Sofortige Beendigung des Krieges (der Millionen zu Toten oder Krüppeln machte), Millionen von bislang besitz- und rechtlosen Bauern haben Teil am zu bebauenden Land, Millionen von Arbeitern haben Teil an den Fabriken und sehr viel angenehmere Arbeits-Bedingungen, Frauen sind grundsätzlich den Männern gleich gestellt, Scheidungen und Abtreibungen sind völlig problemlos, sämtliche vorher gegen Homosexuelle gerichteten Paragraphen ersatzlos gestrichen – und das vor 100 Jahren.

Was würde ein heutzutagiger politisch korrekter Gutmensch dazu sagen?

Sehr wahrscheinlich würde sich bei diesem Schaum vor dem Mund bilden und er würde beginnen, gegen die Ergebnisse der russischen Oktober-Revolution, die vor 100 Jahren stattfand, zu hetzen.

Denn seitdem ist er westlicher Propaganda ausgesetzt, die diese Revolution verleumdet.

Unter anderem mit dem Argument, dass es sich um einen Putsch einer kleinen machtgierigen Clique gehandelt hätte.

Was mensch auch immer gegen die Russische Revolution vorbringen mag – dieses Argument ist total daneben.

Das wird vor allem dann deutlich, wenn mensch „Geschichte der russischen Revolution“ von Leo Trotzki oder „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ von John Reed liest.

 

Leo Trotzki: „Geschichte der russischen Revolution“

 

Online: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/index.htm

 

Sybille Fuchs: „Wir veröffentlichen hier das Vorwort zur neuen Ausgabe der "Geschichte der Russischen Revolution" von Leo Trotzki, die jetzt in zwei Teilbänden im Mehring Verlag erschienen ist. Weitere Informationen gibt es auf der Website des Mehring-Verlags, wo die Bücher auch bestellt werden können.

Leo Trotzkis "Geschichte der russischen Revolution" gehört auch 80 Jahre nach ihrem Erscheinen zu den bedeutendsten Werken der historischen Literatur. Sie behandelt eine Epoche von ungeheurer Dynamik, die der Weltgeschichte innerhalb weniger Monate eine neue Richtung gab, das Leben von Millionen Menschen - nicht nur in dem riesigen Zarenreich, sondern auf der ganzen Welt - grundlegend veränderte und bis heute beeinflusst …

Die spätere Degeneration und Auflösung des aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Arbeiterstaats mindert nicht deren historische Bedeutung. Nicht zufällig war Trotzki, derselbe Mann, der die Revolution an Lenins Seite angeführt hatte und sie im vorliegenden Band so meisterhaft beschreibt, auch der erste und beharrlichste Kritiker ihrer stalinistischen Degeneration. Will man den Aufstieg und Niedergang der Sowjetunion verstehen, sind Trotzkis Werke trotz der zahlreichen, seither erschienenen Detailstudien unverzichtbar. Neben der "Geschichte der Russischen Revolution" gilt dies insbesondere für die "Verratene Revolution", seine gründliche Analyse der Ursachen und der Bedeutung des Stalinismus …

Trotzkis Schilderung der revolutionären Periode vom Februar bis zum Oktober 1917 ist in vieler Hinsicht einzigartig. Er versteht es, die Ereignisse spannend zu erzählen und sie sowohl in ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung als auch aus der besonderen Geschichte Russlands heraus verständlich und geradezu miterlebbar darzustellen. Der historische und literarische Rang dieses Werks - ebenso wie seiner ein Jahr zuvor erschienenen Autobiografie "Mein Leben" - wurde damals von vielen Zeitgenossen anerkannt, selbst wenn sie Trotzkis politische Ansichten nicht teilten. In zahlreichen Artikeln, Büchern oder Briefen finden sich entsprechende Würdigungen.

So schrieb der bekannte amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson 1933 in The New Republic über Trotzki: "In der ‘Geschichte der Russischen Revolution’ stellt er seine Auffassung der Gesellschaft und ihrer Entwicklung meisterhaft dar. Ebenso wie Marx’ ‘Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte’ lässt uns dieses Werk hinter dem Schattenspiel der Politik die Gruppeninteressen, kollektiven Bedürfnisse und Begehrlichkeiten erkennen, in deren Licht sich die Figuren auf der Leinwand abzeichnen, auch wenn sie ihnen selbst bisweilen gar nicht bewusst sind. Wer Trotzkis Darstellung der Geschichte gelesen hat, kann die Sprache, die Konventionen und die Ansprüche der parlamentarischen Politik, falls er sich je Illusionen darüber hingab, nie wieder mit den alten Augen sehen. Ihre Konturen verschwimmen, sie verblassen und lösen sich buchstäblich in Luft auf. Der Kampf um Ämter, das alte Spiel der parlamentarischen Debatte erscheinen müßig und überholt. An ihre Stelle tritt eine neue Wissenschaft der gesellschaftlichen Umgestaltung und Organisation, von deren Genauigkeit wir mit unseren althergebrachten politischen Programmen nur träumen konnten und die so tief in den Kulturbestand eines Volkes eindringen kann, wie dies bisher selbst in Nationen, die unter unseren ‘demokratischen’ Einrichtungen die beste politische Bildung genossen, nicht vorstellbar war"…

Die "Geschichte der russischen Revolution" ist kein konventionelles Werk akademischer Historiker. Trotzki schildert Ereignisse, an denen er selbst in führender Position teilgenommen hat. Das macht sein Buch so einmalig. Es atmet die Authentizität und das Engagement des unmittelbar Beteiligten. Dennoch ist es weder ein autobiografisches noch ein Memoirenwerk. Trotzki unterstreicht das, indem er von sich selbst in der dritten Peron spricht. Sein Ziel umreißt er mit den Worten: "Die Geschichte der Revolution muss, wie jede Geschichte, vor allem berichten, was geschah und wie es geschah. Das allein jedoch genügt nicht. Aus dem Bericht selbst muss klar werden, weshalb es so und nicht anders geschah“ …

Die Besonderheit der russischen Revolution lag im Zusammenfallen des Bauernkriegs und des proletarischen Aufstands, die in den fortgeschrittenen europäischen Ländern Jahrhunderte auseinander lagen. "Wäre das Agrarproblem, als Erbe der Barbarei der alten russischen Geschichte, von der Bourgeoisie gelöst worden, hätte sie es zu lösen vermocht, das russische Proletariat hätte im Jahre 1917 keinesfalls an die Macht gelangen können. Um den Sowjetstaat zu verwirklichen, war die Annäherung und gegenseitige Durchdringung zweier Faktoren von ganz verschiedener historischer Natur notwendig: des Bauernkrieges, das heißt einer Bewegung, die für die Morgenröte der bürgerlichen Entwicklung charakteristisch ist, und des proletarischen Aufstandes, das heißt einer Bewegung, die den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet. Darin eben besteht das Jahr 1917" …

Viele Historiker denunzieren die Oktoberrevolution bis heute als "Verschwörung" und "Putsch" einer kleinen Gruppe bolschewistischer Revolutionäre. Sie behaupten, ihre Protagonisten hätten eine friedliche, bürgerlich-demokratische Entwicklung Russlands verhindert und damit die Grundlage für die spätere stalinistische Diktatur gelegt.

Trotzkis Buch widerlegt diese Auffassung überzeugend. "Die Geschichte der Revolution ist für uns vor allem die Geschichte des gewaltsamen Einbruchs der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke", schreibt er und schildert minutiös, wie die Massen, denen die alte Ordnung unerträglich wird, den "Fachmännern" des geschichtlichen Handwerks - den Monarchen, Ministern, Bürokraten, Parlamentariern, Journalisten - das Heft aus der Hand nehmen. Er untersucht den psychologischen Prozess, der sich unter dem Druck des Krieges und der Politik der provisorischen Regierung unter den Arbeitermassen vollzieht. Allmählich durchschauen sie die Machenschaften der ihnen feindlich gesonnenen politischen Kräfte, der Versöhnler und Opportunisten, und überzeugen sich von der Folgerichtigkeit der Politik der Bolschewiki. Sie verstehen, dass sie nur so ihre elementaren Interessen - Brot, Land und Frieden - verwirklichen können. Aus dem spontanen Zorn entwickelt sich nach und nach das Verständnis, dass die Politik der provisorischen Regierung in die Sackgasse führt. Die sozialistische Perspektive der Bolschewiki setzt sich durch und beginnt ihr Handeln anzuleiten.

Trotzkis "Geschichte der Russischen Revolution" ist nicht nur ein geniales historisches Werk, sondern auch ein Stück Weltliteratur, das so manches fiktive Werk in den Schatten stellt. Der Autor beschreibt vom heutigen Standpunkt aus lange zurückliegende Ereignisse und Personen, die - außer Historikern - nur wenige Menschen noch kennen und einordnen können. Aber seine Beschreibungen sind so spannend und kurzweilig, seine Charakteristiken so plastisch, dass sie wieder lebendig werden und erstaunliche Ähnlichkeiten zur heutigen Politprominenz aufweisen. Auch die herrschenden Klassen im alten Russland beschreibt Trotzki nicht in trockenen Abhandlungen. Die Schilderung der Ereignisse und der Personen ist von einer Lebendigkeit und Klarheit, die den Leser mitten ins Geschehen versetzt, ohne dass er den Kompass verliert, um sie historisch und gesellschaftlich einzuordnen. Sein Buch steht in der Tradition der großen russischen Erzähler, vergleichbar mit Tolstois "Krieg und Frieden" …

Ein Beispiel für Trotzkis meisterhafte Ironie findet sich in seiner Schilderung der Auseinandersetzungen innerhalb der provisorischen Regierung: "Zeretelli, ein unerschöpflicher Born von Gemeinplätzen, entdeckte, dass das Haupthindernis für eine Verständigung ‘bislang im gegenseitigen Misstrauen bestand ... Dieses Misstrauen muss beseitigt werden’. Außenminister Tereschtschenko errechnete, dass von den 197 Lebenstagen des Bestehens der revolutionären Regierung 56 auf Krisen verbraucht worden waren. Worauf die übrigen Tage verbraucht wurden, erklärte er nicht."

Wenn Trotzki anekdotenhaft einzelne Episoden erzählt, so illustrieren sie nicht nur die Ereignisse, sondern haben immer auch eine präzise Funktion für die Deutung der soeben dargestellten historischen Situation. Das macht seine Geschichte zu einem kaleidoskopartigen historischen Gemälde, wie sie in der Malerei der Renaissance üblich waren. Ein Beispiel dafür ist die Schilderung des Ausbruchs der Februarrevolution …

Die gegenwärtige Krise ruft ein wachsendes Interesse an Fragen der Geschichte hervor. Die sozialen Gegensätze haben wieder ein Ausmaß erreicht, das an die schlimmsten Zeiten des zaristischen Selbstherrschertums erinnert. Die Neuauflage von Trotzkis "Geschichte der russischen Revolution" führt einer Generation, die keine sozialen Kämpfe erlebt hat, die Klassendynamik einer Volkserhebung vor Augen. Sie zeigt die verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung und den Lernprozess der Massen, die sich vom unterdrückten, ausgebeuteten Kanonenfutter zum selbstständig handelnden historischen Subjekt erheben. Sie ist ein Handbuch der sozialen Revolution.

Um es mit Trotzkis eigenen Worten zu sagen: "Die Geschichte hätte keinen Wert, wenn sie uns nichts lehren würde. Die machtvolle Planmäßigkeit der russischen Revolution, die Kontinuierlichkeit ihrer Etappen, die Unüberwindlichkeit des Massenvorstoßes, die Vollendung der politischen Gruppierungen, die Prägnanz der Parolen, all das erleichtert aufs Äußerste das Verständnis für die Revolution im Allgemeinen und damit auch für die menschliche Gesellschaft. Denn man darf durch den gesamten Verlauf der Geschichte als erwiesen betrachten, dass eine von inneren Widersprüchen zerrissene Gesellschaft nicht nur ihre Anatomie, sondern auch ihre ‘Seele’ gerade in der Revolution restlos enthüllt."

https://www.wsws.org/de/articles/2010/01/revo-j16.html

 

John Reed: „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“

 

Online: http://www.mlwerke.de/re/re.htm

 

Sybille Fuchs: „Kaum ein Buch schildert die russische Oktoberrevolution von 1917 so lebendig und packend wie John Reeds Bestseller „10 Tage, die die Welt erschütterten“. Der Grund dafür ist, dass Reed nicht aus zweiter Hand berichtete, sondern, wie Egon Erwin Kisch sein Vorwort überschreibt, „ein Reporter auf der Barrikade war“. Seine Reportagen sind nicht nur spannend zu lesen, sondern ein historisches Dokument ersten Ranges.

Der amerikanische Journalist John Reed (22. Oktober 1887 – 19. Oktober 1920), ein Harvard-Absolvent, arbeitete seit 1913 bei der von Max Eastman herausgegebenen linken Zeitschrift The Masses. Er war Kriegsberichterstatter im Ersten Weltkrieg, schrieb über zahlreiche Streiks und Arbeitskämpfe und über die Revolution in Mexiko. Dabei war er nie nur Beobachter, sondern schrieb engagiert auf der Seite der Kämpfenden und Unterdrückten. Mit „Augen für das kleinste kennzeichnende Detail“ (Kisch) nahm er Partei für sie.

Zusammen mit seiner Partnerin Louise Bryant reiste er im August 1917, kurz nachdem der Kornilow-Putsch missglückt war, nach Russland. Warren Beatty hat dies im Spielfilm „Reds“ (1981) verewigt, in dem er selbst die Rolle Reeds spielt. Dieser verfolgte die dramatischen Ereignisse in den folgenden Monaten aus nächster Nähe und zeichnet präzise auf, was er sah und hörte. In seinem Buch, das er aus diesen Notizen zusammenstellte, schildert er nicht nur, was sich in den entscheidenden zehn Tagen abspielte, er lässt auch die politischen Akteure aller politischen Lager zu Wort kommen.

Als er in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, beschlagnahmte die amerikanische Regierung alle seine Papiere, und er konnte sein Buch erst verfassen, nachdem er sie zurückerhalten hatte. Die amerikanische Ausgabe erschien mit kurzen Vorworten von Lenin und seiner Frau Nadeschda Krupskaja und wurde in viele Sprachen übersetzt.

Das erste Kapitel „Hintergrund“ beginnt mit einem „verwirrten“ ausländischen Professor. Diesem war berichtet worden, die Revolution sei im Abebben. Als er im September 1917 durch das Land reiste, musste er aber feststellen, dass das Gegenteil der Fall war: „Unter den Lohnarbeitern und der werktätigen Landbevölkerung ertönte immer mehr der Ruf: ‚Alles Land den Bauern!‘ ‚Alle Fabriken den Arbeitern!‘ Wenn der Herr Professor die Front besucht hätte, so hätte er hören können, wie in der ganzen Armee von nichts als dem Frieden die Rede war. Der Professor war verwirrt ohne Grund, beide Beobachtungen waren richtig. Die herrschenden Klassen wurden konservativer, die Volksmassen radikalisierten sich.“ (S. 21)

Reed schildert, wie gegensätzlich die Angehörigen verschiedener Klassen die Situation erleben: „Um Milch und Brot, Zucker und Tabak musste man stundenlang im kalten Regen anstehen. Als ich einmal aus einer die ganze Nacht währenden Versammlung nach Hause kam, sah ich, wie die Menschen, meist Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm, sich bereits vor Morgengrauen anzustellen begannen … Dabei hatten die Theater Abend für Abend, auch des Sonntags Hochbetrieb. Die Karsawina zeigte sich in einem neuen Ballett im Marientheater und alle tanzbegeisterten Russen gingen hin, sie zu sehen. Schaljapin sang. Im Alexandrinentheater wurde Meyerholds Inszenierung von Tolstois Iwan des Schrecklichen gegeben. Und bei der Vorstellung erinner ich mich einen Zögling der Kaiserlichen Pagenschule beobachtet zu haben, der in den Pausen jedesmal aufstand und vor der leeren ihrer Adler beraubten kaiserlichen Loge seine Ehrenbezeugungen machte.“ (S. 29)

Reed besucht Versammlungen der Bourgeoisie, des reaktionären Komitees für die Rettung Russlands, schmuggelt sich in das Winterpalais, wo die Regierung tagt, erhält Zugang zum Smolny, wo die Revolutionäre tagen, fragt Leute aller Klassen und Schichten auf der Straße nach ihrer Meinung und zitiert Berichte der revolutionären wie der bürgerlichen Presse und der Kerenski-Regierung. Er spricht mit begeisterten Befürwortern des Umsturzes wie mit Skeptikern und überzeugten Gegnern. Er zitiert revolutionäre wie feindliche Manifeste und Verlautbarungen. Er schildert, wie sich unter den erschreckten Bürgern und Politikern Gerüchte über Grausamkeiten der revolutionären Arbeiter wie Lauffeuer verbreiten und dann ebenso rasch wieder verstummen, nachdem sie sich als Lügen herausgestellt haben.

Er schildert die hektischen Aktivitäten vor dem Smolny und in dessen Innern, wo die Revolutionäre tagelang ohne Schlaf durcharbeiten, um den Aufstand vorzubereiten. „Die endlos langen, kahlen, fast dunklen Korridore widerhallend vom dumpfen Getöse marschierender Füße, von Rufen und Schreien. Aus dem Treppenhaus wälzte sich eine dunkle Menge: Arbeiter in Blusen und runden schwarzen Pelzhüten, die meisten mit Gewehren bewaffnet, Soldaten in rauen, schmutzigfarbenen Mänteln und grauen flachgedrückten Pelzmützen, dann und wann ein Führer – Lunatscharski, Kamenew – inmitten dahineilender, aufgeregt redender Gruppen mit angespannten, besorgten Gesichtern, buschige Aktenbündel unter dem Arm. Die außerordentliche Sitzung des Petrograder Sowjets war eben vorüber. Ich hielt Kamenew an, einen kleinen beweglichen Mann mit breitem lebhaftem Gesicht und kurzem gedrungenem Hals. Ohne Umstände zu machen las er mir in fließendem Französisch die eben angenommene Resolution vor.“ (S. 85)

Er verfolgt die Entwicklung der Stimmung der Arbeiter und Soldaten ebenso wie die der Berufspolitiker. Jedes Wort, jeder Satz ist ein Beleg dafür, dass es sich um einen Aufstand der Massen handelt, der seinen Erfolg der Führung der Bolschewiki und ihrem Einfluss in den Massen verdankt, die sich in den Monaten seit der Februarrevolution von der Richtigkeit ihrer Politik und der konterrevolutionären Rolle der Provisorischen Regierung überzeugen konnten.

In allen Einzelheiten schildert Reed den Sturz der Provisorischen Regierung und die entscheidende Sitzung des Allrussischen Sowjetkongresses, auf dem Lenin mit jubelnder Begeisterung empfangen wird.

„Eine untersetzte Gestalt mit auf stämmigem Hals sitzenden Kopf, kleinen beweglichen Augen, großem sympathischen Mund und kräftigem Kinn, jetzt rasiert, der bekannte Bart jedoch, den er fortan wieder tragen sollte, schon wieder sprossend. In ärmlichen Kleidern, mit Hosen, viel zu lang für ihn. Unempfänglich für den Beifall der Menge und doch geliebt und verehrt, wie selten ein Führer gewesen. Ein Volksführer eigener Art – Führer nur dank der Überlegenheit seines Intellekts, farblos, humorlos unnachgiebig. Als Redner nüchtern, aber mit der Fähigkeit, tiefe Gedanken in einfache Worte zu kleiden, die Analyse konkreter Situationen zu geben, und verbunden mit großem Scharfsinn eine außerordentliche Kühnheit des Denkens.“

Wie ihn charakterisiert Reed auch die anderen Redner, Bauern, Soldaten oder auch die den Kongress verlassenden Sozialrevolutionäre und Menschewiki. Immer wieder begibt er sich auf die Straße und mischt sich unter die aufständischen Massen. Genauso verfolgt er die Regierungsbildung, des Rats der Volkskommissare und die Machenschaften der Konterrevolution.

Er gibt den Inhalt der wichtigsten Dekrete und Stellungnahmen beider Seiten wieder und zitiert sie z. T. wörtlich. So entsteht nicht nur ein lebendiges Bild der revolutionären Abläufe, vielmehr scheinen auch die großen Gefahren auf, denen die junge Revolution ausgesetzt ist. Gleichzeitig schafft er damit eine vollkommen überzeugende Widerlegung all der Lügen und Halbwahrheiten, die in den Medien und pseudowissenschaftlichen Werken heute über die Oktoberrevolution verbreitet werden.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/10/25/reed-o25.html

 

Diese Woche in der Russischen Revolution

 

Eine sehr schöne, sehr kurze Zusammenfassung der weltweiten Ereignisse von Ende Februar 1917 bis hin zur Oktober-Revolution bieten die Internationalen Sozialisten.

Jede Woche werden ca. 5 Ereignisse herausgegriffen, wobei deutlich wird, dass es in der ganzen Welt brodelt: Versorgungs-Engpässe oder Streiks von der Schweiz bis Australien. Wichtige Ereignisse zur Einschätzung der Lage, die in den offiziellen Geschichtsbüchern zumeist nicht behandelt werden:

https://www.wsws.org/de/special/1917/chronology.html

 

Die Situation vor 1917

 

Trotzki: „Die Möglichkeit, Zwischenstufen zu überspringen, ist selbstverständlich keine absolute; ihr Ausmaß wird letzten Endes von der wirtschaftlichen und kulturellen Aufnahmefähigkeit des Landes bestimmt. Eine rückständige Nation drückt außerdem die Errungenschaften, die sie fertig von außen übernimmt, durch Anpassung an ihre primitivere Kultur hinab. Der Assimilationsprozeß selbst bekommt dabei einen widerspruchsvollen Charakter. So brachte die Einführung der Elemente westlicher Technik und Ausbildung, vor allem auf dem Gebiete des Militär- und Manufakturwesens unter Peter I., die Verschärfung des Leibeigenschaftsrechtes als Grundform der Arbeitsorganisation mit sich. Europäische Rüstung und europäische Anleihen – das eine wie das andere zweifellos Produkte einer höheren Kultur – führten zur Befestigung des Zarismus, der seinerseits die Entwicklung des Landes hemmte …

Unter dem Druck des reicheren Europa verschlang der Staat in Rußland einen verhältnismäßig viel größeren Teil des Volksvermögens als die Staaten im Westen und verurteilte damit nicht nur die Volksmassen zu doppelter Armut, sondern schwächte auch die Grundlagen der besitzenden Klassen. Da er gleichzeitig die Hilfe der letzteren benötigte, forcierte und reglementierte der Staat deren Bildung. Infolgedessen konnten sich die bürokratisierten privilegierten Klassen niemals in ganzer Höhe aufrichten, und um so mehr näherte sich der Staat in Rußland der asiatischen Despotie.

Das byzantinische Selbstherrschertum, das die Moskauer Zaren sich offiziell zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts angeeignet hatten, zähmte mit Hilfe des Adels das feudale Bojarentum und unterwarf sich dem Adel, ihm gleichzeitig die Bauern versklavend, um sich auf dieser Grundlage in den Petersburger Imperatorenabsolutismus zu verwandeln. Die Verspätung dieses Prozesses wird dadurch zur Genüge charakterisiert, daß das Leibeigenschaftsrecht, das im sechzehnten Jahrhundert entstanden war, sich im siebzehnten ausgebildet und seine Blüte im achtzehnten erreicht hatte, rechtlich erst 1861 abgeschafft wurde …

Die Kargheit nicht nur des russischen Feudalismus, sondern auch der ganzen altrussischen Geschichte fand ihren traurigsten Ausdruck im Mangel echt mittelalterlicher Städte als Handwerks- und Handelszentren. Das Handwerk hatte in Rußland keine Zeit gehabt, sich vom Ackerbau zu trennen, bewahrte vielmehr den Charakter der Heimarbeit. Die altrussischen Städte waren Handels-, Verwaltungs-, Heeres- und Adels-Zentren, folglich konsumierend, nicht produzierend. Sogar die der Mama verwandte Stadt Nowgorod, die das tatarische Joch nicht gekannt hatte, war nur eine Handels-, keine Gewerbestadt. Allerdings schuf die Verstreutheit der bäuerlichen Gewerbe in verschiedenen Bezirken das Bedürfnis nach einer Handelsvermittlung breiten Maßstabes. Doch vermochten die nomadischen Händler im öffentlichen Leben in keinem Falle jenen Platz einzunehmen, der im Westen der handwerklich-zünftigen und handelsgewerblichen Klein- und Mittelbourgeoisie zukam, die mit ihrer bäuerlichen Peripherie unzertrennlich verbunden waren. Die Hauptwege des russischen Handels führten überdies ins Ausland, sicherten die leitende Stellung seit alters her dem ausländischen Handelskapital und verliehen dem ganzen Umsatz, bei dem der russische Händler Mittler zwischen der westlichen Stadt und dem russischen Dorfe war, einen halb kolonialen Charakter. Diese Art ökonomischer Beziehung erfuhr eine weitere Entwicklung in der Epoche des russischen Kapitalismus und erreichte ihren höchsten Ausdruck im imperialistischen Kriege.

Die Bedeutungslosigkeit der russischen Städte, die zur Entstehung des asiatischen Staatstypus am meisten beigetragen hat, schloß insbesondere die Möglichkeit der Reformation aus, das heißt der Ablösung der feudal-bürokratischen Orthodoxie durch irgendeine modernisierte Abart eines den Bedürfnissen der bürgerlichen Gesellschaft angepaßten Christentums. Der Kampf gegen die Staatskirche ging nicht über die bäuerlichen Sekten, einschließlich der mächtigsten von ihnen, das altgläubige Schisma, hinaus.

Anderthalb Jahrzehnte vor der großen Französischen Revolution entbrannte in Rußland die Bewegung der Kosaken, Bauern und leibeigenen Uraler Arbeiter, die nach dem Namen ihres Führers Pugatschow benannt wurde. Was hatte diesem grimmigen Volksaufstande gefehlt, um sich in eine Revolution zu verwandeln? Der dritte Stand. Ohne die Handwerkerdemokratie der Städte vermochte sich der Bauernkrieg ebensowenig zu einer Revolution zu entwickeln, wie sich die Bauernsekten zu einer Reformation erheben konnten. Im Gegenteil, die Folge der Pugatschowschtschina war die Befestigung des bürokratischen Absolutismus, als des in schwierigen Stunden wieder bewährten Hüters der Adelsinteressen.

Die unter Peter formell begonnene Europäisierung des Landes wurde im Verlaufe des nächsten Jahrhunderts immer mehr zum Bedürfnis der herrschenden Klasse selbst, das heißt des Adels. Im Jahre 1825 griff die Adelsintelligenz, dieses Bedürfnis politisch verallgemeinernd, zur Militärverschwörung, mit dem Ziel der Einschränkung des Selbstherrschertums. Unter dem Druck der europäisch-bürgerlichen Entwicklung versuchte somit der fortschrittliche Adel, den fehlenden dritten Stand zu ersetzen. Doch wollte er das liberale Regime auf jeden Fall mit den Grundlagen seiner Standesherrschaft verquicken und fürchtete deshalb über alles, die Bauern aufzuwiegeln. Es ist nicht verwunderlich, daß die Verschwörung ein Unternehmen des glanzvollen, aber isolierten Offiziersstandes blieb, der sich dabei fast kampflos den Schädel einrannte. Dies war der Sinn des Dekabristenaufstandes.

Gutsherren, die Fabriken besaßen, waren die ersten ihres Standes, die sich der Ablösung der leibeigenen durch freie Arbeit geneigt zeigten. In die gleiche Richtung drückte der anwachsende Auslandsexport russischen Getreides. Im Jahre 1861 führte die adlige Bürokratie, gestützt auf die liberalen Gutsbesitzer, ihre Bauernreform durch. Der ohnmächtige bürgerliche Liberalismus bildete bei dieser Operation den gehorsamen Chor. Es ist überflüssig, zu sagen, daß der Zarismus Rußlands grundlegendes Problem, das heißt die Agrarfrage, noch engherziger und diebischer löste, als die preußische Monarchie im Laufe des nächsten Jahrzehnts Deutschlands grundlegendes Problem, das heißt dessen nationale Einigung. Die Lösung der Aufgabe einer Klasse durch die Hände einer anderen ist eben eine der kombinierten Methoden, die den rückständigen Ländern eigentümlich sind.

Am unbestrittensten jedoch enthüllt sich das Gesetz der kombinierten Entwicklung an Geschichte und Charakter der russischen Industrie. Spät entstanden, wiederholte sie die Entwicklung der fortgeschrittenen Länder nicht, sondern reihte sich in diese ein, indem sie deren neueste Errungenschaften der eigenen Rückständigkeit anpaßte. War Rußlands wirtschaftliche Evolution in ihrer Gesamtheit über die Epochen des Zunfthandwerks und der Manufaktur hinweggeschritten, so übersprangen einzelne Industriezweige eine Reihe von technisch-industriellen Etappen, die im Westen nach Jahrzehnten maßen. Infolgedessen entwickelte sich die russische Industrie zu gewissen Perioden in äußerst schnellem Tempo. Zwischen der ersten Revolution und dem Kriege stieg die russische Industrieproduktion annähernd um das Doppelte. Das erschien einigen russischen Historikern ein hinlänglicher Grund zu der Schlußfolgerung, daß man „von der Legende über Rückständigkeit und langsames Wachstum abkommen müsse“. In Wirklichkeit wurde die Möglichkeit eines so schnellen Wachstums gerade durch die Rückständigkeit bestimmt, die sich – leider – nicht nur bis zum Augenblick der Liquidierung des alten Rußlands, sondern, als dessen Erbe, bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

Der grundlegende Gradmesser des ökonomischen Niveaus einer Nation ist die Produktivität der Arbeit, die ihrerseits vom spezifischen Gewicht der Industrie in der Gesamtwirtschaft des Landes abhängt. Am Vorabend des Krieges, als das zaristische Rußland den Höhepunkt seines Wohlstandes erreicht hatte, war das Volkseinkommen pro Kopf acht- bis zehnmal geringer als in den Vereinigten Staaten, was nicht weiter verwunderlich ist, berücksichtigt man, daß vier Fünftel der selbständig werktätigen Bevölkerung Rußlands in der Landwirtschaft beschäftigt waren, während in den Vereinigten Staaten auf einen in der Landwirtschaft Beschäftigten 2,5 in der Industrie Beschäftigte gezählt wurden. Hinzugefügt sei noch, daß am Vorabend des Krieges in Rußland auf hundert Quadratkilometer 0,4 Kilometer Eisenbahn, in Deutschland 11,7, in Österreich-Ungarn 7 kamen. Die anderen vergleichenden Koeffizienten sind nämlicher Art.

Aber gerade auf dem Gebiete der Wirtschaft tritt, wie bereits gesagt, das Gesetz der kombinierten Entwicklung am stärksten hervor. Während die bäuerliche Landwirtschaft in ihrer Hauptmasse bis zur Revolution fast auf dem Niveau des siebzehnten Jahrhunderts verblieben war, stand Rußlands Industrie in bezug auf Technik und kapitalistische Struktur auf der Stufe der fortgeschrittenen Länder und eilte diesen in mancher Beziehung sogar voraus. Kleine Betriebe mit einer Arbeiterzahl bis 100 Mann umfaßten im Jahre 1914 in den Vereinigten Staaten 35% der gesamten Industriearbeiter, in Rußland nur 17,8%. Bei einem ungefähr gleichen spezifischen Gewicht der mittleren und größeren Unternehmen mit 100 bis 1.000 Arbeitern betrugen in den Vereinigten Staaten Riesenunternehmen mit über 1.000 Arbeitern 17,8% der gesamten Arbeiterzahl, in Rußland 41,4%. Für die wichtigsten Industriebezirke war dieser Prozentsatz noch höher: für den Petrograder 44,4%, für den Moskauer sogar 57,3%. Ähnliche Resultate ergeben sich, vergleicht man die russische Industrie mit der britischen oder deutschen. Diese Tatsache, die wir zum ersten Male im Jahre 1908 festgestellt haben, verträgt sich schlecht mit der Vorstellung von der ökonomischen Rückständigkeit Rußlands. Indes widerlegt sie die Rückständigkeit nicht, sondern ist deren dialektische Ergänzung.

Die Verschmelzung des Industriekapitals mit dem Bankkapital wurde in Rußland wiederum so vollständig durchgeführt wie wohl kaum in einem anderen Lande. Doch bedeutete die Abhängigkeit der Industrie von den Banken gleichzeitig ihre Abhängigkeit vom westeuropäischen Geldmarkt. Die Schwerindustrie (Metall, Kohle, Naphtha) befand sich fast restlos unter der Kontrolle des ausländischen Finanzkapitals, das sich ein Hilfs- und Vermittlungssystem von Banken in Rußland geschaffen hatte. Die Leichtindustrie ging denselben Weg. Gehörten im ganzen rund 40% des gesamten Aktienkapitals in Rußland Ausländern, so war für die führenden Industriezweige dieser Prozentsatz noch bedeutend höher. Man kann ohne jede Übertreibung behaupten, daß sich die Kontrollpakete der Aktien der russischen Banken, Werke und Fabriken im Auslande befanden, wobei der Kapitalanteil Englands, Frankreichs und Belgiens fast doppelt so groß als der Deutschlands war.

Die Entstehungsbedingungen der russischen Industrie und deren Struktur bestimmten den sozialen Charakter der russischen Bourgeoisie und deren politisches Gesicht. Die außerordentliche Konzentration der Industrie bedeutete schon an sich, daß zwischen den kapitalistischen Spitzen und den Volksmassen keine Hierarchie von Übergangsschichten bestand. Dazu kommt, daß die Besitzer der wichtigsten Industrie-, Bank- und Transportunternehmen Ausländer waren, die nicht nur die aus Rußland herausgeholten Gewinne, sondern auch ihren politischen Einfluß in ausländischen Parlamenten realisierten und den Kampf um den russischen Parlamentarismus nicht nur nicht förderten, sondern ihm häufig sogar entgegenwirkten: es genügt, an die schändliche Rolle des offiziellen Frankreich zu denken. Dies waren die elementaren und unabwendbaren Ursachen der politischen Isoliertheit und des volksfeindlichen Charakters der russischen Bourgeoisie. War sie in der Morgenröte ihrer Geschichte zu unreif, die Reformation durchzusetzen, so erwies sie sich als überreif, als die Zeit für die Führung der Revolution gekommen war.

Entsprechend dem gesamten Entwicklungsgang des Landes wurde nicht das Zunfthandwerk, sondern die Landwirtschaft, nicht die Stadt, sondern das Dorf zum Reservoir, aus dem die russische Arbeiterklasse hervorging. Dabei entstand das russische Proletariat nicht allmählich, in Jahrhunderten, beschwert mit der Last der Vergangenheit wie in England, sondern sprunghaft, durch schroffe Wendung der Lage, der Verbindungen, der Beziehungen und durch jähen Bruch mit dem Gestern. Gerade dies in Verbindung mit dem konzentrierten Joch des Zarismus machte die russischen Arbeiter für die kühnsten Schlußfolgerungen des revolutionären Gedankens empfänglich, ähnlich wie die verspätete russische Industrie sich für das letzte Wort kapitalistischer Organisation empfänglich zeigte.

Die kurze Geschichte seiner Abstammung machte das russische Proletariat jedesmal aufs neue durch. Während sich in der metallverarbeitenden Industrie, besonders in Petersburg, eine Schicht erblicher Proletarier, die mit dem Dorfe endgültig gebrochen hatten, herauskristallisierte, überwog am Ural noch der Typus des Halbproletariers-Halbbauern. Der alljährliche Zustrom frischer Arbeitskraft aus den Dörfern in alle Industriebezirke erneuerte die Bindung des Proletariats mit seinem sozialen Reservoir.

Die politische Tatunfähigkeit der Bourgeoisie war unmittelbar bestimmt durch den Charakter ihrer Beziehungen zu Proletariat und Bauernschaft. Sie vermochte nicht das Proletariat zu führen, das ihr im Alltag feindlich gegenüberstand und sehr bald seine Aufgaben zu verallgemeinern lernte. Im gleichen Maße erwies sie sich aber zur Führung der Bauernschaft unfähig, da sie durch ein Netz gemeinsamer Interessen mit den Gutsbesitzern verbunden war und die Erschütterung des Eigentums in welcher Form auch immer fürchtete. Das Verspäten der russischen Revolution war folglich nicht nur eine Frage der Chronologie, sondern auch der sozialen Struktur der Nation.

England vollzog seine puritanische Revolution, als seine Gesamtbevölkerung 5½ Millionen nicht überstieg, wovon ½ Million auf London kam. In seiner Revolutionsepoche hatte Frankreich in Paris auch bloß ½ Million Einwohner bei 25 Millionen Gesamtbevölkerung. Rußlands Bevölkerung betrug zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts etwa 150 Millionen, von denen mehr als 3 Millionen auf Moskau und Petrograd entfielen. Hinter diesen vergleichenden Zahlen verbergen sich große soziale Unterschiede. Weder das England des siebzehnten noch das Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts haben das neuzeitige Proletariat gekannt. Indes zählte im Jahre 1905 die Arbeiterklasse Rußlands auf allen Arbeitsgebieten, in Stadt und Land, nicht weniger als 10 Millionen Seelen, was zusammen mit den Familien über 25 Millionen ausmachte, das heißt mehr als die Gesamtbevölkerung Frankreichs in der Epoche der Großen Revolution. Von den gesicherten Handwerkern und unabhängigen Bauern der Cromwellschen Armee – über die Sansculotten von Paris – bis zu den Industrieproletariern Petersburgs hatte die Revolution ihre soziale Mechanik, ihre Methoden und damit auch ihre Ziele tiefgehend verändert.

Die Ereignisse des Jahres 1905 waren ein Prolog der beiden Revolutionen von 1917: der Februar- und der Oktoberrevolution. Der Prolog enthielt alle Elemente des Dramas, nur nicht bis ans Ende geführt. Der Russisch-Japanische Krieg hatte den Zarismus gelockert. Auf dem Hintergrunde der Massenbewegung jagte die liberale Bourgeoisie durch ihre Opposition der Monarchie Angst ein. Die Arbeiter organisierten sich unabhängig von der Bourgeoisie und im Gegensatz zu ihr in den Sowjets, die damals zum ersten Male ins Leben gerufen wurden. Unter der Parole: Boden! erhob sich die Bauernschaft der ganzen riesigen Fläche des Landes. Wie die Bauern, neigten auch die revolutionären Truppenteile zu den Sowjets, die im Augenblick des höchsten Aufstieges der Revolution der Monarchie die Macht offen streitig machten. Das war das erste Auftreten sämtlicher revolutionärer Kräfte; sie besaßen noch keine Erfahrung, und es mangelte ihnen an Zuversicht. Die Liberalen prallten demonstrativ gerade in dem Augenblick vor der Revolution zurück, als sich herausstellte, daß es nicht genügte, den Zarismus zu lockern, daß man ihn außerdem noch umwerfen müsse. Der jähe Bruch der Bourgeoisie mit dem Volke, wobei sie schon damals bedeutende Kreise der demokratischen Intelligenz mit sich riß, erleichterte der Monarchie, die Armee zu spalten, treue Truppenteile auszusondern und über Arbeiter und Bauern blutiges Gericht zu halten. Wenn er auch manche Rippe einbüßte, ging der Zarismus aus der Prüfung von 1905 doch lebend und kräftig genug hervor.

Welche Veränderung der Kräfteverhältnisse brachte die historische Entwicklung in den elf Jahren, die den Prolog vom Drama trennen? Der Zarismus geriet während dieser Periode in einen noch größeren Gegensatz zu den Forderungen der historischen Entwicklung. Die Bourgeoisie wurde ökonomisch mächtiger, doch stützte sich diese Macht, wie wir gesehen haben, auf die höhere Konzentration der Industrie und die gesteigerte Rolle des Auslandskapitals. Unter der Wirkung der Lehren von 1905 war die Bourgeoisie noch konservativer und mißtrauischer geworden. Das spezifische Gewicht der Klein- und Mittelbourgeoisie, schon früher unbeträchtlich, sank noch tiefer. Die demokratische Intelligenz besaß überhaupt keine irgendwie widerstandsfähige soziale Stütze. Sie konnte vorübergehend politischen Einfluß gewinnen, aber keine selbständige Rolle spielen. Ihre Abhängigkeit vom bürgerlichen Liberalismus war ungemein gewachsen. Programm, Banner und Führung konnte der Bauernschaft unter diesen Umständen nur das junge Proletariat bieten. Die vor ihr auf diese Weise erstandenen grandiosen Aufgaben erzeugten ein unaufschiebbares Bedürfnis nach einer besonderen revolutionären Organisation, die die Volksmassen auf einmal erfassen und unter Führung der Arbeiterschaft zu revolutionärer Tat zu befähigen vermochte. So erhielten die Sowjets von 1905 gigantische Entfaltung im Jahre 1917.“

 

Februar-Revolution

 

Schwanger mit der Revolution

 

David North: „In einem Vortrag, den er am 22. Januar 1917 in Zürich hielt – zum 12. Jahrestag des Blutsonntags in St. Petersburg, an dem sich die Revolution von 1905 entzündet hatte – ermahnte Lenin seine kleine Zuhörerschaft:

„Wir dürfen uns nicht durch die jetzige Kirchhofruhe in Europa täuschen lassen. Europa ist schwanger mit der Revolution. Die furchtbaren Gräuel des imperialistischen Krieges, die Schrecknisse der Teuerung erzeugen überall revolutionäre Stimmung, und die herrschenden Klassen, die Bourgeoisie, und ihre Vertrauensleute, die Regierungen, sie geraten immer mehr und mehr in eine Sackgasse, aus der sie überhaupt ohne größte Erschütterungen keinen Ausweg finden können.“

Und doch, wie so häufig zu Beginn großer historischer Ereignisse, sahen die namenlosen Teilnehmer, die am 23. Februar zu Demonstrationen zusammenkamen, die Folgen ihres Handelns nicht voraus. Wie sollten sie auch auf die Idee kommen, dass sie an jenem Donnerstagmorgen der Menschheitsgeschichte eine neue Wendung geben würden?

In diesem Stadium des Kriegs hatte sich die gesellschaftliche Krise in Russland derart zugespitzt, dass Arbeiterstreiks und andere Proteste nichts Ungewöhnliches waren. Erst am 9. Januar war Petrograd von einem gewaltigen Streik erschüttert worden, an dem sich 140.000 Arbeiter aus mehr als 100 Fabriken beteiligten. Am 14. Februar gab es einen weiteren großen Streik von 84.000 Arbeitern. Aber es war immer noch nicht absehbar, dass sich die Spannungen rapide bis zum Ausbruch einer echten Revolution aufbauen würden.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/03/22/nort-m22.html

 

Überraschende Revolution: molekulare Arbeit des revolutionären Gedankens

 

Trotzki: „Obwohl die Arbeiterkomitees einschließlich der bolschewistischen in St. Petersburg beschlossen hatten, von einem Streik zurückzuhalten, kam es am internationalen Frauentag ganz anders: Am andern Morgen jedoch traten den Direktiven zuwider die Textilarbeiterinnen einiger Fabriken in den Ausstand und entsandten Delegierte zu den Metallarbeitern mit der Aufforderung, den Streik zu unterstützen. ‘Schweren Herzens’, schreibt Kajurow, gingen die Bolschewiki darauf ein, denen sich die menschewistischen und sozialrevolutionären Arbeiter anschlossen. Wenn aber Massenstreik, dann müsse man alle auf die Straße rufen und sich selbst an die Spitze stellen: Diesen Beschluss setzte Kajurow durch, und das Wyborger Komitee musste ihm beistimmen. ‘Der Gedanke an eine Aktion reifte unter den Arbeitern schon längst, nur ahnte in diesem Augenblick niemand, welche Formen sie annehmen würde.’ Merken wir uns dieses Zeugnis eines Teilnehmers, das für das Verständnis der Mechanik der Ereignisse sehr wichtig ist ... Die Tatsache bleibt also bestehen, dass die Februarrevolution von unten begann nach Überwindung der Widerstände der eigenen revolutionären Organisationen, wobei die Initiative von dem am meisten unterdrückten und unterjochten Teil des Proletariats, den Textilarbeiterinnen, unter denen, wie man sich denken kann, nicht wenig Soldatenfrauen waren, spontan ergriffen wurde. Den letzten Anstoß gaben die immer länger werdenden Brotschlangen. Ungefähr 90.000 Arbeiterinnen und Arbeiter streikten an diesem Tage. Die Kampfstimmung entlud sich in Demonstrationen, Versammlungen und Zusammenstößen mit der Polizei ...

Die Schwäche der unterirdischen Organisationen war die unmittelbare Folge des politischen Vernichtungsfeldzuges, der der Regierung dank der zu Beginn des Krieges herrschenden patriotischen Stimmung ganz besondere Erfolge gebracht hatte. Jede Organisation, darunter auch die revolutionäre, besitzt die Tendenz, hinter ihrer sozialen Basis zurückzubleiben. Die unterirdischen Organisationen der Bolschewiki hatten sich zu Beginn des Jahres 1917 von Niedergeschlagenheit und Zersplitterung noch immer nicht erholt, während in den Massen die Pestluft des Patriotismus jäh der revolutionären Empörung Platz machte.

Um ein klareres Bild von der Lage der revolutionären Führung zu erhalten, mußte man sich vergegenwärtigen, daß die autoritärsten Revolutionäre, die Führer der linken Parteien, sich in der Emigration und zum Teil auch in Gefängnissen und Verbannung befanden. Je gefährlicher eine Partei für das alte Regime gewesen war, um so grausamer enthauptet zeigte sie sich zu Beginn der Revolution. Die Narodniki hatten eine Dumafraktion, geführt von dem parteilosen Radikalen Kerenski. Der offizielle Führer der Sozialrevolutionäre, Tschernow, befand sich in der Emigration. Die Menschewiki verfügten in der Duma über eine Parteifraktion mit Tschcheidse und Skobeljew an der Spitze. Martow lebte als Emigrant im Auslande, Dan und Zeretelli in der Verbannung. Um die linken Fraktionen, Narodniki und Menschewiki, gruppierte sich ein großer Teil sozialistischer Intellektueller mit revolutionärer Vergangenheit. Daraus entstand so etwas wie ein politischer Stab, nur in der Art, daß er erst nach dem Siege fähig war, sich zu zeigen. Die Bolschewiki hatten keine Dumafraktion: 5 Arbeiterdeputierte, in denen die zaristische Regierung das organisierende Zentrum der Revolution sah, waren seit den ersten Kriegsmonaten verhaftet. Lenin war in der Emigration, mit ihm Sinowjew. Kamenjew, wie auch die damals nur wenig bekannten führenden Praktiker Swerdlow, Rykow, Stalin, in der Verbannung. Der polnische Sozialdemokrat Dserschinski, der damals noch nicht zu den Bolschewiki gehörte, befand sich in der Katorga. Die zufällig anwesenden Führer hielten weder sich noch andere für fähig, eine leitende Rolle in den revolutionären Ereignissen zu spielen, besonders da sie gewohnt waren, nur unter unbestritten autoritärer Führung zu handeln.

Wenn aber schon die bolschewistische Partei den Aufständischen keine autoritäre Leitung zu sichern vermochte, so konnte bei den übrigen politischen Organisationen davon nicht einmal die Rede sein. Dies unterstützte die verbreitete Meinung vom elementaren Charakter der Februarrevolution. Nichtsdestoweniger ist sie tief irrig, im besten Falle inhaltlos.

Der Kampf dauerte in der Hauptstadt nicht 1 und nicht 2 Stunden, sondern 5 Tage. Die Führer waren bestrebt, ihn einzudämmen. Die Massen antworteten mit verschärftem Ansturm und drangen vorwärts. Sie hatten gegen sich den alten Staat, hinter dessen traditioneller Fassade man noch eine mächtige Kraft vermutete, die liberale Bourgeoisie mit Reichsduma, Semstwo- und Stadtverbänden, Kriegsindustrie-Organisationen, Akademien, Universitäten und weitverzweigter Presse; schließlich zwei starke sozialistische Parteien, die dem Druck von unten patriotischen Widerstand entgegensetzten. In der Partei der Bolschewiki hatte der Aufstand die ihm am nächsten stehende, aber enthauptete Organisation, mit zersplitterten Kadern und schwachen illegalen Zellen. Dennoch entbrannte die Revolution, die in jenen Tagen niemand erwartet hatte, und als man oben glaubte, die Bewegung erlösche bereits, sicherte sie sich in schroffem Aufstieg und mächtigen Konvulsionen den Sieg.

Woher diese beispiellose Kraft der Beharrlichkeit und des Ansturmes? Es genügt nicht, auf die Erbitterung zu verweisen. Erbitterung allein wäre zu wenig gewesen. So sehr die Petrograder Arbeiter während der Kriegsjahre durch menschliches Rohmaterial auch verwässert worden waren; so besaßen sie immerhin große revolutionäre Erfahrung. In ihrer Beharrlichkeit und in ihrem Ansturm war, trotz fehlender Leitung und der Gegenwirkung von oben, eine nicht immer ausgesprochene, aber auf Lebenserfahrung begründete Kräftebewertung und selbständige strategische Berechnung.

Am Vorabend des Krieges ging die revolutionäre Schicht der Arbeiter mit den Bolschewiki und führte die Masse hinter sich. Mit Beginn des Krieges änderte sich die Lage schroff: die konservativen Zwischenschichten erhoben den Kopf und rissen einen bedeutenden Teil der Klasse mit sich, die revolutionären Elemente wurden isoliert und verstummten. Im Verlauf des Krieges änderte sich die Situation, anfangs langsam, dann, nach den Niederlagen, schneller und radikaler. Aktive Unzufriedenheit ergriff die gesamte Arbeiterklasse. Zwar war sie bei großen Kreisen noch patriotisch gefärbt, doch hatte das mit dem berechnenden, feigen Patriotismus der besitzenden Klasse nichts gemein, die alle inneren Fragen bis nach dem Siege vertagten. Gerade der Krieg, seine Opfer, seine Schrecken und seine Schande ließen nicht nur die alten, sondern auch die neuen Arbeiterschichten mit dem zaristischen Regime zusammenstoßen, mit neuer Schärfe anprallen und zu der Schlußfolgerung kommen: man darf es nicht länger dulden! Diese Schlußfolgerung war allgemein, sie verband die Massen und verlieh ihnen die gewaltige Kraft des Vorstoßes.

Die Armee quoll auf, Millionen Arbeiter und Bauern in sich aufnehmend. Jeder hatte beim Militär die Seinen: einen Sohn, einen Mann, einen Bruder oder einen anderen Nächsten. Die Armee war nicht mehr wie vor dem Kriege vom Volke abgezäunt. Man kam jetzt mit Soldaten viel mehr zusammen, man begleitete sie, wenn sie zur Front abmarschierten, man lebte mit ihnen, wenn sie auf Urlaub kamen, man unterhielt sich mit ihnen in den Straßen, in den Straßenbahnen über die Front, man besuchte sie in den Lazaretten. Arbeiterviertel, Kaserne, Front und zum großen Teil auch das Dorf wurden miteinander verbundene Gefäße. Die Arbeiter wußten, was der Soldat dachte und fühlte. Sie führten endlose Gespräche über den Krieg, über Menschen, die sich am Kriege bereicherten, über Generale, über Regierung, über Zar und Zarin. Der Soldat sagte über den Krieg: Verflucht sei er! Der Arbeiter antwortete über die Regierung: Verflucht seien sie alle! Der Soldat sagte: Weshalb schweigt ihr hier, im Zentrum? Der Arbeiter antwortete: Mit leeren Händen ist nichts zu machen, schon im Jahre 1905 haben wir uns an der Armee blutig gestoßen. Der Soldat grübelnd: Wenn sich doch alle auf einmal erhöben! Der Arbeiter: Ja, eben alle auf einmal. Solche Gespräche wurden vor dem Kriege von einzelnen geführt und hatten einen konspirativen Charakter. Jetzt sprach man überall so, bei jedem Anlaß und fast offen, mindestens in den Arbeitervierteln …

Die Ereignisse der letzten Februartage registrierend, bezeichnete auch die Ochrana die Bewegung als „elementar“, das heißt als ohne planmäßige Leitung von oben; doch fügte sie gleich hinzu: „bei der allgemeinen Bearbeitung des Proletariats durch Propaganda.“ Diese Bewertung trifft den Kern: Die berufsmäßigen Kämpfer gegen die Revolution hatten, bevor sie die Zellen der befreiten Revolutionäre besetzten, das Antlitz des sich abwickelnden Prozesses schärfer erkannt als die Führer des Liberalismus.

Die Mystik des Elementaren erklärt nichts. Um die Situation richtig einzuschätzen und den Moment des Ausholens gegen den Feind zu bestimmen, war es notwendig, daß die Masse, ihre führende Schicht, ihre eigenen Ansprüche an die historischen Ereignisse stellte und eigene Kriterien besaß, sie einzuschätzen. Mit anderen Worten, es war nicht die Masse an sich, sondern es war die Masse der Petrograder und der russischen Arbeiter im allgemeinen notwendig, die die Revolution von 1905 erlebt hatte und den Moskauer Dezemberaufstand von 1905, der an dem Semjonowski-Garderegiment zerschellte; es war notwendig, daß es in dieser Masse Arbeiter gegeben hat, die über die Erfahrung von 1905 nachgedacht, die konstitutionellen Illusionen der Liberalen und Menschewiki kritisiert, die Perspektive der Revolution sich angeeignet, Dutzende Male das Problem der Armee überlegt, aufmerksam verfolgt hatten, was in ihrer Umgebung vorging, die fähig waren, aus ihren Beobachtungen revolutionäre Schlüsse zu ziehen und sie den anderen zu vermitteln. Schließlich war notwendig, daß sich bei den Truppenteilen der Garnison fortgeschrittene Soldaten fanden, die in ihrer Vergangenheit von revolutionärer Propaganda erfaßt oder mindestens berührt worden waren.

In jeder Fabrik, in jeder Werkstatt, in jeder Kompanie, in jeder Teestube, im Lazarett, in der Etappe und sogar in dem entvölkerten Dorfe ging eine molekulare Arbeit des revolutionären Gedankens vor sich. Überall gab es Deuter der Ereignisse, hauptsächlich Arbeiter, die man ausfragte, was es Neues gäbe, und von denen man das nötige Wort erwartete. Diese Häupter waren häufig sich selbst überlassen, nährten sich von Bruchteilen revolutionärer Verallgemeinerungen, zu denen sie auf verschiedenen Wegen kamen; selbst in liberalen Zeitungen lasen sie, was sie brauchten, zwischen den Zeilen heraus. Ihr Klasseninstinkt war durch politisches Kriterium geschärft, und führten sie auch nicht immer ihre Ideen zu Ende, so arbeitete ihr Gedanke doch unablässig und beharrlich stets in der gleichen Richtung. Elemente der Erfahrung, der Kritik, der Initiative, der Selbstaufopferung durchdrangen die Masse und bildeten die innere, dem oberflächlichen Blick unerreichbare, aber nichtsdestoweniger entscheidende Mechanik der revolutionären Bewegung als eines bewußten Prozesses.

Den hochmütigen Politikern des Liberalismus und des gezähmten Sozialismus erscheint gewöhnlich alles, was in den Massen geschieht, als instinktiver Prozeß, wie wenn es sich um einen Ameisenhaufen oder Bienenstock handele. Tatsächlich war der Gedanke, der tief in den Arbeitern bohrte, viel kühner, weitsichtiger und bewußter als jener Ideenwulst, mit dem die gebildeten Klassen sich die Zeit vertrieben. Und mehr noch, dieser Gedanke war auch wissenschaftlich begründeter: nicht nur, weil er in großem Maße durch die Methoden des Marxismus befruchtet war, sondern vor allem, weil er sich dauernd von der lebendigen Erfahrung der Massen nährte, denen es bevorstand, bald die revolutionäre Arena zu betreten. Die Wissenschaftlichkeit des Gedankens besteht darin, daß er den objektiven Prozessen entspricht und diese Prozesse zu beeinflussen und zu lenken fähig ist. Besaßen denn die Ideen der regierenden Kreise, die sich an der Apokalypse inspirierten und an die Träume Rasputins glaubten, auch nur im geringsten diese Eigenschaften? Oder waren etwa die Ideen des Liberalismus wissenschaftlich begründet, der da hoffte, daß das rückständige Rußland, indem es an dem Gemetzel der kapitalistischen Giganten teilnahm, fähig werden würde, gleichzeitig den Sieg und den Parlamentarismus zu erringen? Oder vielleicht war das geistige Leben der Intellektuellenkreise wissenschaftlich, die sich sklavisch dem von Kind auf altersschwachen Liberalismus anpaßten, wobei sie ihre scheinbare Selbständigkeit durch längst abgestandene Redensarten schützten? Wahrhaftig, hier herrschte das Reich geistiger Starrheit, der Gespenster, des Aberglaubens, der Fiktionen, wenn man will, das Reich der „Elementargewalt“. Haben wir mithin nicht durchaus das Recht, die liberale Philosophie der Februarrevolution völlig umzukehren? Ja, wir haben das Recht zu sagen: während die offizielle Gesellschaft, dieser ganze vielstöckige Überbau der herrschenden Klassen, Schichten, Gruppen, Parteien und Cliquen, tagein, tagaus in Trägheit und Automatismus lebte, sich die Zeit mit Resten abgenutzter Ideen vertrieb, taub gegen die unabwendbaren Forderungen der Entwicklung, sich von Gespenstervisionen blenden ließ und nichts voraussah, – vollzog sich in den Arbeitermassen ein selbständiger und tiefer Prozeß des Anwachsens nicht nur des Hasses gegen die Herrschenden, sondern auch der kritischen Erkenntnis von deren Ohnmacht, der Anhäufung von Erfahrung und schöpferischer Einsicht, die mit dem revolutionären Aufstand und seinem Siege abschloß.

Auf die oben gestellte Frage: wer hat den Februaraufstand geleitet, können wir folglich mit genügender Bestimmtheit antworten: die aufgeklärten und gestählten Arbeiter, die hauptsächlich von der Partei Lenins erzogen worden waren. Aber wir müssen dabei hinzufügen: diese Leitung genügte, um dem Aufstande den Sieg zu sichern, doch reichte sie nicht aus, um die Führung der Revolution von Anfang an in die Hände der proletarischen Avantgarde zu legen.“

 

Zwischen Februar und Oktober

 

Interessen der beharrenden Kräfte

 

Trotzki: „Unvergleichlich sind seine Charakterdarstellungen des Zaren und der Zarin wie ihres Anhangs, der Vertreter des Adels, der Großgrundbesitzer, der Geistlichkeit, der Beamten, der Offiziere, der Großbourgeoisie und der politischen Führer der "Liberalen" wie Miljutin, Rodsjanko und Gutschkow. Er beschreibt, wie all diese Leute eng mit dem imperialistischen Krieg verknüpft und davon abhängig sind, dass er weiter geführt wird. So enthalten seine Charakterdarstellungen der einzelnen Personen zugleich die historische Einschätzung ihres Wirkens.

Die Vertreter der Bourgeoisie befürworteten zwar Reformen und parlamentarische Demokratie, waren aber jederzeit zur Unterordnung unter den Zaren bereit, wenn es darum ging, die Ansprüche der Arbeiterklasse abzuwehren. Gleichzeitig machte ein beträchtlicher Teil der Bourgeoisie ungeheure Gewinne mit dem Krieg, während sich die Versorgung in den Städten immer mehr verschlechtert. "Dutzende und Hunderte von Millionen, die zu Milliarden anwuchsen, durch weitverzweigte Kanäle geleitet, berieselten reichlich die Industrie und stillten unterwegs noch eine Menge Appetite. In der Reichsduma und in der Presse wurden einige Kriegsgewinne für das Jahr 1915 bis 1916 bekannt gegeben: Die Gesellschaft des Moskauer liberalen Textilfabrikanten Rjabuschinski wies 75 Prozent Reingewinn aus; die Twerer Manufaktur sogar 111 Prozent; das Kupferwalzwerk Koljtschugin warf bei einem Grundkapital von 10 Millionen 12 Millionen Gewinn ab. Die Tugend des Patriotismus wurde in diesem Sektor im Überfluss und dabei unverzüglich belohnt." Als sich die Klassenauseinandersetzungen in den Monaten nach der Februarrevolution zuspitzten, waren diese Leute bereit, die demokratische Fassade fallen zu lassen, und verbündeten sich mit Kornilow, der das Ziel hatte, eine Militärdiktatur zu errichten.“

 

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!

 

Von Giuseppe Tomasi di Lampedusa stammt der schöne Satz „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert“. Das passt in diesem Fall besonders gut.

Diejenigen Kräfte, die jetzt bestimmend sind, sind die Menschewiki („gemäßigte“ Sozialisten) und die „Sozialrevolutionäre“ der Land-Bevölkerung. Entgegen ihrer eigenen Versprechen, entgegen dem Willen des größten Teils der Bevölkerung, geht es grade so weiter wie bisher. Gut, hier und da etwas Kosmetik, aber die drängendsten Probleme (Frieden, Land, Arbeit) werden nicht angegangen und sollen anscheinend bis auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden.

Aus „Diese Woche in der Russischen Revolution“:

„Petrograd, 3. Mai (20. April): Miljukows Geheimtelegramm wird veröffentlicht

Die Petrograder Zeitungen veröffentlichen ein geheimes Telegramm Pawel Miljukows, des Außenministers der Provisorischen Regierung, an die alliierten imperialistischen Regierungen. Die Note mit Datum vom 1. Mai (18. April) drückt „das Bestreben des ganzen Volkes [aus], den Weltkrieg bis zum endgültigen Sieg weiterzuführen“.

„Selbstverständlich“, heißt es darin weiter, „wird die Provisorische Regierung … die Verpflichtungen genau einhalten, die unseren Verbündeten gegenüber übernommen wurden.“ Dieses Telegramm, das hinter dem Rücken der russischen Arbeiter und Soldaten abgeschickt wurde, enthält nicht nur das Versprechen, den verhassten Krieg fortzusetzen. Die „Verpflichtungen gegenüber unseren Verbündeten“ bedeuten darüber hinaus, dass die Provisorische Regierung an den geheimen Abmachungen festhalten will, die der abgesetzte Zar mit den anderen imperialistischen Mächten getroffen hatte. Es sind Verträge, die auf die Zerstückelung und Annexion der eroberten Gebiete hinauslaufen.

„Die Karten sind aufgedeckt“, schreibt Lenin in einer scharfen Erklärung, die am selben Tag in der Prawda erscheint. „Wir haben allen Grund, den Herren Gutschkow und Miljukow für ihre Note, die heute in allen Zeitungen veröffentlicht ist, zu danken. Die Mehrheit des Exekutivkomitees des [Petrograder] Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die Volkstümler, die Menschewiki, alle jene, die bisher dazu aufgefordert haben, der Provisorischen Regierung zu vertrauen, sind zur Genüge gestraft.“

Denjenigen, die in Miljukow einen „unaufrichtigen Menschen“ sehen, antwortet Lenin: „Nicht darum handelt es sich. Es handelt sich darum, dass Gutschkow, Miljukow, Tereschtschenko, Konowalow Vertreter der Kapitalisten sind. Für die Kapitalisten aber ist die Eroberung fremder Länder eine Notwendigkeit. Sie bekommen dadurch neue Märkte, neue Gebiete für die Kapitalausfuhr, neue Möglichkeiten, Zehntausenden ihrer Söhnchen einträgliche Stellen zu beschaffen, usw. Es handelt sich darum, dass heute die Interessen der russischen Kapitalisten die gleichen sind wie die der englischen und der französischen Kapitalisten. Darum und nur darum liegen die Verträge des Zaren mit den englisch-französischen Kapitalisten der Provisorischen Regierung der russischen Kapitalisten so sehr am Herzen.“

„Arbeiter, Soldaten!“ schließt Lenin. „Erklärt jetzt, dass alle es hören: Wir fordern, dass bei uns eine einzige Staatsmacht bestehe – die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die provisorische Regierung, die Regierung einer Handvoll Kapitalisten, muss diesen Sowjets den Platz räumen.“ (Lenin Werke, Bd. 24, Berlin 1959, S. 177–179)

Mit der Losung „Nieder mit Miljukow!“ und der Forderung nach dem Rücktritt der „kapitalistischen Minister“ marschieren in Petrograd Tausende Soldaten zum Sitz der Provisorischen Regierung im Mariinski-Palais. Die Soldaten machen deutlich, dass sie nicht bereit sind, in einem imperialistischen Krieg für die Erfüllung der Geheimverträge des Zaren zu kämpfen. An der Demonstration beteiligen sich massenhaft Soldaten und Matrosen des Finnländischen und Moskauer Regiments, des 180. Reserveregiments und der Zweiten Baltischen Flotte.

In den Arbeitervierteln von Petrograd werden die Bolschewiki sehr aktiv, und die Ideen, die mit Lenins Aprilthesen verbunden sind, gewinnen immer mehr Anziehungskraft. Zum Beispiel nimmt das Petrograder Komitee des Elektrotechnischen Reservebataillons am gleichen Tag eine Resolution an, in der es heißt: „Nach Erwägung der Note der Provisorischen Regierung an die alliierten Regierungen betrachten wir diese Note als Beweis dafür, dass die Provisorische Regierung der gehorsame Diener nicht nur der imperialistischen Länder der Allianz, sondern auch der deutschen und österreichischen Regierungen ist, weil sie ihnen hilft, den Kampf des deutschen Proletariats um Frieden zu erdrosseln.““

https://www.wsws.org/de/articles/2017/05/03/twrr-m03.html

John Reed: „In den Reihen der Geschäftswelt und in der Intelligenz herrschte allgemein das Gefühl, daß die Revolution weit genug gegangen sei und schon zu lange währe; daß es an der Zeit sei, Ruhe zu schaffen. Dieser Auffassung waren auch die herrschenden „gemäßigten" sozialistischen Gruppen, die Menschewiki-Oboronzy" und Sozialrevolutionäre, die die Provisorische Kerenskiregierung unterstützten. Am 14. Oktober erklärte das offizielle Organ der „gemäßigten" Sozialisten:

„Das Drama der Revolution hat zwei Akte: Die Zerstörung der alten Ordnung und die Schaffung der neuen. Der erste Akt hat lange genug gedauert. Jetzt ist es an der Zeit, den zweiten zu beginnen und ihn so schnell als möglich zu Ende zu führen. Von einem großen Revolutionär stammt das Wort: „Eilen wir uns Freunde, die Revolution zu beenden. Wer sie zu lange währen läßt, läuft Gefahr, um ihre Früchte zu kommen" ...

Die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernmassen waren dagegen der festen Überzeugung, daß der „erste Akt" noch lange nicht zu Ende gespielt war. An der Front stießen überall Armeekomitees mit den Offizieren zusammen, die sich noch immer nicht gewöhnen konnten, die Soldaten als Menschen zu behandeln; im Hinterland wurden die von den Bauern gewählten Bodenkomitees eingesperrt, wo sie sich unterfingen, die von der Regierung angeordneten Bestimmungen über den Grund und Boden durchzuführen; und die Arbeiter in den Fabriken mußten einen schweren Kampf gegen schwarze Listen und Aussperrungen führen. Die zurückkehrenden politischen Verbannten wurden als „unerwünschte Bürger" nicht ins Land hineingelassen, und in manchen Fällen wurden Menschen, die aus dem Auslande in ihre Dörfer zurückkehrten, wegen der im Jahre1905 begangenen politischen Handlungen verfolgt und eingekerkert. Auf die mannigfaltige Unzufriedenheit des Volkes hatten die „gemäßigten" Sozialisten nur eine Antwort: Die Konstituierende Versammlung abzuwarten, die im Dezember zusammentreten sollte. Aber die Massen waren damit nicht zufrieden. Die Konstituierende Versammlung war gut und schön, doch es gab gewisse klar umrissene Dinge, um derentwillen die russische Revolution gemacht worden war, für die die revolutionären Märtyrer, die in den Massengräbern des Marsfeldes lagen, ihr Blut vergossen hatten; diese galt es zu verwirklichen, mit oder ohne Konstituierende Versammlung: Frieden, Land, Kontrolle der Arbeiter über die Industrie. Die Konstituierende Versammlung war bisher immer wieder vertagt worden - und würde wahrscheinlich noch einmal vertagt werden, so lange vielleicht, bis das Volk ruhig genug geworden war, um auf einen Teil seiner Forderungen zu verzichten. Acht Monate Revolution waren bereits ins Land gegangen, und wenig genug zu sehen ... Inzwischen begannen die Soldaten, die Friedensfrage auf eigene Faust zu lösen, indem sie einfach desertierten; die Bauern brannten die Gutshäuser nieder und setzten sich in den Besitz der großen Güter; die Arbeiter streikten ... Die Fabrikanten, Gutsbesitzer und Offiziere der Armee setzten ihren ganzen Einfluß ein, um jedes demokratische Zugeständnis zu verhindern ... Die Politik der Provisorischen Regierung schwankte zwischen wertlosen Reformen und brutaler Unterdrückung. Ein Befehl des sozialistischen Arbeitsministers ordnete an, daß die Arbeiterkomitees fortan nur nach Feierabend zusammentreten dürften. Bei den Truppen an der Front wurden die „Agitatoren" der oppositionellen politischen Parteien verhaftet, die radikalen Zeitungen verboten und die Todesstrafe gegen revolutionäre Propagandisten angewandt. Versuche wurden unternommen, die Roten Garden zu entwaffnen. Kosaken wurden in die Provinzen geschickt, damit sie dort die Ordnung wiederherstellten ...

Diese Maßnahmen wurden von den „gemäßigten" Sozialisten und ihren Führern im Ministerium, die die Zusammenarbeit mit den besitzenden Klassen für notwendig hielten, gutgeheißen. Die Volksmassen wandten sich in schnellem Tempo von ihnen ab und gingen zu den Bolschewiki über, die für Frieden, Land, für die Kontrolle der Arbeiter über die Industrie und für eine Regierung der Arbeiterklasse waren. Im September 1917 spitzten sich die Dinge zur Krise zu. Gegen den überwältigenden Willen des Landes gelang es Kerenski und den „gemäßigten" Sozialisten, eine Koalitionsregierung mit den besitzenden Klassen zu errichten; das Resultat war, daß die Menschewiki und Sozialrevolutionäre das Vertrauen des Volkes endgültig verloren.“

 

Der Zug: Lenin und Trotzki

 

Die Bolschewisten wollten sich brav in das miese Spiel einfügen und sich mit an der Regierung beteiligen. Das wurde ausschließlich durch die aus dem Exil zurückgekehrten Lein und Leo Trotzki verhindert.

In seinen „Sternstunden der Menschheit“ beschreibt Stefan Zweig die Rückkehr Lenins:

„Aber konsternierende Erkenntnis nach einigen Tagen: die russische Revolution, deren Botschaft wie mit Adlerschwingen ihr Herz aufgehoben, ist nicht die Revolution, von der sie träumten, und ist keine russische Revolution. Es ist ein Palastaufstand gegen den Zaren gewesen, angezettelt von englischen und französischen Diplomaten, um den Zaren zu verhindern, mit Deutschland Frieden zu schließen, und nicht die Revolution des Volkes, das diesen Frieden und seine Rechte will. Es ist nicht die Revolution, für die sie gelebt haben und für die sie zu sterben bereit sind, sondern eine Intrige der Kriegsparteien, der Imperialisten und der Generäle, die sich in ihren Plänen nicht stören lassen wollen. Und bald erkennen Lenin und die Seinen, daß jenes Versprechen, alle sollten zurückkehren, für alle die nicht gilt, welche diese wirkliche, diese radikale, diese Karl Marxsche Revolution wollen. Schon haben Miljukow und die andern Liberalen Auftrag gegeben, ihnen die Rückreise zu sperren. Und während die gemäßigten, die für eine Kriegsverlängerung brauchbaren Sozialisten wie Plechanow auf liebenswürdigste Weise von England mit Torpedobooten nach Petersburg unter Ehrengeleit befördert werden, hält man Trotzki in Halifax und die andern Radikalen an den Grenzen fest. In allen Ententestaaten liegen an den Grenzen schwarze Listen mit den Namen all derjenigen, die am Kongreß der Dritten Internationale in Zimmerwald teilgenommen haben.“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/sternstunden-der-menschheit-6863/13

Mit Unterstützung des deutschen Generalstabes, dessen Absicht es ist, durch Lenin (und unabhängig von diesem noch viele andere) die russische Regierung zu schwächen, fährt der wohl berühmteste Zug der Weltgeschichte von Zürich über Basel, Frankfurt, Berlin nach Sassnitz. Von dort geht’s über Schweden nach Finnland.

Marc Reichwein schreibt über die Recherchen der Historikerin Catherine Merridale: „Bis heute ist nicht ganz klar, ab wann und durch wen genau die Idee von Lenins Fahrt mit dem Zug durch das verfeindete Deutschland zur realen Option wurde. Ein ganzes Kapitel lang, „Gold“ überschrieben, seziert Merridale Gerüchte, ob und wann Lenin von deutscher Seite für seine Zugnummer bezahlt worden ist.

Vermeintliche Beweise kaiserlicher Bankanweisungen und angeblicher Direktkontakte zwischen der Obersten Heeresleitung und Lenin zerstreut sie als Fälschungen. Von deutscher Propagandafinanzierung für russische Revolutionäre geht sie gleichwohl aus. Allein: „Wie genau die Gelder nach Osten strömten, ist weiterhin Spekulationssache ... Die Akte ist heute geöffnet, doch viele ihrer Dokumente sind verschwunden.“

Als gesichert gilt, dass der sozialistisch gesinnte, in Kopenhagen ansässige Alexander Helpland als Kontaktmann eine wichtige Rolle spielte. Helpland, verrät uns Merridale, war „so dick, dass er einem Seehund ähnelte“. Und er „legte sich 1894 das Pseudonym Parvus (‚klein’) zu“. Ganz und gar nicht klein waren seine Ambitionen, als Strippenzieher russischer Untergrundbewegungen zu wirken, die er auch, mal von Kopenhagen, mal von Zürich aus, finanzierte. „Fast jeder klopfte früher oder später an seine Tür, darunter auch Lenin, der ihn 1899 zum ersten Mal besuchte.“

Aus den Akten und Archiven, die Merridale auswertet, geht hervor, dass Parvus auch beim deutschen Gesandten in Kopenhagen, Ulrich von Brockdorff-Rantzau, propagierte, dass man „extremistische Elemente“ in Russland befördern müsse. Im deutschen Auswärtigen Amt hielt man eine „eventuelle Durchreise-Erlaubnis durch Deutschland“ für Lenin im Jahr 1917 in jedem Fall für „angezeigt“. Sicher ist auch, dass sich Parvus dafür astronomische Honorare vom Auswärtigen Amt zahlen ließ – von fünf Millionen Reichsmark ist die Rede.

Aber das heißt noch längst nicht, dass dieses Geld auch tatsächlich an die Russen weitergeleitet wurde: „Niemand hatte konkretes deutsches Geld auf den Konten der Bolschewiki ausfindig gemacht; niemand konnte eine direkte Verbindung zwischen Lenin und Parvus (der unverkennbar in deutschem Geld schwamm) aufzeigen“, konstatiert Merridale. Es sei aber „naheliegend anzunehmen“, so die britische Historikerin, dass revolutionäre Propaganda auf Seiten der Bolschewiki durch deutsche Millionen mitfinanziert wurde.

Die eigentliche Reisefinanzierung von Lenis Zug steht auf einem anderen Blatt. Vor allem Lenin scheut vor dem Anschein deutscher Reisekostenübernahme zurück, und so wird eine Art Crowdfunding durch Schweizer Sozialisten organisiert. Lenins diesbezügliche Camouflage-Politik beurteilt Merridale durchaus kritisch: „Ein mutigerer Führer hätte sich irgendwann vielleicht sogar gerühmt, auf deutsches Geld zurückgegriffen zu haben, denn er werde es bald benutzen, um dem dortigen Proletariat beim Sturz des Kaisers zu helfen.“

Als Unterhändler wirken Lenins Schweizer Gefolgsmann Fritz Platten und der polnisch-sowjetische Funktionär Jakub Fürstenberg. Von Fürstenberg erhält Lenin 2000 Rubel, als er seine Reise nach Russland plant.

Als Anwalt in eigener Sache handelt Lenin mit der deutschen Botschaft in Bern zudem eine Liste von Bedingungen aus. Die wichtigste Klausel ist, dass der Eisenbahnwagen, in dem Lenin und seine Leute Deutschland durchquerten, einen extraterritorialen Status bekommt. Niemand darf Lenins Zug betreten; die Route wird von der Schweizer Grenze bei Singen am Hohentwiel bis nach Sassnitz auf Rügen penibel festgelegt.“

https://www.welt.de/geschichte/article163456627/Die-gefaehrlichste-Waffe-des-Weltkriegs-kam-im-Zug.html

Im Artikel ist Lenins Reiseroute eingezeichnet. Immerhin konnte der Wurm feststellen, dass Lenin mit seinen Revoluzzern durch die Geburts-Stadt des Wurms gefahren ist.

Hier eine Dokumentation zu den deutsch-bolschewistischen Verbindungen:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=1_EMnbdrNcc

https://www.youtube.com/watch?v=Lh-R8Ou7p9U

https://www.youtube.com/watch?v=FAQtDmfR3Nc

https://www.youtube.com/watch?v=ioRAqELVsrc

 

Und hier die Fernseh-Serie „Der Zug“:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=L9w0hEP8kDM

 

„Diese Woche in der Russischen Revolution“ über Trotzkis Rückkehr:

„New York, 27. März (14. März): Trotzki reist nach Europa ab

Trotzki, seine Frau und Genossin Natalja und ihre beiden Söhne Sergej und Liowa verlassen New York an Bord des norwegischen Linienschiffs Christianiafjord in Richtung Oslo. Von dort wollen sie per Zug über Schweden und Finnland nach Petrograd weiterreisen.

Hunderte seiner Anhänger sind zum Hafen gekommen, um Trotzki zu verabschieden. „Es goss in Strömen“, erinnert sich der deutsch-amerikanische Sozialist Ludwig Lore. „Als Trotzki kam, hoben ihn seine Anhänger auf ihre Schultern und stellten ihn auf einer riesigen Reisekiste ab. Strahlend und mit glücklichem Lächeln rief er ein letztes Lebwohl.“

Aber Trotzki wird schon seit Wochen von Agenten des britischen Geheimdienstes beobachtet. Dieser befürchtet, dass seine Rückkehr nach Russland eine neue Revolution begünstigen werde, worauf Russland aus dem Krieg ausscheiden könnte. In Telegrammen nach London verbreiten die britischen Agenten die Lüge, dass Trotzki Geld aus Deutschland erhalte und einer jüdischen Verschwörung angehöre. Diese Mär stammt von dem britischen Agenten Casimir Pilenas, einem früheren Mitglied der zaristischen Ochrana, und seinem Kumpanen Boris Brasol. Letzterer hält sich in New York auf. Der Agent Brasol hatte 1913 in Kiew die berüchtigte Ritualmordverleumdung gegen den jüdischen Fabrikbesitzer Menachem Mendel betrieben. 1918 werden Pilenas und Brasow die antisemitische zaristische Verleumdungsschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ ins Englische übersetzen.

Auf der Grundlage solcher an den Haaren herbeigezogener Vorwürfe hält das britische Militär die Christianiafjord im Hafen von Halifax in der kanadischen Provinz Nova Scotia fest, wo sie am 30. März einen fahrplanmäßigen Zwischenhalt hat. Trotzki und seine russischen Mitreisenden werden von den britischen Behörden unter einem Kapitän namens O. M. Makins verhört. „Meine Beziehungen zur russischen Innenpolitik unterstehen einstweilen noch nicht der Kontrolle der britischen Hafenpolizei“, hält Trotzki dagegen.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/03/29/twrr-m29.html

 

„Halifax, Nova Scotia, 29. April: Trotzki wird aus Internierungslager befreit

Der Kommandant des britischen Kriegsgefangenenlagers Amherst, Colonel Morris, teilt Trotzki und den andern russischen Verbannten mit, dass sie das Lager verlassen sollten, und befielt ihnen, ihre Sachen zu packen. Da man sie über das Ziel der Reise im Ungewissen lässt, und weil sie bisher von Seiten der Briten nur eine brutale Behandlung erfahren haben, protestieren die Gefangenen und weigern sich, das Lager zu verlassen, solange man ihnen das Ziel der Reise nicht nennt.

Die Soldaten der Eskorte drohen mit Gewaltanwendung und tragen das Gepäck der Gefangenen hinaus. Konfrontiert mit der wachsenden Erregung von hunderten gefangener Matrosen und Soldaten, gibt der Kommandant endlich bekannt, dass Trotzki und die anderen Exilanten auf einen dänischen Dampfer in Richtung Europa gesetzt werden sollen.

Später wird Trotzki sich der warmherzigen Aufnahme erinnern, die ihm die einfachen Matrosen und internierten deutschen Arbeiter während seiner Gefangenschaft bereitet haben. Wie er in „Mein Leben“ schreibt, ähnelte dieses Leben im Lager „einem ununterbrochenen Meeting“. Und weiter: „Ich erzählte den Gefangenen über die russische Revolution, über Liebknecht, über Lenin, über die Ursachen des Zusammenbruchs der alten Internationale, über die Einmischung der Vereinigten Staaten in den Krieg. Außer den öffentlichen Referaten führten wir dauernd Gruppendiskussionen. Unsere Freundschaft wurde mit jedem Tag enger.“

Einmal versuchen die britischen Wachen, Trotzki das öffentliche Reden zu untersagen. Da reagieren die Matrosen und Arbeiter mit einer Protestpetition, die die Unterschriften von 533 der etwa 850 Lagerinsassen trägt. Im Gegensatz dazu behandeln die Offiziere, deren Quartier durch eine Bretterwand vom Rest der gefangenen Soldaten getrennt ist, Trotzki offen feindlich. Das ändert sich auch bei Trotzkis Abfahrt nicht.

Als man uns aus dem Lager wegführte, bereiteten uns die Lagergenossen einen feierlichen Abschied. Während die Offiziere sich in ihren Abteilen eingeschlossen hatten und nur einzelne die Nase durch einen Spalt hervorsteckten, standen die Matrosen und die Arbeiter am Ufer entlang Spalier, ein improvisiertes Orchester spielte einen Revolutionsmarsch, von allen Seiten streckten sich freundschaftliche Hände entgegen. Einer der Gefangenen hielt eine kurze Rede – einen Gruß der russischen Revolution, einen Fluch der deutschen Monarchie. Ich denke noch jetzt mit Wärme daran, wie wir uns mitten im Toben des Krieges mit den deutschen Matrosen in Amherst verbrüderten.

(Leo Trotzki, „Mein Leben“, Berlin 1990, S. 258–259)

Eine entscheidende Rolle für die Freilassung Trotzkis und seiner russischen Mitgefangenen hat der Petrograder Sowjet gespielt, der die bürgerliche Provisorische Regierung solange unter Druck setzte, bis sie deren Freilassung forderte.

Später, während der Atlantiküberfahrt, wird Trotzki die ungeklärte Frage seiner Internierung in einem Brief an den Außenminister Miljukow in folgenden Worten fassen:

Wer verhaftete uns, und mit welcher Begründung? Dass der generelle Befehl, russische Bürger zu verhaften, deren Ansichten die britische Regierung nicht akzeptieren konnte, wirklich von der britischen Regierung ausging, steht außer Zweifel. Lloyd George konnte schließlich die glückliche Fügung nicht ungenutzt vorbeigehen lassen, die titanische Energie endlich unter Beweis zu stellen, derentwegen er an die Macht gekommen war. Nur eine Frage ist noch offen, nämlich: Wer verriet den britisch-kanadischen Behörden, welche Personen festgenommen werden sollten? Wer informierte Halifax in dieser kurzen Zeit von drei oder vier Tagen über unsere Ansichten? Die Umstände weisen darauf hin, dass dieser Dienst an die Alliierten von dem frisch renovierten russischen Konsulat ausging, von dem gleichen Konsulat, welches das Portrait von Nikolaus aus seinem Empfangsraum entfernt und das Wort „Kaiserlich“ aus seinem Titel gestrichen hatte. (aus dem Englischen)“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/04/26/twrr-a26.html

„Petrograd, 17. Mai (4. Mai): Trotzki trifft in Russland ein

Nach seiner Atlantiküberquerung und einer Zugreise durch Schweden und Finnland trifft Leo Trotzki mit seiner Familie in Petrograd ein. Er wird von einer Delegation der Bolschewiki und der Vereinigten Internationalisten begrüßt. Von den Menschewiki ist indessen niemand gekommen. Am Finnländischen Bahnhof hält Trotzki eine Rede, in der er zur Vorbereitung auf eine zweite Revolution aufruft. Darauf begibt er sich sofort zur Sitzung des Exekutivkomitees des Petrograder Sowjets. Die Bolschewiki bewirken, dass er als einstiger Sowjet-Vorsitzender der Revolution von 1905 in das Komitee aufgenommen wird.

In seiner Autobiographie „Mein Leben“ wird Trotzki später die enthusiastische Begrüßung, die er erfuhr, mit jener von Vandervelde vergleichen, einer Führungsfigur der Zweiten Internationale, der 1914 zum unerbittlichen Kriegsbefürworter wurde. Vandervelde ist mit demselben Zug wie Trotzki in Petrograd eingetroffen. Trotzki schreibt:

Hinter uns, am Ende des Bahnsteigs, bemerkte ich Vandervelde und [Henri] de Man. Sie blieben absichtlich zurück, sie riskierten es wohl nicht, sich unter die Menge zu mischen. Die neuen Minister-Sozialisten hatten ihrem belgischen Kollegen keinen Empfang bereitet. Zu frisch in aller Erinnerung war noch die gestrige Rolle Vanderveldes.

In einer Rede im Petrograder Sowjet verurteilt Trotzki am nächsten Tag den Eintritt der Menschewiki und Sozialrevolutionäre in die bürgerliche Regierung mit scharfen Worten. Er erklärt, die Revolution könne erst dann erfolgreich sein, wenn die Macht auf die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten übergegangen sei. Dann formuliert er „drei revolutionäre Gebote: der Bourgeoisie misstrauen; die Führer kontrollieren; nur auf die eigene Kraft bauen“.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/05/17/twrr-m17.html

 

Der Wille zur Macht

 

David North: „Vor Lenins Rückkehr aus dem Exil im April 1917 hatten die wichtigsten bolschewistischen Führer in Petrograd – Lew Kamenew und Joseph Stalin – die menschewistische Unterordnung des Sowjets (Rats) der Arbeiterklasse unter die Provisorische Regierung akzeptiert. Folgerichtig akzeptierten Kamenew und Stalin auch das menschewistische Argument, dass sich Russlands Beteiligung am imperialistischen Krieg nach dem Sturz des Zaren in einen demokratischen Kampf gegen das autoritäre Deutschland verwandelt habe. Die Arbeiterklasse müsse diesen Kampf unterstützen. Die offen imperialistischen Interessen der russischen Bourgeoisie wurden mit heuchlerischen Phrasen über einen „demokratischen Frieden“ überzuckert.

Lenins Rückkehr nach Russland am 17. April führte zu einer dramatischen Wende in der Orientierung der Bolschewistischen Partei. Im Gegensatz zu allen Verbündeten der Provisorischen Regierung im Petrograder Sowjet und zu einem beträchtlichen Teil der bolschewistischen Führung rief Lenin dazu auf, alle Macht an die Sowjets zu übertragen. Diese revolutionäre Forderung, die nicht nur die Menschewiki verblüffte, sondern auch die meisten Genossen Lenins in der bolschewistischen Führung, gründete auf einem völlig anderen Verständnis der historischen Bedeutung der Russischen Revolution.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/08/okto-n08.html

Trotzki: „Wir machen gerade eine tiefe gesellschaftliche Krise durch. Das Proletariat ist mit dem Abriss und der Ersetzung des Staatsapparats beschäftigt. Der Widerstand von ihrer Seite spiegelt unsere Wachstumsprozesse wider. Worte können ihren Hass auf uns nicht dämpfen. Man sagt uns, ihr Programm sei dem unseren ähnlich. Wir sollten ihnen ein paar Sitze geben, und alles werde sich einrenken ... Nein. Die Bourgeoisie tritt uns aufgrund ihrer gesamten Klasseninteressen geschlossen entgegen. Und was erreichen wir dem gegenüber, wenn wir den Weg der Versöhnung mit dem Wikschel beschreiten? ... Wir sind mit einer bewaffneten Gewalt konfrontiert, die wir nur mit eigener Gewalt überwinden können.“

David North: „In einer Broschüre, die er kurz vor der Oktoberrevolution unter dem Titel Können die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten? verfasste, verspottet Lenin diejenigen, die nur bereit sind, „die soziale Revolution anzuerkennen, wenn die Geschichte ebenso friedlich, ruhig, glatt und akkurat an die Revolution heranführte, wie ein deutscher D-Zug in die Bahnhofshalle einfährt. Der würdevolle Schaffner öffnet die Wagentüren und ruft: „Haltestelle Soziale Revolution! Alle aussteigen!“

Lenin zitiert noch ein weiteres Argument, das häufig gegen die Machtübernahme angeführt wurde: Die Revolution wäre in hohem Maße empfehlenswert, wenn die politische Lage nur nicht so „außerordentlich kompliziert“ wäre. Mit kaum verhohlenem Sarkasmus antwortete Lenin diesen „Weisen“, die den Bolschewiki dringend nahelegten, eine „unkomplizierte“ Situation abzuwarten:

Solche Revolutionen gibt es nicht, und die Seufzer nach einer solchen Revolution sind nichts weiter als reaktionäre Lamentationen eines bürgerlichen Intellektuellen. Selbst wenn eine Revolution in einer scheinbar nicht sehr komplizierten Situation begonnen hat, so schafft die Revolution selber in ihrer Entwicklung immer eine außerordentlich komplizierte Situation. Denn eine wirkliche, eine tiefgehende, eine „Volks“revolution, um mit Marx zu sprechen, ist der unglaublich komplizierte und qualvolle Prozess des Sterbens einer alten und die Geburt einer neuen Gesellschaftsordnung, einer neuen Lebensstruktur für Millionen und Abermillionen von Menschen. Die Revolution ist der heftigste, wütendste, erbittertste Klassenkampf und Bürgerkrieg …

Gäbe es keine außerordentlich komplizierte Situation, so gäbe es auch keine Revolution. Wer Wölfe fürchtet, der meide den Wald.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/28/lect-n28.html

 

Konterrevolution

 

„Diese Woche in der Russischen Revolution“:

„Petrograd, 7. September (25. August): Kornilow befiehlt Marsch auf Petrograd

Unter dem Vorwand, ein nicht-existenter „bolschewistischer Aufstand“ in der Hauptstadt müsse niedergeschlagen werden, gibt Kornilow Marschbefehl auf Petrograd. Rechte Agitatoren verbreiten Gerüchte von einer Verschwörung „deutscher Agenten“, „finsterer Kräfte“ und von „Ausländern im Blaumann“, die angeblich in Petrograd eingedrungen seien und sich verschworen hätten, eine nur vage bezeichnete Katastrophe anzurichten. Diese könne nur verhindert werden, wenn Kornilow die Stadt rette.

Kornilow plant, sich selbst mit Hilfe der Armee als Diktator einzusetzen und im ehemaligen Zarenreich den Oberbefehl über alle zivilen und militärischen Angelegenheiten zu übernehmen. Seine Kommandanten erhalten die Order, beim Einzug in Petrograd die Arbeiter zu entwaffnen und ihre Führer zu verhaften. Wer Widerstand leistet, soll sofort erschossen werden. Was die Bolschewiki angeht, so sollen sie als „deutsche Spione“ ohne Unterschied aufgeknüpft werden. Kornilow setzt ein Telegramm ab: „Die Abteilungen werden am Abend des 28. August die Vororte von Petrograd erreichen. Ich verlange, dass Petrograd ab dem 29. August unter Kriegsrecht gestellt wird.“

Kornilows Putschversuch hat die stillschweigende Zustimmung der imperialistischen Alliierten, die Russlands fortgesetzte Teilnahme am Krieg sicherstellen wollen. Die Metropoliten (hohe Geistliche der russisch-orthodoxen Kirche) erteilen Kornilow ihren Segen. Zu dem nach Petrograd abgeordneten Korps gehört auch die Kaukasische Kavalleriedivision, die berüchtigte „Wilde Division“ des Zaren. Kornilows Hintermänner können das bevorstehende Blutbad in der Hauptstadt kaum erwarten und prahlen: „Den Bergtruppen ist es ja gleich, wen sie abschlachten.“

Komplexe und finstere Intrigen, Verrätereien und Manöver zwischen dem Kerenski- und dem Kornilow-Lager gehen dem Marsch auf die Hauptstadt voraus.

Im Prinzip ist Kerenski kein schlechterer „Kornilowianer“ als Kornilow selbst. Beide stimmen überein, dass es zur Erhaltung der Ordnung in der Hauptstadt und zur Fortsetzung des Kriegs bis zum Sieg nötig sei, eine rücksichtslose Diktatur von „Blut und Eisen“ zu errichten und die Arbeiter zu unterdrücken. Sie sind zur Zusammenarbeit bereit, und Kerenski hat Kornilow selbst zum Oberkommandierenden ernannt. Was die beiden verbindet, ist ihre extreme Abneigung gegen die Bolschewiki.

Kerenski strebt ein „Direktorium“ aus handverlesenen starken Männern an, das unkontrolliert diktatorische Notstandsmaßnahmen durchsetzen soll. Unter dieser von ihm selbst geführten Regierung soll Kornilow als Armeechef dienen, um jede Opposition rücksichtslos zu zerschlagen und den Krieg fortzusetzen. Kornilow seinerseits zieht eine ausgewachsene, offen konterrevolutionäre Diktatur vor, die mit Massenmord, Terror und Pogromen gegen Russlands „innere Feinde“ vorgeht. Demnach wäre Kornilow der oberste Chef, und Kerenski könnte unter ihm die Rolle eines prominenten Abgeordneten oder Ministers spielen.“

„Petrograd, 8. September (26. August): Kerenski sagt Teilnahme an Kornilows Verschwörung zu

Am 26. August (nach gregorianischem Kalender) führen Kerenski und Kornilow eine sonderbare Konversation über Fernschreiber. Keiner der beiden Führer spielt mit offenen Karten. Kerenski gibt vor, die Pläne Kornilows zu billigen. Doch dann vollführt Kerenski eine Wende um 180 Grad und legt das Transkript des Gesprächs, das den geplanten Putsch enthüllt, den andern Ministern der Provisorischen Regierung vor. Er beschuldigt Kornilow der Putschpläne und fordert für sich selbst „unbegrenzte Vollmachten“, um die Krise zu lösen. Auch ordnet er einseitig die Absetzung Kornilows von seinem Posten als Oberbefehlshaber an.

Kornilow stellt wutentbrannt fest, dass Kerenski ihn betrogen hat, und erklärt, er sei das Opfer einer „Provokation“. Er bestätigt seine Entschlossenheit, die Macht in jedem Fall zu übernehmen, und lässt eine Erklärung veröffentlichen, in der es heißt:

Volk Russlands! Unser großes Vaterland liegt im Sterben. Die Stunde seines Todes ist nah. Gezwungen, offene Worte zu finden, erkläre ich, General Kornilow, dass die Provisorische Regierung unter dem Druck der bolschewistischen Mehrheit in den Sowjets [sic] in völligem Einvernehmen mit den Plänen des deutschen Generalstabs und mit der bevorstehenden Landung feindlicher Truppen an der Küste Rigas handelt; sie bringt die Armee um und unterhöhlt die Grundfesten des Landes.

Das deutliche Gefühl des unausweichlichen Untergangs unseres Landes zwingt mich in diesem dunklen Moment, das ganze russische Volk aufzurufen, dem sterbenden Vaterland zu Hilfe zu eilen …

Kerenski, der in den letzten Monaten immer mehr an Unterstützung verloren hat, steht ohne Freunde da und sieht sich außer Stande, Kornilow aufzuhalten. Die rechten Kräfte im Land haben ihr Gewicht enthusiastisch hinter Kornilow geworfen. Kerenski selbst hat sich in letzter Zeit scharf nach rechts gewandt und sich vollkommen von den Arbeitern und Soldaten Petrograds entfernt. Die Loyalität dieser Arbeiter und Soldaten gilt nicht Kerenski, sondern ihren Fabrikkomitees und den Sowjets. Die Diszipliniertesten und Militantesten gehören den Bolschewiki an.

Am 27. August bittet der zunehmend verzweifelte Kerenski die Sowjets um Hilfe. Dies richtet sich auch an die Bolschewiki, deren Zeitung Kerenski unterdrückt hat und deren Führer er verleumdet und ins Gefängnis geworfen hat. Am 28. August, als das dritte Kavalleriekorps seinen Vormarsch auf Petrograd eröffnet, schießen die Kurse der Petrograder Börse in Erwartung eines Sieges Kornilows nach oben.“

„9.–11. September (27.–29. August): Organisierte und starke Erhebung der Petrograder Arbeiter, um Kornilow zu stoppen

Sobald die Nachricht eintrifft, dass sich Kornilows Truppen Petrograd nähern, heulen in allen Fabriken der Stadt die Alarmsirenen. Im Industriegebiet haben die bolschewistischen Führer seit langem vor dieser Gefahr gewarnt. Jetzt sind sie als erste auf dem Posten und geben die nötigen Befehle. Innerhalb von Stunden sind Hunderttausende Arbeiter kampfbereit.

In den Bezirken bilden sich lange Schlangen von Arbeitern, die darauf warten, in die Roten Garden, die Kampfkomitees der Fabriken, einzutreten. Die Arbeiter in den Rüstungsfabriken produzieren jetzt Waffen für die eigenen Leute. Die Metallarbeiter bringen ihre Produkte ins Feld und justieren die Waffen direkt vor Ort. Zehntausende von Arbeitern marschieren mit geschultertem Gewehr vor die Stadt, wo sie Schützengräben ausheben, Stacheldraht verspannen und bei den zum Zentrum führenden Bahnstrecken die Schienen ausbauen.

Alle Arbeiter der Stadt sind auf den Beinen und organisiert, und sie haben alle Ressourcen zu ihrer Verfügung. Rund um die Uhr finden überall in der Stadt Versammlungen statt, und Maßnahmen werden ergriffen, um pünktlich jeden Aspekt der Verteidigung sicherzustellen. Alle strategischen Schlüsselstellen, darunter die Hauptinfrastruktur und die Regierungsgebäude, sind besetzt und abgesichert. Die Post- und Telegraphenangestellten weigern sich, Nachrichten für die Kornilow-Leute weiterzuleiten, und die Schriftsetzer weigern sich, deren Handzettel druckfertig zu machen. Mancherorts werden Offiziere, die Kornilow unterstützen, verhaftet und vor revolutionäre Arbeiter- und Soldatentribunale gestellt. In einigen Fällen werden Offiziere feierlich zum Tode verurteilt.

Sobald die Eisenbahner sich der Gefahr bewusst werden, weigern sie sich, Kornilows Truppen zu transportieren. Mit Holz beladene Eisenbahnwaggons blockieren die Strecken, und kilometerlange Bahnstrecken sind unpassierbar, da die Eisenbahner die Schienen an entscheidender Stelle demontiert haben. Die einmütige Reaktion der organisierten Eisenbahner versetzt Kornilow einen besonders empfindlichen Schlag. Seine Truppen, die per Zug nach Petrograd fahren sollen, stecken über hunderte Kilometer verstreut im Gelände fest. Sie kommen weder mit der Eisenbahn weiter, noch können sie miteinander kommunizieren. Was die Sache für Kornilow noch schlimmer macht: Revolutionäre Agitatoren aus Petrograd erreichen die gestrandeten Züge, verurteilen Kornilow und drängen die Soldaten, seinen Befehlen nicht mehr Folge zu leisten. Zum Leidwesen von Kornilows Generälen beginnen die Soldaten, Versammlungen abzuhalten, um selbst zu entscheiden, was zu tun sei.

Kornilows eigene Soldaten hissen die rote Fahne, nehmen die Offiziere fest und weigern sich, weiter an irgendeinem Angriff auf Petrograd teilzunehmen. Kaukasische Muslime, die noch vor kurzem als Delegierte am Sowjetkongress in Petrograd teilgenommen haben, überzeugen sogar die so genannte „Wilde Division“, vom Angriff abzulassen. Auch über der Wilden Division flattert jetzt eine rote Fahne, darauf die Schrift: „Land und Freiheit“. Die Kommandanten werden entwaffnet, und eine gewählte Soldatendelegation macht sich auf den Weg nach Petrograd.

Die Arbeiter von Petrograd haben nicht vergessen, was für ein konterrevolutionäres Terrorregime auf die Niederlage von 1905 folgte. Sie wissen, was für sie auf dem Spiel steht, sollte es Kornilow gelingen, Petrograd zu erreichen, und sie sind entschlossen, die Stadt um jeden Preis zu verteidigen. Dem Namen nach ist es die Sowjetführung, die die Arbeiteraktionen dirigiert, aber in Wirklichkeit spielt die bolschewistische Partei die entscheidende Rolle dabei, Kornilow aufzuhalten. Der Menschewik–Internationalist Suchanow wird die Situation später folgendermaßen schildern:

Das Komitee [zum Kampf gegen die Konterrevolution], das die Vorbereitungen für die Verteidigung traf, musste die Massen der Arbeiter und Soldaten mobilisieren. Aber soweit die Massen organisiert waren, waren sie von den Bolschewiki organisiert und folgten ihnen. Zu jener Zeit war die bolschewistische Organisation die einzige, die groß war, von elementarer Disziplin zusammengehalten wurde und mit den demokratischen untersten Schichten der Hauptstadt verbunden war. Ohne sie war das Komitee machtlos. Ohne die Bolschewiki hätte es die Zeit nur mit Appellen und nutzlosen Ansprachen seiner Redner verbringen können, die ihre Autorität längst verspielt hatten. Mit den Bolschewiki stand dem Komitee die volle Macht der organisierten Arbeiter und Soldaten zur Verfügung.

Unter den bolschewistischen Führern gibt es weiterhin strategische Differenzen. Einige erfahrene Bolschewiki schwanken in den ersten chaotischen Stunden der Kornilow-Krise und tendieren dazu, den Kräften, die Kerenski unterstützen, darunter auch den Menschewiki und Sozialrevolutionären, Allianzen anzubieten. Das heißt aber, sich mit eben jenen Kräften zu verbünden, die das Regime unterstützen, welches die bolschewistischen Zeitungen verbietet und die bolschewistischen Führer einkerkert. Lenin und seine Mitstreiter lehnen solche Vereinbarungen strikt ab und bestehen darauf, dass die bolschewistischen Arbeiter sich organisieren müssen, um Kornilow zu bekämpfen, und dass sie unabhängig und unter ihrer eigenen Fahne kämpfen müssen, ohne Kerenski die geringste Unterstützung anzubieten. Entsprechend stimmen die Bolschewiki zu, an den gemeinsamen Komitees zur Verteidigung der Stadt „nur zu Informationszwecken“ teilzunehmen.

Innerhalb weniger Tage können die Roten Garden 40.000 Gewehre ins Feld schicken. Die Truppen, die noch zu Kornilow halten, sind zahlenmäßig weit unterlegen und befinden sich in Auflösung. Sie zerstreuen sich, kaum dass ein Schuss gefallen ist. Der Stolz der Petrograder Arbeiter, ihr Optimismus und ihre Zuversicht wachsen. Die Arbeiter haben ihre Kräfte mit denen der Konterrevolution gemessen und festgestellt, dass sie fraglos die stärkste soziale Kraft im Land darstellen. Voll mobilisiert und unter Führung der Bolschewistischen Partei sind sie viel stärker als Kerenski und seine Minister, viel stärker als Kornilow und seine Offiziere, und viel stärker als jedes andere Hindernis, das ihnen im Weg steht. Die Massenunterstützung für die Bolschewiki, die schon vorher unaufhaltsam angeschwollen ist, nimmt jetzt unbesiegbare Dimensionen an.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/09/07/twrr-s07.html

Wenige Wochen darauf ereignen sich die „10 Tage, die die Welt erschütterten“ und die Bolschewiki sind an der Macht.

 

Nach der Eroberung der Macht

 

Die ersten Maßnahmen

 

Der Wurm hatte am Anfang geschrieben: „Sofortige Beendigung des Krieges (der Millionen zu Toten oder Krüppeln machte), Millionen von bislang besitz- und rechtlosen Bauern haben Teil am zu bebauenden Land, Millionen von Arbeitern haben Teil an den Fabriken und sehr viel angenehmeren Arbeits-Bedingungen, Frauen sind grundsätzlich den Männern gleich gestellt, Scheidungen und Abtreibungen sind völlig problemlos, sämtliche vorher gegen Homosexuelle gerichteten Paragraphen ersatzlos gestrichen“.

Was mensch auch immer gegen die neue Regierung sagen kann – zumindest waren die Absichten menschenfreundlich. Getreu nach dem Motto des größten Glücks der größten Zahl:

„Das größte Glück der größten Zahl (greatest-happiness-principle) ist das Leitprinzip von (Jeremy) Benthams utilitaristischer Ethik. Eine Handlung bewertet sich demnach allein nach ihren sozialen Folgen: sie ist moralisch richtig, wenn sie der Allgemeinheit (bzw. der größten Zahl) nützt; sie erweist sich als moralisch falsch, wenn sie der Allgemeinheit schadet.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Bentham

Also: Gleichberechtigung aller Menschen. Keine Bevorteilung Adeliger oder etwa Reicher, keine Benachteiligung von Frauen oder etwa Juden.

Bei solch einem Programm und dem Willen, dieses durchzusetzen, gibt es natürlich mächtige Interessens-Gruppen, die etwas dagegen haben und ausnahmslos alles unternehmen, damit das Projekt zu Fall kommt.

 

„Bürgerkrieg“

 

Aus „Wikipedia“: "Der Russische Bürgerkrieg wurde zwischen den kommunistischen Bolschewiki (den „Roten“ beziehungsweise der von Leo Trotzki gegründeten Roten Armee) einerseits und einer heterogenen Gruppe aus Konservativen, Demokraten, gemäßigten Sozialisten, Nationalisten und der Weißen Armee andererseits ausgetragen. Der genaue Zeitpunkt seines Beginns ist unter Historikern umstritten; er wird entweder auf die Oktoberrevolution im November 1917 oder aber auf das Frühjahr 1918 gelegt.

Der Krieg wurde erbittert und brutal besonders auch gegen die Zivilbevölkerung geführt; etwa 8 bis 10 Millionen Menschen verloren ihr Leben. Das Eingreifen der Entente und der Mittelmächte in den Konflikt trug maßgeblich zu seiner Länge und Heftigkeit bei. Sowjetrussland erreichte durch ihn zwar die Herrschaft über einen Großteil der Fläche des früheren Russischen Reichs. Allerdings erlangten neben dem schon seit 1918 unabhängigen Polen, das auch westliche Gebiete der heutigen Ukraine und Weißrusslands umfasste, auch die baltischen Staaten, Finnland und die Tuwinische Volksrepublik die Unabhängigkeit.

Der Konflikt endete in Europa mit dem Sieg der Roten Armee über die letzten weißen Truppen auf der Krim im November 1920, im Kaukasus mit der Einnahme von Batumi 1921 und in Asien mit der Einnahme von Wladiwostok 1922. Am Ende dieses Jahres wurde die Sowjetunion gegründet.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_B%C3%BCrgerkrieg

Was hier unterschlagen wird, sind die Gründe für das „Eingreifen“ ausländischer Mächte. Die Mittelmächte (also die Gruppe um Deutschland) griffen überhaupt nicht ein, sondern gingen anfangs gegen den russischen Staat vor, um diesen zum Friedens-Abschluss unter äußerst derben deutschen Bedingungen zu zwingen.

Alle anderen Mächte unterstützten die Gegner der neuen russischen Regierung, um, wie Winston Churchill es ausdrückte, „das Baby in der Wiege zu ersticken“ – also eine Regierung unter Kontrolle der Arbeiter.

Weiter mit „Wikipedia“: „Die Entscheidung Lenins, durch die Annahme des Diktatfriedens von Brest-Litowsk ein bedingungsloses Appeasement gegenüber den Mittelmächten durchzuführen, führte erfolgreich zur Abwendung der militärischen Bedrohung, die die deutschen und k.u.k.-Truppen für die junge Sowjetmacht darstellten. Allerdings wurde durch diese Politik das Verhältnis zu den Entente-Staaten sehr belastet. Zur Sicherung ihrer Interessen in Russland und um einer weiteren deutsch-sowjetischen Annäherung entgegenzuwirken, wurden noch während des Weltkriegs Truppen nach Russland entsandt.

Da die europäischen Häfen Russlands an der Ostsee für die Alliierten noch nicht erreichbar waren, landete das erste britische Kontingent aus 600 Soldaten im Juni 1918 in Murmansk am Arktischen Ozean. Dieser Hafen, fernab vom russischen Kernland, wurde zwar von den Briten besetzt, weitere Aktionen wurden allerdings nicht durchgeführt.

Ein weiteres Landungsunternehmen fand im August 1918 in Archangelsk statt. Hier landeten zuerst 600 britische und französische Soldaten. Sie wurden durch ein US-Kontingent von 5.000 Mann der Polar Bear Expedition verstärkt. Anlass war die Sicherung der dortigen Waffendepots, die weder in die Hände der Deutschen noch der Bolschewiki fallen sollten. Ebenso betonten amerikanische Politiker die Verpflichtung, der Tschechoslowakischen Legion zu Hilfe zu eilen, was allerdings aufgrund der enormen Distanz zwischen Archangelsk und den Tschechoslowaken in Sibirien eher den Charakter eines Vorwandes hatte. Die Expeditionstruppe konnte mehrere hundert Kilometer in das Landesinnere vorstoßen. Vereinzelte Kämpfe zwischen den Alliierten und roten Truppen zogen sich durch das ganze folgende Jahr, ohne dass eine strategisch bedeutsame Entscheidung herbeigeführt werden konnte. Im Juli 1919 verließen die verbliebenen ausländischen Einheiten Nordrussland in Richtung Heimat. In den Ententeländern stand die durch den Ersten Weltkrieg ohnehin kriegsmüde öffentliche Meinung der Intervention immer ablehnender gegenüber.

Im Dezember 1918 landete ein französisch-griechisches Kontingent von 1.000 Mann in Odessa. Unterstützt wurde es von einem französischen Flottenverband. Als sich das Kriegsgeschehen näherte, kam es zu einem Aufstand in der französischen Schwarzmeerflotte (bei der die rote Fahne gehisst wurde), die Meuterer erzwangen im April 1919 den Rückzug Frankreichs. Die letzten Ententetruppen verließen Odessa am 7. April 1919.

Am längsten währte die ausländische Präsenz im größten Pazifikhafen des ehemaligen Zarenreiches, Wladiwostok. Schon im April des Jahres 1918 waren einzelne japanische und britische Verbände hier an Land gegangen. Ihnen folgte auch hier ein amerikanisches Expeditionskorps, die American Expeditionary Force Siberia in Stärke von 8.000 Soldaten. Wladiwostok sollte als Nachschublinie für die sibirischen Truppen Koltschaks dienen. Dieser war aufgrund seiner antideutschen Haltung von der Entente als legitimes Staatsoberhaupt Russlands anerkannt worden. Bis zum Niedergang der weißen Bewegung 1920 blieben die alliierten Soldaten in Sibirien. Die Kommunisten gründeten 1920 in Tschita die Fernöstliche Republik. Als Gegengewicht gegen diese gründeten die 70.000 Mann starken japanischen Interventen 1921 die Küstenrepublik. Im Kampf zwischen beiden Staaten setzten sich schließlich die Roten durch. Sie erreichten Wladiwostok allerdings erst im Dezember 1922, nach der Integration der Fernöstlichen Republik in die Sowjetunion.

Auch wenn die Bedeutung der Invasionstruppen von sowjetischen Historikern oft herausgestellt wurde, so war ihr militärischer Einfluss auf die Entscheidung des Bürgerkrieges eher geringfügig. Die deutsche Besetzung bis zum Kollaps des Kaiserreichs im November 1918 war in der frühen Periode dieses Krieges eine größere Bedrohung für den Sowjetstaat als die an der Peripherie eingreifenden kleinen Kontingente der ehemaligen Bündnispartner.

Weitaus wichtiger für das Bürgerkriegsgeschehen waren alliierte Lieferungen und Hilfsleistungen an die Weiße Armee in Sibirien und in Südrussland. So schrieb Winston Churchill in einem Memorandum vom 15. September 1919, dass im Jahr 1919 England 100 Millionen Pfund und Frankreich zwischen 30 und 40 Millionen Pfund für die weißen Truppen in Russland ausgegeben hätten.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_B%C3%BCrgerkrieg

Verwüstungen und Verheerungen: „Nach den Schäden und Verlusten des Ersten Weltkriegs erwies sich der Bürgerkrieg für Russland als noch größere Katastrophe. Insgesamt starben rund 770.000 Soldaten beider Seiten im Gefecht. Nach heutigen Schätzungen entfielen 80 % dieser Verluste auf die Rote Armee. Weitere rund 700.000 Kombattanten verloren während ihres Dienstes durch Seuchen ihr Leben. Die Zahl der getöteten Zivilisten durch den Terror beider Seiten ist nicht annähernd festgestellt. Die Zahl der Exekutionen durch die „Roten“ wird in der westlichen Literatur auf zwischen 50.000 und 200.000 beziffert. Wie viele Menschen infolge staatlicher Repressionen ohne Todesurteil ihr Leben verloren, ist vollkommen unbekannt.

Der Terror seitens der Weißen ist ebenfalls ungenügend dokumentiert. Heutige Schätzungen gehen von 20.000 bis 100.000 Morden an Sympathisanten der Gegenseite aus. Hinzu kommen noch 50.000 bis 100.000 Opfer jüdischer Herkunft, die bei antisemitischen Pogromen umgebracht wurden. Die Juden waren unter der Zarenherrschaft von der Beamtenlaufbahn ausgeschlossen. Beim Neuaufbau der Verwaltung unter den Bolschewiki bildeten sie somit ein Reservoir an meist gebildeten Fachkräften, die nicht im Dienst des vorherigen Regimes gestanden hatten. Dieser Einstrom von jüdischen Bürgern in die öffentlichen Ämter wurde in der weißen Propaganda durch antisemitische Parolen ausgenutzt. Insbesondere in der Ukraine häuften sich während des Bürgerkriegs Pogrome und Übergriffe gegen die jüdische Minderheit. Maßgeblich beteiligt waren dabei die weißen Truppen und die ukrainischen Nationalisten unter Petljura. Bis auf einige Ausnahmen blieben solche rassistische Übergriffe durch die Rote Armee eine Seltenheit. Militärisch waren die Pogrome von untergeordneter Bedeutung, allerdings vertieften sie die Spaltung zwischen den städtischen Gebildeten und der weißen Bewegung. Ebenso wurde deren Ansehen im Ausland dadurch mehr und mehr beschädigt. Nach Angaben des Historikers Simon Dubnow fanden während des Bürgerkriegs in dieser Zeit in der Ukraine über 1000 Pogrome statt, mit einer Opferzahl über 60.000 Toten und einer vielfachen Anzahl an Verwundeten, wobei 530 jüdische Gemeinden angegriffen wurden.

Der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems und das Chaos des Krieges forderten Millionen Opfer unter der Zivilbevölkerung durch Hunger und die Ausbreitung von Seuchen. Anhand von Bevölkerungszählungen, die bis 1923 durchgeführt wurden, lässt sich feststellen, dass im Russland des Jahres 1920 neun bis zehn Millionen Menschen weniger lebten, als im selben Gebiet zum Ende des Weltkrieges. Nach der Berücksichtigung der Emigration von ca. zwei Millionen Menschen und der Hungersnot von 1921 führt dies zu einer Zahl von rund acht Millionen zivilen Opfern. Dies entspricht dem Vierfachen der Verluste des Zarenreichs im Ersten Weltkrieg. Nach Krieg und Hungersnöten lebten auf sowjetischem Territorium rund sieben Million Waisenkinder auf der Straße. Diese hielten sich durch Betteln und Kriminalität über Wasser. Nach einer sowjetischen Erhebung von 1920 gingen 88 % der weiblichen Straßenkinder der Prostitution nach. Für die Jungen ist keine Erhebung verfügbar, aber auch unter ihnen sind Fälle von Prostitution berichtet. Nur ein kleiner Teil der Kinder konnte in Waisenhäusern untergebracht werden. Ein anderer Teil wurde als Kinderarbeiter beschäftigt und somit wenigstens von der Straße weggebracht. Ältere Kinder wurden mitunter auch in Einheiten der Roten Armee aufgenommen.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_B%C3%BCrgerkrieg

Anders ausgedrückt: Von der ersten (bis zur letzten) Minute ihrer Existenz an stand die Arbeiter-Regierung unter massivstem Druck sowohl von innen als auch von außen mit mächtigen und erbitterten Feinden, denen es ausschließlich um ihre Vernichtung ging. Politisch, militärisch, wirtschaftlich, finanziell.

David North: „Mit Sicherheit galt es wichtige Lehren aus der Oktoberrevolution und ihren Folgen zu ziehen. Erstens: Der Sieg der sozialistischen Revolution hing in weitaus größerem Maße, als man es vor 1914 erkannt hatte, von der Existenz einer revolutionären marxistischen Partei ab, die fähig war, der Arbeiterklasse eine Führung zu geben. Die Tatsache, dass das Schicksal der Revolution innerhalb weniger kritischer Tage für einen längeren Zeitraum entschieden werden konnte, verlieh der Frage der Führung herausragende politische und historische Bedeutung. Zweitens: Die Erfahrung der Oktoberrevolution hatte die Furcht der Kapitalisten vor der sozialistischen Revolution gesteigert.

Als den herrschenden Eliten klar wurde, dass sie den Sieg der Bolschewiki nicht rückgängig machen konnten, und als sie erkannten, was es hieß, die Macht zu verlieren, waren sie entschlossen, eine Wiederholung dieser Erfahrung um jeden Preis zu verhindern. Aufgrund dieses geschärften Bewusstseins für die politischen Gefahren, die ihr drohten, griff sie zu zügelloser konterrevolutionärer Gewalt gegen die Arbeiterklasse und ihre politische Avantgarde. Im Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht während der blutigen Niederschlagung des Spartakusaufstands in Berlin ermordet. In ganz Europa wurden faschistische Bewegungen aufgebaut.

Die Bourgeoisie, warnte Trotzki im Juli 1921, „entfaltet die größte Konzentration der Kräfte und Ressourcen, der politischen und militärischen Mittel der Täuschung, des Zwangs und der Provokation, d. h. die Blüte ihrer Klassenstrategie gerade in dem Moment, in dem ihr unmittelbar der gesellschaftliche Untergang droht.“ In der Epoche der Krise und des Zusammenbruchs des Kapitalismus kommt die ganze konterrevolutionäre Strategie der Bourgeoisie zum Tragen als „die Kunst, mit allen Methoden zugleich gegen das Proletariat zu kämpfen, von zuckersüßen, professoral-klerikalen Predigten bis hin zum Maschinengewehrfeuer auf Streikende“.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/28/lect-n28.html

 

Stalinismus

 

David North: „Stalins verräterische und irregeleitete Politik führte in den 1930er Jahren zu verheerenden Niederlagen der Arbeiterklasse in Deutschland, Frankreich, Spanien und vielen anderen Ländern.

Innerhalb der Sowjetunion fiel der konterrevolutionären nationalistischen Reaktion die ganze Generation marxistischer Arbeiter, Parteiaktivisten sowie revolutionärer Intellektueller und Künstler zum Opfer, die politisch auf der Grundlage des sozialistischen Internationalismus ausgebildet worden war. Die Moskauer Prozesse und der Große Terror zwischen 1936 und 1940 waren ein politischer Völkermord, der auf die physische Vernichtung all jener abzielte, die mit dem internationalistischen Programm und der Kultur identifiziert wurden, auf denen die Gründung des sowjetischen Staates beruht hatte …

Doch die Sowjetunion war keine sozialistische Gesellschaft. Wie Trotzki in Verratene Revolution erklärt, war der Sowjetstaat ein Übergangsregime zwischen Kapitalismus und Sozialismus, dessen Schicksal noch nicht entschieden war. Die nationalistische Politik Stalins, die mit brutalem Terror durchgesetzt wurde, war ein Hohn auf sozialistische Planung, die eine demokratische Kontrolle der Arbeiter über Entscheidungsprozesse voraussetzt. Was Trotzki als den „unverantwortlichen Despotismus der Bürokratie über das Volk“ bezeichnete, führte zu einer schrecklichen Vergeudung von Menschenleben, die ebenso unnötig wie brutal war, und zu einer grotesken Vergeudung materieller Ressourcen.

Die stalinistische Bürokratie, die die politische Macht usurpiert hatte und ihre Kontrolle über die staatlichen Repressionsorgane nutzte, um sich eine privilegierte Stellung innerhalb der Gesellschaft zu sichern, verstieß gegen die elementarsten sozialistischen Gleichheitsgrundsätze. Stalin, der persönlich die Folter und Ermordung seiner ehemaligen Genossen und unzähliger marxistischer Revolutionäre anordnete und leitete, zählt zu den schlimmsten Verbrechern der Menschheitsgeschichte.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/28/lect-n28.html

„Die Verbrechen des Stalinismus – einer antimarxistischen, nationalistischen bürokratischen Reaktion gegen Programm und Prinzipien des Bolschewismus – entwerten nicht die Oktoberrevolution und ihre echten Errungenschaften, einschließlich der Erfolge des Sowjetstaats in den 74 Jahren seines Bestehens. In der heutigen, neuen Periode einer globalen Krise des kapitalistischen Systems ist ein abermaliges Studium der Russischen Revolution und ihrer Lehren eine unabdingbare Voraussetzung dafür, einen Ausweg aus der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Sackgasse unserer Zeit zu finden.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/03/22/nort-m22.html

Kein Zweifel: Stalin war ein Verbrecher und der Stalinismus war ein kriminelles Regime.

Aber: wer nach Hitler und dem Nationalsozialismus nicht auf die Idee kommt, dass damit der Kapitalismus diskreditiert sei, braucht nicht damit anzufangen, Sozialismus mit Stalin gleichzusetzen.

 

Millionen Tote ohne Bolschewiki

 

David North: „An der Ostfront standen sich russische Verbände auf der einen und deutsche und österreichische Truppen auf der anderen Seite gegenüber. Im Juni 1916 eröffnete das Zarenregime eine Offensive, die von General Brussilow befehligt wurde. Als sie im September vorbei war, hatte die russische Armee 500.000 bis eine Million Gefallene zu verzeichnen. Unzählige Historiker haben in den letzten einhundert Jahren die Gewalttätigkeit der Russischen Revolution und die angebliche Unmenschlichkeit der Bolschewiki angeprangert. Diese Moralisten sehen in ihrem Elfenbeinturm geflissentlich darüber hinweg, dass, noch bevor die Revolution ein einziges Opfer gefordert hatte, nahezu zwei Millionen russische Soldaten in dem Krieg gestorben waren, den die zaristische Selbstherrschaft mit glühender Unterstützung der russischen Bourgeoisie vom Zaun gebrochen hatte.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/03/22/nort-m22.html

 

Was wäre ohne die Bolschewiki passiert?

 

David North: „Der antibolschewistische Furor der „gemäßigten“ Sozialisten stieß einen Teil der weiter links stehenden Menschewiki-Internationalisten unter Martow ab. Ein Vertreter dieser Gruppierung, A. A. Blum, fragte die rechten „Gemäßigten“: „Haben Sie sich überlegt, was eine Niederlage der Bolschewiki bedeuten würde? Das Handeln der Bolschewiki ist gleichbedeutend mit dem Handeln von Arbeitern und Soldaten. Mit der Partei des Proletariats werden auch die Arbeiter und Soldaten niedergeschlagen.“

Ungeachtet der Kapitulationsstimmungen innerhalb des bolschewistischen Zentralkomitees genoss die Sowjetmacht unter den Arbeitern Petrograds weiterhin große Unterstützung. Lenin verteidigte unnachgiebig den Aufstand und die Schaffung einer wirklich revolutionären Regierung. Auf einer hitzigen Sitzung des Zentralkomitees am 1. November 1917 griff Lenin Kamenew und andere Kapitulanten in der Parteiführung scharf an. Er zitierte Berichte aus Moskau, wo bürgerliche Kräfte erbittert Widerstand gegen die Revolution leisteten. Offiziere aus dem Junkertum hatten dort Soldaten, die ihnen in die Hände gefallen waren, erschossen. Lenin erinnerte an das Schicksal von Arbeiteraufständen, die in Blut ertränkt worden waren, und ermahnte die Kapitulanten: „Wenn die Bourgeoisie gesiegt hätte, dann hätte sie ebenso gehandelt wie 1848 und 1871.“ Er bezog sich auf das Massaker, das General Cavaignac im Juni 1848 an den Arbeitern von Paris verübt hatte, und auf die Erschießung von mindestens 10.000 Arbeitern durch die Armee der bürgerlichen Versailler Regierung bei der Niederschlagung der Pariser Kommune im Mai 1871.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/28/lect-n28.html

Die Frage bleibt: Was wäre nach der Niederschlagung der Revolution passiert bzw. was wäre passiert, wenn es die Bolschewiki um Lenin und Totzki gar nicht gegeben hätte?

Auf jeden Fall hätte es Millionen unzufriedener Soldaten, Industrie- und Land-Arbeiter gegeben und eine Regierung, die gegen deren Interessen handelt.

Gut wäre das nicht ausgegangen. Der Wurm tippt mal auf eine Art „Stalinismus von rechts“.

 

Enorme Errungenschaften

 

David North: „Zehn Gründe, die Russische Revolution zu studieren

Grund 1: Die Russische Revolution war das wichtigste, folgenreichste und progressivste politische Ereignis des 20. Jahrhunderts. Ungeachtet des tragischen Schicksals der Sowjetunion, die durch die Verrätereien und Verbrechen der stalinistischen Bürokratie zerstört wurde, hatte kein anderes Ereignis des letzten Jahrhunderts ähnlich weitreichende Auswirkungen auf das Leben Hunderter Millionen Menschen in aller Welt.

Grund 2: Die Russische Revolution, die in der Eroberung der politischen Macht durch die Bolschewistische Partei im Oktober 1917 gipfelte, markierte ein neues Stadium der Weltgeschichte. Mit dem Sturz der bürgerlichen Provisorischen Regierung wurde der Beweis erbracht, dass eine Alternative zum Kapitalismus kein utopischer Traum ist, sondern eine reale Möglichkeit, die durch den bewussten politischen Kampf der Arbeiterklasse verwirklicht werden kann

Grund 5: Die Machteroberung der Bolschewistischen Partei im Oktober 1917 und die erstmalige Errichtung eines Arbeiterstaats beflügelten das Klassenbewusstsein und das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse und der unterdrückten Massen auf der ganzen Welt. Die Russische Revolution war der Anfang vom Ende des alten Systems der Kolonialherrschaft, das der Imperialismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geschaffen hatte. Sie radikalisierte die internationale Arbeiterklasse und setzte eine weltweite revolutionäre Bewegung der unterdrückten Massen in Gang. Die bedeutenden sozialen Errungenschaften der internationalen Arbeiterklasse – die Gründung von Industriegewerkschaften in den USA in den 1930er Jahren, die Niederlage Nazideutschlands im Zweiten Weltkrieg, die Sozialstaatspolitik in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und die schrittweise Entkolonialisierung – waren Ergebnisse der Russischen Revolution

Als Erstes beschlossen die Bolschewiki ein Dekret über den Frieden, das alle kriegsführenden Parteien aufforderte, Verhandlungen über ein Ende des Kriegs ohne Annexionen und Kontributionen aufzunehmen. Zweitens verabschiedete die neue Sowjetregierung ein Dekret über Grund und Boden, in dem es heißt: „Das Recht auf Privateigentum an Grund und Boden wird für immer aufgehoben, der Boden darf weder verkauft noch gekauft, verpachtet, verpfändet oder auf irgendeine andere Weise veräußert werden.“

So begann die größte soziale Revolution der Weltgeschichte. Es hatte andere Revolutionen gegeben: die englische Revolution von 1640-1649, die amerikanische Revolution von 1776-1783, die französische Revolution von 1789-1794 und die zweite amerikanische Revolution von 1861-1865. Dass keine von ihnen die Ideale verwirklichte, die sie verkündet hatte, oder auch nur in die Nähe kam, sie zu verwirklichen, tut ihrer Bedeutung als Meilensteine der historischen Entwicklung der Menschheit keinen Abbruch. Nichts ist derart abstoßend wie das Bemühen der Vertreter der Postmoderne, die Opfer zu diskreditieren, die vergangene Generationen im Bemühen um eine bessere Welt gebracht haben. Marxistische Sozialisten haben nicht die geringste Sympathie für diese Art von kleinbürgerlichem Zynismus. Während wir die historischen Schranken der Bemühungen von Revolutionären früherer Epochen verstehen, zollen wir ihnen Respekt.

Welthistorisch betrachtet verkörpert die Russische Revolution die höchste und bisher unübertroffene Anstrengung der Menschheit, die Ursachen von Ungerechtigkeit und menschlichem Elend zu identifizieren und zu beenden.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/03/22/nort-m22.html

„Lenins Programm war nicht das eines national basierten Sozialismus. Für Lenin (und, natürlich, Trotzki) bildete Russland eine entscheidende Front in einem weltweiten Kampf. Eine komplexe Verkettung von Umständen hatte die russische Arbeiterklasse vor die Aufgabe gestellt, die erste große Front in der sozialistischen Weltrevolution zu eröffnen

Natürlich brachte die Revolution der Sowjetunion enorme Errungenschaften. Das ehemalige Russische Reich wurde durch die Oktoberrevolution von Grund auf verwandelt. Vor der Revolution waren etwa 80 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Nach deutlich weniger als einer Generation war der Analphabetismus praktisch überwunden. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel, ein Ergebnis der Oktoberrevolution, ermöglichte wirtschaftliche Fortschritte. Die 74-jährige Geschichte der Sowjetunion hat bewiesen, dass es möglich ist, auf nichtkapitalistischer Grundlage eine moderne Gesellschaft aufzubauen.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/28/lect-n28.html

„Die Auflösung der UdSSR 1991 wurde als großartiger Triumph des Weltkapitalismus gefeiert. Endlich war dem Gespenst des Kommunismus und Sozialismus der Garaus gemacht! Das Ende der Geschichte war gekommen! Solche feierlichen Erklärungen befanden sich natürlich nicht im Einklang mit einer sorgfältigen Untersuchung der Ereignisse in den 74 Jahren seit der Revolution. Die enormen Errungenschaften der Sowjetunion wurden mit keinem Wort erwähnt. Dazu zählten nicht nur ihre entscheidende Rolle beim Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg, sondern auch die gewaltigen Fortschritte für die sowjetische Bevölkerung in sozialer und kultureller Hinsicht. Das Bestreben, jede Erinnerung an die Erfolge der Sowjetunion aus dem kollektiven Bewusstsein zu tilgen, ist Teil der Fälschung der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Der wichtigste Aspekt dieser Fälschung ist jedoch der Versuch, das Schicksal des Sozialismus auf der Basis eines nationalistischen Narrativs der Oktoberrevolution zu beschreiben. In dieser Darstellung ist die Machteroberung der Bolschewiki ein vom normalen Gang der Geschichte abweichendes, illegitimes und sogar verbrecherisches Ereignis in der Geschichte Russlands. Sie setzt voraus, dass die ursprüngliche Konzeption der Bolschewiki vom Oktober entweder ins Lächerliche gezogen oder ignoriert, und jede bleibende geschichtliche und politische Bedeutung der Oktoberrevolution in Abrede gestellt wird.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/08/okto-n08.html

 

Nach der Niederlage

 

David North: „Das Vierteljahrhundert, das seit der Auflösung der Sowjetunion vergangen ist, zeichnet sich durch eine anhaltende und zunehmende soziale, politische und ökonomische Krise aus. Wir leben in einer Zeit nicht endender Kriege. Seit der ersten US-Invasion des Irak haben deutlich mehr als eine Million Menschen durch amerikanische Bomben und Raketen ihr Leben verloren. Mit der Zuspitzung geopolitischer Konflikte erscheint der Ausbruch eines dritten Weltkriegs immer unvermeidlicher.

Die Wirtschaftskrise von 2008 legte die Anfälligkeit des kapitalistischen Weltsystems bloß. Die sozialen Spannungen nehmen zu angesichts eines Niveaus der Ungleichheit, wie es bisher kein Jahrhundert kannte. Die herrschenden Eliten wenden sich immer stärker autoritären Herrschaftsformen zu, weil die traditionellen Institutionen der bürgerlichen Demokratie dem wachsenden Druck sozialer Konflikte nicht standhalten können. Die Trump-Regierung ist nur ein besonders abstoßendes Beispiel für den allgemeinen Zusammenbruch der bürgerlichen Demokratie. Immer offener tritt die Rolle des Militärs, der Polizei und der Geheimdienste als maßgebliche Kräfte im kapitalistischen Staat zutage.“

https://www.wsws.org/de/articles/2017/11/08/okto-n08.html

Der Wurm hat in mehreren Beiträgen darauf verwiesen, dass seit dem Ende der „Konkurrenz“ der Sowjetunion – was mensch auch immer von ihr halten mag – der Kapitalismus immer „unfreundlicher“ wird und immer mehr sein wahres Gesicht zeigt. Unter anderem in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/280-leiharbeit.html , http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/211-der-gefangene-von-landsberg.html oder http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/176-personifizierter-drecksack.html .

Unter dem Vorwand der Abwehr von „Terrorismus“ wird nach außen und innen massiv aufgerüstet, um die zu erwartenden sozialen Aufstände niederschlagen zu können, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/165-vorbereitungen-fuer-groessere-auseinandersetzungen.html .

Der Wurm hat keinerlei Hoffnung, dass der internationale Kapitalismus zur Besinnung kommt. Linke, anfangs noch hoffnungsvolle Bewegungen, entpuppen sich sehr schnell als Teil des Systems, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/214-schlechte-alternative.html oder werden von diesen Pseudo-Linken medial nieder gemacht. Etwa unter dem Vorwand, dass diese mit „Rechten“ kooperieren würden, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/184-querfront.html .

Ansonsten: gibt es heute im Gegensatz zur Russischen Revolution eine gemeinsame Idee, ein allgemeines Konzept? Unbestechliche Köpfe wie Lenin oder Trotzki?

Der Wurm möchte zum Schluss aus einem früheren Beitrag zitieren:

„Was mensch auch immer davon halten mag – zu den Zeiten von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti gab es noch eine zahlreiche Arbeiter-Bewegung, die sich für ihre Interessen eingesetzt und teilweise dafür ihr Leben gelassen hat.

Heute sehen die Arbeiter (zumindest in den westlichen Ländern) mehr oder weniger tatenlos zu, wie ihnen mehr und mehr Rechte gekürzt werden, die materielle Basis wegbricht und das Gemeinwohl verkommt. Kaum einer kennt seine eigene Geschichte (also die der Arbeiterschaft) auch nur in Ansätzen. Mensch frage nur einmal, warum der internationale Tag der Arbeit am 1. Mai gefeiert wird. Mensch frage nach denjenigen, die sich heldenhaft für sie einsetzten. Wie etwa August Spies, Joe Hill oder Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti.

In der Gegenwart sind die Schwachen der Gesellschaft verraten von ihren eigenen Parteien (siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/242-das-elend-mit-der-sozialdemokratie.html ), verraten von den eigenen Gewerkschaften (siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/280-leiharbeit.html ), verraten von so ziemlich allem, was sich als „links“ bezeichnet (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/251-zeitenwende.html ).

Wer seine eigene Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Im Sinne von „Fortschritt“ und sozialer Errungenschaften ist heutzutage weder von Arbeitern noch „Linken“ auch nur irgend etwas zu erhoffen.

Der Wurm erwartet Positives ausschließlich aus einer einzigen Schicht. Um Upton Sinclair und sich selbst zu zitieren:

„„Jene, die die glorreiche Geschichte dieser Stadt prägten, waren niemals deren Herrscher, sondern gehörten immer der „rettenden Minderheit“ an – jener auch heute noch existenten und aktiven Minderheit“.

Also Idealisten, die an Humanität, Fairness, Recht und Gesetz glauben und sich dafür einsetzen.““

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/293-justiz-mord.html

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm