Vor 100 Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Für die gerade stattfindende Revolution in Deutschland war dieses Ereignis eher unwichtig. Was davor und danach passierte, ist diesem geschichtslosen Volk entweder weitgehend unbekannt oder es lässt sich gerne mit Manipulationen blenden – obwohl gerade zu jener Zeit Weichen gelegt wurden, die heute noch wirksam sind.

Winfried Wolf bietet eine sehr gute Zusammenfassung der Ereignisse, wobei er sich auf folgende Bücher beruft:

Richard Müller: „Die Geschichte der Revolution"

Sebastian Haffner: „Der Verrat"

Klaus Gietinger: „Der verpasste Frühling"

 

Erschienen in den „Nachdenkseiten“:

https://www.nachdenkseiten.de/?p=47551

https://www.nachdenkseiten.de/?p=47597

https://www.nachdenkseiten.de/?p=47668

 

Geschichte als die Geschichte der Sieger

 

„Es handelte sich jedoch um eine reale, um eine tatsächliche Revolution. Um die größte, die es in der bisherigen deutschen Geschichte gab – um eine Revolution mit einer echten Massenbasis, ja, mit einer weit größeren demokratischen Grundlage, als es eine solche 1848 in Deutschland oder 1917 in Russland gab. Es war auch eine äußerst demokratische Revolution. Es war eine höchst gutmütige und – soweit es die Revoltierenden und die Revolutionäre betrifft – eine weitgehend unblutige.

Es handelt sich auch um eine Revolution, die Bleibendes schuf. Es waren die Novemberrevolution und ihre Vorläufer, die Massenstreiks in der deutschen Rüstungsindustrie, die das Kriegsende erzwangen und die den Frieden möglich machten. Die Monarchie und die Feudalherrschaft wurden im November 1918 beseitigt: Danach wurde nie mehr, auch nicht in der NS-Zeit und auch nicht nach Ende des Zweiten Weltkriegs über die Wiedereinführung der Monarchie diskutiert. Der Kaiser und die feudalen Zeiten waren ab November 1918 endgültig diskreditiert. Ein Referendum über die Monarchie, wie es ein solches 1946 in Italien nach dem Untergang des Faschismus gegeben hatte, stand in Deutschland respektive in Westdeutschland nie zur Debatte …

Die entscheidende Frage lautet: WARUM wird die Novemberrevolution seit einem Jahrhundert derart kleingeredet, warum so gern vergessen, warum derartig denunziert? Die Antwort lautet: Das hat viel mit dem Verrat an der Revolution zu tun und damit, dass die maßgeblichen Verräter der Weimarer Republik ihren Stempel aufdrückten und dass diejenigen, die in der politischen Tradition dieser Verräter stehen, seit 1949 die Bundesrepublik Deutschland prägen. Damit haben sie auch die offizielle Geschichtsschreibung maßgeblich mitbestimmt. Allein der Umstand, dass ich am Vorabend des hundertsten Jahrestages der Novemberrevolution in Kassel im „Philipp-Scheidemann“-Saal (in der Universität) sprach, ist grotesk: Scheidemann war maßgeblich am Verrat dieser demokratischen Revolution beteiligt. Die Tatsache, dass nur ein paar Steinwürfe vom Ort dieser Veranstaltung entfernt, in Wilhelmshöhe, eine geheime Telefonleitung endete, über die in Berlin der führende SPD-Mann, Friedrich Ebert, regelmäßig mit der Obersten Heeresleitung, die im nicht-revolutionären Kassel und dort in den Räumen der ehemals kaiserlichen Residenz, ihr Hauptquartier hatte, verbunden war, spricht Bände. Die Tatsache, dass die SPD ihre Stiftung nach dem Mann benennt, der für die Ermordung Tausender Arbeiterinnen und Arbeiter Mitverantwortung trägt, und dass diese Friedrich-Ebert-Stiftung in unserer Gesellschaft und für Gewerkschaften eine wichtige Rolle spielt, ist höchst irritierend. Wenn dann noch im Juli 2018, also im Vorfeld des 100. Jahrestages der Revolution, die SPD ihre Historische Kommission auflöste, eine Gruppe von Historikern, die just zum 100. Jahrestag der Revolution eine Tagung durchführen wollte, dann rechtfertigt dies die Feststellung des (letzten) Vorsitzenden dieser Kommission, Horst Faulenbach, wonach die Entscheider im SPD-Vorstand von einer „gewissen Geschichtslosigkeit“ geprägt seien. Faulenbach: „Die sind immer im Heute. Die haben kein Gestern, und deshalb leider auch kein Morgen.“

Und dann gibt es den 9. November 1938. Vielerorts liest man, beide Termine – der 9. November 1918 mit der Revolution und der 9. November 1938 mit der sog. Reichspogromnacht, der Auftakt zur massenhaften Verfolgung der Jüdinnen und Juden – gehörten zusammen. Gelegentlich werden am hundertsten Jahrestag beide Termine nachgerade gewaltsam zusammengepresst. So hieß es am 9. November 2018 in der FAZ auf Seite 1 unter dem Foto einer brennenden Synagoge:

War dies nicht der Tag, an dem 1938 ein organisierter Mob Jagd auf Juden machte und Synagogen […] anzündete? Und waren nicht 1918 an jenem Tag viele geschockt, als sie vom Sturz des Kaisers und der Ausrufung der Republik hörten?“

Warum folgt man mit diesem Verrühren von zwei höchst unterschiedlichen Ereignissen dem Diktat und der Propaganda der Nazis? Klargestellt werden muss, was heute niemand sagt: Die „Reichspogromnacht“ wurde auf den Tag „9. November“ gezielt gelegt; da war kein blinder geschichtlicher Prozess am Walten. Es war auch nicht irgendein „organisierter Mob“, der da Jagd auf Menschen machte. Den Mob stellten vor allem SA und SS; die Organisatoren waren Himmler, Goebbels, Göring und Hitler. Und der Tag wurde ausgewählt von den Führern der SS, der SA und der NSDAP, den legitimen Nachfolgern der Freikorps, die die Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland im Zeitraum Dezember 1918 bis weit in die 1920-er Jahre hinein zu Tausenden ermordet hatten. Viele NS-Führer waren selbst als Freikorps-Mörder aktiv gewesen. Eines dieser Freikorps trug seit Januar 1920 das Hakenkreuz auf dem Helm. Indem die Nazis denselben Tag, den „9. November“, für den Auftakt zur Judenverfolgung wählten, wollten sie jede positive Erinnerung an die Novemberrevolution auslöschen und jede Identifikation der deutschen Bevölkerung im Allgemeinen und der deutschen arbeitenden Klasse im Besonderen mit der Revolution zerstören. „Der Jude war´s, der Schande über Deutschland brachte“ – das war die Botschaft, die das NS-Regime mit der sogenannten Reichspogromnacht am 9. November 1938 verbreiten wollte. Ein Goebbels-Coup, der offensichtlich bis heute von Erfolg gekrönt ist. Die beiden Tage 9. November 1918 und 9. November 1938 haben nur insoweit etwas miteinander zu tun, als es diesen beschriebenen demagogischen und aufgezwungenen Zusammenhang gibt. Sie müssen von uns strikt getrennt gesehen und gewürdigt werden.“

 

Die SPD und der Krieg

 

„Während des gesamten Kriegs spielte die SPD eine entscheidende Rolle. Ohne sie hätte der deutsche Angriffskrieg nicht in dieser Form geführt werden können – ja, er wäre wohl dann verhindert worden, wenn die SPD an ihrer bis Juli 1914 praktizierten Anti-Kriegshaltung festgehalten, gegen den Krieg mobilisiert und im Reichstag gegen die Kriegskredite gestimmt hätte.“

Im Beitrag über Rosa Luxemburg ist der Wurm ausführlich auf die Rolle der SPD im 1. Weltkrieg eingegangen und hatte das Signal an die Regierung, mitzumachen, mit der Rede von Gustav Bauer aus dem Jahr 1913 dokumentiert:

„… Jeder Proletarier weiß oder fühlt es, oder es wird ihm schon von den Vertretern der bürgerlichen Parteien erzählt, daß mit dem Siege der Kapitalisten seines Landes deren Industrie emporblühen werde, daß es damit ihm auch relativ besser gehe, daß er mehr Lohn erringen könne, daß die Arbeitslosigkeit sinken werde und so weiter. Solange der Kapitalismus herrscht, wird er noch immer genug Kraft aufbringen, um gegebenenfalls mit den äußersten Mitteln seine Ziele verfolgen zu können. Und solange der Kapitalismus die herrschende Produktionsform ist, wird er auch immer, wenn es sein Interesse unbedingt erheischt, Kriege führen und dazu die Massen durch patriotische Phrasen begeistern können. Es kann eine Reihe von Umständen eintreten, unter denen es das Interesse des Proletariats gebieterisch erheischt, auch in der auswärtigen Politik seine eigene Kapitalistenklasse zu bekämpfen. Diese Fälle treten insbesondere dann ein, wenn für das Proletariat der bei einem Kriege zu erwartende Gewinn zu klein ist, um die nötigen Blutopfer zu rechtfertigen …

Die Kriegsfrage ist kein prinzipielles, sondern ein taktisches Problem. Es gilt für das Proletariat der einzelnen Länder abzuwägen, ob der Krieg Vorteile bringen könne oder nicht und danach ist ihr Verhalten einzurichten ...“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/368-der-adler.html

 

Krieg verloren, SPD seit Oktober 1918 an der Regierung

 

„In der offiziellen Geschichtsschreibung heißt es, mit dem Kriegsende am 9. November 1918 habe es eine erste parlamentarische Regierung mit SPD-Beteiligung gegeben. Das ist unrichtig. Vergleichbares erfolgte bereits gut einen Monat früher; am 3. Oktober 1918. An diesem Tag wurde in Deutschland die parlamentarische Demokratie eingeführt und eine neue Regierung gebildet, der der SPD-Führer Philipp Scheidemann und der SPD-Gewerkschaftsführer Gustav Bauer als Staatssekretäre (das war die damalige Bezeichnung für Minister) angehörten. Diese Interimsregierung mit der SPD auf dem Klappsitz durfte dann, wie von der Obersten Heeresleitung gefordert, ein Waffenstillstandsgesuch beim US-Präsidenten Wilson einreichen. Und es war auch die Oberste Heeresleitung selbst, die die SPD in die Regierung hievte. Deren führender Kopf, der „Erste Generalquartiermeister“ Erich Ludendorff, der seit 1916 faktisch an der Spitze einer Militärdiktatur stand, erklärte Anfang Oktober 1918: „Ich habe Seine Majestät gebeten, jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, dass wir soweit gekommen sind.“ Kurt Tucholsky schrieb später einmal: „Es ist ein Unglück, dass die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem 1. August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleineren Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas – vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet.“ Tucholsky wäre sicher mit der Ergänzung einverstanden gewesen, die SPD könne man auch bezeichnen als „die Partei, der wir verdanken, dass wir soweit gekommen sind“.

Was war passiert, dass es diesen 3. Oktober gab? Und warum wird dieses Datum nirgendwo erwähnt?

Seit Anfang 1917 hatte es immer massivere Streiks in den deutschen Großbetrieben, insbesondere in der Rüstungsindustrie gegeben. Im Januar 1918 hatten mehr als 700.000 Arbeiterinnen und Arbeiter gestreikt. Wie später noch darzustellen sein wird, wurden diese Streiks in Berlin maßgeblich von einer kleinen Gruppe konspirativ arbeitender Revolutionäre vorbereitet und geleitet. Im Sommer desselben Jahres kam es zur Massendesertion und zu Absatzbewegungen von der Truppe: das deutsche Heer verlor binnen weniger Wochen bis zu einer Million Mann. Gleichzeitig waren mehr als 200.000 frische Soldaten aus den USA in Frankreich gelandet und in den Krieg eingetreten.

Kurz gesagt: Der Krieg war für den Kaiser, den Reichskanzler und für die Oberste Heeresleitung schlicht verloren. In dieser Situation bereiteten die Verantwortlichen ihren Abgang vor: Sie machten sich aus dem Staub. Sie setzten sich später nach Holland (der Kaiser) und nach Schweden (Ludendorff) ab. Sie übertrugen zuvor die Verantwortung auf die SPD und die zivilen „gemäßigten“ Bürgerlichen. Diese sollten die Suppe auslöffeln, die die Militärs, die Wirtschaftsführer, die Junker und der Kaiser der deutschen Bevölkerung eingebrockt hatten. Wobei zum Suppe-Auslöffeln immer zwei gehören: einer, der das Süppchen braut, und einer, der die Brühe aufnimmt. Die SPD-Führung war zu Letzterem bereit. Der SPD-Parteiführer Friedrich Ebert formulierte dies perfekt wie folgt:

Wir müssen jetzt im Gegenteil uns in die Bresche werfen. Wir müssen dabei sehen, ob wir genug Einfluss bekommen, um unsere Forderungen durchzusetzen, und wenn es möglich ist, sie mit der Rettung des Landes zu verbinden, dann ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dies zu tun.“

Damit wurde aus Sicht der rechten Kreise die Basis für die Dolchstoß-Legende gelegt: Die Armee war scheinbar „im Felde unbesiegt“, wie es Ebert später selbst bestätigen würde. Der Waffenstillstand musste von einer Regierung mit SPD-Beteiligung erbeten und von Zivilisten im Wald von Compiègne unterzeichnet werden – was demjenigen, der dies an führender Stelle tat, Staatssekretär Matthias Erzberger, im Jahr 1921 den Tod durch faschistische Fememörder brachte. Die Militärs beauftragten zwar Erzberger, in jedem Fall den Waffenstillstand zu unterzeichnen, gleichgültig, welche Bedingungen die Sieger stellen würden, doch sie weigerten sich, den logischen letzten Schritt zu tun und selbst zu unterzeichnen. Die Siegermächte wiederum akzeptierten in Compiègne diese seltsam zusammengesetzte Delegation. Die SPD und die „gemäßigten“ bürgerlichen Kräfte wurden auf diese Weise auch für den Friedensvertrag von Versailles verantwortlich gemacht.

Und schließlich ließ sich am Ende behaupten, es habe keine Verantwortlichen für den Krieg gegeben. Alle seien schlafwandelnd in denselben hineingestolpert. Irgendwie brach der Krieg aus. Und irgendwie wurde den tapferen deutschen Soldaten am Ende ein Dolchstoß in deren Rücken verpasst – durch die verräterische Linke und durch bürgerlich-liberale Flaumacher.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=47551

 

Unblutige Revolutionäre

 

„Diejenigen, die akzeptieren, dass es überhaupt eine Revolution in Deutschland gab, stellen diese in der Regel als die Tat weniger dar. Teilweise als Theateraufführung oder Operette, teilweise als Putsch. Oft als Resultat einer Kabinettspolitik. Dabei gelegentlich als völlig unnötig. So heißt es in dem aufwendigen Heft „Geo Epoche – Kollektion“ zum Thema „Die Weimarer Republik“:

Die deutsche Revolution ist umwuchert von Mythen […] Sie war, historisch gesehen, ein verfehltes Unternehmen. Sie bricht aus, als der Umbau des autokratischen Kaiserreichs in eine parlamentarische Demokratie praktisch vollendet und das Kriegsende nur noch eine Frage von wenigen Tagen ist. […] Diese demokratische Umwälzung ist das Werk des letzten kaiserlichen Kanzlers, Prinz Max von Baden.“

Andere moderne Interpreten sehen die Revolution als Ergebnis einer Politik zurückhaltend-kluger Kräfte. In diesem Sinne äußerte sich der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der am 100. Jahrestag der Novemberrevolution das Folgende ausführte:

Es bleibt das große Verdienst der gemäßigten Arbeiterbewegung, dass sie – in einem Klima der Gewalt, inmitten von Not und Hunger – den Kompromiss mit den gemäßigten Kräften des Bürgertums suchte, dass sie der parlamentarischen Demokratie den Vorrang gab!“

Welche eine Verdrehung fast aller Umstände! Es gab kein Klima der Gewalt, insoweit es die Revolution betraf. Diese Revolution beendete ein extremes Klima der Gewalt, das vom 4. August 1914 bis zum 9. November 1918 mit dem Krieg herrschte. Für die SPD-Führung mit Ebert, Scheidemann und Noske – und diese meinte Steinmeier mit den „gemäßigten Kräften der Arbeiterbewegung“ ganz offensichtlich – war die parlamentarische Demokratie nur ein Instrument, um eine direkte Demokratie von Arbeiterräten oder eine Struktur, bei der das Parlament ergänzt und kontrolliert wird durch Arbeiterräte, zu verhindern. Vor allem suchte die SPD nicht einen „Kompromiss mit den gemäßigten Kräften des Bürgertums“. Vielmehr ging sie ein jahrelanges Bündnis mit den rechtesten Kreisen ein, um mit Hilfe dieser die Revolution niederzuschlagen. Gustav Noske sprach Klartext; Steinmeier direkt widersprechend:

Ich habe mich immer auf das Nachdrücklichste jedem Kompromiss widersetzt, weil bei mir nicht der geringste Zweifel bestand, dass die Auseinandersetzung zwischen revolutionärer Phraseologie und den realen Notwendigkeiten früher oder später hätte kommen müssen.“

Was es im November 1918 und danach in Deutschland gab, das war eine zutiefst demokratische, von breiten Massen getragene Revolution, eine weitreichende Umwälzung der politischen Verhältnisse. Die deutsche Revolution hatte eine breitere soziale Basis und damit eine größere demokratische Legitimation als die Oktoberrevolution in Russland (was natürlich auch darauf zurückzuführen war, dass in Russland 1917 die Arbeiterklasse eine deutliche Minderheit darstellte und die große Mehrheit der Bevölkerung auf dem Land lebte). Diese Novemberrevolution hatte das Ziel einer direkten Demokratie, wie sie im Wesentlichen durch die Arbeiter- und Soldatenräte zum Ausdruck gebracht wurde. Sie war weitgehend unblutig, insoweit es die Revolutionäre betrifft. Und sie war gnadenlos gutmütig und idealistisch – zu gutmütig angesichts ihrer Feinde.

Diese Charaktereigenschaften der deutschen Revolution lassen sich bei drei unterschiedlichen geschichtlichen Ereignissen darstellen: In der eigentlichen Revolution und hier in den Monaten November und Dezember 1918. Anfang Januar 1919, in derjenigen Woche, die fälschlich als „Spartakus-Aufstand“ bezeichnet wird. In den Tagen nach dem Kapp-Putsch vom 13. März 1920. Diese Charaktereigenschaften traten an vielen Orten und Regionen und in allen Ländern der jungen Republik deutlich zu Tage. In diesem Text gehe ich jedoch – vor allem aus räumlichen Gründen – primär auf die Ereignisse in Berlin ein; „nur“ die Bayerische Räterepublik wird ergänzend behandelt.

Auf alle drei Ereignisse und in allen Regionen, in denen die Revolution mit ihren demokratischen und antimilitaristischen Forderungen Gewicht erlangte, antwortete die SPD-Führung mit dem Einsatz von militärischer Gewalt. Mit der Ausführung dieser Militärgewalt beauftragte sie die ganz Rechten, die Freikorps. Diese Gewaltanwendung steigerte sich von Ereignis zu Ereignis – bis hin zu einer unerhörten, in der deutschen Geschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg nie dagewesenen Gewaltorgie …

Verrat ist sicher auch eine moralische Kategorie. Es geht hier jedoch um eine politische Definition. Darum, dass die SPD 1918 bis 1920 vorgab, für Demokratie, Frieden und die Revolution einzutreten, dass sie jedoch gleichzeitig und hinter dem Rücken ihrer Anhänger aufs Engste mit denen zusammenarbeitete, die für Diktatur, Krieg und Konterrevolution standen und die den Faschismus von 1933 vorbereiteten.“

 

Initialzündung der Revolution

 

„Auslöser der deutschen Revolution war eine Befehlsverweigerung von Matrosen und eine Revolte der Kriegsschiffbesatzungen in Wilhelmshaven am 28. Oktober 1918. Diesen war – ziemlich überraschend und in offenem Widerspruch zur eigentlichen Einschätzung der Obersten Heeresleitung – von der Flottenführung das Auslaufen der Schiffe aus den Häfen befohlen worden. Gewissenermaßen fünf nach zwölf sollte noch eine Entscheidungsschlacht mit der britischen Flotte gesucht werden. Die einzelnen Etappen dieser Meuterei sollen hier nicht nachgezeichnet werden. Fest steht: Im Zentrum standen hier die mutigen Taten Weniger. Und: Es waren unkoordinierte und nicht organisierte Aktivitäten von Meuterei und Aufstand. Ein vorläufiger Höhepunkt der Meuterei bestand darin, dass am 4. November in Kiel die Matrosen des Dritten Geschwaders Soldatenräte wählten, ihre Offiziere entwaffneten, auf den Schiffen rote Fahnen hissten und hunderte Matrosen befreiten. Es handelte sich bei den befreiten Matrosen um diejenigen, die zuvor in Wilhelmshaven gemeutert hatten, die von dort durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Kiel transportiert wurden und die in Kiel im Gefängnis auf ihre Aburteilung gewartet hatten. Bis zum 7. November hatte der Aufstand an den Küsten auch Lübeck, Brunsbüttelkoog, Hamburg, Bremen und – erneut – Wilhelmshaven erfasst; er griff bereits auf westdeutsche Städte wie Köln, Hannover und Oldenburg über. Die SPD-Führung und die neue von der SPD mitgetragene Reichsregierung entsandten Gustav Noske nach Kiel, der von dort nach Berlin telegrafierte, er habe nur „die eine Hoffnung: freiwillige Rückkehr [der Matrosen; W.W.] zur Ordnung unter sozialdemokratischer Führung.“ Der Kurzzeitkanzler Prinz Max von Baden ließ auch keinen Zweifel daran, was die Funktion der Noske-Mission sei, als er im Kabinett den Beschluss durchsetzte: „Freie Hand für Noske bei dem Versuch, den lokalen Aufstand zu ersticken.“ Selbst zu diesem Zeitpunkt agierte die SPD-Führung im Sinne der Obersten Heeresführung und des Kaisers.“

 

Revolutionäre Obleute

 

„Doch der Geist war der Flasche entwichen. Sie ließ sich nicht mehr schließen. Die Revolte breitete sich aus und ergriff die Hauptstadt. Am 9. November wurde die neue Staatsform gleich zwei Mal ausgerufen – als „deutsche Republik“ durch Gustav Scheidemann bzw. als „sozialistische Republik in Deutschland“ durch Karl Liebknecht. Das waren noch mehr oder weniger spontane Aktionen. Doch dann gab es doch so etwas wie ein revolutionäres Zentrum: Echte Revolutionäre nahmen die Sache in die Hand. Und wer waren diese? Rosa Luxemburg? Karl Liebknecht? Die USPD-Führung? Die Spartakisten, damals der linke Flügel in der USPD? Niemand von diesen! Es war eine Gruppe, die als Revolutionäre Obleute in die Geschichte einging. Gingen sie wirklich in die Geschichte ein? Jedenfalls hätten sie so eingehen müssen. Anlässlich der 100-Jahr-Feiern wurden sie jedoch bestenfalls am Rande erwähnt. Im offiziellen Gedenken wurde nirgendwo ihre zentrale Rolle begriffen und dargelegt. In dem zitierten Geo-Heft ist die Rede von „SPD-Obleuten“, die die SPD-Führung warnen, die „Revolution sei nicht aufzuhalten“. Eine groteske Fehleinschätzung bzw. Falschdarstellung. Eine löbliche Ausnahme bildet dabei Klaus Gietinger, der aktuell mit seinem neuen Buch „November 1918“ durch die Lande tourt und mit seinen Vorträgen die zentrale Rolle der Obleute ausführlich herausarbeitet und die Ignoranz der offiziellen Geschichtsschreibung anprangert. Sebastian Haffner beschreibt diese Gruppe wie folgt:

Die Gruppe der Revolutionären Obleute hatte sich in den großen Streiks des vergangenen Winters [also des Winters 1917/1918; W.W.] gebildet. Sie waren die wirklichen Streikführer gewesen. Seitdem hielten sie konspirativ zusammen, seit einigen Wochen planten sie die Revolution, und am 4. November hatten sie – ohne von der Lawine etwas zu ahnen, die an diesem Tag in Kiel ins Rollen kam – einen Putsch in Berlin für den 11. November beschlossen, Waffen besorgt und verteilt und Pläne zu einem Handstreich auf die Regierungszentren entworfen. Die Entwicklung war den Revolutionären Obleuten dann davon gelaufen, aber sie waren nicht gesonnen, sie über sie hinweggehen zu lassen. Am Nachmittag dieses 9. Novembers, während die Massen begeistert, ziellos und schon etwas ermüdet durch die Straßen von Berlin wogten, während Ebert in der Reichskanzlei zu regieren versuchte und während die Fraktionen der SPD und USPD endlos tagten und sich nicht darüber einig werden konnten, unter welchen Bedingungen die USPD in Eberts Regierung eintreten könnte, hielten die Revolutionären Obleute eine Beratung ab und schritten zur Tat. […] Sie sahen klar, worauf es jetzt ankam: den Massen eine handlungsfähige Spitze zu geben, ein Organ, das Politik machen konnte, eine Revolutionsregierung. […] Sie trommelten ein paar hundert ihrer Gefolgsleute zusammen. Am Abend […] besetzten sie den Reichstag.“

Peter von Oertzen analysiert die Obleute in ähnlicher Weise. Er unterstreicht, dass diese zwar fast alle „der USPD angehörten und die Partei als Plattform ihrer Tätigkeit nutzten“, dass sie aber zugleich sich als „selbständige Gruppe“ verstanden und „nicht als Anhängsel der Parteiorganisation.“ Für Oertzen waren „die revolutionären Obleute im Grunde nichts anderes als die Organisation der Arbeitermassen selbst.“

Im Gegensatz zu Peter von Oertzen, dem ehemaligen Mitglied im Kuratorium der Rosa-Luxemburg-Stiftung, stellte Uwe Sonnenberg, der Vertreter dieser Stiftung, am 9. November 2018 fest: „Es gab keine politische Kraft, die ein Konzept für die Revolution hatte und auf den 9. November vorbereitet war“. Doch, diese Kraft gab es. Der führende Kopf der Revolutionären Obleute, Richard Müller, schrieb:

Die Vorbereitungen der Revolutionären Obleute […] wirkten zweifellos mitentscheidend auf den Lauf der Dinge. In vielen Sitzungen waren alle Eventualitäten des Aufstandes mit den einflussreichsten Personen der Großbetriebe durchgesprochen worden. […] Am Tag des Aufstands bedurfte es keiner Leitung, sie wäre auch rein technisch nicht möglich gewesen.“

Doch die Obleute hatten in Ebert und in den Mehrheitssozialisten einen vergleichbar gut organisierten Gegenspieler. Und sie standen vor dem Dilemma einer Mehrheit von Arbeitern und Soldaten, die von der Revolution begeistert und zugleich gegenüber der SPD-Führung naiv waren. Und dann erhielt die Mehrheitssozialdemokratie heimliche und später offene Unterstützung durch die Kräfte des untergegangenen Regimes, vor allem durch das Militär.

Am Abend des 9. November beschloss eine von den Revolutionären Obleuten angeführte, improvisierte Tagung im besetzten Reichstag, bereits am nächsten Tag, dem 10. November, in allen Betrieben und Kasernen Arbeiter- und Soldatenräte wählen zu lassen. Diese sollten sich am gleichen Tag um fünf Uhr nachmittags im Zirkus Busch versammeln, um eine revolutionäre Führung zu bestimmen. Die zunächst überrumpelte SPD-Führung mobilisierte umgehend die eigenen Leute. Noch in der Nacht vom 9. auf den 10. November konnte die SPD-Führung in den Berliner Kasernen 40.000 Flugblätter verteilen. Der von der SPD im Amt belassene preußische Kriegsminister Schëuch gewährte dabei wichtige logistische Unterstützung.“

 

Einigkeit, wo keine ist

 

„Die Zusammensetzung der rund 3.000 neu gewählten Arbeiter- und Soldatenräte, die sich dann am 10. November um 5 Uhr nachmittags im Zirkus Busch versammelt hatten, war dann zur Überraschung der Obleute mehrheitlich SPD-dominiert. Das galt insbesondere für die Soldatenräte. Das war, so Gietingers Erkenntnis, vor allem der mangelnden Agitation der USPD unter den Soldaten geschuldet. In der Zirkus-Busch-Arena dominierten Forderungen nach „Einigkeit“ und „Kein Bruderkampf!“. Nachdem dort als erster Redner Friedrich Ebert in staatsmännischem Ton verkündet hatte, dass man am Vormittag eine Regierung der Volksbeauftragten gebildet hätte, die paritätisch aus SPD und USPD zusammengesetzt sei, konnte der zweite Redner, der USPD-Führer Haase, dem im Wesentlichen nur beipflichten. Der dritte Redner war die Revolutionsikone Karl Liebknecht. Doch dieser setzte offensichtlich die falschen Akzente, als er in seiner Ansprache vor allem die Rolle der SPD im Krieg brandmarkte. Er erntete dabei, wie Richard Müller von den Obleuten berichtet, „merklichen Widerspruch“. Gietinger übertreibt wohl, wenn er schreibt, Liebknecht sei „niedergeschrien“ worden. Laut Richard Müllers Bericht agierten die Obleute bei diesem entscheidenden Treffen auch als Gruppe höchst ungeschickt. Eigentlich wollten die Obleute, gerade weil sie die Manöver der SPD erkannt hatten und weil sie wussten, dass im Zirkus die SPD eine Mehrheit hatte, ohne größere Debatte einen Aktionsausschuss wählen lassen, der ausschließlich aus „zuverlässigen Mitgliedern“ der Obleute und des Spartakusbundes bestanden hätte. Dies sollte, wie Richard Müller schreibt, „ohne jede Debatte, gewissermaßen durch einen Bluff […] zustande kommen.“ Doch der Top-Mann der Obleute, Barth, glaubte eine Rede zur Begründung dieses Aktionsausschusses halten zu müssen. Müller:

Das war ein Fehler. Der aufmerksame Zuhörer erkannte zwischen Barths Worten die nicht klar ausgesprochenen Absichten. Im letzten Augenblick verlangte nun Ebert das Wort und meinte, er halte einen solchen Aktionsausschuss nicht für notwendig, aber, wenn schon einer gewählt werden sollte, dann müsste er wie die Regierung paritätisch von beiden Parteien besetzt werden.“

Ebert konnte sich mit seiner Forderung schlussendlich durchsetzen. Der „Aktionsausschuss“ – sein späterer Name lautete „Vollzugsrat“ – zur Kontrolle der Regierung der Volksbeauftragten wurde zwar gewählt. Doch auch dieser war nun paritätisch besetzt. Hinzu kam: Die Linke war im Vollzugsrat personell nicht optimal vertreten; Karl Liebknecht weigerte sich, sich in ein Gremium „zusammen mit den Kriegsunterstützern der SPD“ hineinwählen zu lassen.

 

SPD setzt sich durch

 

Gut einen Monat später, am 16. Dezember, kam es in Berlin zum ersten Reichsrätekongress. Formal gesehen war dies ein gewaltiger Fortschritt. Und dies hätte auch einen neuen Höhepunkt der Revolution darstellen können. Doch inhaltlich war der revolutionäre Elan verpufft. Vergleichbares zu dem, was die Revolutionären Obleute auf Berliner Ebene an Strukturen geschaffen hatten, gab es auf der Ebene des Reichs nicht. Spartakus zählte deutschlandweit zu diesem Zeitpunkt erst wenige Tausend Mitglieder. Die USPD war politisch höchst heterogen und organisatorisch ebenfalls wenig verankert. So war der Reichsrätekongress Mitte Dezember 1918 noch mehr als die Versammlung im Zirkus Bush am 10. November 1918 von der Mehrheitssozialdemokratie dominiert. Der Reichsrätekongress beschloss, wie von Ebert gefordert, die Vorverlegung des Wahltermins für die Nationalversammlung auf den 19. Januar 1919. Damit war ein entscheidendes Ziel der SPD-Rechten näher gerückt: Die Rückführung aller Regierungsgewalt in indirekt-demokratische Strukturen und die weitere Unterminierung der Strukturen direkter Demokratie, so der Arbeiter- und Soldatenräte.

Anstelle des am 10. November gewählten Vollzugsrats wählte der Reichsrätekongress einen sechszehnköpfigen Zentralrat, dessen Kompetenzen gegenüber der Regierung im Vergleich zum Vollzugsrat nochmals deutlich gestutzt waren. Und ähnlich wie Liebknecht es am 10. November abgelehnt hatte, sich in den Aktionsausschuss bzw. in den Vollzugsrat wählen zu lassen, weigerten sich nun die Unabhängigen, sich an dem Zentralrat überhaupt zu beteiligen. Dieser wurde damit eine reine SPD-Angelegenheit. Dabei zeichnete sich durchaus ab, dass die Arbeiterbasis und die Räte sich politisierten. So forderte der Kongress die Sozialisierung der Schlüsselindustrien. Auf Antrag eines Hamburger Soldatenrats wurde mit großer Mehrheit eine weitreichende Umgestaltung des Militärwesens beschlossen: die Oberste Kommandogewalt müsse bei den Volksbeauftragten – „unter Kontrolle des Zentralrats“ – liegen; die Disziplinargewalt bei den Soldatenräten; es müsse „freie Offizierswahl“ herrschen. Die Angst vor einer neuen Militärdiktatur saß so gut wie allen in den Knochen. Der grundlegend antimilitaristische Charakter der Revolution wurde mit dem Beschluss dieser „Hamburger Punkte“ ein weiteres Mal unterstrichen.

Doch solche Beschlüsse entsprachen weitgehend Wunschdenken. Die Entscheidungen fielen längst nicht mehr auf Ebene von Arbeiter- und Soldatenräten. Die Regierung der Volksbeauftragten war zum entscheidenden Machtzentrum geworden. Und in dieser wurde die Dominanz der Mehrheitssozialdemokraten von Tag zu Tag größer – auch aufgrund der mangelnden personellen Qualitäten der dort vertretenen USPD-Leute bzw. der Weigerung führender Radikaler, in dieses Gremium zu gehen. Am 29. Dezember traten dann die USPD-Vertreter sogar aus der Regierung der Volksbeauftragten aus. Damit waren die rechten Sozialdemokraten auch dort unter sich. Diese Entwicklungen nach rechts auf den oberen Ebenen sind auch deshalb tragisch, weil es unter den Arbeitern zu einer entgegengesetzten Entwicklung kam. Peter von Oertzen schreibt:

An diesen Vorgängen ist besonders bemerkenswert, dass die sozialdemokratischen Arbeiterräte, obwohl in politischer Hinsicht noch den Auffassungen ihrer Parteileitung treu, in den wirtschaftlichen Fragen anfingen, eigene Wege zu gehen und […] ein eigenes Räte- und Wirtschaftsprogramm zu entwickeln. […] Auch auf politischem Gebiet löste sich die sozialdemokratische Front allmählich auf. Obwohl die SPD und die Demokraten am 17. Januar 1919 bei der Wahl zum Vollzugsrat, eine klare Mehrheit erhalten hatten, gelang es der USPD-Fraktion doch, bei Abstimmungen über grundsätzliche politische Fragen am 17. Januar und am 31. Januar 1919 jeweils ein Drittel der gegnerischen Arbeiterräte auf ihre Seite zu ziehen und ihre Resolutionen durchzubringen.““

 

SPD und Militär gegen Arbeiter

 

„Die SPD-Führer in den entscheidenden Regierungsämtern arbeiteten vom ersten Tag der Revolution an hinter dem Rücken der Massen und meist ohne Wissen von Kontrollgremien wie Arbeiter- und Soldatenräten, Aktionsausschuss und Vollzugsrat mit den rechten Militärs und mit der Obersten Heeresleitung, die zunächst im belgischen Spa und ab dem 14. November in Kassel-Wilhelmshöhe ihren Sitz hatte, eng zusammen. Im Zentrum stand dabei eine Art Pakt, den der Chef der Obersten Heeresleitung, General Groener, mit Friedrich Ebert noch am 10. November, nach der turbulenten Tagung im Zirkus Busch, geschlossen hatte. Groener forderte von Ebert die Bekämpfung von „Bolschewismus und Radikalismus“, faktisch des Spartakusbundes. Groener bot dafür jede mögliche militärische Unterstützung. Die Verbindung wurde dabei in großen Teilen über eine geheime Telefonleitung gehalten, die noch aus Kriegszeiten das militärische Hauptquartier (zunächst in Spa, dann in Kassel) mit dem Kanzleramt verband. Groener berichtet, dass er noch in der Nacht vom 10. auf den 11. November ein „Bündnis“ mit Ebert geschlossen habe. Ebert schwieg dazu; widersprach jedoch nicht. Groener:

Ebert ging [in dieser Nacht; W.W.] auf meinen Bündnisvorschlag ein. […] Von da an besprachen wir uns täglich abends auf einer geheimen Leitung zwischen der Reichskanzlei und der Heeresleitung über die notwendigen Maßnahmen. Dieses Bündnis hat sich bewährt.“

Und so kam es bereits in dieser ersten Phase der Novemberrevolution bei allen tastenden Schritten, die die revolutionären Massen machten, und bei allen Aktivitäten, die die Radikalen sich ausdachten, zu konkreten Akten der militärischen Konterrevolution. Wobei diese fast immer, dies jedoch für die Massen nicht erkenntlich, in geheimer Absprache mit Ebert (und einem engen SPD-Kreis um diesen herum) erfolgten. Zwei Beispiele:

Bereits am 10. Dezember marschierten zehn Divisionen des geschlagenen Heeres in Berlin ein. Diese hatten, wie Groener festhielt, ein genau definiertes „militärisches Programm“. Es bestand vor allem in der „Säuberung Berlins von Spartakisten“ und in „der Entwaffnung Berlins“. Das Programm – das erst 1940 öffentlich gemacht wurde – enthielt Punkte wie den folgenden: „Wer ohne Waffenschein noch Waffen in Besitz hat, wird erschossen.“ Das Programm, das im Zeitraum 10. bis 15. Dezember umgesetzt werden sollte, konnte dann jedoch nicht realisiert werden. Und dies aus dem einfachen Grund, weil die heimkehrenden Divisionen sich in dem revolutionären Klima Berlins schlicht auflösten und die große Mehrheit der Soldaten nach Hause ging. Schließlich nagte der Hunger im Magen und klopfte Weihnachten an den Türen.“

 

SPD und Militär unterliegen Volksmarinedivision

 

„An Weihnachten gab es den nächsten Vorstoß der Konterrevolution. Die Volksmarinedivision (VMD), eine bis dahin der Revolution, aber auch der SPD gewogene Truppe mit ursprünglich 3.000 Mann, die seit Revolutionsbeginn im Berliner Schloss ihr Quartier hatte, wurde als Unsicherheitsfaktor identifiziert und sollte nach dem Willen der SPD-Führung – unterstützt von Groener – verlegt und verkleinert werden. Ein Mittel dabei war, dass ihnen wiederholt der Sold vorenthalten wurde. Die Soldaten wehrten sich und besetzten in diesem Zusammenhang die Reichskanzlei und setzten zeitweilig sogar die Volksbeauftragten unter Hausarrest. Ebert forderte über seine Direktleitung Hilfe an. Diese wurde ihm gewährt; anscheinend sichere Truppen aus der Berliner Umgebung wurden herangeführt. Es kam – auf Befehl Eberts – am 23. Dezember 1918 zum offenen Angriff auf die Volksmarinedivision. Diese wehrte sich in ihrem Quartier, dem Marstall des Schlosses, mit ihren Waffen und hielt stundenlang dem massiven Beschuss stand. Während des Kampfes strömten tausende Menschen, auch Frauen mit Kindern, auf den Schlossplatz und unterstützten die Volksmarinedivision. Die Massenpräsenz wirkte zersetzend auf die Konterrevolutionäre. Eine größere Zahl der Truppe desertierte; die Volksmarinedivision siegte. Entnervt kabelte der Generalstabsoffizier, der die Verbindung zum Hauptquartier hielt, nach Kassel: „Die Truppen des Generalkommandos Lequis sind nicht mehr aktiv verwendungsfähig.“ Im Hauptquartier der Militärs in Kassel herrscht Panikstimmung.

Es wäre in dieser Situation ein Leichtes gewesen, erneut die Regierung der Volksbeauftragten festzusetzen und die Verantwortlichen für das Massaker – es gab 70 Tote – allen voran Friedrich Ebert, zur Rechenschaft zu ziehen. Dazu kam es nicht. Haffner:

Die Revolution hatte keine Führung, sie sah ihre Chance nicht – und außerdem war jetzt Heiligabend. Die Matrosen […] hatten gekämpft und gesiegt; jetzt wollten sie feiern. Was Liebknecht betraf – der mit den Ereignissen der letzten Tage nicht das Geringste zu tun hatte – , so war er die ganze Nacht damit beschäftigt, eine besonders wirkungsvolle Anklage-Nummer der Roten Fahne herzustellen, die am nächsten Morgen mit der riesen Balken-Überschrift ´Eberts Blutweihnacht´ herauskam. Die Revolutionären Obleute, die an diesem Abend wie jedermann zu Hause vor dem Weihnachtsbaum saßen, […] riefen für den ersten Feiertag zu einer Demonstration auf. […] Die Unabhängigen Sozialdemokraten aber […] sahen nur eins: dass sie aus dieser Regierung heraus mussten […] Damit taten sie Ebert […] den größten Gefallen.““

 

SPD lobt Militär

 

„Ein wichtiger Nachrücker in die nunmehr rein mehrheitssozialdemokratische Regierung war Gustav Noske. Er hatte bereits im Hintergrund die Konterrevolution organisiert. Dies tat er fortan als Mitglied der Regierung.

Wenn hier festgestellt wird, die Zusammenarbeit zwischen Ebert und Groener sei ein „geheimer“ Pakt gewesen, dann trifft das formal und für die beschriebene „Technik“ (geheime Telefonverbindung) zu. Ebert verbarg allerdings seine Gesinnung nicht. Als am 10. Dezember die erwähnten zehn Divisionen in Berlin einmarschierten, hielt Ebert eine Rede, die in den Berliner Zeitungen dokumentiert wurde. Er sagte dabei u.a.:

Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat Euch überwunden […] Ihr habt die Heimat vor feindlichem Einfall geschützt, ihr habt Euren Frauen und Kindern, Euren Eltern den Mord und den Brand des Krieges ferngehalten, Deutschlands Fluren und Werkstätten vor Verwüstung und Zerstörung bewahrt. […] Auf Euch vor allem ruht die Hoffnung der deutschen Freiheit. Ihr seid die stärksten Träger der deutschen Zukunft.“

Wohlgemerkt: Das sagte Ebert nicht vor den Soldatenräten, die sich eine knappe Woche später auf dem Reichsrätekongress in Berlin versammeln wollten. Mehr noch: Diese rechten Einheiten sollten eben die Etablierung von Räten verhindern und die Stadt von „Spartakisten säubern“. Als „Träger der deutschen Zukunft“ bezeichnete Ebert bereits einen Monat nach der Novemberrevolution in aller Öffentlichkeit – die konterrevolutionären, von Kassel aus dirigierten Truppen.“

 

Der angebliche „Spartakus-Aufstand“

 

„Friedrich Ebert und die von ihm geführte Sozialdemokratie haben nicht die Arbeiterbewegung verraten. Sie haben sie gerettet.“ Dies war am 9. November 2018 auf Seite 1 der Berliner Zeitung, verfasst von Arno Widmann, zu lesen. Am gleichen Tag konnte man der taz den Satz entnehmen: „Die SPD hat 1918/19 ein gewaltiges Stück dazu beigetragen, dass aus der Krise keine Katastrophe wurde.“ Dies sagte in dem bereits zitierten taz-Interview Meik Woyke, der Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Mann sagte dort auch: „Friedrich Ebert übte mit Sicherheit keinen Terror aus.“ Die Argumentation, die SPD hätte in der Novemberrevolution „das Schlimmste verhindert“, bezieht sich meist auf den Januar 1919 und dort auf das, was als „Spartakusaufstand“ bezeichnet wird.

Doch bereits diese Bezeichnung – die sich unwidersprochen so auch in der taz findet – ist nicht zutreffend. Spartakus hat im Januar 1919 keinen Aufstand angeführt. Und das, was damals stattfand, ist mit dem Begriff „Aufstand“ auch unzureichend beschrieben.

Passiert war das Folgende: Am 4. Januar 1919 weigerte sich Emil Eichhorn, Berliner Polizeipräsident und USPD-Mitglied, seine vom preußischen Innenminister verfügte Entlassung anzunehmen. Er wurde dabei von der Berliner USPD, den Revolutionären Obleuten und von der wenige Tage zuvor gegründeten KPD, die aus Spartakus hervorgegangen war, unterstützt. Dieses Bündnis rief darauf für den 5. Januar als Antwort auf die provokative Entlassung Eichhorns zu einer Protestkundgebung auf. Das Ganze sah dabei eher nach „revolutionärer Gymnastik“ und sicher nicht nach Aufstand aus. Eichhorn war laut Haffner „ein herzlich unbedeutender Mann“; das dürfte untertrieben sein. Er war, so Richard Müller, der „erste Berliner Polizeipräsident der Revolution“ und hatte zuvor, am 10. November 1918, bei der Übergabe des „wie eine Festung armierten“ Berliner Polizeipräsidiums eine maßgebliche Rolle gespielt.

Zurück zum 5. Januar. Aus der Protestkundgebung wurde – für diejenigen, die dazu aufgerufen hatten, einigermaßen unerwartet – eine spontane Massenexplosion. Sie wies viele Parallelen zum 9. November auf, auch wenn es nun in dieser Massenerhebung weit weniger Planung gab. Hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter gingen auf die Straßen; tausende besetzten große Bahnhöfe, Druckereien und Zeitungsredaktionen; in den letzteren wurden die Druckmaschinen gestoppt, die Belegschaften nach Hause geschickt und „Revolutionsausgaben“ gedruckt.

Daraufhin beschloss das Bündnis, das zu der Protestkundgebung aufgerufen hatte, einen Aufruf zu einer weiteren Massendemonstration am Tag darauf auf. In diesem Aufruf heißt es, es gelte nunmehr „die Revolution zu festigen und durchzuführen“ und die Regierung Ebert-Scheidemann zu stürzen.

Es wurde ein „Provisorischer Revolutionsausschuss“, bestehend aus 53 Mann, gebildet. Unter ihnen waren mit Liebknecht und Wilhem Pieck lediglich zwei Spartakus-KPD-Leute. Heinrich Dorrenbach, der Führer der Volksmarinedivision, behauptete in diesem Kreis, „nicht nur die Volksmarinedivision, sondern auch die anderen Berliner Regimenter“ stünden bereit, um „die Regierung Ebert-Scheidemann zu stürzen“. Letzteres war eine Fehleinschätzung.

Der Revolutionsausschuss teilte mit, dass er „die Regierungsgeschäfte vorläufig übernommen“ habe und rief zum Generalstreik auf. Haffner:

Auch dieser Aufruf [zu neuerlichen Protestversammlungen und zum allgemeinen Streik; W.W.] wurde befolgt. Die Massen waren am Montagvormittag wieder auf den Straßen, vielleicht noch zahlreicher wie am Sonntag. Kopf an Kopf standen sie von der Siegesallee bis zum Alexanderplatz, bewaffnet, erwartungsvoll, tatbereit. […] Jetzt glaubten sie, eine Führung zu haben; jetzt erwarteten sie eine Entscheidung, Kampf und Sieg. Und dann geschah nichts. Die Führung ließ nichts von sich hören. Einzelne Gruppen machten sich selbständig. Und besetzten noch ein paar öffentliche Gebäude. […] Den entscheidenden Sturm auf die Regierungsgebäude wollte aber offenbar ohne Befehl niemand wagen; und Befehle kamen nicht.“

Eine wichtige Rolle beim Zögern des Revolutionsausschusses spielte, dass die Regimenter in der Stadt sich nicht – wie erwartet – auf die Seite der Revolution schlugen. Selbst die Volksmarinedivision erklärte sich mehrheitlich „neutral“; ein Drittel schloss sich den Arbeitern an und beteiligte sich vor allem an der Besetzung des Schlesischen Bahnhofs (heute Ostbahnhof).

Nun spricht sicher einiges dafür, dass die Kräfte für eine Besetzung von Reichstag und Reichskanzlei ausgereicht hätten. Man verfügte auch mit den Zeitungsredaktionen über die Mittel, die rechte Propaganda auszuschalten und eine objektive Berichterstattung zu gewährleisten. Möglich erscheint auch, dass die wankenden bewaffneten Kräfte sich im Fall, dass derart „vollendete Tatsachen“ geschaffen worden wären, auf die Seiten der neuen Macht gestellt hätten. Das ist jedoch alles Spekulation.

Wenn man allerdings, wie dies der Fall war, einen Angriff auf die zentralen Schaltzentralen nicht durchführte, weil man zur Einschätzung gelangt war, dass dafür die Kräfte nicht ausreichend und der Zeitpunkt falsch waren, dann musste man auch die Kraft haben, die Unternehmung abzusagen, für einen geordneten Rückzug zu sorgen und dazu aufrufen, die Besetzung der vielen strategisch wichtigen Gebäude aufzugeben. Doch, so Haffner, „das war mehr, als die dreiundfünfzig innerhalb von vierundzwanzig Stunden leisten konnten.“

Es kam zu Verhandlungen zwischen Regierung und Revolutionsausschuss. Ebert ließ sich dabei bewusst Zeit – Zeit, die er brauchte, um eigene Truppen heranzuführen. Am 9. Januar war es soweit. Ein umfassender militärischer Angriff auf die Positionen der Aufständischen begann. In den Tagen 9. Januar bis 12. Januar „wurde auf Befehl Eberts die Revolution in der Hauptstadt zusammengeschossen. […] Eine buntscheckige Truppenschar […] eroberte in schweren Straßen- und Häuserkämpfen die besetzten Gebäude eines nach dem anderen zurück, zuletzt […] das Polizeipräsidium.“

Als die blutige Arbeit bereits weitgehend erledigt war, marschierten am 11. Januar neu gebildete Freikorps-Einheiten mit Gustav Noske an der Spitze in die Stadt ein, die Garde-Kavallerie-Schützen-Division des späteren Luxemburg-Liebknecht-Mörders Waldemar Pabst und das Landesjägerkorps Maercker. Am 15. Januar wurde der gesamte Süden und Westen Berlins und die Innenstadt von dem neu gebildeten „Generalkommando Lüttwitz“ besetzt. Haffner:

Den Westen Berlins übernahm die neu gebildete ´Garde-Kavallerie-Schützen-Division´. Im feudalen Eden-Hotel schlug sie ihr Hauptquartier auf. Sie führte Plakate mit, auf denen stand: […] ´Berliner! Die Division verspricht Euch, nicht eher die Hauptstadt wieder zu verlassen, als bis die Ordnung endgültig wiederhergestellt ist.´ Noch am Tag ihres Einzugs gab die Division ihre Visitenkarte ab: mit der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.“

War der Januaraufstand ein Putsch? Das kann bejaht werden – es war ein Putschversuch. War es ein geplanter Umsturzversuch? Das muss verneint werden. Es war eine spontane Erhebung. Wurde er von einer Minderheit durchgeführt? Auch das trifft nicht zu – an der Erhebung beteiligten sich Hunderttausende. Die geplante Absetzung des Polizeipräsidenten wurde als Provokation verstanden. Und es war eine Provokation in doppelter Hinsicht: Mit dem Auswechseln des Polizeipräsidenten sollte das weitere Vordringen der Konterrevolution in der Hauptstadt durchgesetzt werden. Gleichzeitig spielten bei der darauf einsetzenden Radikalisierung Provokateure eine Rolle. Handelte es sich um einen von Spartakus angeführten Putschversuch? Definitiv nicht. Die KPD hatte sich im Vorfeld ausdrücklich gegen eine Übernahme der Regierung ausgesprochen. In einem unmittelbar vor den Januar-Kämpfen durch die KPD verteilten Flugblatt heißt es: „Würden die Berliner Arbeiter heute die Nationalversammlung auseinanderjagen, würden sie die Scheidemann-Ebert ins Gefängnis werfen, während die Arbeiter des Ruhrgebiets, Oberschlesiens […] ruhig bleiben, so würden die Kapitalisten morgen Berlin durch Aushungern unterwerfen können.“ War es ein Aufstand, angeleitet von „den“ Revolutionären Obleuten? Auch das trifft so nicht zu. Der führende Kopf der Obleute, Richard Müller, wandte sich z.B. „in der schärfsten Form gegen das vorgeschlagene Ziel des Kampfes, Sturz der Regierung. Er legte dar, dass dafür weder politisch, noch militärisch die Voraussetzungen gegeben seien. Die Bewegung im Reiche wachse von Tag zu Tag. […] Ein verfrühtes isoliertes Vorgehen in Berlin könne die weitere Entwicklung der Revolution gefährden.“ Richtig ist, dass die Mehrheit der Berliner Revolutionären Obleute und eine Mehrheit der Berliner USPD sich angesichts der beschriebenen – von allen nicht erwarteten – Massendemonstrationen und der dort zum Ausdruck gebrachten Stimmungen zu den Umsturzforderungen hatten hinreißen lassen.

Liebknecht selbst, der – dabei auch seinem Naturell folgend – diese Umsturzforderungen unterstützt hatte und zu einem der Wortführer derselben wurde, wurde kurz nach dem Umsturzversuch von Rosa Luxemburg mit den Worten kritisiert: „Karl, wo bleibt unser Programm?“

Grotesk ist auf alle Fälle, wenn in der offiziellen Geschichtschreibung und in den eingangs zu diesem Abschnitt zitierten Kommentaren anlässlich des 100. Jahrestags der Novemberrevolution in erster Linie der Umsturzversuch als „gewalttätig“ gegeißelt und dabei das bald darauf stattfindende Wüten der Konterrevolution ausgeblendet oder relativiert wird. In der Berliner Zeitung schreibt dazu der bereits zitierte Arno Widmann sogar: „So rabiat die junge Republik auch unter Zuhilfenahme der alten Apparate gegen alles, was links von ihr stand, vorging, so vernünftig war das auch.“

Der Umsturzversuch hatte keine größere Zahl an Opfern gefordert. Auch hier waren die Massen gutmütig geblieben und zurückhaltend und unblutig vorgegangen. Die konterrevolutionäre Bewegung, die nicht von der „jungen Republik“, sondern von Ebert, Noske und Scheidemann kommandiert wurde, hatte dagegen vielen hundert Menschen das Leben gekostet. Es kam nun auch zu unerhörten Gräueln. Haffner:

Die Vorwärts-Besatzung schickte sechs Parlamentäre mit einer weißen Fahne, um über freien Abzug zu verhandeln. Einer von ihnen wurde mit der Forderung nach bedingungsloser Übergabe zurückgeschickt, die übrigen fünf […] furchtbar mißhandelt und schließlich […] erschossen. Dann wurde der Vorwärts gestürmt. Dreihundert Verteidiger wurden gefangen genommen. Major von Stephani rief in der Reichskanzlei an und fragte, was er mit den vielen Gefangenen anfangen solle. Nach eigener schriftlicher Beurkundung erhielt er die Antwort: ´Alle erschießen!´ Das verweigerte er; er war noch ein Offizier der alten Schule. Sieben der Gefangenen wurden trotzdem erschossen, fast alle mit Gewehrkolben furchtbar mißhandelt.“

Die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wird in der Regel als ein gesondertes – isoliertes – Ereignis „in den Revolutionswirren“ dargestellt. Als Mörder werden dabei die Freikorps-Soldaten genannt. Wenn in diesem Zusammenhang der Name Gustav Noske fällt, dann wird auch dies in der Regel als eine individuelle Angelegenheit dargestellt. Die SPD als solche taucht dabei oft nicht oder nur am Rande auf; die Namen Ebert und Scheidemann ebenfalls nicht. Tatsche ist, dass die SPD-Führung als die in Berlin die Macht ausübende Kraft zuließ, dass seit Wochen in der Stadt Hunderttausende – Müller schreibt: „Millionen“ – Flugblätter zirkulierten und Plakate verklebt waren, die offen zum Mord an Luxemburg und Liebknecht aufforderten. „Tötet Liebknecht!“ „Schlagt Rosa Luxemburg tot!“, so lauteten die Parolen. Plakate mit solchen Aufforderungen waren auch in öffentlichen Gebäuden und in den Kasernen angeschlagen. In der SPD-Parteizeitung Der Vorwärts wurde am 13. Januar 1919 ein „Gedicht“ mit einem offenen Mordaufruf abgedruckt. In diesem heißt es:

Vielhundert Tote in einer Reih´-

Proletarier!

Es fragten nicht Eisen, Pulver und Blei,

ob einer rechts, links oder Spartakus sei,

Proletarier!

 

Wer hat die Gewalt in die Straßen gesandt,

Proletarier?

Wer nahm die Waffe zuerst in die Hand

Und hat auf ihre Entscheidung gebrannt?

Spartakus!

 

Viel hundert Tote in einer Reih´-

Proletarier!

Karl, Rosa, Radek und Kumpanei –

Es ist keiner dabei, es ist keiner dabei:

Proletarier!

 

Vor allem ist der Zusammenhang zwischen der unglaublichen Brutalität, die die konterrevolutionären Truppen zur Niederschlagung des Umsturzversuchs – nicht zuletzt bei der Rückeroberung des Verlagsgebäudes des Vorwärts – ausgeübt hatten, und den Morden an den beiden führenden Personen der deutschen Arbeiterbewegung offenkundig. Der Mord wurde von jenem neuen Hauptquartier der Konterrevolution im Hotel Eden aus orchestriert, das Teil des Angriffs auf die Arbeiterinnen und Arbeiter war. Gustav Noske als Mann der Reichsregierung stand bei all diesen mörderischen Aktionen im Zentrum. Waldemar Pabst, der den direkten Mordauftrag an Luxemburg und Liebknecht erteilt hatte, hatte zuvor, nach der Gefangennahme der beiden und nach deren Überstellung ins Hotel Eden, Noske angerufen und von diesem – so Pabst – gesagt bekommen, er „müsse selbst verantworten, was zu tun sei.“ Klaus Gietinger: „Pabst verstand dies zu Recht als Freibrief zur Ermordung der beiden ehemaligen Parteigenossen Noskes.“

Nachdem der Mord an Liebknecht und Luxemburg bekannt und Details in der „Roten Fahne“ veröffentlicht wurden, riefen USPD und KPD zum Generalstreik auf. Doch dieser wurde nur von einigen Zehntausend befolgt. Die Januar-Kämpfe hatten die revolutionären Kräfte demoralisiert. Als am 25. Januar die Leiche Liebknechts – die Leiche von Rosa Luxemburg galt zunächst aus unauffindbar – mit 33 Opfern der Januar-Kämpfe bestattet wurde, folgten Hunderttausende dem Trauerzug. Richard Müller:

Der Oberbefehlshaber Noske hatte nur bestimmte Straßen für den Trauerzug freigegeben. […] Das abgesperrte Gebiet von Groß-Berlin glich einem gewaltigen Heerhaufen […] Auf Plätzen und an Kreuzungspunkten der Hauptverkehrsstraßen standen schußbereit Maschinengewehre, Kanonen und Minenwerfer inmitten riesiger Haufen schwerer und leichter Munition. Noskes Aufwand war umsonst.““

Waldemar Pabst über die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45139766.html

 

Freikorps und Wahlen

 

„Im Übrigen war die Zusammenarbeit mit den Freikorps spätestens nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und dem Einmarsch der ersten Freikorps-Verbände mit Gustav Noske an deren Spitze im Allgemeinen bekannt. Die Anwerbung der Freikorps-Mitglieder erfolgte inzwischen offen – so auch auf den Seiten der SPD-Parteizeitung „Vorwärts“. Am 23. Februar 1919 gab es im „Vorwärts“ eine ganze Seite, auf der zwei Dutzend Freikorps-Verbände für neue Mitglieder warben. Wobei diese Anzeigen wohl eher das Anbiedern der SPD-Führung bei den rechten Kräften zum Ausdruck brachten. Peter von Oertzen und Klaus Gietinger argumentieren überzeugend, dass es unter den Freikorps-Leuten so gut wie keine Arbeiter gab. Diese setzten sich überwiegend aus ehemaligen Offizieren des kaiserlichen Heeres, aus Studenten, brotlos gewordenen Handwerkern, entwurzelten ehemaligen Frontsoldaten und aus Kriminellen zusammen.

Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zum Reichstag statt. Die SPD wurde mit 37,9 Prozent die mit Abstand stärkste Partei. Die USPD erreichte nur 7,6 Prozent. Die KPD hatte die Wahlen boykottiert. Die – allerdings verfeindeten – Arbeiterparteien erreichten zusammen immerhin 45,5 Prozent. Zweitstärkste Partei – und führende bürgerliche Partei – war das Zentrum (19,7%).“

 

Der Kapp-Putsch

 

„Es schien so, als hätten die Januar-Kämpfe 1919 der Revolution das Genick gebrochen. Zumal im Mai 1919 auch die Bayerische Räterepublik von der Konterrevolution endgültig niedergewalzt worden war. Wenn es dennoch im Frühjahr 1920 in ganz Deutschland zu einer dritten demokratischen und revolutionären Massenerhebung kam, so wird damit ein weiteres Mal die Tiefe, die Reife und der umfassende Charakter der revolutionären Entwicklung in Deutschland unter Beweis gestellt.

Zunächst ging es jedoch um das Entgegengesetzte – darum, dass sich die Logik, die aus den neu aufgebauten – alten – konterrevolutionären Kräften resultierte, Bahn brach. Am 13. März 1920 putschten Freikorps-Verbände erfolgreich. Sie übernahmen in Berlin im Handstreich die Regierungsgewalt und verjagten die Ebert-Scheidemann-Noske-Regierung. Gebildet wurde ein weit rechtsstehendes, faschistoides Regime. Es war im Grunde ein Vorspiel auf das, was im Januar 1933 stattfand.

Den Ausgangspunkt bei diesen Ereignissen bildete der Versailler Vertrag. Dieser trat am 10. Januar 1920 in Kraft. Er forderte eine Begrenzung der Reichswehr von bislang 400.000 Mann auf 100.000 Soldaten (plus 15.000 Matrosen). In diesem Zusammenhang sollte ein größerer Teil der Freikorps aufgelöst werden. Betroffen war davon auch die Brigade Ehrhardt, ein fünftausend Mann starkes Freikorps, das noch 1919 in Lettland gegen bolschewistische Einheiten gekämpft und im Bürgerkrieg in Berlin und in München bei den Massakern gegen die Arbeiter eingesetzt worden war. Die Einheit war im Januar 1920 auf den Truppenübungsplatz Döberith bei Berlin verlegt worden. Die extrem rechts eingestellten Berufssoldaten trugen bereits das Hakenkreuz auf dem Stahlhelm. Haffner: „Der Geist dieser Truppe war schon 1920 unverkennbar Geist vom Geiste der künftigen Waffen-SS.“ Und diesen „Geist“ gab es bereits damals vertont – als „Ehrhardt-Lied“: „Hakenkreuz am Stahlhelm / Schwarzweißrot das Band / Die Brigade Ehrhardt / Werden wir genannt.“

Die Hintermänner und Organisatoren des Putsches waren Mitglieder einer Verschwörergruppe mit Namen „Nationale Vereinigung“, die seit August 1919 den Staatsstreich vorbereitete. Die „Nationale Vereinigung“ wurde u.a. unterstützt von dem Pressezar Alfred Hugenberg, dem Industriellen Hugo Stinnes, dem Geheimrat Duisberg von den BAYER-Werken und nicht zuletzt von dem Weltkrieg-Diktator Ludendorff. Maßgebliche Betreiber des Netzwerks waren General von Lüttwitz, Wolfgang Kapp und Waldemar Pabst. Kapp, nach dem der Putsch dann in den Geschichtsbüchern benannt wurde, war Generallandschaftsdirektor und Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank.

In der Nacht vom 12. auf den 13. März marschierten Freikorpseinheiten unter Kapitän Ehrhardt in Berlin ein. Ihr Befehl lautete, „jeden Widerstand rücksichtslos zu brechen und das Zentrum der Stadt mit den Ministerien zu besetzen“. Obgleich Noske einen solchen Putsch ahnte und Reichswehreinheiten im Regierungsviertel zusammengezogen hatte, hatten die Putschisten Erfolg auf der ganzen Linie. Die Offiziere sämtlicher Reichswehreinheiten, die Noske zur Verteidigung herbeibeordert hatte, hatten sich (unter der Losung „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“) darauf verständigt, die SPD-geführte Regierung nicht zu verteidigen.

Die Regierung war schutzlos. Und sie war denjenigen rechtsradikalen Einheiten ausgeliefert, die sie in den vergangenen Monaten aufgepäppelt hatte. Selbst der Generalstabschef von Seeckt erklärte offen, es sei besser, „wenn Erhardt“, der inzwischen an der Siegessäule Halt gemacht und ein Ultimatum ausgesprochen hatte, auf eine „gleichgültige Reichswehr“ stoße, als wenn er „als Sieger einer gewonnenen Schlacht am Brandenburger Tor“ in Berlin einziehe.

Es waren dabei nicht, wie dies die vorherrschende Geschichtsschreibung nahelegt, irgendwelche wildgewordenen Freikorps-Leute, die da putschten. Die Atempause, die die Freikorps-Einheiten am Abend des 13. März der noch amtierenden Regierung gewährten, wird in der „Illustrierten Geschichte der deutschen Revolution“ wie folgt beschrieben:

Ehrhardt rückte mit seinen Landsknechten nach dem Brandenburger Tor vor. Die Reichswehrposten räumten nach kurzer Verhandlung das Feld. Hier gaben sich nun die Führer des Kapp-Putsches das historische, ´zufällige´ Stelldichein. Ehrhardt stellte es so dar: ´Ich bemerkte im Hintergrunde einige Herren im Gehrock und Zylinder. Zu ihnen gesellte sich als ´Morgenspaziergänger´ General Ludendorff. Erst später wurde es mir klar, dass diese Gruppe Zylinderträger Herr Kapp und seine künftigen Minister waren.´ Wer sieht bei diesen Worten nicht das zynische Grinsen dieses Landsknechtsführers?“

Ludendorff, fahnenflüchtig am Kriegsende und zugleich zu feige, um die Kapitulation zu unterzeichnen, war aus seinem Exil in Schweden wieder aufgetaucht. Der Kopf der Militärdiktatur im Ersten Weltkrieg zog die Strippen. Er war dann drei Jahre später beim Hitler-Putsch 1923 erneut mit von der Partie. Wobei die Putschisten 1923 als Termin den 9. November gewählt hatten – mit derselben Intention, wie sie dies 1938 tun sollten.

Die sozialdemokratischen Minister mit Ebert an der Spitze flohen aus Berlin. Sie fanden – nach einer Zwischenstation in Dresden – schließlich Unterschlupf in Stuttgart. In Berlin zogen die Kapp-Putschisten in Reichskanzlei und Reichstag ein. Binnen weniger Stunden unterstellten sich die Berliner Truppen, die gesamte Marine, die Heereskommandos in Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien dem neuen Oberbefehlshaber Lüttwitz und dem neuen Reichskanzler Kapp. Andere Teile der bewaffneten Kräfte blieben „neutral“. Buchstäblich niemand aus dem Militär stellte sich auf die Seite der rechtmäßigen, der gewählten Regierung. Selbst führende Sozialdemokraten – so der Berliner Polizeipräsident Ernst – unterstützten die neue Regierung.

Die Putsch-Regierung ließ Plakate verkleben, die mit „Der Reichskanzler Kapp“ unterzeichnet waren. Auf einem dieser Plakate, datiert auf den 15. März, war zu lesen:

Die Lage ist gut. Die alte Regierung will die Aufforderung zum Generalstreik widerrufen, da sie dieses Unrecht am deutschen Volk eingesehen hat. Verhandlungen zwischen alter und neuer Regierung haben begonnen und sind in gutem Fortschreiten. Die Bildung der neuen Regierung auf breitester demokratischer Basis ist in kürzester Zeit zu erwarten. Sie war bisher verzögert durch den Aufruf der alten Regierung zum Generalstreik.““

 

Generalstreik

 

„Generalstreik? Unrecht am deutschen Volk? War da was?

Ja, da war was. Vor ihrer überhasteten Flucht aus Berlin hatten die SPD-Führer – wohl in einer Art Reflex, bezugnehmend auf die Zeiten vor August 1914 – einen Aufruf zum Generalstreik verfasst. Sie hatten diesen auch unterzeichnet. Oder hatten sie ihn doch nicht unterschrieben? Genau genommen war eine Unterzeichnung vorgesehen. Denn die Namen der Unterzeichnenden sollen auf dem Original-Aufruf nur mit Bleistift gekrakelt gewesen sein. Als die Ex-Minister und der Ex-Kanzler Ebert in Dresden, bei ihrer ersten Zwischenstation auf der Flucht, von dem dort kommandierenden General Maercker mit dem „unerhörten Aufruf zum Generalstreik“ konfrontiert wurden, versicherten die SPD-Mannen hoch und heilig, ihre Namen seien ohne ihre Einwilligung unter „dieses Elaborat gesetzt“ worden.

Doch das „Elaborat“ war in der Welt. Und es entwickelte ein Eigenleben. Es dürfte in Berlin nicht allzu viele Plakate mit dem Generalstreik-Aufruf gegeben haben; schließlich herrschten hier die Kapp-Putschisten mit eiserner Hand: Sie hinterließen nach einer Woche Kurzzeitdiktatur allein in der Hauptstadt 200 Tote. Doch der Text des Aufrufs zum Generalstreik sprach eine derart klare Sprache, dass er ins Herz der Arbeiterinnen und Arbeiter traf und es eines flächendeckenden Plakatierens nicht bedurfte. Dort hieß es:

Arbeiter! Genossen! Wir (!) haben die Revolution nicht gemacht, um uns heute wieder einem blutigen Landsknechtsregime zu unterwerfen […] Es geht um alles! Darum sind die schärfsten Abwehrmittel geboten! […] Legt die Arbeit nieder! Streikt! Schneidet der reaktionären Clique die Luft ab! Kämpft mit jedem Mittel um die Erhaltung der Republik! […] Es gibt nur ein Mittel gegen die Diktatur Wilhelm II: Lahmlegung jedes Wirtschaftslebens! […] Generalstreik auf der ganzen Linie! Proletarier, vereinigt Euch! Nieder mit der Gegenrevolution!“

Den Aufforderungen zum Generalstreik wurde Folge geleistet. Und dies in einem Umfang, wie es dies nie zuvor in Deutschland und seitdem nie wieder gegeben hat. Das gesamte Land kam zum Stillstand. Kein Eisenbahnverkehr. Keine Post. Keine Zeitungen. In Berlin gab es nicht einmal Wasser, Gas und elektrisches Licht. Alle Verbindungen zwischen der Hauptstadt und den Provinzen waren unterbrochen. Kapp & Co. waren binnen weniger Stunden isoliert und weitgehend hilflos – trotz viel Gejammer, trotz massiver Drohungen (unter anderem mit dem Todesurteil bei Streikteilnahme), trotz vielen Versprechungen über die Bildung einer „neuen demokratischen Regierung“. Siehe oben. Sebastian Haffner:

Die Putschregierung in Berlin war nach drei Tagen Generalstreik ebenso ohnmächtig geworden wie die Exilregierung in Stuttgart. Beide beherrschten nur noch ihre Vorzimmer. In dieser Generalstreikwoche vom 14. zum 21. März 1920 wiederholte das deutsche Proletariat noch einmal seine Leistung der Revolutionswoche vom 4. zum 10. November 1918. Die Ähnlichkeit der beiden Vorgänge ist überwältigend. Wie damals spielte sich überall in Deutschland das Gleiche ab […] – aus einer spontanen Solidarität des Denkens und des Fühlens heraus. Wie damals war der Charakter der Massenaktion nicht sozialistisch, sondern demokratisch und antimilitaristisch: Der Generalstreik jetzt wie die Revolution damals richtete sich gegen eine Militärherrschaft […] Und wie damals bestand die große Masse der Streikenden aus Sozialdemokraten. Nur die sozialdemokratischen Minister hatten ja zum Streik aufgerufen. Die Unabhängigen weigerten sich zunächst, sich dem Streikruf anzuschließen. […] Die Berliner KPD-Zentrale […] gab am selben Tag sogar einen Aufruf gegen den Streik heraus: ´Keinen Finger rühren für die in Schmach und Schande untergegangene Regierung der Mörder Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs!´ Das alles blieb ohne die geringste Wirkung. Auch die USPD- und KPD-Anhänger streikten wie ein Mann und den Parteiführern blieb schließlich nichts anderes übrig, als sich ihren Mannschaften anzuschließen.“

Die Streikbewegung führte schlagartig zum Wiederaufleben der Rätebewegung. In großen Teilen Deutschlands ging sie in eine bewaffnete Erhebung über. So rollte eine improvisierte „Rote Ruhrarmee“ wie eine Lawine durch das Revier. Haffner:

Am Ende der Streikwoche stand das ganze Ruhrgebiet unter der Herrschaft der bewaffneten Arbeiter. Aber gerade diese unerwartete Machtentfaltung der erneuerten Revolution wurde ihr zum Verhängnis. Die Kapp-Regierung war zwar […] nicht zu halten. […] Aber die Angst vor der schon endgültig besiegt geglaubten Revolution […] einte im Lauf weniger Tage wieder die Gegner vom 13. März. Gegen die Revolution fanden bürgerlicher Staat und militärische Rebellen rasch wieder zusammen. Und es dauerte nicht lange, bis auch die SPD in diese Einheitsfront einschwenkte.“

 

Im Auftrag der SPD-Regierung: Ehemalige Putschisten gehen gegen Arbeiter mit Gewalt vor

 

Kapp & Co. traten zurück. Doch ihnen wurde von der alten, mit dem Generalstreik ins Amt zurück beförderten SPD-Regierung gestattet, dies in geordneter Formation zu tun. Den Putschisten wurde faktisch Straffreiheit gewährt. Die Brigade Ehrhardt zog in Formation aus Berlin ab. Als während dieses Abzugs am Brandenburger Tor aus der umstehenden Bevölkerung Buh-Rufe ertönten, feuerten die Freikorps-Männer in die Menge und hinterließen zwölf Tote und dreißig Schwerverletzte auf dem Pariser Platz.

Die Reichsregierung kehrte aus Stuttgart nach Berlin zurück. Ihre ersten zwei Ziele waren: die Beendigung des Generalstreiks und die Entwaffnung der Roten Ruhr-Armee bzw. der bewaffneten Arbeitermilizen. Mit der Entwaffnung beauftragten sie die Reichswehr. Diese wiederum beauftragte mit der Niederschlagung der Aufständischen bevorzugt Verbände, die unter Kapp und Lüttwitz als Putschisten aufgetreten waren.

Haffner: „So endete der Kapp-Putsch mit einem mörderischen Strafgericht der immer noch sozialdemokratisch geführten Regierung über ihre Retter, ausgeführt von denen, vor denen sie gerettet worden waren.“

Eine der Bedingungen, die mit den Putschisten vor deren Abzug vereinbart worden waren, waren vorgezogene Reichstagswahlen. Am 6. Juni 1920 wurde gewählt. Die Stimmenzahl der SPD wurde mehr als halbiert. Die SPD schied damit nicht nur als führende Regierungspartei aus. Sie wurde von den Bürgerlichen fürs parlamentarische Regieren auch nicht mehr benötigt. Ebenso wie der Kapp-Putsch bereits angedeutet hatte, dass die SPD für die Konterrevolution ihre Bedeutung verloren hatte. Ab diesen Wahlen und bis zum Ende der Weimarer Republik gab es nun Bürgerblock-Regierungen, deren letzte 1933 die Regierungsgeschäfte in die Hände der Faschisten übergab.“

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Vier Gründe für die Niederlagen.

Oder: Wie die Revolution immer wieder zurückgeworfen und schließlich abgewürgt werden konnte

 

„Die mehrfachen Niederlagen der Revolution in Berlin, München und im gesamten Reich werfen die Frage nach den Gründen auf. Zumal dieser Sieg der Konterrevolution und der alten Kräfte, die im Kaiserreich das Sagen hatten, tatsächlich von welthistorischer Bedeutung sind. Die Ereignisse in Deutschland im Zeitraum 1918 bis 1920 beförderten zunächst das Scheitern der Weimarer Republik und bereiteten die Machtübernahme durch die faktischen Nachfolger der Freikorps, die NSDAP, SA und SS im Januar 1933 vor.

Sodann gab es 1918-1923 in vielen Ländern – so in Österreich – Räte und in einigen Ländern (so in Ungarn, in der Slowakei und in der iranischen Provinz Gilan) kurzzeitige Räterepubliken. Die Entwicklung in Deutschland spielte hier überall eine wichtige Rolle und beeinflusste die politische Situation andernorts.

Vor allem trug die Niederlage der Revolution in Deutschland erheblich dazu bei, dass die Errungenschaften der Oktoberrevolution in Russland abgewürgt, der Prozess der Entdemokratisierung und der Stalinisierung sich beschleunigte und dass sich dort bis Ende der 1920-er Jahre eine Diktatur durchsetzte, die eine Perversion der sozialistischen Ideale darstellte. Klaus Gietinger: „Hätte die Novemberrevolution wenigstens in Teilen gesiegt, es hätte vermutlich keinen Hitler und vermutlich keinen Stalin gegeben. Und hunderte Millionen Menschen hätten länger und gut gelebt.“

Es waren im Wesentlichen vier Gründe, die für diese Niederlage verantwortlich waren: zunächst die fehlende Führung, sodann das am Ende unzureichend konkretisierte Konzept einer direkten Demokratie mit Rätestrukturen; des weiteren die Politik der SPD (oder deren Doppelspiel und Verrat) und schließlich die unvorstellbare Brutalität der Konterrevolution.“

 

Erstens. Es gab keine bewusste Führung mit ausreichender Verbreitung und Verankerung im deutschen Reich.

 

„Dass die Novemberrevolution primär ein spontaner Prozess gewesen sei, ist ebenso unwahr, wie die Behauptung, diese sei in starkem Maß von Spartakus beeinflusst gewesen. Die Revolutionären Obleute waren, wie beschrieben, eine klug handelnde, den Prozess in Berlin im November steuernde und später stark beeinflussende Gruppierung. Ihr Vorgehen und ihre Strukturen hatten einige Ähnlichkeit mit denen der Bolschewiki 1917 (was Richard Müller, Emil Barth, Ernst Däumig und Freunde allerdings wohl von sich gewiesen hätten). Es gab bei den Obleuten sicher personelle Schwächen – siehe das Missmanagement am 10. November im Zirkus Busch). Es gab deutliche Fehlentscheidungen: Liebknecht als Volksbeauftragter auf dem Obleute-Ticket wäre sicher eine ganz andere Sache gewesen als Haase. An wichtigen Scheidepunkten der Revolution weigerten sich die Radikalen (Obleute, USPD, Spartakus), in Gremien zu gehen, in denen die Mehrheitssozialisten maßgeblich vertreten waren. Das waren offensichtlich fatale Fehlentscheidungen.

Die KPD beschloss auf ihrem Gründungsparteitag – entgegen den Forderungen von Luxemburg und Liebknecht –, die Reichstagswahlen im Februar 1919 zu boykottieren. Auch dies war wohl ein Fehler.

Doch vergleichbare Fehler, Schwächen und Schwankungen gab es in den Monaten Februar bis Oktober 1917 auch bei den Bolschewiki. Lenin war innerhalb „seiner“ Bolschewiki, als er seine „Aprilthesen“ (im April 1917) schrieb und mit diesen auf eine zweite Revolution hinarbeitete, in der absoluten Minderheit.

Das doppelte Manko – auch im Vergleich zu den Bolschewiki – war: Die Obleute waren auf die Hauptstadt beschränkt. Gleichzeitig war die radikale Linke mehrfach gespalten. Auf Reichsebene gab es auf Seiten der revolutionären Kräfte die heterogene USPD und die radikale, oft ultralinke Spartakus-Gruppe. Die Obleute waren überwiegend mit der USPD verbunden; dies aber meist nur in lockerer Form. Als zum Jahreswechsel 1918/19 Spartakus aufgegeben und die KPD gegründet wurde, sprach alles für eine Vereinigung von KPD (Spartakus) und den Obleuten. Das war auch das Ziel von Luxemburg und Liebknecht. Der KPD-Parteitag wurde sogar unterbrochen, um eine solche Vereinigung in letzter Minute zu ermöglichen. Doch diese scheiterte – nicht zuletzt aufgrund von ultimativen Positionen Liebknechts: Dieser bestand u.a. darauf, dass der Name „Spartakus“ weiter im Namen und in Verbindung mit „KPD“ geführt werden müsse.

Die Räte agitierten oft, z. B. im Ruhrgebiet, parteiunabhängig, es gab dort eine starke syndikalistische Strömung.

Insgesamt waren damit die radikalen Kräfte auch in den großen Auseinandersetzungen im November und Dezember 1918, im Januar 1919 und im März 1920 gespalten.

Die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (und in den Wochen danach die Ermordung anderer prominenter Radikaler, so diejenige von Kurt Eisner (USPD) und Eugen Leviné (KPD) in München und von Leo Jogiches (KPD), Hugo Haase (USPD) und Heinrich Dorrenbach (Volksmarinedivision) in Berlin beraubte die radikale Linke ihrer führenden Köpfe.

Insbesondere die Morde an Luxemburg und Liebknecht waren strategisch geplant. Die beiden personifizierten die Kritik an der SPD-Führung seit dem SPD-Ja zu den Kriegskrediten. Sie analysierten von Beginn der Revolution an in Aufsätzen und Reden und ab dem 18. November 1918 täglich in der Roten Fahne das falsche Spiel, das die SPD-Führer trieben. Vor allem aber „verkörperten Liebknecht und Luxemburg wie niemand sonst in den Augen von Freund und Feind die deutsche Revolution. Sie waren ihre Symbole, und mit ihnen erschlug man die Revolution.““

 

Zweitens. Es gab einerseits in der deutschen Revolution diesen begeisternden Gedanken von Räten. Andererseits wurde diese Idee einer direkten Demokratie nicht verallgemeinert, womit es erschwert wurde, dass sie massenwirksam wurde. Es handelte sich immer „nur“ um eine Idee, die weltweit und spontan aufgegriffen wurde (und dies auch noch in späteren Revolten, so beim Ungarischen Aufstand 1956 und in späteren sozialistischen Modellen, so im Rahmen der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien 1945 bis 1989.

 

„In der deutschen Revolution 1918-1920 spielten die Arbeiterräte (anfangs die Arbeiter- und Soldatenräte) eine große Rolle. Sie wurden vielfach spontan gebildet. Dies erfolgte bereits in den Tagen vor dem 9. November in Norddeutschland und im Westen des Reichs. Sie waren aber auch ein zentrales Element in den strategischen Planungen der Revolutionären Obleute. Siehe deren Coup zur Wahl von Arbeiter- und Soldatenräten und dem ersten Treffen dieser Räte im Zirkus Busch am 10. November in Berlin. Bei all dem spielten sicher die historischen Erfahrungen der Pariser Kommune und vor allem diejenigen der Russischen Revolution 1905 und der Oktoberrevolution 1917 eine große Rolle. Trotz einiger Versuche (z.B. seitens Müller und Däumig) wurde kein Gesamtkonzept dieses Rätemodells, das von den wesentlichen Kräften der Revolution mitgetragen worden wäre, entwickelt. Faktisch gab es zwei grundlegende Modelle: das Modell einer reinen Räteherrschaft (teilweise angelehnt an die Oktoberrevolution). Und das Modell, in dem die Räte als Körperschaft der arbeitenden Klassen ein Kontrollorgan gegenüber dem Parlament sein würden (dies scheint das Modell gewesen zu sein, das Kurt Eisner und teilweise Richard Müller und Ernst Däumig vorschwebte). In den „Richtlinien für die Aufgaben und das Tätigwerden der Arbeiterräte“, die im Januar 1919 auf der Vollversammlung der Groß-Berliner Arbeiterräte angenommen wurden, tauchen die Regierung (Volksbeauftragte) und eine Nationalversammlung bzw. ein Parlament allerdings nicht auf. Festgehalten wird: „Die Arbeiterräte sind die berufene Vertretung der werktätigen Bevölkerung. Sie haben die Aufgabe, die Neuordnung in Deutschland zu sichern und auszubauen. […] Das Ziel ihrer Tätigkeit muss die schleunige Sozialisierung des Wirtschafts- und Staatswesens sein.“

Unbestritten scheint, dass es ursprünglich bei beiden Modellen mehrere Strömungen und Parteien geben sollte, die Kandidaten zur Wahl der Räte aufstellen würden und dass sich in den Räten die unterschiedlichen politischen Strömungen der arbeitenden Bevölkerung widerspiegeln sollten. Das war auch in den Räten in Russland 1917/18 der Fall. Dass es dort dann zum Ausschluss aller Strömungen, die in Opposition zu den Bolschewiki standen, kam, hat auch viel mit dem aufgezwungenen Bürgerkrieg und der Invasion von ausländischen Heeren zu tun. Es war aber auch ein schwerer Sündenfall der Führung der Bolschewiki um Lenin und Trotzki, der die spätere Stalinisierung begünstigte. Rosa Luxemburg hat diese Entscheidungen frühzeitig kritisiert und vor der Gefahr des Absterbens jeder Demokratie und des Entstehens einer Diktatur gewarnt.

Auch wenn es auf den Rätegedanken gewiss kein deutsches Patent gibt, so waren die Räte als Teil des revolutionären Prozesses wohl in keinem anderen Land derart in der arbeitenden Bevölkerung verbreitet und verankert – und zugleich bei den Militärs und im Großbürgertum verhasst – wie in Deutschland 1918-1920.

Die heutige Linke und die demokratischen Kräfte hierzulande sollten angesichts der Erfahrungen der deutschen Revolution 1918-20 prüfen, inwieweit Räte als Struktur direkter Demokratie Bestandteil einer zukünftigen solidarischen Gesellschaft sein könnten.“

 

Drittens. Der Verrat der SPD-Führung und der SPD-nahen Gewerkschaften spielte eine entscheidende Rolle bei der Niederlage der deutschen Revolution.

 

„Das Doppelspiel der SPD war perfide und umfassend. Der Verrat fand in einer organisierten und fast gespenstisch zu nennenden Form statt. Klaus Gietinger findet den Begriff „Verrat“ unpassend, da die SPD-Führung ihre Absichten immer deutlich gemacht hätte. Man könne hier „nicht von Verrat sprechen, sondern einfach davon, dass sich das Führungspersonal der SPD und der Gewerkschaften bis hinein in die Kader der Provinz verbürgerlicht hatte.“ Ich tendiere dazu, den Begriff „Verrat“ weiter als moralische und politische Kategorie zu verwenden. Die Mehrheit der arbeitenden Menschen hielt die SPD auch Ende 1918 noch für eine Partei, die Arbeiterinteressen vertreten würde. Sie sah diese nicht auf Seiten der Konterrevolution. Teilweise gewann sie den Eindruck, diese habe sich geläutert. Anders kann man nicht erklären, dass die SPD bei der Reichstagswahl 1919 gegenüber den letzten vorausgegangenen Wahlen von 1912 zugelegt hat – und die USPD nur auf eher bescheidene 7,6 Prozent kam. Die Entwicklung des allgemeinen Bewusstseins verläuft – nicht zuletzt bedingt durch die bürgerliche Propagandamaschinerie – deutlich verlangsamt und oft sprunghaft.

Hinzu kommt: Dass es einen „Verrat“ der SPD-Führung im moralischen Sinn gab, war seit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten im August 1914 eine in Deutschland weit verbreitete Erkenntnis. Doch die hier beschriebene organisierte und vielfach bis zur Selbstverleugnung und Selbstzerstörung betriebene Form des Doppelspiels, diese intensive Zusammenarbeit zwischen SPD-Führung und Konterrevolution, überstieg wohl alles, was auch aufgeklärte Menschen im revolutionären Deutschland für möglich gehalten hatten. Wäre beispielsweise bereits während der Höhepunkte der Revolution aufgedeckt worden, dass es die ständigen Absprachen zwischen Ebert und Groener über die beschriebene geheime Telefonleitung gegeben hatte, hätte es also damals eine Art Wikileaks mit der entsprechenden Dokumentation, der Mitschrift, dieser Gespräche gegeben, so hätte dies zweifelsohne die Glaubwürdigkeit, die die SPD-Führung damals noch in weiten Kreisen der arbeitenden Klasse hatte, nachhaltig erschüttert.

Die Bourgeoisie jedenfalls kannte die weiterhin integrierende Kraft der Sozialdemokratie. Sie wusste, dass die Führungen von SPD und Gewerkschaften das Vertrauen der Massen hatten, dass es also große Chancen auf ein Funktionieren des Doppelspiels gab.

Und diese Bourgeoisie setzte noch vor Kriegsende bewusst auf die SPD und die SPD-nahen Gewerkschaften als ihre Retter vor der Revolution. In der Arbeit von Richard Müller wird ein einmaliges Dokument wiedergegeben, das dieses Langzeitdenken des deutschen Großbürgertums belegt. Es handelt sich um eine Rede von Dr. J. Reichert, des Geschäftsführers des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, die dieser am 30. Dezember 1918 vor einem internen Gremium der Unternehmer hielt und in der dieser über interne Debatten in den Industriellenkreisen vor Kriegsende wie folgt berichtet:

Tatsächlich war die Lage schon in den ersten Oktobertagen [des Jahres 1918; W.W.] klar. Es kam darauf an: wie kann man die Industrie retten? Wie kann man auch das Unternehmertum vor der drohenden […] nahenden Revolution bewahren? Am 9. Oktober 1918 saßen im Stahlhof zu Düsseldorf eine Anzahl von Eisenindustriellen, die sich über diese Dinge unterhielten. Die Versammelten waren sich einig darüber, dass […] die Regierung des Prinzen Max von Baden […] bald gestürzt werden würde. […] Jedenfalls haben sich die Industriellen von einer schwachen Regierung keine Hilfe versprechen können. Blickte man weiter und fragte dann: kann vielleicht das Bürgertum künftig eine […] Hilfe […] werden, so musste man angesichts der […] häufigen Enttäuschungen […] sich sagen: Auf das Bürgertum ist […] in wirtschaftspolitischen Dingen leider kein Verlass. Einen überragenden Einfluss schien nur die organisierte Arbeiterschaft zu haben. Daraus zog man den Schluss: inmitten der allgemeinen Unsicherheit, angesichts der wankenden Macht des Staates und der Regierung gibt es für die Industrie nur auf Seiten der Arbeiterschaft starke Bundesgenossen.““

 

Viertens. Die Brutalität, mit der die Konterrevolution gegen die revolutionären und demokratischen Kräfte vorging, ist in der Geschichte der modernen Gesellschaft und in der jüngeren deutschen Geschichte einmalig.

 

„Es gab in Deutschland einen von den Rechten betriebenen und von der SPD-Führung orchestrierten langanhaltenden Bürgerkrieg. In diesem wurden Waffen eingesetzt, wie sie „eigentlich“ nur im Krieg und „eigentlich“ nur gegen eine vergleichbar ausgerüstete militärische Gruppe bzw. Armee zum Einsatz kommen. Die SPD-geführte Regierung und ihr Frontmann auf dem Gebiet Konterrevolution und Massaker, Gustav Noske, bauten binnen weniger Monate eine gigantische Bürgerkriegsarmee auf, die in erster Linie aus Freikorps-Einheiten bestand. Auf dem Höhepunkt dieses Bürgerkriegs gab es 68 anerkannte Freikorps mit – laut Noske – insgesamt vierhunderttausend Mann. Die Freikorps glichen eher Landsknechtstrupps; Gietinger spricht von „autoritär geführten Stoßtrupps mit hoher Zerstörungskraft; Kampfblöcke.“ Die Freikorps waren auf ihre Führer eingeschworen, die Mentalität der Freikorps-Männer war durchgehend reaktionär, teilweise noch monarchistisch eingestellt, überwiegend bereits rechtsextrem und faschistisch. Auch wenn sie von der SPD-geführten Regierung immer wieder zu Hilfe gerufen wurden, hassten die Freikorps-Männer nicht nur die Revolutionäre, sondern vielfach auch die SPD – und in jedem Fall die „Republik“. Finanziert wurden die Freikorps teilweise von Großunternehmern wie Hugo Stinnes, überwiegend aber aus der Reichskasse, also bis Mitte 1920 auf der Grundlage von Entscheidungen der jeweiligen SPD-geführten Regierungen. Nach den heutigen Begriffen würde man von einer halb-privaten Söldner-Armee nach Art der Blackwater-Einheiten im Irak-Krieg 2003ff sprechen. Die Freikorps-Männer waren Berufssoldaten auf Zeit, Job-Beschreibung „Bürgerkrieg; Straßenkampf; zu Liquidationen befähigt“. Vor allem waren diese Leute gut bezahlt. Dazu heißt es in einer Studie über den Gründer des ersten Freikorps, Georg Maerker:

Während der Grundlohn im alten Heer 30 Mark im Monat betrug, erhielten die Freikorpsmitglieder zusätzlich fünf Mark am Tag; bei Einsätzen außerhalb des Reichsgebiets neun Mark pro Tag. Verheiratete und kinderreiche Männer bekamen noch zusätzlichen Sold. Das Geld erstattete die Reichsregierung. Bizarr musste manchen älteren Militärs die Verpflichtungsdauer und Kündigung erscheinen: Man verpflichtete sich für einen Monat mit vierzehntägiger Kündigungsfrist.“

Angesichts eines kaiserlichen Heeres, das in den vier Weltkriegsjahren 13 Millionen Mann durchlaufen hatten, das bei Kriegsende mehr als fünf Millionen Soldaten zählte, das im Zeitraum November 1918 bis Frühjahr 1919 rasant auf bis wenige Hunderttausend Mann geschrumpft war und angesichts einer darniederliegenden Wirtschaft mit wenig Möglichkeiten für einen „anständigen“ Broterwerb, boten diese Freikorps höchst interessante Erwerbsmöglichkeiten. Das „Werben fürs Sterben“, das aktuell die Bundeswehr mit eher wenig Erfolg betreibt, stieß unter solchen Bedingungen auf fruchtbaren Boden.

Die Soldateska, die auf diese Weise aufgebaut wurde, hatte überwiegend ihr „Handwerk“ im Krieg gelernt. Viele der Freikorps-Männer hatten zuvor im Krieg jede Wertschätzung von Menschenwürde und Leben verloren. Dabei handelte es sich bei den Angehörigen der Freikorps fast immer um Menschen, deren extrem rechte – monarchistische und faschistische – Gesinnung die allgemeinen Verrohungstendenzen, zu denen es im Krieg kam, ergänzten. Der Freikorps-Offizier Friedrich Wilhelm von Oertzen schrieb:

Man lebt nicht durch Jahre in unmittelbarster Nachbarschaft mit den tausend grausigen Gesichtern des Todes, ohne dass diese Nachbarschaft auf Lebensauffassungen und Lebensformen stärksten Einfluss ausübt. Die Anforderungen, die besonders die letzten Jahre des Krieges in jeder Beziehung an Frontoffiziere und Landser stellten, hatten für beide naturnotwendig eine neue Wertordnung im Gefolge, in der bürgerliche Tugenden und Lebensformen als für die Kriegsbedürfnisse unnötig oder gar hinderlich weit unten auf der Skala rangierten.“

Mit entsprechender Geisteshaltung und Mordpraxis agierten die Freikorps in Russland, im Baltikum, in Polen … und in Deutschland. Haffner schreibt in seiner Bilanz des Terrors in München nach Niederschlagung der Bayerischen Räterepublik, dass dem Agieren dieser Truppen „etwas vom Charakter einer fremden Invasion und Besetzung anhaftet. Die preußischen Freikorps fühlten und benahmen sich wie Sieger in einem eroberten Land.“

Klaus Gietinger zieht einen ähnlichen Vergleich und verbindet dies mit dem Vorausgegangenen und dem noch Kommenden:

Der Vernichtungswille, den die kaiserliche Armee schon Chinesen, Hereros und Belgier hatte spüren lassen, wurde nun auf den inneren Feind konzentriert und durch den Mythos von der Abwehr des Bolschewismus zusätzlich aufgeladen. Oder, wie sich der Freikorps-Offizier, Erzberger-Mörder und späterer SA-Gruppenführer Manfred von Killinger ausdrückte: ´Krieg ist Gewalt, aber Bürgerkrieg ist Gewalt in höchster Potenz. Mäßigung, Duldsamkeit unsererseits, wäre Dummheit, nein, Verbrechen am eigenen Volk und Staat gewesen.“

 

Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute

 

„Die Sätze, die Sebastian Haffner vor einem halben Jahrhundert als Bilanz seiner Arbeit und der Novemberrevolution schrieb, haben auch heute Gültigkeit:

Die Revolution war eine Ruhmestat. Ein Schandfleck ist der Verrat, der an ihr verübt wurde. Gewiss ist Revolution nichts, das man zum Vergnügen macht […] Jede Revolution ist ein schmerzhafter, blutiger […] Vorgang – wie eine Geburt. Aber wie eine Geburt ist jede gelungene Revolution zugleich auch ein schöpferischer, lebensspendender Vorgang. Alle Völker, die eine große Revolution durchgestanden haben, blicken mit Stolz auf sie zurück […] Es sind nicht die siegreichen, es sind die erstickten und unterdrückten, die verratenen und verleugneten Revolutionen, die ein Volk krank machen. Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute.“

Entreißen wir die verratene und verleugnete deutsche Revolution von 1918/19 dem Dunkeln! Rücken wir die Ideale von Frieden und Demokratie ins Licht!“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=47668

 

Drei Legenden

 

Sebastian Haffner in seinem Buch „Der Verrat“:

 

1. Legende: Es gab keine Revolution

 

„Wohl über keinen historischen Vorgang ist so viel gelogen worden wie über die deutsche Revolution von 1918. Drei Legenden insbesondere haben sich als zählebig bis zur Unausrottbarkeit erwiesen.

Die erste ist besonders beim deutschen Bürgertum – auch heute noch – weit verbreitet. Sie besteht ganz einfach in der Leugnung der Revolution. Eine wirkliche Revolution, so kann man immer noch vielfach hören, hat in Deutschland 1918 gar nicht stattgefunden. Alles, was sich wirklich abgespielt hat, war ein Zusammenbruch. Nur die momentane Schwäche der Ordnungsgewalten im Augenblick der Niederlage ließ eine Matrosenmeuterei als Revolution erscheinen.

Wie falsch und blind das ist, das sieht man auf einen Blick, wenn man 1918 mit 1945 vergleicht. Da allerdings gab es wirklich nur einen Zusammenbruch.

Gewiss gab 1918 eine Matrosenmeuterei den Anstoß zur Revolution, aber eben nur den Anstoß. Das Außerordentliche war eben dies: dass eine bloße Matrosenmeuterei in der ersten Novemberwoche 1918 ein Erdbeben auslöste, das ganz Deutschland erschütterte; dass das gesamte Heimatheer, die gesamte städtische Arbeiterschaft, in Bayern überdies noch ein Teil der Landbevölkerung sich erhoben. Diese Erhebung aber war keine bloße Meuterei mehr, sie war eine echte Revolution. Es ging dabei nicht mehr, wie noch am 29. und 30. Oktober bei der Hochseeflotte auf SchilligReede, nur um Gehorsamsverweigerung. Worum es ging, das waren der Sturz einer herrschenden Klasse und die Umgestaltung eines Staats. Und was ist eine Revolution, wenn nicht genau dies?

Wie jede Revolution stürzte auch diese eine alte Ordnung und setzte an ihre Stelle die Anfänge einer neuen. Sie war nicht nur zerstörerisch, sie war auch schöpferisch. Ihre Schöpfung waren die Arbeiter und Soldatenräte. Dass dabei nicht alles glatt und ordentlich zuging, dass die neue Ordnung nicht sofort so reibungslos funktionierte wie die gestürzte alte, dass auch Unschönes und Lächerliches mit unterlief in welcher Revolution wäre das anders gewesen? Und dass die Revolution natürlich in einem Augenblick der Schwäche und Blamage der alten Ordnung losbrach und ihren Sieg zum Teil dieser Schwäche verdankte, ist ebenfalls eine Selbstverständlichkeit.

Das ist in keiner Revolution der Geschichte anders gewesen.

Dagegen muss man sogar als einen besonderen Ruhmestitel der deutschen Novemberrevolution von 1918 ihre Selbstdisziplin, Gutmütigkeit und Menschlichkeit verbuchen, die umso bemerkenswerter ist, als die Revolution fast überall das spontane Werk führerloser Massen war. Der eigentliche Held dieser Revolution sind die Massen gewesen der Zeitgeist hat das genau herausgespürt: Nicht zufällig waren die Höhepunkte deutscher Theater und Filmkunst in jenen Jahren großartige Massenszenen, nicht zufällig hieß Ernst Tollers damals berühmtes Revolutionsdrama Masse Mensch. Als revolutionäre Massenleistung steht der deutsche November 1918 weder hinter dem französischen Juli 1789 noch hinter dem russischen März 1917 zurück.

Dass die deutsche Revolution kein Hirngespinst und kein Phantom war, sondern eine lebendige und robuste Wirklichkeit, dafür gibt es schließlich noch ein anderes Zeugnis: die Ströme von Blut, die es im ersten Halbjahr 1919 kostete, sie zurückzurollen und niederzuschlagen.

Wer die Revolution niedergeschlagen hat, daran gibt es keinen Zweifel. Es war die Führung der SPD, es war Ebert mit seiner Mannschaft. Auch daran gibt es keinen Zweifel, dass die SPDFührer, um die Revolution niederschlagen zu können, sich zunächst an ihre Spitze gestellt hatten, dass sie sie also verrieten. In den Worten des unbestechlichen sachverständigen Zeugen Ernst Troeltsch: Die SPDFührer «adoptierten um der Wirkung auf die Massen willen die Revolution, die sie nicht gemacht hatten und die von ihrem Standpunkt aus eine Fehlgeburt war, als ihr eigenes, lange verheißenes Kind».

Hier gilt es genau zu sein; hier zählt jedes Wort. Es trifft zu, dass die SPD-Führer die Revolution nicht gemacht und nicht gewollt hatten. Aber es ist ungenau, wenn Troeltsch sagt, dass sie sie nur «adoptierten». Die Revolution wurde von ihnen nicht nur «adoptiert», sie war wirklich ihr eigenes, lange verheißenes Kind. Sie hatten sie wirklich fünfzig Jahre lang gepredigt und versprochen. Auch wenn «ihr eigenes, lange verheißenes Kind» für die SPD jetzt ein unerwünschtes Kind geworden war: Sie war und blieb seine leibliche Mutter; und als sie es tötete, war das Kindestötung.“

 

2. Legende: Es war eine bolschewistische Revolution und die SPD hat Deutschland gerettet

 

„Wie jede Kindesmörderin sich auf eine Totgeburt oder Fehlgeburt herauszureden versucht, so auch die SPD. Das ist der Ursprung der zweiten großen Legende über die deutsche Revolution: dass sie nicht die von den Sozialdemokraten seit fünfzig Jahren proklamierte Revolution gewesen sei, sondern eine bolschewistische Revolution, ein russischer Importartikel, und dass die SPD Deutschland vor dem «bolschewistischen Chaos» bewahrt und gerettet habe (nebenbei: Der Ausdruck «bolschewistisches Chaos» ist in sich selbst eine terminologische Lüge; Bolschewismus, was immer gegen ihn einzuwenden ist, ist das Gegenteil von Chaos, nämlich straffste, diktatorische, wenn man will: tyrannische Ordnung.

Diese Legende, von den Sozialdemokraten erfunden, wird von den Kommunisten, gewollt oder ungewollt, gestützt: Denn sie nehmen das ganze Verdienst an der Revolution für die KPD oder ihre Vorgängerin, die Spartakusgruppe, in Anspruch und bestätigen also ruhmredig, was die Sozialdemokraten als Rechtfertigung für sich selbst und Anklage gegen die Revolution vorbringen: dass die Revolution des November 1918 eine kommunistische (oder «bolschewistische») Revolution gewesen sei.

Aber auch wenn Sozialdemokraten und Kommunisten ausnahmsweise einmal das Gleiche sagen, wird es dadurch noch nicht wahr. Die Revolution von 1918 war kein russischer Importartikel, sie war deutsches Eigengewächs; und sie war keine kommunistische, sie war eine sozialdemokratische Revolution genau die Revolution, die die SPD fünfzig Jahre lang vorausgesagt und gefordert, auf die sie ihre Millionen Anhänger vorbereitet und als deren Organ sie sich ihnen ihr Leben lang angeboten hatte.

Das ist leicht zu beweisen. Nicht die zahlenmäßig und organisatorisch ganz unzulängliche Spartakusgruppe machte die Revolution, sondern Millionen sozialdemokratisch wählende Arbeiter und Soldaten. Die Regierung, die diese Millionen forderten auch noch im Januar 1919 wie vorher schon im November 1918 , war nicht eine spartakistische oder kommunistische Regierung, sondern eine Regierung der wieder vereinigten Sozialdemokratischen Partei. Die Verfassung, die sie erstrebten, war keine Diktatur des Proletariats, sondern eine proletarische Demokratie: Das Proletariat, nicht das Bürgertum wollte fortan die herrschende Klasse sein, aber es wollte demokratisch herrschen, nicht diktatorisch. Die entmachteten Klassen und ihre Parteien sollten parlamentarisch mitreden dürfen, ungefähr so, wie im wilhelminischen Reich die Sozialdemokraten hatten parlamentarisch mitreden dürfen.

Auch die Methoden der Revolution waren vielleicht zu ihrem Schaden alles andere als bolschewistisch oder leninistisch. Sie waren, genau betrachtet, nicht einmal marxistisch, sondern lassalleanisch: Der entscheidende Machthebel, nach dem die revolutionären Arbeiter, Matrosen und Soldaten griffen, war nicht, wie es marxistischer Lehre entsprochen hätte, das Eigentum an den Produktionsmitteln, sondern die Staatsgewalt. Damit betraten sie, wie es im sozialdemokratischen Kampflied hieß, «die Bahn, die uns geführt Lassalle».

Die revolutionären Massen griffen, wie es der Wegbereiter der Sozialdemokratie, Ferdinand Lassalle nicht Marx in den achtzehnhundertsechziger Jahren gefordert hatte, nach der Staatsmacht, nicht nach der Wirtschaftsmacht. Sie besetzten nicht die Fabriken, sondern die Ämter und Kasernen. Sie wählten als «Volksbeauftragte» die sozialdemokratischen Führer.

Und diese Führer benutzten, nachdem sie sich von der Revolution die Staatsgewalt hatten übertragen lassen, diese Gewalt, um die Revolution ihre eigene, lange verheißene, endlich Wirklichkeit gewordene Revolution blutig niederzuschlagen. Sie richteten die Kanonen und Maschinengewehre auf ihre eigenen Anhänger. Was der Kaiser vergeblich versucht hatte das zurückkehrende Feldheer auf die revolutionären Arbeiter loszulassen , das versuchte von Anfang an auch Ebert. Und als dies ihm ebenso wenig gelang, zögerte er nicht, noch einen Schritt weiterzugehen und die extremsten Anhänger der militanten Gegenrevolution, die Feinde der bürgerlichen Demokratie, ja seine eigenen Feinde, die Vorläufer des Faschismus in Deutschland, zu bewaffnen und gegen seine arglosen Anhänger zu mobilisieren.

Das ist die Tatsache: Was die SPD blutig niedergeworfen hat und wovor sie also, wenn man so will, Deutschland «bewahrt» oder «gerettet» hat, ist keine kommunistische Revolution, sondern eine sozialdemokratische. Die sozialdemokratische Revolution, die in Deutschland 1918 stattfand, ist, wie es schon Prinz Max von Baden in der Woche vor dem 9. November ahnungsvoll erhofft hatte, «erstickt» worden in ihrem Blut erstickt; aber nicht von den Prinzen und Monarchen, die sie gestürzt, vielmehr von ihren eigenen Führern, die sie vertrauensvoll an die Macht getragen hatte. Sie ist mit äußerster, rücksichtslosester Gewalt niedergeschlagen worden, nicht von vorn, in ehrlichem Kampf: von hinten, durch Verrat.

Ganz gleich, auf welcher Seite man dabei steht und ob man das Ergebnis bedauert oder begrüßt: Es ist ein Vorgang, der den Namen Ebert und Noske eine unrühmliche Unsterblichkeit sichert. Zwei Urteile, damals ausgesprochen und von denen, die sie aussprachen, mit ihrem Leben besiegelt, hallen immer noch durch die Jahrzehnte. Der sozialdemokratische Parteiveteran und Parteihistoriker Franz Mehring sagte im Januar 1919, kurz ehe er an gebrochenem Herzen starb: «Tiefer ist noch keine Regierung gesunken.»

Und Gustav Landauer, nicht lange vor seinem Tode unter den Händen genauer: unter den Stiefeln der Freikorpssoldaten Noskes: «In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei.»

Es macht Ebert und Noske nicht sympathischer, dass sie keine Schurken großen Formats waren, sondern Biedermänner. Das Monströse ihrer historischen Tat findet keine Entsprechung in ihrem privaten Charakter. Wenn man nach ihren Motiven sucht, findet man nichts Dämonisches oder SatanischGroßartiges, nur Banales: Ordnungsliebe und kleinbürgerliches Strebertum. Dass sie die Unordnung, die nun einmal mit jeder Revolution verbunden ist, ehrlich verabscheuten und mit beinahe panischer Angst fürchteten, kann man ihnen ohne weiteres glauben, auch wenn sie merkwürdigerweise keine solche Furcht vor der ebenso großen und blutigeren Unordnung der Gegenrevolution hatten. Tiefer aber noch als die Ordnungspanik saß wohl in ihnen der Stolz des Kleinbürgers, der sich plötzlich zur großen Welt zugelassen mehr noch, von der großen Welt zu Hilfe gerufen sieht.

Dass bürgerliche Parlamentskollegen die «vaterlandslosen Gesellen» von einst plötzlich mit Respekt behandelten, dass Männer wie Groener und Prinz Max ihnen eine schmeichelhafte Vertraulichkeit, dass gar der Kaiser und Hindenburg eine gnädige Herablassung bezeigten, dass alle diese einst Gefürchteten und Beneideten in ihrer Not jetzt Ebert und die Seinen als ihren letzten Rettungsanker anerkannten das erzeugte in den so Geehrten eine warme Woge zutraulicher und stolzer Loyalität, der sie jedes Opfer brachten, auch tausendfache Menschenopfer. Sie opferten diejenigen, die ihnen folgten und vertrauten, freudig denen, von denen sie sich begönnert fanden. Das Scheußliche wurde mit treuherzig aufblickendem Biedersinn getan.

Ebert vertraute den Generalen, Prinzen und Großbürgern, die ihm «das Deutsche Reich ans Herz legten», dabei ebenso arglos, wie die sozialdemokratischen Arbeiter, Matrosen und Soldaten, die die Revolution machten, ihm vertrauten. Und so wie er die Revolution verriet, so verrieten die, die er mit seinem Verrat bediente, nach getaner Arbeit ihn. Das Mittel, mit dem sie das taten, war die dritte der drei großen Legenden über die deutsche Revolution: die Dolchstoßlegende.

Die Behauptung, dass die sozialdemokratische Revolution die deutsche Niederlage verschuldet und «die siegreiche Front von hinten erdolcht» habe, wurde von Hindenburg und Ludendorff öffentlich aufgestellt, sowie Ebert und Noske mit der Niederwertung der Revolution fertig geworden waren, und sie wurde vom deutschen Bürgertum ein Vierteljahrhundert lang geglaubt.

Diese Behauptung war selber ein Dolchstoß ein Dolchstoß in den Rücken der sozialdemokratischen Führer, denen das kaiserliche Deutschland im Oktober und November 1918 seine Niederlage angehängt und seine Rettung anvertraut hatte. ( Ludendorff : «Sie sollen die Suppe jetzt essen …»)

Nachdem sie die Niederlage loyal auf sich genommen hatten (Ebert zu den heimkehrenden Truppen: «Kein Feind hat euch überwunden …») und dem deutschen Bürgertum den Leichnam der Revolution apportierend zu Füßen gelegt hatten, bekamen sie ihren Lohn in Form der Dolchstoßlegende. Ebert selbst wurde in den folgenden Jahren mit dem vollkommen unbegründeten, aber unablässig wiederholten und gerichtlich sanktionierten Vorwurf des Landesverrats buchstäblich zu Tode gehetzt.

Man könnte Mitleid mit ihm empfinden, wenn in der Art, wie sich die Geschichte an ihm rächte, nicht auch eine raffinierte Gerechtigkeit läge. Es gibt eine Ballade der Annette von Droste-Hülshoff, die Eberts Schicksal aufs genaueste vorzeichnet:

Jemand hat bei einem Schiffbruch einen Mitpassagier ermordet, indem er ihn von der rettenden Planke gestoßen hat. Zufällig hat sich ihm dabei das Fabrikationszeichen der Planke eingeprägt: «Batavia Fünfhundertzehn». Der Mord wird nie ruchbar. Aber als der Mörder landet, wird er irrtümlich für einen lang gesuchten Seeräuber gehalten, unschuldig zum Tode verurteilt und zur Hinrichtung geführt.

«Und als er in des Hohnes Stolze

Will starren nach den Ätherhöhn

Da liest er an des Galgens Holze:

Batavia Fünfhundertzehn.»

 

Das Gedicht heißt: Die Vergeltung.“

 

3. Legende: Der Dolchstoß

 

„Auf genau dieselbe umwegige, aber präzise Art traf Ebert die Vergeltung für das, was er mit der Revolution gemacht hatte. Er wurde zu Tode gehetzt mit einer Lüge, mit dem Vorwurf eines Verrats, den er nie begangen hatte. Aber dieser Vorwurf hätte ihn nie treffen können, wenn er nicht einen anderen Verrat tatsächlich begangen hätte. Er hatte nicht die siegreiche Front, wohl aber die siegreiche Revolution von hinten erdolcht. Und zwar denen zuliebe, die nunmehr ihn von hinten erdolchten mit der Dolchstoßlüge.

Eine gewisse Befriedigung über die ästhetische Perfektion dieser komplizierten Symmetrie lässt sich schwer unterdrücken. Man fühlt sich wie auf dem Höhepunkt einer symphonischen Komposition, wenn alle Themen zusammenkommen und dabei ihre gemeinsame Wurzel enthüllen. Oberflächlich gesehen, geschah Ebert mit der Dolchstoßlüge bitteres Unrecht. Tiefer und genauer betrachtet, geschah ihm recht. Er wurde verraten, wie er verraten hatte; und er konnte nur verraten werden, weil er verraten hatte.

Ludendorff hatte am 29. September 1918 seine Niederlage auf die Sozialdemokraten abgeladen, um sie später als die Schuldigen hinstellen zu können. Die Revolution kam ihnen zu Hilfe; sie setzte dazu an, die Falle, die er ihnen gestellt hatte und in der sie ahnungslos saßen, zu zerschlagen. Sie aber verrieten die Revolution und die Falle schnappte zu. Das ist, in drei Sätzen, die ganze Geschichte. Eine furchtbare Geschichte, aber keine sinnlose. Ihre Überschrift könnte heißen: «Verdiente Strafe».

Leider traf die Strafe für den großen Verrat an der deutschen Revolution von 1918 nicht nur die, die sie verdient hatten.

Der Kollektivheld dieser Revolution, die deutsche Arbeiterschaft, hat sich von dem Nackenschlag, der ihr damals versetzt wurde, nie erholt. Die sozialistische Einigkeit, für die sie so tapfer kämpfte und blutete, ist 1918 für immer verloren worden. Von dem großen Verrat datiert das große Schisma des Sozialismus und der unauslöschliche Hass zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten ein Hass wie zwischen Wölfen und Hunden. (Ein Hund ist bekanntlich ein ehemaliger Wolf, den der Mensch für seine Zwecke gezähmt hat. Die Sozialdemokratie ist eine ehemalige Arbeiterpartei, die der Kapitalismus für seine Zwecke gezähmt hat.) Dieselben Arbeiter, die sich 1918 und auch noch 1919 und 1920 so tapfer und glücklos geschlagen hatten, fanden ihren Kampfgeist gebrochen, als sie ihn fünfzehn Jahre später noch einmal gebraucht hätten gegen Hitler. Und ihre Söhne waren 1945 nicht mehr imstande, die Tat ihrer Väter von 1918 zu wiederholen. Ihre Enkel von heute wissen nicht einmal mehr von ihr. Die revolutionäre Tradition der deutschen Arbeiterschaft ist erloschen.

Und auch das deutsche Volk als Ganzes, einschließlich seiner bürgerlichen Schichten, die damals das Scheitern der Revolution mit begreiflicher Erleichterung und Schadenfreude begrüßten, hat für dieses Scheitern teuer bezahlen müssen: mit dem Dritten Reich, mit der Wiederholung des Weltkrieges, mit der zweiten und schwereren Niederlage und mit dem Verlust seiner nationalen Einheit und Souveränität. Alles das war in der Gegenrevolution, die die sozialdemokratischen Führer auslösten, schon keimhaft enthalten. Vor alledem hätte ein Sieg der deutschen Revolution Deutschland bewahren können.

Noch heute gibt es viele Ebert-Deutsche, die jede Revolution «hassen wie die Sünde»; noch heute gibt es viele, die die Revolution von 1918 verleugnen wie einen Schandfleck der nationalen Geschichte. Aber die Revolution ist kein Schandfleck. Sie war besonders nach vier Jahren Hunger und Ausblutung eine Ruhmestat. Ein Schandfleck ist der Verrat, der an ihr verübt wurde.

Gewiss ist Revolution nichts, das man zum Vergnügen macht; gewiss gehört es zur Staatskunst, Revolution möglichst durch vorbeugende Reform zu vermeiden. Jede Revolution ist ein schmerzhafter, blutiger und schrecklicher Vorgang wie eine Geburt. Aber wie eine Geburt ist jede gelungene Revolution zugleich auch ein schöpferischer, Leben spendender Vorgang.

Alle Völker, die eine große Revolution durchgestanden haben, blicken mit Stolz auf sie zurück; und jede siegreiche Revolution hat das Volk, das sie zustande brachte, für eine Weile groß gemacht: Holland und England im siebzehnten Jahrhundert ebenso wie Amerika und Frankreich im achtzehnten und neunzehnten und Russland und China im zwanzigsten. Es sind nicht die siegreichen, es sind die erstickten und unterdrückten, die verratenen und verleugneten Revolutionen, die ein Volk krank machen.

Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute.“

https://www.deutsche-revolution.de/die-deutsche-revolution-1918-1919

 

Sebastian Haffners „Der Verrat“ ist das Standardwerk zur Revolution. Wer möchte, kann immerhin etwa ein Viertel des Buches anhören:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=ibzH4qwaDrw

https://www.youtube.com/watch?v=MHTNWK09nvI

https://www.youtube.com/watch?v=MZPFip8aMnc

https://www.youtube.com/watch?v=zCC0JQwqDbw

https://www.youtube.com/watch?v=DCWMmWg07Eg

https://www.youtube.com/watch?v=YRtmP4r3gHU

https://www.youtube.com/watch?v=YbMyR4EiTqk&t=2s

 

Fazit

 

Welche Lehren sind aus der Revolution und dem Umgang mit ihr zu ziehen?

Winfried Wolf hatte 4 Gründe zum Scheitern der Revolution genannt. Der Wurm hat noch einen Grund anzubieten, der für ihn der wichtigste ist:

 

Sozial denkende Kleingeister

 

- auch, wenn es gegen eigene Ideale und Programme geht: friedlich zusammen arbeiten mit den Mächtigen zum eigenen Vorteil (Revisionismus-Streit innerhalb der SPD)

- wir sind immer die Guten, die Regierung will nur das Gute, auch, wenn wir mal eine Kröte schlucken müssen: wir sind lieb Kind bei den Mächtigen und werden dort schon beinahe als gleichrangig anerkannt (SPD-Zustimmung zum Krieg)

- wir sind uns zumindest nach außen hin einig (SPD-Fraktionsdisziplin bei Zustimmung zu Kriegskrediten)

- wer gegen die Einigkeit verstößt, ist böse und muss verstoßen werden (Ausschluss der Kriegskredit-Verweigerer aus Fraktion und Partei der SPD)

- wir sind massiv gegen den Krieg, machen aber alles mit, bis der Druck von außen zu stark wird; erst dann müssen wir leider „nein“ sagen (SPD-Abgeordnete verweigern Kriegskredit am 21.12.1915)

- wir lassen uns von den eigenen Leuten übelst beschimpfen und demütigen, bis sie uns aus der Fraktion und schließlich aus der Partei schmeissen (eben diese Abgeordnete)

- um zu verhindern, dass die Massen sich radikalisieren, bieten wir ihnen erst eine Arbeitsgemeinschaft und dann eine Partei der Guten an (eben diese Abgeordneten als Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft und nach ihrem Rauswurf aus der SPD als USPD)

- da wir die Guten sind und damit sich die Massen nicht radikalisieren, sagen und tun wir etwas, aber nur ganz wenig (USPD)

- wir sind an der Regierung und wollen zum Wohle aller dem Kaiser und dem Kapital dienen (SPD an der Regierung)

- die Massen machen Revolution und denken, wir sind an ihrer Seite – wir wollen gar keine Revolution, tun aber so, als wenn wir uns an die Spitze der Revolution stellen (SPD-Regierung)

- die Massen wollen, dass wir uns einig sind, also regieren wir zusammen mit den Abtrünnigen aus der USPD, die wir eigentlich gar nicht leiden können (SPD-Regierung)

- wir wollen Harmonie, deshalb sollen SPD und USPD gleichberechtigt zusammenarbeiten (Arbeiter- und Soldatenräte)

- wir werden andauernd untergebuttert, das, was versprochen wird, wird nicht eingehalten, aber zum Wohle aller machen wir alles mit (USPD)

- irgendwann muss ja mal wieder Ruhe und Ordnung einkehren – wir rufen Militärs zusammen, dass die mal ordentlich aufräumen (SPD-Regierung)

 

Aus einem der deutschen Lieblingslieder „Die Gedanken sind frei“:

„Ich denke, was ich will,

und was mich beglücket,

doch alles in der Still,

und wie es sich schicket.“

 

Im Anfang war die Tat! Sagen, was ist, handeln, was nötig, unangepasst, immer. Irgendwann muss auch mal Farbe bekannt, Tacheles geredet, Revolution gemacht werden. Nicht immer nur angepasstes Verhalten zeigen „wie es sich schicket“!

Bösartige Menschen gibt es immer – aber nur in relativ geringer Zahl. Kriege, Massaker an der Zivilbevölkerung und überhaupt bösartiges Verhalten im großen Stil sind allerdings nur möglich durch Duldung oder Mitmachen der sozial denkenden Kleingeister. Der heutige Ausdruck dafür lautet „Gutmenschen“.

Ohne diese Gutmenschen kein 1. Weltkrieg, keine brutale Niederschlagung der Revolution, kein Hitler und sehr wahrscheinlich auch kein Stalin.

 

Gutmütigkeit

 

Wer auch immer eine Revolution durchführen will, sollte bereit sein, Gewalt anzuwenden und seine Gegner auszuschalten. Wer gutmütig ist, wird sehr schnell bemerken, dass die Geschonten die an ihnen geübte Großzügigkeit nicht zu schätzen wissen. Anders ausgedrückt: wer nicht dazu bereit ist, Gewalt anzuwenden, sollte erst gar nicht über eine Revolution nachdenken.

Das ist für friedfertige Menschen ein Dilemma, welches der Wurm in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/111-pax-romana.html analysiert hatte.

 

Vertrauensseligkeit

 

Traue keinem, mit dem die Macht ist. Kaum einer ist bereit, Macht aufzugeben oder auch nur zu teilen. Auch die von ihm Bezahlten nicht. Sie sind bereit, alles zu tun. Von Lügen und in Sicherheit wiegen bis hin zu brutalster Gewalt.

 

Konsequenz

 

Gehe den Weg, den Du als für richtig erachtest. Wenn Du den Eindruck hast, Deine bisherige Gruppe geht einen völlig falschen Weg und lässt sich nicht davon abbringen, dann löse Dich von ihr und suche Dir Gleichgesinnte.

 

Nutze den Tag

 

Wenn der Gegner sich in einer schwachen Lage befindet – nutze sie aus und schaffe Fakten. Der Gegner wird sich ansonsten immer neu organisieren und dann die neugewonnene Stärke gnadenlos ausspielen.

 

Permanente Revolution

 

Politische Bildung für die Massen, die die Entscheidungsträger auf allen Ebenen andauernd unter Druck setzen – ansonsten betreiben diese ihre „Spielchen“ und haben nicht das geringste Interesse daran, was unter ihnen vor sich geht.

 

Standhaftigkeit

 

Lass‘ Dich nicht entmutigen durch eine völlig hoffnungslose Situation. Wenn der größte Teil des Volkes sich im Kriegstaumel befindet und die Pazifisten im Stich gelassen und beschimpft werden und das über Jahre hin und das Volk sich in seiner schafsmäßigen Ergebenheit ergibt – selbst dann genügt nur ein kleiner Funke und die Revolution ist da. Sei darauf vorbereitet, arbeite darauf hin.

 

Im Interesse des Staates

 

Um die heutige Situation zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf 50 Jahre zuvor. Denn da erschien Sebastian Haffners „Der Verrat“ als mehrteilige Serie im „Stern“. Spätestens jetzt hätte es einem Großteil der Bevölkerung klar sein müssen, welche Lügen ihm wg. Revolution von 1918/19 aufgetischt worden waren und welche Rolle die SPD dabei spielte.

Dass der allgemeine Tenor immer noch in die Richtung geht, dass die SPD so handeln musste, wie sie gehandelt hat, spricht nicht gerade für dieses geschichtslose Volk.

Auch nicht für die Führung der SPD. Heute lebt kein einziger der damals Verantwortlichen mehr und die SPD unterliegt (wie alle anderen Parteien auch) Schwankungen der Zeit. Kein einziger trägt irgendeine Schuld an den Geschehnissen vor 100 Jahren. Aber sehr wohl Verantwortung. Und da wäre zu erwarten gewesen, dass sich die heutige SPD für ihre damaligen Taten entschuldigt, ihre Lügen und Verbrechen eingesteht. Dass sie dies nicht tut, ist ausgesprochen schäbig.

Im Beitrag über Rosa Luxemburg hatte der Wurm einen typischen heutzutagigen SPD-Schreiberling zitiert: „Seit 100 Jahren spaltet der Geist von Rosa Luxemburg die Linke. Ob es um Hartz IV geht oder um die innere Sicherheit, immer erhebt sich irgendwo die Erinnerung an den Januar 1919: Staatsräson oder Revolution, Verantwortung oder Radikalität, Staat oder Massen

Am Ende traf der Fluch sie alle: Die Republik ging zugrunde, weil die Linke sich lieber gegenseitig bekämpfte. Die Nazis triumphierten. „Umgekommen sind Kommunisten und Sozialdemokraten im Konzentrationslager gemeinsam“, erinnert Ramelow. „Die Toten mahnen uns zu einem konstruktiven Umgang mit dem Thema.“

Doch der Geist der toten Rosa Luxemburg spukt weiter durch die deutsche Linke. Am Sonntag zogen wie jedes Jahr Tausende beim „Luxemburg-Liebknecht-Marsch“ durch Berlin, alle linken Splittergruppen waren vertreten. Würde man in dieser Runde um Verständnis für staatstragende Sozialdemokraten werben, für Hartz IV oder die leider nötige Niederschlagung des Spartakusaufstands 1919, es wäre schnell vorbei mit dem stillen Gedenken

Luxemburg glaubt, jetzt sei die Stunde endlich gekommen. Ihre Artikel in der „Roten Fahne“ werden immer schärfer, Tag für Tag trommelt sie für den Aufstand. „Sie war einer der hitzigsten Köpfe in dieser Woche“, meint Jones. „Damit hat sie entscheidend zur Radikalisierung in diesen Tagen beigetragen. Wegen ihrer Texte sind Menschen gestorben. Auch Frauen und Kinder, die sich zum Beispiel im falschen Augenblick aus dem Fenster gelehnt haben und von einer Kugel erwischt wurden“ …

Zehn Tage lang war sie eine tragisch irrende Putschistin – die eine große Bewegung für hundert Jahre gespalten hat.“

http://www.maz-online.de/Nachrichten/Politik/Rosa-Luxemburg-Die-entzauberte-Heldin

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/368-der-adler.html

Leider, leider musste die SPD den 1. Weltkrieg mitmachen, die Arbeiter während und nach der Revolution umbringen lassen, Jugoslawien bombardieren, die Agenda 2010 durchsetzen. Alles gegen die Interessen der einfachen Parteimitglieder - aber im Interesse des Staates. Leider, leider.

 

Rosa Luxemburg in der Revolution

 

20.11.1918 Die Nationalversammlung

 

„Von der Deutschen Tageszeitung, der Vossischen und dem Vorwärts bis zur unabhängigen Freiheit, von Reventlow, Erzberger, Scheidemann bis Haase und Kautsky ertönt ein einmütiger Ruf nach der Nationalversammlung und ein ebenso einmütiger Angstschrei vor der Idee: die Macht in die Hände der Arbeiterklasse.

Das ganze „Volk“, die ganze „Nation“ soll dazu berufen werden, über die weiteren Schicksale der Revolution durch Mehrheitsbeschluß zu entscheiden.

Bei den offenen und verkappten Agenten der herrschenden Klassen ist die Parole selbstverständlich. Mit Wächtern der kapitalistischen Kassenschränke diskutieren wir weder in der Nationalversammlung noch über die Nationalversammlung.

Aber auch unabhängige Führer stellen sich in dieser entscheidenden Frage mit den Wächtern des Kapitals in Reih und Glied.

Sie wollen der Revolution, wie Hilferding in der Freiheit darlegt, auf diese Weise die Gewaltanwendung, den Bürgerkrieg mit all seinen Schrecken ersparen. Kleinbürgerliche Illusionen! Sie stellen sich den Verlauf der gewaltigsten sozialen Revolution, seit die Menschheit besteht, in der Form vor, daß verschiedene Gesellschaftsklassen zusammenkommen, eine schöne ruhige und „würdige“ Diskussion miteinander pflegen, sodann eine Abstimmung – vielleicht noch mit dem berühmten „Hammelsprung“ – veranstalten. Wenn dann die Kapitalistenklasse sieht, daß sie in der Minderheit ist, erklärt sie als wohldisziplinierte parlamentarische Partei mit einem Seufzer: Nichts zu machen! Wir sehen, daß wir überstimmt worden sind. Wohlan, wir fügen uns und übergeben unsere gesamten Ländereien, Fabriken, Bergwerke, alle unsere feuersicheren Kassen und schönen Profite den Arbeitern.

Wahrhaftig, das Geschlecht der Lamartine, Garnier, Pagès, Ledru-Rollin, der kleinbürgerlichen Illusionisten und Schwätzer von Anno 1848 ist nicht ausgestorben; es steht – ohne Glanz und Talent und Reiz der Neuheit – in langweilig-pedantisch-gelehrter deutscher Ausgabe in den Kautsky, Hilferding, Haase wieder auf.

Diese tiefgründigen Marxisten haben das Abc des Sozialismus vergessen.

Sie haben vergessen, daß die Bourgeoisie nicht eine parlamentarische Partei, sondern eine herrschende Klasse ist, die sich im Besitze sämtlicher ökonomischer und sozialer Machtmittel befindet.

Diese Herren Junker und Kapitalisten sind nur so lange ruhig, wie die revolutionäre Regierung sich damit begnügt, kleine Schönheitspflästerchen auf das kapitalistische Lohnverhältnis zu kleben. Sie sind nur brav, solange die Revolution brav ist, d.h. solange der Lebensnerv, die Schlagader der bürgerlichen Klassenherrschaft: das kapitalistische Privateigentum, das Lohnverhältnis, der Profit, unbehelligt bleibt.

Geht es dem Profit an den Kragen, wird das Privateigentum ans Messer geliefert, dann hört die Gemütlichkeit auf.

Das heutige Idyll, wo Wölfe und Schafe, Tiger und Lämmer wie in der Arche Noahs friedlich nebeneinander grasen, dauert auf die Minute so lange, bis es mit dem Sozialismus ernst zu werden beginnt.

Sobald die famose Nationalversammlung wirklich beschließt, den Sozialismus voll und ganz zu verwirklichen, die Kapitalsherrschaft mit Stumpf und Stiel auszurotten, beginnt auch der Kampf. Wenn die Bourgeoisie ins Herz getroffen wird – und ihr Herz schlägt im Kassenschrank – wird sie auf Tod und Leben um ihre Herrschaft ringen, tausend offene und versteckte Widerstände gegen die sozialistischen Maßnahmen auftürmen.

All das ist unvermeidlich. All das muß durchgefochten, abgewehrt, niedergekämpft werden – ob mit oder ohne Nationalversammlung. Der „Bürgerkrieg“, den man aus der Revolution mit ängstlicher Sorge zu verbannen sucht, läßt sich nicht verbannen. Denn Bürgerkrieg ist nur ein anderer Name für Klassenkampf, und der Gedanke, den Sozialismus ohne Klassenkampf, durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluß einführen zu können, ist eine lächerliche kleinbürgerliche Illusion.

Was gewinnt man also durch diesen feigen Umweg der Nationalversammlung? Man stärkt die Position der Bourgeoisie, man schwächt und verwirrt durch leere Illusionen das Proletariat, man verzettelt und verliert Zeit und Kraft auf „Diskussionen“ zwischen Wolf und Lamm, man arbeitet mit einem Wort all denjenigen Elementen in die Hand, deren Zweck und Absicht es ist, die proletarische Revolution um ihre sozialistischen Ziele zu betrügen, sie zu einer bürgerlich-demokratischen Revolution zu entmannen.

Aber die Frage der Nationalversammlung ist keine Opportunitätsfrage, keine Frage der größeren „Bequemlichkeit“. Sie ist eine Prinzipienfrage, eine Frage der sozialistischen Selbsterkenntnis der Revolution.

In der Großen Französischen Revolution war der erste entscheidende Schritt im Juli 1789 damit getan, daß sich die drei getrennten Stände zu einer gemeinsamen Nationalversammlung vereinigten. Dieser Beschluß hat dem ganzen weiteren Gang der Ereignisse den Stempel aufgedrückt, er war das Symbol des Sieges einer neuen, bürgerlichen Gesellschaftsordnung über die mittelalterliche feudale Ständegesellschaft.

Genauso ergibt sich als Symbol der neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung, deren Trägerin die jetzige proletarische Revolution ist, des Klassencharakters ihrer eigentlichen Aufgabe auch der Klassencharakter des politischen Organs, das die Aufgabe durchführen soll: das Arbeiterparlament, die Vertretung des Stadt- und Landproletariats.

Die Nationalversammlung ist ein überlebtes Erbstück bürgerlicher Revolutionen, eine Hülse ohne Inhalt, ein Requisit aus den Zeiten kleinbürgerlicher Illusionen vom „einigen Volk“, von der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ des bürgerlichen Staates.

Wer heute zur Nationalversammlung greift, schraubt die Revolution bewußt oder unbewußt auf das historische Stadium bürgerlicher Revolutionen zurück; er ist ein verkappter Agent der Bourgeoisie oder ein unbewußter Ideologe des Kleinbürgertums.

Unter dem Feldgeschrei: Demokratie oder Diktatur! wird der Kampf um die Nationalversammlung geführt. Auch diese Parole der gegenrevolutionären Demagogie übernehmen gehorsam sozialistische Führer, ohne zu merken, daß die Alternative eine demagogische Fälschung ist.

Nicht darum handelt es sich heute, ob Demokratie oder Diktatur. Die von der Geschichte auf die Tagesordnung gestellte Frage lautet: bürgerliche Demokratie oder sozialistische Demokratie. Denn Diktatur des Proletariats, das ist Demokratie im sozialistischen Sinne. Diktatur des Proletariats, das sind nicht Bomben, Putsche, Krawalle, „Anarchie“, wie die Agenten des kapitalistischen Profits zielbewußt fälschen, sondern das ist der Gebrauch aller politischen Machtmittel zur Verwirklichung des Sozialismus, zur Expropriation der Kapitalistenklasse – im Sinne und durch den Willen der revolutionären Mehrheit des Proletariats, also im Geiste sozialistischer Demokratie.

Ohne den bewußten Willen und die bewußte Tat der Mehrheit des Proletariats kein Sozialismus! Um dieses Bewußtsein zu schärfen, diesen Willen zu stählen, diese Tat zu organisieren, ist ein Klassenorgan nötig: das Reichsparlament der Proletarier in Stadt und Land.

Die Einberufung einer solchen Arbeitervertretung an Stelle der traditionellen Nationalversammlung der bürgerlichen Revolutionen ist an sich schon ein Akt des Klassenkampfes, ein Bruch mit der geschichtlichen Vergangenheit der bürgerlichen Gesellschaft, ein mächtiges Mittel zur Aufrüttelung der proletarischen Volksmassen, eine erste offene schroffe Kriegserklärung an den Kapitalismus.

Keine Ausflüchte, keine Zweideutigkeiten – die Würfel müssen fallen. Der parlamentarische Kretinismus war gestern eine Schwäche, ist heute eine Zweideutigkeit, wird morgen ein Verrat am Sozialismus sein.“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/11/natvers.htm

 

29.11.2018 Parteitag der Unabhängigen SP

 

„Der Strom der revolutionären Periode zieht Menschen, Dinge und Verhältnisse in seinen kritischen Strudel, sichtet sie, prägt sie um und zwingt sie zur Entscheidung. Namen, Programme, Parteiungen müssen sich am Prüfstein der Taten erweisen. Nichts Halbes und Zweideutiges hat Bestand. Wer nicht mit mir ist, ist wider mich, das ist der Grundsatz der Revolution.

Die Unabhängige Sozialdemokratie ist von Hause aus ein Kind der Schwäche, und Kompromiss ist ihres Daseins Wesen. Ihr Lebensfaden begann mit dem Kompromiss Haases, der – ein Gegner der Kreditbewilligung – am 4. August 1914 die denkwürdige Erklärung der sozialdemokratischen Fraktion verlas und seinen Namen an den weltgeschichtlichen Zusammenbruch des deutschen Sozialismus und der Internationale knüpfte.

Ihre weitere Vorgeschichte, das ist die dreimalige Bewilligung der Kriegskredite, also eine Unterstützung der Scheidemann und Genossen in ihrem Verrat an der Arbeiterklasse, zwei Jahre lang durch Tat – im Widerspruch zu dem Wort der eigenen Kritik an der Politik der Mehrheit.

Ihre offizielle Geburt als selbständige Partei ist nicht ein Akt männlichen Entschlusses, klarer Entscheidung aus eigener Initiative, nicht historische Tat gewesen, sondern erzwungenes Resultat des Hinauswurfs durch die Scheidemänner, eine Episode erbärmlichen Gezänks um „Parteidisziplin“ mit Schändern des sozialistischen Banners.

Dem Ursprung entsprach die Lebensgeschichte der Partei. Sie trottete stets im Hintertreffen der Ereignisse und der Entwicklung, nie schritt sie an ihrer Spitze. Sie hat es nie vermocht, zwischen sich und den Abhängigen einen grundsätzlichen Grenzrain zu ziehen. Jede schillernde Zweideutigkeit, die zur Verwirrung der Massen führte: Verständigungsfrieden, Völkerbund, Abrüstung, Wilson-Kultus, alle die Phrasen der bürgerlichen Demagogie, die über die nackten, schroffen Tatsachen der revolutionären Alternative während des Krieges verdunkelnde Schleier breiteten, fanden ihre eifrige Unterstützung. Die ganze Haltung der Partei pendelte hilflos um den Kardinalwiderspruch, dass sie einerseits die bürgerlichen Regierungen als die berufenen Mächte fortgesetzt zum Friedensschluss geneigt zu machen suchte, andererseits der Massenaktion des Proletariats das Wort redete.

Ein getreuer Spiegel der widerspruchsvollen Praxis ist die eklektische Theorie: ein Sammelsurium radikaler Formeln mit rettungsloser Preisgabe des sozialistischen Geistes. Die Losung der Landesverteidigung im rein bürgerlichen Sinne gepaart mit der Entdeckung des theoretischen Führers der Partei, dass die Internationale nur ein Instrument des Friedens, kein Kampfmittel gegen den Krieg sei, lief auf die blanke Begründung der Politik der Scheidemänner hinaus.

Bis zum Ausbruch der Revolution war es eine Politik von Fall zu Fall, ohne geschlossene Weltanschauung, die Vergangenheit und Zukunft der deutschen Sozialdemokratie aus einer Lichtquelle beleuchtet, die für die großen Linien der Entwicklung einen Blick gehabt hätte.

Eine derart beschaffene Partei, plötzlich vor die geschichtlichen Entscheidungen der Revolution gestellt, musste jämmerlich versagen. Der Granit des Fundaments, der Stürme ebenso unerschütterlich besteht wie laue Perioden der Windstille, der Stahl des Entschlusses, der in großen Augenblicken den Funken der Tat erzeugt, sie waren nicht da. Eine Flugsanddüne, das ist alles, was die Unabhängige Sozialdemokratie dem Ansturm der Geschehnisse zu bieten hatte.

Und ihre Politik, ihre Taktik, ihre Grundsätze zerstoben wie Flugsand. Nachdem sie vier Jahre lang während des Krieges von der Brandmarkung der Scheidemann-Ebert als der Verräter des Sozialismus und der Internationale, als des Schandflecks und des Verderbs der Arbeiterbewegung lebte, war ihre erste Tat nach Ausbruch der Revolution, sich mit Scheidemann-Ebert zu einer gemeinsamen Regierung zu verbinden und diese Prostitution eigener Grundsätze als „rein sozialistische“ Politik zu proklamieren. In der Stunde, die endlich die sozialistischen Endziele zur praktischen Aufgabe des Tages, die schärfste, unerbittlichste Scheidung zwischen dem Lager des revolutionären Proletariats und offenen wie verkappten Feinden der Revolution und des Sozialismus zur höchsten Pflicht macht, beeilte sich die Unabhängige Partei, in ein politisches Kompaniegeschäft mit den gefährlichsten Vorposten der Gegenrevolution zu treten, die Massen zu verwirren und die Verrätereien zu erleichtern.

Ihre eigentliche Mission als Teilhaberin der Firma Scheidemann-Ebert ist: deren klaren und unzweideutigen Charakter als Schutztruppe der bürgerlichen Klassenherrschaft in ein System von Zweideutigkeiten und Feigheiten zu mystifizieren.

Den klassischsten Ausdruck findet diese Rolle der Haase und Genossen in ihrer Haltung zur wichtigsten Losung des Tages, zur Nationalversammlung.

Zwei Standpunkte allein sind in dieser Frage wie in allen anderen möglich. Entweder will man die Nationalversammlung als ein Mittel, das Proletariat um seine Macht zu prellen, seine Klassenenergie zu paralysieren, seine sozialistischen Endziele in blauen Dunst aufzulösen, oder man will die ganze Macht in die Hand des Proletariats legen, die begonnene Revolution zum gewaltigen Klassenkampf um die sozialistische Gesellschaftsordnung entfalten und zu diesem Zwecke die politische Herrschaft der großen Masse der Arbeitenden, die Diktatur der Arbeiter- und Soldatenräte errichten. Für oder gegen den Sozialismus, gegen oder für die Nationalversammlung, ein Drittes gibt es nicht.

Die Unabhängige Partei bemüht sich auch hier krampfhaft, Berg und Tal zusammenzubringen, Feuer und Wasser im Namen der „Einigkeit“ zu vereinen. Sie will die Nationalversammlung als höchste richtende und entscheidende Instanz, sie will aber diese Nationalversammlung möglichst hinausschieben und vorher durch diktatorische Maßnahmen der jetzigen Regierung die Sozialisierung in den Grundzügen verwirklichen.

Die gewundene Mittelstellung läuft, wie immer, auf eine Zweideutigkeit, ja auf eine politische Unehrlichkeit hinaus. Entweder meint man es mit der Nationalversammlung als der berufenen entscheidenden Vertretung des Volkes ehrlich, dann wird sich verbieten, dass diese oberste Instanz vor fertige Tatsachen gestellt, hinter den Wagen der wichtigsten sozialen Umwälzungen gespannt wird. Oder aber meint man es mit der sozialistischen Diktatur des Proletariats ehrlich, dann schiebt man sie nicht als Provisorium zwischen Tür und Angel der Revolutionsgeschichte ein und liefert nicht ihr kaum begonnenes Werk dem richtenden Endspruch einer bürgerlich-demokratischen Versammlung aus.

Eine Partei, die in der Stunde großer, klarer, kühner Entscheidungen von welthistorischer Bedeutung nur Zweideutigkeiten, Schwankungen und Halbheiten zutage fördert, die mit dem imperialistischen Annexionisten David auswärtige Politik, mit dem deutschnationalen Chauvinisten Haenisch Kultur und Volksschule, mit dem Henker der Revolution Ebert Sozialismus machen will, die durch den Mund Barths die streikenden Massen zur Ruhe und zum Kadavergehorsam der Unternehmerpeitsche gegenüber mahnt – eine solche Partei ist durch jedes ihrer Worte und jede ihrer Taten gerichtet. Sie war ein Produkt der jahrzehntelangen Versumpfung der deutschen Arbeiterbewegung. Das deutsche Proletariat braucht heute an seiner Spitze eine sozialistische Partei, die der großen Stunde gewachsen ist. Für eine Partei der Halbheit und Zweideutigkeit ist in der Revolution kein Platz.

Der zwiespältigen Politik der Partei entspricht der Zwiespalt in ihren Reihen. Wachsende Scharen ihrer eigenen Anhänger stehen in schärfster Opposition zur führenden Gruppe rückständiger Elemente Haase-Kautsky, die das Bleigewicht der Unabhängigen Partei bilden. Der jetzige Zustand der Partei ist unhaltbar geworden. Sie muss vor die Entscheidung gestellt werden.

Die schleunigste Einberufung des Parteitages, der Klärung und Entscheidung bringen wird, ist eine unabweisbare Forderung geworden! Die Revolution braucht scharfgeschliffene Waffen. Die Unabhängige Partei wird in ihrer großen Mehrheit zu antworten haben, ob sie eine Damaszenerklinge, ob sie ein „Schwert aus Bappe“ ist.

„Und was sie ist, das wage sie zu scheinen.““

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/11/uspd.htm

 

14.12.1918 Was will der Spartakusbund?

 

I

Am 9. November haben Arbeiter und Soldaten das alte Regime in Deutschland zertrümmert. Auf den Schlachtfeldem Frankreichs war der blutige Wahn von der Weltherrschaft des preußischen Säbels zerronnen. Die Verbrecherbande, die den Weltbrand entzündet und Deutschland in das Blutmeer hineingetrieben hat, war am Ende ihres Lateins angelangt. Das vier Jahre lang betrogene Volk, das im Dienste des Molochs Kulturpflicht, Ehrgefühl und Menschlichkeit vergessen hatte, das sich zu jeder Schandtat mißbrauchen ließ, erwachte aus seiner vierjährigen Erstarrung – vor dem Abgrund.

Am 9. November erhob sich das deutsche Proletariat, um das schmachvolle Joch abzuwerfen. Die Hohenzollern wurden verjagt, Arbeiter- und Soldatenräte gewählt.

Aber die Hohenzollern waren nie mehr als Geschäftsträger der imperialistischen Bourgeoisie und des Junkertums. Die bürgerliche Klassenherrschaft, das ist der wahre Schuldige des Weltkrieges – in Deutschland wie in Frankreich, in Rußland wie in England, in Europa wie in Amerika. Das Kapitalisten aller Länder – das sind die wahren Anstifter zum Völkermord. Das internationale Kapital – das ist der unersättliche Baal, dem Millionen auf Millionen dampfender Menschenopfer in den blutigen Rachen geworfen werden.

Der Weltkrieg hat die Gesellschaft vor die Alternative gestellt: entweder Fortdauer des Kapitalismus, neue Kriege und baldigster Untergang im Chaos und in der Anarchie oder Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung.

Mit dem Ausgang des Weltkrieges hat die bürgerliche Klassenherrschaft ihr Daseinsrecht verwirkt. Sie ist nicht mehr imstande, die Gesellschaft aus dem furchtbaren wirtschaftlichen Zusammenbruch herauszuführen, den die imperialistische Orgie hinterlassen hat.

Produktionsmittel sind in ungeheurem Maßstab vernichtet. Millionen Arbeitskräfte, der beste und tüchtigste Stamm der Arbeiterklasse hingeschlachtet. Der am Leben Gebliebenen harrt bei der Heimkehr das grinsende Elend der Arbeitslosigkeit. Hungersnot und Krankheiten drohen die Volkskraft an der Wurzel zu vernichten. Der finanzielle Staatsbankrott infolge der ungeheuren Last der Kriegsschulden ist unabwendbar.

Aus all diesem blutigen Wirrsal und diesem gähnenden Abgrund gibt es keine Hilfe, keinen Ausweg, keine Rettung als im Sozialismus. Nur die Weltrevolution des Proletariats kann in dieses Chaos Ordnung bringen, kann allen Arbeit und Brot verschaffen, kann der gegenseitigen Zerfleischung der Völker ein Ende machen, kann der geschundenen Menschheit Frieden, Freiheit, wahre Kultur bringen. Nieder mit dem Lohnsystem! Das ist die Losung der Stunde. Anstelle der Lohnarbeit und der Klassenherrschaft soll die genossenschaftliche Arbeit treten. Die Arbeitsmittel müssen aufhören, das Monopol einer Klasse zu sein, sie müssen Gemeingut aller werden. Keine Ausbeuter und Ausgebeutete mehr! Regelung der Produktion und Verteilung der Produkte im Interesse der Allgemeinheit. Abschaffung wie der heutigen Produktionsweise, die Ausbeutung und Raub, so des heutigen Handels, der nur Betrug ist.

Anstelle der Arbeitgeber und ihrer Lohnsklaven freie Arbeitsgenossen! Die Arbeit niemandes Qual, weil jedermanns Pflicht! Ein menschenwürdiges Dasein jedem, der seine Pflicht gegen die Gesellschaft erfüllt. Der Hunger hinfür nicht mehr der Arbeit Fluch, sondern des Müßiggängers Strafe!

Erst in einer solchen Gesellschaft sind Völkerhaß, Knechtschaft entwurzelt. Erst wenn eine solche Gesellschaft verwirklicht ist, wird die Erde nicht mehr durch Menschenmord geschändet. Erst dann wird es heißen:

Dieser Krieg ist der letzte gewesen!

Sozialismus ist in dieser Stunde der einzige Rettungsanker der Menschheit. Über den zusammensinkenden Mauern der kapitalistischen Gesellschaft lodern wie ein feuriges Menetekel die Worte des Kommunistischen Manifests:

 Sozialismus oder Untergang in der Barbarei!

 II

Die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaftsordnung ist die gewaltigste Aufgabe, die je einer Klasse und einer Revolution der Weltgeschichte zugefallen ist. Diese Aufgabe erfordert einen vollständigen Umbau des Staates und eine vollständige Umwälzung in den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen der Gesellschaft.

Dieser Umbau und diese Umwälzung können nicht durch irgendeine Behörde, Kommission oder ein Parlament dekretiert, sie können nur von der Volksmasse selbst in Angriff genommen und durchgeführt werden.

In allen bisherigen Revolutionen war es eine kleine Minderheit des Volkes, die den revolutionären Kampf leitete, die ihm Ziel und Richtung gab und die Masse nur als Werkzeug benutzte, um ihre eigenen Interessen, die Interessen der Minderheit, zum Siege zu führen. Die sozialistische Revolution ist die erste, die im Interesse der großen Mehrheit und durch die große Mehrheit der Arbeitenden allein zum Siege gelangen kann.

Die Masse des Proletariats ist berufen, nicht bloß der Revolution in klarer Erkenntnis Ziele und Richtung zu stecken. Sie muß auch selbst, durch eigene Aktivität, Schritt um Schritt den Sozialismus ins Leben einführen.

Das Wesen der sozialistischen Gesellschaft besteht darin, daß die große arbeitende Masse aufhört, eine regierte Masse zu sein, vielmehr das ganze politische und wirtschaftliche Leben selbst lebt und in bewußter freier Selbstbestimmung lenkt.

Von der obersten Spitze des Staates bis zur kleinsten Gemeinde muß deshalb die proletarische Masse die überkommenen Organe der bürgerlichen Klassenherrschaft: die Bundesräte, Parlamente, Gemeinderäte, durch eigene Klassenorgane: die Arbeiter- und Soldatenräte, ersetzen, alle Posten besetzen, alle Funktionen überwachen, alle staatlichen Bedürfnisse an dem eigenen Klasseninteresse und den sozialistischen Aufgaben messen. Und nur in ständiger, lebendiger Wechselwirkung zwischen den Volksmassen und ihren Organen, den A.- und S.-Räten, kann ihre Tätigkeit den Staat mit sozialistischem Geiste erfüllen.

Auch die wirtschaftliche Umwälzung kann sich nur als ein von der proletarischen Massenaktion getragener Prozeß vollziehen. Die nackten Dekrete oberster Revolutionsbehörden über die Sozialisierung sind allein ein leeres Wort. Nur die Arbeiterschaft kann das Wort durch eigene Tat zum Fleische machen. In zähem Ringen mit dem Kapital, Brust an Brust in jedem Betriebe, durch unmittelbaren Druck der Massen, durch Streiks, durch Schaffung ihrer ständigen Vertretungsorgane können die Arbeiter die Kontrolle über die Produktion und schließlich die tatsächliche Leitung an sich bringen.

Die Proletariermassen müssen lernen, aus toten Maschinen, die der Kapitalist an den Produktionsprozeß stellt, zu denkenden, freien, selbsttätigen Lenkern dieses Prozesses zu werden. Sie müssen das Verantwortungsgefühl wirkender Glieder der Allgemeinheit erwerben, die Alleinbesitzerin alles gesellschaftlichen Reichtums ist. Sie müssen Fleiß ohne Unternehmerpeitsche, höchste Leistung ohne kapitalistische Antreiber, Disziplin ohne Joch und Ordnung ohne Herrschaft entfalten. Höchster Idealismus im Interesse der Allgemeinheit, straffste Selbstdisziplin, wahrer Bürgersinn der Massen sind für die sozialistische Gesellschaft die moralische Grundlage, wie Stumpfsinn, Egoismus und Korruption die moralische Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft sind.

Alle diese sozialistischen Bürgertugenden zusammen mit Kenntnissen und Befähigungen zur Leitung der sozialistischen Betriebe kann die Arbeitermasse nur durch eigene Betätigung, eigene Erfahrung erwerben.

Sozialisierung der Gesellschaft kann nur durch zähen, unermüdlichen Kampf der Arbeitermasse in ihrer ganzen Breite verwirklicht werden, auf allen Punkten, wo Arbeit mit Kapital, wo Volk mit bürgerlicher Klassenherrschaft einander ins Weiße des Auges blicken. Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.

III

In den bürgerlichen Revolutionen waren Blutvergießen, Terror, politischer Mord die unentbehrliche Waffe in der Hand der aufsteigenden Klassen.

Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte. Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der großen Millionenmasse des Volkes, die berufen ist, die geschichtliche Mission zu erfüllen und die geschichtliche Notwendigkeit in Wirklichkeit umzusetzen.

Aber die proletarische Revolution ist zugleich die Sterbeglocke für jede Knechtschaft und Unterdrückung. Darum erheben sich gegen die proletarische Revolution alle Kapitalisten, Junker, Kleinbürger, Offiziere, alle Nutznießer und Parasiten der Ausbeutung und der Klassenherrschaft wie ein Mann zum Kampf auf Leben und Tod.

Es ist ein toller Wahn zu glauben, die Kapitalisten würden sich gutwillig dem sozialistischen Verdikt eines Parlaments, einer Nationalversammlung fügen, sie würden ruhig auf den Besitz, den Profit, das Vorrecht der Ausbeutung verzichten. Alle herrschenden Klassen haben um ihre Vorrechte bis zuletzt mit zähester Energie gerungen. Die römischen Patrizier wie die mittelalterlichen Feudalbarone, die englischen Kavaliere wie die amerikanischen Sklavenhändler, die walachischen Bojaren wie die Lyoner Seidenfabrikanten – sie haben alle Ströme von Blut vergossen, sie sind über Leichen, Mord und Brand geschritten, sie haben Bürgerkrieg und Landesverrat angestiftet, um ihre Vorrechte und ihre Macht zu verteidigen.

Die imperialistische Kapitalistenklasse überbietet als letzter Sproß der Ausbeuterklasse die Brutalität, den unverhüllten Zynismus, die Niedertracht aller ihrer Vorgänger. Sie wird ihr Allerheiligstes, ihren Profit und ihr Vorrecht der Ausbeutung, mit Zähnen und mit Nägeln, mit jenen Methoden der kalten Bosheit verteidigen, die sie in der ganzen Geschichte der Kolonialpolitik und in dem letzten Weltkriege an den Tag gelegt hat. Sie wird Himmel und Hölle gegen das Proletariat in Bewegung setzen. Sie wird das Bauerntum gegen die Städte mobil machen, sie wird rückständige Arbeiterschichten gegen die sozialistische Avantgarde aufhetzen, sie wird mit Offizieren Metzeleien anstiften, sie wird jede sozialistische Maßnahme durch tausend Mittel der passiven Resistenz lahmzulegen suchen, sie wird der Revolution zwanzig Vendéen auf den Hals hetzen, sie wird den äußeren Feind, das Mordeisen der Clemenceau, Lloyd George und Wilson als Retter ins Land rufen, sie wird lieber das Land in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandeln als freiwillig die Lohnsklaverei preisgeben.

All dieser Widerstand muß Schritt um Schritt mit eiserner Faust und rücksichtsloser Energie gebrochen werden. Der Gewalt der bürgerlichen Gegenrevolution muß die revolutionäre Gewalt des Proletariats entgegengestellt werden. Den Anschlägen, Ränken, Zettelungen der Bourgeoisie die unbeugsame Zielklarheit, Wachsamkeit und stets bereite Aktivität der proletarischen Masse. Den drohenden Gefahren der Gegenrevolution die Bewaffnung des Volkes und Entwaffnung der herrschenden Klassen. Den parlamentarischen Obstruktionsmanövern der Bourgeoisie die tatenreiche Organisation der Arbeiter- und Soldatenmassen. Der Allgegenwart und den tausend Machtmitteln der bürgerlichen Gesellschaft die konzentrierte, zusammengeballte, aufs höchste gesteigerte Macht der Arbeiterklasse. Die geschlossene Front des gesamten deutschen Proletariats: des süddeutschen mit dem norddeutschen, des städtischen mit dem ländlichen, der Arbeiter mit den Soldaten, die lebendige geistige Führung der deutschen Revolution mit der Internationale, die Erweiterung der deutschen Revolution des Proletariats vermögen allein die granitne Basis zu schaffen, auf der das Gebäude der Zukunft errichtet werden kann.

Der Kampf um den Sozialismus ist der gewaltigste Bürgerkrieg, den die Weltgeschichte gesehen, und die proletarische Revolution muß sich für diesen Bürgerkrieg das nötige Rüstzeug bereiten, sie muß lernen, es zu gebrauchen – zu Kämpfen und Siegen.

Eine solche Ausrüstung der kompakten arbeitenden Volksmasse mit der ganzen politischen Macht für die Aufgaben der Revolution, das ist die Diktatur des Proletariats und deshalb die wahre Demokratie. Nicht wo der Lohnsklave neben dem Kapitalisten, der Landproletarier neben dem Junker in verlogener Gleichheit sitzen, um über ihre Lebensfragen parlamentarisch zu debattieren, dort, wo die millionenköpfige Proletariermasse die ganze Staatsgewalt mit ihrer schwieligen Faust ergreift, um sie, wie der Gott Thor seinen Hammer, den herrschenden Klassen aufs Haupt zu schmettern: dort allein ist die Demokratie, die kein Volksbetrug ist.

Um dem Proletariat die Erfüllung dieser Aufgaben zu ermöglichen, fordert der Spartakusbund:

I. Als sofortige Maßnahmen zur Sicherung der Revolution

1. Entwaffnung der gesamten Polizei, sämtlicher Offiziere sowie der nichtproletarischen Soldaten. Entwaffnung aller Angehörigen der herrschenden Klassen;

2. Beschlagnahme aller Waffen- und Munitionsbestände sowie Rüstungsbetriebe durch A.- und S.-Räte;

3. Bewaffnung der gesamten erwachsenen männlichen proletarischen Bevölkerung als Arbeitermiliz, Bildung einer Roten Garde aus Proletariern als aktiven Teil der Miliz zum ständigen Schutz der Revolution vor gegenrevolutionären Anschlägen und Zettelungen;

4. Aufhebung der Kommandogewalt der Offiziere und Unteroffiziere, Ersetzung des militärischen Kadavergehorsams durch freiwillige Disziplin der Soldaten, Wahl aller Vorgesetzten durch die Mannschaften unter jederzeitigem Rückberufungsrecht, Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit;

5. Entfernung der Offiziere und Kapitulanten aus allen Soldatenräten;

6. Ersetzung aller politischen Organe und Behörden des früheren Regimes durch Vertrauensmänner der A.- und S.-Räte;

7. Einsetzung eines Revolutionstribunals, vor dem die Hauptschuldigen am Kriege und seiner Verlängerung, die beiden Hohenzollern, Ludendorff, Hindenburg, Tirpitz und ihre Mitverbrecher sowie alle Verschwörer der Gegenrevolution abzuurteilen sind;

8. Sofortige Beschlagnahme aller Lebensmittel zur Sicherung der Volksernährung.

II. Auf politischem und sozialem Gebiete

1. Abschaffung aller Einzelstaaten; einheitliche deutsche sozialistische Republik;

2. Beseitigung aller Parlamente und Gemeinderäte und Übernahme ihrer Funktionen durch A.- und S.-Räte sowie deren Ausschüsse und Organe;

3. Wahl von Arbeiterräten über ganz Deutschland durch die gesamte erwachsene Arbeiterschaft beider Geschlechter in Stadt und Land nach Betrieben sowie von Soldatenräten durch die Mannschaften, unter Ausschluß der Offiziere und Kapitulanten, Recht der Arbeiter und Soldaten zur jederzeitigen Rückberufung ihrer Vertreter;

4. Wahlen von Delegierten der A.- und S.-Räte im ganzen Reiche für den Zentralrat der A.- und S.-Räte, der den Vollzugsrat als das oberste Organ der gesetzgebenden und vollziehenden Gewalt zu wählen hat;

5. Zusammentritt des Zentralrats vorläufig mindestens alle drei Monate – unter jedesmaliger Neuwahl der Delegierten – zur ständigen Kontrolle über die Tätigkeit des Vollzugsrats und zur Herstellung einer lebendigen Fühlung zwischen der Masse der A.- und S.-Räte im Reiche und ihrem obersten Regierungsorgan. Recht der lokalen A.- und S.-Räte zur jederzeitigen Rückberufung und Ersetzung ihrer Vertreter im Zentralrat, falls diese nicht im Sinne ihrer Auftraggeber handeln, Recht des Vollzugsrats, die Volksbeauftragten sowie die zentralen Reichsbehörden und -beamten zu ernennen und abzusetzen;

6. Abschaffung aller Standesunterschiede, Orden und Titel. Völlige rechtliche und soziale Gleichstellung der Geschlechter;

7. einschneidende soziale Gesetzgebung, Verkürzung der Arbeitszeit zur Steuerung der Arbeitslosigkeit und unter Berücksichtigung der körperlichen Entkräftung der Arbeiterschaft durch den Weltkrieg; sechsstündiger Höchstarbeitstag;

8. Sofortige gründliche Umgestaltung des Ernährungs-, Wohnungs- und Erziehungswesens im Sinne und Geiste der proletarischen Revolution.

III. Nächste wirtschaftliche Forderungen

1. Konfiskation aller dynastischen Vermögen und Einkünfte für die Allgemeinheit;

2. Annullierung der Staats- und anderer öffentlicher Schulden sowie sämtlicher Kriegsanleihen, ausgenommen Zeichnungen bis zu einer bestimmten Höhe, die durch den Zentralrat der A.- und S.-Räte festzusetzen ist;

3. Enteignung des Grund und Bodens aller landwirtschaftlichen Groß- und Mittelbetriebe, Bildung sozialistischer landwirtschaftlicher Genossenschaften unter einheitlicher zentraler Leitung im ganzen Reiche, bäuerliche Kleinbetriebe bleiben im Besitze ihrer Inhaber bis zu deren freiwilligem Anschluß an die sozialistischen Genossenschaften;

4. Enteignung aller Banken, Bergwerke, Hütten sowie aller Großbetriebe in Industrie und Handel durch die Räterepublik;

5. Konfiskation aller Vermögen von einer bestimmten Höhe an, die durch den Zentralrat festzusetzen ist;

6. Übernahme des gesamten öffentlichen Verkehrswesens durch die Räterepublik;

7. Wahl von Betriebsräten in allen Betrieben, die im Einvernehmen mit den Arbeiterräten die inneren Angelegenheiten der Betriebe zu ordnen, die Arbeitsverhältnisse zu regeln, die Produktion zu kontrollieren und schließlich die Betriebsleitung zu übernehmen haben;

8. Einsetzung einer zentralen Streikkommission, die unter ständigem Zusammenwirken mit den Betriebsräten der beginnenden Streikbewegung im ganzen Reich einheitliche Leitung, sozialistische Richtung und die kräftigste Unterstützung durch die politische Macht der A.- und S.-Räte sichern soll.

IV. Internationale Aufgaben

Sofortige Aufnahme der Verbindungen mit den Bruderparteien des Auslandes, um die sozialistische Revolution auf internationale Basis zu stellen und den Frieden durch die internationale Verbrüderung und revolutionäre Erhebung des Weltproletariats zu gestalten und zu sichern.

V. Das will der Spartakusbund!

Und weil er das will, weil er der Mahner, der Dränger, weil er das sozialistische Gewissen der Revolution ist, wird er von allen offenen und heimlichen Feinden der Revolution und des Proletariats gehaßt, verfolgt und verleumdet.

Kreuziget ihn! rufen die Kapitalisten, die um ihre Kassenschränke zittern.

Kreuziget ihn! rufen die Kleinbürger, die Offiziere, die Antisemiten, die Preßlakaien der Bourgeoisie, die um die Fleischtöpfe der bürgerlichen Klassenherrschaft zittern.

Kreuziget ihn! rufen die Scheidemänner, die wie Judas ischariot die Arbeiter an die bourgeopisie verkauft haben und um die Silberlinge ihrer politischen Herrschaft zittern.

Kreuziget ihn! wiederholen noch wie ein Echo getäuschte, betrogene, mißbrauchte Schichten der Arbeiterschaft und Soldaten, die nicht wissen, daß sie gegen ihr eigen Fleisch und Blut wüten, wenn sie gegen den Spartakusbund wüten.

Im Hasse, in der Verleumdung gegen den Spartakusbund vereinigt sich alles, was gegenrevolutionär, volksfeindlich, antisozialistisch, zweideutig, lichtscheu, unklar ist. Dadurch wird bestätigt, daß in ihm das Herz der Revolution pocht, daß ihm die Zukunft gehört.

Der Spartakusbund ist keine Partei, die über die Arbeitermasse oder durch die Arbeitermasse zur Herrschaft gelangen will. Der Spartakusbund ist nur der zielbewußteste Teil des Proletariats, der die ganze breite Masse der Arbeiterschaft bei jedem Schritt auf ihre geschichtlichen Aufgaben hinweist, der in jedem Einzelstadium der Revolution das sozialistische Endziel und in allen nationalen Fragen die Interessen der proletarischen Weltrevolution vertritt.

Der Spartakusbund lehnt es ab, mit Handlangern der Bourgeoisie, mit den Scheidemann-Ebert, die Regierungsgewalt zu teilen, weil er in einer solchen Zusammenwirkung einen Verrat an den Grundsätzen des Sozialismus, eine Stärkung der Gegenrevolution und eine Lähmung der Revolution erblickt.

Der Spartakusbund wird es auch ablehnen, zur Macht zu gelangen, nur weil sich die Scheidemann-Ebert abgewirtschaftet und die Unabhängigen durch die Zusammenarbeit mit ihnen in eine Sackgasse geraten sind.

Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewußten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes.

Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitterer Erfahrungen, durch Niederlagen und Siege zur vollen Klarheit und Reife durchringen.

Der Sieg des Spartakusbundes steht nicht am Anfang, sondern am Ende der Revolution: Er ist identisch mit dem Siege der großen Millionenmassen des sozialistischen Proletariats.

Auf, Proletarier! Zum Kampf! Es gilt, eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen. In diesem letzten Klassenkampf der Weltgeschichte um die höchsten Ziele der Menschheit gilt dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/12/waswill.htm

 

16./17.12.1918 Außerordentliche Verbandsgeneralversammlung der USPD von Groß-Berlin

 

„Genosse Haase hat soeben eine Anklagerede gegen die Politik gehalten, die er selbst gemacht hat, und eine Verteidigungsrede für die Politik der Ebert-Scheidemann. Er hat gesagt, dass Liebknecht bereit gewesen sei, in die Regierung einzutreten, aber er hat vergessen, die Bedingung zu nennen, die Liebknecht aufgestellt hatte. Diese Bedingung war, dass die neue Regierung prinzipielle sozialistische Politik mache. Unter dieser Bedingung sind wir noch heute bereit, in die Regierung einzutreten. Was die Vorgänge bei Schwartzkopff betrifft, so wird Ihnen ein Genosse berichten, dass jene Einigkeitsstimmung im Grunde eine Schiebung ist.

Fünf Wochen sind seit dem 9. November ins Land gegangen. Seitdem hat sich das Bild völlig geändert. Die Reaktion ist jetzt viel stärker als am ersten Tage. Und Haase sagt uns: Seht, wie herrlich weit wir es gebracht haben. Seine Pflicht wäre es gewesen, uns den Fortschritt der Gegenrevolution zu zeigen, die von der Regierung begünstigt worden ist, in der Haase sitzt. Diese Regierung hat, statt die Konterrevolution zu verhüten, die Bourgeoisie und die Reaktion gestärkt. Eine für sie günstigere Regierung kann sich die Bourgeoisie wirklich nicht wünschen, sie ist das Feigenblatt für ihre konterrevolutionären Ziele.

Nicht einmal die elementarsten Maßnahmen hat die gegenwärtige Regierung getroffen. Hat sie die Kriegsanleihe annulliert? Hat sie das Volk zur Verteidigung der Revolution bewaffnet? Sie hat die Rote Garde verboten und dafür die Weiße Garde von Wels anerkannt. Bei dem Putsch vom 6. Dezember liefen alle konterrevolutionären Fäden in den Händen der Ebert und Wels zusammen. Alle Offiziere und Generale, Lequis und Hindenburg stellen sich auf den Boden der Regierung, und Haase sagt uns, dass es eine sozialistische Regierung sei. Gerade diese Methoden der Regierung verwirren das Proletariat. Nach dem 6. Dezember mussten die Unabhängigen aus der Regierung austreten, sie mussten die Verantwortung für das Geschehene ablehnen, um die Massen aufzurütteln und ihnen zu sagen, die Revolution ist in Gefahr. Dadurch, dass es nicht geschah, werden die Massen eingeschläfert, und die Fortsetzung dieser Einschläferungspolitik war die heutige Rede Haases.

Haase hat die Großtaten der neuen Regierung aufgezählt – lauter bürgerliche Reformen, die uns beweisen, wie rückständig Deutschland war; das sind die veralteten Schulden der Bourgeoisie, keine revolutionären Eroberungen des Proletariats, worum es sich doch gehandelt hätte.

Haase hat ferner gesagt, wir dürfen die Taktik der Russen nicht sklavisch nachzeichnen, da Deutschland wirtschaftlich fortgeschrittener ist. Wir müssen aber von ihnen lernen. Die Bolschewisten mussten erst Erfahrungen sammeln. Wir können uns die reife Frucht dieser Erfahrungen aneignen.

Der Sozialismus ist keine Frage der parlamentarischen Wahl, sondern eine Machtfrage. Brust an Brust und Auge in Auge müssen die Proletarier mit der Bourgeoisie im Klassenkampf kämpfen. Dazu muss das Proletariat ausgerüstet werden. Auf Diskussionen, auf Mehrheitsbeschlüsse kommt es nicht mehr an. Haase ist für die Hinausschiebung der Nationalversammlung eingetreten, aber gleichwohl sieht er die Nationalversammlung als eine Arena des politischen Kampfes an. Die Parteileitung der Unabhängigen hatte den April als den Termin der Nationalversammlung festgesetzt. Die Vertreter der Unabhängigen in der Regierung sind umgefallen, indem sie sie auf den 16. Februar anberaumten.

Haase hat das Prinzip der Demokratie gerühmt. Nun, wenn das Prinzip der Demokratie gelten soll, so doch vor allem in unserer Partei selbst. Dann aber muss sofort der Parteitag einberufen werden, damit die Massen sagen können, ob sie diese Regierung noch wollen.

Wenn die USP jetzt in Berlin bei den Wahlen eine Niederlage erlitten hat, so ist die wahre Ursache die Politik Haases in der Regierung. Wie verkehrt ist es, die Spartakusgruppe zu beschuldigen, da gerade wir an dem sozialistischen Gewissen der Massen gerüttelt haben! Vier Jahre hindurch haben Haase und seine Freunde die Sozialpatrioten bekämpft, um zuletzt mit den Schuldigen Frieden zu machen. Und darum sind sie die wahren Schuldigen.

Haase hat uns den Vorwurf machen wollen, dass wir uns der Meinung der Massen unterordnen, weil wir die Regierung nicht anders als mit Zustimmung der Massen übernehmen werden. Wir ordnen uns nicht unter, wir warten auch nicht ab. Sondern wir wollen Eure Halbheiten, Eure Schwächen denunzieren. Wenn Haase und seine Freunde aus der Regierung austreten, so werden sie dadurch die Massen aufrütteln und aufklären. Wenn sie aber fortfahren, die Regierung zu decken, so werden die Massen sich erheben und Euch fortfegen. Jetzt in der Revolution können keine Reden, keine Broschüren die notwendige Aufklärungsarbeit leisten. Jetzt kommt es auf eine Aufklärung durch Taten an.

Ja, die Zustände in der USP sind unhaltbar, da hier Elemente vereinigt sind, die nicht zusammengehören. Entweder ist man entschlossen, gemeinsame Sache mit den Sozialpatrioten zu machen, oder man muss mit dem Spartakusbund gehen. Darüber sollte der Parteitag entscheiden. Aber indem wir den Parteitag fordern, finden wir jetzt bei Haase ebenso verstopfte Ohren, wie wir sie mit der gleichen Forderung während des Krieges bei Scheidemann fanden.

Ich lege der Verbandsversammlung folgende Resolution vor: Die außerordentliche Verbandsversammlung der USP von Groß-Berlin am 15.12.1918 fordert:

1. den sofortigen Austritt der Vertreter der USP aus der Regierung Ebert-Scheidemann;

2. die Verbandsversammlung lehnt die Einberufung der Nationalversammlung ab, die nur dazu führen kann, die Gegenrevolution zu stärken und die Revolution um ihre sozialistischen Ziele zu betrügen;

3. die sofortige Übernahme der ganzen politischen Macht durch die A.- und S.-Räte, Entwaffnung der Gegenrevolution, Bewaffnung der Arbeiterbevölkerung, Bildung der Roten Garde zum Schutze der Revolution, Auflösung des Ebert-Rates der Volksbeauftragten, Ausstattung des Vollzugsrates der A.- und S.-Räte mit der höchsten Staatsgewalt;

4. die Verbandsgeneralversammlung fordert die sofortige Einberufung des Parteitages der USPD.

Wir stehen jetzt vor einem Augenblick von weltgeschichtlicher Bedeutung, kurz vor der Verhandlung des Zentralrats. Beinahe ist die Revolution schon an den Rand des Abgrundes gebracht, mit eiserner Hand muss das Proletariat sie zurückreißen. Die Regierung hat alles getan, um im voraus dem Zentralrat der A.- und S.-Räte die Macht zu entwinden, sie hat die Zivilbevölkerung und das Proletariat entwaffnet, sie hat Maßnahmen getroffen, die gegen die Revolution sind und die Massen verwirren. Dagegen gilt es mit Unerbittlichkeit zu kämpfen …

Unsere erste Pflicht ist es, jede Brücke zu der gegenwärtigen Regierung abzubrechen. Das ist unsere Forderung, und damit sind wir im Recht. Da hat sich nun vorhin der Genosse Barth hingestellt und seine revolutionären Heldentaten aufgezählt. Wenn der Genosse Barth wirklich ein so großer Revolutionär ist, dann hat er sich in den letzten fünf Wochen sehr schnell abgewirtschaftet. Jetzt nimmt der Genosse Barth an allen konterrevolutionären Aktionen der Regierung Ebert teil. Warum ist er in diese Regierung eingetreten? Warum ist er nicht in den Reihen des Proletariats geblieben, dort, wo der Platz eines wahren Revolutionärs ist? Nein, Genossen, einzelne Personen machen die Revolution nicht; wenn die Revolution nicht von den Massen selbst ausgeht, so ist sie keinen Schuss Pulver wert. Ströbel hat ausgeführt, dass die Vertreter der USP zur revolutionären Mitarbeit sich an der Regierung beteiligen müssen. Nein, Genossen, nicht darauf kommt es für uns Sozialisten an, zu regieren, sondern den Kapitalismus zu stürzen. Noch ist er nicht erschüttert, noch besteht er; da gilt es nicht, zu zeigen, dass wir eine regierungsfähige Partei sein können, und dass wir jetzt, in dieser Regierung, als Sozialisten nicht regieren können, das ist bereits bewiesen. Man hat uns gesagt, dass wir lange warten müssten, bis die Mehrheit des Proletariats sich zu unseren revolutionären Anschauungen durchgerungen habe. Diejenigen, die dieses Argument geltend machen, verkennen ganz und gar das lebendige und energische Tempo der revolutionären Entwicklung. Nicht wir sind es, die zur Herrschaft kommen wollen, sondern wir wollen, dass die Mehrheit des Proletariats die politische Macht in Händen hat. Alle diejenigen, die den Popanz der Nationalversammlung aufgerichtet haben, haben verwirrend auf die Massen gewirkt und die revolutionäre Entwicklung auf Monate und Jahre zurückgeschraubt. Hilferding hat das demokratische Prinzip betont. Aber diese formale Gleichheit der Demokratie ist Lug und Trug, solange noch die ökonomische Macht des Kapitals besteht. Man kann nicht mit der Bourgeoisie und den Junkern darüber debattieren, ob man den Sozialismus einführen solle. Sozialismus heißt nicht, sich in ein Parlament zusammensetzen und Gesetze beschließen, Sozialismus bedeutet für uns Niederwerfung der herrschenden Klassen mit der ganzen Brutalität, die das Proletariat in seinem Kampfe zu entwickeln vermag. Die Nationalversammlung soll dazu dienen, den Abgrund zwischen Kapital und Arbeit zu überbrücken. Ihr steht jetzt vor der Entscheidung, welchen Weg Ihr gehen wollt, entweder mit uns oder mit Scheidemann. Es gibt jetzt kein Ausweichen mehr, nur ein Entweder–Oder.“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/12/uspdgb.htm

 

17.12.1918 Nationalversammlung oder Räteregierung?

 

„So lautet der zweite Punkt der Tagesordnung der Reichsversammlung der A.- u. S.-Räte, und so ist in Wirklichkeit die Kardinalfrage der Revolution in diesem Augenblick gestellt. Entweder Nationalversammlung oder die ganze Macht den A.- u. S.-Räten, entweder Verzicht auf den Sozialismus oder schärfster Klassenkampf im vollen Rüstzeug des Proletariats gegen die Bourgeoisie: Das ist das Dilemma.

Ein idyllischer Plan dies: auf parlamentarischem Wege, durch einfachen Mehrheitsbeschluss den Sozialismus zu verwirklichen! Schade, dass diese himmelblaue Phantasie aus dem Wolkenkuckucksheim nicht einmal mit der geschichtlichen Erfahrung der bürgerlichen Revolution, geschweige mit der Eigenart der proletarischen Revolution rechnet.

Wie standen die Dinge in England? Dort ist die Wiege des bürgerlichen Parlamentarismus, dort hat er sich am frühesten, am kraftvollsten entfaltet. Als im Jahre 1649 die Stunde der ersten modernen bürgerlichen Revolution in England geschlagen hatte, blickte das englische Parlament bereits auf eine mehr als dreihundertjährige Geschichte zurück. Das Parlament wurde denn auch vom ersten Augenblick der Revolution an zu ihrem Mittelpunkt, Bollwerk, ihrem Hauptquartier. Das berühmte Lange Parlament, das alle Phasen der englischen Revolution, vom ersten Geplänkel zwischen der Opposition und der königlichen Macht bis zum Prozess und zur Hinrichtung Karl Stuarts, im eigenen Schoße ausgetragen hat, dieses Parlament war ein unübertreffliches, gefügiges Werkzeug in den Händen der aufstrebenden Bourgeoisie.

Und was ergab sich? Dieses selbe Parlament musste sich ein besonderes „parlamentarisches Heer“ schaffen, das von ihm aus seinem Schoße gewählte Parlamentsgenerale ins Feld führten, um in langem, zähem, blutigem Bürgerkriege den Feudalismus, das Heer der königstreuen „Kavaliere“ aufs Haupt zu schlagen. Nicht in den Debatten in der Westminsterabtei, sosehr dort der geistige Mittelpunkt der Revolution war, sondern auf den Schlachtfeldern von Marston-Moor und Naseby, nicht durch die glänzenden Parlamentsreden, sondern durch die bäuerliche Reiterei, durch die „Eisenseiten“ Cromwells wurden die Schicksale der englischen Revolution entschieden. Und ihr Gang führte vom Parlament durch Bürgerkrieg zur zweimaligen gewaltsamen „Reinigung“ des Parlaments und schließlich zu Cromwells Diktatur.

Und in Frankreich? Dort ward der Gedanke der Nationalversammlung zuerst geboren. Es war eine geniale welthistorische Eingebung des Klasseninstinkts, als Mirabeau und die anderen im Jahre 1789 erklärten: Die bis dahin stets getrennt gewesenen drei „Stände“, Adel, Klerus und „der dritte Stand“, müssten von nun an gemeinsam als Nationalversammlung tagen. Diese Versammlung war nämlich gerade durch die gemeinsame Tagung der Stände ein Werkzeug des bürgerlichen Klassenkampfes. Zusammen mit starken Minderheiten der beiden oberen Stände hatte der „dritte Stand“, das heißt das revolutionäre Bürgertum, in der Nationalversammlung von vornherein eine kompakte Majorität.

Und was ergab sich wiederum? Die Vendée, die Emigration, Verrat der Generale, Zettelungen des Klerus, Aufstand von fünfzig Departements, Koalitionskriege des feudalen Europas, schließlich als das einzige Mittel, den Sieg der Revolution zu sichern, die Diktatur und als deren Abschluss die Schreckensherrschaft!

So wenig taugte die parlamentarische Majorität, um die bürgerlichen Revolutionen auszufechten! Und doch, was ist der Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Feudalismus, gemessen an dem gähnenden Abgrund, der heute zwischen Arbeit und Kapital sich aufgetan! Was ist das Klassenbewusstsein auf beiden Seiten der Kämpfer, die 1649 oder 1789 gegeneinander in die Schranken traten, verglichen mit dem tödlichen, unaustilgbaren Hass, der heute zwischen dem Proletariat und der Kapitalistenklasse lodert! Nicht umsonst hat Karl Marx seine wissenschaftliche Blendlaterne an die verborgensten Triebfedern des ökonomischen und politischen Räderwerkes der bürgerlichen Gesellschaft gehalten. Nicht umsonst hat er ihr eigenes Tun und Gehaben bis in die feinste Veräderung ihres Fühlens und Denkens als Ausfluss der großen Grundtatsache beleuchtet, dass sie ihr Leben wie der Vampir vom Blute des Proletariats fristet.

Nicht umsonst hat August Bebel zum Schluss seiner berühmten Rede auf dem Dresdner Parteitag gerufen: „Ich bin und bleibe ein Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft!“

Es ist der letzte große Kampf, in dem es sich um Sein oder Nichtsein der Ausbeutung, um eine Wende der Menschheitsgeschichte handelt, ein Kampf, in dem es keine Ausflucht, keinen Kompromiss, keine Gnade geben kann.

Und dieser letzte Kampf, der an Gewaltigkeit der Aufgabe alles Dagewesene übertrifft, soll fertig bringen, was kein Klassenkampf, keine Revolution je fertiggebracht: das Todesringen zweier Welten in ein lindes Säuseln parlamentarischer Redeschlachten und Majoritätsbeschlüsse auflösen!

Auch der Parlamentarismus war eine Arena des Klassenkampfes für das Proletariat, solange der ruhige Alltag der bürgerlichen Gesellschaft dauerte: Er war die Tribüne, von der aus die Massen um die Fahne des Sozialismus gesammelt, für den Kampf geschult werden konnten. Heute stehen wir mitten in der proletarischen Revolution, und es gilt heute, an den Baum der kapitalistischen Ausbeutung selbst die Axt zu legen. Der bürgerliche Parlamentarismus hat, wie die bürgerliche Klassenherrschaft, deren vornehmstes politisches Ziel er ist, sein Daseinsrecht verwirkt. Jetzt tritt der Klassenkampf in seiner unverhüllten, nackten Gestalt in die Schranken. Kapital und Arbeit haben sich nichts mehr zu sagen, sie haben einander nur mit eiserner Umarmung zu packen und im Endkampf zu entscheiden, wer zu Boden geworfen wird.

Das Lassallesche Wort gilt heute mehr denn je: Die revolutionäre Tat ist stets, auszusprechen das, was ist. Und das, was ist, heißt: hie Arbeit – hie Kapital! Keine Heuchelei der gütlichen Verhandlung, wo es auf Tod und Leben geht, keine Siege der Gemeinsamkeit, wo ein Hüben ein Drüben nur gilt. Klar, offen, ehrlich und durch Klarheit und Ehrlichkeit stark, muss das Proletariat, als Klasse konstituiert, die ganze politische Macht in seiner Hand sammeln.

„Politische Gleichberechtigung, Demokratie!“ sangen uns jahrzehntelang die großen und kleinen Propheten der bürgerlichen Klassenherrschaft vor.

Und „politische Gleichberechtigung, Demokratie!“ singen ihnen heute wie ein Echo die Handlanger der Bourgeoisie, die Scheidemänner, nach.

Jawohl, sie soll eben erst verwirklicht werden. Denn das Wort „politische Gleichberechtigung“ wird in dem Augenblick erst Fleisch, wo die wirtschaftliche Ausbeutung mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist. Und „Demokratie“, Volksherrschaft beginnt erst dann, wenn das arbeitende Volk die politische Macht ergreift.

Es gilt, an den durch die bürgerlichen Klassen anderthalb Jahrhunderte lang missbrauchten Worten die praktische Kritik historischer Handlungen zu üben. Es gilt, die „Liberté, Egalité, Fraternité“, die 1789 in Frankreich vom Bürgertum proklamiert worden ist, zum erstenmal zur Wahrheit zu machen – durch die Abschaffung der Klassenherrschaft des Bürgertums. Und als ersten Akt zu dieser rettenden Tat gilt es vor aller Welt und vor den Jahrhunderten der Weltgeschichte laut zu Protokoll zu geben: Was bisher als Gleichberechtigung und Demokratie galt: Parlament, Nationalversammlung, gleicher Stimmzettel, war Lug und Trug! Die ganze Macht in der Hand der arbeitenden Masse als revolutionäre Waffe zur Zerschmetterung des Kapitalismus – das allein ist wahre Gleichberechtigung, das allein wahre Demokratie!“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/12/natvers-raete.htm

 

31.12.1918 Unser Programm und die politische Situation

 

„ … Genossen, unser heutiger Parteitag, der ja, wie ich glaube mit Stolz sagen zu dürfen, der konstituierende Parteitag der einzigen revolutionären sozialistischen Partei des deutschen Proletariats ist, dieser Parteitag fällt zusammen durch Zufall oder vielmehr, wenn ich eigentlich recht sagen soll, nicht durch Zufall mit einem Wendepunkt in der Entwicklung der deutschen Revolution selbst. Man kann behaupten, daß mit den Vorgängen der letzten Tage die Anfangsphase der deutschen Revolution abgeschlossen ist, daß wir jetzt in ein zweites, weiteres Stadium der Entwicklung treten, und es ist unser aller Pflicht und zugleich die Quelle einer besseren, tieferen Erkenntnis für die Zukunft, Selbstkritik zu üben, eine nachdenkliche kritische Prüfung des Geleisteten, Geschaffenen und Versäumten vorzunehmen, um die Handhaben für unser weiteres Vorgehen zu gewinnen. Wir wollen einen prüfenden Blick auf die eben abgeschlossene erste Phase der Revolution werfen!

Ihr Ausgangspunkt war der 9. November. Der 9. November war eine Revolution voller Unzulänglichkeiten und Schwächen. Das ist kein Wunder. Es war die Revolution, die nach den vier Jahren des Krieges gekommen ist, nach den vier Jahren, in denen das deutsche Proletariat dank der Erziehungsschule der Sozialdemokratie und der freien Gewerkschaften ein solches Maß von Schmach und Verleugnung seiner sozialistischen Aufgaben an den Tag gelegt hat, wie sich dafür in keinem anderen Lande uns ein Beispiel bietet. Man kann nicht erwarten, wenn man auf dem Boden historischer Entwicklung steht – und das tun wir gerade als Marxisten und Sozialisten –, daß man in dem Deutschland, das das furchtbare Bild des 4. August und der vier Jahre darauf geboten hat, plötzlich am 9. November 1918 eine großartige, klassen- und zielbewußte Revolution erlebt; und was wir am 9. November erlebt haben, war zu drei Vierteln mehr Zusammenbruch des bestehenden Imperialismus als Sieg eines neuen Prinzips. Es war einfach der Moment gekommen, wo der Imperialismus wie ein Koloß auf tönernen Füßen, innerlich morsch, zusammenbrechen mußte; und was darauf folgte, war eine mehr oder weniger chaotische, planlose, sehr wenig bewußte Bewegung, in der das einigende Band und das bleibende, das rettende Prinzip nur in der Losung zusammengefaßt war: die Bildung der Arbeiter- und Soldatenräte. Das ist das Stichwort dieser Revolution, das ihr sofort das besondere Gepräge der proletarischen, sozialistischen Revolution gegeben hat – bei allen Unzulänglichkeiten und Schwächen des ersten Moments, und wir sollen es nie vergessen, wenn man uns mit den Verleumdungen gegen die russischen Bolschewisten kommt, darauf zu antworten: Wo habt Ihr das Abc Eurer heutigen Revolution gelernt? Von den Russen habt Ihr’s geholt: die Arbeiter- und Soldatenräte; und jene Leutchen, die heute als ihr Amt betrachten, an der Spitze der deutschen sogenannten sozialistischen Regierung die russischen Bolschewisten zu meucheln, Hand in Hand mit den englischen Imperialisten, sie fußen ja formell gleichfalls auf Arbeiter- und Soldatenräten, und sie müssen damit bekennen: Die russische Revolution war es, die die ersten Losungen für die Weltrevolution ausgegeben hat. Wir können sicher sagen – und das ergibt sich aus der ganzen Lage von selbst –: In welchem Lande auch nach Deutschland die proletarische Revolution zum Durchbruch kommt, ihre erste Geste wird die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten sein.

Gerade darin haben wir das einigende internationale Band unseres Vorgehens, das ist das Stichwort, das unsere Revolution vollständig von allen früheren bürgerlichen Revolutionen scheidet, und es ist sehr charakteristisch für die dialektischen Widersprüche, in denen sich diese Revolution, wie alle Revolutionen übrigens, bewegt, daß sie schon am 9. November, als sie ihren ersten Schrei, gewissermaßen ihren Geburtsschrei ausstieß, das Wort gefunden hat, das uns fortleitet bis in den Sozialismus: Arbeiter- und Soldatenräte, dieses Wort, um das sich alles gruppierte – und daß die Revolution dieses Wort instinktiv gefunden hat, trotzdem sie am 9. November so sehr zurück war, daß sie vor Unzulänglichkeiten, vor Schwächen, vor Mangel an eigener Initiative und Klarheit über ihre Aufgaben es fertiggebracht hat, beinahe am zweiten Tage nach der Revolution die Hälfte der Machtmittel sich wieder aus der Hand entgleiten zu lassen, die sie am 9. November erobert hatte. Darin zeigt sich einerseits, daß die heutige Revolution unter dem übermächtigen Gesetz der historischen Notwendigkeit steht, welches die Bürgschaft enthält, daß wir Schritt um Schritt an unser Ziel gelangen werden trotz aller Schwierigkeiten, Verwickelungen und eigener Gebrechen; andrerseits aber muß man sagen, wenn man diese klare Losung mit der unzulänglichen Praxis vergleicht, die sich an sie geknüpft hat: Es waren eben die ersten Kinderschritte der Revolution, die noch Gewaltiges zu leisten und einen weiten Weg zu gehen hat, um heranzuwachsen zur völligen Verwirklichung ihrer ersten Losungen.

Parteigenossen, die erste Phase vom 9. November bis zu den letzten Tagen ist charakterisiert durch Illusionen nach allen Seiten hin. Die erste Illusion des Proletariats und der Soldaten, die die Revolution gemacht haben, war: die Illusion der Einigkeit unter dem Banner des sogenannten Sozialismus. Was kann charakteristischer sein für die innere Schwäche der Revolution des 9. November als ihr erstes Ergebnis, daß an die Spitze der Bewegung Elemente getreten sind, die zwei Stunden vor Ausbruch der Revolution ihr Amt darin erblickten, gegen sie zu hetzen, sie unmöglich zu machen: die Ebert-Scheidemann mit Haase! Die Idee der Vereinigung der verschiedenen sozialistischen Strömungen unter dem allgemeinen Jubel der Einigkeit, das war das Motto der Revolution vom 9. November – eine Illusion, die sich blutig rächen sollte und die wir erst in den letzten Tagen ausgelebt und ausgeträumt haben; eine Selbsttäuschung auch auf seiten der Ebert-Scheidemann und auch der Bourgeois – auf allen Seiten. Ferner eine Illusion der Bourgeoisie in diesem abgeschlossenen Stadium, daß sie vermittels der Kombination Ebert-Haase, der sogenannten sozialistischen Regierung, in Wirklichkeit die proletarischen Massen im Zügel halten und die sozialistische Revolution werde erdrosseln können, und die Illusion auf seiten der Regierung Ebert-Scheidemann, daß sie mit Hilfe der soldatischen Massen von den Fronten die Arbeitermassen in ihrem sozialistischen Klassenkampfe niederhalten könnte. Das waren die verschiedenartigen Illusionen, aus denen sich auch die Vorgänge der letzten Zeit erklären lassen. Sämtliche Illusionen sind in nichts zerronnen. Es hat sich gezeigt, daß die Vereinigung von Haase mit Ebert-Scheidemann unter dem Schilde des „Sozialismus“ in Wirklichkeit nichts anderes bedeutete als ein Feigenblatt auf eine rein konterrevolutionäre Politik, und wir haben erlebt, daß wir von dieser Selbsttäuschung geheilt wurden wie in allen Revolutionen. Es gibt eine bestimmte revolutionäre Methode, das Volk von seinen Illusionen zu kurieren, diese Kur wird aber leider mit dem Blute des Volkes erkauft. Genau wie in allen früheren Revolutionen so auch hier. Es war das Blut der Opfer in der Chausseestraße am 6. Dezember, es war das Blut der gemordeten Matrosen am 24. Dezember, das die Erkenntnis und die Wahrheit für die breiten Massen besiegelt hat: Was ihr da zusammengeleimt habt als eine sogenannte sozialistische Regierung, ist nichts anderes als eine Regierung der bürgerlichen Konterrevolution, und wer diesen Zustand weiter duldet, der arbeitet gegen das Proletariat und gegen den Sozialismus.

Parteigenossen, zerronnen ist aber auch die Illusion der Herren Ebert-Scheidemann, daß sie mit Hilfe der Soldaten von der Front imstande wären, das Proletariat dauernd niederzuhalten. Denn welches Ergebnis hat der 6. und der 24. Dezember gezeitigt? Wir alle haben eine tiefgehende Ernüchterung der Soldatenmassen wahrnehmen können und den Beginn einer kritischen Stellungnahme ihrerseits denselben Herren gegenüber, die sie als Kanonenfutter gegen das sozialistische Proletariat haben gebrauchen wollen. Auch dies steht unter dem Gesetz der notwendigen objektiven Entwicklung der sozialistischen Revolution, daß die einzelnen Trupps der Arbeiterbewegung nach und nach durch eigene bittere Erfahrung dazu gebracht werden, den richtigen Weg der Revolution zu erkennen. Man hat nach Berlin frische Soldatenmassen eingeführt als Kanonenfutter, das die Regungen des sozialistischen Proletariats unterdrücken sollte – man hat erlebt, daß heute aus verschiedenen Kasernen die Nachfragen nach den Flugblättern des Spartakusbundes kommen. Parteigenossen, das ist der Abschluß der ersten Phase. Die Hoffnungen der Ebert-Scheidemann auf die Beherrschung des Proletariats mit Hilfe der rückständigen Soldaten sind zum großen Teil bereits erschüttert. Was sie in nicht zu ferner Zeit zu gewärtigen haben, das ist eine immer klarere revolutionäre Auffassung auch in der Kaserne und dadurch Vergrößerung der Armee des kämpfenden Proletariats, Schwächung des Lagers der Konterrevolution. Daraus ergibt sich aber, daß noch jemand seine Illusionen verlieren mußte, und das ist die Bourgeoisie, die herrschende Klasse. Wenn Sie die Zeitungen der letzten Tage nach den Ereignissen des 24. Dezember lesen, so merken Sie einen sehr deutlichen, klaren Ton der Enttäuschung, der Entrüstung: Die Knechte da oben haben sich als untauglich erwiesen.

Man erwartete von Ebert-Scheidemann, daß sie sich als die starken Männer erweisen würden, um die Bestie niederzuhalten. Und was haben sie ausgerichtet? Sie haben ein paar unzulängliche Putsche gemacht, aus denen umgekehrt die Hydra der Revolution noch entschlossener den Kopf erhebt. Also eine gegenseitige Desillusion nach allen Seiten! Das Proletariat hat jede Illusion verloren über die Verkuppelung von Ebert-Scheidemann-Haase als sogenannte sozialistische Regierung. Ebert-Scheidemann haben die Illusion verloren, mit Hilfe des Proletariats im Soldatenrock die Proletarier in der Arbeiterbluse auf die Dauer niederhalten zu können, und die Bourgeoisie hat die Illusion verloren, vermittels Ebert-Scheidemann-Haase die ganze sozialistische Revolution in Deutschland um ihre Ziele zu betrügen. Es ist nichts als negatives Konto, lauter Fetzen von vernichteten Illusionen. Aber gerade daß nur solche zerrissenen Fetzen nach der ersten Phase der Revolution zurückbleiben, ist für das Proletariat der größte Gewinn; denn es gibt nichts, was der Revolution so schädlich ist als Illusionen, es gibt nichts, was ihr so nützlich ist wie die klare, offene Wahrheit. Ich kann mich da auf die Meinung eines Klassikers des deutschen Geistes berufen, der kein Revolutionär des Proletariats, aber ein geistiger Revolutionär der Bourgeoisie war: Ich meine Lessing, der in einer seiner letzten Schriften als Bibliothekar in Wolfenbüttel die folgenden, für mich sehr interessanten und sympathischen Sätze geschrieben hat: „Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit aufzuopfern ... Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz, oder gar nicht, zu lehren; sie klar und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft und Nützlichkeit, zu lehren ... Denn je gröber der Irrtum, desto kürzer und gerader der Weg zur Wahrheit: dahingegen der verfeinerte Irrtum uns auf ewig von der Wahrheit entfernt halten kann, je schwerer uns einleuchtet, daß er Irrtum ist ... wer nur darauf denkt, die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminke an den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr Kuppler sein, nur ihr Liebhaber ist er nie gewesen.“

Parteigenossen, die Herren Haase, Dittmann usw. haben unter allerlei Larven und Schminken die Revolution, die sozialistische Ware an den Mann bringen wollen, sie haben sich als Kuppler der Konterrevolution erwiesen: Heute sind wir frei von diesen Zweideutigkeiten, die Ware steht vor der Masse des deutschen Volkes in der brutalen, vierschrötigen Gestalt der Herren Ebert und Scheidemann da. Heute kann auch der Blödeste nicht verkennen: Das ist Konterrevolution, wie sie leibt und lebt.

Was ergibt sich nun als weitere Perspektive der Entwicklung, nachdem wir ihre erste Phase hinter uns haben? Selbstverständlich kann es sich nicht darum handeln zu prophezeien, sondern nur darum, die logischen Konsequenzen aus dem bisher Erlebten zu ziehen und auf die voraussichtlichen Wege der bevorstehenden Entwicklung zu schließen, um danach unsere Taktik, unsere eigene Kampfesweise zu richten. Parteigenossen, wohin führt der Weg weiter? Eine gewisse Andeutung darüber haben Sie schon in den letzten Äußerungen der neuen Regierung Ebert-Scheidemann in reiner, unverfälschter Couleur. Wohin kann sich der Kurs der sogenannten sozialistischen Regierung bewegen, nachdem, wie ich gezeigt habe, sämtliche Illusionen verschwunden sind? Diese Regierung verliert mit jedem Tage mehr den Rückhalt in den großen Massen des Proletariats, es sind neben dem Kleinbürgertum nur noch Reste, traurige Reste der Proletarier, die hinter ihr stehen, von denen es aber sehr unklar ist, wie lange sie noch hinter Ebert-Scheidemann stehen werden. Sie werden immer mehr den Rückhalt in den Soldatenmassen verlieren, denn die Soldaten haben sich auf den Weg der Kritik, der Selbstbesinnung begeben, ein Prozeß, der zwar vorerst noch langsam geht, jedoch keinen Halt machen kann bis zur vollen sozialistischen Erkenntnis. Sie haben den Kredit verloren bei der Bourgeoisie, weil sie sich nicht stark genug erwiesen. Wo kann also ihr Weg weitergehen? Mit der Komödie der sozialistischen Politik werden sie sehr schnell völlig aufräumen; und wenn Sie das neue Programm dieser Herren lesen, dann werden Sie sehen, daß sie in die zweite Phase – die der entschleierten Konterrevolution, ja, ich möchte das formulieren: in die Restauration der früheren, vorrevolutionären Verhältnisse mit Volldampf hinaussegeln. Was ist das Programm der neuen Regierung? Es ist die Wahl eines Präsidenten, der eine Mittelstellung zwischen dem englischen König und dem amerikanischen Präsidenten hat, also beinahe ein König Ebert; und zweitens Wiederherstellung des Bundesrats. Sie konnten heute die selbständig gestellten Forderungen der süddeutschen Regierungen lesen, die den bundesstaatlichen Charakter des Deutschen Reiches unterstreichen. Die Wiederherstellung des alten braven Bundesrats und natürlich seines Anhängsels, des deutschen Reichstags, ist nur noch eine Frage von wenigen Wochen. Parteigenossen, die Ebert-Scheidemann begeben sich damit auf die Linie der einfachen Restauration der Verhältnisse, wie sie vor dem 9. November bestanden. Aber damit haben sie sich selbst auf eine schiefe Ebene begeben, um mit zerschmetterten Gliedern auf dem Boden des Abgrunds liegenzubleiben. Denn die Wiederaufrichtung der Verhältnisse vor dem 9. November war schon am 9. November überholt, und heute ist Deutschland meilenweit von dieser Möglichkeit entfernt. Die Regierung wird, um ihren Rückhalt bei der einzigen Klasse, deren wirkliche Klasseninteressen sie vertritt, bei der Bourgeoisie, zu stärken – den Rückhalt, der ja durch die letzten Vorgänge merklich geschwunden ist –, sich gezwungen sehen, eine immer gewaltsamere konterrevolutionäre Politik zu treiben. Aus diesen Forderungen der süddeutschen Staaten, die heute in den Blättern von Berlin veröffentlicht sind, spricht deutlich der Wunsch heraus, eine, wie es heißt, verstärkte Sicherheit des Deutschen Reiches herbeizuführen, auf gut deutsch heißt das: den Belagerungszustand gegen die „anarchistischen“, „putschistischen“, „bolschewistischen“, also sozialistischen Elemente durchzusetzen. Ebert-Scheidemann werden durch die Verhältnisse dahin gestoßen, zur Diktatur mit oder ohne Belagerungszustand zu greifen. Daraus ergibt sich aber, daß wir gerade durch die bisherige Entwicklung, durch die Logik der Ereignisse selbst und durch das Gewaltsame, das über den Ebert-Scheidemann lastet, dazu kommen werden, in der zweiten Phase der Revolution eine viel verschärftere Auseinandersetzung, viel heftigere Klassenkämpfe zu erleben, als das vorhin der Fall war; eine viel schärfere Auseinandersetzung nicht bloß deshalb, weil die politischen Momente, die ich bisher aufgezählt habe, dahin führen, ohne Illusionen, Brust an Brust, Auge in Auge den Kampf zwischen der Revolution und der Konterrevolution aufzunehmen, sondern deshalb, weil ein neues Feuer, eine neue Flamme immer mehr aus der Tiefe in das Ganze hineingreift, und das sind die wirtschaftlichen Kämpfe.

Parteigenossen, es ist sehr charakteristisch für die erste Periode der Revolution, man kann sagen, bis zum 24. Dezember, die ich geschildert habe, daß sie – wir müssen uns das mit vollem Bewußtsein klarmachen – eine noch ausschließlich politische Revolution war; und darin liegt das Anfängliche, das Unzulängliche, das Halbe und Bewußtlose dieser Revolution. Das war das erste Stadium einer Umwälzung, deren Hauptaufgaben auf ökonomischem Gebiet liegen: Umschwung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Sie war unbefangen, bewußtlos wie ein Kind, das hinaustappt, ohne zu wissen, wohin, sie hatte noch, wie gesagt, einen rein politischen Charakter. Erst in den letzten Wochen haben ganz spontan die Streiks angefangen sich bemerkbar zu machen. Wir wollen es nunmehr aussprechen: Es liegt gerade in dem ganzen Wesen dieser Revolution, daß die Streiks sich mehr und mehr auswachsen, daß sie immer mehr zum Mittelpunkt, zur Hauptsache der Revolution werden müssen. Das ist dann eine ökonomische Revolution, und damit wird sie eine sozialistische Revolution. Der Kampf um den Sozialismus kann aber nur durch die Massen, unmittelbar Brust an Brust mit dem Kapitalismus ausgefochten werden, in jedem Betriebe, von jedem Proletarier gegen seinen Unternehmer. Nur dann wird es eine sozialistische Revolution sein.

Gedankenlosigkeit freilich stellte sich den Gang anders vor. Man dachte, es ist nur nötig, die alte Regierung zu stürzen, eine sozialistische Regierung an die Spitze zu stellen, dann werden Dekrete erlassen, die den Sozialismus einführen. Das war wiederum nichts als eine Illusion. Der Sozialismus wird nicht gemacht und kann nicht gemacht werden durch Dekrete, auch nicht von einer noch so ausgezeichneten sozialistischen Regierung. Der Sozialismus muß durch die Massen, durch jeden Proletarier gemacht werden. Dort, wo sie an die Kette des Kapitals geschmiedet sind, dort muß die Kette zerbrochen werden. Nur das ist Sozialismus, nur so kann Sozialismus gemacht werden.

Und wie ist die äußere Form des Kampfes um den Sozialismus? Es ist der Streik, und deshalb haben wir gesehen, daß die ökonomische Phase der Entwicklung jetzt in der zweiten Periode der Revolution in den Vordergrund getreten ist. Ich möchte auch hier betonen, wir können es mit Stolz sagen, und das wird niemand bestreiten: Wir im Spartakusbund, die Kommunistische Partei Deutschlands, sind die einzigen in ganz Deutschland, die auf Seite der streikenden und kämpfenden Arbeiter stehen. Sie haben gelesen und gesehen bei allen Gelegenheiten, wie sich die Unabhängige Partei den Streiks gegenüber verhalten hat. Es war durchaus kein Unterschied zwischen der Stellung des Vorwärts und der der Freiheit. Es wurde gesagt: Ihr müßt fleißig sein, Sozialismus heißt viel arbeiten. Und das sagt man, solange noch das Kapital das Heft in den Händen hat! Damit macht man keinen Sozialismus, sondern nur durch energischste Bekämpfung des Kapitalismus, dessen Ansprüche verteidigt werden von den äußersten Scharfmachern bis zur Unabhängigen Partei, bis zur Freiheit, allein ausgenommen unsere Kommunistische Partei. Deshalb ist es schon durch diese Darstellung gesagt, daß heute gegen die Streiks restlos alles in schärfster Weise ankämpft, was nicht auf unserem revolutionär-kommunistischen Boden steht.

Daraus ergibt sich: In der kommenden Phase der Revolution werden sich die Streiks nicht nur immer mehr ausdehnen, sondern sie werden im Mittelpunkt, im entscheidenden Punkt der Revolution stehen, zurückdrängend die rein politischen Fragen. So werden Sie einsehen, daß eine ungeheure Verschärfung der Lage im wirtschaftlichen Kampfe eintreten wird. Denn damit kommt die Revolution an die Stelle, wo die Bourgeoisie keinen Spaß versteht. Die Bourgeoisie kann sich Mystifikationen leisten auf politischem Gebiet, wo eine Maskerade noch möglich ist, wo noch Leute wie Ebert-Scheidemann mit sozialistischen Aufschriften auftreten können, aber nicht da, wo es um den Profit geht. Da wird sie die Regierung Ebert-Scheidemann vor die Alternative stellen: entweder mit den Streiks ein Ende zu machen, die ihr drohende Erdrosselung durch die Streikbewegung zu beseitigen, oder aber die Herren Ebert-Scheidemann werden ausgespielt haben. Ich glaube auch, daß schon ihre politischen Maßnahmen dazu führen werden, daß sie sehr bald ausgespielt haben. Die Ebert-Scheidemann empfinden es besonders schmerzlich, daß sie bei der Bourgeoisie nicht viel Vertrauen gefunden haben. Die Bourgeoisie wird es sich überlegen, ob sie den Hermelin auf die derbe Parvenügestalt des Ebert wird legen können. Wenn es soweit kommt, dann wird es schließlich heißen : Es genügt hierzu nicht Blut an den Fingern, sondern er muß blaues Blut in den Adern haben, wenn es soweit kommt, dann wird es heißen: Wenn wir einen König haben wollen, brauchen wir keinen Emporkömmling, der sich nicht mal als König benehmen kann.

So, Parteigenossen, drängen die Herren Ebert-Scheidemann dazu, daß sich eine konterrevolutionäre Bewegung breitmacht. Sie werden mit den emporlodernden Flammen des ökonomischen Klassenkampfes nicht fertig werden, und sie werden der Bourgeoisie mit ihren Bestrebungen doch nicht Befriedigung schaffen. Sie werden untertauchen, um entweder einem Versuch der Konterrevolution Platz zu machen, die sich zusammenrafft zu einem verzweifelten Kampf um einen Herrn Groener oder zu einer ausgesprochenen Militärdiktatur unter Hindenburg, oder aber sie werden anderen konterrevolutionären Mächten weichen müssen.

Genaues läßt sich nicht bestimmen, es können keine positiven Aussagen gemacht werden über das, was kommen muß. Aber es kommt ja gar nicht auf die äußeren Formen an, auf den Moment, wann dieses oder jenes eintritt, uns genügen die großen Richtlinien der Weiterentwicklung, und die führen dahin: Nach der ersten Phase der Revolution, der des vorwiegend politischen Kampfes, kommt eine Phase des verstärkten, gesteigerten, in der Hauptsache ökonomischen Kampfes, wobei in kurzer oder vielleicht etwas längerer Zeit die Regierung Ebert-Scheidemann in den Orkus verschwinden muß.

Was aus der Nationalversammlung in der zweiten Phase der Entwicklung wird, ist gleichfalls schwer vorauszusagen. Es ist möglich, daß, wenn sie zustande kommt, sie eine neue Schule der Erziehung für die Arbeiterklasse sein wird, oder aber, das ist ebenso nicht ausgeschlossen, es kommt überhaupt gar nicht zu der Nationalversammlung, voraussagen läßt sich nichts. Ich will nur in Klammern hinzufügen, damit Sie verstehen, von welchem Standpunkte wir gestern unsere Position verteidigten: Wir waren nur dagegen, unsere Taktik auf die eine Alternative zu stellen. Ich will hier nicht von neuem Diskussionen anschneiden, sondern dies nur sagen, damit nicht etwa jemand von Ihnen beim flüchtigen Zuhören auf die Idee kommt: Aha, jetzt kommen andere Töne. Wir stehen geschlossen vollkommen auf demselben Boden wie gestern. Wir wollen unsere Taktik gegenüber der Nationalversammlung nicht auf die Möglichkeit einstellen, die wohl eintreten kann, aber nicht muß, daß nämlich die Nationalversammlung in die Luft fliegt, sondern wir wollen sie einstellen auf die Eventualitäten, auch auf die revolutionäre Ausnutzung der Nationalversammlung, wenn sie zustande kommt. Ob sie zustande kommt oder nicht, ist gleichgültig, die Revolution kann auf alle Fälle nur gewinnen.

Und was bleibt dann der abgewirtschafteten Regierung Ebert-Scheidemann oder irgendeiner anderen sozialdemokratisch genannten Regierung, die am Ruder ist, noch übrig? Ich habe gesagt, das Proletariat als Masse ist bereits ihren Händen entschlüpft, die Soldaten sind gleichfalls nicht mehr als konterrevolutionäres Kanonenfutter zu gebrauchen. Was bleibt diesen armen Leutchen dann überhaupt noch übrig, um ihre Situation zu retten? Es bleibt ihnen nur noch eine Chance, und wenn Sie, Parteigenossen, heute die Pressenachrichten gelesen haben, werden Sie sehen, wo die letzten Reserven stehen, die die deutsche Konterrevolution gegen uns ins Feld führen wird, wenn es hart auf hart gehen soll. Sie haben alle gelesen, daß die deutschen Truppen bereits in Riga Arm in Arm mit den Engländern gegen die russischen Bolschewiki vorgehen. Parteigenossen, ich habe da Dokumente in den Händen, durch die wir das, was jetzt in Riga ausgetragen wird, überblicken können. Die ganze Sache geht aus von dem Oberkommando der VIII. Armee, Arm in Arm mit Herrn August Winnig, dem deutschen Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführer. Man hat es immer so hingestellt, als seien die armen Ebert-Scheidemann die Opfer der Entente. Es war aber eine Taktik des Vorwärts schon seit Wochen, seit dem Anfang der Revolution, es so hinzustellen, als sei die Erdrosselung der Revolution in Rußland der aufrichtige Wunsch der Entente, und dadurch wurde der Entente selbst erst der Gedanke hieran nahegelegt. Wir haben hier dokumentarisch festgestellt, wie das auf Kosten des russischen Proletariats und der deutschen Revolution gemacht wurde. In einem Telegramm vom 26. Dezember gibt der Oberstleutnant Buerkner, Chef des Generalstabs der VIII. Armee, von den Verhandlungen Kenntnis, die zu dieser Abmachung in Riga führten …

Das ist Konterrevolution, was hier gemacht wird. Sie haben vor einiger Zeit von der Bildung der „Eisernen Division“ gelesen, die ausdrücklich zur Bekämpfung der Bolschewisten in den baltischen Ländern geschaffen wurde. Es war nicht klar, wie sich die Ebert-Scheidemann-Regierung dazu stellt. Jetzt wissen Sie, daß es diese Regierung selbst war, die den Vorschlag dazu gemacht hat.

Parteigenossen, noch eine kleine Bemerkung über Winnig. Wir können es ruhig aussprechen, daß die deutschen Gewerkschaftsführer – es ist kein Zufall, daß ein Gewerkschaftsführer solche politischen Dienste leistet –, daß die deutschen Gewerkschaftsführer und die deutschen Sozialdemokraten die infamsten und größten Halunken, die in der Welt gelebt haben, sind. Wissen Sie, wohin diese Leute, Winnig, Ebert, Scheidemann, gehören? Nach dem deutschen Strafkodex, den sie ja selbst in voller Gültigkeit erklären und nach dem sie selbst Recht sprechen lassen, gehören diese Leute ins Zuchthaus! Denn nach dem deutschen Strafkodex wird mit Zuchthaus bestraft, der es unternimmt, deutsche Soldaten für ausländische Dienste zu werben. Und heute haben wir – das können wir ruhig heraussagen – an der Spitze der „sozialistischen Regierung“ nicht bloß Leute, die Judasse der sozialistischen Bewegung, der proletarischen Revolution sind, sondern auch Zuchthäusler, die überhaupt nicht in eine anständige Gesellschaft hineingehören.

Ich werde Ihnen im Zusammenhang mit diesem Punkt zum Schluß meines Referats eine Resolution vorlesen, zu der ich Ihren einstimmigen Beifall erwarte, damit wir mit nötigem Nachdruck gegen diese Leute auftreten können, die die Geschicke Deutschlands nunmehr leiten.

Genossen, um jenen Faden meiner Darlegungen wieder aufzunehmen: Es ist klar, daß alle diese Machenschaften, die Bildung eiserner Divisionen und namentlich das erwähnte Übereinkommen mit dem englischen Imperialismus, nichts anderes bedeuten als die letzten Reserven, um die deutsche sozialistische Bewegung zu erdrosseln, damit ist aber auch die Kardinalfrage, die Frage in bezug auf die Friedensaussichten, aufs engste verknüpft. Was sehen wir in diesen Abmachungen anders als die Wiederentfachung des Krieges? Während diese Halunken in Deutschland eine Komödie aufführen, daß sie alle Hände voll zu tun hätten, den Frieden herzustellen, und daß wir die Leute, die Störenfriede seien, die die Unzufriedenheit der Entente erregen und den Frieden hinauszögen, bereiten sie mit eigenen Händen das Wiederaufflammen des Krieges, des Krieges im Osten vor, dem der Krieg in Deutschland auf dem Fuße folgen wird. So haben Sie auch hier wieder die Situation, die dazu führt, daß wir uns in eine Periode der scharfen Auseinandersetzung begeben müssen. Wir werden zusammen mit dem Sozialismus und den Interessen der Revolution auch die Interessen des Weltfriedens zu verteidigen haben, und dies ist gerade die Bestätigung der Taktik, die wir Spartakusleute wiederum als die einzigen während des ganzen vierjährigen Krieges bei jeder Gelegenheit vertreten haben. Friede bedeutet Weltrevolution des Proletariats! Es gibt keinen anderen Weg, den Frieden wirklich herzustellen und zu sichern, als den Sieg des sozialistischen Proletariats.

Parteigenossen, was ergibt sich für uns daraus als allgemeine taktische Richtlinie für die Situation, in der wir in nächster Zeit stehen? Das nächste, was Sie daraus schließen werden, ist wohl die Hoffnung, daß nun der Sturz der Ebert-Scheidemann-Regierung erfolgt und daß sie durch eine ausgesprochen sozialistisch-proletarisch-revolutionäre Regierung ersetzt werden müßte. Allein, ich möchte Ihr Augenmerk nicht nach der Spitze, nach oben richten, sondern nach unten. Wir dürfen nicht die Illusion der ersten Phase der Revolution, der des 9. November, weiterpflegen und wiederholen, als sei es überhaupt für den Verlauf der sozialistischen Revolution genügend, die kapitalistische Regierung zu stürzen und durch eine andere zu ersetzen. Nur dadurch kann man den Sieg der proletarischen Revolution herbeiführen, daß man umgekehrt anfängt, die Regierung Ebert-Scheidemann zu unterminieren durch einen sozialen, revolutionären Massenkampf des Proletariats auf Schritt und Tritt, auch möchte ich Sie hier an einige Unzulänglichkeiten der deutschen Revolution erinnern, die nicht mit der ersten Phase überwunden worden sind, sondern deutlich zeigen, daß wir leider noch nicht soweit sind, um durch den Sturz der Regierung den Sieg des Sozialismus zu sichern. Ich habe Ihnen darzulegen versucht, daß die Revolution des 9. November vor allem eine politische Revolution war, während sie doch in der Hauptsache noch eine ökonomische werden muß. Sie war aber auch nur eine städtische Revolution, das flache Land ist bis jetzt so gut wie unberührt geblieben. Es wäre ein Wahn, den Sozialismus ohne Landwirtschaft zu verwirklichen. Vom Standpunkt der sozialistischen Wirtschaft läßt sich überhaupt die Industrie gar nicht umgestalten ohne die unmittelbare Verquickung mit einer sozialistisch umorganisierten Landwirtschaft. Der wichtigste Gedanke der sozialistischen Wirtschaftsordnung ist Aufhebung des Gegensatzes und der Trennung zwischen Stadt und Land. Diese Trennung, dieser Widerspruch, dieser Gegensatz ist eine rein kapitalistische Erscheinung, die sofort aufgehoben werden muß, wenn wir uns auf den sozialistischen Standpunkt stellen. Wenn wir Ernst machen wollen mit einer sozialistischen Umgestaltung, müssen Sie Ihr Augenmerk ebenso auf das flache Land richten wie auf die Industriezentren, und hier sind wir leider noch nicht einmal beim Anfang des Anfangs. Es muß jetzt Ernst damit gemacht werden, nicht bloß aus dem Gesichtspunkt heraus, weil wir ohne Landwirtschaft nicht sozialisieren können, sondern auch, weil, wenn wir jetzt die letzten Reserven der Gegenrevolution gegen uns und unsere Bestrebungen aufgezählt haben, wir eine wichtige Reserve noch nicht aufgezählt haben, das Bauerntum. Gerade, weil es bis jetzt unberührt geblieben ist, ist es noch eine Reserve für die konterrevolutionäre Bourgeoisie. Und das erste, was sie tun wird, wenn die Flamme des sozialistischen Streiks ihr auf den Fersen brennt, ist die Mobilisierung des Bauerntums, des fanatischsten Anhängers des Privateigentums. Gegen diese drohende konterrevolutionäre Macht gibt es kein anderes Mittel, als den Klassenkampf aufs Land hinauszutragen, gegen das Bauerntum das landlose Proletariat und das Kleinbauerntum mobil zu machen.

Daraus ergibt sich, was wir zu tun haben, um die Voraussetzungen des Gelingens der Revolution zu sichern, und ich möchte unsere nächsten Aufgaben deshalb dahin zusammenfassen: Wir müssen vor allen Dingen das System der Arbeiter- und Soldatenräte, in der Hauptsache das System der Arbeiterräte in der Zukunft ausbauen, nach allen Richtungen hin. Was wir am 9. November übernommen haben, sind nur schwache Anfänge und nicht bloß das. Wir haben in der ersten Phase der Revolution sogar große Machtmittel wieder verloren. Sie wissen, daß ein fortgesetzter Abbau des Arbeiter- und Soldatenrätesystems durch die Gegenrevolution vorgenommen worden ist. In Hessen sind die Arbeiter- und Soldatenräte durch die konterrevolutionäre Regierung überhaupt aufgehoben worden, an anderen Stellen werden ihnen die Machtmittel aus der Hand gerissen. Wir müssen deshalb nicht bloß das Arbeiter- und Soldatenrätesystem ausbauen, sondern auch die Landarbeiter und Kleinbauern in dieses System der Räte einführen. Wir müssen die Macht ergreifen, wir müssen uns die Frage der Machtergreifung vorlegen als die Frage: Was tut, was kann, was soll jeder Arbeiter- und Soldatenrat in ganz Deutschland? Dort liegt die Macht, wir müssen von unten auf den bürgerlichen Staat aushöhlen, indem wir überall die öffentliche Macht, Gesetzgebung und Verwaltung nicht mehr trennen, sondern vereinigen, in die Hände der Arbeiter- und Soldatenräte bringen.

Parteigenossen, das ist ein gewaltiges Feld, das zu beackern ist. Wir müssen vorbereiten von unten auf, den Arbeiter- und Soldatenräten eine solche Macht geben, daß, wenn die Regierung Ebert-Scheidemann oder irgendeine ihr ähnliche gestürzt wird, dies dann nur der Schlußakt ist. So soll die Machteroberung nicht eine einmalige, sondern eine fortschreitende sein, indem wir uns hineinpressen in den bürgerlichen Staat, bis wir alle Positionen besitzen und sie mit Zähnen und Nägeln verteidigen. Und der ökonomische Kampf, auch er soll nach meiner Auffassung und der Auffassung meiner nächsten Parteifreunde durch die Arbeiterräte geführt werden. Auch die Leitung der ökonomischen Auseinandersetzung und die Hinüberleitung dieser Auseinandersetzung in immer größere Bahnen soll in den Händen der Arbeiterräte liegen. Die Arbeiterräte sollen alle Macht im Staate haben. Nach dieser Richtung hin haben wir in der nächsten Zeit zu arbeiten, und daraus ergibt sich auch, wenn wir uns diese Aufgabe stellen, daß wir mit einer kolossalen Verschärfung des Kampfes in der nächsten Zeit zu rechnen haben. Denn hier gilt es, Schritt um Schritt, Brust an Brust zu kämpfen in jedem Staat, in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jeder Gemeinde, um alle Machtmittel des Staates, die der Bourgeoisie Stück um Stück entrissen werden müssen, den Arbeiter- und Soldatenräten zu übertragen.

Dazu müssen aber auch unsere Parteigenossen, dazu müssen die Proletarier erst geschult werden. Auch dort, wo Arbeiter- und Soldatenräte bestehen, fehlt noch das Bewußtsein dafür, wozu die Arbeiter- und Soldatenräte berufen sind. Wir müssen die Massen erst darin schulen, daß der Arbeiter- und Soldatenrat der Hebel der Staatsmaschinerie nach allen Richtungen hin sein soll, daß er jede Gewalt übernehmen muß und sie alle in dasselbe Fahrwasser der sozialistischen Umwälzung leiten muß. Davon sind auch noch diejenigen Arbeitermassen, die schon in den Arbeiter- und Soldatenräten organisiert sind, meilenweit entfernt, ausgenommen natürlich einzelne kleinere Minderheiten von Proletariern, die sich ihrer Aufgaben klar bewußt sind. Aber das ist nicht ein Mangel, sondern das ist gerade das normale. Die Masse muß, indem sie Macht ausübt, lernen, Macht auszuüben. Es gibt kein anderes Mittel, ihr das beizubringen. Wir sind nämlich zum Glück über die Zeiten hinaus, wo es hieß, das Proletariat sozialistisch schulen. – Diese Zeiten scheinen für die Marxisten von der Kautskyschen Schule bis auf den heutigen Tag noch zu existieren. Die proletarischen Massen sozialistisch schulen, das heißt: ihnen Vorträge halten und Flugblätter und Broschüren verbreiten. Nein, die sozialistische Proletarierschule braucht das alles nicht. Sie werden geschult, indem sie zur Tat greifen. Hier heißt es: Im Anfang war die Tat; und die Tat muß sein, daß die Arbeiter- und Soldatenräte sich berufen fühlen und es lernen, die einzige öffentliche Gewalt im ganzen Reiche zu werden. Nur auf diese Weise können wir den Boden so unterminieren, daß er reif wird zu dem Umsturz, der dann unser Werk zu krönen hat. Und deshalb, Parteigenossen, war es auch nicht ohne klare Berechnung und ohne klares Bewußtsein, wenn wir Ihnen gestern ausführten, wenn ich speziell Ihnen sagte: Machen Sie sich den Kampf nicht weiter so bequem! Von einigen Genossen ist es falsch dahin aufgefaßt worden, als hätte ich angenommen, sie wollten bei der Boykottierung der Nationalversammlung mit verschränkten Armen stehen. Nicht im Traum ist mir das eingefallen. Ich konnte bloß nicht mehr auf die Sache eingehen; in dem heutigen Rahmen und Zusammenhang habe ich die Möglichkeit. Ich meine, die Geschichte macht es uns nicht so bequem, wie es in den bürgerlichen Revolutionen war, daß es genügte, im Zentrum die offizielle Gewalt zu stürzen und durch ein paar oder ein paar Dutzend neue Männer zu ersetzen. Wir müssen von unten auf arbeiten, und das entspricht gerade dem Massencharakter unserer Revolution bei den Zielen, die auf den Grund und Boden der gesellschaftlichen Verfassung gehen, das entspricht dem Charakter der heutigen proletarischen Revolution, daß wir die Eroberung der politischen Macht nicht von oben, sondern von unten machen müssen. Der 9. November war der Versuch, an der öffentlichen Gewalt, an der Klassenherrschaft zu rütteln – ein schwächlicher, halber, unbewußter, chaotischer Versuch. Was jetzt zu machen ist, ist, mit vollem Bewußtsein die gesamte Kraft des Proletariats auf die Grundfesten der kapitalistischen Gesellschaft zu richten. Unten, wo der einzelne Unternehmer seinen Lohnsklaven gegenübersteht, unten, wo sämtliche ausführenden Organe der politischen Klassenherrschaft gegenüber den Objekten dieser Herrschaft, den Massen, stehen, dort müssen wir Schritt um Schritt den Herrschenden ihre Gewaltmittel entreißen und in unsere Hände bringen. Wenn ich es so schildere, nimmt sich der Prozeß vielleicht etwas langwieriger aus, als man geneigt wäre, ihn sich im ersten Moment vorzustellen. Ich glaube, es ist gesund für uns, wenn wir uns mit voller Klarheit alle Schwierigkeiten und Komplikationen dieser Revolution vor Augen führen. Denn ich hoffe, wie auf mich, so wirkt auch auf keinen von Euch die Schilderung der großen Schwierigkeiten, der sich auftürmenden Aufgaben dahin, daß Ihr etwa in Eurem Eifer oder Eurer Energie erlahmt; im Gegenteil: Je größer die Aufgabe, um so mehr werden wir alle Kräfte zusammenfassen; und wir vergessen nicht: Die Revolution versteht ihre Werke mit ungeheurer Geschwindigkeit zu vollziehen. Ich übernehme es nicht zu prophezeien, wieviel Zeit dieser Prozeß braucht. Wer rechnet von uns, wen kümmert das, wenn nur unser Leben dazu ausreicht, es dahin zu bringen! Es kommt nur darauf an, daß wir klar und genau wissen, was zu tun ist; und was zu tun ist, hoffe ich mit meinen schwachen Kräften Ihnen einigermaßen in den Hauptzügen dargelegt zu haben.“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/12/programm.html

 

07.01.1919 Was machen die Führer?

 

„In der Glutatmosphäre der Revolution reifen Menschen und Dinge mit unheimlicher Schnelligkeit. Erst vor kurzen 3 Wochen, als die Reichskonferenz der A.- u. S.-Räte geschlossen wurde, schienen Ebert-Scheidemann im Zenit ihrer Macht zu stehen. Die Vertretung der revolutionären Arbeiter- und Soldatenmasse ganz Deutschlands hatte sich ihrer Führung blindlings ergeben. Die Einberufung der Nationalversammlung, die Aussperrung der „Straße“, die Degradierung des Vollzugsrats und mit ihm der A.- u. S.-Räte zu ohnmächtigen Scheinfiguren – welcher Triumph der Gegenrevolution auf der ganzen Linie! Die Früchte des 9. November schienen vertan und verspielt, die Bourgeoisie atmete wieder beruhigt auf, die Massen standen ratlos, entwaffnet, erbittert und doch zweifelnd da. Ebert-Scheidemann wähnten sich auf dem Gipfel der Macht.

Die blinden Toren! Noch sind keine zwanzig Tage seitdem verflossen, und ihre scheinbare Macht ist über Nacht ins Wanken geraten. Die Massen sind eben die wirkliche Macht, die reale Macht kraft ihrer Interessen, kraft der historischen Notwendigkeit, kraft des ehernen „Muss“ der Geschichte. Mag man ihr vorübergehend Fesseln anlegen, ihre Organisation formell jeder Macht berauben – sie braucht sich nur zu regen, nur ihr Rückgrat steif aufzurichten, schon hebt der Boden unter den Füßen der Gegenrevolution.

Wer die gestrige Massendemonstration in der Siegesallee miterlebt hat, wer diese felsenfeste revolutionäre Überzeugung, diese prächtige Stimmung, diese Tatkraft, die aus den Massen strömte, mit gespürt hat, der musste zu dem Schluss gelangen: Die Proletarier sind durch die Schule der letzten Wochen, der jüngsten Ereignisse politisch enorm gewachsen. Sie sind sich ihrer Macht bewusst geworden, und nichts fehlt ihnen, als von dieser Macht Gebrauch zu machen.

Die Ebert-Scheidemann und ihr Auftraggeber, die Bourgeoisie, die fortwährend über „Putsche“ zetern, erleben in diesen Stunden dieselbe Enttäuschung, wie sie einst der letzte Bourbone erlebt hat, dem auf seinen empörten Ruf über die „Rebellion“ des Pariser Volkes von seinem Minister die Antwort gegeben wurde: Herr, das ist keine Rebellion, das ist eine Revolution!

Ja, eine Revolution ist es, mit all ihrem äußeren wirren Verlauf, mit der abwechselnden Ebbe und Flut, mit momentanen Anläufen zur Machtergreifung und ebenso momentanen Rückläufen der revolutionären Sturzwelle. Und durch all diese scheinbaren Zickzackbewegungen setzt sich die Revolution Schritt um Schritt siegreich durch, schreitet sie unaufhaltsam vorwärts.

Die Masse muss eben im Kampfe selbst zu kämpfen, zu handeln lernen. Und man spürt heute: Die Arbeiterschaft Berlins hat in hohem Maße zu handeln gelernt, sie dürstet nach entschlossenen Taten, nach klaren Situationen, nach durchgreifenden Maßnahmen. Sie ist nicht mehr dieselbe wie am 9. November, sie weiß, was sie will und was sie soll.

Sind aber ihre Führer, die ausführenden Organe ihres Willens, auf der Höhe? Sind die revolutionären Obleute und Vertrauensleute der Großbetriebe, sind die radikalen Elemente der USP inzwischen an Tatkraft, Entschlossenheit gewachsen? Hat ihre Aktionsfähigkeit mit der wachsenden Energie der Massen Schritt gehalten?

Wir befürchten, diese Frage nicht mit einem glatten Ja beantworten zu können. Wir fürchten, die Führer sind noch dieselben, wie sie am 9. November waren, sie haben wenig hinzugelernt.

24 Stunden sind seit dem Anschlag der Ebert-Regierung gegen Eichhorn verflossen. Die Massen sind dem Appell ihrer Führer mit Ungestüm gefolgt, sie haben die Wiedereinsetzung Eichhorns aus eigenen Kräften spontan durchgeführt, sie haben aus eigener Initiative spontan den Vorwärts besetzt, sich der bürgerlichen Redaktionen und des WTB bemächtigt, sie haben sich, soweit es ging, bewaffnet. Sie warten auf weitere Weisungen und Handlungen ihrer Führer.

Was haben diese inzwischen getan, was beschlossen? Welche Maßnahmen haben sie ergriffen, um in der gespannten Situation, in der die Schicksale der Revolution zum mindesten für den nächsten Abschnitt entschieden werden, den Sieg der Revolution zu sichern? Wir sehen und hören nichts! Mag sein, dass die Vertrauensmänner der Arbeiterschaft gründlich und ausgiebig beraten. Jetzt gilt es aber zu handeln.

Die Ebert-Scheidemann verzetteln ihre Zeit sicher nicht mit Beratungen. Sie schlafen ganz gewiss nicht. Sie bereiten im stillen mit der üblichen Energie und Umsicht der Konterrevolutionäre ihre Zettelungen vor, sie schleifen ihr Schwert, um die Revolution zu überrumpeln, zu meucheln.

Andere, pflaumenweiche Elemente sind sicher schon fleißig am Werke, um „Verhandlungen“ anzubahnen, um Kompromisse herbeizuführen, um über den blutigen Abgrund, der sich zwischen der Arbeiter- und Soldatenmasse und der Regierung Eberts aufgetan, eine Brücke zu schlagen, um die Revolution zu einem „Vergleich“ mit ihren Todfeinden zu verleiten.

Da ist keine Zeit zu verlieren. Da müssen sofort durchgreifende Maßnahmen vorgenommen werden. Den Massen, den revolutionstreuen Soldaten müssen klare und rasche Direktiven gegeben, ihrer Energie, ihrer Kampflust müssen die richtigen Ziele gewiesen werden. Die schwankenden Elemente unter den Truppen können nur durch entschlossenes, klares Handeln der revolutionären Körperschaften für die heilige Sache des Volkes gewonnen werden.

Handeln! Handeln! Mutig, entschlossen, konsequent – das ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der revolutionären Obleute und der ehrlich sozialistischen Parteiführer. Die Gegenrevolution entwaffnen, die Massen bewaffnen, alle Machtpositionen besetzen. Rasch handeln! Die Revolution verpflichtet. Ihre Stunden zählen in der Weltgeschichte für Monate und ihre Tage für Jahre. Mögen sich die Organe der Revolution ihrer hohen Pflichten bewusst sein!“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1919/01/fuehrer.htm

 

08.01.1919 Versäumte Pflichten

 

„Seit dem 9. November prallt die revolutionäre Welle periodisch gegen dieselbe Mauer: die Regierung Ebert-Scheidemann. Der Anlass, die Form, die Tragkraft des Zusammenstoßes sind in jeder der revolutionären Krisen, die wir seit acht Wochen erlebt haben, verschieden. Aber der Ruf: Nieder mit Ebert-Scheidemann! ist das Leitmotiv aller bisherigen Krisen und die Losung, in die sie alle ausklingen, die Losung, die immer lauter, einmütiger, eindringlicher aus den Massen ertönt.

Das ist auch ganz natürlich. Die Fortentwicklung der Revolution laboriert an dem Grundfehler des 9. November: dass an die Spitze der revolutionären Regierung Leute gestellt worden sind, die bis zur letzten Minute alles getan hatten, was in ihren Kräften lag, um den Ausbruch der Revolution zu verhindern, und die sich nach dem Ausbruch an ihre Spitze mit der klaren Absicht gestellt haben, sie bei der nächsten passenden Gelegenheit abzuwürgen.

Soll die Revolution weiter ihren Gang gehen, soll sie Etappe für Etappe ihrer Entwicklung durchmachen, um ihre historischen Aufgaben: die Abschaffung der bürgerlichen Klassenherrschaft und die Verwirklichung des Sozialismus, zu erfüllen, dann muss die Mauer, die sich ihr entgegenstellt, die Regierung Ebert-Scheidemann, hinweggeräumt werden.

Um diese Spezialaufgabe wird sich die Revolution nicht herumdrücken können, in diese Aufgabe münden alle Erfahrungen der acht Wochen Revolutionsgeschichte aus. Die eigenen Provokationen der Ebert-Regierung: der 6. Dezember, die Vereidigung der Gardetruppen, der 24. Dezember, der jüngste Anschlag gegen das Polizeipräsidium, sie alle treiben die revolutionären Massen direkt vor die schroffe, nackte, unerbittliche Alternative: Entweder soll die Revolution ihren proletarischen Charakter, ihre sozialistische Mission preisgeben, oder Ebert-Scheidemann mit ihrem Anhang müssen von der Macht vertrieben werden.

Dies haben auch die breitesten Massen des Proletariats in Berlin und in den Hauptzentren der Revolution im Reiche begriffen. Diese klare, scharfe Erkenntnis, die sich im leidenschaftlichen gewaltigen Ruf aus Hunderttausenden von Kehlen jeden Augenblick losringt: Nieder mit Ebert-Scheidemann! das ist der Gewinn, die Reife, der Fortschritt, den uns die letzten Ereignisse eingebracht haben.

Was aber bei weitem nicht klar ist, worin noch die Schwäche und Unreife der Revolution an den Tag tritt, das ist die Frage, wie man den Kampf um die Wegräumung der Ebertschen Regierung führt, wie man die bereits erreichte Stufe der inneren Reife der Revolution in Taten und Machtverhältnisse umsetzt. Nichts hat diese Schwächen und Mängel so krass aufgezeigt wie die letzten drei Tage.

Die Regierung Ebert-Scheidemann hinwegräumen heißt nicht, ins Reichskanzlerpalais stürmen und die paar Leute verjagen oder festnehmen, es heißt vor allem, sämtliche tatsächliche Machtpositionen ergreifen und sie auch festhalten und gebrauchen.

Was haben wir aber in diesen drei Tagen erlebt? Alles, was wirklich an Positionen erobert worden ist: die Wiederbesetzung des Polizeipräsidiums, die Besetzung des Vorwärts, die Besetzung des WTB und der bürgerlichen Redaktionen, das alles war spontanes Werk der Massen. Was haben die Körperschaften daraus gemacht, die in diesen Tagen an der Spitze der Massen standen oder zu stehen vorgaben: die revolutionären Obleute und der Zentralvorstand der USP von Groß-Berlin? Die allerelementarsten Regeln der revolutionären Aktion haben sie vernachlässigt, als da sind:

1. Wenn die Massen den Vorwärts besetzen, dann ist es Pflicht der revolutionären Obleute und des Zentralvorstands der USP von Groß-Berlin, die ja offiziell die Berliner Arbeiterschaft zu vertreten vorgeben, für sofortige Redaktionsführung im Sinne der revolutionären Arbeiterschaft Berlins zu sorgen. Wo sind denn die Redakteure geblieben? Was machen Däumig, Ledebour – Journalisten und Redakteure von Ruf und Beruf, die ja jetzt als die Linke der USP gar kein Organ besitzen, warum ließen sie die Massen im Stich? War es etwa dringenderes Geschäft, zu „beraten“, anstatt zu taten?

2. Wenn die Massen das Wolffsche Telegraphenbüro besetzen, dann ist es nächste Pflicht der revolutionären Organe der Arbeiterschaft, sich des Telegraphenbüros für die Sache der Revolution zu bedienen, der Öffentlichkeit, den Massen der Genossen im Reich Nachricht zu geben über Dinge, die in Berlin vorgehen, sie über die Situation zu orientieren. Nur auf diese Weise kann geistiger Zusammenhang zwischen der Berliner Arbeiterschaft und der revolutionären Bewegung im ganzen Reiche hergestellt werden, ohne den die Revolution weder hier noch dort siegen kann.

3. Wenn man gegen die Ebert-Scheidemannsche Regierung im schärfsten Kampfe steht, knüpft man nicht zugleich „Verhandlungen“ mit dieser selben Regierung an. Mögen die Haase-Leute: Oskar Cohn, die Zietz, Kautsky, Breitscheid und wie alle die schwankenden Gestalten heißen, jede Gelegenheit ergreifen, um mit den Ebert-Leuten, von denen sie sich schweren Herzens getrennt haben, schleunigst wieder Fäden anzuknüpfen. Die revolutionären Obleute ihrerseits, sie, die mit den Massen Fühlung haben, wissen sehr wohl, dass Ebert-Scheidemann Todfeinde der Revolution sind. Führt man mit einem Todfeind Verhandlungen? Diese Verhandlungen können ja nur zu zweierlei führen: entweder zu einem Kompromiss oder – was sicherer – bloß zu einer Verschleppung, die von den Ebert-Leuten ausgenutzt wird, um die brutalsten Gewaltmaßnahmen vorzubereiten.

4. Wenn die Massen auf die Straße gerufen werden, um in Alarmbereitschaft zu sein, dann muss ihnen klar und deutlich gesagt werden, was sie zu tun haben, oder mindestens, was vorgeht, was von Freund und Feind getan und geplant wird. In Zeiten der revolutionären Krise gehören die Massen selbstverständlich auf die Straße. Sie sind der einzige Hort, die einzige Sicherheit der Revolution. Wenn die Revolution in Gefahr ist – und das ist sie jetzt in höchstem Maße! –, dann ist es Pflicht der proletarischen Massen, dort auf der Wacht zu sein, wo ihre Macht zum Ausdruck kommt: auf der Straße! Schon ihre Anwesenheit, ihr Kontakt miteinander ist eine Drohung und eine Warnung an alle offenen und versteckten Feinde der Revolution: Hütet euch!

Aber die Massen müssen eben nicht bloß gerufen, sondern auch politisch tätig sein. Sie müssen über alles, was getan und gelassen wird, zur Entscheidung gerufen werden. Haben die revolutionären Obleute, hat der Zentralvorstand der USP Groß-Berlins nicht für nötig gehalten, mit dem Entschluss, sich in „Verhandlungen“ mit Ebert-Scheidemann einzulassen, vor die in der Siegesallee versammelten Massen zu treten? Sie hätten eine so dröhnende Antwort zu hören bekommen, dass ihnen jede Lust zu Unterhandlungen vergangen wäre!

Die Massen sind bereit, jede revolutionäre Aktion zu unterstützen, für die Sache des Sozialismus durch Feuer und Wasser zu gehen. Man möge ihnen klare Parolen geben, eine konsequente, entschlossene Haltung weisen. Der Idealismus der Arbeiterschaft, die Revolutionstreue der Soldaten können nun durch Entschlossenheit und Klarheit der führenden Organe und ihrer Politik gestärkt werden. Und das ist heute eine Politik, die kein Schwanken, keine Halbheit, sondern nur das Leitmotiv kennt: Nieder mit Ebert-Scheidemann! Noch eine Lehre!

Deutschland war das klassische Land der Organisation und noch mehr des Organisationsfanatismus, ja des Organisationsdünkels. Um „Organisation“ willen hatte man den Geist, die Ziele, die Aktionsfähigkeit der Bewegung preisgegeben. Und was erleben wir heute? In den wichtigsten Momenten der Revolution versagt vorerst das gerühmte „Organisationstalent“ in kläglichster Weise. Revolutionäre Aktionen zu organisieren ist eben noch ganz was anderes, als Reichstagswahlen oder Gewerbegesichtswahlen nach Schema F zu „organisieren“. Die Organisation der revolutionären Aktionen muss und kann eben nur in der Revolution selbst gelernt werden, wie das Schwimmen nur im Wasser gelernt wird. Dazu ist die geschichtliche Erfahrung da! Aber man soll eben aus der Erfahrung auch lernen.

Die Erfahrung der letzten drei Tage ruft den führenden Organen der Arbeiterschaft mit lauter Stimme zu: Redet nicht! Beratet nicht ewig! Unterhandelt nicht! Handelt!“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1919/01/verpflicht.htm

 

11.01.1919 Das Versagen der Führer

 

„Die Dinge in Berlin haben eine Wendung genommen, die die schärfste Kritik und die ernsteste Überlegung der Arbeitermassen herausfordern.

Wir haben im Laufe der letzten Tage mehrmals offen und deutlich ausgesprochen, daß die Führung der Berliner Massenbewegung sehr viel an Entschlossenheit, Tatkraft und revolutionärem Elan vermissen ließ. Wir haben klar herausgesagt, daß die Führung hinter der Reife und der Kampfbereitschaft der Massen weit zurücksteht. Wir haben sowohl innerhalb dieser führenden Körperschaften durch Initiative und Überredung, wie außerhalb – in der Roten Fahne – durch Kritik alles getan, um die Bewegung vorwärtszutreiben, um die revolutionären Obleute der Großbetriebe zum tatkräftigen Auftreten anzuspornen.

Doch alle Anstrengungen und Versuche sind schließlich an dem zaghaften und schwankenden Verhalten jener Körperschaft gescheitert. Nachdem man vier Tage lang die prächtigste Stimmung und Kampfenergie der Massen durch völlige Direktionslosigkeit hatte verzetteln und verpuffen lassen, nachdem man durch zweimalige Anknüpfung der Unterhandlungen mit der Regierung Ebert-Scheidemann die Aussichten des revolutionären Kampfes aufs schwerste erschüttert und die Position der Regierung aufs wirksamste gestärkt hatte, entschlossen sich die revolutionären Obleute endlich in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag zum Abbruch der Unterhandlungen und zur Aufnahme des Kampfes auf der ganzen Linie. Die Parole Generalstreik wurde ausgegeben und der Ruf: Zu den Waffen!

Das war aber auch die einzige Leistung, zu der sich die revolutionären Obleute aufgerafft haben.

Es versteht sich von selbst, daß, wenn man die Parole zum Generalstreik und zur Bewaffnung in die Massen wirft, man alles tun muß, um die energischste Durchführung der Parole zu sichern. Nichts dergleichen ist von den Obleuten unternommen worden! Sie beruhigten sich bei der nackten Parole und – beschlossen gleich am Donnerstag abend, zum dritten Male in Unterhandlungen mit Ebert-Scheidemann einzutreten!

Diesmal gab die Einigungsbewegung, die unter den Arbeitern der Schwartzkopff-Leute und einiger anderer Großbetriebe in Fluß gekommen ist, den erwünschten Vorwand, um den eben in aller Form eingeleiteten Kampf wieder abzubrechen. Die Arbeiterschaft der Schwartzkopff-Werke, der AEG, der Knorr-Bremse gehört zu den Kerntruppen des Berliner revolutionären Proletariats, und ihre besten Absichten unterliegen gar keinem Zweifel. Die Arbeiterschaft ist aber in diesem Falle selbst das Objekt einer Mache, deren Drahtzieher die Haase-Leute: Oskar Cohn, Dittmann und andere sind. Indem diese Leute in demagogischster Weise mit den beliebten Schlagworten »Einigkeit«, »kein Blutvergießen« arbeiten, suchen sie die Kampfenergie der Massen zu lähmen, Verwirrung zu säen und die entscheidende Revolutionskrise in einem faulen Kompromiß mit der Gegenrevolution aufzulösen.

Es ist für jeden, der nicht getäuscht werden will, klar, daß dieser Einigungsrummel, den die USP inszeniert hat, der denkbar größte Dienst ist, den man in der gegenwärtigen Situation den Ebert-Scheidemann erweisen konnte. Selbst in der Luft hängend, vor der waghalsigen Kraftprobe mit der Arbeiterschaft zitternd, von den schwankenden Truppen nur noch halb und widerwillig gestützt, von der Bourgeoisie mißtrauisch angeknurrt, erlebten die Verräter des Sozialismus in den letzten Tagen die schwersten Stunden ihrer kurzen Regierungsherrlich[keit]. Das wuchtige Auftreten der Massen auf der Straße, die Wendung, die die eigene brutale Provokation der Regierung in der Eichhorn-Sache genommen hat, war diesen Abenteurern über den Kopf gewachsen. Schon gaben sie sich halb verloren: das zeigte deutlich die ganze Unentschlossenheit, die tastende Unsicherheit ihrer gegenrevolutionären Maßnahmen in den letzten Tagen.

Da kamen ihnen als rettende Frist die Unterhandlungen und schließlich die Einigungsbewegung. Die USP erwies sich hier wieder als der rettende Engel der Gegenrevolution. Haase-Dittmann sind von der Regierung Eberts zurückgetreten, aber sie setzen auf der Straße dieselbe Politik des Feigenblatts der Scheidemänner fort.

Und die Linke der USP unterstützt und macht diese Politik mit! Die Bedingungen für die neuerdings beschlossenen Unterhandlungen mit der Regierung, die von den revolutionären Obleuten angenommen wurden, sind von Ledebour formuliert. Man verlangt von dieser Seite als Preis für die Kapitulation der Arbeiter unter anderem den Rücktritt der Personen Eberts, Scheidemanns, Noskes und Landsbergs von der Regierung. Als ob es sich hier um Personen, nicht um eine bestimmte Politik handelte! Als ob es nicht auf eine bloße Verwirrung und Irreführung der Massen hinausliefe, die typischen und berufenen Vertreter der infamen Politik der Scheidemänner von der Vorderbühne wegzuschieben und durch irgendwelche farblose Statisten zu ersetzen, die nur Strohmänner derselben Politik bleiben, während die Ebert-Scheidemann hinter den Kulissen als Drahtzieher wirken und sich so dem Gericht der Massen entziehen!

So oder anders läuft die ganze von der USP eingeleitete, von den revolutionären Obleuten mitgemachte Unterhandlungspolitik auf eine Kapitulation der revolutionären Arbeiterschaft, auf Vertuschung der inneren Gegensätze und Widersprüche hinaus. Es ist die Politik des 9. November, auf die die seit acht Wochen gereifte Situation und politische Eintracht der Massen zurückgeschraubt werden soll!

Die Kommunistische Partei macht diese beschämende Politik selbstverständlich nicht mit und lehnt jede Verantwortung für sie ab. Wir betrachten nach wie vor als unsere Pflicht, die Sache der Revolution vorwärtszutreiben, uns allen Verwirrungsversuchen mit eiserner Energie entgegenzustellen und durch rücksichtslose Kritik die Massen vor den Gefahren der Zauderpolitik der revolutionären Obleute wie der Sumpfpolitik der USP zu warnen.

Die Krise der letzten Tage ruft den Massen Lehren von höchster Wichtigkeit und Dringlichkeit zu. Der bisherige Zustand der mangelnden Führung, des fehlenden Organisationszentrums der Berliner Arbeiterschaft ist unhaltbar geworden. Soll die Sache der Revolution vorwärts gehen, soll der Sieg des Proletariats, soll der Sozialismus mehr als ein Traum bleiben, dann muß sich die revolutionäre Arbeiterschaft führende Organe schaffen, die auf der Höhe sind, die die Kampfenergie der Massen zu leiten und zu nutzen verstehen. Vor allem aber muß die nächste Zeit der Liquidierung der USP, dieses verwesenden Leichnams gewidmet werden, dessen Zersetzungsprodukte die Revolution vergiften. Die Auseinandersetzung mit der Kapitalistenklasse gestaltet sich in Deutschland in erster Linie als Abrechnung mit den Scheidemann-Ebert, die die Schutzwand der Bourgeoisie sind. Und die Abrechnung mit den Scheidemännern setzt voraus die Liquidierung der USP, die als Schutzwand der Ebert-Scheidemann fungiert.

Klarheit, schärfster, rücksichtsloser Kampf allen Vertuschungs-, Vermittlungs-, Versumpfungsversuchen gegenüber, Zusammenballung der revolutionären Energie der Massen und Schaffung entsprechender Organe zu ihrer Führung im Kampfe – das sind die brennendsten Aufgaben der nächsten Periode, das sind die bedeutsamen Lehren aus den letzten fünf Tagen wuchtigster Anläufe der Massen und kläglichsten Versagens der Führer.“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1919/01/versagen.htm

 

13.01.1919 Kartenhäuser

 

„Auf rauchenden Trümmern, zwischen Blutlachen und Leichen hingemordeter „Spartakisten“ beeilen sich die Helden der „Ordnung“, ihre Herrschaft neu zu befestigen. Die Ebert-Regierung rafft sich krampfhaft zu einer Konsolidierung ihrer Macht auf: auf Bajonetten will sie nunmehr sitzen. Ebert hält ganz nach Cäsarenmuster eine Revue der Gardetruppen ab und hält eine Ansprache an sie, stattet im Angesicht der Toten und Verwundeten auf dem Pflaster Berlins „den tapferen Truppen den Dank der Regierung“ ab, und weist ihnen als Aufgabe die Sicherung der Nationalversammlung mit Waffengewalt zu. Der „Oberbefehlshaber“ Noske nimmt in seinem Tagesbefehl vom 11. die alten bekannten Register der Hindenburg, von Kessel und all der Schergen des Hohenzollernregimes auf: „Im Osten plündern spartakistische Banden im Auto mit vorgehaltenem Revolver ein Haus ums andere ... Die letzte Maske, als handle es sich um eine politische Bewegung, ist gefallen, Raub und Plünderung entpuppt sich als letztes und einziges Ziel des Aufruhrs“ ... Die Geduld der Regierung sei erschöpft, und nun sollen die „starke Artillerie“ und die Maschinengewehre ihr Wort reden. „Die Einigkeit der Arbeiterklasse muß gegen Spartakus erfolgen“, schließt der blutbefleckte Emporkömmling.

So hoffen die Scheidemänner mit materieller Hilfe des gegenrevolutionären Militärs und mit moralischer Unterstützung des Bürgertums auf den Leichen der Berliner revolutionären Arbeiter ihre Regierungsgewalt neu aufzurichten.

Diese Rechnung hat aber ein Loch. Die Militärs, das Bürgertum, die heute den Ebert-Scheidemann aus der Patsche helfen, wollen selber die Früchte der blutigen Ernte genießen. Diese Elemente wollten die „sozialistische“ Regierung nur so lange unterstützen, als sie glauben konnten, durch die falsche Flagge die proletarischen Massen im Zaume halten zu können, durch „moralische“ Wirkung die Revolution, den Sozialismus zu erdrosseln. Nun ist der Bann gebrochen. Die letzte Woche hat den Abgrund aufgerissen, der zwischen der Ebertschen Regierung und der Revolution gähnt. Heute ist es klar, daß Ebert-Scheidemann nur durch Bajonette herrschen können. Ist dem aber so, dann will das Bajonett auch ohne Ebert-Scheidemann herrschen. Das Bürgertum geht aufs Ganze und schreit nach offener Proklamierung der Säbeldiktatur, nach gänzlicher Wiederherstellung der alten „Ordnung“:

Die Aufrührer gehören vor das Standgericht oder in das Zuchthaus“ – ruft heiser die Tägliche Rundschau – „und ihnen gehört nicht die Freiheit ... Die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung muß bis ins Kleinste durchgeführt werden; die Polizei, die es seit dem 9. November kaum noch gegeben hat, muß in ihrem alten Umfange und in ihrer alten Bedeutung wiederhergestellt, die Schutzmannschaft muß wiederum bewaffnet und ihr Machtvollkommenheit zugewiesen werden.“

Gleichzeitig erklärt der Leiter der Noske-Garde, Oberst Reinhardt: er werde das Standrecht verhängen, er habe von niemand – auch nicht von der Regierung – Befehle entgegenzunehmen, er sei Soldat und habe selbständig zu bestimmen. Und das 3. Garde-Regiment erklärt auf eigene Faust, es sei „entschlossen“, die Nationalversammlung „mit Waffengewalt zustande zu bringen“. In Berlin und den Vororten nehmen Offiziere auf eigene Faust Verhaftungen vor.

So rebelliert das gegenrevolutionäre Offizierskorps gegen die Regierung Eberts und läßt sie deutlich verstehen, daß die Sache umgekehrt gemeint war: die Ebert-Scheidemann sollten für die Bourgeoisie Kastanien aus dem Feuer holen und nicht die Bourgeoisie für die Ebert-Scheidemann. Kommt es dazu, daß die Bourgeoisie die „sozialistische“ Regierung vor der revolutionären Arbeiterschaft retten muß, dann ist das Spiel aus, dann denkt die Bourgeoisie wohl nicht ohne Grund, daß sie für die Säbeldiktatur befähigtere Kandidaten hat als die Emporkömmlinge Ebert und Noske.

Auf der dritten Seite aber sucht die Haase-Partei die Krise zur Aufrichtung einer Koalitionsregierung „aller sozialistischen Richtungen“ zu verwerten, getreu der Feigenblattpolitik Haases alle inneren Widersprüche der Revolution im unterschiedslosen Brei zu ertränken, alle Gegensätze zu vertuschen, die Kampfenergie der Massen im faulen Kompromiß aufzulösen. Nur die „kompromittierten Führer“, die Ebert, Scheidemann, Landsberg, Noske, sollen von der Bühne abtreten, nur ein Personenwechsel soll stattfinden, die Scheidemannsche Politik aber soll nach wie vor am Ruder bleiben und mit ihr sollen „alle sozialistischen Richtungen“ eine gemeinsame Regierung bilden.

Da die „Spartakisten“ heute, angesichts der Leichen hingemordeter Proletarier, angesichts der Blutorgien der Scheidemänner, noch zehnmal mehr als je für diese erbärmlichste Politik des Kompromisses und des Verrats an der Sache der Revolution nur einen Blick der Verachtung und die geballte Faust übrig haben, so läuft die Phrase der Haase-Leute von der Koalition „aller sozialistischen Richtungen“ in Wirklichkeit auf die frühere bekannte Kombination: Scheidemänner und Unabhängige hinaus. Die Wiederauferstehung der Regierung Ebert-Haase unter neuen Personennamen: das ist alles, worauf der große „Einigungs“rummel der USP hinaus will. Und je kräftiger man auf die Ebert-Scheidemann heute in der „Freiheit“ schimpft, um so sicherer bereitet man unter dieser Scheinkanonade den schmählichen Umfall der USP vor, die trotz aller Lehren, trotzdem sie schon gezwungen war, am 28. Dezember das Kompaniegeschäft mit den Scheidemännern aufzugeben, einfach zu diesem Geschäft – nur unter anderen Firmenträgern – zurückkehren will.

So ergeben sich aus der gegenwärtigen Krise drei Kombinationen:

- Die Ebert-Scheidemann wollen den status quo, ihre eigene Herrschaft auf Bajonette der Bourgeoisie gestützt weiter erhalten,

- die USP will die Entwicklung auf den 9. November, auf eine Regierung Ebert-Haase unter anderem Namen zurückschrauben,

- die Bourgeoisie endlich will die Dinge auf den Stand vor dem 9. November, auf die nackte Säbeldiktatur rückwärtsrevidieren.

Alle drei Kombinationen sind Kartenhäuser schon deshalb, weil sie alle drei auf überholte, überwundene Etappen hinauslaufen. Die Revolution läßt sich nicht zurückschrauben, nicht zurückrevidieren, weder auf den 9. November noch viel weniger auf die schönen Zeiten vor dem 9. November, und ebensowenig läßt sie sich unter Eberts Zepter auf einem toten Punkt festnageln.

Der ganze politische Sinn und historische Inhalt der Krise dieser letzten Woche liegt gerade darin, daß die Revolution durch ihre innere Kraft und logische Entwicklung vorwärtsgetrieben wird, um mit der Machteroberung des Proletariats, mit der Verwirklichung des Sozialismus Ernst zu machen, während sich ihr heute noch hemmende Momente auf Schritt und Tritt in den Weg stellen. Mögen diese gegnerischen Kräfte für den Augenblick durch rohe Gewaltmittel Oberhand gewinnen: den weiteren Entwicklungsgang, den Siegeszug der Revolution aufzuhalten, sind sie völlig machtlos.

Und das kommt am besten in der Tatsache zum Ausdruck, daß keine einzige Kombination auf den Trümmern dieser Woche aufgerichtet werden kann, die von irgendwelcher Dauerhaftigkeit wäre. Was auch morgen oder übermorgen als Ergebnis und Lösung der Krise zustande kommen mag: es wird ein Provisorium, es wird ein Kartenhaus sein. Mag die nackte Gewalt der Maschinengewehre oder die Zweideutigkeit des Verschleierungsplanes der USP die Oberhand gewinnen, – nach kürzester Zeit werden die Urgewalten der Revolution: die wirtschaftlichen Kämpfe, einen Strich durch all diese Rechnungen machen. Die Revolution wird wieder und immer wieder das Grundproblem: die Generalabrechnung zwischen Arbeit und Kapital auf die Tagesordnung stellen. Und diese Abrechnung ist eine welthistorische Auseinandersetzung zwischen zwei Todfeinden, die nur in einem langen Machtkampf, Auge in Auge, Brust gegen Brust ausgefochten werden kann.

Kaum werden die Trümmer und die Leichen dieser jüngsten Episode hinweggetragen werden, tritt die Revolution an diese ihre unermüdliche Tagesarbeit wieder. Die „Spartakisten“ gehen ihren Weg mit unerschütterlicher Festigkeit weiter. Die Zahl der von ihnen gebrachten Opfer wächst mit jeder Woche, die Zahl ihrer Anhänger wächst aber hundertfach. Unter dem Belagerungszustand des Krieges füllten sie Gefängnisse und Zuchthäuser, unter der „sozialistischen“ Regierung Ebert-Scheidemann füllen sie die Gräber im Friedrichshain. Aber um die Fahne des rücksichtslosen revolutionären Kampfes scharen sich immer dichter die Massen des Proletariats. Mögen sich momentan einzelne Schichten von der Demagogie und der Phrase der „Einigung“ berauschen und einfangen lassen: desto fester und treuer werden sie morgen schon, nach neuer Enttäuschung und Ernüchterung wieder zu der einzigen Partei stehen, die keine Kompromisse, keine Schwankungen kennt, die ihren historisch vorgezeichneten Weg geht, ohne nach rechts oder nach links zu schauen, ohne den Feind und die Gefahren zu zählen – bis zum Siege.“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1919/01/karten.htm

 

14.01.1919 Die Ordnung herrscht in Berlin

 

„„Ordnung herrscht in Warschau!“ teilte der Minister Sebastiani im Jahre 1831 in der Pariser Kammer mit, als Paskiewitschs Soldateska nach dem furchtbaren Sturm auf die Vorstadt Praga in der polnischen Hauptstadt eingerückt war und ihre Henkerarbeit an den Aufständischen begonnen hatte.

Ordnung herrscht in Berlin!“ verkündet triumphierend die bürgerliche Presse, verkünden Ebert und Noske, verkünden die Offiziere der „siegreichen Truppen“, denen der Berliner kleinbürgerliche Mob in den Straßen mit Tüchern winkt, mit Hurra! zujubelt. Der Ruhm und die Ehre der deutschen Waffen sind vor der Weltgeschichte gerettet. Die jämmerlich Geschlagenen von Flandern und den Argonnen haben ihren Ruf wiederhergestellt durch den glänzenden Sieg – über die 300 „Spartakisten“ im Vorwärts. Die Zeiten des ersten ruhmreichen Eindringens deutscher Truppen in Belgien, die Zeiten Generals von Emmich, des Bezwingers von Lüttich, erblassen vor den Taten der Reinhardt und Gen. in den Straßen Berlins. Niedergemetzelte Parlamentäre, die über die Übergabe des Vorwärts verhandeln wollten und von der Regierungs-Soldateska mit Kolben bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet wurden, so daß die Rekognoszierung ihrer Leichen unmöglich ist, Gefangene, die an die Wand gestellt und in einer Weise hingemordet werden, daß Schädel und Hirn herumspritzen: Wer denkt da noch angesichts so glorreicher Taten an die schmählichen Niederlagen vor den Franzosen, Engländern und Amerikanern? „Spartakus“ heißt der Feind und Berlin der Ort, wo unsere Offiziere zu siegen verstehen. Noske, der „Arbeiter“, heißt der General, der Siege zu organisieren weiß, wo Ludendorff versagt hat.

Wer denkt da nicht an den Siegesrausch der „Ordnungs“meute in Paris, an das Bacchanal der Bourgeoisie auf den Leichen der Kommunekämpfer, derselben Bourgeoisie, die eben erst vor den Preußen erbärmlich kapituliert und die Hauptstadt des Landes dem äußeren Feinde preisgegeben hatte, um selbst, wie die letzten Feiglinge, Fersengeld zu geben! Aber gegen die schlecht bewaffneten ausgehungerten Pariser Proletarier, gegen ihre wehrlosen Weiber und Kinder – wie flammte da wieder der Mannesmut der Bourgeoissöhnchen, der „goldenen Jugend“, der Offiziere auf! Wie tobte sich da die Tapferkeit der vor dem äußeren Feind zusammengeknickten Marssöhne in bestialischen Grausamkeiten an Wehrlosen, an Gefangenen, an Gefallenen aus!

„Ordnung herrscht in Warschau!“ „Ordnung herrscht in Paris!“ „Ordnung herrscht in Berlin!“ So laufen die Meldungen der Hüter der „Ordnung“ jedes halbe Jahrhundert von einem Zentrum des weltgeschichtlichen Kampfes zum anderen. Und die frohlockenden „Sieger“ merken nicht, daß eine „Ordnung“, die periodisch durch blutige Metzeleien aufrechterhalten werden muß, unaufhaltsam ihrem historischen Geschick, ihrem Untergang entgegengeht. Was war diese letzte „Spartakus-Woche“ in Berlin, was hat sie gebracht, was lehrt sie uns? Noch mitten im Kampf, mitten im Siegesgeheul der Gegenrevolution müssen sich die revolutionären Proletarier über das Geschehene Rechenschaft ablegen, die Vorgänge und ihre Ergebnisse am großen historischen Maßstab messen. Die Revolution hat keine Zeit zu verlieren, sie stürmt weiter – über noch offene Gräber, über „Siege“ und „Niederlagen“ hinweg – ihren großen Zielen entgegen. Ihren Richtlinien, ihren Wegen mit Bewußtsein zu folgen, ist die erste Aufgabe der Kämpfer für den internationalen Sozialismus.

War ein endgültiger Sieg des revolutionären Proletariats in dieser Auseinandersetzung, war der Sturz der Ebert-Scheidemann und eine Aufrichtung der sozialistischen Diktatur zu erwarten? Gewiß nicht, wenn man alle Momente reiflich in Betracht zieht, die über die Frage entscheiden. Die wunde Stelle der revolutionären Sache in diesem Augenblick: die politische Unreife der Soldatenmasse, die sich immer noch von ihren Offizieren zu volksfeindlichen gegenrevolutionären Zwecken mißbrauchen läßt, ist allein schon ein Beweis dafür, daß ein dauernder Sieg der Revolution in diesem Zusammenstoß nicht möglich war. Andererseits ist diese Unreife des Militärs selbst nur ein Symptom der allgemeinen Unreife der deutschen Revolution.

Das platte Land, aus dem ein großer Prozentsatz der Soldatenmasse stammt, ist nach wie vor noch von der Revolution kaum berührt. Berlin ist bislang noch vom Reich so gut wie isoliert. Zwar stehen in der Provinz die revolutionären Zentren – im Rheinland, an der Wasserkante, in Braunschweig, in Sachsen, in Württemberg – mit Leib und Seele auf seiten des Berliner Proletariats. Doch fehlt vorerst noch der unmittelbare Gleichschritt des Vormarsches, die direkte Gemeinsamkeit der Aktion, die den Vorstoß und die Schlagfertigkeit der Berliner Arbeiterschaft unvergleichlich wirksamer gestalten würde. Sodann sind – was nur der tiefere Zusammenhang jener politischen Unfertigkeiten der Revolution – die wirtschaftlichen Kämpfe, die eigentliche vulkanische Quelle, die den revolutionären Klassenkampf fortlaufend speist – erst im Anfangsstadium begriffen.

Aus alledem ergibt sich, daß auf einen endgültigen dauernden Sieg in diesem Augenblick noch nicht gerechnet werden konnte. War deshalb der Kampf der letzten Woche ein „Fehler“? Ja, wenn es sich überhaupt um einen absichtlichen „Vorstoß“, um einen sogenannten „Putsch“ handeln würde! Was war aber der Ausgangspunkt der letzten Kampfwoche? Wie in allen bisherigen Fällen, wie am 6. Dezember, wie am 24. Dezember: eine brutale Provokation der Regierung! Wie früher das Blutbad gegen wehrlose Demonstranten in der Chausseestraße, wie die Metzelei gegen die Matrosen, so war diesmal der Anschlag gegen das Berliner Polizeipräsidium die Ursache aller weiteren Ereignisse. Die Revolution operiert eben nicht aus freien Stücken, in einem offenen Blachfeld, nach einem schlau von „Strategen“ zurechtgelegten Plan. Ihre Gegner haben auch die Initiative, ja, sie üben sie in der Regel viel mehr, als die Revolution selbst, aus.

Vor die Tatsache der frechen Provokation seitens der Ebert-Scheidemann gestellt, war die revolutionäre Arbeiterschaft gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Ja, es war Ehrensache der Revolution, sofort den Angriff mit aller Energie abzuschlagen, sollte nicht die Gegenrevolution zu weiterem Vordringen ermuntert, die revolutionären Reihen des Proletariats, der moralische Kredit der deutschen Revolution in der Internationale erschüttert werden.

Der sofortige Widerstand kam auch spontan mit einer so selbstverständlichen Energie aus den Berliner Massen heraus, daß gleich im ersten Anlauf der moralische Sieg auf seiten der „Straße“ blieb.

Nun ist es inneres Lebensgesetz der Revolution, nie beim erreichten Schritt in Untätigkeit, in Passivität stehenzubleiben. Die beste Parade ist ein kräftiger Hieb. Diese elementare Regel jeden Kampfes beherrscht erst recht alle Schritte der Revolution. Es versteht sich von selbst und zeugt von dem gesunden Instinkt, von der inneren frischen Kraft des Berliner Proletariats, daß es sich nicht bei der Wiedereinsetzung Eichhorns in sein Amt beruhigte, daß es spontan zur Besetzung anderer Machtposten der Gegenrevolution: der bürgerlichen Presse, des offiziösen Nachrichtenbüros, des Vorwärts schritt. Alle diese Maßnahmen ergaben sich bei der Masse aus der instinktiven Erkenntnis, daß sich die Gegenrevolution ihrerseits bei der davongetragenen Niederlage nicht beruhigen, sondern auf eine allgemeine Kraftprobe ausgehen wird.

Auch hier stehen wir vor einem der großen historischen Gesetze der Revolution, gegen die alle Klügeleien und Besserwissereien jener kleinen „Revolutionäre“ vom Schlage der USP zerschellen, die in jedem Kampfe nur nach Vorwänden zum Rückzug haschen. Sobald das Grundproblem der Revolution klar aufgestellt worden ist – und das ist in dieser Revolution der Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann als des ersten Hindernisses für den Sieg des Sozialismus –, dann taucht dieses Grundproblem immer wieder in seiner ganzen Aktualität auf, und jede einzelne Episode des Kampfes rollt mit der Fatalität eines Naturgesetzes das Problem in seinem vollen Umfang auf, mag die Revolution zu seiner Lösung noch so unvorbereitet, mag die Situation noch so unreif sein. „Nieder mit Ebert-Scheidemann!“ – diese Losung taucht unausweichlich in jeder Revolutionskrise auf, als die einzig erschöpfende Formel aller partiellen Konflikte, und treibt dadurch von selbst, durch ihre innere objektive Logik, ob man es will oder nicht, jede Kampfepisode auf die Spitze.

Aus diesem Widerspruch zwischen der Zuspitzung der Aufgabe und den mangelnden Vorbedingungen zu ihrer Lösung in einer anfänglichen Phase der revolutionären Entwicklung ergibt sich, daß die Einzelkämpfe der Revolution formell mit einer Niederlage enden. Aber die Revolution ist die einzige Form des „Krieges“ – auch dies ihr besonderes Lebensgesetz –, wo der Endsieg nur durch eine Reihe von „Niederlagen“ vorbereitet werden kann!

Was zeigt uns die ganze Geschichte der modernen Revolutionen und des Sozialismus? Das erste Aufflammen des Klassenkampfes in Europa: der Aufruhr der Lyoner Seidenweber 1831, endete mit einer schweren Niederlage. Die Chartistenbewegung in England – mit einer Niederlage. Die Erhebung des Pariser Proletariats in den Junitagen 1848 endete mit einer niederschmetternden Niederlage. Die Pariser Kommune endete mit einer furchtbaren Niederlage. Der ganze Weg des Sozialismus ist – soweit revolutionäre Kämpfe in Betracht kommen – mit lauter Niederlagen besät. Und doch führt diese selbe Geschichte Schritt um Schritt unaufhaltsam zum endgültigen Siege! Wo wären wir heute ohne jene „Niederlagen“, aus denen wir historische Erfahrung, Erkenntnis, Macht, Idealismus geschöpft haben! Wir fußen heute, wo wir unmittelbar bis vor die Endschlacht des proletarischen Klassenkampfes herangetreten sind, geradezu auf jenen Niederlagen, deren keine wir missen dürfen, deren jede ein Teil unserer Kraft und Zielklarheit ist.

Es ist da mit Revolutionskämpfen das direkte Gegenteil der parlamentarischen Kämpfe. Wir hatten in Deutschland binnen vier Jahrzehnten lauter parlamentarische „Siege“, wir schritten geradezu von Sieg zu Sieg. Und das Ergebnis war bei der großen geschichtlichen Probe am 4. August 1914: eine vernichtende politische und moralische Niederlage, ein unerhörter Zusammenbruch, ein beispielloser Bankerott. Die Revolutionen haben uns bis jetzt lauter Niederlagen gebracht, aber diese unvermeidlichen Niederlagen häufen gerade Bürgschaft auf Bürgschaft des künftigen Endsieges.

Allerdings unter einer Bedingung! Es fragt sich, unter welchen Umständen die jeweilige Niederlage davongetragen wurde: Ob sie sich dadurch ergab, daß die vorwärtsstürmende Kampfenergie der Massen an die Schranke der mangelnden Reife der historischen Voraussetzungen geprallt, oder aber dadurch, daß die revolutionäre Aktion selbst durch Halbheit, Unentschlossenheit, innere Schwächen gelähmt war.

Klassische Beispiele für beide Fälle sind einerseits die französische Februarrevolution, andererseits die deutsche Märzrevolution. Die heldenmütige Aktion des Pariser Proletariats im Jahre 1848 ist der lebendige Quell der Klassenenergie für das ganze internationale Proletariat geworden. Die Jämmerlichkeiten der deutschen Märzrevolution hingen der ganzen modernen deutschen Entwicklung wie eine Fußkugel an. Sie wirkten durch die besondere Geschichte der offiziellen deutschen Sozialdemokratie bis in die jüngsten Vorgänge der deutschen Revolution – bis in die eben erlebte dramatische Krise nach.

Wie erscheint die Niederlage dieser sogenannten „Spartakuswoche“ im Lichte der obigen historischen Frage? War sie eine Niederlage aus stürmender Revolutionsenergie und unzulänglicher Reife der Situation, oder aber aus Schwächlichkeit und Halbheit der Aktion?

Beides! Der zwiespältige Charakter dieser Krise, der Widerspruch zwischen dem kraftvollen, entschlossenen offensiven Auftreten der Berliner Massen und der Unentschlossenheit, Zaghaftigkeit, Halbheit der Berliner Führung ist das besondere Kennzeichen dieser jüngsten Episode.

Die Führung hat versagt. Aber die Führung kann und muß von den Massen und aus den Massen heraus neu geschaffen werden. Die Massen sind das Entscheidende, sie sind der Fels, auf dem der Endsieg der Revolution errichtet wird. Die Massen waren auf der Höhe, sie haben diese „Niederlage“ zu einem Glied jener historischen Niederlagen gestaltet, die der Stolz und die Kraft des internationalen Sozialismus sind. Und darum wird aus dieser „Niederlage“ der künftige Sieg erblühen.

„Ordnung herrscht in Berlin!“ Ihr stumpfen Schergen! Eure „Ordnung“ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon „rasselnd wieder in die Höh’ richten“ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden:

Ich war, ich bin, ich werde sein!“

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1919/01/ordnung.htm

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm