Hätte Goethe Suppen schmalzen,

Klöße salzen,

Schiller Pfannen waschen müssen,

Heine nähn, was er verrissen,

Stuben scheuern, Wanzen morden,

Ach die Herren,

Alle wären

Keine großen Dichter worden.

 

Alleine dieser „Stoßseufzer“ ist es wert, sich näher mit Emerenz Meier auseinanderzusetzen, die vor 90 Jahren gestorben ist.

 

Im freien Wald bin ich groß geworden, auf Bergeshalden, wo der Böhmerwind, der übermütige, sich mit Tannen balgt, wo Hirtenbuben um die Feuer rennen, nicht achtend ihrer weit verstreuten Herde. Das Wild war mir befreundet im Revier, das Eichhorn floh nicht, wenn ich es beschlich, der Geier sah froh kreischend auf mich nieder, der über Wipfeln beutesuchend hing. Ich kannte keine andere Macht als Gott, und die war göttlich, wo sie sich mir zeigte, im Abendrot, mit finsterer Brau umwölkt, im Morgengold, das durch die Nebel glühte, im Sturm, der wütend sauste durch die Forste, im Bach, der tosend lief dem Tale zu. Da warf ich oft mich an die Brust der Erde und schrie und schwor, nie würd ich andere Fesseln dulden von irgendeinem, der aus Fleisch und Blut, der gleich mit mir des Lebens Bürde trägt. Nur keinen Herrn, und mag er sein wie immer, denn gleichen Rechts glaub ich mit ihm zu sein, ob er auch einst viel Tausende beherrscht. Ich bin des freien Waldes freies Kind.

 

Emerenz Meier

 

Hans Göttler hat in seinem 2008 erschienenen Buch „„… des freien Waldes freies Kind“ – Ein Emerenz-Meier-Lesebuch“ folgende Kurz-Biographie vorangestellt:

„Emerenz Meier wurde am 3.10.1874 als sechste Tochter des Land- und Gastwirts Josef Meier und seiner Frau Emerenz, geb. Raab, in Schiefweg bei Waldkirchen (Unterer Bayerischer Wald) geboren. Sie musste - wie üblich - schon als Kind in Haus und Hof mithelfen, nicht nur der strenge Vater legte darauf Wert, auch die Normen- und Werteordnung der dörflichen Gemeinschaft verlangte dies.

Nach dem Eintritt in die Volksschule bei den Englischen Fräulein in Waldkirchen änderte sich daran nichts. Emerenz Meier, die „Senz" gerufen wurde, war eine sehr gute Schülerin, sie suchte in der ganzen Gemeinde nach Lesestoff und fand ihn in den Werken Homers, Dantes, Goethes, Schillers, Heines, Platens u.v.a.

Unfreiheit, Ungerechtigkeit konnte sie schon als Kind nur schwer ertragen, etwa wenn Kinder aus armen Familien in der klösterlichen Schule schlechter behandelt wurden als die der reichen Leute. Vielleicht bedeuteten Lesen und Schreiben für sie schon in dieser frühen Zeit einen Ausweg, eine Befreiung aus der Enge des Dorfes, jedenfalls verfasste sie kleine Geschichten und Verse, machte auf Bestellung Gelegenheitsgedichte, lernte große Teile der „Ilias" und der „Odyssee" sowie der „Göttlichen Komödie“ auswendig. Eine außergewöhnliche Kindheit in einer sonst illiteraten Umgebung, wobei man auch heute noch nicht genau weiß, wo sie sich diese hochliterarischen Stoffe in Waldkirchen beschaffen konnte. Vor allem dem dominanten Vater war das Dichten der Tochter stets ein Dorn im Auge, seine Verbote fruchteten allerdings wenig.

1891 zog die 17-jährige mit ihrer Familie auf einen Bauernhof im Nachbarort Oberndorf, weil die ältere Schwester Petronilla das Wirtshaus in Schiefweg übernommen hatte. Im dortigen Austragshaus konnte sich Senz einen kleinen Raum zum Studieren und Dichten einrichten. Als nach den ersten Veröffentlichungen in Zeitungen kleine Honorare für die junge Dichterin eintrafen, reagierte der ökonomisch denkende Vater prompt und änderte seine Einstellung gegenüber der Schreiberei seiner Tochter: „Schreib, Senzl, schreib!“, hieß jetzt die Parole!

Und die gehorsame Tochter schrieb! Die Beamtensgattin Auguste Unertl, die in Waldkirchen eine Art literarischen Salon führte, nahm Emerenz Meier unter ihre freundschaftlichen Fittiche. Die Freundin regte Emerenz zu weiterem Schaffen an, mehrere Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Kalendern folgten. Die große, andere Welt, die literarische vor allem, nahm die junge Bayerwalddichterin nachdrücklich und sehr zustimmend wahr, hob ihre Einfachheit, ihre Bodenständigkeit und Natürlichkeit hervor!

Die junge Bäuerin, die schreiben und deklamieren konnte, wurde eine touristische Attraktion für den Wald, ihr Bild - samt Geburtshaus - prangte auf einer photographischen Ansichtskarte, viele gebildete Großstädter aus Adel und Bürgertum reisten in den Bayerwald, auch um Emerenz zu sehen und zu hören und mehr über sie und ihre dichterische Produktion zu erfahren.

Ein Literaturprofessor aus Pressburg schließlich stellte im Herbst 1896 vier Erzählungen der jungen Dichterin zu einem kleinen Band mit dem Titel „Aus dem bayrischen Wald" (1897) zusammen. Der Titel sollte das einzige Buch zu ihren Lebzeiten bleiben. Das Buch wurde von den Kritikern - u. a. Peter Rosegger und Michael Georg Conrad - in den höchsten Tönen gelobt, doch kaum gekauft, vor allem nicht im Wald! Die Landsleute achteten ihr Schreiben wenig, schimpften vielmehr darüber, ihre ganze Schreibkunst bestehe nur darin, aus anderen Quellen „abzuschreiben". Emerenz Meier dichtete aber unverdrossen weiter, jetzt auch für überregionale Blätter, Zeitschriften und Kalender, z. B. „Fliegende Blätter" und „Das Bayerland".

Seit dem Erscheinen ihres Buches 1897 zählte auch der Medizinstudent Hans Carossa aus Seestetten an der Donau zu ihren begeisterten Lesern. Er hatte den schmalen Band in der väterlichen Arztpraxis entdeckt und nahm im Frühjahr 1898 allen Mut zusammen, die berühmte Dichterin in Oberndorf aufzusuchen. Das war der Anfang einer lebenslangen, freundschaftlichen Beziehung mit Höhen und Tiefen; Carossa selbst setzte ihr später ein literarisches Denkmal in seinem Lebenserinnerungsbuch „Das Jahr der schönen Täuschungen" (1941).

Eigentlich hoffte Carossa, durch die Begegnung mit dem „Dichterweib" für sich selbst Gewissheit im Hinblick auf die eigene dichterische Laufbahn zu gewinnen, er traf aber eine junge Frau an, die unglücklich wirkte, den Zwängen der Bauernarbeit ausgesetzt war, von der wachsenden Zahl der Besucher belästigt wurde, selbst innerlich wenig gefestigt war und „eine wundersame Verlassenheit" ausstrahlte. Der Dichter fand im Rückblick nach vier Jahrzehnten dafür das Bild von der „Doppelnatur" der Emerenz, zwischen fraulich sanftem und verträumtem Aussehen und Hingerissenheit von allem unbändig Aufrührerischen. Er dürfte damit ihren Zustand ziemlich genau diagnostiziert haben, wenn man auch mitberücksichtigen muss, dass zwischen der Diagnose und ihrer Niederschrift mehr als vierzig Jahre Zeit vergangen waren und der Medizinstudent von 1898 inzwischen ein arrivierter und bedeutender Arztdichter geworden war, der sich weniger von biographischen denn von dichterischen Intentionen leiten ließ.

Dieser unausgeglichene innere Zustand der Emerenz kam in den folgenden Jahren immer wieder zum Vorschein: Bei einem Besuch (Herbst 1899) am Königlichen Hof zu München, der ihr ein Stipendium einbringen sollte, aber ohne Erfolg vorüberging, hatte sie „allezeit Umbringungsgelüste" im Hinblick auf „manche erbärmliche, dumme Seele" und freute sich, wenn sie ihren „Peinigern" doch hie und da entkommen konnte. Ein Jahr später brach sie einen längeren Bildungsaufenthalt bei einer Seminarlehrersfamilie in Würzburg ab, weil sie dort tagtäglich zum Dichten gezwungen wurde. Vielleicht aber auch deswegen, weil sie sich für keinen der eintreffenden Heiratsanträge entscheiden konnte; sie hatte die Wahl zwischen einem armen Schullehrer und einem reichen Gastwirt, nahm jedoch keinen der beiden zum Ehemann, sondern kehrte nach Niederbayern zurück.

In dem früheren Schifferwirtshaus „Zum Koppenjäger" in Passau, das Emerenz Meier 1902/03 in eine Künstlerkneipe umwandeln wollte, eckte sie bald bei einkehrenden Offizieren an, denen sie Müßiggang vorgeworfen hatte, was zum Misserfolg und zum Scheitern des Projekts „Künstlerkneipe Zum Koppenjäger" beitrug.

Dichterische Erfolge, wie z. B. die Passauer Aufführungen dramatisierter, allerdings vom Theaterintendanten stammenden Fassungen ihrer Erzählungen „Aus dem Elend" (1900) und „Der G'schlößlbauer" (1902) sowie weitere Veröffentlichungen in größeren Blättern (Die Müllermagd, 1900, Der Scheib'nhofbauer, 1901) und ihre Freundschafts- und wohl auch Liebesbeziehung zum Straßkirchener Guts- und Brauereibesitzer Karl Hellmannsberger, der sie auch wirtschaftlich unterstützte, also durchaus glückliche Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich und die positiven Rückmeldungen ihres Publikums waren nicht stark genug, die von ihr selbst später eingestandenen „Charakterfehler, die Unstetheit meiner Stimmungen und eine große Zaghaftigkeit", zu überwinden. Wohl aus den gleichen Gründen lehnte sie 1904 eine Redakteursstelle bei der katholischen Wochenzeitschrift „Deutscher Hausschatz“ in Regensburg ab. Während hierbei wohl der Drang der Dichterin nach Freiheit und Ungebundenheit leitend war, zeigte sich ein Jahr später wieder ihre Zaghaftigkeit, ihr mangelndes Selbstbewusstsein: Das negative Urteil Carossas über eines ihrer Manuskripte führte wohl dazu, dieses gänzlich zu vernichten. Und auch der Entschluss, mit der Mutter 1906 den schon vorher nach Amerika ausgewanderten Familienmitgliedern zu folgen und damit auf die schriftstellerische Karriere in der Heimat zu verzichten, vertrug sich nur schlecht mit dem eingangs zitierten Freiheitsdrang eines Waldlermädchens, ebenso wenig wie ihre Heiratspläne einige Jahre vor der Auswanderung mit einem Kaufmann aus dem Bayerischen Wald.

Vielleicht kann man ihre Reise „ins Amerika'', ohne Rückkehr, aber auch als Flucht in eine für sie unbekannte Welt auffassen, wo sie selbst auch fremd und unbekannt bleiben konnte, ohne dichterisch tätig werden zu müssen, also eine Art Untertauchen, nachdem der ganz große Erfolg in der Heimat - der Bucherstling von 1897 war schließlich fast zehn Jahre alt - ausgeblieben war?

Ab Frühjahr 1906 lebte Emerenz Meier mit ihrer Verwandtschaft in Chicago; „the land of the free” brachte aber schon bald neue Unfreiheiten. Zwar wurde das Leben für die Fabrikarbeiterin Emerenz Meier in den ersten Jahren des Aufenthaltes wirtschaftlich sehr viel besser, so dass sie es sogar zu einem eigenen Haus mit sieben Mietsparteien brachte. Die Ehe mit dem Auswanderer Franz Schmöller, der wie sie aus dem Bayerischen Wald stammte, geriet aber zum Leben in der Unterdrückung und der Unfreiheit. Der Mann trank und schlug seine Frau. 1910 starb er an der Schwindsucht, der gemeinsame, von Emerenz sehr geliebte Sohn Joseph Frank Schmöller war gerade zwei Jahre alt. In zweiter Ehe heiratete Emerenz Meier den Nordschweden John Lindgren, der Frau und Stiefsohn liebte, treu umsorgte und ihnen glückliche Jahre bescherte. Aber er war strikt dagegen, dass Emma Lindgren, wie die Auswanderin nun hieß, dichtete: „Er wollte mich zu sehr und stetig für sich haben, ja er wurde ganz wild, wenn er mich schreiben sah", bemerkte Emerenz später in einem Brief an die Freundin Gusti Unertl.

Des freien Waldes freies Kind gehorchte mehr oder weniger, ungefähr so, wie zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn, zu Hause in Schiefweg.

Erst im Dezember 1919 nahm Emerenz Meier den jahrelang unterbrochenen Briefwechsel mit der Waldkirchener Freundin Gusti Unertl wieder auf, warum erst so spät, wird wohl auch ein Rätsel bleiben. Die gute Zeit, das angenehme Leben in „God's country" waren für Emerenz inzwischen längst vorbei, das eigene Haus in Chicago, das sie vor dem Krieg besessen hatte, war verloren, laut Emerenz eine Folge der „zaristischen" Regierung des Präsidenten Woodrow Wilson und des von ihm vollzogenen Eintritts in den Weltkrieg im April 1917, wodurch Ruin, Hunger und Elend in den USA Einzug gehalten hätten. Allerdings erwähnte sie im selben Brief, dass die übrige Verwandtschaft in der kapitalistischen Gesellschaft weiterhin sehr gut leben konnte.

In der über 50 Briefe und Karten umfassenden Korrespondenz mit Gusti Unertl (1919-1928) - die Gegenbriefe sind leider nicht erhalten - schrieb sich Emerenz ihre glücklichen und traurigen Erfahrungen von der Seele, solche, die sie noch in der Heimat gemacht hatte, und solche in ihrer neuen Heimat USA. Sie schrieb vom amerikanischen Mittelalter des Jahres 1919, von der Prohibition, der sie - wie viele andere - durch häusliches Bierbrauen auswich, von der Verfolgung alles Deutschen in den USA seit dem Krieg, sie schilderte ihre Hoffnungen auf Russland und Deutschland nach den Revolutionen, sie fragte nach dem Befinden vieler ehemaliger Bekannter und Freunde, lud Gusti und ihren Mann wiederholt ein, nach Amerika auszuwandern, schickte Geld und Geschenke für arme Leute im Wald, suchte Gusti immer wieder durch leidenschaftliche Appelle von ihrer marxistisch-kommunistischen Einstellung zu überzeugen, was dieser aber gar nicht behagte, und musste schließlich in den letzten Jahren pessimistisch-bedrückt von Krankheiten, Rückschlägen und Einschränkungen berichten.

In ihrem letzten Brief an Gusti vom 8.10.1927 aber, inzwischen zum 2. Mal Witwe und nur wenige Monate vor ihrem Tod, war sie dagegen recht optimistisch und zuversichtlich. Sie wollte wieder als Schriftstellerin hervortreten. Gusti sollte ihre Texte in Deutschland verbreiten. Der Tod Emerenz Meiers am 28. Februar 1928 verhinderte die Verwirklichung aller Zukunftspläne. Ihre Asche wurde über dem Grab der Eltern in Chicago ausgestreut.“

 

Dorfleben

 

Unverbesserlich

 

Der Vater verbot mir das Dichten,

Das Mütterchen stimmte mit ein:

Ich soll nach dem Stande mich richten,

Die Bücher dem Backofen weih 'n.

 

Wohl hab' ich es heilig versprochen,

Zu tun, was ihr Wille gebeut,

Das Wort hundertmal doch gebrochen,

Das Schwören noch öfters bereut.

 

Doch gestern, zu Tränen gerühret,

Erneut' ich es nochmals bei Gott,

Durch Bitten und Drohen verführet

Und weiter durch peinlichen Spott.

 

Ich ging in die dunkelste Kammer,

Hielt über die Verse Gericht,

Verfaßte dann in meinem Jammer

Verstohlen dies Klagegedicht.

 

„Des freien Waldes freies Kind gehorchte mehr oder weniger, ungefähr so, wie zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn, zu Hause in Schiefweg.“

Hans Göttler, selbst Gastwirtssohn, kann einiges bei Emerenz Meier nachvollziehen, doch nicht alles. Ein auf dem Land aufgewachsener Wurm kann das wohl eher.

„Des freien Waldes freies Kind“ zu sein, bedeutet nicht, dass es sich um einen geborenen Widerporst handelt, der aus egoistischen Motiven unbedingt seinen Willen durchsetzen muss.

Emerenz Meier war im Gegenteil ein äußerst gutmütiges Kind, das brav alles gemacht hat, was ihm gesagt wurde. Allerdings zählte für sie das Argument und Gruppen-Denken war ihr fremd. Wenn jemand aus ihrer Familie oder „Gruppe“ etwas sagte, war sie dagegen, wenn es ein besseres Argument von jemandem außerhalb ihrer eigenen Gruppe gab. Wenn sich jemand gegen die eigenen Regeln oder Gesetze verhielt, störte sie sich daran.

Innere Freiheit bedeutet, sich nicht jedweden Blödsinn aufschwatzen zu lassen, nicht etwas zu machen, weil es alle anderen tun oder „weil es immer schon so war“ – es musste rational nachvollziehbar sein.

Entsprechend hasste sie jedes Taktieren und jede Heuchelei – Emerenz Meier war immer gerade raus. Katzbuckeln war ihr genauso fremd.

Mit Händen und Füßen wehrte sie sich dagegen, sich ihre Freiheit nehmen zu lassen. Gegen Unfreiheit, Ungerechtigkeit und sich-etwas-aufzwingen-lassen wehrte sie sich ihr Leben lang. Ob das sie selbst oder andere betraf.

Wer sich auch heute noch in der tiefsten Provinz mit Bildung beschäftigt, wird auf größtes Unverständnis stoßen, muss sich hämische Bemerkungen anhören bis hin zu „ob mensch nichts zu arbeiten hätte“ oder „ob mensch meint, etwas Besseres zu sein“.

Das wird erst recht zur Zeit von Emerenz Meier der Fall gewesen sein.

In ihren literarischen Werken, teilweise in bayerischer Mundart, kommt ihre Liebe bzw. Sympathie mit ihrem Umfeld zum Ausdruck. Aber auch Ungerechtigkeit und Engstirnigkeit wie in ihren Erzählungen „Ein lustiges Weib“ (auch mit dem Titel „Der Juhschroa“), „Der Bua“ oder „Der Lumpenvater“.

 

Stadtleben

 

Willi Winkler: „1899 wurde die dichtende „Wirtsdirn“ von der Regentenfamilie empfangen, denn Prinzessin Therese von Bayern dilettierte auch ein wenig in litteris. Man freut sich, daß man ein so naturwüchsiges Voll-Wald-und-Wiesen-Weib zur Untertanin hat, das auf die Frage, wie es sich denn am besten dichte, so putzig zu antworten weiß: „Wann ich eine Maß Bier trunken hab.“ Für das erhoffte Stipendium reicht die Pittoreskerie dennoch nicht. Aber eine Stelle im Haushalt, ja, die wäre frei, da könnte sie dann, wenn sie den Boden schrubbt, über neue Geschichten aus dem Bayerwald nachdenken, diese Geschichten vom grünen Tann, die man so gern gelesen hat. Mit 200 Gulden, die der Prinzregent ihr aus seiner sogenannten Privatschatulle überreicht, wird sie wieder fortgeschickt. Weitere Versuche, freie Schriftstellerin zu werden, scheitern ebenso rasch.

Ein Würzburger Studienleiter nimmt sie mit nach Franken, sie hört Vorlesungen an der Universität, aber das permanente Dichten auf Befehl liegt ihr nicht. Am Passauer Stadttheater werden Dramatisierungen ihrer Erzählungen aufgeführt: flaue Kritiken, für sie kein Honorar. Post aus Königsberg: Der Verleger Oppermann rechnet ihr den schleppenden Verkauf ihres Buches vor: „Von den in Sa. M 644,– betragenden Unkosten sind 514,– eingekommen, so daß noch M 130, zu decken wären.“ 2,20 kostet das Buch geheftet, 3 Mark gebunden. Wie soll das besser werden, wo doch schon „Bauer’s Buchhandlung in Waldkirchen sich keine neuen Exemplare kommen läßt“.

1903 macht sich Emerenz Meier selbständig, übernimmt eine Wirtschaft in der Passauer Altstadt, verliert aber mit drastischen Reden gegen das Militär ihre beste Kundschaft: Boykott. Nach München, halbherzige Versuche als Bohemienne. Eine Stelle als Redakteurin der katholischen Zeitschrift Deutscher Hausschatz schlägt sie aus, geht zurück in den Wald, zu ihrer Mutter.“

https://www.zeit.de/1992/20/geboren-in-schiefweg-gestorben-in-chicago/komplettansicht

Hans Göttler: „Diese waren eifersüchtig und neidisch auf sie, die sich nicht an die alten Regeln hielt. Emerenz hat diese Erfahrung schon bald in einem Gedicht verarbeitet. Es erwähnt den 1899 veröffentlichten unterhaltsam-humoristischen Gesellschaftsroman „Das dritte Geschlecht" des 1893 bis 1899 in München lebenden witzigen Erzählers und Dramatikers Ernst von Wolzogen (1855-1934), dürfte also kurz nach 1899 geschrieben worden sein.“

 

Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt

und nicht nach der alten Schablone lebt,

Dann soll's von der Menge gesteinigt werden,

Wie es Gesetz ist und Brauch auf Erden.

 

Doch gab man ihm eine Gnadenfrist,

Solang es jung und sauber ist,

Erst wenn sich's zur alten Jungfrau entwickelt,

Wird es gekreuzigt, darauf zerstückelt.

 

Und hat sich ein Mann ein Weib erwählt,

Das mehr versteht als er von der Welt,

Mag es sein Haus sonst auch wohl verseh'n,

Der Scheidung soll nichts entgegensteh'n.

 

Denn der Mann sei weise, das Weib sei dumm,

Solch alte Gebote stößt man nicht um,

Heißt doch in jedem Fall er der Ernährer,

Auch wiegt sein Gehirn um einiges schwerer.

 

Und wenn von dem Alten Testament,

Man sonst schon das meiste erlogen nennt,

Die eine Wahrheit bleib unberochen:

Gott schuf die Eva aus Adams Knochen.

 

Zuviel ist dem Weibe bereits erlaubt,

Die Türkin trägt heut noch im Sack ihr Haupt.

Hier will sie Arzt sein und Pillendreher,

Lehrer, Jurist und Schaltersteher.

 

Gefährdet durch Weibes Intelligenz

Ist heut der Männer Existenz,

Ihr Ansehen flieht wie der alte Glaube

An ihre Kraft und ans Glück der Haube.

 

Doch tausend noch halten am alten Recht

Und schreien: Nieder mit dem Geschlecht,

Dem dritten, Wolzogens Kampfgenossen,

Es sei verachtet, verfemt, verstoßen.

 

Ja, fort mit jeder, die emanzipiert,

Auf selber gebahnten Pfaden irrt,

Man schichte Scheiter, man werfe Steine,

Denn die Welt schuf Gott, für den Mann alleine.

 

Auswanderung

 

Ich ging den richt'gen Weg, da schrie

So mancher Freund: „Wie irret sie!"

So mancher hielt mich tadelnd an:

„Zieh diese, zieh doch meine Bahn!"

 

Ich war noch jung, war noch nicht straff.

Ich sagte Dank und folgte brav.

Lief rechts ein Stücklein, links ein Stück,

Schritt vorwärts bald und bald zurück.

 

So bin ich lang umsonst gerannt,

Das Herz im Leib hat mir gebrannt.

Mein Glück entfloh, die Jugend mit,

Die Freunde hielten gleichen Schritt.

 

Da zog ich trauernd übers Meer,

Das Unglück treu zur Seite her.

Den Sensenmann traf ich, er hieb

Die letzte Stütze, die mir lieb.

 

Mißgeschick

 

Ich hab einen Mann und hab ein Kind

Und lieb dies, mein eigenes Blut,

Auch bin ich fleißig und häuslich gesinnt,

Das ist ja alles sehr gut.

Ich bleibe daheim und scheine vergnügt,

Den Geist laß' ich sumpfig und brach;

Doch ob man nicht leidet und ob man nicht lügt? –

Dem frägt kein Teufel was nach.

 

Einst konnt' ich dichten und erntete Lob,

Da war ich trotzig gesinnt,

Hing, ob man mich bis zum Himmel erhob,

Den Mantel nie nach dem Wind.

„Frei sei der Dichter!" ein schönes Wort!

Doch daß ich es lebte, brach

Mir bald das Genick und ich mußte fort, -

Kein Teufel fragte darnach.

 

Nun hab ich zu leben und dichten verlernt,

Ich bin „des armen Manns Frau".

Mein innerstes Wesen dünkt mich entkernt,

Mein Streben ist ziellos und lau.

Man nennt mich ja gut, man lächelt mir zu,

Doch wenn einst das Herz mir brach

Und ich in der kühlen Erde ruh, -

Kein Teufel frägt was darnach.

 

An Auguste

 

Dir weih' ich die Fluren der Heimat

Und die Blumen, die es drauf gibt,

Die Stätten, wo ich gelitten

Und alles, was ich geliebt.

 

Du sollst sie grüßen und küssen

Von mir zu jeglicher Stund'.

Den Wäldern laß du es wissen

Wie treu mit ihnen mein Bund.

 

Doch halte von allen Menschen

Den Saum deines Kleides weit,

Die schuld sind, daß ich hier vergehe

In Gram und Vergessenheit.

 

USA

 

Kurzsichtigkeit

 

Ist das nicht der Tannwald drüben, dunkel, doch mit blauem Haupte,

Sanft verklärt, den in der Heimat ich, froh pfeifend, oft durchschritten?

„Nein, es sind der Schlächterfirma schwärzliche Gebäulichkeiten,

Und der Rauch kam von dem Frachtzug, der soeben hier vorbeifuhr."

 

Jene Burg dort auf dem Berge, schimmernd hell im Abendglanze

Streitest du so leicht nicht weg mir, denn ich kenne Burgruinen!

„Ach, das ist doch ein Fabrikschlot und der Berg die Eisenwerke,

Deren Leute jetzt am Streik sind, - Levi, Brooks und Compagnie."

 

Kann ich nimmer meiner Sehnsucht und den kurzen Augen trauen?

Wenigstens schwebt dort ein Lerchlein, lustig trällernd, hoch im Blau‘n!

„'s ist ein Äroplan, 'ne simple, alltägliche Flugmaschine!

Doch im Baume dort, im grünen, zwitschert allerdings ein Spatz.”

 

Hans Göttler: „Eine kritische und politische Schriftstellerin war Emerenz Meier immer. In den USA hat sich diese Seite in ihrem Schreiben aber wesentlich verstärkt. Das Erleben sozialer Ungleichheit, die politische Situation in Amerika und der Welt und insbesondere die Entwicklung der Weltgeschichte seit Beginn des 1. Weltkriegs haben sich auf ihre Lyrik deutlich ausgewirkt und ihre leidenschaftlichen Anklagen hervorgerufen. Ihre kämpferische Natur, die in ihren poetischen Äußerungen ansonsten oft genug durch eine gewisse Larmoyanz verborgen war, äußerte sich nun ungehemmt.“

 

Die Menschenbestie ist nun nie zu zähmen,

Ob sie im Frack, ob sie im Drillich steckt,

Doch weiß sie schöne Mäntel umzunehmen,

Wenn etwas ihre Lüsternheit erweckt.

Daß Frommeln nicht, noch Aufklärung sie hemmen,

Daß weder Hölle sie noch Himmel schreckt.

Das ist noch lange nicht zur Mär geworden,

Man weiß die Menschenbestie liebt zu morden.

 

Der Rasende im Kampf, der seinen Degen

Bohrt in des Gegners Brust, wird hart bestraft.

Mit Recht noch härter, wer auf Mörderwegen

Des Nächsten Habe oder Weib errafft.

Den Tod verdienet, wer der Menschheit „Segen",

Die „Allerhöchsten" ihr vom Halse schafft,

- Tyrannen oder nicht -, trotz allem Schaden,

Von Gottesgnaden ist von Gottesgnaden.

 

Doch hinterm grünen Tische die Seigneure,

So hoch gebildet, so durchaus verfeint,

Vom Lackschuh bis zur Glatze eitel Ehre,

Den Frack voll Orden, doch das Herz versteint,

Leicht tänzelnd unter des Berufes Schwere,

Der sonst ja nichts an Eigenglück verneint,

Nach diesen Bestien laßt uns einmal spüren!

Die schlimmsten nämlich sind, die kalkulieren.

 

Spielt um den Globus ein beringter Finger,

Dröhnt's vor dem Stuhle aus besternter Brust.

Die Presse säuselt, saust, wird zum Bezwinger

„Ermanne Adel dich! Du Pöbel, mußt!"

Der Hellste selbst wird da zum Fahnenschwinger,

Zu Orgien schwillt der Patrioten Lust

Dem blut‘gen Kalbe opfern die Nationen,

Und auf dem Schlachtfeld sterben Millionen.

 

Ja, schön ist es fürs Vaterland zu sterben,

Ob gut - kein Toter ward bis jetzt befragt.

Gut aber ist es für des Krieges Erben,

Wenn nicht für allzu viel Pension man klagt.

Die große Masse mag noch lang verderben,

Der letzte Heller wird ihr abgezwackt,

Doch darf sie jubelnd an des Thrones Stufen,

Am Sieggedenktag „Hoch" und „Vivat" rufen.

 

 

Kennst du das Land, wo Grabsch und Humbug blüh 'n,

Die Herzen einzig für den Dollar glüh 'n

Wo Geld vor adliger Gesinnung geht,

Die Schlauheit hoch, die Treue niedrig steht,

Kennst du das Land, dahin, dahin

Würd ich, hätt ich die Wahl, nie wieder zieh'n.

 

Kennst du die Stadt, mit ihrem großen Dreck,

Ein Wirtshaus steht an jeder Straßeneck

Und in Fabriken schwitzt die Menschenbrut,

Es saugt das Kapital ihr rotes Blut,

Kennst du die Stadt, dahin, dahin,

Laß niemals mich, o ew'ger Vater, zieh 'n.

 

Du Stadt am Michigan, voll Weh und Ach,

Wo manches hoffnungsvolle Herz zerbrach,

Die Sterne nachts am Himmel schau‘n mich an,

Was hat man dir, du armes Kind getan?

Kennst du die Stadt, dahin, dahin,

Laß dich von keinen tausend Pferden zieh 'n.

 

 

… In Amerika wird man sehr eigenwillig und rücksichtslos u. selbstsicher. Man mußte eben zu viel durch machen. Und man lernte alle Religionen bitterlich hassen als der Menschheit schlimmste Feinde.

 

 

Weh über die Führer der Nationen,

Die Henker im Frack, die Mörder auf Thronen!

Sie machen Geschichte, sie spinnen Netze,

Mit Hilfe der Presse, der feilen Metze.

 

Wenn faul Republiken und Monarchien,

Nach Freiheit und Aufklärung wird geschrien,

Dann heißt einen schneidigen Krieg erzeugen,

Der Revolution noch schnell vorzubeugen.

 

Dann treiben die Hirten die Herden zur Weide,

Zum Kampffeld hinaus, rum tollt euch im Streite!

Kühlt euer Mütchen, ein Volk am andern,

Uns aber lasst den Herrenpfad wandern!

 

Das tötet und würgt uns und wird getötet,

Die ganze Welt ist von Blut schon gerötet,

Sie kämpfen verzweifelt, Mann gegen Mann,

Hat keiner was dem andern getan.

 

Was hat euch, ihr Völker, mit Blindheit geschlagen,

Wann wird es in euren Gehirnen tagen,

Wann dringt in eure Seelen das Licht

Der echten Freiheit, die liebt, nicht ficht?

 

Woodrow Wilson

 

Hans Göttler: „Ein ganz besonderes Objekt der blutig-leidenschaftlichen Sprache der politischen Lyrikerin Emerenz Meier wurde Woodrow Wilson (1856-1924), der 28. Präsident der USA, der von Januar 1913 bis Januar 1921 an der Spitze der Vereinigten Staaten von Nordamerika stand. Bereits seine Inauguration im Januar 1913 veranlasste die streitbare Dichterin zu einem entsprechenden Text.“

 

Der Völkerhirt

 

Von Volkes oder Gottes Gnaden -

Setzt nur das Männchen auf den Thron!

Und strahlt die Stadt in Lichtkaskaden,

Dann wirbelt's ihm im Kopfe schon.

 

Mag sein, er wär' ein Weiser worden

Im Volk, gekommen gar zu Ruhm;

Doch nun umjubeln ihn die Horden -

Aus ist's mit seinem Menschentum.

 

Laßt Fahnen wehen, Hymnen schallen,

Bis ihr zum Wahnsinn ihn gebracht!

Er wird in eure Hürde fallen,

Den ihr euch selbst zum Wolf gemacht!

 

„Woodrow Wilson war ursprünglich Geschichtsdozent gewesen und danach Professor für Rechtswissenschaft und Nationalökonomie an der Princeton University, die er 1902 - 1910 als Präsident leitete. Als Mitglied der demokratischen Partei wurde er 1910 zum Gouverneur von New Yersey gewählt und trat nach seiner Wahl zum Präsidenten für eine liberale Wirtschaftspolitik ein. Seine Außenpolitik zeichnete sich durch eine eher unklare Linie aus. Emerenz Meier bezieht sich in ihrem Gedicht, das sie - wie schon erwähnt - im Januar 1913 verfasste, auf diese Politik Wilsons und versieht die letzten beiden Verszeilen „Er wird in eure Hürde fallen, I Den ihr euch selbst zum Wolf gemacht!“ drei Jahre später im Manuskript mit dem stenographischen Zusatz: „Hab ich nicht recht gehabt?"

Zu Beginn des 1. Weltkriegs hatte Wilson die Neutralität der USA verkündet, konnte aber angesichts der maritimen Blockadestrategie der Alliierten und des Deutschen Reiches die US-Handelsinteressen nur beschränkt sichern. Im November 1916 wurde er unter der Parole, die Einbeziehung der USA in den Krieg verhindert zu haben, im Präsidentenamt bestätigt. Probritische Sympathien, der verfassungspolitische Gegensatz zwischen den demokratischen Westmächten und dem autoritär-militaristischen Deutschen Kaiserreich, wirtschaftliche Interessen und die Verkündigung des uneingeschränkten Unterseebootkrieges durch das Deutsche Reich im Februar 1917 führten dann aber zur Abkehr Wilsons vom Neutralitätskurs und zur amerikanischen Kriegserklärung an Deutschland im April 1917.

Die kämpferische Dichterin antwortete darauf mit ihrem Gedicht „An Wilson". Nach der Überschrift brachte sie in der Originalvorlage im Manuskript den stenographischen Zusatz an: „Nachdem er sein der Nation gegebenes Wort gebrochen und uns in den Krieg gezerrt hatte." Der Text, in dem sich die Emigrantin als vom Präsidenten betrogene US-Bürgerin darstellt, kann somit eindeutig in die Zeit nach der Kriegserklärung im April 1917 datiert werden.“

 

An Wilson

 

Der Lorbeerkranz, den du dir umgehängt,

Ist blutgetränkt.

Die Reden alle, die du hältst und sinnst,

Sind ein Gespinst.

Das Volk erwartet deinen Schicksalstag,

Dich trifft sein Schlag!

 

Kein Meuchelmörder soll sich nahen dir,

Der Herrscher Zier.

Doch tausend werden grimmig stürzen sich

Dereinst auf dich;

Daß kein's der Glieder dein am jüngsten Tag

Man finden mag.

 

Nach dem Krieg

 

Hans Göttler: „Ungefähr zwei Jahre später, als der 1. Weltkrieg zu Ende war - Woodrow Wilson hatte seine berühmten „Vierzehn Punkte" vom 8. Januar 1918 gegen den weltweiten Anspruch der bolschewistischen Revolution längst proklamiert und suchte nun 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz die Gründung eines „Völkerbundes" zu erreichen - 1919 also, ließ sich die radikale Wilson-Feindin und marxistische Kriegsgegnerin Emma Lindgren zu einer sozialistischen Feier in Chicago mit dem folgenden Gedicht vernehmen, der ihren anderen politisch-kritischen Texten aus dieser Zeit an Schärfe in nichts nachstand:“

 

Die rote Fahne

 

Empor der Freiheit rotes Zeichen!

Vorüber ist die Völkerschlacht.

Der Winter muß dem Frühling weichen,

So wie dem jungen Tag die Nacht.

Sprecht nicht: „Vergebens war das Morden."

Die blut‘ge Saat trug reiche Frucht!

Im Hirn des Volks ist's hell geworden,

Und jeder Mörder ward gebucht.

Von Millionen Leichenhügeln, -

 

Hört ihr, wie's in die Luft sich schwingt? -

Es kommt heran auf Sturmesflügeln

Der Morgen, der uns Sieg erzwingt.

Schon liegt zerstückt in tausend Scherben

Die Gauklerei der alten Welt.

Die Fürsten fliehen oder sterben

Und ihre Throne sind zerspellt.

 

Wir, die schon durch Dezennien stritten,

Für Menschenrecht gen Tyrannei

Und namenloses Leid erlitten,

Wir sterben oder leben frei!

Wir bergen nicht in Katakomben

Scheu unsrer toten Kämpfer Ruhm,

Nein, öffentliche Hekatomben

Verkünden laut ihr Martyrtum.

 

Und stürzte dort die Welt zu Trümmern,

Bebt hier des Westens Kapitol;

Ja, alte reiche Schurken wimmern

Angstbleich für ihren Beutelvoll.

Sie haben euch für runde Taler,

Betörtes Volk, verkauft, verlumpt!

Nehmt ihnen nun die blut‘gen Taler

Und seht, wer ihnen etwas pumpt!

 

Die Welt ist froh und jung geworden,

Und ein ganz andrer Wind weht jetzt.

Hier sind die „Massen" und die „Horden" -

Wo sind die „Herren' - Abgesetzt.

Drum hoch empor das stolze Zeichen

Des Menschenrechts, das uns gebührt!

Die Nacht, sie muß dem Morgen weichen,

Der uns zu Glück und Freiheit führt.

 

 

Chicago, 13. Dez. 1919.

Herzliebe, unvergeßliche Freundin!

Ob es Wochen oder Jahre sind, seit wir uns nicht mehr geschrieben, ist wohl einerlei. So wie ich es stets empfand und noch empfinde, waren wir geistig niemals getrennt und es gab wohl selten etwas uns tiefer berührendes, das nicht sofort ein Hin- und Hergedenken in uns erregt hätte. Daß ich tausendmal zum Schreiben ansetzte, darfst Du mir glauben. Daß ich wieder abbrach oder die schon fertigen Briefe nicht abschickte, daran ist mein alter Charakterfehler, die Unstätheit meiner Stimmungen und eine große Zaghaftigkeit schuld.

Diesesmal mußt Du den Brief bekommen, denn ich ertrag es nicht länger mehr, so ganz ohne Verbindung mit Dir und dem Heimatlande zu sein. Ist mir doch, als hätte ich all die langen Jahre unter Wilden in der Wildnis gelebt. Es ist auch tatsächlich so. Der Krieg hat uns Deutschen die Wahrheit der Schiller'schen Verse: „Ans Vaterland, ans teure, schließ' Dich an, etc. etc.“ aufs eindringlichste vor Augen geführt. Was wir hier erleiden mußten an Schmähungen, Unterdrückungen und Verfolgungen, und zwar nicht nur wir Eingewanderten, sondern auch die hier geborenen, amerikanischen Bürger deutscher Abstammung, das ist einfach erbärmlich. Vielleicht hast Du in Zeitungen von dem durch eine pro-englische, gekaufte Presse künstlich erzeugten Deutschenhaß gelesen, der sich in den widerwärtigsten Mob-Ausbrüchen Luft machte. Deutsche wurden öffentlich beschimpft, geschlagen, geteert und gefedert, ja sogar gelyncht. Viele interniert. Die deutsche Sprache wurde aus den Schulen verbannt, der deutsche Charakter als höllisch und hündisch dargestellt. An allen Straßenecken waren Plakate zu sehen, darauf tapfere Yankies die verhaßten „Hun(n)en" abschlachteten wie Säue. Und die Deutschen mußten dies ansehen, und blechen, blechen für den Krieg gegen ihre Brüder. Auch ihre Söhne mußten sie nach Frankreich schicken. Meiner Schwester Sohn Ludwig war auch drüben. Zwei andere waren bei der Marine.

Das große, reiche Amerika, das Land, in dem Milch und Honig floß, ist durch den Wilsonschen Krieg und die Wilsonsche Regierung ruiniert; die Menschen erfahren nun auch hier, was Hunger und Elend ist. Der Kapitalismus saugt das Volk aus bis aufs Blut. Sind doch die Nahrungsmittel und Kleider hier so hoch im Preis gestiegen, daß der Arbeiter sie kaum mehr erschwingen kann. Mein Mann z.B. verdient 23 Dollar die Woche und es reicht trotz einfacher Lebensführung kaum für uns drei. - Ich habe nämlich noch einmal also zum 2. mal geheiratet, diesmal einen Nordschweden. Da er draußen studiert hat, beherrscht er die deutsche Sprache vollständig. Er ist ein guter, tüchtiger Mann, belesen und geistig gebildet. Meinen Buben liebt er wie sein eigen Kind und so leben wir, abgesehen von zeitweiligen Temperamentsausbrüchen meinerseits und entsprechendem Reagieren seinerseits, sehr glücklich mitsammen.

Zur Zeit befinde ich mich in strengster Abgeschlossenheit von aller Welt, denn Josie, der Bub, ist an Diphtherie erkrankt. 3 Tage und Nächte zitterte ich für sein Leben, aber die segensreiche Erfindung des großen deutschen Arztes, das Antitoxin, hat ihn gerettet. Jetzt haben wir 3 Wochen Quarantäne zu halten, das Gesundheitsamt wacht streng darüber.

Mein Haus, welches ich vor dem Kriege besessen, ist längst flöten gegangen. Ich bin noch keinen Augenblick traurig darüber gewesen; es hätte mich ja schließlich umgebracht, soviel Trubel und Sorgen hatte ich damit, bzw. mit den 7 Mietsparteien, welche sich aus allen möglichen Nationen rekrutierten. Jetzt wohnen wir wieder bei meiner Schwester Marie an der Wellington Avenue; sie oben und wir unten.

Ihr Mann ist auch vor 3 Jahren gestorben, doch sie ist gut versorgt; hat erst kürzlich ihr zweites Haus verkauft, um dies erste hier schuldenfrei zu haben. - Schwester Anna lebt mit ihrer Familie im fernen Westen, in Kansas City. Es geht ihr, abgesehen von steter Kränklichkeit, die Folge einer schweren Operation bei der Geburt ihres letzten Kindes, ziemlich gut. Doch schreibt sie nur selten.

Die Meiers von Schiefweg befinden sich auch in angenehmen Verhältnissen und haben ein hübsches, modernes Heim am Nordende der Stadt. Schwager Georg trägt sich sogar schon mit dem hochtrabenden Gedanken, seine Waldkirchner Gläubiger, mit Ausnahme des „bösen Hag'n", demnächst zu befriedigen. (Das deutsche Geld steht so niedrig im Kurse jetzt!!) Die Töchter sind alle gut verheiratet und fahren im eigenen Auto; auch der älteste Sohn Georg, welcher als Drucker schweres Geld verdient. - In Amerika braucht man eben keinen Verstand, um vorwärts zu kommen, im Gegenteil, der Verstand ist dabei nur hinderlich und der dümmste hats Glück.

Von den vielen Segnungen, mit denen das zaristische Regime Wilsons uns beglückt, ist wohl die haarsträubendste die Prohibition. Es ist hier ungefähr, wie es in Spanien z. Z. der Inquisition war. Tausende von Spürhunden durchschnüffeln „God's country" nach Alkohol und wehe denen, bei welchen er gefunden wird. In den meisten Fällen geht's schnurstracks ins Zuchthaus. Kein Tröpflein Wein, kein Gläschen Bier mehr. Sogar alkoholhaltige Medizinen wie Pfefferminz- oder Hoffmannstropfen werden den Kranken verweigert. Und schon munkelt man davon, daß den Männern auch der Tabak, das gottlose Kraut, entzogen werden soll. - Wir leben im tiefsten Mittelalter. Darum gucken und lauschen wir auch so sehnsüchtig nach dem neuen Deutschland hinüber, das, obwohl noch in schweren Wehen liegend, doch der Freiheit schon die Wiege bereitgestellt hat. Darum beneiden wir Rußland, über welchem die Sonne schon so herrlich aufgegangen ist. Und verfluchen England, unter dessen Krallen die ganze Erde zur Wüste geworden ist. Solange diesem Drachen der Kopf nicht abgeschlagen wird, wird die Welt stets in Blut und Tränen schwimmen.

Liebe Gustie, leiblich bin ich zwar immer wohlauf, aber seit Jahren leide ich an geistiger Unterernährung, so sehr, daß ich nur mehr das Skelett meines früheren Selbst bin. O wie not täte mir Zufuhr von gesunder deutscher Nahrung! Wie hungere ich nach Büchern und Zeitschriften, nach den Erzeugnissen der neuen deutschen Geistesgrößen! Mit dem nächsten Briefe werde ich Geld schicken, vielleicht wirst Du dann so gütig sein und mir eine Auswahl dessen senden, was Du für lesenswert hältst. Ich werde mich nach Möglichkeit dankbar dafür erweisen.

Für diesesmal aber schreibe mir einen Brief, ich bitte Dich herzlichst. Du kannst ihn nicht lange und ausführlich genug machen. Schreibe mir von Dir und Deinem Mann alles, was Ihr erlebt und wie Ihr die Kriegszeit durchlebt. Von Deinen Bekannten, von Waldkirchen und Umgegend, von Bayern im allgemeinen und den politischen Zuständen draußen, (die kulturellen nicht zu vergessen). Von Hans Carossa, von den Hellmannsbergers usw. Grüße mir alle Leute, die sich noch meiner erinnern. Du aber, liebste Gusti und Dein Mann, seid vor allem selbst tausendmal aufs innigste gegrüßt von

Eurer

dankbaren Emerenz.

 

„Ihre politische Position bestimmte Emerenz noch einmal ganz deutlich in einem Brief an Hans Carossa vom 24.06.1923. In diesem letzten Schreiben an Carossa, das uns erhalten ist, heißt es u. a.:

Gustie wird Dir von mir wohl als einer verrückten Bolschewistin erzählt haben. Ich bin allerdings überzeugte Kommunistin, war es schon, ohne daß ich mich (!) dessen recht bewußt war, in Deutschland. Ich sah den großen Unterschied zwischen den Ständen, die Ungerechtigkeit überall und sie schmerzte und erzürnte mich ohne Ende. Noch klarer lernte ich hier sehen als die allmächtig gewordene Plutokratie das harmlose, friedfertige Volk, das Deutschenhaß nie gekannt, aufstirrte und aufhetzte wie eine wilde Meute, für ihr Interesse. Wie sie es aussog, so daß im reichsten, fruchtbarsten Land der Welt schon Mangel herrschte, wie sie die männliche Jugend vergewaltigte und hinausschiffte nach den Schützengräben Frankreichs, wo hunderttausende fielen. Was das einst so freie amerik. Volk gewann aus dem Kriege ist seine jetzige vollständige Knechtung durch den Kapitalismus, desselbigen Kapitalismus, der auch in der Ruhrtragödie seine Hand im Spiel hat, ohne daß die patriotisch verhetzten, langsam verhungernden Deutschen es wissen. Wie könnten sie auch, sind doch fast alle Zeitungen von ihm angekauft. - Genug davon.“

Willi Winkler: „Chicago war beim besten Willen nicht mehr die Waldheimat Peter Roseggers, es war nicht Schiefweg und nicht Passau, sondern die Stadt Upton Sinclairs, die Stadt, in der sein Roman „Der Dschungel“ spielt, die Stadt der Fleischfabriken und der hundertfach eingewanderten Völkerschaften und der tausendfach ausgebeuteten Arbeiter.

Zehn Jahre war der Kontakt mit ihrer Freundin Auguste Unertl unterbrochen; erst nach dem Krieg nahm Emerenz Meier den Briefwechsel wieder auf. Sie ist völlig zur Amerikanerin geworden, und sie schreibt nicht mehr. Schreibt nur noch Briefe, ausführliche Erzählbriefe voller Grammatikfehler und Anglizismen, aber auch voll von dem Elend der Einwanderer, der Jahre der Prohibition. Wie viele braut sie zu Hause Bier („steht manchmal dem Münchner Salvator in nichts nach“) für sich und gute Kunden und sammelt unermüdlich Altkleider und Geld für die kriegs- und inflationsgeschädigten Deutschen.

Nach zwei Briefen reißt der wiederaufgenommene Kontakt zu Carossa ab. Sie haben sich endgültig zerstritten, weil er ihren Kommunismus nicht begreift, nicht verstehen will, daß der Kommunismus für eine Proletarierin die einzige Erlösung ist für Amerika und die Welt. Der Herr Doktor aus Passau sieht sich bei den Klassikern schon zu Lebzeiten, ihn schreckt ihr Realismus, das ist nicht die Emerenz, die ihm sein Vater einst empfohlen, das ist eine Bolschewistin, die nicht einmal studiert hat. Der Onkel Doktor übersieht bei seiner Ferndiagnose allerdings, daß die Emerenz, seine Emerenz sehr genau weiß, warum sie so denkt, wie sie denkt: Sie lebt in einem Elend, das er nie kennenlernen mußte. In Chicago war das Elend, das sie schon zu Hause gefühlt hatte, benennbar geworden, es hatte Ursachen: die Armut, die ausbeuterischen Unternehmer, die Vermieter, die ständigen Krankheiten.“

https://www.zeit.de/1992/20/geboren-in-schiefweg-gestorben-in-chicago/komplettansicht

Über die Zustände in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/293-justiz-mord.html

 

Wieder-Entdeckung

 

Hans Göttler: „Erst zu Beginn der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurde dann die andere, bisher wenig bekannte politisch-kritische Seite der Emerenz aufgearbeitet, sieht man von Carossas Hinweis auf die „sanfte Rebellin" von 1941 einmal ab. Es war dies das Verdienst von Joseph Berlinger.

Der junge Schriftsteller aus dem Bayerischen Wald veröffentlichte 1980 im berühmten Verlag Friedl Brehm in Feldafing sein Buch:

„Emerenz. Szenen, Briefe, Gedichte. Aus dem Leben der bayerischen Dichterin, Wirtin und Emigrantin Emerenz Meier."

Das Buch enthielt zum ersten Mal auch einige der bisher ungedruckt gebliebenen, sozialkritischen Gedichte der Emerenz (z. B. „Geld", „An Wilson", „Verlassen", „Lied aus dem Elend", „Stoßseufzer") sowie einige ihrer Briefe aus Amerika bzw. Auszüge daraus. Seit der Veröffentlichung dieses Buches ist ein neuer Abschnitt in der Emerenz-Meier-Rezeption eröffnet worden, der bis in die Gegenwart andauert.

Eine unmittelbare Folge von Berlingers Buch war ein vielbeachtetes Theaterstück über die Emerenz, das auf Berlingers Veröffentlichung beruhte und bei dessen Uraufführung 1981 in Ingolstadt die junge Schauspielerin Lisa Fitz die Titelrolle verkörperte.

Berlingers Buch und das Theaterstück führten dazu, dass sich auch die modernen Medien des Films und des Fernsehens für Emerenz Meier interessierten (1986 „Ein Leben in den Wäldern" von Erich Reißig, BR; 1987 „Schiefweg" von Jo Baier, BR; 1991 „Wildfeuer" von Jo Baier, Kinofilm und Buch); dabei stand vor allem die Person der Emerenz im Mittelpunkt, deren Leben in einer Mischung von Dichtung und Wahrheit nachgezeichnet wurde.

Nach der zweibändigen Werkausgabe 1991 im Morsak Verlag erschienen mehrere wissenschaftliche Abhandlungen über Emerenz Meier (z. B. von Joseph Berlinger, Hans Göttler, Jürgen Gutsch, Florian Jung, Michaela Karl, Paul Praxl, Bernhard Setzwein, Helmut Wagner, Christopher J. Wickham, Cornelia Zetzsche).

Ausstellungen, Vertonungen ihrer Gedichte (Elmar Raida, Monika Drasch) und szenische Lesungen (Dagmar Aigner, Barbara Dorsch, Gerlinde Feicht, Monika Manz) bereicherten die Rezeption dieser außergewöhnlichen Dichterin ebenso wie die Eröffnung ihres Geburtshauses als Wirtshaus und Museum 1997 durch den rührigen Emerenz-Meier-Hausverein in Schiefweg/Stadt Waldkirchen und der BR-Fernsehfilm von Klaus Ickert 2007 in der Reihe „Die großen Bayern".

Es gibt inzwischen außerdem Emerenz-Meier-Straßen und -wege in ganz Bayern sowie einen „Emerenz-Meier-Saal“ in der Stadthalle von Germering; auch die Hauptschule in Waldkirchen trägt seit 2006 ihren Namen.“

Die internationale Frauenvereinigung Soroptimist https://www.soroptimist.de/wer-wir-sind/organisation/  hat Emerenz Meier in Passau ein Denkmal gesetzt. Hier die Denkmals-Enthüllung:

 

 

Monika Drasch mit der Vertonung des Gedichts „Wödaschwüln“:

 

 

Fehlen

 

Emerenz Meier wird in Bayern hauptsächlich als Heimat-Dichterin wahrgenommen, aber seit 40 Jahren durch Joseph Berlinger auch verstärkt der derbere, interessante Teil von ihr.

Außerhalb von Bayern ist sie allerdings kaum jemandem bekannt. Der Wurm hofft, dass sich das durch seinen bescheidenen Beitrag zumindest ein klein wenig ändert.

Während angepasste, ins politische Konzept passende, das gewünschte Feindbild laut hinaus posaunende Literaten wie Herta Müller (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/123-johannis-fest.html und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/153-was-gesagt-werden-muss.html ) verbreitet werden, werden solche, die humanistische oder gar soziale Positionen vertreten, „vergessen“, möglicherweise auch noch diffamiert. Dazu gehören solche Personen wie Leopold von Sacher-Masoch (siehe  http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/46-venus-im-pelz.html ) oder Emerenz Meier.

Solch ein wertvoller Mensch wie Emerenz Meier fehlt immer und überall. Auch und gerade in der heutigen Zeit. Ihre klaren Worte, vor allem solche wie aus ihrer Zeit in den USA, würden gut tun.

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm