Dezember 1913: „Die Unruh der Welt“ (the world‘s unrest), das ist ein Satz, der gegenwärtig in der englischen Publizistik geläufig als Spitzmarke für die Betrachtungen über die Ereignisse des Tages gebraucht wird. Und wahrlich mit Recht: Stillstand und volle Ruhe hat es zwar niemals gegeben; aber ein solches Gären und Brodeln, eine solche Unsicherheit, eine solche Ueberstürzung von Gefahren, Drohungen, Konflikten und Krisen, wie die jüngste Zeit sie aufweist, das hat noch keiner von uns erlebt. Wenn das so weiter kracht und wirbelt und aufblitzt, was soll da kommen? Die Antwort wäre einfach: „Was kommen muß, ist Zusammenbruch, Weltkrieg, Anarchie ...“ Aber diese Antwort stützt sich nur auf eine Kategorie der gegenwärtigen Unruhphänomene, und zwar die lautesten, sichtbarsten, zornigsten. Sie zieht nicht die stillen Kräfte und leisen Mächte in Rechnung, die, im Lichte aufdämmernder Erkenntnis und erwachenden Gewissens an der Arbeit sind, mit rettenden Ideen und erlösenden Taten das Unheil abzuwehren.“

Vor 100 Jahren endete der 1. Welkrieg. „Der Kampf um die Vermeidung des Weltkrieges" zeigt seine Vorgeschichte.

Aus einem früheren Beitrag des Wurms: „Der Wurm wird sich über dieses Werk zu einem späteren Zeitpunkt seine Gedanken machen. Soviel vorweg: von 1892 bis 1914 (mit einer Pause von 1901 bis 1906) erschienen in der pazifistischen Zeitschrift „Friedenswarte“ Bertha von Suttners „Randglossen zur Zeitgeschichte“, die hier in Buchform zusammengefasst sind.

Einerseits ein wunderbares Werk der Zeitgeschichte und ein Genuss zu Lesen – andererseits bleibt es zumindest einem Wurm im Halse stecken. Es mag gute Bücher über die Gründe und den Verlauf des ersten Weltkrieges geben – keines reicht jedoch an dieses zweibändige Werk heran, das sofort in Deutschland und Österreich-Ungarn verboten wurde.

Vielleicht gab es Mächte und Regierungen, die den Krieg nicht wollten – den Frieden wollte jedoch keiner. Das geht deutlich aus Bertha von Suttners Kommentaren hervor.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/101-die-waffen-nieder.html

 

Schlafwandler?

 

Februar 1913: „Die seit der Balkankrise eingetretene Vermilitarisierung in Oesterreich ist erschreckend. Das neue Militärleistungsgesetz hat die Altersgrenze der Pflichtigen von 42 auf 50 Jahre ausgedehnt, und dem Militärkommando sind eine ganze Reihe von neuen Verfügungsrechten über die bürgerliche Bevölkerung und deren Besitz eingeräumt; neue, enorme Militärforderungen sind angekündigt, und schon wird im Abgeordnetenhause ein neuer Finanzplan mit erhöhten Steuern durchberaten. Die „Grenzsoldaten“ werden noch immer nicht zurückgerufen, es werden sogar noch immer mit aller Plötzlichkeit Reserven an die Grenzen beordert, und täglich betragen die Kosten dieser Bereithaltung zwei Millionen Kronen. Und was das Schlimmste ist: in Offizierskreisen wird der kommende Ausbruch des Krieges als unvermeidlich, als bald bevorstehend und als wünschenswert proklamiert. Gewisse Blätter schüren die kriegerische Stimmung, und in den vornehmen Gesellschaftsschichten wird diese Gesinnung als patriotische Pflicht gehegt. Wären nicht auch andere Kräfte und Einflüsse am Werk: schon längst hätte man „losgeschlagen“. Unser Land ist dasjenige, in welchem die pazifistische Propaganda am notwendigsten wäre, leider aber gegen die größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat.“

Bei allem Respekt: Wer Bertha von Suttner gelesen hat, wird die These, dass es sich bei den europäischen Regierungen um „Schlafwandler“ gehandelt hat, die ohne es zu wollen, in den 1. Weltkrieg hineingeschlittert sind, für völlig absurd halten.

Mit sehr viel gutem Willen und dem Zudrücken beider Augen könnte mensch noch sagen, dass sie es haben drauf ankommen lassen und kein Problem damit gehabt hätten, wenn es tatsächlich zum Krieg kommt. Bertha von Suttner drückt es folgendermaßen aus:

Oktober 1893: „Ein Blatt erzählte kürzlich, Bismarck habe dem Fürsten von Bulgarien geraten, nicht das Streichholz zu werden, wodurch der europäische Krieg entzündet wird. Nur immer das europäische Haus mit Stroh bedecken, mit Pulvervorräten füllen, die Wände mit Petroleum tünchen, aber den Streichhölzchen raten, sich nicht reiben zu lassen. Dann ist man feuersicher.“

Die wichtigsten Kapitel finden sich im 2. Teil und lauten „Aufrüstung aller gegen alle“ und „Balkan“. Da wird sehr deutlich, dass der Balkan die Sollbruchstelle für den großen Krieg werden soll und werden wird.

Vor allem wird das deutlich während der Krise von 1908/1909: Österreich-Ungarn annektiert widerrechtlich Bosnien und Herzegowina, erhält Rückendeckung von Deutschland. Serbien will den Krieg, wird aber von Russland zurückgehalten. Die Begründung: Russland ist mit seiner Rüstung noch nicht so weit. Die Situation ist also sehr ähnlich zu der von 1914, die zum Krieg führte.

Im Oktober 1913 stellt Österreich-Ungarn ein Ultimatum an Serbien. Serbien will sich das nicht gefallen lassen, will Krieg, wird aber immer noch von Russland zurückgehalten.

1914 ist es dann endgültig soweit.

Das erinnert sehr an Hooligans, die sich zum Prügeln verabreden. Beide Mannschaften verschaffen sich und erproben allerlei Hilfsmittel. Wenn der eine fertig ist, wartet er so lange, bis der andere auch soweit ist und dann geht‘s ab.

Mensch lese Bertha von Suttner und bilde sich sein eigenes Urteil.

Interesse an den Spannungen und am Krieg selbst haben Rüstungs-Industrie, Militärs und Medien, weil sie sehr gut daran verdienen, die Chauvinisten, weil sie hooligan-mäßig drauf sind und die Regierungen, sofern sie zu den späteren Gewinnern zählen und ordentlich Beute machen können.

Die normale Bevölkerung hat nur Nachteile, lässt aber alles mit sich machen. Kirchenvertreter kommen bei Bertha von Suttner nur wenig vor. Es mag mal die ein oder andere gute Aussage vorkommen – im Wesentlichen segnen sie Waffen, sind sehr national und teilweise kriegshetzerisch. Die christliche Basis kommt bei ihr nicht vor. Anders ausgedrückt: Es kam von ihr nichts Positives.

Weitgehend positiv kommen bei Bertha von Suttner die Sozialisten weg: bei internationalen Kongressen schwören sie sich gegenseitig, dass sie beim Krieg nicht mitmachen und zum Generalstreik aufrufen werden. Tatsächlich haben sich ihre Führungen gegenteilig verhalten und den Krieg unterstützt. Genauso wie Wissenschaftler und Kulturschaffende.

 

When will they ever learn?

 

Die Gesellschaften von vor 100 Jahren und heute weisen natürlich Unterschiede auf, aber es sind auch Muster sichtbar, die damals und heute gelten.

 

Überall schwelgt eine kleine Minderheit in sinnloser Üppigkeit

 

Der englische Schatzkanzler, Lloyd George, hat wieder einige Reden gehalten über das Problem, das ihm am meisten am Herzen liegt: das Problem der Armut und des Elends. Er ist des Glaubens, daß diese Krankheiten der menschlichen Gesellschaft verschwinden könnten ... das Problem Europas ist die Not. Ueberall schwelgt eine kleine Minderheit in sinnloser Ueppigkeit, und die arbeitende Menge hungert. Dieser Zustand ist jedem gerecht denkenden, sittlich fühlenden Menschen unerträglich und muß geändert werden. Die Kriegsrüstungen der zivilisierten Welt kosten nicht bloß jährlich fünfhundert Millionen Pfund, sondern sie entziehen ihm auch noch die Kraft der besten Gehirne und der wirksamsten Arbeit.“

 

Millionen und Milliarden wirft man hinaus zur Vorbereitung künftiger Kriege, die niemand will

 

Das ganze richtige Wort, während der ganzen Steuerdebatte, hat der Abgeordnete Singer ausgesprochen, als er sagte, daß, „solange diese Rüstungsausgaben fortdauern, an eine Sanierung des Budgets nicht zu denken ist“. Millionen und Milliarden wirft man hinaus zur Vorbereitung künftiger Kriege, die niemand will, und durch neuerpreßte Milliönchen, mit welchen man den Handel erschwert, den Verkehr drückt, die Lebensgenüsse herabsetzt, die Teuerung erhöht, will man das Uebel kurieren!“

 

Friedensliga und Krieg im Interesse der Humanität

 

„… jetzt bedrohen sie sich mit Tod und Vernichtung, nur um den Beweis zu liefern, daß sie die friedlicheren sind. Schon lange nannte sich der mitteleuropäische Dreibund die „Friedensliga“ und die russisch-französische Allianz hat nicht eine Kundgebung geleistet, in der nicht der Friedenswille betont war.“

Was die Amerikaner angezettelt hatten, sollte als „Krieg im Interesse der Humanität“ gelten.“

 

Diffamierung der Friedensfreunde

 

Bei dem gegenwärtig herrschenden Klassenmißtrauen sind die Friedensfreunde, welche zufällig keine Arbeiter sind, darum so vereinsamt, weil die Konservativen ihnen vorwerfen, daß sie sozialistische Ideen vertreten, und die Sozialisten ihnen vorwerfen, daß sie Bourgeois oder gar Aristokraten, oder (unglaublich!) Diplomaten oder (es ist gar nicht auszudenken!!) Alleinherrscher sind!“

Ueberhaupt erinnert das ganze Verhalten des Straßenpublikums und der „wohlgesinnten“ Presse Italiens jetzt an den seinerzeitigen Anti-Dreyfuß-Taumel in Paris. Dort mußte man auch „Vive l‘armée“ sagen oder es hieß „à l‘eau! à l‘eau!“ Und auch diese Analogie zeigte sich. Allen jenen, die im In- und Ausland für den unschuldig Verurteilten Partei nahmen, wurde nachgesagt, sie seien von einem jüdischen Konsortium gezahlt , - und jetzt heißt es in der italienischen Presse, daß alle ausländischen Blätter, die das tripolitanische Unternehmen mißbilligen, oder die unvorteilhaften Berichte von Kriegskorrespondenten veröffentlichen – von der Türkei gezahlt seien und werden dabei natürlich auch „Judenblätter“ genannt. Es ist überall die gleiche Methode.“

 

Hinter allem Unangenehmen und Drohendem steckt eine ausländische Macht

 

Eine sehr häßliche Sache hat sich in unserer Mitte abgespielt. Ein Schlagwort hat sich verbreitet (war es eine ausgegebene Losung, war‘s ein von selber aufgestiegener Verdacht? Ich weiß es nicht), das Schlagwort „England steckt dahinter“. Alles Unangenehme und Drohende: Europäische Kritik, türkischer Boykott, serbisches Kriegsfieber: alles das soll England hervorgerufen haben, durch Hetze, durch Ermutigungen, durch Intrigen. Warum? Aus Gehässigkeit, aus Habsucht, aus Moralheuchelei – oh, man kennt es ja, das perfide Albion. Es ist überhaupt hübsch, wie sich die Leute immer eine fremde Nation vorstellen: als ein einheitliches, mit bestimmten Eigenschaften ausgestattetes Ganzes – ein nationales Individuum, am liebsten – ein Bösewicht. Ist nun die eigene Lage eine verwickelte, eine gefährliche, über die man zu Tadel und Aerger veranlaßt werden könnte, so ist es ganz gut, einen Sündenbock da zu haben, der an allem schuld ist. Der Aerger mag sich Luft machen, und die Verantwortlichen sind die Verantwortung los. Das Ding zu machen ist ganz leicht. Wie hat ein Publizist einmal die Methode, eine allgemeine Ueberzeugung wachzurufen, erklärt: „Ein paar Zeitungen brauchen nur durch eine längere Zeit eine Behauptung täglich zu lancieren. Gute Gründe, aber Tatsachen brauchen nicht angeführt zu werden, sondern nur wiederholen, wiederholen, täglich, und an die verschiedensten Anlässe anknüpfend.“ - Heute kann man in Wien, in was immer für einem Kreise, wenn das Gespräch auf die Balkanereignisse, auf die Chancen von Krieg und Frieden fällt, unfehlbar die Bemerkung hören: Ach, dieses England! Aus eigener Erfahrung und Beobachtung kann natürlich nicht jeder zu diesem Schluß gelangt sein; er hat es aber gelesen und hat es von vielen Seiten (die es ja wissen müssen!) gehört.“

 

Einleitung des Herausgebers

 

In Erfüllung einer doppelten Pflicht übergebe ich Bertha von Suttners „Randglossen zur Zeitgeschichte“ zusammengefaßt der Oeffentlichkeit. Zunächst, um einen Lieblingswunsch der Verstorbenen zu erfüllen und einen Auftrag auszuführen, den sie mir bereits zu Lebzeiten erteilt hat. Ferner, um das viel verkannte Lebenswerk dieser großen Frau zu ehren, ihr ein Denkmal dadurch zu setzen, daß man sie den Zeitgenossen bei jener Arbeit zeigt, die ihre Stärke und Größe bedeutete.

Nur wenige wissen, was Bertha von Suttner unserer Zeit gewesen ist. Die Meisten kennen sie als Romanschriftstellerin, hörten von ihr, daß sie durch die glückliche Wahl eines Buchtitels einen größeren Erfolg erzielt und, anknüpfend daran, eine Bewegung geschaffen habe, deren Bedeutung durch den Weltkrieg angeblich gekennzeichnet sein soll. Diese oberflächliche Beurteilung mag für ein Zeitalter als Entschuldigung gelten, das infolge seiner eigenen Fehler mit dem ersten August 1914 für immer entschwunden ist; sie darf sich aber nicht hinüberretten in die neue Zeit. Die Friedensbewegung ist keineswegs von Bertha von Suttner geschaffen worden. Sie wurde nur durch den Erfolg ihres Romans in den deutschsprechenden Ländern erst bekannt und hat erst von da ab in jenen Ländern größeren Umfang angenommen. In andern Ländern stand sie schon vorher in voller Blüte. Bertha von Suttner wußte, als sie 1890 ihren Roman „Die Waffen nieder!“ veröffentlichte, nicht, was sie damit entfachen werde. Die Bewegung, die sich an jenen Roman anschloß, hat dann erst dessen Verfasserin erfaßt und festgehalten. Und von da ab begann erst ihre richtige Wirksamkeit. Nicht in ihrer Tätigkeit als Romanschriftstellerin liegt diese, sondern in ihrer Wirkung als Seherin, Warnerin, als Führerin zu einer Höherentwicklung der Menschheit. Als solche machte sie selbst einen ähnlichen Wandel durch wie die Bewegung, der sie diente. Das ursprüngliche Gefühlsmotiv, wie es den Roman „Die Waffen nieder!“ beherrscht, war nur der Ausgangspunkt. Die Friedensidee wie Bertha von Suttner bedienten sich in der Folge weniger der Argumente des Gefühls als jener des Verstandes. Die Bewegung entwickelte sich zur Wissenschaft und die Romanschriftstellerin zur Zeitkritikerin.

Vielleicht täte man am besten, sie als Journalistin einzuordnen. Also eine Journalistin im besten Sinne, die aus den Geschehnissen des Tages heraus ihre Anregungen nahm; aber nicht um sich devot vor den Größen des Tages zu beugen, sondern um den Ereignissen nach den von ihr auf einer höheren Warte errungenen Erkenntnissen Richtung und Ziel zu geben. So hat sie, mit Unterbrechung von einigen Jahren, 22 Jahre lang die Geschehnisse beobachtet, ihren Zusammenhang zu finden gesucht, ihren Widersinn aufgedeckt und das Unheil verkündet, das notgedrungen folgen müsse, wenn nicht eine höhere Erleuchtung die Menschheit erfaßt, die sorglos und tändelnd über die Schwelle des Jahrhunderts hinüberschritt. Es waren dies just die Jahrzehnte, in welchen sich der Aufmarsch jener Mächte vollzog und die Entwicklung jener Kräfte vor sich ging, die dann zu dem traurigen Zusammenbruch unserer Kultur führten. Aber auch jene Jahrzehnte, während welcher die Gegenkräfte sich geltend machten, und an Stärke zunahmen; jene Ideen, die Befreiung verhießen und diese bereits sicher erhoffen ließen, bis im gegebenen Augenblick eine Ueberrumpelung des Guten durch das Böse alle Erwartungen zuschanden machte. Was Bertha von Suttner in diesem Zeitabschnitt von Woche zu Woche, von Monat zu Monat niedergeschrieben, bildet heute in der Zusammenfassung eine wertvolle Geschichte dieser denkwürdigsten Periode der Menschheit, die eine alte Zeit begrub und durch den fürchterlichen Weltbrand, durch einen Eisenhagel hindurch, eine neue, glücklichere Zeit von der Ferne ahnen läßt. Es war ein sonderbarer Zufall, daß Bertha von Suttner die Feder entsinken ließ und aus der Welt schied, acht Tage bevor jener verhängnisvolle Schuß in Sarajevo getan wurde, der diesen Weltbrand entfacht hat. Ihre Zeitkritik, die sonst Torso geblieben wäre, hat mit dem Tode der Verfasserin und der Katastrophe ihrer Zeit einen festen Abschluß erhalten. Aber auch eine ungeheure Bedeutung. Wenn man später nach der Vorgeschichte jenes Weltunheils suchen und seine Gründe zu erforschen trachten wird, wird man an einer Zeitkritik nicht vorübergehen können, in der ein großer Geist die Geschehnisse von dem Gesichtspunkt einer höheren Warte aus glossiert hat. Man hat Bertha von Suttner zu ihren Lebzeiten nicht gehört. Es erfüllte sich an ihr das Schicksal aller Seher und Wohltäter der Menschheit. Die Zeit hatte kein Verständnis für ihre Mahnungen und Warnungen. Aber das Geschlecht, das nach diesem Krieg die Welt bevölkern wird, wird ein besseres Verständnis für ihr Wirken haben und wird unter dem Lichtschein der Brandfackeln, die der Krieg entzündet hat, unter dem Schatten der Trümmer, die er zurücklassen wird, ihre Worte besser erfassen als die Zeitgenossen der voraugustischen Periode. Dann wird die Zeit der toten Mahnerin gekommen sein.

Dies soll dieses Buch des Andenkens fördern helfen. Es soll die Tote vernehmbar machen für das neue Geschlecht und diesem einen Schatz retten in die neue Aera hinein, die dann gezimmert werden muß. Dem deutschen Volk wird mit diesem Buch ein neuer Besitz aufgedeckt, von dem es keine Ahnung gehabt hat; es wird ihm eine neue schriftstellerische Persönlichkeit enthüllen, die es zu werten und zu schätzen übersehen hat als dadurch noch Manches hätte gerettet werden können. Namentlich in dem engeren Heimatland der Verfasserin, in Oesterreich, das so oft seinen großen Kindern erst nach deren Tod gerecht wurde, so oft, daß das Wort „Oesterreicher-Schicksal“ zu einem der bittersten unserer Zeit geworden ist, mag nachgeholt werden, was bisher versäumt wurde. Oesterreich hat hier eine große Schuld nachzutragen. Mit dem Rührwort „und sie war unser“ ist diese aber nicht abzutragen. Hier müssen Taten erfolgen. Erst müssen die Schreier und Faselhänse überwunden und zum Schweigen gebracht werden, die innerhalb der schwarzgelben Pfähle jene Stimmung und Geistesrichtung emporwuchern ließen, die es vermochten, das Edelgewächs Suttnerscher Gedanken und das Edelleben dieser Gestalt zu verdunkeln und dem niedrigen Gassenwitz zum Futter vorzuwerfen.

 

Man hat Bertha von Suttners Lebenswerk so sehr verkannt, daß man sie glücklich pries, weil angeblich ein gütiges Geschick, das sie vor Ausbruch des Krieges sterben ließ, ihr die ärgste Enttäuschung ihres Lebens erspart habe. Armselige Spötter! - Enttäuscht? Glaubt man denn, Bertha von Suttner wollte dem Frieden dienen, weil sie ihn für gesichert hielt? Sie warf ja nur deshalb das Glück ihres Lebens für diese verkannte und unverstandene Arbeit in die Schanze, weil sie dieses Unheil nahen sah, und sie erfüllte die Pflicht des Bessersehenden und Höherstehenden, indem sie den armen Verblendeten den Weg zu weisen suchte, der ihnen diese Katastrophe, der Kultur des zwanzigsten Jahrhnderts den Bankerott erspart hätte. „In der Föderation Europas“, rief sie schon vor zehn Jahren aus, „ist es höchste Zeit. Bei all dem Zündstoff, der zwischen den Völkern jetzt angefacht wird, bei dem Wahnsinn, der von Osten herüberweht, läßt sich der Friede nicht viel länger erhalten, gesichert muß er werden, d.h. organisiert.“ Und als die Kriegsgefahr für Europa damals schon sehr nahe war – während des russisch-japanischen Krieges – da schrieb sie: „Und wenn dieses Fürchterliche einträfe, dann würden uns die Leute doppelt verhöhnen, statt einzugestehen, daß wir recht haben, wenn wir warnend rufen: Europa beeile dich, dich zu verbrüdern, beeile dich, den Krieg unter deinen Nationen auszuschalten, sonst kann der nächstbeste Zwischenfall dich zugrunde richten.“ Europa beeile dich! - - - Und da will man von Enttäuschung reden! Aus jeder Zeile dieses Buches geht es hervor, daß diese Annahme falsch ist. Bertha von Suttner wäre durch den Ausbruch des Weltkriegs, hätte sie ihn erlebt, keineswegs enttäuscht worden. Nur schmerzlicher wäre sie durch ihn getroffen worden als alle andern, weil sie ja die Möglichkeit seiner Vermeidung erkannt hatte, und nicht durch die bloße Hinnahme des Krieges als Fatum sich jene Erleichterung hätte verschaffen können, mit denen sich heute eine so große Menge der Leidtragenden abfindet. Viel Leid hat ihr das Geschick erspart, das sie am 21. Juni 1914 den letzten Seufzer tun ließ, aber keine Enttäuschung.

Ich habe dieser Zusammenstellung der Randglossen zur Zeitgeschichte den Gesamttitel „Der Kampf um die Vermeidung des Weltkrieges“ gegeben. Weil dieser Kampf darin mit voller Anschaulichkeit und Deutlichkeit geschildert ist. Anschaulich, weil hier die Zeitereignisse durch den Spiegel eines Denkers reflektiert werden, der nicht unter, sondern über den Ereignissen stand. Man blättere nur in dieser Chronik, um zu sehen, wie sie an jeder Seite unsere Aufmerksamkeit fesseln die Ereignisse sowohl, wie die Fülle der Gedanken, die die Kritikerin daran geknüpft hat. Wie auf einem langen Kinofilm ziehen die Geschehnisse der großen Jahrhundertwende an uns vorüber. Geschehnisse, die man zum Teil schon vergessen, und die jetzt, zusammenhängend betrachtet, um so gewaltiger wirken. Um nur die Vielheit der behandelten Ereignisse anzudeuten, seien einige hier erwähnt. Da sehen wir die erste Regierungszeit Wilhelm II., die Entwicklung der deutschen Flotte, die Eröffnung des Kaiser Wilhelm-Kanals, Bismarcks Tod, die erste Haager Konferenz, den Transvaalkrieg, die Fortschritte des Schiedsgedankens, die übrigen Kriege der Zeit, die zweite Haager Konferenz, die ersten Wirren am Balkan, den großen Aufschwung der Verständigungs- und Friedensbewegung in den Jahren 1910 bis 1912, schließlich das Vorspiel der Endkatastrophe, die beiden Balkankriege und den Sieg des Organisationsgedankens durch die Londoner Botschafterkonferenz. Und alle diese Phasen vergangener Tage, die wir miterlebt haben, mit Schilderungen kleinerer, unserer Erinnerung abhanden gekommener Ereignisse, von Handlungen und Persönlichkeiten, die sich zu dem großen Werden des Mosaikbildes hinzufügten, dies alles wird in uns lebendig und das Geschehene verdichtet sich unter den Glossen der Verfasserin zu dem großen Kampfe zweier Weltanschauungen, der des Krieges und der des vernunftgemäßen Ausgleichs, zu dem Titanenkampf um die Vermeidung des Weltkriegs. Vielleicht bezeichnen wir die nun hier erfolgte Zusammenstellung besser als ein Memoirenwerk; doch mit dem Unterschied, daß sich hier nicht, wie in allen Memoirenwerken, eine Persönlichkeit hervorhebt, der die Zeit nur als Folie dient, sondern daß sich die Geschichte zweier Jahrzehnte abrollt, in deren Mitte der betrachtende und kämpfende Geist einer starken Persönlichkeit steht.

Die Veröffentlichungen weisen zwischen 1901 und 1906 eine Lücke auf. Einige Jahre hatte die Verfasserin bei ihrer Zeitkritik leider pausiert und zwei Jahrgänge, die früher als Jahreshefte besonders herausgegeben wurden, konnten infolgedessen dieser Sammlung nicht eingefügt werden. Dies beeinträchtigt aber in keiner Weise den Wert der Ausführungen, da die wichtigsten 17 Jahre aus zwei Jahrzehnten in ununterbrochener Reihenfolge gegeben sind. Zu den einzelnen Ereignissen war es notwendig, erläuternde Anmerkungen hinzuzufügen. Das Register soll nicht nur die Vorgänge und die Namen der hauptsächlichsten Personen, sondern auch die Ideen leichter auffindbar und so das Buch zu Nachschlagezwecken besonders geeignet machen.

Manche in dem Buch ausgedrückte Hoffnung erwies sich als Täuschung, manche Zuversicht und mancher Jubel erscheinen verfrüht. Es ist eben keine Geschichte, die nachträglich verfaßt wurde, sondern das Rohmaterial zur Geschichte, eine Darstellung des Werdenden. Und dieses Werdende ist mit den Augen einer Persönlichkeit gesehen worden, die von einem großen Gedanken bewegt wurde. So betrachtet, wird man die Suttnerschen Randglossen auch richtig zu würdigen wissen. Man suche in ihnen vor allem die Persönlichkeit und dann wird man in hohem Maße befriedigt werden. Und daß dieses Buch dazu beitragen möge, die Persönlichkeit der Suttner dem deutschen Volke näher zu rücken, die Weisheit ihres Herzens, die Schärfe ihres Verstandes der Menschheit zum Heile, zum Gemeingut aller Höherstrebenden zu machen, lag in der Absicht des Herausgebers.

Dr. Alfred H. Fried.

Bern, Weihnachten 1915.“

 

Willkommen, 20. Jahrhundert

 

Wer heutzutage etwas über die Stimmungen und Hoffnungen der Menschen in Europa zum Jahrhundert-Wechsel 1900 liest, wird in etwa lesen, dass es zahlreiche technische und gesellschaftliche Fortschritte gegeben hat und alle die Hoffnung haben, dass es keine Kriege mehr geben wird. Solche Leute wird es auch tatsächlich gegeben haben. Die Lage war aber anders. Bertha von Suttner ist da um einiges realistischer:

 

Dezember 1899

 

Die Ruhe vorherzusehen, die jenseits des Sturmes, und den Morgen, der jenseits der Nacht kommen muß, das fällt den Menschen so schwer. Was im gegenwärtigen Augenblick lächelt oder dräut, darnach beurteilen sie alles Zukünftige, obwohl die Erfahrung immer wieder lehrt, daß das Lächelnde momentan wieder verfinstert und das Dräuende zerstoben werden kann. Daß es jetzt finster aussieht – das ist sicher. Und noch viel finsterer wird man es malen. Um die neuen Rüstungsforderungen zu motivieren, wird man internationale Verwicklungen an die Wand malen müssen. Malen wir Anderen an unsere Wand die internationalen Rechtsvorkehrungen, die im Haag geschaffen worden sind.“

 

Januar 1907

 

„… Als vor kurzem ein neues Jahrhundert eingeläutet wurde, hätte dieser Umstand eher eine Aenderung des Kurses herbeiführen können, man hätte sich sagen können, daß der Begriff „20. Jahrhundert“ gewisse Kulturpflichten auferlegt, und fortschrittsentschlossene Gemüter hätten den Anlaß benutzen sollen, um mit mittelalterlichen Bräuchen und Zuständen aufzuräumen. Es ist nicht geschehen; das neue Jahrhundert, an dessen Schwelle doch die erste Friedenskonferenz getagt hatte, begann mit Krieg, wurde mit dem kolossalsten Krieg, den die Geschichte kennt, fortgesetzt und das „Kriegsgeschrei“ ist bis heute nirgends – in keinem Ministerkabinett und keinem Redaktionsbureau – völlig verstummt. Die „Kontinuität“ - ein neues, in jüngsten politischen Regierungsäußerungen oft wiederholtes Wort, kennzeichnet die Handlungen der leitenden Kreise. Kriegsdrohung und Kriegsbereitschaft werden lustig kontinuiert.“

 

Hü und hott

 

Andauernd finden Zusammenkünfte statt, in denen der Wille zum Frieden betont wird. Andauernd wird aber auch das Gesagte relativiert und sich gegenteilig verhalten. Hierzu ein paar schöne Beispiele:

 

Juni 1895

 

Das Ereignis des Juni war die Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals. Auf keinem Friedenskongresse könnte das Wort Frieden öfters ausgesprochen und gepriesen werden, als es in jenem Kriegshafen angesichts von Schlachtschiffen und unter Kanonendonner geschehen ist. Der klaffende Widerspruch, der da zwischen Form und Inhalt lag, symbolisiert so recht deutlich das Zweiseelensystem unserer Zeit. „Die Völker heischen und wünschen den Frieden,“ sagte Kaiser Wilhelm. „Diesen Frieden werden wir aufrecht erhalten“, fügte er hinzu. - Der Wunsch der Völker muß aber noch deutlicher werden; er muß sich klar dahin formulieren, daß er den, nicht aber diesen Frieden heischt, der weiter nichts ist als eine Kriegspause. Immerhin, es ist ein verheißendes Zeichen, daß sich die alten Institutionen als Trägerinnen der neuen Bedürfnisse aufspielen. Es ist ein Beginn der Anpassung. Schließlich muß der Widerspruch weichen: Mittel und Zweck dürfen nicht stetig einander entgegengesetzt sein, Organ und Funktion müssen übereinstimmen. Und so wird die Umwandlung der Kriegsarmeen zu Friedensarmeen, der Kriegshäfen zu Handelshäfen, der Gegenallianzen zu Einem Bund endlich vor sich gehen.

Thronreden und Festansprachen und die daran geknüpften Betrachtungen der Presse verrauschen und werden vergessen, um neuen Kundgebungen und neuen Kommentaren Platz zu machen; hier, in dieser Chronik der Friedensbewegung seien aber die Worte festgehalten, die in den Kieler Tagen gesprochen und gedruckt worden, und wäre es nur, um unseren Freunden Gelegenheit zu geben – falls wieder andere Saiten aufgezogen werden – an die Versprechungen und Gesinnungen zu erinnern, die bei diesem festlichen Anlaß in die Welt hinausgeklungen sind: In seinem Toast beim Festmahle zu Holtenau sagte u.a. der Kaiser:

Aber nicht nur für die heimischen Interessen haben wir gearbeitet. Der großen Kulturaufgabe des deutschen Volkes entsprechend, eröffnen wir dem friedlichen Verkehre der Nationen untereinander die Schleusen des Kanals, und zu freudiger Genugtuung wird es uns gereichen, wenn seine fortschreitende Benützung Zeugnis dafür ablegt, daß die Absichten, von welchen wir geleitet worden sind, nicht allein verstanden, sondern auch fruchtbar werden zur Hebung der Wohlfahrt der Völker.

Die Teilnahme an unserer Feier seitens der Mächte, deren Vertreter wir unter uns sehen und deren herrliche Schiffe wir heute bewundert haben, begrüße ich umso lebhafter, je mehr ich darin die volle Würdigung unserer auf die Aufrechterhaltung des Friedens gerichteten Bestrebungen zu erblicken das Recht habe. Deutschland wird auch das gut inaugurierte Werk in den Dienst des Friedens stellen und sich glücklich schätzen, wenn der Kaiser Wilhelm-Kanal in diesen Diensten allzeit unsere freundschaftlichen Beziehungen zu den übrigen Mächten fördert und befestigt.

Ich leere mein Glas auf das Wohl der uns befreundeten Souveräne und Mächte! Hurrah! Hurrah!“

Und so mußte auch der alte Kriegsruf Hurrah es sich gefallen lassen, im umgedeuteten Sinn zu erschallen. In der Urkunde, welche in den Grundstein gelegt wurde, heißt es:

Indem wir ihn in den Dienst des Weltverkehrs stellen, eröffnen wir neidlos allen Seefahrt treibenden Völkern die Teilnahme an den Vorteilen, welche seine Benützung gewährt. Möge er, ein Friedenswerk, allezeit nur dem Wettkampfe der Nationen um die Güter des Friedens dienstbar sein.“

Allezeit nur um die Güter des Friedens.“ Was sagen und wünschen und schreiben und predigen denn die Friedenskongresse anderes? Warum sollen diese also lächerlich und utopisch sein? Wo ist der Unterschied? Sie wollen nur noch, daß das Gesagte getan werde, sie meinen und glauben, was sie sagen. Sollte das der Unterschied sein? - Zu dem Bürgermeister von Hamburg sagte der Kaiser:

Wir vereinigen zwei Meere, auf das Meer lenken sich unsere Gedanken, das Meer ist ein Sinnbild der Ewigkeit. Meere trennen nicht; Meere verbinden; die verbindenden Meere verbunden durch dieses neue Glied zum Segen und Frieden der Völker. Die erzgepanzerte Macht, die versammelt ist auf dem Kieler Hafen, soll zu gleicher Zeit ein Sinnbild des Friedens sein, des Zusammenwirkens aller europäischen Kulturvölker zur Hochhaltung und Aufrechterhaltung der europäischen Kulturmission. Haben wir den Blick geworfen auf das ewige Meer, so werfen wir den Blick auf das Meer der Völker. Aller Völker Herzen richten sich hieher mit fragendem Blick, sie erheischen und wünschen Frieden. Im Frieden nur kann der Welthandel sich entwickeln, im Frieden nur kann er gedeihen, den Frieden werden und wollen wir aufrecht erhalten.“

Aufrechterhalten läßt sich nur, was aufrecht ist – was überhaupt ist. Größeres, Beglückenderes gibt es also zu tun, o Kaiser, um den bangen, fragenden Blick zu beantworten, der sich hierhergerichtet hat: den Frieden schaffen.“

 

Wir, von der Friedenslegion, sind übrigens viel zu aufrichtig und viel zu unpolitisch, um aus der gegebenen Lage einen Triumph unserer Sache heraus zu argumentieren und der übrigen Welt als Tatsache aufoktroyieren zu wollen. Von allem Anfang an haben wir auf ein Friedensfest in einem Kriegshafen nicht die Hoffnung gebaut, daß daraus unsere Sache sieghaft hervorgehe. Und allerorts haben sich auch die kriegwünschenden Parteien gleich nach den Festen in dem Sinne ausgesprochen, daß an der Lage – der so schön rüstungserheischenden Lage – nichts verändert sei. Hier unter vielen ein Beispiel. Bismarcks Hamburger Leibblatt („Hamburger Nachrichten“) sagt:

Es läuft auf eine nicht ungefährliche Täuschung des öffentlichen Urteils über unsere Lage Frankreich gegenüber hinaus, wenn von offiziösen und anderen Blättern auf Grund der Kaiserreden die nunmehr erfolgte völlige Sicherung des europäischen Friedens vor jeder Störung behauptet wird. Wir glauben auch nicht, daß Seine Majestät mit dieser Auslegung seiner Hoffnung einverstanden sein wird. Niemand kann die Ereignisse der Zukunft voraussehen und Pflicht der besonnenen Presse ist es, zu verhüten, daß die Nation sich über ihre Situation einem feindlichen Nachbarn gegenüber irgendwelchen Illusionen hingibt. Die Liebenswürdigkeiten, die wir mit den Franzosen jetzt zu Wasser und zu Lande ausgetauscht haben, sind doch rein konventioneller Natur und selbst in dieser Beziehung nicht einmal frei von Gezwungenheit und kühlster Reserve; kein verständiger Politiker kann annehmen, daß durch die äußerlichen Höflichkeitsakte, die in Kiel erfolgt sind, und durch die privaten Meinungsäußerungen einiger französischer Marineoffiziere an den Beziehungen, die zwischen Deutschland und Frankreich bestehen, oder an den Gesinnungen und Absichten Frankreichs uns gegenüber auch nur das Geringste geändert worden ist. Die Art und Weise, wie sich die französischen Panzer von ihrer Einfahrt in den Kieler Hafen an verhalten haben, ihre frühe Verabschiedung, deren demonstrativer Charakter durch die neuliche Erklärung des französischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten doch nur notdürftig verhüllt wird, sollte im Zusammenhang mit allen sonstigen Wahrnehmungen doch auch dem optimistischsten Festteilnehmer die Augen darüber öffnen, daß von einer Versöhnung Frankreichs und damit von einer Beseitigung der bedrohlichen Gefahr für den europäischen Frieden nicht die Rede sein kann … Ueber diese Sachlage wollen wir uns durch keine Feststimmung täuschen lassen, sondern wie früher die Augen offen und unser Pulver trocken behalten.““

 

November 1908

 

Während nun alles mit Spannung und Bangen den bosnischen, bulgarischen, serbischen und türkischen Dingen folgt, fällt eine neue politische Sensationsbombe in die Welt. Der „Daily Telegraph“ veröffentlicht Aeußerungen des Deutschen Kaisers über sein Verhältnis zu England. Wilhelm II. drückt seinen Unwillen darüber aus, daß die Engländer seinen Friedensversicherungen nicht glauben. Er findet da schöne, warme Worte: „Ich habe in Guildhall mit allem mir zu Gebote stehenden Nachdruck erklärt, daß mein Herz den Frieden verlangt, und daß es einer meiner heißesten Wünsche ist, mit England auf bestem Fuße zu leben. Bin ich je meinem Worte untreu geworden? Lüge und Falschheit sind mir fremd. Meine Handlungen sprechen für sich selbst. Ihr hört aber nicht auf sie, sondern auf jene, die sie mißdeuten und entstellen. Das ist eine persönliche Insulte ...“ Und weiter: „Ich wiederhole, ich bin der Freund Englands, aber ihr macht es mir schwer; meine Aufgabe ist nicht die leichteste, die bei einem großen Teile der mittleren und unteren Klassen meines Volkes vorwiegende Stimmung ist England nicht freundlich. Ich bin daher sozusagen bei meinem eigenen Volke in der Minderheit; aber einer Minderheit der besten Elemente genau so wie es sich in England bezüglich Deutschland verhält … Ich arbeite ohne Unterlaß, die Beziehungen zu verbessern, und ihr antwortet, daß ich der Erzfeind bin – warum das?“ - Um seine Beteurung zu erhärten, führt der Kaiser seine Haltung während des südafrikanischen Krieges an: er gibt zu, daß die öffentliche Meinung Deutschlands unzweifelhaft feindselig war, die Presse feindselig, feindselig die Privatmeinungen. Wie aber das offizielle Deutschland? wie er selber? Er lehnte den Empfang der Burenabgesandten ab, er lehnte die von Frankreich und Rußland vorgeschlagene Intervention ab – ja er arbeitete sogar einen Feldzugsplan zur Unterwerfung der Buren aus und schickte ihn nach England. Was den Wunsch nach einer kräftigen Flotte betrifft, so wird dabei nicht an England gedacht, sondern: „Deutschland ist ein junges, wachsendes Reich mit weltumspannendem, sich rapid ausdehnendem Handel, und Deutschland muß eine mächtige Flotte zum Schutze dieses Handels und seiner vielfältigen Interessen selbst in den entlegensten Meeren haben ...“

Alles dies ist mit voller Wahrheitsliebe und in der unverkennbaren Absicht gesagt, das englische Mißtrauen und damit die Gefahr eines englisch-deutschen Konflikts zu verscheuchen. Der Kaiser hätte daher durch diese freimütige Aussprache den Dank beider Länder verdient. Das Gegenteil traf ein. Und das ist das Sensationelle an der Sache. Nicht das, was in dem Dokument enthüllt wird – denn es sagt ja nichts Unbekanntes (bis auf den Feldzugsplan) und nichts Unwahres -, ist merkwürdig, sondern die Bestürzung, die dadurch hervorgerufen wurde. Die gesamte deutsche Presse stößt Alarmschreie aus, sämtliche Parteien bereiten Interpellationen vor, eine Kanzlerkrise steht in Sicht - „das darf sich nicht wiederholen“ - „dem muß ein Riegel vorgeschoben werden“, und der Herrscher wird förmlich abgekanzelt; Mittel und Wege schlägt man vor, ihm künftig das Reden unmöglich zu machen. Es scheint, daß ein konstitutioneller Monarch wirklich nichts anderes sagen soll, als „Es ist sehr schön gewesen, hat mich sehr gefreut.“ Der ganze Schreck beruht darauf: Der alte politische Glauben ist, daß man mit dem Ausland und über das Ausland niemals eine gerade, klare Sprache führen darf, daß man von seinen Absichten, Plänen und Handlungen auf dem Gebiete der äußeren Politik nichts verraten soll, daß man nur Falschgefärbtes, oder besser noch, nur Farbloses darüber äußern müsse. Dieses System war auch das richtige, so lang, als Ueberlistung und womöglich Niederwerfung des andern höchstes politisches Ziel war; Falschheit und Lüge, Mißtrauen und Verschlossenheit sind die Grundlagen des kriegsbereiten Nebeneinanderlebens; aber wenn es sich darum handelt, in Freundschaft sich zu verbinden, so ist die Beleuchtung der vollen Wahrheit das Ersprießliche. Auch begangene Fehler oder irrtümliche Anschauungen können, wenn nur ins Licht gerückt, durch Kritik und durch Verständigung ihrer Gefahr entledigt werden. Klärung, Klärung überall, das tut not; und nirgends Winkelzüge, so sehr auch politische Routine darin ihre höchste Weisheit sieht. Nichts verleugnen von dem, was man getan und was man tun will.“

 

Juni 1910

 

Das Ereignis – ein trauriges Ereignis war es -, das im vergangenen Monat den weitesten Widerhall gefunden hat, war der Tod Eduard VII. An anderer Stelle wird gewürdigt, was dieser Monarch in seiner kurzen Regierungszeit für den Weltfrieden getan hat; hier sei noch erwähnt, wie auch seinem Tode eine Friedenswirkung entstiegen ist. Einmal war das Versammeltsein fast sämtlicher Staatsoberhäupter um diese Bahre ein Bild von der Internationalisierung auch dieser Berufsgruppe. Wenn man alle diese in Trauer und Huldigung vereinigten Souveräne nebeneinander sah, trat der Widersinn so recht ins Auge, daß die unter ihrer Führung stehenden einzelnen Völker untereinander in ewiger Feindschaftsbereitschaft stehen; dann hat sich auch als politisches Resultat ergeben, daß das Verhalten Kaiser Wilhelms bei diesem Anlaß einen völligen Umschwung der Stimmung in Presse und Bevölkerung bewirkte und die so gefährliche deutsch-englische Spannung wieder um ein gutes Stück gelöst hat. Der Händedruck, den Georg V. Und Wilhelm II. über dem Sarge des toten Friedensstifters getauscht haben, war von tief eindrucksvoller symbolischer Bedeutung.“

 

Januar 1911

 

Zwischen dem deutschen Kaiser und Zar Nikolaus und ihren Ministern hat in Potsdam eine Entrevue stattgefunden, bei der ein Uebereinkommen über die strittige Bagdadbahn-Frage getroffen und überhaupt Annäherung angebahnt wurde. Immer deutlicher und sichtbarer ziehen sich die Freundschaftsfäden zwischen den Mächten der beiden Dreibünde – was fehlt da noch am Netz des Sechsbundes? Die Chauvinisten überall waren über die Potsdamer Abmachungen sehr unwirsch; die friedliche Hinwegräumung strittiger Fragen stört sie in ihren Kreisen. Daily Telegraph jammerte, daß wenn Rußland und Deutschland wirklich übereingekommen seien, bei keinerlei gegen den einen oder den anderen gerichteten Angriffen sich daran zu beteiligen, damit der eigentliche Zweck der Triple-Entente illusorisch geworden sei. Es ist doch eine einfache Jingo-Lüge, daß dieser Zweck jemals ein kriegerischer gewesen sei. So erklärt denn auch Pichon in seiner letzten Rede über die auswärtigen Angelegenheiten, daß sich Frankreich, dessen Politik eine dezidierte Friedenspolitik sei, nur darüber freuen könne, wenn für Rußland und Deutschland Schwierigkeiten, die zu Konflikten führen konnten, aus dem Wege geschafft worden seien. Es sei dies eine Garantie mehr für den Weltfrieden. Am Schlusse seiner sehr pazifistischen Rede hebt aber auch Pichon unter den Friedensgarantien den Ausbau von Heer und Marine hervor. Durch diesen Widerspruch, der allgemein zwischen Zweck und Mittel aufrecht erhalten wird, entsteht jene ewig geteilte Auffassung, der die politischen Ereignisse und Aktionen überall begegnen. Alles wird darauf berechnet, daß es den Pazifisten und den Chauvinisten zugleich Befriedigung bringe, und bringt doch beiden Aerger. Wenn Entente und Freundschaften als Bedrohungen des Friedens angesprochen werden können, so geschieht gar nichts, was ehrlich bedroht und was ehrlich sichert. Das Werkzeug soll doch mit der gewollten Arbeit übereinstimmen: man schafft sich doch nicht Drehbänke an, um darauf Violine zu spielen, Stradivariusse wird man nicht als Heizmaterial betrachten.“

 

Technischer Fortschritt

 

Um 1900 gab es zahllose Neu- und Weiterentwicklungen. Große Fortschritte in Medizin (u.a. werden die Röntgen-Strahlen entdeckt), in Chemie (u.a. Verflüssigung der Luft), elekrisches Licht und Telefon in den Städten gehört mehr und mehr zum Standard, die „Fernfotographie“ (Fax) ist erfunden, die drahtlose Telegraphie funktioniert zwischen Europa und den USA, der Film macht Fortschritte, Automobile und vor allem Flugmaschinen treten ihren Siegeszug an, Felssprengungen am „Eisernen Tor“ machen die Donau schiffbar, der Nord-Ostsee-Kanal wird eröffnet, der Panama-Kanal fertiggestellt.

Bertha von Suttner freut und fragt sich, warum „angesichts solcher Errungenschaften Menschen immer noch bösartig“ seien.

 

Gesellschaftlicher Fortschritt

 

Die Welt rückt zusammen, es gibt mehr und mehr internationale Treffen auf mehr und mehr Ebenen, wozu auch die Weltausstellungen gehören. Kulturell und zivilisatorisch ist zumindest Europa schon vereint und es gibt Bestrebungen zu wirtschaftlicher und politischer Einigung.

 

Februar 1893

 

Am 11. März tritt in Dresden eine von allen Nationen beschickte Konferenz zusammen, welche über die Mittel zur Abwendung der Cholera beraten soll … Den Versammelten und dem Publikum wird die Analogie in die Augen springen mit jener noch nicht einberufenen, vom eidgenössischen Präsidenten prophezeiten Konferenz, in welcher alle Nationen sich beraten sollen, ein anderes – 1000 mal schlimmeres – Uebel als die Cholera, von der Kulturwelt abzuwenden. Ein Uebel, das nicht von Natureinflüssen, sondern einzig vom Willen einzelner abhängt, ein Uebel, das die Cholera als eines seiner Miniaturresultate im Gefolge hat. In vielen Köpfen werden bei dieser Gelegenheit kleine Lichtchen aufdämmern, in manchen helle Sonnen aufflammen. Die verschiedenen zur Aufrechterhaltung des Krieges vorgebrachten Argumente „Uebervölkerungsgefahr“, „seit jeher so gewesen“, „göttliche Weltordnung, in welche einzugreifen Torheit und Frevel wäre“, alle diese Einwendungen wird die Tatsache des Kongresses als nichtig erwiesen haben. Verbündet im Kampfe gegen Krankheit, gegen Elend, gegen die Elemente, gegen die Roheit: das ist der vorgeschrittenen Menschheit Aufgabe – nicht die gegenseitige Bekämpfung, die zur Aufrechterhaltung von Phantomen sich nicht scheut, Elend zu schaffen, Tod zu verbreiten und die Naturkräfte selber in den Dienst der wechselseitigen Vernichtung zu bannen. Die Zeit der vereinigten Arbeit zur Verhütung unnötiger Qualen und Leiden rückt heran, und als ein Wahrzeichen dieser neuen Zeit will die Sanitätskonferenz in Dresden uns erscheinen.“

 

Juli 1894

 

Die Wiedereinsetzung der neuen olympischen Spiele durch den athletischen Kongreß in Paris (17.-23. Juni), dieses großartige internationale Fest, bei welchem der Baron de Courcel präsidierte, derselbe, der dem Schiedsgerichte in der Behringsfrage angehörte: dieses Ereignis kann eine der wichtigsten Etappen auf dem Wege sein, der zur Abschaffung der Kriege führt. Die als so wohltätig gepriesene Förderung der körperlichen Kraft, Gesundheit und Schöne, die man jetzt für den militärischen Drill in Anspruch nimmt, findet auf einem anderen Felde Ersatz, und außerdem ist das Messen der Kräfte auf dem friedlichen Boden der Arena, ausgeführt von Vertretern aller Nationen, abermals eine Versöhnungsgewähr. Die Universitätenallianz soll die Jugend der verschiedenen Völker auf intellektuellem Gebiete vereinen – der Athletenbund bildet hierzu die Ergänzung auf dem Gebiete der körperlichen Kräfte.“

 

Januar 1897

 

Das Testament Alfred Nobel‘s soll an dieser Stelle als ein hochbedeutendes Ereignis der Friedensbewegung dankbar und verehrungsvoll verzeichnet werden.

Eine Stiftung von ungefähr 10 Millionen Franken, deren Interessen (Zinsen) alljährlich einen Sieger auf dem Friedensfelde „dotieren“ sollen – das war ein großer, schöner Gedanke. Schon die Verkündung dieser Testamentsverfügung hat die allgemeine Aufmerksamkeit auf unsere Bewegung gelenkt, hat die Geister aufgerüttelt und alljährlich wird sich diese Sensation wiederholen. Nicht mit einem kleinen Auszeichnungspreise – nein, gleich mit einem ganzen Vermögen wollte Nobel jene bedenken, die durch ihre Arbeit die Menschheit auf idealere Höhe gehoben.

Vor aller Welt war da – nicht von einem exaltierten Träumer, sondern von einem genialen Erfinder, Erfinder von Kriegsmaterial noch dazu – zum erstenmal öffentlich erklärt, daß die „Verbrüderung der Völker“, die „Herabminderung der Heere“, die „Förderung der Friedenskongresse“ zu den Dingen gehören, die das meiste für das Glück der Menschheit bedeuten. So viel ist gewiß: ein Leitstern steht am Himmel, und immer mehr und mehr zerteilen sich die Wolken, die ihn bisher verdunkeln. Sein Name ist Menschenglück. So lange aber die Menschen sich – gesetzlich – in ihrem Leben bedrohen, so lange sie, statt einander zu helfen, einander befehden, gibt es kein Glück. Aber es muß und wird doch kommen. Der wachsende Forschergeist gibt dem Menschen eine über die Natur gebietende Gewalt in die Hand, die ihn zum Gott oder zum Satan machen kann. Da hast du einen Stoff, sprach der lebende Nobel zur Mitwelt, mit dem du alle und dich selber ins Unglück stürzen kannst …

Der tote Nobel aber zwingt unseren Blick zu jenem Stern empor und spricht zur Nachwelt: Veredle dich – und du wirst glücklich sein.“

 

Mai 1908

 

Sir Max Wächter, der gegenwärtig Europa bereist, um für sein Ziel, „die europäische Zoll-Union“, zu wirken, hat sich unlängst in Oesterreich und Ungarn aufgehalten, wo er mit Aehrenthal und Weckerle und vielen anderen hervorragenden Persönlichkeiten konferiert hat. Wieder eine Kraft im Dienste der Weltorganisationsidee!“

 

Im österreichischen Reichstag hat ein Antisemit, Bielohlawek, Tolstoi einen „alten Teppen“ genannt. Die Entrüstung, die Proteste, die sich dagegen erhoben, gaben Zeugnis von etwas, das man auch als „europäisches Gefühl“ bezeichnen könnte. Als in Rußland bei Hofe einmal davon die Rede war, daß über den Weisen von Jasnaja Poljana für eine seiner revolutionären Schriften eine Strafe verhängt werden solle, erhob sich Großfürstin Xenia mit dem Ausruf: „Unmöglich, was würde Europa dazu sagen!“ Und sie hatte recht, es gibt ein Europa, das nicht mehr duldet, daß geistige Größen – wes Landes sie auch seien – geschädigt oder auch nur beleidigt werden. Das hat der Tepp-Zwischenfall deutlich erwiesen.“

 

Dagegen sollten sich die Völker gegen die in jüngster Zeit auch häufig vorgebrachte Insinuation wehren, daß sie es sind, die den Krieg herbeiführen, weil sie ihn wollen. Man frage jeden einzelnen aus dem Volke und zähle die kriegsfordernden Stimmen. Uebrigens „herbeiführen“ läßt sich nur etwas, was irgendwo bereit steht. Heute kann niemand mehr, sei‘s ein Inquisitionskollegium, sei‘s eine religiös-fanatische Menge, ein Autodafé herbeiführen. Man gebe uns ein föderiertes Europa, und wo ist dann ein europäischer Krieg zu holen?

 

April 1911

 

Zum erstenmal ist in ein europäisches Parlament eine Frau als Abgeordnete eingezogen. Frl. Rogstad, eine Lehrerin, wurde zum Mitglied des Storthing in Christiania gewählt.“

 

Katastrophen, Tote, Unglücksfälle

 

Erdbeben, Sturmfluten, Explosionen, Brandkatastrophen, Blitzeinschläge, Grubenunglücke, Schiffs- und U-Bootuntergänge, Bahnunglücke, Flugunfälle, Seuchen, Staatsbegräbnisse: es gibt eine starke internationale Solidarität seitens der einzelnen Bevölkerungen als auch der Regierungen. Hier zwei Beispiele:

 

Februar 1910

 

Die Seine hat Paris belagert. Ja, wir haben noch andere – wenn auch nicht schlimmere – Feinde als die Menschen: die Elemente. Der Krieg, den diese gegen uns führen, ist schauderhaft und zeigt uns unsere ganze Nichtigkeit, aber es fehlen ihm zwei Attribute des Schlachtenkrieges: die Dummheit und die Bosheit. Der Fluß tritt nicht aus, weil er mag oder weil er haßt, sondern weil er muß. Er bringt, wenn er Städte und Fluren überflutet, Tod, Vernichtung, Seuchen, Not – aber er hat dies nicht gewählt oder gewollt; er hat keinen Siegesdünkel. Er ist sogar immer bereit, sich ohne Groll von menschlicher Vernunft und Voraussicht besiegen – d.h. regulieren zu lassen. Wie sehr übrigens die menschliche Vernunft an Verbreitung zu wünschen übrig läßt, hat sich in diesen Ueberschwemmungstagen auch darin wieder gezeigt, daß allenthalben Stimmen sich vernehmen ließen, die die Katastrophe dem Erscheinen der zwei Kometen zuschreiben oder darin eine „Strafe Gottes“ sehen. Selbst ein alter militärischer Aberglaube hat sich geregt, nämlich daß es gegen alle Unordnung und alle Gefahr nur ein probates Mittel gibt: Unumschränkte Gewalt in der Hand eines Generals. In der Tat: es sei über Paris der Belagerungszustand zu verhängen – eine Zumutung, die Briand ohne Zögern abgelehnt hat. Für die gegenwärtige Generation in Paris mag es übrigens von Nutzen sein, daß ihr ein wenig die Schrecken vor Augen geführt wurden, die eine Stadt zu ertragen hat, vor deren Toren der Feind steht. Abgeschnittener Verkehr, drohender Hunger und Durst, mögliche Zerstörung der Wohnstätten: das alles haben die Pariser zu fühlen bekommen, und sie riefen, das sei so fürchterlich wie eine Belagerung, und doch fehlte noch das Aergste: die Beschießung, die beabsichtigte Tötung. Vielleicht wird dieser Anschauungsunterricht so manchen Chauvinisten in seiner Kriegslust dämpfen und so manchen Pazifisten zu energischerer Friedensarbeit spornen. Mit den steigenden Errungenschaften der Kultur werden die gewaltsamen Unterbrechungen der friedlichen Lebensführung auch von Tag zu Tag unerträglicher. Während man einst sich erst dann unglücklich fühlte, wenn Mangel an Nahrung oder Obdach eintrat, ist man jetzt schon ganz außer sich, wenn das elektrische Licht und das Telephon versagen. Das neue Gefühl: das internationale Mitgefühl, das seit einiger Zeit bei jedem solchen Unglück, das man „Nationalunglück“ nennt, sich offenbart, hat sich jetzt wieder in verstärktem Maße eingestellt. Der Begriff „Solidarität“, der die wissenschaftliche Basis des Pazifismus ist, ist dem Verständnis der Mitwelt wieder nähergerückt worden; der naturgesetzliche Trieb der gegenseitigen Hilfe, der die bewegende Kraft der fortschreitenden Zivilisation ist, hat sich wieder in gestärktem Maße betätigt. Aus dem ganzen Ausland, auch von den fremden Souveränen, Kaiser Wilhelm mit inbegriffen, strömen die Gaben herbei. Daß man sich politisch-militärisch feindlich, lauernd und hämisch gegenübersteht, dabei aber privat und offiziell Mitgefühl und Mithilfe bietet, ist ein Widersinn, der endlich in sich zusammenfallen muß.“

 

Mai 1912

 

Wieder ging ein Schrei – ein fürchterlicher, heulender Angstschrei – durch die Welt und wieder einmal haben die Bewohner der Erde in gemeinsamer Anteilnahme an fremdem Schmerz miteinander kommuniziert. „Nearer to thee, o my God“ fühlen sich, in so grauenhafter Todesstunde, die Menschen gezogen, aber auch näher zu einander, näher zum echten Menschentum. Wie die Freude, „Tochter aus Elisium“, drängt auch der Schmerz zu dem Dichterruf: „Seid umschlungen Millionen“. Eine entsetzlichere, bis zur Erhabenheit grauenvollere Tragödie wie dieses Untersinken der „Titanic“ bei Nacht und Eiseskälte läßt sich kaum denken. Wer war der stumme Massenmörder, der dieses Verbrechen begangen hat? Ach, nur ein bewußtseinsloser Eisberg, der genau dahin sich bewegte, wo physikalische Gesetze ihn hintrieben. Immer von neuem, wie bei jeder elementaren Katastrophe, drängt sich uns Kriegsbekämpfern auch hier wieder die maßlos staunende Frage auf: warum dieses berechtigte menschliche Mitgefühl nur bei unglücklichem Ungefähr und nicht bei gewolltem, geplantem Unglück, wie es - oft viel massenhafter und viel grauenvoller – den bewußten Mordvorbereitungen der „waffenfreudigen“ Nationen entspringt? Ist ein Dreadnought minder unheildrohend als ein Eisberg? Freilich, dieser schwimmt gratis umher, während wir für den Dreadnought 60 Millionen zahlen dürfen. Freilich, der Eisberg ist nur ein dummer Block, und so ein „stolzes“ Schlachtschiff ist die Frucht des schärfsten, auf Menschenverderben gerichteten Geistes.“

 

Internationales Recht

 

April 1897

 

Das ist ja eben, was unsere Bewegung anstrebt. Nur muß natürlich der so weltbewegenden Frieden auf anderen Grundlagen aufgerichtet werden, als auf Galadiner-Toasten. Das wird auch der nächste Schritt sein. Die Bedürfnisse, die Wünsche, die Willensrichtungen, alles dies arbeitet sich nun langsam hervor, - sind diese stark genug, so folgen die Organe, die Institutionen.“

 

Juli 1897

 

Gewiß, den beiden Herrschern sei Ruhm und Preis dafür, daß sie ihre Macht für den Frieden einsetzten, aber Europa hat noch anderes zu tun, als dankbar anerkennen, es hat eine Sicherheitslage zu schaffen, in der sein „Heil“ nicht von der Stimmung und Willkür einzelner Fürsten abzuhängen hat. Fürsten noch dazu, deren soldatische Gesinnung von der Presse stets mit begeisterten Beifallsworten hervorgehoben wird. Wäre in Petersburg statt Frieden der Krieg beschlossen worden – dieselbe Presse würde darin das Heil und die Würde Europas erblickt haben.“

 

März 1899

 

Für uns Anhänger des Friedensgedankens ist es jetzt gar nicht anders möglich, wenn wir in die Zeit schauen, als den Blick auf das hochragende, alles andere überschattende Ereignis zu heften, das jetzt so nahe steht, das selbst, wenn es in letzter Stunde gar nicht zustande käme, doch die wichtigste und weittragendste Erscheinung der zukunftsbestimmenden Gegenwart ist – die für den 18. Mai im Haag einberufene Friedenskonferenz.

Und eben weil wir von der Wichtigkeit, von dem blendenden Verheißungslicht dieser Einberufung so durchdrungen sind, empfinden wir desto staunender und desto bitterer die täglich auffallendere Tatsache, daß ringsum allgemeines Unverständnis, apathische Stumpfheit und – ärger noch: versteckte und offene Gegnerschaft herrschen.“

 

März 1899

 

Kann man sich ein unsinnigeres Argument gegen die Konferenz denken, als das so oft vorgebrachte: „Sieht man denn nicht, wie alle Mächte weiter rüsten, wie selbst Amerika nun zur Kriegsmacht sich entfaltet, wie die Gefahr des Weltkriegs immer näher rückt – was soll da eine Friedenskonferenz? Eben diese Gefahr abwenden, Ihr Toren! Also weil überall Krankheitsherde entstehen, weil Epidemien um sich greifen, darum soll die Sanitätskonferenz verhöhnt werden?“

 

März 1899

 

Nein, nach der Haager Konferenz wird – das wissen die Friedensfreunde selber – weder der Weltfrieden dekretiert, noch die Abrüstung beschlossen, noch der europäische Staatenbund ratifiziert, noch allgemeine Schiedsverträge in Kraft gesetzt sein; aber den Weg dahin wird man eingeschlagen haben … So wie man nicht Wind säen kann, ohne Sturm zu ernten, so kann man nicht ein Bündel Licht säen, ohne Helle zu ernten.“

 

Mai 1900

 

Und was schlägt Lord Salisbury vor, um den unbegreiflichen Haß zu paralysieren? Einfach, daß das bisher freie Britannien auch ein Militärstaat werde; daß, da die Konskription leider der Bevölkerung nicht sympathisch ist, jedes Kind rechtzeitig scharf schießen lerne. Also Vorbereitung für künftige europäische Kriege und durch die Vorbereitung deren Herbeiziehung; das wird der Gewinn der „einbezogenen“ afrikanischen Territorien sein, und das auch für das Festland der Lohn für sein korrektes Verhalten. „Jeder ist nur soweit sicher, als er stark ist“, diese Maxime wird jetzt (einige Monate nach feierlicher Verkündigung der Solidarität der Kulturnationen) von allen Regierungsbänken und allen Redaktionsstuben her in die Welt posaunt. Das heißt also: der Schwache ist verloren; d. h. mit anderen Worten, es gibt überhaupt keine Sicherheit. Da aber die Sicherheit, die man gegen das Totgeschlagen-, Geplündert-, Unterjochtwerden besitzt, den Gradmesser der Kultur abgibt, so kann man mit noch anderen Worten sagen „es gibt überhaupt keine Kulturnationen“. Sie wollen es aber werden. Unbewußt und bewußt recken und dehnen sie sich nach dieser Richtung. Daher weckt alles, was dies Wachstum stören und hemmen will, ihren schmerzlichen Abscheu, und so läßt sich das, was Lord Salisburys Staunen erregt, ganz leicht begreifen.“

 

Juni 1907

 

Daß die kommende Haager Konferenz nur zur Reglementierung und allenfalls Humanisierung des Krieges führen kann, wird fleißig von vielen Seiten prognostiziert. Der seinerzeit hochberühmte Kriminalist Koch tat den Ausspruch: „Die Folter ist durchaus nicht zu verwerfen, wenn nur menschlich gefoltert wird.“ Auch an folgende Anekdote mahnt die vorgeschlagene Reglementierung der Kriegsbräuche. Ein Missionar wurde gefragt, ob denn nun die Wilden so bekehrt wären, daß sie keine Menschen mehr fressen; zur Antwort gab er: „Menschen fressen sie immer noch – aber schon zivilisiert, mit Messer und Gabel.““

 

Juli 1907

 

Daß jetzt hier im Haag das bedeutendste Stück Zeitgeschichte in die Erscheinung getreten ist, weiß das die Mitwelt, wissen das die Mitwirkenden? Es scheint nicht. Sonst müßte sich das ganze öffentliche Interesse darauf konzentrieren. Nichts geringeres als das ist geschehen: Sechsundvierzig Staaten haben ihre Vertreter zu einer Beratung vereinigt, die auf ein allen sechsundvierzig gemeinsames Interesse gezielt sein soll. Die Anerkennung solcher Gemeinsamkeit schließt schon das Ziel – das überhaupt mit dem Namen „Friedenskonferenz“ gegeben ist, virtuell in sich. Es würde sich also nur darum handeln, den Weltfrieden zu organisieren, ihm Gesetze, Garantien, Budgets und sonstige Organe zu schaffen. Das ist‘s auch, was werden will. Noch ist es leider nicht, was die Regierungen und ihre Abgesandten wollen. Das Subjekt in dem Satze: „Es will etwas werden“ - nenne man es nun das Gesetz der sozialen Entwickelung, das erwachte Gewissen der Völker oder die göttliche Kraft des Guten oder auch nur einfach den Betätigungsdrang der Vernunft – dieses „Es“ setzt seinen Willen mit Naturnotwendigkeit durch, auch über die Köpfe derjenigen hinweg, deren Willen sich dagegen sträubt, und die, ohne es zu wissen, doch dafür mittätig sind.

Noch läßt sich nicht sagen, was das Endergebnis der Konferenz sein wird. Bis heute hat es den Anschein, als würde sie einen bedeutenden Rückschritt gegen die erste darstellen. Es kann aber noch anders kommen. Keinesfalls werden die Anhänger des Pazifismus mit den Arbeiten der Konferenz Zufriedenheit heucheln, wenn nicht auf dem Gebiete der Friedensorganisation irgend ein namhafter Fortschritt erreicht wird. Denn wenn sie auch zugeben, daß der Fortschritt nur durch kleine Schritte und langsam sich bewegt, so müssen diese kleinen Schritte doch in der richtigen Richtung gemacht werden. So lange die Konferenz sich bloß mit Kriegsreglementierung beschäftigt, kann der Pazifismus nur finden, daß man – gleichgültig, ob die Schritte groß oder klein sind – sich vom Ziele entfernt. Es gibt wohl auch unter den Delegierten eine Anzahl – freilich nur eine Minorität , die das Ziel deutlich im Auge haben, und die dafür noch kämpfen werden. Und hinter ihnen stehen sehnsuchts- und einsichtsvoll Millionen aus den Völkern.“

 

Ist es nicht sonderbar? Medizinische Kongresse werden mit Aerzten beschickt, die sich über Heilverfahren einigen. An Frauenkongressen beteiligen sich Frauen, die für Frauenrechte einstehen, in Antialkoholkongressen versammeln sich Abstinente, die für die Abschaffung der Trinkunsitten kämpfen – nur zu der Friedenskonferenz werden hohe Militär-Experten delegiert, die die Unvermeidlichkeit des Krieges verkünden und über die Führung der künftigen Schlachten zu Land, zu Wasser und zur Luft statuieren. Solche Widersprüche können nicht von Bestand sein. Sie sind eine Gärungserscheinung. Der klare Wein wird schließlich daraus hervorgehen. Durch die vorgeschlagenen Kriegsgesetzgebungen und Kriegsmilderungen und die daran geknüpften Debatten zeigt sich so recht deutlich, wie unverträglich die Begriffe von Gewalt und Recht, von Vernichtung und Humanität sind; auch das ist ein Klärungsprozess.“

 

November 1907

 

Nach mehr als viermonatiger Dauer, unter Anteilnahmlosigkeit der Allgemeinheit, wurde am 23. Oktober die zweite Haager Friedenskonferenz geschlossen. Sechsundvierzig Staaten, die sich zusammentun, jeder mit seinem Instrument, das gibt ein gewaltiges Konzert. Und auf dem Programmzettel war eine Friedenssymphonie angekündigt. Wir anderen sagten uns: Wer da nicht in Pax-Dur spielt, spielt falsch. Und auf der Konferenz ist viel falsch gespielt worden. Manche Teilnehmer sagten mir selber: „die Konferenz hat einen unrichtigen Titel – damit wird das Publikum irregeführt.“ Nein, der Titel war richtig, irrig die Ausführung. Einerlei: es war ein großartiges Zeitereignis, dessen heute noch unabsehbare Folgen erst der nachwachsenden Generation sich offenbaren werden. Was die Konferenz zurückgelassen hat, sind nicht Errungenschaften für den Pazifismus – oder doch nur herzlich wenig davon -, wohl aber Aufgaben für ihn. Wichtige Aufgaben und nützlichste Lehren. Eine dritte Konferenz muß vorbereitet werden. Aber nicht nur unter den Programmmachern der Militaristen und der Diplomaten der alten Schule, sondern in der interparlamentarischen Union, in den Friedensvereinen, in den Völkern. Der Wille der Völker muß aufgeklärt, gefestigt werden, und der Wille der Regierungen wird dann in der dritten Konferenz sich dem der Völker anpassen. Irrig wäre es übrigens, zu glauben, daß die Institution der Haager Konferenz die einzige Küche ist, in der das herrliche Festmahl – gesicherter Völkerfrieden – bereitet wird. Da sind hundert andere Kräfte in hundert anderen Laboratorien tätig. Solche, die mit vollerem Dampf arbeiten. Die Haager Konferenzen können leicht überholt werden, wenn sie ihr Tempo nicht beschleunigen. Die Erfindungen, die Ententen und Verträge, das alles schreitet schnell. Am schnellsten vielleicht das wachsende Bewußtsein des nicht mehr Ertragenwollens und Ertragenkönnens, das sich aus den Massen durch ein gebieterisches „Es ist genug!“ Luft machen wird. Eine Schnecke als Zugtier: das lassen sich in unserer 100-H P.-Zeit (H P = Horse Power = Pferdestärke) nicht einmal die sogenannten, an langsames Vordringen gewohnten „Ideale“ mehr gefallen.“

 

März 1908

 

Also laßt es euch noch einmal gesagt sein: das legale Raufen ist unabschaffbar. Dogma. Die Sklavenmißhandlungen waren einmal auch nur zu „beschränken“ - und die Sklaverei war eine heilige, unverrückbare Institution. Dogma. Es hat solche gegeben, die sich an dieses Dogma nicht kehrten, und die es nicht so unwidersprochen verkünden ließen.“

 

September 1908

 

Werden denn nicht alle Rüstungsvorlagen mit dem Hinweis auf die Stärke der anderen begründet? In nichts ist der Staat so wenig unabhängig als gerade in dieser Sache, und mit nichts greift er so sehr in die Interessen der anderen Staaten ein als durch die Rüstungen. Diese sind doch nur eine Gegenseitigkeitsmaßregel. Innere Polizei – das ist was anderes, die mag jeder Staat nach eigenem Bedürfnis regeln, aber was er gegen äußere Drohung tut und womit er selber droht, das ist kein ureigenstes Gebiet, in das hineinzureden eine Anmaßung wäre, die man wie eine Beleidigung abwehrt. Ist es für einen Kaufmann beleidigend, wenn sein Konkurrent zu ihm kommt und ihm vorschlägt, zur Herabminderung der Betriebskosten einen Trust einzugehen? Geschieht dies nicht zum Vorteil beider?“

 

September 1911

 

Marokko hieß die Parole der seit der letzten Chronik verflossenen Zeit. Auf der Spitze dieses Wörtchens balancierte wieder einmal die Frage: Krieg oder kein Krieg. (Und das nennen die Leute den durch die Rüstungen gesicherten Frieden) …

Setzen wir den Fall zwei Geschäftsleute, die in verschiedenen Häusern wohnen, verhandeln über eine abzuschließende Transaktion, wobei sie über den Betrag der Einzahlung, der Profitverteilung, der Entschädigungsansprüche, der Gebarungsmodalitäten usw. noch nicht einig sind, und es wäre zugleich abgemacht, daß, wenn man zu keinem Uebereinkommen gelangt, die beiden Häuser in Brand gesteckt würden. Wenn man nun die übrigen Bewohner der Häuser befragen wollte, was ihre Ansicht über die zur Verhandlung stehenden Interessen sei – so würden sie doch nur ausrufen: Unser und euer und aller Nachbarn größtes Interesse ist, daß die Mordbrennerei unter keinen Umständen stattfinde, daß die Eventualität dieses Unglücks nicht von dem Ausgang eurer Feilscherei abhängig gemacht werde. Oder mit andern Worten – Worte, die den Kern der pazfistischen Forderung darstellen -, wenn die Diplomaten sich nicht einigen können, so ist die Streitfrage vor die internationale Justiz zu bringen. „Eine solche gibt es nicht“, sagen die andern. „Doch“ - antworten wir - „das Haager Tribunal steht offen.“ - „Das ist noch nicht mit genügend Autorität ausgestattet“, lautet die Gegeneinwendung. - Dann werde es so ausgestattet; der jetzige Fall zeigt wieder so recht eindringlich wie bitter notwendig es ist, daß wir dagegen geschützt und gesichert werden, daß man unsere Häuser, die einen Wert von – sagen wir – einer Milliarde Mark haben, niederbrenne, weil Zwei sich über die Verwendung von zehn Pfennigen nicht einigen konnten.“

 

November 1911

 

Das Marokkogeschäft ist endlich abgemacht. Weder die alldeutschen noch die französischen Nationalisten sind damit zufrieden. Während der Verhandlungen gaben sich die beiden genannten Parteien die größte Mühe, daß statt der Verhandlungen die schwebende Frage durch kriegerische Auseinandersetzung gelöst werde. Jetzt werden sie versuchen, aus den Paragraphen des Uebereinkommens selber Streitfragen zu konstruieren. Zum Glück sieht ein Paragraph vor, daß allfällige Differenzen, die sich aus dem Vertrag ergeben könnten, vor das Haager Schiedsgericht gebracht werden sollen. Aber man fragt sich, warum nicht zu allem Anfang als selbstverständlich angenommen wurde, daß, falls die langen geheimen Debatten nicht zur Einigung führen sollten, die Sache im Haag entschieden werde und daher gar kein Anlaß war, in jenen Geschäftsbesprechungen eine Gefahr zu sehen und den endlichen Abschluß als überstandene Gefahr zu begrüßen. Wir dürfen nicht immer jubeln, daß die Herren Politiker das Unheil gnädig von uns abgewendet haben, sondern müssen fordern, daß hinter den politischen und diplomatischen Pourparlers überhaupt kein Unheil drohen dürfe. Einigen sich die Herren, so ist es gut; einigen sie sich nicht, so mögen sie vor den Richter gehen – nicht aber unser Gut und Blut hinwerfen wie man eine Münze auf den Tisch wirft „grad oder ungrad?“ um zu entscheiden, wer den Profit haben soll.“

 

Kriege brechen nicht aus, sie werden lange vorher geplant

 

November 1892

 

Die Geschichte von der – und rund um die – Emser Depesche gehört zu den verblüffendsten Dingen, welche in der letzten Zeit vorgekommen sind. Nicht, daß die Sache so geschehen, sondern daß sie erzählt worden ist, ist das Merkwürdige daran. Und die Entrüstung, das Staunen, die Urteile, welche dadurch hervorgerufen wurden, bewegen sich zumeist wieder daneben. Warum jetzt diese Ausrufungen, diese Vorwürfe? Weiß man denn nicht, dass Kriege gemacht werden, daß es Personen und nur der Wille, der Ehrgeiz, mitunter die Laune, mitunter willkürliche Ungeschicklichkeit bei Personen ist, was den Krieg hervorbringt und nicht irgend eine geheimnisvolle Naturgewalt? Jetzt triumphiert man in den französischen Blättern: „Aha! also nicht wir haben den Krieg vom Zaune gebrochen, sondern Bismarck hat ihn gewollt!“ Dabei übersieht man, daß die Emser Depesche , auch so, wie sie aus der Chamade in die Fanfare umgewandelt war, noch lange keinen genügenden Grund zu einer Kriegserklärung abgab. Und da der Krieg zu Deutschlands Gunsten ausgefallen, wäre es denn da nicht eine patriotische und diplomatische feine Tat gewesen, ihn ein wenig zu beschleunigen? Wozu also der Vorwurf dem Staatsmann? Nein, nur das ist das Unerhörte, das Unstaatsmännsiche dabei, es hinterher enthüllt zu haben. Die Welt ist so gewohnt, daß die Küche dicht verschlossen sei, in welcher der Krieg gebraut wird, daß es ihr wie ein Sakrilegium erscheint, wenn einer einmal hinaustritt und sagt: „So wird‘s gemacht.“

Nein, die Frage ist wahrlich nicht, ob eine Depesche so oder so stilisiert war, sondern die, ob es fernerhin von den Federstrichen, dem Achselzucken, Rückenkehren einiger mehr oder minder kluger Menschen soll abhängig gelassen bleiben, ob Millionen ihrer Mitmenschen sich zerfleischen sollen oder nicht? Müssen die Machthaber nicht selber wünschen, solch furchtbarer Verantwortlichkeit überhoben zu sein? Man sieht, wenn der Wille zum Krieg da ist, und der war noch – bis vor kurzem – die Grundlage des Staatslebens und -Wachstums, so sind die Motive und Vorwände immer bereit, sich einzustellen, der geschürte Haß ist immer zum Explodieren geneigt. Und das gibt uns andern die Hoffnung, daß der Wille zum Frieden, der stets mächtiger um sich greift, ebenso leicht Vorwände und Auswege finden wird, um die gewünschte Katastrophe, die Friedenserklärung, vom Zaune zu brechen ...“

 

Februar 1893

 

Immer mehr und mehr zerreißt der mystische Schleier, der über das angeblich „von selber“, „naturgesetzmäßige“ Entstehen der Kriege liegt, immer mehr zeigt sich in letzter Zeit, wie, von wem und zu welchen Zwecken sie gemacht werden. Was da besonders die Alarm- und Alerte-Manöver der Zeitungskorrespondenten und Depeschen-Bureaux mitwirken, hat sich wieder in erschreckender Weise in den letzten Wochen bestätigt. Da flogen die brennenden Fackeln über das pulverbeladene Europa nur so hin und her: Nachrichten über eine Umfragereise des Großfürsten Sergius, „wie man sich in Rom, Paris und London zu einer geplanten Kriegserklärung stellen würde?“ Beleidigungen und Verdächtigungen von Botschaftern – und was dergleichen harmlose Mittelchen mehr sind, welche im Dienst derer ausgeführt werden, die „den Krieg haben wollen und haben müssen“, wie General Skobeleff, die es aber nicht alle so zynisch bekennen, wie er.“

 

Mai 1894

 

Bismarck hat wieder einmal zu einer politischen Abordnung eine politische Rede gehalten, von welcher einige Sätze hier angeführt sein mögen. „Die europäische Frage über Krieg und Frieden liegt in der polnischen Begehrlichkeit.“ Sonderbar! Das ist eben das Schöne an dieser Frage , daß sie je nach Anschauung und Bedarf in allem Möglichen liegen kann – da eben jeder mögliche Vorwand oder Anlaß die latente Kriegskraft freimachen kann. Für uns Friedensfreunde liegt sie aber in der waltenden Legitimität des Kriegszustandes. Ist diese überwunden, so wird man mit „Begehrlichkeiten“ oder was es sonst sein möge, anders fertig. Ferner sprach der Fürst das tröstende Wort, daß er die Kriegsfrage nicht für „sehr nahe bevorstehend“ halte … „weil weniger die friedliche Gesinnung aller Regierungen als die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Chemiker in der Erfindung neuer Pulversorten und der Techniker in der Vervollkommnung der militärischen Ballistik den Frieden bisher erhalten haben“. Nun, Fürst Bismarck ist jedenfalls in der Lage, über den Wert der „friedlichen Gesinnungen der Regierungen“ ein Urteil abzugeben. Zum Schluß sagt er auch noch, daß er deshalb an keine nahe bevorstehenden auswärtigen Verwicklungen glaube, „weil keine der europäischen Mächte mit ihren Vorbereitungen fertig sei zum Losschlagen“. Nun, einer so unverhohlenen Räuberpolitik ist noch selten Ausdruck gegeben worden. Also davon hängt das Losschlagen ab, vom Fertigsein? Wir glaubten – d.h. wir glaubten nicht, aber wir sollten‘s ja glauben -, daß die Vorbereitungen nur der Verteidigung gelten? Und „auswärtige Verwicklungen“! Um dieser unberechenbaren, von dem Dazutun der Regierungen ganz unabhängigen Eventualität die Stirn bieten zu können, soll uns ja die Kriegsbereitschaft dienen? Wie das obige Wort es enthüllt, treten die Verwicklungen gehorsam erst dann ein, wenn einer bereit ist, oder zwei sich bereit glauben zum Dreinschlagen. - So sprechen die Gründer der sogenannten Friedensliga, die „Hüter des Friedens“, so sprechen die, zu welchen die Massen des Volkes noch immer wie zu politischen Orakeln ausschauen.“

 

Oktober 1895

 

Wir übergeben es daher unseren Freunden zur Betrachtung und als Beweis von der Richtigkeit der von den heutigen Kriegsverteidigern so oft vorgebrachten Phrase: „Es gibt keine Kabinettskriege mehr – jetzt sind es die Völker, welche ihre heiligsten Interessen etc. etc. ...“ Das ist einfach nicht wahr; die Bedingungen und Voraussetzungen, die die Kabinettskriege ermöglichen, sind nicht weggeschaft und der Völkerhaß wird nur als Unterlage angefacht und wachgehalten, um im geeigneten Moment nicht nur zur Ausführung, sondern auch zur Verantwortungsübernahme des Krieges benützt werden zu können.“

 

Januar 1896

 

Nun telegraphiert aber Kaiser Wilhelm einen Glückwunsch an den Präsidenten Krüger, und England (Wer ist England? O, über die leidige Gewohnheit, solche Abstraktionen zu gebrauchen!) nimmt diese Einmengung Deutschlands (Wer ist hier Deutschland?) übel, und wieder erhebt sich Kriegsgeschrei. Die Spalten der englischen Zeitungen füllen sich mit Invektiven und Drohungen; alles, was „deutsch“ ist, wird beschimpft, der nationale Konkurrenzneid wird aufgestachelt und dadurch ruft man jene Demonstrationen des Mob hervor, wie sie gegen ausländische Arbeitskräfte so leicht in Szene gesetzt werden können; - fliegende Geschwader werden ausgerüstet; die bewährten „Mehrforderer“ schreien nach neuen Schlachtschiffen, Torpedos und Torpedo-Zerstörern; kurz der Jingoism ist losgelassen und durchrast das Land und die Presse. Namentlich die Presse. Wie sehr Recht hatte der österreichische Minister Graf Kalnoky, als er an die Friedenskongresse die Mahnung richtete, sie mögen ihren Einfluß dahin üben, daß die Schür- und Alarmmethode der Publizistik und des Nachrichtendienstes aufhöre. Aber siehe da: auch diesmal – gerade so wie in der Venezuela-Angelegenheit – versagt das Mittel; einige zwischen der Königin Victoria und ihrem kaiserlichen Enkel gewechselten Briefe, einige Zwiegespräche der beiderseitigen Gesandten und Minister und die Gefahr ist beschworen; die Presse wiegelt ab, und wieder herrscht der sogenannte Frieden. Man setze aber den Fall, Kaiser Wilhelm hätte den Handschuh aufgehoben. Er hat es nicht getan. Ob nun dieser Umstand einem edlen Friedenswillen oder der verwandtschaftlichen Rücksicht oder dem Bewußtsein der noch nicht auf gleicher Höhe befindlichen Seemacht entspringt – einerlei: das Riesenunglück ist abermals abgewendet. Doch neuerdings ist dabei klargeworden, von welchen Faktoren unter den heutigen zwischenstaatlichen Beziehungen Krieg und Frieden abhängen. Die alten Kriegsausbruchmaschinen sind noch aufgestellt und ihr Mechanismus fängt auch bei den üblich gewesenen Anlässen ganz ordentlich zu arbeiten an … Dennoch, einige gibt es, die brauchten ihn (den Krieg) noch, andere, die lieben ihn noch, und wenn der internationale Verkehr nicht bald auf den Rechtszustand eingerichtet wird, so kann plötzlich – auf ein bloßes, in der Erregung ausgesprochenes Machtwort, oder auf ein nicht mehr gutzumachendes Beleidigungswort hin – die Brandfackel in die aufgespeicherten Pulvervorräte fallen. Die Notwendigkeit, die heilige Verpflichtung, die „gesunde Menschenverstands“-Forderung liegt immer gebieterischer vor, solchen Eventualitäten durch Einsetzung des Rechtszustandes vorzubeugen.“

 

April 1896

 

Im hohen Grade lehrreich ist die, jetzt eben an die Oeffentlichkeit gelangte, militärische Korrespondenz Moltkes. „Es ergibt sich daraus, daß Moltkes Vorarbeiten für den Krieg von 1870 noch weiter zurück reichen, als jene für den Krieg mit Oesterreich.“ (Aus einem Bericht der „Neuen Freien Presse“) … Allen jenen sei diese Lektüre zum Meditieren empfohlen, die die Kriege als von Gott gesandt, oder als von den Völkern gewollt, aufzufassen gewohnt sind. Die Veröffentlichung von derlei militärischen und diplomatischen „Vorarbeiten“ ist von seiten der Kriegsparteien nicht klug.“

 

Januar 1907

 

Der in der vorigen Nummer der „Friedens-Warte“ enthaltene Auszug aus Hohenlohes Memoiren hat in unseren Kreisen große Sensation gemacht, denn deutlicher und authentischer ist noch nie gezeigt worden, wie Kriege gemacht werden, und wie sie daher nicht gemacht zu werden brauchten. Mir sind zahlreiche Briefe über den Gegenstand zugekommen.“

 

Ein weiteres Beispiel über die absichtliche Kriegsherbeiführung findet sich in G. Schuster „Kaiser Friedrich“ (Verlag Vossische Buchhandlung). Als nach Beendigung des dänischen Krieges 1865 Bismarck in schlauer diplomatischer Wendung das Erbrecht des Erbprinzen Friedrich von Augustenburg nicht anerkennen wollte, schrieb Kronprinz Friedrich ganz verzweifelt an Max Duncker, Bismarck habe ihm selbst gesagt, „die Bedingungen seien also redigiert, daß sie unannehmbar für Herzog Friedrich würden“! „Man will ja einen Konflikt, um durch einen Krieg den inneren unhaltbaren Zwist beizulegen. Dies ist doch ziemlich klar? Und wenn Herzog Friedrich wirklich nachgäbe, und wenn er noch stärkere Bedingungen annähme, man würde es bei uns schon verstehen, die Dinge so zu betreiben, daß neue Komplikationen erständen, um Krieg zu bekommen.“ Krieg – das fürchterlichste -, „leider unvermeidliche“ Unglück, das es gibt -, „zu bekommen“, danach werden die Dinge betrieben! Das Ränkespiel mächtiger Staatsmänner und Diplomaten – Moltke nennt es „göttliche Weltordnung“ - die Wirtschaftsphilosophen nennen es das unvermeidliche Ergebnis des kapitalistischen Systems -; wann wird man es endlich allgemein als die demaskierte Gepflogenheit einer überwundenen Epoche erkennen?“

 

Nichtigkeit von Verträgen

 

Oktober 1896

 

„„Enthüllungen in den „Hamburger Nachrichten“ über einen Vertrag „wohlmeinender Neutralität zwischen Rußland und Deutschland zur Zeit Bismarcks und ohne Vorwissen Österreichs.“ - Darüber eine Kanneschütterei – man kann es nicht mehr „gießen“ nennen – in allen Blättern! Diese geheimen Abmachungen der Machthaber und Diplomaten … dieses Ballspiel mit den Völkern und ihrem Leben; und was die Völker, aber vielmehr die Presse – die Völker sind ja stumm – bei solcher Gelegenheit tratscht und kommentiert und kombiniert, nur das eine sagt sie nicht, was nottut: Genug der Lüge und der Ränke: schafft uns Sicherheit, nicht aber Verträge über die Modalitäten unserer nächsten Abschlachtung.“

 

November 1896

 

Desto redseliger, spaltenfüllender, kabinettsaufregender wurde noch die Bismarcksche Enthüllungsaffaire als das wichtigste Ereignis der Tagesgeschichte behandelt: erst die im Reichstag durch den Fürsten Hohenlohe und durch Herrn v. Marschall nach allen Seiten hin beschwichtigend gegebenen Erklärungen setzten der weiteren Ausdehnung ein Ziel. Ja „enthüllt“ wurde in dieser Affäre allerdings viel und zwar das Gaunergesicht – nicht dieses oder jenes Politikers – sondern jener volksbetrügenden Intrigantin, die da „hohe Politik“ heißt. Es hat sich wieder einmal gezeigt, wie hinter dem Rücken der Völker die Verträge geschlossen, gelöst, gebrochen werden, und wie unbegründet es ist, wenn es heißt, „Rußland hat mit Deutschland“ oder „Deutschland hat mit Oesterreich“ dies oder jenes vereinbart: in Wirklichkeit vereinbaren in Rußland nur ein Mann und in andern Ländern nur ein paar Staatsmänner, wie und ob die verschiedenen Völker miteinander oder gegeneinander sich lieben oder sich hassen sollen. „Wohlmeinende Neutralität wird einander zugesichert.“ Also kann von vornherein vertragsmäßig festgelegt werden, daß man nicht Krieg führen wird? Und diese Verträge werden nicht nach allen Seiten hin gemacht? Staatsgeheimnisse heißen diese Dinge? Wie viel wert diese Unterscheidung von „Angriff“ und „Verteidigung haben, das wird ganz naiv in folgender Zeitungsstimme „enthüllt“. Zu dem Neutralitätsabkommen schreibt die „Berliner Nationalzeitung“: „Falls wirklich ein formeller Vertrag im Jahre 1884 abgeschlossen sein sollte, es könne doch gar keine Rede davon sein, daß derselbe längere Zeit, insbesondere um die Jahre 1887 und 1888 für Deutschland eine Sicherheit geboten hätte. Wer bei einem Kriegsausbruch der Angreifer ist, ist gewöhnlich streitig und für die Lossagung von einem für den Fall eines Angriffs verpflichtenden Vertrag seien daher stets Vorwände zu finden.“ Mit welcher Leichtigkeit, als wie von etwas Selbstverständlichem, den „Mächten“ Vertragsbruch, Raubgelüste etc. zugeschrieben werden – Dinge, die man einem einfachen Kaufmann oder Privatmann nicht nachsagen dürfte, ohne sich Ehrenbeleidigungsklagen auszusetzen, das wurde in diesen Enthüllungspreßstimmen – die ihrem großen Bismarck auch verschiedene Haß- und Rachemotive unterschoben, bis zum Ekel aufgedeckt. Hier unter vielen Beispielen noch eines: Die „Vossische Zeitung“ erinnert daran, „daß Rußland während der bulgarischen Krise in Rom eine geheime Eröffnung machte, durch welche Italien Triest angeboten wurde, wenn es in einem Krieg Rußlands gegen Deutschland und Oesterreich sich auf die russische Seite stelle, während um dieselbe Zeit Italien von Frankreich unter den gleichen Bedingungen das Trento angeboten erhielt, Anträge, welche der italienische Ministerpräsident loyal und kurzer Hand abgewiesen hat“. - Loyal? Das edle Wort sollte in derlei geheimen Schachergeschäften gar nicht gebraucht werden – denn Staatskunst besteht ja, so lange dieses System geduldet wird, darin, dasjenige zu tun, was gerade den vermeintlichen Interessen der betreffenden Macht entspricht. Ob nun eine Macht bei ihren hinter verschlossenen Türen abgemachten Verträgen und Tausch-, Beute-, Wechselausstellungen sich für Feindschaft dorthin oder dahin entscheidet – sie besitzt leider, und gebraucht dann auch, die Macht, den Völkern zu suggerieren, daß sie die Feindschaft empfinden, und daß es der Völker eigenstes Interesse ist, sich rechts zu schlagen und nach links die Hand zu reichen – oder umgekehrt.“

 

April 1911

 

Der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg sagte in seiner, der Frage der Schiedsgerichtsbarkeit und Abrüstung gewidmeten Rede am 30. März 1911: „Aendert sich dieser Zustand, entwickeln sich zwischen den beiden Nationen Gegensätze, welche ihre Lebensbedingungen berühren, welche, die man im gewöhnlichen Leben zu sagen pflegt, an die Nieren gehen, dann möchte ich den Schiedsvertrag sehen, der nicht wie Zunder zerfällt.““

 

Wie klang der Widerhall der Grey-Taftschen Eröffnungen im deutschen Reich? Ganz konsequent. Die seit der ersten Haager Konferenz hervorgekehrte Ablehnung der zwischenstaatlichen Justiz und der Abrüstung ist diesmal wieder mit aller gewohnten „realpolitischen“ Kälte und Entschiedenheit festgehalten worden. Die Unvermeidlichkeit des Krieges wird neuerdings proklamiert. Die Rüstungseinschränkung als nicht möglich und nicht wünschenswert abgewiesen. Verträge sind nichts wert; - wenn‘s „an die Nieren“ geht, brennen die Papiere „wie Zunder“. (Eine vertrauenerweckende Zusicherung für etwaige, vom Reichskanzleramt gezeichnete Abmachungen.) „Die ultima ratio kann nicht ganz weggestrichen werden.“ - „Zur Friedfertigkeit aber gehört Stärke. Es gilt noch immer der alte Satz, daß der Schwache eine Beute des Starken wird.“ - Beute, Beute … ein häßliches Wort: ein Raubwort, ein Raubtierwort. Die sich ihrer Stärke brüsten, tun sie es, um nicht Beute zu werden, oder um sie sich zu holen?Jedenfalls muß einer dem andern fortwährend das zumuten, was er von sich leugnet. Und das soll der bleibende Zustand sein, der dem „Wesen der Menschheit“ und dem „Wesen der Staaten“ entspricht? Der Kanzler hat ganz so gesprochen, wie es dem Gegner des Schiedsgerichts- und Abrüstungsprinzips, wie es dem konservativen Militaristen geziemt, und innerhalb dieses Ideenkreises hat er sogar mit anerkennenswerter Mäßigung und Klarheit gesprochen. Die Rolle, die von den deutschen maßgebenden Kreisen: Hof, Regierung, Parlament (die Sozialdemokraten ausgenommen), Presse seit Auftreten des Friedensproblems, auch auf den Haager Konferenzen selber gespielt wurde: kühle Ablehnung – diese Rolle wurde hier neuerdings in vollendeter Weise aufgeführt.“

 

Der Beifall unter Gleichgesinnten hat auch nicht gefehlt. Ein internationaler Beifall, natürlich – heutzutage ist ja alles international gruppiert – auch die Nationalisten. Freilich noch nicht in sichtbarer Form, aber im Geist. Sämtliche Jingoblätter Englands, alle chauvinistischen Zeitungen Frankreichs (von der deutschen „völkischen“ Presse gar nicht zu reden) sind von den Ausführungen des Kanzlers entzückt. Der „Globe“ sagt: „Herr v. Bethmann verwirft die liebenswürdigen Theorien der sentimentalen Pazifisten in England und in Amerika als unausführbar. Er stellt sich auf den Standpunkt der unaustilgbaren Grundbedingungen des menschlichen Lebens. Das alles ist heute für die Idealisten, die den Tatsachen nicht ins Gesicht schauen wollen, betrübend; aber wir für unsern Teil sind dem Kanzler für den gesunden Menschenverstand, der sich in seinen Worten ausdrückt, dankbar.“ Der „Temps“, der ja das schöne Wort von „Belements pacifiques“ geschaffen hat, ist natürlich auch voll Bewunderung über die Kanzlerrede.“

 

Grausamkeiten im Krieg

 

Dezember 1899

 

Man merke sich den Namen Vigné d‘Octon. Dieser französische Autor, der viele militärische Expeditionen mitgemacht, enthüllt in einer Artikelserie in der „Aurore“solche Greuel über koloniale Eroberungen, daß, wenn die Tatsachen alle bekannt werden, der Enthusiasmus der Kulturwelt für koloniale Eroberungen im bisherigen Stile stark erkalten wird.“

 

November 1911

 

Viele Erzählungen und Gerüchte von „italienischen“ Grausamkeiten schwirren durch die Presse. - Grausamkeiten, sicherlich; aber warum „italienische“? Der Krieg selber ist grausam und kann nicht anders als grausam geführt werden. Betrachtet man die Kriegshandlungen vom bürgerlich-moralischen Standpunkt, so erscheint jede seiner „Operationen“ als barbarisch; betrachtet man sie vom strategischen Standpunkt der militärischen Nützlichkeiten und Notwendigkeiten, so sind sie eben nichts als kriegerisch. Dann kommt noch der Seelenzustand dazu: ein Gemenge und Wut, Rachsucht (jede Repressalie scheint gerecht), Angst, jägerische Verfolgungssucht, aufgestachelte Mordlust, Verzweiflung – und die „Grausamkeiten“ sind fertig. Gewiß werden auch die Italiener von ihren Gegnern grausam behandelt. Verstümmlung, mit Dolchen ausgestochne Augen, das ist den italienischen Verwundeten um Tripolis geschehen. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Araber grausamer als die Italiener, und wie grausam die Türken sein können, haben die Armeniermassakers gezeigt. Der Mensch, dem eine Waffe in die Hand gegeben wird, mit dem Befehl „töte“, und noch irgendein fanatisierendes Schlagwort dazu, - der wird zum Tiger. Viele Gegner des Pazifismus gebrauchen uns gegenüber das Argument: „Krieg wird es immer geben, weil die Bestie im Menschen darnach lechzt.“ Das ist eine Lüge oder eine unbewußte Umkehrung von Ursache und Wirkung. Nicht weil er eine Bestie ist, muß der Mensch Krieg führen, sondern weil er noch Krieg führen muß, hört er bisweilen auf, Mensch zu sein.“

 

Februar 1913

 

Jetzt sickern nach und nach die Berichte über die Massakers heraus, die auf dem Balkan verübt worden sind: Frauen und Kinder, die mit Petroleum begossen und angezündet werden; Leute, die man mit Bajonetten in die Flammen jagt – und anderes mehr. Es ist zum Aufschreien. Schämen muß man sich, Zeitgenosse zu sein. Freilich, chauvinistische Blätter benutzen dies, um zu beweisen, was die jeweiligen Massakreure für Bestien sind und daß ihr ganzer Stamm ausgerottet werden müsse. Serbenfeindliche Blätter in Oesterreich z.B. schwelgen in solchen Berichten, wenn sie von Serben handeln und folgern daraus, daß sie immer recht hatten, gegen Serbien zu hetzen. Sie vergessen, daß „Actrocitäten“ in jedem Kriege vorkommen und von allen Nationen ausgeübt worden sind. Haben im Jahre 1900 die Europäer in China (um von hunderten nur ein Beispiel anzuführen) nicht die Chinesen an den Zöpfen zusammengebunden und mit den Bajonetten ins Wasser gejagt? Im Kriege sind die rohen Instinkte der Rohen losgelassen – und deren gibt es doch unter den Massen immer. Und bei den Nichtrohen kann ein Mordrausch, ein Rachewahnsinn, eine Verzweiflungswut ausbrechen. O, über diese Höllenzustände, die unsere über jeden Humanitätsdusel erhabenen „Realpolitiker“ sich nicht entschließen können, aus der Welt zu schaffen!“

 

März 1913

 

Nur eines sickert nach und nach vom Kriegsschauplatz herüber. Nämlich die Berichte über die schon in der ersten Abteilung des Feldzugs verübten haarsträubenden Greuel. Ganze Broschüren füllen sich mit beglaubigten Beschreibungen von den Grausamkeiten, die von serbischen Banden, bulgarischen Komitatschis, albanesischen Horden usw. an den Türken begangen wurden. Europa schaudert wohl, greift aber nicht helfend ein, denn es gibt ja noch keine europäische Gendarmerie. Und die Leser jener Berichte rufen empört: „Oh diese Komitatschis“, „Oh diese Banden“ - während es einfach heißen sollte: „Oh dieser Krieg!“ Er allein ist der Schuldige.“

 

Der Maschinenkrieg

 

August 1893

 

In der militär-technischen Uebungsanstalt zu Wien platzte unlängst während des Füllens eine Bombe. Zwei Sappeure wurden hierdurch zerrissen. Der eine starb erst nach mehrstündigen Qualen. Der bisher in der Praxis (im sogenannten „Ernst“fall) noch nicht verwertete Stoff ist Ecrasit. Damit werden die Bomben gefüllt. Das wird in den Küchen gebraut, für welche die Völker ihr ganzes Geld hergeben müssen. Der Krieg wird ja – man lese nur die militärischen Blätter – immer humaner. Ecrasit, wenn es einmal nicht zufällig losgeht, sondern ernsthaft hinüber und herüber geschleudert wird, wird diese Humanität den etwa übrig bleibenden Unzerrissenen deutlich vor Augen führen.“

 

Dezember 1893

 

Gegen die Barrikaden-Revolution kann dahergesprengte Kavallerie sich nützlich erweisen. Gegen den einzelnen Dynamitmann läßt sich doch nicht auf die Galerien der Parlamente und Theater einreiten. Mit der Aera der Sprengstoffe hat die Gewalt eine Form angenommen, in der ihr die Gewalt nicht mehr beikommen kann. Und das bedeutet – entweder das Ende des Menschengeschlechtes oder das Ende der Gewalt. Wir hoffen das letztere.“

 

Oktober 1896

 

Nun, hoffentlich wird sie doch bald erfunden, die vertausendfachte Mordmaschine, die den jetzt nur moralisch unmöglichen Krieg auch physisch unmöglich macht.“

 

Juni 1899

 

In der Geschichte der Haager Friedenskonferenz wird einst als ein Hauptzug die daneben absolvierte Serie der Blochschen Vorträge gelten. Von dem tiefen Eindruck und dem allseitig erweckten Interesse bin ich Zeuge gewesen, und die weitere nachhaltige Wirkung läßt sich zuversichtlich vorhersehen. Das Buch, auf dem sie aufgebaut sind, das Buch mit seinen Ziffern und Fakten und Folgerungen ist ja da. Durch den Lärm, den die auf der geschichtlichen Stätte der ersten Friedenskonferenz gehaltenen Vorträge in der ganzen Welt gemacht haben, ist auch die Verbreitung der ihnen zugrunde liegenden Ideen gesichert, und damit der Kriegsbekämpfung eine neue, bisher ungeahnte Kraft gegeben. An der Hand der Blochschen Methode ist nämlich das Problem jetzt umgekehrt worden: nicht mehr die Friedens-Sache hat sich gegen die Bezeichnung „Utopie“ zu verteidigen, sondern die Sache des Krieges. Bisher ward behauptet, der große Zukunftskrieg sei unvermeidlich. Bloch beweist, daß er unmöglich ist. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die Einsetzung eines den Krieg ersetzenden Systems nicht mehr als erstrebenswertes fernes Ideal, sondern als Notwendigkeit und zwar als die allerdringendste. Wenn es je ein „vitales Interesse“ gegeben hat, so ist es dieses: die Kulturwelt von dem unbewußten Selbstmorde zurückzuhalten, dem sie entgegenstrebt.

Freilich sagen dies die Friedensfreunde schon lange, aber was nützt eine nur wenig gehörte, von den Massen ignorierte und von Fachleuten bestrittene Wahrheit? Blochs Verdienst wird es gewesen sein, die Wahrheit samt deren Gegnern zum offenen Kampf auf den Plan gebracht zu haben. - Der Streit muß und wird nun ausgetragen werden.

Es sind nicht Behauptungen, Ueberredungen, Spekulationen, mit denen man es da zu tun hat und welchen man Gegenbehauptungen und Gegenrhetorik entgegensetzen kann, es sind Tatsachen. Mit starker Hand ans grelle Licht gezogene Tatsachen. Und die Mitwelt wird aus ihrem skeptischen Gleichmut, aus ihrem Schlendrian herausgerüttelt und gezwungen, den Tatsachen ins Auge zu schauen und darnach zu urteilen und zu handeln.

Was aus dem Blochschen Werke erhellt, ist unter vielen anderen dies:

1. Die Schrecken eines kommenden Massenkrieges würden so entsetzlich sein, daß es, wie es im kaiserlichen Reskripte heißt, „die Gedanken erschauern macht“;

2. die ökonomischen Folgen des Krieges wären völlige Erschöpfung beider Teile.

Unter „Erschöpfung“ muß man sich nicht die bloße Unfähigkeit der Heere zur Fortsetzung des Kampfes denken, sondern das Wort bedeutet für den Zukunftskrieg: das Aufhören jeder Arbeit, der Zusammenbruch aller Vermögen, allgemeine Hungersnot. Angesichts solcher Gefahr hat ein Machthaber, der die Kriegsfrage studiert und auch das Blochsche Buch gelesen, der Welt ein „Halt!“ zugerufen. Angesichts solcher Gefahr, wenn sie nur einmal als solche erkannt und begriffen ist, werden alle Völker zu banger Abwehr und – man muß hoffen – alle Machthaber zu rettender Hilfe sich erheben.

Bloch ist kein Fachmann, trösten sich die Leute; er irrt. „Lauter Trugschlüsse“, sagte mir neulich Professor Zorn. „Die Militärs behaupten, daß der nächste Krieg viel unblutiger sein wird, als die früheren, und viel kürzer – und die wenigsten Schüsse sind Treffer ...“

Trugschlüsse? Die kann man mittels Philosophemen und spekulativen Argumenten machen, nicht aber mit Ziffern und mit physikalischen Gesetzen. Oder, wenn es Trugschlüsse sind, so kann man das wieder an Hand von Ziffern und physikalischen Demonstrationen, glänzend beweisen, aber bloßes Achselzucken genügt nicht. Also hervor mit den Beweisen, daß es nicht so schlimm ist; hervor mit den Garantien, daß nicht nur für verwundete Soldaten vorgesorgt wird, sondern auch für die durch Hunger und Seuchen zu Tode getroffenen Bevölkerungen.

Und hier liegt das Neue, Erlösende in der Blochschen Aktion: die Herausforderung zur Beweisführung. Er verlangt nicht, daß man ihm glaube, er will nur, daß man selber studiere, daß die Frage (auch eine „vitale Frage“, will mir scheinen) gründlich untersucht und ehrlich gelöst werde: Ist unter den veränderten gegenwärtigen Verhältnissen ein Krieg zwischen Kulturvölkern noch ein Zweikampf oder ein Doppelselbstmord?

Die Frage des einzelnen Mannes konnte man überhören; mit ihm aber werden jetzt alle fragen, die von der Sache vernommen haben. Die Kriegsverteidiger werden nun Rede stehen müssen, und indem sie zu diesem Zwecke zu forschen und zu schließen beginnen, werden die meisten selber ins andere Lager gehen. Und darum steht zu hoffen, daß die meisten Verdammer der Zukunftskriege aus den Reihen der Fachleute, also der Soldaten, hervorgehen werden. Wie es ja auch ein oberster Kriegsherr ist, der (wieder zitiere ich das Reskript vom 24. August) als die heutzutage „höchste Pflicht“ der Staaten verkündet, „dem Unheil vorzubeugen, das die ganze Welt bedroht“.“

Zu Johann von Bloch und seinem Einsatz für den Frieden gibt es einen sehr schönen Beitrag von Manfred Sapper: https://www.zeitschrift-osteuropa.de/site/assets/files/2588/oe080818.pdf

 

Oktober 1907

 

Da wir seit den neuen Erfindungen auf militärischem Gebiete, und seit ihrer Erprobung in Transvaal und Ostasien diejenige Hochkulturerscheinung besitzen, die mit dem Namen „moderner Krieg“ bezeichnet wird, so haben wir dies Jahr auch „moderne Manöver“ gehabt. Die Manöver der letzten Jahre haben den Sachverständigen häufig Anlaß zu der Kritik gegeben, daß sie mit dem künftigen „Ernstfall“ fast gar keine Analogie mehr bieten; - alle die brillanten Kavallerieattacken und sonstige, aus älteren Zeiten stammende Feldkunststückchen waren angesichts der neuen Bewaffnungen und neuen Fechtnotwendigkeiten zur reinen Unmöglichkeit, also zu zwecklosen Spielereien geworden. Die Generalprobe mußte also der bevorstehenden Aufführung angepaßt werden und die letzten Manöver in Kärnthen manipulierten mit Automobilen, mit drahtloser Telegraphie, mit fingierten Dauerschlachten von vier Tagen und Nächten, mit Nachtmärschen, mit Haubitzen und Maschinengewehren (der Lärm soll so gewesen sein, daß kein Kommandowort zu hören war), mit der neuen Vorwärtsbewegung, welche darin besteht, eine Strecke am Boden vorwärts zu kriechen und dann einige Meter zu springen, um sich gleich wieder niederzuwerfen – kurz es war alles ultramodern. Der japanische Krieg war überhaupt ein Segen mit seinen Lehren. Manche naiven Seelen wollten zwar die Lehre daraus schöpfen, daß sich die maschinelle Mörderei bis zu einem Grade entwickelt hat, der die Kraft der menschlichen Nerven überschreitet (daher die Massenwahnsinnserscheinungen); unsere militärischen Kreise haben da aber viel praktische Lehren gesammelt, z.B. daß farblose Uniformen zweckdienlicher sein, und es wurde daher beschlossen, daß unsere Infanterie statt der blauen, hechtgraue Waffenröcke bekommen wird.

In diesem Verschwinden der schreienden Farben, des Goldes und der Federbüsche aus der Adjustierung der Krieger liegt übrigens ein tieferer Sinn: das Soldatentum verliert von seiner heiteren Pracht, von seinem romantischen Flitter – es muß sich der modernen, nüchternen Maschinenarbeit anpassen. Dabei verliert es aber wahrscheinlich auch an Anziehungskraft auf die männliche und an Blendkraft auf die weibliche Jugend.“

 

Oktober 1913

 

Den serbischen Truppen ist es schnell gelungen, die von ihren Bergen herabgestiegenen albanesischen Rebellen zu vernichten. Creuzot‘sche Kanonen und das Maschinengewehr haben sich bewährt. Zum ersten Male wurde das Maschinengewehr von den Franzosen in Madagaskar erprobt. Der General beschrieb die Wirkung dieser Waffe mit folgenden Worten: „Die Geschosse klatschen in die Reihen, das Blut spritzt auf, das Fleisch fliegt in Stücken herum und auf dem Kampfplatz bleibt eine breiige, formlose Masse.“ Wahrlich: ein befriedigender Nutzeffekt – wie der militärisch-technische Ausdruck lautet.“

 

Entwicklung der Flugmaschinen

 

Oktober 1907

 

Wir stehen wieder vor einer unberechenbaren Umwälzung: die Herrschaft über die Luft. Die letzten Wochen haben da eine große Errungenschaft gebracht: der Zeppelinsche Ballon hat sich als lenkbar erwiesen. Wer dem Aufstieg, den Evolutionen und der Landung zusah, die der hartnäckige Erfinder kürzlich am Bodensee aufführte, mußte sich sagen, daß er da dem Sichtbarwerden einer neuen Ordnung der Dinge beiwohnte … Betrübend, für die Mentalität der Mitwelt beschämend ist es, daß die allgemeinen Betrachtungen, die sich in der Presse an das Zeppelinsche gelungene Experiment knüpfen, fast alle, und zwar in freudigem Tone, auf dessen Verwertbarkeit im Kriege hinwiesen. „Wenn in einem künftigen Kriege dem Ballon nur einmal eine glückliche Rekognoszierung gelingt“, so jubelte ein von der Neuen Freien Presse (29. Oktober) interviewter deutscher Professor und Geheimrat, „dann sind alle seine Kosten reichlich hereingebracht.“ Und im selben Blatt äußert sich ein Major zu der „herrlichen“ Erfindung: „Als Kriegswaffe könnte der Ballon leicht 500 Kilo Sprengstoff mitführen, ein Bewußtsein, das den eigenen Truppen eine große moralische Erhebung einflößen würde!“ Die Bewunderer der verbesserten Kriegsmittel vergessen immer nur, daß sie den Gegnern die gleichen Vorteile bringen, und daher die eigenen paralysieren. Was beiden Seiten dabei sicher ist, sind die erhöhten Schrecken und – erhöhten Budgets. Man denke sich einmal die allgemeine Einführung von Luftflotten, Lufttorpedos, Luftminen … Schlafende Vernunft – was braucht es denn noch, um dich zu wecken?“

 

Oktober 1909

 

Flugwoche folgt auf Flugwoche. Blériot, Farman, Zeppelin, die Grazer Rennerbuben und wie sonst alle die Luftschiffer heißen, sind die Helden des Tages. Und mit stumpfem Unverstand, und namentlich mit einem unverantwortlichen Leichtsinn, sieht die Welt zu, wie diese ganzen herrlichen Errungenschaften in das Fahrwasser des Krieges und der Rüstungen gedrängt werden. Was werden wohl die überall entstehenden Luftflotten den Steuerträgern kosten? Danach frägt man nicht, und läßt unwidersprochen in den Blättern Betrachtungen wie die folgenden passieren: „Immer mehr und mehr bricht sich die Einsicht Bahn, daß die künftige Machtstellung der Staaten von der Stärke ihrer Luftflotten abhängen wird.“ O, diese „Machtstellung“! Es ist unglaublich, was für Opfer im Namen dieses Fetischs gefordert und gebracht werden. Das erste Militärluftschiff, das sich im Ernstfall betätigt, ist nun von der spanischen Regierung nach dem Rif entsandt worden. Damit nimmt der Todesregen aus den Lüften seinen glorreichen Anfang.“

 

November 1911

 

Aus einer italienischen Zeitung: „Unter der Kopfmarke, in Riesenbuchstaben:

Das erste Experiment der Welt eines

Aeroplans als Kriegstorpedo, aus-

geführt von Leutnant Garotti

Die Türken, wie bekannt, haben den Arabern zu verstehen gegeben, daß unsere Aeroplane geflügelte Genien seien, die Allah aus Konstantinopel schickt, um die Verteidiger der Fahne des Propheten zu trösten:

- Aber von heute an – so sagte uns Garotti, werden sie das nicht mehr glauben!“

Als ich in die Nähe des Lagers kam“, fuhr der kühne und tapfere Offizier fort, „erhob ich mich aus dem Bereich möglicher Schüsse; dann machte ich einige konzentrische Kreise über der Oase. Als ich glaubte, gerade über dem Zentrum des türkischen Lagers zu sein, ließ ich eine Granate fallen. Der Lärm des Platzens und das Echo fürchterlicher Schreie drang bis zu mir. Zugleich ertönte eine Gewehrsalve, aber mein „Etrich“ wurde nicht getroffen. - Dreimal kehrte ich zur Oase zurück und warf eine zweite Granate, die noch größere Verheerung im Lager anrichtete. Ich sah, wie die Menschen und Tiere nach allen Richtungen flohen, wie wahnsinnig geworden, und meine übrigen Granaten warf ich in eine Sandhöhlung hinab, wo viele der Fliehenden Zuflucht gesucht hatten.“

Die Nachricht von dem kühnen und wohlgelungenen Experiment des tapferen Leutnants Garotti wurde durch einen Tagesbefehl des Oberkommandos den Truppen bekanntgegeben, wo sie den lebhaftesten Enthusiasmus weckte.

Weiter unten nennt dieselbe Zeitung diese neuerrungene Waffe „Himmelstorpedo“. (Torpediniere del cielo.)

Also dazu hat der Mensch es endlich erreicht, sich in Himmelshöhen zu schwingen? Die ewige Ehre des tripolitanischen Feldzuges wird es bleiben, daß er der erste war, den Hochmord einzuführen. Und man begreift auch, daß der Leutnant (wie der Chronist erzählt) bei seiner Rückkunft von dem gelungenen Ausflug mit sichtbarer Zufriedenheit und strahlender Miene den Umstehenden die Hand drückte.“

 

Juni 1913

 

Von einer Probefahrt des Luftschiffes L.Z. XVI wurde aus Friedrichshafen geschrieben: „Die Fahrt war insofern bemerkenswert, als vom Oberdeck aus mit einem Maschinengewehr scharf geschossen wurde. Es wurden im ganzen 500 Schüsse abgefeuert, wobei es sich zeigte, daß die ganze Anordnung ihrem Zwecke vortrefflich entspreche und sicheres Arbeiten mit dem Maschinengewehr zulasse.“ … Satan in der Luft. - - -“

 

August 1913

 

Barbarisierung der Luft. Eine Depesche vom 29. Juli aus New York meldet, daß der Flieger Masson über dem Hafen Guogmas eine Bombe warf, wodurch das mexikanische Kanonenboot „Tambico“ zerstört wurde. Die Nachricht ist weder verblüffend, noch ist sie bestätigt. Das Barbarische liegt in dem Kommentar, den der fachmännische Mitarbeiter der „Presse“ an die Mitteilung knüpft. „Die Kriegsgeschichte hat ein wichtiges Ereignis zu verzeichnen,“ so beginnt der zwei Spalten lange Artikel. Nun wird in die Zukunft geblickt: „In allen Armeen gibt es bereits ein ganzes Arsenal von Geschossen und Abwurfsvorrichtungen, um der Gefechtstätigkeit von Luftfahrzeugen, die bisher auf Nachrichtendienst beschränkt war, ein neues Gebiet zu eröffnen. In einem künftigen Kriege werden die Luftfahrzeuge schwere, mit hochexplosiven Präparaten gefüllte Bomben, Handgranaten und Brandgeschosse an Bord führen und der kriegerische Zerstörungs- und Vernichtungsakt wird noch ungeheurere Erscheinungsformen annehmen. Kriegshäfen und Festungen, Munitionsmagazine werden das Ziel feindlicher Aeroplanflüge sein.“ Und so weiter – die Beschreibung der entsetzlichen Wirkungen geht eine Zeitlang so fort und nun kommt die Schlußfolgerung. Man erwartet etwas wie den Vorschlag, daß die nächste Haager Konferenz wieder das Verbot des Bombenwerfens aus Luftfahrzeugen erneuern solle, oder doch eine Betrachtung, daß dies nicht so fortgehen könne … aber im soldatischen Denkapparat vollziehen sich die Schlüsse in ganz anderer Weise: „Wir haben heute kein besseres Abwehrmittel gegen Bombenwurf aus Flugzeugen, als die Bekämpfung der feindlichen Aeroplane durch eigene Flugmaschinen. Eine reichliche Dotierung der Flotten und Kriegshäfen mit Flugmaschinen gibt die Möglichkeit, ähnliche Resultate zu erzielen, wie der Amerikaner Masson.“ Kurz, die Moral ist: „wir brauchen, dringend und massenhaft, armierte Flieger“. Und schöne Damen veranstalten Blumentage zugunsten unserer Luftflotte.“

 

Militarisierung der Gesellschaft

 

April 1894

 

Über den internationalen medizinischen Kongreß in Rom: „Ein Zug dieser römischen Versammlung verdient hervorgehoben zu werden. Er birgt einen wahrhaft grauenhaften Widersinn, er könnte satanischen Humor wecken, wenn er nicht zugleich menschliches Trauern rührte. Da sitzen die gelehrten Männer beisammen und beraten, wie die Krankheitserzeuger bekämpft, wie die Leiden gelindert werden können, welche von den feindlichen Natureinwirkungen erzeugt werden und es steht ein Bukarester Arzt – Demosthem ist sein Name – auf und berichtet über die Wirkungen des neuen rumänischen Fünf-Millimeter-Mannlicher-Gewehres. „Nach den auf dem Schießfelde zu Bukarest gemachten Versuchen zeigten sich bei vollständiger Ladung erheblich andere Schußwirkungen wie bei jenen mit reduzierter Ladung. Die Verletzungen, namentlich jene, welche in den Knochen und in der Hirnschale durch Geschoße hervorgebracht werden, sind sehr schwerer Natur, selbst bei großen Entfernungen, namentlich infolge der Ausdehnung der Knochenbrüche und der vorkommenden Knochensplitterungen.“ Nun, die Herren sind ja da, um Mittel gegen alles Gesundheitsschädliche zu finden und zu verbreiten. Ist denn keiner darunter, der sich erhebt, um zu sagen, daß gegen Malaria nicht leicht Heilung zu schaffen, daß aber gegen die schweren Verletzungen der Hirnschale durch 5-Millimeter-Gewehre ein ganz einfaches, von der bloßen Willensentschließung abhängiges Mittel vorliegt, nämlich – nicht zu schießen? Aber solcher Wahnsinn wird nur auf Friedenskongressen vorgeschlagen; auf sanitären Kongressen, die mit den Worten eröffnet werden, daß der Friede eine Notwendigkeit der modernen Welt ist, wagt keiner dem Krieg – diesem ärgsten Feind des menschlichen Wohlergehens und Lebens – Fehde zu erklären. Was die Luft, das Wasser, das Pflanzengift, was die ganze Natur an Gefahren für uns bringt, das soll abgewehrt werden, - aber was der Mensch leider freiwillig uns antut, die künstliche Verstümmelung und Tötung, davor wird respektvoll Halt gemacht. Das kann nicht so fortgehen. An solchem Widerspruch müßten denkende Leute ersticken – und darum nur zu; noch mehrere solche Anlässe zu Erstickungsanfällen, und sie werden den Widerspruch lösen.“

 

Juli 1896

 

Dem Norddeutschen Lloyd und der Hamburger Paketfahrt-Gesellschaft wurde mittels kaiserlichen Telegramms aus Wilhelmshaven die Berechtigung verliehen, das Eiserne Kreuz auf der deutschen Handelsflagge zu führen, „um die Marine mit der Handelsschiffahrt fester zu verknüpfen, auf deren Unterstützung erstere im Kriege rechne.“ Tiefer Schauer erfaßt uns bei solchen Zukunftsausblicken. Aus den todbringenden Fahrzeugen sollen verkehrs- und güteraustauschende werden – nicht umgekehrt – das ist‘s, was wir von Dir erwarten, heiliges, völkerverbindendes Meer!“

 

Juni 1912

 

In Oesterreich wurde, trotz manchem Protest aus Lehrer- und Mütterkreisen, der Schießunterricht in den Mittelschulen eingeführt. Der Landesverteidigungsminister und auch der Unterrichtsminister hielten anläßlich einer Vorführung sehr anerkennende Ansprachen. Ritter von Hussarek legte der Jugend ans Herz, die Schießübungen nicht nur als eine Art Sport zur Steigerung der körperlichen Geschicklichkeit, sondern im Dienste höherer Gedanken zu betrachten: also Liebe zum allerhöchsten Kaiserhause und Erhöhung der Wehrkraft.“

 

Juni 1913

 

Ein Oberst des österreichischen Generalstabs, Redl war sein Name, erschießt sich, wird in aller Stille begraben, und offiziell wird der Fall durch eine Nervenkrankheit des überarbeiteten Offiziers erklärt. Die Täuschung dauert aber kaum 24 Stunden. Gerede und Gerüchte fliegen durch die Stadt, Interpellationen fallen im Parlament, und die Wahrheit kommt – behördlich bestätigt – an den Tag: Oberst Redl war ein Spion, sein Verbrechen wurde entdeckt, und eine Feme hat ihm die Pistole zum Selbstgericht in die Hand gedrückt …

Nein, ihr Völker, nicht davon hängt euer Wohl ab, ob der eigene Aufmarschpunkt verheimlicht und der gegnerische ausspioniert worden, sondern davon, daß der Aufmarsch überhaupt verhütet wird ...“

 

Kriegsfeiern

 

August 1895

 

Schlachten-Jubiläen und kein Ende! Veteranenaufzüge, Panoramen, militärische Feste, Ansprachen, Denkmalenthüllungen: das war die Signatur der letzten Wochen im deutschen Reich. (Die Vierteljahrhundertfeier des deutsch-französischen Krieges nahm Mitte August ihren Anfang. Am 18. August wurde der Grundstein zum Nationaldenkmal Kaiser Wilhelms I. gelegt. Am 19. August nahm der Kaiser in Berlin eine Parade über 15,000 Mitglieder von Kriegsvereinen ab) Wären nur die stillen Proteste, die wohl in Millionen Herzen sich erhoben, laut geworden! Aber mit Ausnahme der Sozialdemokraten haben die anderen den offiziellen Kriegsenthusiasmus über sich ergehen lassen, als wäre er eine elementare, unabwendbare Erscheinung.“

 

September 1895

 

In Sachen Krieg und Frieden hat das in den ersten Septembertagen begangene Schlachten-Jubiläum mit den daran sich knüpfenden Kundgebungen so weittragende Bedeutung, daß wir ihm in dieser Monatschronik einen eigenen Absatz widmen müssen … Mit diesen und ähnlichen Worten haben unsere Blätter über den Sedantag geleitartikelt. Leider aber sagen diese Worte nur, was das Fest hätte sein sollen, um gegen den modernen Geist nicht zu verstoßen; nicht aber, was es tatsächlich war: ein durchaus militärisches, den Kriegsruhm, den Kriegsgott, den Kriegsherrn verherrlichendes, offiziell organisiertes Sieges-Jubelfest …

Verblendung oder Falschheit aber wäre es, nicht trauernd zu konstatieren, daß die besagten Feste uns um eine große Strecke auf dem Wege zu jenem Ziel zurückgeschleudert haben. Wir wissen gar gut, was die Macht der Propaganda, der Suggestion und dergleichen vermag, da wir ja in diesem Sinn so gern für unsere Idee wirken wollen; und wie viel ist da zur Verbreitung, zur Anfeuerung, zur Einflüsterung der Kriegsidee geschehen! Wie viel zum Aufreißen alter Wunden bei den Besiegten, zur Aufstachelung des Stolzes bei den Siegern! Wie mußte von allen Kanzeln und Theatern und Rednerbühnen herab die Verherrlichung der Kanonen betrieben werden, in wieviele Kinderseelen wurde wieder die Liebe und Bewunderung für Kriegsruhm – also gleichzeitig der Wunsch, ihn aufs neue zu erlangen – gepflanzt!“

 

März 1897

 

Am 22. März, der hundertjährigen Wiederkehr des Geburtstages Kaiser Wilhelms I. stand ganz Deutschland unter dem Zeichen großartiger offiziell veranstalteter Feiern und Festlichkeiten. Dabei wurden, mehr als den Friedensfreunden lieb sein kann, Krieg und Schlachten, Sieg und Ruhm als die höchsten Begriffe nationalen Stolzes hervorgehoben, namentlich der Schuljugend gegenüber.“

 

August 1899

 

In allen deutschsprechenden Ländern wurde der 150. Geburtstag Goethes gefeiert. Ja, so sollten alle patriotischen Feste sein: Huldigung für die großen Geister des Vaterlandes. Dabei könnte man alle Nachbarn zu Gaste bitten, denn jeder große Geist, wo immer er geboren und gewirkt, hat zwar seinem eigenen Land die meiste Ehre, aber auch den andern Ländern Gewinn und keinen Schaden gebracht. Seine Nation mag auf ihn stolz sein, aber „national“ war Goethe sicher nicht:

Und wer franzet oder britet,

Italienert oder teutschert,

Einer will nur wie der Andere

Was die Eigenliebe heischet.“

 

Und an anderer Stelle sagt er:

 

Von der Quelle bis zum Meer

Mahlet manche Mühle,

Und das Wohl der ganzen Welt

Ist‘s, worauf ich ziele.““

 

Oktober 1910

 

Der Sedantag hat sich zum 40. Male gejahrt. Mannhaft ist bei dieser Gelegenheit die deutsche Friedensgesellschaft durch eine würdige Eingabe dafür eingetreten, daß die offiziellen Siegesfeiern nach so langer Zeit endlich eingestellt oder doch jedes beleidigenden Charakters gegen den respektierten Gegner entkleidet werden mögen. Die alldeutsch-chauvinistische Presse trat mit maßlosen Beschimpfungen gegen diese Aktion auf.“

 

Februar 1912

 

Die Zweihundertjahrfeier Friedrichs des Großen ist in Berlin feierlich begangen worden. Festsitzung in der Akademie, Festvorstellung in der Oper, Festpredigt in der Kirche – alles trug militärischen Charakter. In der Oper war das ganze Parkett mit Offizieren aller Waffengattungen besetzt, der Theaterintendant trug Gardekürassieruniform und der Reichskanzler die Uniform eines Generalmajors. Das Festspiel von Lauff zeigt auf der Bühne das Kriegslager von Hohenfriedberg … hielt der Geheimrat Dr. Kofer die Festrede, in der es wieder rasselte und klirrte: „Unsere Feier ist eine Erinnerungsfeier an ernste Zeit – in ernster Zeit. Noch heute müssen wir, um Friedrichs Worte zu wiederholen, scharf auf unsere Nachbarn achten und bereit sein, uns von heute auf morgen gegen die verderblichen Anschläge zu verteidigen.“ Noch knurrender als in den Hallen der Wissenschaften war die Festpredigt im Tempel der Christenliebe. Als Text waren die Worte des Propheten Jesaias gewählt: „Wenn sie gleich alle zusammentreten, müssen sie dennoch sich fürchten und zuschanden werden.“ Der Kanzelredner beklagte es, daß im Lande ein Mißtrauen gegen die eigene Kraft vorhanden sei. „Das Ausland sieht das ganz anders an als wir selbst, und gerade in der Mißgunst, mit der es unser Tun und Lassen verfolgt, liegt ein Zeugnis unserer Kraft und Größe. Gott“, so schloß der Prediger, „läßt uns nicht zuschanden werden. Und so lange unsere Armee, vom obersten Kriegsherrn bis zum letzten Soldaten, der Zuversicht lebt, und wenn zugleich alles zusammenarbeitet, müssen sie dennoch sich fürchten und zuschanden werden. So lange wird Preußen groß sein.“ Also jetzt wissen wir es; der Prophet Jesaias hatte Preußen im Sinne, und unter denen, die sich fürchten müssen, dachte er offenbar an die Tripelentente ...“

 

Über die Sozialdemokratie

 

Oktober 1897

 

Die Sozialdemokraten pflegen mit Geringschätzung auf die Friedensvereine zu blicken. „Nur wir“, sagen sie, „sind die wahren Vertreter der Friedensidee, die einzigen Bekämpfer des Militarismus und die aus Bourgeoiskreisen zusammengesetzte Friedensliga bildet nur ein Hemmnis des von uns begonnenen Befreiungskampfes.“ Worauf wir stets erwiderten: „Erstens sind wir nicht ausschließlich Bourgeois, viele von uns gehören der sozialistischen Partei an; aber wir sind ebenso wenig ausschließlich Sozialisten, denn jeder aus jeder Partei, der die Institution Krieg bekämpft, gehört zu uns. Wir knüpfen eben gar keine andere Bedingung an die Erreichung unseres Zieles – wir sagen nicht: „vorher muß dies oder das geschehen, muß diese oder jene Klasse zur Herrschaft gelangen, dann möge allenfalls der Krieg verschwinden, oder dann wird er von selber verschwinden“ - sondern wir sagen: „vorher muß die Welt vor dem drohenden Unglück des Weltkrieges und des Rüstungsruins befreit werden“, dann werden die anderen sozialen Fragen leichter und gerechter gelöst werden können. Ein einzelner Programmpunkt kann – aus Opportunitätsgründen – zurückgestellt werden; Zweck und Sinn, Grund und Ziel einer Bewegung kann aber unmöglich aus untergeordneten Motiven verleugnet oder vernachlässigt werden. So stellt sich heraus, daß der sicherste Ort der Friedensidee also nicht bei dieser oder jener Partei, dieser oder jener Kirche gesucht werden kann, sondern bei jenen, die im Namen dieser Idee, und dieser Idee allein, sich zusammengeschlossen haben. Diese Betrachtung drängt sich uns auf, angesichts des Vorfalls auf dem letzten Sozialistentag in Hamburg. Dort wurden mit Bezug auf die Rüstungsfrage Worte gesprochen, gegen die zwar von vielen Sozialisten protestiert wurde, die aber keinem Mitglied der Friedensvereine je in den Sinn gekommen wären ...

Schließlich, nach all diesen, durch Schippels Rede und Bebels und Auers Verteidigung hervorgerufenen Zwischenfällen, hat doch Liebknecht, der jetzt eine viermonatige Gefängnisstrafe wegen Majestätsbeleidigung (dolus eventualis) anteten muß, an den Chefredakteur der „Petite République“ geschrieben, daß trotz der schlecht gewählten Worte eine Kollegen die Taktik der Sozialisten im Reichstag immer sein wird: Für Militarismus keinen Mann und keinen Pfennig! Er fügt hinzu: „Alles, was Eure Bourgeoisjournale über den Sieg des Opportunismus in unserer Partei gesagt, besteht nicht, sondern ist Uebelwollen oder Dummheit.““

 

März 1900

 

Ein Sozialdemokrat hat den Minister Bülow über die Haager Konferenz interpelliert. Die Sozialdemokraten hatten sich doch selber Mühe genug gegeben, diese Konferenz zu diskreditieren, ihr den Halt zu entziehen, der sie zum Ziel geführt hätte, den Halt des Volkswillen.“

 

Mai 1909

 

Am 1. Mai, dem Arbeiterfeiertag, fanden in Wien etwa ein halbes Hundert Arbeiterversammlungen statt. Allen lag eine Resolution mit gleichem Wortlaut vor. Vier oder fünf Forderungen gingen voran: Achtstundentag, allgemeines, direktes Wahlrecht für alle Männer und Frauen, Altersversicherung usw. Das letzte Alinea hatte folgenden Text:

Die Arbeiterschaft protestiert gegen die gewalttätige Eroberungspolitik der kapitalistischen Staaten, die das Blut und Gut der Völker der Eitelkeit der Diplomaten und der Selbstsucht der besitzenden Klassen opfert. Sie protestiert gegen den Wahnwitz des Wettrüstens, gegen die Vermehrung der Steuerlasten, die die volksfeindliche Heeresverfassung des Klassenstaates den Völkern auferlegt, und fordert von den Herrschenden die Wahrung und Sicherung des Friedens. Sie erblickt in der internationalen Solidarität des Proletariats aller Nationen die einzige Garantie der Völkerfreiheit und des Völkerfriedens.“

Diese Resolution, die von keinem der „liberalen“ Blätter wiedergegeben wird, enthält für uns Pazifisten viel Erfreuliches; denn wir können es nur hoffnungsfroh begrüßen, wenn so große Massen der Bevölkerung einmütig gegen Gewaltpolitik, gegen Rüstungswahnsinn protestieren und die Sicherung des Friedens fordern. Aber warum soll die internationale Solidarität des Proletariats die einzige Garantie hierzu abgeben? Sehen wir nicht die internationale Solidarität der kommerziellen, wissenschaftlichen, religiösen, künstlerischen und nach und nach der politischen Kreise immer größere Geltung erlangen – kommt „die Selbstsucht der besitzenden Klassen“ nicht auch schon zur Einsicht, daß auch ihr „Blut und Gut“ dem Kriegsregime zum Opfer fällt? Alle, alle Klassen (bis auf die dynastisch-militaristisch-waffenfabrikantisch-feudalistisch interessierten, die ja auch international solidarisiert sind) brauchen den gesicherten Frieden. Keine soll sagen, „einzig“ wir gelangen zum Ziel, sondern jede die Mitarbeit der anderen willkommen heißen und unterstützen.“

 

Oktober 1909

 

Die internationale Konferenz der Arbeitersyndikate nahm eine den Krieg verdammende Tagesordnung und eine Resolution an, einer Kriegserklärung mit dem Generalstreik zu begegnen. Den schwedischen und den spanischen Brüdern entbot die Konferenz den Ausdruck der Gefühle der Solidarität und der Bewunderung. Diese Nachricht ist wieder ein Anzeichen von dem wachsenden Abscheu, der das arbeitende Volk gegen den Krieg erfüllt. Damit muß aber gerechnet werden.“

 

Februar 1912

 

Im Deutschen Reiche hat sich inzwischen etwas Tatsächliches vollzogen, das von größter Bedeutung ist. Die neuen Wahlen haben ergeben, daß jene Partei, die stets für den Völkerfrieden und gegen die Rüstungsvermehrungen eintritt, mit einer Anzahl von 110 Vertretern, also als die numerisch größte Partei, von 4 ½ Millionen Wählern in das Parlament entsendet worden ist.“

 

Januar 1913

 

Aber nicht etwa nur wir zünftigen Pazifisten malen uns den Grundriß des kommenden organisierten kriegslosen Zeitalters aus – das Bild lebt schon in den Massen des arbeitenden Volkes, das hat der große Tag von Basel bewiesen (Am 24. November 1912 trat in Basel ein außerordentlicher internationaler Sozialistenkongreß zusammen, um gegen die europäische Kriegsgefahr Stellung zu nehmen. Einstimmige Kundgebung gegen den Krieg).“

 

März 1913

 

Die Parteileitungen der französischen und deutschen Sozialdemokratie haben gleichzeitig ein Manifest gebracht, wodurch dem perfiden Doppelspiel der Chauvinisten und Rüstungsinteressenten beider Länder ein Ziel gesetzt ist, die sich bemühen, in Frankreich die Begünstigung des Militarismus durch die deutsche Sozialdemokratie, und in Deutschland die Begünstigung des Militarismus durch die französischen Sozialisten vorzuspiegeln. Jetzt aber hallt derselbe Ruf gegen den Krieg, dieselbe Verurteilung des bewaffneten Friedens in beiden Ländern wider. Das Manifest erklärt, daß „die Volksmassen mit überwältigender Mehrheit den Frieden wollen und den Krieg verabscheuen.“ Das ist wahr; warum aber verkündet dies nicht die Mehrheit der Volksvertreter in den Parlamenten? Ferner wird die Forderung erhoben, daß alle Streitigkeiten zwischen den Staaten schiedsrichterlich geschlichtet werden. Das war das erste Prinzip des „bürgerlichen Pazifismus“ - ein Prinzip, über das er schon hinaus ist, indem er Föderation der Staaten und eine ständige internationale Justiz fordert. Der Sozialismus macht sich immer mehr die Prinzipien des einst von ihm so verhöhnten „bürgerlichen“ Pazifismus zu eigen. Es gibt eben keinen „bürgerlichen“ - sondern nur Pazifismus überhaupt. Zeit wäre es, daß nicht die Sozialisten allein den Mut aufbringen, gegen die Geißel des Krieges und des bewaffneten Friedens zu protestieren, sondern daß in allen Ländern eine eigene Friedenspartei gegründet werde.“

 

PR und Diffamierung

 

November 1893

 

Wer in den letztverflossenen Wochen den „Europäischen Widersinn“ nicht in seiner ganzen Bodenlosigkeit erfaßt hat, dem fehlt doch jede Empfänglichkeit für die Offenbarung des Absurden. Seitdem die Welt besteht, wurde Krieg geführt, - ja, darin haben unsere Gegner recht. Die Völker standen sich feindlich gegenüber, weil eines dem andern beweisen wollte, daß es das stärkere, das mutigere, das gottgeliebtere, oder einfach das rauflustigere war: jetzt bedrohen sie sich mit Tod und Vernichtung, nur um den Beweis zu liefern, daß sie die friedlicheren sind. Schon lange nannte sich der mitteleuropäische Dreibund die „Friedensliga“ und die russisch-französische Allianz hat nicht eine Kundgebung geleistet, in der nicht der Friedenswille betont war. „Ich, ich will das Losschlagen verhindern, ich bin der Spender des Friedenssegens“, so schreien die Gegner fäusteballend, säbelschwingend, kanonenbauend und stapellaufend.“

 

März 1899

 

Eine große Niederlage erlebt der Begriff Krieg auch in der Philippinensache. Was die Amerikaner angezettelt hatten, sollte als „Krieg im Interesse der Humanität“ gelten. Jetzt zeigt sich, zur allgemeinen Entrüstung der besseren Elemente in Amerika selber, daß Krieg unter allen Umständen dem Begriff des Rechts und der Menschlichkeit entgegenwirkt. Jetzt heißen die Philippos „Rebellen“ - und alle möglichen Wohltaten und Freiheiten sollen ihnen gewährt werden, bis sie totgeschossen und „unterworfen“ sind, früher nicht. O Jingo, o Chauvinist, Du bist und bleibst der Kulturfeind – seist Du nun Spanier, Yankee, Franzose oder Deutscher!“

 

Juli 1899

 

Hoffen wir, daß sich auch noch rechtzeitig unter unseren Sozialisten Charaktere finden, die, wenn es gilt, den Kampf gegen Krieg und gegen Rüstungsruin zu führen, nicht ihr Klasseninteresse über das Allgemeininteresse setzen und nicht den anderen den Weg verlegen , sondern auch in ihren Reihen zur Mithilfe anfeuern. Bei dem gegenwärtig herrschenden Klassenmißtrauen sind die Friedensfreunde, welche zufällig keine Arbeiter sind, darum so vereinsamt, weil die Konservativen ihnen vorwerfen, daß sie sozialistische Ideen vertreten, und die Sozialisten ihnen vorwerfen, daß sie Bourgeois oder gar Aristokraten, oder (unglaublich!) Diplomaten oder (es ist gar nicht auszudenken!!) Alleinherrscher sind!“

 

Oktober 1899

 

Auch dort war die ganze wüste Szene von der gelben Presse veranstaltet und tags darauf von ihr als Sieg des patriotischen Geistes gefeiert worden, und auch dort, genau wie mit dem Dreyfuß-Syndikat, erhob sich gegen unsere tapferen Genossen die Beschuldigung, sie seien von Burengeld bezahlt. Es ist durch die ganze Welt derselbe Kampf und dieselben Kampfesmittel.“

 

Dezember 1911

 

Ueberhaupt erinnert das ganze Verhalten des Straßenpublikums und der „wohlgesinnten“ Presse Italiens jetzt an den seinerzeitigen Anti-Dreyfuß-Taumel in Paris. Dort mußte man auch „Vive l‘armée“ sagen oder es hieß „à l‘eau! à l‘eau!“ Und auch diese Analogie zeigte sich. Allen jenen, die im In- und Ausland für den unschuldig Verurteilten Partei nahmen, wurde nachgesagt, sie seien von einem jüdischen Konsortium gezahlt , - und jetzt heißt es in der italienischen Presse, daß alle ausländischen Blätter, die das tripolitanische Unternehmen mißbilligen, oder die unvorteilhaften Berichte von Kriegskorrespondenten veröffentlichen – von der Türkei gezahlt seien und werden dabei natürlich auch „Judenblätter“ genannt. Es ist überall die gleiche Methode.“

 

September 1913

 

Es ist noch nichts Neues und Großes in die Welt getreten, das nicht vom Hohngelächter der Toren begleitet worden ist.“

 

Medien

 

Medien“ hört sich groß an – um 1900 gab es vor allem ein wichtiges Medium: die Zeitungen.

 

Oktober 1893

 

Bemerkenswert ist es übrigens, daß die klerikalsten Blätter es sind – Kölner Zeitung, Kreuzzeitung, Moniteur de Rome usw. - welche den kriegerischen Geist am meisten pflegen und welche direkte Kriegshetz-Nachrichten verbreiten. Dieser Umstand verdient betrachtet und begründet zu werden.“

 

Januar 1896

 

Die Spalten der englischen Zeitungen füllen sich mit Invektiven und Drohungen; alles, was „deutsch“ ist, wird beschimpft, der nationale Konkurrenzneid wird aufgestachelt und dadurch ruft man jene Demonstrationen des Mob hervor, wie sie gegen ausländische Arbeitskräfte so leicht in Szene gesetzt werden können; - fliegende Geschwader werden ausgerüstet; die bewährten „Mehrforderer“ schreien nach neuen Schlachtschiffen, Torpedos und Torpedo-Zerstörern; kurz der Jingoism ist losgelassen und durchrast das Land und die Presse. Namentlich die Presse. Wie sehr Recht hatte der österreichische Minister Graf Kalnoky, als er an die Friedenskongresse die Mahnung richtete, sie mögen ihren Einfluß dahin üben, daß die Schür- und Alarmmethode der Publizistik und des Nachrichtendienstes aufhöre.“

 

September 1907

 

Nach verschiedenen Staatsbesuchen: „Diese verschiedenen Zusammenkünfte waren erfreulich. Ein Ekel jedoch waren die spaltenlangen Berichte und Kommentare, die sämtliche Zeitungen daran knüpften. Nachdem ein paar Wochen früher diese selben Blätter sich nicht genug tun konnten in Kreuz- und Querhetzerei, im Hinweis auf unvermeidlich bevorstehende Konflikte, konnten sie jetzt nicht lang und breit genug erzählen, welche Menus bei den erlauchten und politischen Zusammenkünften verzehrt wurden, und dazu friedenstriefende Hymnen anzustimmen über die völkerbeglückende und beruhigende Wendung, welche die Dinge genommen.“

 

November 1907

 

Über den Harden-Prozess: „… Zweitens zeigt es wieder einmal, daß der Politik nichts, nichts heilig ist, daß in ihrem vermeintlichen Dienste alles, alles erlaubt ist. „Auf der Alm gibt‘s ka Sünd“, sagen die Aelpler, um wohlgemut „fensterln“ und raufen zu können; und offenbar: In der Politik gibt‘s ka Sünd. Denn sobald man sich in die politische Toga drapiert, darf man allen bürgerlichen und sittlichen Gesetzen ins Gesicht schlagen, nicht einmal durch die Regeln des einfachen Anstandes ist man mehr gebunden. Was in den „Zukunfts“-Artikeln als gemeines Denunziantentum, unverschämte Unflätigkeit erschienen wäre, es wird plötzlich in eine bedeutende, achtunggebietende Aktion verwandelt, wenn der Verfasser nur angibt, daß ihn politische und patriotische Motive geleitet haben. Damit hat Harden auch die Wahrheit gesagt. Seine Kampagne war eine politische, und da ist ja jede Waffe gut. Die Absicht war, gewisse Personen unmöglich zu machen, deren politischer Einfluß (welch letzterer übrigens nur eine unbewiesene Hypothese ist) auf den Kaiser den politischen Ansichten Hardens nicht genehm war. Deutschlands hervorragendster Journalist und glänzendster Stilist – denn diese Eigenschaften muß man ihm lassen – ist Chauvinist vom reinsten deutschesten Wasser, Bismarck-Anbeter, daher Vertreter der härtesten Blut- und Eisenpolitik, Hasser aller jener, die Bismarck gekränkt oder verdrängt haben, hat er sich in seinem journalistischen Wirken als Vertreter und Rächer Bismarcks betätigt. Alle Versöhnungspolitik schien ihm unwürdig, er war bei jedem Anlaß ein „Trutziger“, dadurch, vielleicht ohne es zu wollen, ein Hetzer zum Kriege. Was hat er gegen Nachgiebigkeit in der Marokko-Affäre, was hat er gegen England gehetzt, wie gegen die Bestrebungen zugunsten deutsch-französischer Annäherung des Fürsten von Monaco gewettert, indem er diesen auf das gröbste beschimpfte. Als auf seine Gewährsmänner oder doch Gesinnungsgenossen berief sich Harden auf Reventlow, den kriegsverherrlichenden und Zukunftskrieg fordernden Schriftsteller, und auf Liman, den Vertreter der gelben Presse in Deutschland. Schon dadurch ist der Angeklagte im Moltke-Prozeß charakterisiert. In diesem Prozesse ist von seiten des Verteidigers Moltkes ein Wort gefallen, das hervorgehoben zu werden verdient. Er sagte: „Gegen derlei Machenschaften sollten im Haag Gesetze gemacht werden“. Nun, in der Tat, die Sünden der gelben Presse sind im Haag zur Sprache gekommen. Nicht in Form von Gesetzesvorlagen, aber in der Form von Warnungen und Klagen, die viele der Delegierten in ihren Reden gegen das gemeinschädliche Treiben der gelben Journalistik erhoben, die sie als die gefährlichste Feindin des Friedens, als die einzige Anstifterin mancher Kriege bezeichneten. W.T. Stead war noch radikaler. In einem öffentlichen Vortrag, den er, einer der größten Journalisten Europas, über Journalistik hielt, regte er an, daß die in Zeitungen getriebene Hetze zum Kriege, Verächtlichmachung fremder Nationen usw. als Verbrechen unter Strafe gestellt werden sollen. Dagegen ließe sich nicht im Namen der Preßfreiheit protestieren, denn auf keinem Gebiete kann die Freiheit, zu schaden und zu morden, eingeräumt werden. Das Recht, zum Massenmorde anzureizen, kann niemand beanspruchen. Aber das Recht, sich vor solchen Anreizungen zu schützen und sie zu strafen, das sollte der gesitteten Menschheit erteilt werden. Wäre dieses Recht schon in Kraft, so wäre Harden schon viel früher angeklagt und verurteilt worden, als er für das verhältnismäßig kleine Vergehen der Beleidigung des Grafen Moltke zur Rechenschft gezogen werden konnte.“

 

Januar 1908

 

Der zweite Prozeß Harden hat die Ehre des Grafen Moltke rehabilitiert (auch die gegen den Fürsten Eulenburg erhobenen Beschuldigungen zerfielen zu Staub), und das System ward verurteilt, mittels schmutzigen Tratsches Politik zu treiben. Und welche Politik ist es, die die Zukunft betreibt, in dem sie sich auf den Geist des Eisenkanzlers beruft? Das geht deutlich aus dem letzten Artikel des Grafen Reventlow in der „Zukunft“ hervor, der in diesem Blatte alles perhorresziert, was etwa zu Versöhnung und Frieden mit anderen Nationen führen könnte, der sich offen zu aggressiver Raubpolitik bekannte. Der Zweck heiligt niemals die Mittel – aber solche Politik ist auch ein unheiliger Zweck.“

 

Februar 1910

 

„… Wie man sieht, eine gewisse Presse ist stets darauf bedacht, daß die „wertvollste Chance“, den Weltteil in Brand zu stecken, nicht verloren gehe.

Warum diese Presse übrigens so sehr beflissen ist, die verschiedenen Kriegsgefahren wie ihren Augapfel zu hüten, darüber gibt der Verfasser des obigen Artikels in einer früheren Nummer selber ganz naiv die Erklärung:

Eigentlich ist der Zeitungsleser, der sich für große Politik interessiert, in den letzten Monaten nicht auf seine Rechnung gekommen. Vielleicht war es wirklich die Folge der vielen Ententen, daß die internationalen Beziehungen der Großmächte zueinander anfingen, uninteressant zu werden. Möglicherweise hat auch seit dem glücklichen Ausgange der Annexionskrise der Aberglaube tiefere Wurzeln geschlagen, daß es keine Kriegsgefahr mehr gäbe, weil die Furcht vor einem Kriege die Mächte zur Begehrung des Friedens zwinge. Interessant wird aber die Politik doch nur durch die Kriegsgefahr und die Kriegsfurcht. Gelingt es tatsächlich einmal, diesen Aberglauben, daß die Zeit des ewigen Friedens angebrochen ist, zum wirklichen Evangelium zu erheben, dann werden viele Menschen sich das Zeitungslesen überhaupt abgewöhnen.“

Also darum die Bekämpfung von Ententen und Detenten!“

 

Februar 1911

 

Ein großer Bruchteil der Wiener Einwohnerschaft – nämlich die Arbeiter – bäumt sich gegen die militärischen Neuforderungen energisch auf. Täglich finden in den Vororten drei oder vier – von Tausenden besuchte – Protest-Versammlungen statt – auch eine für Arbeiterinnen ist einberufen worden -, wo der Wahnsinn der Ueberrüstung rückhaltlos verurteilt wird. Die Zustimmung der Zuhörer ist dabei eine begeisterte und stürmische. Aber in den großen „bürgerlichen“ Blättern werden diese Versammlungen nicht einmal erwähnt. Womöglich sollen die hohen Kreise nicht einmal erfahren, welche Stimmung in den arbeitenden Volkskreisen herrscht. Ist denn Information nicht die erste Pflicht der Presse? Schweigen ist in gewissen Fällen passive Lüge. Schlimmer noch: es ist mitunter (das sagt schon der gebräuchliche Ausdruck „totschweigen“) lautloser Mordversuch.“

 

März 1911

 

Die preußische Kreuzzeitung bemerkte, daß dieser Beschluß der französischen Kammer gar nichts bedeute, was wiederum den Temps zu der Bemerkung veranlaßte, daß es nichts Unwürdigeres – und dabei Gefährlicheres – gibt, als die „Bèlements pacifistes“. Dieser Ausdruck „pazifistisches Geblöke“ ist vom Temps erfunden und häufig wiederholt worden; offenbar wünscht er, ihn zur landläufigen Redensart zu machen. Die angesehensten politischen Blätter in ganz Europa wetteifern darin, die Friedensbewegung zu diskreditieren. Wie lange noch?“

 

Juli 1911

 

Es besteht in der Presse und in politisierenden Kreisen noch immer die Auffassung, daß nur das bedeutend und kommentarwürdig ist, woraus sich eventuell ein Krieg entwickeln könnte; das hingegen, woraus die kommende Aera des organisierten Rechtsfriedens herauswächst, das wird in der Publizistik – namentlich Mitteleuropas – kaum beachtet.“

 

September 1911

 

Die Zwei sitzen hinter einem Vorhang; niemand darf wissen, was sie einander vorschlagen und abschlagen. Wie sie heißen, weiß man genau: Cambon und Kiderlen-Wächter; zur Abkürzung nennt man sie aber Frankreich und Deutschland. Freilich handeln und verhandeln die Zwei nicht nach eigenem Urteil und eigenem Begehr, sondern nach Instruktionen; aber diese Instruktionen kommen auch nur von ein paar Personen, die man kennt, und nicht von „Frankreich und Deutschland“. Mit aller Bestimmtheit kann man annehmen, daß sowohl die Zwei wie ihre Auftraggeber Verständigung wünschen und keinen Krieg wollen. Aber die Gefahr lauert draußen. Die Verhandlungen ziehen sich so lange hin, werden sogar unterbrochen, und da ergibt sich für die chauvinistischen Parteien Zeit und willkommene Gelegenheit, auf ihr Ziel hinzuarbeiten. In den ersten Tagen da verkündeten die Blätter und die Depeschenbureaus nur, daß man nichts weiß und nicht sagen kann, was vorgeht. Dann aber begannen die Kommentare, die Vermutungen, die Klatschereien; - das Publikum wurde ängstlich und nervös. Jetzt war der Augenblick für die französischen Revancheurs und für die Alldeutschen gekommen, die üblichen Hetzereien, Fanfaronaden und Drohungen vorzubringen, die geeignet sind, kriegerische Stimmung zu erwecken. Einstens genügten solche Auslassungen, wie sie jetzt von der alldeutschen Presse verbreitet wurden, um wie ein Lauffeuer durch die ganze Bevölkerung zu gehen und jenen „furor“ zu schaffen, den Regierungen,die selber kriegslustig sind, gern für den Zwang ausgeben, der sie zum äußersten treibt. Diesmal machten sich auch die Gegenstimmen – nämlich die der Friedenswollenden – laut, und die Regierung selber machte gegen die Kriegstreiberei Front: Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ veröffentlichte unterm 5. August folgende offiziöse Erklärung:

Die „Post“, de wir in diesem Fall nicht als Organ der Freikonservativen anerkennen, hat einen Artikel veröffentlicht, worin sie, ohne über den Stand der Marokkoverhandlungen im geringsten unterrichtet zu sein, von einem „Augenblick unsäglicher Schande“, von einer „Demütigung Deutschlands“, vom Rücktritt des Reichskanzlers und des Staatssekretärs des Aeußern und von einem „neuen Olmütz“ phantasiert. Wir würden diesen Ausgeburten eines überreizten Gehirnes keine Beachtung schenken, wenn die „Post“ sich nicht am Schlusse ihrer Ausführungen erdreistet hätte, dem Kaiser unter der feigen Form rhetorischer Fragen politische Schwäche, ja Begünstigung des Auslandes zum Schaden deutscher Interessen vorzuwerfen. Die „Post“ eignet sich mit diesen Ausführungen Gedanken an, denen wir nur in ausländischen Schmähartikeln zu begegnen gewohnt sind. Der Versuch, solche Nichtswürdigkeiten unter dem Schein patriotischer Besorgnis in der deutschen Presse zu verbreiten, verdient die schärfste Zurückweisung.“

Leider waren es nicht nur die ausgesprochen chauvinistischen Blätter, die Oel ins Feuer gossen; auch die ausländischen Zeitungen veranstalteten Interviews und Polemiken, die zu Verbitterungen und Verdächtigungen Anlaß gaben. Wann wird sich denn die Presse endlich der hohen Mission bewußt werden, deren sie sich so gern auf Preßkongressen rühmt, für und nicht gegen den Völkerfrieden zu wirken?“

 

Oktober 1911

 

Die Englandhetze hat in Deutschland wieder eingesetzt. Zuerst anläßlich einer Rede Lloyd Georges zur Marokkosache. Unzählige Zeitungsartikel kommentierten – nicht die Rede selber, sondern eine Auslegung, die ihr von einem Blatt gegeben wurde. Was der englische Minister gesagt hatte, wurde in diesen Artikeln nicht wiederholt, sondern immer nur darüber sich empört, daß er etwas so Gräßliches gesagt. Das ging in das ganze Lesepublikum über, nach und nach entrüsteten sich alle; selbst die Pazifisten, die doch Lloyd George als einen der Ihrigen kannten, beklagten sich über seine Schwenkung; aber niemand hätte wörtlich sagen können, wie die inkriminierte Stelle lautete. Es war einfach die in einer politischen Rede so natürliche Aeußerung, daß, falls die Interessen Englands durch den Ausgang der Marokkosache geschädigt werden sollten, England sich dies nicht gefallen ließe, auch um den Preis des Friedens nicht. Eben weil Lloyd George bei der Opposition als Pazifist bekannt und verpönt ist, mochte er hervorgehoben haben, daß seine Friedensliebe nicht die Preisgabe der Rechte seines Vaterlandes bedeute. Und nun kam eine zweite Hetze in die Blätter über eine vermeintliche Rede des Marineministers Mc Kenna; doch dieses erwies sich als eine glatte Fälschung.“

 

Februar 1912

 

Die militaristisch-chauvinistische Presse ist natürlich exasperiert und fordert ohne Umschweife, daß zur Gesundung des Landes Krieg geführt werde. Auch ohne besonderen Anlaß. Die „Post“ veröffentlichte zum Geburtstage des Kaisers einen Artikel, worin sie ausführt, daß der allzulange Frieden das Volk verdorben habe, und in dem sie dem Kaiser, „dessen Traum, dereinst als Fürst des Friedens gepriesen zu werden, der Erfüllung ferner sei als je“, den Geburtstagswunsch darbringt, daß ihn die Stunde entscheidender Erkenntnis stark und bereit finden möge zu jedem Entschluß und mutiger Tat.“

 

November 1913

 

Die sich mehrenden Bestrebungen zu einer deutsch-französischen Annäherung sind der „Journaille“ wie Fried die kriegshetzerischen Preßleute nennt – ein Dorn im Auge. Einen wahren Rekord dieser Richtung fand ich in einem Artikel des Dresdener Anzeigers. Es wird darin eine „Friedensschalmei“ des Temps besprochen: „In einer Zeit (so kommentiert der deutsche Journalist), wo der neue Geist des Chauvinismus in Frankreich die Gemüter stärker denn je beherrscht, wo die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit lediglich mit dem Blick auf uns begründet worden ist, muß eine solche einlenkende Sprache ohne weiteres überraschen. Als ein starkes Moment für diese Tatsache fällt ins Gewicht, daß die französische Armee während der nächsten sechs Monate, eben dank der einschneidenden Umwälzungen, in einem Zustande sich befindet, der eine kriegerische Verwicklung unerwünscht macht. Ist aber dieses Halbjahr erst vorüber, dann wird auch im ‚Temps‘ eine ganz andere Sprache wieder angeschlagen werden … Merkwürdig genug, daß es gerade ein Vorkämpfer einer deutsch-französischen Annäherung war, der bekannte Baron d‘Estournelles, dem auf der jüngsten Nürnberger Tagung des Verbandes für internationale Verständigung wieder verratende Worte entschlüpften. Er trat für eine Entente zwischen beiden Mächten ein und ließ seine Worte in folgenden Sätzen ausklingen: ‚Mögen Sie in Deutschland gewissenhaft und unabhängig die Lage prüfen und uns das Maß der Zugeständnisse machen, das man machen kann; aber beeilen Sie sich! In wenigen Jahren ist es vielleicht schon zu spät.‘ Vielleicht, so fügen wir hinzu, ist es schon in einem halben Jahre zu spät, wenn der Zustand der Desorganisation der französischen Linientruppen überwunden ist. Zugleich erinnern wir uns, daß der eben genannte Senator es war, der in dem Augenblick, als in Frankreich das Gesetz der dreijährigen Dienstzeit zur Erörterung stand, mit der äußersten Energie auf die Verstärkung der Zahl und Offensivkraft der französischen Wehrmacht hingewirkt und dabei in denkbar schärfsten Ausdrücken in Chauvinismus gearbeitet hat.“

Das ist die allerunverschämteste Umkehrung der Tatsachen! Wir kennen die tapfere Rede, mit der d‘Etournelles das „Dreijahr-Gesetz“ im Senat bekämpft hat, sich dabei stürmischen Unterbrechungen aussetzend, und den Haß der ganzen Kriegspartei inner- und außerhalb des Landes auf sein Haupt ladend. Es gibt eine Redensart: „Dieser Mensch lügt wie ein roter Hund.“ Wer diesen fernliegenden Vergleich erfunden hat, der kannte die Journaille nicht.“

 

Der Mob

 

März 1894

 

Moritz von Egidy: „Sich haben sie lieb, ihren Besitz haben sie lieb, aber ihre eigenen Volksgenossen kennen sie kaum; Angst haben sie, aber keine Spur von jenem gotterfüllten Selbstvertrauen, das zu der Ueberzeugung drängt: wenn wir, wir Deutschen wollen, ernst wollen – dann ist Friede unter den Völkern; gerade so wie: wenn wir, wir anderen wollen, ernst wollen – dann ist Friede im Lande, dann ist die sogenannte soziale Frage, und dann sind alle andern Fragen gelöst.“

 

Oktober 1894

 

China und Japan: Wieder eine gar schädliche Uebung der menschlichen Gleichgiltigkeit gegenüber der Kriegsgreuel. Kaum hat sich Europa darin geübt, in solidärem Mitgefühl über alle zufälligen Unglücksfälle – Grubenfeuer, Eisenbahnzusammenstöße, Schiffsuntergänge und dergleichen – zu kommunizieren, so wird es wieder darin geübt, täglich ein paar auf den Grund gebohrte Schiffe als interessante Neuigkeit aufzufassen ...“

 

November 1896

 

In Spanien wurde eine Kriegsanleihe gemacht. In wenigen Tagen war die Milliarde überzeichnet. Die „Pazifizierung“ Cubas kann fortgesetzt werden. In der Aufstandsunterdrückungssprache heißt Pazifizierung einer Gegend nämlich deren völlige Erschöpfung und Verwüstung. Die patriotische Bereitwilligkeit der Spanier, massenhaftes Geld hinzuopfern, damit noch mehr Söhne des Landes geopfert werden können, erregt natürlich in allen kriegerischen Kreisen Bewunderung. Gewiß! Opfermut an sich ist immer schön, aber sich unglücklich zu machen, damit auch tausend Andere (mit Ausnahme einiger Ehrgeiziger) ebenso und noch unglücklicher werden können; das ist Wahnsinn.“

 

Juni 1897

 

Aus den in vergangenen Tagen geführten Kriegen kann man keinem König, keinem Volke einen Vorwurf machen: Kriege waren in der Vergangenheit eine unentrinnbare Selbstverständlichkeit; daß aber weder die Völker noch die Fürsten sich mit voller Energie daran machen, die Forderung der Gegenwart: „Kein Krieg mehr!“ zu erfüllen: diesen Vorwurf wird beiden die Zukunft nicht ersparen.“

 

November 1898

 

Welche Grausamkeit im nationalen und chauvinistischen und pietistischen Fanatismus liegt, das hat die Dreyfußaffäre deutlich gezeigt, wie nur immer eine Bartholomäusnacht ...“

 

Oktober 1899

 

„… unbegreiflich ist es nur, daß angesichts solcher Errungenschaften die Leute noch so blödsinnig sein können, ihr Sinnen, ihr Trachten, ihre Zeit, ihre Geldopfer darauf zu richten, wie man sich gegenseitig schaden, übervorteilen und vernichten soll!“

 

Die Friedensvereine und ihre Mitglieder haben ihre Pflicht getan. Aufrufe, Adressen an die Minister, an Königin Victoria, an Krüger, Versammlungen, Artikel, Adressen, persönliche Schritte: sie taten alles, was sie konnten. Aber sie sind noch immer zu schwach. Daran haben die Gleichgiltigen, die Zweifelnden, die Nichtstuenden schuld. Würden die den Reihen der Friedenskämpfer sich angeschlossen haben, so hätten diese vielleicht gesiegt. Schmach den nichtstuenden Kriegsfeinden! Die Freunde des Krieges sind weniger zu tadeln. Sie glauben, ein höheres Interesse zu fördern, und sie haben den Mut ihrer Meinung, aber diese Matten, Schlaffen, die da sagen: „Wir wollten schon, daß der Krieg aufhöre, aber es geht nicht“, die sind am meisten zu tadeln, denn sie sind die Masse – und nur darum „geht es nicht“, weil sie nicht gehen.“

 

Eine der widerwärtigsten Episoden in der Manifestierung des Jingo-Geistes war die Szene, die sich auf Trafalgar-Square abgespielt, als die Friedensfreunde ein Meeting einberufen hatten, um für die friedliche Austragung des Streites zu sprechen. Bei 50,000 Menschen drängten sich auf den Platz und hinderten johlend und schreiend die Redner am Reden. Sie sangen „patriotische Lieder“, entfalteten Fahnen, und warfen nach den Friedenskämpfern mit faulem Obst, mit Stöcken, Schlüsseln und Messern. Ein offenes Federmesser flog hart an Felix Moscheles Ohr vorbei. Das sind die Argumente – eigentlich ganz konsequente Argumente der Gewaltliebhaber. Wäre die Polizei unseren Freunden nicht zu Hilfe gekommen, sie wären gelyncht worden. Wie einer wagt, Eintracht und Liebe und Gerechtigkeit zu predigen, so wird er verhöhnt, geschlagen, bespuckt. Der Vorgang kommt uns bekannt vor. Es muß sich in der Geschichte – in der alten und neuen – schon Aehnliches zugetragen haben. Oder war‘s nicht so auf Golgatha, und war‘s nicht kürzlich so, als der nationalistische Mob den Rufer von „J‘accuse“ ins Wasser werfen wollte? Auch auf Trafalgar-Square schrien sie „Drown them“ - „ertränkt sie!“ Auch dort war die ganze wüste Szene von der gelben Presse veranstaltet und tags darauf von ihr als Sieg des patriotischen Geistes gefeiert worden, und auch dort, genau wie mit dem Dreyfuß-Syndikat, erhob sich gegen unsere tapferen Genossen die Beschuldigung, sie seien von Burengeld bezahlt. Es ist durch die ganze Welt derselbe Kampf und dieselben Kampfesmittel.“

 

Dezember 1899

 

„… Ist einmal das Vaterland in einen Krieg verwickelt, so heißt es bis zu Ende ausharren und der Regierung keine Schwierigkeiten und Hindernisse – weder durch Kritik, noch durch Einwirkenwollen – in den Weg legen. Auch ein altes Vorurteil, mit dem eine klarer denkende Zeit wird brechen müssen. Im Unrecht ausharren kann nicht Pflicht sein; einen Kutscher, der sich und den Wagen und dessen Insassen dem Abgrund zuführt, nicht im kutschieren stören wollen: das ist kein lobenswertes Verhalten.“

 

April 1900

 

Der Mob hat wieder einmal Friedensmeetings in England gesprengt und Tätlichkeiten an den Leuten verübt, die es wagten, eine andere Meinung als diejenige Chamberlains zu äußern. Auf eine Interpellation im Unterhause wurde von Mr. Balfour geantwortet, daß diese Vorfälle zwar bedauerlich seien, die Verantwortung dafür aber hauptsächlich diejenigen treffe, welche die Meetings einberufen.

So weit ist es also mit der Redefreiheit in England gekommen! Der Mob wird ermutigt, alle jene zu lynchen, die ihre Ansicht äußern, daß dem Kriege Einhalt getan werden solle. Die Freiheit ist das erste Opfer des Gewaltprinzips und der Säbelherrlichkeit.“

 

Juni 1913

 

Genug! Solche Berichte lesen die Leute. Niemand wird dadurch aufgeschreckt, die Bürger gehen weiter ihren Geschäften nach, politisieren im Kaffeehaus über die Chancen der Belagerer und Belagerten, und die Militärs studieren weiter Festungstaktik. Nichts dringt in die Herzen, nichts streift die Gemüter. Haben denn alle die Leute - es sind ja viele gute und gescheite darunter – nur mehr Steinherzen und Hornhautgehirne, wenn der Begriff „Krieg“ sie immunisiert? Nur wir Pazifisten sind erschüttert und empört – die andern lassen das alles von sich abgleiten. Sie schämen sich nicht, sie kränken sich nicht, sie ärgern sich nicht. Aber uns nennen sie die Sanftmütigen, die Geduldigen, die „Sich-alles-gefallen-lassenden“. Umgekehrt ist es: wir sind die Zornmütigen, uns reizt die Geduld, in leidenschaftlichem Schmerz, in siedender Entrüstung rufen wir hinaus: „So darf es nicht weitergehen.“

 

Furcht vor Seuchen, keine vor Krieg

 

November 1898

 

„“Ein Ereignis, das durch einige Tage hindurch die Allgemeinheit, aber besonders die Wiener in Schrecken versetzt hat, war das Auftreten einiger Pestfälle. Diese Angst, diese Aufregung – diese Maßnahmen, diese Interpellationen! Wie doch die Menschen Tod und Seuchen fürchten! … Wie sie die Wissenschaft preisen, wenn es ihr gelingt, dem Würgeengel ein fußbreit Gebiet zu entziehen. Diejenigen aber, die ihm ganze Meilen entziehen wollen – die preist man nicht! Und vor der hundertfach ärgeren Gefahr des Krieges, von dem Seuchen nur eine sichere Nebenerscheinung sind, soll man sich nicht fürchten, soll keine Vorkehrungen treffen, sie abzuwenden. Im Gegenteil, es wird vorgekehrt, sie herbeizuführen. Gegen die Bazillenkulturen wollte man sich nun sträuben in Wien. Es mag ja sein, daß sie nichts nützen und daß diese Serum-Gewinnungen keine Heilung verbürgen … diese Frage gehört nicht hierher. Das aber können wir fragen: Wozu die Kultur jener Stäbchen-Bazillen – nämlich die Millionen Gewehre – die die Kriegspest in sich tragen?“

 

Februar 1911

 

Pest in China: „Und weil sie diesmal all das Unglück nicht selber machen, sondern von höheren Gewalten damit gegeißelt werden, so empfinden es die Menschen als etwas viel Schauerlicheres, und wären bereit, alles, alles Erdenkliche zu tun, um es einzudämmen, abzuwenden, aufzuheben. Wenn aber bewußtlose Stoffpartikelchen, Miasmen oder unschuldige Ratten Tod und Verderben verbreiten, so ist das nicht tragischer – eher weniger so – als wenn bewußte Absicht, freiwillige Grausamkeit, entschlossene Gewinn- oder Ehrsucht das tun. Vor dem schwarzen Tod erfaßt sie Entsetzen – vom roten Tode, der – wie auf den mandschurischen Schlachtfeldern, vom „roten Lachen“ des Wahnsinns begleitet wird, hören und schreiben sie gern. Das Sterben, das die Natur auferlegt, , das „große Sterben“ der Seuchen gar, das ist das Maximum des Unglücks – nur das Töten ist löblich. Uebrigens, wer weiß, ob die jetzt in jenen Gegenden entstandene Pest nicht eine Fortsetzung, d.h. eine Folge des letzten Krieges ist? Solche Keime entwickeln sich mitunter sehr langsam. Aber gleichviel, woher es kommt, das drohende Gespenst – es ist da, und ein Bangen erfaßt uns alle. Wir rufen nach Waffen zur Abwehr. Wir haben Feinde, wirkliche Feinde – ja. Da sind die Elemente: gegen die müssen wir uns schützen; aber da sind noch Schmutz, Verwahrlosung, Elend: die müssen wir vertilgen.“

 

Und hier geht‘s zum 2. Teil: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/360-voller-damoklesschwerter-haengt-der-himmel.html

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm