Aus dem „manager magazin“: „DIE QUANDTS sind mehr als die reichste Familie der Republik, in ihr und im Umgang mit ihr spiegelt sich Deutschland. Während der NS-Zeit gehörten die Industriellen zu den Unterstützern der Nazis und beschäftigten Tausende Zwangsarbeiter. Danach etablierten sie sich – geschichtsvergessen wie fast alle – als Motor des Wirtschaftswunders. Heute symbolisieren Susanne Klatten (57) und Stefan Quandt (53) als die herausragenden Vertreter der Familien die Stärken, aber auch Schwächen der sozialen Marktwirtschaft. Ihre Unternehmen – darunter BMW, Altana und SGL Carbon – sind gut geführt, sie achten die Mitbestimmung, sie bieten über 100.000 meist gut bezahlte Arbeitsplätze. Mit dem Erfolg wächst gleichzeitig das Vermögen der Familie in kaum vorstellbare Höhen von derzeit gut 30 Milliarden Euro, während die Einkommen der meisten Beschäftigten nur marginal steigen. Deshalb gelang es Juso-Chef Kevin Kühnert (29), eine so aufgeregte wie absurde Diskussion auszulösen, indem er BMW als mögliches Ziel einer Vergesellschaftung von Unternehmen herauspickte. Die Quandts schwiegen dazu öffentlich, bis jetzt. Nun sprachen Susanne Klatten und Stefan Quandt mit mm-Chefreporter Dietmar Student und mir (Martin Noé) über Gerechtigkeit und ihre Ziele unternehmerischen Handelns, aber auch über Zweifel und die unangenehmen Seiten, die ihre Rolle als Deutschlands wichtigste Industriellenfamilie mitbringt. Das erste Mal überhaupt gaben die Geschwister gemeinsam ein Interview: „Wer würde denn mit uns tauschen wollen?“

 

Der Wurm bringt die gesellschafts-politisch relevanten Auszüge aus dem Interview:

SUSANNE KLATTEN Entschuldige, dass ich da unterbreche. Aber ich muss etwas loswerden. Der Blick der Öffentlichkeit auf unsere Rollen als Unternehmer ist fast immer auf die zweifellos erhebliche BMW-Dividende gerichtet.

2019 bekommen Sie zusammen rund eine Milliarde Euro. Das ist mehr als erheblich.

SUSANNE KLATTEN Viele Menschen denken, das fliegt einem irgendwie zu. Und manche glauben, dass wir ständig auf einer Jacht im Mittelmeer herumsitzen. Aber keiner denkt darüber nach, was passieren würde, wenn sich einer von uns aus diesem Unternehmen verabschieden würde. Was das für ein Zeichen wäre …

STEFAN QUANDT Wir dürfen auch nicht vergessen, dass sowohl meine Schwester als auch ich Schulden abbauen mussten und seit 1982 im Zusammenhang mit dem Tod unserer Eltern Erbschafts- beziehungsweise Schenkungssteuer in erheblichem Umfang zu zahlen hatten. Ich kann deshalb erst jetzt, auf Basis der BMW-Dividenden, größere unternehmerische Schritte gehen …

In Deutschland wird über die Frage der sozialen Gerechtigkeit diskutiert. Juso-Chef Kevin Kühnert hat mit einer Enteignung von BMW geliebäugelt. Was ist für Sie gerecht?

STEFAN QUANDT So, wie die Diskussion geführt wird, ist sie sicher nicht gerecht, das vorneweg. Leute, die vor 30 Jahren ein Unternehmen gegründet und zum Erfolg geführt haben, erfahren viel Anerkennung. Das gilt für die sogenannten Erben wie uns nicht. Mit Blick auf die reichen Quandts wurde die Erbschaftsteuer neu geregelt. Motto: Die können ruhig 30 Prozent ihres Vermögens abgeben, es bleibt ja immer noch genug. Aber was passiert, wenn die Familie, im Erbfall, wirklich Cash abführen müsste?

Und: Was fürchten Sie?

STEFAN QUANDT Wir treffen alle möglichen Vorkehrungen, dass wir dann nicht an die Substanz gehen müssen. Täten wir das nicht, könnten plötzlich weite Teile von BMW den Chinesen oder arabischen Scheichs gehören. Denn wer sonst sollte solch große Aktienpakete kaufen? Das kann volkswirtschaftlich und gesellschaftlich nicht der richtige Weg sein. Ich frage mich immer, warum ein Todeszeitpunkt ein Moment sein sollte, in dem der Staat auf bereits versteuertes Einkommen noch einmal zugreift.

Die Legitimation ist, dass die Gesellschaft immer weiter in Arme und Reiche auseinanderbricht.

SUSANNE KLATTEN Es schwingt ein Maß an Misstrauen im gesellschaftlichen Raum, das uns als Unternehmer beschäftigt. Wir wissen, dass Umverteilung noch nie funktioniert hat. Ich finde: Gerecht ist, wenn jeder nach seinen Fähigkeiten Chancen wahrnehmen und sein ganzes Potenzial entwickeln kann. Und wenn man das aktiv wahrnimmt, dann können viele Menschen sehr weit kommen. Unser Potenzial offenbart sich nun mal in der Rolle, ein Erbe angetreten zu haben und es zu entwickeln. Wir arbeiten jeden Tag hart dafür. Diese Rolle als Hüter des Vermögens hat auch persönliche Seiten, die nicht so schön sind: Man ist ständig sichtbar und gefährdet, muss sich schützen. Hinzu kommt der Neid, ein gerade in Deutschland weitverbreiteter Wesenszug. Deshalb fühle ich mich missverstanden, wenn es so lapidar heißt: Die streichen ihre Dividenden ein. Der Rest, der sich damit verbindet, wird ausgeblendet. Mein Bruder hat das mal in einem Interview sehr treffend zugespitzt und gefragt: Wer würde denn mit uns tauschen wollen? ...

Und falls eines Ihrer Kinder sagt: Ich möchte kein Investor werden, sondern lieber Influencer?

SUSANNE KLATTEN Warum nicht? Ich glaube, die verdienen auch Geld, oder?“

https://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/susanne-klatten-stefan-quandt-im-gemeinsamen-interview-a-1273286.html

Nun gönnt der Wurm jedem Menschen sein Geld, das er sich redlich erworben hat. Auch, wenn es durch Erbschaft zugeflossen ist. Bei beiden Geschwistern kann mensch davon ausgehen, dass sie verantwortlich mit ihrem Besitz umgehen – was nicht selbstverständlich ist.

Auch wird in ihren Firmen gut bezahlt, was aber eher branchenabhängig sein dürfte. Es fragt sich allerdings, wie es den bei ihnen beschäftigten Leiharbeitern geht. Siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/280-leiharbeit.html oder http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/211-der-gefangene-von-landsberg.html

Auch hätte der Wurm gerne gewusst, welchen Einfluss die beiden auf Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur ausüben und wie sie das tun.

 

Der Aufstieg der Quandts

 

Hakan Tanriverdi im Jahr 2013: „Die Quandts sind eine Dynastie, klassische Unternehmer, die zu den vermögendsten Familien in Deutschland gehören. Über ihren Aktienbesitz, 46,7 Prozent, kontrollieren sie unter anderem den Automobilhersteller BMW.

Wenn vom Vermögen der Familie die Rede ist, helfen nur noch Lotto-Vergleiche. Um so reich zu werden wie Susanne Klatten, Tochter von Herbert Quandt und die reichste Frau Deutschlands, müsste man 25 Jahre lang jeden Tag eine Million Euro beim Lottospielen gewinnen. Dann käme man in die Nähe der zehn Milliarden Euro, auf die Klatten vom Manager-Magazin geschätzt wird.

Die Erfolgsgeschichte der Familie Quandt beginnt in der Kaiserzeit. Emil Quandt heiratete in eine Tuchfabrik ein, inmitten einer wirtschaftlichen Depression. Zu dieser Zeit gab es in seiner Geburtsstadt Pritzwalk mehrere Tuchfabriken, nur eine davon überlebte die Krise. Das war sein Unternehmen. Später belieferte es die kaiserliche Marine mit Uniformstoffen und "brachte Arbeitsplätze, Brot und Wohlstand in das überschaubare Städtchen", wie es heute auf der Homepage der Stadt Pritzwalk heißt. Sein Sohn Günther schrieb über ihn, dass Emil Quandt im alten Stil dachte, das heißt in Generationen. Das Erarbeitete sollte von den Kindern weitergeführt werden. Diesen Job übernahm vor allem Günther.

Er modernisierte die Tuchfabrik seines Vaters, erwarb in der Weimarer Republik den Batterie-Hersteller AFA (1962 in Varta umbenannt) und später eine Rüstungsschmiede.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich Günther Quandt wegen seiner Rolle im NS-Staat verantworten. Er sagte aus, dass er von den Nazis verfolgt wurde, die Richter stuften Quandt als Mitläufer ein. Dieses Urteil diente lange Jahre als Begründung, sich nicht mit der NS-Geschichte der Familie auseinandersetzen zu müssen.

Denn die Betriebe, die der Familie Quandt gehörten, beteiligten sich an der Rüstungsproduktion für den Zweiten Weltkrieg. Dort beschäftigte Quandt auch Zwangsarbeiter. In einer 90-minütigen Dokumentation (Titel: Das Schweigen der Quandts) wurde 2007 detailliert ausgeführt, wie sehr die Dynastie in das NS-Regime eingebettet war. Die Familie reagierte daraufhin öffentlich und gab eine Erklärung ab, in der es hieß, dass "wir mit diesem Teil unserer Geschichte offen und verantwortungsvoll umgehen wollen."

Zu diesem Zweck fertigte der Historiker Joachim Scholtyseck im Auftrag der Familie eine Studie an. Das Ergebnis war ein Buch mit knapp 1200 Seiten und der Aussage: keine überzeugten Nationalsozialisten, aber verantwortlich für massenhaft begangenes Unrecht. In einem Interview mit der Zeit sprachen Gabriele und Stefan Quandt 2011 ausführlich über die neue Studie: "Wir haben erkannt, dass es falsch war, nicht ganz genau wissen zu wollen, was damals geschehen ist", sagte Gabriele Quandt. Durch die NDR-Dokumentation und den darin enthaltenen Vorwurf, die Quandts wären öffentlichkeitsscheu, weil sie "Dreck am Stecken" hätten, fühlte sie sich persönlich massiv angegriffen, sagte sie.

Die Quandts gelten als die Familie, die BMW gerettet hat. Sowohl vor dem wirtschaftlichen Ruin als auch vor der Übernahme durch den Rivalen Daimler. Herbert Quandt kaufte sich zum Großaktionär hoch und sicherte sich 1959 die Mehrheit. Das erste Auto, das unter seiner Führung hergestellt wurde, ist der BMW 700. Auf der Seite des Autoherstellers heißt es: "Der BMW 700 hat BMW wieder auf die Beine gebracht." Heute ist der Autobauer ein global agierendes Unternehmen, das seine Mitarbeiterschaft seit dem Tod von Herbert Quandt 1982 verdoppelt hat.

Die Quandt-Anteile an der Firma BMW sind es auch, die aktuell in der Diskussion stehen. Die Beteiligungen werden gehalten von Quandts dritter Frau Johanna und ihren Kindern Susanne Klatten und Stefan Quandt. Vor allem Susanne Klatten nutzt ihren Anteil, um Einfluss auf die strategische Ausrichtung des Unternehmens auszuüben. Die drei werden zwar als Einzelaktionäre aufgeführt, Einzelentscheidungen werden einem Klatten-Sprecher zufolge aber trotzdem keine getroffen.

Die BMW-Großaktionäre haben der CDU 690.000 Euro gespendet, kurz nach der Wahl, beinahe gleichzeitig zu einer politischen Entscheidung über strengere Abgasnormen für Autos in Europa.

Doch weder ist das die erste Spende der Quandts, noch dürfte es die letzte sein. Die Familie spendet regelmäßig an zwei Parteien, die CDU und die FDP. Zwischen 2002 und 2013 hat Johanna Quandt 830.000 Euro an die CDU und 70.000 Euro an die FDP gespendet. Susanne Klatten und Stefan Quandt kommen auf je 820.000 Euro (CDU) und 80.000 Euro (FDP).

Auch Quandt-Firmen spenden. Der Chemiekonzern Altana ist zu 100 Prozent im Besitz von Susanne Klatten und spendete im Zeitraum von 2002 bis 2013 insgesamt 920.000 Euro an die CDU. Im selben Zeitraum verteilte auch BMW Spenden an Parteien: mehr als zwei Millionen Euro an CDU/CSU, ungefähr eine Million Euro an die SPD und etwa eine halbe Million Euro an die FDP (Zahlen aus dem Parteispenden-Tool von Spiegel Online).“

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-umstrittener-parteispende-wie-die-quandts-zu-milliardaeren-wurden-1.1796086

Welches waren die Gegenleistungen für die Millionen-Spenden (dazu kommen noch zahlreiche „informelle Unterstützungen")?

 

Unternehmen spenden nicht, sie investieren

 

Florian Diekmann im Jahr 2013: „Die Großspenden der BMW-Anteilseigner Johanna Quandt und ihre Kinder Stefan Quandt und Susanne Klatten an die CDU haben scharfe Kritik von Parteirechtlern hervorgerufen. "Auch wenn es dafür keinen rechtssicheren Beweis gibt: Es riecht ein bisschen nach Dankeschön-Spenden", sagte der Speyrer Verwaltungsjurist und Parteienkritiker Hans-Herbert von Arnim SPIEGEL ONLINE.

Die drei Mitglieder der Quandt-Familie haben laut der Bundestagsverwaltung der CDU am vergangenen Mittwoch insgesamt 690.000 Euro an Spenden zukommen lassen. Gemeinsam halten sie 46,7 Prozent der Anteile an BMW. Die Spenden fallen zeitlich mit einer brisanten politischen Entscheidung zusammen. Die Bundesregierung kämpft seit diesem Sommer dafür, strengere Abgasnormen für Autos in Europa später einzuführen als ursprünglich geplant. Mit Erfolg: Am Montag verhinderte die Bundesregierung bei einem Treffen der EU-Umweltminister vorläufig eine Einigung. Davon profitieren insbesondere deutsche Oberklasse-Hersteller wie BMW, aber auch Daimler, Audi oder Porsche.

Zur Spende der Quandts sagt der Düsseldorfer Parteienrechtler Martin Morlok: "Unternehmen spenden nicht, sie investieren." Zwar mögen Vertreter der Privatwirtschaft auch aus Verantwortung für das Gemeinwohl Geld an die Parteien überweisen. "Aber mögliche Vorteile der Spenden sind nicht unerwünscht."

Die Opposition reagierte mit drastischen Vorwürfen. Grünen-Spitzenmann Jürgen Trittin ließ über Twitter verlauten: "Für 690.000 Euro. Die Familien Quandt und Klatten von BMW kaufen am 09.10.13 die Klimapolitik von Merkel". Vom "krassesten Fall von gekaufter Politik seit langem" sprach der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, Klaus Ernst.

So weit geht der renommierte Verfassungrechtler Arnim nicht: "Formalrechtlich sind die Spenden nicht zu beanstanden", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Dennoch haben sie ein Gschmäckle. Ein politischer Zusammenhang zwischen den Großspenden der BMW-Eigentümerfamilie und der für die Autoindustrie günstigen Aktionen der Union sowie ihres Umweltministers liegt nahe."

Es sei zwar ein berechtigtes politisches Anliegen der Bundesregierung, die deutsche Autoindustrie zu schützen. "Wenn aber Geld ins Spiel kommt, wird es problematisch." Das politische System bewege sich von einer Demokratie in Richtung Plutokratie, wenn sich das Handeln der Bundesregierung nach der Höhe der Spenden richte, fügte Arnim hinzu.

Ein Sprecher der Quandt-Familie wies die Vorwürfe zurück. "Der Zusammenhang, der hier hergestellt wird, ist unzutreffend", sagte der Sprecher SPIEGEL ONLINE. Es sei eine "sehr eindimensionale Betrachtungsweise", die Spenden in Zusammenhang mit einem einzelnen politischen Entscheidungsprozess zu stellen. Außerdem habe die Bundestagsverwaltung Spenden an die Bundes-CDU und die CDU Hessen zusammengerechnet. Im Einzelnen gingen demnach insgesamt 180.000 Euro an den Landesverband Hessen - weil der Geschäftssitz der Familie im hessischen Bad Homburg liege - und 510.000 Euro an die Bundespartei.

Auch die CDU beteuert, dass die Spenden in keinem Zusammenhang mit einzelnen politischen Entscheidungen stünden. "Die Familie Quandt unterstützt die CDU seit vielen Jahren mit privaten Spenden und dies unabhängig von der Frage, ob die CDU an der Regierung beteiligt war oder in der Opposition", teilte die Bundesgeschäftsstelle mit. Tatsächlich hatte die Familie bereits 2009 nach der Bundestagswahl insgesamt 450.000 Euro an die CDU gespendet.

Der Quandt-Sprecher wies zudem darauf hin, dass die Familie nicht nur an BMW, sondern an vielen Unternehmen in unterschiedlichen Industriebranchen beteiligt sei. Die Zuwendungen seien also "auch eine Anerkennung dafür, dass Frau Merkel das Land sehr erfolgreich durch die Euro-Krise führt". Die Familie habe bewusst nicht während des Wahlkampfs gespendet, um nicht den Eindruck einer einseitigen Beeinflussung zu erwecken.

Der Quandt-Sprecher bestätigte allerdings einen interessanten Umstand: Zwar gingen die Spenden der Quandt-Familie erst am vergangenen Mittwoch und damit nach der Bundestagswahl ein - die Entscheidung über die Spenden sei jedoch bereits Anfang des Jahres gefallen. Und: "Die CDU wusste, dass Spenden in dieser Größenordnung zu erwarten sind", sagte der Sprecher. Es sei üblich, dass Parteien im Vorfeld von Wahlkämpfen ihre Förderer kontaktieren, um sich ein Bild über ihre finanziellen Spielräume zu machen.

Parteienrechtler Arnim bewertet gerade diesen Aspekt besonders kritisch: "Da die Spenden der CDU schon vorab angekündigt wurden, wurde die Veröffentlichung vor der Bundestagswahl hintertrieben." Die CDU sei dadurch in die Lage versetzt worden, dementsprechend Kredite aufzunehmen, um im Wahlkampf über mehr Geld zu verfügen.

Arnim plädiert seit langem für eine Begrenzung von Großspenden für Parteien auf höchstens 50.000 bis 100.000 Euro im Jahr. Sein Düsseldorfer Kollege Morlok hält das Parteienrecht hingegen für ausreichend - schließlich sei dort auch die Pflicht zur Veröffentlichung der Großspenden festgeschrieben. "Und die soll nun ihre segensreiche Wirkung entfalten." Eine öffentliche Debatte über die mögliche Abhängigkeit der politischen Parteien von Großspendern sei wichtig, sagt Morlok: "So kann die Macht der Millionen Bürger gegen die Macht der Millionen gesetzt werden."“

https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bmw-quandt-familie-spendet-an-cdu-kritik-von-parteienrechtlern-a-927959.html

 

Erbschaftssteuer

 

Aus dem Interview: „STEFAN QUANDT Wir dürfen auch nicht vergessen, dass sowohl meine Schwester als auch ich Schulden abbauen mussten und seit 1982 im Zusammenhang mit dem Tod unserer Eltern Erbschafts- beziehungsweise Schenkungssteuer in erheblichem Umfang zu zahlen hatten. Ich kann deshalb erst jetzt, auf Basis der BMW-Dividenden, größere unternehmerische Schritte gehen.“

Antonia Schäfer im Jahr 2015: „Die Milliardärin und BMW-Großaktionärin Johanna Quandt ist gestorben. Sie galt als eine der reichsten Deutschen, ihr Aktienvermögen wird auf 9,3 Milliarden Euro geschätzt. Davon wird der Fiskus jedoch so gut wie nichts sehen.

Die BMW-Erbin und Unternehmerin Johanna Quandt ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Zusammen mit ihren Kindern Stefan Quandt und Susanne Klatten hielt sie knapp die Hälfte der BMW-Stammaktien. Johanna Quandt gehörten laut BMW-Geschäftsbericht für das Jahr 2014 insgesamt 16,8 Prozent der Stammaktien.

Wie der Journalist Rüdiger Jungbluth berechnet hat, hatte das Aktienpaket an Quandts Todestag zum Schlusskurs von 92 Euro einen Wert von rund 9,3 Milliarden Euro. "Damit dürfte es sich um das größte Industrievermögen handeln, das in Deutschland jemals vererbt worden ist", sagt Jungbluth.

Der Fiskus dürfte sich also theoretisch über Rekordeinnahmen aus der Erbschaftssteuer freuen. Doch die Sache hat einen Haken: Wie Jungbluth bei seinen Recherchen für ein Buch über die Quandt-Dynastie herausgefunden hat, hatte die verstorbene Johanna Quandt ihr Vermögen schon Jahre vor ihrem Tod an ihre Kinder überschrieben.

16,4 Prozent ihres Aktienbesitzes gehörten demnach nicht ihr persönlich, sondern der "Johanna Quandt GmbH & Co. KG für Automobilwerte". Die wiederum hatte Quandt bereits zwischen 2003 und 2008 häppchenweise an ihre Kinder verschenkt. Der Großteil des Aktienbesitzes hat also bereits die Generation gewechselt, nur 0,4 Prozent müssen jetzt noch regulär vererbt und versteuert werden.

Der finanzielle Vorteil für die Quandt-Dynastie ist laut Autor Jungbluth immens. Müssten heute 9,3 Milliarden Euro mit 30 Prozent besteuert werden, verschenkte Quandt den Aktienbesitz demnach zu einem Zeitpunkt, als er nur 2,8 Milliarden Euro wert war.

Heute bekäme der Fiskus demnach knapp drei Milliarden Euro aus der Erbschaft, während er durch die Schenkungssteuer weniger als 800 Millionen Euro eingenommen haben dürfte. Zum Vergleich: Allein im Jahr 2015 bezogen die Quandts aus ihren BMW-Aktien 815 Millionen Euro an Dividende.“

https://www.focus.de/finanzen/news/unternehmen/an-der-erbschaftsteuer-vorbei-mit-diesem-kniff-verschob-bmw-erbin-quandt-ihre-milliarden-am-fiskus-vorbei_id_4863522.html

 

Jammern auf höchstem Niveau

 

Dagmar Henn: „Um Mitleid heischen ist ein normaler Teil des menschlichen Verhaltens. In manchen Fällen fragt man sich allerdings, ob dieses Heischen eher peinlich oder eher lächerlich ist.

Diese Woche gab es ein ganz besonderes Exemplar dieser Kategorie – ein Interview der beiden BMW-Großaktionäre Stefan Quandt und Susanne Klatten.

Sie fühle sich missverstanden, wenn es heiße, die streichen die Dividenden ein, klagte Frau Klatten. Schließlich müsse man sich ständig schützen, und da wäre der in Deutschland so verbreitete Neid.

Ja, die Oligarchen des Kapitals haben es schon schwer im Leben. Es geht ihnen nicht anders als den Fürsten früher, die nach Zuchtbuch heiraten und ihr Leben in zugigen Schlössern verbringen mussten. Und die auch gerne ihr Leid klagten, wie schwer sie an der Verantwortung doch tragen müssten.

Aber betrachten wir einmal, wovon da überhaupt die Rede ist. Das Vermögen dieser beiden Geschwister ist, diese Information liefert das interviewende Manager-Magazin gleich mit, seit dem Jahre 2008 von 11,5 auf 34 Milliarden Euro gewachsen. 34 Milliarden, das sind 34.000 Millionen. Zuletzt erhielten sie darauf eine Dividende von einer Milliarde allein für die Anteile an BMW; das übersetzt sich in Einnahmen in Höhe von fast eineinhalb Millionen für jeden der beiden, pro Tag. Geld, das verkonsumiert werden müsste, wollten sie nicht immer reicher werden. Eineinhalb Millionen am Tag auszugeben, und das 365 Tage im Jahr, das ist schlicht unmöglich.

Diese Beträge muss man in Bezug zu alltäglicheren Summen setzen, um sie faßbar zu machen. Eineinhalb Millionen, das ist beinah fünfmal das Salär der Kanzlerin. Das wäre selbst in der Hochpreisstadt München ein Einfamilienhaus. Es ist so viel, wie die meisten Bewohner dieses Landes in ihrem gesamten Leben nicht verdienen. Jeden Tag.

Die Einnahmen der Manager sind bekannter. Der Vorstandsvorsitzende von BMW erhält acht Millionen Euro im Jahr. In die Welt des Mittelalters übersetzt ist das der Burgvogt; die oberste Kategorie des Dienstpersonals. Seine Chefin hat das sechzigfache dieses Betrages. Das dürfte dann ungefähr noch einmal der Abstand sein, der zwischen einer Putzfrau im Niedriglohn, die sein Büro reinigen darf, und diesem Vorstandsvorsitzenden herrscht.

Nehmen wir ein einfaches Maß menschlicher Gleichheit. Gleichheit herrscht zwischen zwei Menschen, die ehrlich miteinander umgehen, einander beispielsweise ein Arschloch nennen können. (Natürlich macht sich die Gleichheit auch im Positiven bemerkbar, ihre Grenzen werden im Negativen nur schneller kenntlich). Der Abstand zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und der Putzfrau ist groß genug, dass sie ihn nicht mehr Arschloch nennen wird. Gleiches gilt für den Abstand zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und den Eigentümern. Aber wie soll man die Distanz zwischen der Putzfrau und den beiden Oligarchen bemessen? Wenn schon der Abstand zwischen ihnen und der politischen Spitze des Landes so ungeheuerlich ist, dass man nicht lange nachdenken muss, wer beim Kaffeetrinken der Frau Merkel mit Liz Mohn und Friede Springer wem Vorgaben macht?

Der Großvater der beiden erlangte sein Vermögen anfänglich durch den Verkauf von Uniformen im ersten Weltkrieg, war also ein klassischer Kriegsgewinnler; dann setzte er auf Rüstungsindustrie und profitierte noch einmal gewaltig vom nächsten Krieg, Zwangsarbeit und Arisierungen eingeschlossen. Die Interviewer sind natürlich angemessen devot und fragen nicht danach. Als wäre mit den Abgaben an die Stiftung für Zwangsarbeiter alles Blut fortgewaschen.

Wir wissen, dass Umverteilung noch nie funktioniert hat“, äußert Frau Klatten und übergeht damit nonchalant die Tatsache, dass der Vermögenszuwachs in Höhe von 22,5 Milliarden im Verlauf der letzten zehn Jahre durchaus etwas mit Umverteilung zu tun hat, in diesem Fall nur von unten nach oben. Die Liste ist lang; Steuersenkungen für Kapitalerträge, Rentenkürzungen, Druck auf die Löhne durch die Hartz-Gesetze… Während immer mehr Rentner nach Pfandflaschen graben, der Anteil der Niedriglöhner in Rekordhöhe steigt und der Anteil der unteren Hälfte der Gesellschaft am Gesamtvermögen sich der Null annähert, hat sich das finanzielle Polster des Quandt-Klatten-Klans beinahe verdreifacht.

Die Wahrnehmung, die diese Herrschaften von der Gesellschaft haben, zeigt sich in folgenden Sätzen von Susanne Klatten: „Gerecht ist, wenn jeder nach seinen Fähigkeiten Chancen wahrnehmen und sein ganzes Potenzial entwickeln kann. Und wenn man das aktiv wahrnimmt, dann können viele Menschen sehr weit kommen. Unser Potenzial offenbart sich nun mal in der Rolle, ein Erbe angetreten zu haben und es zu entwickeln.“

Man muss da genau hinhören. Sie hält die Gesellschaft für gerecht, so wie sie ist, und sie meint, so hätte jeder die Chance, ’sein ganzes Potential zu entwickeln‘. Das werden die zwei Millionen Kinder , die unter Hartz IV existieren müssen, mit Freuden zur Kenntnis nehmen. Denn, so ihr Bruder Stefan Quandt an anderer Stelle, „Mutlosigkeit symbolisiert Passivität. Wer mutlos ist, nimmt das Heft des Handelns nicht in die Hand. Angesichts der vielfältigen Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft muss man sich aus einem solchen Stadium unbedingt herausarbeiten.“

Nun, wären die Armen dieses Landes weniger mutlos, dann wären die Quandts nicht so reich. Wollte man wirklich eine Gesellschaft, in der jeder ’sein ganzes Potential entwickeln‘ kann, dann dürfte es keine Oligarchen geben. Kaum anzunehmen, dass es den beiden gefällt, würden sich größere Massen daran machen, genau das umzusetzen. Die zwei gehören zu den politischen Großspendern dieser Republik, und die Politik erfolgt ja auch weitgehend in ihrem Interesse.

Viele Menschen denken, das fliegt einem irgendwie zu,“ klagt Frau Klatten. ‚Zufliegen‘ ist vielleicht nicht ganz der passende sprachliche Ausdruck, ‚mit goldenem Löffel im Mund geboren sein‘ trifft es wohl eher. Daran ändert auch die ausführlich ausgebreitete Tätigkeit im Aufsichtsrat nichts – denn es bleiben die Früchte der Arbeit anderer. Mehr noch, würden sich die beiden darauf konzentrieren, das Geld, das ihnen zufliegt, auszugeben, in materielle Güter umzusetzen, und sei es in ein zweites nachgebautes Versailles auf irgendeiner bayrischen Insel, dann würde dieses Geld vermutlich weniger Schaden anrichten, als wenn es immer weiter investiert wird, um immer weitere Profite anzuhäufen.

Die Interviewer, deren Lebensstandard auf halber Strecke zwischen der Putzfrau und dem Vorstandsvorsitzenden liegen dürfte, fühlen sich zutiefst geschmeichelt, dass man sich herablässt, mit ihnen zu reden, und verkehren in einem kurzen Videoclip über diese Ehre auch gleich grundlegende ökonomische Tatsachen. Ohne das Kapital der Quandts gäbe es diese vielen Arbeitsplätze in den Firmen nicht, sagen sie. Dabei läuft das Spiel anders herum; ohne die lebendige menschliche Arbeit gibt es kein Kapital. Nichts von dem, das da geschaffen wurde, haben die Quandts geschaffen; sie haben nur schaffen lassen.

Es würde ja keiner wirklich mit ihnen tauschen wollen, deutet Frau Klatten an. Da mag etwas dran sein. In einer sozial tief gespaltenen Gesellschaft ist der Reichtum ebenso eine Gefangenschaft wie die Armut; denn wer würde sie schon offen und ehrlich als Arschloch titulieren? Damit werden auch die Bekundungen von Zuneigung fraglich, und es findet sich niemand mehr, der an irgendeiner Stelle irgendwelche Grenzen zu setzen vermöchte. Ein Reichtum solchen Ausmaßes steht über dem Gesetz und außerhalb jeder sozialen Beziehung. Aber sollte man deshalb Mitgefühl empfinden? Weil sie noch nie am Monatsende knapsen mussten oder schlaflose Nächte hatten, weil sie die Stromrechnung nicht zahlen können?

Im Gegensatz zu den Armen, den oben erwähnten Kindern beispielsweise, hätten diese beiden Opfer des Erbrechts jederzeit die Möglichkeit, diese Rolle abzustreifen. Es gab einmal Zeiten, in denen Angehörige einer solchen Klasse ihr Vermögen aufgaben und in Klöstern verschwanden. Es gibt kein Gesetz, das es untersagt, Reichtum aufzugeben (und da rede ich nicht von verkaufen). Es wäre legal, den ganzen Betrieb der Bevölkerung zu übereignen.

Nein, die Quandts tragen lieber weiter ihr schweres Kreuz von eineinhalb Millionen täglich. Sie mühen sich auch schon fleissig, es möglichst um Steuern ungemindert an die nächste Oligarchengeneration zu übertragen, und nutzen die Gelegenheit gleich, um Stimmung gegen Erbschaftssteuern zu machen. Es könnte ja sonst geschehen, dass Araber oder Chinesen Anteile von BMW erwerben, wenn Teile verkauft werden müssten, wegen der bösen Erbschaftssteuer.

Sie wollen nur Anerkennung dafür, dass sie ihre goldenen Löffel so sorgsam hüten. Und Mitgefühl für die schwere Last, die sie schultern müssen.

Da weiß man wirklich nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll.“

https://kenfm.de/tagesdosis-28-6-2019-jammern-auf-hoechstem-niveau/

 

Eliten entfernen sich immer weiter von der normalen Bevölkerung

 

Laura Cwiertnia im Gespräch mit dem Eliten-Forscher Michael Hartmann aus dem Jahr 2018: „DIE ZEIT: Herr Hartmann, so schick wie Sie wohnt nicht jeder. Gehören Sie zur Elite?

Michael Hartmann: Nein. Ich bin wohlhabend. Ob jemand zur Elite gehört, hängt aber von der Macht ab, die er besitzt. Als Wissenschaftler kann ich zwar mitunter auf die öffentliche Meinung einwirken. Aber ich habe keine Macht, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen.

ZEIT: So klar, wie Sie es formulieren, scheint der Begriff nicht zu sein. Mancher, der heute von "Elite" spricht, meint "die Intellektuellen", "die Politiker", "die Reichen" – oder alle zusammen.

Hartmann: Als Elite gelten in der Öffentlichkeit oftmals schlicht "die da oben". In der Wissenschaft ist der Begriff aber unumstritten. Wenn jemand Millionär ist und sein Geld bloß auf dem Sparbuch liegen lässt, gehört er nicht zur Elite. Wenn er es nutzt, um Einfluss zu nehmen, dann schon. Natürlich kann man darüber streiten, wie mächtig man sein muss, um dazuzugehören. In unserer letzten Elitestudie untersuchten wir nur die wichtigsten Machtpositionen: Konzernmanager, Ministerpräsidenten, Bundesrichter, einige Journalisten. Andere zählen auch die Oberbürgermeisterin von Köln dazu. Aber egal wie man rechnet: In Deutschland umfasst die Elite im Kern etwa 1.000, breiter gefasst maximal 4.000 Leute.

ZEIT: Sie erforschen diese Menschen seit Jahrzehnten. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie nun, sie hätten sich zu weit vom Rest der Gesellschaft entfernt. Was meinen Sie damit?

Hartmann: Die Eliten in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, haben kaum noch eine Vorstellung vom Leben der breiten Bevölkerung. Sie leben in einer völlig anderen Welt: Viele wohnen in sozial homogenen Wohnvierteln. Sie haben einen anderen Alltag, andere Hobbys, andere Möglichkeiten.

ZEIT: War das nicht schon immer so?

Hartmann: Bei der Wirtschaftselite kann man das sagen. Zunehmend sieht man es aber auch in der wissenschaftlichen, der medialen und der politischen Elite. Die haben sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten weiter von der Masse entfernt.

ZEIT: Woran liegt das?

Hartmann: Es gibt unterschiedliche Faktoren: Einer ist der Immobilienmarkt. Die Preise sind so stark gestiegen, dass die Menschen heute viel getrennter leben. Vor allem hängt die Entwicklung mit den Einkommen und Vermögen zusammen, die sich zunehmend unterscheiden. Ein Vorstandsmitglied eines Dax-Konzerns verdiente bis Mitte der 1990er-Jahre im Schnitt das 14-Fache dessen, was ein Beschäftigter desselben Unternehmens verdiente. Heute ist es, je nach Studie, das 50- oder sogar 70-Fache.

ZEIT: Bei Managergehältern kommt oft das Argument: Wenn Konzerne bereit sind, ihnen so viel zu zahlen, wo liegt das Problem?

Hartmann: Das Problem ist, dass die Lebenswirklichkeit das Denken und Handeln beeinflusst. Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser sagte vor einiger Zeit auf einer Pressekonferenz über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich: "Das passiert im Wesentlichen deshalb, weil viele Arbeitnehmer nicht an der Vermögensbildung durch Aktien teilnehmen." Kaeser kann sich anscheinend nicht vorstellen, dass viele Menschen kein Geld übrig haben, das sie sparen können. Ähnliche Sichtweisen findet man bei führenden Politikern und Journalisten. Besonders überrascht hat mich in unserer letzten Studie aber eine Antwort der Wissenschaftselite.

ZEIT: Und zwar?

Hartmann: Mehr als 90 Prozent der Präsidiumsmitglieder der führenden Wissenschaftsorganisationen gaben an, die Arbeitsbedingungen im Wissenschaftsbereich müssten noch flexibler werden. So hoch war die Zustimmung zu flexiblerer Arbeit nicht einmal unter den Konzernchefs. Und das, obwohl schon neun von zehn Stellen in der Wissenschaft befristet sind. Das zeigt, die Realität der Führungsebene, in der alle verbeamtet sind, hat mit der der Angestellten nichts mehr zu tun.

ZEIT: Und das erklären Sie auch mit Gehaltsunterschieden?

Hartmann: Das größte Problem ist, wie die Eliten heute rekrutiert werden. Wenn Sie aus einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet stammen, sehen Sie die Welt anders, als wenn Sie in einem Akademikerhaushalt im Prenzlauer Berg aufgewachsen sind. Heute ist es beinahe unmöglich, von unten in die obersten Positionen aufzusteigen.

ZEIT: Dass die soziale Durchlässigkeit niedrig ist, zeigen Studien. Aber Politiker werden gewählt, und jeder kann in eine Partei eintreten. Wo liegt da das Elitenproblem?

Hartmann: Es stimmt, der Zugang zu Parteien ist offener als zu Unternehmen. Trotzdem ist die Entwicklung ähnlich. Das sieht man, wenn man sich die Kabinette anguckt: Bis Mitte der 60er-Jahre stammte ein Drittel der Minister aus dem Bürgertum – also den oberen drei bis fünf Prozent der Bevölkerung. Das galt mit Schwankungen bis Ende der 1990er-Jahre. Dann gab es einen radikalen Wechsel. Zwischen 1999 und 2009 kehrte es sich um: Der Anteil der Bürgerkinder in der Regierung erhöhte sich auf zwei Drittel. Einen Arbeiterhintergrund haben heute nur zwei im Kabinett: Peter Altmaier und Horst Seehofer.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Hartmann: Der soziale Aufstieg ist in den Parteien schwieriger geworden. Ohne ein Studium läuft nicht mehr viel. Mir fällt da die SPD-Abgeordnete Petra Hinz aus Essen ein, die ihren Studienabschluss erfunden hat, um voranzukommen. In den 70er-Jahren wäre das schon deshalb undenkbar gewesen, weil man damals gar keinen Hochschulabschluss brauchte, um in der Partei aufzusteigen.

ZEIT: In Ihrem Buch werfen Sie den Politikern vor, Politik vor allem für die Bessergestellten zu machen. Haben Sie da ein Beispiel?

Hartmann: Ja, für die Reichen ist die Steuerbelastung seit Beginn des letzten Jahrzehnts gesenkt worden. Für das oberste Prozent liegt sie, verglichen mit 1998, heute um fünf Prozent niedriger, für das untere Zehntel dagegen um gut fünf Prozent höher. Auch von der weitgehenden Abschaffung der Erbschaftsteuer für Familienunternehmen profitieren vor allem die Reichen.

ZEIT: Aber es gab auch Reformen wie den Mindestlohn.

Hartmann: Der Mindestlohn ist eine der wenigen Maßnahmen für den unteren Teil der Bevölkerung. Er ist aber viel zu niedrig angesetzt und bietet viele Schlupflöcher für die Unternehmen.

ZEIT: Den Vorwurf der "abgehobenen Elite" hört man häufig von Rechtspopulisten. Haben die also recht?

Hartmann: Es stimmt, die rechtspopulistischen Parteien betreiben ein regelrechtes Elitenbashing. Der Front National spricht von "der arroganten Pariser Elite", Donald Trump vom "Establishment", wieder andere von der "politischen Kaste". Allerdings machen die Populisten es sich zunutze, dass der Begriff unscharf verwendet wird. Sie bezeichnen einfach alle als "Elite", die gegen sie antreten. Bei vielen Menschen, die sich nicht mehr repräsentiert fühlen, kommt das gut an.

ZEIT: Der Satz, dass Menschen sich nicht mehr repräsentiert "fühlen", fällt in der Debatte um Rechtspopulismus oft. Sie sagen nun, sie werden tatsächlich nicht mehr repräsentiert?

Hartmann: Beides stimmt: Sie fühlen sich nicht repräsentiert und sind es oft auch nicht mehr. Laut den aktuellsten Zahlen, die aus dem Jahr 2009 stammen, waren in der früheren Arbeiterpartei SPD nur noch 16 Prozent der Mitglieder Arbeiter. 1966 waren es noch 32 Prozent. Knapp 40 Prozent der Mitglieder im Jahr 2009 hatten studiert. In den anderen Parteien lag der Akademikeranteil noch höher, bei den Grünen sogar bei 68 Prozent.

ZEIT: Heute gibt es aber auch mehr Akademiker.

Hartmann: Das stimmt. In der Bevölkerung liegt der Akademikeranteil allerdings immer noch bei nur 15 Prozent.

ZEIT: Die Rechtspopulisten werden aber nicht nur von Arbeitern oder sogenannten Abgehängten gewählt. Wie passt das zu Ihrer These?

Hartmann: Das stimmt, aber Rechtspopulisten haben immer dort stark dazugewonnen, wo es um harte Verteilungsfragen geht: ob in ostdeutschen Städten wie Görlitz oder in den Industriearbeiter-Gegenden in Nordfrankreich. Mit ihren Reden gegen "die Elite" holen sie diejenigen ab, die das Gefühl haben: Die da oben schaufeln sich die Taschen voll und interessieren sich nicht für uns.

ZEIT: Wenn das bereits so ist – kann man die Entwicklung noch aufhalten?

Hartmann: Ja, Parteien wie die SPD müssen sich wieder öffnen, auch in ihren Top-Positionen. Ein Beispiel, bei dem das geklappt hat, ist die Labour-Partei in England. Die hat ihre gesamte Führungsriege ausgetauscht. Nur fünf von 25 Mitgliedern im Schattenkabinett stammen aus dem Bürgertum, jeder Zweite aus einer Arbeiterfamilie. Bei vielen kam das gut an. Auch weil es ein Zeichen setzte: Wir wollen Politik für die Masse machen, nicht nur für die Elite.“

https://www.zeit.de/2018/33/michael-hartmann-eliten-soziologie-soziale-gerechtigkeit

Von Michael Hartmann gibt es mehrere gute Vorträge auf YouTube zu sehen: https://www.youtube.com/results?search_query=michael+hartmann

Einer davon lautet „Klassengesellschaft konkret: Reichtum. Macht. Armut. in Deutschland“:

 

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm