Zum Bundestags-Wahlkampf hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière einen zehn Punkte umfassenden Katalog zur Skizzierung einer "deutschen Leitkultur" veröffentlicht http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-04/thomas-demaiziere-innenminister-leitkultur und die AfD plakatiert den Begriff der Leitkultur.

Was in beiden Fällen reichlich daneben war.

Ein Grund mehr, an den Schöpfer des Begriffes der „Leitkultur“ zu erinnern, der damit allerdings etwas ganz anderes als eine deutsche Leitkultur meinte, sondern eine europäische: Bassam Tibi.

Um es in den Worten des Wurms auszudrücken: Die internationalen Verkehrsregeln sind so etwas wie eine Leitkultur. Für alle Verkehrsteilnehmer ist es sinnvoll und unerlässlich, die Verkehrsregeln zu kennen und sie zu respektieren. Wer bei Rot über die Ampel fährt, maßlos zu schnell fährt oder Fußgänger auf dem Zebrastreifen überfährt, wird zum Wohle der anderen erst ermahnt, dann bestraft und schließlich aus dem Verkehr gezogen.

Der Wurm schätzt Bassam Tibi sehr und hält ihn für eine der wichtigsten Personen des Landes. Siehe vor allem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/235-die-wiedergeburt-des-bassam-tibi.html . Mit einer umfangreichen Einführung versehen, ist sein zuerst 1998 erschienenes Buch „Europa ohne Identität? – Europäisierung oder Islamisierung“ (mit früher unterschiedlichen Untertiteln) jetzt neu erschienen.

Das Buch bietet nicht die Weltformel. So geht es kaum auf die Haupt-Ursachen der Migration nach Europa ein (Überbevölkerung, Kriege). Das Thema des Buches ist, dass es diese Migration gibt, welches die Folgen davon sind und wie Europa damit umgeht.

Bassam Tibi wiederholt sich an mehreren Stellen, was aber kein Fehler ist und das Geschriebene nur unterstreicht.

Wo kommen Entwicklungen her und wo führen sie hin? Bassam Tibi macht das so deutlich wie kaum ein anderer. Um ein Problem zu lösen, muss mensch es erst einmal kennen und um zu wissen, wohin die Zukunft führt, muss mensch wissen, wo er steht und wie er dahin gekommen ist.

Bassam Tibi bringt das dermaßen gut auf den Punkt, dass ihn der Wurm ausführlich mit dessen eigenen Worten zitieren möchte.

Nichtsdestotrotz handelt es sich nur um Teile des Buches, die der Wurm für sich neu geordnet und interpretiert hat. Jeder Interessierte sollte selbst das ganze Buch lesen und seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

 

Worum es geht

 

4 Themen

 

„Nach diesen Klarstellungen ist es nun ebenso klar, über welche Themen wir hier reden. Resümierend möchte ich sie wie folgt aufstellen:

1. Es geht um die kulturübergreifende Universalität des Rationalismus. In Europa geht es darum, den europäischen Werten der Aufklärung und den individuellen Menschenrechten den Vorzug zu geben und sie zu verteidigen. Dies ist kein Rassismus, wie Kulturrelativisten behaupten. Das Gegenteil wäre, die Idee Europa aufzugeben und in der Folge Europa selbst.

2. Ich behaupte, dass Postmodernisten und die neuen Linken antiwestlich sind, weil sie die zivilisatorische Identität Europas kontaminieren und letztendlich aufgeben. Die Multikulti-Schablone des Kampfes für die Identität der Minderheiten der Migrantenkulturen und deren Schutz auf Kosten der europäischen Identität dient diesem Kreis nur als ein Ersatz für den überholten marxistischen Klassenkampf des Proletariats, also als ein neuer Kampf mit neuem Subjekt. Europa mit Kapitalismus gleichzusetzen ist die größte Dummheit des 21. Jahrhunderts.

3. Ein Brückenbau zwischen den Zivilisationen im Sinne von Cross-Cultural Bridging (so der Untertitel meines Buches Islam and Global Politics von 2012) ist nur möglich, wenn der Dialog ohne Täuschungen von islamischer Seite und ohne Wunschdenken von westlicher Seite erfolgen kann. In diesem Zusammenhang argumentiere ich für eine genuine Hybridisierung und für dringende islamische Reformen. Die Vision eines europäischen Islam, die ich in Abschnitt 7 erläutere, kann nur Realität werden, wenn Muslime und gleichermaßen Europäer dafür in der Sache eintreten und es nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleibt. Leider ist dies nicht der Fall. Deshalb auch mein Artikel Ich kapituliere in der Juni-Ausgabe 2016 des Cicero.

4. Und schließlich biete ich diese Deutung, verbunden mit einer Perspektive: Ein Zivilisationskonflikt geht aus normativen Positionsdifferenzen hervor und ist auf keinen Fall ein „Kampf der Kulturen“. Wenn die europäische Zivilisation sich zu ihrer Identität als Asabiyya / Esprit de corps bekennt, kann sie eine Integration der Muslime als Inklusion praktizieren. Mit Nihilismus hingegen kann niemand integriert werden. Eine Eingliederung von Flüchtlingen in Europa als Integration erfolgt in Etwas, und dieses Etwas ist die europäische Leitkultur, die ich in Abschnitt 8 diskutiere. Eine Vorwarnung: Diese politische Kultur ist alles andere als die unterstellte „deutsche Leitkultur“, die ich aus Gründen ablehne, die ich gleich zu Beginn des Abschnittes über die Leikulturdebatte angeben werde.

Noch einmal abschließend und resümierend auf die Frage hin: „What are we talking about?“ Die Antwort lautet: Wir sprechen über Probleme sowie über mögliche nicht nur friedliche, sondern auch ehrliche Lösungen. Ganz gewiss sprechen wir nicht moralisierend darüber, dass Islam, Judentum und Christentum abrahamitische Religionen seien, die denselben Gott und deshalb keine Schwierigkeiten miteinander hätten. Eine solche Diskussion ist ein Luxus für Theologen. Ich bin Sozialwissenschaftler und interessiere mich vorwiegend für gesellschaftliche Probleme. Zwar habe ich nichts gegen die Formel „abrahamitische Religionen“ einzuwenden, aber mich stört diese Diskussion, wenn sie dazu benutzt wird, Probleme vom Tisch zu wischen.“

 

Geschrieben für aufgeschlossene Europäer

 

„Mein Buch wendet sich an aufgeschlossene Europäer, von denen ich als Mitbürger akzeptiert werden möchte, um ihnen in Zeiten der Sinnkrise Orientierung zu bieten. Es liegt mir fern, den Lehrmeister herauszukehren, noch will ich Selbstherrlichkeit demonstrieren. Dies wäre nichts anderes als eine Umkehrung der Euro-Arroganz. Eine Verherrlichung von „Dritte-Welt-Kulturen“ gegen Europa ist mir fremd. Auch halte ich nichts von der Arroganz islamischer Fundamentalisten gegenüber den „dekadenten“ Europäern. Als ein Kritiker Europas bin ich weder antiwestlich eingestellt, noch hasse ich Europa.“

 

Europäische Identität: Individualität

 

„Wie Horkheimer als Europäer weiß, was Kommunismus und Faschismus sind, weiß ich als Syrer, was orientalischer Patriarchalismus und totalitäre Herrschaft sind. Ich wuchs auf in einer orientalischen Despotie. In den Studienjahren in Frankfurt genoss ich die Freiheit der kulturellen Moderne, die ich in der Tradition Horkheimers kennenlernte und heute gegen vormoderne Kulturen verteidige. Ich habe keinen „Respekt“ für vormoderne Kulturen der Kollektive, die meine Freiheit als ein Individuum verneinen!

Im westlichen Europa gilt der Mensch als vernunftbegabtes Individuum und nicht als Angehöriger eines religiösen oder ethnischen Kollektivs. Die europäische Zivilisation beruht auf dem Prinzip der Individuation (principium individuationis), nicht auf dem Christentum, wie unbelehrbare christliche Kirchenväter unermüdlich in den ihnen zu Füßen liegenden Medien behaupten. Es ist ein Faktum und keine Ideologie zu behaupten, dass die europäische Identität auf der säkularen Moderne und nicht auf irgendwelchen christlichen Glaubenssätzen fußt.“

 

Situation in Deutschland: verschiedene Gruppen

 

„Zu diesem Vorverständnis füge ich mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung, die ich 40 Jahre lang in vielen Ländern Asiens und Afrikas praktizierte, hinzu, wie ich die Bevölkerung der deutschen Stadt, in der ich lebe, wahrnehme. Ich sehe eine Mischung von fünf völlig unterschiedlichen Gruppen von Stadtbewohnern (dies gilt auch komparativ für andere vergleichbare deutsche Städte), die offensichtlich kein Gemeinwesen im Sinne von Citoyenneté mehr bilden. Den deutschen Begriff „Volk“ für die Wohnbevölkerung lehne ich als rassistisch ab; Citoyenneté ist eine Verbindung von Menschen in einem Gemeinwesen, das von Religion und Ethnizität frei ist. Ich nehme tagtäglich folgende fünf Gruppen wahr:

1. Sehr alte Deutsche, denen ich tagtäglich im Bus begegne, die unangenehm laut nur über ihre Krankheiten mit Lebensfrust reden; sie bringen eine Geisteshaltung des Frusts zum Ausdruck, die sie offen auf ihrem Gesicht tragen. Kurz: Ich sehe eine vergreisende Bevölkerung und eine aussterbende Nation.

2. Junge Deutsche, die ihren tätowierten und gepiercten adipösen Körper unästhetisch durch entsprechende Kleidung zur Schau stellen; sie sind spracharm, mit Kopfhörern und elektronischen Musikgeräten verkabelt, die unangenehme Geräusche, die Musik sein sollen, machen; sie nehmen die Außenwelt nur über ihr Smartphone wahr und können nur in Halbsätzen sprechen. Diese jungen Deutschen haben weder Benehmen noch Werte und sehen mit allen Kriterien nach einer Nullbock-Generation aus. Wie können solche Deutsche ein Vorbild für muslimisch-orientalische Migranten sein?

3. Ausländer wie ich (vorwiegend Türken, Perser, Afghanen und wenige Afrikaner, u.a. aus Ghana), die in Deutschland zuhause sind, gerne hier leben und arbeiten, Steuern bezahlen und das Lebenstheater um sich herum mit Staunen und Befremden, jedoch ohne Verständnis dafür zu haben, verfolgen; ich gehöre zu diesen Fremden, und wir haben Angst und Sorge um die Zukunft. Die Gutmenschen von heute können die Neo-Nazis von morgen sein (Beispiel: Horst Mahler – von der RAF zu NPD); diese deutschen Ausländer betrachten mit Distanz Deutschland, weil sie sich - wie auch ich - mit diesem neurotischen Land nicht identifizieren können; Deutschland ist für uns keine Heimat, sondern nur Qismet / Schicksal.

4. Armutsflüchtlinge aus Nahost, Afghanistan/Pakistan und Afrika, die hier stranden; sie bringen ihren sozialen Status schon äußerlich zum Ausdruck und unterscheiden sich von uns ausländischen Deutschländern (so bezeichne ich meine Gruppe). Göttingen hat immer mehr Kopftuch-Islam, der zivilisatorisch abgrenzt. Zu den Flüchtlingen gehören auch sinnentleerte Jugendliche, die traumatisiert sind und ein hohes Aggressionspotenzial sehr offen ausstrahlen. In der Demografieforschung (u.a. Gunnar Heinsohn) werden diese aggressiven Jugendlichen in das Phänomen der youth bulges eingeordnet. Dieser Begriff bezieht sich auf eine Situation, in welcher der Anteil der Jugendlichen, die um 14 Jahre alt sind, an der Gesamtbevölkerung mehr als 30 Prozent beträgt. Youth bulges implizieren soziale Konflikte, die mit dieser Alterszusammensetzung der Bevölkerung zusammenhängen, eben weil diese eine „No-Future-Generation“ sind. Dieses in Asien und Afrika bekannte Youth-bulge-Phänomen ist über die demografischen Lawinen von 2015/2016 nach Deutschland importiert worden. Die Gewalt der Jugendbanden von September 2016 (vgl. den Artikel Das Problem mit den jungen Flüchtlingen, BILD vom 17.09.2016) scheint als Beispiel hierfür nur der Beginn einer solchen Bedrohung des inneren sozialen Friedens in Deutschland durch youth bulges zu sein. Dazu gehören die Teenager-Cliquen aus Eritrea, die in jeder deutschen Stadt zu sehen sind. Nicht zuletzt gehören zum deutschen Stadtbild kinderreiche Familien auf einem sehr niedrigen zivilisatorischen Bildungsniveau; sie verursachen viel Lärm und beachten keine Ordnung und ähnliches mehr. Unter Bürger verstehe ich Citoyens. Wenn deutsche Gutmenschen als die Bessermenschen die Flüchtlinge als „die neuen Bürger“ bezeichnen, dann kann ich nur staunen über den Verlust an Maßstäben und die Entleerung der Begriffe von ihrem Inhalt im Namen des Respekts für Fremde, die zu bons sauvages erhoben werden.

5. Und zum Schluss kommen die Studenten. Göttingen sah früher äußerlich wie eine Studentenstadt aus. Das ist nicht mehr der Fall. Nach meinen teilnehmenden Beobachtungen prägen Studenten nicht mehr das äußere Bild der Innenstadt. Die Göttinger Studenten von 2016 haben auch andere Züge als die Vorgänger; es waren vier Generationen, mit denen ich als Göttinger Professor aus Syrien von 1973 bis 2009 gelebt und für die ich gelehrt habe. Ich bin seit 2009 emeritiert und habe bis 2014 aufgehört zu lehren. Doch aus Spaß und Neugier auf junge Menschen lehre ich seit 2014 freiwillig wieder. Ich treffe dabei auf die neuen Studenten, die keine Bücher mehr lesen; sie haben ihr Wissen aus dem Internet und kommen schlicht „ungebildet“ aus der Schule. Selbst Adornos Theorie der „Halbbildung“ eignet sich nicht mehr für die Beschreibung der neuen Studenten, weil sie gar keine Bildung mehr haben. Ich habe als Syrer einem dieser Studenten nach der Lektüre seines sprachlich mangelhaften Papers die Frage gestellt: „Ich habe Deutsch am Goethe-Institut gelernt, wo haben Sie ihr Deutsch gelernt?“ Dieses Erlebnis kann man am besten so beschreiben: What a telling story!“

 

Welches Bild vermittelt Deutschland?

 

„Welches Bild vermittelt Deutschland von sich in einer Zeit, in der die europäische Identität zur Disposition steht? Es lassen sich fünf variierende Deutungen feststellen:

- Deutschland, ein Land mit einer neurotisierten politischen Kultur quasi als Tollhaus, wie ich selbst in diesem Buch ausführe;

- Deutschland, wahrgenommen als neuerliche Gefahr für Europa durch den Rechtsradikalismus und die Fremdenfeindlichkeit. Das ist eine verzerrte Wahrnehmung, obwohl die Phänomene massiv vorhanden sind. Diese Wahrnehmung hängt mit dem Bild der Deutschen im Ausland zusammen, zu dem auch die deutsche Presse in ihrer Berichterstattung über das eigene Land beiträgt (vgl. Punkt 4);

- Deutschland als ein selbstgefälliges, „sozialistisches Wohlfahrtsland“, das, wie die Neue Zürcher Zeitung (vom 14. April 1998, S. 6) behauptet, „schwer zu regieren ist“;

- ein gesinnungsethisches Deutschland als ein Land der Selbsthasser, für die manche deutschen Gesinnungsethiker - Prototyp ist der Journalist Heribert Prantl in seinem Buch Sind wir noch zu retten (München 1998) - angeführt werden können. Bücher mit dem zitierten Titel, die Der Spiegel als „emigrationsgefährdende Literatur“ (13.4.1998) einstuft, gehören zu dieser Selbstwahrnehmung. Natürlich gibt es in Deutschland viele Missstände, aber diese Journalisten schreiben Dinge über ihr Land, die die ausländische Presse ungeprüft übernimmt, womit ein schiefes Deutschland-Bild entsteht. So werde ich während meiner vielen Auslandsaufenthalte oft gefragt „Wie schaffst du es als Fremder, in Deutschland zu leben?“ - Meine Antwort lautet: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“;

- verantwortungsethisches Besinnen auf sich selbst, wie es Arnulf Baring in seinem wertvollen Buch Scheitert Deutschland? (Stuttgart 1997) getan hat, wofür er viel Schelte von Deutschen der Kategorie 4 bekommen hat. Zu diesen verantwortungsethischen Deutschen rechne ich auch Frank Böckelmann und sein Buch Die Gelben, die Schwarzen und die Weißen (Frankfurt/M. 1998), das ich in meinen Schlussbetrachtungen diskutieren werde.“

 

Leitkultur

 

Definition Leitkultur

 

„Ich fasse zusammen: Ja zur Werte-Verbindlichkeit. Ich spezifiziere aber: Die Werte für die erwünschte Leitkultur müssen der kulturellen Moderne entspringen, und sie heißen: Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft …

Es müsse also allgemeine, für die gesamte Menschheit gültige Maßstäbe geben, nach denen über jede einzelne Kultur auch kritisch geurteilt werden könne. Wenn man Werte relativiert, dann müsste Völkermord folgerichtig ebenso relativiert werden. Das ist schlicht inakzeptabel …

Es ist wichtig, zu wiederholen und erneut daran zu erinnern, dass die Forderung nach einer Leitkultur von einem semitischen Araber und Angehörigen der islamischen Zivilisation kommt, der zugleich Migrant ist und Europa angehören will, d. h. als ein Fremder um Anerkennung und Einbeziehung kämpft. In dieser Eigenschaft bin ich der Auffassung, dass Europa mit seiner kulturellen Moderne die soeben erläuterte Leitkultur bietet. Ich fasse sie mit wenigen Worten zusammen: Primat der Vernunft vor religiöser Offenbarung, d. h. vor der Geltung absoluter religiöser Wahrheiten, individuelle Menschenrechte (also nicht Gruppenrechte), säkulare, auf der Trennung von Religion und Politik basierende Demokratie, allseitig anerkannter Pluralismus sowie ebenso gegenseitig zu geltende säkulare Toleranz. Die Geltung dieser Werte macht allein die Substanz einer Zivilgesellschaft aus.“

 

Umsetzung der Ideen der europäischen Aufklärung

 

„Es mag manchem Europäer ohne Zivilisationsbewusstsein und ohne eigene kulturelle Identität missfallen, dass ich als Muslim, Araber und Migrant Europa gleichermaßen gegen europäische Selbsthasser und manche anti-westlichen Migranten verteidige. Die geistige Waffe meines Einsatzes bleibt die Umsetzung der Ideen der europäischen Aufklärung - z.B. die Anerkennung des Menschen als Citoyen ohne Rücksicht auf seine/ihre ethnische Herkunft und Religion. Das ist ein Teil meines Kampfes um Anerkennung gegen europäische Rassisten und euro-ethnische Nationalisten, die uns Nicht-Europäer ausgrenzen, eben weil wir weder ihre Religion teilen noch eine entsprechende ethnische - sprich blutmäßige - Abstammung vorweisen können. Der Kampf um Integration und Anerkennung erfolgt somit an zwei Fronten: gegen die Ausgrenzung von Seiten mancher Europäer und zugleich gegen die Bestrebung der Abschottung unter den Migranten selbst.“

 

Leitkultur = Garantie für sozialen Frieden

 

„Die massive Zuwanderung nach Europa und die hierdurch sich verändernde Zusammensetzung der Bevölkerung machen es dringend erforderlich, die bisher dominierenden eurozentrischen Ansichten über Volk, Nation sowie über die Stellung Europas in der Welt neu zu überdenken. Die Revolte gegen den Westen wird durch Migration aus nicht-europäischen Kulturen und Zivilisationen ins europäische Haus hineingetragen. Hierbei lassen sich zwei Erscheinungen beobachten:

- Die erhoffte Universalisierung europäischer Weltanschauungen ist ausgeblieben. Die meisten im Verlaufe der Entkolonialisierung in Asien und Afrika gebildeten Nationalstaaten sind nominell geblieben. Das ausgehende zwanzigste Jahrhundert ist durch ein zunehmendes Zivilisationsbewusstsein außereuropäischer Völker im Rahmen der Entwestlichung gekennzeichnet. Lange vor der Ankündigung eines Clash of Civilizations durch Huntington hat der britische Oxford-Gelehrte Hedley Bull seine bereits zitierte These von „The Revolt against the West“ als das Zeichen der beginnenden achtziger Jahre beschrieben. Damit meint Bull nicht die Entkolonialisierung und auch nicht die Emanzipation außereuropäischer Völker von der europäischen Herrschaft. Denn diese ließ sich wie bereits gezeigt durch den Rückgriff auf europäische Ideen, vor allem der Volkssouveränität rechtfertigen. Bull meint vielmehr die Infragestellung europäischer Werte und Normen durch die sie herausfordernden Weltanschauungen anderer Zivilisationen im postkolonialen Zeitalter. Dieser Prozess der Entwestlichung ist in unserer Zeit in vollem Gange, und er hat erhebliche politische Implikationen. Er erreicht Europa durch die Migration aus der Mittelmeerregion, Asien und Afrika. Wenn die kulturelle Moderne Europas nicht kämpferisch die Leitkultur des demokratischen Rechtsstaats bestimmt und Europa zu einem Werte-losen Multikulti-Wohngebiet wird, gerät der säkulare Nationalstaat auch in Europa in eine Krise.

- Unter diesen Bedingungen der zunehmenden Migration aus außereuropäischen Ländern wird ein neuer Konsens immer dringender erforderlich. Es geht darum, nach Formen des friedlichen Zusammenlebens zwischen Menschen mit europäischen Weltanschauungen und Menschen aus ethnischen Kulturen zu suchen. Migranten aus nicht-westlichen Kulturen wollen zwar in Europa leben, europäische Weltanschauungen aber auf der Basis einer anderen Weltsicht nicht akzeptieren. Unter diesen Bedingungen kann nur eine allgemein akzeptierte Leitkultur eine Garantie für den sozialen Frieden bieten.

Die kulturelle Moderne Europas ist auch für den aufgeklärten und demokratisch gesinnten Nicht-Europäer verteidigenswert.“

 

Leitkultur = Einverständnis über Gemeinsamkeiten

 

„Als Verantwortungsethiker, der Tatsachen ins Auge schaut, und als Nicht-Europäer, der aus der eigenen conditio humana weiß, dass Menschen aus unterschiedlichen Zivilisationen unterschiedliche Normen und Werte haben, ja sich sogar in ihrer Denkweise grundlegend voneinander unterscheiden können, verabscheue ich die Gesinnungsethik, die kulturelle Unterschiede moralisierend verleugnet und alles nivelliert. Ja, ich empöre mich darüber, wenn bestimmte Europäer - und mag es noch so wohlmeinend sein - das Vorhandensein von Differenzen zwischen sich und uns schlicht bestreiten.

Das friedliche Zusammenleben von Menschen erfordert die rationale Bewältigung der Unterschiede und das Vorhandensein eines Konsenses über einen Normen- und Werte-Katalog. Nur wenn wir Unterschiede erkennen und über sie sprechen dürfen, versetzen wir uns in die Lage, den nötigen Konsens zu erreichen. Mit Hilfe dieses Konsenses wird das Zusammenleben in Frieden von Menschen, die unterschiedliche Selbst- und Weltbilder haben - ich nenne diese zivilisatorische Weltanschauungen - ermöglicht.

Innerer und sozialer Friede innerhalb Europas erfordern ein Einverständnis über Gemeinsamkeiten. Dies nenne ich „Leitkultur“, ohne die die bestehenden Spannungen, die bis zu Gewalttätigkeiten eskalierende Konflikte hervorrufen können, nicht bewältigt werden können.“

 

Frankreich fordert, sich öffentlich zur Verfassung zu bekennen

 

„Doch gibt es innerhalb Europas Unterschiede. So steht der französische Staat zu seinem Modell der Citoyenné plus Laicité, d. h. der individuellen Staatsbürgerschaft als Basis individueller Rechte, im Gegensatz zu Gruppenrechten, sowie zur konsequenten Trennung zwischen Religion und Politik. In diesem Sinne hat der französische Staat etwa bei der Wahl der Imame von Paris und Lyon auf seiner politischen Rolle insistiert und von diesen die Erfüllung der Auflage gefordert, sich öffentlich zur französischen Verfassung zu bekennen. Der deutsche Rechtsstaat lässt dieses Maß an Säkularität missen.“

 

Leitkultur und Multikulti

 

„Zur Klärung: Wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Zivilisationen und Religionen in einem durch eine verbindliche Werte-Orientierung gekennzeichneten Gemeinwesen zusammenleben, dann können wir nicht von einer „multikulturellen Gesellschaft“ sprechen. Dort, wo Werte einer Leitkultur in einem auch kulturpluralistischen Gemeinwesen weder beliebig noch relativ, sondern verbindlich sind, kann von Multikulturalismus keine Rede sein. Mit anderen Worten: Die Kritik an der multikulturellen Gesellschaft ist nicht - wie oft bewusst verfälschend zum Zweck der Verfemung „missverstanden“ wird - ein Plädoyer für eine ethnisch homogene Gesellschaft. Bereits in meiner Vorrede habe ich meine Gegnerschaft zu jedweder Vorstellung von einer ethnisch geschlossenen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht. Als deutscher Wahlbürger semitisch-arabischer Herkunft finde ich nichts unsympathischer, ja für meine Person existentiell bedrohlicher, als die Ideologie einer ethnisch deutschen homogenen Gemeinschaft. Denn für mich wie für jeden Migranten gibt es in einem solchen Gebilde keinen Platz.

Die hier formulierte Kritik an der Multikulti-Ideologie geht also weder von einer Ablehnung der Migration aus, noch schließt sie das Modell des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Kulturen aus. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen die Werte-Beliebigkeit, die aus einer Relativierung der Werte und der Aufgabe einer Leitkultur resultiert.“

 

Migration

 

Viele Flüchtlinge

 

Das Problem

 

„Westeuropa ist schon seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und extrem seit der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts der globale Anziehungspunkt für alle Formen von Flucht und Migration aus allen Teilen der Welt geworden. Ein einziges europäisches Land - Deutschland - übertrifft als Zuwanderungsland statistisch sogar die USA und Australien. Warum nenne ich die USA ein Einwanderungsland, aber bezeichne Deutschland als Zuwanderungsland?

Unter Einwanderung verstehe ich regulierte Migration, wie sie in Australien und den USA stattfindet; dagegen ist Zuwanderung naturwüchsig ohne jegliche Regeln und Verfahren, so wie sie 2015/2016 erfolgte, als ca. zwei Millionen Menschen nach Deutschland kamen.

Die überwiegende Zahl dieser Zuwanderer kam dabei nicht wie ursprünglich vermutet aus ehemaligen kommunistischen Ländern Osteuropas, sondern aus der Welt des Islam. Mit dieser Erkenntnis des zentralen Problems verbinde ich die Frage: Kann Europa in diesem Kontext seine säkular-demokratische zivilisatorische Identität bewahren? Die zwei Fragen, welche die Untersuchung dominieren, werden gleich als Titel und Untertitel dieses Buches verwendet, womit das zentrale Thema des Buches angegeben wird.

Nun können wir zur zweiten Stufe übergehen und damit beginnen, nicht nur eine analytische, sondern eine faktenmäßige Vorgehensweise zu elaborieren. Damit mache ich klar, dass weder Moralisieren noch Wunschdenken meinen Erkenntnisprozess leiten. Wenn ein Problem ansteht, dann muss man gleich die Fakten hierzu heranziehen. In einem Begleitbrief zum Jahresbericht des Verbandes „Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe“ in Berlin/Bonn steht folgende Feststellung im ersten Absatz: „... die aktuellen Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind erschütternd: Mehr als 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, davon allein aus Syrien seit 2011 fast fünf Millionen Menschen.“

Allein mit dem gesunden Menschenverstand und ohne Fachwissen kann man sich Folgendes ausmalen: Wenn diese 65 Millionen Flüchtlinge der im Rahmen der deutschen Willkommenskultur ausgesprochenen Einladung von Bundeskanzlerin Merkel Folge leisteten und nach Europa kämen, dann würde Europa zusammenbrechen. Genau das ist das Problem, mit dem sich Europa als Anziehungskontinent für diese 65 Millionen Flüchtlinge im kommenden Jahrzehnt auseinandersetzen muss. Es wird nicht bei 65 Millionen bleiben. Die Zahl betrug letztes Jahr 56 Millionen und ist nun auf 65 Millionen gestiegen. Das wird so weitergehen, und auch die derzeit aktuelle Zahl von 65 Millionen wird wachsen.

Anfang September 2015 ging global durch alle elektronischen Kommunikationsmittel diese Nachricht aus Deutschland: Bundeskanzlerin Merkel hat verkündet, „ein freundliches Gesicht zu zeigen“. Deshalb ordnete sie am 4. September 2015 nicht nur die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge, sondern auch die Suspendierung aller Grenzkontrollen und die Zuwanderung regelnder Abmachungen an, wie etwa des Dublin-Abkommens, nach dem Flüchtlinge im Ankunftsland ihren Asylantrag einreichen müssen. Daraufhin kamen in weniger als einem Jahr ca. zwei Millionen Menschen allein nach Deutschland, sowohl über die Balkanroute als auch über das Mittelmeer; die Flüchtlinge sagten vor Fernsehkameras nur ein Wort: „Germany“. Die Bundesregierung hatte die Statistiken frisiert, um die Bevölkerung zu beruhigen. Von zwei Millionen Flüchtlingen wurden 900.000 Menschen, die das Land verließen, abgezogen, und somit wurden die Neuankömmlinge nur noch mit 1,1 Millionen angegeben. Das verstößt gegen alle wissenschaftlichen Regeln der Statistik und ist manipulativ.

Die Bundeskanzlerin hatte außer ihrem Vorsatz, „ein freundliches Gesicht zu zeigen“, keine Policy, d.h. kein Politikkonzept, um mit diesem neuen Phänomen umzugehen; die Leerformel von Merkel aus dem Jahr 2015 „Wir schaffen das“ ersetzte jedes Politikkonzept. Diese Bundeskanzlerin beweist durch Folgendes, dass sie lernunfähig ist: Nach den Terroranschlägen im Juli 2016 in Reutlingen, Würzburg und Ansbach unterbrach Frau Merkel ihren Urlaub und kehrte nach Deutschland zurück, um die Durchhalteparole „Wir schaffen das“ zu wiederholen. Das hätte sie lassen können, denn inzwischen war klar geworden, dass die deutsche Willkommenskultur etwas versprochen hatte, was sie nicht liefern konnte. Nun wurde von anderen Europäern Solidarität unter politischem Druck eingefordert, um die Illusion aufrechtzuerhalten. Diese Merkel-Solidarität ist nichts anderes, als anderen Europäern einen deutschen Sonderweg aufzuzwingen.

Nun stellt sich diese Frage: Kann Europa 65 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, ohne dabei zusammenzubrechen?“

 

Asyl ist Grundrecht – nicht aber Migration

 

„Seit der Öffnung der Grenzen im Rahmen der Auflösung der weltpolitischen Blöcke des Kalten Krieges kommen Migranten unaufgefordert aus allen Teilen der Welt des Islam, um der dortigen Armut zu entfliehen, geben sich jedoch - angesichts einer fehlenden gesetzlichen Einwanderungsregelung - als Asylanten aus. Auf diese Weise erfolgt die Migration über Inanspruchnahme des Asylrechts. Um Missverständnissen vorzubeugen: Asyl ist ein Grundrecht, nicht aber Migration. Beide müssen auseinandergehalten werden.“

 

83% in Mittelmeer-Region leben an Armutsgrenze

 

„In der arabischsprachigen Beiruter Zeitschrift al-Mustaqbal al-Arabi hat der arabische Ökonom Adnan al-Bayati 1996 die klaffende Schere zwischen wirtschaftlicher und demographischer Entwicklung in jener Region aufgezeigt: Etwa 83 Prozent der Bewohner der südlichen und östlichen Mittelmeerregion leben, aus der Perspektive der Entwicklung des Nahrungsmittelsektors betrachtet, an der Armutsgrenze bei steigender Tendenz. Zugleich explodiert die Bevölkerungszahl: 1993 gab es 242 Millionen Araber, im Jahre 2000 werden es 291 Millionen sein, und für das Jahr 2025 wird eine Zahl von 493 Millionen vorausgesagt. Jedes Jahr wächst die arabische Bevölkerung um 25,9 Millionen Menschen an. Ähnliche Statistiken über eine Verdoppelung der Bevölkerung in relativ kurzem Zeitraum können aus der Türkei und dem Iran angeführt werden. Der einzige Ausweg aus dieser Armut, die durch die Bevölkerungsexplosion noch verstärkt wird, scheint den Betroffenen die Migration nach Europa zu sein. Diese Aussage gilt - in noch massiverer Form - auch für Afrika.“

 

Alle Moslems sind politisch verfolgt

 

„Nach einer statistischen Veröffentlichung entfällt die Hälfte aller in den EU-Ländern Asylsuchenden auf Deutschland. Der Grund hierfür ist einfach: Das freizügige deutsche Asylrecht - das zudem durch die mit ihm verbundenen großzügigen Sozialhilfeleistungen weitere Attraktion erhält - öffnet ungewollt die Grenzen für eine Zuwanderung unter Missbrauch eben dieses Rechts. Ich belasse es hier bei diesem Hinweis und komme zur südlichen und östlichen Mittelmeerregion, wo es - bis auf die Türkei und Israel - nirgends eine Demokratie gibt. Somit kann sich jeder von dort auf den Tatbestand der politischen Verfolgung berufen, auch wenn diese in den meisten Fällen konkret nicht vorliegt. Angesichts des Fehlens von Grundrechten in fast allen islamischen und afrikanischen Ländern kann argumentiert werden, dass die gesamte Bevölkerung jener Teile der Welt verfolgt wird und somit berechtigt ist, mittels Inanspruchnahme des Asylrechts nach Europa überzusiedeln.“

 

Einwanderungspolitik

 

Keine Einwanderungsgesetze → Chaos

 

„Die auftauchenden Probleme resultieren jedoch nicht allein aus Prozessen, die in der internationalen Politik durch die Zivilisationskonflikte ausgelöst wurden; wir leben in einer Zeit der Bevölkerungsexplosion, die ausweislich der Statistiken mit der Formel „Von einer Milliarde zur nächsten“ beschrieben werden kann. Europa ist der einzige Kontinent, der eine gegenläufige Entwicklung, d. h. eine Stagnation oder gar einen Bevölkerungsrückgang erlebt. Die Durchlässigkeit der Grenzen, gekoppelt mit europäischer Liberalität und protestantischen Schuldgefühlen, gibt sich als Eintrittskarte für den Bevölkerungsüberschuss in Asien und Afrika zu verstehen. Der hohe Wohlstand und eben die niedrige Geburtenrate ziehen Migranten aus aller Welt wie ein Magnet an. Wir leben im Zeitalter der Migration. Weil es in den meisten europäischen Ländern, vor allem in Deutschland, keine Einwanderungsgesetze gibt, erfolgt die Migration unreguliert, ja geradezu chaotisch, und oft illegal.

 

In Deutschland keine gesetzliche Grundlage für Migration, deshalb illegal

 

„Europa hat im Gegensatz etwa zu Amerika oder Australien generell keine historischen oder praktischen Erfahrungen mit der Migration und tut sich damit mit Ausnahme von Frankreich und England sehr schwer. In Deutschland gibt es hierfür noch nicht einmal eine gesetzliche Grundlage, weshalb die Migration - bis auf die gesetzlichen Regelungen für den Zuzug von Familienangehörigen - nur illegal erfolgen kann. Wer kein Visum bekommt, verschafft sich selbst den Eintritt durch die Behauptung, politisch verfolgt zu sein. Im Zeitalter der Kommunikation ist weltweit bekannt geworden, dass selbst der von Gerichten festgestellte mangelnde Nachweis der behaupteten politischen Verfolgung oft ohne Konsequenzen bleibt; es erfolgt keine Abschiebung, sondern die Duldung, verbunden mit den Vorteilen des Sozialstaats. Es gibt durchaus Unterschiede unter den europäischen Ländern, z. B. zwischen Deutschland und Frankreich. Europa tut sich aber insgesamt schwer mit einer Politik der Integration der Zuwanderer, weil es darin unerfahren ist und radikale Veränderungen nur sehr langsam verarbeitet, während die Zahl der Migranten wächst, die wirtschaftlich nicht integriert werden können. Einerseits darf man über die Probleme nicht reden, andererseits spüren wir wirtschaftlich integrierten Ausländer die Zunahme an Fremdenfeindlichkeit und zahlen die Zeche. Fairerweise muss ich einräumen, dass einzelne Politiker einiger europäischer Länder im Nachdenken über diesen Gegenstand Fortschritte gemacht haben. Hierzu gehören z. B. die skandinavischen Länder und die Niederlande. Dennoch kann auf einer gesicherten Grundlage behauptet werden, dass die Europäische Union insgesamt nicht über ein Konzept für den Umgang mit der islamischen Präsenz in Europa bzw. allgemein für die Migration verfügt. Einige Länder – wie Deutschland – erkennen dieses Problem noch nicht einmal als Gegenstand der Politik an.“

 

Kriterien der Einwanderung in Einwanderungs-Ländern

 

„Die Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada und Australien sind für mich die klassischen Einwanderungsgesellschaften. Es ist allgemein bekannt: Nicht jeder, der sich in Not befindet, kann in diese Länder einwandern. Die USA sind ein Rechtsstaat, somit sind die amerikanischen Migrationsbehörden weder „rassistisch“ noch „rechtsradikal“. Dennoch verlangen sie, dass jeder Antragsteller auf Einwanderung

1) gesund sein muss, also keine ansteckenden Krankheiten hat,

2) eine berufliche Qualifikation haben muss, die in Amerika benötigt wird,

3) einen Arbeitsplatz im Einwanderungsland nachweisen muss und

4) nicht vorbestraft, d. h. ohne kriminelle Vergangenheit, sein muss.

In der deutschen Diskussion über Einwanderung finde ich diese Kriterien nicht. Zuwanderer sind gegenwärtig in Deutschland - wertfrei formuliert nach den vorliegenden Statistiken - vorwiegend Sozialhilfeempfänger. Dies gilt auch für die „deutschen“ Rücksiedler, die Deutsche sein sollen, obwohl sie in vielen Fällen kein Wort Deutsch sprechen. Es ist unbedingt notwendig, sich bei der Einwanderung von derart anachronistischen Kriterien wie der Abstammung zu verabschieden, wie es die Grünen richtig verlangen. In diesem Punkt stimme ich den Grünen zu und bin d'accord. Mit Kopfschütteln lese ich jedoch in jener FAZ-Ausgabe weitere neue Kriterien für die Einwanderung: „Not und Familienzusammenführung“. Klassische Einwanderungsländer kennen diese Kriterien nicht.“

 

Europa kann selbst verslumt und zum Schlachtfeld ethnischer und religiöser Kämpfe werden

 

„Im Mai 1998 war ich mit Bundesaußenminister Klaus Kinkel im Berliner Haus der Kulturen zu einem Dialog über den Islam. Der auf dem Podium anwesende, mit mir befreundete Publizist Peter Scholl-Latour wies im Zusammenhang mit den Migrationsschüben auf das unverhältnismäßige Bevölkerungswachstum - gemeint ist die auch als „demographische Explosion“ bezeichnete Erscheinung - hin; Scholl-Latour prägte den Satz: „Wer Kalkutta einführt, wird selber zu einem Kalkutta.“ Minister Kinkel nahm diesen, in der Tat zum Nachdenken veranlassenden Satz reflektierend auf. Meine Leser kennen bereits die Gedanken von A. Giddens, der sich über die zurzeit graduell über die Migration nach Europa eingeführte ethnisch-religiöse Armutskultur Gedanken macht; Giddens wirkt auch als Berater des britischen Labour-Premierministers Tony Blair. Europa kann durch eine freizügige Öffnung seiner Grenzen und seines Sozialsystems für alle Armen und Verfolgten der Welt nicht nur selbst verslumt werden, es wird zudem auch zum Schlachtfeld ethnischer und religiöser Kämpfe unter den Zuwanderern selbst. Dies bildet auch den Inhalt der in diesem Buch enthaltenen These von der ethnisch definierten Armutskultur.“

 

Sozialhilfe

 

Sozialhilfe und Familien-Zusammenführung

 

„Zentrale europäische Länder, wie England und Frankreich, regeln streng den Zugang, weil sie ihr politisches und wirtschaftliches System vor dem Zusammenbruch bewahren wollen. In einer Veröffentlichung der EU-Statistikbehörde ist zu lesen:

„Die Hälfte aller Flüchtlinge, die sich um eine Aufenthaltserlaubnis in der Europäischen Union/EU bemühen, stellen ihre Asylanträge in Deutschland.“

Liegt es daran, dass Deutschland im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn ein besonders „fremdenfreundliches Land“ geworden ist, das nun viele Fremde anzieht? Als ein in Deutschland lebender Fremder kann ich dies auf der Basis meiner Erfahrungen nicht bestätigen. Der Grund für den Zuzug ist nüchtern darin zu sehen, dass das deutsche Sozialhilfesystem die notleidenden Menschen aus aller Welt anzieht. Wir leben im Zeitalter der Massenkommunikation, so dass jeder Gecekondu (Elendsviertel)-Bewohner türkischer Vorstädte darüber Bescheid weiß. Dies weiß ich aus meiner Erfahrung vor Ort. Es fragt sich nun, wie das deutsche Sozialsystem die Zuwanderung bei steigenden Zahlen auf Dauer verkraften kann, ohne dass es zusammenbricht. Das ist keine moralische, sondern eine volkswirtschaftliche Frage. Auch ich habe meine hohen moralischen Maßstäbe, habe jedoch gelernt, zwischen Moral und Volkswirtschaft zu unterscheiden.

Nach dieser Betrachtung des Faktors „Not“ beschäftige ich mich nun mit der Ansicht, dass Einwanderung durch Familienzusammenführung möglich sein müsse, und frage, auf meinen Fall bezogen: Kann mein „Banu al-Tibi-Clan“, der Hunderte von Menschen umfasst, im Namen des Rechts auf Familienzusammenführung zu mir nach Göttingen kommen? Ist es „Rassismus“, wenn mir das nicht gewährt wird? Und noch mehr: Habe ich nun mit dieser Frage die Sünde begangen, die vor mir auch schon Scharping und Lafontaine begangen haben sollen? Bin ich „ein Rassist“ und „rechtsradikal“ geworden, weil ich offen und klar denke und nicht von einer Gesinnungsideologie ausgehe?“

 

Ausländer-Anteil der Sozialhilfeempfänger

 

„Der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen, hat bei der Vorstellung des Statistischen Jahrbuches der Bundesrepublik für 1997 den Prozentsatz der Sozialhilfeempfänger unter Ausländern in Deutschland mit 20,7 Prozent angegeben. „Dreißig Jahre zuvor waren es 1,3 Prozent“, sagte Hahlen. Das ist ein statistischer Beweis dafür, dass die Bundesrepublik anstatt von Rentenbeitragszahlern den Zuzug von teuren Sozialhilfeempfängern einführt.“

Im Jahr 2016 beträgt der Prozentsatz 27,0%: https://www.welt.de/wirtschaft/article163753103/Diese-Zahlen-offenbaren-das-Ausmass-der-Fluechtlingskrise.html

 

Terroristen finanzieren sich durch Sozialhilfe

 

„… Dennoch betrachten diese Zuwanderer Italien nur als Durchgangsland. Entscheidend für die Wahl Deutschlands sind die verlockend hohen Sozialhilfezuwendungen.

Wenn nur die zugewanderten armen Menschen von der Sozialhilfe leben würden, könnte man mit Nächstenliebe - auch wenn man, wie ich, kein Christ ist - die Duldung akzeptieren. Das Magazin Focus hat aber auf die unter Experten bekannte Tatsache hingewiesen, dass mit den Geldern etwas ganz anderes geschieht, wie z. B. die Finanzierung von Terrororganisationen. In dem besagten Bericht ist nachzulesen, dass der große Terroranschlag in Colombo im Jahre 1997, bei dem eine Autobombe explodierte,

„deren Detonation 18 Tote und mehr als hundert Verletzte forderte, ... mit Mitteln der deutschen Sozialhilfe finanziert (wurde)“.

Der Anschlag wurde von den Terroristen der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) durchgeführt, die auch in der Bundesrepublik tätig sind und laut Verfassungsbericht „gewaltsame Spenden-Erpressungen“ vornehmen (eine monatliche Abschöpfung der Sozialhilfe von in Deutschland lebenden, oft durch Schleuserbanden hierher gelangten Flüchtlingen). Dieselbe Organisation zählt in den USA unter Clinton zu den „30 gefährlichsten internationalen Terrororganisationen“ (ebd.); in Deutschland wird sie laut Focus indirekt aus Sozialhilfemitteln finanziert. Es lässt sich eine lange Liste ähnlicher, in der Bundesrepublik und anderen westeuropäischen Ländern ansässiger ethnisch-nationalistischer und fundamentalistischer Gruppen aufstellen, die sich auf diese Weise mit Geldmitteln versorgen."“

 

Asylbetrug ist Nachteil für alle

 

Asylbetrug ist Nachteil für alle

 

„Die angeführten sudanesischen Simulanten, denen das Grundrecht auf Asyl nur als Instrument illegaler Zuwanderung diente, waren keine Profis, andernfalls wären ihnen die deutschen Behörden nicht gewachsen gewesen. Bis auf den zitierten blauäugigen Psychologen, der ihre Authentizität bescheinigte, fielen sie durch ihre Widersprüche und Angebereien schnell als unglaubwürdig auf. Andere Simulanten sind - mit Hilfe von Schiebern - erfolgreicher. Bei dem von Schiebern vorbereiteten Einschleusen von Illegalen werden Fachanwälte bestellt, und es wird professionell gearbeitet; und mit derlei Lügen gelangen Simulanten an ihr Ziel.

Andere verstehen es sogar aufgrund einer zur Schau gestellten erstaunlichen Selbstsicherheit, ohne nachprüfbare Identität und Papiere aufzutreten, was auch formaljuristisch von Vorteil sein kann. Denn bei falschen Papieren - wie im Falle der Sudanesen oder der von mir in Zürich erlebten Kameruner - kann ein Asylsuchender bei Entdeckung abgewiesen werden; wer gar keine Papiere hat, kann nicht abgewiesen und nirgendwohin abgeschoben werden. In einem Bericht in Focus wird u. a. berichtet von

„13.000 Personen, die ihre Papiere vernichtet haben. Solange deren Staatsangehörigkeit unbekannt bleibt, können sie nicht abgeschoben werden... über verschwundene Pässe könnten BGS-Beamte Romane schreiben“ (Focus vom 18. Mai 1996).

Sehr stark sind danach in diesem Kreis Westafrikaner vertreten. Es sind nicht politisch Verfolgte, sondern nicht selten Rauschgifthändler:

„... in norddeutschen Großstädten beherrschen Westafrikaner aus Gambia, Nigeria die Rauschgiftstraßenmärkte“ (ebd.).

Menschenrechtsgruppen, die diesen Rauschgiftdealern im Namen des Schutzes politisch Verfolgter Hilfe leisten, büßen jede Glaubwürdigkeit ein und fügen der Legitimität des Asylrechts großen Schaden zu.

Wer im Asylrechtsbereich tätig ist, ist damit vertraut, wie manche Westafrikaner sich, ohne dabei Schamgefühl zu empfinden, mit Whisky-Marken als Namen ausweisen. Keiner wagt es, dagegen Einspruch zu erheben aus Angst, als Rassist abgestempelt zu werden.

Es gibt wenige Fälle (wie z. B. Marokko), in denen sich die Herkunftsländer von solchen Simulanten zur Zusammenarbeit bereit erklären, weil sie hoffen, auf diese Weise Gehör für ihren Wunsch nach Assoziierung bei der Europäischen Union zu finden. In diesem Sinne wurde beispielsweise im April ein Protokoll zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Marokko unterschrieben, das seit Juni 1998 in Kraft ist, wonach die

„Ausstellung von Heimreisedokumenten für marokkanische Staatsangehörige geregelt (wird), die über keine Ausweispapiere verfügen, ... Es handelt sich um 9.700 Personen.“

Bei anderen illegalen Migranten ist es noch nicht einmal möglich, das Herkunftsland zu ermitteln, und wenn dies möglich ist, weigert sich das Land - wie im Falle Rumäniens und vieler anderer -, an der Rückführung mitzuwirken. Besonders westafrikanische Staaten, vor allem Ghana und Nigeria, demonstrieren laut Aussage der deutschen Behörden eine ausgesprochene „Dreistigkeit“ bei den Versuchen, sie zur Rücknahme ihrer Staatsangehörigen zu bewegen.“

 

Menschenrechtler und Anwälte machen sich unglaubwürdig, da Handlanger von Organisierter Kriminalität

 

„Im vorangegangenen Abschnitt habe ich die Geschichte der Kameruner mit gefälschten Visen berichtet, welche ich in Zürich traf. Sie erzählten mir, dass sie gleich nach Entdeckung der Fälschung die ihnen eingepaukte Formel vorgebracht hatten: „Ich beantrage politisches Asyl.“ Das ist der übliche Mechanismus. Der Begriff Asyl wird somit zum Zauberwort für illegale Migration. Wie auf die Formel „Sesam-öffne-dich“ öffnet sich Europa auf dieser falschen Grundlage der illegalen Zuwanderung. Wehe dem Beamten, der einen Illegalen abweist! Dieser riskiert, als „Menschenrechtsverletzer“ angeprangert zu werden. Das Asylrecht und seine Bedeutung für den Schutz von wirklich politisch Verfolgten werden auf diese Weise unterminiert. Am meisten machen sich hierbei bestimmte europäische politische Gruppen und ihre Anwälte unglaubwürdig, weil sie sich zu Handlangern der Schieber machen und den wirklich Verfolgten, die das Asyl verdienen, großen Schaden zufügen. Es ist wichtig zu betonen: Diese Schieber gehören der Szene der organisierten Kriminalität an.

In der zitierten BBC-Sendung wird gezeigt, dass das Verschieben von illegalen Zuwanderern ein höchst lukratives Geschäft geworden ist, bei dem sogar marktwirtschaftliche Bedingungen - aber auch brutale Mafia-Wettbewerbsmethoden - gelten: Es gibt Preise, die sich auch marktwirtschaftlich regulieren, weil Schieber miteinander konkurrieren. Zu diesem Geschäft gehört das Anknüpfen von Beziehungen zum korrupten Personal am Flughafen des Herkunftslandes sowie der Zwischenstationen (z. B. Moskau) durch Bestechung. In den Ankunftsländern warten die Hilfspersonen, „ehrenwerte“ Rechtsanwälte und andere „Fachleute“, die die Gutachten über „Folterung und Traumata“ schreiben; sie nehmen den Mund voll mit Menschenrechtsfloskeln, denken dabei jedoch vorwiegend an ihr Geschäft.

Der deutsche Staat praktiziert hier einen für Nicht-Deutsche schwer zu verstehenden Sonderweg: Er zahlt sogar die Kosten der Anwälte aus Steuermitteln. Das gibt es z. B. in den USA nicht. Ferner gehört zum Geschäft der Schieber das Fälschen von Pässen und Visen. Der höchste Preis wird für einen echten, d. h. gestohlenen, Pass mit echtem Visum, bei dem nur der Name geändert wird, bezahlt. Mancher Pass - z.B. für Migranten aus Westafrika - ist jedoch primitiv gefälscht. In der betreffenden Sendung wird vorgeführt, wie selbst ein unerfahrener Beamter die zusammengeklebten Seiten schon mit dem bloßen Auge erkennen kann.“

 

Kirchenasyl

 

„Das BBC-Team zeigt, dass den meisten Illegalen, die aus den unterschiedlichsten Gründen (z. B. weil sie den im Pass stehenden falschen Namen vergessen hatten) in ihr Ursprungsland zurückgeschickt werden, nichts widerfährt - sie werden nicht verfolgt. Im Kontrast dazu ereifern sich die Asylgruppen in Europa bei der Abschiebung von Illegalen mit der Formel „Zurück in die Folterkammer“ lauthals über „Menschenrechtsverletzungen“ - so wie bei den oben beispielhaft angeführten Sudanesen. Wann lernen Asylgruppen, sich wirklich nur für politisch Verfolgte einzusetzen? Der hier angeführte BBC-Bericht Assignment ist eine hervorragende Aufklärungsarbeit, die sich der deutsche Journalismus ohne Neid als Messlatte gefallen lassen sollte, das Stern-Team vom vorangegangenen Abschnitt ausgenommen.

Besonders bedauerlich ist der Umstand, dass hier in der Bundesrepublik Kirchenmänner als „Politiker“ mitmischen, ja sich sogar über das höchste deutsche Gericht, das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, hinwegsetzen, indem sie rechtsstaatlich abgewiesenen Asylsuchenden Kirchenasyl gewähren, als ob die Kirche ihre eigene Justiz praktizieren könne oder gar ein rechtsfreier Raum sei! Eine Asylrichterin hat sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit der kirchlichen Ausländerpolitik auseinandergesetzt und gefragt,

„ob die geistlichen Herren jemals an einer Gerichtssitzung in Sachen Asyl teilgenommen haben“.

Die zitierte Richterin erzählt, wie sie als Christin voller Nächstenliebe und Mitleid ihren Beruf begonnen habe, dies „trübte meinen Verstand“, schreibt sie, dann aber lernte sie das Geschäft kennen und beschreibt es so:

„Unzählige gefälschte Haftbefehle - die übrigens in jeder gewünschten Sprache käuflich zu erwerben sind - werden immer wieder zum Beweis der Bedrohung für Leib und Leben vorgelegt. Geschichten über Folter und Entführungen werden immer wieder nach dem gleichen Muster erzählt, seit Jahren erprobt und eingepaukt“ (ebd.).

Die Bonner Richterin Hilde Riegel hält den Kirchenasylvätern ihre eigenen Erfahrungen vor Augen:

„Wenn man dann während der Verfahren Erkenntnisse gewinnt über die Details des Asylgeschäfts, über die Mittelsmänner, Reisewege und Geldzahlungen, über die Art und Weise, wie man auf der Fahrt ins Asyl mit den Menschen umgeht und wie mit einem Grundrecht Schindluder getrieben wird, muss man sich über die kirchlichen Verlautbarungen nur wundem. So werden ungewollt die Geschäfte der Schlepper gefördert, die sich schon wieder die Hände reiben, weil sich ihre Gewinnmöglichkeiten auch nach der Neuordnung des Asylrechts dank des sogenannten Kirchenasyls nicht eben verschlechtern“ (ebd.).

Mit anderen Worten: Schlepperbanden können mit dem Hinweis auf das Kirchenasyl die Preise für ihre Geschäfte erhöhen, weil sie ihren Klienten dann sagen können: „Wenn die Gerichte dich ablehnen, nehmen dich sicher die Kirchenväter auf, also besteht kein Risiko.“ Und somit verkommt Moral zu einer Sprechblase, das Grundrecht auf Asyl zu einer Groteske.“

 

Migranten müssen kriminell werden, um Schulden bezahlen zu können

 

„Den Zusammenhang zwischen illegaler Zuwanderung und Kriminalität erklärt Konrad Mrusek in einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung so:

„Einerseits bilden sich Schleuserbanden, die Papiere fälschen und Polizisten oder Grenzbeamte bestechen. Und zum anderen bleibt auch den Migranten oft nur die Kriminalität, um ihre hohen Schulden bei den Schleusern zu begleichen.“

Diese Aussage basiert auf dem Bericht des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) in Genf.

Auf derselben Konferenz in Prag berichtete der Staatssekretär im Bonner Innenministerium, Schelter, dass sechzig Prozent der illegalen Zuwanderung über als Schleuser tätige Verbrecherbanden abgewickelt werden. „Da die Flüchtlinge meist in einer Notlage sind, werden sie von den Banden oft gezwungen, sich an Straftaten zu beteiligen“ (ebd.) - so Schelter. Diese Banden sind nach diesem Bericht in den Bereichen „Rauschgift, Autoschmuggel, Geldwäsche, Kuppelei und der Prostitution“ aktiv. Das Wall Street Journal berichtete mehrfach, dass dieser „Wirtschaftssektor“ ein Milliardengeschäft sei. Das ist wohl ein anderer Bereich als der der Menschenrechte. Unter den „eingeschleusten“ illegalen Zuwanderern befinden sich kaum welche, die unter politischer Verfolgung leiden. Die sehr niedrige Quote der gerichtlich als „politisch Verfolgte“ anerkannten Asylanten (erstes Quartal 1998: 4,1 Prozent) belegt diese Aussage.“

 

Situation von Flüchtlingen

 

Arbeitsmarkt bleibt Migranten verschlossen

 

„In seinem bereits zitierten Buch Allah im Westen umreißt Gilles Kepel folgendes, auch für Deutschland gültiges Szenario:

„Wenn sich jedoch die Situation in den Trabantenstädten, mit dem Erwachsenwerden Hunderttausender ‚kleiner Brüder‘ und ‚kleiner Schwestern‘ , denen der Arbeitsmarkt genauso verschlossen bleibt wie ihren Eltern, weiter zuspitzt, ist nicht auszuschließen, dass die Forderung nach einer gemeinschaftsbezogenen islamischen Identität, die jetzt ... nur von einer Minderheit und in der Öffentlichkeit zurückhaltend vertreten wird, sich radikalisiert und mehr Anhänger gewinnt“.

Das Ergebnis wäre nicht ein „Mehr“ an einem von allen geteilten „Bürgersinn“ gegenüber allzu viel Individualismus, sondern das Entstehen kommunitaristischer Parallel-Gemeinschaften, die nicht unbedingt in Frieden nebeneinander existieren. Besonders bedrohlich ist die Möglichkeit, dass die gut organisierten Fundamentalisten und ethnischen Nationalisten diese kommunitären Parallel-Gemeinschaften „hijacken“ könnten. Ansätze hierzu liegen auch in Deutschland in vollem Umfang vor. Anstatt mehr „Bürgersinn“ hätten wir dann Bürgerkriegsverhältnisse wie in Bosnien.“

 

Nur wirtschaftlich integrierte Migranten sind für Integration geeignet

 

„De Wenden denkt darüber nach, wie die Neigung zum Extremismus unterbunden werden könne, und meint, dass dies nicht allein von Einsichten und Anpassungen, sondern von strukturellen, also politischen und wirtschaftlichen Bedingungen abhänge; wobei der radikale Islam

„unter den fortdauernden Bedingungen der Ausgrenzung und der Arbeitslosigkeit, des Scheiterns der traditionellen Sammelbecken der Sozialisation als eine mittelfristige Lösung (in dieser Notsituation, B.T.) erscheint“.

Hier finden wir wieder die Erkenntnis, dass nur wirtschaftlich, d. h. durch Arbeit integrierte Migranten für eine erfolgreiche allgemeine Integration geeignet sein können. Die faktische Alternative ist eine islamisch definierte Armutskultur mit allen Folgen, die dazugehören. Solange also eine wirtschaftliche Integration nicht möglich ist und unter Bedingungen der Arbeitslosigkeit weitere islamische Migranten nach Deutschland kommen, würde es

„in diesem Fall bedeuten, dass der Kommunitarismus gegenüber dem französischen Modell der Staatsangehörigkeit in einigen Randbereichen der Gesellschaft, wo universelle Werte ihre Bedeutung verloren hätten, den Sieg davongetragen hätte“.

Diese Randbereiche der Gesellschaft sind die Islam-Ghettos, die sich durch Abschottung charakterisieren, und die Illusion der Eiferer unter den Muslimen, dass Frankreich eine „Terre de Mission“ des Islam sei. In einem Flugblatt hieß es: „Ihr werdet es nicht selbst erleben, aber Eure Kinder und Kindeskinder werden zum Dar al-Islam gehören.“ Dies anzuführen ist keine Panikmache, sondern Aufklärung über Konfliktpotenziale, die nur dadurch abgebaut werden, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt. Dieses Buch versteht sich als Beitrag in dieser Richtung: Verständnis für den Islam und Integration der Muslime im Rahmen eines Euro-Islam als eine Alternative zum kämpferischen Kommunitarismus der Eiferer auf der islamischen Seite und der Multikulti-Selbstverleugnung auf der europäischen Seite.“

 

Nur wirtschaftlich integrierte Migranten können zu Mitbürgern werden

 

„Bei den Migranten hingegen beziehen sich die Folgen des Dauer-Sozialhilfeempfängerdaseins auf die Verbindung dieser Zerrüttung mit der Zugehörigkeit zu einer ethnisch und religiös definierten Armutskultur, die zum Pulverfass werden kann. Daher die Forderung in meinem Plädoyer, die Öffnung Europas im Sinne einer gesetzlich regulierten Einwanderung an eine Anpassung dieser Migrantenströme an wirtschaftliche Bedürfnisse und Absorptionsmöglichkeiten europäischer Gesellschaften zu binden. Erfolgt diese konditionale Bindung nicht, dann führt man Dauer-Sozialhilfeempfänger mit den aufgezeigten sozialen Folgen ein. Nur wirtschaftlich integrierte Migranten können zu Mitbürgern werden. Dies leugnen die linken Befürworter einer uneingeschränkten Migration, die Einwanderungspolitik und christliche Nächstenliebe durcheinanderbringen.“

 

Scheitern durch wirtschaftliche Möglichkeiten und Zahl der Migranten

 

„Kurzum: Weder Belgien noch Deutschland noch Großbritannien, wohl aber Frankreich bietet ein Modell für die Integration des Islam in Europa. Bei dieser Aussage übersehe ich nicht, dass Frankreich angesichts der Größe seiner islamischen Gemeinde (4 Millionen) und der eigenen wirtschaftlichen Probleme - z. B. hoher Arbeitslosigkeit - große Schwierigkeiten mit Muslimen hat. Das Scheitern liegt nicht im französischen Modell der Citoyenneté, sondern im Missverhältnis zwischen den wirtschaftlichen Möglichkeiten und der Zahl der Migranten begründet.“

 

Märchen für zu Hause werden erzählt: weitere werden angelockt

 

„Die hohen Erwartungen werden in aller Regel enttäuscht. Weder Luxuswagen noch schöne europäische Frauen - das sind die medialen Lockbilder der globalisierten westlichen Fernsehwelt - genießen die Illegalen; sie müssen mit bis zu acht Leuten in einem Zimmer hausen, und insgesamt leben sie - vor allem in Italien - im Elend, wenngleich immer noch besser als in der Heimat.

Seelisch geht es den erfolgreichen illegalen Zuwanderern alles andere als gut. Viele von ihnen würden deshalb gern in ihr Land zurückkehren, können dies aber aus kulturellen Gründen nicht, die die meisten Europäer nicht verstehen: Wenn beispielsweise die Mutter eines Illegalen selbstlos ihre gesamte Habe an den Schieber abliefert, damit ihr geliebter Sohn ins „europäische Paradies“ zuwandert, um dort reich zu werden und im Wohlstand zu leben und schließlich seine Familie nachzuholen, kann der Sohn in seinen Briefen in die Heimat nicht von seinem Elend als Illegaler oder Bewohner eines Asylbewerberheims berichten. Im Gegenteil: Es werden weiterhin Märchen über das „Paradies Europa“ erzählt, was nur noch weitere Opfer anlockt - wie in der Sendung gezeigt wird. Auch die sieben Sudanesen, von denen ich oben berichtete, wurden von den Legenden eines Freundes, der den Sprung ins gelobte Land geschafft hatte, angelockt.“

 

Flüchtlinge haben Weltanschauung im Gepäck

 

Denken nicht ausschließlich von Wirtschaft bestimmt

 

„Zu den „Eigentümlichkeiten der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands“ (ein Kapitel in Georg Lukács Die Zerstörung der Vernunft) gehört die deutsche Geschichte der Sonderwege innerhalb Europas. Diese Geschichte wird durch den deutschen Sonderweg der Flüchtlingseuphorie fortgesetzt. Dazu gehört die Hegemonie der Deutung, dass die Armutsflüchtlinge ein wirtschaftliches Glück und ein Segen für Europa seien. Wer widerspricht, muss mit harten Bandagen als Keule rechnen, die bis zur Exkommunikation aus dem Grundgesetz hin reichen. Dies erlebte ich am eigenen Leib. Das EU-Problem ist nicht nur das problematische Deutschland. Mit der Feststellung des wirtschaftlichen Fokus bei der instrumentellen, aber nicht auf Werte bezogenen Bestimmung, was Europa sei, liefere ich eine Diagnose über einen Defekt in der EU-DNA. Der Defekt besteht darin, Europa ausschließlich ökonomisch in Kategorien des wirtschaftlichen Wachstums zu definieren. Das große Problem des heutigen Europa ist nicht im wirtschaftlichen Bereich zu suchen, sondern in der Schwäche der zivilisatorischen Identität des Kontinents. Auch eine Policy-Orientierung für eine Wertegemeinschaft, die den Bedarf an Migranten mit einer Inklusion durch Integration in ein europäisches Gemeinwesen verbindet, fehlt weit und breit.

Menschen denken unabhängig von religiöser und ethnischer Zugehörigkeit, und sie haben Werte, nach denen sich ihr Verhalten richtet. Daraus folgt, dass Menschen eine weltanschauliche Orientierung und Werte haben, die nicht wirtschaftlicher Natur sind. Die Vulgarisierung der marxistischen, auf die Ökonomie fokussierten Weltanschauung des Überbau-Unterbau-Schemas ist heute beinahe ein Gemeingut aller geworden, auch für die, die mit dem Marxismus nichts zu tun haben. Medien, sogar Wissenschaft und Politik belehren uns täglich bis zum Überdruss, dass alle Menschen allein wirtschaftliches Wohlergehen und nichts anderes anstreben. Das Verhalten der Menschen soll allein von diesem Bedürfnis geleitet werden. Daraus wird die falsche Schlussfolgerung gezogen, die im Islam fußende Werteorientierung der Zuwandernden aus Nahost und Afrika habe keinerlei Relevanz für das Verhalten der Migranten und für ihre Bereitschaft zur Integration. Trifft das zu? Nein, das tut es nicht!

Europäer, die so denken und vorrangig Wohlstand und ein fettes Konto anstreben, geben die kulturelle Moderne und offene Gesellschaft als zivilgesellschaftliche Identität Europas preis. Warum unterdrücken die Europäer Tatsachen darüber, dass die Millionen Flüchtlinge, die aus der Welt des Islam und dem Rest der Welt kommen, nicht auf diese Weise denken? Die Menschenbilder, die sie in ihrer Kultur verinnerlichen und nach Europa mitbringen, sind mit der säkularen kulturellen Moderne nicht kompatibel. Das ist eine empirische Feststellung; bedauerlicherweise werden heute solche Aussagen gleich mit dem Vorwurf des Rassismus kontaminiert und dann aus dem Verkehr gezogen.

Es trifft zu, dass die Menschen, die in Millionenstärke aus Nahost, Afghanistan und Pakistan sowie aus Afrika nach Europa zuströmen, der Armut entfliehen. Doch sie haben nicht nur ihre wirtschaftliche Not, sondern auch ihre Weltanschauung im Gepäck.“

 

Vormoderne Weltanschauungen sind Teil der Kritik, nicht Menschen

 

„Ein Scharia- und Kopftuchislam bedeutet zivilisatorische Abschottung in Parallelgesellschaften, die eine exklusive Identität für islamische Siedler in Europa im Namen des Respekts für andere Kulturen für sich beanspruchen. Das Ergebnis ist dann das Wuchern dieser Parallelgesellschaften, die Islamisten und schriftgläubige Muslime als Enklaven beherrschen. Das ist das islamische Europa-Bild und nicht die rechtsradikale Ideologie von Pegida. Die Identität Europas ist für mich als islamischen Rationalisten die kulturelle Moderne, nicht der Scharia-Islam. Das ist eine Warnung, die geklärt werden muss, damit sie nicht falsch verstanden wird. Ich unternehme diese Klärung mit folgender Argumentation:

Nicht die Menschen, die als Flüchtlinge nach Europa zuwandern, sind hier der Gegenstand der Kritik, sondern einzig und allein die religiöse vormoderne Weltanschauung eines Neo-Absolutismus, die sie im Gepäck mit sich bringen. Das ist der Gegenstand. Schriftgläubige, salafistische und islamistische Anschauungen sind sehr wohl eine konkrete Bedrohung für die europäische Identität; sie abzulehnen ist kein Rassismus. Dagegen sind Muslime, die ihre Religion privat praktizieren und in der öffentlichen Sphäre auf die islamische Trinität von Scharia, Djihad und Da‘wa verzichten, keine Gefahr für Europa. Muslime können sogar ein Teil Europas werden, wenn sie bereit dazu sind, sich als europäische Citoyens islamischen Glaubens in ein säkulares Gemeinwesen zu integrieren.“

 

Ethnische Kulturen sind vormodern

 

„Ethnische Kulturen kennen den Menschen nicht als ein Individuum, sondern als Angehörigen eines Kollektivs; sie sind in einem doppelten Sinne vormodern, eben weil sie

- keine Reflexivität in dem oben erläuterten Sinne zulassen. Das Reflexiv-Machen, das heißt die Unterordnung unter die menschliche Vernunft, kennt keine Grenzen und auch keine Denkverbote, wie auch immer sie heißen mögen - Zensur oder Political Correctness. Das Reflexiv-Machen entromantisiert die Selbstbilder und hinterfragt die eigenen Feindbilder. Als ein muslimischer Araber, der sich nach einer islamisch-arabischen Primärsozialisation im Orient im Rahmen seiner europäischen sekundären Sozialisation, das heißt der Ausbildung an deutschen und auch an amerikanischen Universitäten, die Denkweise der kulturellen Moderne angeeignet hat, und damit als Grenzgänger, weiß ich, wovon ich rede. Die so erworbene Fähigkeit zur Reflexivität verhalf mir in meinem Denken zur Entromantisierung meiner Kultur und der auf ihr basierenden arabo-islamischen Identität. Somit war ich nicht mehr bereit, Fehlentwicklungen in meinem Kulturkreis als Folge einer unterstellten „Verschwörung von Kreuzzüglern und Zionisten“ zu deuten. Hierüber schrieb ich ein Buch, worin ich dieses Denken reflexiv mache, mit dem Titel Die Verschwörung. Mancher Angehörige meiner ethnischen vormodernen Kultur versteht dies nicht und bezichtigt mich seitdem des „Verrates“, weil ich durch diese Entromantisierung meinem Kollektiv untreu geworden sein soll. Europäische Gesinnungsethiker begeben sich bei der Kritik an meiner Arbeit auf dasselbe Niveau ethnischer Nationalisten und religiöser Fundamentalisten, weil sie sich im Rahmen der romantischen Verherrlichung des Fremden ähnlicher Argumente, etwa des kulturellen Verrats, bedienen;

- keine Individuation kennen. Individuation heißt die Bestimmung der Menschen als Individuen und damit als freie Subjekte unabhängig vom Kollektiv. Für ethnische Kulturen ist der Mensch dagegen ein von seinem Kollektiv nicht zu trennendes Glied. Jedes Kollektiv hat seine eigene Romantik und eigene Selbstbilder, die alle Angehörigen unhinterfragt zu akzeptieren haben … Ethnische Kollektive pflegen im Rahmen ihrer Zweiteilung der Welt die Selbstverherrlichung sowie die Dämonisierung der Anderen.“

 

Intolerante Zuwanderer-Kulturen fordern Toleranz

 

„Vertreter ethnischer und religiöser Zuwandererkulturen, das heißt ethnische Nationalisten und religiöse Fundamentalisten, fordern im Namen der Toleranz von Europa etwas, was sie in ihrem eigenen Kreis ächten: Toleranz für ihre vormodemen Kulturen. In dem Kapitel über Toleranz in diesem Buch werde ich argumentieren, dass Toleranz keine Selbstaufgabe bedeutet. Kapitulation gegenüber den Ansprüchen des Neo-Absolutismus kommt jedoch einer Selbstaufgabe gleich und ist weder eine Entromantisierung noch eine Überwindung des Eurozentrismus. Der im Motto oben zitierte französische linke Philosoph Alain Finkielkraut hat in seiner Verteidigung der europäischen Moderne gegenüber ethnisch-vormodernen Migrantenkulturen die angesprochene Selbstverleugnung La defaite de la pensée/ Niederlage des Denkens genannt.

Euro-Arroganz ist noch kein Rassismus, enthält aber doch den Keim des Euro-Rassismus. Dagegen kann die Verteidigung der Vernunft gegenüber Fundamentalismus und Ethno-Nationalismus nur von den von allen vernünftigen Geistern Verlassenen zum Rassismus-Vorwurf erhoben werden.“

 

Integration

 

Was bedeutet Integration?

 

„Parallel zum „Siegeszug des Multikulturalismus in Deutschland“ (NZZ) nimmt die islamische Zuwanderung nach Europa massive Züge an. Im Zeitraum 2015/2016, in dem der Zeitgeist einer auch von Merkels Regierung geförderten Willkommenskultur dominierte, sind rund 2 Millionen Menschen (nicht, wie fälschlich behauptet wird, 1,1 Millionen) vorwiegend aus der Welt des Islam allein nach Deutschland zugewandert. Eine Frage korrespondiert mit diesem Sachverhalt; ich habe diese Frage in den neuen veränderten Untertitel dieser 2016er-Ausgabe aufgenommen. Diese Frage lautet: Europäisierung oder Islamisierung? Mein Argument ist dieses: Muslime können sich in Europa integrieren, aber Integration bedeutet gesellschaftliche Eingliederung in ein Gemeinwesen und nicht das, was die staatliche deutsche Politik angibt, nämlich räumliche Unterbringung und Alimentierung. Das ist faktisch eine Verhunzung des Integrationsbegriffs. Eine Integration von Muslimen in Europa erfordert eine Europäisierung, für die ein Integrationskonzept fehlt. Eine Integration als Europäisierung steht diametral gegen die Multikulti-Ideologie der Wertebeliebigkeit.“

 

Integration ist mehr als Alimentierung

 

„Zu einem erheblichen Teil hängt meine im Cicero veröffentlichte Entscheidung zu kapitulieren damit zusammen, dass Staat und Kirche in Deutschland die entworfene Vision einer Europäisierung des Islam zu einem Euro-Islam (etwa analog zur Einheimischwerdung des Islam im Senegal zu einem Afro-Islam) torpedieren. Warum tun sie es? Ich weiß es nicht, aber ich stelle hier nur eine soziale und politische Tatsache fest. Ein Urteil überlasse ich der Zeitgeschichte.

Trotz meiner Kapitulation halte ich den Euro-Islam für die einzige erfolgversprechende Integrationshandlung. Als Aufklärungs-Muslim fühle ich mich von dem obrigkeitsstaatlichen Denken der deutschen Politiker genervt. Gleich welcher Partei sie angehören, sprechen die meisten unter ihnen in einem deutschen „Pathos des Absoluten“ und in einer Tradition von deutscher „Selbstvergötzung“ (Adorno) über die deutschen Bessermenschen, die die religiöse Freiheit der anderen grenzenlos respektieren. Solche Gesinnung, verbunden mit deutscher staatlicher Politik, kann niemals dazu beitragen, Muslime zu integrieren. Die Anwendung des deutschen Staatskirchenmodells auf den Islam wäre eine absolute Katastrophe. Das wäre keine Inklusion in ein Gemeinwesen, sondern die Übertragung der Macht auf Islam-Verbände. Islamisten und orthodoxe Schriftgelehrte, die eine Citoyenneté, also eine notwendige Bedingung für eine gesellschaftliche Inklusion, völlig ablehnen, wären die Sieger.

Wann verstehen deutsche Politiker, dass Integration mehr bedeutet als Unterbringung, Sprachkurse und materielle Versorgung? Das ist Alimentierung, aber doch keine Integration im Sinne von Eingliederung in ein Gemeinwesen im Verständnis von Citoyenneté. Mit einer dermaßen falschen deutschen Politik können Muslime nicht zu europäischen Citoyens werden.“

 

Migranten müssen europäische Identität respektieren

 

„Auch die Migranten selbst haben eine Leistung zu erbringen: die Respektierung der europäischen Identität. Das ist ihre Bringschuld. In meinem Buch Aufbruch am Bosporus habe ich diese Problematik am Gegenstand der türkischen Migranten in Deutschland konkretisiert. Im Licht der soeben angesprochenen historischen Belastungen von Kreuzzug und Djihad kann man nicht die Kreuzzugsmentalität mancher Europäer kritisieren und zugleich den Drang der neo-osmanischen Islamisten unter den Türken nach einer Islamisierung Europas verschweigen.“

 

Islamischen Jugendlichen muss geholfen werden

 

„Doch muss parallel die missbräuchliche Inanspruchnahme der europäischen Toleranz durch islamische Fundamentalisten unterbunden werden. Dieses zu erreichen ist der Zweck meiner unermüdlichen Aufklärungsarbeit in Deutschland, aber auch über seine Grenzen hinaus. Um Erfolg bei der Verteidigung der Demokratie zu haben, müssen die Europäer der islamischen, in Europa geborenen Jugend Alternativen zum Ghetto bieten. Gelingt das nicht, dann ist der Fundamentalismus „verlockender“ als die Ausgrenzung. Verlockender Fundamentalismus ist der aussagekräftige Titel einer Untersuchung über jugendliche Muslime in Deutschland.“

 

Benötigt wird nüchterne realpolitische Perspektive

 

„Die zitierte Überlegung verdeutlicht, dass Sonntagsreden über einen islamisch-westlichen Harmonievorstellungen nacheifernden „Gesangverein der Zivilisationen“ ebenso schädlich sind wie Feindbilder über den Islam. Benötigt wird eine nüchterne realpolitische Perspektive der friedlichen Koexistenz, jedoch keine Gefühlsduselei, und am allerwenigsten eine billige Trivialmoral.“

 

Migranten, die Bürger werden wollen

 

„Als ein im Westen lebender Muslim, der sich aus freiem Willen dafür entschieden hat, europäischer Bürger zu werden, beanspruche ich auch unmissverständlich, zugleich politisch ein Citoyen zu sein und meine islamische kulturelle Identität beizubehalten. Dies tue ich nach dem Vorbild von Heinrich Heine, der seinerzeit Deutscher werden wollte, ohne aufzuhören, ein Jude zu sein, und deswegen von seinen deutschen Zeitgenossen viel gescholten wurde. Auf seine Taufe 1825 gehe ich in der Schlussbetrachtung ein. Ich denke, dass die angeführte zweifache Bestimmung mit der politischen Identität der auf Werte, nicht aber auf Volkszugehörigkeit im Sinne einer auf Blutsverwandtschaft bezogenen Citoyenneté vereinbar ist. Indem ich dies tue, gerate ich zwischen alle Stühle: Ich trete gleichermaßen in Konflikt mit dem inhärenten, auf Ausgrenzung gerichteten europäischen Rassismus und mit dem entgegengesetzten Trend eines multikulturellen Kommunitarismus, der mit den Forderungen einiger Führer muslimischer Migranten in Europa einhergeht. Migranten, die Bürger werden wollen, sind gefangen zwischen euro-rassistischer Ablehnung und dem Druck, sich dem kulturellen Ghetto der Integrationsverweigerer anzuschließen. Fundamentalisten haben im Ghetto die besten Erfolgschancen.“

 

Alltagsfragen, Gerichtsurteile, Schulpolitik

 

„Ist der Kulturrelativismus nicht doch nur von akademischem Interesse? Warum soll diese Debatte über die akademische Welt hinaus eine Relevanz für ein allgemein interessiertes Laienpublikum haben?

Zunächst ist bei dem Versuch, die Fragen zu beantworten, anzumerken, dass die Diskussion über den Kulturrelativismus weitaus älter ist, als das Thema dieses Buches vielleicht vermuten lässt. Neu an ihr ist, dass sie den Elfenbeinturm der Wissenschaft verlassen hat und aus den angeführten Gründen zu einer der brisantesten politischen Auseinandersetzungen unserer Gegenwart geworden ist. Das betrifft Alltagsfragen, Gerichtsurteile, Schulpolitik und vor allem das konkrete Verhalten gegenüber unmittelbaren Nachbarn und vieles ähnliche mehr. Im Zeitalter der Zivilisationskonflikte und der Entwestlichung der Welt wird immer deutlicher, dass Zivilisationen und jede lokal bestimmte Kultur eigene Werte als Basis ihrer Anschauungen immer mehr in den Vordergrund stellen. Auf dieser Basis wird die Gültigkeit einer allseits bejahten Werte-Universalität immer heftiger bestritten.“

 

Gesteuerte Zuwanderung und Leitkultur

 

„Der Mittelweg, den ich in diesem Buch vorschlage, besteht in einer konzeptuell durchdachten Einwanderungspolitik, die sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht im positiven Sinne restriktiv ist. Konkret heißt das: „Ja“ zur Einwanderung, aber die Zahl der Zuwanderer an die Bedürfnisse des Landes, z. B. an die Arbeitsmarktlage, anzupassen und die berufliche Qualifikation und gesundheitliche Situation der Migranten zu berücksichtigen. Die Leser dieses Buches wissen zudem, dass eine von Urbevölkerung und Migranten geteilte Leitkultur als ein verbindlicher Konsens über Normen und Werte, also im Gegensatz zu Werte-Beliebigkeit, eine Grundvoraussetzung für den inneren Frieden einer Einwanderungsgesellschaft ist.“

 

Konflikte in der Zukunft

 

Radikalisierung vorhersehbar bei fehlender Integration und Arbeitslosigkeit

 

„Gilles Kepel hat eine hervorragende Studie über den Islam im Westen vorgelegt, deren Ergebnisse ich in diesem Abschnitt diskutieren möchte. Es handelt sich um eine außerordentlich wertvolle Analyse der Rahmenbedingungen für die Entfaltung von Konfliktpotenzialen im Zusammenhang mit der Aufnahme des Islam als einer neuen Religionsgemeinschaft in den Westen - vor allem durch Migration und die damit als islamisch-religiöse Doktrin verbundene Da' wa/Missionierung. Kepel weist überzeugend nach, wie es in Zukunft vom Umgang mit diesen Konflikten abhängen wird, ob der Islam in den Westen integriert oder eine kommunitäre Größe wird. In seinen Hauptkapiteln enthält Kepels Buch Beispiele für diese Konfliktpotenziale und deren soziale Symptome. Wie schön wäre es, wenn die vielen Gesinnungsethiker hierzulande dieses Buch als Pflichtlektüre lesen würden, bevor sie ahnungslos von der Idylle einer multikulturellen Gesellschaft schwärmen. Denn nur eine demokratische Integration der muslimischen Zuwanderer verspricht eine friedliche Bewältigung der angesprochenen Konfliktpotenziale. Kepel malt den Sieg des Kommunitarismus aus, wenn diese Integration parallel zu einer Beschränkung der Zuwanderung nicht gelingen sollte. Seine Ausführungen stehen vor dem Hintergrund der Trabantenstädte von Paris, die er in einem früheren Buch Banlieues de l‘Islam/Vorstädte des Islam genannt hat. Kepel weiß, dass die kommunitäre islamische Gruppenidentität noch von einer Minderheit vertreten wird. Bei einer Radikalisierung der sozialen Umstände würde sie immer mehr Anhänger gewinnen Und eine solche Radikalisierang ist vorhersagbar bei einer Gleichzeitigkeit von fehlender Integration und kollektiver Arbeitslosigkeit der Migranten.“

 

Sicheres Rezept für soziale Unruhen

 

„Am Beispiel der islamischen Gemeinde im britischen Bradford (mit ca. 60.000 Muslimen) lässt sich illustrieren, wie die sozialen Folgen von Deprivation und Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen zu chronischen Unruhen rühren. Diese Konflikte nehmen nur äußerlich eine islamische Form an. In der Sache haben sie jedoch nichts oder wenig mit dem Islam als einer Religion zu tun. Daraus ist die Lehre zu ziehen, dass eine ungeregelte Migration von Muslimen nach Europa ohne eine parallele Politik ökonomischer und sozialer Integration unweigerlich Zündstoff mit sich bringt. Jeder auch noch so kleine Fortschritt bei der Integration muslimischer Migranten kann allein durch ein paar tausend überzählige, d. h. auf dem Arbeitsmarkt nicht benötigte und daher arbeitslose Zuwanderer zerstört werden. Kurzum, die Migration aus der Mittelmeerregion und aus Afrika muss zum Gegenstand gesamteuropäischer Gesellschaftspolitik werden. Planerisch muss die Migration an den Arbeitsmarkt angepasst sein und zugleich entsprechend begrenzt werden. Den zugelassenen Einwanderern müssen alle Möglichkeiten der Integration eingeräumt werden. Eine aus Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen bestehende islamische Gemeinde an der gesellschaftlichen Peripherie in Europa, die aus einer chaotischen und ungeregelten Zuwanderungspolitik resultiert, ist ein „recipe for troubles“ (sicheres Rezept für soziale Unruhe), wie Amerikaner solche Umstände beschreiben würden. Dennoch ist hervorzuheben, dass Integration nicht allein ein ökonomisches Problem ist. Ein Arbeitsplatz ist eine Voraussetzung für Integration, ist aber nicht mit dieser gleichzusetzen.“

 

Islam

 

Islamischer Rationalismus (und seine Gegner)

 

Avicenna

 

„In Frankfurt lernte ich auch im November 1965 Ernst Bloch kennen, der mir mit Widmung sein Buch Avicenna und die Aristotelische Linke schenkte. Durch Bloch entdeckte ich erstmals den islamischen Rationalismus. Ich verteidige Europa in Verbindung mit dem islamischen Rationalismus und Humanismus.“

 

Islamische Orthodoxie

 

„Es geht um die Muslime selbst, die Probleme mit der „kulturellen Bewältigung der Moderne“' haben; ihre hellen Geister wie Hamid Nasr Abu-Zaid und Said al-Aschmawi - werden zu Opfern der Takfir/Erklärung zum Ungläubigen. Wer im Islam als Kafir/Ungläubiger gilt, darf ermordet werden. Auf diese Weise wird das Grundrecht der Religions- und Glaubensfreiheit begraben. Wie sehr Deutschland in diesem Zusammenhang als Nebenschauplatz des Islam zu einem Tollhaus geworden ist, veranschaulicht folgender Sachverhalt: Der islamische Scheich Mohammed al-Ghazali (gestorben 1996) hat 1992 in einer Fetwa die straffreie Ermordung jedes muslimischen Intellektuellen, der für die Aussetzung der Scharia eintritt und somit zum Kafir/Ungläubigen wird, legitimiert …

Dennoch geht es hier nicht so sehr um die deutschen „Feinde und Freunde des Islam“ - gleich wie sie heißen - als vielmehr um eine für Europa relevante inner-islamische Auseinandersetzung, bei der die aufgeklärten Muslime unter der islamischen Takfir-Tradition der Intoleranz gegenüber Andersdenkenden leiden und der Gefahr der Ermordung ausgesetzt sind. Islamische Aufklärer im Hochislam waren vergleichbare Opfer. Wie Ernst Bloch in seinem Meisterstück über die islamische Philosophie schreibt:

„Kein Wunder ..., dass die islamische Orthodoxie Avicenna wie Averroes verfluchte und beide so in effigie, nämlich in ihren Werken, verbrannt bat; wie die christliche Inquisition den Giordano Bruno nachher leibhaftig verbrannte.““

 

Keine innerislamische Toleranz

 

„Unter Euro-Islam verstehe ich eine Interpretation des Islam, die offen ist und im Zeichen der hoch-islamischen Aufklärung sowie des islamischen Rationalismus steht. Ein Euro-Islam ist vereinbar mit drei europäischen Verfassungsnormen: 1) Laizismus (Trennung zwischen Religion und Politik), 2) säkulare Toleranz (Freiheit Andersdenkender und des Glaubens) und schließlich 3) Pluralismus. Im Sinne der letzten Norm müssen muslimische Migranten lernen, dass ihre Glaubensgemeinschaft nur eine unter anderen ist und kein Monopol auf die Wahrheit besitzt. Toleranz gegenüber den Muslimen erfordert eine islamische Toleranz gegenüber anderen Religionsangehörigen, aber auch Offenheit, einschließlich Offenheit und Pluralität innerhalb des Islam selbst. Ich muss es offen sagen: Es gibt keine inner-islamische Toleranz. Zudem müssen die in Europa lebenden Muslime auch im Sinne des inneren Friedens auf ihre religiöse Doktrin und Tradition der Verbindung von Migration und missionarischer Verbreitung des Islam unzweideutig verzichten.

Vor dem Hintergrund der Tatsache von 15 Millionen Muslimen, die in Europa leben, lautet die Frage nicht „Islam oder kein Islam“, sondern „Euro-Islam oder Fundamentalismus“.“

 

Versuchter Mord und Verfolgung über den Tod hinaus

 

„… Aber ein Pariser Imam ist zur selben Zeit nur knapp dem Tod entgangen. Der Imam der Moschee von Paris, Dalil Bu-Bakr, gehört zu den Euro-Muslimen, die nicht nur europäische Verfassungen sowie die Trennung zwischen Religion und Politik bejahen, sondern auch den Mut haben, die „im Namen des Islam“ verübten Blutmassaker in seiner Ursprungsheimat Algerien offen auf der Basis eines aufgeklärten Islam zu verurteilen.

Die Nachricht, dass die französischen Sicherheitsbehörden einen Plan zu seiner Ermordung durch die GIA vereitelt haben, wurde von den deutschen, auf die eigene Innenpolitik zentrierten Zeitungen nicht wahrgenommen; vergeblich sucht man ebenso die Nachricht, dass islamische Fundamentalisten in London mit Gewalt verhindert haben, dass der Sarg des dort verstorbenen größten arabischen Dichters unserer Zeit, Nizar al-Qabbani, in die Londoner Regent Park-Moschee zum Gebet hineingetragen werden durfte. Selbst die als sehr konservativ geltende arabische Zeitung al-Scharq al-Ausat hat empört von diesem Vorfall in London berichtet:

„Es wurde von einer Gruppe algerischer, ägyptischer, syrischer und anderer Extremisten untersagt, den Leichnam von Nizar al-Qabbani, des Dichters, der die arabische Sprache in seinem Herzen und auf seinen Schultern trug, in die Regent Moschee von London hineinzutragen und das Gebet auf den Toten zu verrichten ... Dies sind die Gruppen, die durch ihre Verlautbarungen der Takfir (Erklärung zum Ungläubigen, B.T.) das Blut andersdenkender Muslime freigeben ... In der Umgebung der Regent Moschee in London hat die Erregung einen Höhepunkt erreicht, die von Männern geschürt wurde, denen nur noch die Messer und Äxte fehlten, um ein Blutbad mitten in London zu verüben, das den Massakern in Algerien geähnelt hätte, nur um das islamische Gebet auf den Leichnam eines muslimischen Dichters zu verhindern“.

Die Dramatik der mit dieser Passage beschriebenen Szene kann erst dann voll erfasst werden, wenn ergänzt wird, dass diese von der zitierten Zeitung als Mutatarifun/Extremisten bezeichneten islamischen Fundamentalisten in Großbritannien (und anderswo in Europa) das demokratische Recht auf Asyl für politisch Verfolgte genießen und von Mitteln der Steuerzahler, also der Sozialhilfe, nicht nur leben, sondern aus diesen Mitteln auch ihre menschenrechtswidrigen Aktivitäten finanzieren. Ein Paradebeispiel für die als „Toleranz“ verkaufte europäische Indifferenz!“

 

Gewalttätige Syrer

 

„Unter den Leuten meiner Heimat Syrien, die nach Deutschland flüchten, befinden sich nicht nur Opfer, sondern auch manche, die zuvor in der dort vorherrschenden Kultur der Gewalt ihre Nachbarn ermordet haben; nicht alle sind Engel, Ingenieure und hochgebildete Akademiker, wie deutsche Medien falsch und propagandistisch suggeriert haben. In meinem Fachreferat bei dem internationalen Kongress des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt im März 2016 über Flucht und Traumatisierung habe ich vor den anwesenden Psychoanalytikern argumentiert, dass nicht alle Flüchtlinge, die aus Syrien kommen, Opfer sind; viele sind auch Täter. Sunniten und schiitische Alawiten bringen sich dort gegenseitig um, vergewaltigen jeweils die Frauen der anderen als ein Instrument der orientalischen Kriegsführung. Nach meinem Dafürhalten gibt es kaum noch einen Syrer, der nicht einem anderen Syrer Gewalt angetan hat, einfach um zu überleben, bevor er als Flüchtling nach Europa kommt. Auf diesem Kongress in Frankfurt forderte ich die Zivilgesellschaft in Deutschland auf, mit aller Autorität drei No-Gos strikt für syrische Flüchtlinge durchzusetzen: keine Frauenfeindlichkeit, keine Gewaltkultur und kein Antisemitismus. Monate später hat das ARD-Magazin REPORT am 12.07.2016 berichtet über das Gewaltverhalten fanatischer syrischer Flüchtlinge gegen andere syrische Flüchtlinge (jedoch Christen bzw. weniger religiöse Muslime, die im Fastenmonat Ramadan nicht fasteten). Ich bin ein Zeuge dafür, dass viele nahöstliche und afrikanische Flüchtlinge Gewalt anwenden, ja alle Regeln einer Zivilgesellschaft missachten, und wie dies ihnen von deutschen Gutmenschen damit entschuldigt wird, dass sie traumatisiert seien. Darf man hierüber in Deutschland frei sprechen?“

 

Leicht verführbar

 

„Generell lässt sich feststellen, dass islamische Migranten in Europa - wie z.B. die Türken in Deutschland - in der Regel aus ländlichen Regionen kommen und nur schlecht ausgebildet sind, d. h. auch wenig über den Islam und seine Zivilisation wissen. Aus diesem Grund haben sie keine qualifizierte Führung und greifen deshalb in einigen Fällen entweder auf gebildete europäische Konvertiten, wie etwa den angeführten belgischen Philosophie-Professor, oder auf aus der Heimat entsandte „Lehrmeister“ zurück.“

 

Islamische Staaten

 

Forderung nach Multikulti im Westen

 

„Auch möchte ich abschließend die Rolle der muslimischen Staaten im Süden und Osten des Mittelmeeres bei der Forderung nach multikulturellen Minderheitenprivilegien an muslimische Migranten in Europa nicht verschweigen. Das ist in doppelter Hinsicht ein Problem:

Auf der einen Seite könnten solche Regelungen auf der Ebene des Staates die Einmischung islamo-mediterraner Regierungen in die Angelegenheiten der in Europa lebenden Migranten ermöglichen; im Falle der Türkei, Marokkos und Tunesiens ist dies schon eingetreten. Der Sonderfall Saudi-Arabien ist nicht zu übersehen. Saudis unterstützen islamische Fundamentalisten in Europa in der Illusion, sie auf diese Weise aus ihrem Wirkungsbereich fernhalten zu können.

- Sie könnten aber auch in das Gegenteil umschlagen: Minoritäten in Europa könnten als das Ghetto missbraucht werden, aus dem die im Exil agierenden Repräsentanten des politischen Islam im Bemühen um den Sturz bestehender Regierungen in der Welt des Islam operieren. Auch dies ist bereits ein Faktum.

Regierungen im Nahen Osten sind sich der Tatsache bewusst, dass das zweite Szenario bereits eine europäische Realität ist. Nur die Europäer scheinen es noch nicht bemerkt zu haben.“

 

Konflikte nach Europa ausgelagert

 

„Jenseits vom Wunschdenken möchte ich zunächst festhalten: In unserer Epoche finden innerhalb der islamischen Zivilisation sowohl geistige als auch gewaltsame physische Auseinandersetzungen statt, die durch die Migration aus dem Dar al-Islam/Haus des Islam nach Europa verlagert werden. Diese Kämpfe werden sogar teilweise auf europäischem Territorium als Nebenschauplatz ausgetragen. Hierbei geht es um Richtungskämpfe gleichermaßen im Dar al-Islam selbst wie in der europäischen Diaspora. Im Wesentlichen handelt es sich um Kämpfe zwischen der liberal-reformwilligen und der fundamentalistischen Strömung innerhalb des Islam. Durch die islamische Migration ist Europa direkt von diesem Konflikt betroffen und kann es sich nicht leisten, sich unter dem Vorwand der Toleranz als unparteiisch herauszuhalten. Sowohl fundamentalistische als auch orthodoxe Muslime sehen sich als Da'iyya/Vorboten des Islam in Europa, und dies stellt eine radikale Herausforderung an die europäische Errungenschaft der Trennung zwischen Religion und Politik dar.“

 

Beschwerde über Rückzugsgebiete von Terroristen

 

„Warum hören europäische Politiker nicht auf die Klagen von islamischen Staatschefs, dass die Demokratie Europas den islamischen Terroristen Schutz, sogar Asylrecht und rechtstaatliche Vorteile bietet? Als Tony Blair Anfang 1998 als Repräsentant seines Landes, das zu jener Zeit den EU-Vorsitz innehatte, in Kairo war, wurde ihm berichtet, dass die wichtigsten islamistischen Terrororganisationen ihren Sitz in London haben. Blair schien überzeugt und versprach appropriate legislation/angemessene Gesetzgebung, die den Missbrauch des Asylrechts durch Fundamentalisten und Terroristen unterbinden sollte. Aber auf das Versprechen folgte nichts!“

Gerne verweist der Wurm darauf, dass militante islamistische Gruppen von westlichen Geheimdiensten in westlichen Ländern gefördert wurden, um später in ihren Heimatländern (wie Libyen oder Syrien) ordentlich Rabbatz zu machen: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/282-krieg-der-internationalen-verbrecherbande-gegen-die-bevoelkerung.html

 

Terroristen gedeihen in Europa

 

„Im Falle der islamischen Fundamentalisten, die ihre Untergrundzentralen in das „tolerante Europa“ verlegen, ist die Situation eine andere. Formaljuristisch liegt eine Verfolgung vor: Auch politisch verfolgte Gegner von Demokratie und Menschenrechten finden in Europa Asyl. Ein Beispiel hierfür: Nach Angaben der Financial Times (8.3.1996) erhält die fundamentalistische Hamas-Bewegung zu ihrer Finanzierung 70 Millionen US-Dollar jährlich aus der westlichen islamischen Diaspora - vorwiegend aus Großbritannien. Das Geld wird im Rahmen von „Wohlfahrts“-Aktionen gesammelt. Kein mir bekannter deutscher Politiker macht sich über diese Zusammenhänge in Westeuropa Gedanken, geschweige denn sucht nach Lösungen, wie die ständig wachsende islamische Gemeinde vor solchen fundamentalistischen Aktivitäten geschützt werden kann. Kaum einer unserer Politiker macht sich darüber Gedanken, wie Muslime in Deutschland bzw. Europa integriert werden können.“

 

Verbreitung des Islam: missionarisch

 

Missionierung

 

„Was hat der traditionelle islamische Begriff der Hidjra mit dem zeitgenössischen Europa zu tun? Hidjra ist ein heiliger Begriff im Islam und bezieht sich auf die Auswanderung - oder Migration - des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina im Jahre 622. Mit der Hidjra beginnt auch die islamische Zeitrechnung. Seitdem ist die Hidjra im Sinne von Migration eine religiöse Pflicht für Muslime, weil sie einen Akt der Verbreitung des Islam, und zwar weltweit, symbolisiert. Die ersten islamischen Djihad-Eroberungen im siebten Jahrhundert waren somit eine Mischung von militärischen Aktionen und der Besiedlung der eroberten Gebiete mit muslimischen Migranten. Ist die Anführung dieser Fakten für Europa und für unsere heutige Zeit von Relevanz?

Vor der Beantwortung der gestellten Frage ist es wichtig, sich die notwendigen Hintergrundinformationen zu vergegenwärtigen. Bereits im dritten Kapitel habe ich für den anstehenden Gegenstand die Formel „Der Islam und Europa - Der Islam in Europa“ geprägt. Dort habe ich gezeigt, dass die islamische Zivilisation nicht nur auf der Landkarte ein geographischer Nachbar Europas ist. Es stellt sich die Frage, ob sich muslimische Migranten als „Aufrufer zum Islam“ verstehen und somit der klassischen islamischen Hidjra-Doktrin folgen, oder ob Aussicht besteht, dass sie im Laufe der Zeit zu europäischen Bürgern werden und sich somit in europäische Ordnungen einfügen.“

 

Leben nach den Normen des Grundgesetzes

 

„Wer Europa als „Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft“ (Horkheimer) bewahren will, muss gegen diese Enklaven sein, also keine Ambiguität zulassen und klar gegen die islamische Scharia-Weltanschauung Front beziehen … Auf dem Public Market, also in der Öffentlichkeit, möchte ich nach den Normen des Grundgesetzes, nicht nach denen des Koran, leben; ich akzeptiere zudem nicht alle koranischen Normen, weil ich Reform-Muslim bin, der Schriftgläubigkeit und Salafismus ablehnt. Als Muslim und Islamologe, der sich auf eine fünfzigjährige Islamforschung in 22 islamischen Ländern beruft, weiß ich, dass Islamisierung der Welt durch Da'wa (Mission) und Dj ihad-Qital (Gewalt) ein Bestandteil des islamischen Glaubens ist. Das ist weder Vorurteil noch Panikmacherei. Wie ich bereits in der Ausgabe von 1998 in Kapitel 7 über Hidjra/Migration zeige, gehört Migration von Muslimen auch zu den Mitteln der Verbreitung des Islam. Als Reform-Muslim trenne ich mich von diesem Teil des islamischen Glaubens zugunsten einer europäisch-säkularen Identität.“

 

Beispiel Indien: keine Scharia!

 

„Welche Lehren können wir nun aus dem indischen Beispiel für Europa ziehen? Zunächst zu Indien selbst: Um der fundamentalistischen Herausforderung begegnen und den Nationalstaat in Indien bewahren zu können, ist es unerlässlich, den Artikel 44 der Verfassung zu verwirklichen und ein einheitliches Zivilrecht zu entwickeln, das der muslimischen Minderheit die Praktizierung der Scharia untersagt. Diese Aufgabe kann nur von einer unvoreingenommenen säkularen indischen Regierung vorgenommen werden. Sollte die Abschaffung der Scharia jedoch durch die neue Hindu-fundamentalistische Regierung Indiens (BJP-Koalition) erfolgen, dann käme dies nur einer Hindu-Kriegserklärung an die Indo-Muslime gleich. Die Hindu-Fundamentalisten richten ihre Einwände gegen die Scharia als Hauptargument gegen die Säkularität in Indien selbst, also nicht nur gegen die indischen Muslime.

In unserem Zeitalter von Globalisierung und Weltzeit auf den westeuropäischen Kontext bezogen, hilft das indische Beispiel, eine nüchterne Antwort auf die Forderung nach Multikulturalismus zu formulieren. Das heißt, sie klärt über die Folgen auf, wenn die muslimischen Migranten mit kollektiven Minderheitenrechten ausgestattet würden. Die Antwort lautet kurz und bündig: Der innere Friede in Westeuropa erfordert ein klares „Nein“ zur Forderung nach der islamischen Scharia für islamische Minderheiten. Die indische Erfahrung sollte Europa als eine rechtzeitige Warnung dienen. Der „Islam in Europa“ wird bei Gewährung von Gruppenrechten die fundamentalistischen „Moscheevereine“ stärken und auf der Gegenseite die rechtsradikalen Bewegungen bei den Europäern auf den Plan rufen. Es ist noch nicht zu spät, dem Aufeinanderprallen von zwei Rechtsradikalismen Einhalt zu gebieten: dem der islamischen Fundamentalisten mit dem der Neo-Nazis und ähnlicher Ausländerfeinde. Den Ausbruch dieser Gewaltpotenziale sollten Politiker präventiv, also im Vorfeld, zu verhindern suchen. Wenn sie warten, bis die Gewalt ausbricht, dann ist es zum Handeln zu spät!“

 

Saudische Moscheen ohne betende Muslime

 

„Um es ganz unverblümt zu sagen: Muslime in Europa müssen sich von der islamischen Tradition lösen, die die Hidjra/Migration an die islamische Da'wa/Mission bindet und sie zu einem Instrument der Islamisierung macht. Die Migration mit der Aufgabe der Verbreitung des Islam zu assoziieren wäre nur ein weiterer Beitrag dazu, bei den Europäern Angst vor dem Islam zu verbreiten. Der Bau von Moscheen in europäischen Städten sollte nur begrenzt und nach dem jeweiligen Bedarf erfolgen und nicht zu einem Instrument der Zurschaustellung islamischer Präsenz mit dem Hintergedanken der Islamisierung Europas missbraucht werden. Dies aber ist bislang die Praxis orthodoxer und fundamentalistischer Muslime in Europa. Moscheen - errichtet mit saudischem Geld (z. B. in Rom, Bonn und Edinburgh) - ohne betende Muslime, also nur als Symbol islamischer Präsenz in Europa, sind sehr bedenklich. Zudem gehört nach der islamischen Lehre zu einer Moschee kein „islamisches Zentrum“ oder „Kulturverein“. Erfahrungsgemäß sind solche Zentren in Deutschland politische und keine religiösen Einrichtungen - und auch nicht gerade demokratisch; ihr Ziel ist es, mittels Abschottung jede Integrationspolitik zu unterlaufen und zu verhindern.“

 

Unterschiedliche Weltanschauungen

 

Nicht-westliche Menschen haben eigene Weltanschauungen

 

„Beobachter, die andere Teile der Menschheit kennen, wissen, dass jede Zivilisation ihre eigene Weltanschauung und ihr eigenes Weltbild hat. Entsprechend ist jeder Universalismus stets ein Versuch, die eigenen Anschauungen zu universalisieren. Die Betreiber der europäischen Expansion predigten einen europäischen Universalismus. Die Europäer - bis auf einige Kulturromantiker - haben bisher eine Geringschätzung für andere Kulturen und Zivilisationen gepflegt; sie wollten und wollen immer noch nicht deren Anschauungen gelten lassen. Es ist aber nun einmal eine Tatsache, dass nicht-westliche Menschen ihre eigenen Weltanschauungen haben, z. B. in Bezug auf Staat, Recht, Religion, Krieg und Frieden sowie auf die Bestimmung des Wissens. Weltanschauliche Konflikte zwischen den Zivilisationen sind ein Faktum und keine Erfindung von Samuel P. Huntington.“

 

Intolerante Islam-Gruppen fordern für sich Toleranz

 

„Die westliche Zivilisation bestimmt in ihrer politischen Kultur der Zivilität den Menschen auf der Basis der kulturellen Moderne als ein Individuum; hierauf basierend definiert sie ihn politisch als Citoyen/Citizen, der in einer demokratisch aufgebauten Zivilgesellschaft agiert. Islamische Fundamentalisten, die innerhalb der islamischen Zuwanderer-Gemeinde eine - wenn auch bestens organisierte und mit einer effizienten Infrastruktur ausgestattete - Minderheit bilden, lehnen diese Werte ab. Unter dem instrumentellen Rückgriff auf die Norm der Toleranz fordern sie eine kommunitäre Organisation der Muslime zu bilden, die sie dann fest im Griff hätten. Wer diese Kreise gut kennt, der weiß, dass sie ihren politischen Anspruch keineswegs relativistisch vertreten. Die für sich selbst beanspruchte Toleranz wird den anderen - selbst in den eigenen Reihen - verweigert. Das weiß ich als liberaler Muslim aus eigener Erfahrung."

 

Täuschung der Ungläubigen

 

„Die bisherigen Ausführungen stehen im Gegensatz zu den Positionen islamischer Fundamentalisten, die die Frontlinien des Konflikts in den Mittelpunkt stellen, obwohl sie sich in bestimmten Fällen heuchlerisch aus politischer Opportunität als Dialogpartner präsentieren. In diesem Sinne hat sich beispielsweise der führende islamische Fundamentalist, der Sudanese Hassan al-Turabi, im Spiegel-Interview vom 18.05.1998 als aufgeschlossener liberaler Muslim verkauft. Das ist Iham/Täuschung der Ungläubigen. Ich will die Islamisten nicht verteufeln, nur ihre Grenzen zeigen. Dass ich vermitteln will, habe ich schon mehrfach gesagt. Keineswegs übersehe ich dabei jedoch die traditionellen Frontlinien des Konflikts zwischen dem Westen und dem Islam als zwei historisch überwiegend verfeindeten Zivilisationen. Denn die Vertrautheit mit den unvereinbaren und zugleich exklusiven Weltanschauungen beider Zivilisationen ist eine Voraussetzung für die Vermittlung, vorausgesetzt, der Vermittler denkt politisch und möchte kein Prediger oder Heuchler sein.“

 

Neue Revolte gegen den Westen

 

„Weltmacht Islam“ bislang nur Rhetorik

 

„In Bezug auf die islamischen Migranten in Europa ist die Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation für folgende Belange relevant: Gegenüber Europa treten islamische Migranten einheitlich als Diaspora-Angehörige einer Zivilisation auf. Unter sich sind sie aber zerstritten. Sie finden noch nicht einmal ihre Einheit in einer gemeinsamen Stätte des Gebets, also in der Moschee; zerstrittene Muslime haben jeweils ihre eigene Moschee. Die lokalkulturellen und ethnischen Trennungslinien zwischen Migranten unterlaufen die rhetorisch proklamierte Einheit der Umma.

Es gibt sieben große Weltzivilisationen. Wir haben im Verlaufe dieses Kapitels gelernt, dass nur der Islam und der Westen - im Gegensatz zu anderen Zivilisationen - gleichermaßen eine universelle und missionarische Weltsicht haben und zudem seit jeher in Nachbarschaft zueinander leben. Die anderen Zivilisationen sind regional beschränkt. Ich habe schon angeführt, dass sie - z. B. der Hinduismus - keine universellen Ansprüche haben. Dagegen visieren die Muslime bis heute noch als Voraussetzung für einen Weltfrieden eine global islamisierte Welt an, erst dann erübrigt sich die klassische, trotz Nationalstaatlichkeit bis in unsere Tage nicht revidierte Teilung der Welt in Dar al-Islam (Haus des Islam) und Dar al-Harb (Haus des Krieges). Ähnlich schwebte bisher den westlichen Politikern und Denkern eine - ebenso global - westlich geprägte Welt als Rahmen für einen Weltfrieden vor. Der amerikanische Ideologe einer Pax Americana nach dem Ende der Bipolarität, d. h. der Aufteilung der Macht zwischen den USA und der einstigen Sowjetunion, ist Zbigniev Brzezinski. Nach seiner Vorstellung kann die Ordnung der Welt nur von einer einzigen Macht, den USA, im Rahmen einer „American supremacy“ gewährleistet werden. Die islamischen Fundamentalisten verfolgen die Gegenstrategie: Weltmacht Islam - das ist bislang nur Rhetorik, aber wie lange wird die „amerikanische Vormachtstellung“ andauern? Die europäische Weltherrschaft ist schon lange zu Ende gegangen.“

 

Abgrenzung vom Westen

 

„Die neue „Revolte gegen den Westen“ ist anderer Natur: Sie richtet sich spezifisch und explizit gegen europäische Normen- und Werte-Systeme und beansprucht, einheimisches Kulturgut, vor allem in der religiösen Bestimmung, neu zu beleben, um sich von Europa und allgemein vom Westen abzugrenzen. Das Ergebnis sind oft die Ideologien des ethnischen Nationalismus und des religiösen Fundamentalismus. Besonders der Fundamentalismus ist von Bedeutung, weil er eine globale Erscheinung ist, die Ordnungsvorstellungen nicht nur für Asien und Afrika, sondern für die ganze Welt predigt. Die Globalisierung der im Rahmen der europäischen Expansion zum Standard erhobenen westlichen Strukturen ist gelungen, aber der Versuch, westliche Weltanschauungen und Weltbilder zu universalisieren, ist gescheitert: Globalisierung ist nicht mit Universalisierung identisch. Leider ist die grobe Verwechslung bzw. Gleichsetzung beider Erscheinungen unter den Globalisten weit verbreitet.“

 

Schleier (wie Kopftuch) als politisches Symbol

 

„Symbole wie der Hidjab/Schleier werden hierzu als Mittel der Abgrenzung instrumentalisiert. Ähnlich verfahren die türkischen Islamisten, wie ich in meinem Türkei-Buch gezeigt habe.

Es ist an dieser Stelle erwähnenswert, dass nicht-arabische Musliminnen, z. B. in Schwarzafrika und Südostasien, traditionell keinen Schleier tragen. Der islamische Reformer Mohammed Said al-Aschmawi hat sich unlängst in einer gegen den inzwischen verstorbenen konservativen Scheich von al-Azhar, Ali Djadul-Haq, gerichteten Schrift gegen den Hidjab geäußert. Sein Argument lautet, dass es sich hierbei um ein Ritual handelt, das der Koran nicht unbedingt vorschreibt. Aschmawi führt aus:

„Al-Hidjab/der Schleier, so wie er heute dominiert, ist ein politisches Symbol und keine religiöse Vorschrift, wie die Quellen zeigen, seien sie der heilige Koran oder die Überlieferung des Propheten. Die Gruppen des politischen Islam (d. h. des Fundamentalismus, B.T.) haben dieses Symbol den Frauen und jungen Mädchen, die sie in ihre Reihen eingruppiert haben, aufgezwungen, um sie von anderen Musliminnen und nicht-muslimischen Frauen abzugrenzen. Diese islamistischen Gruppen haben den Frauen dieses Symbol, ebenso wie die Djallabah den Männern, als Uniform unter der Behauptung aufgezwungen, es sei die Uniform des Islam ... Hiermit wollen sie symbolisch im öffentlichen Leben ihre Präsenz, ihren Einfluss und ihre Aktivitäten zur Schau stellen.“

Diese Beschreibung, die al-Aschmawi auf der Basis seiner Erfahrungen in Ägypten formuliert hat, gilt für alle islamischen Länder unserer Gegenwart und in einem noch extremeren Maße für die Islam-Diaspora in Europa, wie ich dies am Beispiel der muslimisch-türkischen Frauen in Deutschland gezeigt habe. Eben an diesem Beispiel der türkischen Migrantengemeinde in Deutschland habe ich im angeführten Buch demonstriert: In der Islam-Diaspora ist der Schleier eindeutig ein Instrument der kommunitären Absonderung. Die türkische Soziologin Nilüfer Göle vertritt die Ansicht, dass der Schleier symbolisch für die Hervorhebung der eigenen, unterschiedlichen Weltanschauung steht, also als „zivilisatorische Abgrenzung“ dient. Diese Erfahrung gilt gleichermaßen für Frankreich und Deutschland, wo der Schleier die vielen Spielarten der Konflikte symbolisiert, die mit der islamischen Präsenz in Westeuropa zusammenhängen.“

Gerne zitiert der Wurm Mina Ahadi über die Zeit der Iranischen Revolution: „1980 kam der Kopftuchzwang – trag das Kopftuch oder wir prügeln dich, das war die Parole! Das islamische Regime setzte immer als Erstes den Kopftuchzwang durch, wenn es eine noch nicht unterworfene Stadt eingenommen hatte. Denn in vielen Provinzen musste sich die neue Macht erst nach und nach festigen. Auch deshalb sind das Kopftuch und der Kampf gegen das Kopftuch so wichtig, es ist ein durch und durch politisches Symbol für die Macht des politischen Islam …“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/182-taxi-teheran.html

 

Unter Deutschen

 

Gesinnungs- und Verantwortungs-Ethik

 

Definition Gesinnungs- und Verantwortungs-Ethik

 

„Was ist nun der Unterschied zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik?

Nach Max Weber schiebt der Gesinnungsethiker jede Verantwortung von sich und weist jede Rationalität zurück; die gesinnungsethische Betrachtungsweise sieht nach Max Weber so aus:

„Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen. ... Verantwortlich fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung ... nicht erlischt.“

Diese Denkweise gedeiht unabhängig von den gesinnungsethisch begründeten „ganz irrationalen Taten“. Ein Paradebeispiel für diese Denkweise ist die deutsche Willkommenskultur, die sich als das Gute begreift und das Böse in der gesamten Welt abschaffen will.

Dagegen zeichnet sich der Verantwortungsethiker durch die eingangs aufgelisteten Qualitäten aus:

- Leidenschaft im Sinne von Sachlichkeit,

- Augenmaß als Fähigkeit, die Realitäten rational zu erkennen,

- Verantwortungsgefühl, das völlig frei ist von einer „ins Leere verlaufenden Romantik des intellektuell Interessanten“ (Max Weber).

Gibt es einen Mittelweg zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik? Weber antwortet auf diese Frage verneinend mit folgenden Worten. „Es ist nicht möglich, Gesinnungsethik und Verantwortungsethik unter einen Hut zu bringen.“ Man kann die Frage erneut stellen, warum ein Mittelweg nicht möglich ist. Weber antwortet, dass der Gesinnungsethiker „aus Gutem nur Gutes, aus Bösem nur Böses kommen“ sieht; sein Denken ist von diesem Manichäismus geprägt. Dagegen denkt der Verantwortungsethiker rationalistisch, aber „der Gesinnungsethiker erträgt die ethische Irrationalität der Welt nicht“. …

Gerade im verantwortungsethischen Geist Webers stelle ich analytisch und faktenmäßig auf der zweiten Ebene das Vorhandensein von Konflikten fest als eine gesellschaftliche Realität. Diese Vorgehensweise zieht im Widerspruch zur Veredelung der fremden Flüchtlinge zu bons sauvages in der Gesinnungsethik der deutschen Willkommenskultur. Zum Verständnis dieser sozialen, politischen, ökonomischen und religiös-kulturellen Konflikte gehört vorrangig der Zivilisationskonflikt, dem ich in Abschnitt 6 dieser Einführung nachgehen werde. Diese analytische und faktenmäßige Durchdringung des oben festgehaltenen Problems wird vermutlich auf Widerstand, sogar auf Diffamierung meines Denkens und Infragestellung meiner Person als Wissenschaftler stoßen. Ich bin daran gewöhnt. Meine Biografie ist, wie man im Englischen sagt, von einer „implacable“, d.h. von einer unerbittlichen Integrität gekennzeichnet. Auf diesem Boden denke und forsche ich seit fünfzig Jahren und tue dies auch weiterhin so. Meine Persönlichkeit steht in diametralem Widerspruch zum Charakter des deutschen Gesinnungsethikers, also des Menschentyps, den ich oben mit Hilfe Max Webers näher beschrieben habe.

Der Gesinnungsethiker hat ein Menschen- und Weltbild, das ihm als unerschütterlich gilt. Nach diesem Bild soll die Welt sich formieren. Mit Gesinnungsethikern, die alles moralisieren, kann man deshalb nicht rational debattieren. Denn zur Rationalität gehört die Bereitschaft, alles - auch die eigenen Glaubenssätze - der Reflexion unterzuordnen. Die Gesinnungsethik glaubt an eine Dualität von Gut und Böse. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die Unterteilung dieses Landes in „das helle und das dunkle Deutschland“ durch den evangelischen Pastor Gauck, der zum Bundespräsidenten aufgestiegen ist und vorwiegend langweilige, gesinnungsethische Predigten als politische Reden hält. Nach Max Weber spricht ein Politiker anders als Bundespräsident Gauck.“

 

Gutmenschen sind Bessermenschen

 

„Gutmenschen sind Bessermenschen, die eine moralische Überlegenheit beanspruchen, dermaßen, dass es nicht möglich ist, mit ihnen rational zu reden. Anders formuliert, ist der Gutmensch einer, der die Probleme nicht sieht. Nach Max Weber ist ein solcher Mensch „in der Tat politisch ein Kind geblieben“. Mit „politischen Kindern“ macht es keinen Sinn, die Frage „Europa ohne Identität?“ zu diskutieren.“

 

Protestantismus: Schuld und Sühne

 

„Das Entgleiten in Gesinnungsethik ist kein Beitrag zur Überwindung des Eurozentrismus. Die protestantische Gesinnungsethik von Schuld und Sühne ermöglicht es im Resultat nicht, die Neo-Absolutismen der ethnischen Kulturen zu erkennen.“

 

Hang zu Selbstfrömmigkeit

 

„Als Fremder unter den Deutschen kann ich die Neigung der deutschen Intellektuellen, Probleme moralisierend statt rational anzugehen, nur bestätigen. Bezogen auf das im Westen allgemein verbreitete Phänomen der Werte-Krise ist die deutsche Spielart durch die von Plessner beschriebene „weltfromme“ Neigung der Deutschen zum Extremen gekennzeichnet: Nicht nur eine durchaus benötigte kritische Selbsthinterfragung, sondern vielmehr Selbstverleugnung, ja sogar Selbsthass kennzeichnet die deutsche Erscheinungsform der allgemein westlich-zivilisatorischen Sinnkrise.

Die Neigung zu Extremen mündet in eine bedenkliche, rigorose Verdammung der Werte der eigenen Kultur sowie von sich selbst. Widersprüchlich, aber wahr ist, dass der deutsche Nationalismus unter dieser Decke schwelt - eine eigenartige deutsche Nationalarroganz. Als ein von 1962 bis 1998, also seit 36 Jahren in Deutschland lebender muslimisch-arabischer Migrant komme ich mit meinen langjährigen Erfahrungen zu diesem Urteil und kann Plessners Worte nur unterstreichen. Ich habe viele unerfreuliche Diskussionen und Erfahrungen mit dem beschriebenen Typ des deutschen Intellektuellen, der nur scheinbar Demut und Selbstverleugnung predigt, in Wirklichkeit aber ein selbstgefälliger, der Rechthaberei des deutschen Sonderwegs verfallener Gesinnungsethiker ist, gemacht.“

 

1968er und heutige Linke

 

Heutige Linke sind ungebildet

 

„Große europäische Denker gehören nicht mehr zu den Quellen heutiger Linker. Die Jungen unter ihnen kennen diese Denker noch nicht einmal mehr namentlich. Nicht nur sind sie keine aufgeklärten Humanisten mehr, sie sind schlicht und einfach ungebildet.“

 

Seit 1970 nur Spinner

 

„Nochmals: Die linke Bewegung der 1960er-Zeit gehörte zum europäischen Gemeinwesen. Was seit 1970 folgte, waren nur Sponti-Spinner, Anarchisten, also ein Kreis, aus dem der Terror der RAF hervorging; am allerschlimmsten in jener Zeit waren die leninistisch-maoistisch-stalinistischen Gruppen, welche die deutsche Universität in den 1970er-Jahren zerstörten. Ich litt unter diesen als junger Professor bis hin zum seelischen und physischen Zusammenbruch. Als Syrer, der Holocaust-Überlebende als Freunde und Mentoren hatte, fällt es mir sehr schwer, zwischen Nazis und solchen Linkstotalitaristen zu unterscheiden. Deshalb folge ich Hannah Arendt, die NS-Faschismus und Stalinismus mit ihrem Begriff des Totalitarismus konzeptualisiert. Heute gehe ich als Islamismus-Forscher einen Schritt weiter: In meinem Yale-Buch Islamism and Islam, dessen letzte Fassung ich am Holocaust Museum in Washington D.C. abgeschlossen habe, interpretiere ich den Islamismus mit der Begrifflichkeit von Hannah Arendt als neuen Totalitarismus. Jeden, der dies als Islamophobie abweist, reihe ich in die Kategorie des Proto-Totalitarismus ein, gegen die ich im Anschluss an Horkheimer, Popper und Arendt mit allen meinen Kräften vorgehe.

Die heutige akademische Kultur an deutschen Universitäten hat nichts mehr von dem, was ich in Deutschland in den 1960er-Jahren an Europäisierung verinnerlicht habe, vorzuweisen. Es gibt ein vorherrschendes politisch-korrektes Narrativ des Kulturrelativismus der Postmoderne, das mit einem „deutschen Pathos des Absoluten“ (Adorno) vertreten wird, das jeden „unbequemen Gedanken“ verbietet. Deutsche Gutmenschen bewundern sich selbst „in einem kollektiven Narzissmus“ als Träger einer „Willkommenskultur“. Die deutschen Gutmenschen sind selbstgefällig und denken, sie seien selbst die Besten, also Bessermenschen.“

 

Entwicklung seit 1968

 

„Eigentlich ist der Multikulturalismus eine politische Gesinnung, hinter der die Linke in ihrer heutigen Verfassung steht, so dass die Gegner in die rechte Ecke gestellt werden, auch wenn sie - wie dieser Verfasser - alles andere als „Rechte“ sind. Als ein Linker der 68er-Generation schmerzt es mich zu beobachten, dass von der 68er-Generation nur noch ein Scherbenhaufen zurückgeblieben ist. Weder das Proletariat noch Randgruppen der 68er-Studenten, zu denen ich einst gehörte, haben die ersehnte Revolution gegen das verhasste System herbeiführen können. Wie schon oben ausgeführt, ist auch die erhoffte Revolution in der „Dritten Welt“ ausgeblieben. Nun sollen wir Ausländer zu Handlangern ihrer nicht verwirklichten Träume gemacht werden und das von ihnen verabscheute System erschüttern. Doch warum sollten wir dies tun? Wir Migranten wollen Integration und inneren Frieden und kein Multikulti-Pulverfass, keine Revolution und auch keinen Klassenkampf unter veränderten Vorzeichen.

Die Linke meiner Zeit war der kritischen Theorie von Adorno, Horkheimer und Habermas, das heißt der kulturellen Moderne verpflichtet. In Deutschland besteht die Linke heute vorwiegend aus Anhängern des Feminismus und des Multikulturalismus. Als ein arabischer Muslim aus Damaskus war ich in den 60er Jahren ein Linker der vordersten Front; ich war SDS -Aktivist, habe bei Adorno und Horkheimer studiert und wichtige linke Zeitschriften - wie Das Argument - mitgetragen. Das sind entscheidende Jahre meines Lebens, zu denen ich weiterhin stehe. Damals waren wir als Aufklärer gegen alle Tabus, wollten diese abbauen und für die Denkfreiheit sowie Transparenz kämpfen. Anders die Linken von heute: Sie sind von einem anderen Schlag, sie führen im Namen der Political Correctness nur Restriktionen und Denkverbote ein, schränken somit bestehende Freiheiten ein.

Der Verfall begann schon Ende der 60er Jahre, als Frankfurter Studenten durch das Onanieren auf den Arbeitsplatz von Habermas symbolischen Vatermord begingen, Orgien im Rektorat feierten und Carlo Schmid, einen Vater des Grundgesetzes, anpöbelten. Als ein Mensch aus dem Orient empfand ich bei jenen Szenen, die ich mit Erschütterung und Verunsicherung beobachtete - so auch angesichts zweier barbusiger Mädchen vor meinem Lehrer Adorno -, nur Ekel. Bereits damals begann ich, mich dieser linken Szene zu entziehen, ja mich von ihr zu distanzieren. Trotz aller Kritik muss ich anführen: Unter den Linken der sechziger Jahre habe ich mich vor Beginn jener Eskapaden und meinem anschließenden Rückzug nicht fremd gefühlt; ich bin von ihnen nie als Ausländer behandelt worden. Bei den Linken der neunziger Jahre nehme ich dagegen eine Mischung aus deutschem Nationalismus und Autoritarismus sowie eine Belehrungsmentalität wahr. Als Opfer orientalischer Geheimdienst-Schnüffeleien habe ich eine besondere Sensibilität gegenüber jeder Denunziation Andersdenkender. In diesem Sinne nenne ich die PC-Sittenwächter eine postmoderne Spielart der Mukhabarat/orientalischen Nachrichtendienste; sie foltern nicht physisch, sondern seelisch. Ich habe es bereits deutlich erklärt: Die subtile Euro-Arroganz trifft einen Fremden tiefer als die primitiven Anpöbeleien von Rechtsradikalen.

Das Bedenkliche in unserer Gegenwart ist, dass sich linke Multikulti-Ideologen anmaßen, für uns Ausländer zu sprechen, ja sich - wie einst 68er Anti-Autoritäre als „Sprachrohr des Proletariats“ - zu unserem Vormund nach Leninscher Manier (Kader als Sprecher der Arbeiterklasse) zu erheben, um ihre Gegner als „Rassisten“ diffamieren zu können. Dabei denkt dieser Kreis aus meiner Perspektive eines betroffenen Ausländers selbst rassistisch. Der unermüdlich erhobene Rassismus-Vorwurf gegenüber Gegnern einer Multikulti-Ideologie ist nur instrumentell. Am Ende der in diesem Buch zu liefernden Analyse werde ich in meinen Schlussfolgerungen auf diese deutschen „Fremdenfreunde“ näher eingehen. Als Semit und Westasiat fühle ich mich von diesem Kreis oft diskriminiert, besonders, wenn zum Beispiel atheistische Europäer mich als Nachkomme einer der ältesten islamischen Gelehrtenfamilien Damaskus' über meine Religion und Zivilisation, den Islam, belehren und mir hierbei ihre Denkmuster diktieren wollen. Das ist mehr als Euro-Arroganz, das ist linker Euro-Rassismus nach dem Motto „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ oder, wie es mein verstorbener befreundeter jüdischer Mitstreiter Ernest Gellner ironisch nannte: „Relativismus über alles“.“

 

Kritik an Aufklärung ist dumm

 

„In den folgenden Kapiteln werde ich zeigen, wie sich viele Postmodernisten von den Gegnern der Moderne - z. B. Fundamentalisten - als Handlanger instrumentalisieren lassen; ihre Kritik an der kulturellen Moderne ähnelt ihrer Kritik an der Aufklärung, zu der sie noch missbräuchlich Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung heranziehen. Ohne dieses große Werk verstanden zu haben, behaupten sie, „die Aufklärung führt zum Faschismus“. Das ist nicht nur falsch, sondern darüber hinaus eine Kombination von Dummheit, die man allenfalls entschuldigen könnte, und unentschuldbarer Ignoranz. Gegen diese Postmodernisten - ebenso wie gegen die Ansprüche der Neo-Absolutisten vormoderner Kulturen - will ich in den folgenden Kapiteln für das Europa der Aufklärung eintreten.“

 

Dritte-Welt-Romantik

 

Romantisierung des Anderen

 

„Viele Europäer leiden unter Werte-Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit. Europa durchlebt zurzeit die heftigste Sinnkrise seiner Geschichte. Das Romantisieren des Anderen ist nichts Neues, doch in unserer Zeit ist es politisch von Schaden und ein nicht tolerabler Luxus. Ein Ausweg aus der Krise ist gefragt, und keine Romantik. Die Krise ist zugleich eine Krise des Nationalstaates und der eigenen orientierungslos gewordenen Zivilisation. Das okzidentale Europa hat es in seiner historischen Entwicklung weitgehend geschafft, den Übergang von der Ethnie zur Nation zu vollziehen. Die europäische Nationsidee war und ist jedoch nicht einheitlich.

Während die entwickelteren Teile Europas, Frankreich und England, die moderne Nation im Rahmen von Citoyenneté bzw. Citizenship bestimmt, das heißt entethnisiert haben, verstehen die Deutschen unter Nation eine Kulturgemeinschaft, die bei Herder nicht ethnisch war, aber in der Folgeentwicklung ethnisch geworden ist und ethnisch belastet bleibt. Die deutsche Romantik hat den wichtigsten Beitrag zu dieser verklärten und diffusen Bestimmung des Volkes als Nation geliefert. Das Resultat war und ist, dass Nation in der deutschen Geschichte mit Volksgemeinschaft gleichgesetzt wird. Der große jüdische Ideenhistoriker Isaiah Berlin hat recht, wenn er die deutsche Romantik in die Domäne der Gegenaufklärung einordnet.“

 

Dritte-Welt-Ideologie

 

„Nach dem Zusammenbruch der 68er-Linken bereits zu Beginn der 1970er-Jahre haben Marxisten-Leninisten-Maoisten den Klassenkampf als Heil gepredigt. Nach dem Verlust ihres Proletariats haben dann die späten linken Maoisten und Leninisten der K-Gruppen (so beispielsweise der Kommunistische Bund, zu dessen „aktiven Mitgliedern“ laut Wikipedia Jürgen Trittin gehörte) den Volkskampf als Ersatz für den Klassenkampf erfunden. Die Völker der Dritten Welt ersetzten damals das Proletariat. Laut Wikipedia haben diese K-Gruppen die blutigen Diktaturen von Idi Amin und Pol Pot unterstützt. Adorno und Horkheimer haben sehr früh diese Irrationalität und Irrwege der Dritte-Welt-Ideologie Tiers-mondisme / Third Worldism erkannt und sie abgewiesen. In meinem Aufsatz hierüber - erschienen in der linken amerikanischen Zeitschrift Telos (Heft 148/2009) - habe ich das Denken Horkheimers über diesen Gegenstand erläutert, der gegen diese Linken stand. Während der 68er-Revolte haben Adorno und Horkheimer es zu Recht strikt abgelehnt, Aufrufe zur Unterstützung der Vietkong zu unterschreiben. Diesem Gegenstand habe ich in meinem englischsprachigen Buch Islam and Global Politics von 2012 ein ganzes Kapitel (Kapitel 6) unter der Überschrift Western Third Worldist Romantization of Islamism gewidmet. Darin dokumentiere ich Horkheimers Widerstand gegen jede Dritte-Welt-Romantik, die heute unter einem anderen Titel wiederkehrt: Flüchtlinge aus Nahost und Afrika werden als die „neuen Befreier Europas“ gefeiert. Wie soll das geschehen? Nach linker Logik auf diese Weise: Seit die späten Post-1968er-Linken sowohl ihr Proletariat als auch ihre Dritte Welt verloren haben, sind sie seitdem auf der Suche nach etwas Neuem, um weiterhin gegen Europa und seine Ideen zu kämpfen. Heute mobilisieren sie als Ersatz für das verlorene Proletariat die Migranten und Minderheiten als Ersatzproletariat, wie ich in Kapitel 11 des vorliegenden Buches zeige …

Das Perfideste an der Links-Grünen-Diversity-Ideologie ist der Versuch, die zivilisatorische Identität Europas abzuschaffen. Dieser Kreis lässt Europa generös stehen, jedoch einzig und allein kulturrelativistisch als ein „Narrativ“. Dieses Europa-Narrativ wird gleichberechtigt neben andere Narrative gestellt. Die Idee Europas gilt demnach selbst in Europa nicht mehr als Substanz für europäische Identität. In diesem Buch trete ich zwar für Vielfalt und für Pluralismus ein, jedoch stets universalistisch im Rahmen der Bewahrung der zivilisatorischen Identität Europas als solche der Aufklärung und der säkularen Demokratie. Die Links-Grüne-Diversity-Ideologie ist dagegen kulturrelativistisch; sie lässt ein solches Projekt nicht zu; sie beschmutzt Europa durch die Assoziierung einzig mit Gewalt, Kreuzzügen, Faschismus und Kolonialismus. Die links-grünen Meinungsmacher kontaminieren Europa, lassen kein gutes Haar daran und beschädigen seine Legitimität. Damit wird alles, was europäisch ist, in den sogenannten „Post Colonial Studies“ als Sünde verurteilt. Die Identität der Flüchtlinge wird parallel dazu höher gestellt, sie wird zum Menschenrecht. Wer sich aber für europäische Identität einsetzt, riskiert, des Rassismus bezichtigt zu werden. Welche Logik soll das sein? Diesen Trend beobachte ich in Großbritannien (nicht in Frankreich), in den USA und besonders extrem in Deutschland, also dem Land, in dem Helmuth Plessner dies beobachtete: „Deutsche verstehen in Dingen des öffentlichen Lebens kein rechtes Maß zu finden und verfallen immer wieder dem Zauber der Extreme“. Dazu kommt noch diese Steigerung: Der Multikulti-Kulturrelativismus wird beispielsweise in Deutschland - anders als in den USA - nicht als eine Position neben anderen, sondern in einem „Pathos des Absoluten“ (Adorno) vorgetragen.“

 

Ersatz-Proletariat

 

„Meine Antwort lautet, dass die deutschen Linken, die sich heute in kirchlichen Institutionen eingenistet haben und in diesem Rahmen agieren, von uns Ausländern als Migranten erwarten, das zu tun, wozu sie selbst nicht in der Lage waren. Hierzu muss man sich an die Vorgeschichte dieser Illusion erinnern.

Mein verstorbener jüdisch-amerikanischer Freund und geistiger Mentor Reinhard Bendix - Autor von Von Berlin nach Berkeley - berichtete mir einst mit einer gewissen Belustigung von Herbert Marcuse, dem Propheten der 68er Generation, der ich in Frankfurt selbst angehörte, dieser habe den Spruch „Das Proletariat hat mich desertiert“ geprägt. Obwohl ein in Damaskus geborener und dort aufgewachsener arabischer Muslim, gehöre ich durch mein Studium in Frankfurt bei Adorno und Horkheimer während der 60er Jahre - wie eben erwähnt - zur linken 68er-Generation. Marcuse war für uns - obwohl von meinem Lehrer Adorno nicht sonderlich geschätzt - eine Galionsfigur. Trotz meiner damaligen auf Unreife und „geistige Pubertät“ (M. Horkheimer) zurückgehenden Begeisterung für Marcuse habe ich den falschen Propheten nie mit meinem wahren islamischen Propheten Mohammed verwechselt. Marcuse hatte uns gelehrt, dass die Arbeiterklasse durch Konsum und Bedürfnisproduktion nunmehr in das System eingebunden worden sei und daher nicht mehr als Träger der Revolution in Frage komme. Auf der Suche nach einem Ersatz romantisierte er die Völker der Dritten Welt und erhoffte sich aus ihrem Widerstand - wie er schrieb – „gegen die Einführung der modernen Technik“ einen „Impuls“ für die Revolution. Marcuse predigte, dass im Westen die „Randgruppen“ das revolutionäre Erbe übernehmen würden.

Sowohl in Berkeley als auch in Paris, Frankfurt und Berlin trat zu jener Zeit die Studentenschaft als Träger der 68er-Revolution mit dem Anspruch auf, eine solche, die Gesellschaft revolutionierende Randgruppe zu sein. Die neue Bewegung schoss jedoch über das Ziel hinaus und hatte letztlich nur Revoluzzer hervorgebracht. Die revolutionären Linken glaubten, in der Verbindung ihrer westlichen Subkultur mit den romantisierten Dritte-Welt-Kulturen das verhasste etablierte System zu Fall bringen zu können. Das Vorhaben des studentischen Ersatzproletariats, dessen Angehörige jenseits ihrer Dritte-Welt-Romantik kaum eine Ahnung über Asien oder Afrika hatten, musste scheitern. Zurück blieb eine Mischung von Revoluzzern und verkrachten Existenzen, aber keine Revolution.

Die anti-autöritäre Bewegung löste sich nach ihrem Scheitern in höchst autoritäre Organisationen auf - wie etwa den bereits erwähnten und von mir persönlich durch seinen Psychoterror in Göttingen traumatisch erlebten Kommunistischen Bund Westdeutschlands/KBW, der den weltweiten Volkskrieg gegen den Kapitalismus propagierte. Auch diesmal wurde dieses Ziel nicht erreicht, und das verhasste System hat sogar den institutionellen Kommunismus überlebt. Viele der ehemaligen gescheiterten Linken sitzen heute jedoch an einflussreichen Stellen des Systems, wie z. B. Jürgen Trittin vom einstigen Göttinger Kommunistischen Bund Westdeutschland, der gegenwärtig Vorstandssprecher der Grünen ist. Die erneute Suche nach einem Ersatzproletariat trägt in unserer Zeit neue Früchte, diesmal mit uns Ausländern als „Auserwählten“ für die ersehnte Weltveränderung.

Durch unbeschränkte Öffnung der Grenzen für eine Massenzuwanderung glauben diese Linken, nicht-integrierte soziale Kräfte ins Land zu bringen, die dann eine systemsprengende ethnische Armutskultur bilden. Diese sollen nun schaffen, was bislang fehlschlug: die bestehende Gesellschaftsordnung zu stürzen. Wer es wagt, gegen diese Vorstellungen ein Wort der Kritik zu äußern, wird mit den für ihre Zwecke missbrauchten und ihres in der Tat höchst gefährlichen Inhalts entleerten Begriffen wie „Rassismus“ und „Rechtsradikalismus“ mundtot gemacht. Die barbarische Ideologie des Rassismus unterteilt die Menschheit willkürlich, und Rechtsradikale sind Gegner jeder Demokratie. Was aber hat die rational begründete Einstellung, dass jedes soziale System nur begrenzt Zuwanderung verkraften kann, wenn es nicht zusammenbrechen will, mit dem menschenfeindlichen Rassismus oder dem demokratiefeindlichen Rechtsradikalismus zu tun? Geht es wirklich um uns Ausländer und darum, uns vor deutschen Rassisten und Rechtsradikalen zu schützen? Oder geht es vielmehr um ganz andere Ziele? Und dienen wir Ausländer nur als vordergründiger Vorwand?“

 

Linkes Wunschdenken

 

„In Bezug auf das Thema dieses Buches und die hier angesprochene Problematik der Extreme - von eurozentrischer Arroganz zur Selbstaufgabe gegenüber anderen Kulturen - ist es von Belang, auf den Gesinnungskomplex Tiers-Mondisme, das heißt die Dritte-Welt-Romantik der 68er-Zeit einzugehen. Der Grund hierfür ist, dass jene Ideologie heute in einer multikulturalistischen Form fortlebt und wir auf sie zurückgreifen müssen, um den anstehenden Gegenstand besser zu verstehen. Der französische Begriff, mit dem diese Ideologie umschrieben wird, besteht aus dem Wort Dritte Welt/Tiers Monde, erweitert durch einen -ismus/-isme.

Von meiner Herkunft selbst ein „Dritt-Weltler“, sonnte ich mich in den 60er Jahren unter meinen deutschen „Genossen“ in dieser von ihnen romantisierten Identität. Seinerzeit trug ich durch meine Aufsätze in den Berliner Zeitschriften der 68er-Linken, Das Argument und Sozialistische Politik, sowie durch Publikationen im Trikont-Verlag und drei Bücher in der einflussreichen Reihe „Dritte Welt“ der damals linken „Europäischen Verlagsanstalt“ zugegebenermaßen selbst geistig zu dieser Romantisierung bei. Heute schaue ich auf diese Wirkung kritisch zurück und deute sie als „intellektuelle Pubertät“. Es gibt deutsche Linke, die über dieses Alter nie hinausgekommen sind.

In dem angeführten Zusammenhang jener Zeit hatte ich - obwohl noch ein junger Student aus Damaskus - entscheidenden Anteil an der Verbreitung der Ideen von Frantz Fanon und Aimé Césaire. Dieses Gedankengut gehörte zu den Grundlagen des Tiers-Mondisme. Mit konzentrierter Bezugnahme auf die Thematik dieses Buches möchte ich zeigen, welche Kritik an Europa legitim war und noch ist und welche falschen Schlussfolgerungen damals wie heute daraus gezogen worden sind. Mit anderen Worten: Es geht mir nicht um eine Kehrtwendung. Die Europa-Kritik des Tiers-Mondisme weise ich nicht pauschal zurück, im Gegenteil, ich vertrete auch weiterhin einige ihrer Elemente. Zunächst aber bedürfen die Namen Césaire und Fanon - ihre Schriften waren für meine 68er-Generation neben Marx und Marcuse noch eine Art Bibel, an der keiner vorbeikam - heute wohl einer kurzen Vorstellung, auch wenn ihr geistiges Erbe noch fortlebt.

Aimé Césaire, 1913 geboren, ist ein bedeutender Dichter von der westindischen Insel Martinique, der in Paris wirkte und dort auch in die Nationalversammlung gewählt worden war; durch seinen Discours sur le colonialisme (1955) hat er für viel Furore gesorgt. Seine in französischer Sprache verfasste Dichtung Retour au pays natal (von 1939) trägt zum Rang des Französischen als Weltsprache bei. Césaire hasste und liebte Frankreich zugleich. In seinem Discours klagt er die Europäer an und wirft ihnen, zum Teil mit Recht, Heuchelei vor: Sie verurteilten zwar Hitlers Barbarei, übersähen aber dabei, dass die europäischen Kolonialisten mit nicht-europäischen Völkern nicht viel anders umgegangen seien als die Nazi-Barbaren mit den Juden. Césaire wollte mit seinem Discours dem „ach so humanen, ach so christlichen europäischen Bürger des 20. Jahrhunderts mitteilen, dass er in sich einen Hitler trägt ..., dass Hitler in ihm haust, dass Hitler sein Dämon ist, dass er, wenn er ihn rügt, einen Mangel an Logik verrät und dass im Grunde das, was er Hitler nicht verzeiht, nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen an Menschen  sondern dass es das Verbrechen gegen den weißen Menschen ist ... die Anwendung kolonisatorischer Praktiken auf Europa“.

Europäische Rassisten sprechen uns Nicht-Europäern logisches Denken, ja Rationalität ab, der Afro-Inder Césaire will mit der zitierten Passage den Europäern eine Lektion in Logik erteilen: Die Verbrechen an Asiaten und Afrikanern waren nicht minder barbarisch als die Verbrechen an Juden; sie bedienten sich derselben Logik wie der Antisemitismus. Die Entmenschlichung der Juden hat ihre Parallele in der Entmenschlichung der Asiaten und Afrikaner!

Césaire weist zu Recht auf das historische Faktum hin, dass die europäische Expansion die Kolonialisierung der nicht-europäischen Teile der Welt, nicht aber deren Europäisierung im Sinne der Verbreitung des europäischen Humanismus zum Ziel hatte. Diese Expansion wird uns in den Kapiteln des ersten Teils näher beschäftigen. Europäische Eroberer hatten die Ideologie des missionarischen Universalismus groß auf ihre Fahnen geschrieben. Nach Césaire war

„die Europäisierung Afrikas oder Asiens keineswegs - wie das Beispiel Japans beweist - an die europäische Besatzung gebunden ... Die Europäisierungsbewegung der nicht-europäischen Kontinente hätte sich anders vollziehen können als unter dem Stiefel Europas“.

Césaire war ein großer Poet. Politisch bedeutender für die Ideologie des Tiers-Mondisme war jedoch der 1924 ebenfalls in Martinique geborene Frantz Fanon; er war ein Freund und Zeitgenosse Césaires und wirkte - gleichfalls in Paris - als Arzt und Psychotherapeut. Im Jahre 1953 hatte er sich hoffnungsvoll der algerischen Revolution angeschlossen. Sein auf dem Sterbebett in einem Washingtoner Krankenhaus geschriebenes Werk Les damnés de la terre gilt seitdem als das Kommunistische Manifest der „Dritten Welt“. Die in einer deutschen Übersetzung 1966 bei Suhrkamp erschienene Ausgabe dieser Arbeit gehörte zur Pflichtlektüre jedes 68ers. Ich persönlich habe zur Verbreitung der Fanon-Rezeption beigetragen und habe seine Übertragung der Hegelschen „Herr-Knecht-Beziehung“ auf die des Colon-Colonisé (Kolonisator-Kolonisierter) vertreten.

Heute gehen linke, noch mit Fanon vertraute Multikulturalisten, wie ich im zweiten Kapitel zeigen werde, so weit zu behaupten, dass diese Fanonsche Dialektik von Herr-Knecht auf die Beziehung von „Europäern und Migranten“ übertragbar sei. Das ist nicht nur gefährlich, sondern in einem erheblichen Maß folgenreich für den inneren Frieden in Europa. Diese linken Multikulti-Ersatz-Klassenkampf-Ideologen wollen uns Ausländer als ihr Proletariat neuer Prägung missbrauchen. Fanon war zwar ein politischer Prophet des Tiers-Mondisme, aber doch von solch einer Verherrlichung vormoderner Kulturen frei. Mit einigen Differenzierungen schließe ich mich Fanons Ansicht an, dass Europa

„nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straßen, allen Ecken der Welt“.

Trotz dieses kruden Urteils geht Fanon nicht zum Gegenextrem über, er verherrlicht nicht den bon sauvage / edlen Wilden. Im Gegensatz zu den einfältigen „Tiers-Mondisten“ hat Fanon keine beschönigenden Worte für das vormodeme Nicht-Europäische gefunden; er spricht sich gegen „das Häuptlingswesen und ... (die) alten marabutischen Brüderschaften aus, tritt für „die Auflösung des Regionalismus und (der) Stammesverbünde“ ein und schreibt schließlich, die „Beseitigung der Kaids und Häuptlinge ist Vorbedingung“ für die Befreiung. Die „Dritte Welt“, für die Fanon gegen Europa eintritt, ist frei von „allen Mystifizierungsversuchen, gegen alle Hymnen auf die Nation gewappnet“. Dies galt ihm „alles nur (als) Karneval und Tralala“. Aber diese „Dritte Welt“ ist nicht zum neuen „Sturmzentrum“ geworden; stattdessen wird ihre Vormoderne in der Form eines Dritte-Welt-Mythos romantisiert:

Die Behauptung, der europäische Humanismus sei zu einem Lippenbekenntnis geschrumpft und er gälte allenfalls noch für die Europäer selbst, ist übertrieben, aber nicht ganz falsch. Zum Beispiel waren die Schriften Rousseaus und Montesquieus in Französisch-Südostasien von der Kolonialverwaltung verboten, weshalb vietnamesische Nationalisten sie auf Chinesisch unter den Decknamen „Meister Lu“ und „Meister Manh“ lesen mussten. Scheinbar tolerante Kulturrelativisten unserer Zeit sind keinen Deut besser als die heuchlerischen Universalisten alter Zeiten: Sie wollen zum Beispiel zulassen, dass Frauen von uns Migranten im Namen der Toleranz beschnitten werden, würden dies aber niemals bei ihren eigenen Frauen gestatten.

In diesem Buch will ich zu einer Überwindung der inhumanen Euro-Arroganz beitragen und zeigen, dass die „ach so“ (mit Césaire) weltoffenen Multikulturalisten nicht minder euro-arrogant, ja im deutschen Fall oft deutsche Nationalisten sind. Dennoch ist aus dieser Anklage gegen Europa nicht die „tiers-mondistische“ Verabschiedung von den Werten und Normen der europäischen Aufklärung zu folgern. Doch bleiben wir zunächst bei Fanon:

„Verlieren wir keine Zeit ... verlassen wir dieses Europa ... Europa hat endgültig ausgespielt, es muss etwas anderes gefunden werden ... Die europäischen Errungenschaften dürfen uns nicht mehr in Versuchung führen und aus dem Gleichgewicht bringen.“

Europa war „das Ganze“, und die Ideologie des Tiers-Mondisme predigte das „ganz Andere“. Diese Begriffe stammen aus dem Jargon der europäischen 68er-Linken. Es gehört zu den Lehren der Frankfurter Schule, das Kritische in der Negation, also in der Verneinung zu sehen. Ich habe mich von dieser Belastung in meinem Denken befreit und gelernt, das Positive zu sehen, was mit dem Schimpfwort der Affirmation (im Gegensatz zur Negation) belegt wurde. Die radikale Negation, auf die die Linken fixiert waren, sollte die „Dritte Welt“ erfüllen. Aus Enttäuschung über das Ausbleiben der von ihrem Propheten Karl Marx verkündeten proletarischen Revolution suchten sie für die Negation der bürgerlichen Gesellschaft ein Ersatzobjekt, das damals die „Dritte Welt“ war. Fanon klagte Europa zu Recht an, aber ein Nachfolger-Prophet von Marx, ein im sonnigen Kalifornien verwöhnter Westler, Herbert Marcuse, hatte den westlichen „ein-dimensionalen Menschen“ konstruiert und dann denunziert. In seinem diesen Titel tragenden Buch stellte er die Frage, ob aus dem Widerstand der Völker der Dritten Welt gegen die Modernisierung trotz der mit ihr verbundenen Aussicht „auf ein besseres und leichteres Leben“ doch „das ganz Andere“ hervorgehen könnte:

„Könnte diese vortechnische Tradition selbst zur Quelle von Fortschritt und Industrialisierung werden?“

Marcuse und seine 68er-Adepten haben diese Frage positiv beantwortet und fingen an, in der Tradition der deutschen Romantik vormoderne Kulturen zu romantisieren. Der große jüdische Ideenhistoriker Isaiah Berlin hat gezeigt, dass die deutsche Romantik das Gegenstück zur europäischen Aufklärung war. Reinhard Bendix berichtete mir von einem Gespräch mit Marcuse, bei dem dieser betrübt den Satz äußerte: Die Arbeiterklasse hat sich von uns abgekehrt/desertet us. Die „Arbeiter“ werden somit zu „Deserteuren“, und die enttäuschten Linksintellektuellen suchen nach einem Ersatzproletariat. In dieser Tradition des linken Wunschdenkens wird uns Migranten diese Aufgabe zugeschrieben.

Und in der Multikulti-Ideologie unserer Gegenwart wird im Rahmen einer Romantisierung vormoderner Kulturen, verbrämt als Postmoderne, das vermeintliche Ersatzproletariat gefunden. Jürgen Habermas hat mit Recht gefragt, ob Postmodernisten in Wirklichkeit nicht doch die Gegner der kulturellen Moderne seien, die Ideologen

„der Postmoderne ... reklamieren das Ende der Aufklärung … wir können nicht von vornherein ausschließen, dass (sie) im Namen eines Abschieds von der Moderne erneut den Aufstand gegen sie proben“.

Der Tiers -Mondisme - nicht in seiner Fanonschen Fassung, sondern in der selbstzentrierten Kopie einer linken europäischen Fanon-Rezeption - war die Vorgängerideologie des postmodernen Multikulti-Kulturrelativismus!

In diesem Buch vertrete ich die These, dass Multikulturalisten und anti-aufklärerische Kulturrelativisten die vormodernen Kulturen der einst als „Dritte Welt“ eingestuften Teile der Welt (man beachte: Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und seiner Zweiteilung der Welt gibt es keine „Dritte Welt“ mehr), vor allem Asien und Afrika, als Material für ihre ideologischen Ziele missbrauchen.“

 

Diskussion über Bassam Tibi und seine Thesen

 

„Europa ohne Identität?“

 

„Im Bewusstsein, dass ich aus diesem Kreis zahlreiche Feinde habe, die ihre Anfeindungen fälschlich „Kritik“ nennen, bin ich daran gewöhnt, Sprüche wie „Tibi-Selbstprofilierung“ und ähnliches mehr an persönlichen Injurien zu ertragen. Dieser Kreis beanstandet meine Art, persönlich zu schreiben, und verwendet dies als Vorwand, meine „unbequemen Gedanken“ (Adorno) zu verfemen. Ich überhöre diesen Vorwurf und schreibe: Dieses erstmals bei Bertelsmann zur Frankfurter Buchmesse 1998 mit der Frage „Europa ohne Identität?“ als Titel erschienene Buch gehört zur Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Denn es war die Grundlage einer deutschen Debatte über Islam, Migration und Integration im Kontext von Leitkultur, die im Jahr 2000 stattgefunden hat und zur deutschen Geschichte der Begegnung mit dem Islam durch Zuwanderung gehört.

Wie im Vorwort vermerkt, hieß der Untertitel der ersten Auflage 1998 „Die Krise der multikulturellen Gesellschaft“. Zwei Jahre später, im Jahr 2000, stand dieses Buch im Zentrum der angesprochenen deutschen Leitkulturdebatte, die von Oktober bis Dezember jenes Jahres bundesweit stattfand. Der Grund hierfür war, dass der in diesem Buch geprägte Begriff Leitkultur, den ich erstmals als Ausländer in die deutsche Sprache einführte, eine Leitkulturdebatte entfachte. Viele deutsche Meinungsmacher haben bei dieser „Debatte“ unter Beweis gestellt, dass sie Zivilität nicht kennen und weder die Regeln einer zivilgesellschaftlich-demokratischen „debating culture“ respektieren noch gewillt sind, diese für Deutschland überhaupt zuzulassen. Hierüber werde ich in Abschnitt 5 dieser Einführung mehr sagen.

Trotz der damaligen Verheizung des Buches und seines Autors durch den Zeitgeist, den undemokratische Meinungsmacher als herrschendes Narrativ aufoktroyieren, genoss dieses Buch zwischen 2000 und 2002 drei weitere große Auflagen, die beim Siedler-Taschenbuchverlag erschienen, und so wurde es quasi zum Bestseller. Die Taschenbuchausgabe trug den veränderten Untertitel „Leitkultur oder Wertebeliebigkeit“. Die Flüchtlingskrise von 2015/2016 erzeugt einen erneuten Bedarf nach dem Inhalt dieses Buches, und daher diese ibidem-Ausgabe 2016; sie erscheint mit der Ambition, eine neue, hoffentlich bessere Debatte mit Argumenten gegen den Zeitgeist und sein herrschendes Narrativ anzuregen.“

 

Deutsche Debatten-Kultur

 

„Auf der Basis eines Lebens von 54 Jahren unter Deutschen kann ich behaupten, dass es in diesem Lande im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern sowie zur Schweiz und zu Frankreich keine Zivilität in politischen Debatten gibt, kurz: Eine Tradition einer Debating Culture fehlt in Deutschland. Ich schreibe bewusst den Begriff auf Englisch, weil die deutsche Übersetzung „Debattierkultur“ nicht denselben Inhalt wiedergibt, der im englischen Begriff enthalten ist. Als Beleg für diese Behauptung möchte ich die Art und Weise, wie die deutsche Leitkultur-Debatte von Oktober bis Dezember 2000 stattgefunden hat, anführen, weil sie meine Beobachtung, die Deutschen kennten keine Debating Culture, untermauert.

Ein anderes aktuelles Beispiel: Beim Schreiben dieses Textes fand ebenso wenig sachlich die deutsche Debatte über den Brexit statt. Ich habe die britische Presse verfolgt und wahrgenommen, dass der Wunsch der Briten nach einem Austritt aus der EU durch ihre Missbilligung des Verhaltens dieser Staatengemeinschaft, besonders Deutschlands, in der Flüchtlingskrise ausgelöst worden ist. Die deutsche Merkel-Regierung versuchte mit dem euphemistisch eingesetzten Begriff der Solidarität den deutschen Sonderweg der Willkommenskultur anderen Europäern aufzuzwingen. Das machten die Briten nicht mit und verließen die EU. Es ist kein britischer Nationalismus. Deutsche Meinungsmacher haben daraufhin bar jeglicher Zivilität Briten angeklagt und diffamiert, die diesen Volksentscheid mehrheitlich trafen. Ich führe dies nur als ein Beispiel an. Ich möchte hier den deutschen demokratischen Publizisten Dirk Maxeiner zitieren, der ähnliche Beobachtungen wie ich gemacht hat. In einem Essay beklagte er, wie die Deutschen eine „massive Konfrontation von Befürwortern und Kritikern“ konstruieren, die nur zur Polarisierung führt. Stattdessen argumentiert Maxeiner für eine sachliche Diskussion. In Deutschland, so schreibt er, benötige man „eine offene, ehrliche und vom Ballast des Moralisierens und Diffamierens befreite Debatte“ (Die Welt vom 02.07.2016). Er hat Recht, denn Moralisieren und Diffamieren haben die deutschen Debatten der vergangenen Jahre, einschließlich der Leitkulturdebatte von 2000, entscheidend geprägt.

Die deutsche Leitkultur-Debatte von 2000 entbehrte jedweder Sachlichkeit und Zivilität. Als Schöpfer des Leitkultur-Begriffes wurde ich von Gesinnungsethikern gnadenlos diffamiert. Die Diffamierer, die sich fälschlich als Kritiker vorstellten, haben offensichtlich Europa ohne Identität? nicht gelesen; dennoch haben sie mir damals unterstellt, dass ich - obwohl Migrant - die Zuwanderer zwingen möchte, nach deutschen Sitten und Bräuchen zu leben, einschließlich des Konsums von Wurst und Sauerkraut. Der Spiegel übertraf damals jede geistige Primitivität in dem Artikel über Leikultur unter der Überschrift Operation Sauerkraut. Was für eine Schande; das ist doch nicht das Niveau, das man vom Volk der Dichter und Denker erwarten würde.

Aufmerksame Leser dieses Buches werden herausfinden, dass die in diesem Buch enthaltenen Teile über Leitkultur die Vokabeln „Sauerkraut“ und „deutsche Sitten und Bräuche“ nicht enthalten. Das pertinente Thema dieses Buches ist vielmehr die Suche nach einem kulturübergreifenden Wertekonsens als politische Kultur der Citoyenneté und der Laizität in einem demokratischen Gemeinwesen. Nichts anderes als dies ist der Inhalt des von mir geprägten Begriffes der „Leitkultur“. Mit diesem Begriff suche ich Gemeinsamkeiten und Pluralität in einer Situation, in der Ethnien und Religionen durch ihre Partikularismen die Menschen separieren. Wie kann man bei Sinnen solche spaltenden Kräfte im Namen von Respekt für „kulturelle Eigenarten“ zulassen?

Ich denke, dass es hier nicht nötig ist, das zu wiederholen, was ich schon in den Kapiteln 1-6 des Originaltextes von 1998 geschrieben habe. Dagegen halte ich eine Wiedergabe der Leitkultur-Debatte von 2000 als Erinnerung für nötig. Ich werde auch zeigen, dass diese Debatte 2015 mit einer noch niedrigeren Qualität wiederaufgenommen worden ist. Noch eine Betonung: Niemals spreche ich von deutscher, sondern stets von europäischer Leitkultur. Aufmerksame Leser des Abschnittes 5 über das Fehlen einer Debating Culture in der deutschen politischen Kultur können nur ahnen, wie leidenschaftlich ich jede „deutsche Leitkultur“ ablehne. Diese mir zuzuordnen kommt einer Fälschung gleich.

Die misslungene Debatte von 2000 begann im Oktober jenes Jahres, als der CDU-Politiker Friedrich Merz in einem Zeitungsartikel von Migranten forderte, sich einer „deutschen Leitkultur“ zu fügen (vgl. Bonner Generalanzeiger vom 08.11.2000). Merz erweckte den Eindruck, er habe diesen Begriff geprägt. Denn weder gab er die Herkunft des Begriffes preis, den ich in die deutsche Sprache eingeführt hatte, noch bot er eine Inhaltsbestimmung. Merz erzürnte mit seinem Artikel alle Parteien. Insbesondere wurde er bundesweit von der deutschen linken Moralpolizei des Rechtsradikalismus geziehen. Trotz aller Vorbehalte gegenüber Merz finde ich es von seinen linken Kritikern geschmacklos, ihn in die Nazi-Nähe zu bringen. Das ist wahre „deutsche Leitkultur“. Das ist kein Argument, sondern Rufmord.

Auf dem soeben beschriebenen geistigen Niveau war die Leitkultur-Debatte schon eine Totgeburt. Die CDU-Oppositionschefin von damals - Angela Merkel - sprang in die Bresche, um Merz gegen den Nazi-Vorwurf zu verteidigen. Das führe ich später weiter aus. Zunächst ruderte Merz zurück und räumte ein, dass der Begriff nicht von ihm stammte; er gab fälschlicherweise Theo Sommer, damals Chefredakteur der Zeit, als Quelle an. Doch widersprach Theo Sommer prompt und schrieb, dass er den Begriff Leitkultur „von Bassam Tibi übernommen“ habe. Ich betone: Es geht hier nicht um das Copyright an dem Begriff Leitkultur, sondern um seinen Inhalt und darum, wie deutsche Opinion Leaders politisch diskutieren.

Trotz der damals angespannten Beziehung zwischen Merz und Merkel hat sie ihn gegen den Nazi-Vorwurf in Schutz genommen. Das tat sie auf einer Pressekonferenz im Oktober in Berlin. Zu Merkels Argumenten bei der Merz-Verteidigung gehörte die Angabe der Herkunft des Begriffes, nämlich von „einem Ausländer Bassam Tibi“. Dabei bin ich seit 1976 deutscher Staatsbürger. Etwas besser als Merz war Angela Merkel in einem langen Interview im Spiegel vom 31.10.2000, worin sie in korrekter Sprache „Bassam Tibi“ als Quelle des Leitkultur-Begriffes angab; auch gab sie damals richtig an, dass der Urheber, nämlich ich, den Begriff mit europäischen Werten als Inhalt füllte. Damals wirkte ich in den USA an der Harvard University als Bosch Fellow bzw. Research Professor und wurde durch deutsche Journalisten, die nach Sensationen jagten, in meiner Arbeit enorm gestört und nicht nur gequält, sondern auch erheblich belästigt. Es kommt noch schlimmer - nämlich gefälscht zu werden von einem ehemaligen Studenten von mir, der nicht zu den Besten gehörte, also Zeit-Journalist wurde. Der deutsche Polemiker verwendete gegen mich als Syrer einen von mir nicht autorisierten Abdruck im Wochenmagazin Focus, der aus Europa ohne Identität stammte, entnommen und ohne Absprache mit mir unter dem falschen Titel Deutsche Leitkultur wiedergegeben, um mich beleidigend als Der Leitkulturwart (Die Zeit vom 02.11.2000) zu diffamieren. So sieht in Deutschland der Respekt von deutschen Studenten für ihre ausländischen Professoren aus. Das ist ein Beispiel für die deutsche Art, mit Gegnern zu „debattieren“, also: deutsche Leitkultur.

Im Jahr 2000 war ich noch nicht verbannt aus den deutschen Medien. Dies erfolgte erst 2002 nach der Veröffentlichung meines Buches Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration. Ich kehrte damals schon Ende Oktober nach Deutschland zurück und stellte mich tagtäglich den Medien. Unter anderem debattierte ich mit Daniel Cohn-Bendit. Im Streitgespräch mit mir behauptete er ideologisch, „es gibt keine deutsche Identität“. Diese Falschaussage war nicht nur seine Antwort auf meine These, nach der eine Integration für die Einbeziehung in ein Gemeinwesen erforderlich ist; auch erschien sie in der damaligen Wochenzeitung Die Woche (vom 10.11.2000) mit dem von Daniel Cohn-Bendit zitierten Spruch als Überschrift. Wenn diese Multikulti-Ideologie Recht hat, dann wird es in Deutschland niemals Integration geben. In der Süddeutschen Zeitung vom 25.08.2016 habe ich die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher mit Migrationshintergrund als Resultat einer fehlgeleiteten Integration ohne Identitätspolitik analysiert.

Nach mehrmonatigem Leiden unter der deutschen Art zu debattieren (vgl. Abschnitt 5) schrieb ich genervt den Artikel Die neurotische Nation, der in der Welt am Sonntag am 03.12.2000 auf der Kulturseite veröffentlicht wurde, und stieß auf breite Zustimmung, jedoch stets hinter vorgehaltener Hand. Zivilcourage gehört nicht zu den deutschen Tugenden. Das sage ich mit 54-jähriger Erfahrung des Lebens in Deutschland.

Nun ist die Integration von Zuwanderern nicht lediglich ein tagespolitisches Thema in Deutschland, sondern eine existenzielle und strukturelle Herausforderung für ganz Europa. Doch nach der Leitkulturdebatte geriet sie in absolute Vergessenheit.

Dann kam unerwartet der Terroranschlag vom 11. September 2001 mit weltpolitischer Bedeutung, der in der deutschen Islam-Diaspora in der Vernetzung mit der Al-Qaida-Basis in Afghanistan geplant und in Washington und New York durchgeführt wurde. Dies bot mir den Anlass, die Leitkultur-Debatte erneut wieder aufzunehmen und sie für die Integrationsforschung zu thematisieren. In meinem Buch Islamische Zuwanderung von 2002 habe ich mit Kapitel 8 unter der Überschrift Nicht nur Deutsche, auch Muslime müssen sich verändern: europäische Leitkultur und Integration für muslimische Migrantfen als Perspektive nach dem 11. September 2001 das Problem benannt. Obwohl dieses Buch in einem Jahr, 2002, zwei große Auflagen erlebte, wurde es von keiner einzigen großen deutschen Zeitung, auch nicht von den kleinen, rezensiert. Das ist wiederum ein Beispiel für die deutsche Debattierkultur, in der „unbequeme Gedanken“ aussortiert werden. Ich stieß nur auf taube Ohren. Es blieb nicht dabei, denn anschließend wurde ich aus allen elektronischen und Printmedien schlicht entfernt. Diese Verbannung hielt an bis 2016.

Es gibt Menschen, die weder lesen noch lernen wollen. Dazu gehören die deutschen Opinion Leaders, die „unbequeme Gedanken“ nicht nur nicht zulassen und jede „Abweichung gereizt ahnden“, sondern auch diese erst gar nicht hören wollen. Mit diesen Worten Adornos aus seinem mehrfach zitierten Aufsatz aus dem Jahr 1965 über die Deutschen und ihr „Pathos des Absoluten“ fasse ich meine Erfahrungen mit der politischen Kultur zusammen.

Alles, was ich damals im erwähnten Buch von 2002 über die „gescheiterte Integration“ schrieb, bestätigt sich heute in vollem Umfang. Das Buch von 2002 enthält Prognosen, die heute gesellschaftliche Realität sind. Aber deutsche Meinungsträger verschweigen das Buch. Um die Begriffe des Artikels von Dirk Maxeiner aus der Welt (02.07.2016) zu zitieren: Weder damals noch heute findet eine deutsche Debatte statt, die „ehrlich“, „offen“ und „vom Ballast des Moralisierens und Diffamierens“ frei ist. Das ist die Art, wie deutsche Meinungsträger mit Andersdenkenden sprechen. Trotz des Verschweigens erschien mein Buch von 2002 noch im selben Jahr in zweiter Auflage mit einem Nachwort unter der Überschrift Tabus bezüglich Migration und illegaler Zuwanderung. Heute, 2016, könnte man jene Texte von 2002 mit neuem Datum versehen und keiner würde merken, dass sie 14 Jahre alt sind. Im Editorial der Financial Times vom 27.07.2016 heißt es treffend: People ignore predictions they dislike. Diese Aussage gilt auch für das Denken über die Folgen der Öffnung der Grenzen durch Bundeskanzlerin Merkel ab dem 04.09.2015.

Erstmals nach meiner Verbannung von den deutschen Medien von 2002 bis 2016 öffneten mir zwei Tageszeitungen - Die Welt und die Basler Zeitung - die Tür für Interviews, die am 04.07.2016 und 07.07.2016 erschienen sind. Darin habe ich das gesagt, was im ersten Abschnitt dieser Einführung steht. Es hat nur drei Tage gedauert, bis der Göttinger Oberbürgermeister und Vertreter aller Parteien unter Führung des Grünen-Politikers Jürgen Trittin über mich herfielen und mich nicht nur des Vorurteils, des Hasses und des Rassismus bezichtigten, sondern mich auch auf Grundlage dieser Vorwürfe und in den Worten von Jürgen Trittin „aus der Wertegemeinschaft des Grundgesetzes“ exkommunizierten. Ich wurde ganz im Stile autoritärer Regime dazu aufgefordert, mich für mein Denken öffentlich zu entschuldigen. Ich reagierte mit einem Artikel, den ich der Zeitung Die Welt anbot unter Berufung auf Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Meine Selbstverteidigung in dem genannten Manuskript wurde mit dem Vorwurf der „Larmoyanz“ und „Selbstbezüglichkeit“ abgelehnt, und damit wurde seitens der Welt die Zusammenarbeit mit mir beendet. So habe ich meine Geschichte in der Schweiz (Basler Zeitung vom 05.08.2016) veröffentlicht. Was ist das für eine politische Kultur, die Menschen, die sich beklagen über die Beraubung der Meinungsfreiheit, als „larmoyant“ und „selbstbezüglich“ diffamiert?

Das niedrige Niveau der Wiederaufnahme der Leitkulturdebatte im Lichte der Flüchtlingskrise wurde unter anderem von einem Gesinnungsethiker - Jakob Augstein - dokumentiert. Richtig erkannte er, welche Folgen die Millionen Flüchtlinge, die innerhalb weniger Monate das Land betreten, verursachen. Er unterließ es zu schreiben, dass Flüchtlinge nicht nur Not, sondern auch Geisteshaltungen von Patriarchalismus und Gewalt mit sich mitbringen. Vor diesem Hintergrund schreibt Jakob Augstein bei Spiegel Online: „Wir brauchen eine Leitkultur“ (Spiegel Online vom 03.09.2015). Das ist zugleich richtig und auch pure Impertinenz. Er profiliert sich als „Linker“, der 2015 das wiederholt, was der „rechte“ Merz 2000 getan hat: Er verschweigt, von wem der Begriff Leitkultur stammt, und erweckt, wie zuvor Merz, den Eindruck, er sei der Urheber des Leitkultur-Begriffes. 18 Jahre nach der Veröffentlichung meines Buches von 1998 und 16 Jahre nach der Leitkultur-Debatte möchte Augstein der Erste sein, der den Bedarf nach einer Leitkultur erkennt. Wie lächerlich. Dies erinnert mich an zwei für meine Generation klassische Bücher: einmal vom Soziologen Helmut Schelsky, der vor vielen Jahrzehnten ein Buch über deutsche Linksintellektuelle unter der Überschrift Die Arbeit tun die anderen schrieb, sowie Kurt Sontheimers Das Elend der deutschen Intellektuellen.

Ich schließe ab mit einem Bekenntnis und einer Einladung. Ich liebe Deutschland als das Land des Grundgesetzes, ich liebe die Sprache von Immanuel Kant, und nicht zuletzt liebe ich meine deutsche Frau. Ich bin also nicht deutschfeindlich. Was verabscheue ich an Deutschland? Was ich verabscheue, ist die deutsche politische Kultur, die „unbequeme Gedanken“ verbannt. Diese gehören in Deutschland zum Verbotenen, obwohl das Grundgesetz Zensur nicht zulässt. Wie kann das größte Land Westeuropas mit einer solchen politischen Kultur für andere Europäer oder für Flüchtlinge aus Nahost und Afrika als Vorbild dienen?

Eine Leitkultur für Europa prägen heißt europäische Identität bewahren, in welche die vielen Millionen Muslime, die als Migranten einströmen, unter der Voraussetzung eingegliedert werden können, dass sie die Citoyenneté als europäische Leitkultur akzeptieren. Das ist mein „unbequemer Gedanke“, den ich in diesem Buch vertrete und von dem ich niemals ablassen kann. Ich lade europäisch denkende Deutsche, die ein europäisches Zivilisationsbewusstsein vertreten, ein, dieses Buch mit open mindedness zu lesen. Für mich ist die Kritik die Grundlage des Denkens, und ich lade daher auch zu Kritik im Sinne von Kant ein, nicht im Sinne der deutschen politischen Kultur. Selbst die Bild-Zeitung hat mir erlaubt, in einem Artikel diesen Satz zu schreiben: „Mich stößt es ab, dass die vorherrschende politische Kultur in Deutschland nicht auf dem Niveau des Grundgesetzes steht, deren Opfer ich bin“ (Bild vom 25.05.2016). Mir „Populismus“, „Islamophobie“, „Rassismus“, „Panikmacherei“ und was auch immer vorzuwerfen ist keine Kritik, sondern deutscher Schmutz. Wer mich mit solchem Schmutz beflecken will, soll mich als einen gebürtigen Syrer und Aufklärungsmuslim sowie mein Buch Europa ohne Identität lieber in Ruhe lassen.“

 

Leitkultur-Debatte

 

„Besteht eine Hoffnung, dass die deutsche Leitkulturdebatte an Rationalität gewinnt und dass ihre Träger aufhören, sich gegenseitig mit Keulen zu schlagen, statt sich zu informieren und Argumente vorzutragen? Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich die deutsche Debatte rekonstruieren, um dann als Migrant ein Urteil fallen zu können.

Schon beim ersten Blick lässt sich vermerken, dass die Leitkulturdebatte in Deutschland hohe Wellen geschlagen hat, aber nicht sachlich geführt wird. Ich möchte als ein Beispiel hierfür eine der vielen Fernsehsendungen anführen, zu denen ich als „Erfinder des Begriffs“ - so werde ich von Deutschen in mangelnder Kenntnis der deutschen Sprache stereotypisiert (man erfindet Technisches, einen Begriff schöpft man ja wohl) - eingeladen war. Bei jener Sendung hat der Moderator mich eingangs nur kurz als Alibi zu Wort kommen lassen, bevor die Teilnehmer dann dazu übergingen, dem Begriff die Bedeutung von „Über-/ Unterordnung“ oder anderem Grässlichen im Verhältnis von Deutschen und Migranten zuzuordnen und ihn somit symbolisch totzuschlagen. Ich kam nicht mehr zu Wort, um zu sagen, dass der von mir geprägte Begriff völlig andere Inhalte aufweist, nämlich europäische Werte, keine deutsch-nationalen Implikationen. Ohne Kenntnis des Begriffs und seines Inhalts wurde er, im Beisein seines Schöpfers, als „konfus“ bezeichnet und dann für unbrauchbar erklärt. Als ein Einwanderer, dem jede „Sauerkraut- (oder Sauerbraten-) Mentalität“ zuwider ist, erlebe ich die auf diese Weise geführte deutsche Leitkulturdebatte. Dabei verzweifle ich an meiner Wahlheimat Deutschland und der Unfähigkeit seiner Bürger, eine politische Debatte diskursiv und rational zu führen.

Das Ganze begann schon sehr schief, als CSU-Politiker die 3,5 Millionen Muslime, die hier leben, sowie die säkulare Identität Europas übergingen und die Leitkultur für „christlich-abendländisch“ erklärten. Nicht viel besser war der sozialdemokratische Kanzler, als er von „Leithammeln“ als Hintergrund von Leitkultur sprach. Einen Höhepunkt lieferte der grüne Außenminister, der seine Phantasien über Entenhausen aus den Donald-Duck-Comics ins Spiel brachte. Diese Art der Diskussion ist kein Beweis für eine demokratische und rationale Kultur des Debattierens! Gleich zu Beginn, also noch am 29. Oktober, druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die zentralen Passagen dieses Buches über Leitkultur mit der Überschrift „Eine europäische Leitkultur für den inneren Frieden“. Darin steht unter anderem: „Das friedliche Zusammenleben von Menschen erfordert die rationale Bewältigung der Unterschiede und das Vorhandensein eines Konsenses über einen Normen- und Wertekatalog ... (Das ist) mein Begriff von einer konsensuellen, aber europäisch geprägten Leitkultur.“

Die Leserbriefe der Vertreter der Parteien vom 12. November dazu zeigen, dass diese Personen noch nicht einmal diese abgedruckten Passagen, geschweige denn das Buch gelesen haben, aber sie mischen mit und zerstören den Inhalt des Begriffs. Ein CDU-Politiker macht aus meinem überparteiischen, nur konsensuell zu verwirklichenden Leitkultur-Entwurf für den inneren Frieden eine parteiische Wahlkampfansage. Er ruft dazu au, den „Roten und Grünen die multikulturellen Flausen auszutreiben ... Schon deshalb muss das Thema Leitkultur zur Bundestagswahl 2002 thematisiert werden.“ Das war und ist mitnichten meine Intention. Die Gegenfront war ein SPD-Politiker, der noch heftiger als sein CDU-Kollege zuschlägt: „Eine deutsche Leitkultur knüpft offen und schamlos an den gewaltigen Imperialismus von Wilhelm II. an ... So wurde für die Nazis der gesellschaftlich-kulturelle Boden bereitet ... Das ist deutsche Leitkultur.“ Ein Kommentar erübrigt sich im Tollhaus Deutschland!“

 

Zwischen 2002 und 2016 aus Öffentlichkeit entfernt

 

„Die zivilisatorische europäische Identität fußt vor allem auf einer Werteorientierung, die eine offene Gesellschaft ermöglicht. Diese Orientierung gilt als Garant für die Freiheit, einschließlich des Rechts auf Meinungsfreiheit, das ihr zugrunde liegt. Das Grundgesetz schreibt in Artikel 5 vor, dass „jeder“ dieses Recht habe, sich also „in Wort, Schrift und Bild zu äußern und zu verbreiten“. Das ist eine Weretorientierung, die ich als islamischer Denker und Publizist annehme. Jedoch behaupte ich auf der Basis der Behandlung, die mir von Vertretern des herrschenden Narrativs zuteil wird, dass dieses Recht in Deutschland nicht zur real existierenden politischen Kultur gehört. Weil ich eine andere Meinung als das herrschende Narrativ habe, bin ich zwischen 2002 und 2016 vollständig aus der Öffentlichkeit entfernt worden. Das kann kein Zufall sein. Keine Zeitung und kein Verlag waren mehr bereit, mein Denken „in Wort und Schrift“ zu verbreiten. Der vermutliche Anlass ist mein 2002 bei der DVA erschienenes Buch Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration, das im Jahr des Erscheinens zwei große verkaufte Auflagen hatte und dennoch keine einzige Rezension bekam. Unmittelbar danach folgte die Verbannung, mit der die Meinungsmacher mich für meine „unbequemen Gedanken“ erfolgreich bestraften; mein Brechen von Tabus wurde „als Abweichung“ eingeordnet, die sie „gereizt zu ahnden“ versuchten. Was ich soeben beschrieben habe, ist deutsch, weshalb ich rigoros gegen die „deutsche Leitkultur“ bin, wie ich in Abschnitt 8 begründen werde.

Vor der angegebenen Verbannung von 2002 bis 2016 war ich massiv präsent im Fernsehen und in den Printmedien und auch als Opinion Leader tätig als Autor von Bestsellern über Nahost, Islam und Migration. Bis auf die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, die mich bis 2009 veröffentlicht hat, bin ich buchstäblich von allen Verlagen, die mich vorher nicht nur veröffentlichten, sondern auch hofierten - von Suhrkamp über Bertelsmann, DVA, Hoffmann & Campe bis hin zu Piper und Heyne -, und von allen Zeitungen, vor allen Dingen der FAZ, abgewiesen worden. Selbst auf die Bitte hin, meine vergriffenen Bücher angesichts der sich weiter zuspitzenden Flüchtlingskrise, also aufgrund ihrer besonderen Aktualität, neu aufzulegen, wurde ich schlicht abgewiesen. Die Abweisung erfolgte entweder brutal mit einem knappen Satz oder gar ohne Bewahrung eines Minimums an Höflichkeit als zivilisiertem Verhalten, nämlich schlicht und einfach so: Keine Antwort! Deshalb flüchtete ich ins Ausland und habe meine kritischen Beiträge in der Weltwoche in Zürich sowie in der Basler Zeitung veröffentlicht. Ich gehöre zu denjenigen, die Zweifel haben am demokratischen Charakter der deutschen politischen Kultur, und habe dies in aller Klarheit im Schweizer Exil in der Basler Zeitung in meinem Artikel vom 05.08.2016 unter dem Titel Ich weigere mich, zu schweigen getan. Ich behalte einen kühlen Kopf und denke klar; ich nehme all das nicht persönlich und vertrete nüchtern die Ansicht, dass allein meine vom herrschenden Narrativ abweichende Meinung der Grund für diese Ausgrenzung ist. Dabei setze ich mich nur für die europäische Identität ein und will sie mit einem aufklärerischen Islam in eine Synthese bringen.“

 

Mittel der Ausgrenzung

 

„Ich beobachte seit Jahren mit Sorge, wie sich eine vergleichbare Kultur der Angst aus der Tyrannei der herrschenden Meinung in Deutschland heute durchsetzt. Normale Bürger, die Demokraten und keine Nazis sind, müssen mit der Angst leben, als Nazis oder Rechtspopulisten bezeichnet zu werden, wenn sie dem Mantra der Willkommenskultur widersprechen. Als ich in einem Interview mit der Zeitung Die Welt die Folgen der naturwüchsigen Zuwanderungspolitik kritisierte, wurde ich persönlich heftig angegriffen. Meine Antwort war und bleibt: Ich weigere mich, zu schweigen! (Basler Zeitung vom 05.08.2016). Ich habe bereits John Stuart Mills Warnung vor der „Tyrannei“ zitiert. Als ein in Deutschland lehrender Syrer weiß ich, dass Tyrannei keine Eigenart orientalischer Despotie ist. Denn auch in einer Demokratie kann Tyrannei auftreten. Deshalb fordert John Stuart Mill in seinem Klassiker On Liberty - wie zitiert - den „Schutz vor der Tyrannei der herrschenden Meinung und Gesinnung“ zu garantieren. Dieses Werk von Mill wurde nach dem Sieg über Hitlers NS-Diktatur 1945 in Zürich (Pan-Verlag) in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht und in Deutschland als eine Art Katechismus bei der Demokratisierung der politischen Kultur eingeführt. Mill konstatiert gleich zu Beginn dieses Werkes, dass das Recht auf Redefreiheit erfordere, dass die vorherrschende Meinung „nicht berechtigt ist, eine Person mundtot zu machen ... (und) zum Schweigen zu verdammen“. Mill weiß, dass die Mittel zu dieser Unterdrückung unterschiedlicher Natur sein können. In Syrien gibt es willkürliche Gefängnisstrafen für abweichende Meinungen. Die Gesetze der Bundesrepublik als Rechtsstaat erlauben dies nicht. Und doch gibt es „andere Mittel als Strafen“, um sie „den Widerstrebenden aufzunötigen“, etwa Einschüchterung und die Angst, ausgegrenzt zu werden. Ich erfahre dies jeden Tag. Die entsprechenden Ausgrenzungsmittel beginnen mit der Beschuldigung des „Populismus“, steigern sich zum Vorwurf des „Rechtspopulismus“ bzw. „rechtsradikal“, ja, sogar bis zu dem Vorwurf, „Nazi“ zu sein. Deswegen schweigt die Mehrheit. Ich schweige überhaupt nicht, auch nicht, wenn einst maoistisch-leninistische linksradikale Aktivisten in Göttingen, also auf diese Weise vorbelastete Grünen-Politiker, mich verfemen. Diese stellen mich in autoritärer Manier an den Pranger. Ich werde aufgefordert, mich für meine Ideen zu entschuldigen. Ich bin Syrer und kenne die Demokratie aus Europa, aber ganz bestimmt nicht aus diesen deutschen Kreisen einer politischen Kultur, die ich ablehne.

Obwohl ich ethnisch kein „weißer Mann“, sondern ein aus einer ehemaligen französischen Kolonie (oder einem Mandatsgebiet) stammender arabischer Westasiate bin, bezichtigt mich Trittin des Rassismus und exkommuniziert mich laut Göttinger Tageblatt (07.07.2016) aus der Wertegemeinschaft des Grundgesetzes. Dieser Vorwurf eines Deutschen an einen asiatischen Ausländer zeigt, wie die Welt in der Bundesrepublik Deutschland auf den Kopf gestellt wurde.“

 

Von Akademikern diskriminiert

 

„Es hilft wenig, mich über meine alltägliche Diskriminierung an der deutschen Universität oder auch darüber zu beklagen, dass deutsche Islamkundler mir als einem Muslim aus einer der ältesten muslimischen Gelehrten-Familien von Damaskus mein Fachwissen und meine Kompetenz über den Islam in altdeutscher Tradition der Ausgrenzung der Fremden absprechen. Polemische Gefühlsausbrüche wie „Muss man ein Arier sein, um den Islam besser verstehen zu können?“ mögen zwar helfen, dem aufgestauten Ärger Luft zu machen, bieten aber keine Lösungen für die anstehenden Probleme.“

 

Arabische Denkweise wird rassistisch bewertet

 

„Die Toleranz setzt einen Konflikt, der sich auf den Gegensatz von Normen bezieht, voraus; sie besteht nach der Klärung des Gegenstandes in der Anerkennung der anderslautenden Norm. Die Anerkennung gilt also auch für die andere Denkweise, in diesem Fall: die nicht „dem Dämon des Abstrakten“ versklavte, also nicht-vergeistigte Denkweise. Als ein Araber denke ich anschaulich, an Beispielen orientiert, bringe mich und meine Erfahrungen ein. Der eine nennt dies „unsachlich“, der andere „Selbstdarstellung“, ich nenne diese Qualifizierungen intolerant.“

 

Europäischer Rassismus

 

Fremde werden glorifiziert

 

„Hier herrscht ein echter Rassismus vor, wenn manch ein Europäer den nichteuropäischen Fremden derart glorifiziert, eine Art „antirassistischer Rassismus“ - ein Begriff von Jean-Paul Sartre, den er in seinem Vorwort zu Frantz Fanons Les damnés de la terre einführt.“

 

Rassismus über alles

 

„Es ist bedauerlich, dass der Rassismusbegriff seinen ursprünglichen Inhalt weitgehend verloren hat und inzwischen ein Kampfbegriff zur Ausgrenzung Andersdenkender geworden ist. Wenn ich sage: Man muss die Zuwanderung numerisch beschränken, weil eine Gesellschaft nur ein bestimmtes Maß an Integrationsfähigkeit besitzt und Europa das Übervölkerungsproblem in der südlichen Mittelmeerregion nicht durch die Aufnahme des Bevölkerungsüberschusses lösen kann, dann werden sich sofort Leute einstellen und behaupten, das sei Rassismus. Mich schützt vor solchen teutonischen Sittenwächtern die Tatsache, dass ich nicht nur Migrant, sondern zudem als semitischer Araber ein Westasiat, also ethnisch kein Europäer bin. Mit dieser Verwässerung des Rassismus-Begriffs werden die „echten Rassisten“ nicht länger als das eingeordnet, was sie in Wahrheit sind: nämlich Barbaren! Der zu einem Schimpfwort degradierte Begriff bezieht sich so nicht mehr auf die barbarische Einstellung, die er ursprünglich zum Ausdruck gebracht hat.

Dass das Phänomen im Westen allgemein verbreitet ist, habe ich schon angeführt. Dennoch hat die deutsche Spielart ihre spezifischen, der deutschen Geschichte entsprungenen Eigentümlichkeiten. Bestimmte deutsche Gesinnungsethiker halten sogar Selbsterhaltung des eigenen demokratischen Gemeinwesens für Rassismus. Ich möchte diese und ähnliche Ansichten bei der Erörterung der deutschen Neigung zu Extremen veranschaulichen, die ich zu den angeführten Eigentümlichkeiten rechne.

Diesen Gegenstand möchte ich mit Hilfe der besten Arbeit aus deutscher Feder über diese Thematik ansprechen: Helmuth Plessners Buch Die verspätete Nation hilft uns in einzigartiger Weise, das anstehende Problem zu durchleuchten. Ich werde im zweiten Kapitel darauf eingehen, möchte aber schon hier Plessners Argument, dass die Deutschen unter ihrer eigenen Weltfrömmigkeit leiden, anführen. Diese verklärt nur die Sicht der Welt. Nach Plessner finden die Deutschen oft kein Mittelmaß. Entweder sie vergöttern den Staat im Rahmen von Obrigkeitsdenken, oder als Anarchisten verdammen sie ihn. Entweder rufen sie „Ausländer raus!“ oder „Alle Ausländer rein!“. Beides ist krankhaft. Mit so einer kranken Mentalität kann man auch die abscheulichen deutschen NS-Verbrechen nicht rational verarbeiten und den Opfern kein Recht widerfahren lassen. Nur durch eine rationale Vergangenheitsbewältigung kann man das Vertrauen stiften, dass sich NS-Verbrechen nicht wiederholen werden. Ein jüdischer Freund aus der Frankfurter Studienzeit, heute praktizierender Psychoanalytiker in Tel Aviv, sagte mir bei einem kurzen Wiedersehen in Deutschland: „Die Deutschen wollen alle nur bestraft werden. Sie wollen gar nicht, dass man ihnen verzeiht; die gehören eigentlich alle auf meine Couch. Wie hältst du es unter ihnen aus?“ Es ist bestimmt falsch, von „den Deutschen“ zu sprechen, weil Pauschalisierungen irreführend sind. Aber jede Nation hat ihre „Linken“ und Gesinnungsethiker, und die dieses Landes sind von besonderem Kaliber.“

 

Deutsche Arroganz

 

Geschichtsschreibung auf Europa fixiert

 

„Das traditionelle deutsche Verständnis von Geschichte pendelt zwischen Rassismus und dem Wunschdenken einer weltbürgerlichen Universalgeschichte hin und her. Es ist nicht mein Thema, hier über den deutschen Historismus und seine bis heute bestehende Hypothek im deutschen Denken zu schreiben. Wenn aber die Rede ist von Eurozentrismus und der Notwendigkeit seiner Überwindung, dann kann ich nicht umhin, das eingeschränkte deutsche Verständnis von Weltgeschichte als ausschließlich germanisch-romanische Geschichte Europas anzusprechen. Wie Baber Johansen mit Fakten belegt, ist dies das dominierende Verständnis der deutschen Geschichtswissenschaft. Hierbei werden alle nicht-europäischen Völker und ihre Geschichte aus der Weltgeschichte gestrichen, als hätten sie keine Geschichte. Das ist der Rassismus, den ich hier anspreche und der immer noch den Geist der deutschen Universität belastet; wie die angeführte Untersuchung von Baber Johansen, einer international anerkannten deutschen Autorität, zeigt, die ich noch näher zitieren werde. Weltgeschichte ist nach diesem Verständnis eine bürgerliche Universalgeschichte, an der nur die Europäer teilhaben. Wir Nicht-Europäer haben demnach nicht nur keine Geschichte, sondern mehr noch: Wir nehmen an der Geschichte ausschließlich teil als Objekte der Europäer. Der prominente deutsche Islam-Wissenschaftler Baber Johansen, der zugleich Historiker ist, hat in seinem Beitrag zu einem internationalen, vergleichenden Projekt über Nahost- und Islamstudien an westlichen Universitäten zum Erstaunen seiner westlichen und arabo-islamischen Kollegen die Tatsache international bekannt gemacht, dass an deutschen Universitäten das beschriebene enge Verständnis von Geschichte seit Jahrhunderten und bis heute noch gelehrt wird. Es geht auf Leopold von Ranke zurück (gest. 1886). Der deutsche Islamwissenschaftler Johansen, der den Intrigen seiner Wissenschaft von Berlin nach Paris entflohen ist, führt aus, Ranke habe gelehrt:

„Weltgeschichte ist das Feld für das Studium der Geschichte der germanischen und romanischen Völker. Alle anderen Völker sind das Objekt der Aktionen dieser Europäer.“

Durch Johansens Ausführungen bei dem genannten Projekt, an dem ich mitgewirkt habe, habe ich endlich die Behandlung, die mir von deutschen Orientalisten und Historikern zuteilwird, angemessen einordnen können. Ich habe begriffen, dass es nicht um die individuelle Diskriminierung meiner Person geht. Der Kontext ist viel weiter gefasst. Als ein Islamologe, ja als Begründer dieser sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Islam in Deutschland, könnte ich, weil ein Nicht-Europäer, an keiner deutschen Universität jemals einen Lehrstuhl für Islamkunde bekommen. International werden meine in mehreren Sprachen vorliegenden einschlägigen Bücher der deutschen Wissenschaft angerechnet, obwohl ich ein Orientale und kein ethnisch Deutscher bin. Laut Baber Johansen herrscht das eurozentrische Geschichtsverständnis bis zum heutigen Tag unverändert an den deutschen Universitäten …“

 

„Germano-Zentrismus“

 

Schlimmer noch als der Eurozentrismus der klassischen Weltgeschichte ist die Attitüde, die Deutschland zum Nabel der Welt machen möchte. Was passiert mit Europa in diesem Zeitalter der Globalisierung? Droht es, im Rahmen dieser Entwicklung ins Abseits zu geraten? Diese Frage habe ich - auf Europa bezogen - anlässlich der Römerberg-Gespräche im Juni 1997 gestellt und diskutiert, stieß aber dort auf einen unüberhörbaren Germano-Zentrismus und musste - bei gleichzeitiger Rhetorik der verordneten „Fremdenliebe“ - eine deutsch-nationale Abweisung hinnehmen.

Nur durch klares und nüchternes Nachdenken über Deutschland lässt sich der Germano-Zentrismus überwinden. Aus diesem Grunde steht in diesem abschließenden Teil Deutschland als gewichtigstes europäisches Land unserer Zeit im Mittelpunkt meiner Überlegungen. Was macht Deutschland aus?

Der Historiker Hagen Schulze hat in seinem historischen Überblick Kleine deutsche Geschichte (München 1996) gezeigt, wie verwirrend diese Geschichte - etwa im Vergleich zur englischen und französischen Geschichte - verlaufen ist. Daraus hat er als Deutscher die Schlussfolgerung gezogen, dass es viele Probleme mit sich bringt, ein Deutscher im europäischen Kontext zu sein. Ich bin Wahldeutscher und möchte die Bestimmung meiner erworbenen Identität nur im europäischen Kontext gelten lassen. Aus diesem Grunde ziehe ich eine Verbindungslinie zwischen den europäischen Geistesgrößen Rousseau, Voltaire und Kant sowie Farabi, Avicenna, Averroes und vor allem Ibn Khaldun aus meiner eigenen Zivilisation. Hierbei entsteht eine euro-islamische Brückenbildung.

Nochmals: Deutschland ist für mich nur in seiner europäischen Bestimmung als Identitätsmuster akzeptabel. Jede andere Perspektive führt entweder zu einer deutsch-nationalen Nabelschau oder zu der Kehrseite der Medaille, dem deutschen Selbsthass und der ihm entsprechenden Selbstverleugnung. Für uns Fremde ist beides eine Bedrohung.“

 

Nationalismus und Arroganz

 

"… die Romantisierung der Anderen mündet in eine Multikulti-Ideologie, die derart intolerant vertreten wird, dass in ihr - nach meinem Dafürhalten - ein „deutscher Nationalismus“ durchsickert. Zu dieser Arroganz gehört die Neigung bestimmter Deutscher, die Fremden über ihre eigene Identität zu belehren. Wie oft ist dies auch mir selbst widerfahren! Nach dem Erscheinen meines Buches über den Friedensprozess im Nahen Osten mit dem Untertitel „Eine arabische Perspektive“ wollte mich der Rezensent der Tageszeitung (Berlin), Ludwig Watzal, eines Besseren über unsere arabische Perspektive belehren: Unser arabischer Oslo-Frieden mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern sei kein Frieden. Der Geist von Oslo, der Araber und Juden zusammenbringt, wird auf dieselbe Stufe gestellt wie die Anti-Oslo-Politik Netanyahus. Dies ist ein Beispiel für das Muster deutschen Denkens, dass das, was bestimmte Deutsche für richtig halten, auch richtig sei für den Rest der Welt, nach dem Motto: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“

 

Selbstzentrierung

 

„Es wäre falsch, gegenseitige Ablehnung voreilig als „Rassismus“ einzustufen. Denn diese Einstellungen, die auf der Unvereinbarkeit der weltanschaulichen Normen und Werte der jeweiligen Zivilisationen beruhen, haben mit „Rassen“, die es ohnehin nur in den Köpfen der „Rassisten“ gibt, nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich hier um Fundamentalismus auf Seiten der Muslime und um Euro-Arroganz auf Seiten der Europäer; beides gilt es zu überwinden.

In diesem Zusammenhang kann ein Rückgriff auf die positiven islamisch-westlichen Begegnungen zur Erinnerung dienlich sein. Gegen die „Frontlinien des Konflikts“ müssen wir an die positiven historischen Begegnungen zwischen Islam und dem Westen erinnern und diese in unserer Zeit neu beleben. Der Trialog von Cordoba im Februar 1998 war ein Beitrag in diese Richtung. Dort haben führende Juden, Christen und Muslime offen miteinander gesprochen und die bestehenden Probleme zunächst einmal wahrgenommen und aufrichtig miteinander hierüber diskutiert. Deutsche Zeitungen, die sich vorwiegend für deutsche Innenpolitik interessieren, haben darüber, trotz internationaler Agenturmeldungen, selbst nicht einmal berichtet und auch Angebote, hierüber zu informieren, nicht wahrgenommen. Deutsche Selbstzentrierung ist nicht nur bedenklich, sondern kann auch gefährliche Folgen in dieser auch Deutschland umfassenden globalen Welt haben.“

 

Keinerlei Sensibilität

 

„Um Erfolg bei der Verteidigung der Demokratie zu haben, müssen die Europäer der islamischen, in Europa geborenen Jugend Alternativen zum Ghetto bieten. Gelingt das nicht, dann ist der Fundamentalismus „verlockender“ als die Ausgrenzung. Verlockender Fundamentalismus ist der aussagekräftige Titel einer Untersuchung über jugendliche Muslime in Deutschland. Mehr Sensibilität und Feingefühl ist auch von Deutschen beim Umgang mit den Fremden zu verlangen. Uns Fremden ist mit der deutschen Rhetorik der verordneten Fremdenliebe bei gleichzeitigem Fehlen jeder Sensibilität uns gegenüber nicht geholfen. Bei der türkisch-deutschen Beziehungskrise vom Frühjahr 1998, die ich von Ankara aus beobachtet habe, hat es daran gefehlt. Wie oft bin ich - trotz meiner Vermittler-Rolle - von Deutschen in meinem orientalischen Ehrgefühl verletzt worden, ohne dass die Täter es überhaupt gemerkt haben.“

 

Andersartigkeit wird nicht wahrgenommen; Philanthropie deutscher Xenophiler ist neue Vormundschaft

 

„Bei diesem Kreis geht es gar nicht um uns Fremde; der Schutz des Fremden ist nur der äußere „Vorwand für erzieherischen Tugendterror“, dessen Objekt wir Ausländer sind.

Es mutet seltsam an, wenn Deutsche angesichts ihrer rassistischen Vergangenheit uns Fremde in die Nähe des Rassismus-Verdachts bringen, wenn wir - auf unsere Identität pochend - auf die Andersartigkeit unserer Normen und Werte hinweisen. Bei der Philanthropie deutscher Xenophiler handelt es sich in Wahrheit um eine „neuartige Vormundschaft über die Welt, die per Selbstanklage und Reue ausgeübt wird“, wie bei Böckelmann zu lesen ist - mir aus dem Herzen sprechend, der ich mich von diesem gesinnungsethischen Typ von Deutschen über die eigene Kultur und Religion, also den Islam, belehren lassen muss. Das ist der pure Kultur-Imperialismus deutscher und anderer europäischer Gesinnungsethiker. Böckelmann spricht in diesem Zusammenhang vom „geständigen Imperialismus“.

Besonders empörend an dem Tugendterror der deutschen, im vorliegenden Buch kritisierten Multikulti-Sittenwächter und Xenophilen ist die Tatsache, dass sie uns Fremde durch die Verleugnung unserer Fremdheit verfemen, unsere Existenz ideologisch untergraben, ja das Insistieren auf unserem Anderssein als Rassismus karikieren. Es ist begrüßenswert, dass Mohr wie Böckelmann diese Gesinnungsethik der Verbrüderungsfolklore als „Krankheit“ beim Namen nennen. Über eine Krankheit zu reden, sie zu diagnostizieren, ist der erste Schritt auf dem Weg, sie zu heilen. Für uns unter Deutschen lebende Fremde, die im Alltag von Fremdenfeindlichkeit bedroht sind, gilt das Prinzip „Vorsicht“ auch für die deutschen Vertreter der verordneten Fremdenliebe.“

 

Deutsche Sittenwächter

 

„Es gibt keine orientalische Despotie“

 

„Kurz und knapp formuliert: Europäische Identität und die säkularen Ideen, auf denen sie basiert, sind also die Alternative zur Islamisierung Europas. Europa benötigt Schutz nicht nur vor dem Islamismus, sondern auch gleichermaßen vor einem missionarischen Islam und den europäischen Selbsthassern, deren „kulturrelativistische Selbstverleugnung“ in der Einleitung zur Ausgabe von 1998 näher beleuchtet wird.

Nach diesen Ausführungen stelle ich mich der berechtigten Frage: „Wie kommen Sie dazu, als arabischer Muslim aus Damaskus Europa gegen das Potenzial einer Islamisierung zu verteidigen?“

Eine Antwort auf diese Frage gab ich im Gespräch mit dem Schweizer Publizisten Frank A. Meyer in der Fernsehsendung Vis-à-vis (ausgestrahlt am 26. Juni 2016 von 3sat), die meinem Leben und Werk gewidmet war. Hierbei erzählte ich, wie ich in Damaskus unter der orientalischen Despotie litt. Ich kenne diese Tyrannei nicht nur durch die autoritäre Hausherrschaft des Vaters, sondern auch als solche des politischen Systems und der despotischen Hausordnung der dortigen Gesellschaft. Nach dem Abitur wollte ich nach Europa, um dieser orientalischen Despotie zu entfliehen. Die westliche Wortpolizei ordnet den Begriff orientalische Despotie in den Katalog der Vorurteile; sie verharmlost somit die Ordnung, in der ich familiär, politisch und gesellschaftlich als Rahmen der Unterdrückung aufgewachsen bin. Somit gehört diese Wortpolizei zu den Feinden der offenen Gesellschaft. Diese unsympathischen europäischen Selbsthasser können den Orientalismus-Begriff nicht auf mich anwenden, weil ich selbst als arabischer Muslim einer der ältesten Ashraf-Familien (seit dem 13. Jahrhundert) von Damaskus entstamme. Um mich einzuschüchtern, zu delegitimieren und mundtot zu machen, haben sie die Formel „Selbst-Orientalisierung“ erfunden. Im US-Englisch reagiert man auf solche Dümmlichkeiten mit: „I couldn't care less.“ Polemisch könnte man vom Neo-Kolonialismus europäischer Meinungstyrannei sprechen. Mein Hauptmotiv, an einer europäischen Universität zu studieren, war 1962, der orientalischen Despotie zu entfliehen.“

 

Wer Probleme lösen will, muss sie benennen

 

„Das Auftreten der politisierten weltanschaulichen Ansprüche von Zivilisationen erfolgt parallel zu einem Prozess der Regionalisierung der Weltpolitik und der Wirtschaft. Mit dem Fachausdruck Regionalisierung meine ich die Bildung zivilisatorischer Einheiten in der Weltpolitik, die regionale Subsysteme genannt werden. Als Beispiele hierfür können arabische, pantürkische oder südostasiatische regionale Einheiten, die zugleich zivilisatorische Blöcke bilden, gelten. Eine der Folgen dieses Prozesses der Regionalisierung ist die Hinterfragung der universellen Geltung westlicher Ordnungsprinzipien sowie der Dominanz des Westens. Daraus resultiert der Anspruch auf eine Entwestlichung der Welt, d. h. eine Zurückweisung der westlichen Normen und Werte als Orientierungsrahmen vor allem für Ordnungsvorstellungen. Der Anspruch auf die eigene Anschauung von Ordnung (z. B. auf einen „islamischen Staat“) gehört auch zu diesem zivilisatorischen Prozess.

In der gegenwärtig dominierenden politischen Kultur der Bundesrepublik gilt es als politisch inkorrekt, über - durchaus vorhandene - Unterschiede zwischen Kulturen bzw. Zivilisationen zu sprechen. Man kann nicht genug darüber klagen und oft genug auf die Realität hinweisen, dass jede Zivilisation ihre eigene Weltsicht hat, die sie nicht nur von den anderen unterscheidet, sondern auch in manchen Fällen trennt, wodurch ein Konfliktpotenzial entsteht. Wer diese Tatsache übersieht oder bestreitet, stellt sich blind gegenüber den drohenden Konflikten in der realen Welt und kann infolgedessen auch keine friedlichen Lösungen für ihre Bewältigung bieten. Es ist in der gegenwärtigen Zensur-Atmosphäre der Political Correctness praktisch nicht möglich, dafür einzutreten, Konflikte, die sich aus der Migration ergeben, friedlich zu lösen, wenn parallel verboten wird, über ihre Ursachen zu reden. Ich wiederhole es: Dieses Buch ist aus Liebe zum Frieden geschrieben - ungeschminkt und ohne den Regeln der Political Correctness zu gehorchen. Als ein Ausländer lehne ich es ab, mir eine Selbstzensur aufzuerlegen, wie es die deutschen Sittenwächter vorschreiben.“

 

Mangelnde Identität Europas

 

Daniel Cohn-Bendit: Deutschland hat keine Identität

 

„Man konnte mit diesem geisteswissenschaftlichen Hintergrund die Behauptung des Multikulti-Ideologen Daniel Cohn-Bendit, „Deutschland hat keine Identität“, unbekümmert als Schwachsinn bezeichnen. Diese Behauptung erhob Cohn-Bendit in einem Streitgespräch mit mir im Jahre 2000 im Rahmen der damaligen Leitkulturdebatte. Jenes Streitgespräch wurde unter der zitierten Behauptung als Überschrift in der damaligen Wochenzeitung Die Woche vom 10.11.2000 veröffentlicht. Wenn die Behauptung Cohn-Bendits zuträfe, gäbe es kein Deutschland, und die identitätslosen Deutschen wären Mumien, weil Menschen ohne zivilisatorische Identität undenkbar sind. Wie ich später näher begründen werde, hat Deutschland sehr wohl eine Identität; nur ist diese beschädigt (vgl. dazu Adornos Auf die Frage: Was ist deutsch?). Diese Beschädigung ist folgenreich für ein Land, das innerhalb eines Jahres weit mehr als eine Million Muslime aus Nahost und Afrika als Flüchtlinge mit anderer Werte-Orientierung aufnimmt, jedoch ohne in der Lage zu sein, ihnen eine Identität der Zugehörigkeit als Citoyens zur Integration anzubieten. Mit Identität meine ich hier einen „sense of belonging“ als Zugehörigkeitsbewusstsein in einem demokratischen Gemeinwesen. Ein Leben als Syrer in Deutschland von 1962-2016 dient als Grundlage für dieses Urteil.“

 

Nur Wirtschaftsclub, keine zivilisatorische Identität

 

„Bei dieser Betrachtungsweise Europas als eines Wirtschaftsclubs bleibt ein Europa ohne zivilisatorische Identität, das eine quasi-technisch auf die Wirtschaft fokussierte Bestimmung hat. Kulturelle Wertekonflikte werden verleugnet, obwohl die Zusammensetzung der Bevölkerung Europas sich durch die Flüchtlingskrise massiv verändert hat. Wer darauf hinweist, wird als „populistisch“ verfemt und ausgegrenzt. Was nach dem vorherrschenden Narrativ nicht sein darf, darf es in der Realität nicht geben. Wunschdenken ersetzt Rationalität und gesellschaftliche Realität.“

 

Selbstrespekt!

 

„Zweifelsohne befindet sich Europa mitten in einer Sinn-und Werte-Krise, einer Krise also, die die Europäer noch zu verarbeiten haben. Multikulti-Illusionen zerplatzen angesichts echter Probleme wie eine Seifenblase und erweisen sich als ein Anzeichen dafür, dass die Bewältigung dieser Krise noch aussteht.

Bei meiner Suche nach Antworten auf die gestellten Fragen gehe ich zunächst von der Vermutung aus, dass hinter dem angesprochenen Krisenphänomen eine Mischung von Luxus und Verfall steckt. Im welthistorischen Kontext scheint sich der Westen als Zivilisation in einem Niedergang zu befinden. Ich möchte diese Beobachtung nicht als Polemik formulieren, will jedoch dieses Phänomen offen ansprechen. Es drückt sich unter anderem darin aus, dass Europäer - vor allem die Deutschen - in einem unverständlichen Selbsthass ihre eigenen Werte selbstverleugnerisch vor anderen in den Schmutz ziehen; sie merken dabei nicht, dass ihnen diese „Büßerhemd-Mentalität“ bei den potentiellen Adressaten wie zum Beispiel den Asiaten - dies habe ich anhand einer Anekdote in der Vorrede veranschaulicht - nur Geringschätzung einbringt. Ich argumentiere für den Dialog und mache hierbei meine deutschen Mitbürger auf die Tatsache aufmerksam, dass Selbstrespekt und Selbstwertbewusstsein unerlässliche Voraussetzungen hierfür sind; denn sie sind wichtig, um vom Anderen akzeptiert werden zu können. Bei der Öffnung gegenüber anderen Kulturen empfiehlt es sich in dieser Krisensituation für Europäer, die ohne Scheuklappen über den eigenen Tellerrand hinausschauen, die Prolegomena/al-Muqaddima des islamischen Philosophen aus dem 14. Jahrhundert, Ibn Khaldun, zu lesen, in denen er die Symptome des Niedergangs von Zivilisationen, etwa durch Verfall der Asabiyya/des Wertebewusstseins, geschichtsphilosophisch beschreibt.

Als muslimischer Migrant habe ich ein besonderes Interesse daran, dass wir Muslime mit der europäischen Bevölkerung in Frieden leben. Dazu brauchen wir den Dialog und gegenseitigen Respekt; dieser ist hierfür die Grundvoraussetzung. Dass dazu auch der Selbstrespekt hinzukommen muss, habe ich gerade erläutert. In unserem Kontext stellt sich die Frage, wie Migranten ihre europäischen Partner respektieren können, wenn diese es selbst nicht tun. Hier beginnt der Unfrieden!“

 

Selbstverleugnung

 

"Sich selbst in Frage zu stellen gegenüber ethnischen Kollektiven, die sich ihrerseits im Namen der „kulturellen Identität“ verherrlichen, bedeutet Selbstverleugnung bis hin zum kulturellen Selbstmord. Das ist das Dilemma des sich wandelnden Europa im Übergang zum 21. Jahrhundert. Wird Europa nach Überwindung der hier zu Recht beklagten Eurozentrik ein toleranter, geistig offener und kulturpluralistischer Kontinent? Oder wird es zum Multikulti-Wohngebiet ohne eigene Identität? Dies sind Fragen, die die Identität Europas betreffen, und auf die von einem in Europa lebenden Nicht-Europäer Antworten gesucht werden. Meine diesem Buch zugrunde liegende Ausgangsposition lautet, dass Entromantisierung keine Aufgabe der kulturellen Moderne, also auch keine Selbstaufgabe beinhalten darf Eine gesinnungsethische Blindheit gegenüber den Grenzen des Pluralismus ist selbstzerstörerisch. Bei der Suche nach Antworten auf die gestellten Fragen müsste diese Ausgangsposition als Orientierung gelten.“

 

Niedergang des Westens

 

„Auf der einen Seite stoßen wir auf diejenigen, die den Islam in all ihrer Fremdenfeindlichkeit dämonisieren und sich gleichzeitig selbst dabei um so mehr verherrlichen; auf der anderen Seite haben wir aber diejenigen Deutschen, die als Islam-Schwärmer einzuordnen sind. Letztere wenden sich vom europäischen Universalismus ab und bewegen sich hin zum kulturellen Relativismus, mit dem Ergebnis der Selbstverleugnung. Natürlich gibt es auch eine - leider sehr kleine - dritte Gruppe von Europäern, die kulturelle Aufgeschlossenheit mit der Verpflichtung gegenüber den aufgeklärten Werten ihrer europäischen Zivilisation verbindet. Diese Europäer mit Augenmaß scheinen in unserem Multikulti-Zeitalter in öffentlichen Debatten leider nur wenig Gewicht zu haben. Andererseits müssen wir jedoch zusehen, wie die im Namen der Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen präsentierte Einstellung der Selbstverleugnung an Verbreitung gewinnt und in ganz Europa beobachtet werden kann. Europa ohne Identität?

Muslime wie ich, die sich Ibn Khalduns Idee der Asabiyya - einer Art esprit de corps oder, modern ausgedrückt, Zivilisationsbewusstsein - verpflichtet fühlen, glauben in dem Phänomen der moralischen Schwäche und Werte-Losigkeit ein Zeichen des Niedergangs des Westens zu erkennen. Es ist eine Fehleinschätzung der Europäer zu glauben, sie könnten sich Respekt bei den anderen durch Selbstverleugnung, ja Anbiederung verdienen - es ist genau umgekehrt, und es ist äußerst wichtig, dass Europäer dieses Problem verstehen. Besonders bedauerlich ist die wiederholt von mir erlebte, zuletzt auf dem 24. Römerberggespräch „Europa im Abseits“ erfahrene Intoleranz deutscher Intellektueller, wenn man ihnen diese Fehleinschätzung vor Augen führt.“

 

Verachtung für Europäer

 

"Ein aufrichtiger, Werte-orientierter Kulturdialog kommt nicht in Gang, weil beide Seiten die hierfür erforderlichen Voraussetzungen nicht erfüllen. In ihrer Sinnkrise sowie in ihrem Pendeln zwischen Euro-Arroganz und Selbstzweifeln neigen die Europäer zur Selbstverleugnung; sie verstehen nicht, dass Nicht-Europäer dieses fehlende Zivilisationsbewusstsein entweder als Schwäche oder als Ausdruck der Dekadenz einer ohnehin kriselnden Zivilisation wahrnehmen. Die Folge ist, dass - aus Höflichkeit nicht offen ausgesprochene - Geringschätzung und Verachtung für die Europäer bei den Nicht-Europäern aufkommen. Auch behindert diese Einstellung den Dialog. Mit anderen Worten: Am fehlenden Zivilisationsbewusstsein krankt der Kulturdialog auf der europäischen Seite.“

 

Verachtung für Nicht-Respekt

 

„Neo-Absolutisten deuten kulturrelativistische Einstellungen als Ausdruck von Schwäche und verachten deren Fürsprecher, ohne dass letztere dies angesichts einer Kombination von Ignoranz und mangelnder Sensibilität überhaupt wahrnehmen. Nach meiner Ansicht erfordert der Kulturdialog nicht nur Respekt vor dem Anderen, also z. B. den Abbau des Eurozentrismus. Denn wenn bestimmte Europäer sich nicht selbst respektieren, können sie auch nicht erwarten, vom Anderen respektiert zu werden. Das bedeutet, westliche Werte wie Demokratie und individuelle Menschenrechte - mit anderen Worten: die Identität Europas - müssen auch im Dialog gegen jeden Neo-Absolutismus verteidigt werden. Die Werte und Normen der Aufklärung kulturrelativistisch zu beschneiden führt zur Selbstaufgabe im Zivilisationskonflikt.“

 

Sich selbst hassende Europäer

 

Alles wird verharmlost

 

„Die Themen, die hier anstehen und über die wir reden, sind also der Zivilisationskonflikt zwischen dem theozentrischen Neo-Absolutismus und dem individuellen Rationalismus sowie zwischen säkularen und religiösen Ordnungen für Staat und Welt. Der islamische Theozentrismus kommt nach Europa als Neo-Absolutismus, der beansprucht, einzig und allein gültig zu sein. Das ist das dritte Thema. Rationalismus ist eine Vernunftorientierung, die diskursiv ist und alles als verhandelbar betrachtet; sie verbindet die Menschen unterschiedlicher Ethnien, Kulturen und Religionen und ist daher unverzichtbar. Das ist der Grund, warum ich den Islam säkularisieren will und das säkulare Europa gegen den salafistischen Islam und gegen Islamismus verteidige. Der Konflikt ist also nicht nur normativ-weltanschaulich, sondern auch politisch. Schließlich dreht es sich um den Streit über die Optionen: Welche Ordnung für Staat und Welt ist zu bevorzugen?

Der postmoderne Kulturrelativismus und die deutsch-pathetische Doktrin der Willkommenskultur flankieren dagegen die Bedrohung Europas durch ethnisch-religiöse Absolutismen im Zivilisationskonflikt. Diese europäischen Selbsthasser verharmlosen alles, was Europa bedroht. In Wirklichkeit geht es dann um eine Auseinandersetzung zwischen den Feinden und Freunden der offenen Gesellschaft im Sinne von Poppers Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Analog dazu geht es um den „offenen Islam und seine Feinde“.“

 

Sich selbst hassende Deutsche

 

„Als Fremder unter den Deutschen kann ich die Neigung der deutschen Intellektuellen, Probleme moralisierend statt rational anzugehen, nur bestätigen. Bezogen auf das im Westen allgemein verbreitete Phänomen der Werte-Krise ist die deutsche Spielart durch die von Plessner beschriebene „weltfromme“ Neigung der Deutschen zum Extremen gekennzeichnet: Nicht nur eine durchaus benötigte kritische Selbsthinterfragung, sondern vielmehr Selbstverleugnung, ja sogar Selbsthass kennzeichnet die deutsche Erscheinungsform der allgemein westlich-zivilisatorischen Sinnkrise.

Die Neigung zu Extremen mündet in eine bedenkliche, rigorose Verdammung der Werte der eigenen Kultur sowie von sich selbst. Widersprüchlich, aber wahr ist, dass der deutsche Nationalismus unter dieser Decke schwelt - eine eigenartige deutsche Nationalarroganz. Als ein von 1962 bis 1998, also seit 36 Jahren in Deutschland lebender muslimisch-arabischer Migrant komme ich mit meinen langjährigen Erfahrungen zu diesem Urteil und kann Plessners Worte nur unterstreichen. Ich habe viele unerfreuliche Diskussionen und Erfahrungen mit dem beschriebenen Typ des deutschen Intellektuellen, der nur scheinbar Demut und Selbstverleugnung predigt, in Wirklichkeit aber ein selbstgefälliger, der Rechthaberei des deutschen Sonderwegs verfallener Gesinnungsethiker ist, gemacht.“

 

Selbstverachtung gegenüber Selbstherrlichkeit

 

„Eben weil viele Muslime Europa als einen „Kontinent im Abseits“ wahrnehmen, durchdrungen von Sittenverfall, Drogensucht, Gottlosigkeit und Prostitution, glauben sie - zugleich missionarisch und wohlmeinend - durch die von ihnen angestrebte Islamisierung Europas zum Wohle des „dekadenten Europäers“ beizutragen. Auch christliche Missionare mögen solche „ehrlichen“ Absichten bei ihrer Arbeit verfolgen, fest steht: Missionierung ist kein Dialog.

Die selbstverleugnerische Haltung der Europäer unserer Zeit stößt auf die selbstherrliche Haltung der Islamisten und verstärkt dieses muslimische missionarische Bewusstsein. So entsteht eine Fehlwahrnehmung von Dialog als einem Mittel zur Verbreitung des Islam in Europa. Besonders protestantische Pfarrer verstehen dies nach meiner Beobachtung im Dialog nicht.“

 

Kulturrelativismus

 

„Jede Kultur ist zu respektieren“

 

„Beide, Gellner und Geertz, sind in Amsterdam im Mai 1994 extrem aneinandergeraten, und Gellner verlor die Contenance auf die wiederholte kulturrelativistische Aussage von Geertz, dass „jede Kultur ihre eigene Art hätte, die zu respektieren“ sei. Gellner schrie daraufhin Geertz an mit diesem Satz: „Würden Sie den NS-Mord an Juden als deutsche Eigenart respektieren?“ - Dem ist nicht 's hinzuzufügen.“

 

Romantisierung anderer Kulturen

 

"Der deutsche protestantisch gefärbte Kornmunitarismus verleugnet das Individuum und romantisiert das Kollektiv schönfärberisch im Namen des „Bürgersinns“.

Der multikulturalistische „Bürgersinn“ ist eine schöne Idee, deren Realität im Multikulti-Zeitalter jedoch die der Gemeinschaft als Ghetto ist. Mit anderen Worten: Unter den Bedingungen des Multikulturalismus zerfällt das demokratische Gemeinwesen in Kulturghettos der Kollektive, die jeweils ihren eigenen, d. h. partikularistischen „Bürgersinn“ haben. Das ist alles andere als die demokratische Kultur einer Zivilgesellschaft. Wenn deutsche Romantiker an sich selbst nichts mehr zu romantisieren finden, gehen sie dazu über, uns, d. h. die Menschen aus anderen Kulturen, zu romantisieren. Spielen wir dabei nicht mit - wie zum Beispiel meine Person -, dann werden wir verteufelt. Wir Einwanderer werden bei den Anhängern des Kommunitarismus zum Gegenstand der deutschen Romantik - ich möchte sagen - herabgestuft; sie gehen nun daran, in die Migranten das Fremdenbild vom bon sauvage/edlen Wilden zu projizieren. Hierbei werden Einwanderer mit der Ideenwelt der deutschen Romantiker überzogen und zur Zielscheibe entsprechender missionarischer Bemühungen gemacht.

Die Alternative zum Multikulti-Kommunitarismus ist die westliche Norm der individuellen Staatsbürgerschaft, nicht im deutschen, formaljuristischen Sinne, sondern in der westlichen demokratischen Tradition von Citizenship/Citoyenneté. Nach dieser Alternative würden muslimische Migranten keine wie auch immer romantisierte „community“ als eine Parallel-Gemeinschaft bilden; vielmehr würden sie europäische Bürger einer Zivilgesellschaft werden. Nicht nur deutsche Romantiker diffamieren diese Vision als „Vergewaltigung der kulturellen Identität“ der romantisierten Einwanderer; auch die Fundamentalisten unter uns Migranten weisen jede individuelle Integration vehement zurück. Es ist grotesk, wie es dann ungewollt zu einer „Links-Rechts-Koalition“ der Kommunitaristen kommt.“

 

Intoleranz ist typisch für Kulturrelativisten

 

„Intoleranz ist typisch für Kulturrelativisten. In meiner eigenen Lebenserfahrung habe ich mehrfach solche prominenten Vertreter des Kulturrelativismus als in höchstem Maße intolerante Personen erlebt. Von diesem universell ausgerichteten Kulturrelativismus unterscheidet sich meine Denkweise dadurch, dass das reflexive Hinterfragen nicht von einer Werte-Verbindlichkeit entbindet und von einer aufrichtigen Toleranz begleitet wird.“

 

Multikulti, Wertelosigkeit

 

„Europäer könnten ihre Illusionen über die universelle Geltung der eigenen Werte dadurch korrigieren, dass sie den grenzenlosen Universalismus limitieren und auf einen Kernbereich, vor allem den der Demokratie und der Menschenrechte, einschränken. Dies wäre durchaus angemessen, erfolgt aber nicht.

Statt die Sinnkrise rational zu verarbeiten, wird im Westen kompensatorisch unter den Bedingungen der Massenmigration der Ideologie des kulturrelativistischen Multikulturalismus das Wort geredet. Daraus folgt, dass alle Werte nicht nur global, sondern auch im eigenen Haus, d. h. in westlichen Gesellschaften selbst, relativiert werden. Hierbei werden - wie ich einleitend hervorgehoben habe - kulturelle Vielfalt als Pluralismus und das Multikulti-Nebeneinander von Kulturghettos in sträflicher Weise miteinander verwechselt. Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: Kulturpluralismus und Multikulturalismus sind zweierlei!

Es stellt sich bei diesen Überlegungen die Frage, ob eine Gesellschaft ohne eine Werte-Orientierung bestehen kann. Der Kulturrelativismus der „Multikulti“-Strömung lehnt eine Leitkultur ab. Ohne eine solche Leitkultur kann es aber keine für alle verbindliche Orientierung geben. Die Folge ist Werte-Beliebigkeit, ja Werte-Losigkeit. Dies ist die Krisenerscheinung, die ich mit Fragezeichen im Titel „Europa ohne Identität?“ anspreche.“

 

Demokratie und Kulturrelativismus

 

„Sind liberale Demokratie und Werte-Beliebigkeit vereinbar? Ich glaube: nein, wenn man Demokratie mit bestimmten Wertvorstellungen verbindet. Denn Demokratie, Toleranz und individuelle Menschenrechte sind Werte einer politischen Kultur, deren Geltung nur gesichert sein kann, wenn sie allgemein als verbindlich akzeptiert werden. Freiheit ist stets auch die Freiheit des Andersdenkenden, nicht aber die Freiheit der Anti-Demokraten.

Wie bisher dargelegt, ist es Mode geworden, demokratische Werte im Namen der Öffnung gegenüber anderen Kulturen zu relativieren, d. h. ihre Verbindlichkeit aufzugeben. Das Fremdwort hierfür wurde bereits angeführt und erläutert: Kulturrelativismus. Obwohl Kulturrelativisten alles relativieren wollen, habe ich wiederholt die Beobachtung machen müssen, dass sie in intoleranter Weise die absolute Geltung für ihre eigenen Ansichten beanspruchen und gleichzeitig erklären, dass die Werte jeder Kultur relativ seien und somit keine allgemeine Verbindlichkeit beanspruchen könnten. Diese absolut vertretene Relativierung der Werte resultiert in dem Verlust ihrer verbindlichen Geltung, und das heißt: in fehlenden Werten. Aus diesem Grunde sehe ich die Demokratie in einer „Multikulti“-Werte-Beliebigkeit gefährdet.“

 

Kulturrassismus: es darf nichts kritisiert werden

 

„Zum Multikulti-Vokabular der Kulturrelativisten gehört die neue Sprachschöpfung „Kultur-Rassismus“. Hiernach wird das kritische Ansprechen kultureller Unterschiede (z. B. die Höherstellung des Mannes gegenüber der Frau im Islam) in einer sehr besorgniserregenden Weise als „Kultur-Rassismus“ eingestuft. Gegen die Kulturrelativisten argumentiere ich, dass es durchaus allgemeingültige Maßstäbe gibt, mit deren Hilfe Unterschiede erkannt und bewertet werden können. So können wir zwischen einer Kultur, die Glaubensfreiheit, die Gleichstellung von Mann und Frau und individuelle Menschenrechte zulässt, und einer anderen, die diese Werte verleugnet, qualitativ unterscheiden. Kulturrelativismus mündet in Werte-Gleichgültigkeit, die mit Werte-Beliebigkeit gleichgesetzt werden muss. Diese moralische Indifferenz führt soweit, dass sie auch vor einem Verwischen des Kontrasts von Freiheit und Unfreiheit nicht haltmacht. Im Gegensatz zu dieser Werte-Beliebigkeit begründen universell gültige Werte eine internationale, d. h. für alle Kulturen gültige Moralität. Die kulturübergreifende Begründung für diese Moralität ist die Alternative zu jedwedem ideologischen Universalismus.“

 

Absolutismus ist zu tolerieren, wenn fremd

 

„„In unserer geistigen Umwelt streiten im Wesentlichen drei Optionen um Geltung: der religiöse Fundamentalismus, der Relativismus und schließlich ein Aufklärungs-Rationalismus ... Es versteht sich von selbst, dass die religiösen Fundamentalisten sich in einem Konflikt mit den Relativisten befinden. Denn Fundamentalisten beanspruchen für ihren Glauben, die einzige Offenbarung zu sein, während Relativisten jede Anschauung auf bloß eines unter vielen, zudem gleichwertigen ‚Bedeutungssystemen‘ reduzieren. In der Realität kommt diese Konfrontation nicht augenscheinlich zum Ausdruck. Denn die Fundamentalisten erkennen und verachten zugleich die Unverbindlichkeit und den Relativismus im Allgemeinen, von denen die westlichen Gesellschaften derart durchdrungen sind. Doch interessieren sie sich wenig für die philosophischen Grundprinzipien des Relativismus (und versuchen ihn für ihre Zwecke zu instrumentalisieren; B.T.). Die Relativisten wiederum richten ihre Angriffe allein gegen diejenigen, die sie als ‚Positivisten‘, das heißt als Nicht-Relativisten verfemen, beschränken ihre Attacken jedoch auf ihre Gegner innerhalb ihrer eigenen aufgeklärten Tradition. Die Unstimmigkeiten, die sie logischerweise vom religiösen Fundamentalismus trennen, spielen sie herunter. Ihre Einstellung lässt grob gesagt zu, dass Absolutismus zu tolerieren sei, solange dieser kulturell nur ausreichend fremd daherkäme.“

Ernest Gellner, Postmoderens, Reason and Religion, London 1992, S. 84f.”

 

Absolutheit anderer Kulturen wird hingenommen

 

„Generell führt die vergleichende Studie des religiösen Fundamentalismus zu dem Ergebnis, dass alle Spielarten dieses Phänomens in Wirklichkeit eine Variante des Absolutismus sind. Europäische und amerikanische Postmodernisten relativieren jede Kultur und übersehen dabei, dass viele vormoderne Kulturen selbst einen absoluten Anspruch haben. Ein Kulturrelativist, der ohne Differenzierung die Ansprüche aller - auch vormoderner - Kulturen anerkennt, übersieht dabei, dass diese nicht dieselbe Werte-beliebige Weltsicht teilen. Somit endet der Kulturrelativist in der - gegen den eigenen Anspruch gerichteten - Anerkennung der Absolutheit anderer Kulturen. Der Kulturrelativist nimmt also die Absolutheit anderer Kulturen hin, die seinen eigenen Anspruch nicht gelten lassen wollen, und räumt darüber hinaus die Relativität der eigenen Position ein. Kulturrelativisten sind hierbei die Verlierer, die Neo-Absolutisten die Gewinner.“

 

Weltethos

 

„Es geht um die Muslime selbst, die Probleme mit der „kulturellen Bewältigung der Moderne“' haben; ihre hellen Geister wie Hamid Nasr Abu-Zaid und Said al-Aschmawi - werden zu Opfern der Takfir/Erklärung zum Ungläubigen. Wer im Islam als Kafir/Ungläubiger gilt, darf ermordet werden. Auf diese Weise wird das Grundrecht der Religions- und Glaubensfreiheit begraben. Wie sehr Deutschland in diesem Zusammenhang - als Nebenschauplatz des Islam zu einem Tollhaus geworden ist, veranschaulicht folgender Sachverhalt: Der islamische Scheich Mohammed al-Ghazali (gestorben 1996) hat 1992 in einer Fetwa die straffreie Ermordung jedes muslimischen Intellektuellen, der für die Aussetzung der Scharia eintritt und somit zum Kafir/Ungläubigen wird, legitimiert. Den Namen dieses zum Mord aufrufenden Scheichs findet der deutsche Leser unter den Mitautoren des von Hans Küng herausgegebenen Bandes Ja zum Weltethos. So stellt sich die deutsche Islam-Diskussion dar, bei der Anstifter zum Mord nobilitiert werden zu Trägem des „Weltethos“ „auf der Suche nach Orientierung“ (so Küngs Untertitel)!“

 

Rechtsradikale Ausländer

 

Nur deutsche Rechtsradikale werden verfolgt

 

„Gerade im Sinne des inneren Friedens ist es wichtig, dass Europäer Selbstrespekt beweisen, indem sie zu ihren westlich-demokratischen Werten verbindlich stehen. Erst das versetzt sie in die Lage, als selbstbewusste Dialog-Partner aufzutreten. Der Kampf für Demokratie und gegen Rassismus sowie Rechtsradikalismus ist beispielsweise solch ein Wert, den es mit Selbstbewusstsein gegen alle Seiten zu vertreten lohnt. Die Demokratie gilt es also nicht nur gegen die genannten Erscheinungen in den eigenen Reihen zu verteidigen, sondern konsequenterweise auch gegen den Rechtsradikalismus der Migranten. Als der Deutsche Gewerkschaftsbund nach dem abscheulichen Mord an Ausländern in Solingen ein Sonderheft seiner Zeitschrift Gewerkschaftliche Monatshefte über „Deutschland nach Solingen“ herausbringen wollte, wurde ich als Ausländer zur Mitarbeit eingeladen. Ich machte es zur Bedingung, dass ich über den Rechtsradikalismus beider Parteien schreiben könne, was mir zugestanden wurde. Multikulti-Relativisten tun sich schwer, diese Zusammenhänge angemessen zu verstehen. Wer aber keinen Selbstrespekt hat und sich selbst verleugnet, ist nicht dialogfähig, also nicht in der Lage, mit Angehörigen anderer Kulturen nach einer gemeinsamen Grundlage zu suchen.

Am konkreten Gegenstand möchte ich die Folgen der Werte-Krise illustrieren: Der deutsche Staat verfolgt zu Recht deutsche Rechtsradikale mit allen Mitteln; aber warum bekämpft er nur die deutschen Rechtsradikalen? Die Ideologien des Fundamentalismus sowie des ethnischen Nationalismus und deren Anhänger unter den Migranten sind genauso rechtsradikal und bedrohen Freiheit und Demokratie in gleicher Weise. Die deutschen Rechtsradikalen möchten verhindern, dass wir Ausländer hier heimisch werden - die islamischen Fundamentalisten wollen dasselbe, wenngleich aus anderen Gründen. Sie sagen, der Westen sei verrottet, Muslime, die hier leben, sollen sich weder mit Deutschen mischen noch sich integrieren; sie sollen ihre eigenen Gemeinschaften bewahren. Als ich in einem lokalen WDR-Fernsehinterview im Juni 1997 die Idee vortrug, der deutsche Staat solle ausländische, hier spezifisch türkische, in gleicher Weise wie deutsche Rechtsradikale rechtsstaatlich verfolgen, war mein Gesprächspartner zunächst sprachlos und wandte schließlich ein, dies hätte mit Sicherheit einen türkischen Aufruhr zur Folge. Ich gab ihm zu bedenken, dass in Deutschland viele türkische Demokraten leben, die wie ich denken und eine solche Politik sogar begrüßen würden. Warum können Deutsche nicht zwischen den Ausländern allgemein und den rechtsradikalen Minderheiten unter ihnen, also bezogen auf unseren Gegenstand: zwischen rechts-und verfassungstreuen Muslimen und muslimischen Fundamentalisten, unterscheiden?

Erstaunlich ist: Das rechtsradikale Ghetto-Denken geht Hand in Hand mit der linken Multikulti-Ideologie, die eine so verstandene Verteidigung der Demokratie mit Fremdenfeindlichkeit verwechselt, ja manchmal sogar gleichsetzt und keine Differenzierung unter Ausländern zulässt. Wenn ich auf meine Aufforderung bei öffentlichen Auftritten, die deutsche Gesellschaft müsse durch eine demokratische Ausländerpolitik die Migranten zu deutschen Verfassungspatrioten machen, von Multikulturalisten belächelt werde, frage ich mich ernsthaft, wie loyal dieser Kreis gegenüber der Demokratie ist!“

 

Intolerante, gewalttätige Moslems

 

„Der angeführte Vorfall sollte Europäer nachdenklich machen: Allein die Hinzufügung der Vorsilbe „Euro“ vor Islam veranlasst einen Menschen, der in Europa von Steuergeldern lebt, zum Mordaufruf. Ist es in diesem Zusammenhang tatsächlich angebracht, von Toleranz gegenüber den Anderen zu reden? Ich bitte meine Leser, die dieses Buch nicht Kapitel für Kapitel lesen, das obige sechste Kapitel über Toleranz beim Nachdenken über diese Frage zu konsultieren. Der besagte Aufrufer zum Mord, der eine europäische Deutung des Islam nicht tolerieren, ja mit Gewalt verhindern möchte, aber gleichzeitig in Europa und wohl auch vom Sozialstaat leben will, ist leider kein Einzelbeispiel. Dieser Personenkreis ist vergleichbar mit den gewalttätigen deutschen Rechtsradikalen. Warum über diese Spielart des Rechtsradikalismus schweigen?“

 

Krach unter Ausländern

 

„So gibt es in Pakistan eine islamische Sekte, die Ahmadiyya, die dort vom Staat als „unislamisch“ erklärt worden ist, weshalb sie, da es das Grundrecht auf Glaubensfreiheit dort nicht gibt, verfolgt wird. Ein statistisch signifikanter Teil der Angehörigen dieser Sekte befindet sich inzwischen ohnehin als Asylanten in Deutschland, wohin die Verfolgung inzwischen ausgedehnt wird. Positiv ist anzumerken, dass sich Deutschland als Fluchtort fast aller Verfolgten geöffnet hat, doch darf man hierbei nicht aus dem Auge verlieren, dass es sich zum großen Teil - wie der Amerikaner Newhouse in Europa beobachtet - um „Ströme unerwünschter Flüchtlinge“ handelt. Mit knirschenden Zähnen bieten die Deutschen das Asyl an, beschützen die Flüchtlinge aber nicht vor der Verfolgung. Eine rechtsextreme pakistanisch-sunnitische Gruppe, die - nach Angabe von Senyurt - von der türkischen Milli Görüs unterstützt wird, verfolgt die Ahmadis in deutschen Asylbewerberheimen mit Terror, verletzt sie, ja bedroht ihr Leben, ohne dass deutsche Behörden eingreifen. In Deutschland gibt es nicht nur die - laut Verfassungsbericht - rechtsextreme Milli Görüs, sondern auch die ebenso „rechtsextremen Grauen Wölfe, (die) die größte Moschee auf deutschem Boden“ leiten. Das ist kein Beweis für „deutsche Toleranz“, sondern für Werte-Beliebigkeit und Indifferenz. Der zitierte türkische Journalist beschrieb den Umstand auf der angeführten Tagung so:

„Die deutschen Behörden verstehen den Konflikt nicht, bleiben untätig und sagen lediglich: Das ist nur Krach unter Ausländern.“

Es ist erfreulich und sehr richtig, dass deutsche Behörden sich anders verhalten, wenn deutsche Rechtsradikale in verbrecherischer Weise Asylbewerberheime angreifen. Bedenklich ist dann aber, dass die Deutschen sich nur über sich selbst beklagen und in Selbstvorwürfen ergehen. Am nächsten Tag folgen dicke Schlagzeilen in der Presse und in anderen Medien mit entsprechenden Beschwörungen. Wenn ausländische Rechtsradikale dasselbe tun, passiert nichts: Schweigen! Ich werde Beispiele dafür anführen, dass die von Fundamentalisten in Europa ausgeübte Gewalt gegen muslimische Migranten weder die deutschen Behörden noch die Medien interessiert. Hierunter leidet die Glaubwürdigkeit der deutschen Fremdenfreunde, denen ich mich im Folgenden zuwenden werde.“

 

Allianz mit rechtsradikalen Islamisten

 

„Seit langem staune ich bei meinen Beobachtungen stets über die unheilige Allianz zwischen den rechtsradikalen muslimischen Fundamentalisten und den - ironischerweise linken - europäischen Kulturrelativisten. In meiner eigenen Forschung kam ich zu dem Ergebnis, dass in der Diaspora kultivierte exklusive ethnische Identitäten zu einer Art des Neo-Absolutismus und den mit ihm verbundenen sozialen Konflikten führen. Als einer der Experten des Fundamentalismus-Projektes der Amerikanischen Akademie der Wissenschaft und Künste teile ich die Deutung des Fundamentalismus als einer modernen Spielart des Neo-Absolutismus. Pluralismus hingegen verweist auf das Konzept, wonach Menschen unterschiedliche Weltanschauungen repräsentieren, sich aber zur gleichen Zeit gemeinsamen Regeln und, vor allem, der gegenseitigen Toleranz und dem gegenseitigen Respekt als Elementen einer Leitkultur verpflichtet fühlen. Toleranz darf niemals bedeuten, dass nur eine Partei das Recht besitzt, auf Kosten der anderen ihre Vorstellungen durchzusetzen. So können Türken nicht Europa mit Moscheen übersäen und zugleich den Christen in ihrem Land den Kirchenbau und bestehenden Kirchen das Glockenläuten verbieten.

Nach meinem Dafürhalten steht jeder multikulturalistische Kommunitarismus im Widerspruch zum Kulturpluralismus. Die Einbahnstraße der Toleranz europäischer Kulturrelativisten prädestiniert sie zu Verlierern und unbeabsichtigt zu Handlangern der Neo-Absolutisten.“

 

Deutsche Linke und fundamentalistische Islamisten

 

„Es ist eigenartig zu beobachten, wie linke Multikulturalisten mit rechtsradikalen islamischen Fundamentalisten am gleichen Strang ziehen. Die letzteren sind anti-westlich, und für „Linke“ gilt alles, was die Bezeichnung Fundamentalismus trägt, als „fortschrittlich“.

Ich möchte die Frage der Werte-Orientierung an einem konkreten, im Spiegel veröffentlichten Fall aus Berlin illustrieren: Zwei syrische, in Deutschland geborene minderjährige Mädchen integrieren sich in ihrem Schülermilieu, gewinnen deutsche Freunde und werden somit fast einheimisch in Deutschland im Sinne der Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen. Das missfällt den nicht-integrierten Eltern, die mit Mitteln der Misshandlung bis zur rechtswidrigen Handlung einer Entführung, d.h. der „Deportation“ nach Syrien, dagegen einschreiten. Es kommt zu einer Solidaritätsdemonstration der deutschen und ausländischen Schüler, aber die deutschen Behörden unternehmen nichts. Die Mädchen werden entführt. Laut Spiegel:

„Mitarbeiter des Berliner Jugendnotdienstes verweigern ihre Hilfe ... Die städtischen Jugendbeamten begründen ihre Untätigkeit oft mit der Rücksichtnahme auf fremde Sitten. Einige fürchten gar, als Ausländerfeinde dazustehen, wenn sie sich allzu heftig in die Angelegenheiten ausländischer Familien einmischen.“

Das ist ein eklatantes Fallbeispiel für Verleugnung der eigenen Werte und für Missachtung gültiger Rechtsnormen sowie der demokratischen Staatsordnung. Es versteht sich von selbst, dass Kindesmisshandlung oder gar Entführung gegen alle Normen und Werte verstößt, die eine Geltung haben sollten. Und was noch irritierender ist: Dieses Handeln wird mit dem Verweis auf die „Toleranz“ gerechtfertigt. Das ist das hässliche Gesicht des Multikulturalismus und seiner „Toleranz“.“

 

Denkverbote in Deutschland

 

„Mill warnt nicht nur vor der Tyrannei der politischen Herrscher, sondern auch „vor der Tyrannei der herrschenden Meinung und Gesinnung, vor der Neigung der Gesellschaft, ihre eigenen Ideen ... durch andere Mittel als bürgerliche Strafen den Widerstrebenden aufzunötigen, die Entwicklung jeder eigenartigen Individualität zu fesseln und wenn möglich zu ersticken“. Mit diesem Zitat kann die politische Kultur der Bundesrepublik unter Merkels Herrschaft und ihren medialen Gefolgsleuten sehr präzise beschrieben werden. Ich erwähne noch einmal das Grundgesetz, das Meinungsfreiheit in Artikel 5 garantiert. Wer dieses Recht heute in Anspruch nimmt, wird in einem formalen Rechtssaat zwar nicht mit „bürgerlichen Strafen“, aber anders geahndet. Bereits im 19. Jahrhundert wusste John Stuart Mill, dass Bestrafung durch andere Mittel erfolgen kann. Welche sind diese? In Deutschland dienen Keulen den medialen Herrschern als Waffen gegen Andersdenkende, um sie zum Schweigen zu zwingen. Der Ruf von Kritikern wird durch Schmutzkampagnen zerstört. Beispiele dafür sind Bücher wie Die Panikmacher sowie Kritik und Terror, die Keulen gleichermaßen gegen aufklärerische Muslime und Islam-Kritiker verwenden. Im postmodernen Deutsch wird Islam-Kritik sprachlich mit Islamophobie und Populismus gleichgesetzt. Selbst ich als gläubiger Muslim werde in diesem Jargon der Islamophobie zugeordnet. Dies sind „die anderen Mittel“, die Meinungsherrscher gegen Meinungsfreiheit einsetzen. Dazu kommt noch die Ausgrenzung. Die eigenartige deutsche Gleichsetzung von Kritik mit Phobie (Islam-Kritik als Islamophobie) macht rationale, - im Sinne von Kant - denkende Menschen sprachlos. Die totalitär anmutende Atmosphäre in Merkels Deutschland kennzeichnet sich dadurch, dass jede Kritik am Mantra der deutschen Willkommenskultur gleichermaßen von der Bundesregierung und von deutschen Journalisten mit Populismus gleichgesetzt und dann erstickt wird. Einige Jahrzehnte vor dem politischen Aufstieg der in der DDR sozialisierten Bundeskanzlerin Merkel hat mein Lehrer Theodor W. Adorno sich geäußert zu der deutschen Art des Verbotes, kritisch zu denken: Er findet diesen Geist in einer deutschen Denkart begründet, bei der Meinungsmacher „mit Rücksicht auf die Folgen“ sich selbst verbieten, über nicht wenige Fragen frei zu sprechen. So wird behauptet, eine Kritik, welche die Inkompatibilität der islamischen Scharia mit dem Grundgesetz artikuliert, würde die lslamfeindlichkeit der Rechtsradikalen fördern. Die Schlussfolgerung ist also, solche Kritik schlechthin zu verbieten. Den hier anstehenden Gegenstand Islam und Deutschland gab es zu Adornos Zeiten noch nicht, dennoch kennt Adorno die deutsche Gepflogenheit, „jede Abweichung gereizt“ zu ahnden. Adorno erkennt, daraus entstehe „eine innere Zensurinstanz, die schließlich nicht nur Äußerung unbequemer Gedanken, sondern auch diese selbst verhindert“. Das ist eine Tyrannei der öffentlichen Meinung und nicht die politische Kultur der Freiheit, die das Grundgesetz vorschreibt.“

 

Folgen von Intoleranz

 

Habermas warnt vor Linksfaschismus

 

„Feinde dieses Denkens sind nicht nur fanatische Islamisten, sondern auch manche Europäer, die Horkheimer verabscheute. Er war ein Opfer von Hitlers Barbarei in Nazi-Deutschland und entkam dem Tod 1933 durch Emigration über die Schweiz in die USA. Durch diesen Hintergrund ist Horkheimer von jeder Europa-Euphorie frei. Er erkennt, wie er im bereits oben zitierten Vorwort schreibt, welches „verhängnisvolle Potenzial“ und welches „Unrecht im Inneren wie im Äußeren“ Europa verbrochen hat, und dennoch sei das westliche Europa „im Augenblick noch eine Insel“, deren Verteidigung er zur „Pflicht jedes Denkenden“ erklärt …

Ich habe schon davor, bereits 1968, mit diesen Leuten gebrochen, als sie damit begannen, Adorno und Habermas anzupöbeln. Horkheimer hat zum eigenen Schutz die Polizei geholt, und Habermas warnte damals nach der unbeschreiblichen Schändung seines Büros vor dem Linksfaschismus.“

 

Despotie der Meinungsherrschaft

 

„Ich sage es offen: Nicht nur die Nazis und Neo-Nazis bzw. Rechtsradikale sind Feinde der offenen Gesellschaft, auch grüne Multikulti-Ideologen sowie autoritäre SED-Linke mit verdeckt-stalinistischem Geist und nicht zuletzt Ex-Funktionäre der K-Gruppen gehören zu den Feinden der offenen Gesellschaft. In diesem Abschnitt greife ich in meinem Denkprozess auf das Werk der autoritativen Vertreter der offenen Gesellschaft zurück, um zu zitieren, was sie zu der anstehenden Problematik zu sagen haben. Ich möchte mit Karl Popper anfangen, den ich trotz meiner geistigen Herkunft aus der Frankfurter Schule und in Kenntnis des Positivismus-Streits unendlich verehre. Zwischen der Kritischen Theorie und dem Kritischen Rationalismus liegen klare Differenzen in der Methodologie, nicht jedoch dort, wo es um Verteidigung von Freiheit, Aufklärung und offener Gesellschaft geht. Als wichtigstes Buch der Nachkriegszeit gilt Poppers Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Darin warnt Popper eindringlich vor der Deutung der Demokratie als „Volksherrschaft der Mehrheit“, vielmehr ist Demokratie für Popper eine Vermeidung jeder Despotie, nicht nur die autoritärer Herrschaft, sondern auch die der Despotie der Meinungsherrschaft. Diese Problematik ist 2016 hochaktuell, besonders für Deutschland, wo im „Pathos des Absoluten“ der gesamten Bevölkerung ein Mantra der „Willkommenskultur“ aufgezwungen wird.“

 

Intoleranz deutscher Intellektueller

 

„Die verbal beteuerte Aufgeschlossenheit hört auf, wenn ein Fremder wie ich ein Fragezeichen hinter selbstgefällige deutsche Weltanschauungen setzt. In Sekunden verwandelt sich die Selbstverleugnung in Selbstherrlichkeit und der Kulturrelativismus in Absolutismus. Solche Erfahrungen bestärken mich in meiner Einschätzung, dass es sich bei diesen beiden Extremen lediglich um zwei Seiten derselben Medaille handelt.“

 

Von Fremdenhass zu Fremdenliebe: jederzeit umkehrbar

 

„Wer ohne eine Verarbeitung von Fremdenhass zu verordneter Fremdenliebe übergeht, kann diesen Prozess plötzlich auch wieder umkehren. Als ein „Fremder“ habe ich große Angst vor diesem Potenzial!“

 

Ausländer in Deutschland

 

Aufgeklärte leiden; Europa verrät seine Ideale

 

„Aus der Rushdie-Affäre wissen wir bereits, dass selbst in Europa lebende glaubenskritische Muslime dieser Gefährdung ausgesetzt sind. In meinem Buch Im Schatten Allahs. Der Islam und die Menschenrechte setze ich mich von Rushdie ab, verteidige aber seine Menschenrechte, also auch das Recht auf Glaubensfreiheit. Dies lehnen Fundamentalisten und Orthodoxe unter den Muslimen ab. Europa verteidigt nicht mehr das Recht auf Glaubensfreiheit. Dazu Rushdie:

„Das neue Europa ist mir dabei nicht wie eine Zivilisation vorgekommen. Es ist ein viel zynischeres Unternehmen. Die Führer der Europäischen Union legen zwar Lippenbekenntnisse zu den großen europäischen Idealen ab - freie Rede, Menschenrechte, Aufklärung, das Recht auf (eine) abweichende Meinung, die Trennung von Kirche und Staat. Aber wenn diesen Idealen machtvolle Banalitäten der sogenannten Wirklichkeit entgegenstehen - Handel, Geld, Waffen, Macht -, dann muss die Freiheit kuschen.““

 

Integrierte und nicht-Integrierte werden in einen Topf geworfen

 

„Meine Leser wissen inzwischen, dass ich als Migrant zwar gleichermaßen gegen illegale Zuwanderung wie gegen Abschottung und die Bildung einer Ghetto-Kultur, aber für Migration und die Integration von Einwanderern bin. Der Grund für mein Zögern, das ausgewählte Motto von Baring zu zitieren, ist die Tatsache, dass meine Äußerungen über Multikulturalismus und Migration stets von „Feinden und Freunden“ der „Fremden“ missbraucht werden. Hierbei werde ich selbst zum Objekt der Kritik, die ich vortrage. Das liegt daran, dass wir Fremden für bestimmte Deutsche alle gleich sind. Die mangelnde Unterscheidung von integrierten Ausländern und illegalen Zuwanderern wird dazu missbraucht, uns alle in einen Topf zu werfen und auszugrenzen.“

 

Nationalismus und Selbsthass sind beides Bedrohung

 

„Nochmals: Deutschland ist für mich nur in seiner europäischen Bestimmung als Identitätsmuster akzeptabel. Jede andere Perspektive führt entweder zu einer deutsch-nationalen Nabelschau oder zu der Kehrseite der Medaille, dem deutschen Selbsthass und der ihm entsprechenden Selbstverleugnung. Für uns Fremde ist beides eine Bedrohung.“

 

Als Ausländer Mitglied des deutschen Gemeinwesens (nicht nur formaljuristisch)

 

„Die in Deutschland lebenden Ausländer bilden meine Bezugsgruppe, mit der ich mich solidarisiere, auch wenn ich formaljuristisch über einen deutschen Pass verfüge. Denn ein deutsches Identitätsmuster als deutscher Bürger sind die Deutschen uns Fremden noch schuldig. Anders formuliert: Ich möchte als ein Ausländer nicht nur formaljuristisch Deutscher sein, sondern auch Mitglied des deutschen Gemeinwesens. Eine solche Identifizierung fördern die noch dominierenden Muster politischer Kultur in diesem Land nicht.“

 

Integrationswillige Ausländer beklagen sich

 

„Im Vergleich zu Frankreich fehlt in Deutschland nicht nur die rechtliche Grundlage, sondern auch die Zivilcourage zu konsequenten, an der Säkularität orientierten Handlungen, die den Fundamentalismus eindämmen. Fortschrittliche, integrationswillige Ausländer - gleich ob Muslime oder Nicht-Muslime - beklagen sich über die Deutschen, weil sie unter falscher Berufung auf die Toleranz sowie auf ihre dunkle Vergangenheit tatenlos bleiben gegenüber fundamentalistischen, gegen die Integration und für auf die Etablierung kommunitärer Strukturen gerichteten politischen Aktivitäten, etwa der „Moscheevereine“.“

 

Als Bürger behandelt oder als Minderheit? / Keine Minderheitenrechte!

 

„Um Missverständnissen vorzubeugen: Staatsbürgerschaft besteht nicht einfach aus einem Reisepass, sondern manifestiert sich vielmehr in der Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen im Sinne von Citizenship/Citoyenneté. In diesem Dilemma folge ich Prinz Hassan und schließe mich seiner Ansicht an, dass aufgeklärte Muslime in Europa als Bürger behandelt werden wollen und nicht als eine aus Fremden bestehende Minderheit. Dies impliziert eindeutig „ein Rechtssystem für alle“ und keine Scharia für die islamischen Minderheiten, nicht einmal auf dem Gebiet des Familienrechts. Das Kapitel über die Muslime Indiens, die in einer säkularen Gesellschaft nach der Scharia leben, soll eine Warnung an Europa sein. Das Problem ist also nicht die Gewährung von Reisepässen oder gar Minderheitenprivilegien, sondern vielmehr die individuelle Integration und die Akzeptanz einer für alle gültigen Leitkultur und ihrer säkularen Gesetzgebung. Es geht darum, dass Europäer, besonders aber die Deutschen, lernen, den Begriff des Bürgers von seinem ethnischen Gehalt zu lösen, so dass Migranten wie Einheimische akzeptiert werden können. Aber auch die Muslime haben in Europa den Unterschied zwischen der Zugehörigkeit zu einer Umma und der zu einem demokratischen Gemeinwesen zu lernen.“

 

Integrierte Muslime zwischen Europäern, die sie zu „Schützlingen“ machen wollen und Extremisten

 

„Wir integrierten Muslime befinden uns zwischen den Europäern, die uns zu „Schützlingen“ herabstufen wollen, und den Fundamentalisten unter den Muslimen, die aus uns Djihad-Kämpfer machen wollen. Unsere Rettung ist die Demokratie. Noch ist es nicht zu spät. Wie können allein um ihre Wiederwahl besorgte europäische Politiker zum Nachdenken und Handeln gebracht werden, bevor Bomben explodieren und Blut fließt?“

 

Liegt im Interesse der Muslime, dass Terroristen abgeschoben werden

 

„Es liegt im Interesse der Mehrheit der muslimischen Migranten, dass islamische Terroristen abgeschoben werden, weil sie nicht mit deren Gewalt in Verbindung gebracht werden wollen.“

 

Bei Explosion sind integrierte Ausländer die Leidtragenden

 

„Der Zusammenhang zwischen illegaler Migration, Schieberbanden und Missbrauch von Sozialhilfe gehört zu den von mir beklagten deutschen Tabus. Eine weitere Tabuzone stellt die Kriminalität von Ausländern dar. In der Statistik fällt auf, dass deren proportionaler Anteil an den Sozialhilfeleistungen wie an der Zahl der Kriminalitätsfälle unverhältnismäßig hoch ist. Stets ist die Rede allgemein von den Ausländern, so dass wir integrierte Ausländer uns diskriminiert fühlen. Ich bin für die Deutschen trotz meines deutschen Passes nach wie vor ein Ausländer und möchte nicht im Licht dieser Ausländerstatistik betrachtet werden; darum wehre ich mich mit diesem Buch so entschieden gegen die deutsche Handhabung der Zuwanderung und zugleich gegen eine jeden Ausländer einbeziehende Pauschalierung der negativen, kriminellen Begleiterscheinungen. Die Statistik besagt, dass der Ausländeranteil an der Bevölkerung in Deutschland nur neun Prozent ausmacht, dennoch beziehen diese, laut statistischem Jahrbuch, 20,7 Prozent der Sozialhilfeausgaben; 1967 waren es nur 1,3 Prozent gewesen. Und noch alarmierender: Laut einer Information des Bundesinnenministeriums soll der Anteil der Ausländer an der Kriminalität 62 Prozent betragen.

Die beschriebenen Missstände ergeben sich nicht automatisch aus der Tatsache, dass Ausländer in diesem Land leben. Ich gehöre zu der Generation von Ausländern, die dieses Land mit aufgebaut haben. Wir integrierte Ausländer glauben, ein Recht auf Würde und Anerkennung verdient zu haben. Wir möchten nicht im Namen des Ausländerschutzes das Spiel mitmachen, dass über diese Dinge nicht geredet werden darf. Schweigen wir über diese Dinge, dann werden wir mit in einen Sog geraten, und das kann nicht in unserem Sinne sein. Wenn das Pulverfass explodiert und es zu Ausschreitungen gegen Ausländer kommt, dann werden es nicht die deutschen Gesinnungsethiker sein, die gefährdet sind, sondern wir und unser Dasein als Deutschländer. Da hilft kein deutscher Pass, wenn man nicht ethnisch deutsch ist.“

 

Schluss-Betrachtungen des Wurms

 

Kassandra

 

Aus „Wikipedia“: „Der Gott Apollon verliebte sich in Kassandra und verlieh ihr die Sehergabe, um seinem Werben Nachdruck zu geben. Kassandra, deren Schönheit Homer mit jener der Aphrodite verglich, verschmähte ihn dennoch. Daraufhin verfluchte Apollon seine Gabe, weil er sie Kassandra nicht wieder wegnehmen konnte, und fügte hinzu, dass niemand ihren Vorhersagen Glauben schenken werde. So rief sie dazu auf, Paris zu töten, da sie vorhersah, dass er Troja großes Unheil bringen würde, und gegen Ende des Trojanischen Kriegs warnte sie (wie zuvor auch der Priester Laokoon) die Trojaner vergeblich vor dem Trojanischen Pferd und der Hinterlist der Griechen, sodass Troja unterging.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Kassandra_(Mythologie)

Ob Bassam Tibis Schönheit mit der von Aphrodite zu vergleichen ist, mag dahin gestellt sein. Zumindest gibt es deutliche Parallelen: Bassam Tibi sieht deutlich, was ist und was sein wird – und kaum einer will etwas davon wissen. Es wird ihm nicht nur nicht geglaubt – er wird auch noch öffentlich geschmäht und es wird alles mögliche getan, damit er nicht zu Wort kommt.

 

Geistes-Wissenschaften

 

Bassam Tibi ist ein Geistes-Wissenschaftler und eine große Hilfe darin, den Zustand der Gesellschaft zu analysieren, zu bestimmen, wie es ohne weiteres Zutun weiter geht und zu sagen, was getan werden muss, um einen besseren Zustand zu erreichen.

Das ist deshalb erwähnenswert, da Natur-Wissenschaftler gerne auf Geistes-Wissenschaftler herab schauen und deren Arbeiten oft als unnütz abtun. Bassam Tibi tritt den Beweis an, dass Geistes-Wissenschaften in manchen Fällen deutlich wichtiger als Natur-Wissenschaften sind.

In seinem Buch sind viele Querverweise auf weitere bedeutende soziologische und politische Schriften.

Nichtsdestotrotz verweist der Wurm darauf, wie Arbeiten „gekauft“ und dann als „wissenschaftlich“ ausgegeben werden. Siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/294-wissenschaftlich-verpackte-propaganda.html oder http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/276-mietbare-zwerge.html .

 

Flüchtlings-Politik

 

Der Wurm kann es nicht so schön ausdrücken, hat aber frühzeitig darauf hingewiesen, dass das nicht gut ausgehen wird: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/186-kater-vor-der-tuer.html Weitere Beiträge zur Flüchtlings-Thematik aus dem Jahr 2015: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/179-verbrechen-dummheit-irrsinn-europaeische-fluechtlings-politik.html und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/154-krokodilstraenen-der-internationalen-verbrecherbande.html .

 

Überbevölkerung

 

Das Problem überhaupt für die Menschheit ist die Überbevölkerung – das scheint aber nur wenige zu interessieren. Diejenigen, die deshalb nicht genügend Wohnraum, keine halbwegs gut bezahlte Arbeit haben oder sich mitten im ökologischen Desaster oder gar im Krieg befinden, interessiert das aber schon. Und ein Teil dieser vielen Millionen macht sich auf nach Europa, wo es auch so schon genügend Probleme gibt.

Mensch sollte sich zumindest dessen bewusst sein, dass Überbevölkerung ein Riesen-Problem ist – und diejenigen Staaten, die ein äußerst effektives Programm dagegen haben, nicht auch noch verteufeln (China) bzw. deren Erfolge zur Gänze zu verschweigen (Iran). Siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/24-arabischer-winter.html .

 

Linke und Gutmenschen

 

Die Furcht, dass sich die Meinung von linken Gesinnungs-Ethikern ins genaue Gegenteil drehen kann, ist mehr als berechtigt. Der Wurm hat in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/286-extrem.html mehrere prominente Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit gebracht.

Es mag traurig sein, dass der größte Teil der Arbeiter keine Revolution wollte – in erster Linie sind es aber die Linken, die das Schicksal der Arbeiter nicht im Entferntesten interessiert (siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/280-leiharbeit.html und sich von ihnen deutlichst abgewandt haben. Mit dem Resultat, dass diese sich nach rechts wenden (siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/251-zeitenwende.html und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/254-weisser-muell.html ).

Auch an den meisten Gutmenschen lässt der Wurm kein gutes Haar, da sie sich für jeden Krieg und jede Schändlichkeit begeistern können, die im Namen der „guten Sache“ begangen wird. Siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/189-ein-gutmensch-ist-ein-schlechter-mensch.html . Wehe, wenn da einer nicht ins Konzept passt (unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/192-die-vernichtung-des-akif-pirincci.html und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/58-respekt-vor-edathy.html ).

Wenn es Menschen gibt, die tatsächlich die Arbeit der Linken machen und/oder im Sinne der Aufklärung wirken, werden sie von denen übelst diffamiert (http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/184-querfront.html oder http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/285-antisemitismus.html ).

Dass es dem deutschen Staat und den meisten Linken und Gutmenschen zutiefst am Arsch vorbei geht, welches Schicksal Flüchtlinge oder Menschen in Kriegsgebieten haben, zeigt Rupert Neudeck, aus dessen Buch „Es gibt ein Leben nach Assad – Syrisches Tagebuch“ aus dem Jahre 2013 der Wurm zitiert hatte:

„01.10.2012

„Heute haben wir einen Aufruf veröffentlicht, in dem wir die Bundesregierung um eine Quote für die Aufnahme von 10.000 syrischen Flüchtlingen bitten … Als Akt der Menschlichkeit sollte die Bundesregierung zumindest den in Deutschland lebenden Syrern erlauben, ihre Angehörigen zu sich zu holen und sie hier zu versorgen …

Zweiter Fall: Ein Deutsch-Syrer aus Aachen will seine Schwester nach Deutschland holen. Durch seine Einladung und seine Verpflichtungserklärung, dass er für eine gewisse Zeit für alles aufkommen wird, konnte sie unter großer Gefahr die Grenze nach Jordanien überwinden und ein Visum bei der deutschen Botschaft in Amman beantragen. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt mit einer Begründung, bei der man sich angesichts der Bilder, die täglich in der Tagesschau und der heute-Sendung zu sehen sind, an den Kopf fasst. Es sei kein ausreichender Nachweis vorhanden, dass sie ‚nach Syrien zurückkehren‘ wolle. Nun sitzt die Schwester in Amman fest. Nach Syrien kann sie ja schlecht zurück! Gnädigerweise teilte ihr das deutsche Konsulat aber mit, sie habe ‚das Recht auf Widerspruch innerhalb von vier Wochen‘. Da kann ich nur sagen: Bravo, deutsche Diplomatie und Außenpolitik. Wenn wir den Krieg schon nicht stoppen können, sollten wir wenigstens einige der syrischen Menschen aufnehmen, die im Moment so Entsetzliches durchmachen.“

18.04.2013

„Die beiden journalistischen Kollegen Martin Durm und Jörg Armbruster haben heute einen geharnischten Brief an das Auswärtige Amt geschrieben, in dem es um die Aufnahme von Flüchtlingen und die humanitäre Hilfe für Syrien geht. Sie fragen, wie viele Flüchtlinge inzwischen in Deutschland aufgenommen worden seien. Außerdem wollen sie wissen, ob es richtig sei, dass weder Deutschland noch die EU Hilfe für die Zivilisten im Kriegsgebiet leiste und wenn ja, warum nichts in diese Richtung geschehe, obgleich doch so viel möglich und nötig sei.

Ich bin sehr dankbar, dass einmal jemand diese Fragen in dieser Härte gestellt hat.““

Der Wurm kommentierte das mit folgenden Worten: „Anders ausgedrückt: der deutschen Regierung und zum größten Teil auch der deutschen Bevölkerung geht es zutiefst am Arsch vorbei, was die syrische Bevölkerung im Bürgerkrieg erleiden musste und muss.

Die Gutmenschen-Show, die Regierung und ein Teil der Bevölkerung letzten Herbst wg. Flüchtlings-Aufnahme abgezogen haben, ist zutiefst unglaubwürdig.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/230-menschen-fischer.html

 

Bankrott-Erklärung des Konservativismus

 

Aus einem früheren Beitrag des Wurms: „Wenn sich selbst hassende deutsche Linke oder weltfremde Spinner aus dem linken Spektrum Blödsinn erzählen, mag das zwar unsagbar auf den Geist gehen. Aber wurm hat sich wenigstens halbwegs daran gewöhnt. Das ist halt so.

Was wurm aber sehr erstaunt, ist die Abwesenheit der Konservativen. Gibt es die überhaupt noch im Lande? Wenn ja, dann zumindest nicht in Debatten um wichtige gesellschaftliche Fragen.

„Man muss zu seinen Werten stehen“ sagt Bassam Tibi. Wo und was bitte sollen die Werte der Konservativen sein?

Bassam Tibis Begriff der „europäischen Leitkultur“ (also hauptsächlich der Aufklärung) hat ein Friedrich Merz im Jahr 2000 aufgenommen unter dem Begriff der „deutschen Leitkultur“: „Zu einer breiten öffentlichen Diskussion kam es jedoch erst, als Friedrich Merz, damals Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag, am 25. Oktober 2000 in der „Welt“ Regeln für Einwanderung und Integration als freiheitlich-demokratische deutsche Leitkultur forderte und sich gleichzeitig gegen Multikulturalismus wandte.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Leitkultur

Friedrich Merz wollte nicht dasselbe wie Bassam Tibi und wurde von den meinungsbildenden Medien negativ beurteilt bzw. sogar ins Lächerliche gezogen nach dem Motto „Bayern können auch nicht richtig Deutsch sprechen“. Der Begriff „Sauerkraut“ erlebte seine Hochkonjunktur.

Auch heute noch wird die Thematik der Leitkultur ins Lächerliche gezogen.

Es ist nicht konservativ, wenn hunderttausende Menschen ohne Ausweis und Überprüfung ins Land kommen.

Es ist nicht konservativ, sich nicht an bestehende EU-Gesetze zu halten.

Es ist nicht konservativ, diejenigen Länder zu beschimpfen, die sich an die bestehenden EU-Gesetze halten.

Es ist nicht konservativ, die Suppe, die mensch sich selbst eingebrockt hat, andere auslöffeln zu lassen – also andere Länder unter Druck zu setzen, damit sie diejenigen, die illegal nach Deutschland gelassen wurden, übernehmen sollen.

Es ist nicht konservativ, erst Jahre lang Polizeistellen abzubauen und dann vermehrt Kleinkriminelle und Drogenhändler auf die Bevölkerung loszulassen – bei Autounfällen oder Wohnungseinbrüchen kommt seit geraumer Zeit kaum noch die Polizei.

Es ist nicht konservativ, die Innenstädte verkommen zu lassen.

Es ist nicht konservativ, zu lügen und so zu tun, als gäbe es gar keine Probleme.

Diejenigen, die halbwegs geradeaus denken können, wenden sich von jenen medialen und politischen Kräften ab, die nicht die Wahrheit sagen und denen keine Lösung der Probleme zuzutrauen ist. Wozu auch? Diese schaffen erst die Probleme und dann tun sie auch noch so, als ob es diese gar nicht gäbe.

Bassam Tibi mit seinen Werten der europäischen Leitkultur steht für solche Werte, die immer mehr in Gefahr geraten und die zu retten sind.

Was passiert mit solch einem Mahner und Werte-Vertreter? Er wird totgeschwiegen. Auch und gerade von konservativer Seite. Viele, viele Jahre lang.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/235-die-wiedergeburt-des-bassam-tibi.html

 

Was tun?

 

Es ist kaum zu fassen – die meisten Europäer kennen ihre eigenen Werte nicht. Die sollte mensch aber kennen, um zu wissen, was er an ihnen hat und um die Gefahr zu erkennen, wenn sie ihm genommen werden. Siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/208-europaeisches-selbstverstaendnis.html .

Ansonsten wirtschaftliche und kulturelle Integration (unter anderem durch Vermittlung der europäischen Werte) derjenigen, die schon hier sind, ein Einwanderungs-Gesetz mit der klaren Definition, wer ins Land kann und wer nicht.

Nicht zuletzt: klare Kante gegenüber Kriminellen und Betrügern.

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm