Grußwort von Esther Bejarano zur Veranstaltung „Zur Zeit der Verleumder“:

 

 

„Liebe Freundinnen und Freunde,

meine Wegbegleiter Moshe Zuckermann und Rolf Becker haben in Bezug auf die menschenverachtende Politik der Netanjahu-Regierung Israel ausführlich über den Grund unserer Kritik berichtet.

Was Adolf Hitler und die Nationalsozialisten dem jüdischen Volk angetan haben, Vernichtung von 6 Millionen Menschen, Holocaust, darf nicht die Rechtfertigung Israels für die Diskriminierung des palästinensischen Volkes sein.

Es ist ganz besonders wichtig, dass alle in Deutschland, in denen ein menschliches Herz pocht, endlich erkennen, dass Kritik an der Politik Israels nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen ist.

Ich habe nicht das Vernichtungslager Auschwitz, das KZ Ravensbrück und den Todesmarsch überlebt, um von sogenannten „Antideutschen“ und Konsorten als „Antisemitin“ beschimpft zu werden.

Konzentrieren wir uns besser auf den Kampf gegen Pegida, AfD und andere rechtslastige Gruppen, die zerstören wollen, was von unserer Demokratie noch erhalten ist.“

 

Endlich!

 

Wer am lautesten schreit, wird am ehesten wahrgenommen. Und so wurde in den letzten Jahren so ziemlich jedem Unbequemen das Mäntelchen „Antisemit“ umgehängt, was in den meisten Fällen reinste Verleumdung war – aber ungeheuer wirkungsvoll: mit „so einem“ spricht mensch nicht.

Kritik an der Politik der israelischen Regierung, Kritik an der Politik der US-amerikanischen Regierung, Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus wurde und wird mit Antisemitismus gleichgesetzt.

Der Wurm hatte sich mehrfach zur Thematik geäußert, vor allem in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/285-antisemitismus.html und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/189-ein-gutmensch-ist-ein-schlechter-mensch.html .

 

„Projekt Kritische Aufklärung

ist ein Zusammenschluss für ideologiekritische Interventionen gegen rechte Tendenzen in Deutschland. Er wurde im Juli 2017 von deutschen und israelischen Marxisten – u.a. Journalisten, Künstler, Wissenschaftler, die meisten sind politische Aktivisten – gegründet, die besonders besorgt sind über antiemanzipative Bestrebungen, den fortschreitenden Verrat an kritischer Aufklärung und Verfall der politischen Kultur innerhalb linker Bewegungen, Parteien und Medien.“

http://projektkritischeaufklaerung.de/de/projekt-kritische-aufklaerung/

Und dieses „Projekt Kritische Aufklärung“ hat die Veranstaltung „Zur Zeit der Verleumder“ durchgeführt. Der Titel ist dem gleichnamigen Gedicht von Erich Fried nachempfunden:

 

Zur Zeit der Verleumder

 

„Sie nennen mich

Verräter an meinem Volk

Sie nennen mich Jüdischer Antisemit

weil ich spreche von dem

was sie tun in Israels Namen

gegen Palästinenser

gegen Araber anderer Länder

und auch gegen Juden

die totgeschwiegen werden

 

Später einmal

werden Juden die übrigbleiben

wenn dieser Wahnsinn vorbei ist

zu suchen beginnen

nach Spuren von Juden

die nicht mittaten

sondern warnten

 

So haben Deutsche gezeigt

nach dem Untergang Hitlers

auf Deutsche die tags zuvor

noch verfolgt wurden oder getötet

Die sollten nun Zeugen sein

daß Deutsche auch anders waren

 

Ob dann ein Wort

noch nachlebt

von meiner Warnung

Wichtiger aber:

ob dann in Palästina noch Juden leben

entronnen jener Vernichtung

die sie selbst herbeiführen halfen

durch ihr Unrecht

zu meiner Zeit?“

https://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/texte/erich_fried.htm

 

Die Konferenz

 

„Der Rechtstrend in der westlichen Welt hat bizarre Erscheinungsformen. Linke werden als »Nazis«, jüdische Antifaschisten als »Verräter« diffamiert. Bereits Anfang der 1980er Jahre klagte der Dichter Erich Fried die Stigmatisierung jüdischer Linker als »rote Antisemiten« durch »Sprecher des Westens« an. Seine von den ersten Verwerfungen des neoliberal radikalisierten Kapitalismus geprägte Gegenwart beschrieb er als »Zeit der Verleumder«. Was damals mit wütenden Polemiken begann, ist heute zu einem Komplex aus Rufmordkampagnen und Sanktionen ausgewachsen, die aus den etablierten Parteien und AfD, von neokonservativen »Antideutschen«, »Antinationalen« und christlichen Fundamentalisten initiiert und von den hegemonialen Medien propagiert werden.

Kritische Juden sind wüstesten Attacken ausgesetzt: Drohungen, vereinzelt sogar Tätlichkeiten, meist aber Beschimpfungen und Herabwürdigungen, wie »Alibi-Jude« und »selbsthassender Jude«, sogar Holocaust-Überlebender und deren Nachkommen, gehören mittlerweile zum politischen Alltag. Die im September von der Deutschen Bundesregierung angenommene groteske Antisemitismus-Definition, mit der so gut wie jede Kritik an Israel, sogar an »nicht-jüdischen Einzelpersonen und/oder deren Eigentum« als Erscheinungsformen von Judenhass gebrandmarkt werden soll, zielt auf eine Kriminalisierung jüdischer Marxisten und anderer kapitalismuskritischer Linker. Die jüngst von deutschen Bürgermeistern und ihren Magistraten auf den Weg gebrachte Verordnung des Entzugs öffentlicher Veranstaltungsräume, durch den offensichtlich ein Redeverbot für jüdische Linke im Täterland exekutiert werden soll, wird den ohnehin in der Berliner Republik fortschreitenden Prozess der Entdemokratisierung und Einschränkung der Meinungsfreiheit beschleunigen.

Wie konnte es so weit kommen? Bereits 1967 hatte Ulrike Meinhof einen Strategiewechsel der Rechten analysiert, der auf die Vereinnahmung der Opfer des Völkermordes an den Juden durch die Täter und deren politische Erben zielt. Von der »Menschlichkeit der Juden« wolle die von den Springer-Medien flankierte deutsche Reaktion nichts wissen. Hingegen berausche sie sich an der unerbittlichen Härte wie an den »Blitzkriegen« der israelischen Armee und zelebriere deren Einmarsch in Jerusalem als »Vorwegnahme einer Parade durchs Brandenburger Tor«, notierte Meinhof. »Hätte man die Juden, statt sie zu vergasen, mit an den Ural genommen, der Zweite Weltkrieg wäre anders ausgegangen, die Fehler der Vergangenheit wurden als solche erkannt, der Antisemitismus bereut, die Läuterung fand statt, der neue deutsche Faschismus hat aus den alten Fehlern gelernt, nicht gegen − mit den Juden führt Antikommunismus zum Sieg.«

Diese düstere Vision ist längst Realität, zumindest ist Israel zur Projektionsfläche und zum Identifikationsmodell für die rechte »bürgerliche Mitte«, Rechtspopulisten, aber auch für transatlantische Faschisten geworden. Rechtsradikale können ungestört mit dem Slogan »AfD schützt Juden vor antisemitischen Migranten! Wir haben Israel schon immer unterstützt!« Wahlkämpfe bestreiten. Heute, wo die ultranationalistische Netanjahu-Regierung den Judenstaat und Palästina in den Abgrund treibt, gilt mehr denn je, was Meinhof damals konstatierte: »Wäre Israel ein sozialistisches Land, kein Zweifel, diese Sympathien gäbe es nicht.«

Wie die von Neocons und anderen Rechten in Großbritannien organisierte und zur regelrechten Hexenjagd eskalierende Hetze in Form von haltlosen Antisemitismusvorwürfen gegen Jeremy Corbyn und seine (jüdischen) Unterstützer zeigt, sind ähnliche dramatische Verschiebungen der politischen Koordinaten international in vollem Gange – offensichtlich, um auch noch den letzten Widerstand gegen Sozialabbau und die zusehends skrupellosere Umverteilung von unten nach oben wie gegen Aufrüstung und imperialistische Aggressionen zu brechen.

Vor diesem Hintergrund ist es besonders irritierend, dass die Mehrheit der deutschen Linken samt ihren Medien diese verheerende Entwicklung verdrängt, beschweigt – nicht selten sogar gegen jüdische Sozialisten und Kommunisten in Stellung geht. Die Hochkonjunktur dieser Kultur des Opportunismus und Kniefalls vor dem, was die Bundeskanzlerin als »deutsche Staatsräson« definiert hat, ist umso verstörender, je deutlicher sich herauskristallisiert, dass die von oben verordnete »Israelsolidarität« gegen die jüdische Linke ein Epiphänomen einer gewaltigen Regression der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit im Dienste »deutscher Normalisierung« ist.

In den 1950er Jahren wurde das von Konrad Adenauer antisemitisch mit »der Macht der Juden« als unvermeidlich deklarierte »Wiedergutmachungs«-Abkommen von israelischen wie deutschen Kritikern nicht nur als dringend benötigte Aufbauhilfe für den Judenstaat, sondern auch als Persilschein für das post- und dezidiert nicht antifaschistische Deutschland und Freibrief für dessen Wiederbewaffnung und Eintritt in die NATO erkannt. Ende der 1990er haben deutsche Linke noch die schändliche Instrumentalisierung der Opfer der Shoah (die erst durch einen imperialistischen Raubzug gegen Polen und die Sowjetunion geschehen konnte) zum »Argument« für neue deutsche Angriffskriege noch als Tabubruch skandalisiert. Heute indes wird die nur durch eine ideologische Verkleisterung von Judentum, Zionismus, Israel auf der einen und Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an der israelischen Besatzungspolitik auf der anderen Seite mögliche Diskriminierung aller Juden, die sich dieser perfiden Praxis nicht beugen wollen, weitgehend hingenommen.

Als wäre das nicht unerträglich genug: Dieser Verrat an der Emanzipations- und Aufklärungsagenda aller fortschrittlichen Kräfte degradiert nicht nur dissidente Juden zu Bauernopfern. Er bedeutet unweigerlich die Kapitulation vor dem deutschen Großmachtstreben, der bellizistischen Regime-Change-Politik der NATO und dem mörderischen Krieg gegen die Flüchtlinge aus Afrika und Asien. Auf der ideologischen Ebene fördert er irrationale kulturkämpferische bis antisemitische Welterklärungsmodelle, Eliten- und Westliche-Welt-Chauvinismus, Islamhass bis hin zu offenem antimuslimischem Rassismus. Nicht zuletzt sind die mit ihm einhergehende Inflationierung des Antisemitismusvorwurfs und die Entleerung und Verdinglichung des kategorischen Imperativs »Nie wieder!« untrügliche Zeichen der Auflösung linker Fundamentalopposition und der Errungenschaften des Historischen Materialismus.

Das 2017 gegründete Projekt Kritische Aufklärung wird diesen dramatischen Niedergang auf einer ideologiekritischen Konferenz mit Vorträgen und anderen Beiträgen von deutschen und internationalen Wissenschaftlern, Künstlern, Journalisten und Aktivisten analysieren, aufarbeiten und Gegenstrategien diskutieren.“

http://projektkritischeaufklaerung.de/de/konferenz-in-berlin-am-10-februar-2018/

 

 

 

Moshe Zuckermann:

„… und in der Tat soll es in dieser Konferenz um die Bekämpfung von Verleumdung, um die Bekämpfung von Schmähung und von Beschmutzung von Kräften, die sich als emanzipatorisch und als emanzipativ verstehen, Kräfte, die gegen die israelische Besatzung und gegen die Barbarei, die in dieser Besatzung in Israel und Palästina stattfindet, gegen diese Besatzung sich ausrichtet.

Das Problem besteht darin, dass diese Kräfte, diese Israel-kritischen Kräfte, von Deutschen, nicht nur von Deutschen, aber eben auch von Deutschen, mittlerweile als antisemitisch apostrophiert werden. Antisemitisch deshalb, weil Antisemitismus und Antizionismus und Israel-Kritik gleichgesetzt wird, so, als würde es sich um gleiche Kategorien handeln. Es handelt sich nicht um gleiche Kategorien, aber es ist auch denen, die diese Beschmutzungs- und perfide Verleumdungs-Kampagnen und –Taktik verfolgen – das ist denen vollkommen egal. Es geht ihnen mittlerweile darum, Antisemitismus bzw. Antisemitismus-Vorwurf als Macht-Instrument, als Herrschafts-Instrument, als ein Instrument der verleumderischen politischen Taktik zu verwenden.

Dass es dabei dazu kommt, dass deutsche Personen aus der zweiten und vielleicht sogar auch der dritten Generation der deutschen, na, wie soll man sagen, der deutschen Täter-Generation, heute mittlerweile auch Juden aus Israel, nicht nur Juden, aber eben auch Juden aus Israel, die ja aus der zweiten und dritten Generation aktiv geworden sind, heute als antisemitisch oder als sich selbst hassende Juden darstellen.

Das ist nicht nur perfide, das ist widerlich, deshalb, weil im Grunde genommen damit Ideologien, das heisst also, eine dem falschen Bewusstsein verschwisterte politische Taktik verwendet wird, um Leute kaltzustellen, denen es um ein Anliegen in ihrem eigenen Land geht. Es geht um ein Anliegen, dass israelische Bürger meinen, so kann der Zustand in ihrem Land nicht weiter gehen und und genau die sollen ja von deutschen Klagen kaltgestellt werden.

Warum machen das deutsche Personen – das ist eine Frage, die es auf der Konferenz zu erörtern gilt, aber ich möchte eine Vermutung aussprechen: Wenn man davon ausgeht, dass israelische Besatzung und die vollführte Politik seit Jahrzehnten, die Israel in einen Abgrund treibt, das heisst also Israel mehr oder weniger der Zersetzung aussetzt (und darüber ist schon einiges gesagt und geschrieben worden), dann sind diejenigen, die das heute versuchen zu rechtfertigen, diejenigen, die versuchen, dem sozusagen eine Legitimität zu verschaffen, im Grunde genommen von dieser Zersetzung, von dieser unterbewusst angenommenen Zersetzung selber angetrieben.

Ich möchte heute die These wagen, dass diejenigen, die Juden als Antisemiten apostrophieren, Juden als sich selbst hassende Juden darstellen, zumal, wenn sie selber nicht Juden sind, dass sie selber von einem latenten Antisemitismus angetrieben werden. Es wird darum gehen, genau das, diesen antisemitischen Impuls, bei Nicht-Juden, die Juden als Antisemiten apostrophieren, genau das auf der Konferenz zu entlarven und vor allem auch klarzustellen, welche geopolitische, allgemeine über Israel hinausgehende Ideologie, nämlich die eines mittlerweile legitim gewordenen Restkonservatismus und Neokonservatismus auch unter ehemals linken Kräften grassiert.“

 

 

Moshé Machover:

„Ich bin ein israelischer Sozialist, einer der Gründer der Israelischen Sozialistischen Organisation, bekannt als Matzpen“. Ich rufe Euch auf, zu der Konferenz zu kommen mit dem Titel „Zur Zeit der Verleumder“, ein Zitat aus einem Gedicht meines verstorbenen Freundes Erich Fried, der nicht weit von hier lebte (im Nordwesten von London). Ich begrüße diese Konferenz, sie ist tatsächlich eine notwendige Veranstaltung, um der Verleumdung entgegenzuwirken gegen Linke, die empört sind über die Gräueltaten des zionistischen Kolonialprojekts und seines israelischen Siedlerstaats.

Wir sind der Propagandamaschine dieses Projekts ausgesetzt, das die schmutzige Taktik anwendet, uns als „Antisemiten“ zu diffamieren durch die Vermengung und Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus.

Dem müssen wir entgegentreten, nicht mit Entschuldigungen, sondern mit einem Gegenangriff. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Schmutzkampagne weitergeht. Insbesondere in Anbetracht der Dienste, die dieser Kolonialismus der imperialistischen Herrschaft im Nahen Osten leistet. Israel fungiert nicht nur als ein lokales Mini-Imperium, sondern ist auch ein integraler Bestandteil des Systems der US-amerikanischen Vorherrschaft in der Region und weltweit.

Wir dürfen auch nicht davor zurückschrecken, klar und deutlich zu sagen, dass nicht nur Antizionismus nicht gleich Antisemitismus ist, sondern es oft auch der Fall ist, dass die größten Unterstützer Israels und seiner Taten, klassische rechte Antisemiten sind, wie das antisemitische Regime im heutigen Ungarn, der „Ku-Klux-Klan“ in den USA und anderswo. Auf den jüngsten Demonstrationen von Rechtsextremisten in den Vereinigten Staaten, die Antisemiten sind, wurden auch Parolen verbreitet, Israel zu unterstützen.

Diese historische und gegenwärtige ideologische Nähe zwischen Zionismus und Antisemitismus darf nicht vergessen oder aus dem politischen Diskurs verdrängt werden.

Zum Schluss rufe ich euch alle auf, alle Menschen, die guten Willens sind, an dieser wichtigen Konferenz teilzunehmen …“

 

 

Avishai Ehrlich:

„Ich bin emeritierter Professor für Politische Soziologie und politischer Aktivist. Ich spreche heute zu Ihnen, um Sie zu einer Konferenz einzuladen, die am 10. Februarin Berlin stattfinden wird: „Zur Zeit der Verleumder“.

Ich habe mein ganzes Leben dem Kampf und der Forschung rund um den israelisch-palästinensischen Konflikt gewidmet. Ich trete für das Recht der Palästinenser ein, gleichberechtigte Bürger in einem Staat zu sein, in dem Nichtjuden gegenüber Juden nicht diskriminiert werden. Dafür werde ich in Israel als „Verräter“ gebrandmarkt. Es wurde Hetze gegen mich und gegen viele Menschenrechts-Organisationen und linke Gruppen verbreitet.

Wir haben heute in Israel das Gefühl, in einer McCarthyistischen Atmosphäre zu leben.

Ich weiss, dass viele Organisationen im Ausland, die sich für Palästina einsetzen oder Israel kritisieren, in den letzten Jahren beschuldigt wurden, „antisemitisch“ zu sein. Wir meinen, dass wir uns nicht mehr rechtfertigen sollten, sondern in die Offensive gehen und die Verbindungen derjenigen, die uns „Antisemiten“ nennen, zu antisemitischen Organisationen weltweit aufzeigen müssen.

In der Konferenz werde ich zwei Beispiele geben: Das eine sind die Verbindungen zwischen der Siedlerbewegung und der israelischen Regierung mit Evangelikalen in den USA und in Europa. Ich werde zeigen, wie die Evangelikalen auf der Grundlage ihrer religiösen Überzeugungen die Siedler unterstützen, wie sie ein Exklusivrecht der Juden auf Palästina beanspruchen, die Errichtung des dritten Tempels anstelle der Moscheen auf dem Tempelberg propagieren und wie sie die israelische Regierung unterstützen.

Die Regierung Israels profitiert von ihren Verbindungen zur evangelikalen Bewegung mit vielen Rechten, die hinter Trump stehen, mit den Alt-Right-Organisationen in den USA und in Europa. Diese erhalten Unterstützung und die Bewegung ermöglicht ihnen Kontakte in viele Parlamente und Regierungen in den USA und Europa, in Südamerika und Asien. Die Bewegung treibt Spenden ein, Millionen und Abermillionen, die den Siedlungen zugute kommen.

Die zweite Verbindung besteht zwischen Israel und vielen rechtsradikalen Organisationen. Weil Europa einige Lektionen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust gelernt hat, werden dort viele Bewegungen, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben, Faschisten und Neonazis, als historisch verbrannt und untragbar für das politische Leben betrachtet. Diese Bewegungen versuchen, sich eine Art Persilschein zu verschaffen, indem sie nach Israel kommen und es unterstützen. Israel wiederum unterstützt sie und verhilft ihnen zu einer weissen Weste und zu Zugangsmöglichkeiten in die Politik, weil Israel als Sprecher des jüdischen Volkes gesehen wird.“

 

Stefan Huth: „Unmittelbaren Anstoß für die Veranstaltung gab ein Vorfall im Juni vergangenen Jahres: Im Rahmen »antideutscher« Proteste gegen eine Konferenz des Koordinationskreises Palästina-Israel (Kopi) in Frankfurt am Main war vor allem ein Referent, der in Tel Aviv lehrende Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann, zum Ziel heftiger Attacken geworden. Jutta Ditfurth verstieg sich im Rahmen dieser Auseinandersetzung sogar zu der Aussage, der als Kind von Holocaustüberlebenden in Israel geborene Zuckermann habe »sich den antizionistischen Antisemit*innen angeschlossen«. Gemeinsam mit CDU-Bürgermeister Peter Becker und Aktivisten aus dem antinationalen Spektrum machte die Publizistin und Kommunalpolitikerin gegen die Kopi-Veranstaltung mobil – ein, wie die PKA-Konferenz zeigte, charakteristischer Fall von Bündnispolitik, wenn es gegen israelkritische Juden geht. Witt-Stahl, die Zuckermann als »Ehrengast und Hauptredner« begrüßte, unterstrich, dass »wir in einer Hochzeit der Verleumder« lebten, Zeugen eines »Triumphmarschs der Quälgeister durch die deutschen Institutionen« seien. Angriffe deutscher Staatsbürger gegen unliebsame Juden seien »gefährlich an der Grenze zur Schuldumkehr« und dienten vor allem einem politischen Zweck: der Legitimierung der neoliberalen Offensive und mit ihr einhergehender imperialistischer Kriege. Die PKA-Konferenz stehe für eine »notwendige Intervention« auf marxistischer Basis: »Es ist höchste Zeit anzugreifen.«

In seinem Vortrag stellte Moshe Zuckermann die »Grundfrage« im Nahostkonflikt, die nach den Machtverhältnissen. Wenn keine Klarheit darüber bestehe, wer hier »Herr, wer Knecht« sei, könnten auch keine ideologischen Kämpfe geführt werden. Im Kern gehe es um einen Territorialkonflikt, der Israel in eine Sackgasse geführt habe. Durch den fortgesetzten Landraub in den besetzten Gebieten seien alle Optionen auf eine Zweistaatenlösung »radikal verbaut«. Jeder ernsthafte Versuch der Regierung, das Siedlerkollektiv zurückzudrängen, würde unweigerlich in einen Bürgerkrieg münden. Zugleich entwickle sich unter den Bedingungen der Besatzung faktisch ein Apartheidregime mit Zügen eines »Alltagsfaschismus«, der auf eine systematische Entrechtung nicht nur der Palästinenser hinauslaufe, wie die geplante Massenabschiebung afrikanischer Flüchtlinge zeige. Zuckermanns bitteres Fazit der politischen Entwicklung seit der Staatsgründung 1948: »In keinem Land ist jüdische Kollektivität derart bedroht wie in Israel.« Der Zionismus habe den Frieden nie gewollt, letztlich nicht einmal daran geglaubt, dass »er historisch nachhaltig« sei. Mit Blick auf das Thema Antisemitismus erkennt Zuckermann eine »Obsession« der Antideutschen, ein »Ressentiment«, das sich nun an den Palästinensern und den islamischen Fremden als Ersatzobjekten austobe. So gesehen liege es nahe, dass sich Antideutsche mit Akteuren der äußersten Rechten verbünden, nicht unähnlich dem Mossad-Veteranen Rafi Eitan, der jüngst lobende Worte für die AfD fand.

Der aus Chicago per Skype zugeschaltete Herausgeber des Onlinemagazins Electronic Intifada Ali Abunimah wies bezüglich der gegenwärtigen US-Regierung auf eine ähnliche, auf den ersten Blick paradox scheinende Verbindung hin: Sie sei die am offensten antisemitische und zugleich prozionistischste Administration in der jüngeren Geschichte. Vor dem Hintergrund der Antisemitismusresolution des Bundestags problematisierte Abunimah die Identifikation Israels mit »den Juden« und wies auf das zweifelhafte Rechtsverständnis hin, das ihr zugrunde liege und das darauf hinauslaufe, universell geltende Rechte zu suspendieren, wenn es um völkerrechtswidrige Maßnahmen Israels gehe. Er sprach sich für die BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) gegen Israel aus, die auf ethischen Prinzipien basiere und nicht ethnisch-religiös ausgerichtet sei. Die Kritik daran wies Abunimah mit Hinweis auf die ansonsten kaum vorhandenen Widerstandsmöglichkeiten der Palästinenser zurück: Bewaffneter Widerstand sei ihnen ohnehin verboten, politische Verhandlungen hätten sich über die Jahrzehnte als sinn- und ergebnislos erwiesen – ständig werde ihnen vorgehalten: »Ihr habt kein Recht auf Widerstand, nicht einmal auf gewaltfreien. Ergebt euch einfach.«

Der aus Israel angereiste Soziologe und politische Aktivist Avishai Ehrlich, Mitgründer der sozialistischen Organisation Mazpen, wies auf die wachsende Bedeutung der Evangelikalen hin, der »weltweit am schnellsten wachsenden religiösen Bewegung«. Deren Angehörige hätten engste Verbindungen zur Trump-Regierung (auch Vizepräsident Mike Pence zählt sich dieser Richtung zu). Sie sähen in den Juden »Kinder Gottes«, die als einzige die Apokalypse überlebten. Evangelikale pilgerten jährlich zu Hunderttausenden nach Jerusalem und erwiesen sich als loyalste Unterstützer der israelischen Regierung. Ihr Einfluss sei inzwischen größer als der der proisraelischen Lobbyorganisation AIPAC. Auch Ehrlich beleuchtete Kontakte der israelischen Regierung zu europäischen Rechtsaußenpolitikern wie Heinz-Christian Strache oder Geert Wilders, die diesen letztlich Legitimität verschafften und sie salonfähig machten: »Israel verkauft Ablässe wie früher die Kirche.«

Rolf Becker, Schauspieler und Verdi-Mitglied, beklagte, dass der Nahostkonflikt im gewerkschaftlichen Bereich kaum eine Rolle spiele. Er erklärte das u. a. mit der traditionellen Bindung der Gewerkschaftsführung an die SPD, die mit einer Unterwerfung unter die Staatsräson einhergehe. Becker unterstrich, dass Israel nicht von der allgemeinen Gesetzgebung ausgenommen werden dürfe, wie es etwa die derzeitige israelische Justizministerin postuliere. Becker zitierte Ken Loach und dessen Credo: »Entweder stehst du auf der Seite der Unterdrückten oder der der Unterdrücker.« Der britische Filmemacher wandte sich mit einer eigenen Grußadresse an die Konferenzteilnehmer. Darin heißt es: »Unsere Forderung muss sein, dass Israel für seinen Bruch des Völkerrechts und der Genfer Konvention zur Verantwortung gezogen wird. Und wir müssen auf dem unveräußerlichen Recht der Palästinenser bestehen, in ihrem eigenen Land in Frieden und Sicherheit zu leben.«

Einen Videomitschnitt dieser überaus ertragreichen, rund zwölfstündigen Veranstaltung mit zahlreichen weiteren Beiträgen wollen die Organisatoren demnächst verfügbar machen. Die Tagung endete mit einer Diskussion über Möglichkeiten der Opposition »wider den Zeitgeist der Verleumder«. Die Debatte darüber, was da konkret zu tun sei, hat mit dieser »ideologiekritischen Intervention«, wie es im Untertitel heißt, zweifellos neue Konturen gewonnen.“

https://www.jungewelt.de/artikel/327084.tribunal-gegen-verleumder.html

 

Warum?

 

Die Antisemitismus-Debatte der letzten Jahre, die mit dem eigentlichen Antisemitismus überhaupt nichts zu tun hat, ist zutiefst irrational, aber auch sehr erfolgreich. Ein weiterer Beweis für die Bewohner des Erdreichs, dass die Menschen zutiefst irrational sind.

Wer die Politik der israelischen Regierung kritisiert, ist „antisemitisch“ und „rechts“.

Wer die Politik der Regierung der USA (als Schutzmacht des Staates Israel) kritisiert, ist „antisemitisch“ und „rechts“.

Wer den Kapitalismus (da von den USA und von Juden betrieben) kritisiert, ist „antisemitisch“ und „rechts“.

Das ist alles dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass es einer Beleidigung des Intellekts eines Wurms gleichkommt.

 

Wem nutzt es?

 

In erster Linie der israelischen Regierung, der Regierung der USA, dem Kapitalismus. Alle können schalten und walten, wie sie wollen – Kritiker werden durch den Antisemitismus-Vorwurf mundtot gemacht.

 

Die Verleumder

 

Diejenigen Finsterlinge, die „von oben“ agieren, handeln rational, auch wenn ihre Argumente irrational sind. Sie wollen, dass ihre Klientel gut da steht und erreichen ihre Ziele.

Nun kann ja jeglicher Blödsinn verbreitet werden – allerdings bedarf es solcher Menschen, die diesen Blödsinn voller Begeisterung verbreiten und solcher Menschen, die begierig daran glauben.

Rolf Becker (ab Minute 8): „Wenn ich kennzeichnen soll, was sie wirklich sind, dann sind es nur Leute, die ihren Wechsel von unten nach oben, oder von unterdrückter Klasse in unterdrückende Klasse, die diesen Wechsel kaschieren wollen. Das heisst, die passen sich also einfach der herrschenden Politik an, sagen „ja“ zu Frau Merkel, und der Umweg läuft über Israel, USA. Wenn man Israel kritisiert, oder sogar nur die USA kritisiert, dann kritisiert man den Verbündeten Israels und dann ist man schon tendenziell ein Antisemit.

Klassenbewusste Leute werden als Antisemiten beschimpft, und sie selber kaschieren diesen Wechsel von unten nach oben, oder von links nach rechts, wie man das auch ausdrücken will, auf diese Weise. Das ist nur eine ideologische Umschreibung, sonst nichts. Ich halte die für nichts anderes als für einfache Aufsteiger, die für ihren Aufstieg und für ihren Wechsel der politischen Überzeugung oder für ihre Preisgabe der politischen Überzeugung eine Ausrede brauchen, und das eben hinter dem angeblichen Antisemitismus verbergen, wobei dieser Antisemitismus im Grunde genommen, den sie kritisieren, von ihnen selber praktiziert wird.“

 

 

Das ist sehr gut ausgedrückt. Mit den Folgen, nämlich dass sich ehemalige „Linke“ völlig von ihren früheren Positionen abkehren, mit sozialen Dingen oder etwa Pazifismus überhaupt nichts mehr zu tun haben, hat sich der Wurm mehrfach beschäftigt. Unter anderem in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/251-zeitenwende.html , http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/254-weisser-muell.html , http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/286-extrem.html , http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/310-links.html

Die große Masse derjenigen, die das alles glauben, sind die Gutmenschen. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um nichts anderes als religiöse Eiferer: Es gibt ein Regelwerk, an das sich alle zu halten haben (auch, wenn es noch so irrational sein mag). Wenn dann von einem behauptet wird, er sei „Ketzer“ oder eine „Hexe“, dann werden die mit großer Inbrunst verfolgt – selbst dann, wenn die Behauptung völlig daneben ist.

Auf der anderen Seite werden die größten Verbrecher ignoriert, wenn sie Teil der Mehrheits-Religion sind. In die heutige Zeit übersetzt: Von den Gutmenschen stellt keiner die Forderung auf, etwa Saudi-Arabien zu bombardieren – wohl aber solche Länder wie Jugoslawien, Irak, Libyen oder Syrien.

Eine sehr schöne Beschreibung dieser Gutmenschen findet sich in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/189-ein-gutmensch-ist-ein-schlechter-mensch.html

 

Wem schadet es?

 

Allen Menschen, die die Politik der israelischen Regierung kritisieren, darunter viele Juden.

Mensch stelle sich vor, jegliche Kritik an der deutschen Regierung würde als „antigermanisch“ gebrandmarkt und die Kritiker als böse Menschen dargestellt. Das wäre nicht viel anders.

Es schadet den Palästinensern und allen Opfern der US-Politik nach innen und außen sowie allen Opfern des ungezügelten Kapitalismus.

Innerhalb der Linken ist es kaum noch möglich, Solidaritäts-Veranstaltungen über Palästina zu machen ohne massive Störungen mit Hinweisen auf „Antisemitismus“ (wenn denn überhaupt Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden).

Letztendlich werden überhaupt linke Bewegungen zersetzt. Diejenigen Aufrechten, die es noch mit Frieden, Sozialem und Solidarität haben, werden von „Linken“ antisemitischer Umtriebe beschuldigt. Und solche Menschen, die nicht ausdrücklich „links“ sind, aber große Sympathien für linke Ideen haben, wenden sich mit Grausen vom ganzen linken Spektrum ab, weil die irrationalen und lautstarken Spinner mit ihrem Antisemitismus-Geschwafel die Meinungsführerschaft übernommen haben und kaum Gegenwehr stattfindet.

„Zur Zeit der Verleumder“ dürfte eine der letzten Gelegenheiten sein, das Rad noch herumzudrehen, einen großen Teil der linken Szene auf den Pfad der Vernunft zurückzuführen und den „Antisemitismus“-Schreihälsen zu zeigen, wer sie sind und dass sie nicht alleine auf der Welt sind.

 

Moshe Zuckermann

 

Aus „Wikipedia“: „Moshe Zuckermann (geboren 1949 in Tel Aviv) ist ein israelischer Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Seit 2009 ist er wissenschaftlicher Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien.

Zuckermann wurde als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Israel geboren und wuchs in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Deutschland (Frankfurt am Main), wo Zuckermann auch studierte. Mit 21 Jahren kehrte er von Frankfurt nach Israel zurück. Dort lehrte er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas der Universität Tel Aviv. Von Februar 2000 bis 2005 leitete er das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. 2006/2007 war er Gastprofessor am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern.

Zuckermann gilt als Kritiker der israelischen Politik und Gesellschaft. Er steht politisch links und befürwortet eine Konföderation zwischen Israel und einem unabhängigen Staat Palästina als langfristige Lösung des Konflikts.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Moshe_Zuckermann

Passend zum Thema sind seine Bücher „Wider den Zeitgeist – Aufsätze und Gespräche über Juden, Deutsche, den Nahostkonflikt und Antisemitismus“ (Band 1) aus dem Jahr 2012 und „„Antisemit!“ – Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“ aus dem Jahr 2010. Beide Bücher sind sehr zu empfehlen.

Hier Moshe Zuckermann bei der Präsentation seines „Antisemit!“-Buches:

 

 

 

Es gibt zahlreiche Videos mit Moshe Zuckermann, unter anderem im Gespräch mit Ken Jebsen:

 

 

Im Vorfeld zur Konferenz gab er Stephan Bartunek ein Interview für „Rubikon“:

Herr Zuckermann, Sie werden um den 10. Februar in Berlin auf einer Konferenz sprechen, die sich nach einem Gedicht von Erich Fried nennt: „Zur Zeit der Verleumder“. Der Lyriker schrieb dieses Gedicht in den 1980er Jahren und fasst darin mit seiner typischen und wunderschönen Melancholie zusammen, wie man ihn als „jüdischen Antisemiten“ benennt, weil er sich gegen die Unterdrückung der Palästinenser durch den israelischen Staat und dessen Militär ausspricht …

Zur Zeit von Fried war noch eine offene Debatte über den israelischen Militärapparat möglich. Sie haben die 1980er Jahre damals erlebt und sind jetzt auch noch als Intellektueller im öffentlichen Diskurs zugegen. Können Sie aus Ihrer Sicht festhalten und auch erklären, was sich so radikal, vor allem innerhalb der politischen Linken und hier insbesondere im deutschsprachigen Raum, verändert hat?

Es hat sich in dieser Hinsicht in der Tat einiges seit den 1980er Jahren geändert. Die Gründe dafür mögen unterschiedlich sein, aber ein zentraler scheint mir zu sein, dass mit dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus der westlichen Linken insgesamt eine zentrale Gesinnungskoordinate abhanden gekommen war: Sozialismus war nicht mehr en vogue; der Gesellschaftsbegriff der Sozialwissenschaften brach nach und nach weg und wurde durch "Kultur" ersetzt, System- und Strukturanalysen machten identitären Diskursen und ressentimentgeladener Identitätspolitik Platz.

In Deutschland und mutatis mutandis auch in Österreich zeitigte diese linke Lakune eine besondere Erscheinung: Aus dem Bewusstsein heraus, die Vereinigung beider deutscher Staaten nicht hinnehmen zu können, formierte sich eine linke "antideutsche" Gesinnungsbewegung. Das ursprüngliche "Nie wieder Deutschland" suchte nach einem neuen Halt, den man in "den Juden" fand:

Weil Deutsche an Juden Monströses verbrochen hatten, avancierte die Solidarität mit "Juden" zur neuen "linken" Identität. Und weil sich Juden nach 1945 in Israel nationalstaatlich konsolidiert hatten, gerann Israel samt seiner nationalstaatlichen Ideologie des Zionismus zur Matrix des Selbstverständnisses der ehemaligen sozialistischen, gar kommunistischen Linken.

Positiv wurden somit Juden, Zionismus und Israel gleichgestellt bzw. als gleichwertig wahrgenommen. Negativ gewendet hieß es, Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik gleichzustellen. Und weil es für aufgeklärte Deutsche nach 1945 galt, den Antisemitismus wo auch immer zu bekämpfen, fetischisierte man den Kampf gegen den Antisemitismus als Grundpfeiler des eigenen Selbstverständnisses und projizierte diese Verdinglichung - die bald genug mit Juden und Antisemitismus nichts mehr zu tun hatte - auf den Diskurs über Zionismus und den Nahostkonflikt.

Je mehr man sich nun aber von der ursprünglichen Intention entfernte, verselbstständigte sich der Antisemitismus-Vorwurf und verkam zur ideologischen Kampfparole. Jene, die heute Juden als Antisemiten bzw. als "sich selbst hassende Juden" beschimpfen, haben von Israels Realität keine Ahnung und scheren sich einen feuchten Kehrricht um Juden.

An der gegenwärtigen Diffamierung von israelischen Intellektuellen, aber auch von Aktivisten und Journalisten aus dem deutschsprachigen und internationalen Raum, beteiligen sich Menschen, die sich selbst wohl dem politischen Spektrum von links bis rechts und auch konservativ bis liberal zuordnen. Einig sind sie sich in ihrem Kanon, nämlich in der Glorifizierung der westlichen Wertegemeinschaft und im kompletten Negieren und Umdeuten historischer Fakten und Ereignisse. Israel wird hier gerne, wie es auch Premierminister Benjamin Netanjahu nicht müde wird zu betonen, als Speerspitze dieser Gemeinschaft glorifiziert. Handelt es sich dabei um eine Art „Querfront“, oder wie würden Sie diese Interessensgruppe mit ihren Überschneidungen betiteln? Und wie erklären Sie diesen gemeinsamen Fanatismus?

Der gemeinsame Nenner dieser sich überschneidenen Lager ist die grassierende Islamophobie und der virulente Fremdenhass. Da Juden nun zumindest in Deutschland tabu sind, auch für Rechte und Rechtsradikale, hat man einen kommoden Ersatz für sie gefunden: Alle Lager weisen ein gewisses Ressentiment gegenüber dem Islam und seinen fundamentalistischen Auswüchsen auf; alle wissen sich in guter Gesellschaft, wenn sie gegen Flüchtlinge bzw. Zugezogene wettern.

Die "Querfront", wenn es denn eine ist, richtet sich nicht gegen eine authentische linke Gesinnung, sondern ist lediglich das ursprüngliche antisemitische Ressentiment - auch unter den israelsolidarischen "Linken" -, das nun ein neues, legitimeres und konsensuell abgesegnetes Objekt gefunden hat. Mit jedem islamistischen Terrorvorfall sieht man sich in seiner Ideologie bestätigt, ohne Rechenschaft darüber abzulegen, dass sich das Ressentiment aus derselben Quelle speist, die zu anderen Zeiten den Antisemitismus salonfähig gemacht hatte.

In den letzten Jahren wird auch der Zionismus selbst immer mehr in die öffentliche Debatte mit einbezogen, dem herrschenden Zeitgeist entsprechend entweder als nur gut oder nur böse wahrgenommen. In Europa wird in der öffentlichen Wahrnehmung Zionismus mit dem Judentum gleichgesetzt; dass gerade religiöse Menschen, die doch eher dem Christentum zuzuordnen sind, sich auch für den revisionistischen Zionismus stark machen, wird komplett ausgeblendet. Im Gegenteil: Emanuel Macron ließ sich zu der Aussage hinreißen, dass Antizionismus Antisemitismus sei, und auch Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ es sich in seiner Antrittsrede nicht nehmen, Kritik am israelischen Staat und der Besatzung mit Antisemitismus gleichzusetzen. Hier hat sich aktuell ein spannender "NewSpeak" etabliert, es handelt sich nämlich um den „importierten Antisemitismus“ oder eben den „muslimischen Antisemitismus“, und diese reihen sich ohne großes Aufsehen an den auch relativ neuen „linken Antisemitismus“. Kann Antisemitismus überhaupt ein derart breit gefächertes Spektrum haben, oder ist dieses New Speak nicht einfach nur billigste Instrumentalisierung?

Der Antisemitismus qua "Antisemitismus" ist und war stets vielfältig verwendbar. Er konnte sich im 19. und 20. Jahrhundert gegen jüdische Kapitalisten und gleichermaßen gegen jüdische Sozialisten richten.

Er konnte sich philosemitisch gerieren; die Evangelikaner in den USA wären ein Beispiel dafür. Er konnte sich auch prozionistisch geben; die Nazis sahen zu Beginn ihrer Bewegung den Zionismus als eine mögliche Lösung an, Deutschland "judenrein" werden zu lassen. Er konnte vom Zionismus instrumentalisiert werden; der Zionismus wollte ja nie den Antisemitismus ausrotten, sondern ganz im Gegenteil als Antrieb für die Emigration von Juden in der Welt nach Israel am Leben erhalten. Es ließen sich noch Dutzende Facetten der instrumentalisierenden Inanspruchnahme des Antisemitismusvorwurfs aufzeigen.

Das Bemerkenswerte an diesem Phänomen ist, dass die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs zumeist herzlich wenig mit dem Antisemitismus per se bzw. mit seiner vorgeblichen Bekämpfung zu tun hat, sondern schlicht mit heteronomen Interessen. Den Evangelikanern in den USA etwa geht es ja nicht um die Juden als solche, sondern um die Versammlung aller Juden in Zion, damit sie im apokalyptischen Endkampf als Juden untergehen und als Christen aus diesem endzeitlichen Ereignis hervorgehen.

Man muss immer den Verwendungszweck des Antisemitismusvorwurfs bzw. der vermeintlichen Judenliebe mit ins Auge fassen.

Der FPÖ-Obmann und österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache wird nicht müde, immer wieder seine Wertschätzung des Zionismus zu verkünden. Im Juni 2017, noch vor der Nationalratswahl in Österreich, hat Heinz-Christian Strache einen Brief an Benjamin Netanjahu geschrieben, in dem er sich für die Anerkennung von Jerusalem als israelische Hauptstadt aussprach. Große Teile der politischen Rechten, von den USA bis nach Europa, und leider auch Teile der politischen und intellektuellen Linken unterstützen diesen Schritt entweder offen oder durch beschämendes Schweigen. Warum liegt diesen Gruppen eine weitere, religiös begründete Eskalation so am Herzen?

Ich sagte es schon: Weil sie sich in keinster Weise um Juden und Israel, aber auch nicht um das Schicksal der Palästinenser scheren. Jeder politisch rational denkende Mensch kann einsehen, dass ein solcher Schritt schlimme gewaltdurchwirkte Folgen haben könnte.

Ein Strache kann sich ideologisierend zugute halten, Juden = Zionismus = Israel unterstützt zu haben, und mithin den Vorwurf, ein rechtsradikaler, tendenziell antisemitischer Politiker zu sein, von sich weisen. Ein Trump kann damit seine evangelikale Wählerschaft bedienen - Sie wiesen oben bereits darauf hin. "Linke" können ihrem antipalästinensischen Ressentiment bzw. ihrer "prozionistischen" Solidarität mit "Juden" performativen Ausdruck verschaffen.

Allen gemeinsam ist, dass sie Israel, Palästina, Juden und Moslems realiter herzlich wenig interessieren. Das ist das eigentlich Perfide dabei.

Die neue österreichische Außenministerin Karin Kneissl, interessanterweise von der FPÖ in das Ressort eingesetzt, schrieb in ihrem Buch „Mein Naher Osten“ davon, dass der Zionismus eine „Blut-und-Boden-Ideologie“ sei, die sich aus dem deutschen Nationalismus des 19. Jahrhunderts entwickelt habe. Was halten Sie von dieser Aussage?

Die Aussage hört sich provokant an, und ich weiß offen gestanden nicht, was die Intention von Karin Kneissl ist. Aber objektiv lässt sich sagen, dass zumindest der zentraleuropäische Zionismus des deutschsprachigen Raums vieles von den Kategorien Volk, Nation, auch der Rasse, mithin von der organizistisch sich dünkenden völkischen Ideologie übernommen und sich an ihr orientiert hat.

Ob man nun gleich von "Blut und Boden", immerhin ein Nazi-Ideologem, reden muss, wage ich zu bezweifeln. Die Blut-Kategorie ist im Judentum, also auch im Zionismus anders begründet als in den modernen Rassenideologien, nämlich religiös. Ich wäre also vorsichtig mit solchen sloganhaft pauschalisierenden Urteilen.

So wie ich Sie kennen und schätzen gelernt habe, würde ich Sie unter anderem auch als liberalen Zionisten beschreiben. Wie geht für Sie eine adäquate Kritik am Zionismus, wo hört diese auf und wo fängt tatsächlich Antisemitismus an?

Sie irren, Herr Bartunek, ich bin Marxist und von daher kein "Liberaler". Und als ich noch Zionist war - und ich war es einmal -, war ich ein sozialistischer Zionist. Das hat mit dem heutigen Israel freilich nichts mehr zu tun. Der sozialistische Anteil am Zionismus ist längst untergegangen. Und Sie sollten nicht in die Falle hineintappen, die wir hier erörtert haben:

Kritik am Zionismus und ohnehin die an Israels Politik hat im Wesen nichts mit Antisemitismus zu tun.

Es gibt zionismuskritische Juden, und es gibt israelkritische Zionisten. Wenn Antisemiten sich des antizionistischen Arguments bedienen, müssen sie als solche, namentlich als Antisemiten, desavouiert und angegriffen werden.

So wie es scheint, stehen uns im besten Fall spannende, wenn nicht aber doch gefährliche Zeiten bevor. Die herrschenden oder kommenden Verhältnisse sind aber nicht vom Himmel gefallen, sie sind gemacht und können genauso auch wieder weggemacht werden. Abgesehen von der Konferenz in Berlin, was braucht es, um aus der Geschichte wieder eine andere Geschichte zu machen?

Ach, Herr Bartunek, Ihre Frage ist dermaßen gewichtig — philosophisch, soziologisch, ökonomisch und kulturell gewichtig —, dass es eines ganzen Buches bedürfte, um sie auch nur im Ansatz zu erörtern und zu beantworten. Ich lasse ihre oberflächliche Beantwortung lieber sein.“

https://www.rubikon.news/artikel/zeit-der-verleumder

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm