Aus „Wikipedia“: „Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt (* 14. September 1769 in Berlin; † 6. Mai 1859 ebenda) war ein deutscher Forschungsreisender mit einem weit über Europa hinausreichenden Wirkungsfeld. In seinem über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahrzehnten entstandenen Gesamtwerk schuf er „einen neuen Wissens- und Reflexionsstand des Wissens von der Welt“ und wurde zum Mitbegründer der Geographie als empirischer Wissenschaft. Er war der jüngere Bruder von Wilhelm von Humboldt.

Mehrjährige Forschungsreisen führten Alexander von Humboldt nach Lateinamerika, in die USA sowie nach Zentralasien. Wissenschaftliche Feldstudien betrieb er unter anderem in den Bereichen Physik, Geologie, Mineralogie, Botanik, Vegetationsgeographie, Zoologie, Klimatologie, Ozeanographie und Astronomie. Weitere Forschungen betrafen die Wirtschaftsgeographie, die Ethnologie, die Demographie, die Physiologie und die Chemie. Alexander von Humboldt korrespondierte mit zahlreichen Experten verschiedener Fachrichtungen und schuf so ein wissenschaftliches Netzwerk eigener Prägung.

In Deutschland erlangte Alexander von Humboldt vor allem mit seinen Werken Ansichten der Natur und Kosmos außerordentliche Popularität. Schon zu Lebzeiten genoss er im In- und Ausland ein hohes Ansehen. So wurde er zum Beispiel in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin als „erste wissenschaftliche Größe seines Zeitalters“ gewürdigt; die Pariser Akademie der Wissenschaften verlieh ihm den Beinamen „Der neue Aristoteles“.

Die Vielschichtigkeit von Humboldts Werk und Vita brachte es mit sich, dass sich nach seinem Tod zahlreiche gesellschaftliche und politische Strömungen für ihre jeweiligen Ziele auf ihn beriefen. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts – unter dem Eindruck einer umfassenden Globalisierung – wird sein Wirken als Pionier des ökologischen Denkens rezipiert, für den die Einsicht galt: „Alles ist Wechselwirkung“.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt

Ohne Alexander von Humboldt sähe die Welt anders aus. Endlich mal ein Mensch, zu dem die Bewohner des Erdreichs nicht nur wg. seiner wissenschaftlichen Leistungen aufschauen können. Der Wurm erweist ihm zu seinem 250. Geburtstag die Ehre. Soweit nicht anders angegeben, stammen die angeführten Zitate aus dem Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ von Andrea Wulf. Für den Interessierten finden sich im „Wikipedia“-Artikel zusätzlich zahlreiche Fakten über ihn, auf die der Wurm in diesem Beitrag nicht näher eingeht.

 

Wissenschaftler Alexander von Humboldt

 

Expedition Humboldt

 

Am 4. November 1799, keine vier Monate nach seiner Ankunft in Südamerika, wurde Humboldt zum ersten Mal mit einer der Gefahren konfrontiert, die seine Pläne zunichtemachen und sein Leben beenden konnten. Es war ein heißer und feuchter Tag. Mittags zogen dunkle Wolken auf, und gegen 16 Uhr erschallten Donnerschläge über der Stadt. Plötzlich begann der Untergrund so stark zu schwanken, dass Bonpland, der über den Tisch gebeugt einige Pflanzen betrachtete, fast zu Boden geschleudert wurde und Humboldt in seiner Hängematte heftig hin- und herschaukelte. Schreiend liefen die Menschen durch die Straßen, während ihre Häuser einstürzten, doch Humboldt kletterte gelassen aus seiner Hängematte, um seine Instrumente aufzustellen. Selbst ein schwankender Erdboden konnte ihn nicht daran hindern, seine Beobachtungen durchzuführen. Er maß die Zeitabstände zwischen den Erdstößen, hielt fest, dass sich das Beben von Norden nach Süden fortpflanzte, bestimmte die Stärke der Elektrizität. Doch obwohl äußerlich ruhig, war er erschüttert. Der schwankende Boden unter seinen Füßen, sagte er, beraubte ihn einer Illusion: Wasser war das Element der Bewegung, nicht die Erde. Er fühlte sich, als würde er plötzlich und unsanft aus einem Traum geweckt. Bis zu diesem Augenblick hatte er sich fest auf die Natur verlassen, und nun schrieb er: „Man misstraut zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuß gesetzt“. Humboldt war aber trotzdem immer noch entschlossen, seine Reise fortzusetzen.“

 

Die Lebensmittel wurden zwar knapp, aber die Reisenden waren tief beeindruckt von der Blütenpracht, die sie umgab. Überall entdeckten sie etwas Neues, aber das Pflanzensammeln war oft frustrierend. Was sie vom Waldboden aufheben konnten, war belanglos im Vergleich zu den wunderbaren Blüten, die sie oben im Blätterdach erblickten - verführerisch nahe, doch zu hoch, um sie zu erreichen. Und das, was sie mitnehmen konnten, zersetzte sich häufig vor ihren Augen, weil die Luft so feucht war. Bonpland verlor die meisten Pflanzen, die er so mühselig in den hornitos getrocknet hatte. Sie hörten Vögel, die sie nie sahen, und Tiere, die sie nicht fangen konnten. Oft gelang es ihnen noch nicht einmal, sie angemessen zu beschreiben. Humboldt meinte, die Naturforscher in Europa würden enttäuscht sein. Es sei jammerschade, schrieb er in sein Tagebuch, dass die Affen nicht ihre Münder öffneten, „um die Zähne ... zählen“ zu können, wenn sie im Kanu vorbeifuhren.

Humboldt fand alles spannend: Pflanzen, Tiere, Steine und vieles mehr. Wie ein Weinkenner verköstigte er das Wasser der verschiedenen Flüsse. Die Proben des Orinoco kamen ihm eigenartig vor, sogar besonders eklig, wie er notierte, während der Rio Apure an verschiedenen Stellen unterschiedlich schmeckte, hingegen sei der Rio Atabapo einfach „herrlich von Geschmack“. Er beobachtete die Sterne, beschrieb die Landschaft, interessierte sich sehr für die indigenen Stämme, die sie trafen, und wollte mehr über sie erfahren. Besonders faszinierte ihn ihre Naturreligion, und er hielt sie für „vortreffliche Geographen“, weil sie sich auch noch im dichtesten Dschungel zurechtfanden. Sie waren die besten Naturbeobachter, denen er jemals begegnet war. Sie kannten jede Pflanze und jedes Tier im Regenwald und konnten sogar die Bäume allein am Geschmack der Rinde unterscheiden - Humboldt probierte es ebenfalls aus und scheiterte kläglich. Bei den fünfzehn Bäumen, die er testete, entdeckte er nicht den geringsten Unterschied.“

 

Humboldt war vor allem aus zwei Gründen an Vulkanen interessiert. Der erste war die Frage, ob sie „lokale“ Erscheinungen waren oder ob es eine unterirdische Verbindung zwischen ihnen gab. Wenn sie nämlich nicht nur lokale Phänomene waren, sondern Gruppen oder Haufen bildeten, die sich über riesige Entfernungen erstreckten, waren sie möglicherweise über den Erdkern miteinander verbunden. Humboldts zweiter Grund war, dass er hoffte, durch das Studium der Vulkane eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die Erde selbst entstanden war.

Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich unter Naturforschern allmählich die Überzeugung durchgesetzt, dass die Erde älter als in der Bibel angegeben sein müsse, aber sie konnten sich nicht darüber einigen, wie sich die Erde gebildet hatte. Die sogenannten „Neptunisten“ glaubten, das Wasser sei die entscheidende Kraft gewesen, weil es durch Ablagerungen die Gesteine geschaffen habe - und aus dem Urmeer hätten sich so langsam Berge, Mineralien und geologische Formationen entwickelt. Die „Vulkanisten“ hingegen vertraten die Ansicht, dass alles durch katastrophale Ereignisse wie Vulkanausbrüche entstanden sei. Noch immer schwang das Pendel zwischen den beiden Entwürfen hin und her. Die europäischen Wissenschaftler hatten zudem das Problem, dass ihr Wissen fast ausschließlich auf die wenigen aktiven Vulkane in Europa beschränkt war - besonders den Ätna und den Vesuv in Italien. Jetzt bot sich Humboldt die Möglichkeit, mehr Vulkane zu untersuchen als irgendjemand vor ihm. Er war so überzeugt davon, den Schlüssel zum Verständnis der Erdentstehung gefunden zu haben, dass Goethe später in einem Brief, in dem er Humboldt den Besuch einer Freundin ankündigte, scherzhaft meinte: „Da Sie zu den Naturforschen gehören, die alles durch Vulcane erzeugt halten, so sende ich Ihnen einen weiblichen Vulcan, der alles vollends versengt und verbrennt, was noch übrig ist.“

Nachdem sein Plan gescheitert war, sich Baudins Expedition anzuschließen, nutzte Humboldt seinen neuen Stützpunkt Quito, um systematisch jeden erreichbaren Vulkan zu besteigen; egal, wie gefährlich es sein mochte. Damit war er so beschäftigt, dass man es ihm in den vornehmen Salons Quitos übel nahm. Attraktiv, wie er war, interessierten sich etliche junge, unverheiratete Frauen für ihn, aber bei Festessen und anderen gesellschaftlichen Ereignissen „verweilte er indessen nie länger, als nothwendig war“, beschwerte sich Rosa Montúfar, Tochter des Provinzgouverneurs und eine viel gerühmte Schönheit. Sie klagte, Humboldt scheine an seinen Vulkanbesteigungen mehr Gefallen zu finden als an der Gesellschaft hübscher Frauen.“

 

Auch dieses Mal trieb er sich bis zur Erschöpfung an. Er bestieg Dutzende von Vulkanen - manchmal mit Bonpland und Montúfar und manchmal ohne sie, aber immer mit José, der vorsichtig das kostbare Barometer trug. In den nächsten fünf Monaten bezwang Humboldt jeden erreichbaren Vulkan.

Einer von ihnen war Pichincha, ein Vulkan, der westlich von Quito liegt. Dort verschwand der arme José plötzlich fast gänzlich in einer Schneebrücke, die eine tiefe Gletscherspalte verdeckte. Glücklicherweise gelang es ihm, sich (und das Barometer) selbst wieder zu befreien. Anschließend setzte Humboldt seinen Weg zum Gipfel fort, wo er sich flach auf einen schmalen Felsvorsprung legte, der wie ein natürlicher Balkon über den tiefen Krater hinausragte. Alle zwei oder drei Minuten bebte die kleine Plattform unter heftigen Erschütterungen, doch Humboldt blieb vollkommen gelassen und kroch an den Rand des Felsvorsprungs, um in den Krater des Pichincha zu blicken. Im Inneren des Vulkans flackerten bläuliche Flammen, und Humboldt erstickte fast an den Schwefeldämpfen. „Ich glaube nicht, dass die Fantasie sich etwas Finstereres, Trauer- oder Todmässigeres vorstellen kann, als wir hier sahen“, notierte er.

Er versuchte auch den Cotopaxi zu besteigen, einen vollkommen kegelförmigen Vulkan, mit seinen fast 5.900 Metern der zweithöchste Berg Ecuadors. Aber Schnee und steile Hänge hinderten Humboldt daran, höher als 4.400 Meter zu klettern. Obwohl er den Gipfel nicht erreichte, war er tief beeindruckt vom schneebedeckten Cotopaxi, der einsam und majestätisch in das „azuren Himmels-Gewölbe“ aufragte. Cotopaxis Form war so vollkommen, und seine Oberfläche wirkte so glatt, schrieb Humboldt in sein Tagebuch, dass er aussah, als hätte ihn ein Drechsler auf seiner Drehbank hergestellt.

Ein anderes Mal folgten Humboldt und seine kleine Reisegruppe einem alten, erstarrten Lavastrom in ein kleines Tal unterhalb des Antisana, eines Vulkans, der sich zu einer Höhe von 5.704 Metern erhob. Weiter oben wurden die Bäume und Sträucher kleiner, und schließlich ließen die Männer die Baumgrenze hinter sich. Darüber lag der sogenannte Páramo - hier wuchs Federgras in bräunlichen Büscheln, und die Landschaft schien fast kahl. Doch als sie näher hinsahen, bemerkten sie winzige bunte Blüten, die den Boden bedeckten und deren grüne Blätter sie ganz eng in zarten Rosetten umschlossen. Außerdem fanden sie kleine Lupinen und winzige Enziane, die weiche, moosartige Kissen bildeten. Überall im Gras wuchsen entzückende lilafarbene und blaue Blumen.

Es war bitterkalt und der Wind so heftig, dass es Bonpland mehrfach von den Füßen riss, wenn er sich bückte, um sie zu pflücken. Die Böen peitschten ihnen „Eisnadeln“ ins Gesicht. Vor der letzten Etappe des Aufstiegs mussten sie eine Nacht in der, wie Humboldt schrieb, „am höchsten gelegenen Wohnung der Welt“ verbringen - einer niedrigen strohgedeckten Hütte auf einer Höhe von knapp 4.000 Metern, die einem einheimischen Grundbesitzer gehörte. Die Lage der Unterkunft war spektakulär: Sie schmiegte sich vor dem hoch aufragenden Gipfel des Antisana in die Falten eines sanft gewellten Plateaus. Aber die Männer litten stark an Höhenkrankheit, froren, hatten nichts zu essen und keine Kerzen und erlebten eine der schlimmsten Nächte ihrer Reise.

In dieser Nacht ging es Carlos Montúfar so schlecht, dass sich Humboldt, der ein Bett mit ihm teilte, größte Sorgen machte. Mehrfach stand er auf, holte Wasser und machte Umschläge. Am Morgen hatte Montúfar sich so weit erholt, dass er Humboldt und Bonpland auf den letzten Anstieg bis zur Bergspitze begleiten konnte. Sie kamen bis zu einer Höhe von fast 5.500 Metern - und damit höher, wie Humboldt mit Schadenfreude vermerkte, als die beiden französischen Forscher Charles-Marie de la Condamine und Pierre Bouguer, die diesen Teil der Anden in den 1730er-Jahren bereist hatten, um die Form der Erde zu vermessen. Sie hatten es nur auf gut 4.500 Meter gebracht.“

 

Inzwischen hatte Humboldt so viele Vulkane erklommen, dass er zu den erfahrensten Bergsteigern der Welt zählte, aber der Chimborazo war selbst für ihn ein beängstigendes Vorhaben. Doch was unerreichbar scheint, so schrieb Humboldt später, „hat eine geheimnisvolle Ziehkraft“.

Am 22. Juni kamen sie am Fuß des Berges an, wo sie in einem kleinen Dorf eine unruhige Nacht verbrachten. Früh am nächsten Morgen begannen Humboldt und seine Gefährten den Aufstieg, begleitet von einer Gruppe eingeborener Träger. Auf Maultieren überquerten sie die grasbewachsenen Ebenen und Hänge, bis sie eine Höhe von gut 4.100 Metern erreichten. Als die Felsen steiler wurden, ließen sie die Tiere zurück und gingen zu Fuß weiter. Dann schlug das Wetter um. In der Nacht hatte es geschneit, und die Luft war kalt. Anders als an den Tagen zuvor hüllte sich der Gipfel des Chimborazo in Dunst. Hin und wieder lichteten sich die Schwaden und gewährten ihnen einen kurzen, verlockenden Blick auf ihr Ziel. Es wurde ein langer Tag.

Auf 4.750 Metern weigerten sich die Träger weiterzugehen. Humboldt, Bonpland, Montúfar und José teilten die Instrumente zwischen sich auf und setzten den Aufstieg allein fort. Die Spitze des Chimborazo lag immer noch in dichtem Nebel. Schon bald krochen sie auf allen vieren einen hohen Grat entlang, der an manchen Stellen nur fünf Zentimeter breit war. Rechts und links fielen die Felswände steil ab - die Spanier bezeichneten diesen Grat als cuchilla - „Rasierklinge“. Humboldt blickte entschlossen nach vorn. In der Kälte waren Hände und Füße taub geworden, was nicht eben hilfreich war - ebenso wenig, dass der Fuß, den er sich bei einer anderen Kletterpartie verletzt hatte, entzündet war. Die Beine fühlten sich in dieser Höhe schwer an wie Blei: Sie litten an der Höhenkrankheit, ihnen war übel, sie fühlten sich benommen, ihre Augen waren blutunterlaufen, und das Zahnfleisch blutete. Ihnen war andauernd schwindelig, was, wie Humboldt später zugab, „in der Situation, in der wir uns befanden, sehr gefährlich war“. Auf dem Pichincha hatte die Höhenkrankheit Humboldt so schlimm erwischt, dass er ohnmächtig wurde. Das hätte hier auf der cuchilla tödlich sein können.

Trotz aller Schwierigkeiten brachte Humboldt immer noch genügend Energie auf, um seine Instrumente alle paar Hundert Meter aufzustellen. Im eisigen Wind waren die Messinggeräte so kalt, dass es fast unmöglich war, die feinen Schrauben und Hebel mit halb erfrorenen Händen zu bedienen. Er steckte sein Thermometer in den Boden, las das Barometer ab und nahm Luftproben, um ihre chemischen Bestandteile zu analysieren. Außerdem maß er die Feuchtigkeit und überprüfte auf verschiedenen Höhen, wo der Siedepunkt des Wassers lag. Und sie stießen Gesteinsbrocken die steilen Hänge hinunter, um zu sehen, wie weit sie rollten.

Nach einer Stunde tückischer Kletterei ließ die Steigung des Grats etwas nach, dafür zerrissen ihnen die scharfen Steine ihre Schuhe, und ihre Füße fingen an zu bluten. Doch dann lichtete sich der Nebel plötzlich und enthüllte gut 300 Meter über ihren Köpfen den weißen Gipfel des Chimborazo, der im Sonnenlicht glitzerte - aber sie sahen auch, dass ihr schmaler Grat zu Ende war.

Unmittelbar vor ihnen öffnete sich eine gewaltige Gletscherspalte. Um sie zu umgehen, hätten sie ein Tiefschneefeld überqueren müssen; aber es war mittlerweile 13 Uhr, und die Sonne hatte die eisige Kruste, die den Schnee bedeckte, aufgeweicht. Als Montúfar ihn vorsichtig betrat, sank er so tief ein, dass er vollständig verschwand. Sie konnten das Feld unmöglich überqueren. Humboldt maß noch einmal ihre Höhe und kam auf 5.917 Meter. Obwohl sie es nicht bis zum Gipfel schaffen würden, fühlten sie sich, als blickten sie von ganz oben auf die Welt. Noch nie war ein Mensch bis in solche Höhen vorgestoßen - noch nicht einmal die Ballonfahrer in Europa.“

 

Vom Chimborazo aus ging es rund 1.500 Kilometer südlich bis nach Lima. Humboldt interessierte sich für alles, von Pflanzen und Tieren bis zur Architektur der Inkas. Die Leistungen der antiken Zivilisationen Lateinamerikas beeindruckten ihn. Er kopierte Handschriften, skizzierte Monumente der Inkas und legte Wortverzeichnisse an. Die indigenen Sprachen waren seiner Ansicht nach so hoch entwickelt, dass man jedes europäische Buch in sie übersetzen konnte. Sie kannten sogar Wörter für abstrakte Begriffe wie „Zukunft, Ewigkeit, Existenz“. Unmittelbar südlich vom Chimborazo besuchte er einen indigenen Stamm, der einige antike Handschriften mit Beschreibungen von Vulkanausbrüchen besaß. Glücklicherweise gab es auch eine spanische Übersetzung, die er für sich abschrieb.

Auf ihrer Reise untersuchte Humboldt auch die Wälder aus Chinarindenbäumen in Loja (dem heutigen Ecuador) und stellte erneut fest, wie sehr die Menschen die Umwelt verwüsten. Die Rinde dieses Baums enthält Chinin, das man für die Behandlung von Malaria verwendete; doch wenn die Rinde entfernt wurde, starben die Bäume. Auf diese Weise hatten die Spanier riesige Urwaldgebiete vernichtet. Ältere und dickere Bäume gab es nur noch selten.

Humboldts Forschungsdrang schien unerschöpflich. Er analysierte Bodenablagerungen, Klimamuster und die Ruinen der Inkatempel. Wenn seine Gefährten und er über Bergketten kletterten und in Täler hinabstiegen, stellte er seine Instrumente auf. Humboldt war deshalb so neugierig, weil er die Natur ganzheitlich verstehen wollte, als ein Netz von Kräften und Wechselbeziehungen. Daher auch seine Begeisterung für die Vegetationszonen auf verschiedenen Kontinenten, an Erdbeben und am Geomagnetismus - der Lehre von den Magnetfeldern der Erde. Seit dem 17. Jahrhundert wussten die Naturforscher, dass die Erde selbst ein Riesenmagnet ist. Ihnen war auch bekannt, dass die Kompassnadeln nicht den echten Norden anzeigten, weil der magnetische Nordpol nicht mit dem geografischen Nordpol zusammenfällt. Außerdem bewegen sich die magnetischen Pole, was die Navigation erheblich erschwerte. Allerdings wussten die Wissenschaftler nicht, ob sich die Intensität der Magnetfelder auf der Welt von Ort zu Ort zufällig oder systematisch veränderte.

Als sich Humboldt auf dem Weg von Bogotá nach Quito dem Äquator näherte, fiel ihm bei seinen Messungen auf, dass das Magnetfeld der Erde abnahm und zu seiner Überraschung selbst dann noch, als sie den Äquator nicht weit von Quito bereits überquert hatten. Erst auf dem kahlen Cajamarca-Plateau in Peru, das mehr als sieben Grad und rund 750 Kilometer südlich des geografischen Äquators liegt, drehte sich die Nadel und zeigte nach Süden statt nach Norden: Humboldt hatte den magnetischen Äquator entdeckt.“

 

Ende Oktober 1802 traf Humboldt mit seinen Reisegefährten in Lima ein. Viereinhalb Monate waren vergangen, seit er Quito, und mehr als drei Jahre, seit er Europa verlassen hatte. In Lima fanden sie ein Schiff, das sie zum nördlich gelegenen Guayaquil an der Westküste des heutigen Ecuador bringen sollte. Von dort wollte Humboldt dann nach Acapulco in Mexiko übersetzen. Als sie von Lima nach Guayaquil segelten, untersuchte Humboldt den kalten Strom, der an der Westküste Südamerikas vom südlichen Chile bis zum nördlichen Peru entlangfließt. In dem nährstoffreichen Wasser leben unglaublich viele Tiere und Pflanzen; es ist das produktivste ozeanische Ökosystem der Erde. Jahre später bekam es den Namen Humboldt-Strom. Natürlich war Humboldt geschmeichelt von der Wahl seines Namens, aber er protestierte trotzdem. Die Fischerjungen an der Küste kannten den Strom schon seit Jahrhunderten, argumentierte er, sein Verdienst sei lediglich, dass er ihn zuerst gemessen und entdeckt habe, dass er kalt sei.

Humboldt trug die Daten zusammen, die er brauchte, um die Natur als einheitliches Ganzes zu begreifen. Wenn sie ein Netz des Lebens war, reichte es nicht, sie mit den Augen eines Botanikers, eines Geologen oder eines Zoologen zu betrachten. Er benötigte Information von überall, sagte Humboldt, weil „Beobachtungen aus den verschiedensten Erdstrichen miteinander verglichen werden“ müssen. Er trug so viele Ergebnisse zusammen und stellte so viele Fragen, dass einige Leute ihn für dumm hielten, weil er sich nach „Selbstverständlichkeiten“ erkundigte. Einer der Führer berichtete, Humboldts Jackentaschen waren wie die eines kleinen Jungen - vollgestopft mit Pflanzen, Steinen und Papierschnipseln. Nichts war zu klein oder zu unbedeutend, um nicht untersucht zu werden. Alles hatte seinen Platz in dem großen Teppich, den das Leben knüpfte.“

 

Den aufregendsten Tag seines Londoner Aufenthalts verbrachte Humboldt jedoch nicht mit Wissenschaftlern oder Politikern, sondern mit einem jungen Ingenieur - Isambard Kingdom Brunel, der Humboldt eingeladen hatte, sich den Bau des ersten Tunnels unter der Themse anzusehen. Die Idee, einen Tunnel unter einem Fluss zu bauen, war so kühn wie gefährlich, und niemandem war bislang etwas Ähnliches gelungen.

Die Bedingungen an der Themse hätten schlechter nicht sein können, denn der Untergrund bestand aus Sand und weichem Lehm. Brunels Vater Marc hatte eine geniale Methode für den Tunnelbau entwickelt: ein gusseisernes Schild, das in Höhe und Breite der Tunnelröhre entsprach. Angeregt vom Schiffsbohrwurm, der sich durch die härtesten Planken arbeitet, indem er seinen Kopf mit einer harten Schale schützt, hatte Marc Brunel eine riesige Vorrichtung gebaut, die die Aushöhlung des Tunnels ermöglichte, während sie gleichzeitig die Decke stützte und den weichen Lehm daran hinderte, abzusacken. Die Arbeiter schoben den Metallschild unter dem Flussbett vor sich her und richteten gleichzeitig hinter sich die Tunnelwand aus Ziegelsteinen auf. Zentimeter um Zentimeter, Meter um Meter rückte der Tunnel vor. Der Bau hatte zwei Jahre zuvor begonnen, und als Humboldt jetzt in London war, hatten Brunels Männer die halbe Wegstrecke des fast 400 Meter langen Tunnels geschafft.

Die Arbeit war tückisch und Marc Brunels Tagebuch voller Bedenken und Sorgen: „Angst wächst täglich“, „Die Sache wird jeden Tag schlimmer“ oder „Jeden Morgen sage ich mir: wieder ein gefährlicher Tag vorbei“. Sein Sohn Isambard, der im Januar 1827 im Alter von zwanzig Jahren zum „Verbindungsingenieur“ ernannt worden war, trieb das Projekt mit grenzenloser Energie und Zuversicht voran. Aber die Aufgabe war eine Herausforderung. Anfang April, kurz bevor Humboldt eintraf, sickerte immer mehr Wasser in den Tunnel, sodass Isambard vierzig Männer an den Pumpen beschäftigten musste, um den Wassereinbruch unter Kontrolle zu halten. Es befinde sich nur „tonhaltiger Schlamm über ihren Köpfen“, sorgte sich Marc Brunel und fürchtete, der Tunnel könne jederzeit zusammensacken. Isambard wollte sich die Konstruktion von außen ansehen und lud Humboldt ein, ihn zu begleiten. Es war ein gefährliches Unternehmen, aber das hielt Humboldt nicht ab - es war viel zu aufregend, um das zu verpassen. Außerdem wollte er den Luftdruck auf dem Grund des Flusses messen, um ihn mit seinen Beobachtungen in den Anden zu vergleichen.

Am 26. April wurde eine riesige Taucherglocke aus Metall, die fast zwei Tonnen wog, mit einem Schiffskran hinabgelassen. Auf dem Fluss wimmelte es von Booten mit neugierigen Zuschauern, während Brunel und Humboldt im Inneren des eisernen Kastens in eine Tiefe von rund elf Metern abgesenkt wurden. Mit einem Lederschlauch, der von oben in die Glocke führte, wurden sie mit Luft versorgt, und durch zwei dicke Glasscheiben konnten sie in das schlammige Flusswasser blicken. Während sie langsam hinabsanken, empfand Humboldt den Druck in seinen Ohren zunächst als fast unerträglich, gewöhnte sich aber nach einigen Minuten daran. Sie hatten dicke Jacken an und sahen wie „Eskimos“ aus, schrieb Humboldt an Francois Arago in Paris. Tief unten am Boden des Flussbetts, den Tunnel unter sich und nichts als Wasser über sich, war es gespenstisch dunkel, abgesehen vom schwachen Schein ihrer Laternen. Sie waren vierzig Minuten unter Wasser; und als sie langsam aufstiegen, platzten durch die Veränderung des Wasserdrucks Blutgefäße in Humboldts Nase und Kehle. Während der nächsten vierundzwanzig Stunden spuckte und nieste er Blut, genau wie bei der Besteigung des Chimborazo. Brunel habe nicht geblutet, notierte Humboldt und scherzte, das sei offenbar „ein Privileg der Preußen“.

Zwei Tage später stürzten Teile des Tunnels ein. Mitte Mai brach dann das Flussbett über dem Tunnel vollständig ein und riss ein riesiges Loch, durch das das Wasser in den Tunnel strömte. Erstaunlicherweise gab es keine Toten, und nach Beendigung der Reparaturarbeiten wurde die Arbeit fortgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Humboldt London bereits verlassen und war in Berlin eingetroffen.“

 

Humboldt war wieder in seinem Element. Er kroch in tiefe Stollen, schlug Gesteinsproben ab, presste Pflanzen, kletterte auf Berge und verglich die entdeckten Erzadern mit denen in Neugranada, das Gebirge mit den Anden und die sibirischen Steppen mit den Llanos in Venezuela. Der Ural mochte für den kommerziellen Bergbau von Bedeutung sein, aber die „eigentliche Freude“ kam erst im Altaigebirge auf.

In den Tälern wuchsen die Grasbüschel und Sträucher so hoch, dass sie sich nicht sehen konnten, selbst wenn sie nur ein paar Schritte voneinander entfernt waren; weiter oben gab es überhaupt keine mehr. Die riesigen Berge glichen „mächtigen Domen“, notierte Rose in seinem Tagebuch. Sie konnten den Gipfel des Belucha sehen, mit seinen schneebedeckten Doppelspitzen der höchste Berg des Altai, wenn auch mit 4.506 Metern fast 2.000 Meter niedriger als der Chimborazo. Mitte August waren sie so tief in die Bergkette vorgedrungen, dass die höchsten Gipfel verlockend nahe waren. Doch es war schon zu spät im Jahr - der Schnee hinderte sie daran, höher zu steigen. Ein Teil war zwar im Mai geschmolzen, aber im Juli präsentierten sich die Berge bereits wieder tief verschneit. Humboldt musste seine Niederlage eingestehen, obwohl ihn der Anblick des Belucha ungemein reizte, ihn zu erklimmen. Bei diesen Verhältnissen war es jedoch unmöglich - tatsächlich gelang es erst im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, den Belucha zu besteigen. Für Humboldt waren die höchsten Gipfel Zentralasiens unerreichbar. Die Jahreszeit und sein Alter waren gegen ihn.

Trotz seiner Enttäuschung hatte Humboldt genug gesehen. Seine Truhen waren vollgestopft mit gepressten Pflanzen, langen Messtabellen sowie Gesteins- und Erzproben. Als er auf heiße Quellen stieß, schloss er daraus, dass sie mit den leichten Erdbeben in der Region zusammenhingen. Ganz gleich, wie viel sie während des Tages wanderten und kletterten, abends hatte er immer noch genügend Energie, um die Instrumente für die astronomischen Beobachtungen aufzustellen. Er fühlte sich stark und fit. „Meine Gesundheit ist hervorragend“, schrieb er Wilhelm.

Sie machten sich wieder auf die Reise, und Humboldt beschloss, die chinesisch-mongolische Grenze zu überqueren. Ein Kosak wurde vorausgeschickt, um den Beamten, die diese Region beaufsichtigten, ihre Ankunft anzukündigen. Am 17. August trafen Humboldt und seine Reisegruppe in Baty am Fluss Irtysch ein. Auf dem linken Ufer lag der mongolische Grenzposten, auf dem rechten der chinesische. Es gab ein paar Jurten, einige Kamele, Ziegenhirten und rund achtzig raue Soldaten, die laut Humboldt „in Lumpen“ gekleidet waren.

Humboldt nahm zunächst Kontakt zu dem chinesischen Grenzposten auf und besuchte den Kommandanten in seiner Jurte. Dort saßen sie auf Kissen und Teppichen, und er breitete seine Geschenke aus: Tücher, Zucker, Bleistifte und Wein. Eine Kette von Dolmetschern übermittelte die Freundschaftsbekundungen, zuerst vom Deutschen ins Russische, dann vom Russischen ins Mongolische und schließlich vom Mongolischen ins Chinesische. Im Gegensatz zu den ungepflegten Soldaten wirkte ihr Kommandant sehr eindrucksvoll. Er war erst wenige Tage zuvor aus Beijing eingetroffen und trug eine lange blaue Seidenjacke und einen Hut, der mit mehreren bunten Pfauenfedern geschmückt war.

Danach wurde Humboldt über den Fluss zum mongolischen Offizier in der anderen Jurte gerudert. Inzwischen wuchs die Zahl der Schaulustigen. Fasziniert von ihren fremden Gästen, berührten und betasteten die Mongolen Humboldt und seine Gefährten. Dieses Mal war Humboldt das exotische Geschöpf. Die Einheimischen piksten ihm mit dem Finger in den Bauch, hoben seine Jacke an und stupsten ihn - und er genoss jede Minute der seltsamen Begegnung. Er war in China, dem „himmlischen Reich“, schrieb er nach Hause.

Es wurde Zeit umzukehren. Da Cancrin ihn angewiesen hatte, auf keinen Fall über Tobolsk hinaus nach Osten zu reisen, wollte Humboldt wenigstens zur vereinbarten Zeit wieder in Sankt Petersburg eintreffen. Sie mussten ihre Kutschen in der Festung Ust-Kamenogorsk abholen und dann am Südrand des Russischen Reiches über Omsk, Miass und Orenburg nach Westen fahren, eine Reise von fast 5.000 Kilometern und zum großen Teil entlang der chinesischen Grenze. Diese Grenze von über 3.500 Kilometern Länge war mit zahlreichen Grenzposten, Wachttürmen und kleinen, mit Kosaken bemannten Festungen bewehrt; es war die Heimat der nomadischen Kirgisen.

Am 14. September feierte Humboldt in Miass seinen sechzigsten Geburtstag mit dem Apotheker des Ortes, der kein Geringerer als der Großvater von Wladimir Iljitsch Lenin werden sollte. Am folgenden Tag schickte Humboldt Cancrin einen Brief und teilte ihm mit, dass er einen Wendepunkt in seinem Leben erreicht hatte. Obwohl sich nicht alle seine Wünsche realisiert hatten, bevor er alt und schwach wurde, hatte er den Altai und die Steppen gesehen. Das erfüllte ihn mit größter Befriedigung und hatte ihm außerdem die Daten geliefert, die er brauchte. „Vor dreißig Jahren war ich in den Wäldern des Orinoco und auf den Cordilleren“, schrieb er. Jetzt sei er endlich in der Lage, die verbleibende „große Masse von Ideen“ zusammenzufassen. Das Jahr 1829 sei „das wichtigste meines unruhigen Lebens“ …

Es war Ende Oktober, und der russische Winter hatte sie schon fast im Griff. Humboldt wurde in Moskau erwartet und dann in Sankt Petersburg, wo er über seine Expedition berichten sollte. Er kehrte glücklich zurück. Er hatte tiefe Bergwerke und schneebedeckte Berge gesehen, die größte Trockensteppe der Welt durchquert und am Ufer des Kaspischen Meeres gestanden. An der mongolischen Grenze trank er mit dem chinesischen Kommandanten Tee und bei den Kirgisen vergorene Stutenmilch. Zwischen Astrachan und Wolgograd gab der gebildete Khan des Kalmückenvolks ein Konzert zu Humboldts Ehren, bei dem ein Kalmückenchor Mozart-Ouvertüren sang. Humboldt hatte Saiga-Antilopen beobachtet, die über die Kasachensteppe preschten, Schlangen, die sich auf einer Wolgainsel sonnten, und einen nackten indischen Fakir, den es nach Astrachan verschlagen hatte. Er behielt recht mit seiner Vorhersage, dass es Diamanten in Sibirien gebe, hatte entgegen seinen Anweisungen mit politisch Verbannten gesprochen und sogar einen nach Sibirien deportierten Polen getroffen, der Humboldt stolz sein Exemplar von dem Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neuspanien zeigte. In den zurückliegenden Monaten hatte Humboldt eine Milzbrandepidemie überlebt und stark abgenommen, weil er das sibirische Essen unverdaulich fand. Er hatte sein Thermometer in tiefe Brunnen getaucht, die Instrumente quer durch das Russische Reich geschleppt und Tausende von Messungen vorgenommen. Ihre Kutschen waren schwer beladen mit Steinen, gepressten Pflanzen, Fischen in kleinen Flaschen, ausgestopften Tieren sowie alten Handschriften und Büchern für Wilhelm.

Humboldt interessierte sich ja nicht nur für Botanik, Zoologie oder Geologie, sondern auch für Land- und Forstwirtschaft. Als ihm auffiel, wie rasch die Wälder rund um die Bergbauzentren verschwanden, klagte er in einem Brief an Cancrin über den „Mangel an Holz“ und riet ihm, keine Dampfmaschinen zu verwenden, um überflutete Bergwerke trockenzulegen, weil die viel zu viel Holz brauchten. In der Barabasteppe, in der die Milzbrandepidemie gewütet hatte, waren Humboldt die Umweltauswirkungen intensiver Landwirtschaft aufgefallen. Die Region war (und ist) ein wichtiges Agrarzentrum Sibiriens. Die Bauern dort hatten Sümpfe und Seen trockengelegt, um Land für Äcker und Weiden zu gewinnen. Dadurch waren die Marschebenen stark ausgetrocknet, und dieser Prozess setzte sich laut Humboldt weiter fort.

Humboldt suchte nach den „Beziehungen, welche alle Phänomene und alle Kräfte der Natur verketten“. Russland war das letzte Kapitel in seinem Werk über sein Naturverständnis - er überprüfte und verifizierte alle Daten, die er in den vergangenen Jahrzehnten zusammengetragen hatte, und verknüpfte sie miteinander. Dabei ging es ihm in erster Linie um einen Vergleich und nicht um Entdeckung. Die Ergebnisse der russischen Expedition veröffentlichte er in zwei Büchern und berichtete darin auch über die Zerstörung der Wälder und die langfristigen Veränderungen der Umwelt durch Menschenhand. Dabei kam er zu dem Schluss, dass die Menschheit das Klima hauptsächlich auf drei Arten beeinträchtige: Abholzung, rücksichtslose Bewässerung und, vielleicht besonders prophetisch, die „Entwicklung großer Dampf- und Gasmassen an den Mittelpunkten der Industrie“. Noch nie hatte jemand die Beziehung zwischen Mensch und Natur auf diese Weise betrachtet.

Am 13. November 1829 traf Humboldt schließlich wieder in Sankt Petersburg ein. Seine Ausdauer war erstaunlich. Seit die Reisegruppe am 20. Mai in Sankt Petersburg aufgebrochen war, hatte sie mehr als 15.000 Kilometer in weniger als sechs Monaten zurückgelegt und dabei an 658 Relaisstationen 12.244 Pferde gewechselt. Humboldt fühlte sich gesünder denn je, gestärkt durch den langen Aufenthalt im Freien und die Aufregungen ihrer Abenteuer. Jeder wollte von seiner Expedition hören. Ein paar Tage zuvor hatte er in Moskau bereits ein ähnliches Spektakel über sich ergehen lassen müssen, als offenbar die halbe Stadt zu seiner Begrüßung erschienen war, in Galauniformen und mit Bändern und Ehrenzeichen behängt. In beiden Städten wurden zu seinen Ehren Feste gegeben und Reden gehalten, in denen man ihn als „Prometheus unserer Zeit“ feierte. Niemand schien ihm übelzunehmen, dass er von seiner ursprünglichen Route abgewichen war.

Wie so oft irritierten Humboldt diese offiziellen Empfänge. Statt über seine Klimabeobachtungen und geologischen Untersuchungen zu berichten, sah er sich gezwungen, einen Zopf zu bewundern, der aus dem Haar von Peter dem Großen geflochten war. Während die Zarenfamilie mehr über die spektakulären Diamantenfunde erfahren wollte, insistierten die russischen Wissenschaftler, seine Sammlungen zu sehen. Und so wurde Humboldt wieder einmal von einem zum anderen weitergereicht. Doch so sehr ihm diese Veranstaltungen auch gegen den Strich gingen, er blieb immer charmant und geduldig. Der russische Dichter Alexander Puschkin war begeistert von Humboldt. „Hinreißende Reden springen ihm nur so aus dem Munde“, sagte er - wie das Wasser, das aus dem Maul des Marmorlöwen in der Großen Kaskade vom Zarenpalast in Sankt Petersburg sprudelte. Privat beklagte sich Humboldt über all die pompösen Festlichkeiten: Die „Last all der Pflichten“ sei so groß, dass er „beinahe zusammenbreche“, schrieb er an Wilhelm; aber er versuchte auch, seinen Ruhm und seinen Einfluss zu nutzen. Obwohl er keine öffentliche Kritik an den Lebensverhältnissen der Kleinbauern und Landarbeiter äußerte, bat er den Zaren doch, einige der Menschen zu begnadigen, denen er auf seiner Reise begegnet war.

An der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg hielt Humboldt einen Vortrag, der eine umfangreiche internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit auslöste. Seit Jahrzehnten beschäftigte sich Humboldt mit dem Geomagnetismus - genauso wie mit dem Klima -, weil er eine globale Kraft war. Entschlossen, mehr über den, wie er es formulierte, „geheimnißvollen Gang der Magnetnadel“ in Erfahrung zu bringen, schlug Humboldt die Einrichtung einer Kette von Beobachtungsstationen im gesamten Russischen Reich vor. Er wollte herausfinden, ob die magnetischen Schwankungen irdischen Ursprungs waren - beispielsweise durch Klimaveränderungen erzeugt - oder ob die Sonne sie verursachte. Der Geomagnetismus sei ein Schlüsselphänomen zum Verständnis der Beziehung zwischen Himmel und Erde, erläuterte Humboldt, weil er „uns offenbaren kann, was ganz tief im Inneren unseres Planeten oder in den oberen Regionen unserer Atmosphäre vor sich geht“.

Humboldt erforschte das Phänomen schon seit Langem. In den Anden hatte er den magnetischen Äquator entdeckt, und 1806, als er in Berlin festsaß, weil die französische Armee in Preußen seine Rückkehr nach Paris verhinderte, hatten er und ein Kollege jede Stunde bei Tag und Nacht magnetische Beobachtungen vorgenommen, ein Experiment, das er nach seiner Rückkehr im Jahr 1827 wiederholte. Im Anschluss an seine russische Expedition forderte Humboldt seine deutschen Kollegen sowie führende britische, französische und amerikanische Gelehrte auf, sich an der Sammlung weiterer globaler Daten zu beteiligen. Er appellierte an sie als Mitglieder eines „großen Bündnisses“.

Schon nach wenigen Jahren umspannte ein Netz von Magnetstationen den Globus: in Sankt Petersburg, Beijing und Alaska, in Kanada und Jamaika, Australien und Neuseeland, Ceylon und sogar auf der entlegenen Insel Sankt Helena im Südatlantik, auf die Napoleon verbannt wurde. In drei Jahren wurden fast zwei Millionen Beobachtungen zusammengetragen. Wie die Wissenschaftler, die sich heute mit dem Klimawandel beschäftigen, sammelten auch diese Forscher in den neuen Stationen globale Daten und beteiligten sich an einem Vorhaben, das wir als wissenschaftliches Großprojekt bezeichnen würden. Es war eine internationale Zusammenarbeit in enormem Maßstab - der sogenannte „Magnetische Kreuzzug“.

Humboldt nutzte seinen Petersburger Vortrag auch, um in dem riesigen Russischen Reich Klimastudien anzuregen. Er wünschte sich Daten, die darüber Aufschluss gaben, wie sich die Zerstörung von Wäldern auf das Klima auswirkte - die erste große Studie über den Einfluss des Menschen auf die Klimabedingungen. Es sei die Pflicht der Wissenschaftler, so Humboldt, zu untersuchen, „was in der Ökonomie der Natur veränderlich ist“.

Zwei Wochen später, am 15. Dezember, brach Humboldt in Sankt Petersburg auf. Vor seiner Abfahrt gab er Cancrin ein Drittel des Geldes zurück, das er für seine Expedition erhalten hatte, und bat ihn, einen anderen Forschungsreisenden damit zu finanzieren - der Erwerb von Wissen war ihm wichtiger als sein finanzieller Vorteil. Seine Kutschen waren gefüllt mit den Sammlungen, die er für den preußischen König zusammengetragen hatte. Sie waren derart beladen, sagte Humboldt, dass sie einem „Naturaliencabinet“ auf Rädern glichen. Zwischen den Steinproben und gepressten Pflanzen waren seine Instrumente verstaut, seine Notizhefte und eine opulente, zwei Meter hohe Vase auf einem Sockel, die ihm der Zar zusammen mit einem kostbaren Zobelpelz geschenkt hatte.

Es war eisig kalt, als sie sich in rasender Fahrt nach Berlin aufmachten. Bei Riga verlor Humboldts Kutscher auf einer gefährlich vereisten Straße die Kontrolle über das Gefährt, und die Kutsche krachte ungebremst in eine Brücke. Als das Geländer unter der Wucht des Aufpralls zerbrach, stürzte eines der Pferde in den zweieinhalb Meter tiefer gelegenen Fluss und zog seine Fracht mit sich. Eine Seite der Kutsche war vollkommen zerschmettert. Humboldt und die anderen Passagiere wurden hinausgeschleudert und landeten nur wenige Zentimeter vom Brückenrand entfernt. Überraschenderweise war nur das Pferd verletzt, aber die Kutsche war so beschädigt, dass ihre Reparatur die Reisegruppe mehrere Tage lang aufhielt. Humboldt fand das Ganze eher aufregend. Sie hätten wohl ziemlich „pittoresk“ ausgesehen, wie sie am Rand der Brücke hingen, meinte er. Mit drei gebildeten Männern in der Kutsche, scherzte er weiter, sei natürlich eine Menge sich „widersprechender Theorien“ über die Ursachen des Unglücks zusammengekommen. Weihnachten verbrachten sie in Königsberg (dem heutigen Kaliningrad), und am 28. Dezember 1829 traf Humboldt in Berlin ein, den Kopf voller Ideen „wie ein siedender Topf“, so versicherte ein Freund Goethe gegenüber.“

 

Entdeckungen und Zusammenhänge

 

Ohne Menschen in ihrer Umgebung, so Humboldt, konnten sich die Tiere ungehindert entfalten, eine Entwicklung, die „nur durch sich selbst beschränkt“ - durch den wechselseitigen Druck der Arten.

Alles Leben befand sich in einem ununterbrochenen, blutigen Kampf, eine Auffassung, die sich radikal von der vorherrschenden Vorstellung unterschied, nach der die Natur eine gut geölte Maschine war, in der jedes Tier und jede Pflanze einen gottgewollten Platz einnahm. So hatte zwar Carl von Linné beispielsweise das Prinzip der Nahrungskette erkannt - Falken ernähren sich von kleinen Vögeln, kleine Vögel von Spinnen, Spinnen von Libellen, Libellen von Hornissen und Hornissen von Blattläusen -, aber er sah in dieser Kette ein harmonisches Gleichgewicht. Jedes Tier und jede Pflanze hatte einen gottgegebenen Zweck und reproduzierte sich daher in genau der richtigen Zahl, um zu garantieren, dass diese Ausgewogenheit ewig fortdauerte.

Doch Humboldt erblickte keinen Garten Eden. „Das Goldene Zeitalter ist vorbei“, schrieb er. Diese Tiere fürchteten sich voreinander und kämpften um ihr Überleben. Und nicht nur die Tiere; ihm entging nicht, dass kräftige Kletterpflanzen im Dschungel riesige Bäume erstickten. Hier sei nicht „die verheerende Hand des Menschen“ am Werk, meinte er, sondern der Wettstreit der Pflanzen um Licht und Nahrung, die über ihre Lebensdauer und ihr Wachstum entschieden.“

 

Die Weite der Llanos wurde nur ab und zu von einzelnen Mauritiapalmen unterbrochen. Diese hohen, schlanken Gewächse breiten ihre fingerförmigen Wedel wie riesige Fächer aus. Jetzt hingen sie voller rot glänzender, essbarer Früchte, die Humboldt an Fichtenzapfen erinnerten und die die Affen offenbar besonders liebten, denn die Tiere griffen durch die Stäbe ihrer Käfige nach ihnen. Humboldt hatte die Palmen bereits im Regenwald gesehen, aber hier auf den Llanos hatten sie eine besondere Funktion.

Überrascht beobachteten sie, „wie viele Dinge an das Dasein eines einzigen Gewächses geknüpft sind“. Die Mauritiafrüchte locken Vögel an, die Blätter schützen vor dem Wind, und die Erde, die der Wind vor sich hertreibt, sammelt sich an ihrem Stamm - ein idealer feuchter Lebensraum für Insekten und Würmer. Der bloße Anblick der Palmen ruft, so meinte Humboldt, ein „Gefühl angenehmer Kühlung“ hervor. Dieser einzeln stehende Baum verbreitet „in der Wüste Leben um sich her“. Fast zweihundert Jahre bevor der Begriff geprägt wurde, hatte Humboldt das Prinzip der Schlüsselart entdeckt - einer Art, die von entscheidender Bedeutung für ein ganzes Ökosystem ist. Für Humboldt war die Mauritiuspalme der Inbegriff des „wohlthätigen Lebensbaumes“ - das perfekte Symbol für die Natur als lebendigen Organismus.“

 

Als Humboldt auf die Hänge des Chimborazo und die Bergketten in der Ferne hinabsah, fügte sich alles zusammen, was er in den vergangenen Jahren gesehen hatte. Sein Bruder Wilhelm war der Meinung, Alexanders Verstand sei „dafür gemacht, Ideen zu verbinden, Ketten von Dingen zu erblikken“. Auf dem Chimborazo nahm Humboldt alles in sich auf, was vor ihm lag, während seine Gedanken zurückwanderten zu all den Pflanzen, Gesteinsformationen und Messungen, die er auf den Hängen der Alpen, der Pyrenäen und auf Teneriffa gesehen und vorgenommen hatte. Alles, was er jemals beobachtet hatte, rückte jetzt an seinen Platz. Humboldt erkannte, dass die Natur ein Netz des Lebens und eine globale Kraft ist. Er war, so sagte ein Kollege später, der Erste, der begriffen hatte, dass alles mit allem wie „durch tausend Fäden“ verbunden ist. Dieser neue Naturbegriff veränderte auch unsere Sicht auf die Welt.

Humboldt war erstaunt „darüber, dass die verschiedensten Klimate so viele Züge miteinander gemein haben“. So wuchs in den Anden ein Moos, das ihn an eine Art erinnerte, die er aus den Wäldern Norddeutschlands kannte, Tausende von Kilometern entfernt. Auf den Bergen bei Caracas hatte er rhododendronähnliche Pflanzen untersucht - die Alpenrosen des tropischen Amerika, wie er sie nannte, die denen der Schweizer Alpen glichen. Später in Mexiko fand er Kiefern, Zypressen und Eichen, die Ähnlichkeit mit den kanadischen Arten hatten. Gebirgspflanzen wuchsen in den Schweizer Bergen, in Lappland und hier in den Anden. Alles hing irgendwie zusammen.

Für Humboldt waren die Tage der Exkursionen rund um Quito und dann die Besteigung des Chimborazo wie eine botanische Reise vom Äquator in Richtung der Pole - wobei sich auf diesem Weg die gesamte Pflanzenwelt nacheinander präsentierte. Die Vegetationszonen reichten von tropischen Pflanzen in den Tälern bis zu Flechten nahe der Schneegrenze. Gegen Ende seines Lebens sprach Humboldt oft davon, dass man „einen höhern Standpunkt“ einnehmen muss, um die Natur zu verstehen. Von oben kann man die Zusammenhänge besser erkennen. Das wurde ihm auf dem Chimborazo bewusst. „Ein Blick“ umfasste die ganze vor ihm ausgebreitete Landschaft.

 

Nach dem Aufstieg zum Chimborazo formulierte Humboldt seinen neuen Naturbegriff. Im Vorgebirge der Anden skizzierte er mit seinem „Naturgemälde“ nicht nur ein „Bildnis der Natur“, sondern auch eine ganzheitliche Anschauung der natürlichen Welt. Humboldt bezeichnete es später als einen „Mikrokosmos auf einem Blatte“. Im Gegensatz zu den Wissenschaftlern, die Flora und Fauna bislang in engen taxonomischen Einheiten nach einer strengen Hierarchie klassifiziert hatten und endlose Tabellen mit Kategorien ausfüllten, erklärte Humboldt seinen neuen Naturbegriff mit einer Zeichnung.

Wir sehen ein „belebtes Naturganzes“, schrieb er später, kein „totes Aggregat“. Ein einziges Leben ergoss sich über Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen. Diese „allverbreitete Fülle des Lebens“ hat Humboldt tief beeindruckt. Selbst die Atmosphäre trägt Keime zukünftigen Lebens in sich - Pollen, Insekteneier und Samen. Das Leben war überall, schrieb Humboldt, und die organischen Kräfte sind „unablässig bemüht, neue Gestalten“ hervorzubringen. Humboldt war nicht so sehr daran interessiert, neue einzelne Fakten zu entdecken, sondern suchte vielmehr nach der Verbindung zwischen ihnen. Das individuelle Phänomen ist nur von Bedeutung „in seinem Verhältnis zum Ganzen“, erklärte er.

Das „Naturgemälde“ zeigt den Chimborazo im Querschnitt und die Natur als ein Netz, in dem alles mit allem verbunden ist. Humboldt zeichnete die Pflanzen genau auf den Höhen ein, wo sie wuchsen, von den unterirdischen Pilzarten bis zu den Flechten unmittelbar unterhalb der Schneegrenze. Am Fuß des Berges lag die tropische Zone mit den Palmen, weiter oben standen im gemäßigten Klima Eichen und farnartige Büsche.

Die erste Skizze des „Naturgemäldes“ fertigte Humboldt in Südamerika an. Später veröffentlichte er dann eine wunderschöne Zeichnung im Format von 90 mal 60 Zentimetern. Links und rechts vom Berg fügte er mehrere Spalten ein, die zusätzliche Einzelheiten und Informationen enthielten. Mittels der angegebenen Höhen (als Meter in der ersten Spalte rechts) lassen sich Verbindungen zwischen der Tabelle und der Zeichnung des Berges herstellen - und etwas erfahren über Feuchtigkeit, atmosphärischen Druck, Temperatur, chemische Zusammensetzung der Luft sowie über die Tiere und Pflanzen, die in den verschiedenen Höhenlagen leben. Humboldt hat elf Pflanzenzonen eingezeichnet und gibt dazu detailliert an, wie sie mit Veränderungen der Höhe, der Temperatur und so fort verknüpft sind. Alle Daten sind mit anderen hohen Bergen der Erde vergleichbar, die Humboldt nach ihrer Höhe geordnet neben dem Umriss des Chimborazo aufführt.

Komplex und doch einfach ist die Grafik mit dem Reichtum der wissenschaftlichen Angaben; das hatte es in dieser Form noch nie gegeben. Als erster Naturwissenschaftler übertrug Humboldt seine Resultate in Bilder. Das „Naturgemälde“ machte zum ersten Mal deutlich, dass die Natur global ist und sich Klimazonen auf allen Kontinenten entsprechen. Humboldt erkannte die „Einheit in der Vielheit“. Statt Pflanzen in ihre taxonomischen Kategorien einzuordnen, betrachtete er die Vegetation aus dem Blickwinkel von Klima und Standort - ein vollkommen neuer Ansatz, der noch heute unser Verständnis von Ökosystemen prägt.“

 

Der 90 mal 60 Zentimeter große, handkolorierte Kupferstich war eine große Ausklapptafel, die den Zusammenhang zwischen Klimazonen und Pflanzen anhand von Höhenlagen, Längen- und Breitengraden demonstrierte. Das Bild beruhte auf der Skizze, die Humboldt nach seiner Besteigung des Chimborazo angefertigt hatte. Humboldt präsentierte damit eine vollkommen neue Sicht der Pflanzenwelt. Die Darstellung zeigt den Chimborazo im Querschnitt und die Vegetationszonen mit allen Pflanzen vom Tal bis zur Schneegrenze. Neben dem Chimborazo sind die Höhen anderer Berge zum visuellen Vergleich eingetragen: Montblanc, Vesuv, Cotopaxi und die Höhe, die Gay-Lussac bei seinen Ballonfahrten in Paris erreichte. Eine weitere Markierung zeigt, wie hoch Humboldt, Bonpland und Montúfar bei der Besteigung des Chimborazo kamen - Humboldt konnte übrigens der Versuchung nicht widerstehen, darunter die geringere Höhe einzutragen, die die beiden französischen Wissenschaftler Charles-Marie de la Condamine und Pierre Bouguer in den 1730er-Jahren erreicht hatten. Links und rechts des Berges gab es mehrere Spalten mit sich entsprechenden Daten - unter anderem über Gravitation, Temperatur, die chemische Zusammensetzung der Luft und den Siedepunkt des Wassers - nach der jeweiligen Höhe sortiert. Alles ist zueinander in Beziehung gesetzt und lässt sich vergleichen.

Humboldt entschied sich bewusst für diese neue, visuelle Methode, denn, wie er einem Freund gegenüber äußerte, „die Leute wollen sehen“. In den Ideen zu einer Geographie der Pflanzen betrachtete er die Flora in einem Gesamtzusammenhang und sah die Natur als ein ganzheitliches Zusammenspiel von Phänomenen - sämtlich als eine unermesslich ausgebreitete „Pflanzendecke“. Es war das erste ökologische Buch der Welt.

Zuvor lag der Botanik das Prinzip der Klassifizierung zugrunde. Pflanzen ordnete man oft nach ihrer Beziehung zum Menschen - zum Beispiel entsprechend ihrem unterschiedlichen Einsatz als Arzneimittel oder Dekoration; oder die Klassifizierung orientierte sich an ihrem Geruch, Geschmack oder ihrer Genießbarkeit. Im 17. Jahrhundert, während der naturwissenschaftlichen Revolution, versuchten die Botaniker, die Pflanzen rationaler einzuteilen - etwa nach den Unterschieden ihrer Gestalt oder nach Ähnlichkeiten bei Samen, Blättern, Blüten und so fort. So wurde der Natur eine Ordnung aufgezwungen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts revolutionierte der schwedische Botaniker Carl von Linné dieses Konzept durch sein sogenanntes Sexualsystem, bei dem die Welt der Blütenpflanzen anhand der Zahl von Reproduktionsorganen - Stempeln und Staubgefäßen - eingeteilt wird. Ende des 18. Jahrhunderts setzten sich allmählich auch andere Klassifikationssysteme durch, was aber nichts an der festen Überzeugung der Botaniker änderte, dass die Taxonomie das Leitprinzip ihrer Disziplin blieb.

In den Ideen zu einer Geographie der Pflanzen definierte Humboldt einen vollkommen anderen Naturbegriff. Seinen Reisen verdankte er eine ganz neue Perspektive, er sah die Natur als Einheit: Nirgendwo erkenne man die „gegenseitige Verbindung“ der Naturerscheinungen so deutlich wie in Südamerika, schrieb er. Die Ideen, die er in den Jahren zuvor entwickelt hatte, stellte er jetzt in einen breiteren Kontext. Und er übernahm auch Theorien anderer Forscher, zum Beispiel von seinem früheren Professor Johann Friedrich Blumenbach. Dessen Konzept der Lebenskräfte - die alle lebendige Materie zu einem Organismus erklärt, dessen Kräfte miteinander zusammenhängen - wendete Humboldt auf die Natur als Einheit an. Statt nur einen einzigen Organismus zu betrachten, beschrieb Humboldt jetzt die Beziehungen zwischen Pflanzen, Klima und Geografie. Die Pflanzen teilte er in Zonen und Regionen ein und nicht mehr in taxonomische Einheiten. In der Geographie der Pflanzen erläuterte Humboldt die Idee der Vegetationszonen - der „langen Züge“, wie er sie nannte -, die quer über den Globus verliefen. Er eröffnete den Wissenschaftlern der westlichen Welt eine ganz neue Sicht auf die Natur.

In der Geographie der Pflanzen ergänzte Humboldt sein „Naturgemälde“ um noch mehr Einzelheiten und Erklärungen; seitenweise fügte er Tabellen, Statistiken und Quellen hinzu. Humboldt verband Kultur, Biologie und Physik miteinander zu einem Gesamtbild globaler Strukturen.

Seit Jahrtausenden folgten Feldfrüchte, Getreide, Gemüse und Obst den Wanderbewegungen der Menschheit. Als die Menschen Kontinente und Meere überquerten, brachten sie Pflanzen mit und veränderten dadurch das Antlitz der Erde. Die Landwirtschaft verknüpfte die Pflanzen mit Politik und Ökonomie. Kriege wurden um Pflanzen geführt, und Tee, Zucker oder Tabak entschieden über Kolonialreiche. Die Geschichte einiger Pflanzen enthielt ebenso viele Informationen über die Menschheit wie über die Natur selbst, während andere geologische Daten lieferten, etwa über die Kontinentalverschiebungen. Aus der Ähnlichkeit von Küstenpflanzen schloss Humboldt auf eine „ehemalige Verbindung“ zwischen Afrika und Südamerika und auf die Trennung ehemals zusammenhängender Inseln - eine phänomenale Schlussfolgerung, mehr als hundert Jahre bevor Wissenschaftler anfingen, sich mit Kontinentaldrift und Plattentektonik auch nur zu befassen. Humboldt „las“ in Pflanzen wie andere in Büchern - für ihn offenbarten sie eine gemeinsame, der Natur zugrundeliegende Kraft: verantwortlich für die Bewegungen der Kulturen ebenso wie die der Landmassen. Noch nie hatte jemand die Natur unter diesem Blickwinkel betrachtet.

Die Geographie der Pflanzen und der beigefügte Kupferstich des „Naturgemäldes“ zeigten ein bislang unsichtbares Netz des Lebens. Humboldt dachte in Zusammenhängen. Die Natur, schrieb er, sei „ein Abglanz des Ganzen“ - daher müssten Wissenschaftler die Flora, Fauna und Gesteinsschichtung global betrachten. Andernfalls liefen sie Gefahr, jenen Geologen nachzueifern, die den „ganzen Erdkörper nach dem Modelle der Hügel konstruieren, welche ihnen zunächst liegen“. Die Wissenschaftler sollten ihre Dachstuben verlassen und die Welt bereisen.

Ähnlich revolutionär war Humboldts Wunsch, sich an unsere „Wißbegierde und Einbildungskraft“ zu wenden, was er in der Einleitung der deutschen Ausgabe durch einen Verweis auf Friedrich Schellings Naturphilosophie unterstrich." 1798, mit dreiundzwanzig Jahren, wurde Schelling Professor der Philosophie an der Universität Jena und gehörte schon bald zu Goethes innerem Kreis. Seine sogenannte Naturphilosophie wurde zum theoretischen Gerüst des deutschen Idealismus und der Romantik. Schelling sprach von der „Notwendigkeit, die Natur in ihrer Einheit zu erfassen“. Er lehnte die Idee einer irreversiblen Trennung zwischen innen und außen ab - zwischen der subjektiven Welt des Ichs und der objektiven Welt der Natur. Stattdessen betonte er die Bedeutung der Lebenskraft, die Natur und Mensch vereint, und war der Ansicht, dass es eine organische Verbindung zwischen dem Ich und der Natur gab. Er erklärte, dass er selbst „mit der Natur identisch“ war, eine These, die den Weg bahnte für die Romantiker, die davon überzeugt waren, dass sich der Mensch in der unberührten Natur selbst finden konnte. Humboldt, der glaubte, dass er nur in Südamerika wirklich er selbst war, fand diese Idee äußerst überzeugend.

Humboldts Verweis auf Schelling zeigte auch, wie sehr er sich selbst in den zurückliegenden zehn Jahren verändert hatte. Gestützt auf Schellings Überlegungen, führte er eine neue Perspektive in die Naturwissenschaft ein. Zwar löste er sich nicht vollständig von der rationalen Methode, dem Mantra der aufgeklärten Denker, öffnete jedoch ganz unauffällig der Subjektivität eine Tür. Humboldt, einst der „Fürst der Empirie“, wie ein Freund an Schelling schrieb, hatte sich stark gewandelt. Viele Forscher hielten Schellings Naturphilosophie für unvereinbar mit empirischem Wissen und wissenschaftlichen Methoden. Humboldt jedoch behauptete nachdrücklich, dass aufgeklärtes Denken und Schelling keine „streitenden Pole“ seien. Schellings Betonung der Einheit entsprach genau Humboldts Sicht der Dinge.

Schelling schlug vor, den Begriff des „Organismus“ zur Grundlage des Naturverständnisses zu machen. Man sollte die Natur nicht länger als mechanisches System betrachten, sondern sie als lebendigen Organismus begreifen. Der Unterschied entsprach dem zwischen einer Uhr und einem Tier. Eine Uhr besteht aus Teilen, die man zerlegen und dann wieder zusammensetzen kann, aber ein Tier nicht - die Natur ist ein einheitliches Ganzes, ein Organismus, in dem die Teile nur in Beziehung zueinander funktionieren. In einem Brief an Schelling schrieb Humboldt, es handle sich um nicht weniger als eine „Revolution“ in den Naturwissenschaften, eine Abkehr von der „nüchternen Anhäufung von Thatsachen“ und dem „rohen Empirismus“.

Urheber dieser Ideen war Goethe. Humboldt hatte nicht vergessen, wie sehr ihn die Zeit in Jena geformt und wie stark ihn Goethes Ansicht über die Natur geprägt hatte. Dass Natur und Fantasie so eng in seinen Büchern verwoben waren, verdankte er dem „Einfluß Ihrer Schriften auf mich“, bekannte er Goethe später. Deshalb widmete Humboldt die Ideen zu einer Geographie der Pflanzen auch seinem alten Freund.

 

Bis auf die Ostindien-Kompanie, die sich unkooperativ verhielt, war jedermann in Großbritannien von Humboldt begeistert. Viele britische Wissenschaftler, die ihn in London kennengelernt hatten, besuchten ihn jetzt in Paris. Der berühmte Chemiker Humphry Davy kam, und auch John Herschel, der Sohn des Astronomen Wilhelm Herschel, und Charles Babbage, der Mathematiker, der heute als Vater des Computers verehrt wird. Humboldt „macht es Freude zu helfen“, sagte Babbage, egal, wie berühmt oder unbekannt der Besucher war. Auch der Oxford-Geologe William Buckland war von seinem Treffen mit Humboldt in Paris begeistert. Noch nie habe er einen Mann rascher oder klüger sprechen hören, schrieb Buckland an einen Freund. Wie immer ging Humboldt großzügig mit seinen Kenntnissen und Sammlungen um: Er öffnete seine Schränke und Notizhefte für Buckland.

Eine der bedeutsamsten wissenschaftlichen Begegnungen hatte er mit Charles Lyell, dem britischen Geologen, dessen Arbeit später Charles Darwin bei der Entwicklung seiner Evolutionstheorie half. Fasziniert von der Frage, wie die Erde entstanden sein könnte, war Lyell Anfang der 1820er-Jahre durch Europa gereist und hatte Berge, Vulkane und andere geologische Formationen untersucht, um sein revolutionäres Werk Principles of Geology vorzubereiten. Im Sommer 1823, etwa zu der Zeit, als Bolívar die Nachricht von Bonplands Inhaftierung erhielt, traf ein begeisterter fünfundzwanzigjähriger Lyell mit einer Fülle von Empfehlungsschreiben im Gepäck bei Humboldt in Paris ein.

Seit seiner Rückkehr aus Lateinamerika sammelte und verglich Humboldt Daten über Gesteinsschichten auf dem ganzen Erdball. Nach fast zwanzig Jahren veröffentlichte er die Ergebnisse schließlich in der Schrift Geognostischer Versuch über die Lagerung der Gebirgsarten, nur wenige Monate, bevor Lyell Paris erreichte. Genau diese Art Informationen brauchte Lyell für seine eigene Forschung. Der Geognostische Versuch war eine „hervorragende Lektion für mich“, schrieb Lyell, und die wissenschaftliche Welt hätte Humboldt auch dann höchste Anerkennung gezollt, wenn er nichts anderes veröffentlicht hätte. In den nächsten zwei Monaten erbrachten die beiden Männer viele Nachmittage zusammen, sprachen über Geologie, über Humboldts Beobachtungen auf dem Vesuv und über gemeinsame Freunde in Großbritannien. Humboldts Englisch sei ausgezeichnet, fand Lyell. Er schrieb seinem Vater, dass „Hoombowl“ - so Humboldts Name in der Aussprache seines französischen Dieners - ihn mit Materialien und nützlichen Daten überschüttete.

Außerdem erörterten sie Humboldts Erfindung der Isothermen - die Linien, die wir heute auf Wetterkarten sehen und die verschiedene geografische Punkte auf dem Globus mit gleichen Temperaturen verbinden. Humboldt hatte sie für eine Abhandlung „Von den isothermen Linien und die Verteilung der Wärme auf dem Erdkörper“ (1817) entworfen, mit der er die globalen Klimamuster visuell veranschaulichte. Diese Abhandlung half Lyell, seine eigenen Theorien zu entwickeln, und war zugleich der Beginn eines neuen Klimaverständnisses - auf sie stützten sich alle späteren Studien über die Wärmeverteilung.

Bis zu Humboldts Isothermen wurden meteorologische Daten in langen Temperaturtabellen gesammelt - endlose Listen mit verschiedenen geografischen Orten und ihren klimatischen Bedingungen, die zwar die genauen Temperaturen festhielten, aber nur schwer zu vergleichen waren. Humboldts grafische Veranschaulichung dieser Daten war ebenso neu wie einfach. Anstelle von verwirrenden Tabellen offenbarte ein Blick auf die Isothermenkarte eine neue Welt von Verbindungen, die die Erde in wellenförmigen Linien umgaben. Humboldt hielt diese Isothermen für die Grundlage einer neuen Disziplin, die er „vergleichende Klimatologie“ nannte. Damit lag er genau richtig, denn noch heute verwenden Wissenschaftler Isothermen, um Klimaveränderungen und globale Erwärmung zu verstehen und darzustellen. Isothermen ermöglichten Humboldt und den späteren Forschern, globale Muster zu betrachten. Lyell verwendete das Konzept, um geologische Veränderungen im Zusammenhang mit dem klimatischen Wandel zu untersuchen.

Das zentrale Argument von Lyells Principles of Geology besagte, dass die Erde allmählich und durch winzige Modifikationen geformt wurde und nicht, wie gemeinhin angenommen, durch plötzliche katastrophale Ereignisse wie Erdbeben oder Überschwemmungen. Lyell war überzeugt, dass diese langsamen Kräfte auch noch in der Gegenwart wirkten - um die Vergangenheit zu verstehen, musste er sich deshalb mit den aktuellen Verhältnissen beschäftigen. Zur Verteidigung seiner Auffassung vom Einfluss der allmählichen Kräfte und zur Widerlegung der eher apokalyptischen Theorien über die Anfänge der Erde musste Lyell erklären, wie sich die Oberfläche der Erde nach und nach abgekühlt hatte. Er habe Humboldt „gepaukt“, berichtete Lyell später einem Freund, während er seine eigene Theorie ausarbeitete.

In seiner detaillierten Analyse kam Humboldt zu dem überraschenden Ergebnis, dass die Temperaturen auf denselben Breitengraden nicht gleich waren, wie man bisher angenommen hatte. Auch Höhe, Landmasse, Meeresnähe und Windverhältnisse beeinflussten die Wärmeverteilung. Die Temperaturen waren an Land höher als auf See und niedriger in höher gelegenen Regionen. Daraus schloss Lyell, dass dort, wo geologische Kräfte das Land nach oben gedrückt hatten, die Temperaturen entsprechend gefallen waren. Auf lange Sicht kühlte sich durch diese Anhebung der Landmasse das Weltklima ab - mit der geologischen Veränderung der Erde wandelte sich also auch das Klima. Jahre später, als ihn ein Rezensent der Principles of Geology dazu drängte, bezeichnete Lyell die Lektüre von Humboldts Abhandlung über die Isotherme als „Beginn“ seiner Theorien - „lassen Sie Humboldt die gebührende Anerkennung für seinen wunderbaren Essay zuteilwerden“. In seinem eigenen Werk habe er Humboldts Klimatheorien lediglich „geologisch angewendet“.

 

Alexander von Humboldt ist in der englischsprachigen Welt weitgehend vergessen. Er war einer der letzten Universalgelehrten und starb zu einer Zeit, als sich die wissenschaftlichen Disziplinen auf streng abgegrenzte und spezialisierte Forschungsfelder zurückzogen. Infolgedessen war sein eher ganzheitlicher Ansatz - eine wissenschaftliche Methode, die neben empirischen Daten auch Kunst, Geschichte, Poesie und Politik einbezog - in Ungnade gefallen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein Mann, der Gefühle und Fantasie in seiner Wissenschaft berücksichtigte und einen extrem weiten Wissenshorizont hatte, wenig Anklang beim Establishment. Während die Naturwissenschaftler sich an ihre engen Fachgebiete klammerten und sie immer weiter unterteilten, verloren sie Humboldts interdisziplinäre Methoden und seine Auffassung von der Natur als globaler Kraft aus dem Blick.

Zu Humboldts größten Leistungen zählt, dass er die Naturwissenschaft verständlich und populär gemacht hat. Alle haben von ihm gelernt: Bauern und Handwerker, Schüler und Lehrer, Maler und Musiker, Wissenschaftler und Politiker. 1869 verkündete ein Redner auf der Hundertjahrfeier in Boston, es gebe keine Lehrbücher oder Atlanten für Schüler der westlichen Welt, die nicht von Humboldts Ideen geprägt seien. Im Gegensatz zu Christoph Kolumbus und Isaac Newton entdeckte Humboldt keinen Kontinent und kein neues physikalisches Gesetz. Humboldts Ruhm beruhte nicht auf einer bestimmten Tat oder Erfindung, sondern auf seiner Sicht der Welt. Sein Naturbegriff hat sich wie durch Osmose in unser Bewusstsein geschlichen. Fast entsteht der Eindruck, seine Ideen seien so selbstverständlich, dass der Mensch hinter ihnen verschwunden ist.

Ein weiterer Grund, warum Humboldt in unserem kollektiven Gedächtnis verblasst ist - zumindest in Großbritannien und den Vereinigten Staaten -, ist eine gewisse Deutschfeindlichkeit, die der Erste Weltkrieg brachte. So glaubte sogar die königliche Familie in Großbritannien, sie müsse ihren deutsch klingenden Familiennamen „Sachsen-Coburg und Gotha“ in „Windsor“ umändern. Und da selbst die Werke von Beethoven und Bach nicht mehr gespielt wurden, überrascht es kaum, dass auch ein deutscher Naturwissenschaftler sich keiner großen Beliebtheit mehr erfreute. Ähnlich war es in den Vereinigten Staaten - als der Kongress 1917 den Kriegseintritt beschloss, wurden Deutschamerikaner plötzlich schikaniert und gelyncht. In Cleveland, wo fünfzig Jahre zuvor Tausende von Menschen zur Feier des hundertsten Geburtstags von Humboldt durch die Straßen gezogen waren, wurden jetzt deutsche Bücher auf einem riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Cincinnati entfernte alle deutschen Publikationen aus den Regalen der öffentlichen Bibliotheken und benannte die „Humboldt Street“ in „Taft Street“ um. Beide Weltkriege des 20. Jahrhunderts warfen lange Schatten, sodass weder Großbritannien noch Amerika Plätze für die Feier eines großen deutschen Denkers und Wissenschaftlers waren.

Also warum sollte uns das kümmern? In den vergangenen Jahren bin ich oft gefragt worden, warum ich mich für Alexander von Humboldt interessiere. Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten, weil Humboldt aus vielen Gründen faszinierend und wichtig ist: Er hat nicht nur ein spannendes und abenteuerliches Leben geführt, sondern seine Geschichte und sein Wirken illustrieren auch, wie sich unsere heutige Einstellung zur Natur entwickelt hat. In einer Welt, in der wir dazu neigen, eine scharfe Trennungslinie zwischen den Naturwissenschaften und den Künsten zu ziehen, zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven, machte Humboldts Einsicht, dass wir die Natur nur wirklich verstehen können, wenn wir von unserer Vorstellungskraft Gebrauch machen, ihn zum Visionär. Diese Verbindung zwischen Wissen, Kunst und Dichtung, zwischen Erkenntnis und Gefühlen - dem „alten Bund“, wie Humboldt es nannte - ist heute wichtiger denn je. Humboldt wurde angetrieben von einem Gefühl vom Wunder der Natur - einem Gefühl, das uns heute helfen könnte zu begreifen, dass wir nur schützen werden, was wir lieben.

Humboldts Schüler und deren Schüler gaben dieses Vermächtnis weiter - still, unauffällig und manchmal sogar unbeabsichtigt. Naturschützer, Ökologen und Naturschriftsteller sind auch heute noch Humboldts Perspektive fest verhaftet - obwohl viele noch nie von ihm gehört haben. Trotzdem ist Humboldt der Gründungsvater ihres Denkens.

In einer Zeit, wo Wissenschaftler versuchen, die globalen Folgen des Klimawandels zu verstehen und vorherzusagen, ist Humboldts interdisziplinärer Ansatz zur wissenschaftlichen Forschung und zum Verständnis der Natur wichtiger als je zuvor. Er glaubte an den freien Informationsaustausch, die Einheit der Wissenschaften und die Kommunikation über alle disziplinären Grenzen hinweg - heute die Grundpfeiler der Wissenschaft. Sein Begriff der Natur als globales Netzwerk untermauert unser Denken.

Ein Blick auf den neuesten Bericht des Weltklimarats der UNO (IPCC) aus dem Jahr 2014 zeigt, wie dringend wir die Humboldt‘sche Perspektive brauchen. In dem von über achthundert Wissenschaftlern und Experten erarbeiteten Bericht heißt es, dass die globale Erwärmung „schwerwiegende, umfassende und irreversible Auswirkungen auf Menschen und Ökosysteme“ haben werde. Humboldts Erkenntnis, dass alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Aspekte eng mit Umweltproblemen verknüpft sind, hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Wie der amerikanische Farmer und Dichter Wendell Berry gesagt hat: „Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Schicksal des Landes und dem Schicksal der Menschen. Wird eines misshandelt, leidet auch das andere.“ Oder wie die kanadische Journalistin und Aktivistin Naomi Klein in ihrem Buch Die Entscheidung, Kapitalismus vs. Klima (2014) erklärt: Das Wirtschaftssystem und die Umwelt befinden sich im Kriegszustand. Schon Humboldt erkannte, dass Kolonien, die auf Sklaverei, Monokultur und Ausbeutung beruhen, Systeme sind, die Ungerechtigkeit und verheerende Umweltschäden hervorbringen, und so müssen wir begreifen, dass Wirtschaftskräfte und Klimawandel Teile ein und desselben Systems sind.

Humboldt sprach von dem „Menschenunfug ... der die Naturordnung ... stört“. Es gab Momente in seinem Leben, in denen er so pessimistisch war, dass er eine düstere Zukunft ausmalte für die hypothetische Expansion ins All, wenn die Menschheit ihre tödliche Mischung aus Laster, Gier, Gewalt und Ignoranz auf andere Planeten exportierte. Bereits 1801 schrieb er, unter dem Einfluss der Menschheit könnten diese fernen Sterne ebenso „veröden“ und „verheert“ werden, wie es bereits mit der Erde geschehen sei.

Da wir im Anthropozän sind, einer neuen geologischen Epoche, die vom Einfluss der Handlungen der Menschen geformt wird und in der wir uns mit der Veränderung des Klimas auseinandersetzen müssen, mit der Versauerung der Ozeane, dem Abschmelzen der Gletscher und mit extremem Wetter von großer Trockenheit bis zu sintflutartigen Überschwemmungen, sind Humboldts Ansichten alarmierend prophetisch.

Es sieht ganz so aus, als würde sich der Kreis schließen. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen - für uns und für die Umweltbewegung -, Humboldt als unseren Helden und Vorkämpfer wiederzuentdecken.“

 

Politisch denkender Alexander von Humboldt

 

In beiden Welten zu Hause

 

Nach Wilhelms Ansicht hatte Alexander „aufgehört ... Deutsch zu sein“. Sogar die meisten seiner Bücher erschienen zuerst auf Französisch. Immer wieder versuchte Wilhelm, seinen Bruder nach Deutschland zu locken. Als er in diplomatischer Mission nach Wien geschickt wurde, hatte er Alexander als seinen Nachfolger als Erziehungsminister in Berlin vorgeschlagen. Aber Alexanders Antwort war unmissverständlich: Er habe nicht die Absicht, sich in Berlin begraben zu lassen, während Wilhelm sich in Wien amüsiere. Schließlich, so stichelte er, scheine sich doch auch Wilhelm lieber im Ausland aufzuhalten.

Nicht nur Wilhelm und seine preußischen Gesinnungsgenossen waren irritiert, dass sich Humboldt in Paris niedergelassen hatte - auch Napoleon war misstrauisch. Bereits bei ihrem ersten Treffen, kurz nach Humboldts Rückkehr aus Südamerika, hatte Napoleon ihn süffisant gefragt: „Sie beschäftigen sich mit der Botanik? Ich weiß, dass auch meine Frau sie treibt.“ Napoleon mochte Humboldt nicht, weil sich dessen „Gesinnung nicht beugen lässt“. Zunächst hatte Humboldt versucht, ihn mit Exemplaren seiner Bücher zu besänftigen, wurde aber ignoriert. Napoleon begegnete ihm, sagte Humboldt, „voll Hass“.“

 

Humboldt war es gewöhnt, zwischen unterschiedlichen politischen Ansichten zu manövrieren. Fünfundzwanzig Jahre zuvor hatte er geschickt die reaktionären und revolutionären Positionen in Frankreich umschifft, ohne jemals seine Stellung zu riskieren. „Es ist ihm durchaus bewusst“, hatte Charles Lyell geschrieben, „dass er, selbst wenn er zu liberal wird, seine Stellung und die Vorteile, die ihm seine Geburt verschafft, nicht aufs Spiel setzt.“

Im privaten Kreis kritisierte Humboldt die europäischen Herrscher auf seine übliche sarkastische Weise. Als Königin Victoria ihn bei einem ihrer Besuche in Deutschland eingeladen hatte, spottete er, sie habe ihm zum Frühstück „harte Coteletts und kaltes Hühnerfleisch“ vorgesetzt und vollendete „philosophische Abstinenz“ bewiesen. Nach einem Treffen mit dem Kronprinzen von Württemberg und den künftigen Königen von Dänemark, England und Bayern in Friedrich Wilhelms Schloss Sanssouci beschrieb Humboldt diese Gäste einem Freund als eine Gruppe von Thronerben, die aus „einem lendenlahmen blassen, einem versoffenen Isländer, einem blinden politisch-wüthigen, einem eigensinnigen, geisteslahmen“ bestand. Das, so meinte Humboldt ironisch, sei „die künftige monarchische Welt“.

Einige Beobachter bewunderten Humboldts Fähigkeit, seinem königlichen Herrn zu dienen und gleichzeitig „den Mut der eigenen Meinung“ zu bewahren. Ernst August I., der König von Hannover, sagte allerdings, Humboldt sei „immer derselbe, immer Republikaner und immer im Vorzimmer des Palastes“. Doch vermutlich verdankte Humboldt gerade dieser Fähigkeit, in beiden Welten zu Hause zu sein, so viel Freiheit. Wie er selbst zugab, wäre er sonst wohl schon längst „als Revolutionär und Autor des gottlosen „Kosmos“ ausgewiesen“ worden.

Humboldt beobachtete, wie sich die Revolutionen in den deutschen Staaten ausbreiteten. Es gab einen kurzen Augenblick, in dem Reformen möglich schienen; aber der war fast so schnell vorbei, wie er gekommen war. Die deutschen Staaten beschlossen, eine Nationalversammlung einzuberufen, um die Zukunft eines vereinten Deutschland zu erörtern. Aber Ende Mai 1848, etwas mehr als zwei Monate nach den ersten Schüssen von Berlin, wusste Humboldt nicht, von wem er tiefer enttäuscht war: dem König, den preußischen Ministern oder den Mitgliedern der in Frankfurt zusammengetretenen Nationalversammlung.“

 

Für Menschen, gegen Sklaverei

 

Im Gegensatz zu den meisten Europäern hielt Humboldt die indigenen Völker nicht für barbarisch, sondern war beeindruckt von ihren Kulturen, Überzeugungen und Sprachen. Tatsächlich sprach er von der „Barbarei des civilisirten Menschen“, als er sah, wie die Ureinwohner von Kolonisten und Missionaren behandelt wurden. Bei seiner Rückkehr nach Europa brachte Humboldt eine vollkommen neue Darstellung der sogenannten „Wilden“ mit.

Enttäuscht war er nur, wenn die Indianer nicht auf seine vielen Fragen antworteten - Fragen, die häufig über eine ganze Kette von Dolmetschern liefen, wenn eine lokale Sprache in eine andere und in noch eine weitere übersetzt werden musste, bis jemand diese Sprache und Spanisch verstand. Häufig ging der Inhalt in der Übersetzung verloren, dann begnügten sich die Indianer damit, zu lächeln und zustimmend zu nicken. Das machte Humboldt manchmal ungehalten, und er warf ihnen „faule Gleichgültigkeit“ vor. Allerdings räumte er auch ein, dass „unsere Fragen sie langweilten“. Diese Stammesgesellschaften mussten den Eindruck haben, dass Europäer stets in Eile und „von Dämonen geplagte Wesen“ seien.“

 

Eine Sache dämpfte allerdings Humboldts Freude: der Sklavenmarkt gegenüber dem Haus, das sie an Cumanás Marktplatz gemietet hatten. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts brachten die Spanier Sklaven in ihre südamerikanischen Kolonien. Jeden Morgen wurden junge afrikanische Männer und Frauen zum Verkauf angeboten. Sie mussten sich mit Kokosfett einreiben, damit ihre Haut schwarz glänzte, und wurden potenziellen Käufern vorgeführt, die ihnen die Münder aufrissen, um ihre Zähne zu inspizieren, „ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht“, klagte Humboldt. Dieser tägliche Anblick machte Humboldt zu einem entschiedenen Gegner der Sklaverei.“

 

Für Humboldt waren Kolonialismus und Sklaverei im Grunde ein und dasselbe, verwoben mit der Beziehung des Menschen zur Natur und der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen. Als die Spanier, aber auch die nordamerikanischen Kolonisten Zuckerrohr, Baumwolle, Indigo und Kaffee in ihren Territorien einführten, brachten sie auch die Sklaverei mit. In Kuba hatte Humboldt beispielsweise gesehen, dass „jeder Tropfen Zuckersaft Blut und Ächzen kostet“. Die Sklaverei war überall dorthin gefolgt, „wohin europäische Kolonisten ihre sogenannte Aufklärung“ - und ihren „Golddurst“ - getragen hatten …

Humboldt wurde nie müde zu verdammen, was er „das größte Übel“ nannte. Zwar wagte er nicht, den Präsidenten selbst zu kritisieren, aber er äußerte gegenüber William Thornton, Jeffersons Freund und Architekten, dass Sklaverei eine „Schande“ war. Natürlich verringere sich die Baumwollproduktion, wenn es keine Sklaven mehr gebe, sagte Humboldt, aber das Gemeinwohl bemesse sich nicht „nach dem Wert seiner Exporte“. Gerechtigkeit und Freiheit seien wichtiger als Zahlen und der Reichtum einer kleinen Schicht.

Dass die Briten, Franzosen und Spanier darüber stritten, wer die Sklaven menschlicher behandelte, fand Humboldt so absurd wie eine Auseinandersetzung über die Frage, „ob es angenehmer ist, sich den Bauch aufschlitzen zu lassen oder geschunden zu werden“. Sklaverei war Tyrannei. Auf seiner Reise durch Lateinamerika füllte Humboldt sein Tagebuch mit Beschreibungen des Sklavenelends: Ein Pflanzer in Caracas zwang seine Sklaven, ihre Exkremente zu essen; ein anderer folterte sie mit Nadeln. Überall sah er die Narben, die die Peitschen auf den Rücken der Sklaven hinterließen. Die indigenen Indianer wurden nicht besser behandelt. So erfuhr er in den Missionen am Orinoco, dass die Kinder der Indianer entführt und verkauft wurden. Eine besonders schreckliche Geschichte handelte von einem Missionar, der seinem Küchenjungen die Hoden abgebissen hatte, weil dieser ein Mädchen geküsst hatte.

Es gab nur wenige Ausnahmen. Am Valenciasee traf Humboldt einen Farmer, der darauf verzichtete, eine riesige Plantage zu bewirtschaften, und stattdessen sein Land in kleine Parzellen aufgeteilt hatte. Die meisten vergab er an freigelassene Sklaven und Kleinbauern, die zu arm waren, um Land zu erwerben. Diese Familien arbeiteten nun als freie und unabhängige Bauern; sie waren nicht reich, konnten aber von ihrem Stück Land leben. Und zwischen Honda und Bogotá fand Humboldt kleine Haciendas, die von Vätern und Söhnen ohne Sklaven bewirtschaftet wurden. Sie pflanzten Zuckerrohr an, aber auch Nahrungsmittel zum eigenen Verbrauch. „Gerne verbreite ich mich hier über den Landbau in den Kolonien“, notierte Humboldt, denn damit untermauerte er seine Auffassung.

Humboldt war fest davon überzeugt, dass Sklaverei widernatürlich war. „Was aber gegen die Natur ist, ist unrecht, schlecht und ohne Bestand.“ Im Gegensatz zu Jefferson, der glaubte, dass Schwarze „Weißen in körperlicher wie geistiger Hinsicht unterlegen sind“, beharrte Humboldt darauf, dass es keine überlegenen oder unterlegenen Ethnien gebe. Unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder Religion hätten alle Menschen denselben Ursprung. Wie die Pflanzenfamilien, die sich unterschiedlich an ihre geografischen und klimatischen Verhältnisse anpassten, aber trotzdem die Merkmale eines „gemeinsamen Typus“ zeigten, so gehörten auch alle Mitglieder des Menschengeschlechts zu einer einzigen Familie. Alle Menschen seien gleich, und keine Gruppe sei einer anderen überlegen, weil alle „gleichmäßig zur Freiheit bestimmt“ seien.

Die Natur war Humboldts Lehrerin. Und die bedeutendste Lektion der Natur war die Freiheit. „Die Natur ist das Reich der Freiheit“, sagte Humboldt; denn das Gleichgewicht der Natur werde durch Vielfalt hergestellt, und auch das könne als Vorlage für Politik und Moral dienen. Alle Wesen, vom unscheinbaren Moos bis zu den gewaltigen Eichen, vom Insekt bis zum Elefanten, haben laut Humboldt ihre Aufgabe, und zusammen ergeben sie das Ganze. Die Menschheit sei nur ein kleiner Teil. Aber die Natur selbst sei eine Republik der Freiheit.“

 

Humboldt hatte Jefferson immer für das Land bewundert, das mit seiner Hilfe geformt wurde, war aber verzweifelt, dass nicht genug getan worden war für die Abschaffung der Sklaverei. Als der US-Kongress 1820 den Missouri-Kompromiss verabschiedete, öffnete man den Sklavenhaltern damit eine weitere Hintertür. Neue Staaten wurden gegründet und zugelassen, die Republik wuchs. Dabei kam es zu heftigen Diskussionen über die Frage der Sklaverei. Humboldt war enttäuscht, dass der Missouri-Kompromiss neuen Staaten, die südlich des Breitengrades von 36°30' lagen (ungefähr die gleiche Breite wie die Grenze zwischen Tennessee und Kentucky), die Sklavenhaltung erlaubte. Bis zu seinem Lebensende teilte Humboldt Besuchern, Briefpartnern und Journalisten aus Nordamerika mit, wie entsetzt er darüber sei, dass der „Einfluss der Sklaverei zunimmt“.“

 

Aufklärung und Revolution

 

Wie so oft überlegte es sich Humboldt in letzter Minute anders und beschloss, seine Heimreise um ein paar Wochen zu verschieben. Er wollte über Nordamerika reisen, um Thomas Jefferson zu treffen, den dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Fünf Jahre lang hatte er die Natur von ihrer besten Seite kennengelernt - üppig, wunderschön, überwältigend -, und nun wollte er die Zivilisation in all ihrer Pracht sehen, als Republik, gegründet auf die Grundsätze der Freiheit.

Seit seiner frühesten Jugend war Humboldt von Aufklärern umgeben, die ihm den unerschütterlichen Glauben an Freiheit, Gleichheit, Toleranz und die Bedeutung von Bildung eingepflanzt hatten. Aber entscheidend geprägt wurden seine politischen Ansichten von der Französischen Revolution 1789, nur wenige Wochen vor seinem zwanzigsten Geburtstag. Im Gegensatz zu den Preußen, die immer noch von einem absoluten Monarchen regiert wurden, hatten die Franzosen alle Menschen für gleich erklärt. Für den Rest seines Lebens bewahrte Humboldt die „Ideen von 1789 im Herzen“. 1790 besuchte er Paris und erlebte die Vorbereitungen für die Feier des ersten Jahrestages der Revolution aus nächster Nähe mit. Humboldt war davon so begeistert, dass er geholfen hatte, für den Bau des „Freiheitstempels“ in Paris Sand zu karren. Jetzt, vierzehn Jahre später, wollte er die Männer kennenlernen, die Amerika in eine Republik umgewandelt hatten und die das „kostbare Geschenk der Freiheit zu würdigen“ wussten.“

 

Humboldt half Jefferson nur zu gern, weil er die Vereinigten Staaten bewunderte. Das Land bewege sich auf eine „Vervollkommnung“ der Gesellschaft zu, erklärte er, während Europa noch immer fest im Griff von Monarchie und Despotismus sei. Nicht einmal die unerträgliche Feuchtigkeit des Washingtoner Sommers machte ihm etwas aus, weil die „beste Luft überhaupt in Freiheit geatmet wird“. Er liebe dieses „schöne Land“, versicherte er wiederholt und versprach zurückzukommen, um es zu erforschen.“

 

Humboldt hatte beobachtet, wie Napoleon 1806 Preußen zerstörte, und nun, acht Jahre später, erlebte er den triumphalen Einmarsch der Alliierten in Frankreich, seinem zweiten Vaterland. Es schmerze ihn zu sehen, wie die Ideale der Französischen Revolution - der persönlichen und politischen Freiheit - offenbar verloren gingen, schrieb er James Madison nach Washington, der inzwischen Jefferson als Präsident der Vereinigten Staaten abgelöst hatte. Humboldts Lage war schwierig. Wilhelm, immer noch preußischer Gesandter in Wien, war mit den Alliierten in Paris eingetroffen und hatte den Eindruck, sein Bruder sei mehr Franzose als Deutscher.“

 

Humboldt war tief enttäuscht von Revolutionen und Revolutionären. Zu seinen Lebzeiten erklärten die Amerikaner ihre Unabhängigkeit, verbreiteten aber immer noch die „Pest des Sklaventhums“. In den Monaten vor den Unruhen in Europa verfolgte Humboldt die Nachrichten über den Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexiko - schockiert, wie er sagte, über Amerikas imperialistisches Verhalten, das ihn „an die alte spanische Conquista“ erinnere. Als junger Mann erlebte er die Französische Revolution, aber musste auch erfahren, dass sich Napoleon selbst zum Kaiser krönte. Später verfolgte er, wie Simon Bolívar die südamerikanischen Kolonien von der spanischen Tyrannei befreite, nur um sehen zu müssen, dass „El Libertador“ sich selbst zum Diktator machte. Und nun scheiterte sein eigenes Land so kläglich. Im Alter von achtzig Jahren schrieb er im November 1849, er würde sich auf die „schale Hoffnung“ zurückziehen, dass der Wunsch der Menschen nach Reformen nicht für immer verschwunden sei. Obwohl dieser von Zeit zu Zeit „in Schlaf zu fallen“ schien, hoffte er doch, dass das Verlangen nach Veränderung „ewig sei wie der elektromagnetische Sturm, den die Sonne ausstrahlt“. Vielleicht werde ja die nächste Generation erfolgreicher sein.

Wie so oft vergrub er sich auch jetzt in Arbeit, um „dem unaufhörlichen Schaukeln“ zu entkommen. Als ein Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung Humboldt fragte, wie er in solch turbulenten Zeiten arbeiten könne, erwiderte er gelassen, er habe im Laufe seines langen Lebens so viele Revolutionen gesehen, dass sich der Reiz des Neuen und die Aufregung allmählich verschlissen. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, Kosmos abzuschließen.“

 

Während Humboldt Freunden und Kollegen half, ihre Laufbahnen voranzutreiben und Expeditionen zu verwirklichen, sanken seine Aussichten, eine Genehmigung für die Reise nach Indien zu bekommen. Er versuchte, sein Fernweh mit Reisen durch Europa - Schweiz, Frankreich, Italien und Österreich - zu kurieren, aber das war eben nicht dasselbe. Er war unglücklich. Außerdem wurde es immer schwieriger, seine Entscheidung, in Paris zu leben, gegenüber dem preußischen König zu rechtfertigen. Friedrich Wilhelm III. drängte Humboldt seit zwanzig Jahren, seit seiner Rückkehr aus Lateinamerika, wieder nach Berlin zu kommen. Die ganze Zeit zahlte der König ihm eine jährliche Pension, ohne irgendwelche Bedingungen daran zu knüpfen. Humboldt behauptete immer, er brauche das wissenschaftliche Umfeld von Paris, um seine Bücher zu schreiben; aber das Klima in der Stadt und in Frankreich hatte sich verändert.

Nachdem Napoleon abgesetzt und auf die ferne Insel Sankt Helena verbannt worden war, kamen mit der Thronbesteigung Louis XVIII. - des Bruders von Louis XVI., der während der Französischen Revolution guillotiniert worden war -, die Bourbonen wieder an die Macht. Die Zeit des Absolutismus war endgültig vorbei, doch das Land, das die Fackel der Freiheit und Gleichheit entzündet hatte, war nun eine konstitutionelle Monarchie. Nur ein Prozent der französischen Bevölkerung konnte das Unterhaus des Parlaments wählen. Louis XVIII. duldete die eine oder andere liberale Auffassung, aber er war mit ultraroyalistischen Emigranten in Frankreich eingetroffen, die das Ancien Regime aus der Zeit vor der Revolution wiederherstellen wollten. Humboldt erkannte rasch, dass in ihnen Hass und Rache brodelten. „Ihre Neigung zur absoluten Monarchie ist unausrottbar“, schrieb Charles Lyell aus Paris an seinen Vater.

1820 wurde der Duc de Berry - ein Neffe des Königs, der an dritter Stelle der Thronfolge stand - von einem Bonapartisten ermordet. Danach kannten die Royalisten kein Halten mehr. Sie verschärften die Zensur, Menschen konnten ohne Gerichtsverhandlung inhaftiert werden, und die reichsten Leute erhielten bei Wahlen eine doppelte Stimme. 1823 errangen die Ultraroyalisten die Mehrheit im Unterhaus des Parlaments. Humboldt war bestürzt und sagte zu einem amerikanischen Besucher, ein Blick in das Journal des Débats - eine Zeitung, die 1789 während der Französischen Revolution gegründet worden war - genüge, um zu erkennen, wie sehr die Pressefreiheit beschnitten worden sei. Außerdem verfolgte Humboldt besorgt, wie die Religion wieder Einfluss auf die französische Gesellschaft gewann. Mit der Rückkehr der Ultraroyalisten wuchs die Macht der katholischen Kirche. Mitte der 1820er-Jahre begannen neue Kirchtürme die Silhouette von Paris zu prägen.

Paris war „nie weniger als derzeit“ ein geeigneter Mittelpunkt der Wissenschaft, schrieb Humboldt an einen Freund in Genf, weil die Mittel für Laboratorien, Forschung und Lehre gekürzt wurden. Wissenschaftler könnten nicht richtig forschen, wenn sie den König um Vergünstigungen bitten müssten. Sie seien zu „willigen Werkzeugen“ in den Händen von Politikern und Fürsten geworden, teilte Humboldt 1823 Charles Lyell mit, und selbst der große George Cuvier habe seine geniale Begabung als Naturforscher für das neue Wetteifern um „Bänder, Kreuze, Titel und Vergünstigungen des Hofes“ geopfert. In Paris war das politische Gerangel so heftig, dass Regierungsposten rascher gewechselt wurden, als die Zeitungen melden konnten. Jeder, den er derzeit treffe, so Humboldt, sei entweder ein Minister oder Exminister. „Sie sind so dicht gestreut wie Blätter im Herbst“, meinte er zu Lyell, „und bevor eine Lage Zeit hat zu verfaulen, wird sie schon wieder von einer anderen und wieder einer anderen bedeckt.“

Die französischen Wissenschaftler befürchteten, Paris werde seinen Status als Zentrum innovativer wissenschaftlicher Forschung verlieren. In der Académie des Sciences täten die Gelehrten nur wenig, sagte Humboldt, und das Wenige, was sie täten, ende oft in Streitereien. Schlimmer noch, ein Geheimausschuss von Wissenschaftlern säuberte die Bibliothek und entfernte die Bücher mit liberalen Inhalten, so zum Beispiel die Schriften von aufgeklärten Denkern wie Jean-Jacques Rousseau und Voltaire. Als der kinderlose Louis XVIII. im September 1824 starb, wurde sein Bruder Charles X., der Wortführer der Ultraroyalisten, König. Allen, die an die Freiheit und die Werte der Revolution glaubten, war klar, dass das geistige Klima noch repressiver werden würde.“

 

Revolution in Südamerika

 

Zwar ließ sich Humboldt in Paris mit großem Vergnügen feiern, aber er fühlte sich dort oft fremd und fürchtete vor allem den ersten europäischen Winter. Kein Wunder, dass er sich einer Gruppe junger Südamerikaner anschloss, die er vermutlich durch Montúfar kennengelernt hatte. Einer von ihnen war der einundzwanzigjährige Venezolaner Simon Bolívar, der spätere Führer der Revolutionen in Südamerika.

Bolivar wurde 1783 geboren und stammte aus einer der reichsten kreolischen Familien in Caracas. Ihr Stammbaum reichte zurück bis zu einem anderen Simon de Bolivar, der Ende des 16. Jahrhunderts nach Venezuela gekommen war. Die Bolívars besaßen mehrere Plantagen, Bergwerke und elegante Stadthäuser. Bolívar hatte Caracas verlassen, nachdem seine junge Frau nur wenige Monate nach der Hochzeit am Gelbfieber gestorben war. Er hatte sie leidenschaftlich geliebt und war vor dem Schmerz auf eine Kavalierstour durch Europa geflohen. Bolívar war zur gleichen Zeit wie Humboldt nach Paris gekommen und hatte sich in einen wilden Strudel aus Alkohol, Glücksspiel, Sex und mitternächtlichen Diskussionen über die Philosophie der Aufklärung gestürzt. Er kleidete sich stets nach der neuesten Mode und war ein leidenschaftlicher Tänzer. Er hatte einen dunklen Teint, schwarze Locken und strahlend weiße Zähne (die er besonders sorgfältig pflegte). Die Frauen flogen auf ihn.

Bolívar besuchte Humboldt in seiner Unterkunft, die voll war mit Büchern, Zeichnungen und Tagebüchern aus Südamerika, und entdeckte in ihm einen Mann, der von seinem - Bolívars - Heimatland hingerissen war und ununterbrochen von der Schönheit und Vielfalt eines Kontinents schwärmte, der den meisten Europäern unbekannt war. Als Humboldt von den großen Wasserfällen des Orinoco und den hoch aufragenden Gipfeln der Anden, den schlanken Palmen und den Zitteraalen sprach, wurde Bolívar bewusst, dass noch kein Europäer Südamerika jemals in so lebhaften Farben geschildert hatte.

Sie sprachen auch über Politik und Revolutionen. Beide Männer waren in Paris, als Napoleon sich in diesem Winter zum Kaiser krönte. Bolívar war schockiert, als er feststellen musste, dass sich sein Held in einen Despoten und „heuchlerischen Tyrannen“ verwandelt hatte. Er sah aber auch, welche Mühe Spanien hatte, sich gegen Napoleons militärische Ambitionen zu wehren, und machte sich Gedanken darüber, was diese Machtverschiebung in Europa für die spanischen Kolonien bedeutete. Als sie über Südamerikas Zukunft diskutierten, vertrat Humboldt die Ansicht, dass die Kolonien zwar reif für eine Revolution seien, dass es aber niemanden gab, der sie führen könnte. Allerdings erklärte ihm Bolívar, dass die Menschen „so stark wie Gott“ sein würden, sobald sie sich zum Kampf entschlössen. Bolívar begann über die Möglichkeit einer Revolution in den Kolonien nachzudenken.

Beide Männer wünschten sich, dass die Spanier aus Südamerika vertrieben würden. Humboldt hielt sich begeistert an die Ideale der Amerikanischen und Französischen Revolution und befürwortete deshalb die Befreiung Lateinamerikas. Allein schon die Vorstellung einer Kolonie, argumentierte Humboldt, war unmoralisch, und eine Kolonialverwaltung eine „Regierung des Mistrauens“. Auf seiner Reise durch Südamerika hatte er erstaunt die Begeisterung der Menschen für George Washington und Benjamin Franklin registriert. Die Amerikanische Revolution lasse sie auf die Zukunft hoffen, hatten sie Humboldt erklärt, aber er war sich auch des Rassismus der südamerikanischen Gesellschaft bewusst.

Drei Jahrhunderte lang schürten die Spanier Misstrauen zwischen den Klassen und Ethnien in ihren Kolonien. Humboldt war sich sicher, dass die reichen Kreolen lieber unter spanischer Herrschaft lebten, als ihre Macht mit den Mestizen, Sklaven und indigenen Völkern teilen zu müssen. Wenn überhaupt, so fürchtete er, würden sie eine auf Sklaverei basierende „weiße Republik“ gründen. Nach Humboldts Ansicht waren die ethnischen Unterschiede so tief in der Sozialstruktur der spanischen Kolonien verwurzelt, dass diese noch nicht reif waren für eine Revolution. Bonpland sah das anders und bestärkte Bolívar so sehr in seinen neuen Ideen, dass Humboldt seinen Reisegefährten für ebenso verblendet hielt wie den ungestümen jungen Kreolen. Doch Jahre später erinnerte er sich stolz an seine Begegnung mit Bolívar und sprach von einer Zeit, „in der wir gelobten, für die Unabhängigkeit und Freiheit des neuen Kontinents einzutreten“.“

 

Drei Jahre nachdem sie sich 1804 zum ersten Mal in Paris getroffen hatten, verließ Bolívar Europa, angetrieben von den großen Ideen der Aufklärung wie Freiheit, Gewaltenteilung und der Vorstellung von einem Gesellschaftsvertrag zwischen einem Volk und seinen Herrschern. Als er südamerikanischen Boden betrat, war Bolivar noch ganz erfüllt von seinem Gelübde auf dem Monte Sacro in Rom, in dem er geschworen hatte, sein Land zu befreien. Aber der Kampf gegen die Spanier sollte lange dauern. Die Revolution kostete das Blut unzähliger Patrioten, und gute Freunde verrieten einander. Fast zwanzig Jahre brutaler, chaotischer und häufig mörderischer Kämpfe waren nötig, um die Spanier von dem Kontinent zu vertreiben - und am Ende herrschte Bolívar als Diktator.

Der Kampf wurde aber auch von Humboldts Schriften gestärkt - es schien fast so, als begriffen die Kolonisten erst durch seine Beschreibung der Landschaften, Pflanzen und Menschen, wie einzigartig und herrlich ihr Kontinent war. Humboldts Bücher und Ideen trugen so zur Befreiung der spanischen Kolonien bei - von seiner Kritik am Kolonialismus und der Sklaverei bis zur Schilderung der majestätischen Landschaften Südamerikas. 1809, zwei Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung in Deutschland, wurden Humboldts Ideen zu einer Geographie der Pflanzen ins Spanische übersetzt und in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht, die in Bogotá von Francisco José. de Caldas gegründet worden war, einem der Naturforscher, die Humboldt von seiner Expedition in den Anden kannte. „Mit seiner Feder“ habe Humboldt Südamerika erweckt, schrieb Bolívar später, und dadurch gezeigt, wie viele Gründe die Südamerikaner hatten, stolz auf ihren Kontinent zu sein. Bis zum heutigen Tag ist Humboldts Name in Lateinamerika bekannter als in großen Teilen Europas oder der Vereinigten Staaten.

Während der Revolution verwendete Bolívar Bilder und Metaphern aus der Natur, um seine politischen Überzeugungen zu erklären - als würde er mit Humboldts Feder schreiben. Er sprach von einer „stürmischen See“ und beschrieb die Revolutionäre als Menschen, die „ein Meer durchpflügen“. Wenn Bolívar in den vielen Jahren der Aufstände und Schlachten seine Landsleute um sich scharte, beschwor er die südamerikanischen Landschaften. Er sprach von den herrlichen Ausblicken und bezeichnete den Kontinent als „das wahre Herz des Universums“, um seine Mitrevolutionäre daran zu erinnern, warum sie kämpften. Wenn nur noch Chaos zu herrschen schien, zog sich Bolívar in die Wildnis zurück, auf der Suche nach einem Sinn für ihren Kampf. In der unberührten Natur entdeckte er Parallelen zur Brutalität der Menschen - und obwohl dies nicht das Geringste an der Situation änderte, wirkte es doch seltsam tröstlich. Für Bolívar waren diese Bilder, Naturmetaphern und Allegorien die Sprache der Freiheit.

Wälder, Berge und Flüsse beflügelten Bolívars Fantasie. Er sei ein „wahrer Naturliebhaber“, sagte später einer seiner Generäle. „Meine Seele ist geblendet von der Gegenwart der ursprünglichen Natur“, erklärte Bolívar. Er war schon immer gern draußen gewesen, und als junger Mann genoss er das Landleben und die Arbeit in der Landwirtschaft. Die alte Familienhacienda San Mateo lag unweit von Caracas, und Bolívar verbrachte damals seine Tage damit, zu Pferd die Felder und Wälder zu durchstreifen. Seitdem liebte er die Natur. Berge übten einen besonderen Reiz auf ihn aus, weil sie ihn an zu Hause erinnerten. Als er im Frühjahr 1805 von Frankreich nach Italien wanderte, war es der Anblick der Alpen, der ihn in Gedanken in seine Heimat zurückversetzte, fort von den Spieltischen und Alkoholexzessen in Paris. In jenem Sommer, in dem Bolívar Humboldt in Rom traf, begann er, ernsthaft über eine Rebellion nachzudenken. Und als er 1807 nach Venezuela zurückkehrte, erklärte er, „wie Feuer brennt der Wunsch in mir, mein Land zu befreien“.

 

Als die Revolutionen ausbrachen, bombardierte der ehemalige amerikanische Präsident Thomas Jefferson seinen Freund Humboldt mit Fragen: Welche Regierungsform würden die Revolutionäre wählen, und wie viel Gleichheit würde in ihrer Gesellschaft herrschen, wenn sie Erfolg hätten? Würde sich der Despotismus durchsetzen? „Alle diese Fragen können Sie besser beantworten als jeder andere“, meinte Jefferson in einem Brief. Als einer der Gründungsväter der nordamerikanischen Revolution interessierte sich der Expräsident lebhaft für die spanischen Kolonien und fürchtete, dass in Südamerika keine republikanischen Regierungen gebildet werden könnten. Aber Jefferson machte sich auch Sorgen um die wirtschaftlichen Folgen für sein Land, wenn der südliche Halbkontinent unabhängig war. Die Vereinigten Staaten exportierten riesige Mengen Getreide in die spanischen Kolonien nach Südamerika. Wenn die aber den Anbau kolonialer Cash Crops einstellten, um selber Getreide anzubauen, „würden ihre Produktion und ihr Handel mit den unseren konkurrieren“, teilte Jefferson dem spanischen Gesandten in Washington mit.“

 

Der ehemalige Präsident John Adams hielt den Gedanken an eine südamerikanische Demokratie für lachhaft – für so absurd, wie eine Demokratie „für Vögel, wilde Tiere und Frösche“ einzuführen. Thomas Jefferson wiederholte seine Furcht vor Despotismus. Wie solle denn, fragte er Humboldt, eine so „von Priestern durchwirkte“ Gesellschaft eine Republik und eine freie Regierung schaffen können? Drei Jahrhunderte katholischer Herrschaft in den spanischen Kolonien habe die Kolonisten in unwissende Kinder verwandelt und „ihre Gedanken in Ketten gelegt“.

Aufmerksam und gespannt beobachtete Humboldt von Paris aus das Geschehen. Er schickte Briefe an die Mitglieder der US-Regierung, in denen er sie aufforderte, ihre Brüder im Süden zu unterstützen, und klagte ungeduldig, dass er die Antworten nicht rasch genug bekam. Seine Anfragen müssten als eine Angelegenheit von höchster Dringlichkeit behandelt werden, schrieb ein amerikanischer General aus Paris an Jefferson, da Humboldts Einfluss „größer ist als der irgendeines anderen Menschen in Europa“.

Niemand in Europa oder Nordamerika wusste mehr über Südamerika als Humboldt – er war die Autorität auf diesem Gebiet. Seine Bücher seien eine Fundgrube für Informationen über einen Kontinent, der bis dahin „so schändlich unbekannt“ geblieben war, sagte Jefferson. Dabei erregte besonders eine Veröffentlichung Aufmerksamkeit: Humboldts Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neuspanien. Das Werk wurde in vier Bänden (zuerst in Frankreich) zwischen 1808 und 1811 veröffentlicht und erschien just in dem Augenblick, als die Welt ihre Aufmerksamkeit den Unabhängigkeitsbewegungen in Südamerika zuwandte.

Jefferson las die Bände, die Humboldt ihm sofort nach ihrer Veröffentlichung schickte, sehr sorgfältig, um so viel wie möglich über die rebellischen Kolonien zu erfahren. „Außer durch Sie“, teilte Jefferson Humboldt mit, „wissen wir wenig über diese Gebiete.“ Jefferson und viele seiner politischen Freunde waren hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, freie Republikaner entstehen zu sehen, mit der Gefahr, offiziell ein potenziell instabiles Regime in Südamerika zu unterstützen, und dem Schreckgespenst eines ernst zu nehmenden wirtschaftlichen Konkurrenten in der südlichen Hemisphäre. Laut Jefferson ging es nicht so sehr darum, was sich die Vereinigten Staaten wünschten, sondern darum, „was praktikabel“ war. Er hoffte, dass die Kolonien separate Länder blieben und nicht zu einer einzigen Nation vereinigt würden, weil sie „als eine einzige Masse ein sehr respekteinflößender Nachbar wären“.

Jefferson war nicht der Einzige, der Humboldts Bücher als Informationsquelle nutzte. Auch Bolívar studierte die Bände, weil er die meisten Teile des Kontinents, den er vereinigen und befreien wollte, gar nicht kannte. Im Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neuspanien hatte Humboldt seine genauen Beobachtungen zu Geografie, Pflanzen, Rassenkonflikten und spanischer Ausbeutung immer wieder mit den Umweltfolgen der Kolonialherrschaft und mit den Arbeitsbedingungen in den Bergwerken und der Landwirtschaft verflochten. Er lieferte Informationen über Einkünfte und militärische Verteidigungsanlagen, über Straßen und Häfen und nahm Tabellen auf, die unter anderem Auskunft gaben über die Silberproduktion in Bergwerken, über landwirtschaftliche Ernteerträge sowie die Gesamteinfuhren und -ausfuhren der verschiedenen Kolonien.

Das mehrbändige Werk kam zu folgenden Ergebnissen: Der Kolonialismus war eine Katastrophe für Mensch und Umwelt; die Kolonialgesellschaften beruhten auf Ungleichheit; die indigenen Völker waren weder Barbaren noch Wilde, und die Kolonisten verfügten über die gleichen Fähigkeiten für wissenschaftliche Entdeckungen, Kunst und Handwerk wie die Europäer; die Zukunft Südamerikas lag in der Subsistenzlandwirtschaft und nicht in Monokulturen oder Bergbau. Zwar konzentrierte sich Humboldt in erster Linie auf das Vizekönigreich Neuspanien, aber er verglich seine Daten stets mit Beobachtungen aus Europa, den Vereinigten Staaten und anderen spanischen Kolonien in Südamerika. Wie er Pflanzen im Kontext anderer Länder und Erdteile betrachtete, mit dem Schwerpunkt auf aufschlussreichen globalen Mustern, so stellte er jetzt einen Zusammenhang zwischen Kolonialismus, Sklaverei und Wirtschaft her. Der Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neuspanien war weder ein Reisebericht noch eine Beschreibung exotischer Landschaften, sondern ein Handbuch voller Fakten, Daten und Zahlen. Allerdings war er so detailliert und akribisch, dass der Übersetzer im Vorwort zur englischen Ausgabe schrieb, gelegentlich ermüde das Buch „die Aufmerksamkeit des Lesers“. Kein Wunder, dass Humboldt seine späteren Veröffentlichungen anderen Übersetzern anvertraute.

Der Mann, der vom spanischen König die seltene Erlaubnis erhalten hatte, dessen lateinamerikanische Territorien zu erforschen, unterzog jetzt die Kolonialherrschaft einer strengen und öffentlichen Kritik. Wie er Jefferson mitteilte, machte er in seinem Buch keinen Hehl aus seinen „unabhängigen Empfindungen“. Humboldt warf den Spaniern vor, dass sie zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen Hass säten. Die Missionare behandelten die Indianer brutal und seien von „Fanatismus“ getrieben. Die Kolonialherrscher beuteten die Rohstoffe der Kolonien aus und zerstörten dabei die Umwelt. Die europäische Kolonialpolitik sei gewissenlos und verdächtig; Südamerika werde von seinen Eroberern zugrunde gerichtet. Ihre Gier nach Reichtum habe den „Mißbrauch der Gewalt“ nach Lateinamerika getragen.

Humboldts Kritik beruhte auf seinen eigenen Beobachtungen, ergänzt durch Informationen von Wissenschaftlern, die er auf seiner Forschungsreise in Lateinamerika getroffen hatte. All das wurde mit statistischen und demografischen Daten aus Regierungsarchiven unterlegt, vorwiegend aus Mexico City und Havanna. In den Jahren nach seiner Rückkehr bewertete und veröffentlichte Humboldt diese Ergebnisse, zunächst in dem Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neuspanien und später in dem Versuch über den politischen Zustand der Insel Cuba. Diese vehementen Anklagen gegen Kolonialismus und Sklaverei zeigten, wie eng alles mit allem verflochten war: Klima, Böden und Landwirtschaft mit Sklaverei, Demografie und Wirtschaft. Humboldt behauptete, die Kolonien könnten nur frei und autark werden, wenn sie „von den Banden des gehässigen Monopols erlöst“ würden. Die „europäische Grausamkeit“ sei für diese ungerechte Welt verantwortlich.

Humboldt verfüge über enzyklopädische Kenntnisse des Kontinents, schrieb Bolívar im September 1815 in seinem sogenannten „Brief aus Jamaika“, indem er seinen alten Freund als größte Autorität für Südamerika bezeichnet. Bolívar war nach Jamaika geflohen, als die spanische Armada eintraf. Der Brief enthielt in konzentrierter Form Bolívars politisches Credo und seine Zukunftsvision. Darin übernahm er auch Humboldts Kritik an der zerstörerischen Wirkung des Kolonialismus: Die Kolonialvölker würden versklavt und dazu gezwungen, Cash Crops anzubauen und in den Bergwerken zu arbeiten, um Spaniens unersättliches Verlangen zu stillen, klagte Bolívar, aber selbst die üppigsten Felder und die reichsten Erzvorkommen könnten „niemals das Verlangen dieser gierigen Nation befriedigen“. Die Spanier seien dabei, riesige Regionen zu zerstören und „ganze Provinzen in Wüsten zu verwandeln“.

Humboldt hatte über Böden geschrieben, die so fruchtbar waren, dass man die Erde kaum zu pflügen brauchte, um reiche Ernten einzufahren. Auch Bolívar fragte jetzt, wie ein Land, das von der Natur so „reich bedacht“ worden war, dermaßen unterdrückt und in allen Aktivitäten behindert werden konnte. Humboldt behauptete in dem Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neuspanien, dass alle Fehler der Feudalregierung von der einen Halbkugel auf die andere verpflanzt worden seien. Auch Bolívar schrieb in seinem Brandbrief, dass die spanischen Kolonien wie „eine Art Feudalbesitz“ behandelt würden. Aber die Revolutionäre würden weiterkämpfen, versicherte Bolívar, weil „die Ketten zerbrochen sind“.

Bolívar hatte erkannt, dass die Sklaverei ein zentraler Aspekt des Konfliktes war. Die versklavte Bevölkerung war gegen ihn und die Kreolen, wie er schmerzlich während des brutalen Bürgerkriegs mit José Tomás Boves und seinen Höllenlegionen erfahren musste. Ohne Hilfe der Sklaven gab es keine Revolution. Dieses Thema erörterte er mit Alexandre Pétion, dem ersten Präsidenten der Republik Haiti - der Insel, auf die er nach einem Attentatsversuch auf Jamaika geflüchtet war.

Haiti war früher eine französische Kolonie. Nach einem erfolgreichen Sklavenaufstand Anfang der 1790er-Jahre hatten die Revolutionäre 1804 ihre Unabhängigkeit erklärt. Pétion, ein Mulatte - Sohn eines wohlhabenden Franzosen und einer Mutter afrikanischer Herkunft -, war einer der Gründungsväter der Republik. Außerdem war er der einzige Herrscher und Politiker, der Bolívar Hilfe zusicherte. Pétion sagte ihm Waffen und Schiffe zu, und im Gegenzug versprach Bolívar, die Sklaven freizulassen. „Sklaverei“, so sagte er, „war die Tochter der Finsternis.“

Nach drei Monaten auf Haiti nahm Bolívar mit einer kleinen Flotte von Pétions Schiffen, die bis zum Rand Schießpulver, Waffen und Männer geladen hatten, Kurs auf Venezuela. Im Sommer 1816 trafen sie dort ein, und Bolívar erklärte alle Sklaven für frei. Das war der erste und ein wichtiger Schritt, aber Bolívar hatte Schwierigkeiten, die kreolische Elite zu überzeugen. Drei Jahre später klagte er, die Sklaverei hülle das Land noch immer in einen „schwarzen Schleier“, und bediente sich abermals einer Metapher aus der Natur: „Sturmwolken verfinstern den Himmel und drohen mit einem Feuerregen.“ Bolívar ließ seine eigenen Sklaven frei und versprach Freiheit gegen Militärdienst; doch erst in der bolivianischen Verfassung von 1826, zehn Jahre später, erhob er die bedingungslose Abschaffung der Sklaverei zum Gesetz. Das war ein kühner Schritt zu einer Zeit, in der scheinbar aufgeklärte amerikanische Staatsmänner wie Thomas Jefferson und James Madison noch immer Hunderte von Sklaven auf ihren Plantagen arbeiten ließen. Humboldt, der Sklaverei vehement ablehnte, seit er kurz nach seiner Ankunft in Südamerika den Sklavenmarkt in Cumaná gesehen hatte, war von Bolívars Entscheidung tief beeindruckt. Einige Jahre später erklärte er, die Welt müsse sich ein Beispiel an Bolívar nehmen, besonders im Unterschied zu den Vereinigten Staaten."

 

Der Chimborazo wurde Bolívars Metapher für seine Revolution und sein Schicksal – auch heute noch ist der Vulkan auf der ecuadorianischen Flagge abgebildet. Wie so häufig hielt sich Bolívar an die Natur, um seine Gedanken und Überzeugungen zu veranschaulichen. Drei Jahre zuvor hatte er dem Kongress in Angostura erklärt, dass die Natur Südamerika mit großem Reichtum ausgestattet habe. Sie würde der Alten Welt „die Majestät“ der Neuen Welt vor Augen führen. Insbesondere der Chimborazo – der durch Humboldts Bücher weltweit bekannt war – wurde zum Sinnbild der Revolution. „Komm zum Chimborazo“, schrieb Bolívar an seinen ehemaligen Lehrer Simón Rodriguez, um diese Krone der Erde, diese Himmelsleiter, diese Festung der Neuen Welt zu sehen. Vom Chimborazo hat man einen freien Blick auf Vergangenheit und Zukunft. Er ist der „Thron der Natur“ - unbezwinglich, ewig und unwandelbar.

Bolívar war auf der Höhe seines Ruhms, als er 1822 „Mein Traumgesicht auf dem Chimborazo“ schrieb. Er kontrollierte fast 2.600.000 Quadratkilometer südamerikanischen Bodens - damit war sein Herrschaftsgebiet größer als das napoleonische Reich zur Zeit seiner weitesten Ausdehnung. Die Kolonien im Norden - im Wesentlichen das heutige Kolumbien, Panama, Venezuela und Ecuador - waren befreit, nur noch Peru befand sich unter spanischer Kontrolle. Aber Bolívar wollte mehr. Er träumte von einer panamerikanischen Föderation, die sich vom Isthmus von Panama bis zur Südspitze des Vizekönigreichs Peru und von Guayaquil an der Pazifikküste im Westen bis zum Karibischen Meer an der venezolanischen Küste im Osten erstreckte. Ein solcher Zusammenschluss wäre „ein Koloss“ und würde „die Erde mit einem einzigen Blick zum Beben bringen“ - der mächtige Nachbar, den Jefferson so fürchtete.

Im Jahr zuvor hatte Bolívar einen Brief an Humboldt geschrieben, indem er betonte, welche Bedeutung dessen Beschreibung der südamerikanischen Flora und Fauna hatte. Humboldts inspirierende Schriften hätten ihn und seine Mitrevolutionäre aus der Unwissenheit „gerissen“; sie hätten ihnen, fuhr Bolivar fort, den Stolz auf ihren Kontinent gegeben. Humboldt sei der „Entdecker der Neuen Welt“. Gut möglich, dass Humboldts obsessives Interesse an südamerikanischen Vulkanen Bolívar auch zu seiner Durchhalteparole anregte, um sein Land in seinem Kampf zu vereinigen: „Ein großer Vulkan liegt zu unseren Füßen ... (und) das Joch der Sklaverei wird zerbrechen.““

 

Außerdem nahm Humboldt Buffons These auseinander, Südamerika sei eine „neue Welt“ - ein Kontinent, der erst vor Kurzem aus dem Meer aufgetaucht und ganz ohne Geschichte und Kultur sei. Die antiken Monumente, die er gesehen und dann in seinen Veröffentlichungen abgebildet hatte - Paläste, Aquädukte, Statuen und Tempel -, waren Zeugnisse von kulturell hoch entwickelten Gesellschaften. In Bogotá hatte Humboldt einige Prä-Inka-Dokumente entdeckt (und ihre Übersetzungen gelesen), die von weitreichenden Kenntnissen auf dem Gebiet der Astronomie und der Mathematik zeugten. Auch die Kariben-Sprache war so hoch entwickelt, dass sie abstrakte Begriffe wie Zukunft und Ewigkeit kannte. Es gebe keinen Beweis für die Armut der Sprache, von der frühere Entdeckungsreisende berichtet hätten, denn sie sei voller Reichtum, Anmut, Kraft und Zartheit.

Das waren nicht jene „Wilden“, wie sie seit dreihundert Jahren von den Europäern dargestellt wurden. Bolívar, der mehrere Bücher von Humboldt besaß, dürfte begeistert zur Kenntnis genommen haben, dass Humboldt in dem Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neuspanien die Auffassung vertrat, Buffons Degenerationstheorie sei nur deshalb so beliebt, „weil sie der Eitelkeit der Europäer schmeichelte“.

Humboldt belehrte die Welt auch weiterhin über Lateinamerika. Seine Ansichten wurden über den ganzen Erdball durch Artikel und Magazine verbreitet, die gespickt waren mit Hinweisen wie „meint M. de Humboldt“ oder „wie uns M. de Humboldt mitgeteilt hat“. Humboldt habe „mehr für Amerika getan als alle Eroberer“, meinte Bolivar, indem er die Natur als ein Spiegelbild der südamerikanischen Identität darstellte - das Porträt eines starken, tatkräftigen und schönen Kontinents. Genau das tat auch Bolívar, wenn er sich auf die Natur berief, um seine Landsleute für die Revolution zu begeistern oder seine politische Auffassung zu erklären.

Statt irgendeine abstrakte Theorie oder Philosophie zu entwickeln, forderte Bolívar seine Landsleute auf, von den Wäldern, Flüssen und Bergen zu lernen. „Ihr werdet in der Natur eures Landes - in den erhabenen Regionen der Anden und an den glühend heißen Ufern des Orinoco wichtige Anleitungen zu eurem Handeln entdecken“, sagte er vor dem Kongress in Bogotá. „Studiert sie genau, und ihr werdet dort begreifen, was der Kongress beschließen muss, um dem Glück des Volkes von Kolumbien zu dienen.“ Die Natur sei, so Bolívar, „die unfehlbare Erzieherin der Menschen“.“

 

Mensch zerstört Umwelt

 

Mitten im Tal und umgeben von Bergen erstreckte sich der Valenciasee. Rund ein Dutzend felsige Inseln ragten aus dem See, einige groß genug, um darauf Ziegen zu halten und Ackerbau zu betreiben. Bei Sonnenuntergang bot sich den Reisenden ein besonderes Schauspiel: Tausende von Fischreihern, Flamingos und Wildenten flogen über den See und setzten damit den Himmel in Bewegung, um auf den Inseln zu nächtigen - ein idyllischer Anblick. Allerdings berichteten die Einheimischen Humboldt, dass der Wasserspiegel des Sees rasch fiel. Riesige Landstriche, die noch zwanzig Jahre zuvor unter Wasser gelegen hatten, waren jetzt dicht bebaute Felder. Einstige Inseln hatten sich in Hügel auf trockenem Land verwandelt, da die Uferlinie immer weiter vorrückte. Außerdem bildete der Valenciasee ein einzigartiges Ökosystem: Er hatte keinen Abfluss zum Meer, und nur kleine Bäche flossen hinein. Sein Wasserspiegel wurde allein durch Verdunstung reguliert. Die Einheimischen glaubten, dass der See infolge eines unterirdischen Abflusses austrocknete; doch Humboldt war anderer Meinung.

Er maß, untersuchte und fragte. Als er feinen Sand in höheren Bereichen der Inseln entdeckte, hatte er den Beweis, dass sie einst unter Wasser gelegen hatten. Außerdem verglich er die Jahresdurchschnitte der Verdunstung von Flüssen und Seen weltweit - von Südfrankreich bis zu den Westindischen Inseln. Nach weiteren Untersuchungen war er sicher, dass der Wasserspiegel gesunken war, weil die Pflanzer die umliegenden Wälder abgeholzt hatten, um Ackerland zu gewinnen, und das Wasser abgeleitet hatten, um damit ihre Felder zu bewässern. Mit den Bäumen waren auch die unteren Schichten des Waldes - Moos, Sträucher und Wurzelsysteme - verschwunden, was wiederum dazu führte, dass der Boden darunter den Elementen schutzlos ausgesetzt war und das Wasser nicht mehr speichern konnte.

Bereits die Einheimischen, die vor den Toren von Cumaná lebten, hatten Humboldt berichtet, dass die Trockenheit des Landes mit dem Roden der alten Baumbestände zugenommen hatte. Auf dem Weg von Caracas nach Aragua hatte Humboldt bemerkt, wie trocken die Böden waren, und beklagte: „Die ersten Ansiedler haben unvorsichtigerweise die Wälder niedergeschlagen.“ Als die Böden ausgelaugt waren und die Felder weniger Erträge lieferten, waren die Pflanzer westwärts gezogen und hatten eine Spur der Zerstörung hinterlassen. „Wald sehr ausgerottet“, notierte Humboldt in seinem Tagebuch.

Nur einige Jahrzehnte zuvor waren die Berge und Vorgebirge, die die Täler und den Valenciasee umgaben, noch bewaldet gewesen. Nachdem man die Bäume gefällt hatte, schwemmten heftige Regenfälle den Boden davon. All dies stehe „in ursächlichem Zusammenhange“, meinte Humboldt, weil die Wälder den Boden früher gegen die Sonnenstrahlen abgeschirmt und damit die Verdunstung der Feuchtigkeit eingeschränkt hätten.

Hier am Valenciasee entwickelte Humboldt den Begriff der vom Menschen verursachten Klimaveränderungen zuerst. In seinen Veröffentlichungen ließ er keinen Zweifel an diesem Zusammenhang:

Zerstört man die Wälder, wie die europäischen Ansiedler allerorten in Amerika mit unvorsichtiger Hast thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flußbetten liegen einen Teil des Jahres über trocken und werden zu reißenden Strömen, so oft im Gebirge starker Regen fällt. Da mit dem Holzwuchs auch Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmähliche Sickerung die Bäche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken Regenniederschläge die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort und verursacht plötzliches Austreten der Gewässer, welche nun die Felder verwüsten.“

Einige Jahre zuvor, als Humboldt noch Bergassessor war, war ihm bereits aufgefallen, wie hemmungslos der Waldbestand des Fichtelgebirges in der Nähe von Bayreuth zur Gewinnung von Bau- und Feuerholz gerodet wurde. Seine Briefe und Berichte aus jener Zeit waren gespickt mit Vorschlägen, wie man in Bergwerken und Eisenhütten den Holzbedarf verringern könnte. Dieses Problem war nicht neu, wurde aber stets eher aus ökonomischer und nicht aus ökologischer Sicht betrachtet. Die Wälder lieferten den Brennstoff für die Herstellung vieler Produkte, außerdem war Holz nicht nur ein wichtiges Baumaterial für Häuser, sondern auch für Schiffe, und die waren wiederum ein Eckpfeiler der Kolonial- und Seemächte …

Am Valenciasee in Venezuela betrachtete Humboldt die Abholzung nicht mehr allein unter rein wirtschaftlichen Aspekten, sondern sah sie in einem größeren Zusammenhang. Und er warnte vor den verheerenden Folgen der landwirtschaftlichen Techniken seiner Zeit, unter denen die künftigen Generationen leiden würden. Was er am Valenciasee sah, sollte ihm wieder und wieder begegnen - in der Lombardei in Italien, in Südperu und viele Jahrzehnte später in Russland. Humboldt beschrieb, wie sich das Klima durch das Verhalten der Menschen ändert, und wurde damit zum Vater der Umweltbewegung.

Humboldt erklärte als Erster die grundlegende Bedeutung des Waldes für Ökosysteme und Klima: die Fähigkeit der Bäume, Wasser zu speichern, die Atmosphäre mit Feuchtigkeit anzureichern, den Boden zu schützen und ihre Umgebung abzukühlen. Er wies auch darauf hin, dass Bäume Sauerstoff freisetzen und so das Klima positiv beeinflussen. Die Auswirkungen menschlicher Eingriffe bezeichnete er als „incalculabel“ und warnte vor katastrophalen Folgen, wenn der Mensch auch weiterhin die natürlichen Abläufe so „gewaltsam“ unterbrach.

Immer wieder sah Humboldt neue Beispiele dafür, wie die Menschen das Gleichgewicht der Natur störten. Nur wenige Wochen später, tief im Regenwald des Orinoco, beobachtete er, wie einige spanische Mönche in einer entlegenen Missionsstation ihre baufällige Kirche mit dem Öl beleuchteten, das sie aus Schildkröteneiern gewonnen hatten. Dadurch hatten sie die lokale Schildkrötenpopulation bereits erheblich dezimiert. Jedes Jahr legten die Tiere ihre Eier entlang des Flussufers; doch anstatt ausreichend Eier übrig zu lassen, aus denen die nächste Generation hätte schlüpfen können, sammelten die Missionare so viele, dass es Jahr für Jahr weniger Schildkröten gab, wie die Einheimischen Humboldt berichteten. Schon vorher, an der venezolanischen Küste, hatte Humboldt bemerkt, dass die unkontrollierte Perlenfischerei die Austernbänke vollkommen erschöpft hätte. Das Ganze war eine ökologische Kettenreaktion. „Alles“, schrieb Humboldt später, „ist Wechselwirkung.““

 

In dieser einen Woche in Washington sprachen die Männer über Natur und Politik - über Feldfrüchte und Böden und die Gestaltung von Nationen. Jefferson und Humboldt waren sich einig, dass nur eine Agrarrepublik für Glück und Unabhängigkeit stand. Kolonialismus hingegen bedeutete Zerstörung. Die Spanier waren nach Südamerika gekommen, um sich Gold und Holz zu holen - „durch Gewalt oder im Tauschhandel“, sagte Humboldt, getrieben von „unersättlicher Habsucht“. Die Spanier hatten antike Kulturen, indigene Stämme und gewaltige Wälder vernichtet. Das Bild, das Humboldt von Lateinamerika zeichnete, zeigte in lebhaften Farben eine brutale Wirklichkeit - und er konnte alles mit harten Fakten, Daten und Statistiken beweisen.

Als Humboldt die Bergwerke in Mexiko besichtigte, hatte er sich nicht nur auf die geologischen Verhältnisse und Produktionszahlen beschränkt, sondern auch untersucht, welche negativen Auswirkungen ihr Betrieb auf die Bevölkerung hatte. So beobachtete er in einer Mine schockiert, dass indianische Arbeiter gezwungen wurden, 23.000 Stufen mit riesigen Gesteinsbrocken beladen zu erklimmen. Sie wurden als „menschliche Maschine“ missbraucht, als Sklaven, - nur dass sie nicht so hießen. Die Spanier hatten ein Beschäftigungssystem eingeführt, das sogenannte repartimiento, in dessen Rahmen sie den Indianern wenig oder gar nichts für ihre Arbeit bezahlen mussten. Weil die Arbeiter außerdem gezwungen waren, überteuerte Waren von den Kolonialverwaltern zu kaufen, häuften sie immer mehr Schulden an und gerieten damit in einen Teufelskreis aus Schulden und Abhängigkeit. In Quito, Lima und anderen Kolonialstädten hielt der spanische König sogar ein Monopol auf Schnee, mit dem Sorbet für die wohlhabenden Eliten hergestellt wurde. Humboldt fand es absurd, dass etwas, das „vom Himmel fällt“, der spanischen Krone gehörte. Nach seiner Auffassung gründeten sich Politik und Wirtschaft einer Kolonialregierung auf “Unmoral“.

Während seiner Reisen hatte Humboldt erstaunt erlebt, dass die Kolonialverwalter (genauso wie die Führer, Gastgeber und Missionare) ihn - den ehemaligen Bergassessor - ständig drängten, nach Edelmetallen und -steinen zu suchen. Immer wieder hatte Humboldt ihnen erklärt, wie unsinnig das war. Wozu, so fragte er, bräuchten sie Gold, wenn sie auf einem Boden lebten, den man „kaum umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu entlocken“? War das nicht der wahre Weg zu Freiheit und Wohlstand?“

 

Allzu oft hatte Humboldt gesehen, dass die Bevölkerung hungerte, und einst fruchtbares Land schonungslos ausgebeutet war. Im Araguatal am Valenciasee etwa trieb die Gier der Welt nach bunter Kleidung die indigene Bevölkerung in Armut und Abhängigkeit, weil Indigo, eine leicht anzubauende Pflanze, aus der sich ein blauer Farbstoff gewinnen lässt, Mais und andere Nahrungsmittel verdrängt hatte. Indigo „erschöpft den Boden“ mehr als jede andere Pflanze, erkannte Humboldt. Das Land sah ausgelaugt aus, und in wenigen Jahren werde dort nichts mehr wachsen, prophezeite er. Der Boden wurde ausgebeutet, „wie man eine Miene ausbaut“.

Auf Kuba entdeckte Humboldt, dass große Teile des Landes für Zuckerrohr und Plantagen abgeholzt worden waren. Überall verdrängten Cash Crops die „Vegetabilien, die dem Menschen zur Nahrung dienen“. Kuba produzierte fast ausschließlich Zucker, woraus er folgerte: Ohne Importe aus anderen Kolonien „verhungert (die) Insel Cuba“, die ideale Voraussetzung für Abhängigkeit und Ungerechtigkeit. Ähnlich sah es in der Region um Cumaná aus. Die Bewohner bauten so viel Zuckerrohr und Indigo an, dass sie gezwungen waren, Nahrungsmittel aus dem Ausland zu kaufen, die sie leicht selbst hätten anpflanzen können. Monokultur und Cash Crops seien eine schlechte Grundlage für eine glückliche Gesellschaft, betonte Humboldt. Erforderlich war vielmehr eine Subsistenzwirtschaft, in der möglichst viele verschiedene Nahrungsmittel angebaut werden wie Bananen, Quinoa, Mais und Kartoffeln.

Humboldt stellte als Erster eine Beziehung zwischen Kolonialismus und Umweltzerstörung her. Immer wieder kam er auf das Bild vom komplexen Lebensnetz der Natur zurück und auf die Rolle des Menschen darin. Am Rio Apure erschrak er angesichts der Verwüstungen, die die Spanier angerichtet hatten, als sie versuchten, die jährlichen Überflutungen durch den Bau eines Dammes zu verhindern. Noch schlimmer war, dass sie auch die Bäume fällten, die das Flussufer wie „eine sehr feste Mauer“ zusammengehalten hatten; was dazu führte, dass der wütende Fluss jedes Jahr mehr Land mit sich riss. Auf der Hochebene von Mexico City sah Humboldt, dass der See, der das lokale Bewässerungssystem speiste, zu einer flachen Pfütze geschrumpft und das Tal darunter verdorrt war. Überall auf der Welt waren Wasserbauingenieure für solche kurzsichtigen Torheiten verantwortlich, beklagte Humboldt.

Humboldt diskutierte über die Natur, über ökologische Fragen, imperialistische Macht und Politik und wie diese Aspekte aufeinander wirkten. Er kritisierte ungerechte Landverteilung, Monokulturen, Gewalt gegen indigene Gruppen und Arbeitsbedingungen - auch heute noch aktuelle Probleme. Als ehemaliger Bergassessor war Humboldt geradezu prädestiniert, die ökologischen und ökonomischen Folgen des Raubbaus an den natürlichen Ressourcen zu durchschauen. So beklagte er zum Beispiel Mexikos Abhängigkeit von Cash Crops und Bergbau, da das Land deshalb unweigerlich den Schwankungen der internationalen Marktpreise folgen musste. „Die einzigen Kapitalien, deren Wert mit der Zeit wächst“, sagte er, „(sind) die Produkte des Ackerbaus.“ An allen Problemen in den Kolonien, da war er sicher, sei die „unvorsichtige Tätigkeit der Europäer“ schuld.“

 

Verbreitung des Wissens

 

Deprimiert von Politik und Revolutionen, zog Humboldt sich schließlich in die Welt der Forschung zurück. Als ein Vertreter der mexikanischen Regierung per Brief anfragte, ob er an Verhandlungen über Handelsabkommen zwischen Europa und Mexiko teilnehmen wolle, war seine Antwort unmissverständlich: Seine „Entfremdung von der Politik“ verbiete seine Teilnahme an diesen Gesprächen. Von nun an konzentrierte er sich auf Natur, Wissenschaft und Erziehung. Er wollte den Menschen helfen, ihre Verstandeskräfte freizusetzen. „Mit dem Wissen kommt das Denken“, schrieb er, und mit dem Denken die „Kraft“.

Am 3. November 1827, keine sechs Monate nach seiner Ankunft in Berlin, begann Humboldt eine Vortragsreihe mit einundsechzig Veranstaltungen an der Universität. Sie waren so beliebt, dass er ab dem 6. Dezember noch weitere sechzehn in der Berliner Sing-Akademie anbot. Ein halbes Jahr lang hielt er an mehreren Tagen in der Woche Vorträge. Jedes Mal hatte Humboldt Hunderte von Zuhörern. Er sprach frei, seine Notizen brauchte er nicht. Seine Vorträge waren lebendig, aufregend, unterhaltsam und in ihrer Art vollkommen neu. Humboldt nahm kein Eintrittsgeld und demokratisierte damit die Wissenschaft: Seine Zuhörer kamen aus den unterschiedlichsten Schichten - von Mitgliedern der königlichen Familie bis zu Kutschern, von Studenten bis zu Dienstboten, von Gelehrten bis zu Maurern - und die Hälfte waren Frauen.

So etwas hatte Berlin noch nie gesehen, sagte Wilhelm von Humboldt. Sobald die Zeitungen die Vorträge ankündigten, eilten die Leute herbei, um sich Plätze zu sichern. An den Tagen der Veranstaltungen kam es zu Verkehrsstaus, und Polizisten auf Pferden versuchten das Chaos zu kontrollieren. Eine Stunde bevor Humboldt das Podium betrat, war der Saal bereits überfüllt. Das „Gedränge ist fürchterlich“, sagte Fanny Mendelssohn Bartholdy, die Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Aber es war die Sache wert. Frauen durften damals nicht an Universitäten studieren oder auch nur die Sitzungen von wissenschaftlichen Gesellschaften besuchen; aber endlich war es ihnen gestattet, „auch einmal ein gescheites Wort zu hören“. „Die Herren mögen spotten, soviel sie wollen“, schrieb Fanny Mendelssohn Bartholdy einem Freund, aber das Erlebnis sei wunderbar. Andere waren weniger erfreut über die neue weibliche Zuhörerschaft und machten sich über ihre Begeisterung für die Wissenschaften lustig. Eine der Frauen sei offenbar so fasziniert von Humboldts Bemerkungen über Sirius, den hellsten Stern am Nachthimmel, berichtete der Direktor der Sing-Akademie Goethe, dass sie ihre neu entdeckte Leidenschaft für die Astronomie sofort in ihrer Garderobe zum Ausdruck brachte. Sie habe von ihrem Schneider verlangt, „die Oberärmel zwei Siriusweiten geräumig zu machen“.

Mit seiner sanften Stimme nahm Humboldt seine Zuhörer mit auf eine Reise durch den Himmel und die Tiefsee, über den Globus, die höchsten Gebirge hinauf und dann wieder zurück zu einem winzigen Fleckenmoos auf einem Stein. Er sprach über Dichtung und Astronomie, aber auch über Geologie und Landschaftsmalerei. Meteorologie, Erdgeschichte, Vulkane und die Verteilung der Pflanzen waren ebenfalls Teil seiner Vorträge. Von Fossilien kam er auf Nordlichter und vom Magnetismus auf Flora, Fauna und die Wanderbewegungen der Menschheit. In seinen Ausführungen entwarf er ein lebhaftes Kaleidoskop von Beziehungen, die das gesamte Universum umspannten. Oder, wie seine Schwägerin Caroline von Humboldt es ausdrückte, zusammengenommen wurden sie zu Alexanders „ganzem großen Naturgemälde“.“

 

Aus „Wikipedia“: „Der Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung ist ein fünfbändiges Werk des deutschen Universalgelehrten Alexander von Humboldt, in welchem er dem Leser eine Gesamtschau der wissenschaftlichen Welterforschung zu vermitteln suchte, „die Erscheinung der körperlichen Dinge in ihrem Zusammenhange, die Natur als durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes“. Die Bände erschienen 1845 bis 1862. Der fünfte und letzte Band ist Fragment geblieben und wurde postum veröffentlicht …

Bereits 1796, drei Jahre vor seiner großen Reise nach Südamerika, fasste der damals 27-jährige Alexander von Humboldt den Plan einer Darstellung der ganzen physischen Welt: „Je concus l’Idee d’une physique du monde“, schrieb er um diese Zeit seinem Freund Marc-Auguste Pictet. Jahrzehntelang noch blieb die Ausführung dieser Idee als Wunschbild vor seinen Augen stehen. Fast vierzig Jahre später erst schien der Zeitpunkt gekommen, mit der Niederschrift des Werkes zu beginnen.

Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen, wissen, alles in Einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt. Jede große und wichtige Idee, die irgendwo aufgeglimmt, muß neben den Thatsachen hier verzeichnet sein. Es muß eine Epoche der geistigen Entwickelung der Menschheit (in ihrem Wissen von der Natur) darstellen. – Das Ganze ist nicht was man gemeinhin physikalische Erdbeschreibung nennt, es begreift Himmel und Erde, alles Geschaffene.“

Fast zehn Jahre zuvor, 1826, hatte er in einem französischen Salon, dann vom Herbst 1827 bis zum Frühjahr 1828 in Berlin Vorlesungen zur physischen Weltbeschreibung gehalten – insgesamt 62 an der Universität und sechzehn in einem parallelen Zyklus im Haus der Sing-Akademie zu Berlin. Diese „Kosmosvorlesungen“ galten als der kulturelle Höhepunkt des Jahres 1827 in Berlin. Auf Anregung von Konrad Levezow bedankte sich das Auditorium bei Humboldt für die Vortragsreihe mit einer Ehrenmedaille. Es wundert deshalb nicht, dass bald schon Forderungen nach einer Publikation dieser von ihm völlig frei und ohne schriftliche Grundlage gehaltenen Vortragsreihe laut wurden und so unvermindert anhielten, dass Humboldt öffentlich Stellung bezog, um zu unterbinden, dass man Mitschriften veröffentlichte. Verleger bestürmten ihn, der trotz seines guten Verdienstes unter chronischer Geldknappheit litt, mit lukrativen Angeboten. Humboldt entschied sich letztendlich, sein Werk bei dem renommierten Verlagshaus Cotta verlegen zu lassen …

Bei keinem seiner Bücher hatte sich Humboldt die Wahl des Titels leichtfallen lassen, doch war diese Entscheidung ihm nie so schwergefallen wie bei der Titelwahl des Kosmos, über den er nach eigener Angabe einmal fünf Nächte hintereinander nachgesonnen hatte …

Im ersten Band erläutert Humboldt den Bedeutungswandel des Kosmosbegriffes innerhalb der Geschichte und rechtfertigt damit gleichzeitig die Wahl des Titels:

War das Wort kósmos ursprünglich ein Begriff für „Schmuck, Ordnung und Schmuck der Rede“, gebraucht Pythagoras es bereits in der Bedeutung „Weltordnung“ und „Welt“. Der Begriff, führt Humboldt aus, sei dann über die philosophischen Schulen in die Sprache der Naturdichter und Prosaiker übergegangen und währenddessen umgeprägt worden zu „Wohlgeordnetheit der Welt, ja der ganzen Masse des Raum Erfüllenden“. Aristoteles verwendet kósmos für „Welt und Weltordnung“, aber auch als „räumlich zerfallend in die sublunarische Welt [tellurisch] und die höhere, über dem Mond [uranologisch].“ „Der bisher unbestimmt aufgefaßte Begriff einer physischen Erdbeschreibung ging so durch erweiterte Betrachtung, ja nach einem vielleicht allzu kühnen Plane, durch das Umfassen alles Geschaffenen im Erd- und Himmelsraume in den Begriff einer physischen Weltbeschreibung über.“

Kein anderes Wort konnte folglich passender sein, den Titel zu einem Werk zu geben, das das ehrgeizige Vorhaben verfolgte, „die ganze materielle Welt […] in einem Werk“ darzustellen. Doch sein Gewissen bezüglich der Titelwahl ganz zu beruhigen gelang Humboldt nie. Noch in der Einleitung zu seinem 1858 begonnenen fünften Band bezeichnete er sie als Wagnis.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmos_(Humboldt)

Kosmos“, die Berliner Vorträge sowie „Ansichten der Natur“ sind im Projekt Gutenberg nachlesbar: https://gutenberg.spiegel.de/autor/alexander-von-humboldt-294

 

Mensch Alexander von Humboldt

 

Genuss von Freiheit und Abenteuer

 

Eines Nachts, als es in Strömen goss, lag Humboldt in seiner Hängematte, die an Palmen im Dschungel befestigt war. Die Lianen und Kletterpflanzen bildeten ein schützendes Dach über ihm. Er blickte hinauf in das dichte Geflecht, das geschmückt war mit lang herabhängenden orangefarbenen Helkonien und anderen seltsam geformten Blüten. Ihr Lagerfeuer erhellte dieses natürliche Gewölbe; bis zu einer Höhe von zwanzig Metern berührte das Licht der Flammen die Stämme der Palmen. Mal tanzten die Blüten im Lichtkreis, mal verschwanden sie in der Dunkelheit, während der weiße Rauch in Kringeln in den Himmel stieg, der über dem Laubdach unsichtbar blieb. Es war ein prachtvoller Anblick, schrieb Humboldt.

Die Wasserfälle des Orinoco, berichtete er, erweckten den Eindruck, als würde der ganze Strom „über seinem Bette hängen“, wenn sie „von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet“ würden. Obwohl er permanent maß und aufzeichnete, beschrieb Humboldt die Natur auch mit Sätzen wie: „Farbige Bögen verschwinden und kehren wieder“ (die Regenbögen am Orinoco) und: „Mit farbigen Ringen umgeben, stand die Mondscheibe hoch im Zenith“. Er genoss den Anblick der dunklen Wasseroberfläche des Flusses, die tagsüber in allen Einzelheiten die Pflanzen mit ihrer Blütenpracht spiegelte, die an den Flussufern wuchsen, und nachts die südlichen Sternbilder. Noch nie zuvor hatte ein Wissenschaftler die Natur mit solchen Worten beschrieben. „Was zu unserem Gemüte spricht“, schrieb Humboldt, „entzieht sich der Messung.“ Die Natur war kein mechanisches System mehr, sondern eine aufregende neue Welt voller Wunder. Humboldt sah Amerika mit den Augen, die Goethe ihm gegeben hatte, und verfiel dem Zauber dieser Welt."

 

Berge bezauberten Humboldt. Dabei ging es ihm nicht nur um die physischen Herausforderungen oder die Aussicht auf neues Wissen. Da war auch noch ein eher metaphysischer Aspekt. Jedes Mal, wenn er auf einem Gipfel oder einem hohen Bergkamm stand, war er so hingerissen von dem Ausblick, dass seine Fantasie ihn noch höher hinauftrug. Sie linderte, sagte er, die „tiefen Wunden“, die die reine „Vernunft“ manchmal schlug.“

 

Durch sein Teleskop verfolgte er, wie die Sternbilder des südlichen Himmels allmählich verschwanden. „Ich werde von Tag zu Tag ärmer“, vertraute Humboldt seinem Tagebuch an, während sie sich der nördlichen Hemisphäre näherten und sich von einer Welt entfernten, die ihn für den Rest seines Lebens faszinieren würde.

In der Nacht auf den 26. Februar 1803 überquerte Humboldt zum letzten Mal den Äquator.

Er war dreiunddreißig Jahre alt, hatte mehr als drei Jahre in Lateinamerika verbracht, tropische Regenwälder durchquert und eisige Berggipfel bestiegen, dabei Tausende von Pflanzen gesammelt und unzählige Messungen vorgenommen. Obwohl er immer wieder sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, hatte er die Freiheit und das Abenteuer genossen. Vor allem aber verließ er Guayaquil mit einem neuen Naturverständnis. In seinen Truhen befand sich die Skizze des Chimborazo - sein „Naturgemälde“. Diese Zeichnung und die Ideen, auf denen sie beruhte, beeinflussten künftige Generationen und ihre Wahrnehmung der natürlichen Welt nachhaltig.“

 

Seitdem Humboldt von seiner Expedition 1804 zurückgekehrt war, sehnte er sich danach, Europa wieder zu verlassen. Das Fernweh war sein treuester Begleiter. Seiner Ansicht nach konnte man Wissen nicht allein aus Büchern beziehen. Um die Welt zu verstehen, musste ein Wissenschaftler in der Natur sein – sie fühlen und erleben -, ein Gedanke, mit dem sich Goethe im Faust auseinandergesetzt hatte. Dort beschreibt er Wagner, Heinrich Fausts Gehilfen, als nüchternen, eindimensionalen Charakter, der keinen Grund sieht, aus der Natur selbst zu lernen, wenn man denn Bücher hat.

Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt,

Des Vogels Fittich werd‘ ich nie beneiden.

Wie anders tragen uns die Geistesfreuden,

Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!

Goethes Wagner ist der Inbegriff des engstirnigen Gelehrten, der sich in sein Labor einschließt und in Büchern vergräbt. Humboldt war das genaue Gegenteil: ein Wissenschaftler, der die Natur nicht nur verstandesmäßig begreifen, sondern auch mit allen Sinnen erleben wollte.“

 

Wohlklang der Sätze

 

Dieses Buch wurde ein Bestseller und in elf Sprachen übersetzt. Mit Ansichten der Natur schuf Humboldt eine vollkommen neue Gattung - ein Buch, das eine lebendige Prosa mit herrlichen Landschaftsbeschreibungen und wissenschaftlichen Beobachtungen verband, ein Vorbild für die moderne Naturbeschreibung, das Nature Writing. Es war Humboldts Lieblingsbuch.

In Ansichten der Natur beschwört Humboldt die stille Einsamkeit der Andengipfel und die fruchtbare Vegetation des Regenwaldes, den Zauber der Meteorschauer und das grausige Schauspiel, wie Zitteraale in den Llanos gefangen werden. Er schreibt vom „glühenden Schooß der Erde“ und von einer Wüste, die zum „Sandmeer“ wird. Blätter öffnen sich und „begrüssen die aufgehende Sonne“, und Affen erfüllen den Dschungel mit „melancholischem Geheul“. Im Dunst über den Wasserfällen des Orinoco irrlichtern Regenbögen und erzeugen einen „optischen Zauber“. Immer wieder streut Humboldt diese poetischen Vignetten ein, etwa wenn er von seltsamen Insekten berichtet, die „ihr röthliches Phosphorlicht über die krautbedeckte Erde“ gießen, und „von lebendigem Feuer glühte der Boden, als habe die sternvolle Himmelsdecke sich auf die Grasflur niedergesenkt“.

Es war ein wissenschaftliches Buch voller lyrischer Passagen. Für Humboldt war die Sprache ebenso wichtig wie der Inhalt, und er gestattete seinem Verleger nicht, nur eine einzige Silbe zu verändern, damit der „Wohlklang“ seiner Sätze erhalten blieb. Die wissenschaftlichen Erklärungen waren sehr umfangreich und detailliert, ließen sich aber leicht übergehen, weil Humboldt sie in den Anmerkungen am Ende eines jeden Kapitels versteckte.

In den Ansichten der Natur zeigte Humboldt, wie die Natur die Vorstellung der Menschen beeinflusste. Die Natur stehe in einer geheimnisvollen Kommunikation mit unserem „inneren Leben“, sagte er. Ein klarer blauer Himmel löst beispielsweise andere Gefühle aus als tief hängende, dunkle Wolken. Eine tropische Landschaft mit dicht an dicht stehenden Bananenstauden und Palmen wirkt sich anders auf uns aus als ein lichter Wald aus schlanken Birken mit weißen Stämmen. Was wir heute für selbstverständlich halten - dass es einen Zusammenhang zwischen der Außenwelt und unserer Stimmung gibt -, war für Humboldts Leser eine Offenbarung. Dichter hatten das vielleicht bereits erwähnt, aber keine seriösen Wissenschaftler.

In den Ansichten der Natur beschrieb Humboldt die Natur erneut als Netz des Lebens, in dem Pflanzen und Tiere voneinander abhängen - eine Welt voll pulsierendem Leben. Immer wieder betonte er „den inneren Zusammenhang der Naturkräfte“. Er verglich die Wüsten Afrikas mit den Llanos in Venezuela und den Heideflächen in Nordeuropa: Landschaften, weit voneinander entfernt, die Humboldt in „einem Naturgemälde“ vereinigte. Den neuen Ansatz, den er mit seiner Skizze nach der Besteigung des Chimborazo entworfen hatte, das „Naturgemälde“, weitete er jetzt aus und erklärte damit seine neue Sichtweise. Sein „Naturgemälde“ war nicht mehr bloß eine Zeichnung - es konnte auch ein Prosatext wie die Ansichten der Natur sein, ein wissenschaftlicher Vortrag oder ein philosophischer Begriff.

Ansichten der Natur entstand vor dem Hintergrund der verzweifelten politischen Lage Preußens und zu einer Zeit, in der sich Humboldt in Berlin elend und verlassen fühlte. Er entführte seine Leser in eine verzauberte Welt fern von Krieg und „der stürmischen Lebenswelle“ und lud sie ein, ihm „in das Dickigt der Wälder, durch die unabsehbare Steppe und auf den hohen Rücken der Andenkette“ zu folgen, denn „auf den Bergen ist Freyheit“.

Diese neue Form der Naturbeschreibung sei so verführerisch, schrieb ihm Goethe, dass er sich gern mit Humboldt „in die wildesten Gegenden“ gestürzt hätte. Und der französische Schriftsteller Francois-René de Chateaubriand fand Humboldts Text außergewöhnlich; er hatte den Eindruck, „man reite mit ihm auf den Wellen und verliere sich in den Tiefen der Wälder“. Die Ansichten der Natur inspirierten in den nächsten Jahrzehnten Wissenschaftler und Dichter. Henry David Thoreau las sie genauso wie Ralph Waldo Emerson, der erklärte, Humboldt habe „diesen Himmel von seinen Spinnweben“ gereinigt. Und Charles Darwin bat seinen Bruder, ihm ein Exemplar nach Uruguay zu schicken, wo er es bei einem Zwischenstopp der Beagle vorzufinden hoffte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nutzte der Science-Fiction-Autor Jules Verne Humboldts Beschreibungen Südamerikas für seine Romanreihe Voyages extraordinaires und zitierte sie oft wörtlich in seinen Dialogen. Vernes Roman Der stolze Orinoco war eine Hommage an Humboldt, und in Die Kinder des Kapitän Grant erklärte ein Forschungsreisender, es sei sinnlos, den Pico del Teide auf Teneriffa zu besteigen, da Humboldt ja schon dort oben gewesen sei: „Zu welchem Zweck, bitte ich“, sagte darin Monsieur Paganel, „nach Humboldt?“ Sogar Kapitän Nemo in Vernes berühmtem Roman 20.000 Meilen unter dem Meer besaß Humboldts gesammelte Werke.

 

Seine Bücher indessen verkauften sich gut in England. Die erste englische Übersetzung war Political Essay of New Spain 1811, aber noch erfolgreicher war Personal Narrative (der erste der sieben Bände wurde 1814 übersetzt). Es war eine Reisebeschreibung - wenn auch mit umfangreichen wissenschaftlichen Anmerkungen -, die sich an das breite Publikum wendete. Die Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents (englisch: Personal Narrative) war eine chronologische Schilderung der Abenteuer von Humboldt und Bonpland seit ihrer Abreise aus Spanien im Jahr 1799. Dieses Buch veranlasste später Charles Darwin, an der Reise der Beagle teilzunehmen - ein Werk, „das ich fast auswendig kannte“, wie er sagte.

Die Reise in die Aequinoctial-Gegenden war, wie Humboldt erklärte, anders als andere Reisebücher. Viele Entdeckungsreisende messen nur, sagte er, andere sammelten nur Pflanzen, und wieder andere erfassten lediglich die wirtschaftlichen Daten in Handelszentren, aber niemand verbinde genaue Beobachtungen mit einer „malerischen Beschreibung der Landschaft“. Humboldt nahm seine Leser mit in die überfüllten Straßen von Caracas, über die staubigen Ebenen der Llanos und tief in den Regenwald am Orinoco. Da Humboldt einen Kontinent beschrieb, den nur wenige Briten jemals gesehen hatten, waren sie begeistert. Seine Schilderungen seien so anschaulich, hieß es in der Edinburgh Review, „dass wir die Gefahren hautnah miterleben; wir teilen seine Ängste, seine Erfolge und seine Enttäuschungen“.

Es gab auch ein paar negative Rezensionen, aber nur in Zeitschriften, die Humboldts liberalen politischen Ansichten kritisch gegenüberstanden … Doch einige Jahre später lobte selbst die Quarterly Review Humboldts einzigartiges Talent, wissenschaftliche Forschung mit „intensiven Gefühlen und großer Vorstellungskraft“ zu verbinden. Er schreibe wie ein „Dichter“, räumte der Rezensent ein.

Langsam flossen Humboldts Beschreibung Lateinamerikas und seine neuen Naturansichten in die britische Literatur und Dichtung ein. In Mary Shelleys Roman Frankenstein, der 1818 erschien - nur vier Jahre nach dem ersten Band der englischen Ausgabe der Reise in die Aequinoctial-Gegenden -, wünschte sich Frankensteins Monster „in die weiten Urwälder Südamerikas“. Kurz darauf wurde Humboldt von Lord Byron in Don Juan verewigt, wo sich der Dichter über das Zyanometer lustig macht - das Instrument, mit dem Humboldt die Bläue des Himmels gemessen hatte.

Humboldt, „der erste Reisende“, (nicht mehr

Der letzte nach den neuesten Zeitungsspalten,)

Erfand (der Name war mir gar zu schwer,

Und auch das Datum hab ich nicht behalten)

Ein luftig Instrument, mit welchem er

Den Dunstkreis untersucht und sein Verhalten

Durch Messung der „Intensität des Blaus“, -

O Lady Daphne! Meß ich dich so aus!““

 

Liebe und Leben für die Wissenschaft

 

Humboldt ist „ein von der Liebe zur Wissenschaft trunkener Schüler“, bemerkte ein Bekannter.

In Salons und bei Festen begegnete er Wissenschaftlern, aber auch den Künstlern und Intellektuellen der Epoche. Wie so häufig umschwärmten viele Frauen den gut aussehenden und unverheirateten Humboldt. Eine, die hoffnungslos in ihn verliebt war, fand, dass er hinter seinem ständigen Lächeln eine „Eisschicht“ verbarg. Als sie ihn fragte, ob er nie geliebt habe, erwiderte er, aber ja, „mit einem Feuer“ - aber es brenne für die Wissenschaft, „meine erste, meine einzige Liebe“.

 

Humboldt unterstützte junge Wissenschaftler, so gut er konnte, intellektuell, aber auch finanziell; egal, wie schwierig seine eigene Situation war. Er war so hilfsbereit, dass seine Schwägerin Caroline sich sorgte, seine sogenannten Freunde könnten seine Gutmütigkeit ausnutzen - „er isst trocken Brot, damit jene Braten essen“. Doch Humboldt kümmerte sich nicht darum. Er war wie die Nabe eines rotierenden Rades, immer in Bewegung und mit allem und allen in Verbindung.

Humboldt rüstete einen jungen französischen Wissenschaftler für eine Reise durch Südamerika mit seinen eigenen Instrumenten aus und gab ihm ein Empfehlungsschreiben an Simon Bolívar mit. Und für einen portugiesischen Botaniker, der in die Vereinigten Staaten auswandern wollte, legte er ein gutes Wort bei Thomas Jefferson ein. Der deutsche Chemiker Justus von Liebig, der später berühmt wurde, weil er entdeckte, wie wichtig Stickstoff als Nährstoff für Pflanzen ist, berichtete, wie die Begegnung mit Humboldt in Paris „die Grundlage meiner zukünftigen Berufslaufbahn schuf“. Und Albert Gallatin, der ehemalige amerikanische Finanzminister, der Humboldt aus Washington kannte und ihn später in London und Paris traf, ließ sich von Humboldts Begeisterung für indigene Völker so sehr anstecken, dass er sich intensiv dem Studium der Ureinwohner der Vereinigten Staaten widmete. Heute gilt Gallatin als Begründer der amerikanischen Ethnologie; der Auslöser für sein Interesse, so Gallatin, sei die „Anfrage seines hochverehrten Freundes, des Barons Alexander von Humboldt, gewesen“.

 

Er forderte auch Maler auf, in die fernsten Winkel der Erde zu reisen, half ihnen, sich die Mittel zu beschaffen, schlug geeignete Routen vor und beklagte sich manchmal, wenn sie nicht auf seine Vorschläge eingingen. Seine Anweisungen waren exakt und detailliert. Einem deutschen Maler gab Humboldt eine lange Liste mit Pflanzen, die dieser abbilden sollte. Er sollte „wirkliche Landschaften“ festhalten, und keine idealisierten Szenen, wie es Künstler seit Jahrhunderten taten. Er beschrieb sogar, wo genau auf dem Berg er seinen Standort wählen sollte, um den besten Ausblick zu haben.“

 

Noch mehr Briefe, als er selbst schrieb, kamen bei Humboldt an. Mitte der 1850er-Jahre schätzte er, dass pro Jahr 2.500 bis 3.000 Briefe bei ihm eintrafen. Seine Wohnung in der Oranienburger Straße war, so klagte er, zu einem Umschlagplatz für Adressen geworden. Er hatte nichts gegen die wissenschaftlichen Briefe, aber er war genervt von der Post, die er seine „alberne Correspondenz“ nannte - beispielsweise von Hebammen und Lehrern, die auf königliche Orden hofften, von Autografenjägern oder sogar Frauengruppen, die seine „Bekehrung“ zu einer bestimmten Religion im Sinn hatten. Er erhielt Fragen über Heißluftballons, Bitten um Hilfe bei Migration und Angebote, „mich zu pflegen“.

 

Blick nach vorn

 

Sobald die Briefe und Sammlungen Mitte März 1801 abgeschickt waren, bestiegen Humboldt und Bonpland auf Kuba ein Schiff, das sie nach Cartagena an der Nordküste Neugranadas (des heutigen Kolumbien) bringen sollte. Dort trafen sie zwei Wochen später, am 30. März, ein. Und wieder entschloss sich Humboldt zu einem Umweg, er wählte die Landroute anstelle des leichteren Seewegs. Zwar wollte er Lima Ende Dezember erreichen, um Baudins Expedition abzufangen, aber zuvor hatten er und Bonpland vor, die Anden zu überqueren und zu erforschen - die in mehreren Bergketten Südamerika der Länge nach durchlaufen, über rund 7.500 Kilometer von Venezuela und Kolumbien im Norden bis hinab nach Feuerland. Es war der längste Gebirgszug der Welt, und Humboldt wollte den Chimborazo besteigen, einen imposanten schneebedeckten Vulkan südlich von Quito im heutigen Ecuador. Mit seinen fast 6.300 Metern galt der Chimborazo damals als der höchste Berg der Welt.

Diese fast 4.000 Kilometer von Cartagena nach Lima führten die Männer durch einige der denkbar unwirtlichsten Landschaften und brachten sie an die Grenze ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Aber es war zu verlockend, Gegenden zu erkunden, die noch kein Entdeckungsreisender vor ihnen betreten hatte. „Wenn man jung und aktiv ist“, so Humboldt, ist es leicht, Unwägbarkeiten und Gefahren einer solchen Reise weitgehend zu ignorieren. Wenn sie Baudin in Lima treffen wollten, blieben ihnen keine neun Monate. Ihr Plan war, zunächst von Cartagena entlang des Rio Magdalena nach Bogotá - der heutigen Hauptstadt von Kolumbien - zu reisen. Von dort sollte der Weg über die Anden nach Quito und weiter nach Süden bis Lima führen. „Alle Widerstände“, war Humboldt überzeugt, „lassen sich durch Energie besiegen.“

Außerdem wollte Humboldt auch den berühmten spanischen Botaniker José Celestino Mutis kennenlernen, der in Bogotá lebte. Der neunundsechzigjährige Mutis war vierzig Jahre zuvor aus Spanien gekommen und hatte viele Expeditionen durch die Region geleitet. Kein anderer Botaniker wusste so viel über die südamerikanische Flora; daher hoffte Humboldt, seine Sammlungen in Bogotá mit den Schätzen vergleichen zu können, die Mutis im Laufe seines langen Forscherlebens zusammengetragen hatte. Obwohl er gehört hatte, dass Mutis manchmal schwierig und abweisend war, glaubte Humboldt an ein Treffen. „Mutis, so nah!“, dachte er, als sie in Cartagena eintrafen. Von dort schickte er dem Botaniker „einen sehr künstlichen Brief“, in dem er ihn in höchsten Tönen lobte und ihm schmeichelte. Er sei der einzige Grund, so schrieb Humboldt außerdem, warum sie sich gegen den Seeweg von Cartagena nach Lima entschieden und stattdessen die weit beschwerlichere Route über die Anden gewählt hätten. Sie würden Mutis zu gern unterwegs in Bogotá aufsuchen.

Am 6. April verließen sie Cartagena, um den rund 100 Kilometer ostwärts gelegenen Rio Magdalena zu erreichen. Sie marschierten durch dichte Wälder, in denen Glühwürmchen ihre „Wegweiser“ in der Dunkelheit waren - und verbrachten einige elende Nächte in ihren Mänteln auf dem harten Boden. Zwei Wochen später schoben sie ihr Kanu in den Rio Magdalena und paddelten südwärts in Richtung Bogotá. Fast zwei Monate lang fuhren sie flussaufwärts gegen eine starke Strömung an dichten Wäldern vorbei, die den Fluss säumten. Es war Regenzeit, und abermals erlebten sie Krokodile, Moskitos und unerträgliche Feuchtigkeit. Am 15. Juni erreichten sie Honda, ein Städtchen mit einem Flusshafen und etwa viertausend Einwohnern, keine 150 Kilometer nordwestlich von Bogotá. Von dort aus stiegen sie aus dem Flusstal auf steilen Pfaden durch zerklüftete Felsen zu einem gut 2.600 Meter hoch gelegenen Plateau empor, auf dem Bogotá lag. Bonpland kämpfte in der dünnen Luft - Übelkeit und Fieber setzten ihm zu. Der Marsch war strapaziös und beschwerlich, aber Bogotá empfing sie am 8. Juli 1801 geradezu triumphal.

Mutis und die Würdenträger der Stadt begrüßten die beiden und schleppten sie von einer Feier zur nächsten. Seit Jahrzehnten hatte es in Bogotá nichts Vergleichbares gegeben. Humboldt schätzte steife Festveranstaltungen überhaupt nicht, aber Mutis erklärte, man müsse sie wegen des Vizekönigs und der führenden Vertreter der Stadt über sich ergehen lassen. Danach aber öffnete der alte Botaniker seine Schränke. Mutis hatte auch ein botanisches Zeichenstudio, in dem 32 Künstler, darunter einige Indianer, alles in allem sechstausend Aquarelle von einheimischen Pflanzen anfertigten. Vor allem aber besaß Mutis so viele botanische Bücher, dass seine Sammlung, wie Humboldt später seinem Bruder schrieb, nur von Joseph Banks' Bibliothek in London übertroffen wurde. Das war eine unschätzbare Hilfe, weil Humboldt jetzt zum ersten Mal, seit er Europa zwei Jahre zuvor verlassen hatte, unzählige Bücher durchblättern konnte, um seine eigenen Beobachtungen zu überprüfen, zu vergleichen und zu relativieren. Beide Männer profitierten von diesem Besuch. Mutis war geschmeichelt, weil er damit prahlen konnte, dass ein europäischer Wissenschaftler diesen gefährlichen Umweg nur auf sich genommen hatte, um ihn, Mutis, zu besuchen, und Humboldt erhielt die botanischen Informationen, die er so dringend brauchte ...

Die erste Bergkette überquerten sie auf dem Quindiopass, einem Pfad, der in etwa 3.700 Metern Höhe verlief und als einer der gefährlichsten und schwierigsten der ganzen Anden galt. Sie bewegten sich auf einem schlammigen Weg, der häufig nur 20 Zentimeter breit war, und kämpften sich durch Gewitter, Regen und Stürme. „Solchen Wegen in den Anden“, schrieb Humboldt in sein Tagebuch, „muss man seine Manuskripte, Instrumente, Sammlungen anvertrauen.“ Staunend beobachtete er, wie es den Maultieren gelang, auf dem schmalen Grat zu balancieren, obwohl es mehr ein „zusammengesetztes Fallen“ war als ein Gehen …

Als sie neun Monate nachdem sie Cartagena verlassen hatten und nach rund 2.000 zurückgelegten Kilometern Anfang Januar 1802 in Quito eintrafen, erfuhren sie, dass die Berichte über Kapitän Baudin falsch waren. Baudin segelte nicht über Südamerika nach Australien, sondern fuhr stattdessen um das Kap der Guten Hoffnung vor Südafrika und von dort quer über den Indischen Ozean. Jeder andere Mann wäre verzweifelt, nicht so Humboldt. Zumindest mussten sie sich jetzt nicht länger beeilen, um Lima zu erreichen, fand er, also blieb ihnen genügend Zeit, um alle Vulkane zu besteigen, die er untersuchen wollte.“

Mensch stelle sich vor, er hätte ein großes Ziel, nimmt große Strapazen auf sich, um dieses Ziel zu erreichen – und erfährt dann, dass nichts draus wird.

Alexander von Humboldt jammert, zetert, tobt nicht. Wozu auch – was hätte es ihm gebracht? Die Situation ist da. Er tut das, was am sinnvollsten ist und zerbricht sich nicht den Kopf über die schönen Pläne, die vom einen auf den anderen Moment hinweggewischt waren.

 

Wahres Wissen, wahres Leben

 

In seinen Briefen nach Hause versicherte Humboldt seinen Freunden und Bruder Wilhelm, dass er glücklich und gesünder als je zuvor sei. In allen Einzelheiten beschrieb er seine Abenteuer, von den gefährlichen Jaguaren und Schlangen bis zu den herrlichen tropischen Landschaften und seltsamen Blüten. Aber Humboldt konnte der Versuchung nicht widerstehen und beendete einen Brief an die Frau eines seiner engsten Freunde mit den Worten: „Und Sie, meine Gute, wie führen Sie indeß Ihr einförmiges Leben fort?““

Dieser Satz ist der Lieblings-Satz des Wurms.

Sollte der ein oder andere Leser die Pointe dieses Satzes nicht verstanden haben – der Wurm erläutert sie gerne.

Alexander von Humboldt redet gerne und viel. Ist aber nicht vom Zwang besessen, die ganze Zeit reden zu müssen.

Er liebt das Abenteuer. Abenteuer ist für ihn, vor einem Krokodil davonzulaufen, aber auch Monate lang sich im Studierzimmer an wissenschaftlichen Büchern zu begeistern.

Er hält sich selbst nicht für wichtig und stellt sich in den Dienst der Menschheit.

Wenn Alexander von Humboldt redet, dann sind es sinnvolle Sachen, während der Wurm davon ausgeht, dass es sich bei der angesprochenen Frau um ein belangloses Wesen handelt, das belangloses Zeug von sich gibt und sich selbst für das Wichtigste hält.

Sie kann es nicht verstehen, dass ein Mensch ernsthafte Sachen liest und daran auch noch Gefallen findet. Und das auch noch über einen längeren Zeitraum.

Völlig unverständlich ist es, sich selbst nicht wichtig zu nehmen und sich in den Dienst der Menschheit zu stellen. So etwas ist völlig unnormal und wenn das stimmt, müssen finstere Dinge dahinterstecken! Normal wäre es ja, ausschließlich an sich und sein näheres Umfeld zu denken und seine eigene jämmerliche Existenz als das Größte dieser Welt anzusehen.

Diese Sorte von Mensch wäre ja noch halbwegs zu ertragen, wenn sie ruhig wäre. Leider ist sie das nicht, sondern ist von einem Redezwang über Banalitäten besessen und beschimpft solche Menschen wie Alexander von Humboldt, dass er sich für deren Belanglosigkeiten nicht interessiert und dass er völlig andere, aus deren Sicht völlig unsinnige Interessen hat.

Leider halten sie sich (und nur sich) für völlig normal. Und in der Tat: ihre Zahl ist Legion.

Der Wurm kann Alexander von Humboldts Satz extrem gut nachvollziehen und freut sich ungemein über ihn.

 

Zeitalter Humboldts

 

Zu den Trauergästen gehörten Universitätsprofessoren und Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, Soldaten, Diplomaten und Politiker. Es kamen Handwerker, Händler, Ladenbesitzer, Maler, Dichter, Schauspieler und Schriftsteller. Dem langsam fahrenden Leichenwagen folgten Humboldts Verwandte und ihre Familien mit dem Diener Johann Seifert. Der gesamte Zug erstreckte sich über eine Strecke von anderthalb Kilometern. Das Geläut der Kirchenglocken hallte durch die Straßen, während die königliche Familie im Berliner Dom wartete, um Abschied zu nehmen. Am Abend wurde der Sarg nach Tegel gebracht, wo Humboldt auf dem Familienfriedhof beigesetzt wurde.

Als das Dampfschiff, das die Nachricht von Humboldts Tod brachte, Mitte Mai die Vereinigten Staaten erreichte, trauerten Intellektuelle, Maler und Wissenschaftler gleichermaßen. Er habe das Gefühl, „einen Freund verloren“ zu haben, sagte Frederic Edwin Church. Der Naturwissenschaftler Louis Agassiz, einer von Humboldts früheren Protegés, hielt eine Trauerrede in der Bostoner Academy of Art and Sciences, in der er behauptete, jedes amerikanische Schulkind profitiere „von den geistigen Mühen Humboldts“. Am 19. Mai 1859 berichteten die Zeitungen überall in Amerika vom Tod des Mannes, von dem viele meinten, er sei der „bemerkenswerteste“ Mensch, den es jemals gegeben habe. Sie waren glücklich, in dem, wie sie sagten, „Zeitalter Humboldts“ gelebt zu haben.“

 

Während der nächsten Jahrzehnte überstrahlte Humboldts Ruhm alles. Am 14. September 1869 feierten Zehntausende Menschen seinen hundertsten Geburtstag mit Festlichkeiten rund um den Globus - in New York und Berlin, in Mexico City und Adelaide und in zahllosen anderen Städten. Mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod bezeichnete Darwin ihn noch immer als den „größten Forschungsreisenden, der jemals gelebt hat". Bis an sein Lebensende zog Darwin Humboldts Bücher zurate. 1881, mit zweiundsiebzig Jahren, nahm er den dritten Band von Personal Narrative noch einmal zur Hand. Als er ihn durchgelesen hatte, schrieb er auf die Rückseite: „beendet am 3. April 1882“. Sechzehn Tage später, am 19. April, war auch er tot.

Darwin war nicht der Einzige, der Humboldts Werke bewunderte. Humboldt habe das „Samenkorn“ gesät, aus dem die neuen Naturwissenschaften hervorgegangen seien, schrieb ein deutscher Wissenschaftler. Humboldts Naturbegriff überwand die Grenzen der Disziplinen - und setze sich auch in Kunst und Literatur fest. Seine Ideen flossen in die Gedichte von Walt Whitman und in die Romane von Jules Verne ein.

Aldous Huxley bezog sich 1934 in seinem eigenen Reisebuch Beyond the Mexique Bay auf Humboldts Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neuspanien; Mitte des 20. Jahrhunderts tauchte sein Name in den Gedichten von Ezra Pound und Erich Fried auf. Einhundertdreißig Jahre nach Humboldts Tod ließ ihn der kolumbianische Schriftsteller Gabriel Garcia Marquez in dem Roman Der General in seinem Labyrinth - einem fiktiven Bericht über die letzten Tage von Simon Bolívar - auferstehen.

Für viele Menschen war Humboldt, wie der preußische König Friedrich Wilhelm IV. gesagt hatte, „der größte Mann seit der Sintflut“.“

 

Andrea Wulf fasst ihn und sein Leben folgendermaßen zusammen: „Noch nie war jemand so hoch gestiegen, und noch nie hatte jemand so dünne Luft geatmet. Als er nun am vermeintlich höchsten Punkt der Welt stand und auf die Bergketten schaute, die sich unter ihm ausbreiteten, begann Humboldt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Erde erschien ihm als ein riesiger Organismus, in dem alles mit allem in Verbindung stand - eine mutige, neue Sicht der Natur, die noch immer beeinflusst, wie wir heute unsere Umwelt sehen und begreifen.

Humboldt, der von seinen Zeitgenossen als der bekannteste Mann der Welt nach Napoleon bezeichnet wurde, war einer der faszinierendsten und beeindruckendsten Menschen seiner Zeit. 1769 in eine wohlhabende preußische Adelsfamilie hineingeboren, verzichtete er auf seine Privilegien, um herauszufinden, was es mit der Welt auf sich hat. Als junger Mann begab er sich auf eine fünfjährige Entdeckungsreise durch Lateinamerika, setzte seine Existenz viele Male aufs Spiel und kehrte mit einer neuen Sicht auf die Welt zurück. Die Expedition prägte sein Leben und Denken und machte ihn weltberühmt. Er lebte in Großstädten wie Paris und Berlin, fühlte sich aber genauso an den entlegensten Zuflüssen des Orinoco oder in der Kasachensteppe an der russischen Grenze zur Mongolei zu Hause. Im Laufe seines langen Lebens wurde er zum Mittelpunkt der wissenschaftlichen Welt, schrieb an die fünfzigtausend Briefe und erhielt mindestens doppelt so viele. Wissen, so Humboldts Überzeugung, musste geteilt und ausgetauscht werden und allen Menschen zur Verfügung stehen.

Er war aber auch ein Mann der Widersprüche. Als erbitterter Gegner des Kolonialismus unterstützte er die Revolution in Lateinamerika, war aber gleichzeitig Kammerherr zweier preußischer Könige. Er bewunderte die Vereinigten Staaten für ihr Ideal von Freiheit und Gleichheit, kritisierte sie aber fortwährend, weil sie die Sklaverei nicht abschafften.

Sich selbst nannte er einen „halben Amerikaner“, verglich die Vereinigten Staaten aber gleichzeitig mit einem „Cartesianischen Wirbel, alles fortreißend, langweilig nivellierend“. Er war selbstbewusst, sehnte sich aber ständig nach Anerkennung. Man bewunderte sein enormes Wissen, fürchtete aber gleichzeitig seine scharfe Zunge. Humboldts Bücher wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und waren so populär, dass die Menschen sich um die ersten Exemplare rissen; und doch starb er als armer Mann. Er konnte arrogant und abweisend sein, aber auch sein letztes Geld für einen jungen Wissenschaftler in Not opfern. Sein Leben war ausgefüllt mit Reisen und nie endender Arbeit. Stets war er auf der Suche nach Neuem und nicht zufrieden, wie er sagte, wenn er nicht „drei Dinge zugleich“ tat.

Humboldt wurde für sein Wissen und sein wissenschaftliches Denken hochgeachtet und war dennoch kein Gelehrter im Elfenbeinturm. Wenn er von seinem Schreibtisch und seinen Büchern genug hatte, stürzte er sich in größte Abenteuer, die seinem Körper das Äußerste abverlangten. Tief wagte er sich in die geheimnisvolle Welt des venezolanischen Regenwalds hinein, und in den Anden kroch er in schwindelnder Höhe auf schmalen Felsvorsprüngen entlang, um die Flammen im Inneren eines aktiven Vulkans zu betrachten. Noch mit sechzig Jahren machte er sich auf eine mehr als 15.000 Kilometer lange Entdeckungsreise zu den entlegensten Winkeln Russlands und war belastbarer als seine jüngeren Begleiter.

Einerseits war er fasziniert von wissenschaftlichen Instrumenten, von Messungen und Beobachtungen, andererseits trieb ihn der Zauber der Natur an. Selbstverständlich musste die Natur vermessen und analysiert werden, aber er glaubte auch, dass wir die Natur durchaus mit Sinnen und Gefühlen erfassen sollten. Er wollte in den Menschen die „Liebe zur Natur“ wecken. In einer Zeit, als andere Wissenschaftler nach universellen Gesetzen suchten, schrieb Humboldt, die Natur müsse erlebt und gefühlt werden.

Humboldt hatte die Gabe, sich noch nach Jahren an winzigste Einzelheiten erinnern zu können: die Form eines Blattes, die Beschaffenheit des Erdbodens, eine Temperatur, die Gesteinsschichten eines Felsens. Sein außerordentliches Gedächtnis ermöglichte ihm, Beobachtungen zu vergleichen, die er in der ganzen Welt gemacht hatte und zwischen denen mehrere Jahrzehnte oder Tausende von Kilometern lagen. Humboldt sei in der Lage, „bei jedem Gedanken gleichsam die ganze Reihe aller Erscheinungen in der ganzen Welt zu durchlaufen“, wie ein Kollege später sagte. Während andere mühsam ihre Erinnerungen durchstöbern mussten, hatte Humboldt - „dessen Augen natürliche Teleskope & Mikroskope sind“, wie der amerikanische Schriftsteller und Dichter Ralph Waldo Emerson voller Bewunderung sagte - jedes Stückchen Wissen und jede Beobachtung sofort zur Hand.

Als Humboldt, erschöpft vom Aufstieg, schließlich auf dem Chimborazo stand, ließ er seine Umgebung auf sich wirken. Hier wechselten sich verschiedene Vegetationszonen ab. In den Tälern hatte er Palmen- und schwüle Bambuswälder durchquert, wo bunte Orchideen die Bäume umschlangen. Weiter oben hatte er Nadelhölzer, Eichen, Erlen und strauchartige Berberitzen gesehen, ähnlich denen, die er aus europäischen Wäldern kannte. Daran schlossen sich alpine Pflanzen an, wie er sie in den Schweizer Bergen gesammelt hatte, und Flechten, die ihn an die Arten vom nördlichen Polarkreis und in Lappland erinnerten. Noch nie hatte jemand Pflanzen so betrachtet. Humboldt registrierte sie nicht in den engen Kategorien des Klassifikationssystems, sondern nahm sie als Lebensformen eines bestimmten Standorts und Klimas wahr. Er begriff die Natur als eine globale Kraft mit einander entsprechenden Klimazonen auf verschiedenen Kontinenten: Das war damals ein radikales Konzept, und noch heute prägt es unser Verständnis der Ökosysteme.

Humboldts Bücher, Tagebücher und Briefe verraten einen visionären Denker, der seiner Zeit weit voraus war. Er erfand die Isotherme - die Temperatur- und Drucklinien, die wir heute auf unseren Wetterkarten sehen - und entdeckte den magnetischen Äquator. Er war auch der Erste, der von Vegetations- und Klimazonen sprach, die sich rund um den Globus schlängeln. Vor allem aber hat Humboldt unseren Blick auf die Natur revolutioniert. Überall erkannte er Verbindungen. Nichts, noch nicht einmal den winzigsten Organismus, hat er separat betrachtet. „In der großen Verkettung der Ursachen und Wirkungen“, sagt Humboldt, „darf kein Stoff, keine Thätigkeit isoliert betrachtet werden.“ Mit dieser Erkenntnis erfand er das „Netz des Lebens“ - den Begriff der Natur, wie wir ihn heute verstehen.

Betrachtet man Natur nun als Netz, wird offensichtlich, welchen Gefahren sie ausgesetzt ist. Alles hängt mit allem zusammen. Wenn ein Faden gezogen wird, kann sich das ganze Gewebe auflösen. Nachdem er 1800 sah, welche verheerenden Schäden koloniale Plantagen am Valenciasee in Venezuela angerichtet hatten, warnte Humboldt als erster Wissenschaftler vor den dramatischen Folgen des vom Menschen verursachten Klimawandels. Durch Abholzungen war das Land dort unfruchtbar geworden, der Wasserstand des Sees war gefallen, und nach dem Verschwinden des Buschwerks hatten heftige Regenfälle die Böden von den umliegenden Berghängen gewaschen. Als Erster wies Humboldt darauf hin, dass der Wald die Atmosphäre mit Feuchtigkeit anreichern und kühlen könne - und sprach von der großen Bedeutung der Bäume für die Wasserspeicherung und den Schutz vor Bodenerosion. Er warnte davor, dass die Menschen sich in die Natur einmischten und dies unvorhersehbare Folgen für „kommende Geschlechter“ haben könnte.

In der Erfindung der Natur folge ich den unsichtbaren Fäden, die uns mit diesem außerordentlichen Mann verbinden. Humboldt beeinflusste viele der größten Denker, Künstler und Wissenschaftler seiner Zeit. Thomas Jefferson nannte ihn „eine der schönsten Zierden unseres Zeitalters“. Charles Darwin schrieb: „Nichts hat meinen Eifer je so heftig entfacht wie die Lektüre von Humboldts Personal Narrative“, und erklärte, ohne Humboldt hätte er sich weder an Bord der Beagle begeben noch die Ideen für die Entstehung der Arten entwickelt. Die Romantiker William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge brachten beide Humboldts Naturbegriff in ihren Gedichten zum Ausdruck. Sogar Henry David Thoreau, Amerikas meistverehrter Naturschriftsteller, fand in Humboldts Büchern eine Antwort auf sein Dilemma, wie man Dichter und Naturforscher zugleich sein kann; Walden wäre ohne Humboldt ein ganz anderes Buch geworden. Simon Bolivar, der Revolutionär, der Südamerika von der spanischen Kolonialherrschaft befreite, nannte Humboldt den „Entdecker der neuen Welt“, und Johann Wolfgang von Goethe erklärte, Humboldt habe ihm an einem einzigen Tag mehr Wissen vermittelt, „als hätte ich Jahre verlebt“.

Am 14. September 1869 wurde weltweit Alexander von Humboldts hundertster Geburtstag gefeiert. In Melbourne und Adelaide wie in Buenos Aires und Mexico City ehrten viele Redner Humboldt vor zahllosen Zuhörern. Bei Festakten in Moskau wurde Humboldt als „Shakespeare der Wissenschaften“ bezeichnet, und im ägyptischen Alexandria feierten die Teilnehmer unter einem von Feuerwerk erleuchteten Himmel. Die größten Veranstaltungen aber fanden in den Vereinigten Staaten statt. Von San Francisco bis Philadelphia und von Chicago bis Charleston gab es Straßenumzüge, opulente Festessen und Konzerte. In Cleveland gingen achttausend Menschen auf die Straße, in Syracuse schlossen sich fünfzehntausend einem Festzug an, der mehr als anderthalb Kilometer lang war. Präsident Ulysses Grant besuchte die Humboldt-Feier in Pittsburgh, wo zehntausend Besucher die Stadt lahmlegten.

In New York City säumten Flaggen die Kopfsteinpflasterstraßen. Das Rathaus war in Fahnen gehüllt, und ganze Häuser verschwanden hinter riesigen Plakaten, die Humboldts Gesicht zeigten. Sogar die Schiffe, die draußen auf dem Hudson River vorbeizogen, waren mit bunten Girlanden geschmückt. Am Morgen folgten Tausende zehn Musikkapellen, die von der Bowery über den Broadway zum Central Park marschierten, um einen Mann zu ehren, „dessen Ruhm keine Nation für sich beanspruchen kann“, wie die New York Times auf ihrer Titelseite verkündete. Am frühen Nachmittag hatten sich fünfundzwanzigtausend Zuschauer im Central Park eingefunden, wo eine große Humboldt-Büste aus Bronze feierlich enthüllt wurde. Am Abend, bei Einbruch der Dunkelheit, setzte sich ein Fackelzug mit 15.000 Menschen in Bewegung, der unter bunten chinesischen Laternen durch die Straßen zog.

Stellen wir uns vor, sagte ein Redner, „er stünde auf den Anden“ und ließe seinen Geist über allem schweben. In jeder Rede, wo auch immer auf der Welt, wurde betont, Humboldt habe einen „inneren Zusammenhang“ zwischen allen Teilen der Natur gesehen. In Boston erläuterte Emerson den Würdenträgern der Stadt, dass Humboldt ein „Weltwunder“ gewesen sei. Sein Ruhm, so die Daily News in London, sei „in gewisser Weise eng mit dem Universum selbst verbunden“. In Deutschland gab es Festveranstaltungen in Köln, Hamburg, Dresden, Frankfurt und vielen anderen Städten.

Die größte deutsche Feier fand in Berlin statt, Humboldts Heimatstadt, wo trotz sintflutartiger Regengüsse achtzigtausend Menschen zusammenkamen. Alle Büros und Behörden blieben an diesem Tag geschlossen. Trotz des Regens und kalten Windes dauerten die Reden und Gesänge viele Stunden.

Heute kennen viele Deutsche Alexander von Humboldt nur als Entdeckungsreisenden und Naturforscher, der ein paar Jahre durch Südamerika reiste, und die meisten Engländer und Nordamerikaner haben noch nie von ihm gehört. Aber obwohl viele von Humboldts Ideen heute außerhalb der Universitäten fast vergessen sind - zumindest in der englischsprachigen Welt -, prägen sie noch immer unser Denken. Während sich in den Bibliotheken der Staub auf seinen Büchern sammelt, stoßen wir doch überall auf seinen Namen - vom Humboldt-Strom, der an den Küsten von Chile und Peru vorbeifließt, bis hin zu Dutzenden Denkmälern, Parks und Bergen in Lateinamerika: etwa die Sierra Humboldt in Mexiko oder der Pico Humboldt in Venezuela. Eine Stadt in Argentinien, ein Fluss in Brasilien, ein Geysir in Ecuador und eine Bucht in Kolumbien - alle sind sie nach Humboldt benannt. Noch heute tragen viele deutschsprachige Schulen in Lateinamerika alle zwei Jahre Sportwettkämpfe aus, die Juegos Humboldt heißen - Humboldt-Spiele.

In Grönland gibt es das Kap Humboldt und den Humboldt-Gletscher; Gebirgszüge tragen seinen Namen in Nordchina, Südafrika, Neuseeland und in der Antarktis, Flüsse und Wasserfälle in Tasmanien und Neuseeland, Parks in Deutschland. Und in Paris gibt es eine Rue Alexandre de Humboldt. Allein in Nordamerika tragen vier Verwaltungsbezirke, dreizehn Städte, diverse Berge, Buchten, Seen und Flüsse seinen Namen, außerdem der Humboldt Redwoods State Park in Kalifornien und Humboldt-Parks in Chicago und Buffalo. Aus Nevada wäre beinahe der Staat Humboldt geworden, als der Verfassungskonvent den Namen in den 1860er-Jahren diskutierte. Fast dreihundert Pflanzen und mehr als hundert Tiere heißen wie er - unter anderem die kalifornische Humboldt-Lilie (Lilium humboldtii), der südamerikanische Humboldt-Pinguin (Spheniscus humboldti) und der fast zwei Meter lange räuberisch-aggressive Humboldt-Kalmar (Dosidicus gigas), der im Humboldt-Strom anzutreffen ist. Auch etliche Mineralien dieses Namens gibt es - von Humboldtit bis Humboldtin, und auf dem Mond gibt es ein Gebiet, das als Mare Humboldtianum bezeichnet wird. Nach Humboldt sind mehr Orte benannt als nach irgendjemandem sonst.

Ökologen, Umweltschützer und Naturschriftsteller orientieren sich an Humboldts Ideen, wenn auch in den meisten Fällen, ohne es zu wissen. Rachel Carsons Stummer Frühling beruht auf Humboldts Vorstellung von der Vernetzung der Natur. Auch die berühmte Gaia-Theorie von der Erde als lebendigem Organismus, die von dem britischen Wissenschaftler James Lovelock in den 1970er-Jahren entwickelt wurde, weist eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Humboldts Gedanken auf. Als dieser von der Erde als einem „durch innere Kräfte bewegten und belebten Naturganzen“ sprach, kam er Lovelock um mehr als einhundertfünfzig Jahre zuvor. Das Buch, in dem Humboldt seinen neuen Entwurf beschrieb, nannte er zwar Kosmos, ursprünglich aber hatte er Gäa als Titel erwogen (dann allerdings verworfen).

Die Vergangenheit prägt uns. Nikolaus Kopernikus zeigte uns unseren Platz im Universum, Isaac Newton erklärte die Naturgesetze, Thomas Jefferson formulierte unsere Vorstellungen von Freiheit und Demokratie, und Charles Darwin bewies, dass alle Arten von gemeinsamen Vorfahren abstammen. Alle diese Überlegungen haben unser Verständnis der Welt maßgeblich mitgestaltet.

Humboldt vermittelte uns einen Begriff von der Natur selbst. Ironischerweise sind uns seine Ideen inzwischen so selbstverständlich geworden, dass wir oft vergessen, von wem sie stammen. Aber wir sind immer noch mit ihm verbunden; durch seine Gedanken und die vielen Menschen, die er beeinflusst hat. Wie ein Band verknüpft uns sein Naturbegriff mit ihm selbst. Am Ende läuft alles bei ihm zusammen.“

 

Zum Schluss

 

Alexander von Humboldt ist nicht vom Himmel gefallen. Gerade, wenn mensch seine Schriften oder Vorträge liest, wird ihm auffallen, dass recht häufig Querverweise auf Erkenntnisse oder technische Errungenschaften von Menschen aufgeführt sind, die heute außerhalb der jeweiligen Fachgebiete weitgehend unbekannt sind.

Gerade hier wird deutlich, wie sehr es im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert in den Wissenschaften brodelt. Dies ist auch die Zeit, wofür andere Kulturkreise den europäisch beeinflussten bewundern bzw. beneiden: weg von allen Irrationalitäten (um nicht zu schreiben „Religionen“) hin zur Vernunft.

Alexander von Humboldt steht auf den Errungenschaften seiner Vorgänger (was hätte er bloß ohne seine viele vorher entwickelten Apparate gemacht?), ist aber auch ungemein inspirierend für seine Nachfolger, die seine Ideen weiter entwickeln. Charles Lyell und Charles Darwin sind nur zwei von ihnen.

Er hat zahlreiche junge Forscher und Künstler geprägt und ihnen persönlich geholfen. In einzelnen Kapiteln pickt sich Andrea Wulf Henry David Thoreau, George Perkins Marsh, Ernst Haeckel und John Muir heraus, für die Alexander von Humboldt maßgebend war.

Durch seine Vorträge und Bücher, denen damals und heute auch Nicht-Wissenschaftler folgen konnten, breitete sich das Wissen der Welt auf interessierte und einfache Menschen aus.

Obwohl er nicht an ihr beteiligt war, hätte es die bolivarische Revolution in Südamerika so nicht gegeben.

Hier noch ein paar Beiträge des Wurms zum Thema Naturwissenschaft:

Gegensatz Wissenschaft – Religion: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/52-glauben-und-wissen.html

Philosophische Fortschritte der europäisch geprägten Naturwissenschaft: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/53-die-meme-des-eriugena.html

Leonardo da Vinci: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/386-erster-und-groesster-naturforscher-aller-zeiten.html

Stephen Hawking: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/336-blick-zu-den-sternen.html

Horst Stern: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/370-bemerkungen-ueber-horst-stern.html

 

 

Dada

 

Aus „Ansichten der Natur“ von Alexander von Humboldt: „Unsere Dolmetscher konnten keine sichere Auskunft über das Alter dieser Gefäße geben. Die mehrsten Skelette schienen indes nicht über hundert Jahre alt zu sein. Es geht die Sage unter den Guareca-Indianern, die tapferen Aturer haben sich, von menschenfressenden Kariben bedrängt, auf die Klippen der Katarakten gerettet; ein trauriger Wohnsitz, in welchem der bedrängte Völkerstamm und mit ihm seine Sprache unterging. In dem unzugänglichsten Teile des Raudals befinden sich ähnliche Grüfte; ja es ist wahrscheinlich, daß die letzte Familie der Aturer spät erst ausgestorben sei. Denn in Maipures (ein sonderbares Faktum) lebt noch ein alter Papagei, von dem die Eingeborenen behaupten, daß man ihn darum nicht verstehe, weil er die Sprache der Aturer rede“ …

 

Der Aturen-Papagei ist der Gegenstand eines lieblichen Gedichtes geworden, welches ich meinem Freunde, Professor Ernst Curtius, Erzieher des jungen hoffnungsvollen Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, verdanke. Er wird es mir verzeihen, wenn ich sein Gedicht, das zu keiner Veröffentlichung bestimmt und mir in einem Briefe mitgetheilt war, hier, am Ende des ersten Bandes der Ansichten der Natur, einschalte.

 

In der Orinoco - Wildniß

Sitzt ein alter Papagei,

Kalt und starr, als ob sein Bildniß

Aus dem Stein gehauen sei.

 

Schäumend drängt durch Felsendämme

Sich des Stroms zerrißne Fluth,

Drüber wiegen Palmenstämme

Sich in heitrer Sonnengluth.

 

Wie hinan die Welle strebet,

Nie erreichet sie das Ziel;

In den Wasserstaub verwebet

Sich der Sonne Farbenspiel.

 

Unten, wo die Wogen branden,

Hält ein Volk die ew´ge Ruh;

Fortgedrängt aus seinen Landen,

Floh es diesen Klippen zu.

 

Und es starben die Aturen,

Wie sie lebten, frei und kühn;

Ihres Stammes letzte Spuren

Birgt des Uferschilfes Grün.

 

Der Aturen allerletzter,

Trauert dort der Papagei;

Am Gestein den Schnabel wetzt er,

Durch die Lüfte tönt sein Schrei.

 

Ach die Knaben, die ihn lehrten

Ihrer Muttersprache Laut,

Und die Frauen, die ihn nährten,

Die ihm selbst das Nest gebaut:

 

Alle liegen sie erschlagen

Auf dem Ufer hingestreckt,

Und mit seinen bangen Klagen

Hat er Keinen aufgeweckt.

 

Einsam ruft er, unverstanden,

In die fremde Welt hinein;

Nur die Wasser hört er branden,

Keine Seele achtet sein.

 

Und der Wilde, der ihn schaute,

Rudert schnell am Riff vorbei;

Niemand sah, dem es nicht graute

Den Aturen-Papagei.“

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm