Ben Becker hat „Ich, Judas“ nach Texten hauptsächlich von Walter Jens eindrucksvoll verfilmt und in die Kinos gebracht.

 

 

Der Film

 

„Mit „Ich, Judas – Einer unter Euch wird mich verraten!“ hat Ben Becker offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen und die Menschen zum Nachdenken angeregt. Seine leidenschaftliche und eindrückliche Performance über Verrat und Gehorsam, dem der faszinierende wie provokative Text von Walter Jens „Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ zu Grunde liegt, sorgt bundesweit seit der Premiere im November 2015 für ausverkaufte Shows und stehende Ovationen: In 2016 kam Ben Becker die Idee, „ICH, JUDAS“ aufzeichnen zu lassen, um „seinen“ Judas einem breiteren Publikum näher bringen zu können. Gleich zwei renommierte Film-Produktionsfirmen, Apollo-Film und Rekord Film, konnte Ben Becker für sein Projekt gewinnen und mit dem jungen, deutschtürkischen Regisseur Serdar Dogan den idealen Mitstreiter für die Umsetzung seiner Film-Idee finden. Nach sorgfältiger Vorbereitungszeit wurde im März 2017 im Berliner Dom gedreht, drei Vorstellungen mit acht Kameras aufgezeichnet und in Nachdrehs die Nahaufnahmen komplettiert. Aus über 300 Minuten Material hat Ben Becker, gemeinsam mit Regisseur Serdar Dogan, ein bildgewaltiges Filmwerk geschaffen. Der Starttermin am Reformationstag 2017 wurde ganz bewusst ausgewählt. Ein Tag, an dem Martin Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen veröffentlichte und der die darauf folgenden Umwälzungen die Kirche und unsere Gesellschaft bis heute geprägt hat. Am 31. Oktober 2017 wird der Film „ICH, JUDAS“ in über 250 Kinos in den deutschsprachigen Ländern in exklusiven Vorführungen gezeigt. Eine hervorragende Gelegenheit, sich von der großen Schauspielkunst und Genialität des Schauspielers Ben Becker zu überzeugen – und das alles zum Preis einer einfachen Kinokarte!“

http://ich-judas-film.de/

Ben Becker im Interview über „Ich, Judas“, Religion und Glaube:

https://www.youtube.com/watch?v=zMLpof6-FCM

 

Wer war Judas? Verräter oder Heilsbringer?

 

Aus einem Vortrag von Ursula Homann:

„Die Geschichte, wie sie in den Evangelien steht: Judas, einer der zwölf Jünger, verrät Jesus mit einem Kuss (Judaskuss) für ein kleines Handgeld (Judaslohn) von dreißig Silberlingen an die Gerichtsbarkeit.

Der Judaskuss, der sich in Bildern und Gedichten über Jahrhunderte gehalten hat, steht für eines der schlimmsten menschlichen Vergehen, für den Missbrauch von Vertrauen eines Freundes. Er ist ein Synonym für einen irreparablen Vertrauensbruch, der eine zuvor innige Beziehung voraussetzt, er steht für Unaufrichtigkeit und geheuchelte Freundschaft.

Kein Geringerer als der Böse selber motivierte Judas zur Tat: "Es fuhr aber der Satan in Judas." Auch Jesus prophezeite ihm Unangenehmes: "Wehe dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird."

Von Judas erzählen alle vier Evangelien mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung.

Nach Mt.26 beging Judas den Verrat, weil er den Glauben an Jesus verloren hatte, weil er, so das Johannesevangelium (Joh.6.67-72), schon immer ungläubig gewesen ist, hier wird mit Judas besonders hart umgegangen. Hier wird er als habsüchtig, geldgieriger Wucherer gezeichnet. Offensichtlich ist er das einzige Schaf, das verloren ging, Bei Matthäus heißt es, es wäre besser, er wäre nie geboren worden. Er erhängte sich, von Gewissensqualen zermartert, so die Evangelien, oder stürzte zu Boden und sein Leib barst auseinander, dass die Eingeweide herausfielen, wie die Apostelgeschichte beschreibt.

In allen Evangelien kommt Judas schlecht weg.

Judas galt durchweg und gilt oft noch als Inkarnation des Bösen, als Verräter schlechthin. Sein Verrat steht am Beginn des Leidensweges Jesu, der mit der Kreuzigung endet. Der Verrat hat seit diesem Ereignis einen Namen, einen Preis und ein Symbol. Judas ist ein Scheusal. Er ist ein Nichtswürdiger, der aus niederen Bedürfnissen den verrät, von dem er geliebt wird.

Eine andere Interpretation besagt, dass Judas Lieblingsjünger, "geheimer Freund Jesu" (Genfer Professor Rodolphe Kasser) war und von diesem davon überzeugt werden musste, den Verrat zu begehen. Die Interpretation des Verräters Judas als des wahren Jüngers Jesu spiegelt eine Auffassung wider, die Christi Tod erst aufgrund geheimer Belehrung als etwas begreift, das notwendig ist.

Ohne Judas indes wäre, so sagen manche, das Erlösungsgeschehen nicht möglich gewesen. Hätte Judas den Gottessohn nicht verraten, so wäre Jesus nicht getötet worden, hätte folglich auch nicht auferstehen und sein Erlösungswerk nicht verrichten können. Der "Heilsplan" Gottes wäre nicht durchgeführt worden. Nach dieser Theorie hätte Judas also eine notwendige Funktion im Erlösungsgeschehen. Ohne ihn ging es nicht, und deshalb ist er auch nicht schuldig. Ein revoltierender Judas hätte Jesus gerettet und uns allen den Tod gebracht. (Jens, der Fall Judas) Dann wäre die Erlösung ausgeblieben. (Laut Lapide hat diese für Juden auch noch nicht stattgefunden, deshalb erkennen Juden Jesus auch nicht als Messias an.)

(Goethe und Heine haben Jesus als Messias nicht akzeptiert, für Döblin wiederum wurde der Gekeuzigte zum entscheidenden Erlebnis auf seinem Weg zum Katholizismus)

Jesus wiederum selbst weiß, dass Judas ihn verraten wird, und doch verhindert er den Verrat nicht, um die geplante Erlösung zu ermöglichen, aber auf Kosten des armen Judas. Der Barmherzige benutzt offenbar Judas als Instrument und lässt zu, dass einer seiner Schüler schuldig wird. Ist Glück oder Erlösung von vielen auf Kosten eines Unglücklichen legitim? Kann man noch von freier Entscheidung und Verantwortung sprechen, wenn einer etwas tun muss? Oder hat Judas freiwillig seine Aufgabe übernommen? Hat er zugestimmt?

Judas Iskariot, der Jesus von Nazareth, seinen Herrn, dem Hohen Rat "überlieferte", ist in der Tat eine rätselhafte Figur. Er war ein Verräter, gewiss, aber war seine Tat nicht die notwendige Voraussetzung von Kreuzigung und Auferstehung? So hat man auch gemeint, die entscheidende Sünde des Judas sei nicht der Verrat gewesen, den er ja bald bereute, wie es bei Matthäus heißt, sondern der Selbstmord. Im Selbstmord nämlich habe sich seine desperatio gezeigt, die Verzweiflung, der fehlende Glaube an die Größe der göttlichen Gnade.

Trias "Geld-Verrat-Selbstmord/Tod" wurde schon früh reflektiert, die Liebe zum Geld treibt den Menschen weg von Gott und den Menschen, Verrat weckt Misstrauen, löst Ängste beim Verräter aus, die schließlich in Einsamkeit und Verzweiflung (Tod) münden.

Judas Ischariot ist bis heute mit negativen Assoziationen besetzt im Gegensatz zum Judas Barnabas (Paulusbegleiter).

Doch die Judas-Geschichte steckt voller Rätsel. Jesus war ein stadtbekannter Mann, den jeder kannte. Trotzdem musste Judas die Soldaten zu ihm führen, gerade so, als würde Jesus sich bei Tageslicht nie blicken lassen. Warum diese Heimlichtuerei, nachts im Garten Gethsemane, so umständlich und dann noch mit einem Kuss als Erkennungszeichen? Es wäre doch auch einfacher gegangen. Oder bedeutete der Kuss Abschied und nicht Verrat?

Nimmt man an, dass Judas unschuldig von höherer Stelle abkommandiert wurde, ergeben sich einige Fragen und Schlussfolgerungen.

Passt es zur Lehre Christi, dass dieser seinen Gefolgsmann ins "offene Messer" laufen und somit bewusst zum Verräter werden lässt? So betrachtet hat Judas das größere Opfer vollbracht, Jesus wurde zwar gekreuzigt, aber anschließend verehrt, Judas ist mit Schimpf und Schande in die Geschichte eingegangen und bis heute nicht rehabilitiert worden.

Ist demnach Judas' Bild die systematisch ungerechte Verzerrung eines im guten Glauben Gescheiterten?

Es gibt auch noch andere Gestalten in der Bibel, die sich etwas haben zu Schulden kommen lassen.

Schließlich hat auch Petrus den Herrn verraten und kommt später zu höchsten Ehren. Geschichtliche Ungerechtigkeit im Namen Jesu des Gerechten? Eugen Drewermann: "Kaum einem Menschen tut die Bibel so sehr Unrecht wie dem Judas. Von Jesu Aufruf zur Nächstenliebe, ja sogar Feindesliebe blieb bei Judas nicht viel übrig."

Kann da noch von Gerechtigkeit die Rede sein?, fragt Pinchas Lapide und zitiert Heinrich Böll. "Es ist schon merkwürdig, dass dem Petrus die dreimalige Verleugnung eher den fast liebenswürdigen Kredit menschlicher Schwäche eingebracht hat; dreimal und in welcher Situation des Hohnes und der Verlassenheit! - krähte der Hahn, es weinte einer bitterlich und wurde später der erste Papst. Der andere, Judas, warf die Silberlinge in den Tempel, bekannte, er habe unschuldig Blut verraten, verzweifelte und beging Selbstmord. Man muss, so meine ich, wenn man über den Fall Judas liest, immer den Fall Petrus in Ergänzung dazu denken, die beiden Karrieren dagegenhalten. Dazu denken muss man auch, dass Petrus, obwohl eindeutig Jude, wie alle Jünger und Apostel, niemals als "typisch jüdisch" interpretiert und dargestellt wurde. Der Jude, nicht etwa ein Jude, blieb aber Judas." So weit der Katholik Heinrich Böll.

Helmut Gollwitzer: "Der Verräter Judas darf nicht schlechter gestellt werden als der Verleugner Petrus, der Verfolger Paulus, die versagenden Jünger alle. Weder seines Verrats noch seines Selbstmordes wegen darf er außerhalb des Wirkbereiches der vergebenden, Leben gebenden Liebe gestellt werden. Wird hier eine Grenze gezogen, dann wird zweifelhaft, wo wir anderen bleiben, die wir oft allzu selbstverständlich uns innerhalb dieser Grenzen wähnen, wir kleinen Versager, oft auch Verräter" …

Für die Judasgeschichte gibt es verschiedene Deutungsmöglichkeiten, die wiederum etliche Fragen aufwerfen:

Hat Judas nach eigenem Ermessen und freiem Entschluss Jesus verraten?

Oder war er "die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft"?

Ist tatsächlich in ihn "der Satan gefahren", wie es in der Bibel heißt? War er ein Werkzeug des Teufels?

Oder war er ein Werkzeug Gottes?

Oder trieb er, salopp ausgedrückt, mit Jesus ein abgekartertes Spiel?

Die Judasfigur ist für viele auch deshalb so faszinierend, weil sie häufig als Inbegriff des Bösen galt oder noch immer gilt.

Gleich für welche Deutungsmöglichkeit man sich auch entscheidet oder unter welchem Aspekt man die Judasgeschichte auch betrachtet, es bleibt stets ein unbefriedigender Rest, zumindest steht bei allen Deutungen und Sichtweisen die Frage im Raum, warum musste Judas oder warum hat Judas Jesus verraten? Das war doch eigentlich nicht nötig, immerhin ist Jesus nie anonym aufgetreten, immer öffentlich, auf Plätzen und an Orten, die jedermann zugänglich waren, sein Anblick und Aussehen waren bekannt genug. Die Häscher hätten ihn auch ohne Judas' Verrat finden können. Ist die Erlösung der Menschheit vom Verrat eines einzelnen abhängig?

Man kann die oben gestellten Fragen auf eine andere, eine höhere Ebene heben und sich überlegen: Wo, wann und inwieweit hat Gott seine Hand mit im Spiel bei dem, was hier auf Erden geschieht? Geschieht alles nach seinem Willen? …

Zurück noch einmal zu Judas. Er hat Jesus verraten und ist schuldig geworden. Aber wenn er sich Gottes und Jesu Willen widersetzt hätte, wäre er auch schuldig geworden.

Er hat seinen Verrat und die Verachtung seiner Umwelt nicht ertragen und Selbstmord begangen. Aber muss dieser das letzte Wort sein? Sind nicht Vergebung, Barmherzigkeit, Gnade gerade im Christentum wichtige Schlüsselbegriffe? Wird doch hier die Versöhnung zwischen Gott und Mensch, auch zwischen Menschen untereinander hervorgehoben? Dem Neuen Testament zufolge hat sich Jesus Christus geopfert, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen (1. Johannesbrief 2,2) und er vergibt seinen Kreuzigern im Angesicht des eigenen Todes. Hat er also daher auch den Verrat des Judas auf sich genommen und ihm folglich auch vergeben, dass er seinen, nämlich Jesu Willen, erfüllt hat?

Ist es nicht an der Zeit, über Judas nachsichtiger und barmherziger zu urteilen und weniger rigoros als es oft noch geschieht?“

http://www.ursulahomann.de/WerWarJudasVerraeterOderHeilsbringer/komplett.html

 

Judas in der Bibel

 

Blut für Gott

 

Die frühesten Überlieferungen des Neuen Testaments stammen von Paulus – und der schreibt nichts von einem „Verrat“. Wozu auch?

„Christus aber ist gekommen, daß er sei ein Hoherpriester der zukünftigen Güter, und ist durch eine größere und vollkommenere Hütte, die nicht mit der Hand gemacht, das ist, die nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht der Böcke oder Kälber Blut, sondern sein eigen Blut einmal in das Heilige eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden. Denn so der Ochsen und der Böcke Blut und die Asche von der Kuh, gesprengt, heiligt die Unreinen zu der leiblichen Reinigkeit, wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst ohne allen Fehl durch den ewigen Geist Gott geopfert hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott! Und darum ist er auch ein Mittler des neuen Testaments, auf daß durch den Tod, so geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen, die unter dem ersten Testament waren, die, so berufen sind, das verheißene ewige Erbe empfangen.

Denn wo ein Testament (Das griechische Wort für "Bund" bedeutet auch "Testament". Darum wird hier eine Regel, die für ein Testament gilt, auch auf den Bund Gottes angewandt.) ist, da muß der Tod geschehen des, der das Testament machte. Denn ein Testament wird fest durch den Tod; es hat noch nicht Kraft, wenn der noch lebt, der es gemacht hat. Daher auch das erste nicht ohne Blut gestiftet ward. Denn als Mose ausgeredet hatte von allen Geboten nach dem Gesetz zu allem Volk, nahm er Kälber- und Bocksblut mit Wasser und Scharlachwolle und Isop und besprengte das Buch und alles Volk und sprach: "Das ist das Blut des Testaments, das Gott euch geboten hat." Und die Hütte und alles Geräte des Gottesdienstes besprengte er gleicherweise mit Blut. Und es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz; und ohne Blut vergießen geschieht keine Vergebung.

So mußten nun der himmlischen Dinge Vorbilder mit solchem gereinigt werden; aber sie selbst, die himmlischen, müssen bessere Opfer haben, denn jene waren. Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heilige, so mit Händen gemacht ist (welches ist ein Gegenbild des wahrhaftigen), sondern in den Himmel selbst, nun zu erscheinen vor dem Angesicht Gottes für uns; auch nicht, daß er sich oftmals opfere, gleichwie der Hohepriester geht alle Jahre in das Heilige mit fremdem Blut; sonst hätte er oft müssen leiden von Anfang der Welt her. Nun aber, am Ende der Welt, ist er einmal erschienen, durch sein eigen Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, darnach aber das Gericht: also ist auch Christus einmal geopfert, wegzunehmen vieler Sünden; zum andernmal wird er ohne Sünde erscheinen denen, die auf ihn warten, zur Seligkeit.“   Brief an die Hebräer  9; 11 - 28

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/hebraeer/9/#1

„Darum preiset Gott seine Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. So werden wir ja viel mehr durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind. Denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, da wir noch Feinde waren, viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind.“   Brief an die Römer  5; 8 - 10

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/roemer/5/#1

Ist das jetzt ein Gott oder ein Vampir? Wozu braucht er unbedingt Blut und was macht er damit? Weshalb der „Zorn“, wozu gibt es ein „Strafgericht“ und wofür gibt es eine „Erlösung“?

Laut christlichem Glauben sind die Briefe von Johannes und Petrus echt und sie sagen das gleiche:

„So wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“   1. Johannesbrief 1; 7

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/1_johannes/1/#1

„Und sintemal ihr den zum Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeglichen Werk, so führt euren Wandel, solange ihr hier wallt, mit Furcht und wisset, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes, der zwar zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund gelegt ward, aber offenbart zu den letzten Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubet an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, auf daß ihr Glauben und Hoffnung zu Gott haben möchtet.“   1. Petrusbrief  1; 17 - 21

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/1_petrus/1/#3

Wozu werden da noch Verrat und Verräter gebraucht?

 

Jesus auch dem Judas erschienen

 

„Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, was ich empfangen habe: daß Christus gestorben sei für unsre Sünden nach der Schrift, und daß er begraben sei, und daß er auferstanden sei am dritten Tage nach der Schrift, und daß er gesehen worden ist von Kephas, darnach von den Zwölfen.

Darnach ist er gesehen worden von mehr denn fünfhundert Brüdern auf einmal, deren noch viele leben, etliche aber sind entschlafen. Darnach ist er gesehen worden von Jakobus, darnach von allen Aposteln. Am letzten ist er auch von mir, einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, darum daß ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“   1. Brief an die Korinther  15; 3 - 9

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/1_korinther/15/#1

Kephas (=Petrus) + 12 = 13. Offensichtlich zählt Petrus für Paulus nicht zu dem „Kreis der Zwölf“.

Auf jeden Fall weiss Paulus nichts von einem „Verrat“ oder gar davon, dass es einen „Ersatz“ im „Kreis der Zwölf“ gegeben haben soll.

 

Literarisches Konstrukt?

 

Lange nach Paulus werden die Evangelien und die Apostelgeschichte geschrieben. Und da ist aber sehr wohl vom Verräter Judas die Rede. Da in diesen Schriften andauernd auf das Alte Testament Bezug genommen wird, liegt der Verdacht nahe, dass der „Verrat“ aus literarischen Gründen mit aufgenommen wurde.

 

30 Silberlinge

 

„Da ging hin der Zwölf einer, mit Namen Judas Ischariot, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge.“  Evangelium nach Matthäus  26; 14 - 15

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/matthaeus/26/#1

30 Silberlinge waren nicht viel Geld. Da Judas „Verwalter der Kasse“ war und daraus schon wesentlich mehr geklaut haben soll, war der geringe Judas-Lohn keine große Motivation.

„Da sprach seiner Jünger einer, Judas, Simons Sohn, Ischariot, der ihn hernach verriet: Warum ist diese Salbe nicht verkauft um dreihundert Groschen und den Armen gegeben? Das sagte er aber nicht, daß er nach den Armen fragte; sondern er war ein Dieb und hatte den Beutel und trug, was gegeben ward.“  Evangelium nach Johannes  12; 4 – 6

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/johannes/12/#1

„Hatte den Beutel“ heisst, er war Verwalter der Kasse. Diese Kasse war wohlgefüllt, denn:

„Und es begab sich darnach, daß er reiste durch Städte und Dörfer und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes; und die zwölf mit ihm, dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißt, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusas, des Pflegers des Herodes, und Susanna und viele andere, die ihm Handreichung taten von ihrer Habe.“   Evangelium nach Lukas  8; 1 - 3

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/lukas/8/#1

Warum ausgerechnet 30 Silberlinge? Das geht zurück auf den Propheten Sacharja und soll zusätzlich verdeutlichen, dass „die Juden“ Gottes unwürdig sind und es statt ihrer neue „Hirten“ geben soll.

„So spricht der HERR, mein Gott: Hüte die Schlachtschafe! Denn ihre Herren schlachten sie und halten's für keine Sünde, verkaufen sie und sprechen: Gelobt sei der HERR, ich bin nun reich! und ihre Hirten schonen ihrer nicht. Darum will ich auch nicht mehr schonen der Einwohner im Lande, spricht der HERR. Und siehe, ich will die Leute lassen einen jeglichen in der Hand des andern und in der Hand seines Königs, daß sie das Land zerschlagen, und will sie nicht erretten von ihrer Hand.

Und ich hütete die Schlachtschafe, ja, die elenden unter den Schafen, und nahm zu mir zwei Stäbe: einen hieß ich Huld, den andern hieß ich Eintracht; und hütete die Schafe. Und ich vertilgte drei Hirten in einem Monat. Und ich mochte sie nicht mehr; so wollten sie mich auch nicht. Und ich sprach: Ich will euch nicht hüten; was da stirbt, das sterbe; was verschmachtet, das verschmachte; und die übrigen fresse ein jegliches des andern Fleisch! Und ich nahm meinen Stab Huld und zerbrach ihn, daß ich aufhöre meinen Bund, den ich mit allen Völkern gemacht hatte. Und er ward aufgehoben des Tages. Und die elenden Schafe, die auf mich achteten, merkten dabei, daß es des HERRN Wort wäre.

Und ich sprach zu ihnen: Gefällt's euch, so bringet her, wieviel ich gelte; wo nicht, so laßt's anstehen. Und sie wogen dar, wieviel ich galt: dreißig Silberlinge. Und der HERR sprach zu mir: Wirf's hin, daß es dem Töpfer gegeben werde! Ei, eine treffliche Summe, der ich wert geachtet bin von ihnen! Und ich nahm die dreißig Silberlinge und warf sie ins Haus des HERRN, daß es dem Töpfer gegeben würde. Und ich zerbrach meinen andern Stab, Eintracht, daß ich aufhöbe die Bruderschaft zwischen Juda und Israel.

Und der HERR sprach zu mir: Nimm abermals das Gerät eines törichten Hirten. Denn siehe, ich werde Hirten im Lande aufwecken, die das Verschmachtete nicht besuchen, das Zerschlagene nicht suchen und das Zerbrochene nicht heilen und das Gesunde nicht versorgen werden; aber das Fleisch der Fetten werden sie fressen und ihre Klauen zerreißen. O unnütze Hirten, die die Herde verlassen! Das Schwert komme auf ihren Arm und auf ihr rechtes Auge! Ihr Arm müsse verdorren und ihr rechtes Auge dunkel werden!“   Sacharja 11; 4 - 17

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/sacharja/11/#4

Walter Jens in „‘Ich, ein Jud‘ – Verteidigungsrede des Judas Ischarioth“:

„Natürlich, da ist noch das Geld, ich weiß, die dreißig Silberlinge, an die ihr zuerst denkt, seit zweitausend Jahren, wenn von mir die Rede ist. Judas, der Jud. Judas, der Schacherer, der seinen Herrn um ein paar Groschen verrät. Dreißig Silberlinge: dafür bekam man damals einen ausgedienten Sklaven oder einen Anzug, der schon abgetragen war. Dreißig Silberlinge: das war fast ein Nichts. Aber ich nahm sie, ja, ich hab sie eingesteckt. Warum? Sehr einfach. Um sie in den Tempel zu werfen. Um ein Zeichen zu setzen.

Ihr jämmerlichen Bibel-Leser, ihr! Werft den Jud in die unterste Hölle und kennt, ihr schönen Christen, nicht einmal die Heilige Schrift. Nein, sage ich, ihr kennt sie nicht. Hättet ihr sie nämlich studiert, dann wärt ihr auf jenen frommen Propheten gestoßen, Sacharja heißt er, dem die Juden für einen Dienst - nun, was wohl? - dreißig Silberlinge gaben - um ihn zu demütigen. Sacharja aber war stolz und ein gerechter Mann, und darum folgte er Jahwes Befehl und warf den Lohn in den Tempel des Herrn. Versteht ihr nun? Sacharja hatte ein Amt: genau so wie ich. Er hatte die Schafe zu hüten, ich mußte das Lamm überliefern. Beide, er und ich, haben Gottes Gebote befolgt. Beide handelten auf seinen Befehl ... auch ich ... und um das zu beweisen, habe ich - hört jetzt ganz genau zu! - den Schandlohn in den Tempel geworfen und eine Sekunde lang den Schleier gelüftet, der mein Geheimnis verbirgt: Auf, wenn ihr mich verstehen wollt, schlagt nach bei den Propheten! Aber ihr lest ja nicht - wenn überhaupt, dann das Falsche.“

 

Tod des Judas

 

Da das sah Judas, der ihn verraten hatte, daß er verdammt war zum Tode, gereute es ihn, und brachte wieder die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und den Ältesten und sprach: Ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut verraten habe. Sie sprachen: Was geht uns das an? Da siehe du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon, ging hin und erhängte sich selbst.

Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es taugt nicht, daß wir sie in den Gotteskasten legen, denn es ist Blutgeld. Sie hielten aber einen Rat und kauften den Töpfersacker darum zum Begräbnis der Pilger. Daher ist dieser Acker genannt der Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da ist erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, da er spricht: "Sie haben genommen dreißig Silberlinge, damit bezahlt war der Verkaufte, welchen sie kauften von den Kindern Israel,und haben sie gegeben um den Töpfersacker, wie mir der HERR befohlen hat."“  Evangelium nach Matthäus  27; 3 - 10

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/matthaeus/27/#1

„Und in den Tagen trat auf Petrus unter die Jünger und sprach (es war aber eine Schar zuhauf bei hundertundzwanzig Namen): Ihr Männer und Brüder, es mußte die Schrift erfüllet werden, welche zuvor gesagt hat der Heilige Geist durch den Mund Davids von Judas, der ein Führer war derer, die Jesus fingen; denn er war zu uns gezählt und hatte dies Amt mit uns überkommen. Dieser hat erworben den Acker um den ungerechten Lohn und ist abgestürzt und mitten entzweigeborsten, und all sein Eingeweide ausgeschüttet. Und es ist kund geworden allen, die zu Jerusalem wohnen, also daß dieser Acker genannt wird auf ihrer Sprache: Hakeldama (das ist: ein Blutacker). Denn es steht geschrieben im Psalmbuch: "Seine Behausung müsse wüst werden, und sei niemand, der darin wohne", und: "Sein Bistum empfange ein anderer." So muß nun einer unter diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, welche der HERR Jesus unter uns ist aus und ein gegangen, von der Taufe des Johannes an bis auf den Tag, da er von uns genommen ist, ein Zeuge seiner Auferstehung mit uns werden.

Und sie stellten zwei, Joseph, genannt Barsabas, mit dem Zunahmen Just, und Matthias, beteten und sprachen: HERR, aller Herzen Kündiger, zeige an, welchen du erwählt hast unter diesen zweien, daß einer empfange diesen Dienst und Apostelamt, davon Judas abgewichen ist, daß er hinginge an seinen Ort. Und sie warfen das Los über sie, und das Los fiel auf Matthias; und er ward zugeordnet zu den elf Aposteln.“   Apostelgeschichte  1; 12 - 26

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/apostelgeschichte/1/#1

Mensch darf sich jetzt zusammen reimen, wie Judas zu Tode gekommen sein soll: Hat er sich zuerst erhängt und ist dann entzweigborsten? Oder ist er erst entzweigeborsten und hat sich dann erhängt? – Zur Erinnerung: Paulus weiss weder etwas von Judas‘ „Verrat“ noch von dessen Tod.

 

Walter Jens

 

Ursula Homann: „Höhepunkt der Judas-Literatur ist zweifellos Jens' Roman "Der Fall Judas". Erzähler dieses - auch vielfach als Theaterstück aufgeführten Romans ist der katholische Kirchenrechtler Ettore Pedronelli, der im Rückblick von einem denkwürdigen Prozess berichtet, den er zwölf Jahre zuvor im Namen des deutschen Franziskaners Berthold geführt hatte: sie hatten den förmlichen Antrag gestellt, Judas solle aufgrund seines Mitwirkens im Heilsplan Gottes seliggesprochen werden.

In Rom wird tatsächlich daraufhin ein Verfahren eröffnet, Gutachten erstellt, Gegenplädoyers gehalten, das Schlussurteil fällt ohne definitive Entscheidung aus. Pedronelli und Bruder Berthold werden von der römischen Hierarchie kaltgestellt.

Drei Modelle werden genannt: War Jesus ein Opfer des Judas, der ihn arglistig täuschte? Undenkbar! War Judas ein Opfer Jesu, der einen Verräter brauchte? Ebenso undenkbar! Beide Modelle absurd. Oder waren Jesus und Judas gemeinsam Opfer des göttlichen Plans?

Jens bietet mehrere mögliche Interpretationen der Judas-Gestalt an und weist auf deren Grenzen hin: Judas ist hier das Sinnbild für alle Minderheiten, die um ihrer Andersartigkeit willen verfolgt werden.

Für Pedronelli und Bruder Berthold steht fest: Verständlich wird die Geschichte des Judas nur dann, wenn er nicht Verräter Jesu, sondern dessen Überlieferer war, wenn er nicht Feind Jesu war, sondern dessen engster bis zum letzten Kuss bezeugter Freund und Bruder, Miterlöser, bereit, die ihm in Gottes Plan zugedachte Rolle des Verräters zu spielen.

Diese These wird von den römischen Behörden abgelehnt, da sie radikal dem traditionellen Verständnis widerspricht.

Jesus braucht Judas mithin so dringend wie Gott den Teufel. Er dient Jesus in einem abgekarteten Spiel. Ohne ihn gibt es kein Christentum. Aber ohne ihn, die Inkarnation antisemitischer Zuschreibungen, auch kein Pogrom, kein Lager, kein Gas. Was wäre im Falle der Weigerung mitzuspielen geschehen? Ein millionenfaches Ja zum Leben, zur Versöhnung, zum Frieden - zu einem menschlichen Dasein, das nicht mit einem Mord und einem Selbstmord beginnt und in der Blutspur weitergehen muss?

Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass der vermeintliche Verrat notwendig war für die Entstehung des Judenhasses. Kein Verrat, kein Judenhass? Kein Holocaust? Judas war nicht das einzige Argument für christlichen Judenhass, aber ein schwerwiegendes.

Jens' Gedankenspiel, meint Petra Hallmayer in der "Süddeutschen" vom 6.4.1999, bleibt am Ende gefangen in den engen Grenzen einer braven Vernunft. Mit dieser aber lässt sich weder der (christlichen) Religion noch etwas so Irrationalem wie dem Antisemitismus beikommen. Walter Jens gibt also auf die oben gestellte Frage eine mögliche, wenn auch nicht erschöpfende Antwort.“

http://www.ursulahomann.de/WerWarJudasVerraeterOderHeilsbringer/komplett.html

Hier ein Auszug aus „Der Fall Judas“:

„Nein, hier geht es nicht um die Verzweiflungstat eines Sünders; hier handelt kein verstörter Mensch - ein Mörder, der nicht mehr ein noch aus weiß - in blinder Ekstase; hier hat ein frommer Mann seine Botschaft verkündet: Schaut her! Ich habe das Gesetz erfüllt. Lest nach und denkt daran: Es hat seine Bedeutung, wenn ein Mann die Silberlinge in den Tempel wirft - zum Zeichen, daß er Gott gehorsam war.

Und dann gibt es noch einen zweiten Beweis - wiederum in der Heiligen Schrift. Den Kuß im Garten von Gethsemane! Wäre Judas wirklich der Verräter gewesen, den unsere Kirche bis zu diesem Tag in ihm sieht, er hätte die Soldaten zu Jesus geführt, hätte genickt: Der da ist es und sich aus dem Staube gemacht. Nichts davon im Evangelium! Statt des Winkens aus dem Hinterhalt - die Umarmung; statt des verschwiegenen Zeichens - der Kuß! Der Liebeserweis eines Mannes, der beauftragt war, sich zu verleugnen und der den ihm von Gott befohlenen Dienst bis zu diesem Augenblick mit einer Konsequenz ausgeführt hatte, an der gemessen selbst das Martyrium des heiligen Papius, den man, wie bekannt, in einen siedendheißen, mit Öl und Fett gefüllten Kessel warf, als ein Kloster-Exerzitium erscheint.

Und dann plötzlich bricht es aus Judas heraus. Unfähig, sich noch länger beherrschen zu können, stürzt er auf Jesus zu - Meister, ich habe getan, was du verlangtest. Bist du zufrieden mit mir? -, umarmt und küßt ihn, berührt Christi Mund mit seinen Lippen - und Jesus versteht. Mein Freund sagt er zu ihm, und dann, flehentlich wie beim Passahmahl: Tu's jetzt Es ist Zeit Ein Kuß, eine Geste der Freundschaft, der Ansatz eines Gesprächs unter Brüdern, sanfte Bewegungen und das Wort Lieber Freund - dann wird nur noch verhört, geschlagen, gespien, gequält, genagelt, geschrien und gefoltert. Verhöhnt und krepiert.

Die Umarmung in Gethsemane, der Judaskuß: Das ist für mich das letzte Licht, das Jesus sah. Danach wurde es Nacht. Der Knecht küßt den Herrn, der Herr sagt zum Diener Mein Freund: Auch das ist ein Zeichen, daß Jesus und Judas, wie Brüder, zusammengehören. Wie gesagt, die Prophetie wollte erfüllt sein; einer mußte es auf sich nehmen, zum Element des göttlichen Willens zu werden; einer hatte dafür zu sorgen, daß dem incarnatus das resurrexit nachfolgte; einem war von Gott der Auftrag gegeben, den Pendelschlag zu vollenden: vom Himmel zur Erde, von der Erde zum Himmel - und dieser eine, man kann es nicht oft genug sagen, war Judas. Er war auserwählt worden, der Verworfene zu sein; denn er allein war stark genug dafür. Judas, der Fromme. Der Einsame unter den Geselligen. Der Mann aus Judäa inmitten der elf Galiläer. Der Kluge unter den Einfältigen. Der Rechner und Zweifler unter Hirten und Fischern.

Er - nicht Petrus, und auch keiner von den anderen - wurde für würdig befunden, den Part des Vollstreckers zu spielen und zu zeigen, was das ist: Welt und Sünde, Adamsfall und Höllendienst. Ihm ist es abverlangt worden, für das Böse, aber auch für die Überwindbarkeit des Bösen zu zeugen. Er hatte zu demonstrieren, wozu Satan bereit ist und wo Satans Grenze liegt.

Um das Böse zu entlarven, gab es keine andere Wahl - für Gott so wenig wie für Jesus Christus, der alles voraussah, was später geschah -, als einen Mann (ich weiß, was ich sage!) zum Stellvertreter des Teufels zu machen. Es mußte sein, der Plan verlangte es.

Aber um ihn zu verwirklichen, bedurfte es der Hilfe der Menschen. Der Hilfe eines einzigen: eines, der mitmachte! Das war die Bedingung. Und darum mußte sich jemand opfern und bereit sein, das Äußerste an Selbstverleugnung auf sich zu nehmen, was einem Mann abverlangt werden kann. Oder glaubt man etwa - ach, man glaubt es bis heute -, unser Herr Jesus hätte sich dazu hergegeben, einen Unwissenden ins Messer laufen zu lassen? Ins Messer, jawohl! Denn wenn es wirklich stimmt, was der Evangelist Johannes behauptet: daß Judas ein Teufel war und daß Jesus dies wußte - warum hat er ihn dann nicht gewarnt? Warum ließ er es zu, daß Judas sein Opfer wurde? Nicht er das Opfer des Judas, sondern umgekehrt! Warum duldete er, daß man ausgerechnet jenen Mann, der im Himmel längst als Dieb erkannt worden war, zum Schatzmeister bestellte? Weshalb hielt Jesus den Verräter nicht zurück? Fürchtete er etwa dessen Bekehrung? Eine Umkehr, die den Heilsplan zunichte gemacht hätte?

Warum führte er ihn in Versuchung - geradeso, als sei das Vaterunser für ihn selbst, Jesus von Nazareth, nichts weiter als eine Phrase?

Und führe uns nicht in Versuchung - eine Bitte, die für Jesus nicht gilt? Nein, das kann ich nicht glauben. Ich weigere mich, mir einen Gott vorzustellen, der, um der Erfüllung seines Plans willen, einen Menschen zur Sünde verurteilt: Auf, Judas, mein Gesell! Ein solches Spiel ist zu ungleich, für mich: Dieser Judas hat keine Chance. Oder doch? Gut. Dann müßte Gott bereit gewesen sein, seinen Plan fallen zu lassen. Dann hätte die Gefahr bestanden, daß es, im doppelten Sinne des Worts, keine Überlieferung gab.

Nun, die Wirklichkeit sieht anders aus: Judas war kein Opferlamm. Er tat es freiwillig. Judas war eingeweiht, und darum ging er Seinen auch als seinen Weg. Er war - ich bitte um Verzeihung für das Wort - Jesu Komplize: Nicht nur einer der Zwölf, die Israels zwölf Stämme repräsentieren, das gottgewollte Reich, das das zerstreute Volk am Ende der Tage wieder in Besitz nehmen wird; nicht nur einer aus dem Kreis der Apostel, von denen Jesus gesagt hat: „Am Tage der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzt, werdet auch ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten“; nicht nur Jünger unter den Jüngern: nah bei Jesus, mit anhörend die Worte des ewigen Lebens, Gottes Stimme aus der Wolke vernehmend: „Dies ist mein Sohn, mein geliebter Sohn, den ich auserwählt habe.“ Judas war mehr. Der Prophetie unseres Herrn, der Fußwaschung und des Passahmahls wurden auch die anderen Apostel gewürdigt, die Jesus zugezählt waren: Judas aber stand höher als die übrigen elf. Er sprach mit dem Herrn in einer Sprache, der Wissende zum Wissenden, die keiner von den andern verstand: Was du tun willst: tu's schnell! (Und nicht etwa: Laß ab davon. Judas, ich flehe dich an: Verfall nicht der Sünde.)

Ich bin es doch, Herr? Du hast es gesagt. Ein Zwiegespräch über die Köpfe der Jünger hinweg! (Schweigend saßen sie da und verstanden kein Wort.) Ein Dialog zwischen Jesus und Judas: dem Getreuesten, dessen Erwählung unser Herr bezeichnete, als er ausgerechnet ihn, den Verworfenen ... kommunizieren ließ.

Dem Verräter die heilige Speise, der Brocken vom Passahmahl, und dem Verratenen der Kuß: Wie deutlich wird hier, wenngleich in verhüllender Rede, auf die geheime Übereinkunft, den heiligen Bund zwischen dem Meister und seinem gehorsamen Jünger, verwiesen.

Und wie könnte das auch anders sein? Sie waren ja verbündet, die beiden; waren aneinandergekettet; waren wie zwei Brüder, von denen der eine den anderen braucht. Judas war nichts ohne Jesus: so, wie der Schatten nichts ohne den Leib ist. Aber Jesus war auch nichts ohne Judas: Wenn der eine nicht zu den Großen Priestern und nach Gethsemane ging, sondern das Geheimnis für sich behielt, war es um den anderen geschehen.

Ich wiederhole also: Sie gehörten zusammen - Jesus und Judas, Judas in Jesu Hand. Beide hatten ihren Weg zu gehen - vereint noch im Tod: hoch über der Erde am Holz.

Die Frage ist nur - ich stelle sie zögernd, mit großem Bedenken -, wessen Weg der schwerere gewesen ist: der Weg unseres Heilands oder der Weg jenes Mannes, der Jesus im Sterben voranging. Voranging in der Gewißheit vor Gott, daß die letzte Geste auf Erden auch die erste im Himmel sein werde: Noch einmal Gethsemane, doch jetzt ist es Jesus, der auf Judas zutritt, ihn küßt und umarmt.

Und vor den Menschen? Verachtet. Verflucht! Ein Selbstmörder, dem niemand glaubt, daß auch er, als seine letzte Stunde kam, Es ist vollbracht gesagt haben könnte. Ein Verworfener, dessen Todesgedanken noch nie ein Mensch zu denken gewagt hat: Ich aber will es versuchen:

Warum, mein Gott, läßt du nicht zu, daß ich,

statt des Schächers, neben Ihm sterbe?

Warum verlangst du auch dies noch von mir?

Ist es denn noch nicht genug? Du weißt doch,

wie viel leichter es ist, an Seiner Seite gekreuzigt

zu werden, als Ihn ausliefern zu müssen.

Warum also läßt du mich selbst jetzt noch allein

und duldest, daß Er dem Schächer das Paradies

verspricht, während ich, die Hölle vor Augen,

hier am Baum krepieren muß? Ausgerechnet ich,

der alles tat: was immer du befahlst.

Aber das war nicht das letzte Wort. Die Gemeinsamkeit zwischen Jesus und Judas geht bis zum Tod. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe: Ist es nicht glaubhaft, daß auch Judas, ehe er starb, diese Worte gesagt hat?

Ich stelle den Antrag, den Mann aus Kerioth seligzusprechen. Der Sohn der Hölle, dies wollte ich zeigen,ist in Wahrheit der Beauftragte Gottes und der Bruder unseres Herrn Jesus gewesen. Ich denke, wir haben viel wiedergutzumachen an Judas. Wir alle.“

 

NEIN!

 

Walter Jens in „‘Ich, ein Jud‘ – Verteidigungsrede des Judas Ischarioth“:

„(geht wieder auf die Zuschauer zu) Zum letzten Mal: ein bißchen Logik, wenn's beliebt, ein Quentchen Mathematik! Angenommen, ich hätte nein gesagt in der Sekunde, da mir Jesus befahl, nicht länger zu zaudern - „tu schnell, was du tun mußt!“ -, gesetzt, ich hätte mich geweigert: wäre ich dann nicht - nur dann! - an Gott zum Verräter geworden? Bedenkt: Ohne Judas gibt es kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Kirche, ohne mich, den Überlieferer, keine Überlieferung der Botschaft, daß wir erlöst sind. Eine kleine Bewegung meines Kopfes, ein Schütteln statt eines Nickens - und Gottes Plan wäre (schnippende Fingerbewegung) ein Nichts.

Ihr seht, wir waren verbündet, wir beide, der Meister und sein Gesell, waren aneinandergekettet, wie zwei Brüder, von denen der eine den anderen braucht. Judas ist nichts ohne Jesus: so wie der Schatten nichts ohne den Leib ist. Aber Jesus ist auch nichts ohne Judas: Wäre ich nicht zu den Großen Priestern und nach Gethsemane gegangen - es wäre um meinen Herrn geschehen gewesen. Wir hatten unsern Weg gemeinsam zu gehen - oder gar nicht.

Und darum bitte ich - nein, ich verlange! -, daß mein Schuldspruch aufgehoben wird. Ich will endlich mein Recht! Ich bestehe darauf, daß mir bestätigt wird: Dieser Mann wurde einer Aufgabe für würdig befunden, wie sie bis heute keinem Menschen gestellt worden ist. Er mußte um Christi willen zum Schlächter und Selbstmörder werden und, gehorsam gegen Gott, sich durch eine Tat, die ohne Beispiel ist, so weit erniedrigen, daß nicht einmal die Heiligen wagen dürfen, für ihn zu beten. Aber ich habe es getan, und darum seid ihr erlöst. Ich habe meinen Auftrag erfüllt, und ihr solltet mir danken dafür. Ich habe Gott preisgegeben, weil Gott es so wollte. Ich bin sein Bote gewesen: weil Jesus mich brauchte. Ich sage euch, und das ist wahr: Es wäre leichter gewesen, an seiner Stelle zu sterben, als ihn töten zu müssen.

Aber mir blieb keine Wahl: Ich wußte, Jesus fürchtete den Augenblick, in dem ich von der Last meines Geheimnisses erdrückt werden könnte - ein Nein in allerletzter Sekunde! -, doch ich hielt aus - und der Dank dafür? (holt ein großes Buch, hält es, nun in schierer Verzweiflung, hoch über seinem Kopf) Da! Da kann man's betrachten: Judas am Baum, das Gekrös in den Händen, die Seele aus dem After entflohen, die Kehle vom Hanf zugeschnürt, die Därme in blutige Schlingen zerfallen. Judas im Massengrab; auf dem Blachfeld; in der untersten Hölle: gepackt von den Zähnen des Teufels. Der Kopf steckt in Belials Rachen, der Leib liegt auf der Zunge: eine Hostie aus rotem Fleisch ... und dann das Schamglied: hoch wie ein Turm, der Bauch von Würmern zerfressen. Dicker Beutel, gelber Mantel, Judenzunge, Judenbart und Judenohr.

(hat immer schneller gesprochen, schleudert das Buch auf den Tisch, verharrt schweigend, geht dann zum Betschemel und kniet nieder) Und wenn sie nun recht haben, Herr, alle, die mich verfluchen? Wenn ich weniger fromm gewesen wäre und Nein gesagt hätte: „Nein, ich tue es nicht, jetzt und auch in Ewigkeit nicht“? Dann wäre Gottes Plan zunichte geworden. Dann gäb' es kein Kreuz ... und niemand hätte wagen können, mich zu verfluchen.

Seltsam, Herr, sehr sonderbar: Da höhnen sie nun über den Juden mit dem roten Bart und seinem scheelen Blick zur Seite, dorthin, wo das Silber liegt ..., und verdanken mir doch, sie alle zusammen, ihr Leben.

N, E, I, N. Vier Buchstaben hätten genügt, um die Welt zu verändern und die Zeit des Christenmenschen zum Stillstand zu bringen.

Ohne den Überlieferer, hab' ich gesagt, gibt es auch die Überlieferung nicht, keinen Papst, keinen Bischof, keinen Dekan, keinen Küster. Wenn ich Nein gesagt hätte, Herr, wärst du am Leben geblieben und hättest ein freundlicher alter Mann werden können, ein Zimmerer, dessen Kunst berühmt gewesen wäre, weit über Galiläa hinaus, und ich hätte deine Lehre verkündet, eine sanfte Friedens-Doktrin, die jedermann die Wahl läßt, sich frei zu entscheiden ...

Kein Märtyrer wäre in der römischen Arena gestorben, keine Inquisition fände statt, keine Kriege der Rechtgläubigen gegen die Heiden (Heide: ein solcher Name wäre unbekannt), kein Streit unter den Konfessionen, Luther und Ignatius verkündeten einträchtig eine Religion, in deren Zeichen niemand ermordet, niemand geopfert worden ist. Kein Blut hätte sich, bei meinem Nein, über die Erde ergossen. Und niemand, Herr, hätte uns Juden verfolgt; denn es wäre ja keiner schuldig gewesen an deinem Tod, dem sanften Ende eines alten Zimmermanns, der, hochgeachtet unter den Bürgern, nach Nazareth heimgekehrt wäre.

Kein Pogrom, kein Lager, kein Gas. (plötzlich ausbrechend) Hilf mir, Herr! Erbarme dich meiner! Gib ein Zeichen, das mir sagt: Du hast recht getan, Judas. (Pause) Wie stumm du bist! Schau mich an: Ich war mir so sicher, zweitausend Jahre lang, bis zu diesem Augenblick. Und nun, auf einmal, ganz plötzlich, der Zweifel: Ich hätte alt werden können, wie du, kein Glaubenskrieg wäre durch meine Schuld über die Menschen gekommen. Millionen hätten überlebt, nach meinem Nein. Um unseres Gottes willen gegen diesen Gott und sein Todes-Gebot zu revoltieren - Judas, wäre das deine Sache gewesen? Judas aus Kerioth: kein Sklave Gottes, sondern ein Mensch, der Nein gesagt hätte, sein Nein, nicht (kurzer Blick ins Publikum) euer Nein, sondern sein eigenes? (Die Anfangsmusik,setzt wieder ein) Wenn alles nun falsch war und ich ungehorsam sein mußte? Mußte! Nach allem, was geschehen ist? Wenn mein Nein millionenfaches Ja bedeutet hätte: zum Leben, zur Versöhnung, zum Frieden - zu einem menschlichen Dasein, das nicht mit einem Mord und einem Selbstmord beginnt und in der Blutspur weitergehen muß, sondern ... (die Musik wird immer lauter und übertönt Judas' Worte. Evangelist: „Jesus aber sprach zu ihm.“ Jesus: „Mein Freund, warum bist du gekommen?“ Evangelist: „Da traten sie hinzu und legten die Hände an Jesum und ergriffen ihn.“)

Judas (die Musik mit einer letzten ungeheuren Anstrengung überschreiend): Nein! Nein! Nein, habe ich gesagt. (Die Musik bricht ab, es wird dunkel, fahles Licht bleibt auf dem Pestkruzifix und Judas' in Angst und Verzweiflung auf den Schmerzensmann blickendes Gesicht.)“

 

Im Grunde besteht der christliche Glaube in Folgendem:

1. Gott ist sauer und schickt seinen „Sohn“, den er vorher noch gar nicht hatte, zu seinem Volk.

2. Da schon recht viele gekommen sind und behauptet haben, „Gottes Sohn“ zu sein, wird auch diesem nicht geglaubt.

3. Gott lässt seinen „Sohn“ ans Kreuz nageln, ist zufrieden und verkündet der Menschheit, dass sie jetzt „erlöst“ sei. Von was auch immer.

4. Da sein eigenes Volk seiner nicht würdig ist, wendet er sich von diesem ab und kümmert sich von nun an um den Rest der Welt.

 

Wäre Jesus nicht gekommen, gäbe es keine „Erbsünde“, keine Hölle, keinen Teufel – die kommen im Alten Testament nicht vor. Der „Satan“ wird zwar an sehr wenigen Stellen erwähnt – fungiert dort aber eher als eine Art „Staatsanwalt“.

Hätte Jesus eine menschenfreundliche Religion verkündet, hätte es keine Ketzer- oder Hexen-Verfolgungen gegeben, keinen religiösen Antisemitismus, keine Befürwortung von Krieg, keine Befürwortung von Sklaverei, keine Diskriminierung von Frauen, keine Behinderung bzw. Zerstörung von Wissen und Wissenschaft. Körperliche und seelische Krankheiten wären als Krankheiten gesehen und behandelt worden und nicht als „Strafe Gottes“.

Auf diese rohe Botschaft und auf alle gehirn-gewaschene Menschen, die den ganzen Unfug glauben und all dieses auch noch für gut finden, hat die Menschheit gerade noch gewartet.

 

Ganz, ganz vielen Dank für alles!

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm