In Mainz fallen derzeit zahlreiche Züge aus, und der Regionalverkehr läuft nur eingeschränkt. Fernverkehrszüge wie ICE werden teils umgeleitet oder halten an anderen Bahnhöfen. Grund ist ein Personalengpass im Mainzer Bahnstellwerk.

Ist ja auch mal Zeit geworden, dass das Sparen am Personal bei der Bahn mal so richtig offensichtlich wird. Der Personalbestand wurde in den letzten Jahren stark ausgedünnt, so dass konzernweit 8 Millionen Überstunden und 9 Millionen Stunden ausstehender Urlaub aufgelaufen sind. Es wäre schön gewesen, wenn den Mitarbeitern wenigstens das Gefühl gegeben worden wäre, wichtig zu sein. Bei vielen wird das Gegenteil der Fall gewesen sein. Mit der Folge, dass die Identifikation der Mitarbeiter mit der Bahn sehr gesunken ist. Und das bei einem Unternehmen, bei dem schon Kinder davon geträumt haben, dort arbeiten zu dürfen.

Wie es bei den Menschen halt so üblich ist: so lange es noch „irgendwie“ geht, wird mit Fehlentwicklungen so weiter gemacht wie bisher. Erst dann, wenn es so richtig „kracht“ und deutlich wird, dass es weiter krachen wird, so lange nichts passiert – erst dann suchen die nach Lösungsmöglichkeiten.

Für die Betroffenen ist die aktuelle Situation in Mainz alles andere als schön, aber mittelfristig besteht die Hoffnung, dass die Bahn aus ihren Fehlern lernt und die Problemfelder bereinigt.

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Weniger Hoffnung hat der Wurm für die Gesamtwirtschaft. Denn die Bahn ist kein Einzelfall, sondern steht für die Entwicklung der Wirtschaft in den letzten 20 Jahren: Die Gewinne müssen immer höher und immer kurzfristiger ausfallen. Vor allem wird das erreicht durch massiven Personalabbau. Das ist nicht schön für die gekündigten Arbeitnehmer, aber auch nicht für diejenigen, die bleiben. Teilweise mag es sinnvolle Rationalisierungen geben – sehr häufig ist das aber nicht der Fall.

Viele identifizieren sich mit ihrem Unternehmen und arbeiten freiwillig mehr und länger; viele müssen es tun und machen das gar nicht gern. Und werden dazu oft recht „unsanft“ behandelt. Folgen sind zunehmender Stress und Krankheit. Wer selbst schon (nach der Arbeit) Stunden lang die Wand angestarrt hat und zu nichts Sinnvollem mehr zu gebrauchen war und selbst mehrfach (während der Arbeit) bei anderen Hörstürze, Kreislaufzusammenbrüche oder Herzinfarkte miterleben musste, weiss, was der Wurm meint.

Die Einsparungen beim Personal sind aber selbst für die Unternehmen nicht gut, denn immer wieder kommt es zu Engpässen in der Personaldecke, vor allem beim Fachpersonal. In früheren Zeiten gab es noch Reserven für den Notfall, den Älteren ist der Ausdruck „Springer“ vielleicht noch geläufig. Da die eigenen Mitarbeiter heutzutage oft nur noch „Zahlen“ sind, wurden wg. Gewinn-Maximierung diese Reserven zum größten Teil abgeschafft.

Wehe, wenn es dann tatsächlich mal zum Engpass kommt. Welche Folgen das haben kann, ist derzeit bei der Bahn zu sehen. Gut möglich, dass die Bahn aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Unwahrscheinlich, aber sehr wünschenswert wäre es, wenn auch andere Unternehmen aus der aktuellen Situation lernen würden.