„Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An

den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am

Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am

Antisemitismus auch, am Kriegsdienst, an der

Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation.“

 

Karlheinz Deschner (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/92-aufklaerung-ist-aergernis.html ) beschreibt die Reformation noch harmlos.

Vor 500 Jahren nahm alles seinen Anfang. Protestantische Kirche und deutscher Staat feiern dieses Ereignis und stellen sich damit ein zutiefst inhumanes Zeugnis aus.

Tatsächlich war Martin Luther einer der übelsten Drecksäcke, die jemals auf Erden gewandelt sind.

Dass dieser Widerling heute noch gefeiert wird, bietet genügend Grund, sich über die Feiernden zu wundern und zu fragen, welcher Art von Gehirn-Wäsche diese unterzogen wurden.

 

Der Wurm zitiert vorrangig aus folgenden Büchern:

 

Heiko Oberman: „Luther – Mensch zwischen Gott und Teufel“

Karlheinz Deschner: „Kriminalgeschichte des Christentus – Band 8 – Das 15. und 16. Jahrhundert“

Hubertus Mynarek: „Luther ohne Mythos – Das Böse im Reformator“

Bernt Engelmann: „Wir Untertanen – Ein deutsches Geschichtsbuch“

Stefan Zweig: „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/triumph-und-tragik-des-erasmus-von-rotterdam-6861/1

 

Vorgeschichte und Bedingungen für Martin Luther und die Reformation

 

Bernt Engelmann schildert die Zustände in Deutschland in der Zeit um 1500 folgendermaßen: „Da waren zunächst und als Mächtigste die deutschen Fürsten sowie die Grafen, Bischöfe, Äbte reicher Klöster und sonstigen Landesherren, die sich von der kaiserlichen Zentralgewalt bereits weitgehend unabhängig gemacht hatten und nach völliger Selbständigkeit und Machtzuwachs auf Kosten des Kaisers, der Städte, der Ritterschaft sowie benachbarter Standesgenossen strebten.

Da waren unter den Fürsten als eine besondere Klasse die Kurfürsten, damals sieben, nämlich die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen. Sie hatten das Vorrecht, wenn eine Vakanz auf dem Thron des Reiches eintrat, mit einfacher Mehrheit ein neues Reichsoberhaupt zu wählen. Dieses Privileg, verbunden mit einem unantastbaren und unteilbaren, stets nur dem Nachfolger als Ganzes vererbten Besitzstand an Ländern, in denen sie Souveräne waren, gab den Kurfürsten die Möglichkeit, sich immens zu bereichern. Denn sie verkauften ihre Stimme stets der Partei, die ihnen am meisten bot, und ließen sich zudem vom künftigen Kaiser mit immer neuen Rechten und Einkünften versehen, wodurch die Zentralgewalt weiter geschwächt wurde.

Korrupter als die Kurfürsten waren nur noch die römischen Kardinäle jener Zeit, und entsprechend waren auch die Päpste, die sie wählten: geldgierige, genußsüchtige, absolut skrupel- und schamlose Gestalten, die vor keinem Verbrechen zurückschreckten. Sie glichen mehr den Mafia-Bossen unserer Tage als einem Oberhaupt der abendländischen Christenheit mit dem Anspruch, Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein.

Bei solcher Führung ist es kaum verwunderlich, daß auch die kirchlichen Einrichtungen in Deutschland völlig verkommen waren. Sie ähnelten, um bei dem Beispiel der Mafia zu bleiben, in vieler Hinsicht deren Organisation, zumal wenn sie mit immer neuen Tricks und Einschüchterungsmethoden pfennigweise Millionen aus dem Volk preßten, nicht etwa zu gutem Zweck, sondern nahezu ausschließlich zur Finanzierung des luxuriösen und lasterhaften Lebens der Bandenchefs sowie deren Verwandtschaft, Leibgarde, Gangsterliebchen und juristischen Ratgebern, sprich: Kirchenfürsten, deren Neffen, Nichten, unehelichen Kindern, Prälaten, Offizieren, Mätressen und Räten. Und wie die Mafia heute, so scheute damals die Kurie, wenn es um fette Pfründen, Erbschaften oder politischen Einfluß ging, vor absolut nichts zurück: nicht vor Verrat und Meuchelmord, nicht vor der Ausrottung ganzer Sippen durch Gift oder Dolch und auch nicht vor Wucher, Zuhälterei großen Stils, Hehlerei, Mädchenhandel oder anderen unchristlichen, aber einträglichen Verbrechen.“

 

Entwicklungen und Missstände in der Christenheit

 

Abspaltungen oder Abspaltungs-Versuche

 

Abspaltungen oder Abspaltungs-Versuche gab es seit Beginn des Christentums, das ja seinerseits eine Abspaltung des Judentums ist.

Die Abspaltungen wurden bekämpft und teilweise bis auf den letzten Menschen ausgerottet (etwa Manichäer, Arianer, Katharer), erfolgreich integriert (etwa Franziskaner) oder für’s erste hingenommen, da beide Blöcke militärisch zu stark waren, um einen davon zu vernichten (so 1054 die Trennung der lateinischen Kirche im Westen und der griechischen Kirche im Osten).

Prominente Beispiele zumindest zeitweise sehr erfolgreicher „Reformatoren“ sind Petrus Valdes ( um 1200), John Wyclif (ca. 1330 – 1384), Jan Hus (1369 – 1415, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/121-imperia.html ) und Girolamo Savonarola (1452 – 1498).

 

3 Päpste gleichzeitig

 

Der Umzug der Päpste von Rom nach Avignon im 14. Jahrhundert war nicht gut für das Ansehen des Papsttums. Auch nicht, dass ab 1378 ein Papst in Avignon und ein anderer in Rom war und seit 1409 ein dritter in Pisa, die sich gegenseitig exkommunizierten, also in die Hölle fahren ließen.

 

Konzilien für ungültig erklärt

 

Oberman: „Anders steht es mit dem Konzil; die Differenzierung im Urteil über dessen Autorität bleibt bis zum Ende: Es ist nicht grundsätzlich so, daß die Konzilien geirrt hätten; mittelalterliche Kirchenversammlungen sind es vielmehr gewesen, die sich selbst als irrtumsfähig erwiesen haben. Hatte nicht gerade das letzte Konzil, das Fünfte Lateranum (1512-1517), im Jahre 1516 dem kaum ein Jahrhundert zurückliegenden Konzil von Konstanz widersprochen und das Basler Konzil sogar für ungültig erklärt? „Und gehn also die Concilia wider einander, und machen, so wir darauf bauen, daß wir zuletzt nicht wissen, wo Papst, Concilium, Kirche, Christus oder wir dazu bleiben ... Also gibt man uns ins Maul, daß wir, wir wollen oder wollen nicht, sagen müssen: Das Concilium hat geirrt“.

Nur die vier ‚Hauptkonzilien‘ der alten Kirche, von Nicäa (325) bis Chalcedon (451), haben sich an die Schrift gehalten und das Evangelium gegen Ketzerei unbeirrt verteidigt und sachgerecht expliziert. Und diese Konzilien, die bis heute für die ganze Christenheit in Ost und West sprechen, haben noch frei - papstfrei - entscheiden können. Seitdem aber die römische Kirche Gewalt über die Christenheit erlangt hat, wird man auch auf ein Konzil nicht mehr bauen können und dürfen.“

 

Konstantinische Schenkung als Fälschung entlarvt

 

Oberman: „„Anfangs“, so gesteht er 1536, „war ich völlig unbeleckt von Geschichtskenntnissen. Das Papsttum habe ich a priori, wie man so zu sagen pflegt, das heißt aufgrund der Heiligen Schrift, angegriffen. Andere bestätigen jetzt, a posteriori, meine Ergebnisse aufgrund von Geschichtsdokumenten“.

Erst Anfang des Jahres 1520 bekam er die soeben erschienene Huttenausgabe des von Laurentius Valla - schon vor sechzig Jahren - geführten Nachweises in die Hand, daß sich der Anspruch des Papstes auf weltliche Oberhoheit im Abendland auf eine Fälschung stützt. Die Konstantinische Schenkung - ein Betrug! Das war mehr als die Aufdeckung einer dreisten Lüge, das verschärfte nicht nur das schon vorhandene antirömische, nationaldeutsche Ressentiment; das zerbrach Vertrauen. Die Kirche hatte also Jahrhunderte lang im Namen Gottes unter dem Schein des Rechts Menschen vom Heil abgeführt, indem sie Kaiser und Könige, ganze Reiche und Länder mittels Bann und Interdikt aus ihrer Gemeinschaft ausschloß.

„Lieber Gott, was für eine gemeine Verschlagenheit der Römer“, schrieb Luther, kaum daß ihm Vallas Entlarvung in die Hände gekommen war, an Spalatin. „Du wirst Dich wundern über Gottes Rat, daß diese Lüge sich so lange hat halten können, sich sogar durchgesetzt hat bis ins kanonische Recht“.“

 

Zustände wie im alten Rom

 

Oberman: „Andere, die Rom ertragen mußten, ob nun Erasmus oder Adrian Floriszoon (später Papst Hadrian VI.), haben voller Empörung und Wut die Stadt und ihre Priester verflucht. Luthers Töne hingegen klingen leiser, aber wohl auch betroffener: „Nun ich war ein junger und recht ernster, frommer Mönch, dem solche Worte wehe taten …“. Das ‚Weh‘ klingt immer wieder an. Alles, was er hörte und sah, machte seine Ideale von Rom zu Schanden; das Sprichwort, das so viele Zeitgenossen bezeugen, hat sich auch ihm bewahrheitet: ‚Je näher Rom je ärger Christen‘. Sein Glaube aber, daß jene Kirche, in der er groß geworden war und in deren Dienst er als Mönch die Observanz zu schützen suchte, die wahre Kirche Gottes sei, wurde davon nicht berührt.

Luther stand mit seiner Kritik keineswegs allein. Erasmus von Rotterdam, der fünf Jahre zuvor nach Rom gezogen war, hatte sich dem Papier ebenso deutlich anvertraut: „Ich habe mit eigenen Ohren die abscheulichsten Blasphemien gegen Christus und seine Apostel vernommen. Viele Bekannte von mir haben Priester der Kurie selbst bei der Messe widerliche Worte so laut aussprechen hören, daß die Umstehenden es mitbekommen konnten“.

Zehn Jahre später wird Ignatius von Loyola, dem Stifter des Jesuitenordens, davon abgeraten, nach Rom zu fahren: wegen der abschreckenden Verkommenheit dort. Papst Hadrian VI. war es, der diese zerrütteten Zustände auch offiziell eingestand. Dem Reichstag zu Nürnberg ließ er durch seinen Nuntius im Januar 1523 ein Schuldbekenntnis der Kurie verlesen: „Wir wissen, daß es an diesem Heiligen Stuhl schon seit Jahren viele greuliche Mißbräuche in geistlichen Dingen und Vergehen gegen die göttlichen Gebote gegeben hat, ja, daß eigentlich alles pervertiert worden ist … Als erstes muß die Kurie reformiert werden, von der das ganze Übel ausgegangen ist.““

 

Ablass

 

Oberman: „Die offizielle Kirchenlehre über Ablässe wurde von Tetzel, dem Dominikanermönch, getreu wiederholt: Ablaß nützt nur denjenigen, die Reue zeigen und gebeichtet haben. Doch der Beweis dieser Reue - denn danach wurde ja gefragt - war die Bereitschaft, die Bußstrafe auf sich zu nehmen: Das konnte der Ablaß belegen. Genügend Priester standen bereit, aufgrund solcher Belege die Absolution auszusprechen.

Wer den Beichtstuhl betritt, hat dem Priester zunächst seine Reue glaubhaft zu machen, dann in der Beichte die begangenen Sünden zu bekennen und schließlich die vom Priester auferlegten Bußstrafen auf sich zu nehmen. Diese drei Elemente zusammen bilden das Sakrament der Buße. Nur die Bußstrafe, der dritte Teil des Sakraments, kann durch Ablaß abgegolten werden. Hat Tetzel also eine Karikatur aus dem Ablaß gemacht? Nein, denn er konne sich auf die Ablaßinstruktion seines Erzbischofs, des Kardinals Albrecht von Mainz, stützen und dieser wiederum war gedeckt durch eine Ablaßbulle des Papstes Leo X. …

Am Vorabend des Festes ‚Allerheiligen‘, am 31. Oktober 1517, schlug Luther gemäß dem Brauch der Universität seine lateinisch verfaßten Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg.

Diese Thesen gehen gegen das Ablaßwesen vor, aber nicht so, daß Luther unglücklich überspitzte Aussagen übereifriger Ablaßkommissare heranzieht und diese dann lächerlich macht. Dem Werbespruch: ‚Wenn der Groschen im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt‘ wird tatsächlich widersprochen. Ein halbes Jahr später hat die theologische Fakultät von Paris diesen Spruch ebenfalls verworfen, ihn sogar als ‚falsch, skandalös und unhaltbar‘ verurteilt. Doch Luthers Hauptanliegen ist das nicht. Er will wahre Buße aufweisen und deshalb den beschränkten Wert von Ablässen deutlich machen: Sie nutzen nur den Lebenden, aber nicht den Toten im Fegefeuer, weil Ablässe nur die von der Kirche auferlegten Strafen ablösen können …

Kaum vierzehn Tage später waren die Thesen in ganz Deutschland verbreitet, berichtet Luther, verständlich, „denn alle Welt klagt über den Ablaß“. Die Thesen sind den Universitätsakten gemäß tatsächlich in Wittenberg disputiert worden, wie Luther es gewollt hatte. Doch entgegen seinen Wünschen sind sie in Nürnberg ins Deutsche übersetzt und gedruckt worden …

Es sind dann auch nicht die Ablaßthesen, die umstürzende Folgen für die Nachwelt gezeitigt haben. Einschneidend war vielmehr die anschließende Debatte über die Frage nach der Irrtumsfähigkeit von Konzilien, der Vollgewalt des Papstes und nach dem Recht, die Kirche aufgrund der Schrift zur Umkehr zu mahnen. Diese Auseinandersetzung hat Risse offengelegt, die später zur Trennung führten.“

Zweig: „Mit genialem Instinkt hat der kommende Volksmann gerade den sinnlichen Punkt berührt, wo das deutsche Volk den Druck der römischen Kurie am schmerzlichsten empfand: den Ablaß. Nichts erträgt eine Nation unwilliger als einen ihr von einer auswärtigen Macht auferlegten Tribut; und daß in diesem Falle die Kirche die Urangst der Kreatur durch prozentuell beteiligte Agenten, durch berufsmäßige Ablaßverkäufer in Geld ummünzen ließ, daß diese dem deutschen Bauern und Bürger mit vorgedruckten Kassenzetteln abgepreßten Gelder außer Landes gingen und den Weg nach Rom nahmen, hatte längst eine dumpfe und noch wortlose nationale Entrüstung im ganzen Lande gesammelt – Luther gibt ihr eigentlich nur die Zündung mit seiner entschlossenen Tat. Nichts tut deutlicher dar, daß nicht der Tadel eines Mißbrauchs, sondern die Form des Tadels welthistorisch entscheidet; auch Erasmus und andere Humanisten hatten über den Ablaß, über diese Loskaufkarten vom Fegefeuer, ihren geistreichen Spott ergossen. Aber Spott und Witz zersetzen bloß als ein Negatives bestehende Kräfte, sie sammeln keine neuen zum schöpferischen Stoß. Luther dagegen, eine dramatische Natur, vielleicht die einzige wahrhaft dramatische der deutschen Geschichte, weiß aus einem unerlernbaren Urinstinkt jedes Ding drastisch und allen verständlich anzufassen, er hat von erster Stunde an die geniale Volksführergabe der plastischen Geste, des programmatischen Worts. Wenn er knapp und klar in seinen Thesen sagt: »Der Papst kann keine Schuld vergeben« oder »Der Papst kann keine andere Strafe erlassen, als die er selber auferlegt hat«, so sind das wie Blitze einleuchtende, wie Donner einschlagende Worte ins Gewissen einer ganzen Nation, und der Petersdom beginnt unter ihnen zu wanken. Wo Erasmus und die Seinen mit Spötteln und Kritisieren die Aufmerksamkeit der Geistigen erweckten, ohne aber bis zu den Zonen der Massenleidenschaft vorzudringen, da erreicht Luther mit einem Stoße die Tiefe des Volksgefühls. Innerhalb zweier Jahre wird er das Sinnbild Deutschlands, der Tribun aller antirömischen, nationalen Wünsche und Forderungen, die konzentrierte Kraft allen Widerstandes.“

Hansjörg Frommer in seinem Vortrag „Nicht nur Luther – Reform und Kirchenkritik im Spätmittelalter“: „Im Zusammenhang mit dem Basler Konzil kam es zu Konkordaten, mit denen der päpstliche Zugriff auf einzelne Länder (Frankreich, England, Spanien) eingeschränkt wurde. Nicht aber für Deutschland, wo die Päpste nun ihren wachsenden Finanzbedarf durch den Ablasshandel zu decken suchten.“

Anders ausgedrückt: im Gegensatz zu anderen großen Ländern ging sehr viel Geld aus Deutschland raus. Was vielen Leuten nicht passte.

 

Entwicklungen in Philosophie und Universität

 

Johannes von Wesel

 

Oberman: „Noch immer wirkte der Schock nach, den die Verurteilung des hervorragendsten der Erfurter Theologen, Johannes von Wesel ausgelöst hatte. Im Jahre 1479, nicht mehr Professor in Erfurt, sondern Domprediger zu Worms, war er vor ein Inquisitionsgericht gezerrt und zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte es gewagt, den Ablaß einen frommen Betrug zu nennen, im Abendmahl auch für den Laien den Empfang des Kelchs zu fordern und Papst wie Konzil gegenüber auf die letztgültige Autorität der Schrift zu pochen. Alles das hatte auf Erfurts theologische Fakultät einen dunklen Schatten fallen lassen, den Schatten der hussitischen Ketzerei, der sich ihr ehemaliger Lehrer verdächtig gemacht hatte.“

 

Nominalismus

 

Oberman: „Die Nominalisten, die Vertreter der ‚via moderna‘, waren als Skeptiker verrufen, die universale Wirklichkeiten als bloße Worte (nomina) zu bezeichnen wagten. Auch die Vokabel von den logischen Spielereien, mit der die spätmittelalterliche Philosophie so gern bloßgestellt wird, entspringt diesem polemischen Arsenal der ‚via antiqua‘. Die Anhänger des alten Weges warfen den Modernen, den Nominalisten vor, nur an Begriffen interessiert zu sein, nicht an der dahinter liegenden Sache. Tatsächlich stellten die Nominalisten die überkommenen Begriffe in Frage um zu überprüfen, was der Sache nach an ihnen ‚dran‘ ist. Auf der anderen Seite stammt das Pauschalurteil von Humanisten, Reformatoren und den späteren Aufgeklärten, die Scholastik sei eitlen Spekulationen nachgejagt, von den Modernen, die den Anhängern des Universalienrealismus vorwarfen, ihre Gedankenkonstruktionen an der Wirklichkeit vorbei zu entwerfen. Das sind Verzerrungen aus der Hitze eines Kampfes, der um fundamentale Probleme geführt wurde.

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts war der Nominalismus in Erfurt fest angesiedelt, doch sein Programm blieb zunächst ohne Profil. Innerhalb der ‚via antiqua‘ waren die Schulautoritäten - Thomas von Aquin oder Duns Skotus - verbindlich. Die ‚via moderna‘ hingegen entbehrte solcher Festlegungen. Der Engländer Wilhelm von Ockham, in München im Exil lebend und dort gestorben, war der berühmte und seinen Gegnern auch berüchtigte Vordenker des Nominalismus. Doch bei allem Respekt vor seiner wissenschaftlichen Leistung hatte er sich in seiner eigenen Schule nie so durchsetzen können wie die Häupter der ‚via antiqua‘ in der ihren. Unter den Modernen kamen eine ganze Reihe von Lehrmeistern gleichberechtigt zu Worte, die in zahllosen Einzelfragen ihre eigenen Lösungsversuche vorlegen. Der Italiener Gregor von Rimini und der Franzose Pierre d'Ailly hatten erheblichen Einfluß bei den Modernen gewonnen und auch die Deutschen Marsilius von Inghen in Heidelberg und Gabriel Biel in Tübingen, der als zweiter Wilhelm von Ockham gelten kann. Doch sie alle hatten ihren eigenen Kopf und nicht nur in theologischen Fragen nahmen sie voneinander abweichende Positionen ein. Auch im Bereich der Philosophie hatten sie so viele unterschiedliche Akzente gesetzt und ihre kritischen Federn sowohl gegeneinander als auch gegen den Gründungsvater Ockham gewendet, daß die Gemeinsamkeit an Deutlichkeit einbüßte. Auf die ‚Freiheit der Wissenschaften‘ waren Nominalisten schon immer bedacht gewesen, doch einer einheitlichen Schulrichtung, die sich auf Dauer an einer Universität etablieren will, muß eine solche Zersplitterung entgegenwirken.

Vier Jahre bevor Luther sich immatrikulierte, hatten die beiden Erfurter Ordinarien an der Artesfakultät, Jodokus Trutfetter und Bartholomäus Arnoldi, eine feierliche, universitätsöffentliche Disputation (1497) veranstaltet, bei der es ihnen gelang, die nominalistischen Grundprinzipien auf einen Nenner zu bringen und programmatisch zu formulieren. Man kann geradezu von einem ‚Durchbruch‘ reden, der die nominalistische Lehrrichtung als akademische Schule zusammenschloß. Nachhaltiger noch als die Disputation an sich war die Tatsache, daß beide Hochschullehrer darangingen, ihre Schulprinzipien in den akademischen Unterricht hineinzutragen. Sie verfaßten Handbücher für ihre Studenten, in denen die nominalistischen Grundsätze zur Anwendung kamen. Bereits zwei Jahre nach der Disputation legte Arnoldi seine Einführung in die Naturphilosophie (Leipzig 1499) vor. Trutfetter folgte 1501 mit seinem oft aufgelegten Handbuch zur Logik.

Ein entscheidender Grundgedanke wird von beiden als Prinzip und Merkmal der ‚via moderna‘ immer wieder hervorgehoben: Alle Spekulationen in philosophischen Welterklärungen sind nach Maßgabe der Erfahrungen und der so an der Wirklichkeit orientierten Vernunft zu regulieren, ohne Rücksicht auf gegenteilige Aussagen angesehener Autoritäten. Nicht anders müsse man, hebt Arnoldi hervor, mit Spekulationen im Bereich der Theologie verfahren, wo die Autorität der von der Kirche ausgelegten Heiligen Schrift allen Deutungen als Norm vorgegeben ist.

Erfahrung und Schrift - das sind die einzig gültigen Normen in den zwei Bereichen von Philosophie und Theologie. An die Adresse des zwar verurteilten, in Erfurt aber immer noch berühmten Nominalisten Johannes von Wesel bekräftigte Usingen die Brüchigkeit des Autoritätenprinzips: „Wie bedeutend Du auch immer bist, ich antworte Dir: Auch große Männer sind manchmal sorglos und nachlässig genug, Behauptungen aufzustellen und Aussagen zu machen, derer sie nicht sicher sind“.

‚Nicht sicher‘ - das ist ein Grundtenor, der als Refrain ständig wiederkehrt, gegen Ockham wie gegen Aristoteles ins Feld geführt. Diese Relativierung von Autoritäten mit Berufung auf wissenschaftliche Methoden hat ein wesentliches Stück Scholastik an ihr Ende geführt. Solche Freiheit der Tradition gegenüber wird aber nie ein für allemal errungen: Auch der moderne Mensch hört so gerne auf die sichere Stimme großer Gelehrter, daß neue Schulautoritäten und neues Schuldenken sich immer wieder etablieren. Die Erkenntnis, daß Kenntnisse ‚nicht sicher‘ sind, muß stets neu erkämpft werden.

Für die Naturwissenschaften wie für die Theologie hat der Nominalismus entscheidende Ergebnisse gezeitigt. Die Rückbindung der Spekulation an die Erfahrung löste die Physik aus der Umklammerung einer alle Erfahrung übersteigenden Metaphysik. Als diese Erfahrung zum Experiment wurde, konnten die modernen Naturwissenschaften entstehen: Nicht der Humanismus, sondern der Nominalismus hat diesen Weg gebahnt. Im Bereich der Theologie haben die Folgen ebenso auf sich warten lassen; erst Luthers Suche nach der sicheren Selbstaussage Gottes in der Schrift hat die Vormacht der spekulativen Philosophie durchbrochen.

Das Fazit ist deutlich: Um die Wende zum 16. Jahrhundert haben die ‚modernen‘ Professoren der Erfurter Artesfakultät ihren Studenten Tore zur Neuzeit aufgestoßen.“

Zu Wilhelm von Ockham und der Entwicklung der Natur-Wissenschaften siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/53-die-meme-des-eriugena.html

 

Luther wird Nominalist

 

Oberman: „In dieses Klima des Aufbruchs hinein geriet Luther im Frühjahr 1501. Mit Hilfe der neuen Lehrbücher lernte er, die Ergebnisse der mittelalterlichen Wissenschaft kritisch zu sichten. Vieles von dem, was Erfurt ihm gab, konnte er erst später in einem neuen Kontext einbringen, als er sich von der philosophischen Theologie der Scholastik gelöst hatte und gezwungen wurde, seine Sicht einer biblisch fundierten Theologie gegen renommierte scholastische Magister zu verteidigen. Aber die philosophische Fakultät hatte ihm nicht nur die Waffen seiner Verteidigung in die Hand gegeben, sondern auch bleibende Inhalte vermittelt, die reformatorisch werden sollten.

Das war einmal die nominalistische Rückbindung der Vernunft an die Erfahrung, womit ideologiekritisch die Welterkenntnis in ihre menschlichen Grenzen gewiesen wird. Und weiterhin: Nominalisten suchten zwischen Gottes Wort und menschlicher Vernunft zu unterscheiden. Im Bereich der Offenbarung dort, wo es um das Heil des Menschen geht, gilt Gottes Wort, es ist unbegründbar und ebensowenig hinterfragbar; Vernunft und Erfahrung finden hier ihre Grenzen.

Im Zusammenhang der reformatorischen Theologie haben diese nominalistischen Grundsätze entscheidende Bedeutung erhalten: Gottes Welt, Vernunft und Erfahrung gehören genauso zusammen wie Gottes Heil, Heilige Schrift und Glaube.

Die Forschung hat erst begonnen, sich von ihren Vorurteilen gegen die ‚via moderna‘ freizumachen, die zu den Voraussetzungen der naturwissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts zählt, zugleich aber von dieser überrollt und zugedeckt worden ist. Daß Luther in Erfurt zum Nominalisten ausgebildet wurde, steht außer Zweifel; die Konsequenzen dessen, was diese wissenschaftliche Ausbildung bewirkt hatte, sind jedoch umstritten.“

 

Augustiner

 

Oberman: „Es ist viel gerätselt worden, warum Luther sich gerade für den Augustinerorden entschieden hat … Zudem wird ihn die Observanz, die strenge Einhaltung der Ordensregel, ebenso angezogen haben wie die Möglichkeit, innerhalb eines Ordens Theologie zu studieren, in dem man die von Arnoldi und Trutfetter propagierte ‚via moderna‘ beibehalten konnte. Die Dominikaner waren auf Thomas von Aquin verpflichtet und die Franziskaner in der Regel auf Duns Skotus festgelegt. Die Augustiner hatten sich in ihren Statuten zwar ebenfalls für die ‚via antiqua‘ entschieden, ließen in der Praxis jedoch Freiheit in der Wahl der ‚Wege‘.“

 

Bettelorden

 

Oberman: „Das Erfurter Augustinereremitenkloster spielte eine zentrale Rolle in der seit den Anfängen bewegten Geschichte des Ordens. Im Jahre 1256 war eine Reihe kleinerer italienischer Mönchs- und Eremitengemeinschaften laut Verfügung des Papstes Alexander IV. zum Eremitenorden des Heiligen Augustin zusammengeschlossen worden. Nicht anders als die beiden größeren Bettelorden, die Dominikaner und Franziskaner, waren auch die Augustiner von den Reformbestrebungen im 15. Jahrhundert erfaßt worden. Im Anschluß an das Basler Konzil konnte sich auch bei ihnen eine Observanz, eine Reformbewegung, etablieren mit dem Ziel, die Ordensvorschriften, deren Befolgung sich im Laufe der Zeit den praktischen Erfordernissen des Lebens angepaßt hatte, wieder ‚regelgemäß‘ und strikt zu beachten …

Den Bettelorden kam zur Zeit ihrer Gründung eine wichtige Doppelfunktion zu. Sie hatten der weit verbreiteten Kritik an der reichen Kirche, die seit langem schon zum größten Grundbesitzer Europas aufgestiegen war, eine innerkirchliche Antwort zu geben Sie waren zudem eine Reaktion auf den Wandel der Bevölkerungsstruktur, der auch für die Kirche erhebliche Probleme aufwarf. Der Weltklerus war den Ansprüchen, die sich durch die wachsende Verstädterung Europas ergaben, nicht mehr gewachsen und fand deshalb in den Bettelorden eine wirksame Hilfe, die Stadtbewohner in Predigt und Seelsorge zu betreuen. Die ursprünglich in einsamen Gegenden angesiedelten Eremiten wurden vom Papst ausdrücklich mit der Seelsorge in den Städten betraut. Tatsächlich findet man schon im 14. Jahrhundert auch nördlich der Alpen in vielen Städten Augustinerklöster.

Das friedliche Beieinander von Bettelmönchen und Weltpriestern währte nicht lange. Rivalitäten und Kompetenzüberschneidungen führten zu heftigen Konflikten zwischen den Diözesanorganisationen einerseits und den Ordensleitungen andererseits. Das Zeitalter der Reform im 15. Jahrhundert war eine Zeit des Streits …

Die Organisation der Orden war nicht an die bestehende Diözesanstruktur der Kirche gebunden. Die Ordensprovinzen sind vom Bischof unabhängig und die einzelnen Provinziale, die Leiter der Ordensprovinzen, sind allein ihrem General in Rom zum Gehorsam verpflichtet. Dieses einfache und schlagkräftige Organisationsprinzip der Bettelorden drohte gerade durch die Bemühungen um eine Klosterreform zerschlagen zu werden. Denn über das System der Provinzen legte sich nun eine zweite Form der Ordensorganisation: Zum Zweck der Reform schieden bei den Augustinern seit der Zeit um 1430 eine Reihe von Klöstern aus dem Provinzialverband aus und schlossen sich grenzüberschreitend zu einer Reformkongregation zusammen …

Zu den Spannungen zwischen den einzelnen Orden, zwischen den Mönchen und den Weltklerikern, traten so die internen aber lautstarken Streitigkeiten zwischen ‚reformierten‘ und ‚konventualen‘, also nicht-reformierten Klöstern hinzu. Was den Augustinerorden betrifft, so wird Johannes von Staupitz beschuldigt, im Jahre 1510 den Streit zwischen Reformierten und Konventualen provoziert zu haben. Doch diese innere Auseinandersetzung war schon unter seinem Vorgänger Andreas Proles in voller Schärfe entbrannt. Dieser hatte es fertiggebracht, die ursprünglich fünf Klöster umfassende Kongregation so auszubauen, daß ihr am Ende seiner Amtszeit siebenundzwanzig Konvente angehörten.

Die Erweiterung hatte auf Kosten der Ordensprovinzen stattgefunden, und die Einverleibung der bislang konventualen Häuser war selten ohne erbitterten Streit verlaufen. Proles zögerte nicht, einfache Mönche wie Priore zu exkommunizieren, wenn sie sich weigerten, der Reformkongregation beizutreten. Für den notwendigen Druck von außen hatte er sich der Obrigkeiten versichert, in Nürnberg zum Beispiel des Stadtrats und in Sachsen des Fürsten Herzog Wilhelm III., Großonkel von Luthers Schirmherr Friedrich dem Weisen

Für den Schutz und Schirm, den die Kurfürsten von Sachsen später der Reformation angedeihen lassen sollten, ist diese scheinbar so periphere Episode unter den vielen Streitigkeiten der Kirche des Mittelalters außerordentlich wichtig. Alle Beteiligten agierten innerhalb eines Spannungsfeldes, das bestimmt wurde durch fürstliche Interessenpolitik und landesherrliche Fürsorge einerseits und kirchliche Sorge um Reform und Einheit andererseits …

Trotz der erheblichen Unsicherheit in der Wertung erbringt die Geschichte der Reformkonflikte im Augustinerorden eine Reihe von Antworten auf die Frage nach dem Selbstverständnis jener Welt, der Luther seit dem Sommer 1505 angehörte. Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß er in einen Ordensverband aufgenommen wurde, der sich zur Observanz und damit zur weltabgeschiedenen, regelgetreuen Vollkommenheit in Sittenstrenge, Meditation und Studium verpflichtet hatte. Zu gleicher Zeit aber wußte die Kongregation weltgewandt Politik zu treiben, um sich im Mächtedreieck von weltlicher Obrigkeit, Ordensprovinzial und Ordensgeneral behaupten zu können. Die Konflikte zwischen Kongregation und Provinz zerrten den Orden in das Spannungsfeld zunehmender Divergenzen zwischen römischem Zentralismus und territorialer Selbstbestimmung.

Bereits vor der Reformation war das Problem von Vielfalt und Einheit in der Kirche deutlich gestellt. Die Bettelorden sind auf der Wende zum 16. Jahrhundert an der Tatsache gescheitert, daß sich die Ziele der Reform nicht mehr mit dem Wunsch nach Einheit verbinden ließen …

Für die Reformation sollte wichtig werden, daß Luther in ein Kloster aufgenommen wurde, das nicht irgendwo am Rande, in Frankenhausen oder Sangerhausen lag, sondern sich als Zentrale der hochgeachteten deutschen Augustinerobservanz verstand. Andreas Proles war Mitglied des Erfurter Konvents, mit Johannes von Paltz und Johannes Nathin stellte das Kloster die theologisch führenden Köpfe an der Universität und zugleich die bedeutendsten Verfechter der Ordensreform neben dem Generalvikar …

Nach seiner eigenen Aussage verdankt Luther dem Generalvikar unendlich viel mehr: „Der Staupitz hat es angefangen“.“

 

Erasmus hat Eier gelegt, die Luther ausbrütet

 

Zweig: „Erasmus hat die reformatorische Kritik an der Kirche begründet, die Luther in einen Angriff gegen das Papsttum verwandelt, er hat, wie die katholischen Theologen erbittert sagen, »die Eier gelegt, die Luther ausbrütet«. Ob er will oder nicht, bis zu einem gewissen Grade ist Erasmus als Wegbereiter für Luthers Tat verantwortlich: »Ubi Erasmus innuit, illic Luther irruit.« Wo er vorsichtig das Tor geöffnet, ist der andere ungestüm eingebrochen, und zu Zwingli muß Erasmus selbst gestehen: »Alles, was Luther fordert, habe ich selber gelehrt, nur nicht so heftig und ohne jene nach Extremen haschende Sprache.« Was die beiden trennt, ist einzig die Methode. Beide haben die gleiche Diagnose gestellt: daß die Kirche in Lebensgefahr schwebe, an ihrer Veräußerlichung  innerlich zugrunde zu gehen. Aber während Erasmus eine langsam fortschreitende Behandlung vorschlägt, einen sorglichen, allmählichen Blutreinigungsprozeß durch Salzinjektionen von Vernunft und Spott, macht Luther den blutigen Schnitt. Ein derart lebensgefährliches Verfahren mußte Erasmus mit seiner Scheu vor Blut ablehnen, ihm widerstrebte alles Gewaltsame: »Fest steht mein Entschluß, mich lieber gliederweise zerreißen zu lassen, als die Zwietracht, besonders in Sachen des Glaubens, zu begünstigen. Zwar stützen sich viele Anhänger Luthers auf den evangelischen Ausspruch: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Allein, obwohl ich einsehe, daß manches in der Kirche zum Vorteil der Religion verändert werden sollte, so wenig gefällt mir alles, was zu einem Aufruhr dieser Art führt.« Mit einer an Tolstoi gemahnenden Entschlossenheit lehnt Erasmus jeden Appell an die Gewalt ab und erklärt sich lieber bereit, den ärgerlichen Zustand weiter zu ertragen, als diese Umwandlung mit einem »tumultus«, mit Blutvergießen, zu erkaufen. Während die anderen Humanisten, kurzsichtiger und optimistischer, der Luthertat zujubeln als einer Befreiung der Kirche, als einer Erlösung Deutschlands, erkennt er darin die Zersplitterung der ecclesia universalis aus einer Weltkirche in Landeskirchen und die Loslösung Deutschlands aus der Einheit des Abendlands. Er ahnt mehr vom Herzen aus, als er wissen kann durch den Verstand, daß eine solche Loslösung Deutschlands und der anderen germanischen Länder von der Schlüsselgewalt des Papstes nicht ohne die blutigsten und mörderischsten Konflikte sich vollziehen könnte. Und da Krieg für ihn Rückschritt bedeutet, barbarischen Rückfall in längst überlebte Epochen, setzt er seine ganze Macht ein, um diese äußerste Katastrophe inmitten der Christenheit zu verhindern.“

 

Buchdruck

 

Wesentlichen Einfluss hatte die Erfindung des Buchdrucks, der um 1500 so richtig an Fahrt aufnahm und die Möglichkeit zur Massen-Verbreitung bot. Wäre Martin Luther 50 Jahre früher gekommen, hätte er kaum Massen-Wirkung haben können.

 

Fazit

 

Es war nicht so, dass ein Mensch aus dem Nichts aufgetaucht und aktiv geworden ist. Größere Turbulenzen lagen quasi vor allem in Deutschland „in der Luft“. Wäre Martin Luther nicht gewesen, wäre ein anderer gekommen.

In der Fußballer-Sprache ausgedrückt: Der Ball lag auf dem Elfmeter-Punkt. Es musste nur noch einer kommen und auf’s Tor schießen.

 

Bibel-Übersetzungen

 

In der breiten Bevölkerung herrscht die Meinung vor, Martin Luther alleine hätte die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt und damit eine große Heldentat vollbracht. Bei allem Respekt: zum einen stimmt das so nicht und zum andern war die Tat so groß jetzt auch wieder nicht.

Aus „Wikipedia“: „Die Lutherbibel (Abk. LB) ist eine Übersetzung der Bibel in die frühneuhochdeutsche Sprache. Martin Luther wurde dabei von einem Team unterstützt, zu dem Fachleute für Griechisch und Hebräisch gehörten. Im September 1522 war eine erste Auflage des Neuen Testaments fertig; ab 1534 lag eine deutsche Vollbibel vor, an der Luther zeitlebens weiter Verbesserungen anbrachte. 1545 gab es die letzten Korrekturen der Biblia Deudsch von Luthers eigener Hand.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Lutherbibel

„Um 250 v. Chr. begann die Übersetzung der Tora in die damalige Weltsprache, das Griechische …

Bis 200 entstanden im Christentum verschiedene lateinische Übersetzungen des AT, zusammengefasst als Vetus Latina oder Itala bezeichnet. Maßgebend wurde jedoch die an die Septuaginta angelehnte lateinische Übersetzung des Hieronymus, die 382–420 entstandene Vulgata. Sie wurde in zahlreichen Revisionen seit dem 7. Jahrhundert in der römisch-katholischen Kirche zum bis heute gültigen Bibeltext …

Die Ostkirchen verwendeten außerhalb des griechischen Sprachraums schon früh Übersetzungen in der jeweiligen Landessprache (vergleiche Altkirchenslawische Sprache). Um 350 n. Chr. entstand die gotische Wulfila-Bibel; Bischof Wulfila „bemüht sich, ein griechisches Wort immer durch das gleiche Äquivalent wiederzugeben“. Dennoch hielt er sich nicht sklavisch an die Textvorlagen. Mehrere Übersetzungen des NT in die verschiedenen koptischen Dialekte sowie eine armenische, bald darauf eine altäthiopische und eine georgische Fassung übersetzten die Vulgata …

Die arabische Übersetzung des Alten Testaments durch den jüdischen Gelehrten Saadia Gaon (882–942) ist unter dem Namen Tafsir bekannt geworden …

Nach der ersten überlieferten Übersetzung einer biblischen Schrift ins Deutsche im frühen 9. Jahrhundert entstanden in den folgenden Jahrhunderten viele weitere Übersetzungen von Teilen der Bibel. Insgesamt sind etwa 70 deutsche Übersetzungen vor der Reformation nachweisbar, darunter verschiedene Evangelienharmonien …

Erste komplette deutsche Übersetzungen des Neuen und des Alten Testaments entstanden im 14. Jahrhundert

1382 vollendete John Wyclif, der 1415 postum als Ketzer verurteilt wurde, mit seinen Übersetzungskollegen seine früher begonnene Bibelübersetzung aus der Vulgata ins Englische …

Die erste vollständige Bibelübersetzung in die tschechische Sprache ist um 1360, wahrscheinlich im Augustinerkloster Roudnice, entstanden. Sie wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts u. a. von Jan Hus revidiert und 1488 in Prag zum ersten Mal gedruckt (bekannt als Prager Bibel). Mitte des 15. Jahrhunderts entstand die so genannte Hussitenbibel, eine ungarische Übersetzung, die wahrscheinlich auf Anhänger von Jan Hus zurückgeht …

Die erste Bibelübersetzung in eine romanische Sprache, eine Übertragung der Vulgata ins Valencianische, stammt vom Karthäuser-Ordensgeneral Bonifatius Ferrer (1355–1417), dem älteren Bruder von Vinzenz Ferrer. Erst 1478 wurde sie gedruckt.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Bibel%C3%BCbersetzung

 

Vorteile der Reformation

 

Stadtbürgertum

 

Luise Schorn-Schütte: „Besonders rasch verbreitet sich die reformatorische Bewegung in den Städten. Die Formulierung des nordamerikanischen Historikers Arthur G. Dickens ist klassisch geworden: "The reformation was an urban event." Ein Grund dafür ist das Prinzip sola scriptura: Die Lehre wird von der Predigt getragen und als gedrucktes Wort durch Flugblätter, Bibelübersetzungen und das Gemeindelied verbreitet; dies kommt dem vielfach lesefähigen Stadtbürgertum entgegen. Ein weiterer Grund liegt in der Neigung der Städte, "sich als Corpus Christianum im Kleinen zu verstehen", wie der Kirchenhistoriker Bernd Moeller schreibt. Schon in seinem Gutachten von 1523 für die sächsische Kleinstadt Leisnig betont Luther, dass die Kirchengemeinde selbst über ihre Ordnung zu bestimmen habe. Und die Kirchengemeinde ist im Selbstverständnis des Stadtbürgertums identisch mit der Bürgergemeinde.

Als weichenstellend erweist sich also die Verbindung zwischen reformatorischer Theologie und Gemeindeprinzip – in einer Zeit, in der das stadtbürgerliche Herrschaftsverständnis gerade neu ausgehandelt wird. Der Konflikt in den Städten schwelt seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Die Ratsoligarchien streben nach Ausweitung ihrer Macht: Der genossenschaftliche Schwurverband, der die Herrschaft in den Städten bislang im Konsens legitimierte, soll einem stärker hierarchischen Verhältnis zwischen Stadtobrigkeit und Untertanen weichen. Dagegen formiert sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts der Widerstand der Zunftbürger und anderer stadtbürgerlicher Schichten. Immer dann, wenn wirtschaftliche oder finanzpolitische Probleme zu lösen sind, brechen diese Konflikte auf.

Zwischen 1520 und 1540 bekennen sich fast alle Reichs- und Hansestädte zur Reformation, nur Köln entzieht sich der Bewegung. Der religiöse Aufbruch verbindet sich mit der Rückkehr zu den genossenschaftlichen Verfassungstraditionen. Darin zeigt sich die Zielrichtung der reformatio.“

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/05/reformation-martin-luther-protestanten-bewegung

 

Stärkung der Landesherrschaften

 

Luise Schorn-Schütte: „Auf Reichsebene ist die reformatorische Bewegung aufs Engste mit dem Problem der Reichsreform verzahnt: Der Adel dringt auf politische Teilhabe, während der Kaiser als Zentralgewalt seine Herrschaft behaupten will …

Der Erfolg der Reformation bedeutet zugleich die Spaltung der römischen Christenheit. Die Konsequenz ist eine auch kirchenpolitische Stärkung der Landesherrschaften, ein Spezifikum der deutschen Geschichte. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts lässt sich im Alten Reich zudem ein mehrheitlich katholischer Süden von einem protestantisch geprägten Norden unterscheiden.“

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/05/reformation-martin-luther-protestanten-Bewegung

Durch den Einzug von bisherigen Kirchengütern gewinnen die nun protestantischen Landesherren immense materielle Güter und durch die extrem Obrigkeits-freundliche neue Religion, die zu „Ruhe und Ordnung“ aufruft, gibt es auf die Dauer friedlichere Untertanen (siehe weiter unten).

 

Deutsch-national

 

Reichsstände gegen Rom

 

Oberman: „Die Beschwerden der deutschen Nation, die seit fast achtzig Jahren Fürsten, Bischöfe und Reichstage beschäftigt hatten, waren 1521 zu einem Weißbuch gegen Rom gediehen. Die Reichsstände forderten, völlig unabhängig von ihrer Haltung zur evangelischen Bewegung, mit Nachdruck vom Kaiser die Abstellung der durch Rom angerichteten Schäden. Luther hat diese Beschwerden ins Recht gesetzt, indem er das kanonische Recht als päpstliches Fremdrecht disqualifizierte und das Selbstbestimmungsrecht der Obrigkeit auf eine schriftgemäße Basis stellen konnte.

Das neue Rechtsfundament hinterließ allerdings auch eine erhebliche Rechtslücke, die nicht nur Randgruppen der Gesellschaft für sich zu nutzen suchten: Die Ritter revoltierten unter Sickingen gegen die Pfaffenherrschaft am Rhein (1522), die aufständischen Bauern zerstörten (1524/25) Klöster und raubten Klostergut, und die Fürsten betrieben ‚Säkularisation‘, zu deutsch: sie lenkten Kirchengüter und -gelder in ihre eigenen Kassen (1526/27). Wiederum waren Beschwerden am Platze, um vor allem den Adel zu hindern, seine Rechte auf Kosten des Gemeinwohls zu etablieren. Im Kampf gegen alle Versuche, in Gottes Namen Eigeninteressen durchzusetzen, ist Luther nicht nur zum Politikum, sondern auch zum Politiker geworden.“

 

Vorkämpfer gegen römische Ausbeutung

 

Oberman: „Damals galten Erasmus und Luther noch als Bundesgenossen, als Vorkämpfer im gemeinsamen Streit gegen die Unterdrückung der Gewissen, gegen das Halbwissen frecher Mönche und die römische Ausbeutung Deutschlands durch direkte und indirekte Steuern, durch Türkenpfennig und Ablaßkram. Weder der Bann des Papstes noch die Acht des Kaisers konnten diese umfassende Protestbewegung auslöschen. Dem Kirchenbann kam nur beschränkte Wirkung zu, weil die moralische Autorität Roms in ganz Europa auf einem Tiefpunkt angelangt war und die Kurialtheologen sich nicht in der Lage zeigten, in ihrem Kampf gegen Luther den religiösen Anliegen der Reformation gerecht zu werden. Die Reichsacht, die der Kaiser 1521 im Wormser Edikt ausgesprochen hatte, erzielte eine ganz andere Wirkung als erwartet. Anstatt die überkommene Ordnung zu schützen, machte sie Luthers Kirchen- und Reichsreformprogramm erst recht zum nationalen Anliegen und verhinderte gerade das Absinken der Reformation in einen lokalen Theologensumpf, wie es mit so vielen Erneuerungsbewegungen im späten Mittelalter geschehen war.“

 

Nationale Sache

 

Zweig: „Aber in diesen Jahren steht Luther nicht mehr allein. Ohne es zu wünschen, ohne es vielleicht ganz zu begreifen, ist er mit seinen nur geistig gemeinten Forderungen Exponent der vielfältigsten irdischen Interessen geworden, der Rammbock der deutschen nationalen Sache, ein wichtiger Stein im politischen Schachspiel zwischen Papst, Kaiser und den deutschen Fürsten. Ganz fremde und durchaus unevangelische Nutznießer seines Erfolges beginnen um seine Person zu werben, um sie für ihre eigenen Zwecke auszubeuten. Allmählich bildet sich um den einzelnen Mann schon der nucleus einer zukünftigen Partei, eines kommenden religiösen Systems. Aber lange ehe die große Massenarmee des Protestantismus gesammelt ist, hat sich, entsprechend dem Organisationsgenie der Deutschen, schon ein politischer, theologischer, juridischer Generalstab rings um Luther geschart: Melanchthon, Spalatin, Fürsten, Adelsherren und Gelehrte. Neugierig blicken die fremden Gesandten nach Kursachsen hinüber, ob aus diesem harten Mann nicht ein Keil zu schnitzen wäre, den sie in das mächtige Imperium treiben könnten: eine feinmaschige, politische Diplomatie verwebt ihre Fäden mit Luthers rein sittlich gedachten Forderungen.“

 

Deutsches Volk gegen Rom

 

Zweig: „Diese Auffassung, die Wahrheit könne des zeitlichen Vorteils wegen auch nur eine Minute lang verschwiegen werden, muß Luther unverständlich sein. Für ihn, den Bekenner, ist es des Gewissens heiligste Pflicht, daß man jedes Jota und jede Silbe Wahrheit, die Herz und Seele einmal erkannt haben, auch bekennt, sie hinausschreit, gleichgültig, ob Krieg, Tumult und Einsturz des Himmels daraus entstehen. Schweigekunst kann und will Luther nie erlernen. In diesen vier Jahren ist ihm eine neue mächtige Sprache in den Mund gesprungen, unermeßliche Kräfte, die gelagerten Ressentiments eines ganzen Volkes sind ihm in die Hände gefahren; das gesamte deutsche Nationalbewußtsein, begierig, gegen alles Welsche und Kaiserliche revolutionär aufzustehen, der Pfaffenhaß, der Fremdenhaß, die dunkle, soziale, religiöse Glut, die seit den Bundschuhtagen in der Bauernschaft schwelt, all das ist durch den Hammerschlag Luthers gegen die Kirchentüren von Wittenberg aufgeweckt worden; alle Stände, die Fürsten, die Bauern, die Bürger fühlen ihre private und ständische Sache durch das Evangelium geheiligt. Das ganze deutsche Volk, weil es in Luther einen Mann des Muts und der Tat sieht, wirft seine bisher zersplitterte Leidenschaft in ihn hinein. Immer aber, wenn sich das Nationale mit dem Sozialen in der Glut religiöser Ekstase bindet, entstehen jene gewaltigen Erdstöße, die das Weltall erschüttern, und ist, wie im Falle Luthers, nur ein Mann zur Stelle, in dem zahllose einzelne ihren unbewußten Willen verwirklicht meinen, so wachsen diesem Manne magische Kräfte zu. Wem auf den ersten Ruf eine ganze Nation ihre Kraft in die eigene Kraft gießt, der ist leicht versucht, sich als Boten vom Ewigen her zu empfinden, und nach unzähligen Jahren spricht ein Mann in Deutschland wieder die Sprache der Propheten. »Gott hat mir verordnet, daß ich lehre und richte als einer der Apostel und Evangelisten im deutschen Lande.« Von Gott her fühlt der Ekstatiker die Aufgabe sich zugeteilt, die Kirche zu reinigen, das deutsche Volk aus den Händen des »Antichrists«, des Papstes, dieses »vermummten und leibhaftigen Teufels«, zu erlösen, mit dem Wort zu erlösen, und wenn es nicht anders geht, mit Schwert und Feuer und Blut.

In ein solches Ohr, das vom Brausen des Volksjubels und von göttlichem Befehl erfüllt ist, Mahnung und Behutsamkeit zu predigen, muß vergeblich sein. Bald hört Luther kaum mehr hin, was Erasmus schreibt oder denkt, er braucht ihn nicht mehr. Eisern, unbarmherzigen Schrittes geht er seinen historischen Weg.“

 

Worms: Führer Deutschlands

 

Zweig: „Dann kommt die Weltstunde zu Worms. Überfüllt ist die Stadt bis zu den Dächern und Firsten, ein junger Kaiser zieht ein, begleitet von Legaten, Gesandten, Kurfürsten, Sekretären, umringt von den flammenden Farben der Reiter und Landsknechte. Wenige Tage später zieht ein kleiner Mönch denselben Weg, ein einzelner Mann, vom Banne des Papstes getroffen und bloß durch einen Geleitbrief, den er in der Tasche gefaltet trägt, vor dem Ketzerbrand geschützt. Doch abermals brausen und branden die Straßen von Jubel und Begeisterung. Den einen Mann, den Kaiser, haben die deutschen Fürsten, den andern hat das deutsche Volk zum Führer Deutschlands gewählt.“

 

Zwingli: evangelische Einheitsfront verhindert

 

Oberman: „Die Tragik des Abendmahlsstreits liegt auf verschiedenen Ebenen. Die Auseinandersetzung hat im Jahre 1529 eine evangelische Einheitsfront verhindert. Der Schmalkaldische Bund hat nur jenen kleindeutschen Religionsfrieden vorbereiten können, der im Reich - allmählich - ein Zusammenleben der Konfessionen ermöglicht hat, der aber Hunderttausende von Protestanten außerhalb des Reiches schutzlos der Verfolgung ausgeliefert hat.“

Lutheraner und Zwinglianer (und andere Nicht-Katholiken) bringen es also ernsthaft fertig, durch Streitereien um Gottes Bart sich mehr und mehr zu zersplittern.

 

Martin Luther und seine Lehre

 

Luther als solcher

 

Dogmatiker

 

Oberman: „War Luther in Worms 1521 vor dem Kaiser ohne sachliche Widerlegung zum Widerruf nicht bereit gewesen, so lautet es jetzt noch stringenter, ohne die Möglichkeit einer Gegenargumentation: „So lehrt die Schrift ... und deshalb ich. Hier kann ich niemandem weichen“. Er spitzt zu: „Wer anders lehrt, der verneint Christus und den Glauben“. Wer dem Reformator darin also widersteht, der widerspricht ihm in allem. Was für eine ungeheuerliche Kühnheit, daß Luther sich mit solcher Sicherheit anmaßt, über ein Problem abschließend zu urteilen, dessen Lösung griechische Philosophen und scholastische Theologen so viele Jahrhunderte vor ihm - und viele andere nach ihm - vergeblich gesucht haben. Wer hat je die Urspannung zwischen der Allmacht Gottes und dem Freiraum des Menschen überwinden können, ohne noch tiefere Abgründe aufzureißen? Luthers Antwort ist kurz, damit jedoch nicht schon ohne weiteres klar: Das Zeugnis der Heiligen Schrift ist die Legitimation.“

Deschner: „Für Luther war sein „Evangelium“ das „rechte Evangelium“ und alles, was dem entgegenstand, „Ketzerei“. Es widerstrebte einfach seiner Geistesart, Überzeugungen anderer als gleichberechtigt zu achten. Mächtig gefördert wurde diese Haltung durch seinen Glauben an die Wahrheit, an nur eine Wahrheit, eine einzige Wahrheit, die er auch noch, seine feste Überzeugung, als einziger erkannt habe! Und natürlich für „alleinseligmachend“ hielt.“

Zweig: „Ein solcher Gegensatz muß organisch zu Gegnerschaft selbst bei gleichem Kampfziel führen. Am Anfang wollen Luther und Erasmus dasselbe, aber ihr Temperament will es auf so völlig gegensätzliche Art, daß es an ihrem Wesen zum Widerspruch wird. Die Feindseligkeiten gehen von Luther aus. Von allen genialen Menschen, welche die Erde getragen, war Luther vielleicht der fanatischeste, der unbelehrbarste, unfügsamste und unfriedsamste. Er konnte nur Jasager um sich brauchen, um ihrer sich zu bedienen, und Neinsager, um seinen Zorn an ihnen zu entzünden und sie zu zermalmen. Für Erasmus wieder war Nichtfanatismus geradezu Religion geworden, und der harte diktatorische Ton Luthers – gleichgültig, was immer er sagte – schnitt ihm wie ein böses Messer in die Seele. Ihm war dieses Faustaufschlagen und Mit-schäumendem-Munde-Reden, ihm, dem weltbürgerliche Verständigung zwischen geistigen Naturen als höchstes Ziel galt, einfach körperlich unerträglich, und die Selbstsicherheit Luthers (die dieser seine Gottessicherheit nannte) erschien ihm als aufreizende und beinahe blasphemische Überheblichkeit in unserer dem Irrtum und Wahn doch notwendig immer wieder verfallenden Welt.“

 

Kämpfer

 

Zweig: „Der Sieger in diesem Kampf, dies war von vornherein gewiß, mußte Luther sein, nicht bloß weil er der stärkere Genius war, sondern auch der kriegsgewohntere und kriegsfrohere Streiter. Luther war und blieb zeitlebens eine kämpferische Natur, ein geborener Raufbold mit Gott, Mensch und Teufel. Kampf war für ihn nicht nur Lust und Entladungsform seiner Kraft, sondern geradezu Rettung für seine überfüllte Natur. Dreinschlagen, Zanken, Schimpfen, Streiten bedeutete für ihn eine Art Aderlaß, denn erst im Aus-sich-Herausfahren, im Losdreschen spürt und erfüllt er sein ganzes menschliches Maß; mit einer leidenschaftlichen Lust stürzt er sich darum in jede gerechte oder ungerechte Sache hinein. »Fast tödlich durchschauert's mich«, schreibt Bucer, sein Freund, »wenn ich an die Wut denke, die in dem Manne kocht sobald er mit einem Gegner zu schaffen hat.« Denn unleugbar, Luther kämpft wie ein Besessener, wenn er kämpft, und immer nur mit ganzem Leib, mit entzündeter Galle, mit blutunterlaufenen Augen, mit schäumender Lippe; es ist, als ob er mit diesem furor teutonicus gleichsam ein fieberndes Gift aus dem Körper hetzte. Und tatsächlich, immer erst, wenn er so recht blindwütig zugeschlagen und seinen Zorn entladen, wird ihm leicht, »da erfrischt sich mir das ganze Geblüt, das ingenium wird hell und die Anfechtungen weichen«. Auf dem Kampfplatz wird der hochgebildete Doctor theologiae sofort zum Landsknecht: »Wenn ich komm, schlage ich mit Keulen drein«, ein rasender Grobianismus, eine berserkerische Besessenheit erfaßt ihn, er greift rücksichtslos zu jeder Waffe, die ihm zur Hand kommt, zum feinfunkelnden dialektischen Schwert ebenso wie zur Mistgabel voll Schimpf und Dreck; rücksichtslos schaltet er jede Hemmung aus und schreckt auch notfalls vor Unwahrheit und Verleumdung zur Austilgung des Gegners nicht zurück. »Um des Besseren und der Kirche willen muß man auch eine gute, starke Lüge nicht scheuen.« Das Ritterliche ist diesem Bauernkämpfer völlig fremd. Auch gegen den schon besiegten Gegner übt er weder Noblesse noch Mitleid, selbst auf den wehrlos am Boden Liegenden drischt er in blindwütigem Zorn weiter zu. Er jubelt, als Thomas Münzer und Zehntausende Bauern schandbar hingeschlachtet werden, und rühmt sich mit heller Stimme, »daß ihr Blut auf seinem Halse ist«, er frohlockt, daß der »säuische« Zwingli und Karlstadt und alle anderen, die je ihm widerstrebten, elend zugrunde gehen – niemals hat dieser haßgewaltige und heiße Mensch einem Feinde auch nach dem Tode gerechte Nachrede gegönnt. Auf der Kanzel eine hinreißend menschliche Stimme, im Hause ein freundlicher Familienvater, als Künstler und Dichter der Ausdruck höchster Kultur, wird Luther sofort, wenn eine Fehde beginnt, zum Werwolf, der Besessene eines riesenhaften Zorns, den keine Rücksicht und Gerechtigkeit hemmt. Aus diesem wilden Muß seiner Natur sucht er zeitlebens immer wieder diesen Krieg, denn Kampf scheint ihm nicht nur lustvolle Form des Lebens, sondern auch die moralisch richtigste. »Ein Mensch, sonderlich ein Christ, muß ein Kriegsmann sein«, sagt er stolz in den Spiegel blickend, und in einem späten Brief (1541) hebt er dies Bekenntnis bis in die Himmel hinein mit der geheimnisvollen Behauptung »gewiß ist, daß Gott kämpft«.“

 

Weltuntergang

 

Deschner: „Das Täufertum … war häufig mit Endzeiterwartungen verbunden, die übrigens auch Luther durchaus teilte, der zeitweise den Weltuntergang auf das Jahr 1534 ansetzte, dann ihn 1540 ersehnte („komm, lieber jüngster Tag“, schließt er seinerzeit ein Schreiben an die Gattin). Freilich wußte er auch: „Einige Jahre kanns noch dauern“, „fünf oder sechs Jahre“. Doch bis 1548 bestehe die Welt nicht mehr, „denn Ezechiel ist dawider“. Der große Reformator wußte sogar, der Weltuntergang werde um Ostern stattfinden – „morgens in der Frühe, nachdem es eine Stunde oder etwas länger gedonnert haben wird ...““

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/151-weltenende.html

 

Gottesbild

 

Mynarek: „Das Bild, das sich die evangelischen Theologen von Gott machen, kann selbstverständlich nicht unabhängig vom Gottesbild ihres Konfessionsgründers sein. Dieser hat mit seiner Gotteslehre einen umfassenden Rahmen geschaffen, hat der evangelisch-reformatorischen Theologie gewisse Richtungen und Aspekte der Gottesvorstellung vorgegeben. Aus dieser Fundgrube der Lutherschen Ausführungen über Gott schöpfen bis heute die evangelischen Theologen mehr oder minder eifrig, wobei sie von ihnen als negativ empfundene Elemente der Gotteslehre Luthers gern ausblenden, obwohl sie sich der Tatsache bewußt sind, daß sie damit dem ganzen Luther nicht gerecht werden. Aber die Heuchelei der doppelten „Wahrheit“ (eine für die Theologen, die „Experten“; die andere für das Volk, die Laien, die Ungebildeten) dient ja der Festigung der Kirche. Wäre doch der Auszug evangelischer Laien aus ihrer Kirche noch viel massenhafter, wenn sie die ganze Lehre Luthers über Gott kennen würden. Diese Lehre ist nämlich zu einem beträchtlichen Teil schrecklich, grausam, inhuman, irrational und abstoßend; deshalb dürfen nach der Auffassung der überwiegenden Mehrheit der verantwortlichen Kirchenmänner diese negativen Teile des Lutherschen Gottesbildes nicht zur Sprache kommen.

Welcher Theologe könnte es heute aber auch wagen, Texte wie die gleich folgenden vorzulegen, ohne zugleich tiefste Empörung, Protest und Kirchenauszug seitens der Gläubigen in Kauf zu nehmen? Das im höchsten Maß Irrationale, ja Dämonische von Luthers Gottesglauben wird deutlich, wenn Luther einräumt, daß „sich die Natur vor solcher göttlichen Majestät entsetzen muß.“ Denn Gott „ist schrecklicher und greulicher denn der Teufel. Denn er handelt und geht mit uns um mit Gewalt, plagt und martert uns und achtet unser nicht.“ „In der Majestät ist er ein verzehrendes Feuer.“ Wenn ein Mensch „recht an Gott gedenket, so erschrickt ihm das Herz im Leibe und liefe wohl zur Welt aus.“ Gott hat nach Luther eine geradezu sadistische Lust am Schmerzzufügen: „Er schlingt einen hinein und hat eine solche Lust daran, daß er aus seinem Eifer und Zorn dazu getrieben wird, die Bösen zu verzehren. Fängt das einmal an, dann hört er nicht mehr auf.“ „Dann werden wirs lernen, wie Gott ein verzehrend Feuer sei, das da allemache und eifere zu beiden Seiten.“ „Das ist denn das verzehrend fressige Feuer.“ „Und wirst du sündigen, so wird er dich auffressen.“ „Denn Gott ist ein Feuer, das verzehret, frisset und eifert, das ist er bringet euch um wie das Feuer ein Haus verzehrt, zu Asche und Staub macht.“ Wen erinnert das nicht an Goyas Saturn, der seine Kinder frißt?! Das Schreckliche, Wütende in Gott falle den Menschen an, als wäre Gott der Teufel selber. Er, Luther, sei „nicht nur einmal bis auf Todesgefahr davon angefochten worden ... Lehren soll man zwar von Gottes unausforschlichem und unbegreiflichem Willen; aber sich unterstehen, denselben zu begreifen, das ist sehr gefährlich und man bricht sich dabei den Hals.“ Unumwunden erklärt Luther, daß Gott im Grunde „untragbar für die menschliche Natur ist“ (intolerabilis est humanae naturae)."

 

Philosophie / Vernunft

 

Mynarek: „Luther spart in seiner Ketzervernichtungswut fast niemanden aus. Selbst die Philosophie und alle Philosophen aller Zeiten und Zonen bekommen diese Wut zu spüren. Wiederum im Namen des von ihm vereinnahmten Gottes glaubt er, die Philosophie verdammen zu müssen: „Ich wenigstens glaube, Gott diesen Gehorsam zu schulden, gegen die Philosophie wüten ... zu müssen.“ Denn die ganze Philosophie seit Aristoteles sei Menschenwerk, versuche Gott durch eigene denkerische Leistung zu erreichen oder zu begründen, und das sei Hochmut und falsche Selbstsicherheit. Wie der Mensch in seinem totalen Sündersein nichts könne, so könne auch die ebenso wie der ganze Mensch verdorbene (philosophische) Vernunft gar nichts. Hier rächt sich Luthers Verachtung der Philosophie, der reinen Vernunfttätigkeit an ihm selbst. Denn da die Natur des Menschen ihm zufolge total verdorben ist, ist es auch die zu dieser Natur gehörige menschliche Vernunft. Diese kann dann auch keine gerechten Urteile rechtsphilosophischer und moralphilosophischer Art mehr fällen. Damit gibt es dann logisch-konsequenter Weise bei Luther auch keine vernünftige Begründung mehr für das, was seine „Kirche“ oder der Staat als Norm und Gesetz aufstellt. Normen, Gesetze, Anordnungen, Befehle dieser Institutionen können reinste Willkür, purer Despotismus sein. Sie brauchen keine innere Begründung in der Vernunft des Menschen zu haben. So entmündigt Luther den Menschen, indem er sein edelstes Organ, die Vernunft, verketzert und die Philosophie zur „Hure“ herabwürdigt …

Klar, daß Luther dann auch den Humanismus ablehnt und verketzert, denn auch dieser hält ja wie die Philosophie viel von der Vernunft des Menschen. Gegen den großen Humanisten Erasmus von Rotterdam wütet Luther fast ebenso furchtbar wie gegen Thomas Müntzer: „Ebenso wie Erasmus habe ich auch Müntzer getötet; sein Tod liegt auf meinem Hals.“ Merke: Die Reformation Luthers ist „anti-rational“ und „anti-humanistisch“, da sie ja von den Fähigkeiten und der Schöpferkraft des Menschen nichts hält …

Luther entwertet die Vernunft aber nicht nur 'in divinis', in Richtung auf das Göttliche, auf die Erkenntnis der höchsten Seins-, Wert- und Sinnprinzipien. Er vermindert ihren Wert wesentlich sogar auf dem Gebiet, den er ihr selber zugewiesen hat, also im Bereich der irdischen Realitäten. Auch das innerweltliche Erkenntnisvermögen der menschlichen Vernunft sei entstellt und pervertiert, auch bei ihren Urteilen über die irdischen Wirklichkeiten und Angelegenheiten wisse sie im Grunde nicht, „was und worüber sie spreche“ (quid aut de quo loquatur), weil sie in sich befangen, Gefangene ihrer eigenen Weisheit sei, weil sie ein verkehrtes Gottesverhältnis habe, weil sie sich fälschlicherweise als letztgültigen Maßstab aller Dinge auffasse und aufspiele. Somit sei sie letztlich auch nicht legitimiert, oberste weltliche Instanz zu sein. Nicht nur in den das Heil betreffenden Dingen sei die menschliche Vernunft erkenntnisunfähig, auch in den Angelegenheiten und zu erforschenden Tatbeständen dieser Welt sei sie permanent und notwendig Fehlern, Fehlerkenntnissen, Fehlbeurteilungen unterworfen.

Es gibt wohl kaum einen Religions-, Konfessions- oder Sektengründer, der einen wilderen Irrationalismus als Luther lehrte, der die natürliche Vernunft des Menschen derart haßte, reduzierte und entwertete. Bedenkt man, daß diese natürliche Vernunft auch eine notwendige Grundlage und unabdingbare Voraussetzung demokratischer Staaten und Gesellschaften ist, dann sieht man hier wieder die eminente Gefahr, die von Luthers Bild des Menschen und seiner rationalen Erkenntniskräfte ausgeht.“

 

Willensfreiheit

 

„Was wollen wir denn hier sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn er spricht zu Mose: "Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich." So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao: "Ebendarum habe ich dich erweckt, daß ich an dir meine Macht erzeige, auf daß mein Name verkündigt werde in allen Landen." So erbarmt er sich nun, welches er will, und verstockt, welchen er will.

So sagst du zu mir: Was beschuldigt er uns denn? Wer kann seinem Willen widerstehen? Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich also? Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andere zu Unehren? Derhalben, da Gott wollte Zorn erzeigen und kundtun seine Macht, hat er mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammnis; auf daß er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Herrlichkeit, welche er berufen hat, nämlich uns, nicht allein aus den Juden sondern auch aus den Heiden.“   Brief an die Römer  9;14 - 24

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/roemer/9/#1

 

Freier Wille

 

Mynarek: „Luther übt mit seiner fatalen Lehre vom Menschen, von dessen „unfreiem“ Willen und „blinder“ Vernunft, bis zum heutigen Tag einen katastrophalen Einfluß aus. Aber prüfen wir selbst! Lassen wir einige Aussagen von Luther selbst an uns Revue passieren. Nur noch eine Vorbemerkung: Wir haben bereits gesehen, daß die Rechtfertigungslehre das Zentrum und den Wurzelgrund von Luthers Theologie darstellt. Wenn aber Gott den Menschen ganz ohne dessen Zutun rechtfertigt und erlöst, dann ist Gott nicht bloß der All-, sondern auch der Allein-Wirksame, und dann ist auch die menschliche Entscheidungsfähigkeit zum Guten oder zum Bösen, also die menschliche Willensfreiheit, gar nicht vorhanden oder reine Illusion. Sie ist jedenfalls zu nichts nutze. In der Tat ist das die Ansicht Luthers, allen enorm eifrigen und mühsamen Beschönigungs- und Abschwächungsversuchen seiner modernen Verteidiger zum Trotz.

Mit Vehemenz hat Luther stets die Überzeugung vertreten, daß der freie Wille nach Adams Fall bloß „ein leerer Name“ sei und nur sündigen könne, sofern er „das seine“ tue. Der sog. freie Wille tauge zu nichts als zum Bösen, weil er unter der Gefangenschaft des Teufels und seines Willens stehe; er sei total und restlos pervertiert, völlig „ohne Nutzen“. Lieber wäre es ihm, Luther, gewesen, man hätte das Wort „freier Wille“ niemals erfunden. Die (Rechtfertigungs-)Gnade Gottes sei alles, der menschliche Wille rein gar nichts bzw. nur böse …

Tatsächlich geschieht in Luthers Willenslehre Ungeheuerliches. Der gesamten human-ethischen Tradition der Menschheit versetzt der Reformator einen gewaltigen Schlag; hier ist das Wort „Amputation“ dem Tatbestand angemessener als „Reformation“. Diese Tradition ging und geht bis heute davon aus, daß die natürliche Vernunft des Menschen Wahrheit prinzipiell erkennen, sein Wille ethische Werte prinzipiell verwirklichen kann. Auf diese Basis stützen sich alle Demokratien, stützt sich das Gerichtswesen moderner Staaten.“

 

Prädestination

 

Zweig: „Das Problem, das Erasmus zum Zentrum der Auseinandersetzung macht, ist ein ewiges jedweder Theologie: die Frage nach der Freiheit oder Unfreiheit des menschlichen Willens. Für Luthers augustinisch strenge Prädestinationslehre bleibt der Mensch ewig der Gefangene Gottes. Kein Jota freien Willens ist ihm zuteil, jede Tat, die er tut, ist Gott längst vorbewußt und von ihm vorgezeichnet; durch keine guten Werke, durch keine bona opera, durch keine Reue kann also sein Wille sich erheben und befreien aus dieser Verstrickung vorgelebter Schuld, einzig der Gnade Gottes ist es anheimgestellt, einen Menschen auf den rechten Weg zu führen. Eine moderne Auffassung würde übersetzen: wir seien in unserem Schicksal gänzlich von der Erbmasse, von der Konstellation beherrscht, nichts also vermöge der eigene Wille, sofern Gott nicht in uns will – auf goethisch gesagt:

»aller Wille Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten, Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille ...»

Einer solchen Anschauung Luthers kann Erasmus, der Humanist, der in der irdischen Vernunft eine heilige und von Gott gegebene Macht erblickt, nicht beipflichten. Er, der unerschütterlich glaubt, daß nicht nur der einzelne Mensch, sondern die ganze Menschheit durch einen redlichen und geschulten Willen sich zu immer höherer Sittlichkeit zu entfalten vermöge, muß einem solchen starren und fast mohammedanischen Fatalismus im tiefsten widerstreben. Aber Erasmus wäre nicht Erasmus, sagte er zu irgendeiner gegnerischen Meinung ein schroffes und grobes Nein; hier wie überall lehnt er nur den Extremismus ab, das Schroffe und Unbedingte an Luthers deterministischer Auffassung. Er selbst habe, sagte er in seiner vorsichtig pendelnden Art, »keine Freude an festen Behauptungen«, er neige persönlich immer zum Zweifel, aber gern unterwerfe er sich in solchen Fällen den Worten der Schrift und der Kirche. In der Heiligen Schrift wiederum seien diese Auffassungen geheimnisvoll und nicht ganz ergründlich ausgedrückt, darum finde er es auch gefährlich, so resolut wie Luther die Freiheit des menschlichen Willens vollkommen zu leugnen. Er nenne keineswegs Luthers Auffassung völlig falsch, aber er wehre sich gegen das »non nihil«, gegen die Behauptung, daß alle guten Werke, die ein Mensch tue, vor Gott gar keine Wirkung hätten und deshalb völlig überflüssig seien. Wenn man, wie Luther, alles einzig der Gnade Gottes anheimstelle, was hätte es dann für die Menschen überhaupt noch für einen Sinn, Gutes zu tun? Man solle also, schlägt er als ewiger Vermittler vor, dem Menschen wenigstens die Illusion des freien Willens lassen, damit er nicht verzweifle und ihm Gott nicht als grausam und ungerecht erscheine. »Ich schließe mich der Meinung derer an, die einiges dem freien Willen anheimstellen, aber einen großen Teil der Gnade, denn wir sollen der Scylla des Stolzes nicht auszuweichen suchen, um in die Charybdis des Fatalismus gerissen zu werden.«

Man sieht, selbst im Streit kommt Erasmus, der Friedfertige, seinen Gegnern auf das äußerste entgegen. Er mahnt auch bei diesem Anlaß, man möge nicht die Wichtigkeit solcher Diskussionen überschätzen und sich selber fragen, »ob es richtig sei, um einiger paradoxer Behauptungen willen den ganzen Erdkreis in Aufruhr zu setzen«. Und wirklich, würde Luther ihm nur ein Quentchen nachgeben, nur um einen Schritt ihm entgegenkommen, so hätte auch dieser geistige Zwist in Frieden und Eintracht geendet. Aber Erasmus erhofft nachgiebiges Verständnis von der eisernsten Stirn des Jahrhunderts, von einem Mann, der in Dingen des Glaubens und der Überzeugung auch auf dem Scheiterhaufen noch keinen Buchstaben und kein Jota preisgeben würde, der als geborener und geschworener Fanatiker lieber zugrunde ginge oder die Welt zugrunde gehen ließe, als von dem winzigsten und gleichgültigsten Paragraphen seiner Lehre nur einen Zoll breit zu lassen …

Luther antwortet Erasmus nicht sofort, obwohl den Zornmütigen der Angriff auf das erbittertste reizt: »Während ich mir mit den andern Büchern, um mit Züchten zu reden, den H... ausgewischt habe, habe ich diese Schrift des Erasmus ausgelesen, doch so, daß ich gedachte, sie hinter die Bank zu werfen«, sagt er in seiner hanebüchenen Weise …“

Mynarek: „Mit dem Hervorgehen der Dinge in der Welt aus absoluter Notwendigkeit ist also schon ein weiterer fataler Grundpfeiler von Luthers Lehre angesprochen: seine Prädestinationsthese, die Behauptung, daß Gott völlig eigenmächtig, ohne jegliche Rücksichten (auf Verdienste, gute Taten, gute Gesinnungen der Menschen) einen Teil der Menschheit zum Himmel, den anderen zur Hölle seit Ewigkeiten vorherbestimmt (= prädestiniert) hat. Diese Prädestinationslehre ist das Inhumanste, das man sich überhaupt vorstellen kann, ist eine Art Faschismus, praktiziert an der göttlichen Selektionsrampe. Aber gerade in seiner fundamentalen Auseinandersetzung mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam und überhaupt dem humanistischen Gedankengut der Menschheit betont Luther, daß die Prädestination, wie er sie sieht, als eine über allen Zweifel erhabene Glaubenswahrheit, an der auf keinen Fall gerüttelt werden dürfe, zu akzeptieren sei. An der Alleinwirksamkeit und Prädestination Gottes und damit an der absoluten Notwendigkeit, der menschliches Wollen und Wirken unterliegen, müsse gegenüber allen Abschwächungsversuchen unbedingt festgehalten werden. Während also Erasmus sein Werk mit der Überschrift ‚De libero arbitrio‘ (Vom freien Willen) versieht, gibt Luther seiner antihumanen Gegenschrift konsequent den Titel: ‚De servo arbitrio‘ (Vom knechtischen Willen). Im Dezember 1525 gibt Luther seine Schrift heraus, von der der schon zitierte Pfarrer Behnk in seiner Dissertation sagt, daß sie „weitaus mehr als nur eine separate Auseinandersetzung mit dem Humanismus bedeutet“. Sie müsse „darüber hinaus als eine ‚prinzipielle Antwort‘ an die traditionelle Willens- und Rechtfertigungsauffassung überhaupt verstanden werden, als eine Art Generalabrechnung mit ihr.“ Justus Jonas, der schon im Januar 1526 die deutsche Übersetzung von Luthers Schrift ‚De servo arbitrio‘ unter dem Titel ‚Das der freie Wille nichts sey‘ herausbringt, trifft mit diesem Titel genau die Intention des Reformators! …

Hier tritt uns wieder der pure, maßlose, gesetzlose Dynamismus und Voluntarismus Gottes in der Auffassung Luthers entgegen. Der Wille Gottes kann nach Luther im Prinzip noch so maßlos, gesetzlos, unlogisch, unvernünftig und sinnlos sein: wenn er etwas will, ist es gut, ist es Gesetz, Norm, Maßstab und Pflicht für alle Geschöpfe.

Da alle Tätigkeiten der Menschen bloße Auswirkungen der Allmacht Gottes sind, sind sie im Endeffekt den menschlichen Individuen gar nicht zurechenbar. Böses und Schuld in diesen Tätigkeiten gehen im Grunde auf das Konto Gottes selbst. Aber der steht Luther zufolge jenseits von Gut und Böse oder über diesen, weil sein inhalts- und gesetzloser Wille das höchste ist und Gut und Böse erst dadurch zu dem werden, was sie sind, weil Gottes Wille das willkürlich so bestimmt. Kein Wunder, sondern logisch-konsequent im Rahmen eines verrückten theologischen Systems ist es also, wenn Gott ganz aus seiner Willkür und Laune heraus die einen zu Guten (in seinen Augen), die anderen zu Bösen macht. Luther exemplifiziert das in aller Deutlichkeit am Pharao, an Judas und am Bild des Reittieres.

Laut dem alttestamentlichen Bericht im Buch Exodus 9 wollte der Pharao dem Volk der Israeliten nicht die Freiheit des Auszugs aus Ägypten geben. Luther beruft sich nun auf Ex. 9,12: „Aber der Herr verhärtete das Herz des Pharao, so daß er nicht auf sie hörte“. Er beruft sich auch auf den Römerbrief des hl. Paulus: „Er (Gott) erbarmt sich also, wessen er will, und macht verstockt, wen er will“ (Röm. 9,18). Für Luther beweisen diese Texte eindeutig, daß es der freie, uneingeschränkte Wille Gottes selbst ist, von dem die Verhärtung des Pharaos vollursächlich ausgeht, Gott ganz allein übe hier seine ‚indurandi potentia‘, seine „Macht der Verhärtung“ aus, alle geschöpflichen Ursachen (Moses, das Volk, die Berater Pharaos, die Katastrophen, die über Ägypten kamen usw.) seien bei diesem Tun Gottes total ausgeschaltet …

Der Irrationalismus Luthers ist hier gar nicht mehr zu überbieten. Denn ausgerechnet in der wichtigsten Angelegenheit, der unseres Heils, unserer Erwählung für den Himmel oder unserer Verwerfung in die Ewigkeit der Höllenstrafen, sollen wir uns mit dem Hinweis auf Gottes Geheimnisse, die unser Auffassungsvermögen angeblich übersteigen, zufrieden geben …

Luther selbst aber ist da wesentlich konsequenter und ehrlicher, wenn auch negativer. Er kennt bei seinem Necessitarismus, der Lehre von der aus dem Willen Gottes resultierenden absoluten Notwendigkeit, ‚necessitas absoluta‘, überhaupt kein Halten mehr. Gegen den Humanisten Erasmus, der hier wirklich den Anwalt aller Menschen repräsentiert, indem er die Willensverfügungen Gottes als Folge von dessen Vorherwissen menschlichen Wollens und Wirkens hinstellt (also das göttliche Vorherwissen, die praescientia, zuerst, danach erst und auf dieser Grundlage der über Heil oder Unheil des Menschen entscheidende Willensbeschluß Gottes!), setzt Luther leidenschaftlich und heftig das genaue Gegenteil: Gott weiß, weil er will! Zuerst sei die »incommutabilis et aeterrta infallibilisque voluntas« (der unveränderbare, ewige und unfehlbare Wille Gottes), dann und nur auf dieser Grundlage des allein vom Willen diktierten freien göttlichen Ratschlusses über Errettung oder Verwerfung eines Menschen komme das Vorherwissen Gottes zustande. Das Vorherwissen Gottes über die Taten der Menschen sei eine Funktion und Ableitung aus dem Willen Gottes. Die Präscienz, das Vorherwissen Gottes ist Folge (nicht Ursache oder Quelle!) seiner voluntas efficax (des wirkmächtigen Willens), seiner ‚naturalis ipsa potentia Dei' (der natürlichen Macht Gottes, was man auch so verstehen kann, daß Macht das Eigentliche und Wesentliche, in diesem Sinne Natürliche im Gott Luthers ist). Sagt Erasmus: ‚Vult enim Deus eadem, quae praescit‘ (Gott will nämlich das, was er vorausweiß), so betont Luther sinngemäß genau das Gegenteil: ‚Praescit enim Deus eadem, quae vult‘ (Gott weiß nur das im voraus, was er will, was er vorher schon gewollt hat) …

Da kann man nur sagen: „Armer Pharao, du hattest von vornherein, von Ewigkeit her nie eine Chance!“ … Die Frage drängt sich wieder auf, warum Gott so hinterhältig mit dem Pharao verfährt. Die Antwort Luthers ist typisch für diesen und grausam zugleich. Für Luther ist Gottes Wille, ist Gottes Allmacht (omnipotentia Dei) das unbedingt Höchste. Daher käme es einem Verzicht auf seine Allmacht gleich, wenn Gott nicht aus seinem alles beherrschenden Willen heraus souverän und ohne jegliche Rücksichtnahme einen Teil der Menschheit zum Heil, einen anderen zum Unheil von Ewigkeit her bestimmen würde, also lange bevor diese Menschen überhaupt gelebt haben. Nur weil es Verdammte gibt - so Luthers Gedankengang -, die Gott selbst dazu gemacht hat, kann doch dieser nicht aufhören, allmächtig und durch nichts beeinflußbar zu sein (nicht einmal durch die guten Taten von Menschen). Der Wunsch, Gott möge barmherziger verfahren, wäre das unmögliche Begehren, ‚ut Deus propter impios desinat esse Deus‘ (daß Gott wegen der Bösen aufhörte, Gott zu sein). Ergänzend verweist Luther hier noch auf die unser Fassungsvermögen übersteigenden „secreta maiestatis“, Majestätsgeheimnisse, womit wir wieder bei dem bereits behandelten Irrationalismus Luthers wären …

Auch Judas, der Jünger Jesu, mußte ähnlich wie der Pharao so handeln, wie er handelte, d.h. er mußte Luther zufolge Jesus verraten, weil Gott das so wollte. Judas wollte und tat unfreiwillig, aber willig, so formuliert Luther spitzfindig-dialektisch, das Böse aufgrund einer ‚necessitas infallibilis ad tempus‘ (einer unfehlbaren Notwendigkeit, d.h. eines unausweichlichen, ihn zu diesem Zeitpunkt determinierenden inneren Zwanges).

Das schlimmste, für ihn selbst jedoch evidenteste Exempel, das Luther als Beweis der völligen Unfreiheit des Menschen in Sachen seines eigenen Heils anführt, aber ist das Reittier-Bild. Der menschliche Wille sei genau in der Mitte (in medio posita) zwischen Gott und dem Satan. Er sei wie ein Reittier (ceu iumentum). „Wenn Gott draufsitzt, will und geht er, wohin Gott will“ (si insederit Deus, vult et vadit, quo vult Deus). Wenn Satan drauf sitzt, will und geht er, wohin der Satan will (Si insederit Satan, vult et vadit, quo vult Satan). Und es steht nicht in der Fähigkeit des menschlichen Willens, zu einem der beiden Reiter zu laufen oder ihn zu suchen, sondern die (beiden) Reiter selbst streiten darum, wer sich in bezug auf ihn durchsetzt und ihn in Besitz nimmt …

Das also ist das Menschenbild Luthers: Der Mensch ist gar nichts, ist eine Marionette an der Schnur Gottes oder Satans, ist ein Reittier, total abhängig von dem Willen seines Reiters. Eine Entscheidungsfähigkeit darüber, ob er von Gott oder von Satan geritten werden möchte, kommt dem Menschen nicht zu. Dem Bösen wie aber auch dem Guten gegenüber ist der Mensch völlig entscheidungsunfähig. Der Mensch ist hier lediglich der Ort, das Schlachtfeld genauer gesagt, auf dem überirdische bzw. okkulte Mächte um ihn ringen, sich seiner zu bemächtigen versuchen. Er hat seine Rolle als Person, als Subjekt seiner eigenen Akte verloren, ist nur noch Objekt metaphysischer bzw. finsterer, eben okkulter Gewalten. Im Grunde ist er nicht nur geritten, sondern besessen von Gott oder dem Teufel.“

 

Teufel und Hexen

 

Deschner: „Noch mehr als mit andren Anschauungen steckt der Reformator mit seinem Glauben an die Existenz von Zauberern und Hexen tief im Mittelalter, ja noch in früh- und vorchristlicher Zeit. Und dieser krude magische Komplex hängt natürlich unverkennbar und untrennbar mit einem irren Teufelswahn zusammen, einer primitiven Idée fixe, die an der Schwelle der Neuzeit kaum einer mehr gefördert hat als Martin Luther.

Wie der spätmittelalterliche Mensch im allgemeinen wächst auch er in einer Welt auf, die vom Glauben an Gott und Teufel erfüllt war, zumindest haben wir keinen anderweitigen Hinweis. Die Eltern sind fromm, doch nicht besonders kirchlich „und teilen allen Aberglauben der Zeit, vor allem einen auch bei Luther stark ausgeprägten Teufelsglauben“ (A. van Dülmen). Er hatte, schreibt Jean Delumeau, „immer eine außerordentliche Angst vor dem Teufel“, war er doch „in der Angst vor Teufeln und Hexen erzogen worden“. Wie er denn dann - was für ein verräterischer christlicher Zungenschlag - dringend selbst empfiehlt: „Die Kinder soll man die Teufelsgefahren in frühem Alter fürchten lehren“ …

Nun ist Luther bald gelehrt und aufgeklärt und glaubt nicht mehr an jeden Spuk. Früher, meint er, habe man die Welt voller Rumpel- und Poltergeister gewähnt, die man für die Seelen Verstorbener hielt; heute, schreibt er 1525, wisse man durch das Evangelium, „daß es nicht Menschenseelen, sondern eitel böse Teufel sind“.

Der Teufel, lehrt er 1529, bewohne die Wälder, die Büsche, Gewässer „und schleicht sich überall an uns heran, um uns zu verderben“. Luther warnt besonders vor dem „Baden im kalten Wasser“. Und im Wasser treiben nicht nur die männlichen Teufel ihr Unwesen, sondern auch die Nixen, „die die Kinder am Rande des Wassers ins Wasser reizen und ersäufen; das sind alles Teufel“. Und natürlich huren sie da auf Teufelkommraus oder -kommrein. Denn „etliche Mägde reißet der Teufel oftmals ins Wasser, schwängert sie und behält sie bei ihm, bis sie des Kindes genesen“. Danach vertauscht er die Kinder in den Wiegen mit den Teufelskindern.

Teufel stecken auch „in den schwarzen dichten Wolken, die machen Wetter, Hagel, Blitz und Donner und vergiften die Luft, Weide etc.“, also solle man das nicht aus natürlichen Ursachen erklären. Teufel ferner in den Affen, Meerkatzen, Papageien, weshalb sie die Menschen so gut nachahmen können. Teufel natürlich auch unter der Erde. Und Teufel nicht zuletzt in den feuchten, schlammigen Gegenden Sachsens. Ja, hier glaubt der Reformator alle Teufel versammelt, „die Christus zu Jerusalem und Juda in die Schweine ausgetrieben hat“ und vermutet gar, daß just dieser vielen Teufel wegen gerade in Sachsen auch „das Evangelium gepredigt werden mußte“!

Die ganze Erde ist ein „Teufelsreich“. Der Teufel „regiert und herrscht in aller Welt“, er „masset sich gottlicher maiestat an“, ist „ein Fürst und Gott“ hienieden und hält alles in der Hand „wovon wir leben: Essen, Trinken, Kleider, Luft etc.“

Luther hat „erfahren, daß Geister umbhergehen“, „ich habe Geister gesehen!“ Der Teufel erscheint in verschiedenen Verwandlungen, als Bock beispielsweise, häufiger als Hund, als Katze, Fuchs u. a. In Gestalt eines Kalbes vertreibt ihn Luther selbst von einer Kranken, wenn auch nur für eine Nacht. Und bei einer kranken Jungfrau zu Wittenberg sieht er ihn wieder mit eigenen Augen, diesmal gar in Gestalt Christi, worauf er sich allerdings in eine Schlange verwandelt, „die der Jungfrau bis aufs Blut ins Ohr biß“.

Wir verweilen noch etwas bei dieser Materie, kann es doch nicht schaden zu wissen, von wem sich die Welt belehren, führen läßt, wem sie glaubt! Und wer solchen Teufelsstuß vertritt, sollte dessen Gottesglauben imponieren können?!

Vom Teufel kommt nach Luther alles irdische Unglück: Hagel und Ungewitter, Krieg, Feuer, Pest, Wahnsinn. Selbstmord, Französische Krankheit, überhaupt Krankheit (aber jüdischen Ärzten hilft er gern, besonders „bei Vornehmen und Großen“). Der Teufel verdirbt das Vieh im Stall, macht den Käse schlecht und die Milch. „Ein Christ soll das wissen, daß er mitten unter den Teufeln sitze, und daß ihm der Teufel näher sey, denn sein Rock und Hemde, ja näher denn seine eigene Haut, daß er rings um uns her sey …“

Schon als junger Mönch vernimmt Luther das nächtliche Rumoren des Teufels, und auf der Wartburg poltert dieser nicht nur „viel Nachts“, sondern versucht auch zweimal, „in Gestalt eines großen Hundes“, Luther umzubringen. Zu Coburg erblickt er ihn dann „inn meinem Garten als eine wilde schwartze Saw“, und ein andresmal auf der Veste als feuerige Schlange. Doch er sieht ihn nicht nur: „Der Teufel hat mich wohl oftmals schon bei dem Kopf gehabt.“

Ja, Satan setzt ihm derart zu, daß er nicht mehr weiß, „ob ich todt oder lebendig sey“. Er streitet, er rauft Tag für Tag mit ihm, „teglich muß ich ihm tzu Hare ligen“, er steckt mit ihm sogar im Bett, ja, „er schläfet viel mehr bei mir als meine Käthe“. Manchmal freilich wehrt er ihn auch leichter ab, sagt einfach „Leck mich im Arß“ oder kann ihn schon „mit einem Fortz verjagen“.

Überall ist der Leibhaftige hinter ihm her, auch durch seine Büttel. So hält auf dem Reichstag zu Augsburg jeder Bischof so viele Teufel gegen ihn parat, „so viel ein Hund Flöhe hat um St. Johannistag“. Und als er in seinem Todesjahr 1546 nach Eisleben reist, findet er dort seinetwegen wieder solch große Scharen schikanöser Höllengeister vor, „daß die Helle und die ganze Welt ledig seyn muß von allen Teufeln“, ja er glaubt auch da den Fürsten der Finsternis selbst gesehen zu haben.

Wir erfahren von Luther die sonderbarsten Teufelsberichte; zum Beispiel, daß man in Thüringen acht Hasen gefangen habe, aus denen über Nacht „eitel Pferdeköpfe wurden, so sonst auf Schindleichen liegen“. Viele Geschichten hört er von anderen, selbstredend von glaubwürdigen Personen, nicht wenige satanische Vorkommnisse erlebt er selber. Natürlich blieb ihm nicht unbekannt, daß der Teufel Verträge mit Menschen macht. Einen solchen Teufelspakt, weiß er, hat sein Gegner Doktor Eck geschlossen, ebenso der ihn von Anfang an befeindende Kurfürst Joachim I. von Brandenburg.

Besonders gefährliche Hilfskräfte Luzifers aber sind die Magier, die Hexen.

Luther benutzt sehr viele deutsche und lateinische Namen für das Wort Hexe (das als solches in seinem Schrifttum, den mehr als hundert Bänden der „Weimarana“, nur neunmal vorkommt). Männer nennt er häufig „Zauberer“, die weibliche Hexe oft „Wettermacher“, „Wettermacherin“ und - dies anscheinend seine eigene Wortschöpfung: „Teufelshure“.

Bekanntlich hat der Reformator von der Frau - nach immerhin eineinhalb Jahrtausenden Christentum - keine sehr hohe Meinung. Schon Evas Sündenfall legt er zum Vorteil des Mannes aus, dem das „Regiment“ gehöre, der „höher und besser“ sei, dem auch die „Schrift“ „mehrere Weiber“ heimzuführen gestatte - einem Fürsten erlaubt der Fürstendiener ja auch generös eine Doppelehe! - wohingegen die Frau, „ein halbes Kind“, „ein Toll Thier“, sich „bücken“ müsse und verprügelt werden dürfe, tauge sie doch, den Hausputz mal beiseite, „zu nichts“.

So sind es für Luther, wie schon für die Welt vor ihm, und nicht nur für die katholische, vor allem Frauen, die Zauberei und Hexerei üben. Zumal den Schadenszauber schrieb er „eindeutig den Frauen zu“ (B. Frank). „Gemeynlich ist das der Weyber natur, das sie ... zewberey und aberglaubens treyben.“ Und daß Frauen minderwertig sind, stand für den größten aller Reformatoren so fest wie für die größten Kirchenlehrer der Catholica. Ja, er übertrifft diese noch an Diffamierungsvermögen, er wird so niederträchtig, daß man meinen könnte, er sei beim „Hexenhammer“ in die Schule gegangen, den er aber nie erwähnt, vielleicht nicht einmal gekannt hat. Wie auch immer, allen Ernstes behauptet er, die Frauen, „daz wybisch geschlecht“, haben ein ähnliches Verhältnis zum Teufel wie die Männer, die Priester, zu Gott – „kurtz alles das gott befohlen hat den mennern (als die heilige ding / die priesterschafft vnd gottes wort) daz befilcht der böß find den wybern / die sind syn priester / lert sy mangerley aberglauben / segen vnn ander schentliche ding“, wodurch auch Luther in bester katholischer Tradition die Frauen zu den eigentlichen Brandopfern der Hexenpogrome macht.

Schon in den 1516 und 1517 in der Wittenberger Stadtkirche gehaltenen Dekalogpredigten, „Decem: praecepta“, den Predigten über die Zehn Gebote, attackiert Luther die Zauberinnen und Hexen, besonders die „alten Weiber“, auch „vetulae“, „alter Balck“ u.a. genannt, Synonyma für Hexen.

Diese Frauen schänden zu Ehren Satans die Sakramente, fabrizieren Zaubertränke und können Menschen töten. Bei etlichen Hexen erscheint der Teufel mehrmals am Tag. Es gibt Incubi und Succubi, die mit den Teufelsbuhlen, doch auch mit anderen Personen huren. Und was der Teufel selbst nicht tun kann, „tut er durch alte Weiber“ – „der Teufel ist sehr gewaltig in den Zäuberinnen“.

Bezweifler der Dämonenkünste beredet Luther, „das die bösen geist wol solchs vermögen“, wenn auch nur mit Gottes Hilfe; „so es inen got nachlaßt“, womit Gott der eigentliche Übeltäter wäre.

Macht Luther doch sogar deutlich, daß Gott das Teufels- und Hexenwerk nicht nur zuläßt, sondern anordnet! Und da Luther im Alter das „Übel der Zauberei wieder überhand zu nehmen“ schien, fand er es „notwendig“, die 1518 gedruckten Dekalogpredigten nochmals herauszugeben.

Der Reformator kennt eine Menge Hexenschäden, vom Wettermachen über Milch-, Eier-, Butterdiebstähle, über „der kuhe jns ohr blasen und sprechen auch Gottes und der heiligen namen dazu“, bis hin zum körperlichen Ruin, - „die leutt schiessen, lemen und vordurren, die kind ynn der wigen marttern, die ehlich glidmaß betzaubern unnd desgleychen“.

Nach Luther können Hexen nicht nur geistig verblenden, sie können auch erblinden lassen, können durch Fernzauber wirken, etwa durch eine Puppenanfertigung, können schnell oder mittels langer Krankheit umbringen, Vorkommnisse, die ihm selbst bekannt geworden, „wie ich viel gesehen hab mit solchen schäden beladen“. Und natürlich weiß er auch, daß Hexen die Heiligtümer der Christen mißbrauchen, daß sie die Feldfrucht verderben, das Vieh töten können; er kennt den Milchzauber, das Melken aus einer Axt, einem Handtuch am Türpfosten, einem Tisch, einem Griff und derlei mehr.

Schon Wiegenkindern kann der Teufel schaden. Er kann Kinderunterschiebungen arrangieren, ja, sich an ihrer Stelle „in die Wiege legen, wie ich denn selbst gehört habe, daß ein solches Kind in Sachsen gewesen sein soll, dem fünf Weiber nicht genug Milch haben geben können, um es zu stillen; und es sind solcher Beispiele mehr vorhanden“. Nicht genug. „Müglich ists wol, wie man sagt, das der böse geist sich zu den zewberin thun kan und sie auch schwengern und alles unglück anrichten.“ Luther spricht dann von „Wechselbälgen“ und „Kielkröpfen“ und empfiehlt, solche Kinder zu ersäufen; in Dessau riet er auch, ein solches Kind von zwölf Jahren zu ersticken.

Luthers Haltung zum Hexenflug ist umstritten und das Ergebnis seiner eigenen Widersprüchlichkeit.

An der Existenz von „Teufelshuren, die sich dem Satan ergeben, und denen er fleischlich beiwohnt“, hat Luther keinen Zweifel und polemisiert gegen die Juristen, die „zu viel Zeugnisse und Beweisungen haben“ wollen und die offenbaren Tatsachen gering schätzen. „Solche Thaten aber geben Zeugniß genug, daß man sie billig sollte hart strafen.“

Von der Teufelsbuhlschaft ist er durch „trefflich lerer“ unterrichtet und weiß daher, daß die Teufel „sich den menschen mögen vnder oder ob legen in vnküschen wercken. Also in gestalt einer frowen mag er empfahen eins mans samen / vnd darnach sich verendern in eins mans gestalt vnd mit einer frowen ein kind machen wiewol er deß selbigen kinds vatter nit ist, sonder der von dem er den samen empfangen hat.“

Bei seiner Incubusvorstellung fußt der Wittenberger auf der entsprechenden scholastischen Lehre und auf Augustinus. Bereits um 1509 notiert er an den Rand seiner De-Civitate-Dei-Ausgabe: „incubi“. Die Sache hat ihn also früh beschäftigt und ließ keinen Zweifel zu. Für ihn stand fest, daß ein Dämon Incubus oder Succubus sein könne – „ich habe nämlich viele ihre eigenen Beispiele erzählen hören. Und Augustinus sagt auch, daß er dasselbe gehört habe von glaubwürdigen Menschen ...“ Luther bestreitet nur, „daß aus dem Teufel und einem Menschen etwas gezeugt werden kann“ - behauptet aber gelegentlich das Gegenteil.

Zu den Malefizien rechnet Luther natürlich auch vieles im Katholizismus Übliche wie Würzweihen, Weihwasser, Blasiuslichter, Amulette mit Bibelzitaten, mit Heiligennamen „... et omnes zeuberey“, weil Hilfe für den Teufel, Werk des Teufels, Verstoß gegen die „Schöpfungsordnung“. Mitunter werden von ihm sogar Mönche, Papisten, der Papst selbst dem Bereich der Magie adjungiert, mit den Zauberern gleichgesetzt, ebenso „Ketzer“, Türken, Juden.

Zaubern und Gaukeln sind „teuffels gescheffte“, sind nach Luther Vergehen „fürnemlich an der göttlichen Majestät“, folglich ist Zauberei „ein Majestätsverbrechen ... So wird sie billig an Leib und Leben gestraft“. Der Reformator stellt sie in eine Reihe mit Mord und Diebstahl, mit Pest und Krieg und Abgötterei. Wer zaubert, sollte exkommuniziert oder getötet werden.

Luther verlangt zum erstenmal die Tötung von Hexen (occidantur) anno Domini 1516, und er verlangt sie bis an sein Lebensende.

Im Frühjahr 1526 fordert der Prediger über das alttestamentliche Gebot „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“ fünfmal für sie die Todesstrafe. Das hört sich so an: „Der Volksmund nennt sie die Weisen Frauen. Sie sollen getötet werden (Occidantur) ... Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, daß die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an ... Wenn du solche Frauen siehst, sie haben teuflische Gestalten, ich habe einige gesehen. Deswegen sind sie zu töten ... Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder ... Also ist gegen sie nicht mit Verachtung, sondern mit dem Schwert oder festem Glauben vorzugehen. Sie schaden mannigfaltig, also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.“

Wegen satanischen Umgangs sind schon Milchdiebinnen für Luther des Todes würdig. „Kein Erbarmen mit ihnen!“ ruft er im August 1538: „Ich wollte sie selber verprennen, nach Weise des (mosaischen) Gesetzes, wo die Priester mit der Steinigung der Schuldigen den Anfang machten.“ Vielleicht ist es auch nicht unbezeichnend, daß bereits Luthers erste Exkommunikation am 22. August 1529 einige Hexen trifft; und daß seine Heimat Kursachsen zuerst die gemeinrechtlichen Strafgesetze gegen Hexen und Zauberer 1572 verschärft.

Ob nun aber Luthers Stellung zum Zauberei- und Hexenwesen mehr ein psychologisch-biographisches oder ein theologisches Problem war, ob er dabei mehr durch sein Elternhaus oder die spätere eigene Befassung oder - doch am wahrscheinlichsten - durch beides bestimmt worden ist, entscheidend bleibt sein enormer Einfluß damit auf die Reformation, ja sogar darüber hinaus.

Luther hat immer wieder gegen Zauberer und Hexen gesprochen und geschrieben, in den nicht unbeträchtlich verbreiteten Dekalogspredigten, dem Betbüchlein, in der Kirchenpostille, dem Galater-, dem Genesiskommentar, vor allem auch in seinen sehr populären Tischreden. Und diese beinah lebenslange Agitation nahm in seiner späteren Zeit an Umfang und Härte noch zu. Das aber mußte bei der ungeheueren Verbreitung seiner Schriften wie seiner Autorität um so mehr Wirkung haben, als ungezählte lutherische Prediger, religiöse Autoren, Schriftsteller, gelegentlich sogar katholische Kleriker daran anknüpften. Ebenso Juristen wie der Frankfurter Johann Fischart, der zwar den „Hexenhammer“ sowie andere katholische Traktate dieser Tendenz bekämpft, doch unter Berufung auf Luther die Hexenverbrennung fordert. Und zumindest indirekt gehört hierher auch der in Wittenberg geborene Benedict Carpzov, Professor der Rechtswissenschaft, der maßgeblich an der Entwicklung eines sächsisch-deutschen Strafrechts beteiligt war, als Vater des deutschen Kriminalrechts und -prozesses gilt und an 20.000 Todesurteile unterschrieben haben soll.

So vieles in der Haltung Luthers zum Zauber- und Hexenwesen aber schwankend, widersprüchlich ist, einen Aspekt desselben, betont Jörg Haustein, behandle Luther „an jeder Stelle mit erschreckender Eindeutigkeit ...: Zauberei gehört mit dem Tode bestraft!““

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/245-hoelle-tod-und-teufel.html

 

Sexualität

 

Natürliche Begierde

 

Mynarek: „Luther setzt auch expressis verbis den Beischlaf auf die gleiche Stufe des rein körperlichen Bedürfnisses wie Essen, Trinken und Verdauen: „Also wenig man des Essens und Trinkens entbehren und geraten kann, so wenig möglich ist's auch, sich von Weibern zu enthalten, auf die wir durch natürliche Begierde einfach nicht verzichten können.“ Deswegen hat nach Luther auch die Ehe an sich nicht mit Sakrament oder Kirche etwas zu tun. Es „geht die Ehe die Kirche nichts an, ist außerhalb derselben, ein zeitliches, weltliches Ding, sie gehört darum in den Aufgabenbereich der Obrigkeit“. Es „gebührt uns Geistlichen oder Kirchendienern nicht, darin zu ordnen oder regieren.“ Allen Ernstes setzt Luther Ehelosigkeit mit Geschlechtslosigkeit, Keuschheit mit Impotenz und Eunuchsein gleich. „Wo ist Keuschheit, diese Gottesgabe, der köstliche Schatz, das himmlische Juwel? Bei den Impotenten ist sie; sie ist Impotenz.“ Ehe ist für Luther ganz naturale, ganz körperliche Geschlechtsgemeinschaft. In seinem groben, rohen Naturalismus weiß er nichts von der Ehe als geistig-seelisch-körperlicher Freundschaft, als Weg, über das Leibliche zu einer höheren Form der Geistigkeit und der Durchgeistigung auch des Materiellen im Menschen zu gelangen. Ehe ist „ein äußerlich, leiblich Ding, wie andere weltliche Hantierung. Wie ich nun mag mit einem Heiden, Juden, Türken, Ketzer essen, trinken, schlafen, gehen, reiten, kaufen, reden, handeln, also mag ich auch mit ihm ehelich werden und bleiben. Und kehre dich an der Narren Gesetze, die solches verbieten, nichts“ (mit den „Narren“ sind hier der Papst und seine Kardinäle gemeint). Ehe, so Luther anderenorts, „ist ein ordentlich Beyschlafen und Beywohnen eines Mannes und Weibes nach Gottes Ordnung und Befehl“ …

Aber es darf nicht zuviel werden: „Doch, daß man sich mit Ernste mäßige und nicht einen Mist- und Saupfuhl daraus mache.“ Ohne Ehe herrschten Sodom und Gomorra, herrschte „ein wüst, wild Wesen in der Welt“.“

 

Ehebruch

 

Mynarek: „Da Ehebruch unerlaubte Sünde ist, ist er für Luther auch Straftat, durch den Staat zu ahnden, wenn der Ehebruch publik wird und bewiesen ist. Die Obrigkeit sollte dann, so Luther allen Ernstes, den Schuldigen töten. Er bedauert, daß sie ihn meist laufen lassen, denn „es wäre besser, tot, tot mit ihm!““

 

Genehmigung der Bigamie

 

Oberman: „Ganz anders verhält es sich mit Luthers Beichtrat an Landgraf Philipp von Hessen vom 10. Dezember 1539. Philipp gehörte zu den tatkräftigsten unter den reformatorischen Reichsfürsten. Und gerade er machte sich - mit Luthers Zustimmung - des Verbrechens der Bigamie schuldig! Die Doppelehe des Landgrafen hatte einen Skandal ausgelöst, der politisch weitreichende Folgen zeitigte. Der starke Mann des Schutzbündnisses der evangelischen Reichsstände, des Schmalkaldischen Bundes, war damit dem Kaiser schutzlos ausgeliefert. Denn laut Reichsrecht, niedergelegt in der 1532 zu Regensburg verabschiedeten Halsgerichtsordnung Karls V., konnte Bigamie die Todesstrafe nach sich ziehen. Philipp mußte sich deshalb, um seiner Bestrafung zu entgehen, mit Karl V. arrangieren und 1541 einem Separatabkommen zustimmen: Alle Versuche zur Stärkung des Schmalkaldischen Bundes waren einzustellen und alle Aktionen gegen den Kaiser zu unterlassen.

Doch nicht nur Philipp hatte sich bloßgestellt, auch Luthers Ruf wurde nachhaltig geschädigt. Sein Rat, die Doppelehe einzugehen, wird noch heute in schönem ökumenischen Zusammenklang von evangelischer Seite als ‚größter Flecken in der Reformationsgeschichte‘ beklagt und von katholischer Seite als ‚würdelose Doppelzüngigkeit‘ bewertet …

Der Wittenberger ‚Beichtrat‘ vom 10. Dezember 1539, der Luthers Name für immer mit Philipps Bigamie verbindet, schließt mit einem bemerkenswerten, heute unverständlichen Satz: Die Öffentlichkeit wird Margarethe als eine der bei den Fürsten ‚nicht ungewöhnlichen‘ Konkubinen ansehen. Ärgernis und Geschwätz werden sich also in Grenzen halten‘.“

Mynarek: „König Heinrich VIII. von England rät Luther in einem vom König bestellten Gutachten, „eine andere Königin (neben der Noch-Gattin Katharina) zu der ersten hinzuzunehmen und nach dem Exempel der Väter und Könige zwei Ehefrauen oder Königinnen zu haben.““

 

Frauen

 

Frauen-Verächter

 

Mynarek: „Eindeutig ist Luther ein Frauenverächter, ein Proklamierer ihrer Minderwertigkeit und der Notwendigkeit der Überlegenheit und Herrschaft des Mannes über sie. Eine fast schon unzählige Menge von Aussagen Martin Luthers belegt und bestätigt diese Einstellung des Reformators zum weiblichen Geschlecht. Heutige Feministinnen, die sich unbeschwert einer der protestantischen Denominationen zugehörig fühlen, werden erstaunt sein müssen, wenn sie zu registrieren haben, daß Luther den Frauen nur eine einzige Rolle zugebilligt hat, die der Hausfrau und Kindergebärerin. Jedes andere Tun der Frauen verurteilte er aufs Schärfste …

Also noch einmal: Nach Luther „hat Gott das Weib geschaffen, daß es soll bei dem Manne sein, Kinder gebären und Haushaltung verwalten.“ „Gott hat Mann und Weib geschaffen, das Weib zum Mehren mit Kinder tragen; den Mann zum Nähren und Wehren. Die Welt aber verdreht das, mißbraucht die Weiber zur Unzucht, der Männer Schutz zur Tyrannei.“

Nach Luther liegen die höchste Ehre und Würde der Frau in der Mutterschaft: „Und obgleich ein Weib ein schwaches Gefäß und Werkzeug ist, hat es doch die höchste Ehre der Mutterschaft. Denn alle Menschen werden von ihnen empfangen, geboren, gesäugt und ernährt; daher kommen die lieben Kinderlein und Nachkommen. Diese Ehre, daß sie unsere Mütter sind, soll angemessenerweise alle Schwachheit der Weiber zudecken und tilgen, so daß ein frommer, gottesfürchtiger Ehemann gerechterweise sagen soll: Haben wir Gutes empfangen, warum sollten wir nicht auch das Böse leiden?““

 

man = Mann

 

Mynarek: „Eigentlich ist nach Luther der Mensch nur der Mann. Aber man könne eben wegen ihres Kinderkriegens und Haushaltsbesorgens sowie der Geschlechtslust auf die Frauen nicht verzichten: „So wenig man des Essens und Trinkens entbehren und geraten kann, so wenig ist es auch möglich, sich der Weiber zu enthalten; denn durch natürliche Begier können wir uns sämtlich ihrer nicht entäußern. Die Ursache davon ist, daß wir in der Weiber Leib empfangen, darin ernährt, davon geboren, gesäugt und erzogen werden, also daß unser Fleisch zum größten Teil Weiberfleisch ist und es uns unmöglich ist, uns von ihnen ganz abzusondern“.“

 

Auftrag zur Mutterschaft

 

Mynarek: „Fromm und gottesfürchtig ist die Frau nach Luther, wenn sie ihrem Auftrag zur Mutterschaft treu ist: „Von den Kindbetterinnen, die in Kindesnöten liegen, ist kein Zweifel, daß sie selig werden, wenn sie im Glauben sterben, weil sie im Amt und Beruf, dazu sie Gott geschaffen hat, sterben. Und ist also der Glaube im Werk kräftig, ja wird im Kreuz als vollkommen befunden, der da sicher ist und wartet auf den Tag des Gerichtes, ja Trostes. Darum soll man die Weiber ermahnen, daß sie in solcher Not aufs stärkste helfen und arbeiten, daß sie der Frucht und Kindleins loswerden (...), auch wenn sie dabei sterben sollten.“ Er kritisiert in diesem Zusammenhang die Frauen, die bei der Geburt helfen, wenn sie mehr den Gebärenden „denn der Frucht, weil sie besorgen und fürchten, daß sie möchten sterben oder große Schmerzen und Wehe haben“.

Luther hält schroff dagegen: „Gib das Kind her“, sagt er zu einer Frau in den Wehen, „und trage dazu mit aller Macht bei; stirbst du darüber, so fahre hin, wohl dir, denn du stirbst wesensmäßig im edlen Werk und Gehorsam Gottes.“ Geradezu zynisch klingt es, wie Luther die Frauen zu Gebärmaschinen degradiert: „Ob sie sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts; laß sie sich nur tot tragen, sie sind drum da. Es ist besser, kurz gesund, denn lange ungesund leben.“ Wohlgemerkt: Luther spricht diesen Zynismus in seine Zeit hinein, in eine Epoche, in der die Frauen schamlos fremdbestimmt wurden, zum Gebären nicht weniger als zum Arbeiten. Es war die Zeit der „arranged marriages“ und, zumindest für die Mehrheit des Volkes, zugleich eines maximal witwenfeindlichen Erbrechts (das Luther ausdrücklich billigte).“

 

Der Weiber Regiment

 

Mynarek: „Nach Luther bewirkt ihr Mangel an Verstand, daß „der Weiber Regiment von Anfang der Welt nie nichts Guts ausgerichtet hat, wie man pflegt zu sagen: Weiber Regiment nimmt selten ein gut End! Da Gott Adam zum Herrn über alle Kreaturen gesetzt hatte, da stund es Alles noch wohl und recht, und Alles ward auf das Beste regieret; aber da das Weib kam und wollte die Hand auch mit im Sode haben und klug sein, da fiel es Alles dahin und ward eine wüste Unordnung.““

 

Geschwätzigkeit

 

Mynarek: „Der defizitäre Verstand der Frauen bewirkt nach Luther bei diesen sodann auch, daß sie äußerst geschwätzig sind. Der Reformator erlaubt ihnen gerade noch, im Haus zu reden, nicht aber in der Öffentlichkeit: „Weiber reden vom Haushalten wohl als Meisterin mit Holdseligkeit und Lieblichkeit der Stimme und also, daß sie Ciceronem, den beredtesten Redner, übertreffen; und was sie mit Wohlredenheit nicht können zu Wegen bringen, das erlangen sie mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren; denn sie sind viel beredter und geschickter von Natur zu den Händeln denn wir Männer, die wir es durch lange Erfahrung, Übung und Studieren erlangen. Wenn sie aber außerhalb der Haushaltung reden, so taugen sie nichts. Denn wiewohl sie Worte genug haben, fehlt und mangelt es ihnen doch an Sachen, da sie diese nicht verstehen, drum reden sie auch davon läppisch, unordentlich und wüste durcheinander über die Maßen.“ Also meint Luther: „Wenn Weiber beredt sind, ist das an ihnen nicht zu loben, es paßt besser zu ihnen, daß sie stammeln und nicht gut reden können. Das ziert sie viel besser.““

 

Gehorsam

 

Mynarek: „An ethischen Tugenden bleibt der Frau nach Luther einzig und allein, dem Mann gehorsam zu sein und ihm in allen Hinsichten zu dienen, „denn Gott sagt zum Weibe: ‚Du sollst dem Mann untertan sein‘ (1. Mose 3,16). Der Mann hat im Hause das Regiment, er sei denn ein Verbum anomalum, das ist ein Narr, oder daß er dem Weib aus Liebe zu Gefallen sei und lasse sie regieren, wie bisweilen der Herr des Knechtes Rat befolgt. Sonst und ohne das soll das Weib den Schleier aufsetzen; wie denn ein frommes Weib schuldig ist, ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglück helfen zu tragen von wegen des bösen Fleisches. Das Gesetz nimmt den Weibern Weisheit und Regierung. Dahin hat Sankt Paulus gesehen, da er spricht 1. Kor. 7,10: ‚Ich gebiete, ja nicht ich, sondern der Herr‘. Und 1. Tim. 2,12: ‚Ich gestatte einem Weibe nicht, daß sie lehre‘.“

Die Frau kann sich Luther zufolge den Himmel nur erwerben, wenn sie alles tut, was „den Mann erfreut und fröhlich macht und ihn nicht betrübt“. Sie „tut ihm Liebes und kein Leides sein Leben lang (...) ist rüstig im Haus (...) arbeitet gern und fleißig (...) hält ihr Haus in baulichem Wesen mit Dachung und anderm (...) Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist (...) und isset ihr Brod nicht mit Faulheit“. Ein solch „tugendsam Weib (...) ist ein seltenes Gut, viel edler und kostbarer als eine Perle; denn der Mann verläßt sich auf sie, vertraut ihr Alles.““

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/126-missachtung-von-frauenrechten.html

 

Obrigkeit

 

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen. Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben. Denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.

Darum ist's not, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen. Derhalben müßt ihr auch Schoß geben; denn sie sind Gottes Diener, die solchen Schutz handhaben. So gebet nun jedermann, was ihr schuldig seid: Schoß, dem der Schoß gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.“   Brief an die Römer  13; 1 - 7

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912_apokr/roemer/13/#1

 

Mynarek: „Nein, mit Demokratie hatte Luther nun wirklich nichts im Sinne, und alle nachträglichen Beschönigungsversuche ändern daran nichts. Wie kein anderer christlicher Religionsführer hat er den totalen Sklavengehorsam der Untertanen gegenüber der Obrigkeit gelehrt und befohlen, wobei es ihm völlig egal war, ob diese Obrigkeit sich gut oder böse, gerecht oder tyrannisch gebärdet. Die Bürger haben keinerlei verfassungsmäßige Rechte, sondern haben willfährige Schafe zu sein! So gleicht Luthers Vorstellung von der Obrigkeit weitgehend seinem unethischen Gottesbild eines weltbeherrschenden, obersten launischen Despoten und Tyrannen. In seinem lesenswerten und kenntnisreichen Buch ‚Die Lehre M. Luthers - Ein Mythos zerbricht‘ hat Hans-Jürgen Böhm jene Texte in Luthers Schriften zusammengetragen, die Obrigkeitsdenken und dementsprechend Demokratiefeindschaft des „Reformators“ demonstrieren. Dazu im folgenden einige Kostproben: Aufstand gegen ungerechte Herrschaft, Bildung von Verbindungen, um sie zu stürzen, darf es nach Luther unter keinerlei Umständen geben: „Erstens weiß Euer Gnaden wohl“, schreibt er 1525, „dem edlen und wohlgebornen Herrn, Herrn Albrecht, Grafen zu Mansfeld und Herrn zu Schrappel etc., meinem gnädigen Herrn, daß wider die Obrigkeit keine Verbindung erlaubt ist. Denn Gott will die Oberherrn, sie seien böse oder gut, geehrt haben, Röm. 13 und 1. Petr. 3. Zweitens ist auch verboten, daß man sich selbst rächen oder wehren solle, wie Paulus Röm. 12 spricht: Liebe Brüder, verteidigt euch nicht selbst, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes!“ Das Evangelium, so Luther in seinem Schreiben vom 18. November 1529 an Kurfürst Johann, Herzog von Sachsen, über ein Bündnis gegen den Kaiser, gibt für Aufstand, Rebellion, Revolution gegen böse Herrscher nichts her, „weil wir die sein sollen, die da leiden und, wie der Prophet Ps. 44 sagt, wie die Schlachtschafe gerichtet werden und nicht uns selbst rächen oder verteidigen, sondern dem Zorn Gottes Raum lassen, Röm. 12.“ Das einzige Christenrecht nach Luther ist das Recht, zu leiden und die Rolle des Schlachtschafes zu spielen, dabei auf Gottes Rache an den bösen Herrschern geduldig wartend! Denn, so Luther in einem weiteren Gutachten an denselben Herzog, Anno 1530 geschrieben, „nach der Schrift will sichs in keinem Weg ziemen, daß sich jemand (wer ein Christ sein will) wider seine Obrigkeit setze, Gott gebe sie tue recht oder Unrecht, sondern ein Christ soll Gewalt und Unrecht leiden, sonderlich von seiner Obrigkeit“. Selbst wenn der Kaiser selbst, die „Kaiserliche Majestät Unrecht tut und ihre Pflicht und Eid übertritt, ist damit seine Kaiserliche Obrigkeit und seiner Untertanen Gehorsam nicht aufgehoben (...) Tut doch wohl ein Kaiser oder Fürst wider alle Gottes Gebote und bleibt dennoch Kaiser und Fürst und ist doch Gott viel höher verpflichtet und vereidigt denn Menschen.“ Keiner dürfe übersehen, „daß Obrigkeit eine göttliche Ordnung ist.“ Daher: „Aber weil Kaiser Kaiser, Fürst Fürst bleibt, wenn er gleich alle Gebote Gottes überträte, ja ob er gleich ein Heide wäre, so soll ers auch sein, ob er gleich sein Eide und Pflichten nicht hält.“ Luther ist also in seiner Staatstheorie in erster Linie ein Verfassungsfeind („Eide und Pflichten“ braucht der Gewalthaber gemäß dieser Äußerung eben nicht zu halten, was ihn z.B. von Calvin, aber auch vielen katholischen Wortführern sehr unvorteilhaft unterscheidet). Schrankenlos erlaubt so Luther den Herrschenden auch darüber hinaus jede Unmoral, jegliche Ungerechtigkeit, ja seine Aussagen über die unbegrenzten Rechte der Obrigkeit kommen fast einer Einladung derselben zu jeglicher Form und Ausübung von totalitärer Willkür gleich. Denn, so Luther im selben Brief, „Sünde hebt Obrigkeit und Gehorsam nicht auf, denn wir nicht allein den gütigen und frommen, sondern auch den bösen und unschlachtigen Herrn sollen mit aller Furcht untertan sein“. Daher soll auch dem Kaiser „niemand Gehorsam entziehen oder wider ihn streben, denn das ist Rotterei und Aufruhr und Zwietracht anfangen“. Die „Rechtssprüche ‚vim vi repellere licet‘, man möge Gewalt mit Gewalt steuern, helfen hier nichts, denn sie gelten wider die Obrigkeit nichts.“ So solle man denn „den Kaiser lassen schaffen mit den Seinen wie er will, solange er Kaiser ist“.

Ernst Bloch, der das philosophiegeschichtlich und fachlich fundierteste Buch über „Naturrecht und menschliche Würde“ geschrieben hat, sieht in Luthers Lehre von der Obrigkeit die totale Perversion des Rechts eines jeden Menschen auf Gleichheit und Freiheit. Durch Luther „wurde der Bock zum Gärtner gemacht (...), der Junker richtete, und der Landesherr wurde allmächtig, ohne daß eine Dreinsprache aus natürlichem Recht oder auch von drüben her noch möglich gewesen wäre. Luther macht die Obrigkeit von jeder außerhalb ihrer liegenden Kritik frei, er sah im Staat den schlechthin rechtmäßigen Zwang. Hierbei lieferte er die Kirchenlehre vom Staat als Unterdrücker der Sünde gänzlich der Reaktion aus.“ Wenn man überhaupt von einem Naturrecht bei Luther sprechen wolle, dann könne man höchstens von „Luthers pervertiertem Naturrecht“ reden „als Gegenschlag gegen das Urstandsideal des ‚Herrn Omnes‘, das eben alle (omnes) mit den gleichen Rechten, ohne Herrschaft des einen über den anderen, versehe. „Wesentlich ist für Luthers Konzeption, daß sie in ihren Untertanen überhaupt nur Verbrecher und Todsünder sieht, daß sie infolgedessen die Staatsgewalt ausschließlich als Repressalie darstellt und als Naturrecht des Anti-Teufels deduziert. Je strenger, desto besser, je barbarischer, desto gottnäher (...) Es erscheint auf diese Weise ein Naturrecht der Unterdrückung, einer Gewaltstaats-Omnipotenz (...) Selbst die zehn Gebote und die aus ihnen erfließenden Rechtsgarantien fallen weg; die zehn Gebote, sagt Luther, sind nichts anderes als ‚der Juden Sachsenspiegel‘ und haben deshalb keine christlich verpflichtende Kraft; äußerlich sind sie zur Erzeugung der Sündenangst dienlich (...) Luther (...) verkleinert den Dekalog, um überhaupt keine moralischen Bestandteile in seinem spezifischen Naturrecht zu haben, als dem des Staatszuchthauses aus Gottes Strafe.“

Nach Luther ist der Staat die Fortsetzung des furchtbaren Zorneswaltens Gottes auf Erden. Der Staat praktiziert das „ius divinae irae“ (das Recht des göttlichen Zornes). Gegenüber dem Staat als Gottes Exekutor in dieser Welt hat also der Mensch, der schlechthinnige „Untertan“, gar keine Chance und nicht die geringsten Rechtsansprüche. Der Mensch ist totaler Staatssklave. Wahrscheinlich hängt es auch damit zusammen, daß bereits gegen den vom Deutschen Bundestag im Januar 1998 beschlossenen „Großen Lauschangriff“ auf den Bürger kein Protest der evangelischen Kirche erhoben wurde. Der evangelische Geistliche darf staatlicherseits bei Seelsorgegesprächen nicht belauscht werden. Das genügt ihr. Der einzelne Bürger und seine Familie haben, treu-orthodox-lutherisch, als „Untertanen“ ohnehin keinerlei Rechte, also auch nicht das der Unverletzlichkeit ihrer Wohnung. Die Regierenden wissen, was sie an der evangelischen Kirche haben. Sie erfüllt nach Bloch die Aufgabe, „das Christentum zum Instrument der Unterdrückung zu präparieren, (...) noch weitgehender als die katholische.“ Und die „Würde“, die die evangelische Kirche dem Staat verleiht, nämlich Ausführer der göttlichen Strafbestimmungen zu sein, nimmt jeder Staat gern entgegen. Alles fügt sich also im Protestantismus systematisch zu einer religiösen Ideologie der Beherrschung des Volks zusammen. „Ohne Bruch“ verknüpfen sich „Landesvater, Weltvater, eingesetzte Obrigkeit“, Teufelsglaube, Jesus als „geopferter Lamm-Mythos“ und damit „die sogenannte Geduld des Kreuzes (...), die den Unterdrückten so empfehlenswerte, den Unterdrückern so bequeme“, weil sie „den bedingungslosen Gehorsam vor der Obrigkeit schlechthin, als der von Gott seienden“ rechtfertigt.“

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/281-gottes-diener.html

 

Knechtschaft und Bevormundung

 

Mynarek: „Besonders am Vergleich mit Müntzer mußte Luther schmerzhaft enttäuschend klar werden, daß er mit seiner Reform auf halbem Wege stehengeblieben war, ja, daß er - was schlimmer war - die Stoß- und Sinnrichtung seiner fortschrittlichen Ideen und Impulse wieder zurückgebogen, zum Teil selber verraten hatte. Gerade die Jahre 1524 und 1525, in denen Luther in seinen Schriften und Aufrufen so maßlose Hetzpropaganda gegen Müntzer und die Bauern betrieben hatte, bedeuteten zugleich und in Verbindung damit das Ende einer Volksbewegung und den endgültigen Beginn einer pseudoreformatorischen Reaktion, Restauration und Reglementierung von oben. Die dem Papst sklavisch hörige Kirche war nun durch eine dem Landesfürsten nicht minder hörige Kirche ersetzt, wobei der „weltliche“ Herrscher jetzt praktisch alle kirchlich-bischöflichen Vollmachten besaß, so daß im obrigkeitlich verwalteten Landeskirchentum lutherischer Provenienz die Verbindung von Thron und Altar enger, der allmächtige Kirchenstaat härtere Realität geworden war als in der vorreformatorischen, kirchlich-katholischen Zeit, in der der Kampf zwischen Kaiser und Papst, Landesfürst und Kirchenfürst bisweilen noch Freiräume oder Pufferzonen geschaffen hatte. Durch Luther selbst war also aus seiner unsichtbaren, geheimen, nur Gott bekannten Universalkirche der wahrhaft Glaubenden der massiv-sichtbare Kirchenstaat geworden, ein Kirchenstaat, der auf andere Weise, aber nicht minder brutal als in der kurialen Verwaltung der Romkirche das religiöse Anliegen des Menschen pervertierte und entprivatisierte, indem er Konsistorien, oberste religiöse Verwaltungsgremien, aus dem Landesfürsten als Vorstand und je zwei Theologen und Juristen bestehend, gründete, die das ganze Leben des Christen, seine Arbeit, seinen Beruf durchgehend reglementierten, observierten und ggf. unter Strafe stellten, eine Strafe, die das Recht einschloß, ihn zu inhaftieren, der Bürgerrechte zu berauben, ihm den Arbeitsplatz zu nehmen, ihn sozial zu isolieren.

Marxens Wort, Luther habe „die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat“, muß besonders auf die Landesfürsten angewandt werden, die nun Laien und Pfaffen, weltliche und geistliche Herrscher, zugleich waren. Die religiöse Knechtschaft und Bevormundung war jetzt sogar in gewisser Weise noch größer geworden als vor der Reformation. Denn der durch Gebet und ernstes Sich-Einlassen auf die Weisheit der Heiligen Schrift, durch innere Erfahrung und klares, mutiges Bekenntnis zur „reinen Lehre“ mündig und innerlich frei gewordene Christ hatte plötzlich zwar nicht mehr den katholischen Dogmen, den Glauben und Moral regelnden Verlautbarungen von Papst und Bischöfen als maßgebenden, sich über sein religiöses Innenleben hinwegsetzenden Normen zu gehorchen, wohl aber genauestens auf den Willen des Landesfürsten als höchsten Glaubens- und Sittenmaßstab zu achten. Nicht nur dessen religiöses Glaubensbekenntnis war anzuerkennen und zu übernehmen, wenn man aus dem Bereich seines Fürstentums nicht auswandern wollte, sondern im Grunde auch seine weltlichen Entscheidungen im politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich.

Allen Ernstes äußerte Luther 1528 die Ansicht, „daß das Gebot des Moses, ‚ehre deinen Vater‘, sich auf diese Fürsten beziehe und daher mit dem ausdrücklichen Verbot politischer Rebellion gleichzusetzen sei (...) Auch der Betende sollte nicht nur mit sich selbst zu Rate gehen, sondern auch auf seine Herrscher hören, um alle Zeichen des göttlichen Plans sicher wahrzunehmen. Dieses neue Gesicht eines Gottes, der sich im Gebet, in der Heiligen Schrift und in den Entscheidungen des Landesvaters erkennen ließ, wurde für eine neue Klasse und für eine Religiosität, die den neuen merkantilen Fortschrittsbestrebungen entgegenkam, bestimmend. Obwohl er heftiger als irgend jemand sonst auf Ablaß und Wucher reagiert hatte, half Luther, die metaphysische Mesalliance zwischen Wirtschaftsegoismus und Kirchenzugehörigkeit vorzubereiten, die für die westliche Welt so kennzeichnend wurde.“

 

Andersdenkende

 

Wider Katholiken

 

Mynarek: „Galt Luther dem Papst als „ein Kind des Satans“, so revanchierte sich der erstere gleich doppelt und dreifach, indem er den Papst als „den letzten und mächtigsten Antichrist“ und das Papsttum nebst Kurie als „Unrat des römischen Sodom“ bezeichnete. „Der wahre Antichrist“, so Luther, „sitzt in Gottes Tempel und regiert in dem roten Babel. Rom und die römische Kurie ist die Synagoge des Satans.“ Ja, er forderte Kaiser, Könige und Fürsten auf, „diese Pest des Erdkreises mit Waffengewalt anzugreifen und die Sache nicht mit Worten, sondern mit Eisen zu entscheiden“. „Wenn wir“, so Luther weiter, „Diebe strafen mit dem Galgen, Räuber mit dem Schwert, Ketzer mit dem Feuer, warum brauchen wir da nicht jeder Art Waffen wider solche Lehrer der Verderbtheit, wider diese Kardinäle, Päpste und die ganze Grundsuppe des römischen Sodoms und waschen unsere Hände in ihrem Blut?“ …

Schließlich konnte Luther nicht einmal mehr beten, ohne das Papsttum zur gleichen Zeit zu verteufeln: „Ich kann nicht mehr beten, ohne fluchen zu müssen. Soll ich sagen: Geheiligt werde dein Name, muß ich dafür sagen: Verflucht, verdammt, geschändet muß der Papisten Namen werden (...) Soll ich sagen: Dein Reich komme, so muß ich dafür sagen: Verflucht, verdammt, zerstört muß das Papstum werden (...) Wahrlich, so bete ich alle Tage mit Mund und Herz ohn‘ Unterlaß.““

 

Wider Andersdenkende

 

Deschner: „Luther verbietet zeitweise Gewalt. Er fordert Geduld mit Andersdenkenden, Andersgläubigen, er fordert Lehrfreiheit. Aber er fordert sie von den katholischen Gegnern, und er fordert sie nur so lange, bis seine Lehre herrscht, sein alleinseligmachendes Gespinst. Dann müssen andere Lehren, da es ja nur eine Wahrheit gibt, schweigen.

Die Statuten der theologischen Fakultät Wittenbergs, von Melanchthon mit Luthers Einverständnis verfaßt, geboten den Lehrern streng, „die reine Lehre“ vorzutragen. Verteidigt aber jemand hartnäckig „die falschen Ansichten“, dann solle er „mit solcher Strenge bestraft werden, daß er die schlechten Meinungen nicht weiter verbreiten kann“. Der Vorsteher dieser Fakultät war von 1535 bis zu seinem Tod ununterbrochen Martin Luther.

Irrlehrer mußten bestraft werden, weil der Reformator sie nicht geistig „überwinden“ konnte. So verlangte er seit 1524 das Vorgehen der Obrigkeit gegen Dissidenten, wenn sie Aufruhr verursacht oder rebellische Gedanken verbreitet hatten, und hielt Landesverweisung als Strafe für angemessen. Karlstadt verdrängte er erst aus Wittenberg, ließ ihn dann, trotz dessen inzwischen erfolgter Distanzierung von Gewaltanwendung, mit seiner Familie 1524 aus Kursachsen ausweisen und verfolgte ihn, bis er 1541 in Basel an der Pest starb. Erst recht war der große Rebell Thomas Müntzer, der das Reich Gottes mit Gewalt auf Erden verwirklichen wollte, des Teufels für Luther, für „das geistlose sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“, wie Müntzer höhnte, der dann im Bauernkrieg gefangen, gefoltert und hingerichtet wurde.

Noch 1528 sprach sich Luther gegen die Todesstrafe aus. Doch seit 1530 unterschieden die Reformatoren nicht mehr zwischen aufrührerischen und bloß falsch lehrenden „Ketzern“, so daß die einen wie die andern die Todesstrafe traf. „Die zahlreichen Hinrichtungen auch solcher Wiedertäufer, die nachweisbar keine Aufrührer waren, und die gerade auf Grund jener normativen Erklärungen der Wittenberger Theologen getötet wurden, reden eine zu deutliche Sprache gegenüber allen derartigen Versuchen, noch immer die klare Tatsache ableugnen zu wollen, daß Luther selbst die Todesstrafe gegen bloße Ketzer gutgeheißen hat“ (Wappler).

Im Februar 1530 erklärt sich Luther in einem Brief an Justus Menius und Friedrich Mykonius für die Todesstrafe. Als er im selben Jahr die (irrtümliche) Nachricht erhält, der Antitrinitarier Johannes Campanus sei zu Lüttich als „Ketzer“ hingerichtet worden, schreibt er: „Mit Freuden habe ich dies vernommen (laetus audivi).“ Etwa seinerzeit riet er auch, die „Winkelprediger“ der Täufer „dem rechten meister, der Meister Hans (= Henker) heißt“, zu übergeben. Keinesfalls eine nicht ganz ernst zu nehmende Hyperbel - erst am 18. Januar 1530 hatte „Meister Hans“ in Reinhardsbrunn bei Gotha sechs Täufer getötet. Und 1531 setzte Luther seinen Namen unter ein von Melanchthon verfaßtes Gutachten der theologischen Fakultät Wittenberg, das für Täufer die Todesstrafe verlangte, wenn sie aufrührerische Gedanken vertraten, Verwerfung des Eigentum, des Eides, des Zinses u. a. oder das öffentliche Predigtamt ablehnten.“

 

Wider Täufer

 

Deschner: „Das Täufertum entstand im Gefolge der Reformation (von ihr wie von den Katholiken bald scharf bekämpft) 1525 in der Schweiz, in Zürich, wo man bereits am 5. Januar 1527 Felix Manz, den ersten Märtyrer der Täufer, in der Limmat ertränkte …

Zunächst zwar will er die Täufer großmütig geduldet sehen, verkündet er vollmundig: „Man lasse sie nur getrost und frisch predigen!“ Dann aber begehrt er für sie die Todesstrafe, nicht nur wegen revolutionärer Übergriffe - zumal Faktum ist: „Die meisten Täufer lehnten jede Gewalt ab“ (Moltmann) -, sondern auch wegen ihrer „Irrlehre“, wobei er sich auf die Nachrichten des Alten Testaments über das Töten falscher Propheten stützt. Als sein Freund Johannes Bugenhagen, Theologieprofessor in Wittenberg, „Ketzer“, die Schwärmer und Sakramentarier, auf Moses verweisend, zu töten verlangte, stimmte Luther zu: „Ja es stehet der Grund im Text dabei: Besser ist es einen Menschen hinwegräumen als Gott.“ Und unterschrieb auch mit seinem Namen ein Gutachten Melanchthons - des schärfsten reformatorischen Verfechters der Kapitalstrafe für die Täufer -, das im Jahr 1531 für ihren hartnäckigen Anhang ebendiese Sühne prätendierte.

Seit 1529, seit dem Speyrer Reichstag, stand reichsrechtlich auf „Wiedertaufe“ die Todesstrafe. Seit einem Reichstag, auf dem die „Protestanten“, deren Geburtsstunde hier schlug, darauf bestanden, in Glaubensfragen allein ihrem Gewissen zu gehorchen, schlug man Andersgläubigen dies Recht ab - und ihre Köpfe dazu. Ökumenisch schönstens vereint erhoben Katholiken und „Protestanten“ jetzt zum Reichsgesetz: „Nachdem auch kürzlich eine neue Sekte der Wiedertäufer entstanden ist, die durch allgemeines Recht verboten ist, ... hat Ihre Majestät ... eine rechtmäßige Konstitution, Satzung und Verordnung erlassen ..., daß alle Wiedertäufer und Wiedergetauften, Männer und Frauen, in verständigem Alter vom natürlichen Leben zum Tod mit dem Feuer, Schwert oder dergleichen nach Gelegenheit der Personen ohne vorhergehende Inquisition der geistlichen Richter gerichtet und gebracht werden ...“ Als Aufrührer und „Ketzer“ also sollten Täufer getötet werden.“

 

Aufrührer gegen Obrigkeit

 

Mynarek: „Da sich die Täufer strikt an Jesu Weisung „Die Herren der Völker herrschen über sie, bei euch soll es nicht so sein“ hielten und die völlige Gleichheit der Wiedergetauften, zugleich die Ablehnung jeglicher Herrschaft von Menschen über Menschen sowie den gemeinsamen Güterbesitz lehrten, konnte sie Luther bei den staatlichen Stellen leicht als obrigkeitsfeindlich und aufrührerisch diffamieren: „Denn“ so Luther, „sie sind auch nicht schlicht allein Ketzer, sondern als Aufrührer greifen sie die Obrigkeit und ihr Regiment und Ordnung an.““

 

Aufruf zur Denunziation

 

Mynarek: „Ganz im Stil der katholischen Inquisitoren des Mittelalters ruft Luther die Bürger zum allgemeinen Denunziantentum auf: „Und ein Bürger ist schuldig, wo solcher Winkelschleicher einer zu ihm kommt, ehe denn er denselbigen hört oder lehren läßt, daß er seiner Obrigkeit ansage und auch dem Pfarrherrn, des Pfarrkind er ist. Tut er das nicht, so soll er wissen, daß er als ein ungehorsamer Untertan seiner Obrigkeit wider seinen Eid tut und als ein Verächter seines Pfarrherrn (dem er Ehre schuldig ist) wider Gott handelt, dazu selbst schuldig ist und gleich auch mit dem Schleicher ein Dieb und Schalk wird.“ Kein Zweifel: Luther hat in geradezu klassischer Weise die Planken für den modernen Obrigkeits- und Überwachungsstaat im Sinne Orwells bereitet.“

 

Ketzer- und Sektenvernichter

 

Mynarek: „Luther hat sich also dadurch in schwerster Weise schuldig gemacht, daß er sich „das Schwert der Obrigkeit dienstbar gemacht und eine systematische Fahndung nach allen ‚Wiedertäufern‘ zwecks deren Ausrottung betrieben“ hat. Auch die mörderischsten Fundamentalisten aller Couleur in unserer in dieser Hinsicht so düsteren Gegenwart können nicht intoleranter sein als Luther, der „die Wiedertäufer schon (allein) wegen ihrer Verwerfung des Predigeramtes und der reinen lutherischen Lehre des Todes würdig“ befand und fanatisch bekämpfte. Enger, exklusiver, intoleranter und monopolistischer aber kann man die eigene Religion oder Konfession nicht zum alleinigen Heilmittel erheben. Fanatischer als er kann man auch nicht zur Vernichtung aller anderen Glaubensrichtungen aufrufen. „Mit Ketzern braucht man kein langes Federlesen zu machen, man kann sie ungehört verdammen. Und während sie auf dem Scheiterhaufen zugrunde gehen, sollte der Gläubige das Übel an der Wurzel ausrotten und seine Hände in dem Blute der Bischöfe und des Papstes baden, der der Teufel in Verkleidung ist.“

Wer auf diese furchtbare Art und Weise alle und alles verteufelt, muß ein rechter Teufel sein! Luther ist kein (tief-)religiöser Reformator, sondern ein von tausend Teufeln Besessener und Gerittener. Der jüngere Luther hat einige positive sozial- und religiös-reformerische Ansätze. Der Luther der mittleren und älteren Lebensphase hat sie alle zunichte gemacht, ist auf dem Höhepunkt seiner Macht der Perversion dieser Macht gründlich erlegen. Das Teuflische unterdrückerischer Macht - kaum irgendeine Persönlichkeit der Vergangenheit demonstriert es so deutlich wie Luther! Und sein (Un-)Geist wirkt bis heute nach ...

Luther ist also auch nicht bloß irgendein Sektenjäger, sondern geradezu der von tausend Teufeln des Hasses und der Mordlust getriebene klassische Typ des Ketzer- und Sektenvernichters, ein Großinquisitor neuen Stils, da er nicht einmal die Gerichtsprozesse, die die katholische Inquisition immerhin wenigstens formell vorschrieb und durchführte, abwartete, sondern ohne Gericht, Untersuchung oder Überprüfung die Herrscher und das Volk zum Totschlagen der Bauern und ihrer Anführer, der Ketzer und Sektenangehörigen, der Papisten und Humanisten demagogisch-hypnotisierend aufrief und aufforderte, womit er ja auch als damaliger „geistiger“ Führer der deutschen Nation in Tausenden von Fällen Erfolg hatte

Luthers Initialzündung hat unabsehbare Folgen. Eine „Kirche“, die sich von solch einer Gestalt wie derjenigen Luthers herleitet, trägt eine riesenschwere, fatale Hypothek mit sich. Der düstere, blutrünstige, bluttriefende Schatten des „Reformators“ lastet unheilschwanger über dieser „Kirche“ und ihren Verkündern wie Anhängern. Luther erfüllt ja auch fast jeden kriminellen Tatbestand in puncto fünftes Gebot. Er müßte nach allgemeinem heute propagierten Rechtsbewußtsein und -empfinden, wenn dieses keine parteilichen Ausnahmen einbaut, ins Gefängnis oder in die Psychiatrie. Er ist das klassische, unüberbietbare Musterbeispiel grenzenloser Intoleranz. An sich müßte jeder evangelische Christ, der sich das klarmacht, aus seiner Kirche austreten.“

 

Wider Bauern

 

Christen sind Märtyrer

 

Mynarek: „Behauptete er doch in seiner Antwort auf deren zwölf Artikel allen Ernstes, daß sie sich auf das „christliche Recht im Neuen und Alten Testament und auch das natürliche Recht“ nicht berufen könnten, weil es im Grunde für sie nur das christliche Recht gebe, „sich nicht zu sträuben gegen das Unrecht, nicht zum Schwert zu greifen, sich nicht zu wehren, sich nicht zu rächen, sondern Leib und Gut dahinzugeben, daß es raube, wer da raubt - wir haben doch genug an unserem Herrn, der uns nicht verlassen wird, wie er verheißen hat. Leiden, leiden, Kreuz, Kreuz ist der Christen Recht, das und nichts anderes“. „Ein Christ läßt jeden rauben, nehmen, drücken, schinden, schaben, fressen und toben, wer nur will; denn er ist ein Märtyrer.““

 

Des Teufels

 

Mynarek: „Luther setzte sein „Gott-Teufel-Schema“ schließlich praktisch gegen alle Gruppierungen, Richtungen und Strömungen vehement ein, die nicht total auf seiner Linie lagen oder sich ihm nicht vollständig unterordneten. Ganz besonders schlimm traf es die aufständischen Bauern und ihre Anführer. Kein Mittel zur Überzeugung der staatlichen Obrigkeit von der Notwendigkeit, schärfste Methoden gegen die Bauern in Anwendung zu bringen, erschien Luther so wirksam wie das der Verteufelung dieser gehetzten, armen Menschen: Es könne „nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres“ geben als diese Leute, die „nichts als Teufelswerk“ trieben; sie „dienten (...) dem Teufel unter dem Schein des Evangeliums“, weswegen „sie wohl zehnmal den Tod verdient haben an Leib und Seele“; sie seien „des Teufels“ und bildeten einen „teuflischen Bund“ der „Bosheit und Verdammnis“. Er, Luther, meine, daß kein Teufel mehr in der Hölle sei, sondern allesamt in die Bauern gefahren seien. Darum solle „fliehen vor den Bauern, wer da kann, wie vor dem Teufel selbst.“

War die Identität der Bauern mit dem Teufel als Inbegriff des schlechthin und unüberbietbar Bösen einmal hergestellt und den Adressaten von Luthers Empfehlungen eingetrichtert, dann gab es für die letzteren bei der Begegnung mit Bauern nur noch diese Alternative: entweder zu fliehen oder das teuflische „Bauernpack“ totzuschlagen. Luther gibt allen Ernstes und mit allem Nachdruck neben dem Rat, zu fliehen, auch die Devise aus, die Bauern zu vernichten: Wer einen Aufrührerischen „am ersten kann und erwürgen mag, tut recht und wohl. Denn über einen öffentlichen Aufrührerischen ist ein jeglicher Mensch beides, Oberrichter und Scharfrichter. Gleich, als wenn ein Feuer angeht, wer am ersten löschen kann, der ist der beste (...) Drum soll hier zuschmeißen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann (...) Gleich, als wenn man einen tollen Hund totschlagen muß.“ „Denn hundert Tode sollte ein frommer Christ erleiden, ehe er ein Haarbreit in der Bauern Sache einwilligte.“

Was Luther hier in seiner maßlosen Hetze antreibt, ist schlimmste Lynchjustiz, weil er jeden Gegner der Aufständischen legitimiert, als Ober- und Scharfrichter zu fungieren.“

 

Wider Thomas Müntzer

 

Mynarek: „Noch rasender als gegen die Bauern wütete Luther gegen deren ideologischen Führer, gegen Thomas Müntzer. Kein Wunder, daß er gegen ihn noch intensiver als gegen sie die diskriminierendste Waffe machtpervertierter Religion einsetzte: die Verteufelung im Namen Gottes, der allein durch Luther spreche. Luthers ‚Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührerischen Geist‘ (Juli 1524) ist ein einziges Hetzschreiben gegen Müntzer, in dem er den sächsischen Adel auffordert, den „vermaledeiten Satan von Allstedt“, wie er diesen revolutionären Führer der Bauern zu titulieren pflegte, gewaltsam zu beseitigen. Er beschimpft ihn in diesem Brief als einen „Weltfressergeist“, einen „lügenhaften Teufel“, einen „schlechthin Teufel“, einen „Lügengeist“, einen „ausgetriebenen Satan“, womit Luther auf Müntzers Vertreibung aus Zwickau im April 1521 anspielt. Ihm fehle, so Luther gegen Müntzer, die Legitimation durch Gott, deshalb sei er ebenso wie sein „zusammengerotteter“ Bund der Auserwählten gewaltsam auszuschalten: „Dazu rottet er sich selbst, als sei er allein Gotts Volk, und fährt zu, ohne ordentliche Gewalt von Gott verordnet und ohne Gottes Gebot, und will seinem Geist geglaubt haben.“ Es wäre „vor den Leuten und der Welt nicht zu entschuldigen“, wenn die Fürsten „aufrührische und frevle Fäuste dulden und leiden sollten“. In anderen Schreiben sind Luthers Beschimpfungen seines großen Gegners eher noch maßloser. Er bezeichnet ihn in seiner ‚Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben‘ als einen „rottischen Propheten“, als „den Erzteufel, der zu Mühlhausen regiert und nichts als Raub, Mord, Blutvergießen anrichtet“, in ‚Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern‘ als „einen Mörder von Anbeginn“. Zu guter oder richtiger: zu schlechter Letzt stellt Luther noch einmal eine von Haß triefende Schrift gegen Müntzer fertig, die den bezeichnenden Titel trägt: ‚Eine schreckliche Geschichte und ein Gericht Gottes über Thomas Müntzer‘.

Woher stammte Luthers entsetzlicher, im wörtlich zu nehmenden Sinn mörderischer Haß gegen Müntzer? Es scheint kein Zweifel daran bestehen zu können, daß Luther sehr bald erkannt haben mußte, daß Müntzers redlichere, geradlinigere und konsequentere Haltung, noch dazu verkörpert in einer ihm intelligenzmäßig und in bezug auf Ausdruckskraft und Wortgewalt der Sprache ebenbürtigen Persönlichkeit, eine Infragestellung seines reformatorischen Werkes und eine Verurteilung von dessen Halbheiten bedeutete. Die ursprünglichen, in der von Luther gemachten Glaubens- und Rechtfertigungserfahrung liegenden demokratischen und sozial-befreienden Ansätze hatte dieser wieder zurückgenommen oder zunichte gemacht, Müntzer aber radikal und konsequent zu Ende gedacht, dargestellt und gelebt, und wer läßt sich gerne beim gerade laufenden Selbstbetrug stören? Der giftigste Haß entsteht immer bei dieser Gelegenheit, insbesondere, wenn jemand sich vorgewagt hat und dann seinen Rückzug „rationalisiert“.“

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/113-fruehbuergerliche-revolution-in-deutschland.html

 

Totschlagen auf Weisung Gottes

 

Mynarek: „Ganz genauso berief sich Luther auf den ihm gegebenen Befehl Gottes, den Fürsten die Weisung zu erteilen, die Bauern totzuschlagen: „Prediger sind die größten Totschläger, denn sie vermahnen die Obrigkeit ihres Amts, daß sie böse Buben strafen sollen. Ich, M. Luther, hab im Aufruhr alle Bauern erschlagen, denn ich hab sie heißen totschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich weise es auf unsern Herrn Gott, der hat mir das zu reden befohlen“.“

 

Gutes Gewissen beim Morden

 

Mynarek: "Nie hat wohl in der Geschichte der Religionen ein „frommer Mann“ der Obrigkeit ein derart gutes Gewissen beim Morden gegeben wie Martin Luther. Er, Luther, müsse „die weltliche Obrigkeit unterrichten, wie sie hierin mit gutem Gewissen (ver)fahren soll.“ Und er unterrichtet sie! Er unterbaut ihre Herrschaft metaphysisch-religiös, indem er den „Fürsten und Herrn“ zu „Gottes Amtmann und Diener von dessen Zorn“ ernennt, „dem das Schwert über solche Buben befohlen ist und der sich ebenso hoch vor Gott versündigt, wenn er nicht straft und wehrt und sein Amt nicht vollführt, wie wenn einer mordete, dem das Schwert nicht befohlen ist.“ Nur die Obrigkeit sei legitime Trägerin des Schwertes und „Gottes Dienerin über den, der übel tut.“ Luther hatte damit der Obrigkeit exklusiv das gute, den Bauern ebenso exklusiv das schlechte Gewissen zugeordnet. Aufgrund dieses einfach-brutalen, schwarzweiß malenden Machtspruches konnte nun das Morden mit gutem Gewissen beginnen: „So soll die Obrigkeit hier nun getrost fortdringen und mit gutem Gewissen dreinschlagen, solange sie eine Ader regen kann. Denn hier ist das (ihr) Vorteil, daß die Bauern böse Gewissen und unrechte Sachen haben, und welcher Bauer darüber erschlagen wird, mit Leib und Seele verloren und ewig des Teufels ist. Aber die Obrigkeit hat ein gutes Gewissen und (ge)rechte Sachen und kann mit aller Sicherheit des Herzens zu Gott also sagen: Siehe, mein Gott, du hast mich zum Fürsten oder Herrn eingesetzt, daran ich nicht zweifeln kann, und hast mir das Schwert befohlen über die Übeltäter (Röm. 13,4). Es ist dein Wort und kann nicht lügen; so muß ich solches Amt, bei Verlust deiner Gnade, ausrichten; so ist's auch offenbar, daß diese Bauern vor dir und vor der Welt vielfältig den Tod verdient haben und mir zu strafen befohlen (...) Drum will ich strafen und schlagen, solange ich eine Ader regen kann; du wirst's wohl richten und machen.“

Aber Luther begnügt sich noch nicht damit, den teilweise sogar widerwillig das Schwert gegen die Bauern ziehenden Herren ein gutes Gewissen zu verleihen. Er möchte in ihnen einen Enthusiasmus des „Gott will es so“ entfachen, er will Geist und Gesinnung der Märtyrer in ihnen erzeugen. Deshalb die folgenden unglaublichen Worte Luthers, die eine ungeheuerliche Verkehrung echten Märtyrertums bedeuten: „So kann denn geschehen, daß wer auf der Seite der Obrigkeit erschlagen wird, ein rechter Märtyrer vor Gott sei, wenn er mit solchem Gewissen streitet, wie gesagt ist. Denn er geht in göttlichem Wort und Gehorsam.“ Ja, die Argumentation des hl. Bernhard für die Kreuzzüge lebt bei diesem noch eigennützigeren Kampf der Feudalherren für ihre Privilegien wortwörtlich wieder auf: Es „sterben die doch sicher und gehen mit gutem Gewissen zu scheitern, die in ihrem Schwertamt gefunden werden (...) Solch wunderliche Zeiten sind jetzt, daß ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann und zwar besser als andere mit Beten (...) Drum, liebe Herren, löset hier, errettet hier, helft hier, erbarmet euch der armen Leute, steche, schlage, würge hier, wer da kann! Bleibst du drüber tot, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmermehr bekommen, denn du stirbst dann im Gehorsam göttlichen Wortes und Befehls Röm. 13 und im Dienst der Liebe (...) Hier spreche ein jeglicher frommer Christ: Amen. Denn das Gebet ist recht und gut und gefällt Gott wohl, das weiß ich. Dünkt das jemand zu hart, der denke, daß Aufruhr unerträglich ist und alle Stunde der Welt Zerstörung zu erwarten sei“.“

 

Wider Juden

 

Mynarek: „Wie unerhört inhuman und menschenrechtswidrig Luther denkt und handelt, zeigt sich auch in seinem Verhältnis zu den Juden. Wiederum manifestiert sich hier derselbe Vernichtungsmechanismus, wie ihn Luther bereits gegen Bauern und Wiedertäufer, Thomas Müntzer und Erasmus, Philosophen und Humanisten anwandte: „Wenn der Jude sich nicht zum Christentum bekehrt, ist er des Teufels oder ein Teufel und soll er dann entsprechend bestraft oder getötet werden.“ Die drei Schriften Luthers ‚Von den Juden und ihren Lügen‘, ‚Brief wider die Sabbather an einen guten Freund‘, ‚Vom Schem Hamphoras‘ atmen einen derart abartigen, perversen Ungeist, daß sich alles in einem sträubt, aus diesen Pamphleten auch nur zu zitieren. Dennoch muß dies getan werden, weil die sich in diesen Schriften ausdrückende Menschenverachtung nicht einfach Vergangenheit ist, sondern wie eine düstere, dunkle Wolke über der evangelisch-lutherischen Kirche schwebt und auch ihre heutigen Sektenjäger schwer belastet, umnebelt und durchdringt. Kommt doch diese Menschenverachtung bei Luther und den Lutheranern aus einer einzigen einheitlichen Quelle: der Überzeugung von der totalen Verdorbenheit der menschlichen Natur, in der nichts, aber auch nichts Positives zu finden sei und die nur gerettet, „gerechtfertigt“ werden könne, wenn sie den Glauben an die Gnade Gottes im exklusiven Sinne Martin Luthers annimmt. Da sich, wie bereits wiederholt gesagt, Luther mit Gottes Willen und Auffassung identifiziert, ist jeder ein antigöttlicher Teufel, der Luthers Lehre nicht akzeptiert. Daher also auch das rabiate Wüten gegen die diese Lehre nicht übernehmenden Juden nach anfänglichen Umwerbungs- und Bündnisanläufen, die freilich sehr oberflächlich blieben.

Da diese auf Luthers Bekehrungsversuche zum Teil sogar mit den gegenteiligen Versuchen, Lutheraner zum Judentum zu bekehren, antworteten, und da der Reformator seine eigene Lehre total mit dem identifizieren zu können glaubt, was in der Bibel steht, verbietet er den Juden sogar das Lesen der Hl. Schrift. Ihr Juden, so Luther, „seid doch nicht wert, daß ihr die Biblia von außen solltet ansehen, geschweige, daß ihr drinnen lesen solltet. Ihr solltet allein die Bibel lesen, die der Sau unter dem Schwanz steht und die Buchstaben, so da selbst herausfallen, fressen und saufen. Das wäre eine Bibel für solche Propheten, die der göttlichen Majestät Wort (...) so säuisch zerwühlen und so schweinisch zerreißen.“ Man bedenke bei dieser Aussage Luthers auch seinen räuberischen Fanatismus, der den Juden wegnehmen will, was ihr ureigenstes Gut ist: die Bibel, von der nur ein kleiner Teil, eigentlich nur eine späte Appendix nach langer „Offenbarungs“-Pause, das den Christen gehörende sog. Neue Testament ist. Allen Ernstes jedenfalls fordert Luther, daß man den Juden „alle ihre Bücher nehme, Betbücher, Talmudisten, auch die ganze Bibel und nicht ein Blatt ließe“; und daß man den Ort, wo sie ihre Bibellesungen abhalten, „ihre Synagoge mit Feuer verbrenne. Und werfe hier zu, wer da kann, Schwefel und Pech. Wer auch höllisch Feuer könnt zuwerfen, wäre auch gut, auf daß Gott unseren Ernst und alle Welt solch Exempel sehen möchte“ (an anderer Stelle in derselben Schrift fordert Luther, „daß man ihre Synagoge oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht brennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacken davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren (...)“.

Um Fürsten und Volk so richtig zum Haß gegen die Juden aufzustacheln, ihnen die totale Bereitschaft zur Jagd gegen sie einzugeben, macht Luther die Juden unüberbietbar schlecht, indem er sie mit dem Teufel identifiziert: „Darum, wo du einen rechten Juden siehst, magst du mit gutem Gewissen ein Kreuz für dich schlagen und bestimmt sprechen: Da geht ein leibhaftiger Teufel.“ „Darum wisse, o lieber Christ, und zweifle nichts daran, daß du nächst nach dem Teufel keinen bittereren, giftigeren, heftigeren Feind hast denn einen rechten Juden, der mit Ernst ein Jude sein will.“ Juden sind „durstige Bluthunde und Mörder der ganzen Christenheit mit vollem Willen“. Die Fürsten und Herren ruft Luther geradezu zu Judenpogromen auf, da er sie auffordert, „daß ihr und wir alle der unleidlichen, teuflischen Last der Juden entladen werden", um „nicht vor Gott schuldig zu werden“ wegen des Versäumnisses, sie nicht verjagt zu haben. So pervertiert ist dabei Luthers Gewissen bereits, daß er seinen diesbezüglichen fürchterlichen Aufruf an die Fürsten und Herren mit dem Satz abschließt: „Ich will hiermit mein Gewissen gereinigt und von Schuld befreit haben, indem ichs treulich habe angezeigt und gewarnt.“

Und weiter geht's in der Verteufelung der Juden. Juden, so Luther, haben, wenn sie sich nicht zum Luthertum bekehren, ein „verteufeltes Maul“, daher solle man nicht „mit solchem verteufelten Maul essen, trinken und reden“, denn das wäre das Gleiche als wenn „ich aus der Schüssel oder Kanne mich voller Teufel fressen und saufen möchte.“ Wer mit den Juden Tischgemeinschaft hält, macht sich damit „gewiß teilhaftig aller Teufel, so in den Juden wohnen.“ Die Juden seien „ein solch heilloses, durch und durch böses, durchgiftetes, durchteufeltes Ding“, daß sie „1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind.“ „Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen“, und ihre von Rabbinern geführten Schulen seien „Teufelsnester“. Luthers zwanghafte Fäkalsprache, der wir bereits begegnet sind, feiert auch wieder in bezug auf die Juden peinliche Triumphe: „Hierher zum Kusse! Der Teufel hat in die Hosen geschissen und den Bauch abermals geleert. Das ist ein rechtes Heiligtum, das die Juden und was Jude sein will, küssen, fressen, saufen und anbeten sollen, und wiederum soll der Teufel auch fressen und saufen, was solche Jünger speien, oben und unten auswerfen können (...) Der Teufel frißt nun mit seinem Engelsrüssel und frißt mit Lust, was der Juden unteres und oberes Maul speit und spritzt.“ „Es ist hier zu Wittenberg an unserer Pfarrkirche eine Sau in Stein gehauen; unter ihr liegen junge Ferkel und Juden, die saugen; hinter der Sau steht ein Rabbi, der hebt der Sau das rechte Bein empor, und mit seiner linken Hand zieht er den Pirzel über sich, bückt und kuckt mit großem Fleiß der Sau unter den Pirzel in den Talmud hinein, als wollt er etwas, wozu man scharfe Augen braucht, und Außergewöhnliches lesen und ersehen.“ „Wo hat ers gelesen? Der Sau im, grob heraus, Hintern.“ Man muß zum wiederholten Mal konstatieren: Die Sprache Luthers gegen die Juden und die Gesinnung, die hinter dieser Sprache steht, sind so mörderisch und abartig, daß man Luther heute mit vollem Recht von den Menschen wegsperren, ihn entweder ins Gefängnis oder in die Klapsmühle stecken müßte. Wie oben schon ausgeführt - man sieht, ohne Übertreibung.

Damit wäre er noch gut bedient, verlangte er doch seinerseits, daß den Juden viel Schlimmeres angetan werde. Denn indem er diese so „überzeugend“ zu Teufeln erklärt hat, hatte er nun die Grundlage für ihre brutale Verfolgung geschaffen. Daß man ihre Synagogen „mit Feuer anstecken und was nicht brennen will, mit Erde überhäufen und beschütten soll“ - diese Aufforderung Luthers haben wir bereits vernommen. Aber Luther fordert in der Maßlosigkeit seines Hasses, „daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre“; man solle die dann obdachlosen Juden „in einen Stall tun wie die Zigeuner“. Ihren Rabbinern solle man „bei Leib und Leben verbieten, hinfort zu lehren“, über alle Juden aber das Verbot verhängen, die großen Landstraßen zu benutzen: „Sie sollen daheim bleiben, denn sie haben nichts auf dem Land zu schaffen“, wo sie nur Wuchergeschäfte treiben würden. Sollten sich die Juden an dieses Verbot nicht halten, möchte Luther „eine Reiterei sammeln wider sie“, die ihnen das Handwerk lege. Man solle ihnen überhaupt nicht nur „den Wucher verbieten“, sondern „nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod, an Silber und Gold.“ Die Nazis haben sich präzis an diese Devise Luthers gehalten, ebenso wie an die weiteren Anweisungen des Reformators, daß „nicht wir ihnen, sondern sie uns untertan sein sollen“ und „daß man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel“ und sie für uns arbeiten lasse. Jeder dürfe „mit Saudreck“ auf sie werfen und sie „von sich jagen“. Und "niemand sei hierin barmherzig noch gütig, denn es trifft Gottes Ehre und unser aller (...) Seligkeit an“. Mit Nachdruck verlangt Luther die Vertreibung der Juden: „Wir müssen geschieden sein und sie müssen aus unserem Lande vertrieben werden.“ Jegliche freie, öffentliche Religionsausübung möchte der Reformator den Juden verwehren: „Daß man ihnen verbiete, bei uns öffentlich Gott zu loben, zu danken, zu beten, zu lehren, bei Verlust Leibes und Lebens.“ Den „Oberherren“ schärft Luther immer wieder ein, „daß sie eine scharfe Barmherzigkeit wollten gegen diese elenden Leute üben“, daß sie "sie zur Arbeit zwingen und mit ihnen nach aller Unbarmherzigkeit umgehen wie Moses in der Wüste tat und schlug dreitausend tot.“ In bezug auf die Juden „kann man hier keine Barmherzigkeit üben, sie in ihrem Wesen zu stärken. Will das nicht helfen, so müssen wir sie wie die tollen Hunde verjagen, damit wir nicht (...) aller Laster teilhaftig mit ihnen Gottes Zorn verdienen und verdammt werden.“ So pervertiert ist das Denken Luthers, daß er überzeugt ist, mit seinen Aufrufen gegen die Juden eine überaus gute Tat gesetzt zu haben: „Ich habe das Meine getan, ein jeglicher sehe, wie er das Seine tue. Ich bin schuldlos.“

Den Greuelmärchen und Lügen der Katholiken über Brunnenvergiftungen und Ritualmorde der Juden fügt Luther eine neue raffinierte Variante hinzu. Er ist kein Ignorant, er weiß, daß alle diese bösen Behauptungen wahrheitswidrig sind. Darum bemüht er sich auch gar nicht, sie zu beweisen. Aber in nicht mehr zu überbietender Bosheit gibt er zu bedenken, daß all diese Greuelmärchen auf einer höheren Ebene doch wahr seien, weil Juden aus ihrem tiefsten Wesen heraus eben zu all dem Verbrecherischen fähig seien. O-Ton Luther: „Daher gibt man ihnen oft in den Historien Schuld, daß sie die Brunnen vergiftet, Kinder gestohlen und durch zerstechen ausgeblutet haben (...) Sie sagen wohl nein dazu. Aber es sei oder nicht, so weiß ich wohl, daß es am vollen, ganzen bereiten Willen bei ihnen nicht fehlt, wo sie mit der Tat dazukommen könnten, heimlich oder offenbar (...) Tun sie aber etwas Gutes, so wisse, daß es nicht aus Liebe noch dir zugute geschieht.“ Für die Wahrheit der Greuelmärchen über die Juden beruft sich Luther sogar auf Jesus. „Ich weiß wohl, daß sie solches und alles leugnen. Es stimmt aber alles mit dem Urteil Christi, daß sie giftige, bittere, rachgierige, tückische Schlangen, Meuchelmörder und Teufelskinder sind, die heimlich stechen und Schaden tun, solange sie es öffentlich nicht vermögen.“

Luthers Antisemitismus richtet sich sogar gegen Christen, die seinen Fanatismus nicht teilen und die Juden weiterhin human behandeln. „Wer nun Lust hat, solche giftigen Schlangen und jungen Teufel, d.h. die ärgsten Feinde Christi, unseres Herrn, und unser aller zu beherbergen, zu beköstigen und zu ehren, (...) der lasse sich diese Juden treulich anbefohlen sein. Ist es nicht genug, so lasse er sie sich auch ins Maul tun oder krieche ihnen in den Hintern und bete diesen als Heiligtum an, rühme sich danach, er sei barmherzig gewesen, habe den Teufel und seinen jungen Teufel gestärkt, zu lästern unseren Herrn und das kostbare Blut, mit dem wir Christen erkauft sind. So ist er denn ein vollkommener Christ, voller Werke der Barmherzigkeit, die ihm Christus belohnen wird am Jüngsten Tage zusammen mit den Juden in ewigem, höllischem Feuer.“

Luther hat mit seinen mörderischen Haßtiraden und praktischen Vernichtungsanleitungen gegen die Juden eine ungeheure Geschichtsschuld auf sich geladen. Diese Schuldenlast wirkt bis in unser Jahrhundert hinein. Denn da die Konstellation der Geschichte des 16. Jahrhunderts ihn zu einer außerordentlichen, wirkmächtigen Persönlichkeit gemacht hatte, mußte auch seine Judenhetze gewaltige, aber eben fatal-negative Langzeitfolgen zeitigen. Nur wenige Theologen sind bereit zuzugeben, was der Theologe Martin Stöhr ehrlich einräumt, nämlich daß Luthers Judenattacken „eine Jahrhunderte überdauernde tödliche Explosivkraft besaßen“. Luthers These, alle Juden, die sich nicht zum Luthertum bekehren wollen, seien „Lästerer“, „Räuber“, „Mörder“ und „leibhaftige Teufel“ und sie seien daher zu enteignen, gefangen zu halten, zu verjagen oder totzuschlagen, war zwar religiös, genauer christologisch motiviert, weil der Reformator die Hauptsünde der Juden in der ihnen zugeschriebenen Ablehnung und Tötung des Gottessohnes sah, aber das auf diese Weise geschaffene Reservoir an Haß und Aggression in den Köpfen und Herzen der Nachfahren Luthers konnte nun von jedem wie auch immer motivierten antisemitischen Demagogen ausgiebig genutzt werden, vor allem vom rassistischen Judenhasser Hitler. Deswegen hat man mit Recht gesagt, daß Luther wesentlich dazu beigetragen habe, „daß in den breiten Schichten des christlichen Volkes der sakramental begründete Antisemitismus vom Mittelalter her weiter wirken konnte, bis er dann durch den rassemäßig begründeten abgelöst wurde.“

Hitler selbst hat auch mehrfach betont, daß er sich in der Judenfrage mit Luther eins wisse. Nun, praktisch mißverstanden hat jener ihn gewiß nicht, und man kann nachvollziehen, daß manche die Verurteilung Hitlers bei gleichzeitig fortbestehender Ehrung Luthers anstößig finden. Und wenn Hitler gegenüber dem katholischen Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning 1936 erklärte, daß er selber in bezug auf die Juden nur das tue, was die Kirche seit 1500 Jahren tut, so dürfte er auch bei dieser Aussage den gewaltigen Beitrag Luthers zu den vielen antisemitischen Aktionen beider Großkirchen nicht übersehen haben.

„Daß (...) Hitler ganz bewußt an die lutherische Tradition der Judenverfolgung angeknüpft hat, zeigt auch die Tatsache, daß die ‚Reichskristallnacht‘, in welcher die Nazis über die Juden herfielen, vom 9. auf den 10. November (1938) war. Am 10. November hatte nämlich Martin Luther Geburtstag. Im übrigen hat ja Hitler nichts anderes mit den Juden getan, als was Prof. Dr. Luther gepredigt hatte.““

Hubertus Mynarek übertreibt keineswegs. Das wird vor allem dann deutlich, wenn mensch das Original von „Von den Juden und ihren Lügen“ liest. Karl-Heinz Büchner, Bernd P. Kammermeier, Reinhold Schlotz und Robert Zwilling als Herausgeber schreiben: „Diese Ausgabe stellt erstmals Luthers Originaltext einer werkgetreuen Übertragung in heutiges Deutsch gegenüber – ergänzt durch eine Einführung und 200 Begriffserläuterungen. Dies ermöglicht es, die fatale Wirkung des Reformators zur Verbreitung der Judenfeindschaft zu erkennen.“

Von Anfang bis Ende wird in diesem gar nicht so kleinen Buch auf übelste Weise gehetzt. Es ist nur schwer vorstellbar, dass in deutscher Sprache etwas Widerwärtigeres gedruckt worden sein könnte.

Siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/285-antisemitismus.html

 

Unmittelbare Auswirkungen der Reformation

 

Tumultus

 

Erneuerung bringt Schaden

 

Zweig: „»Ich habe besser für das Evangelium gesorgt«, antwortet er stolz, »als viele, welche sich jetzt mit dem Evangelium brüsten. Ich sehe, daß diese Erneuerung viel verderbte und aufrührerische Menschen erzeugt hat, und ich sehe, daß es mit den schönen Wissenschaften den Krebsgang geht, daß Freundschaften zerrissen werden, ich fürchte, daß ein blutiger Aufruhr entstehen wird. Mich aber wird nichts veranlassen, das Evangelium menschlichen Leidenschaften preiszugeben.«“

 

Ernte dessen, was gesät wurde

 

Zweig: „»Wir ernten jetzt die Frucht Deines Geistes«, kann Erasmus ihm nun mit Recht zurufen, »Du erkennst die Aufrührer nicht an, aber sie erkennen Dich an ... Du widerlegst die allgemeine Überzeugung nicht, daß zu diesem Unheil Anlaß gegeben wurde durch Deine Bücher, zumal die in deutscher Sprache verfaßten.«“

 

Furchtbare Unnachgiebigkeit

 

Zweig: „Zum erstenmal fehlt also jene furchtbare Unnachgiebigkeit, die vordem und nachdem in deutschen Glaubenssachen waltet, und durch diese Entspannung des Fanatismus ist eine ungeheure Möglichkeit gegeben. Denn gelänge Verständigung im Sinne des Erasmus zwischen der alten Kirche und der neuen Lehre, dann wäre Deutschland, wäre die Welt im Geistigen wieder geeint, der hundertjährige Glaubenskrieg, Bürgerkrieg, Staatenkrieg mit allen seinen gräßlichen Zerstörungen kultureller und materieller Werte könnte vermieden werden. Die moralische Oberherrschaft Deutschlands in der Welt wäre gesichert, die Schmach der Glaubensverfolgungen vermieden. Es müßten keine Scheiterhaufen brennen, Index und Inquisition brauchten nicht ihre grausamen Brandmale auf die Freiheit des Geistes zu drücken, unermeßliches Elend würde dem geprüften Europa erspart. Nur eine kleine Spanne eigentlich trennt mehr die Gegner. Wird sie durch gegenseitiges Entgegenkommen überwunden, so hat die Vernunft, so hat die Sache des Humanismus, so hat Erasmus noch einmal gesiegt.“

 

Zerreissen der Christenheit

 

Zweig: "Dieser eine und einzige Mann ist Erasmus, und Kaiser Karl, der Herr beider Welten, hat ihn ausdrücklich zum Reichstag geladen, er hat vordem seinen Rat und seine Vermittlung angesprochen. Aber tragisch wiederholt sich die Form des erasmischen Schicksals, daß es diesem vorausschauenden und doch nie sich vorwagenden Manne immer nur gegeben war, welthistorische Augenblicke wie kein anderer zu erkennen und doch die Entscheidung durch persönliche Schwäche, durch eine unheilbare Mutlosigkeit zu versäumen: hier erneuert sich seine historische Schuld. Genau wie auf dem Reichstag zu Worms fehlt Erasmus auf dem Reichstag in Augsburg; er kann sich nicht entschließen, mit seiner Person vor seine Sache, seine Überzeugung zu treten. Gewiß, er schreibt Briefe, viele Briefe an beide Parteien, sehr kluge, sehr menschliche, sehr überzeugende Briefe, er sucht seine Freunde in beiden Lagern, Melanchthon und andererseits den Gesandten des Papstes, zu äußerstem Entgegenkommen zu bewegen. Aber niemals hat das geschriebene Wort in gespannter Schicksalsstunde die Kraft des blutwarmen und lebendigen Anrufs, und dann, auch Luther sendet ja aus Coburg Botschaft um Botschaft, um Melanchthon härter und unnachgiebiger zu machen, als sein inneres Wesen wollte. Zum Schluß versteifen sich neuerdings die Gegensätze, weil der rechte, der geniale Mittler persönlich fehlt: in unzähligen Diskussionen wird der Gedanke der Verständigung wie ein fruchtbares Samenkorn zerrieben zwischen den Mühlsteinen. Das große Konzil von Augsburg zerreißt die Christenheit, die es verbinden wollte, endgültig in zwei Glaubenshälften, statt Frieden steht Zwietracht über der Welt. Hart zieht Luther seinen Schluß: »Wird ein Krieg daraus, so werde er daraus, wir haben genug geboten und getan.« Und tragisch Erasmus: »Wenn Du furchtbare Wirrnisse in der Welt wirst entstehen sehen, dann denke daran, daß Erasmus sie vorausgesagt hat.«

Von diesem Tage an, da seine »erasmische« Idee die letzte, die entscheidende Niederlage erlebt, ist dieser alte Mann in seinem Büchergehäuse zu Freiburg nur mehr ein unnützes Wesen, ein fahler Schatten seines einstigen Ruhmes. Und er fühlt es selbst am besten, daß ein Mann der stillen Nachgiebigkeit fehl am Ort ist »in diesem lärmenden oder, besser gesagt, tollwütigen Zeitalter«. Wozu noch lang diesen gebrechlichen, gichtkranken Körper durch die aller friedlichen Gesinnung entfremdete Welt schleppen? Erasmus ist müde geworden des einst so geliebten Lebens; erschütternd bricht von seinen Lippen der flehende Anruf, »daß Gott mich doch endlich zu sich nehmen wollte aus dieser rasenden Welt!« Denn wo hat das Geistige noch eine Stätte, wenn der Fanatismus die Herzen aufpeitscht? Das hohe Reich des Humanismus, das er erbaut, ist berannt von den Feinden und halb schon erobert, vorbei sind die Zeiten der »eruditio et eloquentia«, die Menschen hören nicht mehr auf das feine, das wohlerwogene Wort der Dichtung, sondern einzig auf das grobe und leidenschaftliche der Politik. Das Denken ist dem Rottenwahn verfallen, es hat sich uniformiert in Lutherisch oder Papistisch, die Gelehrten kämpfen nicht mehr mit eleganten Briefen und Broschüren, sondern werfen einander nach Marktweiberart grobe und ordinäre Schimpfworte zu, keiner will den anderen verstehen, sondern jeder dem anderen seinen Parteiglauben, seine Doktrin wie ein Brandmal gewaltsam aufpressen, und wehe denen, die abseits bleiben wollen und ihrem eigenen Bekenntnis anhängen: sie, die zwischen den Parteien und über ihnen stehen wollen, gegen sie wendet sich zweifacher Haß! Wie einsam wird es in solchen Zeiten um den, der nur am Geistigen hängt! Ach, für wen soll man noch schreiben, wenn inmitten des politischen Gebelfers und Geschreis die Ohren taub geworden sind für die feinen Zwischentöne, für die zarte und eindringliche Ironie, mit wem über die Gotteslehre theologisch disputieren, seit sie in die Hände der Doktrinäre und Zeloten gefallen ist, die als letztes und bestes Argument ihres Rechthabens die Soldateska aufrufen, die Reiterhaufen und die Kanonen? Eine Treibjagd gegen Andersdenkende und Freidenkende hat begonnen, die Diktatur der Einseitigkeit: mit Morgensternen und Henkersschwertern glaubt man dem Christentum zu dienen, und gerade die Geistigsten, die Kühnsten unter den Bekennern ergreift die roheste Gewalt. Der Tumult ist gekommen, den er vorausgesagt; aus allen Ländern schmettern Schreckensbotschaften in sein verzweifeltes und müdes Herz. In Paris hat man seinen Übersetzer und Schüler Berquin an langsamem Feuer verbrannt, in England seinen geliebten John Fisher und Thomas Morus, seine edelsten Freunde, unter das Beil geschleppt (selig, wer die Kraft hat, für seinen Glauben Märtyrer zu sein!), und Erasmus stöhnt, da er die Botschaft vernimmt: »Mir ist es, als sei ich in ihnen selber gestorben.« Zwingli, mit dem er oftmals Briefe und freundliche Worte gewechselt, haben sie erschlagen auf dem Schlachtfeld von Kappel, Thomas Münzer zu Tode gefoltert mit Torturen, wie sie Heiden und Chinesen nicht grimmiger erdenken könnten. Den Wiedertäufern reißen sie die Zunge aus, die Prediger zerfleischen sie mit glühenden Zangen und rösten sie am Ketzerpfahl, sie plündern die Kirchen, sie verbrennen die Bücher, sie verbrennen die Städte. Rom, die Herrlichkeit der Welt, haben die Landsknechte verwüstet – o Gott, welche bestialischen Instinkte toben sich in Deinem Namen aus! Nein, die Welt hat keinen Raum mehr für Freiheit des Denkens, für Verständnis und Nachsicht, diese Urgedanken der humanistischen Lehre. Die Künste können nicht gedeihen auf so blutigem Boden, vorbei ist für Jahrzehnte, für Jahrhunderte, vielleicht sogar für immer die Zeit übernationaler Gemeinschaft, und auch das Latein, diese letzte Sprache des geeinten Europas, die Sprache seines Herzens stirbt ab: so stirb auch du, Erasmus!“

 

Die Bauernkriege wurden bereits angesprochen. Das Zeitalter der Glaubenskriege bis hin zum 30jährigen Krieg ist angebrochen.

 

Bildersturm

 

Aus „Wikipedia“: „Der reformatorische Bildersturm war eine Begleiterscheinung der Reformation im 16. Jahrhundert. Auf Weisung reformatorischer Theologen und der Obrigkeiten, die die reformatorische Lehre angenommen hatten, wurden Gemälde, Skulpturen, Kirchenfenster und andere Bildwerke mit Darstellungen Christi und der Heiligen sowie weiterer Kirchenschmuck − teilweise auch Kirchenorgeln − aus den Kirchen entfernt, teils verkauft oder beschlagnahmt, zerstört oder beschädigt.

Der Bildersturm betraf Städte und Dörfer in ganz Europa, vor allem im Heiligen Römischen Reich (1522–1566) einschließlich der Schweiz und der Burgundischen Niederlande (1566) …

Durch den Bildersturm gingen sehr viele Kunstgegenstände des Mittelalters unwiederbringlich verloren.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Reformatorischer_Bildersturm

 

Sacco di Roma

 

Aus „Wikipedia“: „Der Sacco di Roma (italienisch sacco, veralteter Ausdruck für „Plünderung“) war die Plünderung Roms und des Kirchenstaats ab dem 6. Mai 1527 durch deutsche Landsknechte und spanische sowie italienische Söldner. Über die Italienischen Kriege hinaus gilt der Sacco di Roma als ein Höhepunkt der Gewaltexzesse im Krieg durch von ihrer Führung nicht kontrollierbare Söldnerheere.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Sacco_di_Roma

Dazu ließe sich noch schreiben, dass es sich hauptsächlich um protestantische Landsknechte handelte.

Gerne wiederholt der Wurm die schon weiter oben zitierten Worte Martin Luthers: „Wenn wir“, so Luther weiter, „Diebe strafen mit dem Galgen, Räuber mit dem Schwert, Ketzer mit dem Feuer, warum brauchen wir da nicht jeder Art Waffen wider solche Lehrer der Verderbtheit, wider diese Kardinäle, Päpste und die ganze Grundsuppe des römischen Sodoms und waschen unsere Hände in ihrem Blut?“

„Höhepunkt der Gewaltexzesse im Krieg“ ist noch verharmlosend ausgedrückt gegenüber dem, was da tatsächlich passierte.

 

Augsburger Religionsfriede

 

„Religionsfriede“ hört sich positiv an und wird meistens auch positiv vermittelt. Welche Auswirkungen dieser „Friede“ auf die einfache Bevölkerung hatte, schildert Bernt Engelmann:

„Wie die in diesen Zwergstaaten von Jahr zu Jahr selbstherrlicher regierenden großen und kleinen Feudalherren ihre Macht handhabten und wie sie die Gefühle ihrer Untertanen mißachteten, zeigt die im sogenannten Augsburger Religionsfrieden von 1555 - der aber beileibe keinen wirklichen Frieden brachte! - den Landesherren ausdrücklich zugesprochene Befugnis, allein darüber zu bestimmen, welche Konfession ihre „Landeskinder“ anzunehmen hätten. „Wessen das Land, dessen die Religion“, lautete die entsprechende Bestimmung in deutscher Übersetzung (denn wichtige Verträge, die das niedere Volk als bloßes Objekt ja nichts angingen, wurden noch in der lateinischen Herrensprache abgefaßt). Und da durch Erbteilungen, Eroberungen, Käufe und Verkäufe sowie noch aus vielen anderen Gründen die Landesherren häufig wechselten - mancherorts rascher, als dem niederen Volk das Hemd zu wechseln vergönnt war -, mußten die mit-erbgeteilten, -eroberten oder -verkauften Untertanen, mitunter mehrmals in ihrem Leben, dem eben noch rechtmäßigen Glauben abschwöien und unverzüglich einen anderen annehmen. Damals, als die Religiosität noch groß und die Anhänglichkeit an die anerzogene Glaubenslehre der stärkste Halt im Leben jeder Familie war, bedeutete diese Willkür einen weit grausameren Akt der Nötigung, als man sich dies heute vorzustellen vermag.

Es war, als wenn heute ein Großunternehmen wie die Daimler-Benz AG, infolge Verkaufs der Aktienmehrheit seitens der Großaktionärsfamilien Flick und Quandt an Seine Hoheit Scheik Sabah as-Salem as-Sabah von Kuweit, durch alle Abteilungsleiter und Obermeister ihren sämtlichen 145.000 Beschäftigten mitteilen ließe: „Von heute an sind alle Angestellten und Arbeiter Mohammedaner. Auf Genuß von Alkohol oder Schweinefleisch steht ab sofort die Todesstrafe. Wer dagegen aufmuckt, wird ebenfalls erschossen. Angehörigen der lieben Betriebsfamilie, die - vom Unterabteilungsleiter oder Meister aufwärts - Entscheidungsbefugnisse haben, wird gestattet, innerhalb einer Frist von sieben Tagen zu kündigen und, unter Verzicht auf Gehalts- und sonstige Ansprüche sowie unter Zurücklassung ihrer nicht beweglichen Habe, in die Schweiz auszureisen. Bis zur Fertigstellung werkseigener Moscheen für alle Betriebsangehörigen und deren Familienmitglieder wird fünfmal täglich in allen Kantinen und Kasinos ein zehnminütiges Gebet verrichtet. Teilnahme ist Pflicht; der Zeitverlust wird nicht vergütet.“

So grotesk sich dergleichen heute anhört, so schrecklich war es damals für die einfachen Leute. Doch sie wagten nicht, dagegen aufzubegehren, denn die Angst vor dem Terror der Feudalherren-Polizei saß ihnen im Nacken.“

 

„Kompliziert wurde dieser Wirrwarr noch dadurch, daß einige der Zwergstaaten zwar eigene Verwaltung und Gesetze hatten, aber mit anderen Ländchen einen gemeinsamen Herrn; wobei diese Landesherren durch Geburt, Tod, Heiraten und Erbschaften, aber auch durch Tausch, Kauf, Verkauf und Eroberung ständig wechselten, hier ein kleines Staatsgebilde sich zusammenschloß, dort ein anderes auseinanderfiel.

Wie solche Miniaturstaaten entstehen konnten und wie es dort bis ins 19. Jahrhundert hinein zuging, sei am Beispiel eines Staates von mehr als durchschnittlicher Bedeutung erläutert, der zwar nicht zu den innerdeutschen „Großmächten“ gehörte, aber doch erheblich mehr Gewicht hatte als die Masse der freien Städtchen, Dörfer und Herrschaften.

Die badischen Lande, denn um sie handelt es sich bei unserem Beispiel, waren zu Beginn des 16. Jahrhunderts, noch vor der großen Erhebung der Bauern und Bürger, unter dem - später wegen weit fortgeschrittener Geisteskrankheit entmündigten - Markgrafen Christian durch Erbschaft, Heirat und Eroberungen unter seiner Alleinherrschaft zusammengeschlossen worden. Christians Söhne teilten aber 1527 die Markgrafschaft zwischen sich in Baden-Baden und Baden-Durlach.

Die miteinander verfeindeten Brüder verfolgten grundverschiedene Interessen. Infolgedessen wurde Baden-Baden schon bald nach der Reformation, die von der Bevölkerung lebhaft begrüßt worden war, wieder zwangsweise römisch-katholisch, und der Landesherr und seine Nachfolger orientierten sich politisch an den Habsburgern. Baden-Durlach blieb zunächst reformiert und unterstützte die Sache der Protestanten. Nachdem Baden-Baden 1588 an die Nebenlinie Rodemachern gefallen war, herrschte dort zwölf Jahre lang der „tolle Markgraf“ Eduard Fortunatus - ein Mann, wie geschaffen für die Rolle eines der Gangsterführer kleineren Formats unserer Beispiele in den früheren Kapiteln. Er war bei seinem Regierungsantritt so verschuldet, daß er versuchte, sein Ländchen samt den Einwohnern an die reichen Augsburger Fugger zu verkaufen.

Als der Handel dann nicht zustande kam, verlegte sich Eduard Fortunatus auf Raubüberfälle, bei denen er selbst mit einigen seiner Leute aus dem Hinterhalt Warentransporte und Postkutschen überfiel. Später betrieb er vor allem Falschmünzerei, indem er ausländisches Geld aus minderwertigem Metall anfertigen ließ und in Umlauf setzte.

Seinen über Baden-Durlach herrschenden (reformierten) Vetter versuchte er, allerdings vergeblich, ermorden zu lassen, weil dieser sich geweigert hatte, den Söhnen des „tollen (und katholischen) Markgrafen“ Erbfolgerechte zuzubilligen. Diese Söhne stammten aus einer Verbindung des Baden-Badeners mit einem Dienstmädchen namens Marie, das ihm ein durchreisender Engländer überlassen hatfe. Und als sich Markgraf Eduard Fortunatus dann im Vollrausch beim Sturz von einer steilen Wirtshaustreppe das Genick brach, übernahmen die Durlacher die ihrer Meinung nach verwaisten Baden-Badener Lande und führten dort die Reformation ein.

Im Jahre 1622; kurz nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges, erhielt der Älteste des Mädchens Marie vom Kaiser die Anerkennung als Markgraf von Baden-Baden, nachdem er zuvor versprochen hatte, seine Untertanen sofort wieder zum katholischen Glauben zurückzuführen und die Kaiserlichen im Krieg gegen die Protestanten zu unterstützen. Mit Hilfe spanischer Söldner der Habsburger übernahm er die Herrschaft in Baden-Baden, holte Jesuiten ins Land und ließ sie dort die konfessionelle „Ordnung“ wiederherstellen. Für viele seiner neuen Untertanen war dies bereits der dritte Glaubenswechsel in ihrem Leben.

Während des Dreißigjährigen Krieges mußten die Badener noch mehrfach die Konfession wechseln, je nachdem, wer gerade die Oberhand hatte. Beide Markgrafschaften erduldeten viel Ungemach, aber erst nach dem Westfälischen Frieden, durch den Maries Sohn Markgraf im katholischen Baden-Baden blieb und die Durlacher ihr katholisch gewordenes, nun wieder zu reformierendes Ländchen zurückerhielten, begann die eigentliche Schreckenszeit …“

 

Luther heute

 

Oberman: „Wo könnte eine solche Person wie Martin Luther heute ihren Platz finden, für welches Amt würden ihn seine Veranlagungen empfehlen?

Falls es heute noch eine Universität in Wittenberg gäbe - sie wurde im Jahre 1815 mit der Universität Halle vereinigt - so wäre er einer Berufung dorthin keineswegs sicher; in Heidelberg oder Marburg wäre die Lage nicht anders. Der erasmianische Typ des lebensfernen Studierstubengelehrten hat sich international durchgesetzt. Falls ein Lehrstuhl frei würde, sei es in Tübingen oder Utrecht, suchte man ihn vergeblich unter den Bewerbern - berufen muß man sein, gestoßen wider Willen. Falls man ihn an einer theologischen Fakultät dennoch in die engere Wahl zöge, entsteht das Problem, welches Fach Luther heute zu Lehren hätte. Der Professor für biblische Theologie kommt heute wohl am ehesten für die praktische Theologie in Frage.

Doch dafür wäre er zu konservativ, viel zu fromm und obendrein ‚katholisierend‘ und dem Mittelalter arg verpflichtet, nicht auf der Höhe der Zeit. Was seinen Lehrerfolg betrifft, gäbe es allerdings kaum Bedenken. Er wäre aber als Kollege zu unbequem, unwillig auch, sich Mehrheiten zu fügen, vor allem ungeeignet, im heutigen ökumenischen Betrieb jene Fragen zu verschweigen, die Christen trennen. Ihn treiben eigentümliche Gedanken über den Teufel und den Jüngsten Tag. Was den Teufel betrifft, so hat er die Aufklärung noch nicht hinter sich und müßte sich ernsthaft fragen lassen: „... was er ohne den Teufel angefangen hätte, ohne die Möglichkeit, die grotesken und peinlichen Widersprüche seiner Lage dem personifizierten Bösen zuzuschreiben?“ Wie befremdlich hörte sich seine Antwort an, daß es ihm ohne Teufel sogar noch schlechter gehen würde, denn auch Gott wäre ihm dann fern gerückt! Ob ihn der Hinweis auf die Projektionstheorie überzeugen würde, muß offen bleiben; er ist mißtrauisch gegenüber Lösungen, die ‚natürlich ganz klar‘ sind, und empfindet Widersprüche vielmehr als Beweis der Wahrheitsnähe.

In der Fakultätspolitik ist er bestimmt ein unberechenbarer Faktor: Er beschäftigt sich - wie im Herbst 1517 - mit Studienreformen und legt sogar umfassende Pläne vor, die auch Anklang bei der Studentengeneration finden, die seinen Hörsaal überfüllt. Doch wenn dann, wie im Sommer 1520, ein Großteil dieser Studenten sich mit den Malergesellen schlägt und Krawalle verursacht, predigt er öffentlich gegen sie und verläßt sogar wütend die Sitzung, als Rektor und Senat der Universität die Studenten in Schutz zu nehmen suchen.

Eine spitze, häufig sogar zu grobe Feder führt er in der Auseinandersetzung mit Kollegen. Was Pauschalurteile über ganze Gruppen betrifft, da übertrifft er sich selber und steigert sich zu wütenden Tiraden. Vor allem wettert er gegen Papisten, Juden, Juristen und höhere Beamte: Sie alle ersticken das Leben des Menschen mit erfundenen ‚Gerechtigkeiten‘, die das Gemeinwohl unterwandern. Dem Kultusministerium hätte er sich kaum gebeugt, ‚politisch zuverlässig‘ war er nicht.

Eine psychiatrische Analyse würde Luther um den Rest seiner Chancen bringen, an einer heutigen Universität lehren zu können. Das Ergebnis des psychologischen Gutachtens würde überzeugen: Paranoia reformatorica. Die inhaltliche Füllung der Diagnose bleibt allerdings ärgerlich ungewiß. Sie reicht von der Neurose zur Psychose, vom Oedipus- zum Mutterkomplex. Furcht vor Gott und Abscheu vor dem Teufel weisen auf gestörte Entwicklungsphasen der Kindheit. Sie stören tatsächlich.“

 

Heute verfassungsfeindlich

 

Mynarek: „Die Rechtsanwälte C. Sailer und G.-J. Hetzel begründen in ihrer Schrift über gewisse verfassungsfeindliche Umtriebe in allen Einzelheiten, daß „Luther nach heutigem Rechtsverständnis ein Krimineller war, den der Staatsanwalt sofort verhaften ließe, wenn er seiner habhaft würde - wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB), Anstiftung zum Mord (§§ 26,211 StGB), Anstiftung zum Landfriedensbruch (§§ 26,125 StGB) und Anstiftung zur schweren Brandstiftung (§§ 26,306 StGB)“.“

 

Fragen an heutzutagige Menschen

 

Was müsste ein Mensch sagen oder tun, um noch widerlicher zu sein oder noch größeres Unheil anzurichten als Martin Luther?

Was sagen all die Gutmenschen und politisch Korrekten dazu, die ansonsten jedes einzelne Wort auf die Goldwaage legen?

Was sagt deren militanter Flügel dazu, der auf seinen Demonstrationen gerne Israel-Flaggen schwenkt?

Was ist von einem Staat zu halten, für den Martin Luther schon fast ein Säulen-Heiliger ist und der es fertig bringt, einen nationalen Feiertag anzuordnen, um das zu feiern, was er angerichtet hat?

Was ist von einer Religion zu halten, die Martin Luther sehr ernst und beim Wort genommen hat und wodurch er überhaupt so geworden ist? Eine humanistische Religion ohne Verdammnis, Hölle, Teufel, Hexen, Ketzer, Frauen-Feindlichkeit, Antisemitismus? – Auch, wenn christliche und staatliche Propaganda anderes verbreiten: exakt dies sind die wesentlichen Inhalte des Christentums. Ein heutiger Humanist muss ausdrücklich gegen den christlichen Glauben sein.

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm