismus muß die Welt in dieser Angelegenheit Chruschtschow den Politikern des Westens vorziehen. Er hat den Versuch unternommen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der erfolgreiche Verhandlungen zwischen Ost und West möglich werden könnten und der Kalte Krieg zu einer friedlichen Lösung gebracht werden könnte.

Im großen und ganzen hat die Kubakrise, die eine letzte Katastrophe bedeutet haben könnte, geholfen, einige der Großmächte zur Vernunft zu bringen und ihnen erneut bewiesen, daß nicht durch Terror und Militarismus die Mißstände der Welt beseitigt werden.

Leider ist die Wirkung in den USA weniger wünschenswert gewesen. Man glaubt in diesem Lande, daß Chruschtschows Rückzug nicht auf die Erkenntnis zurückzuführen ist, ein Atomkrieg sei für jedermann katastrophal, sondern daß er aus nackter Feigheit erfolgte. Deshalb besteht in Amerika eine Neigung zu glauben, jeder Streit könne durch Einschüchterung gelöst werden und jedermann außerhalb Amerikas werde bei allem nachgeben, wenn die amerikanischen Entscheidungsträger „hart“ bleiben. Als Chruschtschow die Atomwaffen aus Kuba zurückzog, dachte man, daß Amerika als quid pro quo von einer Invasion Kubas absehen werde. Dies scheint jedoch immer zweifelhafter zu werden. Wie ich bei Gelegenheit der Freigabe der von Kuba bei der Zurückschlagung der Invasion an der Schweinebucht gemachten Gefangenen schon sagte, hielt Kennedy eine große Ansprache vor einigen fünfzigtausend kubanischen Emigranten, worüber die Sunday Timesam 30. Dezember berichtete:

„Präsident Kennedy sagte gestern, daß durch Hilfe bei der Befreiung von Menschen vor der Haft in kubanischen Gefängnissen ‚die Vereinigten Staaten Gelegenheit erhalten haben, nochmals zu demonstrieren, daß alle Menschen, die für die Freiheit kämpfen, unsere Brüder sind und solange bleiben werden, bis Kuba und alle unterjochten Länder frei sind.'

Unter den ‚Viva'-Rufen wandte sich Herr Kennedy an etwa 50.000 kubanische Emigranten und andere Zuschauer in Miami. Er sagte, er vertraue darauf, daß es überall in Kuba Menschen gebe, die an ihrem Glauben an die Freiheit festhielten und entschlossen sind, jene Freiheit wiederherzustellen, so daß die kubanische Bevölkerung sich wieder selbst regieren kann'."

Weil es die Werte zeigt, für die die Menschheit umkommen soll, lohnt es sich, wiederholt zu werden. Um sein Eintreten für ein „freies Kuba» herauszustellen, begrüßte Herr Kennedy mit besonderem Lob den Sprecher der Rebellen, einen ehemaligen Sicherheitsmann unter Batista, der für Folterläger in Santiago de Cuba, Matanzas Province und Havanna zuständig war.

Man muß begreifen, daß die „Freiheit", die Kennedy verspricht, die Freiheit ist, den USA zu gehorchen und Anstrengungen zu unterlassen, den Lebensstandard für die sehr Armen Kubas zu erhöhen, damit solche Anstrengungen nicht die Einkommen der sehr Reichen in USA mindern. Abgesehen von Phrasendrescherei ist es dies, was die amerikanische Regierung unter „Freiheit" versteht. Es steht sehr zu befürchten, daß der Erfolg berauschend war und zu einer Ära der Einschüchterung führen wird, die, falls ihr nicht entgegengetreten wird, eine weltweite Katastrophe auslösen muß.

Am 12. Januar, zur Zeit der Niederschrift des letzten Zusatzes zu diesem Kapitel der Krise, wurde recht deutlich, daß die Krise weit davon entfernt ist, vorüber zu sein. Der Guardian berichtet heute, und ich zitiere ihn wörtlich:

„Eine Anzahl Nationen sind gewarnt worden, daß sie möglicherweise mit dem Verlust amerikanischer Hilfe rechnen müßten, falls ihre Schiffe weiterhin mit Kuba Handel trieben. In dieser Ankündigung erklärte das State Department heute, es führe die Verpflichtungen durch, die ihm der Kongreß auferlegt habe, als er das ausländische Hilfsprogramm für Oktober verabschiedete.

Das Hilfsgesetz verlangt, daß Hilfe all den Ländern gestrichen wird, deren Schiffe Fracht nach Kuba befördern. Das Gesetz macht aber nicht klar, ob eine Hilfe eingestellt werden muß, falls irgendeine Verschiffung stattfindet, oder nur im Falle strategischer Güter oder Lieferungen aus dem kommunistischen Block nach Kuba.

Herr Rusk, der Staatssekretär, soll heute dem Senatsausschuß für Auslandsbeziehungen gesagt haben, daß keine amerikanische Zusage existiere, von einer Invasion in Kuba Abstand zu nehmen. Eine Verpflichtung mit dieser Wirkung sei nie in Kraft getreten, weil eine Einigung über die Inspektion der russischen Abschußrampen in Kuba nicht erreicht werden konnte."

Kürzer ausgedrückt: Falls die Kubaner Castro nicht fallen lassen, werden sie hungern, um Washington zu gefallen. Dies ist natürlich kein „aggressiver Imperialismus" …

Viele Menschen waren überrascht, festzustellen, daß es in unserer hochorganisierten Welt noch Raum für persönliche Initiative gibt. Es ist leichter für eine Großmacht, einem unbewaffneten Einzelnen etwas zuzugestehen, als einer feindlichen Großmacht ‚die Zerstörungsdrohungen ausstößt. Chruschtschows Stolz hätte es für ihn schwierig machen können, bei irgend etwas direkt der USA-Regierung nachzugeben, wogegen Konzessionen einem Einzelnen gegenüber, dessen einzige Sorge der Wunsch nach Frieden war, weniger Schwierigkeiten im nichtigen Kampf zwischen Stolz und Prestige machten. Einzelpersonen haben einen weiteren Vorteil: Sie können rasch handeln, ohne auf Konsultationen mit Kollegen zu warten. Wenn die nächsten wenigen Stunden voraussichtlich entscheidend sein würden, war dies ein wichtiger Grund dafür, die individuelle Meinung zum Ausdruck zu bringen.

Vielleicht, ist die Hoffnung berechtigt, daß die beiden jüngsten Krisen (1963) bewirken, im Westen die Meinung zweifelhaft erscheinen zu lassen, alle Kommunisten seien böse und alle Kommunisten-Gegner seien tugendhaft. Es scheint, daß das Gegenteil dieses Glaubens in Rußland bereits fragwürdig geworden ist, wo der Wunsch nach Frieden ganz im Vordergrund steht. Ich befürchte, daß in China dieser umgekehrte Glaube noch nicht in Zweifel gezogen wird, doch gibt es gute Gründe dafür, anzunehmen, daß China demnächst dieselbe Entwicklung wie Rußland durchlaufen wird. Wir müssen hoffen, daß auch im Westen immer mehr Menschen aufhören zu denken, es lohne sich, das menschliche Leben auszulöschen, weil die andere Seite „schlecht" sei. Die Einteilung ganzer Bevölkerungen in „Gute" und „Böse" ist eine kindische Gewohnheit, die durch Märchen begünstigt wird. Wir alle sind eine Mischung aus Gutem und Bösem, und es gibt kein Übergewicht des Guten auf der Seite derjenigen, die von Selbstgerechtigkeit erfüllt sind. Little Jack Horner holte eine Rosine aus dem Kuchen und sagte: „Was bin ich doch für ein guter Kerl!“, die Welt aber stimmte ihm nicht zu, noch wird sie mit den Nationen einverstanden sein, die sich ihrer eigenen Großartigkeit rühmen. Wir alle sind menschliche Wesen mit sehr ähnlichen Bedürfnissen und Wünschen. Feindseligkeit ist eine Torheit, weil neun Zehntel der Interessen rivalisierender Nationen miteinander identisch sind. Alle können glücklicher sein, wenn sie ihre Streitigkeiten vergessen. Vielleicht werden künftige Krisen wie die beiden, die wir behandelt haben, die Großmächte dazu führen, diese sehr einfache Wahrheit zu begreifen.

Ich möchte dieses Buch mit einigen wenigen allgemeinen Überlegungen abschließen. Die Welt hat die Kubakrise überlebt, und es ist wahrscheinlich, daß sie den chinesisch-indischen Grenzkonflikt überleben wird, aber falls die Politik nicht radikal geändert wird, wird irgendein Konflikt früher oder später recht wahrscheinlich in der Katastrophe enden. Die Regierungen wissen das. Die Bevölkerungen könnten es wissen, wenn sie wollten, aber sie bringen es im allgemeinen immer fertig, ihre Gedanken von einem so unangenehmen Thema abzulenken. Es ist seltsam, daß weder bei Regierungen noch in den Bevölkerungen ausreichend Liebe zum Leben vorhanden zu sein scheint, um einen Widerwillen gegen eine zum Gesamtmord führende Politik hervorzurufen. Es gibt tatsächlich Dinge, die die Menschen mehr als das Leben lieben. Epaminondas und Wolfe erfuhren, tödlich verwundet, daß sie gesiegt hätten, und sie riefen mit dem letzten Atemzug aus: „Ich sterbe glücklich." Solch abgedroschene Phrasen leiten das Denken der Leute bei internationalen Konflikten. Die Bereitschaft, sein Leben für eine Sache hinzugeben, wurde allgemein bewundert und in der Vergangenheit, im ganzen gesehen, zu Recht. In den Kämpfen jedoch, die heutzutage wahrscheinlich sind, wird niemandes Tod irgendeinem Zweck dienen. Kein Anlaß, auf den irgend jemand Wert legen kann, wird durch den Tod von irgend jemandem gefördert. Trotzdem leben alte Denkungsarten und Gefühle weiter.

Viele nehmen an, daß diejenigen, die glauben, es wäre eigentlich ein Jammer, wenn die Menschheit sich selbst auslöschen würde, dazu durch Furcht vor dem eigenen Tode angetrieben werden. Diese merkwürdige Verzerrung geht auf Emotionen zurück, die primitiv und tief instinktiv sind, besonders auf Stolz und Haß. Die durch Atomwaffen dargestellte Gefahr wird nicht als eine allgemeine Gefahr für die Menschheit angesehen, sondern als eine Gefahr für die eigene Gruppe, verursacht durch die Schlechtigkeit der anderen Gruppe. Furcht vor feindlichen Bomben ist rational, aber dies gilt auch für unsere eigenen Bomben, weil sie nicht ohne Vergeltungsschläge eingesetzt werden können. Unglücklicherweise ist die durch die Existenz von Atomwaffen erzeugte Angst nur gegen den „Feind" gerichtet. Die Angst verursacht Haß, den Glauben, daß die andere Seite durch und durch schlecht und unsere eigene Seite durchweg gut sei. Diese Reaktionen, die von der Gefahr verursacht werden, steigern die Gefahr unermeßlich. Das ist ein allgemeines Ergebnis von auf Angst gegründeter Irrationalität. Feuer in einem Theater verursacht Panik, in der die Leute sich gegenseitig an den Ausgängen zu Tode drücken, obwohl alle durch ein geordnetes Hinausgehen gerettet werden könnten. Solange die Einstellung der Rivalität zwischen verschiedenen Gruppen andauert, machen Stolz und Prestige eine Einigung nahezu unmöglich. Falls die Menschen lernen könnten, die Atomwaffen als gemeinsame Gefahr für unsere Gattung anzusehen und nicht nur als eine Gefahr, die sich aus der Schlechtigkeit der gegnerischen Gruppe ergibt, würde es möglich werden, Vereinbarungen auszuhandeln, die die gemeinsame Gefahr beenden würden. Dies verlangt einen Verzicht oder mindestens eine Zurückhaltung bei Leidenschaften, die, obgleich sie immer schädlich waren, erst in den letzten Jahren uns mit der äußersten und totalen Katastrophe bedrohten.

Unter solchen Leidenschaften ist vielleicht der Nationalismus die wichtigste, besonders derjenige der Großmächte. Ich meine nicht, Nationalismus sei gänzlich schlecht. Er hat zwei Seiten: Liebe zum eigenen Land und Haß gegen andere Länder. Die eine Seite ist gut, die andere schlecht. Der Nationalismus ist eine Kraft, die seit Ende des Mittelalters ständig angewachsen ist. Während er zur Befreiung von unterjochten Ländern führte, verdiente er Unterstützung, wenn er aber darüber hinaus zur Herrschaft der Starken übergeht, wird er zu einem Übel, das in unserer heutigen Welt wahrscheinlich die Starken ebenso wie alle Schwachen ruinieren wird. Falls Astronomen einen großen Kometen entdeckten, der möglicherweise mit der Erde zusammenstoßen könnte und dabei einen Großteil menschlichen Lebens vernichten würde, dann gäbe es eine gemeinsame Anstrengung, mit der Gefahr fertig zu werden. Auf diese Weise sollte die Atomgefahr aufgefaßt werden - nicht als ein Grund dafür, diese oder jene Nation zu hassen, sondern als ein Grund für gemeinsame Anstrengungen gegen die gemeinsame Gefahr. Ich weiß nicht, ob die Menschheit fähig Ist, derart von der alten Weise des Fühlens und Denkens abzugehen, ist sie dazu aber nicht imstande, dann besteht wenig Hoffnung für unsere irregeleitete Gattung.

Es ist wenig wahrscheinlich, daß die Menschheit eine ganze Serie solcher Krisen erfolgreich überleben kann, wie sie im Jahre 1962 stattfanden. Sie verursachen eine ständig zunehmende Nervenanspannung, und früher oder später wird das Gefühl aufkommen; eine Explosion wäre weniger quälend als ständige Angst. Wenn ein Atomkrieg einigermaßen andauernd vermieden werden soll, muß es auf beiden Seiten Änderungen in der Volksmeinung und in den Institutionen - in der verwalteten Welt - geben. Es ist wahrscheinlich, daß diese Veränderungen nur allmählich, falls überhaupt, herbeigeführt werden können. Ich neige dazu, anzunehmen, daß der erste und am wenigsten schwierige Schritt das Anerkenntnis durch die Regierungen ist, daß durch einen Atomkrieg nichts erreicht werden kann, was irgend jemand wollen könnte. Ich möchte wünschen, daß die USA und die UdSSR eine gemeinsame Erklärung zu diesem Zweck herausgeben und dabei darauf hinweisen, daß sie ein oberstes gemeinsames Interesse haben, nämlich das Überleben, und daß beide dieses gemeinsame Ziel opfern würden, falls es einen Krieg gäbe. Handlungen zeigen, ebenso wie Worte, daß Rußland sich diesem Standpunkt nähert; Amerika bisher noch nicht und China auch nicht. Die Amerikaner vertrauen anscheinend auf Induktion (den Schluß von einer begrenzten Zahl von Fällen auf alle Fälle), wobei sie einfach weiterzählen: Amerika hat bislang jeden Krieg gewonnen und wird deshalb jeden zukünftigen Krieg gewinnen. China vertraut den heiligen Texten des orthodoxen Marxismus. Es ist aber nicht irrational zu hoffen, daß diese beiden Großmächte dazu kommen werden, die Vergeblichkeit eines Atomkrieges anzuerkennen. Falls dies erreicht würde, könnten ihre Regierungen, zusammen mit der Regierung der UdSSR, einer gemeinsamen Propaganda zustimmen, und sie könnten in sehr kurzer Zeit die große Mehrheit der öffentlichen Meinung in ihren einzelnen Ländern überzeugen.

Wenn dies gelänge, würde es sehr viel leichter werden, als es heute ist, die allgemeine Abschaffung der Atomwaffen sicherzustellen. Dies würde an sich noch keinen Atomkrieg verhindern, weil bei Kriegsausbruch jede Seite die verbotenen Waffen herstellen könnte, aber es würde dem Tag für Tag bestehenden Terror ein Ende setzen, der aus dem Wissen entsteht, daß in jedem Augenblick unser „Feind' uns willkürlich auslöschen könnte. Der Zustand des Terrors, den dieses Wissen hervorbringt, ist das Haupthindernis für rationale Verhandlungen. Damit würde auch der sehr realen Gefahr atomarer Unfälle ein Ende gesetzt.

Der nächste Schritt sollte eine Vereinbarung aller Staaten sein, vorzuschlagen von den mächtigsten unter ihnen, daß alle Streitigkeiten dem Schiedsspruch unbeteiligter Staaten unterbreitet werden sollten. Allmählich würden die Schiedsstellen, die eine solche Politik hervorbringen würde, ein so großes. moralisches Ansehen bekommen, daß es für jede Regierung sehr schwierig sein würde, die Entscheidungen der Schiedsstelle zu mißachten.

Durch solche Maßnahmen könnte der Krieg als überholt angesehen werden, und es könnte zu einer Bereitwilligkeit für grundlegendere Methoden zu seiner Vermeidung kommen.

Das einzige äußerste und sichere Mittel, Kriege zu verhindern, bei denen Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden, ist eine Weltregierung. Für eine Weltregierung gibt es genau die gleichen Gründe, wie sie für die inneren Regierungen einzelner Staaten bestehen.

Für die Verhinderung privaten Mordes gibt es die ausgearbeitete Maschinerie der Polizei und des Strafrechts. Für die Verhinderung des Mordes an einem Land durch ein anderes gibt es keine derartige Vorkehrung. Wenn eine Welt, die wissenschaftliche Technik besitzt, irgendeine Sicherheit dauernder Existenz haben soll, dann muß es Gesetze für internationale Beziehungen und nicht nur zwischen privaten Bürgern eines Staates geben. Und wenn Völkerrecht irgendeine Wirklichkeit haben soll, dann muß eine internationale Macht dahinterstehen, ebenso wie nationales Recht durch nationale Polizei durchgesetzt wird. Die erste und schwierigste Maßnahme, die für eine wirkliche Weltregierung benötigt wird, besteht darin, daß sie bewaffnete Truppen besitzt, die offensichtlich und zweifellos in der Lage sind, irgendeinen Staat oder eine Staatenkombination zu besiegen, die versuchen, ihrer Autorität Widerstand zu leisten. Die Weltregierung muß also das Monopol für alle hauptsächlichen Kriegswaffen besitzen.

Die bewaffneten Streitkräfte der Weltregierung müssen also sorgfältig so konstruiert werden, daß sich keine Gruppen innerhalb der Streitkräfte bilden können, die der einen oder anderen Nation oder Ideologie angehören. Dies bedeutet, daß jede ziemlich große Gruppe in der internationalen Streitmacht aus Angehörigen vieler verschiedener Nationen und vieler verschiedener Rassen bestehen muß. Nur wenn dies geschieht, wird es möglich sein, das Entstehen von Kontingenten zu verhindern, die nicht dem Zweck der internationalen Regierung loyal gegenüberstehen.

Die internationale Regierung sollte die Rohstoffe besitzen, die zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen notwendig sind. Dies würde die Möglichkeit ausschalten, daß eine unerlaubte Herstellung solcher Waffen durch eine Anzahl rebellischer Staaten oder Staatengruppen geschieht.

Es sollte ein internationales Strafrecht und internationale Kriminalgerichte geben.

Kein Vertrag zwischen Staaten sollte rechtswirksam sein, wenn er nicht durch die internationale Rechtsprechung ratifiziert ist, die die Macht haben müßte, jeden Vertrag zwischen Staaten aufzuheben oder abzuändern, der als eine Gefähr für den Frieden angesehen wird.

Ganz allgemein gesagt, sollte die Macht der internationalen Regierung nur so weit gehen, wie-für die Verhinderung von Krieg notwendig ist. In jeder anderen Hinsicht sollten die Staaten, die sie bilden, autonom bleiben.

Den vorstehend umrissenen Maßnahmen zuzustimmen, wird teilweise schwierig sein, und sie werden mit Sicherheit heftige Opposition hervorrufen. Vielleicht mag künftige Erfahrung mit Krisen sie annehmbar machen, vielleicht aber wird unsere Gattung es vorziehen, unterzugehen. Die Wahl liegt bei uns. Ich wage nicht, vorauszusagen, wie wir uns entscheiden werden.“

 

Russell-Tribunal

 

Aus „Wikipedia“: „Das erste Russell-Tribunal, auch unter der Bezeichnung Vietnam War Crimes Tribunal (englisch für „Vietnam-Kriegsverbrechen-Tribunal“) bekannt, wurde 1966 von dem britischen Mathematiker, Philosophen und Literaturnobelpreisträger Bertrand, Lord Russell, sowie Ken Coates und weiteren Beteiligten, unter dem Dach der Bertrand Russell Peace Foundation (Bertrand-Russell-Friedens-Stiftung) ins Leben gerufen. Ziel des Tribunals war die Untersuchung und Dokumentation US-amerikanischer Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg nach 1954.

Bertrand Russell erklärte in seiner Rede auf dem ersten Treffen des Tribunals am 13. November 1966, dass das Tribunal ohne geschichtlichen Vorläufer sei. Im Gegensatz zu vorhergegangenen Tribunalen wie dem Nürnberger Tribunal verfügte das Vietnam War Crimes Tribunal über keine Mittel zur Durchsetzung seiner Beschlüsse, was jedoch auch Vorteile bot, da die Untersuchungen ohne staatliche Beeinflussungen blieben.

Auf der konstituierenden Sitzung am 15. November 1966 in London gab das Tribunal seine Struktur, den Zeitplan und eine Liste von fünf Arbeitsschwerpunkten bekannt:

1. Hat die US-Regierung (und die Regierungen von Australien, Neuseeland und Südkorea) Aggressionshandlungen im Sinne des Völkerrechts begangen?

2. Hat die US-Armee experimentelle Waffen getestet, neue Waffenarten oder vom Kriegsrecht verbotene Waffen eingesetzt?

3. Wurden Ziele mit vollständig zivilem Charakter wie z. B. Krankenhäuser, Schulen, Sanatorien, Dämme etc. bombardiert, und in welchem Umfang passierte dies?

4. Wurden vietnamesische Gefangene inhumanen, durch das Kriegsvölkerrecht verbotenen Behandlungen unterzogen, insbesondere Folter und Verstümmelungen? Kam es zu ungerechtfertigten Repressalien gegen die Zivilbevölkerung, insbesondere zu Exekutionen von Geiseln?

5. Wurden Zwangsarbeitslager errichtet und kam es zu Deportationen der Bevölkerung oder anderen Maßnahmen mit dem Ziel der Vernichtung der Bevölkerung, die juristisch als Genozid charakterisiert werden können?

An beiden Sitzungen des Tribunals nahmen Repräsentanten aus insgesamt 18 Ländern teil. Die Vertreter, meist prominente Personen der Friedensbewegung, von Bürgerbewegungen, Schriftsteller, Wissenschaftler oder Politiker waren:

- Bertrand, Lord Russell (Tribunal Honorary President, englisch für „Ehrenpräsident des Tribunals“) – Friedensaktivist, Mathematiker und Philosoph

- Jean-Paul Sartre (Tribunal Executive President, „aus-“ oder „geschäftsführender Präsident des Tribunals“) – französischer Philosoph und Schriftsteller

- Vladimir Dedijer (Tribunal Chairman and President of Sessions, „Vorsitzender und Sitzungsleiter des Tribunals“) – jugoslawischer Schriftsteller, Professor für moderne Geschichte, jugoslawischer Gesandter der UN-Generalversammlung 1945–1952

- Wolfgang Abendroth – Professor der Politikwissenschaften Uni Marburg

- Günther Anders – österreichischer Schriftsteller und Philosoph

- Mehmet Ali Aybar – türkischer Intellektueller, Vorsitzender der Arbeiterpartei der Türkei und Abgeordneter im türkischen Parlament

- James Baldwin – US-amerikanischer Schriftsteller

- Lelio Basso – italienischer Linkssozialist und Experte für internationales Recht

- Simone de Beauvoir – französische Schriftstellerin und Philosophin

- Lázaro Cárdenas del Río – mexikanischer Ex-Präsident und General der mexikanischen Armee, Empfänger des State Peace Price (Staatsfriedenspreises) 1955

- Stokely Carmichael – Vorsitzender des Student Non-violent Co-ordination Committee (SNCC, „studentisches gewaltfreies Koordinationskomitee“)

- Lawrence Daly – britischer Gewerkschaftsführer

- Dave Dellinger – amerikanischer Schriftsteller, Anti-Kriegs-Aktivist

- Isaac Deutscher – Historiker und Schriftsteller

- Haika Grossman – Jurist, jüdischer Befreiungskämpfer

- Gisèle Halimi – Juristin, Anwältin von Djamila Bouhired

- Amado V. Hernandez – philippinischer Dichter, Vorsitzender der philippinischen demokratischen Arbeiterpartei

- Melba Hernandez – Vorsitzender des Cuban Committee for Solidarity with Viet Nam („kubanisches Komitee für die Solidarität mit Vietnam“), heute die Cuba-Viet Nam Friendship Association („Kuba-Vietnam-Freundschafts-Assoziation“)

- Mahmud Ali Kasuri – pakistanischer Anwalt und Politiker

- Sara Lidman – schwedische Schriftstellerin

- Floyd McKissick – amerikanischer Bürgerrechtler

- Kinju Morikawa – japanischer Anwalt, Generalsekretär des japanischen Komitees zur Untersuchung von US-Verbrechen in Vietnam, Präsident des Untersuchungsausschusses zum Tonkin-Zwischenfall

- Carl Oglesby – ehemaliger Präsident der Students for a Democratic Society („Studenten für eine demokratische Gesellschaft“), Schriftsteller

- Shoichi Sakata – japanischer Physiker, führendes Mitglied der Japan Civil Liberties Union („Union für zivile Freiheiten Japan“)

- Laurent Schwartz – französischer Mathematiker, Empfänger der Fields-Medaille

- Peter Weiss – Theaterautor, Film-Regisseur

- Uwe Wesel – deutscher Jurist, Publizist

Die erste Tagung fand am 13. November 1966 in London statt. Geplant war, zur Untersuchung des ersten und dritten Anklagepunktes in Paris zu tagen. Nach einem von Charles de Gaulle erwirkten Verbot beschloss das Tribunal jedoch, sich stattdessen in Stockholm zu versammeln, wo vom 2. bis 10. Mai 1967 die erste Sitzungsperiode abgehalten wurde, gefolgt von der zweiten in Kopenhagen. Da die dänischen Behörden die Durchführung in Kopenhagen verboten hatten, wurde diese zweite Sitzung in Roskilde durchgeführt.

Während beider Sitzungen des Tribunals gaben mehr als 30 Personen Aussagen zu Protokoll, darunter US-Militärpersonal und Vertreter der Kriegsparteien in Vietnam. Die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams und die Regierung der Demokratischen Republik Vietnam sicherten dem Tribunal ihre Unterstützung bei der Informationsbeschaffung und bei der Überprüfung der Zuverlässigkeit des Materials zu. Der kambodschanische Staatsführer Prinz Sihanouk unterbreitete dem Tribunal ein ähnliches Angebot. Die US-Regierung, die eingeladen worden war, selbst Beweismaterialien beizusteuern und Mitarbeiter/Repräsentanten zum Tribunal zu entsenden, verweigerte jegliche Zusammenarbeit.

Als Ergebnis der ersten Sitzungsperiode, die sich mit den Schwerpunkten 1 und 3 beschäftigte, wurde befunden, dass die USA des Verbrechens gegen den Frieden, Bruches internationalen Rechts, insbesondere des Paktes von Paris von 1928, des Briand-Kellogg-Paktes, der Charta der Vereinten Nationen (Artikel 2, Punkt 4) sowie des Abkommens der Indochinakonferenz von 1954 schuldig seien. Die Regierungen von Australien, Neuseeland und Südkorea wurden der Komplizenschaft für schuldig befunden (Punkt 1).

Die USA wurden weiterhin folgender Kriegsverbrechen für schuldig befunden: der Bombardierung ausschließlich zivil genutzter Einrichtungen (Krankenhäuser, Schulen etc.) und des Einsatzes von Splitterbomben gegen die Zivilbevölkerung (Punkt 3).

Die Ergebnisse der zweiten Sitzungsperiode lauteten:

- Ist die Regierung von Thailand der Komplizenschaft an der von der US-Regierung gegen Vietnam ausgeübten Aggression schuldig? - Ja (einstimmig)

- Ist die Regierung der Philippinen der Komplizenschaft an der von der US-Regierung gegen Vietnam ausgeübten Aggression schuldig? - Ja (einstimmig)

- Ist die Regierung von Japan der Komplizenschaft an der von der US-Regierung gegen Vietnam ausgeübten Aggression schuldig? - Ja (8 dafür, 3 dagegen: Die drei Mitglieder des Tribunals, die mit Nein antworteten, stimmten überein, dass Japan beträchtliche Unterstützung für die US-Regierung geleistet habe, lehnten es jedoch ab, von einer Komplizenschaft der US-Aggression zu sprechen)

- Ist die US-Regierung der Aggression gegen die Bevölkerung von Laos, laut Definition durch internationales Recht, schuldig? - Ja (einstimmig)

- Haben die US-Streitkräfte mit Waffen experimentiert oder Waffen benutzt, die laut Kriegsrecht verboten sind? - Ja (einstimmig)

- Wurden vietnamesische Kriegsgefangene Behandlungen unterzogen, die durch das Kriegsrecht verboten sind? - Ja (einstimmig)

- Haben US-Streitkräfte die Zivilbevölkerung inhumaner, verbotener Behandlungen unterzogen? - Ja (einstimmig)

- Ist die US-Regierung des Genozids am vietnamesischen Volk schuldig? - Ja (einstimmig)“

https://de.wikipedia.org/wiki/Russell-Tribunal

 

Die mögliche Zukunft der Menschheit (im Gespräch mit Woodrow Wyatt, 1959)

 

Lord Russell, wir haben in diesen Gesprächen eine große Vielfalt von Themen berührt. Wie wirken sich alle diese Themen auf die Hoffnungen und Ängste der Menschen aus?

Das ist eine äußerst schwierige Frage. Ich sehe künftige Möglichkeiten - düstere und hoffnungsvolle - aber ich meine, wir sollten gerade die düsteren behandeln, weil man sie leichter definieren kann.

Fangen wir also mit den düsteren an. Worin bestehen die Hoffnungen hierbei nach Ihrer Meinung?

Wenn wir von der Voraussetzung ausgehen, daß die Menschheit sich nicht in einem großen Kriege selbst auslöschen wird, besteht die größte Gefahr, die ich sehe, in der staatlichen Allmacht. Ich halte es für durchaus möglich, daß die Welt unter dem Einfluß der wissenschaftlichen Entdeckungen und der enormen bürokratischen Möglichkeiten derart durchorganisiert werden könnte, daß es sich nicht mehr lohnt, überhaupt noch irgendwo zu leben.

Meinen Sie, daß der Bürokrat allmächtig werden könnte?

Ja, das meine ich. Der Bürokrat in Verbindung mit einem bestimmten wissenschaftlich-technischen Apparat; denn der Bürokrat kann heutzutage Dinge tun, die er früher nie tun konnte. Manche von ihnen sind gut, aber sehr viele sind es nicht.

Welche Handlungen, die schlecht sind, könnte ein solcher Bürokrat tun?

Nun, zunächst könnte er, angefangen in Kindergärten - und von dort aus weiter ausgreifend - eine ganz enorme Macht über die Ansichten und Gedanken der Menschen bekommen, so daß alles, was ein Mensch denkt, was er erhofft und was er befürchtet, für ihn von den Erziehungsbehörden bestimmt wird. Er wird genau das hoffen und befürchten, was die Behörden von ihm erwarten, und es wird ein wesentlicher Teil einer solchen Erziehung sein, daß ihm beigebracht wird, gut von der Regierung zu denken, was nicht immer weise ist.

Wird es aber nicht immer eine starke, unabhängig denkende Gruppe von Menschen wie Sie geben, die fähig sein werden, sich von solchen Lehren nicht beeinflussen zu lassen?

Das glaube ich nicht. Nein. Ich glaube, Menschen des Typus, zu dem ich gehöre, sind in einer altmodischen Welt aufgewachsen, eine mehr dem Zufall anheimgegebenen Welt, als diejenige ist, die ich für die Zukunft voraussehe; eine Welt, in der es mehr Schlupflöcher, mehr Ausnahmen gab und in der die Menschen nicht alle in eine genaue Form gepreßt wurden, wie sich dies für die Zukunft voraussehen läßt …

Eine der Wohltaten, die die Wissenschaft der Menschheit zu bringen scheint, ist, daß innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit die Arbeitswoche etwa zehn Stunden betragen wird. Was wird nun der Mensch mit seiner vielen Freizeit anfangen?

Nun, er wird - wenn die Welt, die ich mir in meinen glücklichen Stunden vorstelle, überhaupt bestehen kann, er wird dann das tun, was wohlhabende, kultivierte Menschen in der Vergangenheit getan haben. Betrachten wir als Beispiel den Aristokraten des achtzehnten Jahrhunderts, der recht häufig ein sehr kultivierter Mensch war. Er hatte sehr viel Muße, und er wußte, wie er seine Mußestunden verbringen sollte, obgleich auch viele von diesen Herren Dinge taten, die sie besser nicht getan hätten. Sehr viele von ihnen taten sehr gute Dinge, sie unterstützten die Künste, legten schöne Parks an, errichteten schöne Häuser und schufen überhaupt vieles, was wünschenswert war. Und ich sehe, wenn ich mich heiter fühle, eine Welt voraus, in der eine solche Verwendung der Freizeit für jedermann möglich sein wird, weil jedermann ein ausreichendes kultiviertes Niveau erreicht haben wird.“

 

Zum Schluss

 

Diejenigen, die die beiden Beiträge des Wurms zu Bertrand Russell gelesen haben und sich auf ihn und seine Gedanken eingelassen haben, werden es bedauern, dass es ihn nicht mehr gibt.

Und sie werden es bedauern, dass sich die Zeiten geändert haben. Wer sich mit deutschen Schriften von bzw. über Bertrand Russell auseinandersetzt, wird feststellen, dass sie vor allem zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1980er Jahre entstanden sind – das war auch die Zeit regen geistigen Lebens, in der gelesen wurde und in der politische Debatten stattfanden. Sowohl privat als auch öffentlich.

Danach wurde das „Ende der Geschichte“ ausgerufen; die großen gesellschaftlichen Entwürfe waren nicht mehr interessant. Politisch denkende Menschen wurden abgelöst durch ausschließlich an sich selbst interessierten Menschen; Menschen, die sich den Kopf zerbrachen über „das größte Glück der größten Zahl“ an Menschen wurden abgelöst durch Gutmenschen, die ein gutes Gefühl haben wollen und dabei nicht das geringste Problem haben, durch Vernichtungs-Kampagnen einzelne Menschen in den Ruin zu treiben oder ganze Völker zu bombardieren, siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/189-ein-gutmensch-ist-ein-schlechter-mensch.html oder den Schluss von http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/344-die-kraft-die-stets-das-gute-will-und-stets-das-boese-schafft.html

Und es wurde geschafft, einen Bertrand Russell und seine Gedanken weitgehend aus dem Gedächtnis zumindest der Deutschen zu entfernen.

Nichtsdestotrotz: Es gibt ein Buch von Bertrand Russell, das für viele überhaupt das wichtigste von ihm ist. Seine Freunde dürfen sich darüber freuen: der nächste Beitrag des Wurms wird sich diesem Buch widmen.

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm