„Er hat die Diktatur und den nächsten Krieg bekommen, die er herbeigeredet und –geschrieben hat. Und er hat die Abschaffung der ihm so verhassten bürgerlichen Werte erlebt. Wie jene des bürgerlichen Rechts.

Eine Diktatur ist nur so lange schön, wie mensch selbst der Diktator ist. Wenn dies nicht der Fall ist, ist das immer schlecht.

 

Dessen sollte sich auch ein Ernst Jünger gewahr werden.

 

Das waren die Jahre 1895 bis 1932.

 

Die Jahre 1933 bis 1998 kommen noch.

 

In einem zweiten Teil.

 

Es wird nicht langweilig mit Ernst Jünger.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/319-das-auge-des-kriegers.html

 

Dies ist der zweite Teil, der zeigt, welche Bedeutung Ernst Jünger in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sollte und vor allem, welche Bedeutung er im 21. Jahrhundert hat.

 

1933 - 1939

 

Ernst Jünger lässt sich nicht vereinnahmen

 

Helmuth Kiesel zitiert Gottfried Benn und Ernst Rowohlt, die vom „geschichtlichen Gesetz“ schwadronieren bzw. der Meinung sind, dass alle neuen geschichtlichen Bewegungen barbarisch begonnen haben.

„Von Jünger sind dergleichen Äußerungen nicht bekannt. So ultra-radikal er im Sommer und Herbst 1930 von „Mord und Totschlag“ geredet und vom „Forum des Bürgerkrieges“ geschwärmt hatte - : An dem, was nach dem 30. Januar geschah und in die Wege geleitet wurde, mochte er nun doch keinen Gefallen finden ...

Jünger hat sich dem Dienst am „neuen Staat“ bis zu seiner zweiten Einberufung im Jahr 1939 entzogen. Dafür gab es mehrere Motive. Eines war die oftmals bekundete Abneigung gegen die „spießige“ NSDAP, ein anderes, wie Jünger am 2. April 1946 in einer retrospektiven Tagebuchnotiz festhielt, die frustrierende Erfahrung, die er 1925/26 bei seinem Engagement im Freikorps Roßbach gemacht hatte. Ein weiteres Motiv lag in seiner Abneigung gegen die neuen Methoden, die nun angewandt wurden, um beispielsweise bestimmte Positionen freizumachen. Bevor Jünger in dem oben zitierten Brief vom August 1933 zu dem Schluß kam, daß „Zurückhaltung“ das „Richtigste“ sei, berichtete er seinem Bruder, daß Bronnen „nunmehr fast ganz aus dem Rundfunk herausgedrängt worden“ sei und „eine Unzahl von Feinden“ habe, die „eifrig damit beschäftigt“ seien, „ihn zur Strecke zu bringen“, indem sie in Wien versuchten, „seine persönlichen Verhältnisse“, also seine jüdische Herkunft, aufzudecken. Und hinzu kam, daß Jünger von einigen Maßnahmen des „neuen Staates" bald selber unangenehm betroffen wurde: Am 12. April 1933 erschienen zwei Polizisten bei ihm, um eine Hausdurchsuchung vorzunehmen … Jünger kam ungeschoren davon, und seine Frau hatte, wie sie in ihren Silhouetten schreibt, sogar den Mut, am nächsten Tag auf dem Steglitzer Polizeirevier gegen die Hausdurchsuchung zu protestieren. Aber der Vorfall demonstrierte, was man vom „neuen Staat“ zu erwarten hatte, zumal er den Blick auch auf Erich Mühsam lenkte, der nach dem Reichstagsbrand von der SA verhaftet und, wie bald duchsickerte, mißhandelt oder gar ermordet worden war. Wie viele andere Schriftsteller und Publizisten musterte auch Jünger nun seine Schriftsachen und ließ einen guten Teil seiner Tagebücher und Briefwechsel verschwinden … Obwohl im Frühsommer 1933 vollends deutlich wurde, daß mit den „neuen Herren“ nicht zu spaßen war, verhielt sich Jünger resistent und ging allmählich sichtbar auf Distanz. Seinem jüdischen Freund Marcu teilte er mit, daß er, wenn er „als Jude Schwierigkeiten“ bekomme, auf ihn „zählen“ und in seinem Haus wohnen könne. Zugleich verwahrte er sich demonstrativ gegen nationalsozialistische Vereinnahmungsversuche. In zwei Fällen wurde dies unmittelbar publik.“

Er weigerte er sich, in die Preußische Akademie der Künste einzutreten und verbot dem „Völkischen Beobachter" jeglichen Nachdruck.

 

Freunde / Frage der Emigration

 

„Es war die Zeit der Entscheidungen und Trennungen. Am 8. Juli 1934 schrieb Jünger an Friedrich Georg (seinen Bruder), es sei an der Zeit, auch unter den Freunden „Musterung“ zu halten.

Der Kreis der Freunde und Bekannten, die man jetzt noch schätzen mochte, war zu diesem Zeitpunkt freilich schon kleiner geworden und schrumpfte täglich mehr. Erich Mühsam, den Jünger zu den „gutmütigsten Menschen“ zählte, wurde in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli 1934 im KZ Oranienburg auf fürchterliche Weise totgeschlagen. Valeriu Marcu, Karl Otto Paetel und Hugo Fischer waren entweder schon emigriert oder standen im Begriff, dies zu tun. Auch für Jünger und die noch verbliebenen Freunde muß sich 1933/34 die Frage der Emigration gestellt haben. Friedrich Georg Jünger schrieb später, am 30. Mai 1946, an Niekisch, er und sein Bruder Ernst hätten seinerzeit gehofft, daß Niekisch emigriere und sich so in Sicherheit bringe, und Jünger bestätigte dies 1974. Ob Jünger selbst die Emigration in Erwägung zog und nur, wie von Jean Schlumberger zu hören war, durch die Sorge um seine Familie vom Schritt über die Grenze abgehalten wurde, ist allerdings sehr fraglich. Nachdem er in seiner Erzählung Sturm über die pazifistische Emigration während des Ersten Weltkriegs geschrieben hatte, diese habe den „Anschluß“ an das Leben verloren, mußte ihm die Vorstellung, nun selber zu emigrieren, äußerst unangenehm gewesen sein. Auch gehörte es zu seiner Philosophie des „verlorenen Postens“ und zu seinem Habitus des Beobachters, auch dann auszuharren, wenn die Lage lebensbedrohlich wurde. In diesem Sinn schrieb er am 18. Dezember 1935 an Hugo Fischer, der für das Frühjahr 1936 einen längeren Aufenthalt in Norwegen vorgeschlagen hatte, daß er lieber bleiben wolle, weil „die Lage im europäischen Zentrum sehr bald viel spannender werden“ würde: „Sie (Hugo Fischer) gleichen dem Beobachter am Rande des Vesuvs, der vor der Eruption das Observatorium verläßt. Ich möchte doch bleiben, auch auf die Gefahr hin, mitsamt meinen Instrumenten in die Luft zu fliegen.““

 

Etablierung der Macht: „Röhm-Putsch“

 

„Bekanntlich ließ Hitler, um dem Drängen der SA-Führung auf eine „zweite Revolution“ ein Ende zu setzen, unter dem Vorwand eines angeblich geplanten Putsch-Versuchs am 30. Juni und 1. Juli einen großen Teil der SA-Führung um den „Stabschef“ Ernst Röhm liquidieren. Insgesamt wurden bei dieser „Säuberungsaktion“, die von der SS und der Gestapo mit logistischer Unterstützung der Reichswehr durchgeführt wurde, mehr als achtzig Menschen ermordet, und zwar nicht nur SA-Leute, sondern auch sonstige Gegner des „Führers“ und des NS-Regimes. Jünger verbrachte jene Tage mit der Familie im Sommerurlaub auf Sylt. Einige Äußerungen - etwa in einem Brief vom 3. Juli an den Bruder Friedrich Georg und eine beiläufige Bemerkung in den Subtilen Jagden - deuten darauf hin, daß Jünger einen solchen „Schlag“ erwartete, sich bedroht fühlte und außer Reichweite kommen wollte. Recherchen, die Jünger selbst zu Beginn der achtziger Jahre anstellte, ergaben allerdings, daß er - mit größter Wahrscheinlichkeit - nicht auf der „Proskriptionsliste“ stand. Aber unabhängig von der Möglichkeit einer persönlichen Gefährdung wurde Jünger durch die „Nachricht von den Massacres“ - so am 8. Juli in einem Brief an Friedrich Georg - elektrisiert und zu einer Analyse der allgemeinen wie der persönlichen Lage gedrängt. Diese geschah zunächst im Briefwechsel mit dem Bruder, dann aber, als Jünger Ende Juli vom Urlaub zurückfuhr und in Berlin drei Tage Station machte, auch im Gespräch mit Carl Schmitt. In diesem hatte er nun einen überaus interessanten Gesprächspartner, denn Schmitt hatte eben jenen aufsehenerregenden Artikel zu Papier gebracht, mit dem er die Mordaktion in der Deutschen Juristen-Zeitung vom 1. August als „Staatsnotwehr“ verteidigte und sich sogar zu der These verstieg, daß dieses Verbrechen „höchste Justiz“ darstelle und der „Führer“ mit solchem Vorgehen „das Recht vor dem schlimmsten Mißbrauch“ schütze („Der Führer schützt das Recht ...“). Den Kern ihrer Diskussion hat Jünger zumindest zweimal in verbal leicht abweichenden, sachlich aber identischen Versionen wiedergegeben: 1995 im Gespräch mit Antonio Gnoli und Franco Volpi, und zehn Jahre zuvor, am 18. November 1985, in den Erinnerungen an seinen im Frühjahr verstorbenen und nicht immer nur geschätzten „Compère“ Carl Schmitt. Es heißt dort:

Lebhaft widersprochen habe ich ihm, als Hitler nach dem sogenannten Röhm-Putsch Staatsnotstand für sich in Anspruch nahm und Carl Schmitt dazu nicht nur sagte, sondern sogar schrieb, daß „der Führer Recht setze“. Ich entsinne mich nicht mehr des genauen Wortlautes. Er meinte, daß an Hitlers Legalität nach dem Ermächtigungsgesetz nicht mehr zu zweifeln gewesen sei. Darüber ließ sich reden - mich wunderte nur die Hartnäckigkeit, mit der ein so scharfer Geist verkannte, daß seine Formulierung, wie logisch auch immer, zeitlich und örtlich ein politisches Harakiri darstellte. Ich kam damals von Helgoland (wo Jünger nach dem Urlaub auf Sylt noch gewesen war); als wir an seinem Haus am Fichteberg vorbeigingen, fragte ich ihn, ob er schon ein Maschinengewehr im Keller installiert habe - er quittierte den Scherz mit einem verwunderten Blick.

Anders als der zu Recht verwunderte Schmitt rechnete Jünger offensichtlich mit einem Gegenschlag, von dem dann auch der „Kronjurist des Dritten Reiches“ betroffen gewesen wäre, und mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Aber wer hätte den Gegenschlag führen und den Bürgerkrieg eröffnen sollen? Die SA war gezähmt. Die KPD war personell dezimiert und in den Untergrund getrieben. Die Gewerkschaften waren zerschlagen; der 1933 emigrierte Schriftsteller Oskar Maria Graf hat in seinem autobiographisch grundierten Roman Die gezählten Jahre unter der Überschrift „Kapitulation“ geschildert, wie am 9. März 1933 das Münchener Gewerkschaftshaus von der SA gestürmt und geräumt wurde. Zudem hatte Hitler seit dem 1. Juli einen neuen Verbündeten: die Reichswehr. Die „Machtergreifung“ war abgeschlossen.“

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/104-nacht-der-langen-messer.html

 

Auf den Marmor-Klippen

 

„Im Kirchhorster Pfarrhaus schloß Jünger am 28. Juli 1939 das Werk ab, das er fünf Monate zuvor, Ende Februar, in Überlingen begonnen hatte: die Erzählung Auf den Marmor-Klippen, die Thomas Mann später, im Dezember 1945 als das „Renommierbuch der 12 Jahre“ bezeichnet hat, weil diese Erzählung damals in vielen Kreisen innerhalb wie außerhalb Deutschlands als das beste und mutigste Werk galt, das im nationalsozialistischen Deutschland publiziert worden war. In der Tat sind die Marmor-Klippen ein erstaunliches und eindrucksvolles Buch: ahnungsvoll und problembeladen, mutig und resignativ zugleich, von einer eigentümlichen Ästhetik, die neben Bewunderern auch viele Kritiker gefunden hat, ein Werk zudem, das immer wieder die Frage provozierte, in welchem Verhältnis zur Zeitgeschichte es zu sehen sei …

Einer dieser mauretanischen Machttechniker, Braquemart, wird im zwanzigsten Kapitel näher charakterisiert: Kalte, wurzellose und nihilistische Intelligenz sind ihm eigen, dazu eine Affinität zu Gewalt und Schrecken sowie eine Vorliebe für künstliche Welten und abgetötete Schönheit. „Eisblumen blühten auf seiner Stirn“. Freilich ist an ihm auch „ein feiner Schmerz“ wahrnehmbar: „die Bitterkeit des Menschen, der sein Heil verloren hat" und deswegen „mit kaltem Mute in die Labyrinthe des Schreckens“ eindringt, den verlorenen „Sinn der Heimat“ oder des Lebens in „fernen Abenteuer-Welten“ sucht. Man kennt das; es ließe sich leicht auch vom Verfasser der Marmor-Klippen selbst sagen, und Jünger war sich dessen bewußt. Braquemarts Porträt ist ein Selbstporträt des Verfassers, genauer: ein Möglichkeitsporträt, das ihn in einem Zustand zeigt, in dem er sich nie ganz befunden haben oder den er schon überwunden haben wollte. Der Abschnitt, der auf die zitierten Sätze folgt, deutet an, was Braquemart fehlt und was Jünger offensichtlich gefunden oder entwickelt zu haben glaubte: ein Vertrauen auf die Fülle des Lebens, das angesichts der Negativitäten der Zeit Gelassenheit und Überlegenheit hätte geben können: „Désinvolture“. Aber gleich, mit welcher Berechtigung Jünger diesen Anspruch erhob - : Von den skrupellosen mauretanischen Machttechnikern distanziert er sich, insofern er mit dem Erzähler identifiziert werden darf, ausdrücklich. Im dreizehnten Kapitel teilt er nicht nur mit, daß er sich - wie sein Bruder - nach dem Krieg gegen Alta Plana von den Mauretaniern und von den Waffen überhaupt verabschiedet hat, um ein „von Gewalt gereinigt(es) Leben“ zu führen, und er begründet dies auf eine Weise, die geradezu als Widerrufung der affirmativen Passagen des Essays Über den Schmerz zu betrachten ist: „In diesem Orden hoch emporzusteigen, hatte es uns wohl nicht an Mut und Urteilskraft gefehlt. Doch war die Gabe uns versagt geblieben, auf das Leiden der Schwachen und Namenlosen herabzusehen, wie man vom Senatoren-Sitze in die Arena blickt“. Und im fünfundzwanzigsten Kapitel schwört der Erzähler sich beim Anblick des Leichnams des jungen Fürsten Sunmyra, der nach einem Attentatsversuch auf den despotischen „Oberförster“ ermordet wurde, „in aller Zukunft lieber mit den Freien einsam zu fallen, als mit den Knechten im Triumph zu gehen“ …

Die Marmor-Klippen enthalten Stellen, die man leicht auf das NS-Regime beziehen konnte und die gewagt waren. Nach der Schilderung der Schinderhütte von Köppelsbleek heißt es:

So sind die Keller, darauf die stolzen Schlösser der Tyrannis sich erheben und über denen man die Wohlgerüche ihrer Feste sich kräuseln sieht -: Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und Menschenfreiheit schauerlich ergötzt.

Daß die Marmor-Klippen trotz solcher Sätze und der augenfälligen Analogien zur NS-Herrschaft publiziert werden konnten und nach dem Erscheinen nicht sofort verboten wurden, ist verwunderlich. Die Umstände der Veröffentlichung haben der damalige Leiter des Zensurreferats im Propagandaministerium, Heinz Gruber, und der damalige Cheflektor der Hanseatischen Verlagsanstalt, Paul Weinreich, dargelegt. Gruber, der vom linken Flügel der NSDAP um die Brüder Strasser kam, will das Buch als „nicht zensurpflichtig“ eingestuft und gegenüber Vertretern des ebenfalls mit Prüfungen befaßten „Amtes Rosenberg“ als nicht zeitbezogen verteidigt haben. Der „Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums“ hatte man das Buch erst gar nicht vorgelegt; vielmehr hatte die Verlagsleitung beschlossen, es ohne deren „Unbedenklichkeitsvermerk“ auf den Markt zu bringen. Man hoffte, daß sich die NSDAP, wenn das Buch erst einmal in einigen tausend Exemplaren verbreitet war, nicht die Blöße eines nachträglichen Verbots geben und es außerdem nicht wagen würde, gegen den Pour le mérite-Träger Jünger vorzugehen, zumal dieser nun wieder im Feld stand. Diese Taktik war riskant, erwies sich aber als richtig. Zwar kam es zu mehreren Interventionsversuchen, die aber alle erfolglos blieben, möglicherweise auf Anordnung Hitlers unterdrückt wurden. So konnten - laut Weinreich - vom Erscheinen der Marmor-Klippen im Oktober 1939 bis zum Oktober 1943 rund 67.000 Exemplare ausgeliefert werden, zuletzt allerdings unter Behinderung durch Papierverweigerung.

Der Absatz der Marmor-Klippen war von Anfang an beachtlich: In den ersten drei Monaten wurden 12.000 Exemplare verkauft. Als 1942 kein Papier mehr zugeteilt wurde, ließ der Militärbefehlshaber in Frankreich, Carl-Heinrich von Stülpnagel, in Paris eine „Wehrmachtsausgabe“ mit einer Auflage von 20.000 drucken; auch in Riga soll es eine Wehrmachtsauflage gegeben haben. 1942 erschienen Übersetzungen ins Französische und Italienische; eine Exklusiv-Ausgabe für die Schweiz wurde wohl 1943 gedruckt.

Erwartungsgemäß fanden die Marmor-Klippen eine starke Resonanz auch in der Presse, die von Heidrun und Erwin Rotermund umsichtig registriert wurde. Zusammenfassend kann man sagen, daß sich die nationalsozialistisch gesteuerte Presse sehr zurückhielt, das Buch gar nicht oder nur nur knapp erwähnte und als harmlos erscheinen ließ. In anderen Zeitungen und Zeitschriften wurde die Erzählung indessen ausführlich besprochen. Fast immer wiesen die Rezensenten in der einen oder anderen Form auf aktuelle Bezüge des Buches zur NS-Realität hin, manche sehr getarnt, manche - wie Gerhard Nebel - überraschend deutlich. Allzu deutlich wurden zwei ausländische Rezensionen, von denen die eine 1942 in der Schweiz, die andere 1944 in Amerika erschien. Sie wiesen so nachdrücklich auf Bezüge zur Gegenwart hin, daß Jünger befürchtete, Schwierigkeiten zu bekommen. In Zürich ließ er deswegen durch einen Bekannten intervenieren.

Jünger hat später aufgrund verschiedener Hinweise, die ihm im Lauf der Jahre zugetragen wurden, mehrfach zu verstehen gegeben, daß die Marmor-Klippen während des Zweiten Weltkriegs als Widerstandsbuch gelesen wurden oder - bis in den Kreis der „Weißen Rose“ hinein  - zur Herausbildung von Widerstandsgesinnung beigetragen haben. Im einzelnen ist dies schwer nachprüfbar, vor allem ist die Intensität der Wirkung kaum zu bestimmen. Immerhin hat der Politikwissenschaftler und Publizist Dolf Sternberger aus dem Rückblick von 1980 auf differenzierte Weise beschrieben, welche Bedeutung die Marmor-Klippen 1940 für ihn erlangten:

Die Lektüre erregte und bewegte uns außerordentlich. Es (das Buch) war wie ein Signal, das plötzlich aus der Düsternis aufschießt und die Gegend erhellt. Es bot Stärkung und wirkte als Mittel der Verständigung unter denen, die gegen Bedrohung oder Versuchung der Tyrannei sich festigten. Niemand unter den Lesern, die ich kannte, hat daran gezweifelt, daß in den Visionen dieser Erzählung die Erkenntnis unserer eigenen gegenwärtigen Lage ausgesprochen war. In Chiffren war unseren elenden Beherrschern das Urteil gesprochen. Man rieb sich die Augen, es schien fast unglaublich, daß dergleichen möglich war … Einzelne Wendungen, Momente und Motive sind mir seither unverwischt im Gedächtnis, im Bildervorrat und im Sprachschatz geblieben, über die vierzig Jahre hin. Vor allem aber ist uns jener Entsetzensblick für Lebenszeit gegenwärtig, den der Erzähler dort auf die „Schinderstätte“ tat, eine versteckte Blöße im Wald, wo Menschenleiber ausgebeint werden und wo ein unscheinbares Männchen, vor sich hin pfeifend, auf einer Werkbank Menschenhaut bearbeitet. „Köppels-Bleek“ - auch der Name des grauenhaften Ortes ist wohl jedem im Sinn geblieben, der es damals gelesen hat. Denn es war die Welt der Konzentrationslager, die Sphäre des Geheimterrors, die hier in ein unvergeßliches Momentbild gefaßt zu sein schien, fern von Photographie und Reportage, eine szenische Abbreviatur von eigner Macht und großer Schärfe. Gerade darum hatte es eine eigentümlich befreiende Wirkung, ohne daß der tödliche Ernst unserer wirklichen Situation irgend gemildert erschienen wäre. Man war sprachlos gewesen, man hatte - wie die Redensart geht - keine Worte; so über alle Begriffe und Vorstellungen war, was man erfuhr und ahnte. Nun hatte der Dichter ein Wort gefunden. Es schloß Erkenntnis ein, präzise Wahrnehmung und ein Grauen, das doch auszuhalten war.

Auf eine ähnliche Reaktion lassen zwei Briefe schließen, die Heinrich Böll am 10. Februar und am 26. März aus dem Feld an seine Frau schrieb. Böll nannte die Marmor-Klippen darin ein „unsagbar strenge(s) und sakrale(s) Buch“, das ihn nachhaltig beschäftigte, und vermißte nur „eine würdige und christliche Einordnung der Frau in die Welt“. Allerdings darf man nicht glauben, daß Sternberger und Böll repräsentativ für die ganze Leserschaft sind …

Daß es möglich sein mochte, an dem „vorbeizulesen“, was zu einer kritischen Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und dem Krieg hätte führen können, ist verwunderlich, aber nicht ganz unerklärlich. Vor allem zwei Komponenten von Jüngers Erzählung dürften dies ermöglicht haben. Die eine ist die Untergangslust, die sich in den Marmor-Klippen artikuliert; die andere ist die Klassifizierung von Menschen.

Der Erzähler der Marmor-Klippen und sein Bruder sind auf eine Katastrophe eingestellt, ja, sie halten sie für nötig. Sie sind nämlich der Meinung, daß Recht und Unrecht in der Welt dermaßen ineinander verschlungen sind, daß es einer Reinigung durch einen apokalyptischen Vorgang, durch einen Weltenbrand, bedarf, damit eine Lebensordnung, die diesen Namen verdient, wieder hergestellt werden kann. Diese Vorstellung geht auf biblische und frühgriechische Zeiten zurück; insbesondere bei Heraklit, der in der Zeit von Jüngers Sozialisation in hohem Ansehen stand, finden sich entsprechende Äußerungen. Von da an durchzieht der Gedanke der „Ekpyrosis“ oder „Ausbrennung“ die ganze abendländische Geistesgeschichte und erlangt in verschiedenen Epochen wie der Romantik und bei einzelnen Autoren wie Hölderlin große Bedeutung. Die „furchtbare“ Flamme des Weltenbrands ist zugleich eine „fruchtbare“ Flamme; aus der Asche der verbrannten Welt steigt - gleich dem Vogel Phönix - eine neue auf …

Die andere Komponente, die es ermöglichen mochte, die Marmor-Klippen auch während einer militärischen Aktion mit gutem Gewissen zu lesen, ist die mehr oder minder explizite Unterteilung der Menschen in gute und böse, hohe und niedrige, wertvolle und unwerte.“

Ernst Jünger in seinen „Adnoten zu den Marmorklippen“: „Es wurde früh begriffen, selbst im besetzten Frankreich, daß „dieser Schuh auf verschiedene Füße paßt“ … Wenngleich die politische Lage mit ihrem Albdruck diesen Angriff aus dem Traumreich heraus entfaltete und das sogleich in diesem Sinn erfaßt wurde, ging die Begegnung doch zeitlich wie räumlich über den Rahmen des Aktuellen und Episodischen hinaus.“

Wie die „Marmorklippen“ auch immer gemeint sein mögen – Ernst Jünger war sich dessen bewusst, dass der Roman auf die aktuelle Situation in Deutschland gedeutet würde und er sich damit in Gefahr begeben musste.

 

1939 - 1945

 

Auf dem Weg nach Paris

 

„Mit (Walter) Benjamin irrten im Sommer 1940 viele deutsche Exilanten auf der Flucht vor den deutschen Truppen durch Südfrankreich und wurden interniert. Alfred Döblin, der Verfasser von Berlin Alexanderplatz, hat später in seiner Schicksalsreise beschrieben, was seinesgleichen an Strapazen und Ängsten auszuhalten hatte. Die Tatsache, daß der Hauptmann Jünger zu Pferd an der Spitze einer Kompanie gegen Paris vorrückte, während auf der anderen Seite Schriftstellerkollegen wie Benjamin und Döblin mit ein paar Habseligkeiten in einem kleinen Handkoffer nach Süden flohen, gehört zu den bedrückendsten Momenten der deutschen Literaturgeschichte, und nicht selten wurde diese Konstellation dadurch pointiert, daß man Jünger unterstellte, er sei in skrupelloser Siegerlaune durch Frankreich marschiert. Dies wenigstens dürfte etwas anders gewesen sein. Resümierend schrieb Jünger am 13. August 1940 an Carl Schmitt:

In Frankreich habe ich sehr viel gesehen, aber noch nicht alles verdaut. Zuweilen war es mir wie Scipio auf den Trümmern von Karthago zumute. Wie wird man wieder anfangen, wenn der Krieg beendet ist?“

Aus einem Brief an Carl Schmitt über Paris: „Es ist die einzige Stadt, zu der ich ein Verhältnis besitze wie zu einer Frau. Sie erhielt sich auch auf weibliche Art, indem sie keinen Widerstand leistete.“

 

Tätigkeiten in Paris

 

„Am 5. Juni 1941 zog Jünger mit seiner Einheit aus Paris ab und kehrte in die Gegend von Saint-Michel zurück. Gleichzeitig beantragte Oberst Speidel beim Oberkommando der Wehrmacht Jüngers Versetzung in den Kommandostab des Militärbefehlshabers in Frankreich zur besonderen Verwendung des Stabschefs, also Speidels. Das Heerespersonalamt zeigte sich wenig erfreut und warnte Speidel vor Jünger, gab dann aber nach und verfügte die Versetzung, die Jünger am 14. Juni mitgeteilt wurde …

Der 1897 geborene Hans Speidel war von 1940 bis Mitte 1942 Stabschef in Paris, dann für zwei Jahre Stabschef an der Ostfront, danach wieder Stabschef bei Rommel in Frankreich, ein „konservativer Nicht-Nationalsozialist mit großen Talenten“ (Ulrich Herbert) und „elastisch bis zur Undurchschaubarkeit“ (Walter Bargatzky). Er sympathisierte mit den Akteuren des Staatsstreichsversuchs vom 20. Juli und wurde deswegen im September 1944 in Haft genommen, aber nicht mehr angeklagt.

Speidels Interesse an Jünger war mehrfach motiviert. Zum einen war dem promovierten Historiker und weltläufigen Generalstäbler an einer geistig gleichgesinnten und anregenden Mitarbeiterschaft gelegen; zum andern suchte man im Kommandostab jemanden, der die Auseinandersetzungen zwischen dem Militärbefehlshaber und der NSDAP dokumentieren konnte. Denn immer wieder fühlte sich der Oberbefehlshaber, Otto von Stülpnagel, gehalten, den Handlungsvorstellungen der SS und der Botschaft unter Verweis auf rechtliche und sittliche Prinzipien entgegenzutreten, und er war, wie Walter Bargatzky sich erinnert, nicht nur um „Korrektheit“ bemüht, sondern auch um den „geschichtlichen Ruf“ der Wehrmacht und seiner selbst besorgt.

Jünger wurde offiziell mit der Briefzensur beauftragt, hatte auf Befehl Speidels aber auch Geheimakten über den Hegemonialkampf zwischen Militär und Partei zu führen und bekam dafür einen Panzerschrank in sein Dienstzimmer gestellt. Im übrigen gehörte er - wie Bargatzky - bald zu jener Runde von „Georgsrittern“, die Speidel häufig im Speisesaal des Hotels „George V“ zum Abendessen um sich versammelte: „eine relativ homogene Gruppe“, so der Historiker Ulrich Herbert, „deren Habitus durch elitären Konservatismus, eine aus intellektueller Verachtung, sozialer Arroganz und politischer Gegnerschaft zusammengesetzte Distanz zu Hitler und den „Parteileuten“ sowie einen deutschnational durchwirkten Patriotismus geprägt war“. Jünger schreibt im Ersten Pariser Tagebuch, diese Gruppe habe „im Innern der Militärmaschine eine Art von Farbzelle, von geistiger Ritterschaft“ gebildet, „die im Bauche des Leviathans tagt und noch den Blick, das Herz zu wahren sucht für die Schwachen und Schutzlosen“. Bestärkt wurde Jünger in dieser Haltung durch Schopenhauers Mitleidsphilosophie, mit der er sich 1942 wieder beschäftigte.

Der Anspruch, den Blick und das Herz für Schwache und Schutzlose zu wahren, war prägend für Jüngers Selbstverständnis in Paris und wurde von ihm mehrfach beschworen, so etwa in der Aufzeichnung vom 28. Juli 1942, in der es heißt: „Nie darf ich vergessen, daß ich von Leidenden umgeben bin“. Seinen eigenen Aufzeichnungen, aber mehr noch Berichten anderer ist zu entnehmen, daß er mit diesem Bewußtsein auch aufzutreten und zu wirken suchte. Der jüdische Apotheker Georges Sée hat bezeugt, daß Jünger dem „gelben Stern“, der den Juden 1942 verordnet worden war, selbst in Uniform „den militärischen Gruß entbot“. Und Joseph Breitbach teilte mit, daß Jünger zahlreichen französischen Juden das Leben rettete, indem er sie über Aushebungstermine unterrichtete. Freilich verblaßt dies alles neben den furchtbaren Dingen, die eben doch tagtäglich unter den Augen und unter Mithilfe der Wehrmacht geschahen: Verhaftungen, Folterungen, Erschießungen, Deportationen. Man kann fragen, warum die „Ritter der Georgsrunde“ nicht zum offenen Widerstand übergingen, als ihrem jüdischen Apotheker Silberberg die Frau entrissen wurde, warum Jünger in dem einen oder andern Fall nicht persönlich eingeschritten ist.“

Ernst Jünger war in Paris mit zahlreichen hauptsächlich französischen Intellektuellen im Gespräch. Unter anderem mit Marcel Jouhandeau, Paul Léautaud, Umm-el-Banine, Pablo Picasso, Georges Braque, Paul Morand, Abel Bonnard, Gaston Gallimard, Louis Ferdinand Céline, Florence Gould, Jean Paulhan, Sacha Guitry, Gerhard Heller, Jean Giraudoux und Jean Cocteau.

Aus „Das zweite Pariser Tagebuch“: „Bei Florence, wo ich außer dem Dr. Verne und Jouhandeau auch Léautaud traf, der in einem Anzug nach der Mode von 1910 erschien, mit einem langen schmalen Schlips, der wie ein Schnürsenkel zu einer Schleife gebunden war. Als Autor ist er auf der geraden Linie verblieben, ohne romantische Schwächung, sagt viel weniger Unnötiges als alle anderen seiner Kollegen, die ich bislang beobachtete.

Unterhaltung über den „Mercure de France“, dann über Sprache und Stil. Léautaud haßt die Bilder, die Vergleiche, die Umschweife. Der Autor soll mit vollkommener Präzision und Sparsamkeit ausdrücken, was er meint. Auch soll er sich mit der Sorge um den Rhythmus und die Ausfeilung nicht aufhalten … Wenn man sagen will, daß es regnet, so schreibe man: „Es regnet“ hin. Auf die Erwiderung von Paulhan, daß man das auch einem Angestellten überlassen könnte: „Alors, vivent les employés.“

Er ist der Ansicht, daß man mit den Worten genau ausdrücken könne, was man wolle, und daß bei völliger Beherrschung der Sprache auch der geringste Verlust zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten vermeidbar sei. Das gilt freilich nur unter Nichtmetaphysikern. Nur solche erkennt er indessen an.“

Aus „Das erste Pariser Tagebuch“: „Vormittags bei Speidel, in dessen Vorzimmer es der Sonntagsunterschriften wegen starken Andrang gab. Er war gerade vom Hauptquartier zurückgekehrt und zeigte mir die Aktennotizen, die er gemacht hatte. Sie modifizieren meine Ansicht, daß die Vernichtungstendenzen, die Erschießungs-, Ausrottungs- und Aushungerungsbestrebungen aus allgemein nihilistischen Zeitströmungen hervorgehen. Das ist natürlich auch der Fall, doch treten hinter den Heringsschwärmen Haifische als Treiber auf.

Kein Zweifel, daß es Einzelne gibt, die für das Blut von Millionen verantwortlich sind. Und diese gehen wie Tiger auf Blutvergießen aus. Ganz abgesehen von den Pöbelinstinkten ist in ihnen ein satanischer Wille, ein kalter Genuß am Untergang der Menschen, ja vielleicht der Menschheit, ausgeprägt. Ein tiefes Leiden scheint sie zu befallen, ein heulender Verdruß, wenn sie verspüren, daß eine Kraft sie hindern möchte, so viele zu verschlingen, wie ihr Gelüst sie treibt. Man sieht sie auch zum Massaker drängen, wo das bedenklich scheint, ja wo es ihrer eigenen Sicherheit widerspricht. Entsetzlich war, was Jodl dort über Kniébolos Absichten äußerte.

Auch muß man wissen, daß viele Franzosen solche Pläne billigen und Henkersdienste zu leisten begierig sind. Nur hier im Hause walten Kräfte, die die Verbindung der Partner zu verhindern oder doch aufzuhalten fähig sind, was freilich mit völlig verdeckten Karten geschehen muß. Vor allem ist wichtig, daß jeder Anschein von Humanität vermieden wird.“

Mit „Kniébolo“ ist Adolf Hitler gemeint.

Aus „Das erste Pariser Tagebuch“: „Im Zuge meiner Arbeit über den Kampf um die Vorherrschaft in Frankreich zwischen Heer und Partei übersetze ich die Abschiedsbriefe der Geiseln, die in Nantes erschossen worden sind. Sie fielen mir mit den Akten in die Hände, und ich will sie sichern, da sie sonst vielleicht verloren gehen. Die Lektüre kräftigte mich. Der Mensch scheint in dem Augenblick, in dem man ihm den Tod verkündet, aus dem blinden Willen herauszutreten und zu erkennen, daß der innerste aller Zusammenhänge die Liebe ist. Außer ihr vielleicht ist der Tod der einzige Wohltäter auf dieser Welt.“

Aus „Strahlungen“: „Selbst philosophisch kann die Lage in einer Weise bedrohlich werden, die das Opus aus dem Logbuch annähert und wie sie sich zum ersten Male andeutet im „Willen zur Macht“. Das sind Notizen auf der Fahrt durch Meere, in denen der Sog des Malstroms fühlbar wird und Ungeheuer auftauchen. Wir sehen den Steuermann bei der Betrachtung der Instrumente, die allmählich glühend werden, den Kurs bedenken und sein Ziel. Er untersucht die Wege, die möglich sind, die äußersten Routen, auf denen die praktische Vernunft dann scheitern wird. Die geistige Erfassung der Katastrophe ist fürchterlicher als die realen Schrecken der Feuerwelt. Sie ist das Wagnis nur der kühnsten, lastbarsten Geister, die den Dimensionen, wenngleich nicht den Gewichten, des Vorgangs gewachsen sind. So zu zerbrechen war das Schicksal Nietzsches, den zu steinigen heute zum guten Ton gehört. Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein. Man kann jedoch die Barometer nicht für die Taifune büßen lassen, falls man nicht zu den Primitiven zählen will.“

Aus „Das erste Pariser Tagebuch“: „Gestern wurden hier Juden verhaftet, um deportiert zu werden – man trennte die Eltern zunächst von ihren Kindern, so daß das Jammern in den Straßen zu hören war. Ich darf in keinem Augenblick vergessen, daß ich von Unglücklichen, von bis in das Tiefste Leidenden umgeben bin. Was wäre ich sonst auch für ein Mensch, was für ein Offizier. Die Uniform verpflichtet, Schutz zu gewähren, wo es irgend geht. Freilich hat man den Eindruck, daß man dazu, wie Don Quijote, mit Millionen anbinden muß.“

„Ebenso scheint es wegen der Marmorklippen zu einer Attacke auf Jünger gekommen zu sein, die von einem alten Bekannten abgewehrt wurde: von Werner Best, mit dem Jünger in den nationalistischen Jahren um 1930 publizistisch zusammengearbeitet hatte, bis es zum Auseinanderdriften von Nationalisten und Nationalsozialisten kam. Best wurde NSDAP-Mitglied und SS-Obergruppenführer. Er baute die Gestapo auf und spielte eine wichtige Rolle im Unrechts- und Terrorsystem des „Dritten Reichs“. Vom August 1940 bis Juni 1942 war er Chef des Verwaltungsstabs beim Militärbefehlshaber in Paris und leitete dort unter anderem die Judenverfolgung ein. Daß Jünger ihm nicht mehr nahestand, wird ihm nicht verborgen geblieben sein; daß er sich trotzdem vor den Verfasser der Marmorklippen stellte, hat mit jener Mentalität oder „Kameraderie“ zu tun, die Jünger seit 1938/39 unter dem Begriff des „Mauretaniertums“ faßte.“

 

Die „Vorgänge“ im Osten

 

„Gefährdungen erwuchsen auch aus Jüngers Versuch, in Speidels Auftrag den Hegemonialkampf zwischen dem Militärbefehlshaber und der NSDAP und SS in Paris zu dokumentieren, sowie aus dem Bemühen des Kreises um Speidel, sich ein Bild von den Vorgängen in den östlichen Kriegsgebieten und von der politischen Stimmung unter der Generalität zu verschaffen. Es war eine Zeit, in der allerlei verfängliche Nachrichten ausgetauscht und Gespräche geführt wurden, die leicht einen konspirativen Charakter annehmen und dadurch wieder gefährlich werden konnten; während des Aufenthalts im Kaukasus wurde Jünger nach einer „freimütigen“ Äußerung „im Kameradenkreise“ über „widrige Dinge“ sofort vom „Sicherheitsdienst“ zum Abendessen eingeladen, was er zurecht als getarnte Warnung verstand, und nach dem Krieg erfuhr er, daß die Tafelrunde um Speidel von einem französischen Kellner belauscht worden war.

Vom November 1941 an hielt Jünger die Greuelnachrichten aus dem Osten in seinen Aufzeichnungen fest. Er wurde von ihnen nicht nur erschüttert; er sah sich auch in seiner geschichtsphilosophischen Überzeugung bestätigt, daß der Prozeß des Nihilismus „am absoluten Nullpunkt“ angekommen sei. Im Sommer 1942 entstand dann im Pariser Stab der Plan, Jünger für eine gewisse Zeit an die Ostfront zu kommandieren. Wozu dieses Kommando dienen sollte, ist nicht ganz klar. Aus den vielen und variantenreichen Bemerkungen, die der Erkundungsreise an den Kaukasus gelten, kristallisieren sich drei möglicherweise einander ergänzende Motive heraus. Zunächst einmal sollte Jünger Gelegenheit bekommen, jene „Plan“- und „Werkstättenlandschaft“ zu sehen, von der er im Arbeiter geschwärmt hatte; Carl-Heinrich von Stülpnagel, der Jünger die Abordnung vorschlug, war vor seiner Pariser Zeit Oberbefehlshaber des Frontabschnitts gewesen, den Jünger besuchen sollte. Daneben sollte er im Hinblick auf die in Paris angestrebte Formierung einer Opposition gegen Hitler die „Stimmung der dort befehlenden Generäle erkunden“. Und schließlich sollte er sichere und umfassende Informationen über die Vernichtungsaktionen sammeln; ausdrücklich ist ja in den Kaukasischen Aufzeichnungen unter dem Datum des 12. Dezember 1942 von der Absicht einer „Bestandsaufnahme“ die Rede.

Am 23. Oktober 1942 nahm Jünger in der „Nique“-Bar von „Charmille“ Abschied, um nach Kirchhorst zu fahren. Dort verweilte er bis zum 12. November, dann ging die Reise über Berlin zum Flugplatz Lötzen und von dort mit dem Flugzeug über Kiew nach Rostow, schließlich mit der Eisenbahn durch die Kubansteppe nach Woroschilowsk (Stawropol), wo Jünger am 24. November ankam, im riesigen Dienstgebäude der sowjetischen Geheimpolizei einquartiert wurde und bis zum 8. Dezember blieb. Dann wechselte er nach Maikop und von dort aus in die Bergwelt des Kaukasus bis in das gut 1400 Meter hoch gelegene Teberda. Im Teberdatal wollte Jünger für längere Zeit bleiben und bisweilen in die „Gletscherwelt“ des Kaukasus aufsteigen; aber am 4. Januar 1943 wurde im Zusammenhang mit der Einkesselung der sechsten Armee in Stalingrad der Rückzug angeordnet. Zudem traf die Nachricht ein, daß der Vater schwer erkrankt sei und daß mit seinem Sterben gerechnet werden müsse. Unter turbulenten Umständen erhielt Jünger einen Platz in einem Flugzeug und konnte am 9. Januar abreisen. Am 12. Januar traf er in Leisnig ein, rechtzeitig zur Beerdigung des Vaters, der am 9. Januar verstorben war.

Selbstverständlich hat Jünger auch während dieser Reise Notizen gemacht und sie später in längere Darlegungen überführt, die Kaukasischen Aufzeichnungen, die 1949 im Rahmen der Strahlungen zwischen den beiden Pariser Tagebüchern publiziert wurden. Und natürlich hielt er auch im Kriegsgebiet am Kaukasus an seinem Lebensstil fest: besuchte in Woroschilowsk das Stadtmuseum und den Friedhof; setzte die Bibellektüre fort; widmete sich der Käferjagd. Hauptsächlich war er allerdings damit beschäftigt, Stellungen zu besichtigen und Gespräche mit Reisebegleitern und Kommandeuren zu führen. Im Hinblick auf die drei Motive seines Kommandos kam er zu bedrückenden Wahrnehmungen: In Kiew, Rostow und Woroschilowsk sah er die perfekte „Entzauberung“ des einst „wunderbaren“ Orients durch Planwirtschaft, bolschewistische Deportationspolitik und Krieg; danach aber kamen Ödnis, Schlamm und Schreckensbilder, die Jünger an Hieronymus Bosch erinnerten.

Was die Generäle angeht, so beobachtete er „deren Verwandlung zum Arbeiter“: zu „Spezialisten auf dem Gebiet der Befehlstechnik“ ohne politisches Gespür und Vermögen; die Hoffnung, unter ihnen Frondeure gegen Hitler zu finden, mußte Jünger aufgeben. Dafür vielfältige Greuelnachrichten: Berichte zum Beispiel „von den ungeheuerlichen Schandtaten des Sicherheitsdienstes nach der Eroberung von Kiew“, wo bekanntlich am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht Babij Yar nahezu vierunddreißigtausend Juden erschossen wurden, und Erwähnungen von „Giftgastunnels“, „in die mit Juden besetzte Züge einfahren“. Jünger betonte, daß es sich hierbei um Gerüchte handelte, zweifelte aber nicht daran, daß „Ausmordungen im größten Umfang“ stattfanden. Diesen Gerüchten nachzugehen und die Vernichtungsstätten zu besuchen, Massenexekutionen zu beobachten, hat sich Jünger nicht zugemutet. Nach einem Notat vom 11. Dezember über die Methoden des Kampfs gegen Partisanen heißt es unter dem Datum des 12. Dezember 1942 (hier in der Fassung von 1949):

Die gestrige Besprechung (über den Kampf gegen die Partisanen) zeigt mir, daß ich zu einer Bestandaufnahme in diesem Lande nicht kommen werde: es gibt zuviele Stätten, die Tabu für mich sind. Dazu gehören alle, an denen man sich an Unschuldigen und Wehrlosen vergreift, und alle,an denen man durch Repressalien und Kollektivmaßnahmen zu wirken sucht. Ich habe übrigens auch gar keine Hoffnung, daß hier Änderung möglich; derartiges gehört zum Zeitstil, das sieht man schon an der Art, an der es überall begierig ergriffen wird. Die Gegner sehen es voneinander ab.

Dann wieder der Gedanke, ob es nicht doch vielleicht gut wäre, die Schreckensstätten aufzusuchen, als Zeuge, um zu sehen und festzuhalten, welcher Art die Täter und Opfer sind. Wie ungeheuer hat Dostojewski durch seine Berichte aus dem Totenhaus gewirkt. Dem steht entgegen der Ekel, der mich schon bei der Vorstellung von solchen Schauspielen ergreift. Ich würde sofort als Widersacher sichtbar sein. Wem wäre damit gedient? …

Bedrückend wirkten die Nachrichten aus den östlichen Besatzungs- und Frontgebieten, aber auch die Nachrichten aus Deutschland.

Wie schon im Ersten hielt Jünger auch im Zweiten Pariser Tagebuch fest, was er über die Vernichtungsaktionen im Osten hörte. Einer seiner Informanten, der als „Bogo“ erscheint, war Friedrich Hielscher, der sich als freier Forschungsbeauftragter der „Studiengesellschaft Deutsches Ahnenerbe“ Zugang zum Ghetto von Lodz (oder vorübergehend Litzmannstadt) verschafft hatte und bestürzende Dinge berichtete. Ein anderer war Oberst Ernst Schaer. Er hatte Jünger schon im August 1942 Photographien von „Massenliquidierungen an der Ostfront“ gezeigt; nun gab er wieder, was er von Oberst Kurt von Tippelskirch, der von seiner Armee auf Erkundung geschickt worden war, über eine „Erschießung von Juden“ gehört hatte. Die entsprechenden Notizen sind nicht nur wegen ihres Informationsgehalts interessant, sondern auch, weil sie zeigen, wie diese Informationen beschafft und vermittelt wurden. Zugleich zeigen sie, daß Jünger mit seinen Aufzeichnungen eine dokumentarische Absicht verfolgte und die Informationen sichern wollte; er registrierte sie nicht nur, sondern vermerkte auch, daß er eigens nachgefragt habe, wer der Augenzeuge gewesen sei. Im Juli 1943 erhielt er von Speidel über Grüninger eine Anfrage, ob er noch einmal für dokumentarische Arbeiten über Stalingrad „in den Osten“ kommen wolle. Jünger wäre wohl bereit gewesen, bekam aber nicht die Erlaubnis des Pariser Befehlshabers.“

Aus „Das zweite Pariser Tagebuch“: „Summarisch gesprochen, war das 19. Jahrhundert ein rationales, während das 20. ein kultisches ist. Davon lebt bereits Kniébolo, und daher die völlige Unfähigkeit der liberalen Intelligenzen, auch nur den Ort zu sehen, an dem er steht.

Dann über Bogos Reisen. Darunter manche Geheimnisse. Besonders bestürzten mich Einzelheiten, die er aus dem Getto von Lodz oder, wie es jetzt heißt, von Litzmannstadt berichtete. Er hatte sich dort unter einem Vorwand eingeführt und mit dem Vorsteher der Judenschaft, einem ehemaligen österreichischen Oberleutnant, konferiert Es leben dort hundertundzwanzigtausend Juden auf das engste zusammengedrängt, indem sie für die Rüstung arbeiten. Sie haben eines der größten Werke im Osten aufgebaut. So können sie sich fristen, da sie unentbehrlich sind. Indessen strömen aus den besetzten Ländern immer neue Juden als Deportierte zu. Um diese aus der Welt zu schaffen, sind nahe den Gettos Krematorien gebaut. Man schafft die Opfer dorthin in Autos, die eine Erfindung des Chefnihilisten Heydrich sein sollen - in ihnen werden die Auspuffgase ins Innere geleitet, das so zur Todeszelle wird.

Auch soll es noch eine zweite Art der Schlachtung geben, die darin besteht, daß man die Opfer vor der Verbrennung nackt auf eine große Eisenplatte führt, die dann mit Starkstrom geladen wird. Man ist zu diesen Methoden übergegangen, weil sich zeigte, daß die SS-Leute, die man zur Abgabe der Genickschüsse bestimmt hatte, Störungen erlitten und sich zuletzt weigerten. Für diese Krematorien braucht man geringes Personal; es soll dort eine Art von höllischen Meistern und Knechten ihr Werk treiben. Dort also verschwinden die Massen von Juden, die man aus Europa zur „Umsiedlung“ verschickt. Das ist die Landschaft, in der Kniébolos Natur sich wohl am klarsten offenbart und die selbst Dostojewski nicht vorausgesehen hat.“

 

Der Friede

 

„Er selbst begann am 27. Juli 1943 mit der Niederschrift seines „Aufrufs“ Der Friede, der 1945 mit dem Untertitel „Ein Wort an die Jugend Europas und an die Jugend der Welt“ publiziert wurde. Erste Aufzeichnungen waren allerdings schon im Winter 1941/42 gefertigt worden. Im übrigen wirkt die Entstehungsgeschichte der Friedensschrift, die Piet Tommissen akribisch nachgezeichnet hat, aufgrund unterschiedlicher Aussagen Jüngers und anderer etwas verworren, doch sind einige Daten gut erkennbar. Den Impuls gab der Hamburger Kaufmann und Mäzen Alfred Toepfer, der in Paris als Hauptmann mit der Devisenerwirtschaftung im Rahmen der verschleierten „pillage“ oder „Ausplünderung“ tätig war. Toepfer soll am Abend des 26. Juli im Garten eines Pariser Offiziersheims zu Jünger gesagt haben: „Sie müssen jetzt einen Aufruf vorbereiten, der an die Jugend Europas gerichtet ist“. Die europäische Perspektive war für Toepfer wichtig: Da die Niederlage Deutschlands abzusehen war, sollte Europa so zusammengeschlossen werden, daß „raumfremde“ Mächte wie Rußland und Amerika nicht Fuß fassen konnten. Die Frage, ob die „Jugend Europas und der Welt“ von Vertretern der Generation, die Europa zweimal „in Grund und Boden gebombt“ hatte, einen Aufruf würde hören wollen, kam den beiden wohl nicht in den Sinn, wurde von Jünger jedenfalls nicht notiert und reflektiert: Man fühlte sich, obwohl man in Uniform war, offensichtlich in solcher Opposition zum Krieg, daß man glauben konnte, zum Spiritus rector des kommenden Friedens berufen zu sein - und dabei geflissentlich übersah, daß andere dies ganz anders sehen mochten.

Der „Aufruf“, der zwischen Juli und November 1943 entstand, hat zwei Teile: Der erste Teil trägt die Überschrift „Die Saat“ und legt - kurz gesagt - dar, daß sich in Europa nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund alter „Versäumnisse und Fehler“ „Recht und Unrecht so unentwirrbar mischten, daß nur die Reinigung durch Feuerflammen blieb“. Die Folge war der im Gang befindliche „Weltbürgerkrieg“ mit seinen flächendeckenden Zerstörungen und jenen fürchterlichen Stätten, an denen „die Welt sich rein zum Schlachthaus wandelte“. Der Krieg entzweit die Völker zwar, ist aber dennoch „das erste allgemeine Werk der Menschheit“, indem seine „roten Fronten … zum ersten Mal die Kugel des Planeten mit glühenden Nähten schweißten“. Die ungeheuren „Opfer“, die für dieses Werk erbracht wurden, sind gleichsam die „Saat“, die im Frieden aufgehen muß. Damit sie fruchtbar werden kann, ist freilich - eine erstaunliche Wendung bei Jünger – „Vernunft“ nötig. Der zweite Teil trägt die Überschrift „Die Frucht“. Noch einmal betont Jünger, daß - nachdem die Welt bis in den letzten „Winkel“ „durch Feuer gereinigt“ worden ist und die Waffen „Raum zur Entscheidung“ und „für den geistigen Entwurf“ geschaffen haben – „Vernunft“ das Regiment übernehmen und jene Verträge diktieren muß, die dafür sorgen, daß dieser Krieg durch niemanden verloren, sondern durch alle gewonnen wird: Die Nationalstaaten müssen in größere Bündnisse überführt werden; Europa muß sich zusammenschließen; eine „planetarische Ordnung“ muß gefördert werden. Es muß „gründlich Justiz geschaffen“ werden; die vielen „Henker und Henkersknechte“ müssen „das volle Maß der Strafe“ erhalten. Die Prinzipien des autoritären und des liberalen Staats müssen in einer synthetischen Demokratie versöhnt werden. Die „Kräfte, die der Totalen Mobilmachung gewidmet waren“, müssen „zur Schöpfung“ genutzt werden. Der Nihilismus, der mit in die Katastrophe geführt hat, muß durch eine „Neue Theologie“ bekämpft und überwunden werden.

Man muß das kaum weiter kommentieren; es ist die Übertragung der nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten Opfer-Philosophie und der in den Marmorklippen entfalteten „Ekpyrosis“-Idee auf den Zweiten Weltkrieg, der damit zum unvermeidlichen „Weltbürgerkrieg“ gemacht wurde. Daß damit die deutsche Verantwortung für diesen Krieg verschleiert wurde, ist vielfach und zu Recht kritisiert worden. Daß viele Leser Jüngers Opfer-Frucht-Arithmetik als rücksichtslos inhuman empfanden, ist verständlich. Bemerkenswert ist immerhin, daß Jünger nun der „Vernunft“ eine so große Bedeutung zuspricht, und nicht mehr - wie nach dem Ersten Weltkrieg - dem „Willen zur Macht“ oder dem „Blut“. Im übrigen sind manche der Versöhnungshoffnungen, so grausig sie in der Friedensschrift auch formuliert sind, ja eingetreten - und „Kombattanten“ wie Jünger, Heller und Bargatzky, ja auch Speidel, konnten nach dem Krieg sogar das Gefühl entwickeln, während des Kriegs in Paris Verbindungen geknüpft zu haben und Vertrauensverhältnisse geschaffen zu haben, die sich tatsächlich als fruchtbar erwiesen und bei der fundamental wichtigen Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland förderlich waren. Die Geschichtsphilosophie - oder eigentlich: Geschichtstheologie - der Friedensschrift hat zwei Seiten: Einerseits läuft sie auf eine salbungsvolle Entwirklichung des unermeßlichen Leids hinaus, das im Zweiten Weltkrieg angerichtet wurde. Andererseits bleibt sie nicht im Bann dieses Leids, sondern negiert ihn. Versöhnung muß möglich sein.“

Neben aller Schwurbeligkeit kommt dem heutigen Leser „Der Friede" in der Situation von Ende 1943 doch außerordentlich weltfremd vor. Hier der Schluss: „Die Sühne gehört zu den Voraussetzungen des neuen Bundes; der Einigung geht Reinigung voraus.

Der Friede selbst indessen muß ganz und gar der Zukunft gewidmet sein. Es sind in ihm die Ziele zu erfassen, die im Kriege als Ganzes eingeschlossen sind. Die Erde drängt in ihm zu neuen Formen, an denen alle Mächte Mitarbeiter sind. Aus diesem Grunde lebt auch in jeder der Parteien, und sei es unter den Schlacken der Gewalt verborgen, ein guter Rechtsanspruch. Ihn gilt es herauszuheben und in höherem Sinne zu verwirklichen.

Wenn wir nun ohne Leidenschaft die Ziele betrachten, um die gefochten wird, so werden wir finden, daß fast alle Probleme, die Menschen bewegen, im Spiele sind. Doch lassen sich drei Kardinalfragen erkennen, deren Lösung vom Frieden erwartet werden muß.

Die erste ist die Raumfrage, denn es gibt Mächte, die um Raum kämpfen, und das sind die gleichen, die man auch die Angreifer- oder die totalen Staaten nennt. Ihre Bewegung ist ein Zeichen dafür, daß die Aufteilung der Erde, wie sie sich historisch entwickelte, der Änderung bedarf. Daher verspricht kein Friede Aussicht auf Dauer, der diese Unruhe nicht auf gerechte Weise stillt. Doch müssen die auf Naturrechte gestellten Forderungen auf höherer Ebene befriedigt werden - nicht durch Eroberungen, sondern durch Bündnis, durch Vertrag. Die Erde muß für alle Brot haben.

Die zweite große Frage ist die des Rechtes - insofern andere Mächte für sich in Anspruch nehmen, daß sie um Recht kämpfen. Und ohne Zweifel bleibt die Rechtsbeschränkung, wie sie die totalen Staaten dem Menschen auferlegten, nicht ihre innere Angelegenheit allein. Vielmehr strahlt jede Freiheitsminderung nach außen, wo sie als Drohung sichtbar wird. Ebenso wie der Anspruch, am Raum und an den Gütern der Erde in gerechter Weise teilzuhaben, begründet ist, so auch der Anspruch, daß die Rechte, die Freiheit und die Würde des Menschen geachtet werden, in welchem Lande es immer sei. Es kann kein Friede dauern als der, der zwischen freien Völkern geschlossen ist.

Die dritte Frage endlich ist die Frage der Verwirklichung der neuen Ordnung - das heißt: der Lebensformen des Arbeiters. In dieser Hinsicht sind die Völker sich sehr ähnlich geworden und gleichen sich täglich mehr an, insofern die Totale Mobilmachung, in die sie eingetreten sind, demselben großen Rhythmus unterliegt. Es handelt sich hier nicht allein um Rüstungsfragen, sondern um tiefgreifende Umformungen. So bildet die Entladung dieses Arbeitsprozesses an den Fronten auch nur die eine seiner Seiten; die andere, unsichtbare, aber nicht minder wirkungsvolle spielt im Innern der Völker selbst. Auf diese Weise wird keine der Nationen aus dem Kriege in den gleichen Formen entlassen werden, in denen sie in ihn eingetreten ist. Er ist die große Schmiede der Völker, wie er die der Herzen ist.

Der Sinn des Friedens ist es, diese drei großen Ziele aufeinander abzustimmen - sie bilden die Elemente zu seinem Bau. Die Elemente müssen einander stützen - so wird sich zeigen, daß die Raumordnung mit der Rechtsordnung auf das engste zusammenhängt. Die Schaffung der einen zieht die Stärkung der andern nach. Die Völker ohne Raum von ihrem Übel heilen heißt, ihnen Möglichkeit der Rechtsgesundung geben, und damit wieder löst sich ihr gefährlicher Charakter auf. Die Kräfte, die aus der Rüstung entlassen werden, wirken für alle produktiv.

Und wiederum, damit die Raum- und Rechtsfrage gerecht entschieden werde, bedarf es der frischen Sinngebung, und diese kann nur der neue Mensch, der Arbeiter erteilen - derselbe, der sich bereits gewaltige Arbeitspläne stellte und dem allein Kühnheit und Übersicht für die weltweite Friedensplanung gegeben sind. Er ist der einzige, der schon in Kontinenten denken kann und dessen Begriffe und Symbole planetarisch verständlich sind. Daher wird er auch das Ferment der Einigung sein.

Der Friede ist dann gelungen, wenn die Kräfte, die der Totalen Mobilmachung gewidmet waren, zur Schöpfung freiwerden. Damit wird das heroische Zeitalter des Arbeiters sich vollenden, das auch das revolutionäre war. Der wilde Strom hat sich das Bett gegraben, in dem er friedlich wird. Zugleich wird die Gestalt des Arbeiters, aus dem Titanischen sich wendend, neue Aspekte offenbaren: es wird sich zeigen, welches Verhältnis sie zur Überlieferung, zur Schöpfung, zum Glück, zur Religion besitzt.

Raumordnung wird in allen Kontinenten zu schaffen sein. Doch liegt ihr Schwerpunkt in Europa, von wo, wie von dem Zentrum eines großen Bebens, die beiden letzten Kriege ausstrahlten. Hier also bedarf es vor allem der Atemluft.

Nun wird sich jedes Land mit Recht dagegen sträuben, für andere Lebensraum zu sein. Raumordnung kann daher nicht mit Gewalt, nicht durch Diktat geschaffen werden, und Raum wird nicht gewonnen, indem er dem einen genommen, dem andern gegeben wird.

Die wahre Lösung liegt einzig im Vertrage, im Friedensbunde, in der Zusammenlegung unter neuer Sinngebung. Nur sie beugt auch dem Zirkel von Rüstungs- und Arbeitslosenheeren vor, den jede Ordnung alten Stiles weiterzubilden droht. Die Völker bringen, was sie an Raum besitzen, als Mitgift ein. Es wird sich zeigen, daß man auf solchem Grunde besser, reicher und vor allem sicherer leben kann.

Europa muß aus den Gliedern geschaffen werden, dann stellen sich das neue Leben, der starke Atem, der weitere Kreislauf ein. Der Mensch steht hier vor einem prometheischen Werk. Doch fehlt es an Vorgängen und Vorbildern nicht. Hierher gehört die Bildung der Einheitsstaaten durch Bismarck und Cavour, wie früher schon durch Cromwell und Richelieu. Wie damals aus Dynastien und Splittern alter Reiche die Nationen geboren wurden, so müssen sie heute zusammenschmelzen zum Imperium. An Mustern und Modellen ist kein Mangel, die Welt kennt Staaten, in denen sich die verschiedensten Völker, Rassen und Sprachen vereinigen. Zu ihnen gehören die Schweiz, die Vereinigten Staaten von Amerika, die Sowjetunion und das englische Imperium. In diesen Gebilden hat sich eine Summe politischer Erfahrungen kristallisiert. Auf sie läßt sich zurückgreifen.

Es handelt sich bei der Gründung Europas darum, einem Raume, den die geschichtliche Entwicklung gliederte, geopolitische Einheit zu verleihen. Die großen Schwierigkeiten liegen im Alter der Überlieferung, im eigenen Leben, das sich in den Völkern bildete. In diesem Sinne sah schon Goethe, daß Amerika es besser hatte als unser Kontinent. Dennoch ist jetzt die Zeit gekommen, in der die Formen flüssig zu neuem Guß geworden sind. Es hat jetzt Sinn, die Aufgabe zu stellen; unsere Zukunft hängt davon ab.“

 

20. Juli

 

„Unter Carl-Heinrich von Stülpnagel, der schon 1938 an Umsturzplänen beteiligt war, und seinem Adjutanten Caesar von Hofacker wurde der Pariser Stab zu einem der Zentren des militärischen Widerstands; der 20. Juli wurde von Paris aus mit geplant, und in Stülpnagels Befehlsbereich wurden die Pläne der Verschwörer anfangs erfolgreich durchgeführt. Bargatzky, der zu den Eingeweihten zählte, schildert in seinem 1987 publizierten Hotel Majestic die Vorgeschichte und den Verlauf des 20. Juli ziemlich ausführlich. Jünger spielt darin keine Rolle; aber in früheren Aufzeichnungen Bargatzkys, die im Juli 1984 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurden, ist auch von Jünger die Rede:

Am frühen Nachmittag des 21. Juli vor dem Eingang zum „Majestic“ traf ich Ernst Jünger, einen vertrauten Mitbewohner des „Raphael“. Wir hatten ihn in die Details nicht eingeweiht, aber er wußte, was lief, er war eine unserer geistigen Stützen. Schweigend hörte er mich an, dann, in seiner ruhigen, metallenen Stimme, das Verdikt: „Da muß man doch einfach schießen.“ Das war es, genau das hatten wir versäumt.

Auch in Jüngers Aufzeichnungen spiegeln sich die Gespräche, die zum Attentat vom 20. Juli führten. Eine erste einschlägige Notiz findet sich unter dem Datum 29. Januar 1944: die Reflexion eines Buches über den Anschlag, den ein gewisser Joseph Fieschi am 28. Juli 1835 mit einem Bündel von Gewehren auf König Louis Philippe verübte. Der König wurde nur leicht verwundet, aber elf Menschen kamen ums Leben. Jüngers Ausführungen machen deutlich, daß er Attentate prinzipiell für verfehlt hält: „Man köpft“, wenn man „die Repräsentanten in ihrer physischen Erscheinung“ zu treffen sucht, „die Sprossen von Zweigen, die desto kräftiger ausschlagen“. In diesem Sinn schrieb er am 21. Juli, nachdem auch in Paris deutlich geworden war, daß Stauffenbergs Attentat und mit ihm der Staatsstreich gescheitert waren, er habe schon in den Marmorklippen angedeutet, „daß durch Attentate wenig geändert und vor allem nichts gebessert“ werde. Jünger war der Meinung, daß die restlose Niederlage des Nationalsozialismus nicht durch die Beseitigung des „Führers“ verhindert oder verschleiert werden dürfe, wenn man nicht Mythen und Residuen nationalsozialistischen Denkens schaffen wolle. Dies ist ein bedenkenswertes Argument; man konnte aber auch wie Bargatzky der Meinung sein, daß durch die Beseitigung Hitlers noch im Juli 1944 großes Unheil verhindert worden wäre: Die Beendigung des Kriegs hätte Hunderttausenden von Soldaten und Flüchtlingen das Leben gerettet und dem Bombardement Deutschlands, das seinen Höhepunkt noch nicht erreicht hatte, ein Ende gesetzt, bevor Städte wie Dresden, Würzburg und Pforzheim zerstört und Tausende von Menschen zerfetzt wurden oder in den Feuerstürmen verbrannten.

Bei Jüngers Vorbehalten gegen ein Attentat ist es verständlich, daß er weder eine treibende Kraft des Widerstands war noch in die Attentatspläne eingeweiht wurde. So blieb er auch von sicherheitsdienstlichen Zugriffen verschont, während Stülpnagel und Hofacker verhaftet, vor Gericht gestellt und gehängt wurden, Rommel zum Selbstmord mit Gift gezwungen und sogar der vorsichtige Speidel in Haft genommen und immer wieder verhört wurde. Jünger bekam nach dem 20. Juli nur zu spüren, daß im „Raphael“ plötzlich „Typen“ erschienen, die keine „Vorgesetzten im alten Sinne“ mehr waren, sondern „Kommissare“, die nichts von alten Bindungen und Verdiensten wußten; er will damals seine Pistole gegen eine Maschinenpistole ausgetauscht haben. Aber die Zeit im „Raphael“ ging überraschend schnell zu Ende, weil die Invasion nicht mehr aufzuhalten war und Paris geräumt werden mußte (abgesehen davon, daß Hitler die Stadt zerstört sehen wollte).“

 

„Zwangsläufige“ Zerstörung

 

Aus „Das zweite Pariser Tagebuch“: „Nachmittags in Hannover, das ich in einen Trümmerhaufen verwandelt fand. Die Stätten, an denen ich als Kind, als Schüler, als junger Offizier gewohnt hatte, waren dem Erdboden gleich. Lange stand ich vor dem Haus in der Krausenstraße, in dem die Großmutter über zwanzig Jahre lang gewohnt hat und wo ich ihr zahllose Male Gesellschaft leistete. Einige Ziegelmauern waren davon geblieben, und ich baute aus der Erinnerung die Küche, das kleine Fremdenzimmer, den Salon und das gemütliche Wohnzimmer in sie ein, an dessen Fenstern die Großmutter ihre Blumen zog. Zehntausende solcher Wohnstätten sind mit ihrer Aura von gelebtem Leben in einer Nacht vernichtet worden gleich Nestern, die ein Sturm zu Boden fegt.

In der Ifflandstraße, wo der Großvater gestorben ist, stürzte, nachdem ich mit Ernstel wenige Schritte daran vorübergegangen war, ein Haus zusammen; das Wandeln in diesen Trümmerwelten birgt Gefahr …

Der Anblick bedrückte mich; doch war das Unbehagen geringer als jenes, das ich, lange vor dem Kriege, bei der geistigen Vorschau auf die Feuerwelt empfand. Ich fühlte das auch 1937 in Paris. Die Katastrophe mußte kommen; sie wählte sich den Krieg als ihren besten Förderer. Doch hätte auch ohne ihn der Bürgerkrieg das Werk vollbracht, wie es in Spanien geschah, oder ganz einfach ein Komet, ein Feuer vom Himmel, eine Erderschütterung. Die Städte waren reif geworden und mürbe wie Zunder - und der Mensch war begierig auf Brandstiftung. Was kommen mußte, ließ sich erraten, als er in Rußland die Kirchen, in Deutschland die Synagogen in Brand steckte und als er seinesgleichen ohne Recht und Urteil in den Zwangslagern verkommen ließ. Die Dinge erreichten den Punkt, an dem sie zum Himmel schreien."

 

Zum Ende

 

Aus „Kirchhorster Blätter“: „Ziegler schreibt mir aus Hamburg, daß auf besondere Anweisung von Grandgoschier die Presse von meinem fünfzigsten Geburtstag nicht Notiz nehmen wird. Das ist auch die einzige Auszeichnung, auf die ich Wert lege.“

Mit „Grandgoschier“ ist Joseph Goebbels gemeint.

Ebenfalls aus „Kirchhorster Blätter“: „Am Morgen besuchte mich der Feldmeister der großen Batterie und wollte wissen, wie ich den Volkssturm ins Treffen zu bringen gedächte, wenn sich die Panzer näherten. Da ich hierüber meine eigenen Gedanken hege, sagte ich ihm, daß ich noch Anweisungen und Waffen erwartete. Darauf eröffnete er mir die Absicht, mit seinen weittragenden Geschützen die Gefangenenlager „plattzumachen“, wie er sich ausdrückte.

Da man Wahnsinnigen möglichst in ihrem eigenen System widersprechen soll, antwortete ich ihm, daß er damit doch nur das Gegenteil seiner Absichten erreichen würde - nämlich Sprengung der Lager durch die ersten Schüsse und Verbreitung der zum Äußersten getriebenen Insassen über das ganze Land. Dann aber mußte ich die Karten aufdecken und ihm sagen, daß ich mich dem mit Gewalt widersetzen würde, unter Aufrufung der Bevölkerung. Ich lernte hier einen Menschen kennen, der stumpfe Intelligenz mit Brutalität verbindet, wie das in unserer Welt so häufig ist. Die Charaktere der Typen, die den groben historischen Vorgang tragen, sind nach folgendem Rezept komponiert: technische Intelligenz, Dummheit, Gutmütigkeit, Brutalität zu je einem Viertel - das ist die Mischung, ohne deren Kenntnis man nie die Widersprüche der Zeit begreifen wird.“

 

Atombombe

 

„Als Jünger dies schrieb, war allerdings ein Ereignis verblaßt, das ihn schockierte und bedrückte: die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki durch zwei amerikanische Atombomben am 6. und 9. August 1945, die über dreihunderttausend Menschen das Leben kostete. Anders als Brecht, der in seinem Journal am 10. August nur bemerkte, daß dieser „Superfurz“ den Amerikanern die Siegesfreude verdorben habe, begriff Jünger die Tragweite dieses Ereignisses sofort und hielt am selben Tag in seinen Aufzeichnungen fest, daß der Mensch nun in einer Weise destruktiv werden könne, wie dies „bisher nur durch kosmische Katastrophen möglich schien“. Die „japanische Schreckensnachricht“ deprimierte ihn und beschäftigte ihn für längere Zeit.

Dabei stellte sich für ihn nicht nur die Frage, was die Verfügung über ein solches Vernichtungsmittel für die Politik bedeuten mochte; in Heliopolis findet sich eine wohl 1948 entstandene Passage, die zeigt, daß Jünger in der Realisierung dieses Bombenabwurfs eine Perversion des Menschen sah.“

Aus „Die Hütte im Weinberg. Jahre der Okkupation“: „Immer noch Regen und Kopfschmerzen. Nachmittags besuchte mich Herr Schmitz. Wir sprachen über Gärtnerei, kamen aber bald auf die japanische Schreckensnachricht, die er bestätigte. Auch konnte er mir einige technische Details des Vorganges geben oder wenigstens Vermutungen, die er daran knüpfte. Es scheint, daß man durch Strahlung Mauern umwerfen kann. Das überbietet die Trompeten von Jericho.

Schmitz war der Meinung, daß künftigen Kriegen durch die neue Waffe ein starker Riegel vorgeschoben sei. Das ist wahrscheinlich, obwohl man sich hüten muß, einem der Trugschlüsse zu verfallen, die sich durch die Jahrtausende ziehen. Furcht ist ein schlechter Ratgeber. Die Massen sind ohnmächtig und werden es immer mehr. Man muß bedenken, daß die modernen Führer, besonders wenn sie durch die allgemeinen Wahlen emporgestiegen sind, ein ganz vorzügliches Gewissen aufweisen. Sie können ja nur dorthin gelangen, wenn sie von sich und ihren zwei, drei Gemeinplätzen völlig durchdrungen sind. Das führt zur Reduktion auf die einfachsten Umrisse. In den Monarchien gab es wenigstens noch Glücksfälle. Das eigentliche Tempo wird zudem von anderen Gremien bestimmt, in denen man nur in den ersten Rang kommt, wenn man Tausende auf dem Gewissen hat. Das ist die Auslese. Dort kennt man die Dämonenstärke, die das vergossene Blut, vor allem das Blut der Unschuldigen, verleiht. Da schreckt man vor Zahlen nicht zurück, wenn sie in den Kalkül passen.“

 

1945 - 1998

 

Jünger-Debatte

 

„Wo immer die „Jünger-Debatte“ geführt wurde, standen zwei Fragen im Zentrum: Gehörte Jünger zu den Wegbereitern des Nationalsozialismus? Und wie ist die Qualität seines literarischen Werks, seines Stils zu veranschlagen? Naturgemäß blieb die Diskussion in beiden Fragen kontrovers. Dem entspricht, daß 1947/48 mehrere Zeitschriften Zusammenstellungen von widersprüchlichen Urteilen über Jünger publizierten. Nicht bekannt wurde damals, was Thomas Mann im Rahmen der „großen Kontroverse“ über die Frage seiner Rückkehr nach Deutschland schon am 14. Dezember 1945 an seine amerikanische Gönnerin und Freundin Agnes E. Meyer schrieb, wobei er sich auf einen Deutschland betreffenden Brief des emigrierten Schriftstellers Franz Rosenhaupt bezog:

In das Lob der „Marmorklippen“ stimmt er ein, - es ist das Renommierbuch der 12 Jahre und sein Autor zweifellos ein begabter Mann, der ein viel zu gutes Deutsch schrieb für Hitler-Deutschland. Er ist aber ein Wegbereiter und eiskalter Genüßling des Barbarismus und hat noch jetzt, unter der Besetzung, offen erklärt, es sei lächerlich, zu glauben, daß sein Buch mit irgendwelcher Kritik am nationalsozialistischen Regime etwas zu tun habe. Das ist mir lieber, als das humanistische Schwanzwedeln und die gefälschten Leidens-Tagebücher gewisser Renegaten und Opportunisten. Aber eine Hoffnung für die „deutsche Demokratie“ stellt Ernst Jünger auch nicht gerade dar.“

 

Guter Deutscher

 

„… und Thomas Mann notierte am 31. März 1950 etwas besorgt in seinem Tagebuch, daß „Jünger, natürlich, in Deutschland“ gegen ihn ausgespielt werde: „Er steht für die Zukunft. Seine Gehirnlichkeit schadet ihm nichts.“ Dies sollte sich zwar als Fehleinschätzung erweisen, aber zunächst sah es in der Tat so aus, als würde Jünger zum führenden deutschen Autor der Nachkriegszeit aufsteigen.

Ein möglicher Konkurrent wie Gottfried Benn hatte noch größere Schwierigkeiten als Jünger, Verbots- und Verlagsprobleme zu überwinden und sein „Comeback“ zu erreichen. Den zurückgekehrten Exilanten schlug - außer in Ost-Berlin, wo ein Teil der kommunistisch eingestellten Exilautoren willkommen war - eher Ablehnung entgegen: Sie seien, so wurde ihnen infamerweise vorgeworfen, für die Katastrophe von 1933 mit verantwortlich gewesen und hätten es sich dann in den Fauteuils sicherer Exilländer bequem gemacht. So hatte Jünger nach der Aufhebung des Publikationsverbots eine gute Chance, die er mit zwei Werken von respektablem Format und Gehalt bestens nutzen konnte: Mit den Tagebuch-Strahlungen wurde er zum prominenten Geschichtszeugen und - für viele Zeitgenossen - zum Exempel eines Deutschen, der sich in der „Schinderwelt“ menschlich und ehrenhaft verhalten hatte; mit Heliopolis zeigte er sich als Dichter von Rang, der den „Weltroman“, welcher in der Originalfassung von Heliopolis verlangt wird, tatsächlich geschrieben hat.“

Der Wurm hatte bereits in einem früheren Beitrag verwiesen, welche Ablehnung in den 1950ern dem Exilanten Peter Lorre zuteil wurde:

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/89-der-verlorene.html

 

Aussöhnung mit dem Bürgertum

 

„Zwei Themen sind allerdings neu und von besonderer Bedeutung. Das eine ist die im Arbeiter von 1932 geübte Bürgerkritik, das andere die vermeintliche Restauration in der Frühphase der Bundesrepublik.

Im Arbeiter hatte Jünger das Bürgertum außerordentlich scharf attackiert. Es war für ihn die vernünftige und unheroische, advokatenschlaue und feige Klasse, die jeden Kontakt zum „Elementaren“ verloren hatte und deswegen für die Errichtung der neuen Welt des Arbeiters untauglich war, von diesem hinweggefegt werden mußte.

In den Adnoten (zum Arbeiter, 1964) relativiert Jünger diese Kritik auf zweifache Weise. Zum einen räumt er ein, daß die massive Kritik am Bürgertum nicht allein auf dessen ungenügendes Verhältnis zum Leben zurückzuführen sei, sondern auch auf die Niederlage im Krieg, genauer: auf das Gefühl der Söhne, von den Vätern umsonst geopfert worden zu sein. Zum andern stellt er fest, daß der Bürger „der geistige Vater des Arbeiters“ ist und diesem mit „einer umfassenden wissenschaftlichen Vorarbeit“ gleichsam die „Sprungschanze“ errichtet hat. Das ist eine Rehabilitation des Bürgertums, die nicht nur von historischer Bedeutung ist; denn selbstverständlich braucht der Jüngersche Arbeiter, der ja weniger mit der Hand als mit dem Kopf arbeiten wird, die bürgerliche Wissenschaft und wird vorzugsweise als bürgerlicher Wissenschaftler leben und arbeiten. Der Bürgersohn Jünger hat sich - reichlich spät - mit dem Bürgertum ausgesöhnt.“

 

Individuum in der Masse

 

Aus „Siebzig verweht II“: „Früh auf und mit dem Zuge nach Frankfurt. Dort am Bahnhof hatte ich den Eindruck der stärksten Massierung, die ich jemals sah. Selbst in Tokyo war ich nicht so im Malstrom von Menschen, deren Eigenart sich auflöst wie inmitten eines Heringsschwarmes oder der schnell rotierenden Grisaille eines Kaleidoskops.

Ich wartete auf das Stierlein, das sich nach einem Gepäckroller umsehen wollte, mit steigender Angst, als ob es unmöglich geworden wäre, es wiederzusehen.

Woher diese Angst? Sie hatte weniger mit dem Ort und dem Gewimmel zu tun als mit dem Angriff auf die Individualität. Der Mensch verliert als Einzelner den Sinn. Er wird den Nächsten nicht wiederfinden - das Verhältnis löst sich auf. Das heißt ertrinken im Menschenozean. Was sind dagegen die Revolten? Ganz kleine Wellen, die den Prozeß der Nivellierung eher begünstigen und beschleunigen als aufhalten. Das Schicksal wird immer eindeutiger zum Schicksal der Spezies. Sie fordert uns unsere Eigenart ab, und die Versuche, diese noch zu erhalten, etwa durch Haar- und Barttracht oder durch Exzentrizitäten, sind im Grunde Zuchthausrevolten; sie ändern nichts daran, daß es täglich mehr Menschen und mehr Maschinen geben wird. Die Rotation und mit ihr die Abschleifung gewinnt.

Eine weltweite Urbanisation, Fabriken und Schulen - die Pauker und die Bonzen spielen sich gegenseitig das Zepter in die Hand. Da fällt das Entrinnen schwer. Sie werden zunächst den Menschen schaffen, der damit zufrieden ist - und sei es durch Glückspillen.“

 

Parteien werden immer ähnlicher

 

An Carl Schmitt, 20.10.1972: „An dem absurden Wahlkampf dieser Tage fällt mir auf, daß die Parteien sich in einer Weise ähnlich werden, die es ihnen immer schwieriger macht, sich glaubwürdig gegeneinander abzusetzen. Alle wollen „Demokratie, Stabilität, Fortschritt“ (was sich ausschließt); alle wollen „links“ sein, mit geringen Schattierungen. Dieser Egalisierung entspricht die von Ost und West; Russen und Amerikaner werden sich ähnlicher. Alle haben dieselben Schimpfwörter, mit Vorliebe „Faschist“. Die Tenne wird mit einunddemselben Besen gefegt. Bald ist sie leer.“

 

Verleihung Goethepreis

 

„Die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte am 24. August (1982) einen Artikel Golo Manns, der selber von dem FAZ-Herausgeber Joachim Fest für den Goethepreis vorgeschlagen worden sein soll. Mann räumte ein, daß „der Ernst Jünger der zwanziger Jahre historische Schuld auf sich lud“, wenn auch nicht mit seinen Kriegsbüchern, sondern als „Metapolitiker“ und „Geschichtsphilosoph“, „der sich etwas anmaßte, wofür der Literat nicht reif war, nicht der Denker“. Dann aber ging Mann zur Verteidigung und Rühmung über:

Er hat sein Buch »Der Arbeiter« nie zurückgenommen; so wie Thomas Mann nie seine „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zurücknahm. Beide haben an diesen ihren frühen, interessanten, wenig glücklichen Werken später herumgebastelt, eben weil sie sie nicht preisgeben wollten. Starke und produktive Identitäten können das nicht, und wenig Sinn hätte es, zu fragen, ob es schöner wäre, wenn sie es könnten. Was in ihrem Leben einmal war, das kann nicht ausgestrichen, nicht als Irrtum widerrufen werden. Da gibt es keine Verwandlung, so, daß heute wäre, was gestern nicht war oder umgekehrt. Alles muß zu seiner Zeit gültig gewesen sein. „Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ - das ist etwas anderes.

Welche Entwicklung hat Ernst Jünger genommen, nämlich in seinem langen Leben sich erarbeitet; ein treuer Begleiter unseres Jahrhunderts. Wieviel menschenfreundlicher ist er geworden. Wie hat der alte Hochmut seinen Stachel verloren; in der Jugend gegen seine zivile Umgebung gerichtet, diente er später nur noch dem Schutz des eigenen Wesens und Wirkens. Ein Einzelgänger, ja; aber einer, der es gar nicht hindern kann, sich mitverantwortlich zu fühlen für die Zukunft unserer Erde und ihrer Bewohner. Nicht bloß der Menschen, der Tiere und Bäume auch und ganz besonders. Ein „Aussteiger“ war er und ebenso ein „Grüner“, Jahrzehnte bevor unsere Begriffsfabrikanten diese Begriffe zu verkaufen begannen. Meine verehrten Grünen in der Stadt Frankfurt: Wer von Ihnen besitzt denn wohl kein Auto? Ernst Jünger hat sein Leben lang keines besessen. Dafür baute er, der nie viel Geld hatte, sich im Laufe der Jahrzehnte die herrlichste Bibliothek auf. Und, meine verehrten Grünen: Wer von Ihnen kann die Bäume, die Pflanzen, die Vögel, die Fische, die Schmetterlinge, ja und dann die Käfer so beschreiben, wie er es kann, aus lebendiger und tätiger Erfahrung? Und, zum dritten Mal, meine verehrten Grünen: Wer von Ihnen wacht über Seele, Geist und Körper so wie er, der um 15 bis 20 Jahre jünger aussieht, als er ist, der hoch in den Siebzigern ein Buch von der Sinnlichkeit, der Dichte der Atmosphäre schreiben konnte, wie der Roman „Die Zwille“ eines ist? Bei „mens sana in corpore sano“ sollte die Liebe zur Natur eigentlich beginnen: reichlicher Schlaf, Arbeit im Garten, Gänge im Wald und wenn Lektüren, dann nichts anderes als gute. Daran hat Jünger sich gehalten.

Den Verdacht habe ich: Seine lauten Feinde haben auch nicht eine Zeile von ihm gelesen. Sie gaben irgendeinem Kulturbeamten im Nebenberuf den Auftrag, in Schriften der Frühzeit zu kramen. Der, mit herzlichem Vergnügen, entdeckte ein paar Dinge, die, aus dem Zusammenhang gerissen, notfalls verstümmelt, sich zum Zitieren eignen, und schon haben wir die große, hocherwünschte Aufregung.- Ist da ein wahres Wort daran? …

Was ich, nicht ohne Neid, am meisten an ihm bewundere: die Unabhängigkeit, mit der er sein Leben vollbrachte und noch vollbringt, die Disziplinierung des Tages und des Jahres … Nur wenn man so lebte, wie Ernst Jünger, konnte ein OEuvre entstehen wie das seine. Ein weitgeschwungenes, buntes Lebenswerk: Bücher, die den Krieg kennen, und Bücher, die um den Frieden werben; „Subtile Jagden“ auf Käfer, Fische und Gedanken; eigentliche Romane wie „Die Zwille“ und Romane, aus denen man die vielen staunenswerten Aphorismen sammeln und besonders drucken sollte, wie „Eumeswil“, Biographien und Träume, Landschaften und Drogenerfahrungen, philosophische Entwürfe für das späte 20. Jahrhundert und Raritätenkabinette aus dem 18.. Viel Bildung auch, aus freier Wahl, ohne Lehrer. Immer nur, was der Autor tun mußte oder wollte; nie ein Schielen nach dem Publikum.

 

Umschwärmt

 

„Der neue Helmut, ein promovierter Historiker, war ein Jünger-Leser - und scheute sich nicht, dem von so vielen kämpferischen Demokraten geschmähten Demokratieverächter seine Aufwartung zu machen. Zudem hatte Kohl mehr Sinn für symbolische Politik als die meisten seiner Kritiker. Und dafür konnte er Jünger brauchen. Als im September 1984 in Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine deutsch-französische Versöhnungsfeier in Verdun anstand, lud Kohl Jünger zur Teilnahme ein, und so kam es, daß Jünger am 22. September 1984 als „Veteran zweier Kriege“ neben dem französischen Staatspräsidenten Mitterrand und dem deutschen Bundeskanzler über den monatelang verlustreich umkämpften Douaumont bei Verdun schritt. Die Begegnung mit Jünger muß auf den Literaturfreund Mitterrand großen Eindruck gemacht haben. Im Oktober kam eine Einladung nach Paris; am 21. November war Jünger zum Frühstück bei Mitterrand im Elysee, und am 26. November überreichte er während einer Versöhnungsfeier im Senat einem „französischen Frontkämpfer“ die Medaille „Robert Schuman Fraternité Combattante“ der von Alfred Toepfer gegründeten Stiftung F. V. S. (Freiherr von Stein). Zu Jüngers neunzigstem Geburtstag am 29. März 1985 kam Kohl nach Wilflingen, am 28. Mai folgte Mitterrand. Am 22. Januar 1988 reiste Jünger mit dem Bundeskanzler nach Paris, um am Jubiläum des fünfundzwanzig Jahre zuvor unterzeichneten Freundschaftsvertrags zwischen Deutschland und Frankreich teilzunehmen. Am 21. März 1990 begleitete der Bundeskanzler den spanischen Ministerpräsidenten Gonzalez nach Wilflingen. Anfang April 1993 war Jünger für ein paar Tage in Paris und wurde von Mitterrand wiederum zu einem Gespräch empfangen, bei dem er zum ersten Mal darauf hingewiesen wurde, daß es einen berühmten Autor gab, der ein noch höheres Alter als er bis dato erreicht hatte: der umfassend tätige Schriftsteller und Aufklärer Bernard le Bovier de Fontenelle, der von 1657 bis 1757 lebte und einen Monat vor seinem hundertsten Geburtstag starb. Jünger bemerkte dazu in seinem Tagebuch: „Er war allerdings fast vierzig Jahre lang Sekretär der Académie des Sciences - das ist ein Posten, auf dem man sich ausruhen kann, besonders in stabiler Zeit“. Und noch einmal, am 20. Juli 1993, kamen Kohl und Mitterrand zu Besuch nach Wilflingen.

Als Jünger im Oktober 1984 die Einladung zur Versöhnungsfeier im französischen Senat erhielt, notierte er in seinem Journal: „Oft frage ich mich, was ich mit dem allen zu tun habe“. Das haben auch andere gefragt und ihm zugleich vorgeworfen, er lasse sich aus Eitelkeit von einem kulturell - angeblich - banausenhaften Politiker mißbrauchen und verrate damit in schändlicher Weise sein Dichtertum wie sein „Waldgänger“- oder „Anarchentum“. Dabei wurden allerdings zwei Momente übersehen: Zum einen gab es bei dem historisch ungemein bewanderten Bundeskanzler Kohl - wie bei dem Präsidenten Mitterrand - ein keineswegs nur utilitaristisches Interesse an Jünger; beide waren offenbar fasziniert von der Person des greisen Autors, der die großen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts durchlebt und auf authentische Weise in Literatur übersetzt hatte. Und zum andern betraf Jüngers „Kollaboration“ mit der Politik ein Segment, bei dem er sich zur Mitwirkung berufen fühlen konnte, ja mußte, wenn er seine Friedensschrift ernst nahm: die deutsch-französische Versöhnung über dem Schlachtfeld von Verdun.“

 

Katholisches Ende

 

Heimo Schwilk im Bildband „Ernst Jünger – Leben und Werk in Bildern und Texten“: „Ein Ereignis, das sich lange vorbereitete, bleibt der Öffentlichkeit verborgen: Jüngers Konversion zum katholischen Glauben. Sie wird vom Wilflinger Ortspfarrer Roland Niebel am 26. September in der Kirche St. Johannes Nepomuk vollzogen. Die Distanz zur evangelischen Kirche, in der Jünger getauft und konfirmiert wurde, hat sich über die Jahrzehnte ständig vergrößert. In kirchenkritischen Bemerkungen der Tagebücher hatte Jünger immer wieder auf die Verweltlichung der evangelischen Pfarrer hingewiesen, den Verlust der Transzendenz in den Predigten, das Eindringen sozialer und politischer Fragestellungen beklagt. Im Gegensatz zu ihren evangelischen Amtsbrüdern sind die katholischen Geistlichen in Jüngers Werk positiv dargestellt, so die Gestalt des Pater Lampros in den „Marmorklippen“ oder Pater Foelix in „Heliopolis“. Jünger hatte immer schon, auch familiengeschichtlich, eine starke Affinität zum Katholischen, erwog sogar, seinen Sohn Ernstel katholisch taufen zu lassen. Er fühlte sich lebenslang vom farbigen Kultus, der reichen Bilderwelt des Katholizismus, dem mystischen Meßopfer der Eucharistie angezogen. Die katholische Alltagsfrömmigkeit mit ihrer heiteren Weltzugewandtheit, wie er sie auch in Wilflingen erlebt, ist ihm näher als das nüchterne Wortchristentum Luthers.

Auf die Jahreswende 1997/98 geht Jünger mit dem festen Vorsatz zu, dem Tagebuch-Zyklus „Siebzig verweht“ noch einen weiteren Band hinzuzufügen, doch es gibt auch Zeichen des Abschieds. Auf einen Kartengruß an die Freunde läßt er ein Selbstzitat drucken, in dem er sich auf Charon bezieht, den Fährmann, der die Verstorbenen über den Fluß Styx zur Toteninsel übersetzt: „Der Styx beginnt zu schimmern; er lädt ein." Das Jahr 1998 beginnt mit Magenproblemen, Jünger klagt über Schmerzen und Appetitlosigkeit, muß das Bett hüten. Dann wird er ins Kreiskrankenhaus nach Riedlingen verlegt, und Liselotte zieht zu ihm, um bis zuletzt bei ihrem Mann zu sein. Ernst Jünger stirbt am 17. Februar in den frühen Morgenstunden an Herzschwäche, im Beisein seiner Frau.

Vier Tage später, am 21. Februar, findet die Beerdigung in Wilflingen statt, zu der mehrere hundert Trauernde kommen, darunter Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel, Berlins Standortkommandeur Hans Helmut Speidel, der Verleger Michael Klett, der langjährige Freund und LSD-Entdecker Albert Hofmann und der frühere Jünger-Sekretär Armin Mohler. Auf einer Geschütz-Lafette, gezogen von vier Rappen und geschmückt mit einem Kranz des Ordens Pour le Mérite, wird der Eichensarg nach der Totenmesse von der Kirche zum Friedhof gefahren. Jeder der Trauergäste spürt, was Ernst Jünger gemeint hat, als er schrieb: „Mit jedem dieser Sehr-Alten, deren Namen uns seit Jahrzehnten vertraut ist, geht mehr dahin als eine Person. Eine Zeit nimmt Abschied.“

Der Tod Ernst Jüngers ist ein europäisches Ereignis. Nachrufe erscheinen in allen großen Zeitungen, meist an prominenter Stelle oder mit Sonderbeilagen. Der Pariser Philosoph Paul Virilio bezeichnet Jünger als „das menschgewordene zwanzigste Jahrhundert", der Schriftsteller Rolf Hochhuth rühmt ihn als den letzten lebenden Deutschen, „der noch zur Weltliteratur gehörte". Vier Wochen nach Jüngers Tod übergibt Bundesfinanzminister Theo Waigel in Bonn der Witwe eine Sonderbriefmarke mit dem Porträt Ernst Jüngers, doch die größte Ehrung wird Jünger in Frankreich zuteil, wo eine Auswahl seines Werkes zehn Jahre nach seinem Tod, im Juli 2008, in die berühmte „Bibliotheque de la Pléiade“ aufgenommen wird. Die Reihe gilt als Kanon der Weltliteratur, in die von den deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts vor Ernst Jünger nur Brecht, Kafka und Rilke aufgenommen wurden.“

 

Drei Einzelwerke

 

Mit „Der Waldgang", „Subtile Jagden" und „Annäherungen – Drogen und Rausch" hat Ernst Jünger Maßstäbe zumindest im deutschsprachigen Raum Maßstäbe gesetzt. Wer sich mit den entsprechenden Themen näher beschäftigt, wird um Ernst Jünger nicht herum kommen.

 

Der Waldgang

 

„Der vielbeachtete Essay Der Waldgang reflektiert die Existenz des freiheitswilligen einzelnen in der Zeit der verschärften nihilistischen Vereinnahmung und Mobilmachung. Das klingt heute befremdlich, weil man Jünger in der demokratisch verfaßten Bundesrepublik sieht. Aber zum einen machte er - in Verkennung oder Verleugnung der Differenzen - zwischen demokratischen und autoritären Staatsformen keinen großen Unterschied; Staatlichkeit bedeutete für ihn immer progressive Beschneidung der Freiheit und Vereinnahmung des Individuums. Und zum andern hatte er nicht nur den Westen im Blick, sondern auch den Osten: die achtundneunzigprozentigen Wahlergebnisse, die „Aufbau“-Parolen, den Ausbau der Sicherheitspolizei und die Intensivierung der „Ausspähung“, schließlich den Geheimterror und die Existenz von Lagern. Dem entspricht, daß er, wie er am 21. November 1951 an Gottfried Benn schrieb, „aus der Ostzone einige schöne Briefe über den Waldgang erhielt“, und Benn zugleich bat, noch einige Exemplare in die „Zone“ einzuschmuggeln. Aber die progressive Vereinnahmung und Mobilisierung des einzelnen sah Jünger allenthalben, und zum „Waldgang“ als einem Versuch, sich der Totalvereinnahmung zu entziehen, mochte hier wie dort Anlaß bestehen. Der Waldgang ist nicht nur eine Reaktion auf die politischen Verhältnisse, sondern mehr noch auf die zivilisatorische Entwicklung, die freilich auch die politischen Verhältnisse prägt. Im „Waldgänger“ sieht Jünger deswegen neben dem „Arbeiter“ und dem „Unbekannten Soldaten“ eine dritte wichtige „Gestalt“ der Moderne: Der „Arbeiter“ ist der Aktivist der Moderne, der die Welt mit aller Gewalt neu gestalten und beherrschen will. Der „Unbekannte Soldat“, der seinen Dienst auch in Fabriken leistet, ist der Lastträger und „Opfergänger“ dieses Umgestaltungs- und Ermächtigungsprozesses. Der „Waldgänger“ aber besitzt „ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit“ und versucht, sich dem vereinnahmenden und verzehrenden „Automatismus“ des zivilisatorischen Prozesses zu entziehen. Er steigt aus und taucht im Wald unter, wobei der Wald überall sein kann, auch in einem dichtbevölkerten Großstadtviertel. Der Waldgang ist ein Akt der Selbstbefreiung, freilich auch der Selbstausgrenzung. Er erfordert entsprechenden Mut und bedarf der Rückversicherung in Kunst, Philosophie und Theologie. Autoren haben Waldgänger zu sein und den in ihrer Freiheit und Existenz bedrohten Menschen vorzuführen, daß Widerstand möglich ist.

Diese Verweigerungshaltung resultierte aus den Vereinnahmungs- und Mobilisierungserfahrungen der beiden letzten Jahrzehnte und war für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich. Sie findet sich - als „Nonkonformismus“ - bei vielen Autoren der fünfziger Jahre, insbesondere auch bei jüngeren, die sich dem Zugriff des Nationalsozialismus gerade noch entwinden konnten. Als Beispiel ist der Jünger-Verehrer Alfred Andersch mit seinem Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung (1948) wie mit seinem Lebensbericht Die Kirschen der Freiheit (1952) zu nennen. In prägnanter Form zeigt sich diese Widerstandsgesinnung aber auch in Ingeborg Bachmanns Gedicht Alle Tage (1952/53) und in Hans Magnus Enzensbergers Gedicht Ins Lesebuch für die Oberstufe (1957). Das eine ruft zu Nonkonformismus und zivilem Ungehorsam gegen staatliche Militanz auf; das andere will die Schüler dazu anhalten, sich auf subversive Tätigkeiten und auf die Flucht vorzubereiten. Heinrich Böll meinte, Bachmanns Gedicht solle in jedem Lesebuch abgedruckt werden. Er hätte sich dafür auf Jünger berufen können, der im Waldgang schrieb:

Nun leben wir in Zeiten, in denen täglich unerhörte Arten des Zwanges, der Sklaverei, der Ausrottung auftreten können – sei es, daß sie sich gegen bestimmte Schichten richten oder über weite Landstriche ausdehnen. Dagegen ist der Widerstand legal, als die Behauptung der menschlichen Grundrechte, die von Verfassungen im besten Falle garantiert werden, doch die der Einzelne zu vollstrecken hat. Hierfür gibt es wirksame Formen, und der Bedrohte muß auf sie vorbereitet, er muß in ihnen geschult werden; ja es verbirgt sich hier das Hauptfach einer neuen Erziehung überhaupt. Es ist schon ungemein wichtig, den Bedrohten an den Gedanken zu gewöhnen, daß Widerstand überhaupt möglich ist - ist das begriffen, dann wird mit einer winzigen Minderheit die Erlegung des gewaltigen, doch plumpen Kolosses möglich sein.

Aber nicht nur ein unfreiheitlicher Staat ist ein solcher Koloß; auch der vereinnahmende und aufzehrende zivilisatorische Prozeß, die Welt des Schwundes und der Hoffnungslosigkeit, die der von Jünger mehrfach gerühmte Franz Kafka beschrieben hat, ist ein solches Monstrum. Sich ihm zu entziehen und widerständig entgegenzutreten, erscheint um so sinnvoller, als der „Nullmeridian“ erreicht, wenn nicht schon überschritten ist. Positive Ziele sind vorhanden, auch wenn sie noch nicht klar erkennbar sind. Zu ihnen gehört - Jünger zufolge - die „planetarische Ordnung“, auf die sich die Welt zubewegt und auf der ein „großer Friede errichtet werden“ kann.“

Tatsächlich ist „Der Waldgang" ein Aufruf zum Widerstand, auch mit Gewalt. Der Waldgänger schreckt vor nichts zurück. Freunde der Politischen Korrektheit werden durch die Lektüre massiv vor den Kopf gestoßen. Hier ein paar Auszüge:

„Der Wähler steht vor der Klemme, daß er zur freien Entscheidung eingeladen wird durch eine Macht, die sich ihrerseits nicht an die Spielregeln zu halten gedenkt. Es ist die gleiche Macht, die ihm Eide abfordert, während sie selbst von Eidbrüchen lebt. Er leistet also einen guten Einsatz bei einer betrügerischen Bank. Daher kann niemand ihm einen Vorwurf machen, wenn er nicht auf die Fragestellung eingeht und sein Nein verschweigt. Er ist dazu berechtigt nicht nur aus Gründen der Selbsterhaltung, sondern es kann sich in diesem Verhalten auch eine Verachtung dem Machthaber gegenüber offenbaren, die einem „Nein“ noch überlegen ist.

Damit soll nicht gesagt sein, daß nun das Nein unseres Mannes der Außenwelt verloren gehen muß. Im Gegenteil - nur soll es nicht an dem Ort erscheinen, den der Machthaber dafür auserkoren hat. Es gibt andere Plätze, an denen es ihm bedeutend unangenehmer ist - etwa den weißen Rand eines Wahlplakates, ein öffentliches Telefonbuch oder das Geländer einer Brücke, über die täglich Tausende von Menschen gehen. Hier würde ein kurzer Satz, etwa „Ich habe Nein gesagt“, an besserer Stelle stehen …

Andererseits eröffnen die Diktaturen durch ihren eigenen Druck eine Reihe von Blößen, die den Angriff vereinfachen und abkürzen. So braucht man, um bei unserem Beispiel zu bleiben, nicht einmal den oben erwähnten Satz. Auch das Wörtchen „Nein“ würde ausreichen, und jeder, dessen Augen darauf fielen, würde genau wissen, was es zu bedeuten hat. Das ist ein Zeichen dafür, daß die Unterdrückung nicht völlig gelungen ist. Gerade auf eintönigen Unterlagen leuchten die Symbole besonders auf. Den grauen Flächen entspricht Verdichtung auf engstem Raum.

Die Zeichen können als Farben, Figuren oder Gegenstände auftreten. Wo sie Buchstabencharakter tragen, verwandelt sich die Schrift in Bilderschrift zurück. Damit gewinnt sie unmittelbares Leben, wird hieroglyphisch und bietet nun, statt zu erklären, Stoff für Erklärungen. Man könnte noch weiter abkürzen und statt des „Nein“ einen einzigen Buchstaben setzen - nehmen wir an, das W. Das könnte dann etwa heißen: Wir, Wachsam, Waffen, Wölfe, Widerstand. Es könnte auch heißen: Waldgänger.

Das wäre ein erster Schritt aus der statistisch überwachten und beherrschten Welt. Und sogleich erhebt sich die Frage, ob denn der Einzelne auch stark genug zu solchem Wagnis ist.“

„Waldgänger aber nennen wir jenen, der, durch den großen Prozeß vereinzelt und heimatlos geworden, sich endlich der Vernichtung ausgeliefert sieht. Das könnte das Schicksal vieler, ja aller sein - es muß also noch eine Bestimmung hinzukommen. Diese liegt darin, daß der Waldgänger Widerstand zu leisten entschlossen ist und den, vielleicht aussichtslosen, Kampf zu führen gedenkt. Waldgänger ist also jener, der ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt, das sich, zeitlich gesehen, darin äußert, daß er dem Automatismus sich zu widersetzen und dessen ethische Konsequenz, den Fatalismus, nicht zu ziehen gedenkt.“

„Zwei Eigenschaften werden also beim Waldgänger vorausgesetzt. Er läßt sich durch keine Übermacht das Gesetz vorschreiben, weder propagandistisch noch durch Gewalt. Und er gedenkt sich zu verteidigen, indem er nicht nur Mittel und Ideen der Zeit verwendet, sondern zugleich den Zugang offen hält zu Mächten, die den zeitlichen überlegen und niemals rein in Bewegung aufzulösen sind. Dann kann der Gang gewagt werden.“

„Niemand weiß, ob er nicht schon morgen zu einer Gruppe gezählt wird, die außerhalb des Gesetzes steht. Dann wechselt der zivilisatorische Anstrich des Lebens, indem die komfortablen Kulissen schwinden und sich in Vernichtungszeichen umwandeln. Der Luxusdampfer wird zum Schlachtschiff, oder die schwarzen Piraten- und die roten Henkersflaggen werden auf ihm gehißt …“

In http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/319-das-auge-des-kriegers.html hatte der Wurm bereits folgendes Zitat aus dem „Waldgang“ gebracht: „Ein Angriff gegen die Unverletzbarkeit, ja Heiligkeit der Wohnung zum Beispiel wäre im alten Island unmöglich gewesen in jenen Formen, wie er im Berlin von 1933 inmitten einer Millionenbevölkerung als reine Verwaltungsmaßnahme möglich war. Als rühmliche Ausnahme verdient ein junger Sozialdemokrat Erwähnung, der im Hausflur seiner Mietwohnung ein halbes Dutzend sogenannter Hilfspolizisten erschoß. Der war noch der substantiellen, der altgermanischen Freiheit teilhaftig, die seine Gegner theoretisch feierten. Das hatte er natürlich auch nicht aus seinem Parteiprogramm gelernt. Jedenfalls gehörte er nicht zu jenen, von denen Leon Bloy sagt, daß sie zum Rechtsanwalt laufen, während ihre Mutter vergewaltigt wird. Wenn wir nun ferner annehmen wollen, daß in jeder Berliner Straße auch nur mit einem solchen Falle zu rechnen gewesen wäre, dann hätten die Dinge anders ausgesehen. Lange Zeiten der Ruhe begünstigen gewisse optische Täuschungen. Zu ihnen gehört die Annahme, daß sich die Unverletzbarkeit der Wohnung auf die Verfassung gründe, durch sie gesichert sei. In Wirklichkeit gründet sie sich auf den Familienvater, der, von seinen Söhnen begleitet, mit der Axt in der Tür erscheint.“ 

Aus „Eumeswil“: „... denn anarchisch ist jeder; das eben ist das Normale an ihm. Allerdings wird es vom ersten Tag an durch Vater und Mutter, durch Staat und Gesellschaft beschränkt. Das sind Beschneidungen, Anzapfungen der Urkraft, denen keiner entgeht. Man muß sich damit abfinden. Doch das Anarchische bleibt auf dem Grunde als Geheimnis, meist selbst dem Träger unbewußt. Es kann als Lava aus ihm hervorbrechen, kann ihn vernichten, ihn befreien.

Hier ist zu differenzieren: die Liebe ist anarchisch, die Ehe nicht. Der Krieger ist anarchisch, der Soldat nicht. Der Totschlag ist anarchisch, der Mord nicht. Christus ist anarchisch, Paulus nicht. Da freilich das Anarchische das Normale, so ist es auch in Paulus vorhanden und bricht zuweilen mächtig aus ihm hervor. Das sind nicht Gegensätze, sondern Stufungen. Die Weltgeschichte wird durch Anarchie bewegt. In summa: der freie Mensch ist anarchisch, der Anarchist nicht.

Der unklare Idealismus des Anarchisten, seine Güte ohne Mitleid oder auch sein Mitleid ohne Güte, macht ihn brauchbar nach vielen Richtungen, auch für die Polizei. Er ahnt allerdings ein Geheimnis, doch vermag er es nur zu ahnen: die ungeheure Macht des Einzelnen. Sie berauscht ihn; er verschwendet sich wie eine Motte, die im Licht verbrennt. Das Absurde, das dem Attentat anhaftet, liegt nicht im Täter und seinem Selbstbewußtsein, sondern in der Tat und ihrer Verknüpfung mit der flüchtigen Situation. Der Täter hat sich zu billig verkauft. Daher verkehrt sich seine Absicht auch meist ins Gegenteil.

Die positive Entsprechung des Anarchisten ist der Anarch. Dieser ist nicht der Gegenspieler des Monarchen, sondern der am weitesten von ihm Entfernte, der von ihm Unberührte, wenngleich gefährlich auch er. Er ist nicht der Gegner des Monarchen, sondern sein Pendant.“

 

Subtile Jagden

 

Subtile Jagden ist ein Buch über die Entfaltung einer Leidenschaft: der Entomologie oder, wie Jünger auch sagte, der Entomophilie, der Insektenkunde oder Insektenliebhaberei, die bei Jünger bekanntlich den Koleopteren galt, den Käfern. Das schon 1938 begonnene Buch ist chronologisch angelegt, führt von den Rehburger Anfängen über die Berliner Zeit und die Goslarer „Lehrjahre“ beim Rektor Jacobs bis zu den europäischen und außereuropäischen Streifzügen der fünfziger und sechziger Jahre. Allerdings wird die Chronologie vielfach durchbrochen, um der Systematik zu genügen oder zwei oder drei zeitlich weit auseinander liegende Begegnungen mit einer bestimmten Käferart zu schildern, so zum Beispiel mit dem Typhoeus, einem Skarabeiden oder Koprophagen, Mistkäfer oder Kotfresser, den Jünger im Winter 1909/10 zum ersten Mal fand, dann wieder im Winter 1939/40 und ein drittes Mal im März 1965. Dem Bericht über die Jagd und den Fund folgt eine Beschreibung, die nicht selten in Rühmung übergeht. Die Schönheit eines ersten erbeuteten Sandlaufkäfers war für den Schuljungen „bestürzend“; er konnte sich „nicht satt an ihm sehen“.

Die Faszination durch die Schönheit der Käfer, die ja im Vergleich mit den Schmetterlingen eher bescheiden ist, war freilich nur ein Motiv für die Entfaltung von Jüngers Passion. Das andere bestand in der Teilhabe an der Erkundung der Welt in ihrer Vielfalt wie in ihrer Ordnung. Nachdem die Schönheit eines Fangs gewürdigt ist, folgen die Bestimmung der Familie und die Suche nach dem Namen oder, wenn das betreffende Exemplar noch nicht registriert ist, die Benennung; die Kunst der „subtilen“ Unterscheidung wie der Einordnung ist gefragt. Wer das Glück hat, ein noch nicht bekanntes Insekt zu entdecken, schreibt sich damit in ein Werk ein, an dem Generationen gearbeitet haben. Zu Jüngers Freude wurden mehrfach Insekten nach ihm benannt: 1967 ein persischer Schmetterling (Pyralis juengeri), 1968 ein pakistanischer Nachtfalter (Trachydora juengeri), 1970 ein türkischer Laufkäfer (Carabus saphyrinus ssp. juengeri), 1973 ein angolanischer Sandläufer (Cicindela juengeri juengerorum), 1976 ein korfiotischer Blattkäfer (Colaspidea metallica juengeri), 1984 ein philippinischer Kurzflügler (Stenus ernstjuengeri), 1988 ein sumatranischer Nachtfalter (Earias juengeriana). Im übrigen freute sich Jünger darüber, einem international tätigen „Orden“ anzugehören. Als 1958 der siebzigste Geburtstag des Überlinger Käferexperten Adolf Horion gefeiert wurde, rühmte Jünger die Entomologie nicht zuletzt dafür, daß sie Menschen aus „vielen Ländern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhanges“ in Kontakt miteinander brachte. Die Subtilen Jagden reden von all dem - von der Schönheit der Käfer, von den „Finessen der Jagd“, von den Schwierigkeiten der Bestimmung, von der Kommunikation unter den Entomophilen - im Ton der liebevollen Zuwendung, des Staunens und der Freude. Zu Recht wurde das Werk im Dezember 1967 von der Jury der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ in Darmstadt zum Buch des Monats gewählt.“

 

Annäherungen – Drogen und Rausch

 

Annäherungen ist ein Buch über Drogenerfahrungen. Wie Subtile Jagden ist es biographisch angelegt und rekapituliert Jüngers Drogen- und Rauscherlebnisse von den „frühen“, in der Wandervogel-Zeit liegenden „Einstiegen“ mit Bier über die Kokain-Phase während der Reichswehrzeit um 1922 bis zu den Meskalin- und LSD-Experimenten zwischen 1950 und 1970. Diese Rekapitulation hat zugleich einen systematischen Zug, indem sie in drei großen Abschnitten zunächst die in Europa, dann die im Orient und schließlich die in Mexiko gebräuchlichen Drogen behandelt: Bier und Wein, Tee und Kaffee, Äther und Chloroform, Tabak und Kokain; dann Opium und Haschisch; schließlich Meskalin, Psilozybin und das von Albert Hofmann entdeckte LSD. Und überdies erweist sich Jüngers Erfahrungsbericht als kleine Kulturgeschichte der Drogen und des Rausches, indem er fortwährend auch andere Autoren zitiert, die mit Drogen arbeiteten und darüber Auskunft gaben: de Quincey, Baudelaire, Rimbaud, Maupassant, Huxley, Cocteau, um nur die wichtigsten zu nennen. Vergleicht man Subtile Jagden und Annäherungen, so fällt auf, daß der Ton im Drogenbuch viel weniger enthusiasmiert oder schwärmerisch ist. Von den Käfern war Jünger begeistert; sein Käferbuch wirkt wie ein einziger Versuch, diese Begeisterung zu vermitteln und den Lesern die Schönheit der Insekten bewußtzumachen. In den Drogen sah er eine Möglichkeit, das „Spielfeld“ zu erweitern und in „geistige Abenteuer“ einzutauchen. Das Drogenbuch ist nicht das werbende Bekenntnis eines regelmäßigen Konsumenten, sondern der Erfahrungsbericht eines „Drogenforschers“, wie der Orientalist und Drogenkundler Rudolf Gelpke Antonio Peri aus Heliopolis prägte: Die Verführungskraft von Annäherungen dürfte, wenn es sie überhaupt gibt, weit geringer sein, als jener Frankfurter CDU-Abgeordnete befürchtete, der im August 1982 wegen des Drogenbuchs gegen die Vergabe des Goethepreises an Jünger stimmte. Von der Wirkung der Dogen wird nicht schwärmerisch geredet, sondern erstaunlich karg und nüchtern. Wer grandiose Visionen erwartet, wird durch geradezu banale Protokolle enttäuscht. Auch wird deutlich, daß der künstlerische Ertrag eher gering gewesen sein dürfte. Als Jünger während der Reichswehrzeit in Hannover Kokain nahm, tat er dies auch in der Absicht, sein Schreiben zu stimulieren. Der Erfolg war aber gering …“

 

Verborgener Sinn

 

Ernst Jünger greift in den 1950ern als einer der Ersten den ökologischen Gedanken auf und beklagt sich darüber, dass auf der ganzen Welt alles immer einheitlicher wird und die Unterschiede verschwinden.

 

Das ist gut und schön – allerdings geht das gleichzeitig umher mit einem dermaßen esoterischen Quark, dass es einem Wurm schon richtig weh tut. Bei den den Krieg beschreibenden Schriften hält er sich noch halbwegs zurück, auch wenn er von einem „tieferen Sinn“ überzeugt ist – ansonsten geht’s bei ihm so richtig esoterisch ab.

 

Gerne wiederholt der Wurm folgende Passage aus „Das zweite Pariser Tagebuch“: „Die Katastrophe mußte kommen; sie wählte sich den Krieg als ihren besten Förderer. Doch hätte auch ohne ihn der Bürgerkrieg das Werk vollbracht, wie es in Spanien geschah, oder ganz einfach ein Komet, ein Feuer vom Himmel, eine Erderschütterung. Die Städte waren reif geworden und mürbe wie Zunder - und der Mensch war begierig auf Brandstiftung.“

 

Das ist wie so vieles bei Ernst Jünger vollkommener Blödsinn – die Städte Zürich, Stockholm, New York, Shanghai waren wie die meisten Städte auf der Welt nicht „reif“ und mürbe wie Zunder geworden und die wenigsten Menschen waren begierig auf deren Brandstiftung. Da reimt er sich etwas zusammen, was nicht zusammen gehört. 

 

Die folgenden angeführten Zitate aus Ernst Jüngers Werken sind nur ein kleiner Bruchteil von dem, was er an esoterischem Unfug verzapft hat.

 

 

Der Erwecker

 

Johann Georg Hamann: Als Jünger 1925 in Leipzig zum ersten Mal den jungen Philosophen Hugo Fischer besuchte, lagen bei diesem Hamanns Brocken auf dem Tisch: geistreiche und zugleich tiefsinnige Betrachtungen zur Bibel, mit denen der Königsberger Philosoph und Geschäftsmann Johann Georg Hamann sich im Jahr 1758 aus einer Lebenskrise gerettet hatte. Seine Zeitgenossen bezeichneten Hamann wegen seiner außergewöhnlichen Belesenheit und Scharfsinnigkeit mit dem Wort, das im Matthäus-Evangelium (2, ff.) für die drei „Könige“ oder „Weisen“ („magoi“) aus dem Morgenland oder Osten verwendet wird, als einen „Magus in Norden“, und Goethe nannte ihn gar den „zu seiner Zeit hellsten Kopf“. Jünger war von dem, was er bei Fischer zu lesen und wohl auch zu hören bekam, so fasziniert, daß er alsbald zum passionierten Hamann-Leser wurde. Antiquarisch erwarb er eine Hamann-Ausgabe, die im Laufe der Jahrzehnte um eine Vielzahl einzelner Schriften ergänzt wurde und zu einer stattlichen Sammlung anwuchs. Damit ist auch gleich gesagt, daß Jünger sich mit Hamann - wie mit Nietzsche - zeitlebens befaßte; Hamann war für ihn nicht weniger wichtig als Nietzsche und Schopenhauer. Am 14. Dezember 1995 notierte er in seinem Journal:

Meine speziellen Anreger, man könnte sie auch Erwecker nennen, die den Charakter formen und sich ihm einprägen:

  Rimbaud als Dichter

  Schopenhauer als Denker

  Hamann als Magier.

Daß hier nicht Nietzsche, sondern Schopenhauer als der erweckende und prägende „Denker“ genannt wird, ist überraschend, erklärt sich indessen daraus, daß Jünger im Verlauf der dreißiger und vierziger Jahre von Nietzsches Willens- und Ermächtigungsphilosophie abgerückt war und sich wieder auf die schon früher rezipierte Schopenhauersche Philosophie des Mitleids besonnen hatte. Aber zurück zu Hamann: Jünger schätzte ihn als „Magier“, das heißt: als Eröffner und Verwalter oder Lehrer eines Wissens, das, wie Jünger einmal sagte, gleichsam „die Anstrengungen der Chemie in das Gebiet der Alchimie einzubeziehen strebt“, also das rational erschlossene und auf mathematische Formeln gebrachte Wissen um ein „magisches“ Denken ergänzt, das sich in Analogien und rational nicht verifizierbaren Zusammenhängen bewegt. Durch Hamann, der den aufklärerischen Glauben an die Vernunft und die vernunftgeleitete Vervollkommnung („Perfektibilität“) des Menschen als epochalen Selbstbetrug kritisiert hatte, fühlte sich Jünger in seiner Skepsis gegenüber der Aufklärung und dem Fortschrittsglauben bestärkt. Mit Hamann glaubte er, daß es neben der rationalen eine intuitive Erkenntnis gibt, die als „Offenbarung“ erscheint, und daß die größten Lehrer der Menschheit - von Heraklit bis Goethe - ihr Wissen nicht wie Descartes und Newton dem rationalen Denken verdanken, sondern solchen „Offenbarungen“. Mit Hamann glaubte Jünger auch an den Erschließungs- oder Erkenntniswert der Sprache, und zwar nicht der logisch durchgearbeiteten Begriffssprache, sondern der aller rationalen Reflexion vorausgehenden Bildlichkeit und Klanglichkeit der Wörter. Daß er 1934 ein „Lob der Vokale“ schrieb und darin dem elementaren Ausdrucks- oder Sensationswert der Vokale nachspürte, ist nicht nur auf Rimbauds Gedicht Voyelles zurückzuführen, sondern auch auf Anregungen durch Hamann. Und schließlich wurde Jünger durch Hamann - wie durch Nietzsche - in seiner Vorliebe für die aphoristische und epigrammatische Ausdrucksweise bestärkt. Ein erster und zugleich massiver Niederschlag seiner Auseinandersetzung mit Hamann ist im Abenteuerlichen Herzen (1929) zu sehen, und aufschlußreich für die große Bedeutung, die Hamann dadurch für Jünger gewann, ist, was er am 13. Januar 1934 an Carl Schmitt über Hamann schrieb:

Ich hoffe, mich in späteren Jahren einmal eingehend mit Hamann beschäftigen zu können; ich sehe in seiner Stellung zu Kant und den Enzyklopädisten eine der bedeutendsten Begegnungen zwischen dem Auge und dem Ohr, zwischen Licht und Sprache, zwischen Erkenntnis und Offenbarung überhaupt. Seit der kopernikanischen Revolution sind das äußere und das innere Auge in Opposition getreten, und die Uebereinstimmung der menschlichen und göttlichen Dinge ist durch die cartesianische Zirbeldrüse ersetzt. Es gibt aber in diesem Raume noch einige Geister, denen der Einklang nicht verloren gegangen ist, und die, wie ich neulich schrieb, zugleich diesseits und jenseits der Moderne stehen. Hierzu rechne ich Pascal, und bei Hamann ist die Sprache, was bei Pascal die Mathematik.

Darüber hinaus ist mit Günter Figal nur noch festzustellen, daß der Hamannsche Gedanke, die Welt werde bei kundiger Betrachtung lesbar und transparent für ihren verborgenen Sinn, der „Hauptschlüssel“ für Jüngers Werk ist.“

 

Das abenteuerliche Herz

 

„Mit der Charakterisierung der Moderne als defizitärem Zustand wie mit seinen Überwindungshoffnungen stand Jünger nicht allein. Nietzsches Nihilismusdiagnose hatte eine große Popularität erlangt und war durch die These von der rationalistischen „Entzauberung der Welt“, die der wirkungsreiche Soziologe Max Weber 1917 in seinem Vortrag Wissenschaft als Beruf formuliert hatte, bekräftigt worden. Im Unterschied zu dem nüchternen Weber glaubten viele Intellektuelle, daß die Zeit reif sei für eine „Überwindung des Nihilismus“ wie der „Entzauberung“, sei es durch eine neue, auf Intuition setzende Wissenschaft, durch die Reaktivierung alter Weisheitslehren, durch eine neue Religiosität oder Mystik, durch eine humanistisch-sozialistische Utopie oder eine andere Idee. Siegfried Kracauer hat schon 1922 in einem umfangreicheren Essay, der in der Frankfurter Zeitung unter dem Titel Die Wartenden erschien, ein Register der damaligen „Überwindungsbestrebungen“ aufgemacht, und Norbert Bolz hat sie 1990 in einer Untersuchung mit dem Titel Auszug aus der entzauberten Welt ausführlicher beschrieben. Jüngers Abenteuerliches Herz ist ein prominentes und eindrucksvolles Dokument dieses „Überwindungsdenkens“: Es ist ja nicht nur von der Klage über die „Mechanik der Zeit“ erfüllt, sondern auch von dem Wunsch nach ihrer Überwindung - wie von der Zuversicht, sie leisten zu können. Dies alles schwingt mit, wenn es im Anschluß an die oben zitierte Evokation der faszinierenden technischen Welt heißt: „O du stählernste Schlange der Erkenntnis - du, die wir verzaubern müssen, wenn du uns nicht erwürgen sollst!“ Von Entwicklungs-, Steigerungs- oder Überwindungs-„Zauber“ ist auch im Arbeiter die Rede, etwa wenn darauf hingewiesen wird, daß in der Geschichte immer wieder „Rassen“ aufgetreten seien, denen „der Zauber neuer Mittel wie der Bronze, des Eisens, des Pferdes, des Segels zur Verfügung“ gestanden habe, oder wenn angemerkt wird, daß es neuerdings - in der Sowjetunion und im zionistischen Palästina - Planungen gebe, aus denen die entsprechenden gesellschaftlichen Gebilde „wie durch Zauberschläge“ hervorgingen.

Die Transformation der rationalistisch „entzauberten“ und nihilistisch desorientierten Moderne in eine wiederum sinnerfüllte und „wunderbare“ oder „abenteuerliche“ Moderne hat sich Jünger als einen komplexen Vorgang mit einer praktischen und einer theoretischen Seite vorgestellt. Nicht nur Technik und Gesellschaft mußten auf eine neue Stufe gehoben oder in eine neue Form gebracht werden; auch die Wahrnehmung der Welt und des Daseins mußte grundlegend erneuert und potenziert werden: Mit dem Abenteuerlichen Herzen wollte Jünger hierfür sowohl eine Anleitung als auch ein Exempel geben.

Der Verfasser des Abenteuerlichen Herzens zeigt sich davon überzeugt, daß zwischen „allen Dingen der Welt“ (einschließlich seiner selbst) „Verwandtschaft“ oder „Harmonie“ besteht. Sie ist dem menschlichen Bewußtsein weitgehend verborgen und wird üblicherweise kaum beachtet. Aber sie kann sich in Form einer unvermuteten Epiphanie zeigen, so wie es Jacob Böhme geschah, der „beim Anblick eines zinnernen Gefäßes plötzlich die ganze Liebe Gottes empfand“. Und es gibt herausragende „Geister“ wie den frühneuzeitlichen Arzt, Naturforscher und Philosophen Paracelsus, die ein besonderes Sensorium dafür haben, gleichsam einen „magischen Schlüssel“, der ihnen ein „magische(s) Verständnis“ der Welt eröffnet. Daß sich auch der Verfasser des Abenteuerlichen Herzens zu diesen „Geister(n) erster Ordnung“ rechnet, ist nicht zu verkennen. Sein Buch beschwört nicht nur fortgesetzt die oftmals erfahrenen Einklänge des Seins; es will eine Hinführung zu einer entsprechenden Weltsicht sein, will gleichsam einen „magischen Schlüssel“ reichen.“

 

Bibel-Lektüre

 

„Während jener Jahre hat Jünger seine Situation auch mit Hilfe der religiösen und mythologischen Überlieferung sowie der bildenden Kunst und Literatur reflektiert. In den Tagebüchern und im Briefwechsel mit Carl Schmitt findet sich eine Fülle entsprechender Hinweise. Am 3. September 1941 begann Jünger mit der Lektüre der Bibel, die ihn nun für Jahre begleitete und ihm Deutungsmuster für die eigenen Erfahrungen gab. Über vierzig Eintragungen im Journal verweisen auf einschlägige Stellen und zeigen den Fortgang dieser „ersten Gesamtlesung“, die am 28. Mai 1944, dem Pfingstsonntag, mit der Lektüre der Offenbarung abgeschlossen wurde.“

Bei allem Respekt: Derjenige, der die Bibel nicht nur in Auszügen, sondern in Gänze gelesen hat, sollte nun wirklich bemerkt haben, wie überwiegend inhuman und asozial die Bibel (auch und gerade das Neue Testament) ist. Ein redlicher und halbwegs intelligenter Mensch sollte sich nach dieser Lektüre zumindest gegen den christlichen Glauben stellen.

 

Heliopolis

 

„Bald nach dem Symposion stattet de Geer der „Kriegsschule“ einen Besuch ab, um einem moraltheologischen Kursus beizuwohnen. Dort wird unter dem Titel „Der Steg von Masirah“ und mit Verweis auf einen Bericht des Kapitäns James Riley aus dem Jahr 1815 eine außerordentlich schwierige Führungs- und Entscheidungsfrage erörtert: Jener Steg ist Teil eines wichtigen Handelswegs, der längs der mauretanischen Küste läuft und bei Masirah einen halbmondförmig und steilwandig ins Meer hinausragenden Gebirgsvorsprung umrunden muß. Er führt in schwindelnde Höhen und ist so schmal, daß Menschen und Maultiere nur hintereinander gehen können. Ein Ausweichen wäre für einen Menschen nicht möglich, wenn ein anderer entgegenkäme, ein Umkehren für die Maultiere nicht. Da dieser Pfad von beiden Seiten begangen, aber von keiner Seite ganz überschaut werden kann, muß der Eintritt durch einen starken Ruf angezeigt werden. In dem zu erörternden Fall wurde dieser Ruf versäumt, so daß zwei Karawanen aufeinandertrafen: eine muslimische mit Gold und eine jüdische mit Salz. In Rileys Bericht endet das fatale Aufeinandertreffen der beiden Karawanen nach stundenlangen, aber erfolglosen Verhandlungen in einem Kampf, bei dem Menschen und Tiere ausnahmslos ins Meer stürzen. In Jüngers „Kriegsschule“ sollen die Offiziersanwärter nun prüfen, ob dieser traurige Ausgang vermeidbar gewesen wäre, und einer von ihnen entwickelt tatsächlich eine andere Lösung: Der Führer der arabischen Goldkarawane kauft dem Führer der jüdischen Salzkarawane Tiere und Lasten ab. Dann läßt er die Tiere in den Abgrund stürzen und die jüdischen Händler umkehren. Am Ausgangspunkt des Stegs angelangt, vergütet er ihnen das Salz mit Gold und läßt ein Denkmal errichten.

Jünger hat sich, wie seinen Tagebüchern zu entnehmen ist, mit dieser Geschichte seit seiner Kaukasus-Reise im November 1942 mehrfach beschäftigt, bevor er diese Lösung fand. Sie beschrieb für ihn, wie es dann in Heliopolis heißt, „eine jener scheinbar aussichtslosen Lagen, aus denen der Mensch für sich das Recht ableitet, durch den anderen hindurchzugehen“.“

 

Neue Theologie

 

„Die zuletzt zitierten Stellen haben - neben einigen Sätzen in der Friedensschrift und in den Strahlungen - wesentlich dazu beigetragen, daß man um 1950 von einer religiösen oder gar christlichen Wendung in Jüngers Schaffen sprach. Die weiteren Schriften der fünfziger Jahre schienen dies zu bestätigen. Mehrfach wird dort eine „neue Theologie“ verlangt, und mehrfach wird Christus als Stifter einer neuen, freiheitlichen und humanen Ethik gerühmt. Im 1951 publizierten Waldgang ist es Christus, der den Menschen die Furcht vor dem Tod genommen und sie dadurch befähigt hat, jeder Tyrannis entgegenzutreten, und in der 1959 erschienenen Zeitmauer heißt es:

Gewisse Dinge sind, zwar nicht tatsächlich, doch in der Anschauung, unmöglich, seit Christus, das „neue Licht“, erschienen ist. Die Kirchen können längst in Museen, Remisen oder Lichtspielhäuser verwandelt sein; es bleibt ein unausrottbates Bewußtsein für das, was im ethischen Sinne schön oder häßlich ist. Dieses Häßliche kann in mythischer Zeit schön gewesen sein - wie etwa das Schauspiel der Blutopfer auf den mexikanischen Pyramiden - es wurde im Augenblick zum Frevel, in dem christliche Augen es wahrnahmen. Damit ist nicht gesagt, daß Christen nicht ähnliches zuzutrauen wäre, aber es fehlt nun der Bluttat der mythische Glanz, die Weihe, das Selbstbewußtsein der antiken Macht. Das ist ein für alle Mal dem Menschen abgedungen und abgekauft.“

 

Über die Linie

 

„Grundlegend für Jüngers Standortbestimmung ist Nietzsches Vorstellung, daß er, Nietzsche, der „erste vollkommene Nihilist Europas“ sei, zugleich aber auch derjenige, der „den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt“ habe und mit seinem Werk eine Gegenbewegung ankündige. Der 1950 erschienene Essay Über die Linie gilt der Frage, „welche Punkte die Bewegung inzwischen erreicht hat“. Jünger sieht den Nihilismus, den „Niedergang der Werte“, weit fortgeschritten: Weder in der Religion noch in der Kunst kommt ein absolut gültiger Wert zum Vorschein; es gibt keine Heiligen und keine vollkommenen Kunstwerke mehr. Statt dessen erscheint der Nihilismus in ungeahnter Größe und Stärke: Er wirkt nicht „chaotisch“, sondern verbündet sich, wie man in der jüngsten Geschichte gesehen hat und in der Gegenwart beobachten kann, mit großen politischen Ordnungssystemen und mit der technischen Zivilisation. Er wirkt nicht „krank“, sondern zeigt sich massenhaft in bester Gesundheit und bringt im Sport wie im Beruf permanent Rekorde und Höchstleistungen hervor. Er wirkt nicht „böse“, weil das, was man herkömmlicherweise als „böse“ bezeichnen würde, als unvermeidlicher Begleitumstand der geschichtlichen Situation erscheint. Der Nihilismus beginnt also total zu werden und vollkommen positiv zu wirken. Dennoch wird erkennbar, daß er eine große „Reduktion“ darstellt, allenthalben auf Vereinfachung aus ist und zu „Schwund“ führt. „Schwund“ wird deswegen zu einer Hauptvokabel von Jüngers Gegenwartsanalyse, meint aber nicht nur Reduzierung von Vielfalt, sondern auch von Zeit und Muße und erscheint solchermaßen als „Beschleunigung“.

„Schwund“ und „Beschleunigung“ kennzeichnen das nihilistische Zeitalter, haben nun aber so viel an Werten verzehrt und überrundet, daß der magische „Nullpunkt passiert“ ist. Damit ist freilich noch nicht alles, ja noch nicht einmal viel gewonnen: „Die Überquerung der Linie, die Passage des Nullpunkts teilt das Schauspiel; sie deutet die Mitte, doch nicht das Ende an. Die Sicherheit ist noch sehr fern. Dafür wird Hoffnung möglich sein.“ Ein „erster Hoffnungsblick“ besteht in der Aussicht darauf, daß es zu einem „Weltstaat“ kommt, der den „Weltbürgerkrieg“, in dem die Gegenwart begriffen ist, beendet. Weitere „Positiva“ sind in der „metaphysischen Beunruhigung der Massen“, im „Auftauchen der Einzelwissenschaften“ aus dem uniformen modernen Weltbild und im „Auftreten von theologischen Themen in der Weltliteratur“ zu sehen. Vorerst lebt man freilich noch im „Unvermessenen“ und Ungesicherten. Die „Totale Mobilmachung“, gleichsam die Radikalform des aktiven Nihilismus, „ist in ein Stadium eingetreten, das an Bedrohlichkeit noch das vergangene übertrifft“, und mit einer weiteren „Beschneidung der Freiheit“ ist zu rechnen; auch dem erlösenden Kunstwerk steht noch viel „Widerstand“ entgegen. Die Beraubung des Menschen durch den Nihilismus ist also noch nicht vorüber, sondern kann sogar noch zunehmen; aber es gilt, was Hölderlin in seiner Hymne Patmos sagte: „Wo aber Gefahr ist, wächst/Das Rettende auch.“ Es muß, so Jünger, in dieser Zeit „gewaltig anwachsen“. Der Blick in die Zukunft darf deswegen wieder optimistisch werden.“

 

Das Sanduhrbuch

 

Aus dem „Sanduhrbuch“: „Die Sanduhr ist das Sinnbild der tellurischen Zeit mit ihren Grotten, Dünen und der behaglichen Klausur, dann ihrer Todesseite, die uns noch beschäftigen wird. Das Sonnenlicht haben wir mit allen anderen Planeten und Monden gemeinsam, wenngleich überall das schattenlose Licht durch andere Umläufe und Rotationen gemessen wird und damit die Zeit sich abwandelt. Tief ist der Rhythmus in uns eingegangen, in dem das kosmische Licht erscheint. Doch ihm zugrunde liegen Stoff und Bewegung heimatlicher Herkunft: neptunische Flutung und erdmütterliche Art. In der Umdrehung der Woge am Strand finden wir das alles: kristallisches Wasser, vom Sonnenstrahl durchschossen, hell aufgestäubten Sand und Leben, das in zahllosen Punkten in dieser Wiege schwebt. Um solche Orte webt ein Gefühl von Heimat, das bloße Strahlung nicht gewähren kann. Es ist vorauszusehen, daß die Raumfahrt es auf schreckliche Weise bedrohen wird. Dort stellt die Sanduhr ihren Dienst ein, während der Sonnenstrahl schärfer anzeigt, von keiner Atmosphäre getrübt. Er ist in seinem eigentlichen Elemente, dem schwerelosen Raum. Im väterlichen Himmelslicht und in der Schwerkraft der mütterlichen Erde wirken himmlische und irdische Zeiten auf uns ein. Wir müssen sie in unserm Inneren vereinigen …

Das Uhrwerk greift tief in die menschlichen Bereiche ein. Der Schwund an Freiheit durch den Automatismus führt zu jener Einwanderung aus den zoologischen und dämonischen Grenzgebieten, die, obwohl von einsamen Sehern angekündigt, dennoch durch ihren jähen Auftritt Entsetzen hervorgerufen hat. Hierher gehört die vexierende Verwandlung vertrauter Apparaturen in den Stil des Hieronymus Bosch und die Lemurenwelt seiner automatisch belebten Halbwesen. Das Deck der „Titanic“, eines der großen Luxusautomaten des beginnenden Jahrhunderts, verkehrt sich in ein Schreckensbild. Die Erfindung des Flugzeuges, zunächst begrüßt als neuer Triumph des Geistes über die Schwere und als Erfüllung eines alten Menschheitstraumes, leitet eine Ära des Städtebrandes ein. Und so geht es mit jedem Rade und jedem Rädchen, das neu ersonnen wird …

Wer möchte nicht teilhaben an dieser Stille, inmitten der warmen hölzernen Täfelung, während in der Ecke der Sand durch das Stundenglas rieselt und vor dem Pult ein Löwe träumt, den man sich auch durch eine Katze ersetzen kann? ...

Wir betrachten mit den Räderuhren die abstrakt-mechanische und mit der Sanduhr die natürlich-elementare Zeit. In ihr liegen größere Erholung und freierer Genuß. Sie ist die Zeit der Muße und aller höheren Verrichtungen, humane, maßvolle Zeit. Sie führt uns zugleich an die Pforte der zeitlosen Gärten, wo keine Stunde schlägt.

Zum Symbol wird uns das Vergängliche, wenn das Sein durchleuchtet. Dieses Durchleuchten nennen wir Sinn. Es bleibt immer ein Wunder, wenn so dem Menschen die Schuppen von den Augen fallen und er Mitmenschen, Tiere und Dinge in diesem Glanze sieht: vielleicht das eigentliche, einzige Wunder auf dieser Welt.“

 

Entzauberung des Kosmos

 

„Insgesamt ist festzustellen, daß Jünger den Prozeß der Modernisierung (einschließlich seiner sozialen und politischen Partizipationsansprüche) für unaufhaltbar hielt und als Realisierung des Sinns der Schöpfung betrachtete. Zugleich ist aber zu sehen, daß er diesen Prozeß vorerst hauptsächlich als einen Prozeß der Reduzierung von Lebensraum und Lebensvielfalt erfuhr, als eine schändliche Vernutzung der Welt und innerlich ärmer machende Entzauberung des Kosmos. Dem versuchte er sich durch seinen anarchischen, isolationistischen und antimodernistischen Lebensstil zu entziehen, und dagegen hat er protestiert, indem er mit seinen Reisebüchern und mit seinen 1965 einsetzenden Journalen auf den sich beschleunigenden „Schwund“ von Landschaft und Artenvielfalt sowie kultureller Ursprünglichkeit und Buntheit hinwies.

Mustergültig zeigt sich dies in den beiden Berichten über die Sardinienreisen von 1954 und 1955, Am Sarazenenturm und Serpentara. 1954 verbrachte Jünger fast den ganzen Mai in Illador, einem an der Südwestküste gelegenen „Ort ohne Anschlüsse“. Man konnte ihn zwar über holprige Bergwege mit einem Autobus erreichen; aber elektrischen Strom, Telefon und Tageszeitung gab es nicht. Das Leben zeigte sich hier noch in uralten Formen; Jünger traf einen Hirten, der in der „kapuzenförmigen“ Höhlung eines Felsblocks wohnte:

Auf dem Boden dieser halboffenen Höhlung hatte der Hirte sein Lager errichtet, eine Schicht von Binsen, die kaum den nackten Stein verbarg. In einer kleinen Mulde der Felswand war eine Handvoll groben, aus dem Meere gewonnenen Salzes verwahrt. Vor der offenen Seite war eine Feuerstelle, daneben lagen einige in der Asche geröstete Bohnen und ein kteiner Brennvorrat. Das war die Einrichtung.

Diese Höhlenwohnung hätte Jünger im folgenden Jahr noch unverändert antreffen können; aber ansonsten hatte er allenthalben den Einzug der Moderne zu beobachten und zu bewundern: im Albergo den Kühlschrank, aus dem nun immer frischer Fisch zu haben war; im Gastzimmer, in dem man im Jahr zuvor bei Kerzenlicht saß, die Neonröhre, die nun alles taghell erleuchtete. Es versteht sich von selbst, daß Jünger, der im Jahr zuvor das vormoderne Leben genossen hatte, davon nicht begeistert war; die Schilderung dieser Modernisierungserfahrung im Kleinen gerät zum zivilisationskritischen Lamento:

Im harten Licht erkannte ich den Raum kaum wieder, als hätte ihn ein Magier mit einem Entzauberungsstab berührt. Ich sah die Risse in den Wänden und in den Gesichtern die niedere Struktur. Diese Entmythisierung der Welt, die wir verbreiten, als ob wir mit dem Gorgonenschilde ausgerüstet wären, ist beängstigend. Sie wird auch durch Raumbeherrschung, die Möglichkeit, Entferntes schnell zu erreichen, nicht wettgemacht. Wir bringen die Auslöschung göttlichen Lichtes mit. Wenn wir den Mond erreichen, was bevorzustehen scheint, so löschen wir damit ein Geheimnis, das währte, solange irdische Menschen das Gestirn betrachteten. Wir wandeln Selenes schimmernde Paläste in Minenfelder und Abraumhalden für Atomschutt um. Wir wagen diese großen Fahrten auf Kosten unserer inneren Herrlichkeit.

Manches von dem war hellsichtig und wirkt heute bedrückend, manches eher nostalgisch und romantisch. Letzteres ließ Jünger bei manchen Zeitgenossen als Exponenten der Restauration erscheinen. In Wahrheit war er der erste „Waldgänger“ einer in vielem verfehlten, unintelligenten, inhumanen, ausbeuterischen und nachhaltig destruktiven Modernisierung. Und ein Vorläufer der ökologischen Bewegung.“

 

Gläserne Bienen

 

„Auch der Protagonist der 1957 erschienenen Erzählung Gläserne Bienen hat das Gefühl, daß sich die Moderne auf eine ausweglose Weise verfahren habe und nicht zur Verbesserung führe, sondern weiterer Verschlimmerung ausgeliefert sei. Dieses Gefühl resultiert aus einem Geschichtsbewußtsein, das - wie die Erfahrung des Autors Jünger - bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückreicht und um eine unbestimmte Frist einer weiteren Perfektionierung der Technik in die Zukunft hinein verlängert ist. Der Protagonist, Richard mit Familiennamen, ist ein ehemaliger Rittmeister der Leichten Reiter, der nach der waffentechnisch bedingten Auflösung der Kavallerie bei der Panzertruppe tätig war. Er hat die Mechanisierung des zivilen Lebens und des Krieges sozusagen hautnah erlebt und als vielfache Verkümmerung erfahren: als entwürdigende und abstumpfende Anbindung des Menschen an ein „Gestänge“, als Brutalisierung des Kampfes und als Abbau soldatischer Ethik, als „Zug“ also nicht nur „zu einem blasseren und flacheren Leben“, sondern auch zu einem gemeineren, in dem frühere Vorstellungen von Freiheit, Würde und Fairneß immer weniger zur Geltung kommen.

Natürlich wird dies nicht auf die Technik allein zurückgeführt, sondern - am Beispiel der Kameraden Fillmor und Hanebut - auch auf entsprechende menschliche Dispositionen; aber die Technik erscheint doch als wichtiger Faktor der Verdüsterung der Welt, und diejenigen, die dies erkennen, empfinden die Situation bald als so heillos, daß sie zu radikalen Mitteln der Gegenwehr greifen oder resignieren. Dies entwickelt der Protagonist und Erzähler der Gläsernen Bienen an der Geschichte seines Kameraden Lorenz, eines Bauernsohns, der in der Zwischenkriegszeit gegen die Rationalisierungen in der Landwirtschaft rebellierte und, um seinen Kameraden ein Beispiel für die nötige Unerschrockenheit zu geben, aus der Mansarde eines hochgeschossigen Berliner Mietshauses in die Tiefe sprang. Zwar gelang es dem vorzüglichen Turner, auf den Beinen zu landen, doch war der Aufprall so stark, daß die Knochen den Körper auf eine tödliche Weise durchstießen. Für Richard wurde dieses schreckliche Ende zum Indiz dafür, daß bestimmte Dinge „nicht zu leisten sind“; er sieht im tödlichen Sprung seines Kameraden ein Beispiel jener „Ausweglosigkeit“ der modernen Lebensbeschränkungen, die zwar zu heroischen Aktionen drängen, aber dadurch nicht aufgebrochen werden. Dies bekräftigt Richards „defaitistische Neigungen“, die ihm ein hellsichtiger Vorgesetzter im Führungszeugnis bescheinigt hatte, macht ihn zum „Defaitisten der Moderne“ (Peter Koslowski), und zwar in einem doppelten Sinn: Weder rebelliert er auf unsinnige Weise gegen die fragwürdige Moderne, noch verschreibt er sich ihr ohne Skrupel.

Zu letzterem bekommt Rittmeister Richard in der nicht genauer datierten Gegenwart der technisch weit fortgeschrittenen Nachkriegszeit Gelegenheit, und er wird durch seine Lebensumstände dazu gedrängt. In einer Situation, in der Richard völlig „abgebrannt“ ist, wird ihm eine Stelle bei dem weltberühmten Automatenhersteller Zapparoni angeboten. Zapparonis Spezialität sind intelligente Liliputroboter und lebensecht wirkende Menschenpuppen, die ihre natürlichen Vorbilder nicht nur erreichen, sondern verblassen lassen. Seine künstlichen Bienen sind bei der Honigsuche schneller und saugen die Blüten so gründlich aus, daß für andere Bienen kein noch so kleiner Rest übrig bleibt, und seine Figurinen, die er für die Produktion von Filmen einsetzt, überbieten die Schönheit und Kunstfertigkeit menschlicher Schauspieler um einiges und geben damit „dem Menschen ein neues Maß“. Dies ist auch das eigentliche Ziel von Zapparoni, der von Richard nicht umsonst einmal als „Übermensch“ bezeichnet wird. Während des Vorstellungsbesuchs bei Zapparoni, zu dem auch die Beobachtung der künstlichen Bienen und ein Gespräch über die Nachbildung von Menschen gehören, wird für Richard deutlich, daß es diesem nicht nur darum geht, die Natur perfekt nachzuahmen, sondern darum, „die Natur (zu) übertreffen“ und „ihre Unvollkommenheiten zu verbessern“. Im Fall der Bienen geschieht dies durch eine „Reihe von Vereinfachungen, Abkürzungen und Normungen“, aus denen z. B. eine größere Fluggeschwindigkeit und Saugkraft resultieren; im Fall der künstlichen Schauspieler z. B. durch eine ästhetisch vollkommene und mimisch nutzbare Gestaltung der Ohren, die zum „wunderbaren Eindruck“ dieser „lebensgroßen Marionetten“ entscheidend beitragen.

Zapparonis Künste wirken jedoch auf den Rittmeister Richard eher abschreckend als faszinierend. Bei der Beobachtung der Bienen bemerkt er bald, daß alles, was bei den natürlichen Bienen mit Wabenbau und Brutpflege zu tun hat, „ausgespart“ - man könnte auch sagen: wegrationalisiert - ist und der ganze „Betrieb“ in einem zwar „perfekten, aber völlig unerotischen Glanz“ strahlt. Zapparonis Maschinen-Bienen sind das Gegenteil der Liebes-Bienen, die Pater Foelix in Heliopolis beschrieben hat. Nach diesem Defekt an den Bienen entdeckt Richard in einem Sumpfloch in Zapparonis Garten eine größere Anzahl abgeschnittener Ohren, die sich zwar bald als künstliche Ohren erweisen, aber trotzdem für ein bleibendes Unbehagen sorgen. Richard versteht nun den Sinn dieser teils faszinierenden, teils schockierenden Demonstrationen: Sie sollen ihm deutlich machen, daß er im Begriff war, sich einem Unternehmen zu verschreiben, das durch die ökonomisch und ästhetisch überlegene und zugleich trieb- und schmerzfreie Simulation der Natur in der Lage ist, dem Leben eine andere Qualität zu geben. Dies kann aber, wie Richard aufgrund seiner geschichtlichen Erfahrung spürt, nur auf Kosten des Menschen gehen - : Vermittels der neuen Technik wird der Mensch auf eine zwar subtilere, aber noch wirksamere Weise als durch das grobe „Gestänge“ der Mechanisierung in ein neues Maß gezwängt und seiner Freiheit und Unverrechenbarkeit beraubt. Durch die Vorführung der so überaus ökonomisch arbeitenden Bienen und insbesondere durch die „brutale Vorweisung abgeschnittener Gliedmaßen“ sollte getestet werden, ob Richard der „sezierende(n) Denkart“ dieses Unternehmens und seiner Rücksichtslosigkeit gewachsen ist. Richards Reaktion, die mehr vom Herzen als vom Kopf bestimmt wird, verrät dem beobachtenden Zapparoni, daß dies nicht der Fall ist; Richard kann seinen „Defaitismus“ nicht überwinden.

Trotzdem wird Richard von Zapparoni engagiert. Denn dieser benötigt auch jemanden, der zwischen seinen „Arbeitern“, die ebenso mimosenhaft wie genial sind und deswegen ständig auf geschäftsschädigende Weise miteinander hadern, vermittelt. Und dafür scheint ihm der skrupulöse Rittmeister mit seinem „Sinn für Parität“ und seinen „altertümlich“ wirkenden Begriffen gerade der rechte Mann zu sein. Nur dieser „Defaitist der Moderne“ scheint in der Lage, die menschlich befriedigende Gerechtigkeit herbeizuführen, welche die Avantgarde der technischen Moderne nicht schaffen kann, aber auch nicht entbehren will. Dies ist zwar ein erfreulicher Ausgang der Geschichte für Richard, zugleich aber auch ein Indiz für die Verfahrenheit der Moderne, die, wie der Erzähler der Gläsernen Bienen im abschließenden Kapitel sagt, den Glauben an ein „happy end“ nicht mehr erlaubt. Und dies bekräftigt der Herausgeber von Richards Ausführungen in seinem „Epilog“. Er sieht noch deutlicher als dieser, daß alle Bemühungen der technischen und politischen Weltverbesserer in Ansätzen steckenbleiben, und formuliert ein deprimierendes Fazit: „Unvollkommene Gebilde unvollkommener Wesen - das ist der Eindruck, den dieses Werden und Vergehen hinterläßt.“ Zwar „bleibt die tröstliche Vermutung, daß in und über der Geschichte ein Sinn obwaltet“, aber der ist „mit unseren Mitteln nicht zu errechnen“ und wird sich erst im „Totengericht“ offenbaren. Bis dahin aber bewegen sich die Menschen in einem Labyrinth.“

Aus „Gläserne Bienen": „Das hatte zudem den Vorteil, daß auf seinen Tisch nur Früchte kamen, die auf die alte Weise erzeugt waren. Auch hier gilt der Satz, daß sich die Worte verändert haben, denn Brot ist nicht mehr Brot und Wein ist nicht mehr Wein. Es sind verdächtige Chemikalien. Man muß schon ungewöhnlich reich sein, wenn man heute Vergiftungen vermeiden will. Dieser Zapparoni war ohne Zweifel ein Schlaufuchs, der in Malepartus zu leben wußte, und zwar auf Kosten der Dummköpfe, wie ein Apotheker, der sich seine Drogen und Wundermittel mit Gold aufwiegen läßt, während er selbst sich und die Seinen nach der Väter Weise gesund erhält."

 

Antaios

 

Aus dem Geleitwort zum ersten Heft der von Ernst Jünger mitherausgegebenen Zeitschrift „Antaios“ (1959): „ANTAIOS soll an den Riesen erinnern, dessen Kraft sich durch die Berührung seiner Mutter, der Erde, erneut. Dort erfährt er, was an immerwährenden und immer gültigen, an erhaltenden und wiederherstellenden Mächten ihr Schoß verbirgt.

ANTAIOS' Kraft ist stets erneut, doch stets dieselbe - das ist einer der Widersprüche von Mannigfaltigkeit und Einheit, auf denen die Dauer in der Zeit beruht. ANTAIOS berührt den gemeinsamen Grund, aus dem die Völker in ihrer Vielzahl als Brüder erwachsen sind.

Diese Berührung ist, als Symbol gesehen, stets die gleiche, und doch verschieden im zeitlichen Gewande, und das besonders in einer Wende, an der nicht nur die Erde vom menschlichen Bewußtsein auf eine neue Weise technisch, ökonomisch, politisch begriffen und umspannt wird, sondern in der auch geistig und physisch gewaltige Zurüstungen, sich von ihr abzulösen, im Gange sind.

Aufgang und Untergang, Licht und Schatten können nicht getrennt werden. Im Weltkampf, der in unserem Jahrhundert den Erdkreis überzogen hat, kündet sich eine neue Einheit, Welteinheit, als notwendig an. Darin liegt der Gewinn. Mit ihm wächst ein kosmisches Bewußtsein heran, dem Erde als solche Heimat wird. Der Geist wird vor neue Antithesen gestellt. Der ungeheuere Zuwachs an Macht und Raum wird nur ertragen werden, wenn der Sohn der Erde ihm in der alten heiligen Tiefe ein Gegengewicht schafft.“

 

An der Zeitmauer

 

„Die Abhandlung An der Zeitmauer baut auf dem Befund des Essays Über die Linie auf, bestätigt und überbietet ihn. Das „Jenseits der Linie“ wird zum „Jenseits der Zeitmauer“ und eröffnet einen ganz neuen Zyklus der Geschichte, eine Geschichte jenseits der „Weltgeschichte“ in der man sich bisher bewegte und die mit der Moderne ihren Abschluß und ihre Überwindung findet. Diese Überbietung ist die Konsequenz aus zwei Neuerungen, welche die nihilistische Bewegung beschleunigen und verschärfen: Zum ersten Mal erscheint der „Weltuntergang“ aufgrund der atomaren Rüstung „möglich als unmittelbare Folge menschlicher Arbeit, menschlichen Tuns“; und dank des Einblicks in die Struktur der menschlichen Erbanlagen, der 1953 von James Watson und Francis Crick eröffnet wurde, scheinen genetische Experimente möglich zu sein, die zu einem unabsehbaren qualitativen Sprung in der Entwicklung des Menschen führen könnten. In beiden Fällen kommen Kräfte zur Geltung, die außerhalb jeder geschichtlichen Erfahrung liegen, und das heißt, daß der „Austritt aus dem historischen Raum“ oder eben aus der „Geschichte“ möglich ist und bevorsteht.

Die Zeitmauer ist der Ort, an dem die Schichten der Entwicklung abzulesen sind und von dem aus der Sprung in den Raum jenseits der Moderne wie der Weltgeschichte gewagt werden kann und muß. In diesem Sprung findet die Zeit der Beschleunigung ihren Sinn; sie erweist sich jetzt als Flucht vor den Folgen des eigenen Tuns wie als Vorbereitung auf den Eintritt in eine völlig neue Phase der Erdgeschichte. Daß dieser Sprung fällig ist, zeigt sich vor allem an zwei Umständen: an dem von Nietzsche hellsichtig erkannten „Tod Gottes“, mit dem die alte menschheitsgeschichtliche Werteordnung an ihr Ende gekommen ist, und an den vielfachen Beunruhigungen, von denen Mensch und Welt ergriffen werden, nicht zuletzt an den meteorologischen und atmosphärischen Beunruhigungen, die zu beobachten sind. Sie vor allem sind Indizien dafür, „daß wir uns nicht nur in einer weltgeschichtlichen, sondern auch erdgeschichtlichen Veränderung befinden“. Die Erde will sich gleichsam ein neues Kleid anlegen und, astrologisch gesehen, in ein „neues Haus“ eintreten. Die „humane“ oder menschheitsgeschichtliche Einteilung oder Betrachtung der Geschichte reicht für diesen Übertritt nicht mehr aus und muß zugunsten einer „siderischen“ preisgegeben werden, in welcher die „Erdgeschichte“ als „Gestirnsgeschichte“ erscheint. In dieser Metamorphose spielt der Mensch eine wichtige Rolle. Indem er sich als Sohn der Erde entdeckt, mit Hilfe der Technik (einschließlich der Biotechnik) ihre Kräfte nutzt und ihre Fülle erschließt, wird er zum „Übermenschen“ oder „Titanen“, dem der Austritt aus der bisherigen Geschichte gelingt.

Das klingt nicht nur dramatisch, sondern katastrophisch, und Jünger bekennt sich dazu: „Die Katastrophe hat ... ihren Platz und ihre Aufgabe in der Welt. Sie ist nicht nur ein Zeichen dafür, daß die Ordnung gestört ist, sondern auch dafür, daß sie sich wiederherstellen will.“ Aber er hält einen katastrophischen Verlauf des Übertritts mit weiteren Weltkriegen nicht für die einzige Möglichkeit, sondern kommt zu einem größeren Spektrum von Prognosen. Neben einem Weltkrieg, der zu einer planetarischen Ordnung führen könnte, sieht er auch die Möglichkeit, daß es zu einer „pénétration pacifique“ der konkurrierenden Systeme kommt, zu einer friedlichen wechselseitigen Durchdringung im allmählich sich einstellenden Bewußtsein, daß man eigentlich „dasselbe gewollt“ habe. Für diesen zweiten Weg gibt es seine gute, astrologisch indizierte Chance: Das neue Haus, in das die Erde eintritt, ist das des Wassermanns, in dem eine größere Geistigkeit herrschen soll, und diese zeigt sich - Jünger zufolge - schon in der „Vergeistigung“ (oder dem zunehmenden „Raffinement“) „innerhalb der technischen Welt sowohl in ihren liliputanischen wie in ihren titanischen Bildungen, im unsichtbaren wie im sichtbaren Bereich“.

Kurz: Jüngers Blick über die weltgeschichtliche Zeitmauer ist nicht pessimistisch, sondern optimistisch. Es mag sein, daß man sich für eine Weile in einem chaotischen und „götterleeren Raum“ bewegen muß. Dies gehört zu den „Voraussetzungen eines großen Gestaltwandels“. Jünger ist überzeugt davon, daß alle Anstrengungen der Menschen letztlich auf ein „Gemeinsames“ gerichtet sind und daß der Mensch auf der Erde letztlich eine gute Heimat oder in der Erde eine gute Mutter hat. Der letzte Satz des Essays An der Zeitmauer verbindet beides miteinander: „In ihm (dem gemeinsamen Ziel) sind wir Brüder; und wenn wir uns selbst nicht aufgeben, so wird auch unsere Mutter, die Erde, uns nicht im Stich lassen.“

Das Vorbild ist der Riese Antaios, der Sohn des Meergottes Poseidon und Gaias, der Göttin der Erde, der unüberwindbar war, solange er den Kontakt mit seiner Mutter nicht verlor. An ihn wird in der Zeitmauer mehrfach erinnert, und nach ihm ist die Monatsschrift Antaios benannt, die Jünger zuammen mit dem aus Rumänien stammenden und international tätigen Kulturphilosophen Mircea Eliade von 1959/60 bis 1970/71 herausgab. Dies ist bezeichnend für Jüngers Geschichtsbetrachtung, die auf mythologisch codierte Einsichten zurückgriff und sie für die Bestimmung des aktuellen Standorts wie für die Entwicklung geschichtlicher Perspektiven zu nutzen suchte. Eine Gestalt der Frühzeit sollte die Orientierungsfigur für die Zeit jenseits der alten Weltgeschichte sein. Was Antaios dazu prädestinierte, war seine „Bodenhaftung“. Diese bedeutete, wie Jünger im Geleitwort der Monatsschrift darlegte, zweierlei: den Kontakt mit einer nie versiegenden Kraftquelle sowie eine Hemmung vor leichtsinnigen und überheblichen Bewegungen. Antaios steht aber auch für die bleibende Dramatik-der Geschichte. Denn wer glaubte, daß es unter der Ägide des unüberwindbar scheinenden Göttersohns keine geschichtlichen Kämpfe und keine Bewegung mehr gäbe, müßte sich durch den Mythos eines Besseren belehren lassen. Nicht nur, daß Antaios immer wieder mit allerlei Helden zu kämpfen hatte, die sein Reich betraten. Der größte von ihnen, Herakles, der zur Erfüllung einer seiner Aufgaben durch des Riesen Land zog und von ihm zum Kampf aufgefordert wurde, entdeckte die Quelle seiner Kraft, hob Antaios von der Erde empor und konnte ihm danach den Brustkorb zerdrücken. Dies aber heißt, daß Jünger, indem er Antaios zur Symbolfigur der Zukunft jenseits der Zeitmauer machte, nicht das Ende des Geschichtsprozesses schlechthin prophezeite, sondern nur den Anbruch einer sozusagen antäischen Zeit, die ihre eigenen Konflikte haben und irgendwann auch zu Ende gehen mochte.“

Aus „An der Zeitmauer“: „Hinter den ungewöhnlichen Erscheinungen, die uns in dieser Zeit bewegen und teils mit Hoffnung, teils mit Furcht erfüllen, verbirgt sich Gemeinsames. Der Urgrund beginnt sich zu regen; das muß notwendig mit großen Erschütterungen verbunden sein. Was wir jetzt als Bildung zu sehen glauben, ist ohne höhere Realität. Unsere Technik ist an sich wertlos; sie hat Bedeutung, aber keinen Wert: Bedeutung hinsichtlich des Eintretenden.

Der Vorgang ist erdgeschichtlich; er übergreift die Menschengeschichte und schließt sie ab, wenigstens in dem Sinne, in dem wir sie bislang verstanden haben. Das erklärt, warum wir mit der geschichtlichen Erfahrung und den aus ihr entwickelten Methoden nicht auskommen. Wir dürfen darin nicht nur menschliche Fehler sehen. Der Mensch versagt vor etwas Stärkerem; er muß ihm nachgeben. Daher wird heute vieles verzeihlich von dem, was früher unverzeihlich war, sowohl im Handeln wie auch im Nichthandeln.

Bessere Auskunft geben uns die Bilderwelten der Mythen und der Kulte, der Traum im tieferen Sinn überhaupt. Darauf begründet sich die Anteilnahme des Geistes an einer Reihe von Wissenschaften, die im Entstehen begriffen sind.

Neue Erfahrung ist zu sammeln und zu erwerben; das gibt der menschlichen Aktion und ihrem Ethos den Charakter von Experimenten, die gefährlich und kostspielig sind. Einmal ist der Mensch als Sohn der Erde unmittelbar in pflanzenhafter Weise an der Veränderung beteiligt und die Leitfigur einer neuen Formation. Andererseits tritt er in ein dialektisches Verhältnis zu ihr: er fragt, und die Erde antwortet. Daß der Mensch aber zu fragen begann, beruht auf einer primären Bewegung der Erde als Urgrund, auf einer Mutter und Sohn gemeinsamen Initiationswehe.

Daß die Fragestellung nicht genügt und daß sie verbessert werden sollte, entspricht der allgemeinem Ansicht. Diese ist begründet, aber schon zu tief im Experiment befangen und urteilt daher unter falschen Voraussetzungen. Die Verbesserung der Fragestellung kann nicht darin liegen, daß die Methodik verfeinert wird, etwa in Hinsicht auf die Ökonomie, den Komfort, die Sicherheit oder moralische Einbauten. Das sind fakultative Unterschiede; die Befragung muß aus einer anderen Qualität aufsteigen. Sie muß sich vergeistigen …

Die Erde hat aus ihrem Urgrund schon oftmals neue Gestalten hervorgebracht. Wenn sie sich dazu nun des Menschen als ihres klügsten Sohnes bedient, ist die Gefahr prometheischer Bildungen und ihres Schicksals groß. Sie wächst im götterleeren Raum, der zu den Voraussetzungen eines großen Gestaltwandels gehört.

Der echte Partner der Erde ist nicht der Verstand mit seinen titanischen Plänen, sondern der Geist als kosmische Macht. Bei allen Erwägungen des Zeitgeschehens spielt daher eine große Rolle die mehr oder minder ausgesprochene Hoffnung, daß höhere Geisteskräfte die gewaltige Bewegung zügeln und sich ihrer wohltätig bemächtigen.“

 

Heiterkeit und Frömmigkeit

 

Aus „Sgraffiti“: „Je deutlicher und je beglückender durch ein Ereignis oder eine Gestalt der Gesamtplan bestätigt wird, um so gewisser dürfen wir sie als Wunder ansprechen. Ein wunderbarer Körper, ein wunderbarer Geist verdienen die Bezeichnung nicht deshalb, weil sie von der Regel abweichen, sondern weil sie sie bestätigen. Das kann sie freilich von Millionen unterscheiden, doch andererseits erkennen die Millionen ihr Eigentliches im wunderbaren Bild. Aus diesem Grunde können die Menschen nicht ohne Kunst leben. Alle Wunder sind Abglanz des Schöpfungswunders, sind seine Wiederholungen und Gleichnisse im Zeitlichen. Die Zeugung geht bei der Schöpfung zu Lehen. Die Wahrnehmung der Welt als eines wunderbaren Hauses ist Religion, und daher ist es richtig, daß ihr die Kunst zu dienen hat und in dem Maß verliert, absurd wird, in dem sie sich von ihr entfernt.

Fromm sein heißt, vom Wunder der Welt erfaßt werden. Das ist kein Zeichen, keine Folge von Religion, sondern deren Voraussetzung. Dem folgt Verehrung unmittelbar, auch Heiterkeit. Es ist wahrscheinlicher, daß die Heiterkeit den Ursprung der Religionen bildet als die Furcht, wie viele Theorien annehmen. Auch heute ist jede Frömmigkeit verdächtig, die sich auf Furcht gründet und der Heiterkeit fehlt.“

 

Eumeswil

 

„Der Roman Eumeswil handelt von einer noch ferneren Zukunft als der utopische Roman Heliopolis. Nicht nur die großen „Feuerschläge“ und der folgende erste Weltstaat sind längst vorbei; die ganze Epoche der christlichen Zeitrechnung und sogar Heliopolis gehören einer weit zurückliegenden Vergangenheit an. Gegenüber der heliopolitanischen Zeit sind die kognitiven Möglichkeiten und technischen Instrumentarien noch um einiges verfeinert; es gibt eine Art von „Metatechnik“, die den Populationen (das Wort ist mit Bedacht gewählt), die über sie verfügen, ein komfortables Leben ermöglicht. Auch hat man, wie schon angedeutet, die Utopie und das Experiment des Weltstaats hinter sich und weiß, daß auch dieser nicht von unbegrenzter Dauer ist, sondern eines Tages „kulminiert und über Nacht zerfällt“. Dem entspricht, daß sich der Protagonist von Eumeswil nicht mehr - wie noch der Held von Heliopolis - in einer Welt weiß, die noch einer technologischen und politischen Optimierung fähig wäre; er fühlt sich in einer ausgesprochenen „Spätzeit“, der keine weitere Entwicklung mehr zu gelingen scheint. So ist verständlich, daß man Eumeswil als „posthistorischen Roman“ (Lutz Niethammer) und als „Roman der posthistoire“ bzw. „des Posthistoire“ (Martin Meyer bzw. Peter Koslowski) bezeichnet hat -: als einen „Kommentar zum und eine Philosophie des posthistoire“ in einem (Martin Meyer).

In der Tat hat der damals mehr als achtzigjährige Jünger, einige Jahre bevor die entsprechenden Bücher französischer Theoretiker in Umlauf kamen, das Bild einer nach heutigen Begriffen postmodern und posthistorisch wirkenden Gesellschaft entworfen - und dieses allerdings auch negativ akzentuiert:

Eumeswil hat zwar seinen Namen von dem rühmenswerten Alexander-Nachfolger Eumenes, doch ist, wie Venator bissig anmerkt, „jede weitere Berufung auf ihn eine fellachoide Anmaßung“. Mit dem mehrfach gebrauchten und herabsetzenden Epitheton „fellachoid“, das an Oswald Spenglers Kennzeichnung von abgestorbenen Kulturen oder nachkulturellen Zuständen als „Fellachentum“ anklingt, wird deutlich, daß Eumeswil, auch wenn es über metatechnische Einrichtungen verfügt, seine politisch vitale und kulturell produktive Zeit seit langem hinter sich hat. Diesen „fellachoiden Zustand“ beschreibt Venator einmal folgendermaßen:

Die großen Ideen, für die sich Millionen töten ließen, sind verbraucht. Die Unterschiede sind weithin geschwunden; Beschnittene und Unbeschnittene, Weiße, Gelbe und Neger, Reiche und Arme nehmen sich in ihren Qualitäten nicht mehr so ernst. Auf die Straße gehen sie höchstens, wenn die Kasse nicht mehr stimmt, oder im Karneval. Im großen und ganzen kann man hier tun und lassen, was man will.

Es herrschen also umfassender Pluralismus und weitgehende Liberalität, begünstigt durch den Verfall der „Substanz“ und den mehrfach erwähnten Ausfall formierender und motivierender Werte und Ideen oder „Götter“. Venator ist weit davon entfernt, diesen Pluralismus und diese Liberalität als positiv zu bewerten; sie sind für ihn Zeichen von „Siechtum“, das zu nichts mehr führt und auch nicht zu kurieren ist. Eumeswil erscheint ihm als ein „steriles“ und „vom Nihilismus ausgeglühtes“ Refugium von Menschen ohne geschichtsbildende Ideen; die „Evolution hat sich totgelaufen“, und von einer Steigerung des Menschen zu einem wie auch immer gearteten „Übermenschen“ ist nichts zu sehen, eher das Gegenteil: In der Bar der Residenz berichtet einer der Berater des Herrschers, er sei bei seinen Erkundungsfahrten – „nicht weit entfernt“ von Eumeswil - zu einer „Großen Deponie“ gekommen, in der „Schwindlinge“ in „ausgescharrten Höhlen“ hausten, nach Wurzeln gruben und kleinen Tieren nachstellten, bestenfalls handgerechte Steine oder alte Maschinenteile als Schlagwerkzeuge benutzten und „kaum zu leben, eher traumhaft zu dämmern“ schienen. Hier endet die Moderne in der „Großen Deponie“, und als „Erbe des Letzten Menschen“ erscheint weder „der Übermensch“ noch „der Primitive“, sondern „das Gespenst“.

Eine stärkere Desillusionierung und eine größere Distanzierung von Jüngers früheren Vorstellungen über die Entwicklung der Moderne ist kaum denkbar. Auch keine erschreckendere Vision von ihrem Ende. Neben Inseln oder Zitadellen der Hochtechnologie und des Wohlstands gibt es weite Regionen, in denen Leben nur noch in Schwundstufen vorkommt. Die moderne Gesellschaft erweist sich als eine „Gesellschaft des Verschwindens“, wie der Soziologe Stefan Breuer 1992 mit einem Buch über die „Selbstzerstörung der technischen Zivilisation“ gezeigt hat. Das konnte man wissen, seit Ludwig Klages 1913 beim Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner aufgezählt hatte, was an Pflanzen- und Tierarten wie an „Naturvölkern“ aufgrund der modernen „Wut der Vertilgung“ bereits „dahingeschwunden“ war. Und man konnte es in Friedrich Georg Jüngers hellsichtiger Perfektion der Technik lesen. Aber die Rede von Klages war längst verhallt, und das Buch von Friedrich Georg Jünger wurde kaum gelesen. Bei Ernst Jünger trat zur Kenntnis dieser frühen ökologischen Literatur der Anschauungsunterricht von Reisen, die immer wieder in Gebiete führten, in denen Schwund und Verödung sichtbar wurden. Daraus resultierte Jüngers Befund, daß die moderne Welt durch „Schwund“ gekennzeichnet sei, und das Bild der „Großen Deponie“ als Endstufe der modernen Zivilisation. Mit beidem war Jünger seiner Zeit voraus …“

 

Eigenarten verschwinden immer mehr

 

„Anders als bei den Inselreisen, die Jünger so schätzte, konnte es bei dieser Reise also weniger darum gehen, Einsamkeit und Zivilisationsferne zu suchen, als vielmehr Einblicke in fremde Kulturen zu gewinnen, genauer: in die maritimen „Mischkessel“ verschiedener Kulturen.

Seine Eindrücke hat Jünger in einer Vielzahl von teilweise ausführlichen Notizen festgehalten, die im ersten Band von Siebzig verweht einhundertsiebzig Seiten ausmachen. Sie halten sich an das, was Jünger unmittelbar zu sehen bekam: das Treiben der Menschen in den Hafenbezirken und auf Märkten; Tempel und Friedhöfe; Paläste und Museen; botanische Gärten und gelegentlich ein Stück Natur außerhalb der Stadt; Wohn- und Eßkultur. Die politischen und sozialen Verhältnisse in den besuchten Ländern werden nur berührt, wo sie unmittelbar sichtbar werden; Nachrichtenwissen und angelesene Gesamteinschätzungen gibt es nicht. Allerdings ist der Blick auf diese Welt literarisch präformiert. Immer wieder wird deutlich, daß Jünger als Leser reiste: „Von allem, was sich darbot“, heißt es anläßlich eines Besuchs in einem Mangrovenwald, „hatte ich bereits in Reisebeschreibungen und botanischen Werken gelesen, in Kollegs und Vorträgen gehört. Nun wurden in dieses Gerüst die Dinge gestellt; der blasse Traum verwandelte sich in ein farbiges Bild“. Dies galt allerdings nur für die Natur, nicht für die städtische Zivilisation. Hier fand Jünger längst nicht mehr, was er bei Joseph Conrad und anderen Roman- und Reiseschriftstellern gelesen hatte, sondern mußte feststellen, daß sich die „aus der Literatur geläufigen Dinge dem Auge im Verfall darbieten“ und daß „der Glanz der Bilder, die dem Fremden seit seiner Kindheit wie auf Seide gemalte Miniaturen vorschwebten“, „verblaßt“ ist. Jüngers Orient war, wie Thomas Pekar in einer gründlichen Studie gezeigt hat, „erlesen“ (im doppelten Sinn dieses Worts) - und erlitt nun die unvermeidliche „Entzauberung“.

Überall war die „Ablösung der überkommenen Unterschiede“ zu beobachten, die Angleichung der Städte an Europa, das Umsichgreifen des „Weltstils“, die Herausbildung der planetarischen „Werkstättenlandschaft“. Jünger sieht dies mit dem faszinierten Interesse des Zivilisationstheoretikers, der sich in seinen Prognosen bestätigt fühlt, vor allem aber mit Bedauern und im Bewußtsein, daß die Geschichte der modernen Zivilisation eine Geschichte der Enttäuschungen ist.“

 

Europa als schlechtes Vorbild

 

Aus „Siebzig verweht II“: „… Der Mann war alt. Drei seiner Enkelkinder hatten ihn erwartet; sie pflückten Binsen, die sie den Fischen durch Maul und Kiemen zogen, und trugen den Fang gebündelt zum Dorf. Der Alte folgte ihnen mit den Filets.

Warum erfreute, beruhigte, befriedigte der Vorgang mich? Es war etwas Heiteres und Unbesorgtes an ihm, die einfache, ungebrochene Lebenskraft. So war es hier seit unvordenklichen Zeiten, und so könnte es immer sein. Das Bild war vollkommen - was sollte daran „unterentwickelt“ sein? Der Europäer richtet hier nicht mehr aus als stückweis die Wiederholung des Sündenfalls. Er dehnt die Naturzerstörung, die ihm im Eigenen geglückt ist, auf den Planeten aus.“

 

Aladins Problem

 

„Der Held von Aladins Problem, Friedrich Baroh, ist Sproß eines schlesischen Adelsgeschlechts, leistet zunächst Dienst in der polnischen Volksarmee, macht Karriere, setzt sich dann aber aus einer naturwüchsigen Opposition gegen das uniformierende System in den Westen ab. Dort studiert und heiratet er, tritt - mangels besserer Chancen - in das Bestattungsunternehmen seines Onkels ein und arbeitet sich zum Geschäftsführer dieser „Pietas“ genannten Firma empor. Es gilt, Geld zu verdienen, aber es kommt auch anderes ins Spiel. Im Bestattungsgewerbe wird der Nihilismus der dynamisierten Moderne vollends manifest, insofern zu sehen ist, daß die Friedhöfe, diese Orte der Dauer und der Berührung mit der Transzendenz, an Würde und Bedeutung verlieren: Die Gräber werden schon nach kurzer Zeit wieder ausgeräumt und neu belegt; sie sind keine Fixpunkte des Lebens mehr. Diese Beobachtung bringt Baroh und einen befreundeten jüdischen Bankier auf die Idee, als „Gegenzug“ zur „motorischen“ und geschichtslosen Welt eine planetarische Nekropole zu gründen. Als Ort werden die kappadokischen Ausgrabungsstätten in Anatolien gewählt, und alsbald ist „Terrestra“ ein riesiges, weltweit operierendes und florierendes Unternehmen mit eigenen Finanzieungsagenturen, Reisebüros, Fluglinien und Hotels. Gleichwohl ist Baroh nicht glücklich; vielmehr nimmt seine nihilistische Schwermut zu, je mehr die „Sekundärgeschäfte“ um die Nekropole blühen, und Baroh erkennt nun auch ihren Grund: Er krankt an der Gesellschaft, in der alles zum Geschäft wird und durch Technik und Organisation bewältigt werden soll. Wie diesem Zug der Geschichte zu entkommen ist, weiß Baroh nicht, doch ist er davon überzeugt, daß der nihilistische „Abbruch bis auf den Grund gehen“ muß, bevor ein neuer Ansatz erfolgen kann. Die nihilistische Ausbeutung der Welt und des Lebens wird also weitergehen; eine gesellschaftliche oder allgemeine Änderung ist nicht in Sicht. Dennoch ist die Situation nicht heillos. In seiner Depression, die als Finalstadium seiner Sehnsucht nach dem Jenseits der „Zeitmauer“ oder des Nihilismus zu verstehen ist, wird Baroh von Stimmen und Visionen heimgesucht, in denen sich die erlösende Erkenntnis ankündigt. Sie nähert sich dann in der Gestalt eines geheimnisvollen Stellenbewerbers, der - wie der Gesandte des Regenten in Heliopolis – „Phares“ heißt und Baroh hellhörig werden läßt:

„Phares sagte“ - doch sprach er überhaupt? Ich sah ihn den Mund bewegen, verstand ihn auf große Entfernung, beim Gewitter und natürlich auch in den Träumen, mit dem inneren Ohr. Also weiß ich weder, ob ich ihn hörte, noch, ob er sprach. Ich habe lange darüber nachgesonnen und vermute, daß er den Urtext kennt, von dem alle menschlichen Sprachen wie auch die der Tiere nur Übersetzungen oder Ausgießungen sind. So auch das Rauschen der Wälder und das Murmeln der Quellen; die Seele der Pflanzen ist noch am nächsten der göttlichen Welt. Sie überzeugen als Gleichnisse.

Das heißt nichts anderes, als daß der sinnhafte „Urtext“ der Welt in der Natur und im Menschen verborgen ist und in gewissen Momenten wahrnehmbar wird; wer ein Ohr dafür hat, ist nicht von ihm abgeschnitten. Die Überwindung des Nihilismus beginnt nicht an einem bestimmten Zeitpunkt mit einem allgemeinen Umschlag und gesellschaftlichen Aufbruch; sie beginnt hic et nunc im Bewußtsein des einzelnen. Für Baroh wird die Welt nach der Begegnung mit Phares wieder bedeutungsvoll; sogar die Tätigkeit bei der durchaus profitorientierten Bestattungsfirma „Terrestra“ erscheint ihm wieder „als würdige Aufgabe“. Nihilistisch ist nicht die Welt, sondern die Optik, mit der sie wahrgenommen wird. Mit seinem neuen Blick auf die Welt macht sich Baroh auf den Weg zu Phares, dem Boten der sinnhaften Welt, „grundlos heiter – aufgeräumt“, wie er mit den letzten Worten seiner Erzählung sagt.

Damit ist auch „Aladins Problem“ gelöst. Dessen Name taucht in Jüngers Werk mehrfach auf. Im Spätwerk erscheint er gleichsam als Präfiguration des „Arbeiters“ oder des „titanischen“ Menschen - : hat er doch eine Wunderlampe, die ihm eine unheimliche Macht verleiht. Martin Meyer hat darauf aufmerksam gemacht, daß Jünger in der Ausgabe der Sämtlichen Werke in das achtundsiebzigste Kapitel von Aladins Problem eine kurze Passage eingefügt hat, die eben dies verdeutlicht. Aladins Problem besteht darin, daß er den Nihilismus durch die technische Aufrüstung und Ausbeutung der Welt überwinden will und - als Baroh - zu ahnen beginnt, daß dies der falsche Weg ist. Baroh läßt Aladin hinter sich.“

 

Kosmisches Gespräch

 

Aus „Autor und Autorschaft“: „Ein Garten gibt größere Gewißheit als jedes philosophische System. Die reine Anschauung genügt. Daß dort ganz andere Dinge vor sich gehen, als wir wahrnehmen, etwa ein kosmisches Gespräch zwischen der Erde und der Sonne durch das Medium der Blüten, mag im Gefühl bleiben, ohne daß deshalb ein Jenseits bemüht zu werden braucht. Das Gedicht stimmt ein.“

 

Erdrevolution

 

Die Schere bietet gleichsam das aphoristisch gefaßte Koordinatensystem von Jüngers Welt- und Geschichtsauffassung. Welt war ihm immer mehr als das sinnlich Wahrnehmbare und rational Erklärbare. Jünger postulierte eine Art „Ultraphysik“: „eine Fortsetzung des Wirklichen nach beiden Seiten - ähnlich der des Spektrums über die Bandbreite der sichtbaren Welt“. Die geschichtliche Welt sah Jünger in ein völlig neues Stadium eintreten, insofern das Zeitalter der ökonomisch motivierten „Weltrevolution“ durch eine möglicherweise ökologisch bedingte „Erdrevolution“ abgelöst werde. Pessimistisch war Jünger deswegen nicht; vom Zeitalter des Wassermanns erwartete er eine Vergeistigung. Im übrigen war er sich dessen bewußt, daß die Frage nach dem Gang der Geschichte nur gestellt, aber nicht beantwortet werden kann: „Zur Antwort reicht unser Wissen nicht aus. Damit beruht der Hauptteil unserer Existenz auf Erwartung - aber war es nicht immer so?“

 

Sinn und Sinnlosigkeit

 

Wenn Ernst Jünger 1932 gestorben wäre, gälte er heute als Schreibtisch-Täter und Wegbereiter des Nationalsozialismus. Mittlerweile spielt diese Thematik kaum noch eine Rolle.

Wer liest heute noch seine Bücher?

1. „Krieger“, die sich an seinen Kriegsschilderungen ergötzen

2. Insektenfreunde haben hauptsächlich Freude an den „Subtilen Jagden“

3. Drogen- und Rausch-Interessierte berauschen sich an den „Annäherungen“, die in ihrem Buchdeckel schreiben „… und sein aphoristischer Essay war für Joschka Fischer in seinen jungen Jahren „eine Art intellektueller Geheimtipp“".

4. „Der Waldgang“ ist die Bibel für Menschen, die dem Staat und dessen Vertretern misstrauen und zu (gewaltlosem) Widerstand aufrufen. Wolfgang Ullrich: „Nachdem Jüngers Essay jahrzehntelang kaum mehr gelesen worden war, wurde er in den letzten Jahren zu einem Kultbuch der identitären Szene. Viele ihrer Protagonisten bezeichnen sich als Waldgänger, ihre Blogs haben Namen wie buendischerwaldgang, und in den Sozialen Medien inszenieren sie das Motiv ebenso hartnäckig wie variantenreich.“

http://www.pop-zeitschrift.de/2017/11/07/die-wiederkehr-der-schoenheit-ueber-einige-unangenehme-begegnungenvon-wolfgang-ullrich07-11-2017/

5. Die Hauptgruppe sind diejenigen, die der Wurm folgendermaßen charakterisieren möchte: konservativ-ökologisch-esoterisch, und die sich für reichlich elitär halten und gebärden. Für jene bietet Ernst Jünger die perfekte Lektüre.

Wenn sie nicht religiös sind, so sind sie esoterisch und gehen davon aus, dass sie persönlich oder allenfalls noch ihre Gruppe der Lebensmittelpunkt der Welt sind. Oft gibt es einen persönlichen „Gott“, der nichts anderes zu tun hat, als zu überprüfen, was sie gerade machen.

Seitdem es diese Sorte von Mensch gibt (also seit sehr, sehr langer Zeit), ist sie davon überzeugt, dass gerade jetzt, in ihrem kurzen Leben, Entscheidendes passieren würde. Entweder kommt der „Erlöser“ oder der Weltuntergang (siehe dazu http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/151-weltenende.html ). Wenn nicht, dann die „Erdrevolution“. Zur Not sind sie immerhin noch mit dem Wassermann zufrieden.

Alles passiert für sie, wie es Ernst Jünger am Falle Echnatons beschreibt. Judith Mathes: „Echnaton starb 1334 v. Chr. Sein Glaube hatte keinen Bestand. Die brutale Verneinung der traditionellen religiösen Werte war mehr als die Ägypter auf Dauer ertragen konnten. Die siebzehn Regierungsjahre Echnatons wurden nach seinem Tod als eine Zeit der Finsternis und des Verbrechens empfunden.

 

Seine Nachfolger kehrten zum alten Glauben zurück. Ägypten versuchte, alles zu vergessen, was mit Echnaton zu tun hatte, ja, man verdrängte, daß er überhaupt existiert hatte.

 

In späteren Zeiten finden sich lediglich Spuren der Erinnerung an die traumatische Erfahrung in einer düsteren Legende, in der von einer Herrschaft von Aussätzigen die Rede ist und vom Verbot, die Götter zu verehren.“

 

http://www.judithmathes.de/aegypten/kultreli/echnaton.html

 

Von Echnaton wusste also über 3000 Jahre lang kein Mensch etwas, bis Archäologen ihn im 19. Jahrhundert wiederentdeckten. Ernst Jünger in den „Annäherungen":

 

„Wir wollen jedoch nicht im bloßen Gelingen oder darin, daß „die Kontinuität der Geschichte gewahrt bleibt", bereits einen Wert suchen: Auch wo der Typus nicht durchdringt, und das ist sein übliches Schicksal, hat er „an sich" gewirkt. Ein Beispiel ist Echnaton, in dem sich die Figur des Décadent durch die des Ketzers potenziert. Sein Name ist ins Buch geschrieben, auch wenn er. nicht die zeitliche Auferstehung erfahren hätte, die ihm durch die Arbeit der Archäologen zuteil wurde. Daß es gerade für uns geschah, ist kein Zufall, denn es gibt starke Verwandtschaften seiner geistigen Position mit der unseren: im Versuch, die Naturformen, wie sie in Heliopolis entwickelt waren, als reine Strahlung zu verehren und sie mit Hilfe der Kunst zu vergeistigen.

 

Wenn diese Sorte von Mensch nicht komplett einen an der Waffel hat, dann weiss der Wurm auch nicht mehr weiter.

 

Nach seinen „wilden“ Jahren hat sich Ernst Jünger überhaupt nicht mehr gesellschaftlich engagiert und sich nicht zu aktuellen Debatten geäußert. Während Schriftsteller wie Heinrich Böll oder Günter Grass (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/153-was-gesagt-werden-muss.html ) beinahe allgegenwärtig waren, war von Ernst Jünger nichts zu sehen und nichts zu hören.

Rückzug ins Private, kein gesellschaftliches Engagement, sich mit sich selbst und seinem esoterischen Quark beschäftigen und Desinteresse an sozialen Fragen – das zeichnet seine heutige Anhängerschaft aus.

Und sie fragt sich nach dem „Sinn“. Aus dem ersten Beitrag des Wurms zu Ernst Jünger: „Es mag verständlich sein, dass, wenn man so viel mitgemacht hat, so viel Tod und Zerstörung erlebt hat, sich nach dem Sinn des Ganzen fragt.

„Das Wäldchen 125“: Wir können nur ahnen, daß das, was hier geschieht, in eine große Ordnung eingegliedert ist und daß die Fäden, an denen wir scheinbar sinnlos und auseinanderstrebend zappeln, sich irgendwo zu einem Sinne verknüpfen, dessen Einheit uns entgeht.

Nein, es muss nicht alles einen „Sinn“ ergeben. Der Weltgeist reitet weder zu Pferde noch sonstwie durch die Lüfte. Mensch möge es bleiben lassen, nach außerirdischem, innerirdischem oder esoterischem „Sinn“ zu suchen. Was nicht messbar ist, ergibt keinen „Sinn“, sondern ist einfach da.

Auch ein sonst so besonnener, zu rationalem Denken fähiger Mensch wie Ernst Jünger hat sich hier wie viele andere verrannt.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/319-das-auge-des-kriegers.html

Kein Bewohner des Erdreichs fragt danach, welchen Sinn sein Leben oder ein bestimmtes Ereignis hätte. Die Menschen mögen dies bitte auch bleiben lassen, sich um ihre Mitmenschen und Mitgeschöpfe kümmern und einfach leben.

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm