„Da war ein Mann, der noch an Ideale glaubte

und tatkräftig war.

In Deutschland ist das tödlich. Denn wir haben

entweder rohe Kraft, die wir mißbrauchen,

die Gattung nennt man Patrioten – oder aber

wir haben feine Sinne und ein zart Gewissen

und richten gar nichts aus. Der aber, tatenfroh beflügelt,

hieb fest dazwischen – und daneben, freilich!

Jedoch er hieb, dass faule Späne flogen.

Welch eine Wohltat war das, zu erleben,

dass einer überhaupt den Degen zog,

ein Tapferer war und doch kein General.

 

Ein Lümmel, irgendeiner von den

Schwarz-Weiß-Roten

(der letzte Zulukaffer steht uns andern näher),

schoß ihn von hinten übern Haufen.

Kurt Eisner starb – und lebt in unser aller Herzen!

Was aber Trauer bitter macht und schmerzlicher den Schmerz,

was über einer Gruft die Fäuste ballen läßt,

ist dies:

Die Bürger nicken.

Es starb Jaurès, Karl Liebknecht, Luxemburg,

Kurt Eisner –.

Wir wissen wohl, wie jener groß war, dieser kleiner –

wer feilscht hier um Formate! Eine Reinheit

ging von den vieren aus,

die leuchtete auf ihren Stirnen und den Händen.

Und ihre Stimme sprach: Ihr sollt nicht leiden!

Vier Schüsse und vier Särge und vier Gräber.

Wir strecken unsre Arme in die Runde

und klagen: »Welt! schlägst du noch immer an die Kreuze

die, die dich lieben?«

Und die Bürger nicken.

Behaglich nicken sie, zufrieden, dass sie leben,

und froh, die Störenfriede los zu sein,

die Störenfriede ihrer Kontokasse.

Wo braust Empörung auf? Wo lodern Flammen,

die Unrat zehren, und sie heilsam brennen?

Die Bürger nicken. Schlecht verhohlne Freude.

Sie wollen Ordnung – das heißt: Unterordnung.

Sie wollen Ruhe – das heißt: Kirchhofsstille.

 

Sie wollen Brot – das karge Brot der andern.

Und satt und schleimig – fett und vollgesogen

hockt über diesem Lande eine Spinne:

gelähmtes Leid, gelähmte deutsche Seelen.

Und doch: nach allem, was bergab gegangen,

nach dem, was uns enttäuscht und auch betrogen,

nach Kompromiß und braven Leisetretern – –

wir wissen ihre Werke, dass sie weder kalt noch warm

gewesen sind. Ach, wärt ihr kalt! Ach, wärt ihr warm!

Doch sie sind lau –

Und dennoch, dennoch:

Wir glauben weiter unter grauem Himmel!

Wir warten deiner unter grauem Himmel!

Wir wissen, dass du kommst –

Du sollst nicht rächen.

Doch du sollst flammen, schüren, leuchten, brennen.

Luft! Gib uns Luft, darin wir atmen können!

Wühl unsre Seelen auf, pflüg um die Herzen

und löse uns von unserm deutschen Elend

und nimm von uns das niederste der Leiden.

Die beiden mach gesund vor allen Dingen:

gelähmtes Land und die gelähmten Schwingen!“

 

https://www.textlog.de/tucholsky-eisner.html

 

Das war das Gedicht „Eisner“ von Kurt Tucholsky über den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern Kurt Eisner, der vor 100 Jahren ermordet wurde.

 

Sofern nicht anders angegeben, stammen die angegebenen Zitate aus dem Buch „Kurt Eisner 1867 – 1919 – Eine Biographie“ von Bernhard Grau.

 

Die frühen Jahre

 

Aus „Wikipedia“: „Eisner war Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Emanuel Eisner (1827–1899) aus dem böhmischen Studnitz und dessen Frau Hedwig (1839–1918), geborene Levenstein. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Berlin, wo er nach der Volksschule das Askanische Gymnasium besuchte. Nach dem Abitur 1886 studierte er an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin Philosophie und Germanistik, gab das Studium aber nach Vorbereitungsarbeiten für eine Dissertation über Achim von Arnim 1889 auf.

In den 1890er Jahren arbeitete Eisner als Journalist für eine Reihe von Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für die Frankfurter Zeitung und die Hessische Landeszeitung. Nicht nur in literarischen Kreisen erregten seine geschliffenen Nietzsche-Kritiken hohe Aufmerksamkeit …

Aufgrund zeitkritischer Betrachtungen in einer Berliner Zeitschrift wurde er 1897 – noch als Feuilletonredakteur – in einem Strafprozess wegen Majestätsbeleidigung zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung warb die SPD um ihn, obwohl er dem in der Partei vorherrschenden Marxismus wenn nicht ablehnend, so doch reserviert gegenüberstand. Eisner leitete seine Ideale eher aus der Aufklärungsphilosophie Immanuel Kants ab und war besonders in seiner Marburger Zeit bei der Hessischen Landeszeitung vom Neukantianismus Hermann Cohens und Paul Natorps geprägt worden. Wie die „roten Kantianer“ Karl Vorländer und Franz Staudinger versuchte Eisner durch eine „Synthese von Kant und Marx“ die Philosophie der Marburger Schule mit der politischen Praxis der Sozialdemokratie zu verbinden …

Daher war die SPD die Partei, deren politischen Zielen Eisner am nächsten stand, wenn auch seine Konzeption eines ethischen Sozialismus in der um die Jahrhundertwende laufenden Revisionismusdebatte zwischen Eduard Bernstein und seinen orthodox-marxistischen Kritikern um Karl Kautsky zu Konflikten führen musste. Eisner wurde von Wilhelm Liebknecht, dem Chefredakteur des SPD-Zentralorgans Vorwärts, im Spätsommer 1898 als Redakteur der Zeitung und Nachfolger Adolf Brauns angeworben und trat im Dezember desselben Jahres in die Partei ein. Seine Anstellung in der Redaktion des Vorwärts war durch Liebknechts Bestreben bestimmt, das Niveau des Parteiblattes zu verbessern:

Eisner von Marburg kommt auf meinen Wunsch nach Berlin an den ‚Vorwärts‘. Das ist eine scharfe Klinge, die wir da gewonnen haben, und die hoffentlich auch manchen Kopf abschlägt. Möglich, daß es uns endlich gelingt, das Blatt journalistisch zu heben.“

Da Liebknecht, der nominelle Chefredakteur, wegen seines Reichstagsmandats sein Amt nicht voll ausfüllte, wuchs Eisner wegen seiner journalistischen Erfahrung in der „bürgerlichen“ Presse, auch in verantwortlicher Position, in der Vorwärts-Redaktion rasch eine Führungsrolle zu, die auch seine Kritiker anerkannten …

Kurz nach dem Tod Wilhelm Liebknechts im August 1900 schrieb Eisner dessen erste ausführliche Biographie. Seine Führungsrolle in der Vorwärts-Redaktion blieb auch nach dem Tod des Chefredakteurs informell, da die Leitung der Parteizeitung formal auf das gleichberechtigte Redakteurskollektiv übertragen wurde. Von den elf Redakteuren gruppierten sich vier um Eisner und seinen Kollegen Georg Gradnauer, so dass Eisners Einfluss auf den Kurs der Zeitung durch diese Mehrheit in der Regel gesichert war, zumal er sich – anders als die meisten anderen Redakteure – ohne politisches Mandat, Funktionärsposten oder Wahlkampfaufgaben voll auf die journalistische Arbeit konzentrieren konnte. Aus den Konflikten innerhalb der Redaktion und mit der Parteiführung erwuchs, nach mehreren Kontroversen, sowohl mit Eduard Bernstein als auch mit den orthodoxen Marxisten in der SPD, der Vorwärts-Konflikt des Jahres 1905. Als zur Lösung der Redaktionsproblematik geplant wurde, mehrere Redakteure zu entlassen, die Eisners Mehrheitsrichtung angehörten, um sie durch orthodoxe Marxisten zu ersetzen, entschloss sich die Redaktionsmehrheit, selbst zu kündigen.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Eisner

 

Journalismus

 

Bernhard Grau über die Zeit vor dem „Vorwärts“: „Wie immer man diese Erfahrung aber auch gewichten mag, letztlich waren es vor allem zwei Erkenntnisse, die Eisner aus seinen ersten Berufsjahren mitnahm, die Abhängigkeit des bürgerlichen Journalisten von den Strukturen und der Philosophie der an Gewinn- und Absatzmaximierung orientierten Presseunternehmen auf der einen, die organisations- und vertriebstechnische Perfektion der kommerziellen Pressemaschinerie auf der anderen Seite. Wenn Eisner in späteren Jahren immer wieder die „unwürdige Stellung des bürgerlichen Journalisten in Deutschland“ geißelte, so hatte dies in seinen Jahren beim Depeschenbüro „Herold“ und an der „Frankfurter Zeitung“ seine Wurzeln. „Niemand hat“ - so faßte er 1914 seine Erfahrungen zusammen - „so wenig Einfluß auf die Zeitung, wie die Leute, die sie schreiben und redigieren. Diese Redakteure sind Privatangestellte geschäftlicher Unternehmungen, nichts anderes, wie Bankbeamte, Warenhausveräufer oder Fabrikchemiker. Sie sind nicht Vorkämpfer einer Sache, der sie leidenschaftlich ergeben sind, sondern unlustige müde Techniker für die Erzeugung des geistigen Teils der Zeitungen, deren beste Vertreter höchstens ein gewisser literarischer Ehrgeiz beseelt. Sie dürfen keine Charaktere sein, das wäre störend; man fordert nur fachliche Routine von ihnen. Sie sind allenfalls Werkzeuge für die Ausstattung des Zeitungsgeschäftes.“ Dieser Sicht entsprach das Urteil, das er sich über die bürgerliche Presselandschaft als ganze gebildet hatte: „Der ‚ideologische Überbau‘ dieser Presse heißt liberal oder national oder parteilos, die solide Basis ist die Börse, die Großreederei, das Getreidegeschäft, die Aktiengesellschaft, der Unternehmerverband, der Inserent, die Brauerei, der Schnapsbrenner ... Die bürgerliche Presse dient jeder Sache, nur nicht der, für die sie zu wirken vorgibt.““

 

Bildungsarbeit

 

„Die Zahl seiner Auftritte scheint vielmehr im Laufe der Zeit immer mehr zugenommen zu haben; auch regelrechte Agitationstouren hat Eisner unternommen, so etwa Mitte Oktober 1908, als ihn eine fünftägige Propagandareise jeden Tag in eine andere Stadt führte, neben Nürnberg selbst unter anderem nach Regensburg und nach Bamberg. Ende Oktober war er dann bereits wieder in Chemnitz (28.10.) und in Altenberg im Erzgebirge (29.10.) zu hören.

Eisner haben diese Auftritte anfangs einige Überwindung gekostet, auch hat er sich als Versammlungsredner zunächst wohl alles andere als leicht getan. Auf längere Sicht hat er aber nicht nur seine Scheu vor der Öffentlichkeit abgelegt, sondern zunehmend Gefallen an seinen Auftritten gefunden. In einem Brief an Else Belli berichtet er schon früh von einer Agitationstour im „dunkelsten Deutschland“, die eine Erlösung gewesen sei: „Wenn man zu diesen einfachen Leuten spricht, fühlt man doch wieder das heisse Blut der grossen Sache.“ Im Jahre 1909 war er sich seiner Sache bereits so sicher, daß er Julius Kaliski das Angebot unterbreitete, er würde gerne einmal in Berlin, konkret im Reichstagswahlkreis Teltow-Beeskow sprechen, in jenem Wahlkreis also, der ihm in seinen letzten Jahren am „Vorwärts“ für seine politischen Ambitionen einen besonderen Rückhalt geboten hatte. Schließlich trat er so regelmäßig in der Öffentlichkeit auf, daß er dafür bei seinen journalistischen Arbeiten zurückstecken mußte und sich parteiintern den Ruf eines „Wanderredners“ einhandelte. Seine „Broschüren-, Zeitungs- und Aktenbewaffneten Irrfahrten“, bei denen er gelegentlich 18 Auftritte in 14 Tagen absolvierte, stießen dabei nicht selten auf Unverständnis. So riet ihm Joseph Bloch nicht ohne ironischen Unterton, über seinen rastlosen Aktivitäten nicht sein eigentliches Berufsfeld zu vernachlässigen: „Es wäre kein Unglück, wenn Sie einmal in einer Woche statt 14 nur 7 Versammlungen abhielten, wenn auch Bayern darum etwas auf seine geistige Emanzipation warten sollte““ …

„Praktische Bedeutung gewann sein Interesse für volkspädagogische Aktivitäten beispielsweise in Form eines intensiven Engagements im Rahmen der Berliner Volksbühnenbewegung, deren künstlerischem Ausschuß er zeitweise angehört hatte. Aber auch seine eigentliche Betätigung hatte er teilweise in den Dienst dieser Sache gestellt, hatte die Pressearbeit in Eisners Augen doch nicht nur agitatorische und propagandistische Funktionen, sondern zugleich die Aufgabe, bei den Parteimitgliedern das Verständnis für die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu wecken und zu vertiefen. Diesem Anliegen widmete er insbesondere seine Feuilletons, die er Woche für Woche unter dem Pseudonym „Joc.“ für die Wochenendbeilage des „Vorwärts“ verfaßte. An der Oberfläche auf leicht verständliche Unterhaltung abgestellt, transportierten sie doch immer ein bestimmtes, meist gesellschaftspolitisches Anliegen, eine bestimmte Moral oder eine allgemeine Lehre. Über das pädagogische Anliegen, das Eisner gerade mit diesen Artikeln verfolgte, hat er rückblickend geschrieben: „Von der Erziehung durch eine sozialistische, künstlerisch und wissenschaftlich vollendete Unterhaltungsbeilage dringt der Neuling am ehesten zum politischen Teil vor.““

 

Außenpolitik: Warnung vor dem Krieg

 

„Neben der Bildungsarbeit gewann auch die in der Partei eher vernachlässigte Außenpolitik für Eisner eine zunehmende Bedeutung. Erweckungserlebnisse waren dabei die Marokkokrise des Jahres 1905 und die in diesem Zusammenhang von ihm selbst inszenierte Friedenskundgebung in der Berliner Hasenheide. Die Massendemonstration, zu der er ursprünglich den französischen Sozialistenführer Jean Jaurès eingeladen hatte, der dann aber auf Druck der Reichsregierung hin seinen Auftritt absagen mußte, erwies sich zwar langfristig nicht, wie Eisner zunächst annahm, als die Geburtsstunde einer spezifisch sozialistischen Außenpolitik, doch für ihn persönlich wurde sie zu einer Trendwende. Nicht sein politisches Selbstverständnis, seine politische Theorie - wenn man bei Eisner überhaupt im Vollsinn des Wortes von einer solchen sprechen kann - änderten sich dadurch, betroffen waren vielmehr seine taktischen Präferenzen. Außenpolitische Probleme und Gesichtspunkte gewannen für ihn fortan eine erhöhte Bedeutung und dominierten die Palette seiner politischen Themen schließlich in einem Ausmaß, das für einen Sozialdemokraten sicher ungewöhnlich war. Sie gaben seinem politischen Wirken in den folgenden Jahren ein neues Ziel, machten ihn zum Missionar der weltpolitischen Aufklärung des Proletariats, vertieften gerade dadurch aber auch die Isolation, in die er durch den Verlust seiner Redakteursstellung geraten war.

Jedenfalls stießen seine Bemühungen um eine genuin sozialistische Annäherung an das komplexe Themengebiet Außenpolitik parteiintern weithin auf Desinteresse, wenn nicht auf Skepsis oder sogar offene Ablehnung. Aus Eisners eigener Sicht ist es daher nur zu verständlich, wenn er sich rückblickend als den einsamen Kämpfer sah, der schon Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor der Katastrophe gewarnt, damit aber kein Gehör gefunden hatte. Bereits seit den erregenden Wochen der deutsch-französischen Friedensaktion habe er - so Eisner im September 1918 - gewußt, daß der Weltkrieg wie ein unentrinnbares Verhängnis sich heranwälze, ungeschlacht, unbemerkt, unaufhaltsam. Sein Versuch aber, die Gleichgültigkeit der deutschen Arbeiterschaft gegen die auswärtige Politik zu überwinden, sei ein hoffnungsloses Beginnen gewesen: „Das ganze deutsche Volk wußte nichts von auswärtiger Politik, wollte nichts wissen. Die Presse verarbeitete und verbreitete lediglich das Vorzimmergewäsch des Auswärtigen Amtes wie Theaterreklamen der Direktorenbureaus; diese Dramaturgen der auswärtigen Politik und ihre gefälligen Preßhelfer sitzen zu oberst auf der Bank der Verantwortlichen. Selbst im deutschen Reichstag wurde niemals eine Rede über Probleme der internationalen Politik gehalten, die von selbständigem Studium der Probleme zeugte.“ Der Weltkrieg habe die Partei daher überrascht, sie unvorbereitet getroffen, geistig völlig ungerüstet“ …

„Eisners Veröffentlichungen beruhten dabei auf einem gründlichen Studium der ihm zugänglichen amtlichen Dokumente über den Verlauf des Marokkokonflikts. Dabei handelte es sich einerseits um das von der französischen Regierung publizierte, nach seiner Umschlagfarbe benannte „Gelbbuch“, zum andern um dessen Gegenstück, das von deutscher Seite herausgegebene „Weißbuch“. Die Auswertung dieser Aktenpublikationen führte Eisner zu einer vernichtenden Kritik der deutschen Außenpolitik und ihrer führenden Protagonisten. Ihnen glaubte er die Schuld daran zumessen zu müssen, „daß Europa in den letzten zwölf Monaten zweimal, vielleicht dreimal, vor der unmittelbaren Gefahr eines Krieges“ gestanden habe. Kennzeichen dieser Außenpolitik war nach Eisners Auffassung weniger die konsequente Verfolgung expansionistischer Ziele, die zumindest unter machtpolitischen Gesichtspunkten nachvollziehbar gewesen wäre, sondern im Gegenteil die völlige Unberechenbarkeit der auswärtigen Aktionen. Gerade die Sprunghaftigkeit, die das Deutsche Reich nach außen an den Tag legte, war es, die in seinen Augen die Krise bis zur Unerträglichkeit angestachelt hatte: „Nach Marokko gibt es nichts mehr in der offiziellen deutschen Politk, das glaubhaft ist, sofern es nicht die Absurdität selber ist.“

Diese Einschätzung machte Eisner insbesondere an der Beobachtung fest, daß das Deutsche Reich bis zum Beginn des Jahres 1905 kein tieferes Interesse an Marokko hatte erkennen lassen. Vielmehr sei das deutsche Spektakel im Februar 1905 ganz plötzlich und für alle Seiten überraschend losgebrochen und sofort gewaltig angeschwollen. Als Hauptursache dafür, daß das Reich gerade zu diesem Zeitpunkt seine bis dahin gewahrte Zurückhaltung aufgab, glaubte Eisner die Schwächung Rußlands durch die Niederlage im japanisch-russischen Krieg und durch die sich daran anschließenden inneren Unruhen ansehen zu müssen. Die Ausschaltung Rußlands als Machtfaktor der internationalen Politik hatte. nach seiner Einschätzung nicht nur das europäische Gleichgewicht gestört, sondern auch die weltpolitischen Phantasien beflügelt. Berechtigte sachliche Interessen für ein deutsches Eingreifen in die Marokkoangelegenheit konnte er dagegen nicht erkennen. Die Motive, die das kaiserliche Deutschland dafür ins Feld führte, waren nach seinem Dafürhalten entweder nicht stichhaltig oder zumindest völlig unangemessen. Daß Kaiser und Reichsregierung sich letztlich sogar zum Verteidiger der Souveränität des marokkanischen Despotismus aufwarfen, empfand er als ausgemachten Greuel. Konzeptionslosigkeit und fehlendes Gespür waren für Eisner die eigentlichen Kennzeichen dieser Politik. Gerade dies machte sie in seinen Augen aber zu einer so großen Gefahr für den Weltfrieden. Da das Ausland von einem zielstrebigen Handeln des Deutschen Reiches ausgehen mußte, konnte es dessen auswärtige Politik nur als Ausfluß deutscher Weltherrschaftsgelüste betrachten. Eisners ebenso pessimistische wie weitsichtige Prognose lautete: „Nachdem die Welt die wilden sinnlosen Kriegsdrohungen um Marokko willen erlebt hat, kann kein Vertrauen mehr werden. Geht Marokko vorüber, irgendwo taucht aufs neue eine Frage auf, bis einmal doch die verheerende Katastrophe losbricht."

Das Gegenstück zur kurzsichtigen und verantwortungslosen Außenpolitik des Deutschen Reiches fand Eisner in der Politik der französischen Sozialisten, die, angeführt von den „zu jeder Nachgiebigkeit bereiten Helden des Weltfriedens, Jaurès und Clemenceau“, für die Verhinderung des Krieges bis an den Rand der Selbstaufopferung gegangen waren. Der auf dem Höhepunkt der Krise von ihnen herbeigeführte Sturz Delcassés war seiner Auffassung nach der entscheidende Beitrag zur Aufrechterhaltung des Friedens. Damit hatte in seinen Augen freilich nicht nur die französische Linke einen sittlichen Triumph davongetragen, sondern mit ihr die französische Demokratie als solche, die - wie Eisner darlegte - unter dem befruchtenden Einfluß der Sozialisten sich in der Geschichte wieder einmal als stärkste Kulturmacht behauptet hatte. Mehr denn je wurden damit Frankreich, die französische Demokratie und die französischen Sozialisten für ihn zum Vorbild und Identifikationsmuster. Vor allem die politischen Konzepte Jean Jaurès' begann er nun mit wachsender Intensität zu rezipieren und auf die deutschen Verhältnisse anzuwenden. Schon seine Marokkostudie war im Grunde Ausfluß einer Handlungsmaxime, die er bei Jaurès entlehnt und prominent auf dem Titelblatt seiner Broschüre abgedruckt hatte“ …

„Eisner hat sich durch die geringe Resonanz, auf die seine Veröffentlichungen zum Thema Außenpolitik stießen, nicht beirren lassen. Selbst als zwischenzeitlich eine Entspannung der internationalen Lage festzustellen war, blieb er doch weiterhin davon überzeugt, daß die von ihm diagnostizierten Spannungen unterschwellig fortbestanden und zu neuen Konflikten führen mußten: „Die auswärtige Politik des Deutschen Reichs“, so Eisner Mitte 1908 auf einer Massenversammlung, die im Anschluß an den 19. Gautag der pfälzischen Sozialdemokratie abgehalten wurde, „besteht kurz darin, daß Deutschland alle Länder bedroht mit seiner großen gewaltigen Militärmacht. Wo irgend eine freiheitliche Bewegung entsteht, helfen die deutschen Agenten unterdrücken.“ Als die zweite Marokkokrise im Jahre 1911 Europa tatsächlich wieder an den Rand eines Krieges trieb, konnte er sich in seiner Einschätzung bestätigt fühlen. Auch seine Diagnose lautete wieder ganz ähnlich wie fünf Jahre zuvor. Den „Panthersprung nach Agadir“ bewertete Eisner umgehend als neuerlichen Ausdruck deutscher Weltherrschaftspläne, als ersten Schritt, um mit der Besetzung Marokkos Ernst zu machen. Da es aus seiner Warte in Marokko nach wie vor kein deutsches Leben, keinen deutschen Besitz und auch keine deutschen Wirtschaftsinteressen zu schützen gab, vermutete Eisner hinter der Aktion wiederum „die dunklen Geschäfte der Diplomatie und der kapitalistischen Cliquen“. Die internationale Lage war für ihn daher so ernst wie niemals seit den Sommertagen von 1870: „Wenn weder Frankreich sich dem deutschen Willen unterwirft noch Deutschland wie vor sechs Jahren den Rückzug antritt, so ist das der Krieg, der Weltkrieg“. Als einzige Kraft, die die Katastrophe noch verhindern konnte, sah Eisner die Sozialdemokratie, das internationale Proletariat; dieses mußte sich nach seiner Anschauung freilich beeilen, einen entscheidenden Einfluß auf das Schicksal der Volker zu gewinnen.“

 

Russland ist schuld

 

Für einen so klaren Kopf wie Kurt Eisner kaum zu glauben, ist für ihn Russland am kommenden Krieg der Haupt-Schuldige. Ob er der entsprechenden Propaganda auf den Leim gegangen ist, zukünftige gesellschaftliche Vorteile erwartet oder persönliche Vorteile aus dieser veröffentlichten Meinung gezogen hat, mag dahin gestellt sein.

„War es die Aussichtslosigkeit seines Standpunktes, die Eisner veranlaßte, schon ein gutes Jahr später seine eigenen Anschauungen zu revidieren? Wohl kaum. Dennoch ist nicht zu übersehen, daß Eisner an der Jahreswende 1912/1913 im Hinblick auf seine außenpolitischen Präferenzen einen Kurswechsel vollzog, der seine bis dahin vertretenen Auffassungen vollständig auf den Kopf stellte. Zentraler Beleg für seine gewandelten Ansichten ist dabei ein Artikel, den Eisner im Februar 1913 anonym in der zu diesem Zeitpunkt linksliberal geleiteten kulturpolitischen Wochenschrift „März“ veröffentlichte. Unter dem Titel „Ein Militärprogramm der Linken“ stellte er, der noch kurz zuvor das Deutsche Reich als den schlimmsten Kriegstreiber gebrandmarkt und dem deutschen Militarismus daher konsequenterweise jede Unterstützung versagt hatte, eine konstruktive Mitwirkung der Sozialdemokratie an einer künftigen Militärreform in Aussicht. Die einzige Bedingung, die er daran knüpfte, war die Forderung, daß die angestrebten Maßnahmen einer Demokratisierung des Heerwesens entgegenkommen müßten. Drei Punkte waren für Eisner dabei von zentraler Bedeutung: die einjährige Dienstzeit für die Fußtruppen, die Deckung der Kosten durch direkte Steuern auf hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften sowie die Beseitigung des Offiziersmonopols, sprich die zumindest partielle Rekrutierung der Offiziere aus den Reihen der Gemeinen und Unteroffiziere. Was Eisner hier verkündete, war so neu freilich nicht. Vielmehr bewegte er sich mit diesen Forderungen noch ganz auf dem Boden des sozialdemokratischen Volkswehrkonzepts. Was ihn davon trennte, war höchstens, daß er seine Offerte als Bündnisangebot an die linksliberalen Parteien formulierte. Den fundamentalen Auffassungswandel, der aus der Perspektive Eisners hinter diesem Angebot stand, beleuchten daher erst die Argumente, mit denen er sein Angebot motivierte: „Die Sozialdemokratie ist nicht ‚antimilitaristisch‘. Sie kennt und würdigt die Schwierigkeiten der internationalen Lage. Und da sie natürlich weiß, daß die schwerste Gefahr für den Frieden Europas gegenwärtig von der russischen Expansion droht, ist sie am allerwenigsten geneigt, ihre leidenschaftliche und nicht erfolglose Propaganda für den Weltfrieden durch eine Entwaffnung Deutschlands zu schwächen.“

Mit der Akzentuierung des russischen Expansionismus und der Betonung der Bereitschaft der deutschen Sozialdemokratie zur Vaterlandsverteidigung bezog Eisner eine Position, gegen die er nur kurze Zeit zuvor noch mit großem Nachdruck zu Felde gezogen war. Die Kriegsgefahr ging - so mußte der aufmerksame Leser aus diesen Zeilen schließen - für den Autor von Rußland aus, nicht etwa von der konzeptionslosen Weltpolitik der Reichsregierung. Wie war dieser Auffassungswandel zu verstehen, was hatte ihn ausgelöst? Wirft man einen Blick auf die internationale Situation, so liegt es nahe, den Balkankrieg, der im Jahre 1912 Europa erschütterte, für Eisners Umdenken verantwortlich zu machen. Tatsächlich läßt sich der Zeitpunkt, zu dem Eisner seine früheren Anschauungen revidierte, relativ exakt in den Herbst dieses Jahres datieren. Eisner hat rückblickend selber darauf hingewiesen, daß ihm Hinweise auf die Gefahr eines russischen Überfalls erstmals zu diesem Zeitpunkt zugespielt worden waren. Damals sei der bayerische Landtag kurz vor Schluß seiner langen Tagung plötzlich mit dem Kriegszustandsgesetz überrascht worden. In vertraulichen Besprechungen mit Regierungsvertretern seien die sozialdemokratischen Abgeordneten beschworen worden, das schnelle Zustandekommen des Gesetzes nicht zu hindern, sondern sich mit der Geste des grundsätzlichen Widerspruches zu begnügen. Als Grund für die Eilbedürftigkeit sei ihnen angegeben worden, daß man für den Kriegsfall gerüstet sein müsse, da die Zeiten ernst seien und man mit einem Überfall Rußlands zu rechnen habe. Als Hauptargument wurde dabei nach Darstellung Eisners die fehlende gesetzliche Grundlage für den Kampf gegen feindliche Spione ins Feld geführt. „Ich hatte“, so Eisner rückblickend, „keinen Anlaß, an der Wahrheit jener geheimen Information zu zweifeln, zumal die Persönlichkeit des damaligen Kriegsministers in ihrer einfachen Gradheit durchaus vertrauenswürdig erschien. Daß der Zarismus auf dem Balkan imperialistische Pläne verfolgte, war ja zweifellos, und daß er, zum Konflikt mit Österreich treibend, dann notwendig hätte, den gefährlichen Bundesgenossen Österreichs, Deutschland, niederzuwerfen, war ja nicht minder selbstverständlich, wie die weitere Folge des allgemeinen Weltkriegs. So sah ich in der Folge die Dinge.“

Tatsächlich läßt sich auch der dokumentarische Nachweis führen, daß Eisner im Gefolge des ersten Balkankrieges seine Einstellung zur deutschen Außenpolitik von Grund auf überdachte. Bereits in einem in die zweite Oktoberhälfte des Jahres 1912 zu datierenden Brief an seinen früheren Redakteurskollegen Julius Kaliski beurteilte er die von Rußland ausgehende Kriegsgefahr als so schwerwiegend, daß er glaubte, froh sein zu müssen, „wenn die Sache bis zum Frühjahr hält“. Die Kriegsdrohung bewertete er in diesem Schreiben freilich auch als Gelegenheit, innenpolitische Reformen durchzusetzen: „Ich glaube, die Zeit ist da, wo die Preussen ein besseres Wahlrecht kriegen könnten. Sie müßten nur ein paar patriotische Töne von sich geben. Man traut uns jetzt.“ Da Eisner überzeugt war, daß Rußland der Angreifer sein werde, ging er gleichzeitig davon aus, daß der Sozialdemokratie in diesem Fall „der Patriotismus ja nicht schwer fallen“ werde. Wie er durchblicken ließ, war er sogar selbst bereit, bei Ausbruch eines Krieges die fälligen Konsequenzen zu ziehen: „Wenn's zum äußersten kommt (und ich meine, dass bestimmt damit gerechnet wird), hätte ich Lust, mitzugehen als Berichterstatter.““

 

Der Krieg ist da

 

„Das Postulat von der Gefahr, die Rußland für die westliche Zivilisation und den politischen Fortschritt bedeute, war daher zweifellos auch bei ihm eines der zentralen Motive für die Bejahung des Krieges und der sich daraus ergebenden Konsequenzen. Damit ist aber noch keineswegs die viel gewichtigere Frage beantwortet, wie Eisner zu der Überzeugung gelangte, daß tatsächlich Rußland und nicht etwa Österreich oder gar das mit diesem verbündete Deutsche Reich der eigentliche Kriegstreiber war.

Einen Hinweis auf die Hintergründe seiner Stellungnahmen bei Kriegsbeginn gibt eine Nachricht, die die Chemnitzer „Volksstimme“ einen Tag nach der Münchner Friedenskundgebung in einem Extrablatt verbreitete: „Wie wir aus absolut sicherer Quelle erfahren, steht das Eingreifen Russlands in den österreichisch-serbischen Konflikt unmittelbar bevor. Deutschlands Antwort wird die sofortige Kriegserklärung sein. Die Mobilmachung in Deutschland erfolgt wahrscheinlich schon morgen, ohne allen Zweifel noch im Laufe dieser Woche“. Der 28. Juli war der Tag der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien. Rußland verfügte tags darauf die Teil- und am 30. Juli die Generalmobilmachung. Die deutsche Mobilmachung und die deutsch-russische Kriegserklärung erfolgten gar erst am 1. August. Das Ungewöhnliche an dieser Meldung war also, daß ausgerechnet ein sozialdemokratisches Blatt den Kriegsausbruch so frühzeitig als gesichertes Faktum in die Welt hinausschrie. Zwar war schon seit Wochen allenthalben vom drohenden Krieg die Rede, zum Teil wurde dieser sogar schon offen propagiert, zum Teil aber auch fatalistisch als unvermeidbares Übel prognostiziert, doch mit der Ankündigung des tatsächlichen Kriegsbeginns stand das Chemnitzer Parteiorgan praktisch noch alleine da.

Urheber dieser Meldung war Eisner selbst. Die absolut sichere Quelle, auf die er sich berief war - wie er später selbst dargelegt hat - wieder die bayerische Staatsregierung oder genauer das bayerische Kriegsministerium. Da Eisner selbst allerdings keine direkten Kontakte zu den bayerischen Regierungsstellen hatte, war es - wie mittlerweile ebenfalls bekannt ist - erneut Adolf Müller, über den er seine Hintergrundinformationen bezog. Angesichts des engen Arbeits- und Vertrauensverhältnisses, das Eisner mit Müller nach wie vor verband, kann es nicht verwundern, daß er sich offensichtlich zu keinem Zeitpunkt veranlaßt sah, den Nachrichten zu mißtrauen, die ihm von dieser Seite zugespielt wurden. Als ihn Adolf Müller am 28. Juli über die unmittelbar bevorstehenden Kriegserklärungen instruierte und auf seine Nachfrage hin versicherte, sich seiner Sache ganz gewiß zu sein, war Eisner daher ohne zu zögern bereit, seine journalistischen Verbindungen zu nutzen, um die Parteipresse und auf dem Weg über diese die SPD-Spitze in Berlin zu alarmieren. Die Redaktion der Chemnitzer „Volksstimme“ bat er auf Müllers Wunsch hin sogar ausdrücklich, dahingehend auf die Reichstagsfraktion einzuwirken, daß diese der Bewilligung der Kriegskredite zustimme.

Wie zum Zeitpunkt des Balkankonflikts beruhte Eisners Lagebeurteilung damit auf Hinweisen, die er aus zweiter oder besser gesagt aus dritter Hand erhalten hatte. Immerhin paßten diese aber nur zu gut zu den Anschauungen, die ihn seit 1912 beseelten. Die Aufforderung zur Vaterlandsverteidigung und der Einsatz für die Bewilligung der Kriegskredite durch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion waren also keineswegs Launen des Augenblicks. Sie waren durch eine langjährige Auseinandersetzung mit Fragen der Außenpolitik vorbereitet worden und sind als deren konsequente Fortführung zu sehen. Oberflächlich betrachtet, entsprangen sie auch durchaus einer rationalen Situationsanalyse. Den Hintergrund dafür bildete wie schon im Rahmen der beiden Marokkokrisen die Frage nach dem Urheber des Krieges, die Frage, wer als Aggressor und wer als Verteidiger angesehen werden mußte. Da Eisner aufgrund der ihm zugespielten offiziösen Informationen schon seit 1912 von einem russischen Expansionsdrang nach Westen ausgegangen war, mußten ihm die 1914 mitgeteilten Nachrichten von einem bevorstehenden russischen Angriff als Bestätigung seiner bisherigen Annahmen erscheinen; dies um so mehr, als er sein Wissen über die bekannten und längst eingespielten Kanäle erhalten hatte. Auch paßten diese Meldungen nur zu gut zu den von Eisner und seinen Parteifreunden mit einer schon ans Irrationale grenzenden Hartnäckigkeit gepflegten Vorurteilen gegenüber den reaktionären Bestrebungen des russischen Zarismus.

Ausschlaggebend aber war, daß Eisner Ende Juli 1914 im Grunde keinerlei Möglichkeiten besaß, die ihm gemachten Ankündigungen ernsthaft auf ihre Zuverlässigkeit zu überprüfen. Darin hegt zweifellos die eigentliche Tragik, die seine Rolle bei Kriegsausbruch kennzeichnete. Wenn er geglaubt hatte, durch das Studium der Presse, die Analyse der nur in spärlicher Zahl zugänglichen diplomatischen Aktenstücke und die Auswertung vertraulicher Informationen ein gleichsam objektives Bild der internationalen Lage gewinnen zu können, so befand er sich damit im Irrtum. Die ihm Ende Juli 1914 zur Verfügung stehenden Anhaltspunkte waren - wie sich schnell zeigte - in ihrer Vereinzelung weder nach ihrer Form noch nach ihrem Inhalt zuverlässig zu bewerten und zu interpretieren. Die Gewinnung eines objektiven Standpunktes erlaubten sie schon deshalb nicht, weil mit der immer unabweisbareren Notwendigkeit, das eigene kriegerische Engagement moralisch zu rechtfertigen, die regierungsamtliche Informationspolitik bei allen beteiligten Staaten Teil der außenpolitischen Strategie geworden war.

Auch wenn man über die Frage der Kriegsschuld letztlich geteilter Ansicht sein kann, spricht vieles dafür, daß Eisner in der Julikrise ein Opfer der von den regierungsamtlichen Stellen gezielt gesteuerten Meinungsbildung geworden war. Wie weit Adolf Müller im Vorfeld des Weltkrieges schon Teil dieser offiziösen Meinungsmaschinerie war und ganz bewußt dazu beigetragen hatte, Eisner in deren Sinne zu manipulieren, wird sich wohl nicht mehr eindeutig klären lassen. Seine engen Verbindungen zu den staatlichen Stellen und die bald nach Kriegsbeginn einsetzende Geheimagententätigkeit lassen dies freilich alles andere als ausgeschlossen erscheinen. Eisner selbst war sich im Rückblick jedenfalls sicher, „durch eine systematische, lang vorbereitete Intrigue eines alten Regierungssozialisten“ irre geführt worden zu sein. So wollte er unmittelbar vor Kriegsausbruch beobachtet haben, daß ein „höherer (dem geheimen Nachrichtendienst angehöriger) Offizier“ als „eifriger Mitarbeiter“ auf der Redaktion der „Münchener Post“ verkehrte. Selbst wenn man solchen Aussage skeptisch gegenübersteht, wird man nicht bestreiten können, daß sich Eisner als Ziel der offiziösen Stimmungsmache in besonderer Weise anbot. Als langjähriger Kritiker der deutschen Außenpolitik stand er nicht im Ruche, einem Krieg leichtfertig das Wort zu reden. Seine weitreichenden journalistischen Verbindungen, die über das für Parteischriftsteller übliche Maß deutlich hinausgingen und derer sich Müller schon in der Vorkriegszeit wiederholt bedient hatte, mußten ihn darüber hinaus auch als Multiplikator interessant erscheinen lassen. Es ist daher davon auszugehen, daß Müller seine persönliche Freundschaft mit Eisner zumindest dazu benutzte, diesen für seine eigenen Interessen einzuspannen, die eindeutig darauf hinausliefen, die deutsche Sozialdemokratie auf den Kurs der Vaterlandsverteidigung festzulegen.

Daß Müller dies gelang, war die entscheidende Ursache dafür, daß Eisner in der Julikrise an seinen selbstgesteckten Ansprüchen scheiterte. Die Tragik dieses Scheiterns wird insbesondere dann deutlich, wenn man Eisner an seinem großen Vorbild Jean Jaurès zu messen versucht. Auch wenn sich ein unmittelbarer Vergleich der beiden Sozialisten wohl verbietet, ist doch nicht zu übersehen, daß Jaurès bis zuletzt an seinem Grundsatz festhielt, daß ein Krieg mit allen Mitteln verhindert werden mußte und daß jeder Sozialist aufgefordert war, an seinem Platz, in seinem Land bis zum Äußersten dagegen anzukämpfen. Diese Einstellung mußte Jaurès am 31. Juli 1914 mit dem Leben bezahlen. Eisner hat ihn daher in seinem Nachruf als „Märtyrer des Weltfriedens“ und als „Apostel der Humanität“ gefeiert, seine wirkliche Leistung aber gerade in diesem Moment völlig verkannt. Nicht die Tatsache, daß die französischen Sozialisten an der Seite der Kosaken gegen die deutschen Freunde kämpfen sollten, war - wie Eisner glaubte - die schicksalhafte Problematik, die Jaurès zum Verhängnis wurde, sondern seine feste Überzeugung von der Kulturwidrigkeit eines jeden Krieges. Falsch war es auch, wenn Eisner die Haltung der deutschen Sozialisten in dieser europäischen Katastrophe als „furchtbar klar und einfach“ einschätzte und dafür ausgerechnet in seinem Gedenkartikel für Jaurès Worte fand, die er - nach eigenem Eingeständnis - später so nicht mehr hätte wiederholen können: „Das deutsche Proletariat weiß, daß es den Vernichtungskrieg gegen den Zarismus gilt, den wir gepredigt, solange es eine deutsche Sozialdemokratie gibt ... Jetzt hat der Zarismus angegriffen, jetzt haben wir keine Wahl, jetzt gibt es kein Zurückblicken. Jetzt hat das deutsche Proletariat den Erbfeind der europäischen Gesittung zu vernichten, als Deutsche, als Demokraten, als Sozialisten ergreifen wir die Waffen für die gerechte Sache“.

Auch wenn Eisner die Kriegseuphorie des nationalen Lagen sicher nicht teilte, so zeigen diese Sätze doch hinlänglich, daß auch er sich bei Kriegsbeginn von nationalen und militanten Parolen nicht ganz frei zu machen vermochte. Die Verteidigung des Vaterlandes gegen feindliche Übergriffe war ihm eine Selbstverständlichkeit, die sich auch auf den Tenor der Vorkriegskongresse der sozialistischen Internationale stützen konnte. Daß Rußland der eigentliche Gegner dieser Auseinandersetzung zu sein schien, verlieh diesem Verteidigungskrieg in seinen Augen zugleich den Charakter eines Kreuzzuges gegen die politische Reaktion. Es ist daher sicher nicht falsch, auch Eisners Bewerbung um den Posten eines Kriegsberichterstatters bei den bayerischen Fronttruppen aus diesem emotionalen Klima heraus zu erklären. Adolf Müller gegenüber hat er wenige Tage nach Kriegsbeginn jedenfalls bekannt, daß mit diesem das schwerste Schicksal über ihn hereingebrochen sei, das einem Menschen seiner Art beschieden sein könne, nämlich „in einem Augenblick weltgeschichtlicher Ereignisse völlig überflüssig zu sein, gar nichts tun zu können, nicht einmal mitgehen zu dürfen und sich totschiessen zu lassen, weil das Hunger und Elend für die Menschen bedeuten würde, die von ihm leben“. Etwas relativiert werden diese Zeilen allerdings dadurch, daß - wie dem Schreiben an Müller ebenfalls zu entnehmen ist - Eisners Bewerbung als Kriegskorrespondent bereits zwei Jahre zuvor zwischen ihm und Müller abgesprochen worden und die Idee dazu ursprünglich von letzterem ausgegangen war. Wenn Eisner bei Müller nun auf einen entsprechenden Vorstoß drängte, so hatte dies auch den Zweck, den Eindruck zu vermeiden, „als ob ich im kritischen Augenblick von den Diensten nichts mehr wüsste, für die ich mich vorher erboten“. Kriegsbegeisterung im eigentlichen Sinne wird man daher aus diesen Zeilen wohl nicht herauslesen können, eher schon die auch andernorts bekundete Überzeugung von der ehernen Notwendigkeit, das westliche Europa gegen den Übergriff des fortschrittsfeindlichen Zarismus zu verteidigen. Das Anliegen, es Bebels Ankündigung gleichzutun, gegen Rußland selber noch die „Flinte auf den Buckel zu nehmen“, mag für Eisner dabei unterschwellig aber ebenso eine Rolle gespielt haben wie der Wunsch, als Sozialdemokrat und Jude, also letztlich als „vaterlandsloser Geselle“, nationale Zuverlässigkeit unter Beweis zu stellen.

Eisners Größe hat zweifellos darin bestanden, daß er seine bei Kriegsausbruch eingenommene Position schon nach kurzer Zeit kritisch hinterfragte und aus den dabei neu gewonnenen Einsichten rasch die Konsequenzen zog“ …

„Die bei Eisner aufkeimenden Zweifel schlugen sich aber nicht sofort in einer veränderten Haltung zum Weltkrieg nieder. Vielmehr blieb er zunächst vom deutschen Verteidigungskrieg gegen Rußland überzeugt. So klagte er noch am 16. August 1914 in einem über das „Arbeiter-Feuilleton“ verbreiteten Artikel die westeuropäischen Staaten an, „dass sie mit dem Zarismus gemeinsam die Vergewaltigung Deutschlands erstreben“. Erst das Bekanntwerden des im Weißbuch unterschlagenen Zarentelegramms vom 29. Juli 1914, in dem Nikolaus Il. eine Behandlung des österreichisch-serbischen Konflikts vor der Haager Konferenz anregte, brachte Eisner nach eigener Darstellung Klarheit. Unter Anlegung des von Jaurès auf dem Amsterdamer Kongreß definierten Kriteriums, Urheber eines Krieges sei derjenige Staat, der sich einer schiedsgerichtlichen Lösung des Konflikts verweigere, konnte Eisner jetzt nur noch zu dem Ergebnis kommen, daß nicht Rußland, sondern das Deutsche Reich den Krieg begonnen hatte. Der Krieg wurde für ihn damit zum deutschen Expansionskrieg und zugleich zu einem „gewaltsame(n) Durchbruchsversuch durch die einkreisende Politik der Ententemächte“. Für Eisner schloß sich damit der Kreis. Die Juli-Krise interpretierte er nun als „Fortsetzung der deutschen Marokko-Offensive“, ja die gesamte deutsche Außenpolitik der Wilhelminischen Ära stellte sich ihm nun als in sich konsequente Abfolge von durch Deutschlands Weltmachtstreben ausgelösten internationalen Konflikten dar.

Wie ein ausführlicher Brief an Wolfgang Heine zu erkennen gibt, war sich Eisner bereits im Februar 1915 seiner Sache ganz sicher, Verlauf und Hintergründe der Julikrise durchschaut zu haben.“

 

Diskussions-Abende in München

 

„Betrachtet man das linksoppositionelle Spektrum Münchens in der Zeit des Ersten Weltkriegs etwas näher, so wird deutlich, daß es seinen institutionellen Rahmen vor allem in zwei völlig unterschiedlich gearteten Einrichtungen fand: zum einen in den sogenannten Diskussionsabenden, die im Dezember 1916 begründet worden waren und allwöchentlich in der Gastwirtschaft „Zum goldenen Anker“ in der Schillerstraße abgehalten wurden, zum anderen im Münchner Ortsverein der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), der im Mai 1917 ins Vereinsregister eingetragen wurde.

Allein die Tatsache, daß Eisner in diesen beiden für die Münchner Pazifistenszene so wichtigen Zirkeln eine führende Rolle zukam, läßt ihn als den eigentlichen Motor der lokalen Antikriegsbewegung erscheinen. Fungierte er bei den Diskussionsabenden als Leiter und Stichwortgeber, so spielte er in der mit politischer Prominenz nicht gerade gesegneten Münchner USPD als Aushängeschild wie auch als geistiges Oberhaupt die maßgebliche Rolle. Auch wenn Eisner, dem aufgrund seiner bitteren Erfahrungen mit dem sozialdemokratischen Establishment das parteipolitische Engagement immer fragwürdiger geworden war, die Errichtung eines USPD-Ortsvereins letztlich wenig bedeutete, so ist nicht zu übersehen, daß ihm beides - die informellen Diskussionsveranstaltungen ebenso wie die vereinsrechtlich definierte Parteiorganisation - erst den notwendigen institutionellen Rückhalt für seine Agitations- und Aufklärungstätigkeit verschaffte. Umgekehrt trugen sein Engagement und seine Anziehungskraft entscheidend dazu bei, die auf der linken Seite des politischen Spektrums angesiedelten pazifistischen Bestrebungen zu integrieren und ihre Kräfte zu bündeln. Januarstreik und Novemberrevolution wären in München so, wie sie abliefen, ohne die Sammlung der Oppositionellen um Eisner wohl nicht denkbar gewesen. Wie kam es dazu und welche Anlagen - so bleibt zu fragen - befähigten gerade Eisner zu dieser Rolle, ihn, der seine Berufung bis zu diesem Zeitpunkt nahezu ausschließlich in der Pressearbeit der Partei gefunden, der nie über ein Mandat verfügt hatte und in der Sozialdemokratie auch sonst keinerlei institutionellen Rückhalt besaß?

Eine Vorbedingung war zweifellos, daß Eisner in seiner Nürnberger Zeit in die Agitationstätigkeit der nordbayerischen SPD mit einbezogen worden war. Rhetorische Fähigkeiten scheinen ihm im Blut gelegen zu haben, doch erst in diesen Jahren hat er, der bis dahin öffentliche Auftritte nach Möglichkeit gemieden hatte, diese Veranlagung entdeckt und gezielt einzusetzen gelernt. Eine weitere Voraussetzung dürfte seine offene und vor allem undogmatische Grundhaltung gewesen sein. Sie erlaubte es ihm, mit Vertretern des gesamten pazifistischen Spektrums, angefangen vom liberalen Bürgertum bis hin zum Anarchismus, ins Gespräch zu kommen. Insbesondere die Kontakte zum linksbürgerlichen Pazifismus erlangten für Eisner eine meist unterschätzte Bedeutung.“ …

„Einen großen Schub erhielt die Jugendarbeit, als Felix Fechenbach, der schon vor Kriegsbeginn als führender Kopf der sozialdemokratischen Jugendlichen auf sich aufmerksam gemacht hatte, nach nicht einmal viermonatigem Frontdienst im Februar 1915 kriegsuntauglich geschrieben wurde. Nun setzte eine verstärkte Politisierung, ja Radikalisierung der Arbeiterjugend ein, die sie in einen massiven Gegensatz zur Münchner Parteiführung brachte. Im selben Maße, in dem die aus der Fronterfahrung ihrer aktivsten Mitglieder gespeisten pazifistischen Bestrebungen in der Jugendorganisation die Oberhand gewannen, mußte die Sektion für die Münchner MSPD zur Belastung werden, da die Parteiführung konsequent an ihrer einmal eingeschlagenen Burgfriedenspolitik festhielt und nicht bereit war, Widerstand hiergegen aus den eigenen Reihen hinzunehmen. Um diesen Tendenzen von vornherein den Nährboden zu entziehen, verabschiedete die Münchner Parteispitze bereits Ende des Jahres 1915 einen Erlaß, demzufolge die Jugendlichen, die das 21. Lebensjahr bereits vollendet hatten, nicht länger an den Veranstaltungen der Jugendsektion teilnehmen durften.

Dies zwang die davon betroffenen Sektionsmitglieder, sich für ihre Zusammenkünfte und Initiativen außerhalb der Partei ein neues Betätigungsfeld zu suchen. Als „geistigen Führer und Lehrer“ hatten sie sich dabei Kurt Eisner ausersehen, der sich bei ihnen in den Monaten zuvor durch literatur- und geistesgeschichtliche Vorträge bereits eingeführt hatte. Die Jugendlichen waren es auch, die Eisner zur Abhaltung regelmäßiger Treffen aufforderten, deren Ziel es laut Felix Fechenbach sein sollte, über politische Tagesereignisse zu diskutieren und dazu Stellung zu nehmen. Eisner hatte allerdings von Anfang an Wert darauf gelegt, daß zu diesen Begegnungen auch Erwachsene zugelassen würden. Und so entstand die Idee der Diskussionsabende als regelmäßiger allwöchentlicher Zusammenkünfte ohne festen Mitgliederkreis, deren einziges Bindemittel „die mächtige politische Überzeugung“ sein sollte. Von da aus erklärt sich auch der eigenartige Charakter dieser Veranstaltungen und die besondere Rolle, die Eisner dabei spielte. Der große Anteil junger und politisch unerfahrener Teilnehmer, der für die Treffen auch in der Folgezeit kennzeichnend blieb, führte letztlich dazu, daß ihm fast zwangsläufig die Rolle des Mentors und Gesprächsleiters zuteil wurde.

Wie die Berichte der auf diesen Versammlungen anwesenden Augenzeugen übereinstimmend erkennen lassen, hat Eisner bei den Treffen nicht nur die Versammlungsleitung ausgeübt, sondern ihnen auch inhaltlich seinen Stempel aufgedrückt. Einen anschaulichen Eindruck vom Ablauf dieser Abende vermitteln etwa die Lebenserinnerungen Oskar Maria Grafs, auf den Eisner den Eindruck eines pensionierten Schulrats oder Professors machte, der von einem Tisch am Kopfende des Versammlungslokales aus die einführende Rede hielt, auf deren Grundlage dann in die Diskussion eingetreten wurde. Diesen Eindruck bestätigt im Kern auch Felix Fechenbach, der sich bereits zu dieser Zeit zu Eisners engsten Vertrauten zählen durfte. Seiner Darstellung zufolge war das Hauptanliegen der Zusammenkünfte „die Erziehung der Teilnehmer zum selbständigen politischen Denken und Urteilen, namentlich zur Emanzipation von dem Lügenschwall der Tagespresse“. Eisner nutzte die Treffen also ganz offensichtlich dazu, seinen Aufklärungskampf mit anderen Mitteln weiter voranzutreiben. Dabei scheint ihm vor allem die Verbreitung und Diskussion von Hintergrundinformationen am Herzen gelegen zu haben, über die er, bedingt durch seine beruflichen Kontakte und eine äußerst intensive Zeitungslektüre, in der linkspazifistischen Szene fast exklusiv verfügte. Die große Mehrzahl der Teilnehmer lernte wohl erst auf diesem Weg einige der entscheidenden Dokumente über die Frage der deutschen Kriegsschuld kennen. Als wichtigste dieser einem allgemeinen Verbreitungsverbot unterliegenden Schriften erwähnt Fechenbach den Muehlon-Brief, die Lichnowsky-Denkschrift, Grellings „J‘accuse“ und das Belgische Graubuch.

So gesehen, wird man die Diskussionsabende auch als eine Fortsetzung der von Eisner in seinen Nürnberger Jahren initiierten Bildungsarbeit und als neuerlichen Ausdruck seines stark ausgeprägten Bildungsdenkens verstehen dürfen, das eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse gerade auch mit pädagogischen Mitteln herbeizuführen trachtete. Man wird sich freilich davor hüten müssen, die Diskussionsabende als bessere Volkshochschulseminare zu betrachten, bei denen Eisner die Rolle des unnahbaren und unantastbaren Dozenten gespielt hätte. Die Funktion des Lehrmeisters war Eisner im Grunde fremd. Auch konnte es ihm nie darum gehen, sich eine blinde Anhängerschaft heranzuziehen und die Teilnehmer auf seine Auffassungen einzuschwören. Erziehung bedeutete für ihn ja gerade Anleitung zum Selbstdenken, zur Kritik und zur Entwicklung eigener Standpunkte. Nach wie vor war Eisner fest davon überzeugt, daß verantwortungsbewußtes politisches Handeln nicht nur Sachkenntnis erforderte, sondern darüber hinaus die Fähigkeit zum kritischen Denken und zur Urteilsbildung voraussetzte. Die Vermittlung dieser Anlagen war ohne Zweifel eines der Hauptmotive der von ihm geleiteten Treffen.

Wenn daher der Meinungsaustausch bei diesen Zusammenkünften von einer grundsätzlichen Übereinstimmung hinsichtlich der Ablehnung des Krieges geprägt war, so lebte er doch gleichzeitig von der Gegensätzlichkeit der Standpunkte in Hinblick auf die daraus zu ziehenden Konsequenzen. Die Lebendigkeit der Diskussionen resultierte dabei nicht zuletzt aus der Beteiligung einiger der besonders profilierten Münchner Anarchisten, die in einigen grundsätzlichen Punkten nicht mit Eisners Auffassungen übereinstimmten. In der Rückschau machte insbesondere Erich Mühsam für sich geltend, Eisners „demokratisch-pazifistischem Standpunkt“ mit Nachdruck entgegengetreten zu sein. Seine Behauptung, er habe Eisners demokratischem Ideal das sozialistische und seiner entente-chauvinistischen Kriegsparteilichkeit einen revolutionären Internationalismus entgegengestellt, wird man zwar nicht allzu wörtlich nehmen dürfen. Sie entsprang wohl eher einem nachträglich entstandenen Rechtfertigungsbedarf als detailgetreuem Erinnerungsvermögen. Die Meinungsvielfalt wird man als Kennzeichen dieser Treffen deswegen aber nicht in Abrede stellen können. Sie war es wohl auch, die die Attraktivität der Diskussionsabende über die weltanschaulichen und ideologischen Grenzen hinweg erst konstituierte.

Die Vielfalt der bei den Treffen vertretenen Anschauungen und Positionen macht auch ein Blick auf den Teilnehmerkreis deutlich. Zweifellos am plastischsten hat dabei Oskar Maria Graf die Umgebung Kurt Eisners geschildert: „Vier oder fünf ganz getreue, rundherum etliche oppositionelle SPD-Proleten, USPDler, Intellektuelle und vor allem kriegsmüde Proletarierinnen, Frauen mit ausgelaugten Gesichtern, zerarbeiteten Händen und entschlossenen Augen“. Dazu kamen: „Syndikalisten und Anarchisten, merkwürdige Menschen mit anthroposophischen Ideen und pazifistische Dichter“. Stellt man neben diese Beschreibung die Namen einiger der bekannteren Persönlichkeiten, die bei den Diskussionsabenden zugegen waren, so wird das von Graf gezeichnete Bild im Kern bestätigt. Schon hier begegnet ein Großteil jener Aktivisten, die im Januarstreik und dann erneut in der Novemberrevolution eine wichtige Rolle spielen sollten. Neben Eisner, Fechenbach und Mühsam wären insbesondere der spätere Sozialminister Johann Unterleitner, der Schriftsteller Ernst Toller und der Mitbegründer der Kommunistischen Partei in München, Johann Kain, zu nennen. Sarah Sonja Lerch, eine gebürtige Polin, die 1905 bei der Revolution in Rußland als Mitglied des Arbeiterrates von Odessa fungiert hatte, läßt sich als Teilnehmerin der Treffen ebenso belegen, wie Mühsams Gegenpart, der Anarchist Josef Sontheimer. Die Besucher dieser Veranstaltungen lassen sich also politisch einem Spektrum zuordnen, das vom gemäßigten Parteigänger der Sozialdemokratie bis zu den Vertretern des Münchner Anarchismus reichte. Hinzu kamen Freigeister wie Oskar Maria Graf, die sich nur schwer einer klar definierbaren weltanschaulichen Richtung zuweisen lassen, die aber, bedingt durch die Ausnahmesituation des Krieges, ebenfalls in dieses Umfeld hineingerieten.

Es war zweifellos Eisners persönliches Verdienst, wenn im Rahmen der Diskussionsabende die keinesfalls selbstverständliche Integration dieses heterogenen politischen Spektrums gelang. Möglich geworden war dies, weil die Treffen auf seinen Wunsch hin keinerlei Zugangsbeschränkungen kannten und freies Rederecht gewährt wurde. Der informelle Charakter der Veranstaltungen erlaubte daher auch jenen die Teilnahme, die ansonsten jeglichem parteipolitischen Engagement von vornherein skeptisch gegenüberstanden. Daß es in München auf diese Weise gelang, unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes einen weitgehend ideologiefreien Raum für einen systemkritischen politischen Diskurs zu schaffen, wird man sicher als kleines Kunststück bezeichnen können.“

 

Gründung der USPD

 

„Mit seiner Skepsis konnte sich Eisner in Gotha freilich nicht durchsetzen. Der Wunsch nach einer klaren Abgrenzung gegenüber der Parteimehrheit, aber auch die Beschneidung ihrer Wirkungsmöglichkeiten durch dieselbe hatten bei der großen Mehrheit der Parteioppositionellen die Überzeugung reifen lassen, daß es zur Parteispaltung im Grunde keine Alternative mehr gab. Eisner mußte einsehen, daß es letztlich zwecklos war, in Bayern einen anderen Weg gehen zu wollen. Entgegen seinen Überzeugungen hat er sich daher dem Mehrheitsvotum gebeugt und die Gründung der neuen Partei mitgetragen. An seine Lebensgefährtin Else Belli schrieb er aus Gotha: „Ich verlasse Gotha mit gemischten Gefühlen. Die Trennung ist vollzogen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auch in München eine eigene Organisation zu gründen. Ich habe bis zuletzt dagegen angekämpft; vergebens. Ob es bei uns besser wird - wer weiß es.“ Wenn Eisner nach seiner Rückkehr die Münchner Parteileitung aufforderte, die Parteikrisis in einer außerordentlichen Generalversammlung zu erörtern, so konnte dies nur noch den Zweck haben, Gelegenheit zu erhalten, für die Anliegen der Minderheit einzutreten. Da diesem Ansinnen vom Vorstand jedoch keine Folge geleistet wurde, versuchte Eisner die Vorwürfe gegen die Parteimehrheit in einem Schreiben an die Münchner Wahlkreiskonferenz zu formulieren: „Indem die sogenannte sozialdemokratische Mehrheit die Kriegspolitik der Regierenden unterstützt, indem sie die deutschen Massen über das Wesen dieses Krieges, über die Ziele eines Bethrnann irregeführt, indem sie endlich Agentendienste für jene vorgetäuschten Friedensbestrebungen der deutschen Regierung leistet, die in Wahrheit nur eine listige Form ihrer Kriegs- und Eroberungspolitik sind, übernimmt diese Sozialdemokratie die Verantwortung für die Fortsetzung der Menschenschlächterei, versperrt sie den einzigen Weg zum Frieden ... Von Anbeginn hat die deutsche Sozialdemokratie das deutsche Volk über Ursachen und Zwecke des Krieges getäuscht, den eine kleine Gruppe von deutschen Militaristen und Annexionisten herbeigeführt hat …“

 

Januar-Sreik 1918 und die Rolle der SPD

 

„… Die beiden Sammelpunkte stellten zugleich das Reservoir dar, aus dem Eisner die Mitstreiter für seine spektakuläre Protestaktion Ende Januar 1918 und für die Revolution im November desselben Jahres rekrutierte. Denn auch die nach Köpfen kleine Schar seiner treuesten Anhänger stammte aus dem sich vielfach überlappenden Umfeld der Diskussionsabende und der Münchner USPD.

Im Kern handelte es sich dabei um jene Jugendlichen, die ihn schon zur Abhaltung der Diskussionsveranstaltungen aufgefordert hatten. Ergänzt wurde dieser Kreis durch eine Reihe meist gleichfalls noch sehr junger Frontheimkehrer. Ihnen allen war die Erfahrung des Krieges gemeinsam und viele von ihnen hatte erst das Kriegserlebnis zu Pazifisten gemacht. Ernst Toller, der seinen Gesinnungswandel vom begeisterten Kriegsfreiwilligen zum radikalen Kriegsgegner in seiner Autobiographie ausführlich geschildert hat, ist dafür wohl ein gutes Beispiel. Wie er waren zweifellos auch die übrigen Jugendlichen aus Eisners Gefolgschaft desillusioniert aus dem Krieg zurückgekehrt. Mit ihren Idealen waren ihnen auch die überkommenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse fragwürdig geworden. Auf ihrer Suche nach neuer Orientierung und neuen Leitbildern fanden sie in Eisner einen der wenigen integren Systemkritiker, einen Mann zudem, der außer der Verdammung des Alten zugleich eine neue Perspektive anzubieten hatte und Wege und Mittel benannte, um dorthin zu gelangen. Und anders als seine Mitstreiter und Kritiker aus dem anarchistischen Umfeld hat Eisner seinen Worten auch Taten folgen lassen. Diesen „Mut zur Verantwortung, zur politischen Tat, zur sozialistischen Verwirklichung“, der ihn laut Toller in besonderm Maße auszeichnete, stellte Eisner in Januarstreik und Revolution eindrucksvoll unter Beweis.

Fragt man sich daher, welche besonderen Eigenschaften Eisners Sonderstellung innerhalb der Münchner Pazifistenszene konstituierten, so sind die Konsequenz und Unerschrockenheit, mit der er für einen raschen Frieden kämpfte, aber auch seine Handlungsbereitschaft als die ausschlaggebenden Momente hervorzuheben. Was ihn dabei zuvorderst auszeichnete, war sein Durchhaltevermögen. Weder materielle Not noch Gesinnungsdruck vermochten ihn von seinem Weg abzubringen, den er nach anfänglicher Unsicherheit als den richtigen erkannt hatte. Erleichtert wurde Eisner die Organisation des Widerstandes, die Suche nach Mitstreitern und Anhängern, aber auch durch seinen zutiefst antidogmatischen Standpunkt. Dieser führte nicht nur die politische Linke, die vom gemäßigten Sozialdemokraten bis zum radikalen Anarchismus reichte, in den von ihm geleiteten Diskussionsabenden zusammen, sondern gestattete ihm auch enge Kontakte zur bürgerlichen Pazifistenszene.

Entscheidend war freilich etwas anderes. Im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Mitstreiter aus den Reihen der Arbeiterbewegung, anders aber auch als die Anarchisten, die sich in seinem Umfeld aufhielten, hatte Eisner von dem Moment an, da er sich von Deutschlands Kriegsschuld überzeugt hatte, nicht nur ein klares Ziel vor Augen, sondern auch eine Vorstellung von dem Weg, auf dem dieses zu erreichen war. Wichtig ist dabei, festzuhalten, daß sich sein Bestreben keineswegs in der Beendigung des Krieges erschöpfte. Mit der Wiederherstellung des Friedens mußte, davon war er fest überzeugt, die Aburteilung der Urheber des Krieges und ihre Entfernung von den Schalthebeln der Macht einhergehen. Zugleich war aber auch das Herrschaftssystem zu beseitigen, das solchen Machtmißbrauch zugelassen hatte. Die Monarchie mußte einer demokratischen Grundordnung weichen, sollte eine Neuauflage des europäischen Völkerkriegs in Zukunft verhindert werden. Der einzige Weg dorthin führte, wie Eisner glaubte, über die Machtergreifung durch das Proletariat, über die Revolution. Eisners Sonderstellung innerhalb der Münchner Pazifistenszene machte es aus, daß es ihm tatsächlich gelang, diese Erkenntnis in politisches Handeln umzusetzen. Bereits der Januarstreik des Jahres 1918 machte deutlich, daß er bereit und in der Lage war, seinen Worten trotz widrigster Bedingungen und unter enormem persönlichen Risiko auch Taten folgen zu lassen.“ …

„Mit dem Januarstreik des Jahres 1918 wurde die von Eisner herbeigesehnte Massenaktion endlich Realität. Für ihn und seine Anhänger bedeutete sie die Probe aufs Exempel. Würde die Arbeiterschaft in den Rüstungsbetrieben dem Streikaufruf der Unabhängigen folgen? War unter den Bedingungen des Kriegsrechts eine breit angelegte Protestaktion überhaupt durchführbar? Mit Erfolg oder Mißerfolg dieses Vorhabens stand für Eisner zugleich das moralische Recht der deutschen Arbeiterbewegung auf dem Spiel, weiterhin Anspruch auf gleichberechtigte Mitsprache im Rahmen der Sozialistischen Internationale erheben zu können. Auch die Tatsache, daß er den Januarstreik rückblickend als die „revolutionärste Revolution“ bezeichnete und ihn damit noch über den erfolgreichen Umsturz vom 7. November desselben Jahres stellte, macht deutlich, welch hohen Stellenwert er dieser Aktion auch auf lange Sicht beimaß. Eisner sah in dem Massenstreik einen entscheidenden Beitrag der deutschen Arbeiter zum Kampf um einen Frieden ohne Annektionen und Kontributionen. Nach Kriegsende sollte er daraus das Recht ableiten, als Sprecher des besseren, des durch die deutsche Kriegspolitik nicht belasteten Deutschland auftreten zu können, um von Deutschlands Kriegsgegnern eine Unterstützung der neu geschaffenen politischen Ordnung und humane Friedensbedingungen zu erbitten. Aber waren dieser Anspruch und die Selbstbestätigung, die Eisner aus dem Streik ableitete, tatsächlich berechtigt?

Zunächst ist zu betonen, daß es sich beim Januarstreik des Jahres 1918 keineswegs um ein München-spezifisches Ereignis handelte. Vielmehr legten Ende Januar 1918 im ganzen Deutschen Reich hunderttausende von Rüstungsarbeitern ihre Arbeit nieder, um für einen sofortigen Friedensschluß zu demonstrieren. Äußerer Anlaß dafür war die Tatsache, daß die von seiten der deutschen Bevölkerung mit großen Erwartungen verknüpften Friedensverhandlungen mit Rußland, die in Brest-Litowsk geführt wurden, ins Stocken geraten waren. Als daraufhin die Arbeiterschaft in Österreich-Ungarn in großer Zahl die Arbeit niederlegte, um so für eine rasche Beendigung des Krieges zu demonstrieren, wurde auch im deutschen Proletariat die Unzufriedenheit immer deutlicher spürbar. Mit den von der USPD koordinierten, in diesem Umfang kaum für möglich gehaltenen Streikaktionen erreichte auch die deutsche Friedensbewegung ein neues Niveau. Läßt man die begrenzten Ausstände vom Juni 1916 und April 1917 einmal außer Acht, war damit erstmals klar und deutlich unter Beweis gestellt worden, daß der Wunsch nach einem schnellen und bedingungslosen Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen keineswegs nur den Köpfen einiger weniger sektiererischer Pazifisten entsprang.

Die Friedensaktion der Münchner Arbeiterschaft, die sich ebenfalls in großem Umfang an den Demonstrationen beteiligte, war so gesehen also nur eine unter vielen. So leitete Eisner die Befriedigung und Selbstbestätigung, die er aus dem Januarstreik zog, auch nicht allein aus seiner führenden Rolle im Rahmen der Münchner Kundgebungen ab. Vielmehr legte er immer Wert darauf, schon frühzeitig eine solche Aktion gefordert zu haben und auch an dem konkreten Streikbeschluß, der in Berlin getroffen wurde, beteiligt gewesen zu sein. Tatsächlich hielt sich Eisner im unmittelbaren Vorfeld des Januarstreiks zweimal in Berlin auf. Bereits Mitte Dezember 1917 führte ihn die Regelung persönlicher Angelegenheiten für mehrere Tage in die Reichshauptstadt. Dies gab ihm Gelegenheit, sich mit einer Reihe politischer Mitstreiter und mit Abgeordneten der USPD zu treffen, um über die aktuelle Lage zu sprechen. Bei diesen Unterredungen sei man - wie Eisner im Rahmen des nach Streikende gegen ihn eingeleiteten Landesverratsprozesses aussagte - auch auf den allgemeinen Massenstreik zu sprechen gekommen. Ihm sei übereinstimmend mitgeteilt worden, daß die Massen im November zwar sehr erregt gewesen seien, daß sich nun aber unter ihnen eine allgemeine Erschöpfung bemerkbar mache. Für einen allgemeinen Streik seien sie nicht zu haben. Nach Einleitung der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk habe vielmehr das Gefühl Platz gegriffen, daß ein allgemeiner Friede in Aussicht stehe und daß besondere Anstrengungen von ihrer Seite zu dessen Herbeiführung nicht mehr nötig seien. Diese Auffassung habe er, Eisner, lebhaft bestritten und erklärt, daß nach seiner Kenntnis der Massen unter ihnen ein lebhaftes Bedürfnis nach einer idealistischen Aktion bestehe und daß es die Schuld der Führer selbst sei, die zu einer Aktion nicht das nötige Vertrauen hätten, wenn bis zu diesem Zeitpunkt diese Aktion unterblieben sei.

Nimmt man die publizistischen Äußerungen Eisners zur Frage des Brest-Litowsker Friedens hinzu, so ist davon auszugehen, daß er tatsächlich bereits zu diesem Zeitpunkt die letzte Gelegenheit für einen Befreiungsschlag des deutschen Proletariats gekommen sah. Zwar hatte in Rußland die Revolution gesiegt, doch die Bereitschaft der Bolschewiki, einen Sonderfrieden abzuschließen, drohte nach Eisners Lagebeurteilung den Krieg eher zu verlängern als zu verkürzen. Die deutsche Militärführung konnte sich bei einem Separatfrieden mit Rußland nämlich nicht nur Hoffnungen auf zusätzliche Nachschublieferungen machen, sondern bekam zugleich Truppen frei, die sie - darin war sich Eisner sicher - umgehend für eine neue West-Offensive nutzen würde, um auch auf diesem Kriegsschauplatz eine militärische Entscheidung herbeizuführen, ehe die Vereinigten Staaten in den Krieg eingreifen konnten. Gerade weil Eisner nach wie vor nicht mit einem deutschen Sieg rechnete, war er offensichtlich der festen Überzeugung, daß nach dem Ende dieser Offensive, der Zeitpunkt für eine glaubwürdige, auch das Proletariat der feindlichen Länder aufrüttelnde Aktion für immer vorbei war.“ …

„Damit machte die Versammlung eher die isolierte Stellung der Münchner Unabhängigen deutlich, als daß sie der geplanten Aktion zu einem mitreißenden Auftakt verholfen hätte. Vor allem wurde dadurch klar erkennbar, daß es Eisner und der USPD bis dahin nicht gelungen war, Kontakte zu den Münchner Rüstungsbetrieben aufzubauen. Eisner hat dieses Versäumnis bei den staatsanwaltschafilichen Vernehmungen, die seiner Verhaftung am 31. Januar folgten, selbst eingeräumt: „Er habe beabsichtigt, den hiesigen Streik zu organisieren, doch sei er hierzu mangels genügender Verbindungen mit den Arbeitern der großen Betriebe nicht in der Lage gewesen“. Bestätigt wird diese Aussage auch von seinem Mitstreiter Felix Fechenbach, der in seiner 1929 veröffentlichten Eisner-Biographie schrieb: „Bis zum Januarstreik hatte die USPD in München keine direkte organisatorische Fühlung mit den Betrieben, wenn auch vereinzelte Krupp-Arbeiter zuweilen Besucher der Diskussionsabende waren“. Die fehlenden Kontakte zur Betriebsebene dürften einer der entscheidenden Gründe dafür gewesen sein, daß es Eisner letztlich nicht gelang, die Münchner Arbeiterschaft, wie geplant, am 28. Januar auf die Straße zu bringen. Erst am 31. dieses Monats traten mit zweitägiger Verspätung auch hier die Rüstungsarbeiter in den Streik ein.

Daß es überhaupt zu größeren Arbeitsniederlegungen kam, ergab sich in erster Linie daraus, daß an der Versammlung in den Kolosseumsbierhallen einige Vertrauensleute der Krupparbeiter teilnahmen, die Eisner im Anschluß an die Kundgebung aufforderten, tags darauf in der von den Gewerkschaften und der Münchner Mehrheitssozialdemokratie für diesen Zeitpunkt einberufenen Betriebsversammlung zu sprechen. Erst dadurch fanden Eisner und seine Helfer den unabdingbaren Kontakt zu den Arbeitern der Münchner Rüstungsindustrie. Ohne den Impuls, der ihnen aus den Kruppwerken zuhilfe kam, hätten alle Anstrengungen der Unabhängigen wohl wenig gefruchtet. Die Betriebsversammlung der Krupparbeiter am 28. Januar 1918 erlangte daher eine für den weiteren Streikverlauf ausschlaggebende Bedeutung. Sie zeigte freilich auch, daß die Befürworter des Ausstands mit dem erbitterten Widerstand der Gewerkschaften und der Mehrheitssozialdemokratie zu rechnen hatten, die all ihren Einfluß auf die Arbeiterschaft geltend machten, um in München einen Ausstand zu verhindern. Dahinter steckte nicht nur die Befürchtung, der Streik könne die deutsche Kriegsführung schwächen, sondern zugleich die Angst, die durch die bedingungslose Unterstützung der Vaterlandsverteidigung erworbene Reputation und Anerkennung könnten darunter leiden.“ …

„Unter dem Eindruck dieser rhetorischen Erfolge war Eisner daher sogar der festen Überzeugung, daß der Streik noch hätte erheblich ausgeweitet werden können, wenn er nicht in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar zusammen mit fünf anderen Unabhängigen, die sich ebenfalls führend an der Streikagitation beteiligt hatten, verhaftet worden wäre. „Hätte man mir noch zwei Tage Zeit gelassen,“ - so vertraute er seinem Gefängnistagebuch an - „mit geistigen Waffen vor den Massen die Wahrheit zu erkämpfen, das ganze Proletariat wäre gewonnen worden“.

Spätestens nach der Verhaftung Eisners, den die Staatsanwaltschaft zutreffend als den „geistigen Leiter und Organisator der Ausstandsbewegung in München“ ausgemacht hatte, waren diese Absichten jedoch illusionär geworden. Zwar traten nun an seiner Stelle und an der seiner ebenfalls verhafteten Mitstreiter andere Unabhängige wie Richard Kämpfer, Friedrich Schröder und Ernst Toller an die Spitze der Bewegung, doch vermochten sie die Lücke, die die Festnahme Eisners hinterlassen hatte, nicht annähernd auszufüllen. Der Ausstand, der nun mehr und mehr darauf abzielte, die verhafteten Streikführer freizubekommen, schleppte sich zwar noch bis zum 2. Februar hin, das Streikpotential begann aber bereits merklich abzubröckeln. Auch gewannen MSPD und Gewerkschaften langsam wieder ihren Einfluß auf die Münchner Arbeiterschaft zurück, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der Ausstand wieder in friedliche Bahnen gelenkt werden konnte. Bereits am Montag, den 3. Februar 1918, wurde die Arbeit allgemein wieder aufgenommen, obwohl man den Streikenden in Hinblick auf die Freilassung der Inhaftierten letztlich nur äußerst vage Aussichten gemacht hatte. Indem sich die Führer der MSPD, die zunächst von der Streikbewegung überrollt worden waren, nach dem Abschluß der Aktionen zu den Wortführern gegenüber Regierung und Polizeibehörden aufwarfen, gelang es ihnen nicht nur, ihre destruktive Haltung an den ersten Streiktagen vergessen zu machen, sondern zugleich die Kontrolle über die Arbeiterschaft der Münchner Rüstungsbetriebe wiederzuerlangen. In diese Richtung zielten auch die Bemühungen der MSPD, die bis dahin nur spärlich ausgebauten Kontakte zu den Rüstungsarbeitern zu intensivieren und zu institutionalisieren. Die Erfolge, die sie dabei zu verbuchen hatte, trugen ebenfalls dazu bei, daß ihre Spitzenfunktionäre, die die Streikbewegung anfänglich als schwere Schmach empfinden mußten, auf lange Sicht als deren eigentliche Gewinner anzusehen waren.

Es ist wichtig, zu betonen, daß die Glaubwürdigkeit der Mehrheitssozialdemokratie, für deren ablehnende Einstellung zum Streik Eisner im Nachhinein böse Worte fand, genau genommen zu keinem Zeitpunkt wirklich ernsthaft erschüttert worden war. Dies und die Tatsache, daß der Streik anders als geplant ohne greifbares Ergebnis endete, macht erst die Grenzen deutlich, die der Massenaktion von Anfang an gesetzt waren.“ …

„Während der Einzugsbereich der Diskussionsabende sich in einer Größenordnung von etwas über hundert Teilnehmern bewegte und die Münchner USPD bis zu diesem Zeitpunkt mit etwa sechshundert Mitgliedern ebenfalls nur ein Schattendasein fristete, folgten den Münchner Kriegsgegnern in den Streiktagen zwischen dem 31. Januar und dem 3. Februar beinahe zehntausend Demonstranten auf die Straße. Unter Eisners Führung hatte die Münchner USPD, die in der bayerischen Landeshauptstadt unbestritten als die eigentliche Trägerin des Ausstandes auftrat, damit erstmals über ihr engeres Umfeld hinaus auf sich aufmerksam gemacht.

Insbesondere Kurt Eisner hat - wie seinem Gefängnistagebuch zu entnehmen ist - aus den agitatorischen Erfolgen in den Betriebsversammlungen der Münchner Rüstungsunternehmen Kraft, Antrieb und vor allem Selbstvertrauen in seine rhetorischen Fähigkeiten mitgenommen: „Es waren“ - so lauteten bezeichnenderweise die ersten Sätze des Gefängnistagebuchs - „die schönsten Tage meines Daseins, die Tage der Erhebung, des Kampfes. Ich sah wieder Menschenseelen, nicht nur Tiermägen. Und ich konnte an all dem Großen mithelfen. Seit Kriegsbeginn trage ich ganz einsam meinen Glauben an die Masse - auch in Deutschland ... Nun hat sich in einer einzigen Woche mein Glaube wieder erheben können. Das deutsche Proletariat ist wieder aus hoffnungsloser Starre erwacht. Die Bewegung, einmal bewußt geworden, kann nicht mehr aufhören; sie muß wachsen, sich steigern, endlich siegen. Im deutschen Proletariat liegt von Anfang an die Lösung des Weltkriegs.“ Dieser psychologische Effekt war es wohl auch, der ihn Ende Oktober, Anfang November 1918 dazu beflügelte, unter völlig veränderten Bedingungen wiederum eine im Grunde ganz ähnlich angelegte Massenaktion in die Wege zu leiten. Das Selbstbewußtsein, das er und seine engsten Anhänger zu diesem Zeitpunkt erneut an den Tag legten, war bei einer nüchternen Abwägung der eigenen Möglichkeiten sicher nicht gerechtfertigt und ist, so gesehen, nur unter Berücksichtigung der Erfahrungen der Januarstreikaktionen ganz zu verstehen.

Als folgenreich sollte sich auch eine andere Erfahrung der Januarstreiktage erweisen. Der Widerstand, den MSPD und Gewerkschaften dem Streik entgegenbrachten, bestätigte nach Eisners eigenem Bekunden seine „alten Anschauungen über die Verkehrtheit der deutschen Arbeiterorganisation“ und verstärkte sie zur völligen Gewißheit. Auch muß er spätestens zu diesem Zeitpunkt eingesehen haben, daß sein langjähriger Einsatz für den reformistischen Kurs der bayerischen Sozialdemokratie einer fatalen Fehleinschätzung ihres Selbstverständnisses und ihrer Ziele entsprungen war. Die schleichende Aushöhlung des revolutionären Anspruchs und die Anpassung an die herrschenden Verhältnisse hatte er in der Zeit vor dem Weltkrieg nicht erkannt oder nicht wahrhaben wollen. Spätestens jetzt konnte er sich auch in dieser Hinsicht keinen Illusionen mehr hingeben.“ …

„Eisner kehrte nun umgehend zu seiner durch die Inhaftierung unterbrochenen politischen Agitation zurück. Sein größter Gegenspieler war dabei erneut Erhard Auer, den die Mehrheitssozialdemokraten nicht nur zum neuen Landesvorsitzenden berufen, sondern auch als Kandidaten für das frei gewordene Reichstagsmandat auserkoren hatten. Damit zeichnete sich schon früh ab, daß der bereits im Rahmen des Januarstreiks zu Tage getretene erbitterte Konflikt zwischen den beiden sozialdemokratischen Parteien und ihren führenden Protagonisten eine Neuauflage erleben würde. Wie im Januar so schätzte Auer die Erfolgsaussichten Eisners freilich auch jetzt wieder sehr gering ein. So glaubte er, die bayerische Staatsregierung, die sich aus Sorge über die Folgen von Eisners Freilassung an ihn gewandt hatte, beruhigen zu können. Obwohl er unterstellte, daß das „jüdische Geld“ für den Glaubensgenossen Eisner wieder sehr tätig sein werde, taxierte er die Zahl der echten USPD-Mitglieder in München auf höchsten 300, die Wählerstimmen, die sie und ihre Mitläufer aufbringen konnten, auf maximal 2.000. Um Eisner freilich keinen zusätzlichen Auftrieb zu geben, hielt es Auer für wünschenswert, daß bis zum Wahltermin nicht etwa die Verhandlung gegen ihn durchgeführt werde, denn der Prozeß würde sicher von den Unabhängigen und von den Juden ausgebeutet werden. Aussagen wie diese lassen erkennen, daß die engen Kontakte zwischen der Parteispitze der bayerischen MSPD und der Staatsregierung weiterbestanden, ja sich im Laufe des Krieges sogar noch intensiviert hatten. Auer, dessen Haß auf Eisner sich im antisemitischen Einschlag seiner Äußerungen in aller Deutlichkeit manifestierte, konnte daher in den letzten Kriegsjahren der Auffassung sein, einen nennenswerten Einfluß auf die Landespolitik zu besitzen und damit auch auf Zugeständnisse bei der angestrebten Demokratisierung rechnen zu können. Kein Wunder also, daß er eine Revolution, wie sie Eisner vorschwebte, als Gefahr für das bereits Erreichte ansah und im Vorfeld des 7 . November alles unternahm, um eine ähnliche Eskalation der politischen Lage wie beim Januarstreik zu vermeiden.

Insgesamt gesehen war sich der Parteiführer der bayerischen MSPD dabei seiner Sache sehr sicher. Und er hatte dafür zweifellos gute Gründe. Die Fehler und Defizite, die Mehrheitssozialdemokratie und Gewerkschaften beim Januarstreik offenbart hatten, waren behoben worden. Insbesondere war es gelungen, die Kontakte zu den Rüstungsbetrieben zu intensivieren. Da die profiliertesten Verfechter einer Streikbeteiligung in den Betrieben verhaftet oder zum Heeresdienst eingezogen worden waren, konnten deren Arbeiterausschüsse wieder unter Kontrolle gebracht werden. Daß es Eisner erneut gelingen würde, gegen ihren Willen nennenswerte Teile der Arbeiterschaft zu mobilisieren, hielten Auer und seine Mitstreiter deshalb für ausgeschlossen.“ …

„Traut man der Darstellung Felix Fechenbachs, dann kündigte Eisner bereits auf einer Kundgebung vom 5. November die Revolution erstmals auch offen an: „Nur noch kurze Zeit. Aber ich setze meinen Kopf zum Pfande, ehe 48 Stunden verstreichen, steht München auf!“ Mit diesen Worten versuchte Eisner die revolutionäre Stimmung, die sich nach Bekanntwerden der Kieler Matrosenrevolte seiner Anhängerschaft bemächtigt hatte, noch einmal zu dämpfen. Gleichzeitig setzte er sich dadurch aber auch einem enormen Erwartungsdruck aus.

Welche Ziele - so ist aber zu fragen - verfolgte Eisner mit seinem revolutionären Vorhaben überhaupt? War nicht vieles von dem, was er forderte, längst auf den Weg gebracht worden? Die Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten hatten bereits begonnen, und selbst die von Eisner immer wieder geforderte Parlamentarisierung schritt sowohl auf Reichsebene wie auch in Bayern voran. Bayerns Ministerpräsident Otto von Dandl hatte sogar schon den Auftrag erhalten, eine neue Regierung zu bilden, in der die Mehrheitssozialdemokraten zwei Minister stellen sollten. Waren damit nicht die wichtigsten Ziele der Antikriegsbewegung erreicht worden? Wozu nun noch eine Revolution?

Für Eisner stellte sich diese Frage nicht. Schon vor seiner Haftentlassung stand für ihn fest, daß es mit dem Friedensschluß und einer vordergründigen Parlamentarisierung nicht getan war. Nicht nur das verhaßte System mußte restlos verschwinden, sondern mit ihm auch seine Repräsentanten, diejenigen, die für das vier Jahre währende sinnlose Morden die Verantwortung trugen. Eine Einlösung dieser Forderung zeichnete sich freilich nicht ab. Die Mehrzahl der führenden Militärs und der Spitzenbeamten in Reich und Ländern befand sich ebenso noch in Amt und Würden wie der deutsche Kaiser und die Landesfürsten, die Symbole einer expansiven Außen- und einer undemokratischen Innenpolitik. Eisner hielt es für undenkbar, daß - wie er es kurz vor seiner Haftentlassung ausdrückte - die Herrschenden Deutschlands ohne irgend eine Volksbewegung plötzlich dem Volke hinter seinem Rücken die Herrschaft überließen: „Das Gerede von der deutschen Demokratie, von der Volksregierung, von der Volksherrschaft ist eitel Schwindel. Nicht das Mindeste hat sich geändert, gar nichts ist erreicht worden. Die Regierungssozialisten, die bisher geheime Regierungsagenten waren, sind nun offen in die bankrotte Firma eingetreten. Das ist alles.“ Für Eisner stand schon zu diesem Zeitpunkt fest, daß damit nur die Verantwortung für den Ausgang des Krieges und den ungünstigen Friedensschluß aufs Parlament abgewälzt werden sollte.

Indem sich Eisners Aktion gegen die alte Ordnung richtete, war sie aber zugleich ein weiterer Versuch, auf internationaler Ebene neues Vertrauen zu gewinnen. Der rigorose Bruch mit den alten Mächten sollte die Kriegsgegner von der Aufrichtigkeit des Gesinnungswandels überzeugen, der - wie Eisner fest annahm - in Deutschland Platz gegriffen hatte. Daß die Mehrheitssozialdemokraten nicht geeignet waren, das Vertrauen und die Verhandlungsneigung der feindlichen Regierungen zu verstärken, stand für ihn aber gleichfalls außer Frage ...“

 

Die Revolution ist da!

 

„Eine weitere Parallele zum Januarstreik war es, daß die Führung der MSPD auch diesmal wieder überzeugt war, die Zügel fest in der Hand zu halten. Und wie im Januar stand sie auch diesmal Eisner und seinen Plänen ablehnend gegenüber. Im Unterschied zu damals setzte sie bei ihrem Kampf gegen den revolutionären Umsturz nun aber eher auf Kooperation als auf Konfrontation, darauf also, daß Eisner dem Übergewicht der organisierten Arbeiter wenig entgegenzusetzen haben würde. Die Bereitschaft zur Mitwirkung an der Einigung der Münchner Arbeiterschaft war dafür ein erstes Indiz. Nur so läßt sich aber auch die Einwilligung von MSPD und Gewerkschaften erklären, zusammen mit den Unabhängigen für den 7. November zu einer groß angelegten gemeinsamen Friedenskundgebung auf der Theresienwiese aufzurufen. Sie erst sicherte der Demonstration die von den Chronisten verzeichnete gewaltige Massenbeteiligung. Aus Sicht der Mehrheitssozialdemokratie war sie aber letztlich nichts anderes als der Versuch, Eisner und seine Anhängerschaft durch die Überzahl der organisierten und wie man sicher zu wissen glaubte zuverlässigen Arbeiterbataillone zu majorisieren, ihn an die Wand zu drücken. Daß die Parteiführung keine Angst davor hatte, von Eisner erneut düpiert zu werden, machte Auer am Tag vor der Großveranstaltung gegenüber den designierten Ministern des Kabinetts Dandl deutlich: „Reden sie doch nicht immer von Eisner, Eisner ist erledigt. Sie dürfen sich darauf verlassen. Wir haben unsere Leute in der Hand. Ich gehe selbst mit dem Zug. Es geschieht gar nichts.“ Wie schon im Januar kalkulierte die Führung der MSPD im Prinzip richtig. Was den Großteil der Demonstranten, die am 7. November auf der Theresienwiese erschienen waren, anbelangt, verlief die Kundgebung genau so, wie es sich Auer vorgestellt hatte. Sozialdemokraten und Gewerkschafter marschierten geschlossen an, ihre Führer hielten die vorher abgesprochenen Reden und ließen über eine Resolution abstimmen. Danach formierten sich die Teilnehmer zur großen Friedensdemonstration, die in vollkommenster Disziplin zum Friedensengel marschierte und sich dort auflöste. Daß Eisner in der Zwischenzeit mit einer vergleichsweise kleinen Schar zum Sturm auf die Kasernen angesetzt hatte, blieb den meisten Demonstranten verborgen.

Die Ursache dafür ist nicht zuletzt darin zu sehen, daß aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten mehrere Redner parallel zueinander ihre Ansprachen hielten. Die zwangsläufige Folge war, daß jeder Redner seine eigene Gefolgschaft um sich versammelte. Wie Karl Alexander von Müller berichtet, hatten die Anführer der Unabhängigen ihre Kundgebung sogar schon begonnen, als die ersten Züge der Mehrheitssozialisten auf der Theresienwiese erschienen. Kürt Eisners Standort lag dabei ganz am Rande des Geschehens, weit entfernt von der Hauptkundgebung, die Auer auf den Stufen der Bavaria abhielt. Von Bedeutung ist ferner die von einer Reihe von Zeitzeugen gemachte Beobachtung, daß sich vor allem Soldaten in großer Zahl um Eisner scharten. Müller fielen „neben vielen Soldaten“ auch „die ungewohnten Uniformen von Matrosen“ auf und Fechenbach berichtet, daß sich die Militärangehörigen ganz gezielt bei Eisner gesammelt hätten. Sprecher in diesem Abschnitt der Kundgebung seien Eisner, Ludwig Gandorfer und er, Fechenbach selbst, gewesen. Im Anschluß an seine Vorredner habe er das Wort ergriffen.und die Zuhörer zum Sturm auf die Kasernen aufgerufen: „Soldaten! auf in die Kasernen! Befreien wir unsere Kameraden! Es lebe die Revolution!“ Diese Darstellung wird durch weitere Zeitzeugenberichte und durch eine auf der Basis von Aktenmaterial verfaßte Denkschrift des damaligen Innenministers Friedrich von Brettreich bestätigt: „Um 3 ½ Uhr meldete der Polizeipräsident am Fernsprecher dem Minister des Innern, daß bei der Versammlung Kurt Eisner mit etwa 1.000 Soldaten und Matrosen in Uniform erschienen sei, diese hätten sich auf ein Zeichen gesammelt, rote Fahnen entfaltet und seien geschlossen den Abhang der Theresienwiese herabgestürmt.“ Eisners Gefolgschaft beim Sturm auf die Kasernen umfaßte also nur einen Bruchteil der auf eine Gesamtzahl von 50.000 Teilnehmer geschätzten Kundgebung und bestand überwiegend aus Heeresangehörigen. Dies erklärt auch, weshalb die Münchner Garnisonen ohne großes Zögern zu den Streikenden überliefen, sobald diese vor den Toren der Kasernen erschienen.

Auf einen Nenner gebracht, heißt das, daß am 7. November die Soldaten der Münchner Garnisonen der ausschlaggebende Faktor waren. Möglicherweise rissen sie einen Teil der umstehenden Arbeiter mit sich, doch stand und fiel das ganze Vorhaben mit ihrer Bereitschaft, sich der Revolution anzuschließen. Damit gibt es auch eine plausible Erklärung für die erneute Fehlkalkulation, der MSPD- und Gewerkschaftsfunktionäre zum Opfer fielen. Sie hatten offenbar keineswegs damit gerechnet, daß Eisner seine Anhänger unter den Soldaten finden würde. Schließlich hatte Kriegsminister Philipp von Hellingrath dem Führer der Mehrheitssozialdemokraten, Erhard Auer, in den zurückliegenden Tagen mehrfach versichert, er habe die Armee als Ganzes fest in der Hand. Das Gegenteil war aber richtig: dafür gab es längst warnende Hinweise. So hatten die nachgeordneten Polizeidienststellen mehrfach festgestellt, daß sich Disziplinlosigkeit und Unbotmäßigkeit unter den Soldaten breit machten und daß es Eisner gelang, in wachsender Zahl Anhänger bei den Ersatztruppenteilen zu finden. Ständig wiederholte Anfragen bei den militärischen Dienststellen über die Zuverlässigkeit der Truppen wurden aber bis zuletzt immer wieder mit beruhigenden Auskünften beschieden.

Erst als im Verlauf des 7. November ständig neue Hiobsbotschaften bei den Behörden eintrafen, wurde die verheerende Stimmung in den Kasernen unübersehbar. Im Munitionsdepot der Minenwerferabteilung war eingebrochen und eine große Zahl von Handgranaten gestohlen worden. Ein Polizeispitzel meldete, daß die Soldaten der Kraftfahrerersatzabteilung unter keinen Umständen bereit seien, auf Zivilisten zu schießen und sogar einen Fluchtweg präpariert hätten. „Der Wachtmeister gewann ... den Eindruck, daß bei den Soldaten die irrtümliche Auffassung bestehe, als müßten sie gegen die Mehrheitssozialisten einschreiten und daß sie nicht genügend darüber unterrichtet seien, daß die militärische Macht nur gegen den gewaltsamen Umsturz aufgeboten werde, den die Mehrheitssozialdemokratie selbst verwerfe und bekämpfe.“ Wieder andere Meldungen besagten, daß bei verschiedenen Truppenteilen den vorbeikommenden Passanten zugerufen werde, die Mannschaften seien nicht bereit, auf Zivilisten zu schießen, und würden derartige Befehle verweigern. Die Folgen sind mittlerweile bestens bekannt. Der Zug der Revolutionäre stieß nirgends auf Widerstand. Aus den Kasernen und auf den Straßen erhielt er ständig neuen Zulauf. Da zur Verteidigung der Monarchie ausreichende Kräfte nicht herbeigeholt werden konnten, waren in kürzester Zeit vollendete Tatsachen geschaffen.

Die gerade beschriebenen Details legen also eine Schlußfolgerung nahe, die in der bisherigen Forschung meist zu wenig beachtet wird. Die Gefolgschaft Eisners vom November 1918 unterschied sich grundsätzlich von dem Protestpotential, das er und seine Mitstreiter in der Januarstreikbewegung angesprochen hatten. Während die Soldaten damals praktisch keine Rolle gespielt hatten, stellten sie im November die Kernmannschaft für den Umsturz. Daß gerade sie den revolutionären Parolen folgten, hing sicherlich damit zusammen, daß über ihnen immer noch das Damoklesschwert eines möglichen Kriegseinsatzes schwebte; vielleicht spielte dabei - wie der bayerische Innenminister von Brettreich vermutete - auch eine Rolle, daß die „heranwachsende Jugend insbesondere in den Kasernen durch die älteren Mannschaften der Ersatztruppenteile, vor allem durch die unzufriedenen älteren Frontsoldaten“ negativ beeinflußt worden war. Ob Eisner und die USPD selbst personelle Verbindungen in die Kasernen hatten und welche Rolle diese spielten, läßt sich beim heutigen Stand der Forschung hingegen nicht zweifelsfrei sagen. Fechenbach spricht lediglich davon, daß Friedrich Schröder und Richard Kämpfer, die erst am 3. November aus der Untersuchungshaft befreit worden waren, sofort in die Kaserne gebracht und eingekleidet wurden, so daß sie dort für die nötige politische Aufklärung hätten sorgen können. Dies allein erklärt aber sicher nicht die große Resonanz der revolutionären Bewegung unter den Soldaten. Vielmehr erscheint die umgekehrte Annahme richtig: Eisner hatte die unter den Soldaten herrschende Unruhe und Unzufriedenheit rasch erkannt und sie sich für sein revolutionäres Vorhaben gezielt zunutze gemacht. Dabei verschaffte ihm die kompromißlos verfochtene Friedensparole bei den Militärangehörigen praktisch im Handumdrehen die erforderliche Massenbasis.

Unbestreitbar aber ist, daß es Eisner und seinen Anhängern wieder nicht gelungen war, die organisierte Arbeiterschaft auf ihre Seite zu ziehen. Der Erfolg der Umsturzbewegung lag vielmehr darin begründet, daß durch den Anschluß der Soldaten die staatlichen Behörden ihrer Machtmittel beraubt worden waren, die Revolutionäre mithin auf keinerlei Widerstand stießen. Zweifellos trug darüberhinaus auch die große Akzeptanz, die die Aktion in den folgenden Tagen bei der Münchner Bevölkerung fand, entscheidend zum Gelingen bei. Eine richtiggehende Verankerung in der breiten Bevölkerung, die auch auf lange Sicht eigenständige politische Konzepte getragen hätte, besaßen Eisner und die Mitstreiter aus den Reihen der USPD allerdings nicht.

Eines hatten Januarstreik und Novemberrevolution damit in jedem Fall gemeinsam. Beide Aktionen verdankten ihre Entstehung Eisners Gespür für die jeweils aktuelle Stimmungslage und seinem unbedingten Willen zur Aktion. Vorhandene Protestpotentiale fanden in seiner Person ihren Kristallisationspunkt, er war es, der ihnen seine Stimme lieh und ihnen damit überhaupt erst zum Ausdruck verhalf. Dafür genügte Eisner eine kleine Schar treu ergebener Mitstreiter. In ihrer Mehrzahl kamen sie aus dem Umfeld der Diskussionsabende, deren Einzugsbereich sich freilich mit dem der Münchner USPD auf weiten Strecken deckte. Sie waren jung und begeisterungsfähig, aber mehrheitlich ohne jede politische Erfahrung. Über diesen eng begrenzten Bereich hinaus fand Eisner den Rückhalt für seine Massenaktionen in wechselnden sozialen Milieus. Im Januar waren es die Rüstungsarbeiter, die der Streikparole folgten, im November die Soldaten, die für einen baldigen Friedensschluß auf die Straße gingen. Gemeinsam war ihnen, daß sie die Sehnsucht nach einem baldigen Ende des immer sinnlosere Formen annehmenden Krieges in die Öffentlichkeit trieb. Soweit mit diesem Anliegen politische Forderungen verbunden wurden, richteten auch sie sich primär gegen die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Krieges, gegen die Beschneidung von Presse- und Koalitionsfreiheit, gegen den Belagerungszustand, gegen die Militarisierung der Betriebe und die übrigen Folgen des Hilfsdienstgesetzes, gegen die Verhaftung der profilierten Kriegsgegner. Darüber hinaus konnte Eisner aus diesen Massenaktionen für sich bestenfalls noch den Auftrag ableiten, die Schuldigen an Krieg und Niederlage zur Rechenschaft zu ziehen.“

Aus „Wikipedia“: „Im Zuge der Novemberrevolution proklamierte Kurt Eisner am 8. November 1918 den Freistaat Bayern und erklärte Ludwig als König für abgesetzt. Damit war der bayerische Monarch der erste deutsche Bundesfürst, den die Revolution vertrieb. Der Rückhalt der Monarchie war soweit geschwunden, dass ohne Widerstand alle Münchner Kasernen, Polizeistationen und Zeitungen von den Aufständischen eingenommen wurden.

Trotz der seit längerem gärenden Unzufriedenheit unter der in weiten Teilen notleidenden Bevölkerung traf der Aufruhr den König völlig unvorbereitet. Vom Ausbruch der Revolution soll er am 7. November bei seinem täglichen Nachmittagsspaziergang im Englischen Garten von einem Passanten erfahren haben. Nach seiner Rückkehr in die Residenz fand er diese vom Personal und den Wachen weitgehend verlassen vor. Gegen 19 Uhr erschienen die ersten Demonstranten vor der königlichen Residenz. Philipp von Hellingrath, der bayerische Kriegsminister, musste eingestehen, dass in München keine Truppen mehr zur Verfügung standen, um die Monarchie zu verteidigen. Mit auswärtiger Hilfe konnte nicht gerechnet werden, da Meldungen von Unruhen auch andernorts vorlagen. Angesichts der für den König prekären Situation wurde Ludwig III. von Otto von Dandl und Innenminister Friedrich von Brettreich die vorübergehende Flucht empfohlen. Da die Sicherheit des Königs nicht mehr zu gewährleisten war, veranlassten ihn seine Minister, mit dem restlichen Hofstaat mit Automobilen nach Schloss Wildenwart im Chiemgau abzureisen. Zusammen mit seiner schwerkranken Frau, drei Töchtern, dem Erbprinzen Albrecht und einem kleinen Hofstaat verließ der König gegen 23 Uhr München in Zivilkleidung. Die drei Mietautos mit den Flüchtenden hatten zwar Schloss Wildenwart am Chiemsee zum Ziel, später musste der Tross aber weiter an den Hintersee in Ramsau bei Berchtesgaden fliehen. Als auch hier die Sicherheit des Königs bedroht schien, entschied man sich schließlich Bayern zu verlassen und im Schloss Anif nahe Salzburg in Österreich Zuflucht suchen. Das Anifer Schloss befand sich im Besitz des abwesenden bayerischen Reichsrats Ernst Graf von Moy.

Am 12. November 1918 kam der von der Revolutionsregierung am 8. November abgesetzte Dandl in Begleitung eines von Eisner gesandten Offiziers nach Anif. Tags darauf entband Ludwig mit der Anifer Erklärung die bayerischen Beamten und Soldaten ihres Treueeides und stellte damit den Fortgang der Verwaltung sicher, verweigerte jedoch die Abdankung.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_III._(Bayern)

 

Nach der Revolution

 

„In dem Moment, da mit der erfolgreichen Durchführung der Revolution die Fortsetzung des Krieges aber praktisch ausgeschlossen worden war, mußte sich die Frage stellen, ob Eisner weiterhin genügend Rückhalt finden würde, um auch seine positiven politischen Ziele, insbesondere die Umwandlung Bayerns in ein demokratisches und sozialistisches Gemeinwesen, zu verwirklichen. Auch wenn er sich unmittelbar nach dem Sturz der bayerischen Monarchie sehr euphorisch geäußert hat und reklamierte, daß 95 Prozent der Bevölkerung hinter ihm stünden, ist doch nicht zu übersehen, daß ihm mit der Verwirklichung der ursprünglichen Ziele auch die dafür gewonnene Massenbasis abhanden zu kommen drohte. Diese Gefahr war um so größer, als Eisner seine Unterstützung immer in solchen Milieus gefunden hatte, die durch den Krieg erst entstanden oder doch von ihm in besonderer Weise betroffen waren. Dagegen war ihm ein Einbruch in die Reihen der organisierten Arbeiterschaft gerade nicht geglückt.

Auch wenn Eisner diese Gefahr nicht sofort realisierte, muß er sich doch von Anfang an darüber klar gewesen sein, daß die kommenden Aufgaben von ihm und der Münchner USPD allein nicht zu bewältigen waren. Dafür fehlte ihm schon eine ausreichende Zahl politisch erfahrener Mitstreiter, die in der Lage gewesen wären, einen Posten in der neu zu bildenden Regierung zu übernehmen. Enthusiastische und daher leicht zu begeisternde Jugendliche wie Felix Fechenbach und Ernst Toller kamen dafür offensichtlich auch aus Eisners Sicht kaum in Frage. Johann Unterleitner, der das neu geschaffene Ministerium für soziale Fürsorge übernehmen sollte, bildete möglicherweise eine Ausnahme, war letzlich aber das einzige Regierungsmitglied aus Eisners engstem Umfeld. Zur Zusammenarbeit mit der Mehrheitssozialdemokratie und den fortschrittlichen Kräften des bürgerlichen Lagers dürfte Eisner daher nicht nur der Wunsch getrieben haben, seiner Regierung ein schichten- und klassenübergreifendes Fundament zu verschaffen. Genau genommen, entsprang diese Kooperation der schieren Notwendigkeit.“ …

„Eine Reihe prominenter Bürgerlicher aus dem liberalen Lager zeigte sich trotz weiterhin bestehender politischer Auffassungsunterschiede in der Folge sogar gewillt, am Neuaufbau des Staatswesens mitzuwirken. Edgar Jaffé, Lujo Brentano, Oskar von Mäler, Heinrich von Frauendorfer und Friedrich Wilhelm Foerster sind einige der bekannteren Namen. Selbst der „Bauerndoktor“ Georg Heim, ein Vertreter des linken Zentrumsflügels, signalisierte Eisner schon früh Kooperationsbereitschaft. Von den politischen Gegnern war anfangs hingegen wenig zu sehen. Die konservativen Parteien einschließlich des bayerischen Zentrums, der späteren BVP, hatten ihre Stimme noch nicht wiedergefunden und fielen daher als Widerpart ebenso aus wie die von Eisners Aktion völlig überraschten radikalen Linken, die sich um die Anarchisten Josef Sontheimer und Erich Mühsam zu scharen begannen.

In der breiten Öffentlichkeit regte sich zunächst eher Zustimmung als nennenswerter Widerspruch. Von der weithin vorherrschenden Befriedigung über das nahende Kriegsende abgesehen, hatte dies nicht zuletzt mit der Angst vor repressiven Maßnahmen sowie mit dem Fehlen konkreter Alternativen zu tun. Beachtung fand freilich auch die Tatsache, daß die Revolution vollkommen unblutig über die Bühne gegangen war und daß es Eisner und den in der Umsturznacht etablierten Räten überraschend schnell gelang, die äußere Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Daß Eisners Aktion selbst den Angehörigen des Großbürgertums und der Intelligenz Respekt abnötigte, wird nirgends deutlicher als in den Tagebüchern des aller revolutionären Neigungen unverdächtigen Schriftstellers Thomas Mann. Er, der die Revolutionäre am 7. November noch als „albernes Pack“ beschimpft hatte, notierte am 9. November: „Überhaupt sehe ich den Ereignissen mit ziemlicher Heiterkeit und Sympathie zu. Die Bereinigung und Erfrischung der politischen Atmosphäre ist schließlich gut und wohltätig.“ Selbst der nationalkonservative Historiker Karl Alexander von Müller erinnerte sich rückblickend an den Eindruck, den der publizistische Schwung der Aufrufe Eisners und der menschliche Idealismus, der in ihnen mitzuklingen schien, für „einen Augenblick“ auf ihn gemacht hatte. Josef Hofmiller, ebenfalls Schriftsteller, zugleich aber auch Gymnasiallehrer und aufmerksamer, wenn auch nicht ganz unvoreingenommener Beobachter der politischen Ereignisse, hatte am 8. November hingegen nur eine „Hauptsorge“, nämlich „unsern Kartoffelbedarf für eine Woche zu sichern“. Bei dieser Gelegenheit stellte Hofmiller, der Kürschners Literatur-Kalender zu Rate ziehen mußte, um sich über die Person Eisners ein Bild machen zu können, freilich fest, daß die Leute überall ruhig waren und nur neugierig herumstanden. Auch die Beurteilung der Lage fiel - seinem Zeugnis zufolge - im allgemeinen durchwegs moderat und wenig aufgeregt aus. Selbst die Presse hielt sich in ihren Kommentaren zurück oder äußerte sich gar verhalten positiv. „In den ersten acht, zehn Tagen“ - so berichtete Eisner selbst Ende November 1918 vor den Soldatenräten - „hatte die neue Regierung und namentlich meine Person eine sehr günstige Presse.“ Nimmt man die „Münchner Neuesten Nachrichten“ zum Maßstab, zweifellos das bedeutendste bürgerliche Blatt der Landeshauptstadt, so waren es vor allem die Einbeziehung der Mehrheitssozialdemokratie und die Berücksichtigung bürgerlicher Fachmänner bei der Regierungsbildung sowie die gemäßigten Zielvorstellungen Eisners, die Zustimmung hervorriefen. Gelobt wurde insbesondere seine realistische, das heißt skeptische Einschätzung vorhandener Sozialisierungspotentiale, aber auch die Ausgewogenheit des am 15. November veröffentlichten Regierungsprogramms.

In den ersten Wochen nach dem Sturz der Monarchie erfreute sich Eisner also - darin ist Allan Mitchell recht zu geben - eines ungewöhnlichen Ansehens. Auch die Legitimation der revolutionären Regierung wurde von kaum einer Seite ernsthaft bestritten. Die große Frage war aber, wie lange diese Stimmung anhalten würde. Realistisch betrachtet, mußte Eisner damit rechnen; daß die positive Erwartungshaltung schon bald in Ablehnung umschlagen konnte und daß er seinen politischen Gegnern wenig entgegenzusetzen haben würde, wenn es ihm nicht gelang, seine Machtposition auf eine breitere Grundlage zu stellen. Dieser Problematik war sich Eisner durchaus bewußt. Überraschend schnell und eindeutig entschied er sich nicht nur für die Kooperation mit den Mehrheitssozialdemokraten, sondern auch für die Einbeziehung des liberalen Bürgertums und für die Zusammenarbeit mit der altgedienten Beamtenschaft. Schon der erste von ihm im Namen des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrats unterzeichnete, in der Nacht vom 7. auf den 8. November entworfene Aufruf machte dies deutlich. Er wandte sich an die gesamte Münchner Bevölkerung, an Arbeiter und Bürger, und rief diese zur tätigen Mithilfe auf. Jeder „Arbeiter an der neuen Freiheit“ wurde willkommen geheißen: „Arbeiter, Bürger Münchens! Vertraut dem Großen und Gewaltigen, das in diesen schicksalsschweren Tagen sich vorbereitet! Helft alle mit, daß sich die unvermeidliche Umwandlung rasch, leicht und friedlich vollzieht.“ Der Bruderkrieg der Sozialisten wurde in Bayern für beendet erklärt. Die Arbeiter sollten auf revolutionärer Grundlage zur Einheit zurückgeführt werden. Außerdem wurde, wie bereits erwähnt, angekündigt, daß alle Beamten in ihren Stellungen bleiben sollten.

Damit hatte Eisner den Methoden der russischen Bolschewisten eine klare Absage erteilt, sich vielmehr klar und eindeutig gegen eine Minderheitenherrschaft auf der Grundlage der Diktatur des Proletariats und des politischen Terrors ausgesprochen. Unübersehbar war er bemüht, die revolutionären Errungenschaften auf möglichst breiter Basis abzusichern. Ihren deutlichsten Niederschlag fand diese Haltung in der raschen Bildung einer Koalitionsregierung mit der bayerischen MSPD und in der Aufnahme eines bürgerlich-liberalen Fachministers ins Kabinett.“ ...

„Unterm Strich konnte die Münchner MSPD das Ergebnis der Regierungsbildung zweifellos als ihren Erfolg verbuchen. Ohne an der Revolution aktiv beteiligt gewesen zu sein, stellte sie die stärkste Kraft innerhalb der Regierung. Eisner und seine Mitstreiter von den Unabhängigen fanden sich hingegen in einer Minderheitsposition wieder. Drei Unabhängige sahen sich vier Mehrheitssozialdemokraten und dem parteilosen Liberalen Heinrich von Frauendorfer gegenüber. Genau besehen, stammte sogar nur Unterleitner, der als Minister allerdings wenig Eigeninitiative entwickeln sollte, aus Eisners engstem Anhängerkreis. Bei Edgar Jaffé handelte es sich dagegen um einen politisch schwer einzuordnenden Vertreter der bürgerlichen Intelligenz, der sich im Laufe des Krieges zum Pazifisten gewandelt und aus diesem Grund der Münchner USPD angenähert hatte. In den Augen Erhard Auers qualifizierte ihn aber wohl vor allem seine Sachkenntnis als Nationalökonom für die Bestellung zum bayerischen Finanzminister. Damit verkörperte Jaffé, den Unterleitner einmal als „Mann aus den Bürgerkreisen“ charakterisiert hatte, weniger den klassischen Parteipolitiker als den Typus des politisch weitgehend ungebundenen, in jedem Fall aber undogmatischen Fachministers …

„Gleichwohl schien eine konstruktive Zusammenarbeit zunächst keineswegs ausgeschlossen. Tatsächlich förderte nicht zuletzt der Zwang zur Bewältigung der immensen Nachkriegsprobleme zumindest anfänglich eine sehr sachbezogene Kooperation der einzelnen Kabinettsmitglieder. Auch wenn die außen- und verfassungspolitischen Streitfragen letztlich den entscheidenden Maßstab für die politische Statur Eisners und die Leistungen seiner Regierung abgeben, dürfen die durchaus beachtlichen sachlichen Erfolge seiner Amtszeit nicht übersehen werden. So muß Eisner und seinem Kabinett vor allem zugute gehalten werden, daß nicht nur die Revolution selbst unblutig verlief, sondern daß auch in den Tagen danach Chaos und Anarchie verhindert werden konnten. Auch die Versorgung mit den allernötigsten Lebensmitteln und den sonstigen Dingen des täglichen Bedarfs konnte zumindest halbwegs sichergestellt werden.“ …

„Durch das schwache Wahlergebnis der Unabhängigen Sozialdemokraten bei den Landtagswahlen vom 12. Januar mit landesweit lediglich 2,5 Prozent der Stimmen wurde Eisners Stellung im Kabinett noch zusätzlich beeinträchtigt. Bald war es ein offenes Geheimnis, daß die Mehrheitssozialdemokratie unter Führung Erhard Auen darauf hinarbeitete, Eisner als Ministerpräsidenten abzulösen, die Koalition mit der USPD zu beenden und eine Koalition mit den gemäßigten bürgerlichen Parteien zu suchen. Schon am 28. Januar 1919 wußte der württembergische Gesandte zu berichten: „Wie ich bestimmt weiß, sind die übrigen Mitglieder des Ministeriums der Ansicht, daß Eisner und mit ihm Unterleitner und Jaffé so bald wie möglich weg müssen. Minister Auer spricht sich geradezu vernichtend über Eisner aus und hat einem mir bekannten Herrn versichert, daß derselbe in wenigen Tagen aus dem Ministerium entfernt sein werde. Es heißt, er solle als Gesandter nach Prag geschickt werden, wo der bisherige Vertreter Bayerns, Professor Weiss, bereits vollständig abgewirtschaftet hat.“ Wenn sich Eisner dennoch fast einen weiteren Monat lang in seinem Amt halten konnte, so allein wegen des Rückhalts, den er bei den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten nach wie vor besaß. Diese Unterstützung konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß seine Position längst auch außerhalb des Kabinetts stark ins Wanken geraten war.

Zwei gegenläufige Entwicklungen waren es vor allem, die sich nun als schwere Belastung für Eisner und seine Regierung erwiesen: zum einen das Wiedererstarken des bürgerlichen Lagers, zum anderen die Radikalisierung auf der linken Seite des politischen Spektrums. Letztere hing mit dem Ausbleiben konkreter Reformen eng zusammen. Der Erlaß restriktiver Räterichtlinien, die Festlegung eines frühzeitigen Termins für die Wahlen zur bayerischen Nationalversammlung und nicht zuletzt der Wirbel um die Bürgerwehraffäre erregten bei den Räten den Eindruck von einem Rückfall hinter die bereits erzielten Erfolge und führten zu einer Stärkung der radikalen Kräfte, schließlich sogar zur Gründung einer Münchner Ortsgruppe der Kommunistischen Partei. Deren Verselbständigung war zugleich Ausdruck einer Fragmentierung des revolutionären Spektrums, das nach Abschluß des Waffenstillstandes sein einigendes Ziel verloren hatte und nun über der Frage der Nachkriegsordnung zu zerfallen drohte. Eisner brachte diese Entwicklung in eine Zwangslage, aus der er sich nicht mehr zu befreien vermochte. Die Kompromißpolitik seines Kabinetts drohte gerade diejenigen Kräfte zu verprellen, die den revolutionären Umsturz getragen hatten und seine eigentliche politische Basis darstellten.“

 

Kurt Eisners Haupt-Ziele

 

Föderalismus

 

„Daß Eisner sich in dieser Situation als einer der bedingungslosesten Vorkämpfer eines föderalistischen Staatsaufbaues profilierte, hat schon bei den Zeitgenossen für Aufsehen und Erstaunen gesorgt, blieb aber für viele selbst aus größerer zeitlicher Distanz schwer verständlich.'" „Meine Haltung hinsichtlich des Verhältnisses von Bayern zum Reiche“ - so stellte Eisner am 30. November 1918 vor den Soldatenräten fest - „ist ganz klar, nie geändert: Ich bin gegen den Zentralismus in der auswärtigen Politik, in der inneren Politik, in der Parteipolitik, solange ich lebe. Ich will die innere Kraft der Glieder, ob es sich nun um ein Parteiwesen handelt oder ob es sich um einen Staat handelt, das ist dasselbe.“ In dem von Eisner ausgearbeiteten Regierungsprogramm wurde daher die Forderung erhoben, „daß die Selbstbestimmung Bayerns innerhalb des Ganzen erhalten und gesichert werden muß“. Was Eisner dabei vorschwebte, war die Bildung einer Staatenvereinigung, der auch Österreich angehören sollte. Eine zweckmäßige Neugliederung der diesem Verband angehörenden deutschen Länder galt ihm zwar als unabdingbar, um die Vorherrschaft eines einzelnen Staates auszuschließen, Freiheit und Selbständigkeit Bayerns durften dabei jedoch nicht angetastet werden.

Damit war nicht nur deutlich gemacht worden, daß Bayern auf der Wahrung seiner territorialen Integrität und einer weitgehenden politischen Selbständigkeit beharrte. Der von Eisner in die Debatte geworfene Begriff der „Vereinigten Staaten von Deutschland“ signalisierte vielmehr auch, daß das künftige Reich nicht als Bundesstaat, sondern als lockerer Staatenbund verstanden wurde. Die für das Bismarcksche Reich kennzeichnende Hegemonie Preußens hatte Eisners Auffassung nach darin allerdings keinen Platz mehr. Eisner ging also mit sehr klaren Vorstellungen in die bald einsetzenden Verhandlungen über die künftige Reichsverfassung. Dennoch knüpft sich an seine Position eine Reihe bislang nicht eindeutig beantworteter Fragen. So ist schwer verständlich, daß sich ausgerechnet ein gebürtiger Norddeutscher als Vorkämpfer bayerischer Eigenständigkeit und Eigenart profilierte, zudem ein Vertreter der Sozialdemokratie, deren Parteitraditionen eher die Option für ein zentralistisches Staatswesen nahezulegen schienen. Und welche Ziele verfolgte er mit dieser Politik? Was steckte dahinter, wenn Zeitgenossen seine Auseinandersetzung mit der Reichsregierung auf persönliche Motive zurückführten oder ihm populistische Absichten unterstellten?“ …

„Mit der Führungsrolle, die Eisner für das revolutionäre Bayern in Anspruch nahm, mußte es nach dem Zusammentritt der Nationalversammlung in jedem Fall vorbei sein. Aber auch seine Befürchtung, die neue Verfassung werde die absolute Dominanz Preußens vollenden, die bislang am Eigenleben der Länder und an den Reservatrechten der süddeutschen Staaten zumindest eine bescheidene Grenze gefunden hatte, war unter den gegebenen Umständen nicht so irreal, wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte. Damit drohte einzutreten, wovor Eisner schon in der Vorkriegszeit immer wieder gewarnt hatte: die Vergewaltigung des deutschen Südens durch die preußische Übermacht.

Eisners Vorbehalte gegen Preußen, die Berlin und damit die Schaltzentrale des Deutschen Reichs mit einschlossen, waren zweifellos ein starkes Motiv seiner föderalistischen Politik. Sie waren zugleich Ausdruck seiner jahrezehntelangen politischen und parteipolitischen Erfahrungen. Sicher hatte die Tatsache, daß er Preußen als Hort der Reaktion ansah, auch mit seinem eigenen Scheitern als Parteipolitiker zu tun. Daß ihm der Berliner SPD-Parteivorstand einen maßgeblichen Einfluß auf die Parteipolitik hartnäckig verweigert, ihn politisch kaltgestellt und seiner Funktion an der Spitze des politisch einflußreichsten Publikationsorgans der Partei beraubt hatte, hat Eisner nie ganz verwunden. Die Frustration über den autoritären und dogmatischen Kurs der Parteispitze paßte dabei nur zu gut zu seiner Überzeugung von der Rückschrittlichkeit und Reformunfähigkeit des preußischen Obrigkeitsstaats als solchem. Beide Erfahrungen, die politische und die parteipolitische, flossen ineinander und prägten sein Bild vom dogmatisch-autoritären und gleichzeitig gesellschaftlich rückständigen Preußentum: „Ich selbst bin ein Preuße, nicht zu ändern, aber weil ich ein Preuße bin und weil ich ein Historiker des Preußentums bin und weil ich ein alter Hasser dieses alten Systems des Preußentums bin, führe ich diesen Kampf. Ich kenne Berliner Politik besser als das allzu gutmütige Süddeutschland.“

Wenn Eisner demgegenüber das politische Leben in den süddeutschen Ländern mit Transparenz und Liberalität gleichsetzte, so gab es auch dafür handfeste Gründe. In Nürnberg, vor allem aber in München, am Sitz der bayerischen Landesregierung und des bayerischen Parlaments, hatte er ein völlig anderes politisches Klima und einen anderen Stil der politischen Auseinandersetzung kennengelernt, als sie ihm aus seinen Berliner Jahren geläufig waren. Das vergleichsweise liberale Landtagswahlrecht hob sich nicht nur äußerlich positiv vom preußischen Dreiklassenwahlrecht ab, sondern bescherte der Sozialdemokratie und den bayerischen Liberalen politische Erfolge, an die in Preußen nicht zu denken war. Auch fehlte den politischen Auseinandersetzungen in Bayern die Schärfe, die in Deutschlands Norden einen Diskurs zwischen Regierung und Opposition fast gänzlich ausschloß.“

 

Basis-Demokratie

 

„… Weniger leicht zu erklären ist dagegen ein anderes Merkmal von Eisners Rätemodell, sein Versuch, Räte und Parlament nicht als sich ausschließende Gegensätze zu begreifen, sondern eine Synthese dieser nach Zusammensetzung und Funktion so unterschiedlichen Körperschaften zu finden. Da Eisner nie exakt beschrieben hat, wie er sich dieses Miteinander vorstellte, bot die Frage nach dem Verhältnis von Parlament und Räten seit jeher viel Spielraum für Spekulationen.

Die Mehrzahl der Zeitgenossen, die Eisners Bemühen, beide Gremien nebeneinander bestehen zu lassen, nicht ernst zu nehmen vermochte, weil sie Räte und Nationalversammlung als unvereinbare Gegensätze ansah, warf ihm ein unehrliches Spiel vor. Je nach politischem Standort unterstellte man ihm entweder das Bestreben, auf der Basis der Räte eine Diktatur der Arbeiterklasse aufbauen zu wollen, oder umgekehrt die Absicht, die Räte nur vordergründig zu unterstützen, hinter ihrem Rücken aber die Rückkehr zum bürgerlichen Parlamentarismus vorzubereiten. Die Neigung, Eisner aufgrund seiner Vorliebe für die Räte bolschewistische Präferenzen anzulasten, hat sich bis in die jüngere Zeit gehalten. Dies erklärt sich vor allem daraus, daß man das Vorbild für die Räte naheliegenderweise in den russischen Sowjets erblickte und sich nicht die Mühe machte, die konzeptionellen wie praktischen Abweichungen und Unterschiede zu untersuchen.

Dabei hat schon die vor allem in den 1960er und 1970er Jahren intensiv betriebene Erforschung der deutschen Arbeiter- und Soldatenräte gezeigt, daß diese in ihrer überwältigenden Mehrzahl keine Instrumente der permanenten Revolution und des politischen Terrors waren. Linksradikale Splittergruppen hatten in den Räten im allgemeinen nur eine vernachlässigenswerte Bedeutung. Die bestimmende Rolle übten vielmehr die Mehrheitssozialdemokraten und die gemäßigten Unabhängigen aus. Bei genauerer Analyse wurde sogar deutlich, in welch hohem Maße selbst bürgerliche Kreise und militärisches Führungspersonal in den Räten vertreten waren. Unmittelbar nach dem Sturz der deutschen Monarchien kam den Räten primär die Aufgabe zu, Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Und diese Aufgabe haben sie, gemessen an den herrschenden Verhältnissen, tatsächlich erfüllt. Ihrem Selbstverständnis nach ging es den Räten daher auch weniger um die weitere Zuspitzung der revolutionären Entwicklung als um die Wahrung der erzielten Errungenschaften und die Einlösung der versprochenen Demokratisierung, kurz um die Absicherung des friedlichen Übergangs von der Monarchie zur Republik. Die Forderung nach einer raschen Einberufung der Nationalversammlung wurde daher auch von einem Großteil der Räte unterstützt. Ihre seit der Jahreswende von 1918 auf 1919 spürbare Radikalisierung gehörte bereits einer zweiten Entwicklungsphase an. Sie entsprang der Unzufriedenheit über das Ausbleiben der angekündigten Demokratisierung von Bürokratie, Militär und Wirtschaft, zum Teil auch dem aufkommenden Eindruck, daß gegenrevolutionäre Bestrebungen zunehmend die Oberhand zu gewinnen drohten. Einer solchen Politik hatten sich an vielen Orten auch die politisch besonders einflußreichen Mehrheitssozialdemokraten verdächtig gemacht, und so konnte sich die Auffassung verbreiten, die Arbeiter- und Soldatenräte seien die einzige Barriere gegen ein Zurückdrehen der Entwicklung. Aber auch jetzt lag ihren Mitgliedern jeder Gedanke an eine Rätediktatur fern. Nach wie vor verstanden sich die Räte fast ausschließlich als vorübergehende Einrichtungen, deren Mandat mit Einberufung der demokratisch gewählten Nationalversammlungen in Reich und Ländern enden würde.

Ausgehend von dieser generell auch für Bayern zutreffenden Erkenntnis, war es von nun an eher möglich, Eisners Bemühen um eine Synthese von Räten und Parlament ernst zu nehmen. In dem Maße, in dem man die Räte jetzt als berufsständisches Gegenstück zu dem auf freien Wahlen basierenden Landtag ansah, wuchs auch die Bereitschaft, die Möglichkeit anzuerkennen, ein solches Konzept in die Realität umzusetzen. Und so gilt Eisners Rätetheorie heute als sicherlich isoliert dastehender, aber gerade deshalb höchst beachtenswerter Ansatz. Als dessen Grundlage wurde ein ausgeprägtes Mißtrauen gegen die mechanischen Mitbestimmungsformen des bürgerlichen Parlamentarismus erkannt. Tatsächlich hat Eisner mehrfach betont, unter Demokratie keine „formale Wahldemokratie“ zu verstehen, bei der alle drei oder fünf Jahre ein Zettel in die Urne geworfen und dann alles den Führern und Vertretern überlassen werde: „Diese Demokratie ist ja das Gegenteil einer Demokratie. Die neue Demokratie soll darin bestehen, daß die Massen selbst unmittelbar ständig mitarbeiten an den Angelegenheiten der Gesamtheit.“

Den geeigneten Ort für die unmittelbare politische Mitwirkung der gesamten Bevölkerung sah Eisner in den Räten. Deren Charakter als Beratungsgremien legte es dabei nahe, in ihnen parlamentarische Körperschaften, das heißt so etwas wie „Nebenparlamente“ zu sehen. Aber trifft diese von Eisner selbst verwendete Bezeichnung den Sachverhalt auch tatsächlich? Unklarheiten blieben auch in Hinblick auf die Frage, wie Eisner sich die Stellung und Funktion der Räte in der Praxis vorstellte, wie ihr Verhältnis zum eigentlichen Parlament aussehen sollte. Verstand er die Räte als staatliche Organe mit klar umrissenen Legislativ- beziehungsweise Exekutivrechten, oder hatte sich ihre Funktion auf die Mitwirkung an der politischen Meinungsbildung zu beschränken, eventuell ergänzt um gewisse rudimentäre Aufsichts- und Kontrollrechte? Anders ausgedrückt: Dachte Eisner an eine Funktionsteilung zwischen Räten und Parlament nach dem einprägsamen, allerdings erst von Gerhard Schrnolze ausgegebenen Motto „die halbe Macht den Räten“, oder beschränkte sich die Stellung der Räte auf ein unverbindliches Anhörungsrecht vor dem Parlament?

Wenn diese Fragen nie mit letzter Zufriedenheit geklärt wurden, so lag dies nicht zuletzt daran, daß Eisner gar nicht die Zeit hatte, seine Theorie bis ins letzte Detail auszuarbeiten.“ ...

„Erst jetzt erhielt auch seine Rätetheorie ihre eigentliche Ausprägung. Nicht, daß die früher formulierten Versatzstücke ihre Gültigkeit verloren hätten. Nun trat jedoch - bedingt durch die Einsicht, daß der vielbeschworene „neue Geist“ in der Bevölkerung noch keine festen Wurzeln gefaßt hatte - der aufklärerische Auftrag, den Eisner den Räten zuwies, verstärkt in den Vordergrund. Anders als für die eifrigen Befürworter der Nationalversammlung war für Eisner die Demokratisierung nicht gleichbedeutend mit der Durchführung allgemeiner und gleicher Wahlen. Solange die Massen nicht hinreichend aufgeklärt worden waren, war Demokratie für ihn eine bloße Forderung, aus der erst eine Wirklichkeit werden mußte: „Ich als Sozialist habe so oft unsere Nationalhymne mitgesungen, in der es im Refrain heißt, daß der Unverstand der Massen der Feind ist, den wir am tiefsten hassen, als daß ich heute plötzlich aufhören sollte, diesen Feind nicht mehr zu bekämpfen. Demokratie heißt nicht die Anerkennung des Unverstandes der Massen, sondern Demokratie heißt der Glaube an die Möglichkeit der Vernunft der Massen.“

Die Räte hatten daher nach Eisners Auffassung nicht nur für die Einbeziehung breitester Bevölkerungskreise in die Politik zu sorgen und dadurch zu einer erheblichen Verbreiterung der demokratischen Grundlage beizutragen, in ihnen sollte Politikfähigkeit überhaupt erst einmal hergestellt werden. Besonders deutlich hat Eisner dies am 12. Dezember 1918 bei einem Wahlkampfauftritt zum Ausdruck gebracht. Die entsprechende Passage sei hier in aller Ausführlichkeit zitiert, zeigt sie doch, was Eisner nun als die eigentliche Funktion der Räte ansah: „Die Räte sollen die Schulen der Demokratie werden, daraus dann sollen die Persönlichkeiten emporsteigen zu politischer und wirtschaftlicher Arbeit. Das ist der tiefste Sinn des Sozialismus: Selbsttätigkeit der Gesamtheit. Die ‚Vertreter‘ der ‚Masse‘ - sie mögen noch so tüchtig sein, noch so nützliche Arbeit leisten, aber das sind schon die Leute, die emporgekommen sind. In den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten, in der Stadt und auf dem Lande, da kann jeder lernen, politisch und wirtschaftlich tätig zu sein. Darum, Parteigenossen, stehe und falle ich mit diesem Gedanken, daß die demokratische Organisation unmittelbar der Massen selbst künftig die Grundlage aller Entwicklung sein muß. (Beifall!) Dort wirkt Idealismus, dort ist freie öffentliche Tätigkeit möglich. Dort gibt es keine Führer und keine Angeführten, sondern dort lebt die Masse selbst.“

Äußerungen wie diese machen deutlich, daß Eisner mehr und mehr dazu überging, all seine politischen Vorhaben in die Räte hineinzuprojizieren. Sie verkörperten nicht nur seine Hoffnungen auf eine rückhaltlose Demokratisierung von Staat und Gesellschaft. Vielmehr bündelten sich in ihnen auch seine Kritik am bürgerlichen Parlamentarismus, am Parteien- und Verbandswesen, am Bürokratismus und an der Manipulation der öffentlichen Meinung durch die Presse. Die Räte waren für ihn nicht einfach nur ein Meinungsbildungsorgan, in ihnen sah er zugleich eine moralische Instanz, eine Anstalt zur politischen Erziehung der breiten Bevölkerung und ein Medium der Emanzipation der Massen von der Bevormundung durch ihre angestammten Führer.“ …“

Da Eisner nun ganz auf ein Nebeneinander von Räten und Parlament setzte, stellte sich rasch die Frage nach dem wechselseitigen Verhältnis dieser beiden Körperschaften. Dieses wurde nicht zuletzt davon bestimmt, welche Kompetenzen den Räten zugebilligt wurden. Fragt man nach der Zweckbestimmung, die Eisner vor Augen schwebte, wird man sich vor allem an dem von ihm im Ministerrat eingebrachten Entwurf für eine Satzung der Arbeiterräte orientieren müssen. Davon ausgehend, ist zu betonen, daß Eisner die Räte weder als Konkurrenz zu den staatlichen Verwaltungsorganen noch als wirklichen Parlamentsersatz verstand. Echte Exekutivrechte wollte auch er den Räten nicht einräumen. Ebensowenig beabsichtigte er, die Souveränität der bayerischen Nationalversammlung anzutasten. Rein funktional betrachtet, sah er in den Räten Kontrollorgane, die die Amtsführung der Gemeinde- und Staatsbehörden zu überwachen und beratend zu begleiten hatten. Ihren Beschlüssen und Stellungnahmen wurde aber nur ein Vorschlagscharakter zugebilligt. Auch auf die Absetzung und Einstellung von Beamten sollten sie lediglich indirekt Einfluß nehmen können, indem sie entsprechende Anträge an die Regierung richteten. Darüber hinaus betrachtete Eisner die Räte vor allem als Aufsichts- und Beschwerdeinstanzen für die Arbeitsverhältnisse des jeweiligen Bezirks sowie als Organe zur Erhaltung und Sicherung der revolutionären Regierung. Dies waren freilich nur äußere Vorgaben, die der Arbeit der Räte einen formalen Rahmen geben sollten. Die eigentliche Aufgabenstellung der Räte hat Eisner vielmehr darin gesehen, die Bevölkerung zu unmittelbarer Mitarbeit an den Angelegenheiten der Gesamtheit heranzuziehen, dadurch Interesse für politische Fragestellungen zu wecken und zur Demokratisierung des öffentlichen Bewußtseins beizutragen. Eisner verstand die Räte mithin als Transmissionsriemen der von ihm angestrebten Umwandlung des monarchischen Obrigkeitsstaates in ein republikanisches Gemeinwesen, zugleich als Garanten für den Fortbestand der dabei bereits erzielten Erfolge.

Qualifizierten diese Funktionsbeschreibung und die Tatsache, daß es sich bei den Räten um beratende Körperschaften handelte, dieselben aber auch schon zum Nebenparlament? Wohl kaum. Eisner hat nie ernsthaft daran gedacht, den Räten legislative Befugnisse zu übertragen. Betrachtet man die Mitwirkung an der Gesetzgebung aber als Kernfunktion einer parlamentarischen Körperschaft, so wird man die Räte kaum als Parlament, ja nicht einmal als Nebenparlament bezeichnen können, auch wenn Eisner diesen Begriff selbst mehrfach verwendet hat. Daß Eisner die Räte als eine Art zweite Kammer verstanden hat, ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil sein Konzept neben dem Zentralrat lokale Rätegremien auf allen Verwaltungsebenen vorsah. Begreift man Eisners Rätetheorie als einheitlich gedachtes System, müßte man auch diesen nachgeordneten Räten eine parlamentarische Eigenschaft zubilligen. Dies würde den Parlamentsbegriff vollends überstrapazieren und seiner Aussagekraft berauben. Bestätigt wird diese Annahme auch durch eine Äußerung Robert Pilotys, den man zu den intimen Kennern der Verfassungsberatungen in Bayern zählen kann. Traut man seiner Darstellung, so hat Eisner selbst den Gedanken eines Zweikammersystems immer weit von sich gewiesen. So bleibt nur das Fazit, daß die Räte nach der Beschreibung, die sich aus Eisners Verlautbarungen ableiten läßt, weder eindeutig der Legislative noch der Exekutive zugerechnet werden können.

Was waren die Räte aber dann? Untersucht man Eisners verstreute Ausführungen im Zusammenhang, so waren sie in erster Linie Organe der politischen Meinungsbildung. Die Räte waren - eine andere Deutung erscheint nach dem zuvor Gesagten ausgeschlossen - als politische Körperschaften gedacht, als Einrichtungen, in denen sich die Bevölkerung unmittelbar, das heißt ohne die Vermittlung durch Parteien oder Verbände, am politischen Diskurs beteiligen und ihre eigenen Anliegen debattieren konnte. Aus Eisners Sicht war es also deren Hauptaufgabe, die Gewähr für einen von Status und Vorbildung unabhängigen Zugang zur politischen Teilhabe zu bieten. Gleichzeitig sollte auf diese Weise für eine objektive Auslese und Förderung politischer Talente, das heißt für eine Politisierung der Basis und damit für eine Verbreiterung des Demokratisierungsprozesses, gesorgt werden.

Diese Interpretation erscheint vor allem dann plausibel, wenn man sich vergegenwärtigt, wieso gerade Eisner zum ehernen Verfechter des Rätegedankens wurde. Betrachtet man seine Vorkriegskarriere, so deutete ja nichts daraufhin, daß ausgerechnet er sich als „Rätetheoretiker“ einen Namen machen würde. Innerhalb der Sozialdemokratie hatte er - ganz im Gegenteil - zu den entschiedenen Verfechtern eines ernsthaften parlamentarischen Engagements, sei es auf Reichs- oder auf Länderebene, gehört. Diese Auffassung war nicht nur taktischen Überlegungen, sondern auch seiner Hochschätzung des demokratischen Parlamentarismus nach westlichem, das heißt bei Eisner vor allem nach französischem Muster entsprungen. Diese Grundhaltung hatte er nach Ende des Krieges nicht einfach abgelegt. Seine prinzipielle Bereitschaft, das politische Schicksal des Landes nach einer Übergangsfrist in die Hände der Nationalversammlung zu legen, untermauert dies. Genauer betrachtet, war seine Kritik am bürgerlichen Parlamentarismus auch gar keine Kritik an der parlamentarischen Staatsform selbst, sondern eine Kritik an der spezifischen Ausprägung, die sie im Deutschen Kaiserreich gewonnen hatte.“

 

Bekenntnis zur deutschen Kriegsschuld

 

„Sicher, zuvorderst ging es ihm auch mit dieser Forderung zunächst einmal darum, die internationale Politik in die Hände von Persönlichkeiten zu legen, die den Bruch mit dem alten System glaubwürdig verkörperten. Gleichzeitig läßt sich diesem Vorstoß entnehmen, daß Eisner die von ihm verfochtene Aussöhnungspolitik auch auf Reichsebene zu verankern suchte. Unausgesprochen ließ er damit erkennen, daß ihm letztlich sehr wohl bewußt war, wie gering die Aussichten einer von der Landesebene ausgehenden Außenpolitik waren. Dies bedeutete aber nicht, daß er den moralischen Führungsanspruch, den er als Initiator der bayerischen Revolution für sich in Anspruch nahm, ad acta gelegt hätte. Das Verhandlungsgremium, das ihm vorschwebte, sollte im Gegenteil dafür Sorge tragen, daß die Friedensgespräche nicht allein Sache der Reichsregierung sein würden, sondern im Gegenteil eine maßgebliche Beteiligung der Länder ermöglichen.“ …

„Der Nachdruck, mit dem Eisner auf der Klärung der Kriegsschuldfrage beharrte, war aber beileibe kein Selbstzweck oder Gerechtigkeitsfanatismus. Vielmehr war Eisner zutiefst überzeugt, daß der Neuaufbau von Staat und Gesellschaft ohne die Auseinandersetzung mit den Fehlern der Vergangenheit scheitern mußte. Auch diese Anschauung kam in seinen Ausführungen in Bern mehr als deutlich zum Ausdruck: „Die Aussprache, die wir hier als Eingang unserer Verhandlungen pflegen, sie sollte vor allem eines erreichen. Wir müssen uns herausdenken, wir müssen uns herausheben aus dem Wahnsinn und aus der Lüge dieser Zeit. Nur wenn wir uns so ganz herausgedacht und herausgehoben haben, ist es für uns möglich, zum neuen Aufbau zu schreiten.“ Dies war auch der Grund, weshalb Eisner die deutschen Mehrheitssozialdemokraten mit allem Nachdruck zur Abgabe einer Erklärung über ihre wahre Gesinnung drängte: „Niemand will Sie demütigen, aber wir brauchen freie Hand und reine Gewissen, um unsere Revolution weiter vorwärts zu treiben. So wenig man einen Krieg mit Lügen beendigen kann, so wenig läßt sich auch eine Revolution durch Lügen aufbauen.“ Eisner ging es keineswegs darum, den ausländischen Imperialisten einen Gefallen zu tun. Die Adressaten seiner Ausführungen waren die Freunde Deutschlands im Ausland, vor allem aber das eigene Volk, das die Wahrheit kennenlernen sollte: „Niemals ist ein so frevelhaftes Spiel mit einem Volke betrieben worden wie mit dem deutschen, diesem unpolitischen Volke, von dem ich nur hoffen möchte, daß jetzt - leider erst unter dem Druck seines eigenen Schicksals - seine freiere und reinere Geschichte beginnt.“

Auch in dieser Frage folgte Eisner also wieder seinem aufklärerischen Impetus. Gerade weil er die Erkenntnis der wahren Ursachen des Krieges als Grundvoraussetzung für einen überzeugenden Neuanfang, ja überhaupt für die Gewinnung einer Mehrheit der Bevölkerung für die Ziele des Sozialismus erachtete, konnte er in dieser Frage keine Kompromisse eingehen. Die Aufklärung des deutschen Volkes hatte für ihn letztlich einen mindestens ebenso großen Stellenwert wie der Versuch, das Ausland von der Aufrichtigkeit des deutschen Gesinnungswandels zu überzeugen. Eisners Außenpolitik zielte also zugleich auf eine innere Neuordnung, auf die konsequente Abnabelung vom Geist des monarchischen Obrigkeitsstaates, die Absicherung des Demokratisierungsprozesses und die Verankerung des Sozialismus in den Köpfen der Allgemeinheit. Das Bekenntnis zur deutschen Kriegsschuld, an der Eisner nicht den geringsten Zweifel hegte, konnte in seinen Augen daher niemals Vaterlandsverrat und auch keine Nestbeschmutzung sein. Aus seinem Blickwinkel betrachtet, war sie eine schlichte Notwendigkeit.

Die Teilnehmer des Sozialistenkongresses nahmen diesen großherzigen, sicher sehr pathetischen, nur aus den erschütternden Erfahrungen der zurückliegenden Jahre heraus verständlichen Appell mit begeisterter Zustimmung entgegen. Es kann keinem ernsthaften Zweifel unterliegen, daß Eisner die Konferenz mit seiner großen, mehr als zweistündigen Ansprache ganz in seinen Bann zog und daß er auch dem weiteren Verlauf der Verhandlungen seinen Stempel aufdrückte. Dieser Erfolg ist um so höher zu veranschlagen, als die dem Treffen immanenten Spannungen zwischen den sozialistischen Parteien der Siegerstaaten auf der einen und der wiederum in Unabhängige und Mehrheitler gespaltenen deutschen Sozialdemokratie auf der anderen Seite schon vorab größte Skepsis hinsichtlich der Erfolgsaussichten des Kongresses geweckt hatten. Eisners moralische Integrität und seine Bereitschaft, die Kriegspolitik der Sozialdemokratie offen zu kritisieren, prädestinierten ihn aber gerade deshalb für die Rolle des Vermittlers oder - wie Robert F. Wheeler es ausgedrückt hat - für die des „Schiedsrichters“ zwischen den nationalen Verbänden. Dies hatte zur Folge, daß Eisner sowohl an den Debatten als auch an der Beschlußfassung zu allen drei Themenkomplexen, die die Konferenz beschäftigten, maßgeblich beteiligt war. Die Statements zur Kriegsschuldfrage, zur Kriegsgefangenenfrage und zur Bolschewismusproblematik wurden jeweils von ihm vorbereitet und vom Plenum zum Teil geringfügig abgeändert mit überwältigender Mehrheit verabschiedet.“ …

„Die wüsten Angriffe, die er sich wegen seiner Haltung in der Kriegsschuldfrage im eigenen Land gefallen lassen mußte, haben vielmehr auch dem Ausland signalisiert, daß seine Position die einer Minderheit war und daß es mit dem von ihm beschworenen Gesinnungswandel nicht zum Besten stand.“

 

Presse-Kampagne

 

„Die ständig zunehmenden Angriffe der Presse sollten sich freilich ganz allgemein als eines der größten Probleme der Regierung Eisner erweisen. Die Zurückhaltung; die die Tageszeitungen anfänglich an den Tag gelegt hatten, schlug schon nach kurzer Zeit ins Gegenteil um. Noch im Laufe des November sorgten Eisners erste außenpolitische Vorstöße, die auf eine Aussöhnung mit Deutschlands Kriegsgegnern abziehen, für entrüstete Proteste. Auch Eisners Haltung zur Rätefrage und die Zweifel an seinem Bekenntnis zur Nationalversammlung mündeten in eine heftige Polemik der bürgerlichen Presse ein. Eisner konnte sich nicht einmal sicher sein, in der „Münchener Post“, dem Organ der Mehrheitssozialdemokratie, vorbehaltlose Zustimmung zu finden. Da die Regierung mit Ausnahme des vertraglich abgesicherten Einflusses auf die „Bayerische Staatszeitung“ keine Einwirkungsmöglichkeiten besaß und eine Rücknahme der im Regierungsprogramm verkündeten Pressefreiheit nicht denkbar erschien, hatte sie kaum Möglichkeiten der immer vehementer geäußerten Kritik zu begegnen.

Dabei beließen es vor allem konservative Blätter wie der „Bayerische Kurier“ oder der zu zweifelhaftem Ruhm aufgestiegene „Miesbacher Anzeiger“ nicht bei sachlichen Erwiderungen, sondern arbeiteten mit gezielter Polemik, bewußten Verzerrungen, ja mit nachweislich unwahren Tatsachenbehauptungen. Deren bekannteste war zweifellos die nie mehr ganz auszurottende Behauptung, Eisner sei ein galizischer Jude und heiße eigentlich Kosmanowsky. Aber selbst seriöse Zeitungen wie die „Münchner Neuesten Nachrichten“ verbreiteten umlaufende Gerüchte ohne Prüfung des Wahrheitsgehaltes und schreckten keineswegs vor unsauberen Methoden und verfälschenden redaktionellen Eingriffen zurück. Ihren Höhepunkt erreichte die Pressehetze zweifellos im Februar 1919 mit Eisners Auftritt auf der Sozialistenkonferenz in Bern. Die publizistischen Reaktionen auf dieses Ereignis erzeugten ein emotionales Klima, das zur Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung erheblich beitrug. Ohne Berücksichtigung der dadurch erzeugten Pogromstimrnung ist die Ermordung Eisners durch Anton Graf Arco auf Valley wohl kaum begreiflich zu machen. Selbst Schüler der Münchner Gymnasien brachen, wie Josef Hofmiller und übereinstimmend damit auch Klaus Mann berichten, bei der Nachricht von der Ermordung Eisners in lautes „Hurra“ aus.

Diese äußeren Faktoren muß man vor Augen haben, will man zu einer gerechten Bewertung der von Eisner verfolgten Bündnispolitik gelangen. So mußte sich schon allein die Zusammenarbeit mit der Mehrheitssozialdemokratie und mit der Beamtenschaft als schweres Hemmnis für den von ihm angestrebten Reformprozeß erweisen. Eisner hat dies zweifellos geahnt, doch welche Alternativen standen ihm zur Verfügung? Die Massenbasis seines revolutionären Unternehmens hatten die Soldaten gestellt. Die Schar seiner engsten Mitarbeiter war hingegen nicht nur verschwindend gering, sondern rekrutierte sich zudem großteils aus Jugendlichen, deren politische Erfahrung nicht mit ihrer Begeisterungsfähigkeit Schritt halten konnte. Die Münchner USPD war eine zu vernachlässigende Größe, und selbst die Unterstützung durch den linken Flügel des Bauernbunds war mehr von kosmetischem als von praktischem Nutzen. Eisner war daher schon allein aus personellen Gründen auf Hilfe von außen angewiesen. Aber auch aus Gründen des Machterhalts mußte er daran interessiert sein, die neue Regierung auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen. Als Bündnispartner kamen aber nur seine früheren Parteifreunde von der Mehrheitspartei und die bayerischen Linksliberalen in Frage. So anfechtbar Eisners kraft revolutionären Rechts erhobener Führungsanspruch zunächst war, so unangreifbar wurde er, wenn es ihm gelang, ein Bündnis zustandezubringen, das von den Liberalen bis zu den Unabhängigen Sozialdemokraten reichte.

Auch das mit der bayerischen Beamtenschaft geschlossene Stillhalteabkommen war eine eherne Notwendigkeit. Gerade unter Berücksichtigung der angespannten äußeren Verhältnisse mußte die Aufrechterhaltung des bestehenden Staatsapparats oberste Priorität genießen. Nur sie konnte eine reguläre Lebensmittelversorgung und ein Funktionieren der Verkehrs- und Kommunikationswege sicherstellen. Problematisch daran war, daß auf diese Weise auch die institutionellen Strukturen des monarchischen Obrigkeitsstaates verstetigt wurden, noch ehe über mögliche organisatorische Konsequenzen der demokratischen Erneuerung nachgedacht worden war.“

 

Mensch Eisner

 

Gemütssozialismus

 

„Eisners frühe Hinneigung zur Sozialdemokratie war - wie bereits gezeigt - primär eine Folge seiner Sensibilisierung für die soziale Frage, es war eine Art Gefühls- oder mit Eisners eigenen Worten ausgedrückt „Gemütssozialismus“, dem genauere Kenntnisse über Wesen und Ziele der sozialistischen Bewegung zunächst noch fehlten. Die Identifikation mit der Sozialdemokratie umschloß daher auch nur einzelne Bestandteile des spezifisch sozialistischen Selbstverständnisses und ergab sich, wie der Rezensent der „Sozialistischen Monatshefte“ zielsicher erkannte, mehr aus der Enttäuschung über die Konzeptionslosigkeit und die Zerstrittenheit des politischen Liberalismus, aus dessen von Eisner wiederholt diagnostiziertem Verrat an seiner eigenen Vergangenheit und seinen ureigensten Zielsetzungen, als aus einer positiven Hinwendung zum Klassenkampfgedanken und zur revolutionären Endzielbestimmung des Sozialismus. Für Eisner, so könnte man seinen damaligen Standpunkt zusammenfassen, war die Sozialdemokratie mittlerweile die einzige rechtmäßige Nachfolgerin der Aufklärung, Erbin des bürgerlichen Idealismus mit seinen Forderungen nach Freiheit, Gerechtigkeit und gleichen Entwicklungschancen.“

 

Handeln je nach Bedarf, Revolutionierung der Köpfe

 

„Wie die weiteren Ausführungen des Zentralorgans zeigen, ergaben sich hieraus wiederum taktische Überlegungen, die von denen des orthodoxen Marxismus spürbar abwichen. War die gesellschaftliche Entwicklung nämlich als ein offener und zumindest in gewissem Umfang steuerbarer Prozeß zu betrachten, so konnten Entscheidungen über die jeweils einzuschlagende Taktik nicht, wie Karl Kautsky es wünschte, prinzipiell, also gleichsam abstrakt, getroffen werden, sondern nur von Fall zu Fall, unter Zugrundelegung der jeweils herrschenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Gleichzeitig verschoben sich unter dieser Prämisse auch die thematischen Präferenzen. Betonte man wie der „Vorwärts“ die Beeinflußbarkeit des gesellschaftlichen Prozesses und ging man gleichzeitig davon aus, daß ein radikaler Systemwechsel nicht in Aussicht stand, so interessierte der revolutionäre Endkampf erst in zweiter Linie und die entscheidende Frage lautete tatsächlich, was man im Moment, in der augenblicklichen politischen Situation zu unternehmen habe, und nicht, was in einem irgendwann einmal eintretenden revolutionären Moment zu tun sei. Als Nahziel konnte in diesem Fall also nur gelten, daß man sich um die Aufklärung und Gewinnung möglichst breiter Bevölkerungsteile zu bemühen hatte. Dies war freilich eher eine Frage der politischen Propaganda und der Aufklärung als eine der Parteitheorie. Das Fazit lautete daher in diesem Falle: „Der oberste Grundsatz der sozialdemokratischen Taktik ist und bleibt aber allerdings die Revolutionierung der Köpfe, die gerade darum, wie unsere Gegner gesagt haben, tätlich (sic!) ist, weil sie sich der Gesetze bedient und durch Gesetze nicht unterdrückt werden kann. Die Sozialdemokratie ist revolutionär, nicht weil sie Mittel der Ungesetzlichkeit und Gewalt anwenden will, sondern weil sie ein grundstürzendes Ziel, eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung erstrebt, sie ist in ihrer Taktik revolutionär, weil sie zur Erreichung des Zieles in den Köpfen der Menschen die gewaltigste Umwälzung aller überlieferten Anschauungen vollbringen muß. Die Eroberung der Geister ist die erste Aufgabe der Sozialdemokratie gegenüber den reaktionären Verschwörungen gegen die Völkerrechte.“ …

„Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, daß Eisners Standort je nach Gegenstand zwischen den beiden verfeindeten Lagern changierte, daß seine Antworten einmal den Vorstellungen der Revisionisten näher kamen, ein andermal aber eher denen ihrer orthodoxen Widersacher entsprachen. Damit wird der Blick frei auf den im Kern zutiefst antidogmatischen Standpunkt, den Eisner bei diesen Gelegenheiten vertrat. Keines der in den Jahren 1900 bis 1905 zur Debatte stehenden Probleme, weder Ministerialismaus noch Vizepräsidenten- oder Massenstreikfrage, war nach seiner Auffassung eine Prinzipienfrage. Vielmehr war Eisner davon überzeugt, daß in allen drei Fällen je nach Zeit und Umständen ganz unterschiedliche Antworten gegeben werden konnten.

So ließ sich Eisner schon in der Milleranddebatte weder auf ein klares Nein noch auf ein eindeutiges Ja festlegen, sondern plädierte für eine an den jeweils vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen orientierte Stellungnahme. Seine Analyse dieser Rahmenbedingungen führte ihn zu einer je nach politischem System und Land ganz unterschiedlich gearteten Bewertung. Befürwortete er die Regierungsbeteiligung in Staaten, die wie Frankreich über ein parlamentarisches System verfügten, so erschien sie ihm umgekehrt für ein halbabsolutistisches Staatswesen, wie es in Deutschland anzutreffen war, völlig ungeeignet …“ …

„In einem Brief an Joseph Bloch hat Eisner im September 1907 dieses Problem selbst reflektiert. Gerade dieses Schreiben vermag wie wenige andere Dokumente von seiner Hand zu zeigen, daß er sich seiner Sonderrolle zwischen den beiden besonders profilierten Lagern, zwischen Radikalismus und Revisionismus durchaus bewußt war, daß er sie aber um der Sache willen in Kauf nahm. Darüber hinaus belegt dieses Schreiben aber zugleich, daß die Sorge um den Frieden in Europa und die geringe Wirkung, die seine Aufklärungsarbeit in der Partei zeitigte, bei Eisner zu einer weiteren Radikalisierung geführt hatten. Zur Friedenswahrung war Eisner nun auch das äußerste Mittel recht, der Sturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung, die offene Revolution. Die Kernstelle des Briefes, in dem Eisner dem Vorwurf Blochs entgegenzutreten suchte, er habe sich in seinen Anschauungen gemausert, lautet: „Nur in einer Hinsicht habe ich mich in der Tat geändert. Seit den Tagen der Marokkoaffäre, da ich unsere ganze Ohnmacht erkennen musste und seit dem schmählichen Zusammenbruch der preussischen Wahlrechtsbewegung bin ich überzeugter Anhänger jener Aktion, die Sie teils als Spielerei, teils als Vorspiegelung zu werten belieben. Ich bin überzeugt, dass wir um gewaltsame Konflikte nicht nur nicht herumkommen, sondern das(s) selbst in blutigen Niederlagen noch ein grösserer Zukunftswert steckt als in unserem ganzen sonstigen geschäftlichen Müssiggang. Unsere Revolution bleibt uns nicht erspart. Wir werden es nicht besser haben, als die Engländer, Franzosen oder Russen. Und so bin ich nicht nur für den Massenstreik, sondern auch für das Auf-die-Strasse-gehen. Hätte ich die Verantwortung für solche Unternehmungen, ich würde sie ohne jedes Bedenken mit allen Konsequenzen auf mich nehmen. Sie mögen diese Auffassung bekämpfen, Sie dürfen aber nicht bestreiten, dass es sich um ein ganz einheitlich gedachtes System der Aktion handelt, das keiner Gegenwartsarbeit aus dem Weg geht, das aber auch kein Mittel verschmäht, weder das Kompromis (sic!) noch die Revolution. Das ist die Anschauung, wie sie auch Jaurès hat, dem deshalb die Gegner, genauso wie Sie mir, Widersprüche vorwerfen. Deshalb bin ich beispielsweise in der Militär- und Wahlrechtsfrage ‚ultraradikal‘, in der Kolonial- und Gewerkschaftsfrage, in Fragen des Ministerialismus oder auch der Budgetbewilligung ‚ultrarevisionistisch‘. Dass sich deshalb beide Lager ärgern, dass sie mit mir nichts anzufangen wissen, ist ebenso ärgerlich für sie, wie angenehm für mich.“

 

Nicht ernst genommen

 

„Daß der Name Kurt Eisner in Bayern kaum bekannt war, als ihn die Revolution des Jahres 1918 in das höchste Amt des Freistaats katapultierte, kann als symptomatisch gelten für die Karriere dieses Mannes. Als Journalist war er nie unmittelbar im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden, hatte er seine Arbeit vielmehr weitgehend im Verborgenen verrichtet. Selbst auf dem Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn, in seiner Zeit als Redakteur am Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei, dem „Vorwärts“, war sein Name - bedingt durch die Anonymität der Tagespresse - nur Eingeweihten ein fester Begriff: Eisners innerparteiliche Gegner taten sich daher leicht damit, ihm, den seine Herkunft und sein später Parteieintritt als bürgerlichen Intellektuellen auswiesen, politische Unzuverlässigkeit und eine gefährliche Unkenntnis der Parteitraditionen zum Vorwurf zu machen.

Die Tatsache, daß er keinerlei praktische politische Erfahrung, und sei es nur eine parlamentarische Tätigkeit, vorzuweisen hatte, schürte aber auch ganz allgemein das Mißtrauen in seine politischen Fähigkeiten. Selbst seine vielseitigen Interessen, allen voran seine philosophischen und literarischen Neigungen, machten ihn verdächtig. Es überrascht daher nicht, daß sich Politikerkollegen und interessierte Öffentlichkeit in und außerhalb Bayerns auch nach dem Erfolg der von ihm initiierten revolutionären Aktion schwer damit taten, Eisner als Politiker ernst zu nehmen. Daß er nicht den ausgetretenen Pfaden folgte, sondern versuchte, die bayerische Politik auf neue Grundlagen zu stellen, und daß er dabei einen hohen moralischen Anspruch vertrat, ließ schon nach kürzester Zeit den Vorwurf aufkommen, er sei kein Realpolitiker, sondern ein Phantast und Utopist.

Die kurze Amtszeit, die ihm für die Verwirklichung seiner politischen Ziele zur Verfügung stand, bot keine hinreichende Gelegenheit, das Gegenteil unter Beweis zu stellen, und tat so ein übriges, um sein politisches Werk in die Nähe einer gefährlichen Traumtänzerei zu rücken. Dieser Ruf haftet ihm im Grunde bis heute an und erschwert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Werk und Wirken Kurt Eisners nicht unerheblich. Mit dazu beigetragen hat allerdings auch die Neigung seiner Biographen, sich hauptsächlich mit seiner Rolle in der Revolution und seiner Tätigkeit als bayerischer Ministerpräsident zu beschäftigen, seinen eigentlichen Werdegang hingegen nur in wenigen groben Zügen zur Kenntnis zu nehmen. Erst wenn man sich vor Augen führt, welch enorme Bedeutung Eisner in der sozialdemokratischen Presse zukam und welch wichtige Rolle er bei den innerparteilichen Richtungsstreitigkeiten in der Zeit nach der Jahrhundertwende gespielt hat, dürfte es möglich sein, auch sein Wirken als bayerischer Ministerpräsident in neuem Licht zu betrachten.“ …

„Insgesamt bleibt aber festzuhalten, daß Eisner bereits bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf eine vieljährige Erfahrung als Parteipolitiker zurückblicken konnte. Auch deren nicht immer ganz sanfte Methoden hatte er am eigenen Leibe erfahren dürfen. Darüber hinaus verfügte er sowohl in der Landes- wie in der Reichspolitik über ausgedehnte Kenntnisse, die denen der sozialdemokratischen Landtags- und Reichstagsabgeordneten wohl in nichts nachstanden. Anders als die Mehrzahl seiner Parteifreunde besaß er aber auch eine politisch-soziale Theorie, die es ihm erlaubte, klare Zielvorstellungen zu entwickeln, politische Sachverhalte rasch einzuordnen und demzufolge klare Prioritäten zu setzen. Dieser Befund entzieht der im Grunde billigen, gleichwohl immer wieder zu beobachtenden Methode, Eisner nur als einfachen Parteischriftsteller zu sehen und ihm schon deshalb die Eignung für das höchste Amt in der bayerischen Republik abzusprechen, jede Grundlage. Die Charakterisierung Eisners als Phantast und Utopist war wohl nur möglich, weil man dabei nicht nur auf das Urteil von Eisners bürgerlich-konservativen Gegnern bauen, sondern sich auch auf Gewährsleute aus seiner unmittelbaren Umgebung stützen zu können glaubte. Die Frage ist aber, ob man sich durch Anknüpfung an die von Erhard Auer und Johannes Timm hinter Eisners Rücken gestreuten Gerüchte über seine politische Unbedarftheit nicht in Gefahr begibt, einer gezielt betriebenen Stimmungsmache aufzusitzen.

Auch die Tatsache, daß es Eisner unter den Bedingungen des Kriegszustandsrechts gelang, die Münchner Linksopposition um sich zu sammeln und so den isolierten und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten beraubten Kriegsgegnern ein Forum zu verschaffen, spricht eher für als gegen eine ausgeprägte politische Statur. Durch die Initiierung des Januarstreiks von 1918 und der Novemberrevolution desselben Jahres hatte Eisner zudem unter Beweis gestellt, daß er ein ausgeprägtes Gespür für die vorherrschenden politischen Stimmungen besaß. Auch als Versammlungsredner hatte er nicht nur bewiesen, daß er zu einer mitreißenden Rhetorik fähig war. Dies hätte kaum dazu ausgereicht, sich immer wieder gegen die organisatorische Übermacht der Münchner Mehrheitssozialdemokratie durchzusetzen. Vielmehr hatte Eisner stets exakt erkannt, für welche Ziele das vorhandene Protestpotential zu motivieren war. Entscheidend war aber wohl, daß er den Mut aufbrachte, die für richtig erkannten Aktionen auch in die Tat umzusetzen. Mit dieser Bereitschaft zum Handeln wurde er nicht nur zum Vorbild für eine Reihe besonders engagierter Jugendlicher, sondern regelrecht zur Schlüsselfigur der lokalen Antikriegsbewegung. Daß es in München gelang, im Januar 9.000 Arbeiter zum Protest gegen den Frieden von Brest-Litowsk und gegen die Weiterführung des Krieges zu mobilisieren und im November unter Mithilfe der kriegsmüden Soldaten Ludwig III. vom Thron zu stoßen, ist ohne seine Mitwirkung jedenfalls nur sehr schwer vorstellbar.

Mit diesem Erfolg erfuhr, genau besehen, auch die von Eisner in den Grundsatzkontroversen mit Karl Kautsky vertretene Position ihre späte Rechtfertigung. Die in der Generalstreikdebatte aufgestellte These, der Erfolg eines Massenstreiks hänge weniger davon ab, daß das Proletariat ausreichend darauf vorbereitet sei, als davon, daß der geeignete Zeitpunkt für eine solche Aktion erkannt und zugleich der Mut zur Initiative aufgebracht werde, bietet ohne Zweifel einen wichtigen Erklärungsansatz für diese außergewöhnlichen, von niemandem für möglich gehaltenen Massenaktionen. Als Anführer des revolutionären Unternehmens hatte Eisner zugleich unter Beweis gestellt, daß es ihm ernst gewesen war, wenn er trotz seines nachhaltigen Einsatzes für eine gegenwartsbezogene Reformpolitik immer auch für die Aufrechterhaltung des revolutionären Anspruches der deutschen Arbeiterbewegung eingetreten war.

Die Mobilisierungserfolge des Jahres 1918 müßten es, schon für sich gesehen, ausschließen, den Politiker Kurt Eisner als „Narren“ hinzustellen, wie dies sein bürgerlicher Kabinettskollege von Frauendorfer im Streit um den Termin für die Wahl der bayerischen Nationalversammlung getan hat. Betrachtet man seine Amtstätigkeit als bayerischer Ministerpräsident etwas genauer, so findet der Vorwurf der Phantasterei aber auch hier nur wenige Anhaltspunkte. Die Absage an jede Form des Bolschewismus, das Bündnis mit der Mehrheitssozialdemokratie, die Einbindung des linksliberalen Bürgertums, all dies machte doch vor allem deutlich, daß Eisner sich auch von der Euphorie des revolutionären Augenblicks den Blick für die realen Machtverhältnisse nicht verstellen ließ. Im Wissen um das schwache Fundament seiner Herrschaft hat er an der ungeliebten Koalition mit den ehemaligen Parteifreunden von der MSPD selbst dann noch festgehalten, als er erkennen mußte, daß mit diesen ein Großteil der von ihm angestrebten Ziele nicht zu verwirklichen sein würde.

Auch das von Eisner aufgestellte politische Programm mutete zu Anfang selbst den Zeitgenossen nicht allzu abenteuerlich an. Der Verzicht auf eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel, der mit der Absage an die Schaffung eines sozialistischen Gemeinwesens identisch war, belegte, daß Eisner gewillt war, sich verfassungsrechtlich auf die längst überfällige Demokratisierung von Staat und Gesellschaft zu beschränken. Daß deren Rahmen zumindest in groben Zügen abgesteckt werden mußte, ehe an die Wahl einer Nationalversammlung gedacht werden konnte, war im Grunde ebenso naheliegend wie die Tatsache, daß sich die neue Regierung zur Legitimation ihres Handelns auf die kraft revolutionären Rechts geschaffenen Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte zu stützen hatte.“

 

Aufklärung

 

„Sein Ziel war es, dem Mangel an politischem Sinn und politischer Bildung bei den Massen abzuhelfen und statt dessen politische Urteilsfähigkeit und Wachsamkeit zu fördern. Der Einzelne sollte zu eigenverantwortlichem politischen Handeln befähigt und so aus der Abhängigkeit von den traditionellen Autoritäten befreit werden. Erst wenn das Individuum sich von seinen Führern emanzipiert hatte, selbst ein Führer geworden war, erst dann, so Eisners feste Überzeugung, war Demokratie im eigentlichen Sinn des Wortes möglich.

Unübersehbar schimmerte auch durch dieses Programm das Kantsche Verständnis von Aufklärung durch, das Ideal vom Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Tatsächlich gewann hier Eisners der Aufklärung verpflichtetes Bildungsdenken seine umfassendste politische Bedeutung. Das Anliegen, das er als Journalist mit dem Mittel der Zeitung, als Parteipolitiker durch die Organisation einer Breitenschulung für die Arbeiterschaft verfolgt hatte, übertrug er nun auf die gesamte Bevölkerung. Sein Glaube an die Vernunft ließ ihn hoffen, auf diesem Weg werde das Gemeinwohl über den kleinlichen Egoismus siegen und politische Autonomie das Parteidenken ablösen.“

 

Charakter und Ende der Revolution

 

Winfried Wolf: „Dass in Bayern die Uhren anders ticken, gilt in Deutschland als Allgemeingut. Allerdings ist damit heute in der Regel gemeint, dass es dort oft mehr als anderswo in Deutschland reaktionäre Tendenzen gibt und dass zum Beispiel die CSU traditionell deutlich rechts von ihrer Schwesterpartei steht. Was der CSU-Übervater Franz-Joseph Strauß in den 1970-er Jahren programmatisch sah, wenn er forderte, dass es rechts neben der CSU keine Partei mit Aussicht auf parlamentarische Repräsentanz geben dürfe. Und so tobte denn in der Münchner Öffentlichkeit Ende der 1960-er Jahre eine heftige Debatte, als eine Straße nach Kurt Eisner, dem ersten roten Regierungschef des Freistaats Bayern, benannt werden sollte. Der damalige bayerische Landwirtschaftsminister, Alois Hundhammer (CSU), argumentierte, Eisner sei „eine böse und verhängnisvolle Erscheinung der bayrischen Geschichte” gewesen. In Leserbriefen wurde Eisner mal eher freundlich als „Bohemien mit dem Sauerkrautbart”, überwiegend jedoch unfreundlich und hasserfüllt als „Tyrann“, „Bolschewist”, „Geiselmörder” und „Novemberverbrecher” bezeichnet.

Die Negativtitulierungen treffen kaum die Gefühle, die die bayerische Bevölkerung in ihrer Mehrheit Eisner entgegenbrachte. Generell versetzt die Entwicklung in Bayern in den Jahren 1918/19 uns heutzutage vielfach ins Erstaunen. Hier fand die Revolution früher als anderswo im Deutschen Reich statt. Sie war tiefer als im sonstigen Reich in der Bevölkerung verankert. Sie konnte sich so lang wie nirgendwo sonst im Reich an der Macht halten. Sie hatte zutiefst demokratischen Charakter. Und sie war, wie überall im Reich, gutmütig und vor dem Eingreifen der Konterrevolution großzügig. Sie vermied solange viele der Fehler, die in Berlin begangen wurden, wie ihr führender Kopf – Kurt Eisner – lebte.

In München hatte die Revolution bereits am 3. November begonnen, als dort tausend Matrosen aus dem österreichischen Hafen Pola (heute Pula) ankamen und mit Blick auf den Matrosenaufstand im Norden zurückgehalten wurden. Sie waren bald Teil der Revolution in Bayern. Am 7. November – ein Tag vor der Revolution in Berlin! – wurde der bayerische König davongejagt, ein Arbeiter- und Bauernrat gebildet, die „Republik“ ausgerufen und Kurt Eisner zum Ministerpräsidenten ernannt. Eisner griff den reichsweit weit verbreiteten Einheitsgedanken auf und erklärte: „Der Bruderkrieg der Sozialisten ist für Bayern beendet.“ Am 8. November bildete sich in München ein „Provisorischer Nationalrat“, unter anderem bestehend aus Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten. Eisner präsentierte diesem sein Kabinett, bestehend aus USPD- und SPD-Personal. Es gelang in München von Anfang an, die dort stationierten Truppen für die Revolution zu gewinnen oder zumindest zu neutralisieren. Sebastian Haffner:

Die Münchner Revolution war komplett, durchgeführt in einem rasanten Alleingang und innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Kein Schuss war gefallen, kein Tropfen Blut vergossen. Und der Mann, der dieses Kunststück fertig gebracht hatte, gestern noch ein Niemand, hatte alle Fäden in der Hand.“

Haffner ist überzeugt, dass „der wahre Gegenspieler Eberts […] nicht Liebknecht, [sondern] Eisner [war].“ Ihn interessierte Eisners

Revolutionsmanagement in Bayern, das man meisterhaft nennen muss – auch wenn zweifelhaft bleibt, ob eine erfolgreiche Revolution in Bayern sich gegenüber einer siegreichen Gegenrevolution im übrigen Deutschland auf Dauer hätte halten können. Eisner war der einzige Mann in Deutschland, der mit scharfem Spürsinn erfasste, worauf die deutsche Revolution hinzielte, und ihr geschickte Geburtshilfe gab […] Eisner hatte, im Gegensatz zu Ebert, vom ersten Tag an einen klaren Blick für die internationale Lage des besiegten Deutschland und eine klare außenpolitische Konzeption: Er sah die Gefahr eines Diktatfriedens und suchte ihr zuvorzukommen durch eindrucksvolle Beweise des Bruchs mit dem Alten im Inneren.“

Richtig ist, dass sich Eisner – ursprünglich ein Berliner Literat, ein Jude und ein Bilderbuch-Intellektueller – binnen weniger Tage zum bayerischen Volkshelden entwickelte. Unter Eisner konnten sich die Ideen von radikaler Demokratie, Volksherrschaft und Räten als Kontrollorgane gegenüber einem Parlament landesweit verankern – und dies in einer Region, die so stark wie kaum eine andere im Deutschen Reich weiterhin überwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Der neue Staat in Bayern sollte nach Eisner nicht nur ein Arbeiterstaat, er sollte zugleich ein Bauernstaat sein. Nur in Bayern spielten Bauernräte in der Revolution eine größere Rolle.

Karl Schweizer legte 2018 eine umfangreiche, 200 Seiten starke, bebilderte Studie über die Novemberrevolution und die Räterepublik im (bayerischen) Lindau vor. Verfolgt man in dieser Arbeit das Revolutionsgeschehen, so ist man überrascht, wie viel Zustimmung die Forderungen, die in München formuliert wurden, auch in dieser Bodenseestadt – man ist geneigt zu sagen: tief in der bayerischen Provinz – fanden. Klaus Gietinger führt seinerseits eine lange Liste von überwiegend ländlichen Orten in Bayern an, die sich dem Rätegedanken anschlossen. All das dokumentiert, dass die Revolution keineswegs nur eine Sache der Stadtbevölkerung und auch nicht nur eine Sache der Arbeiterklasse war.

Eisner hatte auch ein gutes Gefühl für den Zusammenhang zwischen Revolution und Außenpolitik. Er warnte vor einem „Diktatfrieden“ und kritisierte die SPD-geführte Regierung in Berlin, weil diese sich in der Außenpolitik in die Tradition des alten Regimes stellte. „Einer Regierung, die alle Verantwortung der Vergangenheit mit übernommen hat“, drohe ein „furchtbarer Friede“.

Die friedliche Revolution in Bayern währte ein gutes Vierteljahr. Am 21. Februar 1919 wurde Eisner von einem Nazi der frühen Stunde ermordet. Wenige Stunden später wurde der SPD-Führer Auer, zugleich der Innenminister und der zweitwichtigste Mann im Kabinett, ebenfalls ermordet. Die Regierung brach auseinander. Nach einer Zwischenperiode, in der mit einer all-sozialistischen Regierung unter dem SPD-Mann Johannes Hoffmann nochmals ein Kompromiss zwischen Räten und Parlamentarismus gesucht wurde, kam es am 5. April zur Spaltung. Jetzt – und erst jetzt – wurde eine (reine) Räterepublik ausgerufen. Die Regierung Hoffmann suchte sich im katholischen Bamberg einen Standort, der nicht von der Revolution umtost war und von wo die Konterrevolution angeleitet werden konnte. Die Räterepublik konnte sich zunächst mit einer Streitmacht, die improvisiert aufgestellt wurde und die sich als „Rote Armee“ bezeichnete, gegen rechte, bayerische Militärs durchsetzen. Daraufhin rief Hoffmann Reichswehrminister Noske und dessen Freikorps zu Hilfe. 20.000 Mann preußischer und württembergischer Freikorps rückten von Norden und Westen gegen die Räterepublik vor. Diese konnte sich noch wenige Tage in heftigen Kämpfen verteidigen. Als die Sieger am 2. Mai München eingenommen hatten, folgte, so Sebastian Haffner,

ein ´weißer Schrecken´, wie ihn noch keine deutsche Stadt, auch Berlin im März [1919] nicht, erlebt hatte. Eine Woche lang hatten die Eroberer Schießfreiheit, und alles, was ´spartakusverdächtig´ – war – im Grunde die gesamte Münchner Arbeiterbevölkerung -, war vogelfrei. […] In diesem weißen Terror in München fällt ein unverkennbarer Zug von Sadismus auf. Gustav Landauer etwa, der hochgebildete Unterrichtsminister der ersten Räteregierung […] wurde im Hof des Stadelheimer Gefängnisses buchstäblich zu Tode getrampelt – nicht etwa in einer Stimmung der Wut, sondern in einer Art johlender Siegesfeier.““

https://www.nachdenkseiten.de/?p=47668

Die Revolution in Bayern war dramatisch und hat ein böses Ende genommen. Es gibt also allen Grund, traurig zu sein. Nichtsdestotrotz liegt dem Geschehen bei aller Tragik eine gewisse Komik inne. Auch wenn dies nicht seine Absicht ist, beschreibt dies Volker Weidermann in seinem Buch „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ wunderbar. Kurz, aber präzise schildert er die Geschehnisse mit dem Schwerpunkt der in die Geschehnisse auf die eine oder andere Art und Weise verwobenen Schriftsteller. Unter anderem Kurt Eisner, Gustav Landauer, Ernst Toller, Erich Mühsam, Ret Marut (B. Traven), Oskar Maria Graf, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Klaus Mann, Annette Kolb, Gustav Regler, Ricarda Huch, Victor Klemperer, Klabund.

Von Anfang bis über das Ende hinaus geht es abenteuerlich zu. Wie eine Art zugedröhnter Komödienstadel. Das betrifft aber nicht nur das offizielle Geschehen. Volker Weidermann: „Es kommen in diesen Wochen Traumtänzer, Wintersandalenträger, Prediger, Grashörer, Befreite und Befreier, Langhaarträger, Hypnotisierer und Hypnotisierte, Schwebende. Wer in diesen Tagen in diese leuchtende Stadt kommt, wird selbst erleuchtet. Gustav Regler erinnert sich später: „Ich kam mit wenig Gepäck und spärlichem Geld in München an, verwirrt, aber mit dem Gefühl, in einem ganz neuen, besseren Land angekommen zu sein.“

Der Dramatiker und Schriftsteller Friedrich Freksa aus Berlin, der wenige Jahre zuvor in seinem Roman „Phosphor“ das Leben eines Spießbürgers geschildert hatte, der durch einen Schlag auf den Kopf zu einem lockeren Lebemann und Schwerenöter geworden war, sah seinen Roman Wirklichkeit geworden, als er in der bayerischen Hauptstadt ankam: „Aber was war das für ein Treiben? War das noch München? Nein, das war eine südliche Stadt! Auf den Stufen sonnten sich zerlumpte Menschen. Frauen mit Kindern saßen auf den Sockeln der Gebäude. Rote, grüne und blaue Decken leuchteten, Lazzaronitum war eingezogen.“

Der Kriegsheld Wilhelm Schramm, der sich aufgrund seiner außerordentlichen militärischen Leistungen Wilhelm Ritter von Schramm nennen durfte, war ernsthaft erschüttert von der Verwandlung seiner Stadt in eine Karnevalsstadt der Weltenbeglücker: „Die radikalen Beglücker aus aller Welt hatten sich hier gesammelt, Deserteure und viele sogenannte Künstler, internationale Literaten und jüdische Intellektuelle, die oft nicht einmal deutsch verstanden – kein Zweifel, daß jetzt das tausendjährige Reich irdischen Glücks beginnen mußte. Von dieser neuen Menschheit und ihrem Reich, das alle Völker oder doch die Proletarier aller Länder umfassen werde, sprachen, ja predigten jetzt die großen und kleinen Propheten an allen Straßenecken, die täglich Gemeinden um sich versammelten: Neander nannte sich einer von ihnen, der sich nicht scheute, Gott wieder anzurufen und Christus selbst als die wahren Kronzeugen und Schutzgötter der sozialistischen Revolution.“

Oskar Maria Graf ging, wenn er nicht gerade beim Holländer trank, unaufhörlich durch die Straßen dieser trunkenen Stadt und konnte es nicht fassen: „Es tauchten um jene Zeit massenhaft solche Sonderlinge auf. Einer trug einen langen Zopf und Strohhut, sehr enge, karierte Hosen und eine ebensolche Joppe. Er suchte die Menschenaufläufe und lispelte dann jedem ins Ohr: ‚Christus sind wir! Seid ruhig, ihr Menschenkinder! Hämmert nicht euer eigenes Kreuz!‘ Und ebenso hurtig verschwand er wieder“ …

Graf schaute, hörte, notierte und staunte: „Christenmenschen predigten in Versammlungen, Nacktkulturanhänger verteilten ihre Kundgebungen, Individualisten und Bibelforscher, Leute, die den Anbruch des tausendjährigen Reiches verkündeten, und Käuze, die für Vielweiberei eintraten, eigentümliche Darwinisten und Rassentheoretiker, Theosophen und Spiritisten trieben ein harmloses Unwesen ...““

Wurm wünscht sich, Ernst Lubitsch, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/271-das-boese-verlachen.html , hätte einen Film aus dem Ganzen gemacht.

Volker Weidermann im Gespräch mit Antonio Pellegrino: https://www.br.de/themen/kultur/traeumer-als-die-dichter-die-welt-uebernahmen-volker-weidermann-interview-100.html

 

Kurt Eisner heute

 

Was ist gegen Kurt Eisner zu sagen? Selbst dann, wenn mensch anderer Meinung sein sollte, nichts oder nicht viel. Kurt Eisner sollten Kränze geflochten, Denkmäler gebaut werden.

Dem ist aber nicht so.

 

CSU und Ministerpräsident Markus Söder: zutiefst schäbig

 

Dirk Walter und Stefan Sessler: „Beim Staatsakt zum 100. Geburtstag des Freitstaats lassen die Redner um Ministerpräsident Markus Söder einen ganz bewusst aus: den Revolutionär und ersten Ministerpräsidenten Kurt Eisner …

Viel ist von der Bayerischen Verfassung die Rede, die Bayerns König Max I. 1818 absegnete. Gewiss, es ist Bayerns erste Verfassung, aber sie wurde von oben oktroyiert und festigte die Macht der Monarchie. Bei Söder und der neuen Landtags-Präsidentin Ilse Aigner geht es immer wieder um König Max und um Bayerns Staatsreformer Montgelas, fast gar nicht jedoch um den Initiator der Revolution, der just in der Nacht vom 7. auf den 8. November den Freistaat Bayern ausrief: den Sozialisten Kurt Eisner.

Man glaubt es kaum, aber irgendwie hat die CSU immer noch nicht ihren Frieden mit dem Geschehen von 1918 gemacht. Söder vollbringt sogar das Kunststück, in seiner Rede den Namen von Bayerns erstem Ministerpräsidenten ganz auszusparen. Stattdessen raunt er über die Ideen des bekennenden Sozialisten: Man müsse sich das nur mal vorstellen – „Bayern als Sowjetrepublik“.

Das ist sie, die doppelbödige Geschichte, die die CSU an diesem Tag erzählt: Der Freistaat wurde vom Gegenteil von uns gegründet. Trotzdem sind wir der Freistaat. Die CSU hat ein historisches Weltereignis, ein Jahrhundert-Jubiläum – und will sich unbedingt davon distanzieren, während sie es feiert. Ganz schön kompliziert. Eisner ist der Gründungsmythos, der nicht sein soll.

Die „königliche Hoheit“ im Publikum – gemeint ist Herzog Max in Bayern – wird dafür öfters erwähnt, das klingt so, als müssten sich Bayerns höchste Repräsentanten bei ihm noch nachträglich für die Revolution als Ausrutscher entschuldigen.“

https://www.merkur.de/bayern/100-jahre-freistaat-staatsakt-ohne-kurt-eisner-eine-geschichtsstunde-bei-csu-10538443.html

Sebastian Beck: „Im Leben des Politikers Markus Söder wird es wahrscheinlich keine zweite Woche mehr wie diese geben: Am Dienstag wurde er im Landtag als Ministerpräsident vereidigt. Am Mittwoch sprach er beim Staatsakt zum hundertsten Geburtstag des Freistaats Bayern. Im Münchner Nationaltheater war die Elite des Landes versammelt. Es bot sich für ihn eine geradezu einzigartige Gelegenheit, im Zenit seiner Karriere eine Rede zu halten, die in Erinnerung bleibt und ihn als Staatsmann über die Niederungen des Alltagsgeschäfts erhebt.

Leider hat Söder die Chance verstreichen lassen, um es mal vorsichtig zu formulieren. Der neue SPD-Fraktionschef Horst Arnold ist auch zwei Tage danach immer noch fassungslos, was er zu hören bekam: "Es hatte nicht einmal das Niveau der Sendung mit der Maus", sagt Arnold über Söders Rede. Geschichtsvergessen sei sie gewesen, sehr enttäuschend, oberflächlich. Arnold meint damit nicht einmal die Plattitüden wie "Leben und leben lassen" als vermeintlich urbayerischen Charakterzug, ohne die Söder in seiner Rede nicht auskam. Er regt sich auch gar nicht so sehr darüber auf, dass der Ministerpräsident ausgerechnet in der Feierstunde der Republik explizit seine "Königliche Hoheit" Max Herzog in Bayern begrüßte.

Arnold und etliche andere Gäste finden es aber nur schwer erträglich, dass Söder in seiner Rede den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats, Kurt Eisner, nicht ein einziges Mal erwähnte. Dabei war es der Sozialist Eisner, der am 8. November 1918 den Freistaat ausgerufen hatte - und dies bald darauf mit seinem Leben bezahlte. Und es war der Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner, der die Verfassung von 1946 maßgeblich ausarbeitete. Auch wenn das Söder und etliche in der CSU nicht hören wollen: An den Wendepunkten der Geschichte marschierten in Bayern Linke voran.

Es hätte von staatsmännischer Größe gezeugt, dies zu würdigen. Während Söder im Nationaltheater seine unsägliche Rede hielt, besuchten die Nachfahren von Kurt Eisner dessen Grab auf dem israelitischen Friedhof in München. Sie waren angeblich nicht eingeladen. Wie hatte Söder doch am Dienstag in seiner Antrittsrede über die politischen Gegner gesagt? Man müsse lernen, einander wertzuschätzen.“

https://www.sueddeutsche.de/bayern/die-woche-in-bayern-soeders-reifepruefung-1.4205260

 

Bayerischer Rundfunk

 

Das Fernsehen war sehr enttäuschend. Obwohl es gute Dokumentationen (beeindruckend: ca. 100.000 Teilnehmer beim Trauerzug Kurt Eisners) und Fernsehfilme gibt, hat es der Bayerische Rundfunk nicht nötig gehabt, außer kurzen Einsprengseln in Magazin-Sendungen auf Kurt Eisner einzugehen. Pfui!

Positiv war das Gedenken zu Kurt Eisner im Radio-Programm. Eigentlich wie immer: als Massenmedium wird Radio nicht so richtig ernst genommen und deshalb gibt es dort eine recht große Freiheit. Entsprechend positiv war dort das Echo auf Kurt Eisner und die Revolution.

Hier ein paar Links: https://www.br.de/extra/webspecials/podcasts-bayerische-revolution-100.html

Neue Medien: Immerhin ein engagiertes neuartiges Messenger-Projekt mit der Bezeichnung „Ich, Eisner! 100 Jahre Revolution in Bayern“:

„Kurt Eisner höchstpersönlich, Anführer der Revolution des Jahres 1918 und erster Ministerpräsident Bayerns, schickte vier Monate lang Nachrichten auf Handy und erzählte in Echtzeit, was vor 100 Jahren geschah. Mit seiner Beerdigung am 26. Februar ist das Messenger-Projekt beendet.“

Am besten gleich ans Ende (Seite 14). Es geht am 12.10.1918 los mit (fast) jeden Tag kurzen Nachrichten und zahlreichen Links. Es lohnt sich!

https://www.br.de/extra/webspecials/kurt-eisner-revolution-bayern-whatsapp-100.html

 

Das andere Bayern

 

„Hommage an Kurt Eisner

100. Jahrestag der Ermordung Kurt Eisners

 

Wir betrauern nicht seine Leiche, wir feiern sein Leben!

 

21. Februar 2019: Ein Tag – Zwei Veranstaltungen: 11 Uhr in der Kardinal-Faulhaber-Str. und 19 Uhr im Alten Rathaussaal u.a. mit Max Uthoff

 

Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.

 

Die Freiheit erhebt Ihr Haupt- 100 Jahre Freistaat Bayern – 100 Tage Regierung Kurt Eisner

 

- 11 Uhr: Kranzniederlegung in der Kardinal-Faulhaber-Straße* zum Jahrestag der Ermordung Kurt Eisner zusammen mit den Enkeln von Kurt Eisner. Michaela Dietl spielt mit ihrem Akkordeon und wir verlesen die Proklamation des Freistaates Bayern vom 7. November 1918.

* Vorschlag: Umbenennung in Sarah-Sonja-Lerch-Straße

 

- 19 Uhr: Im Saal des Alten Rathauses München

Rückblick und Perspektiven zum Jahrestag der Ermordung Kurt Eisners mit:

Aktionskünstler Wolfram P. Kastner: Begrüßung

OB Dieter Reiter: Grußwort der Landeshauptstadt München

Rapper Lea-Won + Michaela Dietl

Max Uthoff: Was bleibt zu tun?

Florian von Brunn: Rückblick und Perspektiven

Vroni von Quast: Text von Heinrich Mann

Wolfgang Blaschka: Fragen an Kurt Eisner

Kurzes Gespräch mit dem Enkel Kurt Eisners Sepp Rauch

 

Eine Veranstaltung des Vereins Das andere Bayern e.V. in Kooperation mit ver.di Landesbezirk Bayern, GEW Landesverband Bayern, Kurt-Eisner-Kulturstiftung, Kurt-Eisner-Verein für politische Bildung in Bayern e.V, bfg München (Bund für Geistesfreiheit München), Oskar Maria Graf Gesellschaft e.V. und der Sendlinger Kulturschmiede.“

https://www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/B8ZJU/hommage-an-kurt-eisner/

https://www.dasanderebayern.de/21-2-2019-ein-tag-zwei-veranstaltungen/

Sepp Rauch im Gespräch mit dem Enkel Kurt Eisner:

 

 

Florian von Brunn:

 

 

Max Uthoff:

 

 

Hier noch Links zu früheren Beiträgen des Wurms: 

Jean Jaurès: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/108-humanitaet.html

Vorgeschichte 1. Weltkrieg: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/359-der-kampf-um-die-vermeidung-des-weltkrieges.html + http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/360-voller-damoklesschwerter-haengt-der-himmel.html

Beginn 1. Weltkrieg: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/109-platz-an-der-sonne.html + http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/110-go-east.html

Rosa Luxemburg: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/368-der-adler.html

Revolution von 1918/19: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/369-wer-hat-uns-verraten-sozial-denkende-kleingeister.html

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm