Die Bundestagswahlen stehen an. Zeit darüber, nachzudenken, wohin das Land gehen soll, welche Ziele es sich setzen soll.

Anfang der 1970er Jahre lautete die Antwort der SPD auf diese Frage: Wir wollen dahin, wo Schweden jetzt schon ist.

Das ist lange her und Schweden als Ziel sagt so gut wie niemandem etwas. Und wurm hat manchmal den Eindruck, die aktuelle SPD steuert mehr in Richtung Manchester denn nach Stockholm.

Dabei lohnt ein Vergleich mit Schweden bzw. ganz Skandinavien. Dankenswerterweise hat Joachim Jahnke da schon ordentlich Vorarbeit geleistet.

Wer ist Joachim Jahnke? Hier ein Auszug aus seiner Homepage: „Ich war zuletzt für zehn Jahre in internationalen Funktionen im Management der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, davon sechs Jahre als Vorstandsmitglied und Vizepräsident. In früheren beruflichen Phasen gehörte ich dem Kabinett eines der Vizepräsidenten der Europäischen Kommission an und arbeitete im Bundesministerium für Wirtschaft als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Auch war ich während einiger Jahre für die deutsche finanzielle Förderung des internationalen Airbusprojekts verantwortlich.“

Der Mann sollte also wissen, worüber er spricht. Hier ein Auszug aus seinem Skandinavien-Schwerpunkt:

„Unter den Ländervergleichen ist der mit Skandinavien für Deutschland der lehrreichste, weil hier wirklich noch vieles besser läuft und auch an das erinnert, was mal in Deutschland zurecht "Soziale Marktwirtschaft" genannt wurde.

Zusammen erreichen die skandinavischen Länder mit 30,4 % der deutschen Bevölkerung eine Wirtschaftsleistung, die 40,0 % der deutschen entspricht. Die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung liegt damit um 31,9 % höher (Abb. 13678).

Der Rückstand Deutschlands ist nur zu einem kleinen Teil mit den Lasten der Wiedervereinigung zu erklären. Denn in der Entwicklung ist Deutschland erst etwa seit der Jahrtausendwende zurückgefallen, als die angebliche Reformpolitik mit dem Ausbremsen der Binnenkaufkraft und der total einseitigen Exportorientierung begonnen wurde (Abb. 15271, die Abbildung klammert Norwegen aus, das wegen seines Ölreichtums schon vom Anfang der Zeitreihe an einen viel stärkeren Zuwachs verzeichnet hat). Zwischen 1980 und 1995 hatte sich Deutschland dagegen noch besser als die skandinavischen Länder entwickelt.“

Hier ist der Link zu Joachim Jahnkes Skandinavien-Schwerpunkt:
http://www.jjahnke.net/skandinavien.html

Und hier die Zusammenfassung: Seit Mitte der 1990er Jahre und verstärkt seit dem Jahre 2000 fällt Deutschland wirtschaftlich (gemessen am Bruttoinlandsprodukt BIP) mehr oder weniger deutlich hinter die skandinavischen Länder zurück.

Mit der Folge, dass die öffentliche Verschuldung in den skandinavischen Ländern nur halb so groß ist wie in Deutschland und die Arbeitslosigkeitsquoten (vor allem die der Langzeitarbeitslosen) geringer ist – vor allem dann, wenn mensch berücksichtigt, dass in Deutschland noch „versteckte“ Zahlen dazuzuzählen sind wie jene Menschen, die sich in Altersteilzeit befinden.

Zwischen 2000 und 2008 ist das skandinavische BIP doppelt so schnell gewachsen wie das deutsche. Im selben Zeitraum hat sich das reale Arbeitseinkommen in Deutschland um 1,2% erhöht – und in Skandinavien um 16,1%. Entsprechend steigerte sich der Konsum zwischen 2000 und 2009 in Deutschland um 3,3%, während er in den skandinavischen Ländern um 21,7% wuchs.

Im Jahre 2006 beträgt das Gehalt pro Arbeitnehmer in Euro-Kaufkrafteinheiten 28.482 € in Deutschland und über 10% mehr in den skandinavischen Ländern. Natürlich sind die Einkommen in Deutschland am ungleichsten verteilt.

Sehr ungünstig ist der Vergleich mit den Renten. Ein Deutscher mit einem Durchschnittseinkommen bekommt als Rente 58% des letzten Arbeitseinkommens. In den skandinavischen Ländern sind es durchschnittlich 71%. Auch lässt mensch dort die armen Leute nicht hängen: Wer nur die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdient hat, bekommt durchschnittlich 91% davon als Rente (in Deutschland 53%).

Im Jahr 2011 beträgt der Anteil der Steuereinnahmen am BIP in Deutschland 23% und in den skandinavischen Ländern zwischen 31 und 47%. Anders ausgedrückt steht den skandinavischen Ländern sehr viel mehr Geld zur Verfügung. Neben der deutlich geringeren öffentlichen Verschuldung wird dort mehr in den Bereich Forschung und Entwicklung gesteckt und deutlich mehr in Bildung (6,5% vom BIP, während es in Deutschland 4,8% sind).

Mit der Folge, dass etwa in den Grundschulen eine skandinavische Klasse 1/3 weniger Schüler hat als eine deutsche Klasse. Und damit ein Lehrer sich intensiver um die Schüler, vor allem um die schwächeren Schüler, kümmern kann. Entsprechend deutlich stehen die skandinavischen Schüler in den Ergebnissen der PISA-Studie vor den deutschen Schülern. Sehr deutlich wird dies bei Kindern von Immigranten (2. Generation): die Wahrscheinlichkeit, einen Hochschulabschluss zu erreichen, ist 3x so hoch wie in Deutschland.

Auch bei den „einheimischen“ Kindern ist ein erfolgreiches Abschneiden wesentlich weniger von der sozialen Herkunft abhängig als in Deutschland, was dazu führt, dass die soziale Mobilität weitaus höher ist (sprich: Kinder haben weitaus größere Chancen, dass es ihnen später materiell deutlich besser geht als ihren Eltern).

Auch auf einem weiteren Punkt gibt es einen deutlichen Unterschied: Durchschnittlich bringt im Jahr 2009 eine deutsche Frau 1,4 Kinder zur Welt und eine skandinavische 1,9 Kinder – also 37% mehr. Das liegt daran, dass es skandinavischen Frauen wirtschaftlich und sozial deutlich besser geht und sie vom Staat nicht nur finanziell unterstützt werden, sondern auch in Sachen Betreuung der Kinder.

Im Verhältnis zu den Löhnen der Männer werden Frauen in Skandinavien deutlich weniger diskriminiert und deutlich mehr Frauen arbeiten in Vollzeitbeschäftigung als in Deutschland, was mit der vorbildlichen Kinderbetreuung zu tun haben dürfte, bei der sich auch die meisten Firmen nicht lumpen lassen.

Insgesamt kommt Joachim Jahnke zu folgendem Fazit: „Diese Ergebnisse sind ein überzeugender Beweis für einen Wohlstandskurs, der aufbaut auf: höheren Steuern, besonders Einkommens- und Gewinn-Steuern, einem besseren Bildungssystem, höheren Arbeits- und Renteneinkommen, einer besseren Integration der Frauen sowie der Immigrantenkinder in den Arbeitsmarkt. Der Vorteil zeigt sich nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt. Die skandinavischen Länder übertreffen Deutschland in den meisten Kriterien, teilweise sogar sehr erheblich.“

Der Wurm möchte noch etwas auf die unterschiedlichen Firmenkulturen eingehen: Mehr und mehr wird in Deutschland am Personal gespart. Immer weniger müssen immer mehr machen und immer mehr wird versucht, „teure“ Mitarbeiter durch billigere zu ersetzen. Die Qualität der Arbeit interessiert kaum noch, dafür sind umso mehr Zahlen von Interesse.

Picken wir uns mal einen besonders widerlichen Menschen heraus und nennen ihn „Gollum“. Mensch könnte froh sein zu sagen, dass dieser Gollum über Leichen ginge. Das war vielleicht früher so. Mittlerweile ist die Anzahl von diesen Menschen um ein Vielfaches gestiegen – und sie produzieren Leichen. Um sie rauszueekeln, wird wertvollen Mitarbeitern von den Gollums dermaßen das Leben vermiest, dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit krank werden und bleibende Schäden davon tragen bis dahin, dass diese in wenigen Fällen sich selbst ein Ende bereiten. Diejenigen haben noch Glück, bei denen subtilere Methoden angewandt werden. Etwa die Frage danach, ob sie der Meinung sind, beim Tempo in der modernen Zeit noch mithalten zu können oder ob sie nicht bereit wären, auf Geld zu verzichten. Wohlgemerkt: es geht weder um schlechte noch um langsame Mitarbeiter. Wer solche Sachen schon mal aus nächster Nähe miterlebt hat, wird wissen, was der Wurm meint. Auch und gerade bei solchen Firmen, die öffentlich gerne heraus stellen, wie gut es ihre Mitarbeiter bei ihnen haben.

Dagegen wissen skandinavische Firmen, was sie an ihren Leuten haben: deutlich weniger Fluktuation, hohe Motivation, großes Fachwissen und die entsprechende Außenwirkung, wenn zufriedene Mitarbeiter über „ihr“ Unternehmen reden. Oft gibt es großzügige Gesundheitsprogramme wie 1x die Woche kostenlose Massage während der Arbeitszeit. Ebenfalls nicht außergewöhnlich ist, wenn beim Anfallen von Überstunden kostenloses Essen gebracht wird. Über die selbstverständliche Kinderbetreuung in vielen Firmen hatten wir es ja schon.

Insgesamt sind die skandinavischen Länder ein sehr schönes Beispiel dafür, dass Gemeinsinn mehr bringt als das sonst übliche Konkurrenzdenken. Immer wieder wird es einem von den Medien eingehämmert, dass nur die Konkurrenz den Fortschritt antreibt und Deutschland sich an solchen Konkurrenz-Staaten ein Beispiel nehmen solle.

Der Wurm sagt: Von Skandinavien lernen, heisst leben lernen. Teilweise ist es schon sehr peinlich, wenn wurm oder mensch den Ländervergleich macht. Es ist nicht nur peinlich, sondern auch ärgerlich zu sehen, wie sehr Deutschland den skandinavischen Ländern hinterher hinkt.