Um es vorwegzunehmen: nein, das Jüdische Museum in Berlin ist nicht anti-israelisch, sondern leistet vorzügliche Arbeit. Die israelische Regierung ist da jedoch anderer Ansicht, indem sie die deutsche Regierung auffordert, dem Jüdischen Museum neben anderen ihr missliebigen Organisationen Gelder zu entziehen.

 

Das Papier

 

Sybille Fuchs: „Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der deutsch-israelischen Regierungskonsultation Anfang Oktober ein Papier überreicht, das die Einstellung der finanziellen Förderung des Jüdischen Museums in Berlin verlangt. Ausgerechnet dem Jüdischen Museum werden „Anti-Israel-Aktivitäten“ nachgesagt, weil es sich auch um den Dialog mit Muslimen und anderen Religionsgemeinschaften bemüht …

In dem Schreiben Netanjahus wird behauptet: „Das Jüdische Museum in Berlin, das nicht mit der jüdischen Gemeinde verbunden ist, führt häufig Veranstaltungen und Diskussionen mit prominenten BDS-Vertretern durch.“ Außerdem zeige das Museum seit einem Jahr eine Ausstellung mit dem Titel „Welcome to Jerusalem“, in der es vor allem um „das palästinensische Narrativ“ gehe.

Neben dem Jüdischen Museum greift das Schreiben rund ein Dutzend weitere Organisationen und Einrichtungen an, die die Politik der Regierung Netanjahu kritisieren, die israelische Besatzung des Westjordanlands und des Gazastreifen ablehnen, den Dialog zwischen Juden und Palästinensern fördern oder auch nur humanitäre Hilfe für Palästinenser leisten. Es fordert die Bundesregierung auf, die finanzielle Unterstützung dieser „antiisraelischen Organisationen“ einzustellen.

Darunter befinden sich deutsche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Initiativen wie „Brot für die Welt“ von der evangelischen und „Misereor“ von der katholischen Kirche. „Brot für die Welt“ wird vorgeworfen, es fördere Initiativen wie die „Coalition of Women for Peace“, die auch Boykottmaßnahmen gegen Israel unterstützten, sowie „Bet’Selem“, eine israelische Menschenrechtsorganisation, die danach strebe, „die israelische Besatzung zu beenden“; „Misereor“, es unterstütze „Breaking the Silence“, einen Zusammenschluss ehemaliger Soldaten, die die Verletzung von Menschenrechten in den palästinensischen Gebieten kritisieren.

Auch dem Filmfestival Berlinale und der Rosa-Luxemburg-Stiftung der Linkspartei werden „antijüdische Aktivitäten“ vorgeworfen. Die Förderung des Magazins +972 durch die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen widerspreche angeblich israelischen Interessen, da dort schreibende Autoren Israel „regelmäßig“ der Apartheid beschuldigten. Aufgelistet sind in dem Schreiben auch Förderprogramme des Auswärtigen Amts und des Entwicklungsministeriums.

Das Schreiben fordert, die Bundesregierung müsse „eine Überprüfung ihrer Finanzierungsrichtlinien“ vornehmen. Die „deutsche Förderung von NGO´s, die in die inneren Angelegenheiten Israels eingreifen oder Anti-Israel-Aktivitäten fördern“, sei einzigartig. „Wir hätten gern, dass die Bundesregierung ihre weitere finanzielle Unterstützung an den vollständigen Stopp solcher Aktivitäten knüpft.“

Das siebenseitige Schreiben an das Kanzleramt und an das Entwicklungshilfeministerium war bereits Anfang des Monats bekannt geworden, und verschiedene Medien hatten darüber berichtet. Woher das Schreiben genau kam, war aber zunächst nicht geklärt, denn es enthielt weder einen Absender noch eine Unterschrift. Erst jetzt ist bekannt geworden, dass es von Netanjahu persönlich überreicht wurde.

Wie frühere Kampagnen gegen Gegner der israelischen Besatzungspolitik versucht auch diese, die angegriffenen Organisationen mit der BDS-Bewegung in Verbindung zu bringen und als „Antisemiten“ zu denunzieren. So wird der Berlinale vorgeworfen, das Festival empfange „regelmäßig BDS-Aktivisten als Gast“.

Die Kampagne BDS (Boycott, Divestment, Sanctions), die von zahlreichen Künstlern und Kulturschaffenden unterstützt wird, setzt sich gegen die israelische Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens und für die Rechte der Palästinenser ein. Sie ruft – nach dem historischen Vorbild der Aktionen gegen das südafrikanische Apartheitsregime – zum Boykott wirtschaftlicher, kultureller und akademischer Aktivitäten Israels und israelischer Bürger auf.“

https://www.wsws.org/de/articles/2018/12/22/muse-d22.html

Wiebke Diehl: „Einiges Aufsehen erregte in der vergangenen Woche ein Schreiben der israelischen Regierung, das der Taz vorliegt. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, ihre Unterstützung in den besetzten Gebieten tätiger Nichtregierungsorganisationen (NGOs) »grundsätzlich« zu überdenken und »eine Überprüfung ihrer Finanzierungsrichtlinien vorzunehmen«, wie die Taz berichtete. Zugleich würden dem Jüdischen Museum Berlin »antiisraelische Aktivitäten« vorgeworfen. Zwar trage das Schreiben, wie bei Regierungsschreiben üblich, keine Unterschrift. Es sei aber davon auszugehen, dass die Urheberschaft bei der israelischen Regierung liege. Die habe den Brief – unter Umgehung des üblichen Wegs über die eigene Botschaft – direkt ans Bundeskanzleramt und das deutsche Ministerium für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit geschickt.

Die Unterstellung, von nationalen Partnerorganisationen der Bundesregierung geförderte lokale NGOs verfolgten einen antiisraelischen oder gar »antisemitischen« Kurs, ist nicht neu. Im Fokus stehen dabei seit Jahren etwa die Hilfsorganisation Medico International, die Rosa-Luxemburg-Stiftung oder das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt. Deutsche Hilfsorganisationen, die vielfach mit Mitteln des Auswärtigen Amts und des Entwicklungsministeriums vor Ort agieren, kritisieren zwar – genau wie die Bundesregierung selbst – die israelische Besatzungspolitik, kooperieren aber zugleich konsequent vor allem mit solchen israelischen und palästinensischen Organisationen, die sich im Bereich der Versöhnungsarbeit engagieren. Es sind gerade ihre israelischen, in der Friedensbewegung aktiven Partner, deren Handlungsfähigkeit in den letzten Jahren durch immer neue Gesetze massiv eingeschränkt wurde, so etwa durch das »NGO-Gesetz« oder das »Breaking the Silence«-Gesetz.

Die expliziten Anschuldigungen gegen das Jüdische Museum Berlin sind indes ein Novum. Zwar gab es in letzter Zeit immer wieder Kritik an dessen Ausstellungen und Veranstaltungen, entsprechende Äußerungen der israelischen Regierung oder der Botschaft wurden jedoch zuvor nicht bekannt.“

https://www.jungewelt.de/artikel/345676.nahost-kultur-des-verdachts.html

 

Das Jüdische Museum

 

Sybille Fuchs: „Das Jüdische Museum in seinem spektakulären Bau von Daniel Libeskind dokumentiert die jahrhundertelange jüdische Kultur in Deutschland, die die Nazis auszurotten versuchten. Es veranstaltet außerdem Zeitzeugengespräche mit Holocaustüberlebenden, vergibt Preise für Toleranz und Zivilcourage und versucht, seine vielen Hunderttausend Besucher und unzählige Schulklassen für Fragen des Antisemitismus und der Verbrechen des Naziregimes zu sensibilisieren. Es gehört zu den meistbesuchten Museen der deutschen Hauptstadt und ganz Deutschlands. Von seiner Eröffnung 2001 bis Ende 2016 hatte das Museum mehr als 10,8 Millionen Besucher.“

https://www.wsws.org/de/articles/2018/12/22/muse-d22.html

Hier ist die Homepage des Jüdischen Museums in Berlin:

https://www.jmberlin.de/

 

Die Ausstellung

 

Achim Rohde: „Als im Jüdischen Museum Berlin die Planungen für die Themenausstellung „Welcome to Jerusalem“ begannen, die im Dezember 2017 als Ersatz für die in Überarbeitung befindliche Dauerausstellung eröffnet wurde und bis April 2019 laufen wird, war noch nicht absehbar, dass mit Donald Trump ein wahrhaftiger US-Präsident zum wirkungsvollsten Werbeträger für die Ausstellung avancieren würde. Dessen Entscheidung im Dezember 2017, in Abkehr von internationalen Gepflogenheiten und unter Missachtung palästinensischer Ansprüche die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, sowie das weltweite – überwiegend kritische – Echo auf diesen Schritt verdeutlichten einmal mehr den Ausnahmestatus der geschichtsträchtigen Metropole am Rande der Judäischen Wüste, die drei Weltreligionen als heilig gilt und von zwei konkurrierenden Nationalbewegungen als Hauptstadt betrachtet wird.

Der symbolischen und emotionalen Überfrachtung begegnen die beiden Ausstellungsmacherinnen Cilly Kugelmann und Margret Kampmeyer mit einer erstaunlichen, geradezu aufreizenden Gelassenheit, mit Mut zu kuratorischem Eklektizismus und einer dezidiert multiperspektivischen Erzählung, welche widerstreitende politische Ansprüche und wechselnde Machtkonstellationen im historischen Längsschnitt zur Kenntnis nimmt sowie unterschiedlichste kulturelle Einflüsse und lebensweltliche Kontexte porträtiert, ohne dabei für eine bestimmte Seite Partei zu ergreifen. Die über die gesamte Ausstellung verteilten Einspielungen aus dem 2013/14 im Auftrag von arte produzierten monumentalen Dokumentarfilm-Projekt „24h Jerusalem“ von Volker Heise und Thomas Kufus, für das 70 Filmteams einen Tag lang Bewohner/innen Jerusalems in ihrem Alltag begleitet haben, implizieren gleichwohl einen auf die gelebte Gegenwart zielenden Kosmopolitismus als normative Leitlinie dieser Ausstellung: Jerusalem gehört allen, die darin leben. Schön wär’s. So werden Besucher/innen gleich im ersten Ausstellungsraum von drei großformatigen Bildschirmen begrüßt, auf denen wechselnde Alltagsszenen aus verschiedenen Vierteln und sozialen Milieus dieser Stadt präsentiert werden, die heute entlang religiöser, ethnischer und sozio-ökonomischer Bruchlinien und physischer Barrieren stark fragmentiert ist. Im hinteren Teil der Ausstellung läuft die gesamte Dokumentation als Endlosschleife.

Welcome to Jerusalem“ lädt Besucher/innen ein zur Erkundung von 15 Räumen, die eine diachrone Darstellung entlang ausgewählter Themen bieten. Wer einen enzyklopädischen Überblick zur Geschichte Jerusalems erwartet, womöglich Loyalität gegenüber einem bestimmten Narrativ voraussetzt, wird hier enttäuscht. Die Ausstellung funktioniert vielmehr als Anregung zur Auseinandersetzung mit der komplexen Geschichte und widersprüchlichen Realität der Stadt, konfrontiert Besucher/innen mit ihren eigenen Vorstellungen und Projektionen, indem es diese permanent herausfordert. Besondere Aufmerksamkeit gilt der religiösen Bedeutung Jerusalems in allen drei abrahamitischen Traditionen; aber auch die wechselhafte und konfliktträchtige Geschichte der Stadt wird ausgiebig thematisiert. Ein drittes Leitmotiv bilden die erwähnten Einspielungen mit Szenen aus dem Alltagsleben zeitgenössischer Einwohner/innen Jerusalems. Auf insgesamt 1.000 Quadratmetern sind 170 Exponate verteilt, eine wilde Mischung aus Alltagsgegenständen, Stadtplänen, religiösen Utensilien, Kunstwerken (oder deren Repliken) aus verschiedenen Epochen und in unterschiedlichsten Formen, historischen Dokumenten und Filmsequenzen sowie Audio- und Videoinstallationen. Die Zusammenstellung dieser verschiedenen Arten von Exponaten jeweils innerhalb eines Ausstellungsraumes, wiewohl gelegentlich als pragmatische Notlösung erkennbar, erweist sich bei näherem Hinsehen als überaus produktiv, denn die eigenwilligen Arrangements bieten überraschende Eindrücke, erregen spontanen Widerspruch oder Zustimmung, gelegentlich auch ein Schmunzeln, regen auf jeden Fall zum Weiterdenken an. Diesem Zweck dienen auch die eigens für die Ausstellung konzipierten, allwöchentlich angebotenen „Tandem-Führungen“. Dabei werden Besucher/innen gleichzeitig von zwei gut informierten Guides begleitet, die über unterschiedliche biographische Bezüge zu Jerusalem verfügen.

Die religiösen Bedeutungsschichten der Stadt werden in mehreren Räumen thematisiert. Ein einleitender, kartographisch illustrierter Abriss der wechselhaften Siedlungsgeschichte Jerusalems wird gefolgt von einer Darstellung des für die lokale Wirtschaft über die Jahrhunderte lebenswichtigen Pilgertourismus, die sich seltsamerweise vor allem auf christliche Pilger konzentriert. Dies mag derzeit die zahlenmäßig größte Gruppe sein. Doch der heute vergleichsweise geringe Anteil des religiös motivierten muslimischen Tourismus in Jerusalem ist einzig eine Folge restriktiver politischer Rahmenbedingungen. Nebenan rückt Jerusalem als bevorzugter Begräbnisort bei Angehörigen aller drei Religionen in den Blick. Eine detaillierte Betrachtung der Relevanz der „heiligen Stadt“ in Judentum, Christentum und Islam, in deren Zentrum Modelle der herausragenden Jerusalemer Baudenkmäler mit kultischer Bedeutung stehen, bildet einen Schwerpunkt der Ausstellung: Ein Raum wird dominiert von historischen Modellen des Tempelberges mit Felsendom und Al-Aqsa-Moschee sowie der Grabeskirche. Dem antiken jüdischen Tempel und der nach dessen Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n.Chr. einsetzenden Jerusalem-Sehnsucht im rabbinischen Judentum ist ein eigener Raum gewidmet. Dort können Besucher/innen unter anderem eine 3D-Projektion einer Opferzeremonie im Modell des antiken Tempels erleben und eine Teil-Replik des Titusbogens aus der Nähe betrachten. Historische Ölgemälde stehen neben zeitgenössischen Videoinstallationen, und selbst PLO-Poster sind berücksichtigt – ein virtuoses Potpourri, das die zentrale Rolle Jerusalems als Projektionsfläche religiöser und politischer Sehnsüchte durch die Jahrhunderte illustriert, wie überall ergänzt durch Alltagsszenen aus dem Dokumentarfilmprojekt „24h Jerusalem“.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchlebte Jerusalem eine tiefgreifende Transformation von einem verschlafenen Provinznest zu einer schnell wachsenden modernen Stadt, die zunehmend in den Fokus europäischer Mächte rückte – auch Deutschlands. Die Ausstellung vermittelt einen lebhaften, aber kursorischen Eindruck dieser komplexen Geschichte. Es lohnt sich, dazu auch den Katalog zu konsultieren. Das spätosmanische Jerusalem scheint hier dramaturgisch als eine Art kosmopolitischer Sehnsuchtsort zu fungieren, als verschiedenste Communities die Stadt in einer Art temporären Convivencia bewohnten, gleichsam als Kontrastfolie zu den folgenden Räumen, welche den israelisch-palästinensischen Konflikt thematisieren, in dessen Zentrum Jerusalem seit jeher steht: Mit einem weiteren Verweis auf die Bedeutung des Tourismus für die lokale Ökonomie werden ausgewählte historische Ereignisse und Besuche ausländischer Politiker/innen in vier geschichtsträchtigen Luxushotels der Stadt dargestellt, vom Bombenanschlag militanter Zionisten auf das King David Hotel im Jahr 1946 bis zu rezenten Treffen von US-Präsident Trump und Bundeskanzlerin Merkel mit Premierminister Netanjahu. Angenehm beiläufig wird dabei Kontextwissen zur Entwicklung des israelisch-palästinensischen Konfliktes über die Jahrzehnte vermittelt. Im folgenden, einzig durch historische Filmsequenzen auf großflächigen Bildschirmen belebten Raum unternehmen die Kuratorinnen den aussichtslosen Versuch, die wichtigsten Etappen des Konfliktes vom Einmarsch der britischen Armee im Jahr 1918 bis zum Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 auf dokumentarische, quasi neutrale Weise zusammenzufassen, ohne weitere Kommentare. Die Auswahl der Filmsequenzen und O-Töne zentraler Protagonist/innen bietet natürlich dennoch mannigfaltiges Aufregungspotential für Bannerträger/innen der einen oder anderen Seite. Die negativen Kritiken seitens mancher israelischer Rezensent/innen bezogen sich besonders vehement auf diesen Teil der Ausstellung.

Im Begleitprogramm der Akademie des Jüdischen Museums, bestehend aus Filmabenden, Vorträgen und Podiumsdiskussionen, präsentierte unter anderem der Jerusalemer Historiker Menachem Klein seine ins Deutsche übersetzte Mikrogeschichte lokaler Beziehungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Communities, und der israelische Menschenrechtsanwalt Michael Sfard stellte seine Erfahrungen mit israelischen Gerichten zur Diskussion. Doch eine für Juni 2018 angekündigte Veranstaltung mit dem palästinensischen Friedensforscher und LGBTQ-Aktivisten Sa’ed Atshan zum Thema „Being Queer and Palestinian in East-Jerusalem“ musste letztlich an einem anderen Ort stattfinden, weil der Referent auf Druck der israelischen Botschaft in Berlin kurzfristig wieder ausgeladen wurde. Diese Begebenheit verweist auf den mitunter schwierigen Balanceakt, welchen eines der bedeutendsten jüdischen Museen in Europa zu leisten hat, wenn es gegenüber politischen Sensibilitäten auf seiner Eigenständigkeit beharrt.

Für Aufsehen sorgt zudem die Darstellung innerjüdischer Konflikte in der Ausstellung. Drei unterschiedliche, in ihrer politischen Orientierung gegensätzliche jüdische Bewegungen werden porträtiert: Neturei Karta („Wächter der Stadt“) ist eine antizionistische Sekte innerhalb des orthodoxen Judentums, deren Anhänger den Staat Israel als Gotteslästerung ablehnen und diese Meinung auch schon mal im Rahmen eines Treffens mit dem ehemaligen iranischen Präsidenten Ahmedinedjad und auf Konferenzen in Teheran zum Besten gaben. Ne’emanei Har ha-Bayt („Bewegung der Getreuen des Tempelberges“) ist eine rechtsextreme Splittergruppe, die messianisch aufgeladene Phantasien hegt vom Wiederaufbau des jüdischen Tempels anstelle der auf dem Tempelberg seit über 1.000 Jahren existierenden islamischen Sakralbauten. Diese Forderung widerspricht der etablierten jüdischen Theologie: Um das versehentliche Betreten jenes Ortes zu vermeiden, wo sich einst das Allerheiligste des antiken jüdischen Tempels befand, ist gläubigen Jüdinnen und Juden der Weg auf den Tempelberg verboten. Im ehemals dominanten säkularen Zionismus stand die Idee einer Wiedererrichtung des Tempels als Metapher für den Aufbau der Nation. Doch als Folge der Diskursverschiebung in der israelischen Gesellschaft in Richtung national-religiöser Positionen werden in der jüdisch-israelischen Öffentlichkeit heute Forderungen wie diejenigen der Ne’emanei Har ha-Bayt zunehmend als legitim empfunden, die früher allenfalls mit der in den 1980er-Jahren verbotenen Kach-Partei assoziiert wurden. Als liberaler Kontrast wird schließlich die feministische jüdische Bewegung „Women of the Wall“ porträtiert, die von Aktivistinnen aus dem konservativen und reformorientierten Judentum getragen wird. Sie engagiert sich für den freien Zugang von Frauen zur Klagemauer und für ihr Recht, dort eigene Gottesdienste abzuhalten. Aus Sicht der in Israel tonangebenden und politisch einflussreichen orthodoxen Strömung des Judentums sind solche Forderungen inakzeptabel.

Einen weiteren Perspektivwechsel ermöglichen ausgewählte Werke von vier höchst unterschiedlichen Künstler/innen zum Thema Jerusalem und Israel/Palästina: Mit Mona Hatoum hat eine namhafte palästinensische Künstlerin ein Werk zur Ausstellung beigesteuert. Weitere stammen vom 2017 in London verstorbenen, im Rahmen des Kindertransports 1939 geretteten Gustav Metzger sowie von den US-Amerikanern Fazal Sheikh und Andi LaVine Arnovitz. Im hinteren Teil der Ausstellung werden Videoinstallationen der israelischen Künstlerinnen Yael Bartana und Nira Pereg präsentiert. Vier von Dani Levy eigens für die Ausstellung mit 360°/Virtual-Reality-Technik produzierte Kurzfilme sind zwar nicht mehr im Museum, aber noch immer auf arte und beim ZDF einsehbar.

Am Ende werden Besucher/innen dieser gelungenen und gut frequentierten Ausstellung wieder im Hier und Jetzt abgesetzt, indem sie einen Raum voll wechselnder Medienberichte zu aktuellen Ereignissen in und um Jerusalem durchqueren. Auch ein Hinweis auf die vielfältigen, bis heute im Berliner Stadtbild sichtbaren lokalen Bezüge darf nicht fehlen (Jerusalemer Straße, Jerusalemkirche etc.). Nächstes Jahr in Jerusalem?“

https://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-307

Daniel Haas: „Man geht also noch einmal durch die Ausstellung, an der Seite von Cilly Kugelmann. Sie hat «Welcome to Jerusalem» kuratiert, kennt die entscheidenden Kritikpunkte.

Zum Beispiel das Modell des Tempelbergs, hergestellt im Jahr 1879 und ausgeliehen vom Amsterdamer Bibelmuseum. Wieso muss diese Nachbildung des Haram-asch-Scharif-Areals, des heiligen Bezirks des islamischen Jerusalem, so prominent und gross sein? Ist das nicht eine Herabsetzung des Judentums? Neben dem Modell steht eine neue, für die Schau in Auftrag gegebene Nachbildung des herodianischen Tempels. Man kann mit einer Multimediabrille das historische Geschehen, die Gebets- und Opferrituale erleben. Hand aufs Netflix-verwöhnte Herz: Das ist viel anschaulicher und bewegender als das schmucke, aber eben doch sehr museale Gegenstück aus dem 19. Jahrhundert.

Oder die Neujahrskarten aus den 1970er Jahren. Sie zeigen israelische Soldaten, die nach dem Sechstagekrieg an der Klagemauer stehen und stolz in die Kamera schauen. Dass man das Militär mit der religiösen Stätte zusammengebracht hat, ist ebenfalls scharf kritisiert worden. «In den Augen vieler Israeli haben wir mit dieser Darstellung die militärische Aktion der Kritik ausgesetzt», sagt Kugelmann. «Aber wenn ich froh bin, dass die Armee diese Mauer, die vorher unter jordanischer Herrschaft stand, für mich eingenommen und zugänglich gemacht hat, dann kann man das doch auch zeigen!» So verteidigt Kugelmann die politische Dramaturgie der Ausstellung.

Das ist der grösste Kritikpunkt: dass die Religion zugunsten der Politik zurückgedrängt sei in den insgesamt fünfzehn Sälen. Und dass die politische Kommentierung den Palästinensern zu viel Platz einräume. Dass Fotos von Theodor Herzl, dem Begründer des Zionismus, und Yasir Arafat, dem PLO-Chef, nebeneinanderhingen (beide hatten sich gewünscht, in ihrem jeweiligen Staat begraben zu werden, so er denn je zustande komme). Dass man einen Dokumentarfilm namens «Conflict» zeige, projiziert auf einen 360-Grad-Bildschirm, so dass man sich wie eingesperrt fühlt von der Historie. Und in diesem Film wird dann ausgerechnet die Vertreibung und Ermordung von Palästinensern thematisiert.

Und spätestens hier wird klar, dass die Kritiker die Optik falsch justieren. Sie sehen «Welcome to Jerusalem» als einen Kommentar zur Nahostpolitik. In dieser Perspektive ist die Schau vielleicht ein etwas weichgespültes Ausweichmanöver vor einer dezidiert zionistischen Haltung. Oder, böse gesagt, eine Veranstaltung für Islam-Versteher.

Aber dieser Blick geht am Wesentlichen vorbei. «Welcome to Jerusalem» ist eine Ausstellung über das Heilige, darüber, was diese Stadt als heiligen Ort charakterisiert und welche Formen die Liebe zu Gott durch die Geschichte hindurch annehmen kann. Das gilt fürs Judentum ebenso wie für das Christentum und den Islam.

«Ein jüdisches Museum, das seine Aufgabe ernst nimmt, steht wie die Juden selbst nie in einem kontextlosen Raum», hatte Cilly Kugelmann während der Begehung gesagt. Die Schönheit und die historische Tiefe des Judentums begreife man nur im Kontrast und in der Ergänzung mit seinen religiösen Partnern, erklärt diese Ausstellung. Für Gläubige mag das eine Herausforderung sein, vielleicht sogar eine Zumutung. In jedem Fall aber ist es eine Lektion in Toleranz. Allein deshalb hat «Welcome to Jerusalem» alle Förderung verdient. Vor allem die des Publikums.“

https://www.nzz.ch/feuilleton/netanyahu-verstoert-mit-seiner-kritik-am-juedischen-museum-in-berlin-ld.1447654

Paul Ingendaay: „… Die Kritik des israelischen Premierministers dürfte ohnehin auf den Einwänden anderer beruhen, denn er selbst hat die Ausstellung nicht gesehen. Was also sagen die Vorwürfe in der Substanz? Zum Beispiel, dass die Stadt Jerusalem auf „Politik“ reduziert werde. Oder muslimische Monumente größer dargestellt seien als jüdische – was aber auch daran liegen könnte, dass das Areal des Haram asch-Scharif, des heiligen Bezirks des islamischen Jerusalem, den die Schau in einem wertvollen historischen Modell von Conrad Schick aus dem Jahr 1879 zeigt, in der Tat größer ist als die Grabeskirche oder andere Sakralbauten.

Auch die Tatsache, dass biographische Informationstafeln zu Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus, und PLO-Chef Yassir Arafat auf derselben Höhe hängen, hat bei manchen Protest hervorgerufen. Oder dass zur Information von Israels Sieg im Sechstagekrieg die falsche Musik erklingt. Und dass bei den Presseausschnitten zu Jerusalems Gegenwart vor allem „linke“ Zeitungen zu Wort kommen wie „Ha’aretz“, der „Guardian“ und die „New York Times“. Anders gesagt: Kritiker der israelischen Siedlungspolitik.

Eine völlige Parität der Standpunkte kann und wird es nicht geben“, sagt Peter Schäfer zu diesen Vorwürfen. Auseinandersetzung müsse nun einmal sein. Doch es komme darauf an, „nach bestem Wissen und Gewissen alle beteiligten Stimmen zu Gehör zu bringen“ und den Besuchern zu ermöglichen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Dass Kritik in so massiven Druck von außen umschlägt, ist für den Mann, der das JMB seit 2014 leitet, „eine neuere Entwicklung“.“

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/netanjahu-kritisiert-ausstellung-im-juedischen-museum-berlin-15952144.html

 

Weltweite Kampagne

 

„… Israelische Medien berichten, Regierungschef Netanjahu habe dessen Existenz auf Nachfrage nicht dementiert. Man sei mit mehreren Regierungen der Welt im Gespräch über deren finanzielle Unterstützung für israelkritische Organisationen. Diese würden laut einer Stellungnahme der Regierung israelische Soldaten als Kriegsverbrecher bezeichnen, "palästinensischen Terror unterstützen" und zum Boykott des Staates Israel aufrufen.

Gemeint ist vor allem die sogenannte "BDS"-Kampagne, die zu Sanktionen und Desinvestitionen gegen Israel aufruft. Ziel der Kampagne ist es, Druck auf die israelische Regierung auszuüben, damit diese die Lebenssituation der Palästinenser verbessert und die Besetzung des Gazastreifens und des Westjordanlandes beendet. Kritiker werfen der BDS-Bewegung anti-israelische Hetze und Antisemitismus vor.“

https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/12/netanjahu-israel-juedisches-museum-berlin-welcome-to-jerusalem-b.html

 

Rechte unter sich

 

Sybille Fuchs: „Vor einer Woche veröffentlichte die WSWS einen Kommentar darüber, dass Israel zu einer Pilgerstätte für rechtsextreme Politiker aus der ganzen Welt geworden ist. https://www.wsws.org/de/articles/2018/12/15/pers-d15.html Das ist so augenfällig, dass die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in einigen israelischen Medien als „Waschmaschine“ bezeichnet wird, in der sich rechtsextreme Persönlichkeiten vom Vorwurf des Antisemitismus reinwaschen können. Zu den ultrarechten Politikern, denen dort in jüngster Zeit der rote Teppich ausgerollt wurde, zählen der italienische Innenminister Matteo Salvini, der philippinische Präsident Rodrigo Duterte, der ungarische Regierungschef Viktor Orbán und sein österreichischer Kollege Sebastian Kurz.

Wir schrieben, das Bündnis zwischen dem israelischen Staat und der extremen Rechten sei nicht nur außenpolitisch motiviert: „Es gibt eine natürliche ideologische und politische Affinität, die sowohl aus der gegenwärtigen Politik Israels als auch aus den historischen Wurzeln des Zionismus resultiert.“ Die extreme Rechte bewundere „den zionistischen Staat für seine rassistische Politik und seine Entschlossenheit, eine ethnozentristische Gesellschaft durch Unterdrückung des palästinensischen Volkes im Apartheid-Stil aufzubauen“. Ihnen gefalle „die Passage des so genannten ‚Nationalstaatsgesetzes‘ vom vergangenen Juli, das die jüdische Vorherrschaft als Rechtsgrundlage des Staates verankert, und sie möchten diese Passage in ihren eigenen fremdenfeindlichen und rassistischen Gesetzen nachahmen.“

Diese Affinität zwischen der extremen Rechten und der Politik der Regierung Netanjahu hat sich nach Bekanntwerden des jüngsten israelischen Schreibens erneut bestätigt. Es wurde in Deutschland begeistert von der AfD aufgegriffen.

In einem Gastkommentar für das nationalkonservative israelische Nachrichtenportal Arutz Sheva warnte der Obmann der AfD im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags, Petr Bystron, vor antiisraelischen Lobbygruppen, die angeblich höchste deutsche Regierungskreise infiltriert hätten. Sie würden einseitige Berichte über Menschenrechtsverletzungen verbreiten, um das Land als „rassistisch“ und als „Apartheid-Staat“ zu verleumden. Die AfD sei die einzige Partei in Deutschland, die sich gegen den Import von Antisemitismus und islamistischem Terror durch unkontrollierte Masseneinwanderung aus dem Nahen Osten stelle. Nun wolle sie einen Themenschwerpunkt setzen, der sich der Aufdeckung von Zahlungsströmen aus Berlin und Brüssel an die international gut vernetzte Anti-Israel-Lobby widme.

Derselbe Bystron hat vor kurzem im Rahmen einer offiziellen Parlamentsreise nach Südafrika an Schießübungen der „Suidlanders“ teilgenommen, die sich auf einen „Rassenkrieg“ gegen die mehrheitlich schwarze Bevölkerung des Landes vorbereiten. Vielleicht werden auch Bystron und sein Parteichef Alexander Gauland bald nach Yad Vashem eingeladen.

Dass Netanjahu jetzt dem Jüdischen Museum die Mittel entziehen will, passt in dieses Bild. Gedenkstätten und Museen, die an den Holocaust und an die Verbrechen der Nazis erinnern, sind den Rechtsextremen seit jeher ein Dorn im Auge. Nun greift auch die israelische Regierung eine Institution an, die dazu beiträgt, Millionen die Augen über diese Verbrechen zu öffnen.“

https://www.wsws.org/de/articles/2018/12/22/muse-d22.html

 

Kampagne in Israel

 

Stefan Reinecke: „Israelische KünstlerInnen wehren sich gegen einen Angriff der israelischen Regierung auf Nichtregierungsorganisationen und das Jüdische Museum in Berlin. Wir nehmen dies „schockiert zur Kenntnis“, heißt es in einem Schreiben, das der taz vorliegt. Die 40 KünstlerInnen kritisieren den Versuch, kritische Stimmen gegen Israels Besatzungspolitik nicht nur im eigenen Land, sondern auch in Deutschland zu unterdrücken.

Der israelischen Regierung missfällt eine Ausstellung des Jüdischen Museums, die die Geschichte Jerusalems aus vielfältigen, auch arabischen Perspektiven beleuchtet. Mehr als ungewöhnlich war der Versuch, die Bundesregierung mit einem Protestbrief dazu zu bewegen, das Museum sowie NGOs und Stiftungen unter Druck zu setzen. Die taz berichtete am 6. Dezember als erstes Medium über den Vorfall.

Die Kritik an der Jerusalem-Ausstellung sei „unaufrichtig und irreführend“, kritisieren die KünstlerInnen. „In den letzten Jahren haben wir in Israel unzählige Versuche der Regierung erlebt, in Zusammenarbeit mit populistischen und ultrarechten Parteien die Räume des kulturellen Ausdrucks und damit den pluralistischen, kritischen Diskurs einzuschränken.“

Andersdenkende würden als „fünfte Kolonne“ denunziert, bei Förderungen übergangen und aus öffentlichen Räumen verdrängt. Das zerstöre die „kulturelle Debatte in einer offenen Gesellschaft“.

Zu den Unterzeichnern gehören mehrere Träger des Israel-Preises, der höchsten Auszeichnung für Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle, darunter Micha Ullman, der das Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz gestaltete. Auch der Designer David Tartakover sowie die Künstlerin Michal Naaman und der Künstler Gal Weinstein, der Israel bei der Biennale 2017 vertrat, unterstützen den Brief.

Dass vier Träger des Israel-Preises den Protest initiiert haben, verleiht ihm Gewicht. Auch dieser Preis ist der israelischen Rechten ein Dorn im Auge. Netanjahu wollte die Jury 2015 von „Antizionisten“ und Linken säubern. Der Versuch scheiterte – am Widerstand prominenter Autoren wie David Grossman.“

http://www.taz.de/!5561778/

Jannis Hagmann im Gespräch mit dem Politologen Amal Jamal über Nationalisten in Nahost und das Problem der israelischen Linken:

Herr Jamal, in einem Schreiben aus Israel wird die Bundesregierung aufgefordert, die finanzielle Unterstützung für liberale Organisationen der Zivilgesellschaft in Israel und Palästina einzustellen. Auch das Jüdische Museum in Berlin wird für „Anti-Israel-Aktivitäten“ kritisiert. Was steht hinter diesen Vorwürfen?

Das Dokument zeigt, wie ausländische Regierungen ins Visier genommen werden, weil sie bestimmte liberale NGOs unterstützen. Der Angriff auf diese Organisationen dient dazu, die Dominanz nationalistischer Stimmen zu festigen, die die Siedlungspolitik unterstützen und eine Vorstellung des Staates Israel fördern, die auf Nation statt auf Staatsbürgerschaft basiert. Diese anti-liberale und national-populistische Ideologie strebt danach, Stimmen zu unterdrücken, die Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Pluralismus unterstützen.

Auch der Sohn des israelischen Ministerpräsidenten stößt in dieses Horn. Jair Netanjahu hat linke Politiker und NGOs sowie die Medien generell als Verräter bezeichnet. Er spreche nur aus, was die ganze Nation denke, behauptet er. Stimmt das?

Es liegt im Trend, bestimmte NGOs zu beschuldigen, das Vaterland, die Gesellschaft und den Staat zu verraten. Jede Opposition gegen die rechte Politik der Regierung wird im Feind-Freund-Schema wahrgenommen: Sei für uns oder du bist ein Verräter. Dabei setzen sich viele der Beschuldigten dafür ein, die israelische Demokratie zu erhalten, Menschenrechte zu schützen und die Regierung für ihre Politik gegenüber den Palästinensern in Israel sowie in den besetzten Gebieten verantwortlich zu machen.

Was heißt Trend? Wer steht hinter diesen Beschuldigungen?

Rechts-konservative NGOs arbeiten eng mit Politikern im israelischen Parlament zusammen. Sie versuchen, den Raum der Meinungsfreiheit einzuschränken, besonders wenn es darum geht, der expansionistischen Politik in den besetzten Gebieten etwas entgegenzusetzen. Diese Organisationen wollen Kritiker zum Schweigen bringen. Sie wollen die Möglichkeit von Menschenrechtlern begrenzen, die israelische Politik, insbesondere die Siedlungspolitik und den Umgang mit den Palästinensern, kritisch zu begleiten. Dafür bekommen sie Rückendeckung aus der Politik.

Sie sprechen in einer Studie von „schlechter Zivilgesellschaft“. Haben rechte Gruppen in einer pluralistischen Demokratie nicht dieselben Rechte wie linke NGOs und Menschenrechtler?

Rechte Zivilgesellschaft ist genauso legitim wie linke Zivilgesellschaft. Seit der Staatsgründung 1948 waren rechte NGOs Teil der politischen Szene Israels. Was die rechten NGOs schlecht macht, ist nicht ihre Ideologie. Das Problem beginnt, wenn sie versuchen, andere vollständig zum Schweigen zu bringen. Das fördert nicht den demokratischen Prozess, sondern stellt eine Form von Zensur im diskursiven Raum dar.

Sie sprechen von Organisationen wie NGO Monitor, Im Tirtzu oder Institute for Zionist Strategies. Wie arbeiten diese Gruppen?

Eine ihrer Strategien ist die Delegitimierung und Stigmatisierung in der israelischen Öffentlichkeit. Ein Video von Im Tirtzu zielt auf bekannte Menschenrechtsaktivisten ab. Sie wurden als ausländische Agenten und Verräter dargestellt, die der israelischen Gesellschaft in den Rücken fallen.

Die zweite Strategie ist, den politischen Gegner auf internationaler Bühne mundtot zu machen. So wird zum Beispiel versucht, die Stimme von B’Tselem zu unterdrücken und deren Kritik an der israelischen Politik in den besetzten Gebieten zu unterbinden.

Die dritte Strategie zielt auf die finanziellen Ressourcen ab. Bestimmte NGOs sollen von ihren Einkommensquellen abgeschnitten werden. Dabei spielt auch der Vorwurf des Antisemitismus eine Rolle. Jede ausländische Regierung, besonders die deutsche, wird Angst haben, mit NGOs in Kontakt zu stehen, denen Leute in Israel, darunter prominente Politiker und auch der Ministerpräsident, vorwerfen, antisemitische Aktivitäten zu unterstützen.

Wie sehen die Verbindungen dieser Gruppen in die Politik genau aus?

Es gibt sehr enge Verbindungen zwischen den rechten NGOs und politischen Parteien in der Knesset. Allen voran in der Partei „Das jüdische Haus“, aber auch in großen Teilen von Netanjahus Likud wird aktiv Lobbyarbeit betrieben. Ein Beispiel ist das neue Nationalstaatsgesetz …

das viele im In- und Ausland als rassistisch kritisiert haben. Arabische Israelis würden als Bürger zweiter Klasse festgeschrieben.

Das Gesetz wurde vorbereitet durch das Institute for Zionist Strategies. Diese NGO hat es einem Politiker in der Knesset gegeben, der es zur Verabschiedung vorgelegt hat. Das Gleiche trifft auf das neue NGO-Gesetz von 2016 zu. Die Anliegen der rechten Organisationen werden in einen legislativen Prozess übersetzt.

Eine weitere Verbindung zur Politik besteht aus Platzwechseln. Viele der Mitarbeiter der nationalistischen NGOs waren Berater oder Mitarbeiter in Parteien. Vertreter der NGOs und der Regierung treten gemeinsam auf. Auf Podien oder im Ausland vertreten sie dieselben Positionen. NGO Monitor und Im Tirtzu haben zum Beispiel ausgezeichnete Kontakte in den israelischen Botschaften im Ausland.

Geht es in den Kampagnen dieser Organisationen in erster Linie um den Diskurs in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten?

Menschenrechts-NGOs in den besetzten Gebieten sind die Speerspitze. Aber linke Organisationen generell stehen unter Beschuss. Die US-Organisation New Israel Fund etwa, die von Netanjahu in vielen Reden angegriffen worden ist, unterstützt NGOs in Israel, die nichts mit den besetzten Gebieten zu tun haben, die aber nach einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft streben.

Wie konnten die rechten Gruppen so einflussreich werden?

Weltweit ist die Linke auf dem Rückzug, auch in Deutschland. In Israel rückt Umfragen zufolge die gesamte Gesellschaft nach rechts, wird immer konservativer. Das hat zu tun mit sozialem Wandel, aber auch mit der Fragmentierung in der politischen Szene links von der Mitte. Leute haben mittlerweile Angst zu sagen, dass sie links sind. Die prominenten Stimmen in der israelischen Gesellschaft sind heute die Ultraorthodoxen, die National-Religiösen und die Siedler.

Woran machen sie das fest?

Vertreter der Siedlungsbewegung erobern immer mehr Regierungsämter und hohe Positionen in der Bürokratie. Sie haben ein Interesse, den anti-liberalen Diskurs aufrechtzuerhalten, damit die Politik weiter ihre Privilegien unterstützt: die Expansion der Siedlungen und die Annexion bestimmter Gegenden in der Westbank, um letztendlich die Zweistaatenlösung zu demontieren.

Nächstes Jahr wird die Knesset neu gewählt. Wird der Handlungsspielraum für kritische Stimmen wieder größer werden?

Nein. Der anti-liberale Zeitgeist ist tief verwurzelt in der israelischen Gesellschaft. Und die nächste Regierung – egal ob mit oder ohne Benjamin Netanjahu – wird wieder eine rechte sein. Die Chance, dass eine linke Partei eine Koalition zusammenbekommt, ist gleich null.“

http://www.taz.de/Situation-von-NGOs-in-Israel-und-Palaestina/!5559225/

 

Zum Schluss

 

Israel hat aktuell eine rechte Regierung, die intern linke Politik und linke Meinungen unterdrückt.

Nach außen werden auffallend rechte Politiker wie der neue brasilianische Präsident Jair Messias Bolsonaro (auch und gerade in dessen Wahlkampf) unterstützt, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/356-im-jordan-getauft.html

Nicht nur, aber vor allem in Deutschland hat es diese rechte, durch und durch rassistische Regierung geschafft, dass Kritik an ihrem Treiben generell als „anti-israelisch“ bzw. „antisemitisch“ zu gelten hat. Gutmenschen und Pseudo-Linke haben sich diese Meinung zu eigen gemacht und versuchen mit aller Kraft zu verhindern, dass palästinensische Ausstellungen oder Vorträge über die Nakba, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/331-nakba.html , stattfinden können. Hauptleidtragende sind israelische bzw. jüdische Linke, deren Kritik an ihrer eigenen rechten Regierung als „Antisemitismus“ gebrandmarkt wird. Der Wurm ist schon mehrfach auf diese Absurdität eingegangen, unter anderem in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/318-zeit-gegen-die-verleumder-vorzugehen.html

Dass in dem Zusammenhang gegen das Jüdische Museum in Berlin vorgegangen wird, macht das Ansinnen der aktuellen israelischen Regierung und die Absurdität der hiesigen Gutmenschen und Pseudo-Linken umso deutlicher.

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm