Vor 40 Jahren starb Groucho Marx. Was mensch auch immer von ihm halten mag – auf seinem Gebiet war er der Größte.

So subversiv, anarchisch und scharfzüngig wie er war keiner und es ist nur schwer vorstellbar, dass ihm je jemand das Wasser reichen wird können.

Aus „Wikipedia“: „Wie populär er in den 1960er Jahren war, belegt eine Szene aus der Fernsehserie Bezaubernde Jeannie, in der sich Roger Healey wünscht, der witzigste Mann der Welt zu sein. Jeannie verwandelt ihn daraufhin in Groucho. Und Groucho Marx spielt sich selbst.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Groucho_Marx

 

 

Im Zeugnis der Kritiker

 

Der „Spiegel“ schreibt im Jahr 1967: „Ihr "Marxismus" erschüttert die Welt mit Gelächter. Bei ihren Filmen grinsten, kicherten und brüllten, krümmten und kugelten sich Amerikaner und Europäer, Biederleute wie Eierköpfe.

Von den Stückeschreibern Samuel Beckett und Eugène Ionesco wurden die vier als Pioniere absurder Schauspielkunst verehrt. Salvador Dalí schenkte ihnen, durchaus stilgerecht, eine Harte mit Saiten aus Stacheldraht.

Und Grand Old Winston Churchill war mitten im Krieg, 1941, derart auf ihre Faxen versessen, daß ihn nicht einmal die Nachricht von der schottischen Bruchlandung des Vize-Führers Rudolf Heß aus dem Kinosessel treiben konnte. Er ließ sich erst 90 Minuten vom Irrsinn schütteln, bevor er Aufklärung über die Niederkunft des braunen Flüchtlings verlangte.

Mochten die Marx Brothers, kaum weniger berühmt als der große Charlie Chaplin, auch den schönsten Blödsinn machen, seit der Film 1928 Töne bekam - eine Grenze blieb ihrem internationalen Ruhm gesetzt: die Dritte-Reichs-Grenze.

In Hitlers Staat waren die lachhaften Brüder Chico, Groucho, Harpo und Zeppo Marx so unerwünscht wie ihr Namensvetter Karl ("Das Kapital"). Und auch nach dem Krieg kamen sie in Deutschland nicht an. Ein einziger ihrer Filme, Ende der vierziger Jahre importiert, fand dank mäßiger Synchronisation nur mäßige Begeisterung.

Aber jetzt sind die Brüder endlich im Kommen. Schon im vergangenen Jahr, während der Wiener Film-Viennale 1966, hatte das "Österreichische Filmmuseum" zwölf der insgesamt dreizehn marxistischen Kinostücke im Original dargeboten.

In diesem Jahr will das deutsche Fernsehen die Chuzpe der Marx Brothers nun auch seinem Publikum vor Augen führen: Am Montag dieser Woche strahlt die ARD die Marx-Groteske "The Cocoanuts" (1929) mit deutschen Zwischentiteln aus; vier weitere Filme in deutscher Sprache ("Die Marx Brothers auf See", 1931; "... im Krieg", 1933; "... in der Oper", 1935; "... im Kaufhaus", 1941) werden folgen. Und das ZDF will "Go West" (1940) senden.

Serviert wird damit eine mörderische Mischung von Zirkus, Musical und Märchen, von Klamauk, Poesie, schlimmsten Kalauern und witzigsten Wortspielen. Ob auf See oder im Krieg, in der Oper oder im Kaufhaus - bei den Marx-Clowns ist alles möglich, Absurdes und Abstruses. Sie wirbeln, delirisch beflügelt, durch eine verrückte Zivilisation und spielen allemal die gleichen Rollen:

Groucho, mit aufgemaltem Schnurrbart, dicker Zigarre und scheel rollenden Augen hinter randloser Brille, ist der smart und unaufhörlich quasselnde Rechtsanwalt, Detektiv, Kurpfuscher, Manager, Impresario oder gar Staatspräsident - auf jeden Fall ein skrupelloser, öliger Hochstapler und Beutelschneider.

Chico, mal italienischer Eismann, mal tschechischer Fischhändler, fungiert als kleiner Ganove, der Eier klaut, pornographische Ansichtskarten verhökert und zuweilen Klavier spielt.

Und Harpo, der ewig Stumme, bietet neben Solo-Einlagen an der Harfe noch besonderen Wahn-Witz. Er trinkt Tinte, holt eine brennende Lötlampe aus der Tasche, knabbert an Telephonen, verspeist Untertassen und hechelt als Unhold mit roter Perücke und laszivem Grinsen den Mädchen nach, freilich ohne recht zu wissen, was er mit ihnen anstellen soll: Wenn er schon einmal einer Blondine habhaft wird, dann versucht er allenfalls, ihr den Arm zu brechen.

Beim infantilen, anarchistischen, schwarzen Humor der Marx Brothers - Stückeschreiber Ionesco wußte es wohl zu schätzen - geht die Realität aus allen Fugen. Züge rasen querfeldein, durch Wohn- und Schlafzimmer, während die drei unermüdlich Waggons zerhacken und in der Lokomotive verheizen. Eine Granate mäßigt vorm Feldherrnhügel ihr Tempo und fliegt gemächlich an der Generalität vorüber. In derselben Kampagne ("Die Marx Brothers im Krieg") schießt Staatschef Groucho von Freedonia auf seine eigenen Soldaten, und Harpo stolpert, mit zwei Schildern behängt, übers Schlachtfeld. Aufschrift: "Join the Army and see the Navy".

Harpo, Groucho und Chico, schreibt der englische Filmhistoriker Raymond Durgnat, setzen sich in ihren Filmen "mit raschem Verstand, Gaunerschlauheit und Bauernfängerei durch, mit genau den Tricks, die junge Slum-Bewohner brauchen, um in der Großstadt zu überleben ... Unter der absurden Oberfläche ihrer Phantasie will immer wieder die erlebte Wirklichkeit hervorbrechen".

Denn als Slum-Kinder waren die Marx Brothers, ursprünglich fünf an der Zahl, aufgewachsen. Vater Samuel, ein Immigrant aus dem Elsaß, hatte sich um 1890 als Tanzlehrer und Schneider - er bekleidete seine Kunden nach Augenmaß - in einem New Yorker Armenviertel niedergelassen; Mutter Minnie, Tochter eines deutschen Zauberkünstlers, brachte die Kinder zwischen 1891 und 1901 zur Welt und möglichst schnell ins Unterhaltungsgeschäft:

Leonard (später "Chico" genannt) wurde mit dreizehn Pianist in Kneipen und Bordellen; Adolph ("Harpo"), Julius ("Groucho"), Milton ("Gummo") und Herbert ("Zeppo") traten als "Die vier Nachtigallen" auf - mit äußerst mäßigem Erfolg.

Weit mehr Glück hatten sie während der zwanziger Jahre mit ihren New Yorker Vaudeville-Shows - Gummo war mittlerweile der Manager seiner Brüder geworden, Zeppo spielte den seriösen jugendlichen Liebhaber. Die zumeist wild improvisierten Musical-Komödien "The Cocoanuts" (Musik: Irving Berlin) und "Animal Crackers" liefen je zwei Jahre am Broadway und wurden von der Paramount verfilmt. Harpo erinnerte sich an sein erstes Werk im Dienste Hollywoods: "Sie richteten einfach eine Kamera auf uns, während wir unsere alte Bühnenversion von "Cocoanuts" herunterspielten. Fingen wir zu improvisieren an, so hörten sie jedesmal zu drehen auf. Nicht weil wir nicht komisch waren, sondern weil sich (Regisseur) Florey vor Lachen krümmte. Er lachte so, daß man nachher den Ton nicht mehr hörte."

Florey mußte schließlich in einem schalldichten Glaskasten mit Handsignalen Regie führen. Harpo: "Wenn er sich lautlos zu krümmen begann, wußten wir, daß wir etwas Gutes gemacht hatten."

Sie machten es von da an immer gut, bis in den Zweiten Weltkrieg hinein und noch darüber hinaus. Ihr letztes gemeinsames Leinwand-Werk, "Love Happy", wurde 1949 gedreht. Mit von der Partie: ein Starlet namens Marilyn Monroe.

Marilyn Monroe ist tot. Auch Chico (1961) und Harpo (1964) sind gestorben, bevor die Deutschen endlich die Marx Brothers kennenlernen dürfen - mit einer Verspätung von dreieinhalb Jahrzehnten.

Groucho, der Überlebende: "Das einzige, was ich über die Filme der Marx Brothers sagen kann, ist, daß es keine neuen geben wird."“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45441088.html

 

 

Benjamin Henrichs 1977: „Unter den größten Komikern dieses Jahrhunderts war er der bösartigste: Groucho Marx, der in der vergangenen Woche, 86 Jahre alt, in Los Angeles gestorben ist. Ein Komiker zum Lachen, keiner zum Liebhaben: Wenn Groucho Marx mit seinen Brüdern (dem stummen, engelshaft-holden und faunisch-wilden Harpo, dem cleveren Chico, dem schönen, schmalzigen Zeppo) die Szene betrat, brach regelmäßig der Terror aus. Und Groucho, kein Zweifel, war der Anführer, das intellektuelle Oberhaupt der Familien-Bande: Er wollte das Chaos, weil er das Chaos genoß. Alle anderen Komiker waren auch die Opfer der Verwirrungen, die sie anstifteten, waren auch mal Verlierer, das machte sie liebenswert: Chaplin, wenn er am Ende einsam die leere Straße hinunterläuft, Buster Keaton, der noch im Happy-End seine steinerne Schwermut nie verliert, Laurel und Hardy, deren Filme man nur als Katastrophenfilme nacherzählen könnte. Komik ist, was einem zustößt. Die Marx-Brothers kehrten das Gesetz einfach um: Komik ist, was man selber anrichtet. Nie in ihren Filmen, auch nicht in den tollsten Verwicklungen, hat man Angst, es könnte ihnen irgend etwas zustoßen – sie hatten die Unverfrorenheit der Sieger, und sie siegten aus Unverfrorenheit. Und Groucho war der Unverschämteste: wenn er auf eingeknickten Beinen, unerschrocken, grinsend, durchs Getümmel schritt; wenn er mit impertinentem Geschwätz Feinde in Verwirrung und Damen (vornehmlich ältere) in Verzückung versetzte und dabei höhnisch demonstrierte, daß Wörter keine Verständigungsmittel sind, sondern Kampfinstrumente. So war er, der Marx-Mensch, immer schneller, immer schlauer als der Normal-Mensch. Was Übermut ist, nämlich mehr als Mut, eine verantwortungslose, amoralische, asoziale Heiterkeit: das haben die Marx-Brothers dem Kino, das ja auch eine sentimentale Kunst ist, wie niemand sonst beigebracht. Sentiment kam nur vor, um verhöhnt zu werden: wenn Bruder Zeppo (der letzte Bruder, der nach Grouchos Tod noch lebt) treuherzig und operettenhaft in die Kamera guckte – so lange, wie ihn die bösen Brüder ließen. Sentiment ist unnütz, es bedroht den Erfolg: also behandelte Groucho auch seine Liebesaffären wie Geschäftssachen. Wenn er verzückt die Augen verdrehte, wortgewaltig um die Angebetete buhlte, hatte er doch immer nur den schnöden Vorteil im Sinn – also warb er am liebsten um ältere, wohlhabende und wohlbeleibte Damen: schamlos, unverhüllt erbschleicherisch. In dem Film „Die Marx-Brothers im Kaufhaus“, der jetzt gerade in unseren Kinos läuft, ahnt die von Groucho Umworbene das Unheil: Hat es der geliebte Mann etwa nur auf das Geld abgesehen? Wird er nicht bald nach der Hochzeit türmen? Groucho, herzlos wie immer, streitet das auch gar nicht ab. Einen Trost, immerhin, hat er: „Ich werde dir zweimal die Woche schreiben.“

http://www.zeit.de/1977/36/das-chaos-geniessen

 

 

Katja Nicodemus 2015: „Die Marx Brothers seien für den Humor das, was Karl Marx für die politische Philosophie sei, sagt Jack Lemmon 1974 bei der Verleihung des Ehrenoscars an Groucho Marx. Und dann küsst er Groucho Marx zärtlich auf die Wange, nimmt den mittlerweile Vierundachtzigjährigen an die Hand und führt ihn nach vorne, dem nicht enden wollenden Applaus der Academy entgegen.

Geehrt wird hier, was Jack Lemmon "die wunderbare Idiotie" von Grouchos Denken nennt. Geehrt wird der arme jüdische Junge ohne Ausbildung, der zum King of Comedy wurde, der Gags und Pointen scheinbar beiläufig aus dem Ärmel schüttelt und sie an Punkten landen lässt, wo sie niemand erwartet hat. So wie in einer Fernsehshow in den Fünfzigerjahren, als der Gastgeber Groucho Marx eine Kandidatin und Verkäuferin fragt, ob denn ihre Kunden mit ihr flirten.

Der Ehering, der ja nur einen Finger beschützt, ist reinstes Groucho-Marxianisch. In dieser Sprache wird Humor zur Subversion der Verhältnisse, zur hintersinnig lächelnd vollzogenen Attacke auf vermeintliche Gewissheiten. Werte, Traditionen, Sitten werden von Groucho Marx genauso anarchisch hinterfragt wie das Christentum, die Ehe, Krawatten, Haustiere - oder Geld.

Dieser Humor entspringt dem sozialen Hintergrund einer bitterarmen jüdischen Einwandererfamilie aus der Upper Eastside. Am 2. Oktober 1890 wird Groucho Marx in New York als Sohn von Minnie Marx geboren, einer deutschen Jüdin aus dem ostfriesischen Dornum. Gemeinsam mit dem aus dem Elsass eingewanderten Simon Marx hat sie sechs Söhne, von denen drei als Marx Brothers zu komischen Weltereignissen werden.

Minnie Marx treibt ihre Jungs, denen sie die Haare färbt, damit sie weniger jüdisch aussehen, zum Showbusiness. In verschiedenen Gesangstruppen tingeln die drei durch die USA. Der große Erfolg der Marx Brothers stellt sich aber erst ein, als sie zu Improvisationen und humoristischen Einlagen wechseln. Vom Varieté und Vaudeville gelangen sie zum Broadway. Und vom Broadway zum Kino.

"Was immer es ist, ich bin dagegen" - als frisch gewählter Universitätsprofessor singt Groucho Marx diesen Song in dem 1932 gedrehten Film "Horse Feathers" - "Blühender Blödsinn". Da ist er schon die Leinwand-Persona, die er in mehr als einem Dutzend Filmen kultivieren wird: ein schnell sprechender, Worte und Sätze verdrehender Schlaumeier mit aufgemaltem Schnurrbart, langer Zigarre und einem grotesk nach vorne fallenden Gang. Mit großer Gestikulation behauptet er den Überblick zu bewahren - und stürzt die Welt ins Chaos. Etwa am Ende von " Die Marx Brothers im Zirkus", als die Brüder mit einem Gorilla am Trapez hängen, feine Damen von Zirkuskanonen eingesogen werden - und überhaupt.

"Die Marx Brothers auf See", "Die Marx Brothers im Krieg", "Skandal in der Oper" - das sind nur einige dieser sich nicht um die Gesetze der Physik und der Sprache scherenden Filme, die heute wie Monolithen in der filmgeschichtlichen Komödienlandschaft stehen.

Wie subversiv Groucho Marx auch jenseits der Leinwand war, zeigt sich ganz wunderbar in einem Brief, den er an den Studioboss Jack Warner schreibt. Als die Marx-Brothers 1946 ihren letzten gemeinsamen Film "A Night in Casablanca" vorbereiten, drohen die Warner Brothers, Produzenten des Original-Casablanca-Melodrams, mit rechtlichen Schritten.

"Sehr geehrte Brüder Warner", schreibt Groucho Marx, "anscheinend ist Ihr Urgroßvater Ferdinand Balboa Warner, als er 1471 eine Abkürzung nach Burbank suchte, über die Küste Afrikas gestolpert, und hat sie, seinen Alpenstock erhebend (den er später gegen hundert Anteilsscheine der Gemeinde eintauschte) Casablanca genannt."

Ende der vierziger Jahre wurde es eine Weile still um Groucho Marx. Aber er kam triumphal zurück ins Showbiz: Mit der Radioshow "You bet your live", die dann ins Fernsehen wechselte. Hier, im Rahmen von albernen Quizregeln, wurde Groucho Marx, der am 2. August 1977 in Los Angeles starb, zu dem Mann, der Amerika in seinem Wohnzimmer zum Lachen über sich selbst und über seine Abgründe brachte. Wie hatte er doch dem Chef des Santa Monica Beach Club geantwortet, der ihm als Juden die Aufnahme verweigerte: "Und darf meine Tochter, die ‚Halbjüdin' ist, dann vielleicht wenigstens bis zur Hüfte in den Pool?"

Groucho Marx, der Komiker, vor dem nichts sicher war, wusste nämlich sehr genau, dass es nicht nur galt, gegen alles zu sein, sondern gegen manches noch ein bisschen mehr.“

http://www.deutschlandfunk.de/groucho-marx-der-anarchische-komiker.871.de.html?dram:article_id=332639

 

 

Marx Brothers Radio Show

 

Holger Jenrich 1990: „Über Geschmack läßt sich streiten, über Geschmacklosigkeit nicht minder. Nachdem Groucho und Chico Marx im November 1932 ihre erste Radio Show vor den Mikrophonen der National Broadcasting Company (NBC) improvisiert hatten, witterte das US-Magazin Variety die sittliche Verrohung einer Generation. Kasperten und kalauerten die beiden Komiker doch ungeniert über untreue Gattinnen und zerbröselnde Ehen – „Themen“, so der empörte Rezensent, „die für Jugendliche ganz gewiß nicht angemessen sind.“ Die derben Späße der Winkeladvokaten Flywheel, Shyster & Flywheel – insgesamt 26 Folgen, die den Helden das fürstliche Honorar von 6500 Dollar pro Episode einbrachten und sie damit in den Publicity-Dienst eines Ölkonzerns stellte – werden dem deutschen Publikum jetzt mit einer zeitlichen Verzögerung von fast sechzig Jahren vorgesetzt. Das hat seinen Grund nicht im emsigen Treiben eines Moralapostels, vielmehr galten die Manuskripte der Live-Sendungen – Mitschnitte existieren nicht – über Jahrzehnte als verschollen. Durch Zufall wiederentdeckt wurden sie erst vor zwei Jahren im Copyright Office der amerikanischen Kongreß-Bibliothek. Die Übersetzer Sven Böttcher und Harry Rowohlt haben sich ihrer im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks (WDR) angenommen. Die Ergebnisse mehrmonatiger Kniffelei liegen jetzt in Buchform bei Rogner & Bernhard vor: „Die Marx Brothers Radio Show – Flywheel, Shyster & Flywheel“; hrsg. von Michael Barson; aus dem Amerikanischen von Sven Böttcher und Harry Rowohlt; Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Verlag, Hamburg 1989; 620 S., 33,– DM. In gesprochener Form erfreuen sie zur Zeit auch die Hörerinnen und Hörer von WDR, SWF und SFB (WDR 2: vierzehntägig samstags um 22.05 Uhr bis zum September; SWF 1: vierzehntägig sonntags um 16.40 Uhr; SFB 3: sonntags um 16.30 Uhr).

Die absurden Ereignisse in der Anwaltssozietät haben in den vergangenen sechs Jahrzehnten kein bißchen Staub angesetzt. Wie der Rechtsverdreher Waldorf T. Flywheel alias Groucho Marx seine Klienten hintergeht, sein minderbemittelter Assistent Ravelli alias Chico Marx die Konfusion ins unermeßliche steigert und selbst Miss Dimple, die gute Seele, vor der Heimtücke ihrer Vorgesetzten kapituliert – all das wäre ein Lehrstück für so manche müde Demonstration des zeitgenössischen Humors. Bei den Marx Brothers flogen die Fetzen statt die Sahnetorten. „Drehen Sie Ihr Gesicht zur Wand, Ravelli. Sehen Sie nicht, daß das Kind Angst hat?“ James Joyce war so nachhaltig beeindruckt, daß er postwendend to grouch erfand – unübersetzbar wie so vieles aus dieser Welt der bösen Blödeleien.

Das norddeutsche Übersetzer-Duo ist sich denn auch in der Beurteilung seiner Arbeit uneins. „Die zweitschlechteste Übersetzung meiner Laufbahn“, schimpft Harry Rowohlt. Wer die Originale der Marx-Brothers-Filme und deren untertitelte Fassungen kennt, versteht die Seelenpein der Übersetzer. Groucho, der Großkotz, und das Faktotum Chico mit seinem übertriebenen Italo-Akzent haben wie kein anderes Komikerpaar der Filmgeschichte die Sprache verhackstückt, die Begriffe zertrümmert, die Worte verdreht. Die Verbalattacken, die blitzschnellen Kaskaden aus Übertreibung, Slang, Beleidigungen und abgründiger Logik in den Übersetzer-Griff zu bekommen, hielt Rowohlt für so unmöglich, daß er den Verlag um Auflösung seines Vertrags bat. Doch man ließ ihn nicht. Und so mußte Rowohlt – mehr Nachdichter denn Vokabeljongleur – notgedrungen eintauchen in den chaotischen Kosmos des hundsgemeinen Geschwisterpaars.

Getreue Entsprechungen für die Wortduelle der Brüder fielen ihm und seinem Partner nicht schwer. Dem kruden Idiom des Chico waren sie weniger gewachsen, und für Balanceakte, beispielsweise vom Verb eliminate (deutsch: ausmerzen) bis zum Nomen lemonade (deutsch: Limonade), fehlt der deutschen Sprache das spielerische Element. Rowohlts Kompagnon Böttcher zeigt sich jedoch erheblich zufriedener als dieser. „Natürlich ist es für einen Übersetzer schwierig, neue Witze zu erfinden“, sagt Sven Böttcher, „aber das ist uns im großen und ganzen doch gut gelungen.““

http://www.zeit.de/1990/21/boese-bloedeleien

 

 

Und hier im Maxim-Gorki-Theater in Berlin aus dem Jahr 2004 (ab der 38. Minute). Bei allem Respekt vor der Leistung des Schauspielers, der Groucho Marx darstellt: Groucho kann mensch nicht spielen – Groucho muss mensch sein.

 

 

You Bet Your Life

 

Aus „Wikipedia“: „Mitte der 1940er Jahre, als seine Karriere einen Tiefpunkt erreicht hatte, sollte Groucho in einer Radioshow mit Bob Hope auftreten. Nachdem er 40 Minuten im Wartezimmer gesessen hatte, kam er etwas gereizt auf die Bühne und gab auf Hopes „Ah, das ist ja Groucho Marx, verehrte Damen und Herren. (Applaus) Groucho, was bringt Dich denn aus der heißen Wüste hierher?“ zurück „Hat sich was mit heiße Wüste. Ich saß 40 Minuten im kalten Wartezimmer.“ Groucho fuhr damit fort, das Skript zu ignorieren, und obwohl Hope auf seine Art auch ein brillanter Improvisationskünstler war, war er Groucho doch unterlegen; dieser streckte die ganze Szene, mit einem wahren Wirbelsturm von Blödeleien, weit über den geplanten Timeslot hinaus. John Guedel hatte bei der Show zugehört und einen Geistesblitz. Er trat an Groucho heran mit der Frage, ob er daran interessiert sei, eine Quiz-Show zu moderieren. „Nur Schauspieler, die wirklich am Ende sind, machen Quizshows“, war seine Antwort. Guedel blieb hartnäckig und erklärte, dass es ihm weniger um das Quiz als um die Gespräche mit den Kandidaten ginge. Und Groucho sagte schließlich zu. You Bet Your Life lief von 1947 bis 1951 im Radio und wechselte 1951 ins Fernsehen. Auf NBC lief die Sendung noch weitere elf Jahre lang und wurde eine der erfolgreichsten Shows im US-amerikanischen Radio und Fernsehen.

Mit George Fenneman als Ansager und Gegenpart überraschte Groucho sein Publikum mit außergewöhnlichen Gesprächen. Die Show war so gut, dass die Lowell Toy Manufacturing Corporation of New York davon eine Brettspielversion herstellte, welche die Kandidaten als persönliche Erinnerung an Groucho mit nach Hause nehmen durften.

Grouchos Konkurrenz brachte Gerüchte in die Welt, dass You Bet Your Life komplett vorformuliert sei und Groucho keineswegs improvisiere. Sie fühlten sich bestätigt, als ein Foto aufgetaucht war, auf dem man sehen konnte, dass Groucho auf einen transparenten Bildschirm blickt. In Wahrheit gab es nur ein minimales Script, das eher den Gästen als Groucho helfen sollte. Groucho begegnete seinen Gästen (außer den ihm bekannten) erst in der Show, es gab keine Proben. Die Mitarbeiter der Sendung stellten zwar einen Katalog mit Fragen auf, doch Groucho wusste nie eine Antwort im Voraus. Allerdings gab es zwei Autoren, deren Gags Groucho gelegentlich in den Dialog einbaute.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Groucho_Marx

 

 

 

What's My Line?

 

Einige Male gehörte Groucho Marx zum Rate-Team von „What's My Line?” In der deutschen Fassung hieß die Sendung “Was bin ich?”

Genau so, wie ein Tor einem Fußball-Spiel gut tun würde, hätte ein Groucho Marx dem heiteren Berufe-Raten in Deutschland gut getan. Hier eine der US-Sendungen:

 

 

Groucho und ich

 

Willi Winkler im Jahre 1995 über „Groucho und ich – Die Groucho-Marx-Autobiographie von (ausgerechnet!) Groucho Marx“:

„Als Groucho Marx schon ziemlich alt war und sehr berühmt, viel berühmter als in seiner besten Broadway-Zeit oder während seiner MGM-Filme "A Night at the Opera" und "A Day at the Races", setzte er sich hin und schrieb seine Autobiographie "Groucho and me". Leider ist sie ein bißchen in Vergessenheit geraten, eine Tatsache, die manchmal reichen Gewinn bringt.

Zum Beispiel für Verächter des allseits geschätzten Woody Allen. Was haben sich die Kritiker wieder ereifert über seinen neuen Film "Bullets over Broadway"! Ein "Meisterwerk" ist er natürlich, eine "göttliche Komödie", und so originell! Da finanziert ein mittelwichtiger Gangsterboß in der goldenen Prohibitionsära einem jungen Dramatiker die Aufführung seines Stücks unter der Bedingung, daß das Gangsterliebchen eine ansehnliche Rolle zugeschustert kriegt.

Die Inszenierung steht und fällt mit dem talentfreien Doofchen: Tritt sie auf, fällt die Inszenierung durch, tritt sie nicht auf, müssen Regisseur und Produzent abtreten. Weil die Welt mindestens so schlecht ist wie in schlechten Romanen, wird das Stück unweigerlich ein großer Erfolg.

Wenn es noch eine Gerechtigkeit gäbe auf der Welt, dann wäre "Groucho und ich" ein echter Klassiker, und wenn Marx ein Klassiker wäre, dann könnten sich nicht wildfremde Leute dermaßen schamlos bei ihm bedienen. Der gute Woody Allen hat seine Geschichte nämlich aus Groucho Marx' Autobiographie abgekupfert.

Die erste Broadway-Show der Marx Brothers, "I''ll Say She Is!" von 1924, kam nur zustande, weil ein reicher kleiner Bäcker aus New Jersey zwar verheiratet war, aber für sein überschüssiges Geld unbedingt sein Liebchen auf der Bühne sehen wollte.

Es war eine gute Zeit, damals am Broadway. Man durfte noch ungehemmt Frauen beleidigen, reinen Blödsinn daherreden und wurde noch reich dabei. So erfolgreich waren die Brüder mit ihren Shows, daß man sich den einträglichen schlechten Geschmack bald auch in Hollywood leisten konnte.

"Ich war gern Schauspieler", versichert Groucho treuherzig, "daran hat sich auch nichts geändert, aber das Größte war für mich immer, etwas von mir Geschriebenes gedruckt zu sehen." Und obwohl er sich einen "geborenen Lügner" nennt, ist das die reine Wahrheit: T. S. Eliot und H. L. Mencken gehörten zu seinen Bewunderern, und seine Texte erschienen in angesehenen Zeitschriften wie Liberty und der Saturday Evening Post.

Aber Schreiben? Man muß Groucho dabei reden sehen: Mit diesem Brikett von Schnurrbart unter der Nase, der Fensterglasbrille, der Schlotbaronzigarre, mit der reinen Geilheit im stieren Aug ist er die Parodie eines Casanovas - und außerdem ein rechter Ungut vor dem Herrn. Er ist immer schlecht gelaunt und tut alles, was man nicht tut: Er ist hinterfotzig, gemein, feig, niedrig, im Zweifel auf Ränke aus und mit Sicherheit auf seinen Vorteil. "Talent allein genügt nicht. Man muß auch Glück haben", verkündet er lebensweise und meint vor allem eins: Du mußt ein Schwein sein auf dieser Welt.

Mit seinem schweinischen Gebaren eroberte Groucho in seinen Filmen die Herzen der, naja, schönsten Frauen. Sein Geheimnis? Eigentlich sei er wie Lawrence von Arabien, nur anders: "Lawrence düster und mürrisch, schweigsam und in sich gekehrt. Groucho mit stechendem Blick und unbeholfenem Gang, mit seinem Gaunerlächeln und dem unwiderstehlich höhnischen Lächeln."

Der gute Ton verklingt, der Spaß hört auf, wenn Groucho die Augen rollt und einer alten Schachtel nachsteigt. Warum sie denn so viele Kinder habe, fragte er einmal eine Frau. "Weil ich meinen Mann liebe." - "Ich liebe meine Zigarre", versetzte der liebenswürdige Groucho, "aber manchmal nehme ich sie raus." Schön ist das nicht, aber gut.

Hier aber geht es nicht um den "Homme a femmes", sondern um den Schriftsteller Marx. "Wenn ich wollte, könnte ich einen Klassiker schreiben", droht er gleich zu Anfang seiner Bekenntnisse, "aber ich schreibe lieber für die Leute von der Straße." Wie Woody Allen zum Beispiel, oder für die anderen Ausgebeuteten der Erde.

Karl Marx behauptete einst, weltgeschichtliche Tatsachen und Personen ereigneten sich zweimal: "das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce". Er ahnte ja nicht, wie recht er hatte, schon gar nicht, daß er selber für die Tragödie sorgte, die Völker der Welt aber gar keine Signale hören wollten, sondern auf die Farce warteten, auf einen wie Groucho Marx, der in "Horse Feathers" (1932) die Hymne des wahren Marxismus anstimmt: "Whatever it is, I'm against it."

Irving Thalberg, der legendäre Hollywood-Produzent, der auch den Marx Brothers zu Filmruhm verhalf, klagte gern darüber, daß ihre Filme keine Handlung hätten. Nicht einmal seine Lebensgeschichte kann Groucho mit einer vernünftigen Handlung erzählen, aber die vermißt nun wirklich keiner. Rauhe Sitten herrschten zu Hause im New Yorker Deutschenviertel Yorkville (die Mutter und Promoterin der ursprünglich fünf Marx-Brüder kam aus Ostfriesland). "Meine Mutter erledigte die Hausarbeit, und wir gingen raus und spielten auf der Straße, bis wir Hunger bekamen. Falls einer von uns überfahren wurde, hatte er eben Pech gehabt."

Die "Chronik der laufenden Nichtereignisse" beginnt mit dem ersten Engagement im Tourneetheater: "Während meine Mutter beim Abschied einige Tränen vergoß, rang der Rest der Familie beinahe mühelos um Fassung. Als ich schon fast auf dem Gehweg stand, kam unser Hund angelaufen und biß mir ins Bein."

Folgt die übliche Mühle in der Provinz. "Wir mußten jahrelang über Bühnen hüpfen, um uns durchzusetzen." Das Glück erblüht einem nur selten am Wegesrand und wenn, dann kann es sehr böse enden wie für Chico Marx, der den Blick zu lange auf der Dorfschönen ruhen ließ. Da wurde der Vater aber sehr schnell sehr ungehalten: "Lediglich der Umstand, daß der Pflanzer am Nachmittag einer Lynchveranstaltung beiwohnen mußte, rettete meinem Bruder das Leben."

Auf einer Busch-Tournee in den Wilden Westen landeten sie einmal im kanadischen Winnipeg und sahen einen Komikerkollegen auf der Bühne eines Schmuddeltheaters: "Es fällt mir schwer, seine Erscheinung zu beschreiben, aber er erinnerte irgendwie an einen bleichen Priester, der exkommuniziert worden war und sich partout nicht von seinem Ornat trennen wollte."

Groucho berichtet von einem "zierlichen Mann mit einem winzigen Schnurrbart, Spazierstock, Melone und riesigen Schuhen". Es war natürlich, wer sonst, Charlie Chaplin, der damals für 50 Dollar die Woche durch die Provinz tourte.

Wenn es noch eine Gerechtigkeit gäbe auf der Welt, dürfte in Grouchos Mutterland, wo "Der bewegte Mann" bereits als Inbegriff der Verruchtheit gilt, das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife erst verliehen werden, wenn die Lektüre von "Groucho und ich" nachgewiesen wurde. Aber wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein.

Grouchos Bekenntnisse sind übrigens schon einmal auf deutsch erschienen, 1961 im Verlag Sanssouci unter dem besonnten Titel "Schule des Lächelns". Damals kümmerte man sich noch um den Leser, er sollte bloß nicht überfordert werden, schon gar nicht mit der Wahrheit. Deshalb wurde vor 34 Jahren der Anfang des 11. Kapitels, wo Groucho etwas grandseigneural außer- und innereheliche Ratschläge zur Sexualhygiene gibt, einfach weggelassen.

Erbarmungslos strich die Erstübersetzerin Gisela von Wiese - oder ein ebenso fürsorglicher Lektor - auch noch das Telegramm, mit dem sich Groucho aus einem Theaterverein verabschiedet: "Bitte austreten zu dürfen. Ich möchte keinem Klub angehören, der mich als Mitglied akzeptiert." (Auch das hat sich der schlaue Woody Allen einmal ausgeborgt.)

Mit dieser Kinderfassung ist jetzt Schluß. Die muntere Neuübersetzung von Sven Böttcher hat auch die Widmung gerettet, den Dank an "jene sechs Meister", ohne "deren weise und witzige Worte mein Leben noch langweiliger gewesen wäre: Robert Benchley, George S. Kaufman, Ring Lardner, S. J. Perelman, James Thurber, E. B. White".

Benchley und Kaufman gehörten zur berühmten Algonquin-Tafelrunde um Dorothy Parker, und Kauf- und Perelman haben einige der besten Gags für die Marx-Filme geschrieben: "Schau mich an: Ich habe mich aus dem Nichts bis zu nackter Armut hochgearbeitet" ("Monkey Business") oder: "Warum bohrst du dir nicht selber ein Loch in den Bauch und läßt den Saft rauslaufen?" ("Horse Feathers").

Für die einen war der Marxist Groucho ein Sadist, für die anderen der wahrscheinlich beste Komiker der Welt. Vor allem war er dagegen. Wenn er von seinen Autos schwärmt, von seinem wechselnden Glück beim Golf und bei den Frauen, wenn er sich als gescheiterten Rosselenker schildert oder als Hochseefischer, kommt ihm ständig seine miesepetrige Intelligenz dazwischen. Er ist einfach zu schlecht aufgelegt für diese Welt: "Whatever it is, I'm against it."

"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert", hat der ältere Marx seinerzeit verkündet, "es kommt darauf an, sie zu verändern." Sag'' ich doch: Marx, Groucho Marx, gehört die Zukunft.“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9203042.html

Das Buch hat einen eigenen „Wikipedia“-Eintrag und wird dort ausführlich beschrieben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Groucho_und_ich

 

 

Wer ein Buch lesen möchte, das von vorne bis hinten von subversivem Humor durchtränkt ist, ist hier bestens aufgehoben. Das hat allerdings den Nachteil, dass mensch nicht immer weiss, ob das humorig Dargestellte auch den Tatsachen entspricht.

Immerhin erfährt mensch, wie es um 1900 in den ärmeren Vierteln von New York zuging: es war sehr einfach, immer wieder neue (schlecht bezahlte) Arbeit zu bekommen.

Mensch erfährt, wie es auf den Tourneen durch die USA bei den Unterhaltungstheatern zuging: „Zu jener Zeit standen Schauspieler auf der gesellschaftlichen Rangleiter irgendwo zwischen wahrsagenden Zigeunerinnen und Taschendieben. Tauchten Varieté-Truppen in Kleinstädten auf, versteckten die Familien ihre jungen Töchter, schlossen alle Läden und brachten das Tafelsilber in Sicherheit“.

Die Zeit der Vaudeville-Theater und der (äußerst erfolgreichen) Auftritte in Freudenhäusern endete mit dem Aufkommen der Film-Theater.

Groucho Marx beschreibt, wie sich so gut wie alle Schauspieler über den Misserfolg ihrer Kollegen freuen (unter anderem deshalb, weil sie selbst immer wieder Krisen durchlaufen), die Zeit der Prohibition, in der Alkohol selbst zusammen gebraut und geschmuggelt wird und den Aktien-Crash von 1929, bei dem viele ihr ganzes Vermögen verloren (und vorher das einzige Thema war, wie mensch immer reicher wird).

Am Interessantesten ist, worüber Groucho Marx nicht schreibt. Denn genau da liegt das Problem.

 

Witzigkeit kennt Grenzen

 

Mit einer kurzen Ausnahme nichts über den 1. Weltkrieg, nichts über den 2. Weltkrieg, nichts über den Holocaust, nichts über Antisemitismus in den USA (den er am eigenen Leib zu spüren bekam), nichts über die McCarthy-Ära (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/89-der-verlorene.html ), nichts über die Vertreibung seines Freundes Charlie Chaplin aus den USA (http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/93-friedenshetzer.html ).

War ihm das alles egal, war er unpolitisch?

Eher nicht: „In Talk- und Quizshows macht er, was er am besten kann: reden - auch wenn es ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Als er im Scherz fragt, wann denn endlich jemand den US-Präsidenten Richard Nixon ermorden würde, wird die Äußerung in seiner FBI-Akte vermerkt. Das Büro von J. Edgar Hoover stellt schon jahrelang belastendes Material über den Komiker zusammen. Laut Grouchos Akte hat er sich während des Spanischen Bürgerkriegs für die Republikaner engagiert, im Zweiten Weltkrieg Geld für die Sowjetunion gespendet und später zu einer Gruppe gehört, die sich gegen die Schnüffeleien des "Komitees gegen unamerikanische Umtriebe" wehrte.“

http://www1.wdr.de/stichtag/stichtag6840.html

Da ist nun der beste, subversivste und anarchistischste Komiker dieser Erde und er sagt öffentlich – nichts?

Es ist die Frage: wie weit kann ein Künstler gehen, wie weit soll er gehen? (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/153-was-gesagt-werden-muss.html ) Der Wurm hätte sich gewünscht, wenn Groucho Marx sein ganzes Ansehen genutzt und Klartext gesprochen hätte.

Wahrscheinlich hätte es zur Folge gehabt, dass er auf die eine oder andere Art und Weise „entsorgt“ worden wäre.

Und: die Menschen wollen tralala und nicht mit Ernsthaftem „belästigt“ werden.

Groucho Marx wusste das und hielt sich daran.

Konnte es sich aber nicht verkneifen, den ein oder anderen Nadelstich zu setzen. Aus „Groucho und ich“: „Der Erste Weltkrieg war in vollem Gange, Wilson war Präsident, und es schien unvermeidlich, daß wir früher oder später in den Konflikt hineingezogen würden. Trotzdem waren weite Teile der Bevölkerung, vor allem im Mittleren Westen, strikt gegen eine Beteiligung am Krieg. Komponisten versuchen grundsätzlich, Volkes Stimmung mit ihren Liedern einzufangen. Irving Berlin war Komponist. Also schrieb er ein Anti-Kriegs-Lied, das zweifellos die Gefühle und die Gesinnung von Millionen Amerikanern wiedergab. Das Stück hieß „Stay Down Here Where You Belong“, und ich fürchte, der Text lautete wie folgt:

 

Down below, down below, sat the Devil talking to his son

Who wanted to go up above, up above.

He cried ‘It's getting too warm for me down here and so

I'm going up on earth where I can have a little fun.’

 

The Devil simply shook his head and answered his son,

‘Kings up there, they don't care for the mothers who must

Stay at home, their sorrows to bear:

Stay at home, don't you roam.

Although it's warm down below,

you'll find it's warmer up there.

If e'er you went up there, my son, I know you'd be surprised.

You'd find a lot of people who are not civilised.’

 

Refrain:

‘Stay down here where you belong

The folks who live above they don't know right from wrong.

To please their kings they've all gone out to war,

And not a one of them knows what he's fighting for.

 

'way up above they say that I’m a Devil, and I’m bad;

Kings up there are bigger Devils than your dad;

They're breaking the hearts of mothers,

Making butchers out of brothers;

You'll find more hell up there than there is down below!

 

Viele Jahre vergingen, und Berlin wurde zum berühmtesten und beliebtesten Komponisten der Welt. Einer seiner Konkurrenten beklagte sich einst verbittert, Berlin habe sämtliche Feiertage aufgebraucht: ‘I'm Dreaming of a White Christmas‘, ‚Easter Parade‘ und so weiter. Genauso sorglos verbrauchte er den Großteil des für die angesehensten Komponisten des Landes reservierten Lorbeers.

Im Lauf der Zeit wurden Berlin sowohl der Text als auch die Philosophie seines Anti-Kriegs-Liedes zunehmend peinlich, also wollte er es nie wieder hören. Mich hingegen hatte das Stück schon immer fasziniert (aus Gründen, die vermutlich nur ein Analytiker aufdecken könnte), und so entwickelte ich mich zum einzigen Menschen in den Vereinigten Staaten (vielleicht, aber auch nur vielleicht, mit Ausnahme des Komponisten), der sich sowohl an den Text als auch an die Musik erinnerte. Wann immer Berlin und ich die gleiche Party besuchten, sorgte ich dafür, daß mich im Verlauf des Abends jemand bat, das Stück zu singen. Berlin war das Ganze unbegreiflich. Da stand er nun, der größte Barde seiner Epoche, auf dessen Konto Hunderte von Hits gingen, und vor ihm stand sein Freund Groucho und mußte ausgerechnet dieses Lied singen. Laut singen, und mit Betonung jedes einzelnen der unsterblichen (und Berlin verhaßten) Worte des Textes.

Viele Jahre später veranstaltete die ASCAP, der Weihnachtsmann der Komponisten, eine gigantische musikalische Parade zu Ehren des Meisters. Sämtliche Komponisten und Texter aus Hollywood waren anwesend. Sämtliche berühmten Berlin-Stücke wurden von praktisch der gesamten ASCAP-Mitgliederschar vorgesungen und -gespielt. Ich hatte mit meinem Gelegenheitsfreund Harry Ruby, dem bekannten Komponisten, verabredet, er solle mich zu einer von Berlins herausragendsten Kreationen begleiten. Den Titel erraten Sie nie. Es war ein Anti-Kriegs-Lied und hieß ‚Stay Down Here Where You Belong‘.

Berlin ist nicht besonders groß, schien jedoch während des Stückes noch zu schrumpfen. Vermutlich war es kein besonders netter Zug von mir; und mein Auftritt muß Ihn wohl sehr betrübt haben, denn gegen Ende der Veranstaltung kam Irving zu mir und sagte: ‚Groucho, weshalb hörst du nicht endlich auf, dieses entsetzliche Lied zu singen?‘

‚Tja, Irving', erwiderte ich, ‚es ist ein Anti-Kriegs-Lied, und seit du es geschrieben hast, waren wir bloß in drei verschiedene Kriege verwickelt. Einer von denen - welcher, hab ich vergessen - hieß ‚der endgültig allerletzte Krieg‘.‘

‚Groucho‘, sagte er, ‚laß uns ein Geschäft machen. Wann immer du in Zukunft, das unwiderstehliche Verlangen verspürst, dieses Lied zu singen, rufst du mich sofort an, und ich schicke dir dann hundert Dollar, damit du es nicht singst. Das‘, fügte er hinzu, ‚wäre dann deine ganz private ASCAP.‘

Einige weitere Jahre zogen ins Land. 1958 feierte Berlin seinen siebzigsten Geburtstag und wurde in der Sonntagsbeilage der New York Times mit einem wundervollen Artikel geehrt. Darin zitierte man ihn wie folgt: ‚Jedesmal, wenn Groucho mich sieht, besteht er darauf, ‚Stay Down Here Where You Belong‘ zu singen.‘

Ich schrieb ihm folgenden Brief:

Lieber Irving:

es hat mich sehr gefreut, Dein Gesicht letzten Sonntag in der Times zu sehen, und obwohl Du für Cocoanuts keinen Hit zustandegebracht hast, halte ich Dich nach wie vor für eine Ein-Mann-Kombination aus Beethoven und Shelley.

Was das Stück betrifft: Wärst Du als Komponist eine Niete, würde ich nie im Leben dieses Lied singen, sondern ‚A Pretty Girl Is Like a Melody’, ‘Oh, How I Hate To Get Up in the Morning’, ‘Alexander's Ragtime Band’, ‘Say lt With Music’ oder ‚God Bless America’. Da Du jedoch eine lebende Legende bist, kann Dir diese eine textliche Katastrophe nichts anhaben.

In Deiner Abwesenheit preise ich Dich grundsätzlich als jenen Mann, der in Annie Get Your Gun mehr Hits hatte als der sagenhafte Stephen Foster in seinem gesamten Leben.

Dein Groucho.“

 

 

Zumindest lassen sich drei Möglichkeiten des Künstler-Daseins erkennen: Irving Berlin hätte als Komponist des größten Antikriegs-Liedes und Held des Volkes in die Geschichte eingehen können. Er zog es vor, sich dafür bezahlen zu lassen, dass er es nicht tat und zum Staats-Komponisten aufzusteigen. Das tat seiner Karriere und seinem Geldbeutel sehr gut – machte ihn aber auch für alle Schweinereien der herrschenden Klasse incl. Führen von Kriegen verantwortlich. 

Groucho Marx hielt sich im Hintergrund. Etwas aufmüpfig, aber nicht zu sehr. Öffentliche Kritik am Vietnam-Krieg, aber erst zum Schluss und nicht am Anfang. Das Volk freut sich über ihn, weil er „kritisch“ ist, die Herrschenden freuen sich über ihn, weil er als kritisch gilt, aber nichts Wesentliches sagt. 

Charlie Chaplin dagegen war tatsächlich gefährlich. Er kratzt nicht nur etwas am Lack, sondern geht ans Eingemachte. Wie etwa seine Kritik am US-Kapitlismus in den 1930ern im Film „Moderne Zeiten“, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/93-friedenshetzer.html . Halt mit der Konsequenz, dass ihm das Leben schwer gemacht und er schließlich aus den USA verjagt wurde.

 

Leider doch nur Durchschnitt

 

Groucho Marx war spontan und scharfzüngig wie kaum ein anderer – letztendlich aber doch nur Durchschnitt.

Es gab Dinge, die ihn betrafen, die ihn bewegten, die er nicht in Ordnung fand. Und worüber er nicht öffentlich reden konnte. Weil es ihm auf die eine oder andere Weise geschadet hätte, weil das lustige Publikum enttäuscht gewesen wäre, wenn es mit ernsthaften Sachen konfrontiert worden wäre.

Wie bei den meisten anderen Menschen auch.

Er war zwar ein großer Schürzenjäger und hielt viel von Frauen, konnte mit ihnen aber nicht viel anfangen. Laut seiner Tochter Miriam war er ein Sexist. Die drei Frauen, mit denen er verheiratet war, waren alle wesentlich jünger als er, dumm und Alkoholikerinnen. Groucho liebte seine Kinder, aber seine Frauen waren keine gleichwertigen Gesprächs-Partner.

Wie bei den meisten anderen Menschen auch.

Schade.

Dazu war er noch depressiv und hatte ständig Angst, sein Vermögen zu verlieren und in bitterer Armut zu landen.

Dann doch lieber ein kleiner Wurm sein, der sich die Freiheit nehmen kann, zu denken und zu sagen, was er will und sich einen gleichwertigen, ebenbürtigen Partner nehmen kann.

 

 

https://www.marx-brothers.org/biography/groucho.htm

https://www.marx-brothers.org/de/index.htm

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm.

 

 

Dada

 

von Georg Herwegh

 

Der Nürnberger Bierkrieg

 

Zu Nürenberg - hier steht's gedruckt -

Da hat es angefangen;

Nachdem es lang vorher gespukt,

Ist's endlich losgegangen.

 

Zu Nürenberg, der alten Stadt

Der Türmlein und der Erker,

Wenn da der Mensch kein Bier nicht hat,

So wird er zum Berserker.

 

Es war ein Schlachten - glaubt es mir -

Als wie vor Trojas Mauern:

Die Helena hieß «Bayrisch Bier»,

Der Feldzug galt den Brauern.

 

Er galt dem Bier und nebenbei

Dem öffentlichen Wohle;

«Bier her!» so hieß das Feldgeschrei,

Und «Billig!» die Parole.

 

Hei! wie die Recken Bayernlands

Da wüteten, die Tapfern!

Nicht eine Scheibe ließ man ganz

Den teuren Bierverzapfern.

 

Viel Tausend stehen nicht mehr auf,

Die da zerschlagen liegen;

Zwölf Schuh hoch lagen tags darauf

Die Scherben von den Krügen.

 

Heil uns, daß noch ein deutscher Mann

Steht auf der Freiheit Wache!

Daß er sich noch begeistern kann

Für eine große Sache!

 

So laßt uns fest zusammenstehn,

Der Bildung Pioniere!

Mag Erd' und Himmel untergehn,

Hurra! w i r  gehn zu Biere!

 

 

 

 

Dass eine Kirche von Dadaisten erbaut wurde, erkennt mensch unter anderem an Ihrem Äußeren und ihrer Lage. Diese hier liegt mitten auf freiem Feld in der Nähe des Bergdorfes Murato im Norden Korsikas.