Vor 300 Jahren wurde die spätere Regentin des Habsburger-Reiches und als Gemahlin von Franz I. Stephan deutsche Kaiserin Maria Theresia geboren.

300 Jahre später haben sich Moden und Ansichten gewandelt und mensch könnte sagen, dass sie hie und da etwas anders hätte handeln können. Heutige Klugscheisser behaupten gerne, dass sie zu viele (bzw. überhaupt) Kriege geführt hat oder dass sie zu streng gegenüber ihren Kindern war.

Dazu ist zu schreiben, dass sie keine Eroberungs-Feldzüge führen hat lassen und ihre Kinder später herrschende Funktionen ausüben sollten.

Sie war ein Kind ihrer Zeit und sah sich gezwungen, ihren Vielvölker-Staat zusammen zu halten, was schwierig genug war.

Selbst aus heutiger Sicht kommt sie dem Ideal der idealen Herrscherin ziemlich nahe.

Gut und schön – lohnt es sich, dass sich der Wurm über sie seine Gedanken macht? Über eine Zeit, die schon lange her ist?

Eindeutig ja – aktuell sind nicht nur die Maria-Theresia-Ausstellung in Wien und Umgebung http://www.mariatheresia2017.at/ , sondern die aktuellen bzw. zeitlosen Lehren, die mensch aus ihrem Leben und ihrer Zeit ziehen kann.

 

Vorgeschichte

 

Hansjörg Frommer ist ein leidenschaftlicher Historiker, der gerne Vorträge unter anderem an der Volkshochschule Karlsruhe hält. Wer seine Vorträge hört, wird große Freude daran haben.

Hier ist seine Homepage, in der er viele seiner Vorträge und Kurse verewigt hat:

http://www.meine-geschichtswerkstatt.eu/cms/website.php

Ein Vortrag der letzten Zeit lautete „Maria Theresia – zum 300. Geburtstag“. Der Vortrag war um einiges ausführlicher als die dazu gehörigen Unterlagen, aber diese eignen sich ganz gut für einen ersten Überblick:

 

„Der Aufstieg Österreichs

 

Habsburg hatte den Dreißigjährigen Krieg verloren, aber unter Kaiser Leopold (1658 – 1705) konnte es seit 1685 die Türken auf dem Balkan zurückwerfen (Türkenlouis und Prinz Eugen) und in Konkurrenz mit Ludwig XIV. zur europäischen Militärmacht aufsteigen.

 

Der spanische Erbfolgekrieg

 

Seit 1701 kämpfte der Habsburger Karl mit dem Bourbonen Philipp, dem Enkel Ludwigs XIV. um das spanische Erbe und eine europäische Koalition gegen eine französische Hegemonie. Als Karls älterer Bruder Joseph 1711 ohne Erben starb, rückte sein Bruder Karl in Deutschland nach, und die Koalition endete, weil ein habsburgisches Übergewicht ebenso wenig gewünscht wurde wie ein französisches. Das Erbe wurde schließlich geteilt.

 

Die Pragmatische Sanktion

 

Kaiser Karl VI. erließ 1713 eine Pragmatische Sanktion, in der die Unteilbarkeit der habsburgischen Länder und die Erbfolge der ältesten Kaisertochter festgelegt wurde, falls kein Sohn vorhanden war. Der einzige Sohn Leopold starb schon 1716 im Kindesalter, die älteste Tochter wurde 1717 geboren. Karl bemühte sich, die Pragmatische Sanktion von den Ständen und von den auswärtigen Mächten als Hausgesetz anerkennen zu lassen.

 

Der polnische Thonfolgekrieg

 

Der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke starb 1733, und eine Minderheit wählte zum zweiten Mal nach 1704 Stanislaus Leszczyński zum König. Der Gegenkandidat war Friedrich August von Sachsen, der von Russland und Deutschland unterstützt wurde. Aber Leszczyński war der Schwiegervater des französischen Königs. Es kam zu Interventionen und Kriegshandlungen, vor allem auch am Rhein und in der Lombardei. 1735 wurde in einem Kompromiss Friedrich August von Sachsen als polnischer König anerkannt. Franz Stephan von Lothringen war lange Jahre in Wien aufgewachsen und mit Kaiser Karl eng verbunden. Als er sich in die 18jährige Maria Theresia verliebte, stimmte der Kaiser der Eheschließung zu. Aber für Frankreich war die Verbindung von Lothringen mit Habsburg eine Provokation. So wurde beschlossen, Lothringen an Stanislaus Leszczyński zu geben (womit es endgültig an Frankreich fiel) und Franz Stephan nach dem Tod des letzten Medici mit dem Großherzogtum Toskana zu entschädigen. Franz Stephan konnte 1736 Maria Theresia heiraten und 1737 die Toskana übernehmen.

 

Jugend und Ehe

 

Maria Theresia erhielt die übliche gute Erziehung einer Kaisertochter mit viel Religion, sie lernte Italienisch und Französisch, das sie später schriftlich gern benutzte. Aber obwohl sie schon in den Zwanzigerjahren als Erbin feststand, zog ihr Vater sie nicht bei politischen Beratungen und Entscheidungen zu. Über ihren Regierungsantritt urteilt sie später: so sahe mich auf einmal zusammen von Geld, Truppen und Rat entblößet. Die Heirat mit Franz Stephan war eine Liebesheirat, und es war eine gute Ehe, auch wenn Franz Stephan immer wieder Affären und Mätressen hatte. Zwischen 1737 und 1756 brachte Maria Theresia 16 Kinder zur Welt, von denen 6 noch im jugendlichen Alter starben. Maria Theresia war eine warmherzige Frau und Mutter, die sich um ihre Kinder sehr persönlich und weit über die Etikette hinaus kümmerte. Franz Stephan war Großherzog von Toskana und von 1745 bis 1765 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, aber den von ihr geerbten österreichischen Besitz regierte Maria Theresia aus eigenem Recht und allein. Trotzdem kam es zu keinen Differenzen oder Streitereien, und Franz Stephan residierte hauptsächlich in Schönbrunn. Er experimentierte mit Mustergütern und Manufakturen (Majolika) und war geschäftlich sehr erfolgreich.“

http://www.meine-geschichtswerkstatt.eu/site/pool/Maria_Theresia_300_Geburtstag.pdf

 

Pragmatische Sanktion und Österreichischer Erbfolgekrieg

 

Martin Mutschlechner: „Seine Erfahrungen angesichts des Zerfalls der Spanischen Monarchie, als das ehemalige Weltreich nach dem Aussterben der Herrscherdynastie filetiert wurde, bewogen Karl dazu, derartiges für die österreichische Monarchie zu verhindern.

Das Ergebnis der Bemühungen war die Pragmatische Sanktion. Dieses Vertragswerk war nicht primär auf die Regelung der Erbfolge in weiblicher Linie, wie oft fälschlich behauptet wird, ausgerichtet – die Sanktion wurde schließlich 1713 erlassen, als Karl noch kinderlos und die Hoffnung auf einen männlichen Nachfolger noch lange nicht aufgegeben war. Die Hauptintention war, die staatsrechtliche Grundlage für die Unteilbarkeit der Monarchie zu schaffen. Diese war ein heterogenes Konglomerat verschiedener Territorien, Königreiche und Länder, das nur an der Spitze durch einen gemeinsamen Monarchen zusammengehalten wurde. Ansonsten herrschten in den verschiedenen Ländern der Monarchie unterschiedliche Rechtstraditionen und Erbfolgeregelungen.

Die Monarchie sollte laut den Bestimmungen der Pragmatischen Sanktion nun zusammengefasst und als Gesamtstaat unteilbar und untrennbar – oder wie es im lateinischen Original heißt: indivisibiliter ac inseparabiliter – sein. Die Pragmatische Sanktion blieb bis 1918 grundlegendes verfassungsrechtliches Fundament der Habsburgermonarchie.

Die diplomatische Absicherung dieses Rechtswerkes war nun für die verbleibenden 27 Regentschaftschaftsjahre Karls das bestimmende Thema. Innerhalb der Monarchie mussten die einzelnen Ständegemeinden der Kronländer zustimmen, was ein kleineres Problem darstellte. Denn Karl wollte sich auch außenpolitisch absichern und war bereit, teilweise weitgehende Zugeständnisse zu machen.

Als Karl VI. schließlich 1740 ohne männlichen Thronerben starb, hinterließ er seiner Erbtochter Maria Theresia ein kompliziertes Erbe: Es umfasste ein geschwächtes Großreich, marode Staatsfinanzen und eine reformbedürftige Armee. Die Machtübernahme durch seine Tochter stützte sich auf eine Vielzahl von innen- und außenpolitischen Verträgen und Abmachungen, deren praktischer Wert sich angesichts des ausbrechenden Österreichischen Erbfolgekrieges als gering erweisen sollte. Die junge Herrscherin konstatierte bitter, dass ihr Vater sie ohne Gold, ohne Soldaten und ohne Rat, wie es weiter gehen sollte, verlassen habe.“

http://www.habsburger.net/de/kapitel/karl-vi-und-die-pragmatische-sanktion

Martin Mutschlechner: „Die Habsburgermonarchie stand am Abgrund. Maria Theresias Anspruch auf ihr Erbe wurde von einigen Mächten Europas nicht anerkannt. 1740 fiel der preußische König Friedrich der Große in Schlesien ein – der Startschuss für den Österreichischen Erbfolgekrieg. Bis zum Frieden von Aachen 1748 befand sich das Land im Kriegszustand.

Bald nach Tod des Vaters sah sich Maria Theresia konfrontiert mit Ansprüchen vonseiten deutscher Fürstenhäuser, die sich durch Eheschließungen mit Töchtern Kaiser Josephs I. – also Cousinen Maria Theresias – als gleichberechtigte Erben der habsburgischen Dynastie sahen.

Kurfürst Friedrich August von Sachsen trat als Gatte von Maria Josepha, der älteren Tochter Josephs I., als Vertreter der Ansprüche seiner Gemahlin auf. Kurfürst Karl Albrecht von Bayern wiederum stellte Forderungen im Namen seiner Gattin Maria Amalie, der jüngsten Tochter Josephs I. Ein antihabsburgisches Bündnis zwischen Bayern, Sachsen und Frankreich bildete sich mit dem Ziel der Aufteilung der Monarchie.

Der Startschuss für einen militärischen Angriff fiel im Dezember 1740 durch den Einmarsch preußischer Truppen in Schlesien. Der eben erst an die Macht gekommene junge König Friedrich II. von Preußen nützte die Gunst der Stunde und besetzte ohne Kriegserklärung überraschend die Provinz im Nordosten der Monarchie.

In der Folge marschierten auch andere Mächte in habsburgische Territorien ein. Der Österreichische Erbfolgekrieg war entbrannt. Im Juli 1741 besetzten alliierte französische und bayrische Truppen Oberösterreich und Böhmen. Der bayrische Kurfürst ließ sich daraufhin von den böhmischen Ständen als König von Böhmen huldigen. Eine regelrechte Krönung fand nicht statt, da die Insignien zuvor nach Wien gebracht worden waren.

Maria Theresia suchte nach Verbündeten, und es gelang ihr, Großbritannien, Russland und die Niederlande auf ihre Seite zu bringen. Der Kampf mit Preußen um Schlesien war zwar im Rückblick der entscheidende Konflikt, jedoch nur ein Teil des Erbfolgekrieges, der sich auf verschiedenen Schauplätzen abspielte. Es kam zunächst auf österreichischem Territorium zu Kampfhandlungen gegen die bayrischen Invasoren. Bald verschob sich das Geschehen nach Bayern und zuletzt an den Rhein, wo die habsburgischen Truppen mit ihren Verbündeten gegen Frankreich kämpften.

Die Position Maria Theresias wurde durch die im Juni 1741 erfolgte Krönung in Ungarn gestärkt. Es war dies ein wichtiger Moment mit großer symbolischer Wirkung: Maria Theresia war nun rechtmäßig gekrönte Monarchin und konnte sich der Loyalität der ungarischen Stände versichern.

Im Reich musste hingegen ein Rückschlag eingesteckt werden: Maria Theresias Gatte Franz Stephan konnte sich als Kandidat für die Wahl zum Kaiser nicht durchsetzen. 1741 nahmen die Kurfürsten den Wittelsbacher Karl VII. als Oberhaupt des Reiches an. Das „Haus Österreich“ verlor dadurch eine Würde, die es seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ununterbrochen innegehabt und die das Fundament der besonderen Stellung Habsburgs in Europa gebildet hatte.

Das Blatt hatte sich jedoch inzwischen gewendet: während der Krönung Karls VII. in Frankfurt besetzten österreichische Truppen Bayern, und die bayrische Herrschaft in Böhmen begann zu wanken.

Im Juli 1742 konnte Frieden mit Preußen geschlossen werden, der Erste Schlesische Krieg war beendet. Für Maria Theresia bedeutete dies den Verzicht auf den Großteil Schlesiens samt der Grafschaft Glatz (ein Nebenland Böhmens). Nur schlesische Gebiete im Südosten des Landes (Teschen sowie Teile der Herzogtümer Troppau, Jägerndorf und Neisse) blieben unter österreichischer Herrschaft.

Im Mai 1743 wurde Maria Theresia in Prag zur Königin von Böhmen gekrönt. Es war dies das Symbol für die erfolgreiche Rückgewinnung der Herrschaft in Böhmen.

Doch der Friede währte nicht lange: Im August 1744 kam es zu einem neuerlichen Einmarsch Preußens in Böhmen (Zweiter Schlesischer Krieg). Der Grund dafür war die Reaktion auf die Erfolge Maria Theresia bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche gegenüber Bayern und Sachsen. Der Angriff auf Böhmen sollte Österreich in einen Zweifrontenkrieg verwickeln und dadurch geschwächt zum Frieden zwingen.

Inzwischen war 1745 der Wittelsbacher Kaiser Karl VII. verstorben. Dessen Nachfolger schloss Frieden und erhielt dafür die Herrschaft über Bayern zurück. Außerdem verpflichtete sich Bayern zur Unterstützung der Wahl Franz Stephans zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, die mit dessen im September 1745 stattfindender Krönung in Frankfurt besiegelt wurde.

Im Dezember 1745 konnte durch den Frieden von Dresden der Zweite Schlesische Krieg beendet werden. Der Besitz Schlesiens wurde Preußen wiederum bestätigt, dafür erkannte Preußen Franz Stephan als Träger der Kaiserwürde an.

Die internationale Bestätigung Maria Theresias als Herrscherin der Monarchie erfolgt im Oktober 1748 im Frieden von Aachen, der das Ende der Konflikte um die österreichische Erbfolge brachte.

Das Resultat aus Sicht der Dynastie Habsburg-Lothringen war, dass Maria Theresia ihre Ansprüche zum Großteil (mit Ausnahme von Schlesien) verteidigen konnte. Der Aufstieg Preußens als Konkurrent in Mitteleuropa musste anerkannt werden. Das Heilige Römische Reich verlor stark an Bedeutung; der Kaisertitel ging zwar an den Gatten Maria Theresias, war jedoch für die Dynastie nicht mehr in demselben Maße identitätsstiftend wie in den Generationen davor.“

http://www.habsburger.net/de/kapitel/der-oesterreichische-erbfolgekrieg

Franz Herre in seinem Buch „Maria Theresia – Die große Habsburgerin“: „In Wien hatte man die Heeresrüstung Friedrich Wilhelms I. als Soldatenspielerei abgetan. In dieser Einschätzung sah man sich dadurch bestätigt, daß der Soldatenkönig seine Heeresmacht immer nur auf dem Exerzierplatz, aber auf keinem einzigen Schlachtfeld demonstriert hatte. „Die Preußen schießen nicht so schnell“, hatte man sich angewöhnt zu sagen, und man fiel aus allen Wolken, als der neue Preußenkönig schnell und treffsicher schoß.

Friedrich II., der seit dem Regierungsantritt Maria Theresias den Finger am Abzug hatte, brachte nicht die Geduld auf, die Antwort auf sein Ultimatum vom 15. November abzuwarten. In Wien, wo ohnehin schnelle Entschlüsse nicht üblich waren, schien man diesmal noch länger als sonst zu brauchen. Nachdem er sich vier Wochen lang hatte hinhalten lassen, schuf er vollendete Tatsachen. Am 16. Dezember 1740 ließ er 32.000 Mann in Schlesien einmarschieren. Ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, besetzten sie in wenigen Wochen das ganze Land, das Friedrich II. nicht nur zu okkupieren, sondern zu annektieren gedachte.

Weder an die Regel, im Winter keine Feldzüge zu unternehmen, noch an Völkerrecht und Reichsrecht hielt sich der ungestüme Hohenzoller. Maria Theresia, die keinen „Antimachiavel“ geschrieben hatte, aber sich als Antimachiavellistin erwies, war höchlichst entrüstet. Ihr Leben lang blieb für sie der von anderen als der große Friedrich gefeierte Preuße der böse Friedrich, der „Feind ohne Glauben und Rechtsbewußtsein“, das „böse Tier“, das „Ungeheuer“, dessen Vernichtung sie dem lieben Gott anempfahl.“

 

Fazit

 

Auf mündliche oder schriftliche Abmachungen, auf Recht und abgeschlossene Verträge sollte sich mensch lieber nicht verlassen, auch dann nicht, wenn viel Geld in die Annahme dieser Verträge geflossen sein sollte.

Mensch sollte immer dazu in der Lage sein, sein Recht notfalls mit Gewalt durchsetzen zu können – bei einem Zeichen von Schwäche werden Stärkere über einem herfallen.

Auch dann, wenn die Preußen nicht so schnell schießen – eines Tages werden sie schießen.

Wer Waffen hat, wer Vorteile hat oder sich diese verschafft, wird diese früher oder später zum Nachteil anderer gebrauchen.

 

Reformen

 

Martin Mutschlechner: „Der Österreichische Erbfolgekrieg legte die Schwächen der Habsburgermonarchie schonungslos offen: Das Reich der Habsburger war eine Großmacht auf tönernen Beinen. Angesichts der veralteten Staats- und Armeeverwaltung sowie eines wachsenden wirtschaftlichen Rückstandes bestand eine dringende Notwendigkeit von Reformen.

Nachdem der Fortbestand der Monarchie und die internationale Anerkennung Maria Theresias als Regentin im Frieden von Aachen 1748 gesichert waren, begannen ab 1749 systematische Reformmaßnahmen in der Staatsverwaltung unter der Leitung von Friedrich Wilhelm von Haugwitz (1702–1765).

Nachdem bereits 1742 die Geheime Haus-, Hof- und Staatskanzlei für die Bereiche der Außenpolitik und dynastischer Angelegenheiten eingerichtet worden war, kam es nun zu einer Fokussierung auf die innere Verwaltung.

Ziel war der Aufbau einer modernen, leistungsfähigen Staatsbürokratie. Die unterschiedlichen Territorien der Monarchie sollten verwaltungstechnisch vereinheitlicht werden und die Autonomie der einzelnen Kronländer zugunsten eines von Wien aus gelenkten zentralistischen Behördenapparates beschnitten werden.

Um dies zu erreichen, mussten die Befugnisse der Stände in den einzelnen Ländern eingeschränkt werden. Die Stände waren die Repräsentanten eines Landes gegenüber dem Landesfürsten. Es war dies aber keine Landesvertretung im modernen Sinn, denn in den Landtagen der Feudalzeit saßen nur Vertreter des Adels, kirchlicher Institutionen und privilegierter Städte, welche die lokale Herrschaft über ihre Untertanen ausübten.

Als Folge des Fehlens einer staatlichen Verwaltung auf lokaler Ebene war der Monarch auf die Mitarbeit der Stände in vielen wichtigen Bereichen wie der Steuereinhebung und der Gerichtsbarkeit angewiesen. Nun galt es, schrittweise das Monopol der Grundherren auf die lokale Verwaltung zu beschneiden. Sonderrechte und Privilegien wie die Steuerfreiheit des Adels und der Kirche wurden abgeschafft.

Es kam zu einer Angleichung der verschiedenartigen Verwaltungsstrukturen in den Kronländern. Es entstand eine geordnete Verwaltungshierarchie: Die neu eingeführten Kreisbehörden bildeten die unterste Stufe der staatlichen Verwaltung auf lokaler Ebene. Darüber standen die jeweiligen Landesverwaltungen, und diese wiederum waren weisungsgebunden gegenüber einer Zentralbehörde, dem „Directorium in publicis et cameralibus“ – in der modernen Ministerialbürokratie würde man darunter die Bereiche Inneres und Finanzen verstehen.

Dies galt jedoch nur für die österreichischen und böhmischen Länder. 1750 wurden in einem Handschreiben Maria Theresias die Kernländer der Monarchie definiert, bestehend aus der österreichischen Ländergruppe (Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Krain, die verschiedenen Territorien an der Oberen Adria sowie Tirol und die Vorlande) und der böhmischen Ländergruppe (Böhmen, Mähren und der unter habsburgischer Herrschaft verbliebene Rest Schlesiens). Die Umsetzung war ein langwieriger Prozess. Das Resultat war eine Stärkung der Kernländer der Monarchie, die durch Verwaltungsreformen vereinheitlicht wurden. Ausgenommen davon waren Ungarn mit seinen Nebenländern, die Österreichischen Niederlande und die Lombardei, für die getrennte Verwaltungen bestehen blieben.

Ein weiteres Ziel war eine Professionalisierung der Beamtenschaft bei verstärkter Einbeziehung bürgerlicher Akademiker anstatt adeliger Funktionsträger, für die bisher die leitenden Posten reserviert waren.

Im Bereich der Armeeverwaltung blieb der Hofkriegsrat bestehen. Jedoch wurden auch hier Reformen durchgeführt. Die bestimmende Figur war Leopold Graf Daun, auf dessen Initiative die maria-theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt gegründet wurde. Nach modernsten Grundsätzen sollte hier eine neue Generation von Offizieren ausgebildet werden. Der entscheidende Sieg der österreichischen Armee 1757 in der Schlacht bei Kolín bestätigte den Erfolg der Reformen. Als Erinnerung daran gründete die dankbare Kaiserin den Maria Theresia-Orden, dessen erster Träger Daun wurde.

Reformmaßnahmen wurden auch im Bereich der Wirtschaft gesetzt, wie zum Beispiel die Aufhebung von Binnenzöllen, um aus den einzelnen Ländern der Monarchie ein großräumiges Wirtschaftsgebiet mit einheitlichen Regeln zu machen. Erste Statistiken, Volkszählungen und Steuerkataster wurden eingeführt, denn der Staat wollte Einblick in die innere Struktur des Landes haben, um gezielte Maßnahmen der Wirtschaftspolitik setzen zu können.

Als wichtigstes Ziel wurde eine Bevölkerungsvermehrung angestrebt, denn nach damaliger Auffassung wurden mehr Einwohner mit einem allgemeinen ökonomischen Aufschwung eines Landes gleichgesetzt. Nicht zuletzt bedeutete Bevölkerungswachstum auch mehr Soldaten für die Armee. Diese als Physiokratismus bezeichnete Wirtschaftslehre verlangte nach einer Verbesserung der Lage der Bauern. In diesem Sinne wurde eine Beschränkung der Robotleistungen gegenüber der Grundherrschaft eingefordert. Dünn besiedelte Landstriche wie das südungarische Banat wurden im Zuge einer Binnenkolonisation systematisch bevölkert. Kolonisten aus überbevölkerten Gebieten wurden teilweise auf freiwilliger Basis angesiedelt, zum Teil kam es aber auch zu einer zwangsweisen Um- und Ansiedlung von Protestanten oder sozialen Außenseitern, die vom Staat in den zentralen Teilen der Monarchie nicht geduldet wurden.

Auf dem Sektor der Bildung markierte die 1760 gegründete „Studien- und Bücher-Zensur-Hofkommission“ den Beginn einer zentral gesteuerten Bildungspolitik. Die bekannteste Reform Maria Theresias stellt hier die 1774 erlassene „Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt und Trivialschulen in sämmtlichen Kayserlichen Königlichen Erbländern“ dar, in der die Unterrichtspflicht für Kinder eingeführt wurde. Es war dies die erste Maßnahme in die Richtung einer verpflichtenden Grundschulbildung für breite Bevölkerungsteile. Die tatsächliche Durchführung war ein langfristiges Projekt, denn es fehlte an Infrastruktur und Lehrpersonal. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert herrschte in der Habsburgermonarchie ein hoher Anteil von Analphabeten mit starken regionalen Schwankungen.

Im Hochschulwesen wurde der kirchliche Einfluss zurückgedrängt. Ein Symbol dafür war der Bau der neuen Aula der Wiener Universität (heute Sitz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), deren allegorisches Programm die Reformtätigkeit Maria Theresias im Bildungsbereich feiert.“

http://www.habsburger.net/de/kapitel/die-maria-theresianischen-reformen

Martin Mutschlechner: „Die Herrschaft Maria Theresias wurde und wird im Rückblick als Blütezeit der Monarchie gefeiert. Die Herrscherin, deren Name mit dem österreichischen Reformzeitalter verbunden ist, war jedoch eine Reformerin wider Willen.

Maria Theresia hatte einen durch und durch pragmatischen Zugang zu den Reformmaßnahmen. Nicht die Verfolgung eines philosophischen Gedankens, sondern die praktische Anwendbarkeit stand im Vordergrund. Sie bediente sich zwar einiger Ideen der Aufklärung, aber das ideelle Konzept dieser Strömung als solches blieb ihr fremd.

Für Maria Theresia ging es nicht darum, die Menschen von kirchlicher und feudaler Bevormundung zu befreien, sondern der Reformeifer sollte größtmöglichen Nutzen für Staat und Dynastie bringen. Es galt die habsburgische Herrschaft zu sichern und Schlagkraft zu entwickeln, um im Wettstreit der Mächte nicht ins Hintertreffen zu gelangen. Erst in zweiter Linie sollten die Neuerungen in einer Art Umwegrentabilität dem Individuum eine Erleichterung seiner Existenz bringen. Maria Theresia sah hier nicht den mündigen Staatsbürger als Adressat ihrer Maßnahmen, sondern sie wollte, ganz im paternalistischen Denken der Zeit und ihres Standes verhaftet, den braven Untertanen das harte Dasein als gerechte Landesmutter erleichtern. Für diese vormoderne Sichtweise von monarchischer Macht hat sich der Terminus „aufgeklärter Absolutismus“ eingebürgert.

Maria Theresia hatte ein konservatives Verständnis von monarchischer Herrschaft. Sie sah sich im Sinne des Gottesgnadentums von der göttlichen Vorsehung mit ihrem Herrscheramt betraut. So gesehen musste sie sich nicht vor dem Volk rechtfertigen, sondern allein vor Gott. Nicht Vernunft, Fortschrittsglaube und Toleranz, die von der Aufklärung geforderte Maximen von gerechter Herrschaft, waren ihre obersten Leitgedanken, sondern das Streben, ihre Aufgabe, die ihr als Regentin von einer göttlichen Macht übertragen worden war, nun nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen.

Sie erkannte zwar die Notwendigkeit der Neuerungen, war aber in vielen Fällen eine „Reformerin wider Willen“. Eine besondere Rolle spielten hier ihre Ratgeber, die viel stärker als Maria Theresia vom Gedankengut der Aufklärung geprägt waren. Persönlichkeiten wie Van Swieten, Sonnenfels, Bartenstein und auch ihr Sohn und späterer Mitregent Joseph II. waren oft die eigentlichen Paten so mancher bedeutenden Reform, die unter dem Namen Maria Theresias in die Geschichte einging.

So war Maria Theresia zwar überzeugt von der Notwendigkeit der Vereinheitlichung der unterschiedlichen Rechtstraditionen der Kronländer und stellte das Justizwesen unter die Aufsicht der „Obersten Justizstelle“. Eine Trennung von Justiz und Exekutive, wie von Vertretern der Aufklärung gefordert, wurde jedoch nicht verwirklicht, denn nach heutigem Verständnis umfassten die Aufgaben dieser Behörde Bereiche, die gegenwärtig vom Justizministerium und dem Obersten Gerichtshof getrennt verwaltet werden.

Auch die „Constitutio Criminalis Theresiana“, ein verbindliches Strafgesetzbuch für die Gesamtmonarchie, ist bezeichnend für die konservative Grundhaltung Maria Theresias. Wichtig war die Schaffung einer einheitlichen Gesetzeslage, nicht unbedingt eine Modernisierung der Rechtsprechung, denn die Folter blieb – von den Vertretern der Aufklärung heftig kritisiert – weiterhin Teil der Wahrheitsfindung. Erst unter Mitwirkung Josephs wurde 1776 die Aufhebung der Folter durchgesetzt.

Ein weiterer Bereich, in dem sich Maria Theresias vormoderne Geisteshaltung manifestiert, ist ihr Verständnis von Religion: Sie blieb zeitlebens eine Katholikin der Voraufklärung. Dies hatte eine fortgesetzte Intoleranz gegenüber Nichtkatholiken zur Folge. Unter der Regentschaft Maria Theresias kam es weiterhin zu Protestantenverfolgungen, und den unrühmlichen Höhepunkt bildet die Ausweisung der Juden aus Prag 1744. Die größte jüdische Gemeinde der damaligen Monarchie wurde aufgelöst, und 20.000 Menschen mussten binnen kurzer Zeit die Stadt verlassen.

Ihre tiefe Verbundenheit mit dem Katholizismus hinderte die Kaiserin aber gleichzeitig nicht daran, den Einfluss der katholischen Kirche auf das Staatswesen zurückzudrängen. Die von ihr verstärkte Aufsicht des Staates über die Kirche bedeutete die Beschränkung der päpstlichen Autorität auf theologische Belange, während die Organisation der kirchlichen Strukturen unter staatliche Aufsicht kam. Es war dies der erste Schritt in die Richtung des von ihrem Nachfolger verwirklichten Josephinischen Staatskirchentums.“

http://www.habsburger.net/de/kapitel/maria-theresias-schattenseiten

 

Fazit

 

Selbst als „Reformerin wider Willen“ hat Maria Theresia gute Reformen im Sinne des Staates durchgeführt. Und hat dabei zwei wichtige Dinge befolgt:

Mensch muss nicht selbst gut in etwas sein, aber er muss wissen, wer gut ist: Maria Theresia berief erstklassige Minister und Berater in ihre Ämter, die dann hervorragend wirken konnten.

Die gewollten Reformen mussten gegen erheblichen Widerstand durchgeführt werden. Maria Theresia konnte jene Kräfte, deren alten Rechte und Besitzstände beschnitten wurden, damit überzeugen, dass alles zum Wohle Österreich sei und dadurch, dass sie die Reformen nicht allzu stark und allzu hastig durchführen ließ.

Reform heisst Achten der Tradition und Anerkennen des Fortschritts. Und bei Maria Theresia Einvernehmen mit den Betroffenen.

 

Der Siebenjährige Krieg

 

Hansjörg Frommer: „Im Hintergrund der europäischen Kriege dieser Zeit stand eine umfassende Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich um die Kolonien, und zwar sowohl in Nordamerika wie in Indien. Im Zug des ersten Karnatischen Krieges konnten die Franzosen die Engländer zurückdrängen und 1746 Madras erobern. Um Frankreich in Europa zu beschäftigen, unterstützte England im Erbfolgekrieg Maria Theresia. In den Auseinandersetzungen nach 1750 ging es vorrangig um Nordamerika. Dort hatten die Franzosen im Norden eine Kolonie mit Quebec und im Süden mit La Neuve Orléans und Louisiana und versuchten nun, hinter den Neuenglandkolonien dem Ohio entlang die Verbindung von Norden nach Süden herzustellen und die englischen Kolonien damit einzuschnüren. Deshalb verlangten die Siedler von England militärische Hilfe. Die French and Indian Wars zwischen 1754 und 1763 führten zur totalen Niederlage Frankreichs.

In dieser Lage war England an einem neuen europäischen Krieg interessiert, um Frankreich dort zu engagieren. Die Situation war aber eine völlig andere. Maria Theresia wollte im Kampf gegen Preußen sichergehen und hatte deshalb mit ihrem Staatskanzler Kaunitz le renversement des coalitions eingeleitet, die ‚Annäherung an Frankreich, obwohl Frankreich und Österreich seit dem 16. Jahrhundert immer gegeneinander gestanden hatten, zuletzt im Erbfolgekrieg. Dazu hatte Maria Theresia noch die russische Zarin Elisabeth gewonnen, die das Auftreten einer neuen Halbgroßmacht am westlichen Rand mit Misstrauen beobachtet hatte. Die Überlebenschance für Preußen war also eher gering. Aber ein anderer Bundesgenosse war für England nicht in Sicht. Deshalb schloss England mit Preußen die Konvention von Westminster, einen Subsidienvertrag, der England zu keinem militärischen Einsatz verpflichtete. Kursachsen stand auf der Seite Österreichs, Kurhannover auf der preußischen.“

http://www.meine-geschichtswerkstatt.eu/site/pool/Maria_Theresia_300_Geburtstag.pdf

Franz Herre: „Zu günstiger Zeit anzugreifen sei besser, als sich in ungünstiger Zeit verteidigen zu müssen, meinte Friedrich II. und schlug los. Er wollte nicht warten, bis die Einkreisung sich zur Einschnürung verengt und zur Erdrosselung geführt hätte, suchte sich in einem Moment, da die Gegner weder politisch einig noch militärisch gerüstet waren, durch einen Präventivkrieg Luft zu machen. Am 29. August 1756 fiel er ohne Kriegserklärung in das neutrale Sachsen ein, das ihm als Operationsbasis gegen das österreichische Böhmen dienen sollte und das er als preußische Provinz behalten wollte …

Weniger aus Loyalität zum Kaiser, der mit der Habsburgerin vermählt war, eher aus Respekt vor der Reichsverfassung reihten sich katholische und protestantische Reichsstände in die Abwehrfront gegen den Aggressor ein. Entscheidend war die Sorge, daß das schlechte Beispiel Schule machen und auch ihre Selbständigkeit gefährdet werden könnte. Es sei notwendig, hatte ein Jahrhundert vorher der Staatsrechtslehrer Samuel von Pufendorf erklärt, daß im Reichsverband „jedem seine Rechte gewahrt werden und niemandem gestattet wird, den Schwächeren zu unterdrücken, damit so trotz der Ungleichheit an Macht die Freiheit und Sicherheit aller gleich sei“.

Nun hatte das starke Preußen das schwächere Sachsen unterdrückt. Maria Theresia konnte sich auf das Reichsrecht berufen, das Friedrich II. gebrochen hatte, den Krieg, in den sie eintrat, als einen gerechten Krieg erklären …

Selbst in Österreich steckten unter dem Mantel der Moral machtpolitische Blößen. Maria Theresia war mit Verve und zu Recht über den „elenden König“ empört, der den Frieden im Reich und in Europa gebrochen, gegen das „Monstrum“ aufgebracht, das ihr Österreich nun schon zum drittenmal angriff. Das Herz stand in Flammen, aber der Kopf blieb kühl. Die Gelegenheit schien günstig, die offene Rechnung mit Friedrich II. zu begleichen, das geraubte Schlesien zurückzuholen und es zu verhindern, daß die Hohenzollernmacht sich als Rivale der Habsburgermacht in Deutschland breit machte …

Das unglückliche, vom Preußenkönig besetzte und gequälte Sachsen gedachte sie nicht aufzugeben, vielmehr alles aufzubieten, um .es „seinem Herrn und Herrscher zurückzugeben“. Sie werde „jedes erdenkliche Mittel und den letzten Mann dazu verwenden“, versicherte sie der Kurprinzessin Maria Antonia von Sachsen, „Sie aus dieser Sklaverei zu befreien“. Doch Maria Theresia gestand sich ein, daß dazu ihre Kräfte allein nicht ausreichten. „Der liebe Gott wird doch schließlich Mitleid mit uns haben und dieses Ungeheuer vernichten“, Friedrich II. bestrafen …

„DANK DEM HIMMEL, unser Rücken ist frei“, atmete der Freigeist Friedrich auf, nachdem er die Nachricht vom Tode der Zarin Elisabeth am 5. Januar 1762 vernommen hatte. Mit dem Ausfall seiner erbittertsten persönlichen Feindin zerbrach der militärische Ring, der um Preußen gelegt worden war, zerfiel die Koalition, die es zu strangulieren drohte.

Elisabeths Nachfolger, der infantile Peter III., der im Spiel seine russischen an der Seite von preußischen Zinnsoldaten hatte marschieren lassen, schloß ein Kriegsbündnis mit Friedrich II. und schickte ihm 20.000 Mann. Seine Gemahlin, eine deutsche Prinzessin aus Anhalt-Zerbst, stürzte den Zaren, kündigte als Zarin Katharina II. zwar die Militärallianz mit Preußen, kehrte jedoch nicht in die antipreußische Koalition zurück.

Schweden war bereits ausgetreten, und Frankreich war dabei abzuspringen. Die Österreicherin klagte über die Abtrünnigkeit der Russen wie die Absatzbewegungen der Franzosen und seufzte: „Gott gebe, daß wir jetzt ohne Verlust herauskommen.“ Sie wußte: Allein übriggeblieben, konnte sie den Krieg nicht mehr gewinnen, und allein auf sich gestellt, könnte sie den Frieden verlieren.

Ähnliches hatte auch Friedrich befürchtet, bevor ihm der Tod der Zarin Elisabeth, das „miracle de la maison de Brandenbourg“, der Sorge enthob, nach der Abkühlung des Verhältnisses zu seinem Alliierten England und dem Versiegen der englischen Subsidienquelle von seinen erbitterten Feinden - wie er sagte - einem Kreisel gleich, den Kinder peitschen, herumgetrieben zu werden.

Nun zeigte es,sich, daß Preußen wie Österreich den Großmächten England, Frankreich und Rußland als Spielbälle gedient hatten, die fallen gelassen wurden, als diese am Spiel keinen Gefallen mehr fanden, keinen Vorteil mehr für sich sahen.

Rußland hatte, wie jede, so auch diese Gelegenheit genutzt, um weiter nach Westen vorzustoßen. Dabei gedachte es Preußen in Polen wie Österreich auf dem Balkan zurückzudrängen, aber nicht so zu schädigen, daß beide Mächte als präsumtive Alliierte ausfielen. England war an der Sicherung Hannovers und Frankreich an der Absicherung seiner Ostgrenze interessiert; beide wollten auf Preußen wie Österreich nicht als mögliche Bundesgenossen wie als Mitgaranten des europäischen Gleichgewichts verzichten. Vorrangig für die beiden Westmächte war im Moment ihr Wettkampf um Weltmachtstellung, in erster Linie in Nordamerika.

In diesem ersten Weltkrieg hatte sich das Blatt zugunsten Englands gewendet. Das französische Kanada war erobert, die englische Überlegenheit zur See erwiesen, die Kraft Frankreichs erschöpft. Ein Frieden, zumindest ein Waffenstillstand, wurde von beiden Seiten angestrebt. Darüber verständigten sie sich am 3. November 1762 in Fontainebleau.

Österreich und Preußen, die aus ihrer Sicht für sie einen Stellvertreterkrieg in Europa geführt hatten, standen nun allein auf weiter Flur. Sie hatten sich derart ineinander verbissen, daß sie schwerlich voneinander gelassen hätten, wenn sie nicht beide zu Tode erschöpft gewesen wären. Preußen war ausgeblutet, und Österreich am Rande des Ruins …

Fast sieben Jahre Dritter Schlesischer Krieg hatten nur dazu geführt, daß die Ergebnisse des Ersten und des Zweiten Schlesischen Krieges bestätigt wurden: Schlesien blieb preußische Provinz. Immerhin kam Sachsen nicht unter Friedrichs Krone; das Kurfürstentum konnte seine staatliche Souveränität wie seinen territorialen Besitzstand wahren.

Nur eines war der Österreicherin gelungen: die Rettung des überfallenen, besetzten und geschundenen Sachsens. Ihr wichtigstes Kriegsziel, die Rückgewinnung Schlesiens, war verfehlt worden. Sie mochte sich mit der Genugtuung trösten, daß sie, auch wenn sie selber nicht recht bekommen, sie einem Bundesgenossen zu seinem Recht verholfen hatte.“

Reinhard Nelke: „Der Sieg Englands und Preußens war um den Preis hoher Menschenverluste errungen worden. Nach Berechnungen beliefen sie sich allein auf 550.000 Soldaten, darunter 180.000 Preußen, 140.000 Österreicher, 120.000 Russen, 70.000 Franzosen. England, die deutschen Staaten (außer Preußen), Schweden und Portugal verloren 40.000 Mann.

Die Verluste unter der Zivilbevölkerung, die infolge der Kriegswirren, Geburtenausfälle, von Hungersnot und Seuchen eintraten, müssen noch höher gelegen haben. Sachsen berechnete zum Beispiel seinen Verlust auf 90.000 Menschen. Die Provinzen Preußens hatten ebenfalls hohe Bevölkerungsverluste erlitten.

Die Gesamtverluste der preußischen Bevölkerung müssen auf mindestens 500.000 Menschen geschätzt werden.

Auch die Finanzlage der kriegführenden Parteien war 1763 sehr angespannt. In Frankreich hatte der Krieg 677 Millionen Livres verschlungen, wobei die jährlichen Staatseinnahmen 307 Millionen Livres betrugen. In Österreich war die Staatsschuld schon 1761 bei einer Jahreseinnahme von nur 24 Millionen auf 136 Millionen Gulden gestiegen. Großbritannien hatte 1755 Staatsschulden in Höhe von 72 289 673 Pfund Sterling, sie wuchsen durch den Krieg auf 146 861 182 Pfund an. Preußen hatte der Krieg 139 Millionen Taler gekostet.“

http://www.preussenweb.de/kriegc.htm

 

Fazit

 

Die deutsche Geschichtsschreibung ist provinziell. Da tobt ein Weltkrieg mit weit reichenden Entscheidungen - und nur das Rand-Ereignis in der Mitte Europas wird gesehen. So wichtig dieses auch immer gewesen sein mag – im Schul-Unterricht, in Büchern und in Filmen wird nur geringfügig (wenn überhaupt) auf das Große und Ganze eingegangen.

Mensch lasse sich nicht von humanistischem Gesäusel beirren – wer mutwillig Eroberungs-Kriege anzettelt und Menschenleben im Millionen-Bereich auf dem Gewissen hat und noch mehr Menschen, die durch ihn ihr Hab und Gut verloren haben – der ist kein guter Mensch.

Die Geschichts-Schreibung huldigt ausschließlich dem Mächtigen. Selbst solchen Extrem-Hasardeuren wie Friedrich II.. Recht, Gesetz und Moral interessiert die Zunft der Historiker nicht. Mit nur sehr wenigen Ausnahmen.

 

Friedrich II. von Preußen

 

Eine dieser Ausnahmen ist Bernt Engelmann, aus dessen Buch „Wir Untertanen – Ein deutsches Geschichtsbuch“ der Wurm zitieren möchte:

„Weder die Bevölkerung Preußens noch seine Armee empfand sich selbst als deutsch, etwa in dem Sinne, daß sie sich allen anderen deutschsprachigen Mitteleuropäern national verbunden gefühlt hätte; dergleichen beschränkte sich auf eine Handvoll Intellektuelle. Und am allerwenigsten fühlte sich jener als Deutscher oder gar als Vollstrecker eines - gar nicht vorhandenen - Volkswillens zur nationalen Einigung, dem die traditionellen deutschen Geschichtsschreiber solches immer wieder anzudichten versucht haben: König Friedrich II.

Nichts hat ihm ferner gelegen, als „mit Preußens Waffen Deutschland neu zu gestalten“, und schon gar nicht „arbeitete“ er - wie der Historiker Leopold von Ranke feststellen zu können meinte - „an der Befreiung der Nation“. Wovon hätte er denn die deutsche Nation befreien wollen? Vom Absolutismus der Zwergstaaten-Despoten, wo er doch selbst diesen Absolutismus in übersteigerter Form praktizierte?

Der Staat Friedrichs II., das durch und durch militaristische Preußen, war auch ganz gewiß nicht, wie der Historiker Heinrich von Treitschke behauptet hat, „der geborene Gegner der alten, auf Deutschlands Ohnmacht ruhenden Ordnung Europas“, vielmehr - so hat es erst Rudolf Augstein richtig erkannt und in seiner großen Studie, Preußens Friedrich und die Deutschen, treffend formuliert - selbst „der rücksichtslose Ausbeuter der aus der Ordnung des Westfälischen Friedens resultierenden Ohnmacht Deutschlands“.

Nicht der nebensächliche Umstand, daß Friedrich II. vorzugsweise Französisch sprach und schrieb, machte ihn untauglich für die Rolle eines „Vorreiters der deutschen Einheit“. Nein, diese Rolle gab es noch gar nicht, und vor allem hätte sie Friedrich überhaupt nicht interessiert. Was seine Vorliebe für das Französische angeht, so entsprach sie ganz dem höfischen Stil seiner Zeit, in der nicht mehr Latein, sondern die Sprache des für alle vorbildlichen Hofes von Versailles die Herrenkaste vom gewöhnlichen Volk unterschied. Dagegen ist es für alle deutschnationalen Geschichtsschreiber höchst blamabel, daß das politische Testament dieses angeblichen „Vorreiters der deutschen Einheit“ und Wiedererrichtung eines starken Reiches seinen Nachfolgern empfahl, das Interesse Brandenburg-Preußens allein im Bündnis mit Frankreich und „allen Feinden des Hauses Österreich“, also der Kaiser, zu sehen. Preußen, so heißt es darin weiter, dürfe nicht zulassen, daß Frankreich das Elsaß oder Lothringen verliert. Und als lohnendstes Ziel preußischer Politik bezeichnet dieses Testament, das übrigens bis 1918 als Staatsgeheimnis behandelt und unter strengem Verschluß gehalten wurde, keineswegs die Einigung Deutschlands, sondern die Eroberung Böhmens und anderer nichtdeutscher Gebiete.

Überhaupt richteten sich Friedrichs Gelüste nicht auf die deutsche Kaiserkrone, und die Vergrößerungen Preußens im Laufe seiner Regierungszeit brachten ihm zwar 3,2 Millionen neue Untertanen - mehr als das Anderthalbfache dessen, was Preußen 1740 an Einwohnern gehabt hatte -, aber mehr als die Hälfte dieser „Muß-Preußen“ waren Nichtdeutsche, und zwar wiederum vornehmlich Polen.

Gewiß, Friedrich II. war im Verhältnis zu den übrigen deutschen Landesherren seiner Zeit sehr gebildet; er besaß auch sicher mehr Verstand als alle Hohenzollern, die vor oder nach ihm Brandenburg-Preußen regiert haben, und er war in bezug auf seine eigene Person sehr aufgeklärt. Aber der preußische Staat, den er seinen unbedeutenden Nachfolgern hinterließ, war - vielleicht von Mecklenburg abgesehen - der kulturell rückständigste, politisch am wenigsten freie, seine Volksmassen am härtesten unterdrückende Staat in Deutschland.

Friedrichs Preußen war auch ein verhältnismäßig armes und wirtschaftlich wenig entwickeltes Land, dessen Kräfte nicht ausreichten, die ehrgeizigen Machtansprüche seines Herrschers zu erfüllen: Das verlockte Friedrich II. und viele seiner Nachfolger zu einer Politik, die alle inneren Schwierigkeiten auf Kosten anderer, reicherer Länder zu „lösen“ trachtete, das heißt: Raubkriege gegenüber eigenem Aufbau bevorzugte. Preußen war den Hohenzollern, die Land und Leute als ihr persönliches Eigentum ansahen, immer zu klein.

„Ich wünschte, daß wir genug Provinzen besäßen, um 180.000 Mann (Soldaten), also 44.000 mehr als jetzt, zu unterhalten“, schrieb Friedrich II. zwölf Jahre nach seinem Regierungsantritt, und er begründete diese Forderung nach noch mehr Land und noch mehr Soldaten damit, daß Preußen einen unversöhnlichen Feind hätte, nämlich die österreichischen Habsburger, von denen ständig Krieg drohe. Daraus folge, „daß das Militär im Königreich (Preußen) die erste Stelle einnehmen muß“. Was der König nicht erwähnte, waren die Gründe für die Unversöhnlichkeit der Habsburger, und um diese voll zu verstehen, muß man sich die Beteiligten einmal ohne den Heiligenschein ihres angeblichen Gottesgnadentums vorstellen, am besten wieder als Mafia-Bosse, denn nur in der Unterwelt gelten heute noch so offen jene Regeln, die das Verhalten der absoluten Fürsten des 18. Jahrhunderts bestimmten:

Da war also der langjährige Chef der Organisation, den man scherzhaft „den Kaiser“ und vertraulich „Karl“ nannte. Der alte Herr hatte nicht mehr viel Einfluß auf das einst mächtige Reich, in dem jeder Unterführer in seinem Bezirk selbst als kleiner König auftrat, aber seine Hausmacht war noch intakt. Sie sollte, das war so abgemacht und auch von den rivalisierenden Organisationen ausdrücklich bestätigt worden, nach „Kaiser“ Karls Tod allein dessen Tochter Maria Theresia gehören, und „die Resi“, wie man sie nannte, sollte dann auch dem Namen nach Chefin der losen Dachorganisation werden, die man als „das Reich“ bezeichnete.

Aber kaum war „der Kaiser“ gestorben, da verbündeten sich einige der Unterführer mit der schärfsten Konkurrenz ihrer Organisation, dem West-Syndikat, einer mächtigen Gruppe französischer Gangster. Gemeinsam mit den Franzosen begannen sie damit, der zweiundzwanzigjährigen Resi eine reiche Einnahmequelle nach der anderen abzunehmen.

Resis Leute kamen in arge Bedrängnis, und diese Notlage nutzte ein bis dahin neutraler, von Resis Vater bislang mit Taschengeld versehener junger Mann, der Sohn des „Schläger-Königs“, brutal aus. „Kanonen-Fritz“, wie man ihn bald nannte, war in der Unterwelt bis dahin als ein von seinem Vater schlecht behandelter Playboy betrachtet worden; der studiert und dabei allerlei „rote“ Ansichten erworben hatte, außerdem bereit war, für Geld seinen Vater, den „Schläger-König“, und dessen Bande zu bespitzeln. Er hatte im selben Jahr wie die Resi die Führung in seinem Bezirk übernehmen müssen, und niemand war auf den Gedanken gekommen, daß „der Kleine“ Ärger machen würde. Aber kaum war er an der Macht, fiel er der Resi in den-Rücken und nahm ihr das „schlesische Viertel“ ab, dessen reiche Geschäftsleute bislang nur an den „Kaiser“ „Schutzgelder“ bezahlt hatten. Nun machten sich dort die Schlägertrupps des „Kanonen-Fritz“ breit, und dieser schloß mit Resis Anwälten heimlich einen Vergleich: Er sollte das „schlesische Viertel“ vorerst behalten und sich dafür verpflichten, künftig Ruhe zu geben. „Kanonen-Fritz“ versprach dies feierlich, und die Resi konnte sich nun darauf konzentrieren, die anderen Unterführer und die Leute vom französischen Syndikat zu bekämpfen, die ihr beträchtliche Teile ihrer ererbten Hausmacht abgenommen hatten und sogar so weit gegangen waren, einen aus ihrer Mitte, den „Bayern-Karl“, zum neuen Chef der Dachorganisation zu wählen.

Resis Leute machten diesem Spuk jedoch ein Ende, und sie hätten sogar die französischen Gangster aus den früher vom „Kaiser“ kontrollierten, dann an das „Syndikat“ abgetretenen Bezirken vertrieben, wäre ihnen nicht der „Kanonen-Fritz“ abermals in den Rücken gefallen und, unter Bruch der Abmachungen, tief in die Gegend um den Prager-Platz eingedrungen, wo Resis Haupteinnahmequellen waren.

So ging es noch lange hin und her. Am Ende behielt der wortbrüchige „Kanonen-Fritz“ das „schlesische Viertel“ endgültig für sich und vergrößerte damit seine Einnahmen sehr beträchtlich. Ja, und in seinem Testament warnte er alle künftigen Führer seiner Schlägerbande vor der Resi und deren Familie; man müsse sich vor denen hüten und immer die Schlagringe bereit halten, um einen Angriff dieses „unversöhnlichen Gegners“ zurückzuschlagen ...

Dies nur zur Erläuterung der „hohen Moral“ Friedrichs II., der in seiner Jugend den „Antimachiavell“ geschrieben und darin die Forderung aufgestellt hatte, daß auch die Politik moralisch sein müsse.“

 

Fazit

 

Bei Menschen, die in ihrer Jugend zu extremen Ansichten neigen, ist die Gefahr groß, dass sie weiterhin extrem bleiben – auch dann, wenn Gedanken und Taten in eine vollständig andere Richtung gehen.

 

Erste Polnische Teilung

 

Franz Herre: „Im Gegensatz zu Joseph II. habe sie „eine sehr geringe Meinung von unseren Ansprüchen“ in Polen, bemerkte Maria Theresia im Jahr darauf. Aber gebot es nicht die österreichische Staatsräson, das polnische Feld nicht allein Rußland zu überlassen? Aus preußischer Staatsräson war Friedrich II. daran interessiert, Rußland sich nicht auf den Pelz rücken zu lassen und das Fell Polens mit diesem und eventuell auch mit Österreich zu teilen. Katharina II. lockte: Sie sehe es nicht ein, warum nicht alle Welt zugriffe; jedermann müsse etwas haben.

Der Preußenkönig mußte nicht überredet werden, einigte sich mit der Zarin über eine Teilung Polens, gelangte - wie es der preußische Historiker Ranke formulierte - an den „Wendepunkt zweier historischer Perioden“. Im Zweifelsfall war bereits in der alten die Macht dem Recht vorgegangen, in der neuen ersparte es sich der Machiavellist, Gewaltanwendung juristisch zu bemänteln; nur noch „das Recht des Stärkeren“ begann zu zählen.

Am 17. Februar 1772 schlossen Rußland und Preußen einen Teilungsvertrag, in dem die Möglichkeit eines Krieges mit einem sich widersetzenden Österreich bedacht war. „Am leichtesten wäre es wohl, einzugehen auf die uns angebotene Teilung Polens“, erklärte Maria Theresia. „Aber mit welchem Rechte kann man einen Unschuldigen berauben, den verteidigen und unterstützen zu wollen wir uns immer gerühmt haben?“ Der Hinweis, Österreich dürfe „nicht allein bleiben zwischen den zwei anderen Mächten - Preußen und Rußand -, ohne irgendwelchen Vorteil zu ziehen, scheint mir nicht zu genügen, ja nicht einmal ein ehrenhafter Vorwand zu sein, um sich zwei ungerechten Usurpatoren in der Absicht zuzugesellen, ohne irgendeinen Rechtsanspruch einen Dritten noch mehr zu verderben“.

Diese Denkschrift vom Februar 1772 war an Joseph II. und Kaunitz gerichtet, die für die „Partage“ plädierten, Österreich als Dritten im Bunde der Teilungsmächte sehen wollten, um an der Beute zu partizipieren und einen Konflikt mit Rußland und Preußen zu vermeiden. „Aller Partage ist unbillig in seinem Grund und für uns schädlich“, erwiderte sie ihnen am 17. Februar 1772, am Tage des russisch-preußischen Vertragsabschlusses.

Der Einwand der Prinzipienpolitikerin hielt den Einsprüchen ihres Sohnes und Kanzlers wie der Einsicht der Realpolitikerin nicht lange stand. „Da wir es mit einer viel stärkeren Partei zu tun hatten, die schon längst untereinander einig war“, hätte Wien das Anerbieten aus Sankt Petersburg und Berlin, sich an der Aufteilung Polens zu beteiligen, nicht abschlagen können, gestand sie am 2. Juli 1772. Einen Monat später, am 5. August, unterzeichnete Österreich zusammen mit Rußland und Preußen den „Partagetraktat“.

„Die unglückliche Teilung Polens“ habe sie zehn Jahre ihres Lebens gekostet, klagte Maria Theresia. „Durch wie lange Zeit habe ich mich dagegen gewehrt! Nur die Schlag auf Schlag sich folgenden Unglücksfälle der Türken, die Aussichtlosigkeit, von Frankreich oder England Beistand zu erhalten, die Wahrscheinlichkeit, allein einen Krieg gegen Rußland und Preußen führen zu müssen, Elend, Hungersnot und verderbliche Krankheiten in meinen Ländern zwangen mich, auf diese unseligen Vorschläge einzugehen, die einen Schatten werfen auf meine ganze Regierung. Gott wolle, daß ich dafür nicht noch in der anderen Welt zur Verantwortung gezogen werde.“

„Sie weinte, doch sie nahm“, bemerkte Friedrich II. Der Preuße bekam 35.000, die Russin 110.000 und die Österreicherin 70.000 Quadratkilometer, ein weiteres Königreich, Galizien und Lodomerien mit der Hauptstadt Lemberg. Als Landbrücke zwischen dem österreichischen Polen und Siebenbürgen gewann sie 1775 die unter türkischer Oberhoheit stehende Bukowina. Dies war der Preis für den 1774 vermittelten Frieden von Kütschük Kainardsche zwischen Sankt Petersburg und Konstantinopel.

Als Trostpreis erschien er Maria Theresia. Katharina hatte bei der polnischen Teilung den Bärenanteil erhalten und bekam nach dem siegreich geführten und erfolgreich beendeten russisch-türkischen Krieg Asow und einen Teil der Krim sowie freie Hand in den Donaufürstentümern Moldau und Walachei. Rußland, nun endgültig eine formidable Großmacht, war ein gefährlicher Nachbar Österreichs geworden, wurde sein Rivale im Osten, wo es sich mit dem Gewinn aus der polnischen Teilung nicht zufriedengab, und auf dem Balkan, wo es die Türken Schritt um Schritt zurückdrängte und den Österreichern in die Quere kam.

Mit der „Vergrößerung dieser beiden Puissancen“, Rußlands und Preußens, durch die polnische Teilung habe das Unheil seinen Lauf genommen, klagte die Österreicherin. Dem alten Gegner in Potsdam war ein beträchtlicher, der neuen Gegnerin in Sankt Petersburg ein gewaltiger Vorteil verschafft worden. Um mithalten zu können, strich sie einen bedeutenden Landgewinn ein, und um sich persönlich für erlittene Unbill einigermaßen zu entschädigen, ließ sie sich aus den Einkünften Galiziens jährlich 100.000 Gulden zu ihrer Verfügung auszahlen.

Ihr Gewissen war nicht beschwichtigt. Es quälte sie, daß im Widerstreit zwischen Moral und Macht wieder einmal die letztere gewonnen hatte, gewinnen mußte, wenn sie ihre Pflichten gegenüber ihrem Land und ihren Leuten erfüllen wollte. „Ein Fürst besitzt keine andere Berechtigung als jeder Privatmann“, hatte sie zu Beginn ihrer Herrschaft erklärt und damit gemeint, daß die Zehn Gebote nicht nur für das Privatleben, sondern auch für das Staatsleben gültig seien.

Inzwischen war ihr schmerzhaft bewußt geworden, daß Moral und Macht nicht immer und immer weniger zur Deckung zu bringen waren, in einer Zeit, in der Machiavellisten im Kommen waren und Antimachiavellisten den kürzeren zogen. Man müßte, seufzte sie, wie ein Preuße handeln und gleichzeitig den Anschein der Ehrlichkeit bewahren. Handeln mußte sie so, heucheln wollte sie nicht. Ehrlichkeit in der Politik war selbst ihr nicht immer möglich, doch weil sie darauf so großen Wert legte, litt sie zunehmend unter den faulen Kompromissen, welche die Moralistin mit der Regentin zu schließen hatte.

Maria Theresia ahnte, was aus der „Verletzung von allem, was bisher heilig und gerecht war, hervorgehen wird“. Sie sei zu „fernerer Tragung der Regierungslast“ nicht mehr in der Lage, befinde sich „in einem traurigen Zustand, und es ist eine Grausamkeit, mir eine lange Fortsetzung dessen zu wünschen“, klagte die Mittfünfzigerin, durch die Belastung der polnischen Problematik niedergedrückt. Doch sie überstand ein halbes Jahrzehnt später, im bayerischen Erbfolgekonflikt, noch einen weiteren Streit zwischen ihrer moralischen und ihrer politischen Seele.“

Stefan Zweig im Buch „Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters“:

„Aber diesmal – Verhängnis! – muß die tragische alte Frau sich selber untreu werden, denn Maria Theresia hat seit einiger Zeit ernste politische Sorgen. Eine dunkle und nicht eben saubere Sache ist in Wien im Gange. Vor Monaten schon war von Friedrich dem Großen, den sie als den leibhaftigen Sendboten Luzifers auf Erden haßt, und von Katharina von Rußland, welcher sie ebenso gründlich mißtraut, das peinliche Angebot einer Teilung Polens gekommen, und der begeisterte Beifall, den diese Idee bei Kaunitz und ihrem Mitregenten Joseph II. findet, verstört seitdem ihr Gewissen. »Alle Partage ist unbillig in seinem Grund, und für uns schädlich. Ich kann diesen Antrag nicht genug bedauern und muß bekennen, daß mich sehen zu lassen schäme.« Sofort hat sie diese politische Idee als das erkannt, was sie ist, als moralisches Verbrechen, als Raubzug gegen ein wehrloses und schuldloses Volk. »Mit welchem Recht dürfen wir einen Unschuldigen ausrauben, den zu schützen wir immer uns gerühmt haben?« In ernster und reiner Entrüstung lehnt sie den Vorschlag ab, gleichgültig dagegen, daß man ihre sittlichen Bedenken für Schwäche auslegen könnte. »Gelten wir lieber für schwach als für unehrlich«, sagt sie edel und klug. Aber Maria Theresia ist längst nicht mehr Alleinherrscherin. Joseph II. ihr Sohn und Mitkaiser, träumt einzig von Krieg und Reichsvermehrung und Reformen, während sie, der labilen und künstlichen Staatsform Österreichs weise bewußt, einzig an Erhalten und Bewahren denkt; um ihrem Einfluß entgegenzuarbeiten, läuft er ängstlich dem militärischen Mann nach, der seiner Mutter erbittertster Feind gewesen, Friedrich dem Großen, und zur tiefsten Bestürzung sieht die alternde Frau ihren getreuesten Diener Kaunitz, den sie groß gemacht, sich dem steigenden Stern ihres Sohnes zuneigen. Am liebsten möchte sie, abgearbeitet, müde, in allen ihren Hoffnungen als Mutter wie als Herrscherin enttäuscht, die Staatsmacht niederlegen. Aber die Verantwortung hält sie zurück, sie ahnt mit prophetischer Sicherheit – hier ist die Situation geheimnisvoll ähnlich jener Franz Josephs, der, gleichfalls müde, gleichfalls die Macht nicht aus den Händen ließ –, daß von dem fahrigen unruhigen Geist dieses hastigen Reformers sofort sich Unruhe im ganzen mühsam beherrschten Reich verbreiten werde. So kämpft diese fromme und zutiefst redliche Frau bis zur letzten Stunde um das, was ihr als das Höchste gilt: um die Ehre: »Ich bekenne,« schreibt sie, »daß zeit meines Lebens nicht so beängstiget mich gefunden. Als alle meine Länder angesprochen wurden, steiffete ich mich auf mein gutes Recht und den Beistand Gottes. Allein im gegenwärtigen Fall, wo nicht allein das Recht auf meiner Seiten nicht vorhanden, sondern Verbindlichkeiten, Recht und Billigkeit wider mich streitten, bleibt mir keine Ruhe, vielmehr Unruhe und Vorwürffe eines Herzens übrig, so niemahlens Jemanden oder sich selbsten zu betäuben oder Duplicität für Aufrichtigkeit gelten zu machen gewohnet wäre. Treue und Glauben ist für allezeit verlohren, so doch das gröste Kleinod und die wahre Stärcke eines Monarchen gegen die anderen ist.«

Aber Friedrich der Große hat ein robustes Gewissen und spottet in Berlin: »Kaiserin Katharina und ich, wir beide sind zwei alte Briganten, doch wie macht sich das diese Devote mit ihrem Beichtvater aus?« Er drängt, und Joseph II. droht, immer wieder beschwört er die Unvermeidlichkeit eines Krieges herauf, wenn Österreich sich nicht füge. Schließlich, unter Tränen, mit verwundetem Gewissen und weher Seele gibt Kaiserin Maria Theresia nach: »Ich bin nicht stark genug, allein die affaires zu führen, mithin lasse, jedoch nicht ohne meinen größten Gram, selbe ihren Weg gehen,« und unterschreibt mit der Rückendeckung »weil alle klugen und erfahrenen Männer dazu raten.« Aber im innersten Herzen weiß sie sich mitschuldig und zittert vor dem Tag, da der geheime Traktat und seine Folgen vor der Welt offenbar werden. Was wird Frankreich sagen? Wird es gleichgültig diesen räuberischen Überfall auf Polen in Hinblick auf die Allianz dulden oder einen Anspruch bekämpfen, den sie selber als nicht rechtmäßig empfindet (mit eigener Hand streicht ja Maria Theresia das Wort »rechtmäßig« aus dem Okkupationsdekret).“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/marie-antoinette-6856/5

Polen hatte sich selbst innenpolitisch geschwächt und wurde so zum Spielball auch ausländischer Mächte:

„Das so genannte Liberum Veto (lat.: veto → dt.: ich verbiete) war ein Einspruchsrecht im polnischen Parlament, dem Sejm. Dort hatte jeder Abgeordnete ab dem 16. Jahrhundert die Möglichkeit (Recht), durch einen einzelnen Einspruch (Veto) einen Beschluss zu verhindern oder zu Fall zu bringen, da Entscheidungen einstimmig gefällt werden mussten.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Liberum_Veto

Tragisch ist die österreichische Beteiligung an der Ersten Polnischen Teilung, wenn mensch bedenkt, dass im Jahr 1683 Polen entscheidend an der Niederschlagung der Belagerung Wiens durch das Osmanische Reich beteiligt waren:

„Die Schlacht am Kahlenberg am 12. September 1683 beendete die Zweite Wiener Türkenbelagerung. Ein deutsch-polnisches Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Johann III. Sobieski schlug die osmanische Armee. Die Niederlage bedeutete den Anfang vom Ende der türkischen Hegemonialpolitik.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_am_Kahlenberg

 

Fazit

 

Mensch sollte einzelnen Menschen nicht die Gelegenheit geben, eine ganze Gruppe oder gar ein ganzes Land lahmlegen zu können.

Mensch sollte niemals Dankbarkeit erwarten – selbst dann nicht, wenn er einem anderen Menschen das Leben oder einem anderen Land die Existenz gerettet hat.

Durch die Polnischen Teilungen und den späteren Hitler-Stalin-Pakt ist es tief in der polnischen Seele verankert, dass es nicht gut sei, wenn Deutschland und Russland sich zu gut verstehen. Konsequenz sind Absprachen oder Bündnisse mit anderen Mächten: Frankreich und vor allem England (bzw. Großbritannien) und die USA.

Im Umkehrschluss heisst das: wer nicht möchte, dass sich Deutschland und Russland zu gut verstehen, sollte ein Bündnis mit Polen und weiteren „dazwischen“ liegenden Staaten suchen.

Aus einem früheren Beitrag des Wurms: „„Das Hauptinteresse der US-Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts, im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Vereint sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann. Unser Hauptinteresse war sicherzustellen, dass dieser Fall nicht eintritt …

Die Urangst der USA ist, dass deutsches Kapital und deutsche Technologien sich mit russischen Rohstoffen und russischer Arbeitskraft verbinden – eine einzigartige Kombination, vor der die USA seit Jahrhunderten eine Höllenangst haben.““

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/149-teile-und-herrsche.html

 

Bayerischer Erbfolgekrieg

 

Franz Herre: „Joseph II. dachte an ein größeres Österreich, das im Reich bestimmen, in Deutschland dominieren sollte. Dies rief Reichspatrioten auf den Plan, denen die Grenzen einer von ihnen gewünschten Reichsreform bewußt blieben. Wenn in einem Bund „der führende Bundesgenosse sehr viel mächtiger ist“, würden „die kleinen Bundesgenossen allmählich wie Untertanen behandelt werden“, schrieb der Staatsrechtslehrer Samuel von Pufendorf im Jahre 1667. Eine Renovatio des Imperiums, das dem Partikularismus anheimzufallen drohte, könne nur nach den ihm zugrundeliegenden Gesetzen des Föderalismus erfolgen, und das hieße auch, „daß man nicht so sehr danach trachte, fremden Besitz hinzu zu erwerben, als den eigenen zu erhalten“.

Friedrich II. hatte sich an dieses vom brandenburgischen Hofhistoriographen Pufendorf formulierte Reichsgesetz nicht gehalten. Joseph II. ging in seiner Bewunderung für Friedrich den Großen nicht so weit, daß er sich, wie der Hohenzoller, rücksichtslos und gewaltsam ein Territorium, das einem anderen Reichsfürsten gehörte, anzueignen gedachte. Der Habsburger versuchte gewissermaßen auf dem Rechtswege eine der österreichischen Staatsräson wie der habsburgischen Reichsräson entsprechende Vergrößerung seines Landes und Verstärkung seiner Macht durchzusetzen. Dazu kam ihm der bayerische Erbfolgefall wie gerufen. Am 30. September 1777 erlosch mit dem Tode des kinderlosen Kurfürsten Maximilian III. Joseph die bayerische Linie Wittelsbach. Erbe war der einem anderen Zweig der Dynastie entsprossene Kurfürst von der Pfalz, Karl Theodor, dem nun mit dem Kurfürstentum Bayern eine zweite Kurwürde zufiel. Der doppelte Elector verspürte wenig Lust, seinen gesegneten rheinischen Landen das rauhe Altbayern anzufügen und aus Mannheim, wo er das großartige Schloß vollendet und ein deutsches Nationaltheater errichtet hatte, in das noch provinziell anmutende München umzuziehen.

Am liebsten hätte Karl Theodor das geerbte Bayern gegen die österreichischen Niederlande eingetauscht, ein rheinisches Reich gegründet. Joseph II. wäre dies nicht unwillkommen gewesen, denn im Unterschied zum weit entfernten heutigen Belgien, das von Wien aus schwer im Griff zu halten war, hätte eine Eingliederung bayerischer Territorien Österreichs Staatsgebiet abgerundet und seine Position in Deutschland verstärkt.

Die Lösung, auf die man sich zunächst verständigte, beließ Joseph die Niederlande und gestand ihm Teile Bayerns zu, auf die er Erbansprüche erhob oder die er als erledigte Lehen einzuziehen gedachte. Eine entsprechende Konvention wurde am 3. Januar 1778 in Wien unterzeichnet. Der Kaiser sagte als Gegenleistung dem Kurfürsten zu, seinen Plan, ein erbliches Reichsfürstentum für seine natürlichen Söhne zu errichten, zu unterstützen. Nach der Ratifizierung der Konvention wurden die zugestandenen Gebiete in Niederbayern und der Oberpfalz durch österreichische Truppen besetzt. In Bayern, das 1740, nach dem Ableben Karls VI., Erbansprüche auf Österreich und Böhmen gestellt hatte, erhob sich patriotischer Widerspruch. In Preußen, das beim Regierungsantritt Maria Theresias das österreichische Schlesien - ohne vorhergegangenen Vertrag - okkupiert hatte, erinnerte sich Friedrich II. an Pufendorf. Der Hohenzoller pochte auf das Reichsgrundgesetz, das ihn ansonsten nicht scherte, berief sich auf den von ihm veranlaßten Protest des Erben des nicht mit legitimen Kindern gesegneten Kurfürsten Karl Theodor, Herzog Karl von Pfalz-Zweibrücken, beim Reichstag, stellte sich in Deutschland als Wächter der Reichsverfassung und in Europa als Hüter des vom Habsburger in Frage gestellten Gleichgewichtes in Positur.

Maria Theresia hatte die Zuspitzung der bayerischen Erbfolgefrage mit zunehmender Besorgnis verfolgt. Von Hause aus wäre ihr eine Kompensation für Schlesien in einem angrenzenden Gebiet mit einer stammverwandten Bevölkerung nicht unwillkommen gewesen. Aber sie scheute vor Komplikationen oder gar einem Konflikt zurück: aus Gründen der Moral und des Rechts wie auch der österreichischen Staatsräson, die sie anders als ihr Sohn und ihr Staatskanzler zu interpretieren begann.

Drei Tage nach dem Tode des Kurfürsten von Bayern bedeutete sie Joseph II.: Selbst wenn die auf das 15. Jahrhundert zurückgehenden Erbansprüche begründeter wären, müßte man zögern, wegen eines kleinen Vorteils einen großen Brand zu entfachen.

Wenn Österreich auf einer Einforderung bestehe, würde ein daraus entstehender Streit dem Erzhaus mehr schaden als nützen. Die Finanzen würden erneut strapaziert, die Untertanen belastet, das Heer vermehrt werden, und mit dem Volksglück stünde der Staatenfriede auf dem Spiel. Könnte sich der Preußenkönig in einem weiteren Krieg nicht wiederum als der Stärkere erweisen? Würde Habsburg durch ein, wenn auch nicht gegen den Buchstaben, so doch gegen den Geist der Reichsverfassung verstoßendes Vorgehen seine Reichsposition nicht eher schwächen als stärken? Liefe Österreich durch eine Infragestellung des europäischen Friedens nicht Gefahr, einen Gegner wie Rußland, aber auch einen Freund wie Frankreich gegen sich aufzubringen?

Maria Theresia stellte berechtigte Fragen, ohne auf eine eindeutige Beantwortung zu drängen. Mehr noch: Sie genehmigte die Konvention vom 3. Januar 1778, halb hingezogen von einem nach Ruhm und Größe greifenden Joseph II., halb hingesunken von der Verlockung einer Machtvermehrung, welche die Monarchin nicht von vorneherein ausschließen wollte.

Die Skrupel wurde sie nicht los, und die Erkenntnis wuchs, daß Österreich in diesem Spiel die schlechteren Karten hatte. Die Hoffnung blieb, daß die Streitfrage schiedlich und friedlich gelöst werden könnte. Wien schlug einen Kompromiß vor: Österreich würde von der ihm Annexionen in Niederbayern und der Oberpfalz erlaubenden Konvention mit Kurfürst Karl Theodor zurücktreten, wenn Preußen seine Erbansprüche auf die Markgrafschaften Ansbach und Bayreuth aufgebe. Der Hohenzoller, der sich seiner stärkeren Position bewußt war, lehnte ab und ließ Truppen gegen das im Reich wie in Europa isolierte Österreich aufmarschieren.

Diesmal trat Sachsen an die Seite Preußens und Frankreich nicht an die Seite Österreichs. Maria Theresia beklagte die Undankbarkeit des Hofes in Dresden, für den sie so viel getan hatte; auf den sie sich verlassen zu können glaubte. Die Monarchin, die auf Frankreich gesetzt hatte und immer noch baute, beschwor - über ihren Gesandten in Paris und ihre Tochter in Versailles - den König von Frankreich, seinen Bündnispartner in der Auseinandersetzung mit dem König von Preußen - der, zum Unglück Deutschlands und Europas, „nur nach eigenem Ermessen, ohne Grundsätze, aber mit Gewalt handelt“ -, nicht im Stich zu lassen …

Friedrich ll. nahm sich Zeit, ließ sie gegen Mauern angehen, und er hätte dem noch länger zugesehen, wenn ihn nicht widrige Umstände zum Nachgeben veranlaßt hätten: Der Einbruch des Winters zwang ihn zum Rückzug aus Böhmen; in dem weder Zwetschken noch Kartoffeln aufzutreiben waren, und die diplomatische Einmischung der um das europäische Gleichgewicht besorgten Großmächte Rußland und Frankreich ließ es ihm ratsam erscheinen, nicht aufs Ganze zu gehen.

Durch deren Vermittlung kam endlich am 13. Mai 1779 - an ihrem 62. Geburtstag - der Frieden von Teschen zustande. Der Hauptpreis ging an Friedrich II.: Österreich mußte sich aus dem Großteil der besetzten bayerischen Gebiete zurückziehen und Preußen die Erbfolge der Hohenzollern in den Markgrafschaften Ansbach und Bayreuth zugestehen. Als Trostpreis bekam Österreich das bayerische Innviertel mit Braunau, 2.000 Quadratkilometer mit 60.000 Einwohnern.

„Es ist ein winziger Gegenstand, wenn man daran denkt, was vielleicht hätte gelingen können“, haderte Joseph mit der Mutter. Diese hielt den Friedensvertrag nicht für „das glorioseste“ Werk ihrer Außenpolitik, dennoch für „das penibelste und nützlichste“ für die Monarchie und für sich selbst.“

 

Fazit

 

Mensch sollte sich nicht zu früh über Geschenke oder Verhandlungs-Erfolge freuen: wenn andere denken, dass mensch zu viel von etwas hat, und ihnen später schaden könnte, wird es Ärger geben.

Am Beispiel Sachsen, das dem Hause Habsburg seine Existenz verdankt, ist auch hier zu sehen: mensch verlasse sich niemals auf Dankbarkeit.

Karl Theodor (bzw. Carl Theodor) war nun nicht nur Herrscher der Kurpfalz, sondern auch von Bayern. Und er brachte seinen Hofgärtner Friedrich Ludwig Sckell mit nach München:

„1792 wurde Sckell Nachfolger seines Vaters als Hofgärtner in Schwetzingen, 1799 erhielt er zusätzlich die Position des Gartendirektors für die kurfürstlichen Gärten der Pfalz und Bayerns. 1804 wurde er Hofgartenintendant in München, wo er den Englischen Garten vollendete und große Teile des barocken Gartens von Schloss Nymphenburg in eine landschaftliche Anlage verwandelte. In München betätigte er sich zusammen mit dem Architekten Gustav Vorherr an der Planung der Stadterweiterung, insbesondere der gärtnerischen Gestaltung, im Zuge von Sonnenstraße, Karlsplatz, Sendlinger- und Isartorplatz.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ludwig_Sckell

Dadurch, dass Braunau nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg zu Österreich kam, wurde Adolf Hitler als Österreicher und nicht als Bayer geboren.

Die gesamte Kurpfalz nicht, aber doch ein Teil der Pfalz blieb bis 1933 Teil von Bayern. Deshalb konnte später Franz Josef Strauß sagen, dass Helmut Kohl eigentlich ein Bayer sei – zumindest sei er im Land Bayern geboren.

Alles hängt mit allem zusammen.

 

Joseph II. und Marie Antoinette

 

Martin Mutschlechner: „Nach dem plötzlichen Tod ihres Gatten Franz Stephan von Lothringen 1765 ernannte Maria Theresia ihren ältesten Sohn Joseph zum Mitregenten. Die fünfzehn Jahre der gemeinsamen Regentschaft waren von einem komplizierten Mutter-Sohn-Verhältnis überschattet.

Bereits 1764 war der Kronprinz in Frankfurt noch zu Lebzeiten des Vaters zu dessen Nachfolger gewählt und zum römischen König gekrönt worden. Joseph, der sich ganz der Vernunft und Rationalität verschrieben hatte, sah sich selbst als Fremdkörper im archaischen Zeremoniell der Krönungsfeierlichkeiten.

Die gemeinsame Regentschaft von Mutter und Sohn in den Jahren 1765 bis 1780 stellte eine eigenartige Konstellation dar, wie sie davor am Wiener Hof noch nie bestanden hatte. Maria Theresia blieb als Witwe Regentin der Habsburgermonarchie. Zwar hatte sie tief getroffen vom Tod ihres Gatten zunächst verlautbart, dass sie sich ganz aus der Welt zurückziehen wolle. Bald jedoch revidierte sie ihr Vorhaben.

Joseph war zwar Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, was aber damals nur mehr eine Art Ehrentitel ohne große Machtbefugnisse war. Im Habsburgerreich war er sehr zu seinem Leidwesen jedoch nur Mitregent, also „Juniorpartner“ seiner Mutter, die das Ruder fest in ihrer Hand behielt.“

http://www.habsburger.net/de/kapitel/joseph-der-zweite-im-bunde

Was von Maria Theresia zu halten ist, wird erst richtig in ihren Kindern Joseph II. und Marie Antoinette sichtbar. Die zeigen nämlich so richtig, wie man etwas radikal in den Sand setzen kann.

Joseph II. hält sich für den Größten, der nur das Beste für die Menschen will. Und wenn sie das nicht wollen, so werden sie dazu gezwungen.

Martin Mutschlechner: „Viele Bestimmungen trafen auf erbitterten Widerstand. In Ungarn und in den Niederlanden stand man knapp vor einem offenen Aufstand. Nicht nur verstockte Traditionalisten sahen sich durch die Flut von Reformmaßnahmen, die von Wien aus dekretiert wurden, bedroht und traten gegen die als Willkür empfundenen und unsensiblen Vereinheitlichungstendenzen auf.“

http://www.habsburger.net/de/kapitel/joseph-ii-reformkaiser-oder-aufgeklaerter-despot

„Wikipedia“: „Die historische Beurteilung seiner Person ist sehr unterschiedlich. Aufgrund der Überstürztheit und Radikalität seiner Maßnahmen, die das Leben des Einzelnen teilweise bis ins Kleinste bestimmten, war Joseph zu Lebzeiten unpopulär bis verhasst, und er musste einige seiner Reformen kurz vor seinem Tod wieder zurücknehmen.

Unter der Regentschaft seines bis zum Starrsinn reaktionären Neffen Franz II./I. wurde er hingegen allmählich zu einer mit Nostalgie verklärten Lichtgestalt. Die Revolution von 1848 brachte eine wahre „Josephsrenaissance“ hervor, es gab neu aufgelegte Bücher über ihn und das Reiterdenkmal am Josephsplatz stand mehrfach im Mittelpunkt politischer Kundgebungen. Die erwarteten Reformen wurden von einigen als Fortsetzung seiner Arbeit gesehen.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_II.

 

Österreichische Niederlande

 

Franz Herre: „Die österreichischen Niederlande seien „das einzige glückliche Land, das uns stets so viele Hilfsmittel geliefert hat“, resümierte Maria Theresia. Wenn dies so bleiben solle, müsse man stets beachten, daß „dieses Volk mit geradezu lächerlicher Voreingenommenheit am alten hängt, daß es gehorsam und anhänglich ist und mehr Abgaben zahlt als unsere ausgesogenen und unzufriedenen deutschen Länder! Was will man mehr beanspruchen?“ Sie glaube deshalb nicht, „daß im wesentlichen an der Verfassung und Regierungsform etwas zu ändern ist“ und etwas verändert werden dürfe. Joseph Il., an den diese Mahnung gerichtet war, hielt sich nicht daran, versuchte nach dem Tod der Mutter auch diese Provinz umzukrempeln, verletzte als eifernder Aufklärer die religiösen Gefühle und als entschiedener Absolutist die politischen Gerechtsame dieses Volkes, provozierte eine Revolte, die sich zur Revolution steigerte und mit dem Abfall der österreichischen Niederlande endete.

Wenn sie es nicht schon empfunden hatten, so wußten es die Belgier nach ihren Erfahrungen mit Joseph II., was sie an Maria Theresia gehabt und mit ihr verloren hatten. Das Idealbild und der Lobpreis, die zu ihren Lebzeiten in Gedenkmünzen eingeprägt worden waren, blieben im Gedächtnis haften, bis heute. „Auch zum Ende unseres 20. Jahrhunderts brauchen diese Urteile nicht revidiert werden. Man muß sie höchstens in mancher Facette schattieren“, erklärt der Historiker Albert Duchesne. »Es gibt noch heute kaum Belgier, die im Herzen nicht etwas Dankbarkeit für die goede Keizerin behalten haben.“

 

Lombardei

 

Franz Herre: „Die Gesellschaft der Entwicklung anzupassen und aus der Modernisierung nicht zuletzt selber zu profitieren, hatte sich der Staat zur Aufgabe gestellt. In Mailand wurde sie von den österreichischen Administratoren und ihren italienischen Mitarbeitern übernommen. Sie lösten sie so gut, daß die Lombardei sich an die Spitze des Fortschritts auf der Apenninenhalbinsel setzte und diesen Platz im Italien des 19. und 20. Jahrhunderts behauptete.

In Wien, in der von Kaunitz geleiteten Staatskanzlei und deren Dipartimento d'Italia, dem der dem Zeitgeist aufgeschlossene Joseph von Sperges vorstand, wurden die Reformen geplant, von Maria Theresia abgesegnet und von ihrem Mitregenten Joseph II. vorangetrieben. Vor Ort wurden sie nicht nur ausgeführt, sondern auch en gros angeregt und en detail mitgestaltet. In Mailand fungierten die bevollmächtigten Minister als Vermittler zwischen der Krone und der Provinz …

Von oben wurde verfügt, was von unten verlangt wurde. Ausgangspunkt der Reformen war der Theresianische Kataster, der zuerst in der Lombardei und dann in den anderen Ländern der Habsburgerin eingeführt wurde. Das aus dem Mittelalter stammende Wort capitastrum, das Kopfsteuerliste bedeutete, wurde zu einem Grundbegriff neuzeitlicher Staatsverwaltung. Die Aufnahme, Schätzung und das Verzeichnis der gesamten Grundstücke diente als Grundlage für die Festsetzung und Erhebung der Grundsteuer.

Diese Maßnahme kam allen zugute: zunächst dem Staat, der seine Einnahmen sicherte und steigerte, aber auch den Eigentümern, die durch die Festlegung des Grundbesitzwertes und des Grundsteuerbetrages vor Steuererhöhungen verschont blieben, wenn sie ihre Einkommen durch Bodenverbesserungen mehrten. Die Folge war, daß bisher unbebautes Land kultiviert wurde, der Ertrag wuchs und die Ökonomie gedieh.

Auf dieser Basis baute man eine Reform nach der anderen auf: Bürger und Adelige wurden gleich besteuert, das Steuerpächtersystem abgeschafft, der Steuerdruck für alle verringert, Anreize zur Leistung geschaffen. Das Land wurde in Provinzen, Distrikte und Gemeinden eingeteilt, denen der Staat eine gewisse, nicht zu weit gehende, nur von Grundsteuerpflichtigen getragene Selbstverwaltung einräumte. Überkommene Privilegien von Kommunen und Korporationen wurden abgeschafft, Zünfte aufgehoben, Relikte des Feudalismus beseitigt. Das war hier leichter als anderswo, denn in der Lombardei dominierte nicht ein ländlicher Adel, sondern das städtische Patriziat.

Aus Eigennutz förderte der Staat des aufgeklärten Absolutismus den Gemeinnutz, ebnete den Weg zu einer gleichen Gesellschaft und einem freien Staatsbürgertum, sorgte schon jetzt für deren wirtschaftliche Voraussetzungen. Die Landwirtschaft wurde gehoben, die Industrie vorangebracht, der Handel begünstigt. Maria Theresia setzte die Zölle auf Waren aus der Lombardei nach den anderen Ländern ihres Herrschaftsbereiches auf die Hälfte herab.

Etatismus und Merkantilismus in der modernisierten Form der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts blieben Antriebskräfte der Reformen, die über Staatsverwaltung, Finanzverfassung und Wirtschaftsförderung hinausgriffen. Das Justizwesen wurde verbessert, die Folter abgeschafft. Das Erziehungswesen wurde nach der Auflösung des Jesuitenordens neu organisiert.

Vor den Pforten der Kirche wurde nicht haltgemacht. In Mailand errichtete Kaunitz 1768 die Giunta Economale mit der Aufgabe, das Spannungsverhältnis zwischen Staat und Kirche im Sinne eines aufgeklärten Staatskirchentums in einer für die gesamte Monarchie vorbildlichen Weise zu lösen. „Alle Bürger des Staats sind Untherthanen des Staats. Die Clerisey ist ein Theil der Bürger des Staats“, hieß es in der Instruktion des Staatskanzlers für die Giunta. „Die Clerisey kann also nicht unabhängig seyn, und wenn sie sich als unabhängig zu betrachten und zu betragen unternehmete, würde sie sich eines ungezweifelten Staatsverbrechens schuldig machen.“

Die Richtung war gewiesen: Das Sacerdotium sollte auf Lehre, Sakramente und Gottesdienst beschränkt, das Regnum wie den Staat so auch die Kirche beherrschen. Ein Weg war beschritten, der zur Einschränkung der geistlichen Gerichtsbarkeit, der Aufhebung des Asylrechtes der Kirche, der Ersetzung von kirchlichen durch staatliche Schulen und zur Schließung von Klöstern führte; noch unter Maria Theresia wurden in der Lombardei 80 Klöster aufgelöst, ihr Vermögen beschlagnahmt und für Aufgaben verwendet, die der Staat der Kirche abgenommen hatte …

Die Mailänder seien, so Pietro Verri, unter Maria Theresia so glücklich gewesen, „wie es unter einer absoluten Regierung nur überhaupt möglich ist“. Weniger zufrieden, fügte der italienische Mitgestalter der theresianischen Reformen hinzu, seien sie unter Joseph II. geworden, der zwar aufgeklärter, aber despotischer als die Mutter war, die Zuneigung der Lombarden zu Habsburg unter einer Lawine überzogener zentralistischer Reformen verschüttete.

„Österreichs Ziel einer bürokratischen Zentralisierung verletzte die scheinbare Autonomie, die Maria Theresia gewährt hatte“, bilanzierte der italienische Historiker Adolfo Omodeo, und die von ihr geförderte Entwicklung der Kultur „mußte die Lombarden unvermeidlich von der Fremdherrschaft entfernen.“

So kam es, daß das Musterland der habsburgischen Reformpolitik ein Pionierlager der italienischen Nationalbewegung wurde. Die Problematik von Reformen im allgemeinen offenbarte sich im besonderen in der Lombardei. Der Stein, der ins Rollen gebracht worden war, konnte nicht an einem den österreichischen Reformern beliebigen Punkt angehalten werden. Er rollte über das gesteckte Ziel hinaus, und schließlich endete die „Revolution von oben“ in einer „Revolution von unten“.

Schon von Joseph II. waren die Reformen weiter getrieben worden, als es Maria Theresia recht sein konnte. Sie hatte versucht, mit alten dynastischen und neuen etatistischen Mitteln die Progression auf die Mühlen ihres Hauses zu leiten. Doch es stellte sich heraus, daß das, was gut für die Italiener, nicht gut für Habsburg war.“

 

Marie Antoinette

 

Stefan Zweig hat in seinem Buch „Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters“ http://gutenberg.spiegel.de/buch/marie-antoinette-6856/1 eine sehr schöne Beschreibung der französischen Königin und der Zeit vor und während der Französischen Revolution bis zu ihrer Hinrichtung hinterlassen.

Eigentlich handelt es sich bei Marie Antoinette um einen „niederen“ Charakter. Damit ist kein schlechter Charakter gemeint, sondern ein auf sich bezogener, der sich ausschließlich amüsieren will und keine Verantwortung außerhalb der eigenen Äußerlichkeiten übernimmt.

Erst nach der Geburt ihrer Kinder und erst nachdem sie sich ob ihrer Vergnügungs-Sucht den Zorn des französischen Volkes zugezogen hat, wacht sie auf und wird ein seriöser Mensch.

Wer sich für die Französische Revolution interessiert, wird kaum etwas Besseres als Stefan Zweigs Biographie über Marie Antoinette finden.

Treffend für sie selbst und Joseph II. ist folgendes Kapitel:

„Im Jahre 1776 und im Karneval 1777 erreicht der Vergnügungstaumel Marie Antoinettes den höchsten Punkt der scharf ansteigenden Kurve. Die mondäne Königin fehlt bei keinem Rennen, keinem Opernball, keiner Redoute, nie kommt sie vor Morgengrauen nach Hause, ständig meidet sie das eheliche Bett. Bis vier Uhr früh sitzt sie vor dem Spieltisch, ihre Verluste und Schulden erregen bereits öffentliches Ärgernis. Verzweifelt schmettert der Botschafter Mercy Bericht auf Bericht nach Wien: »Ihre Königliche Majestät vergißt vollkommen ihre äußere Würde«, es sei kaum möglich, sie zu belehren, denn »die verschiedenen Arten des Vergnügens folgen einander mit solcher Geschwindigkeit, daß man nur mit größter Mühe einige Augenblicke findet, mit ihr von ernsten Dingen zu sprechen«. Seit langem habe man Versailles nicht so verlassen gesehen wie in diesem Winter; im Laufe des letzten Monats hätten sich die Beschäftigungen der Königin oder, besser gesagt, ihre Vergnügungen nicht geändert oder vermindert. Es ist, als ob ein Dämon sich dieser jungen Frau bemächtigt habe: nie war ihre Unruhe, ihre Unrast unsinniger als in diesem entscheidenden Jahr.

Die Reise Josephs II. nach Paris hat einen dreifachen Zweck. Er soll, Mann zu Mann, mit dem König, seinem Schwager, über die heikle Angelegenheit der noch immer nicht vollzogenen ehelichen Pflichten reden. Er soll mit der Autorität des ältern Bruders seiner vergnügungssüchtigen Schwester den Kopf waschen, ihr die politischen und menschlichen Gefahren ihrer Vergnügungssucht vor Augen halten. Drittens soll er das staatliche Bündnis zwischen dem französischen und österreichischen Herrscherhaus menschlich festigen.

Zu diesen drei ihm vorgesetzten Aufgaben fügt Joseph II. freiwillig noch eine vierte hinzu: er will die Gelegenheit dieses auffälligen Besuches wahrnehmen, ihn noch auffälliger zu machen, und für seine eigene Person möglichst viel Bewunderung einheimsen. Dieser im Innersten ehrenhafte, nicht unkluge, wenn auch nicht übermäßig begabte und vor allem eitle Mann, leidet seit Jahren an der typischen Kronprinzenkrankheit; es verärgert ihn, als erwachsener Mann noch immer nicht frei und unbeschränkt herrschen zu dürfen, sondern im Schatten seiner berühmten, gefeierten Mutter auf der politischen Bühne bloß die zweite Rolle zu spielen oder, wie er sich ärgerlich ausdrückt, »das fünfte Rad am Wagen zu sein«. Gerade weil er weiß, daß er die große Kaiserin, die ihm im Lichte steht, weder an Klugheit noch an moralischer Autorität übertreffen kann, sucht er sich für diese Nebenrolle eine besonders hervorstechende Nuance. Wenn sie vor Europa schon die heroische Auffassung des Herrschertums versinnlicht, will er für seinen Teil den Volkskaiser spielen, den modernen, philanthropischen, vorurteilsfreien, aufgeklärten Landesvater. Er geht als Arbeitsmann hinter dem Pflug, er mischt sich im schlichten Bürgerrock unter die Menge, er schläft im einfachen Soldatenbett, er läßt sich zur Probe auf dem Spielberg einsperren, sorgt aber gleichzeitig dafür, daß die Welt diese ostentative Bescheidenheit im weitesten Maße erfährt. Bisher konnte Joseph II. diese Rolle des leutseligen Kalifen aber nur vor seinen eigenen Untertanen verkörpern; diese Reise nach Paris bietet ihm endlich Gelegenheit, auf der großen Weltbühne aufzutreten. Und schon viele Wochen vorher studiert der Kaiser seine Bescheidenheitsrolle mit allen nur denkbaren Einzelheiten ein.

Zur Hälfte ist Kaiser Joseph diese Absicht gelungen. Zwar hat er die Geschichte nicht zu täuschen vermocht, sie verzeichnet in seinem Schuldbuch Fehler über Fehler, verfrühte, ungeschickt eingeführte Reformen, verhängnisvolle Voreiligkeiten, und vielleicht nur sein frühzeitiger Tod hat Österreich vor dem schon damals drohenden Zerfall bewahrt; aber die Legende, gutgläubiger als die Geschichte, sie hat er sich gewonnen. Lange wurde noch das Lied von dem gütigen Volkskaiser gesungen, unzählige Kolportageromane schildern, wie ein edler Unbekannter in schlichten Mantel gehüllt, Wohltaten mit linder Hand übt und die Mädchen aus dem Volke liebt; berühmt ist von diesen Romanen der immer wiederkehrende Schluß: der Unbekannte schlägt den Mantel auf, man erblickt staunend eine prunkvolle Uniform, und der edle Mann wendet sich weiter mit den tiefsinnigen Worten: »Meinen Namen werdet ihr nie erfahren, ich bin der Kaiser Joseph.«

Ein törichtes Scherzwort, aber doch, es ist aus Instinkt klüger, als man denkt: in fast genialer Weise karikiert es jene historische Eigenheit Kaiser Josephs, einerseits den bescheidenen Mann zu spielen und gleichzeitig alles zu tun, daß diese Bescheidenheit auch gehörig bewundert werde. Seine Reise nach Paris gibt davon eine bezeichnende Probe. Denn Kaiser Joseph II. reist selbstverständlich nicht als Kaiser nach Paris, er will kein Aufsehen, sondern als Graf Falkenstein, und stärkstes Gewicht wird darauf gelegt, daß niemand von diesem Inkognito erfahre. In langen Schriftstücken wird festgelegt, daß niemand ihn anders als »Monsieur« ansprechen darf, auch der König von Frankreich nicht, daß er nicht in Schlössern wohnen und nur schlichte Mietwagen benutzen will. Selbstverständlich wissen aber alle Höfe Europas auf Tag und Stunde genau sein Eintreffen; gleich in Stuttgart spielt ihm der Herzog von Württemberg einen schlimmen Streich und befiehlt, sämtliche Schilder von den Gasthäusern zu entfernen, so daß dem Volkskaiser nichts anderes übrig bleibt, als doch im Palais des Herzogs zu schlafen. Aber mit pedantischer Starrheit hält der neue Harun al Raschid bis zum letzten Augenblick an seinem längst weltbekannten Inkognito fest. Im einfachen Fiaker fährt er in Paris ein, steigt im Hotel de Tréville, dem heutigen Hotel Foyot, als unbekannter Graf Falkenstein ab; in Versailles nimmt er ein Zimmer in einem minderen Haus, schläft dort, als wäre er im Biwak, auf einem Feldbett, bloß mit dem Mantel bedeckt. Und er hat richtig gerechnet. Für das Pariser Volk, das seine Könige nur im Luxus kennt, ist ein solcher Herrscher Sensation, ein Kaiser, der in den Hospitälern die Armensuppen kostet, der den Sitzungen der Akademieen, den Verhandlungen im Parlament beiwohnt oder die Schiffer, die Kaufleute, die Taubstummenanstalt, den Botanischen Garten, die Seifenfabrik, die Handwerker besucht; Joseph sieht viel in Paris und freut sich zugleich, gesehen zu werden; er entzückt alle durch seine Leutseligkeit und ist selber noch mehr entzückt über den begeisterten Beifall, den er dafür findet. Mitten in solcher Doppelrolle zwischen Echt und Unecht bleibt dieser geheimnisvolle Charakter sich seines Zwiespalts ständig bewußt, und vor seinem Abschied schreibt er an seinen Bruder: »Du bist mehr wert als ich, aber ich bin mehr Scharlatan, und in diesem Lande muß man es sein. Ich bin mit Vorbedacht und aus Bescheidenheit einfach, aber ich übertreibe das mit Absicht; ich habe hier einen Enthusiasmus erregt, der mir wirklich schon peinlich wird. Ich verlasse dieses Königreich sehr zufrieden, aber ohne Bedauern, denn ich habe schon genug von meiner Rolle.«

Neben diesem persönlichen Erfolg erreicht Joseph auch die vorgezeichneten politischen Ziele; vor allem geht die Aussprache mit seinem Schwager über die bewußte heikle Angelegenheit überraschend leicht vonstatten. Ludwig XVI., ehrlich und jovial, empfängt seinen Schwager mit vollem Vertrauen. Es hat Friedrich dem Großen nichts geholfen, daß er seinem Gesandten, Baron Goltz, Anweisung gab, in ganz Paris zu verbreiten, daß Kaiser Joseph zu ihm gesagt habe: »Ich habe drei Schwäger, und alle drei sind jämmerlich: der eine in Versailles ist ein Schwachsinniger, der in Neapel ein Narr und der in Parma ein Dummkopf.« In diesem Falle hat der »schlimme Nachbar« den Kessel vergebens geheizt, denn Ludwig XVI. ist im Punkt der Eitelkeit nicht kitzlig, der Pfeil prallt ab an seiner biedern Gutmütigkeit. Die beiden Schwäger sprechen frei und ehrlich miteinander, und Ludwig XVI. nötigt bei näherer Bekanntschaft auch Joseph II. eine gewisse menschliche Achtung ab. »Dieser Mann ist ein Schwächling, aber kein Dummkopf. Er hat Kenntnisse und Urteil, aber er ist körperlich wie geistig apathisch. Er führt vernünftige Gespräche, hat aber keine rechte Lust, sich tiefer zu bilden, und keine rechte Neugier; das fiat lux ist bei ihm noch nicht gekommen, die Materie noch im Urzustand.« Nach einigen Tagen hat Joseph II. den König ganz in der Hand, sie verstehen sich in allen politischen Fragen, und man kann kaum zweifeln, daß es ihm ohne Mühe gelungen ist, seinen Schwager zu jener diskreten Operation zu bewegen.

Schwieriger, weil verantwortlicher, wird Josephs Stellung zu Marie Antoinette. Mit gemischten Gefühlen hat die Schwester den Besuch des Bruders erwartet, glücklich, sich endlich einmal mit einem Blutsverwandten, und zwar dem vertrautesten, ehrlich aussprechen zu können, aber auch voll Angst vor der schroffen lehrhaften Art, die der Kaiser der jüngeren Schwester gegenüber anzunehmen liebt. Erst vor kurzem hat er sie gerüffelt wie ein Schulmädchen: »In was mengst Du Dich ein?«, hatte er ihr geschrieben, »Du läßt Minister absetzen, einen andern auf seine Güter verbannen, Du schaffst neue kostspielige Ämter bei Hof! Hast Du Dich schon einmal gefragt, mit welchem Rechte Du Dich in die Angelegenheiten des Hofes und der französischen Monarchie mengst? Was für Kenntnisse hast Du Dir erworben, um zu wagen, Dich einzumengen und Dir einzubilden, Deine Meinung könnte in irgendeiner Hinsicht wichtig sein und besonders in jener des Staates, die doch ganz besondere vertiefte Kenntnisse erfordert? Du, eine liebenswürdige junge Person, die den ganzen Tag an nichts als an Frivolitäten, ihre Toiletten und Vergnügungen denkt, die nichts liest, nicht eine Viertelstunde im Monat in vernünftigem Gespräch verbringt oder zuhört, die nicht nachdenkt, nichts zu Ende und nie, ich bin dessen sicher, an die Folgen dessen denkt, was sie sagt oder tut ...« Einen solchen bittern Schulmeisterton ist die verwöhnte, verhätschelte Frau von ihren Höflingen in Trianon nicht gewöhnt, und man versteht ihr Herzklopfen, als plötzlich der Hofmarschall meldet, der Graf von Falkenstein sei in Paris eingetroffen und werde morgen in Versailles erscheinen.

Aber es kommt besser, als sie erwartet hat. Joseph II. ist Diplomat genug, um nicht sofort mit dem Donner ins Haus zu fallen; im Gegenteil, er sagt ihr Artiges über ihr reizendes Aussehen, versichert, wenn er noch einmal heiraten sollte, müßte seine Frau ihr ähnlich sein, er spielt eher den Galan. Maria Theresia hat wieder einmal richtig prophezeit, als sie im voraus ihrem Botschafter ankündigte: »Ich fürchte eigentlich nicht, daß er ein zu strenger Beurteiler ihres Verhaltens sein wird, ich glaube eher, daß, hübsch und anreizend, wie sie ist, und mit ihrer Geschicklichkeit, Geist und gute Haltung im Gespräch zu vermengen, sie seinen Beifall finden wird, was wiederum ihm schmeicheln wird.« In der Tat, die Liebenswürdigkeit der entzückend hübschen Schwester, ihre aufrichtige Freude, ihn wiederzusehen, die Achtung, mit der sie ihm zuhört, anderseits die familiäre Gutmütigkeit des Schwagers und der große Triumph, den er mit seiner Bescheidenheitskomödie in Paris erringt, machen den gefürchteten Pedanten stumm; der strenge Brummbär läßt sich beruhigen, seit man ihm so reichlich Honig gibt. Sein erster Eindruck ist eher freundlich: »Sie ist eine liebenswürdige und anständige Frau, noch etwas jung und etwas zu wenig nachdenkend, aber sie hat doch einen guten Fond von Anständigkeit und Tugend und dazu noch eine gewisse richtige Gabe der Auffassung, die mich oft überrascht hat. Die erste Regung ist immer richtig, und würde sie sich ihr hingeben und ein bißchen mehr nachdenken, statt der Legion Zubläser, die sie umringen, nachzugeben, so wäre sie vollendet. Die Vergnügungslust ist bei ihr sehr mächtig, und da man diese Schwäche kennt, hält man sich daran, und sie hört immer wieder am meisten auf jene, die ihr darin zu dienen wissen.«

Während sich Joseph II. aber scheinbar lässig bei all den Festen vergnügt, die ihm seine Schwester darbietet, beobachtet dieser merkwürdige Zwielichtgeist gleichzeitig scharf und genau. Vor allem muß er feststellen, daß Marie Antoinette »gar keine Liebe für ihren Gatten empfindet«, daß sie ihn nachlässig, gleichgültig und mit einem ungebührlichen Vonobenherab behandelt. Er hat ferner nicht viel Mühe, die üble Gesellschaft des »Windkopfs«, vor allem jene der Polignacs, zu durchschauen. Nur in einer Hinsicht scheint er beruhigt. Joseph II. atmet sichtlich erleichtert auf – wahrscheinlich hat er Ärgeres befürchtet –, daß trotz aller Koketterieen mit jungen Kavalieren die Tugend seiner Schwester bisher standgehalten hat, daß – sorgfältig fügt er die Klausel bei »wenigstens bis jetzt« – inmitten dieser verluderten Moral ihr Verhalten in sittlicher Hinsicht besser sei als ihr Ruf. Allerdings: sehr sicher für die Zukunft scheint ihn, was er in dieser Beziehung gehört und gesehen, nicht gemacht zu haben; ein paar kräftige Warnungen scheinen ihm nicht überflüssig. Einige Male nimmt er sich seine junge Schwester vor, es kommt zu heftigen Zusammenstößen, zum Beispiel, als er ihr vor Zeugen grob vorhält, daß sie »ihrem Mann zu nichts gut sei«, oder das Spielzimmer ihrer Freundin, der Herzogin von Guémenée, »un vrai tripot«, eine wahre Gaunerhöhle, nennt. Solche öffentlichen Vorhalte erbittern Marie Antoinette: es geht manchmal hart auf hart bei diesen Unterredungen zwischen den Geschwistern. Der kindische Trotz der jungen Frau wehrt sich gegen die angemaßte Bevormundung; aber gleichzeitig spürt ihre innere Aufrichtigkeit, wie sehr ihr Bruder mit allen seinen Vorwürfen im Recht ist, wie notwendig ihrer eigenen Charakterschwäche ein solcher Wächter an ihrer Seite wäre.

Zu einer endgültig zusammenfassenden Aussprache scheint es zwischen den beiden nicht gekommen zu sein. Zwar erinnert später in einem Brief Joseph II. mahnend Marie Antoinette an ein gewisses Gespräch auf einer Steinbank, aber das Eigentlichste und Wichtigste will er ihr offenbar nicht in gelegentlichen Gesprächen anvertrauen. In zwei Monaten hat Joseph II. ganz Frankreich gesehen, er weiß mehr von diesem Land als der eigene König, und mehr von den Gefahren seiner Schwester als sie selbst. Aber auch dies hat er erkannt, daß bei dieser flüchtigen Person jedes gesprochene Wort sich verflüchtigt, daß sie in der nächsten Stunde alles vergißt, besonders das, was sie vergessen will. So verfaßt er in aller Stille eine Instruktion, die alle seine Beobachtungen und Bedenken vereinigt, und übergibt ihr dieses dreißigseitige Dokument absichtlich in der allerletzten Stunde, mit der Bitte, es erst nach seiner Abreise zu lesen. Scripta manent, die geschriebene Mahnung soll ihr in seiner Abwesenheit zur Seite stehen.

Diese »instruction« ist das für den Charakter Marie Antoinettes vielleicht aufschlußreichste Dokument, das wir besitzen, denn Joseph II. schreibt es guten Willens und in völliger Unbestechlichkeit. Ein wenig schwülstig in der Form, für unsern Geschmack etwas zu pathetisch in seinem Moralismus, zeigt es gleichzeitig eine große diplomatische Geschicklichkeit, denn mit Takt vermeidet der Kaiser von Deutschland, einer Königin von Frankreich direkte Verhaltungsmaßregeln für ihr Betragen zu erteilen. Er reiht nur Frage an Frage, eine Art Katechismus, um die Gedankenfaule zum Nachdenken, zur Selbsterkenntnis und Selbstbeantwortung anzuregen; aber ohne es zu wollen, werden die Fragen zur Anklage, ihr scheinbar lockeres Hintereinander zu einem vollständigen Register der Verfehlungen Marie Antoinettes. Joseph II. erinnert seine Schwester vor allem, wieviel Zeit schon unnütz vertan sei. »Du schreitest im Alter vor, Du hast also nicht mehr die Entschuldigung, ein Kind zu sein. Was soll geschehen, was aus Dir werden, wenn Du länger zögerst?« Und er antwortet mit erschreckender Hellsicht selbst: »Eine unglückliche Frau und eine noch unglücklichere Königin.« Einzeln zählt er in Frageform alle ihre Nachlässigkeiten auf: ein scharfes kaltes Blitzlicht fällt vor allem auf ihr Verhalten zum Könige. »Suchst Du wirklich alle Gelegenheiten? Erwiderst Du die Gefühle, die er Dir offenbart? Bist Du nicht kalt und zerstreut, wenn er mit Dir spricht? Scheinst Du nicht manchmal gelangweilt oder abgestoßen? Wie willst Du bei einem solchen Verhalten, daß ein von Natur aus kühler Mann sich Dir nähert und Dich wirklich liebt?« Unbarmherzig hält er ihr – immer scheinbar nur fragend, in Wahrheit aber scharf anklagend – vor, daß sie, statt sich dem König unterzuordnen, seine Ungeschicklichkeit und Schwäche ausnütze, um statt seiner alle Erfolge und alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Verstehst Du, Dich ihm wirklich notwendig zu machen?« fragt er strenger. »Überzeugst Du ihn, daß niemand ihn aufrichtiger liebt und mehr seinen Ruhm und sein Glück im Herzen hegt als Du? Unterdrückst Du jemals Deinen Wunsch, auf seine Rechnung zu glänzen? Beschäftigst Du Dich mit den Dingen, die er vernachlässigt, um den Anschein zu vermeiden, Du hättest Verdienste auf seine Kosten? Bringst Du ihm Opfer? – Und bewahrst Du undurchdringliches Schweigen über seine Fehler und Schwächen? Entschuldigst Du sie, und befiehlst Du sofort denjenigen Schweigen, die wagen, darüber Andeutungen zu machen?«

Blatt um Blatt rollt Kaiser Joseph dann das ganze Register der Vergnügungswut auf: »Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, welche schlechte Wirkung Deine gesellschaftlichen Bindungen, Deine Freundschaften, wenn sie sich nicht auf in jeder Hinsicht untadelige Personen erstrecken, auf die öffentliche Meinung haben können und müssen, weil dadurch doch unwillkürlich der Verdacht entsteht, daß Du diese schlechten Sitten entweder billigst oder sogar an ihnen teilnimmst? Hast Du einmal die furchtbaren Folgen ausgewogen, die das Hasardspiel mit sich bringen kann durch die schlechte Gesellschaft und den Ton, den es nach sich zieht? Erinnere Dich doch an die Dinge, die vor Deinen eigenen Augen vor sich gegangen sind, erinnere Dich, daß der König selbst nicht spielt und daß es aufreizend wirkt, wenn Du sozusagen als einzige der ganzen Familie diesen schlechten Brauch unterstützest. Ebenso denke auch wenigstens einen Augenblick an alle die Peinlichkeiten, die sich an die Opernbälle knüpfen, an alle die üblen Abenteuer, die Du mir ja selbst in dieser Hinsicht erzählt hast. Ich kann Dir nicht verschweigen, daß von allen Vergnügungen dieses zweifellos das ungehörigste ist und besonders durch die Art, wie Du auf jene Bälle gehst, denn daß Dich Dein Schwager dorthin begleitet, macht nichts aus. Was hat es für einen Sinn, dort unbekannt sein, eine fremde Maske spielen zu wollen, siehst Du denn nicht ein, daß man Dich trotzdem kennt und manche Dinge zu Dir sagt, von denen es sich nicht paßt, daß Du sie hörst, die man aber mit Absicht sagt, um Dich zu amüsieren und Dich glauben zu machen, man habe sie in aller Unschuld gesagt? Schon der Ort hat einen sehr schlechten Ruf. Was suchst Du denn dort? Die Maske verhindert ein anständiges Gespräch, auch tanzen kannst Du dort nicht, wozu also diese Abenteuer, diese Ungehörigkeiten, wozu sich also mit diesem Pack von zügellosen Burschen und Dirnen und Fremden gemein machen, zweideutige Reden hören und vielleicht welche halten, die ihnen ähnlich sind? Nein, das gehört sich nicht. Ich gestehe Dir, daß das der Punkt ist, über den ich alle Leute, die Dich lieben und die anständig denken, am meisten empört gesehen habe: der König  wird ganze Nächte lang in Versailles allein gelassen, und Du bist in Gesellschaft der ganzen Kanaille von Paris!« Dringend wiederholt ihr Joseph die alten Lehren ihrer Mutter, sie solle endlich anfangen, sich ein wenig mit Lektüre zu befassen, zwei Stunden täglich seien nicht viel und würden sie klüger und vernünftiger machen für die übrigen zweiundzwanzig. Und plötzlich springt mitten in der langen Predigt ein seherisches Wort auf, das man nicht ohne Schauer lesen kann. Wenn sie ihm nicht folge in dieser Hinsicht, sagt Joseph II., so sehe er arge Dinge voraus, und wörtlich schreibt er hin: »Ich zittere jetzt für Dich, denn so kann es nicht weitergehen; la révolution sera cruelle si vous ne la préparez.« – »Die Revolution wird grausam sein« – das unheimliche Wort, hier ist es zum erstenmal hingeschrieben. Obwohl in einem andern Sinn gemeint, ist es doch prophetisch ausgesprochen. Aber erst ein ganzes Jahrzehnt später wird Marie Antoinette den Sinn dieses Wortes begreifen.“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/marie-antoinette-6856/12

Was wäre aus dem Reich der Habsburger geworden, wenn anstatt Maria Theresias Joseph II. oder Marie Antoinette regiert hätten? Auf jeden Fall wäre es schon sehr früh auseinander gebrochen oder von außen zerschlagen worden.

 

Fazit

 

Wer Reformen machen will, sollte diese nicht gegen den Willen der Menschen machen und sie ihnen aufzuzwingen versuchen. Nicht jeder will zu seinem Glück gezwungen werden.

Die Menschen sind soo glücklich und werden sehr loyal sein, wenn sie den Eindruck haben, dass die Mächtigen ihnen zuhören (siehe Josephs Besuch in Paris).

In verantwortlicher Position sollte mensch Verantwortung gegenüber der Position, dem Leben und den Menschen üben.

 

Gesamt-Fazit

 

Wer nicht weiss, wo er herkommt, wird nicht wissen, wo er steht und wo er hingehen wird.

Oder, um George Santayana zu zitieren „Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

 

 

Dada

 

„Steh’n im Stall zu

viele Kühe, macht die

Gülle mächtig Mühe.“

 

„Gibt’s nur eine

Pflanzenart, wird’s fürs

Rebhuhn richtig hart.“

 

Das waren die Bauernregeln Nr. 7 und 8 aus dem dadaistischen Bundesumwelt-Ministerium.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/umweltministerium-streit-um-neue-bauernregeln-des-umweltministeriums-1.3363780

 

 

 

Dadaistisch trieben’s schon die alten Römer mit den Löwen.

 

 

 

Wenig majestätisch sind die auf der Pont Flavien bei St. Chamas zu sehen.