Vor 60 Jahren erschien Heinrich Bölls meistverkauftes Buch namens „Irisches Tagebuch“.

Die Iren selbst können mit diesem Büchlein wenig anfangen; dafür aber mit den Folgen: es löste einen bis heute anhaltenden Tourismus-Boom deutschsprachiger Menschen nach Irland aus.

 

Irisches Tagebuch

 

Irisches Tagebuch ist der Titel eines halbdokumentarischen Reiseberichts von Heinrich Böll aus dem Jahr 1957. Das Buch basiert in weiten Teilen auf „Irland-Impressionen“, die Böll zuvor in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht hatte.

Bevor Böll das Buch schrieb, hielt er sich mehrere Monate in Irland, unter anderem im County Mayo auf. Seine Eindrücke hat er in 18 durchgestalteten Texten festgehalten, die zum größten Teil (ab 1954) zuerst in Zeitungen veröffentlicht und anschließend in eine zusammenhängende Komposition eingebracht wurden. Den eher poetischen als journalistischen Anspruch bekräftigt Böll mit dem Motto: „Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor“ …

Das Buch beschreibt Irland zu einem Zeitpunkt, als es noch eines der ärmsten Länder Westeuropas in isolierter Randlage war. Den Hintergrund der Erzählungen bilden die Rückständigkeit der Infrastruktur, die traditionelle Religiosität der Iren und der Aderlass durch Auswanderung nach Großbritannien und Übersee. Dabei vermittelt Böll in der Beschreibung persönlicher Begegnungen einen teils schwermütigen, jedoch durchweg positiven Eindruck von Irland und den Iren.

In einer Besprechung des Buches in der Stuttgarter Zeitung hieß es, sein Geheimnis sei, „daß kaum ein Wort über die verzwickte Ökonomie und die noch verzwicktere Geschichte des kleinen Staates gesagt wird und daß dennoch das ganze Irland in diesem Tagebuch eingefangen zu sein scheint“.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Irisches_Tagebuch

„Am Morgen des 24. September 1954 traf Heinrich Böll nach einer zweitägigen Reise von Köln über Oostende, Dover, London, Holyhead und Dún Laoghaire in Dublin ein. Ausgangspunkt seiner ersten Irlandreise, die vier Wochen dauern sollte und eine lebenslange intensive Beziehung zur ‚grünen Insel’ begründete. Eine Beziehung, der er poetisch Ausdruck verliehen hat in seinem 1957 erschienenen "Irischen Tagebuch". Längst ist es bei deutschen Lesern zum Kultbuch avanciert und zählt zur Pflichtlektüre aller Irland-Fans, für die Heinrich Böll sozusagen Pionierarbeit geleistet hat mit seiner literarischen Liebesklärung an das Faszinosum Irland:

"Auf dieser Insel also wohnt das einzige Volk Europas, das nie Eroberungszüge unternahm, wohl selbst einige Male erobert wurde, von Dänen, Normannen, Engländern – nur Priester schickte es, Mönche, Missionare, die – auf dem seltsamen Umweg über Irland – den Geist thebäischer Askese nach Europa brachten; vor mehr als tausend Jahren lag hier, so weit außerhalb der Mitte, als ein Exzentrikum, tief in den Atlantik hineingerutscht, Europas glühendes Herz."“

http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/feature/boell-irland102.pdf

„Tatsächlich kam der deutsche Dichter nicht unbefangen in das Land, in dem – so der Klappentext der Erstausgabe seines «Irischen Tagebuchs» – die Poesie auf der Strasse liegt. Bereits als Kind hatte er irische Legenden gelesen, sich später mit irischer Literatur befasst, und durch seine Frau Annemarie entstanden erste Kontakte zu Iren. Einmal gelandet, war Böll von «dieser merkwürdigen Mischung aus Leidenschaft und Gleichmut» so fasziniert, dass er Irland sein wenn nicht bedeutendstes, so doch meistgelesenes Werk widmete. Darin beschreibt er eine Insel von mystischer Schönheit, deren betende und trinkende – nicht selten rothaarige – Bewohner aus ihrer materiellen Verarmung geistigen Reichtum zu schöpfen verstehen: ein Volk von fabulierenden Lebenskünstlern, dem es dank einer gottgegebenen Irrationalität gelingt, sich über alle Probleme der Realität hinwegzusetzen. Böll fand in Irland all das, was ihm im Deutschland der 1950er Jahre fehlte, aber auch das, was er erwartete: Armut und eine tief verwurzelte Religiosität, die den überzeugten Katholiken besonders interessierte.“

http://www.nzz.ch/wo-die-poesie-auf-der-strasse-liegt-1.18438427

„Heinrich Böll wird diesen Abendspaziergang oft unternommen haben, als er 1954 in Bervies Guesthouse direkt am Strand wohnte.

Der damals 36-jährige Familienvater war an den nordwestlichen Rand Europas gereist, um weit weg vom Durcheinander des Hausbaus in Köln-Müngersdorf zunächst am „Brot der frühen Jahre“ zu arbeiten. Den Tipp nach Achill Island zu fahren, hatte er in Dublin bekommen, in Deutschland war die größte Insel Irlands kaum bekannt. Böll beförderte sie in die Weltliteratur und sicherte ihr den Status eines deutschen Sehnsuchtsortes. Ihm selbst wurde sie zur zweiten Heimat …

Die teils verdichtete, teils erdichtete Erzählung wurde richtungweisend für alle Irlandberichte, die später kamen. Richtungweisend im Wortsinn auch für ihre Leser …

Die ersten, die Bölls Protagonisten mit der Kamera suchten, brachte der Schriftsteller selbst ins Land. Nach seinem Drehbuch entstand 1961 der Film „Irlands Kinder“. Im Bild wie im Buch: Das Ruinendorf, die Kirche, der Pub. Doch der Kommentar verharrt in schwer verdaulicher Litanei auf dem Leid der Armut und des Abschieds. Der irische Schriftstellerkollege John O'Donovan beschwerte sich medienöffentlich über das Bild einer „most hapless and helpless and hopeless race“.

Doch nicht den Film, sondern das Buch haben Irlandreisende bis heute im Gepäck. Seit 1961 passt es auch in die schmalste Reisetasche. Das „Irische Tagebuch“ erschien als Nummer eins des neu gegründeten Deutschen Taschenbuch Verlags. Der Verlagsleiter Heinz Friedrich war ein Freund Bölls und wie dieser Mitglied der Gruppe 47. Der DTV-Band entwickelte sich zum „Longseller“. Bis heute wurden weit über eine Million Exemplare in 56 Auflagen verkauft.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/romanatlas/irland-achill-island-heinrich-boell-irisches-tagebuch-1434501.html

 

Inhalt des Irischen Tagebuches

 

Anbei eine relativ kurze, aber passende und den Geist des Buches treffende Inhaltsangabe:

„Bölls Erzählungen beginnen bereits auf dem Schiff bei der Anreise nach Irland. Schon an Deck studiert er die irischen Heimkommenden. Er knüpft die ersten Kontakte und notiert sich die kleinste Kleinigkeit um ja keine dieser kostbaren Erinnerungen zu vergessen. Er begegnet Irland nicht als Tourist, sondern durch seine Offenheit den Menschen gegenüber, in all seinen Facetten und Farben und seiner ganzen Schönheit, aber auch mit all den Schwierigkeiten dieses kleinen Landes abseits von Wirtschaftswunder und Konjunktur.

Schnell lernt er, dass die Straßen Irlands den Kühen, Schafen und Schulkindern gehören. Autos, Busse und Bahnen lassen ihnen stets die Vorfahrt, denn was die Iren im Überfluss besitzen ist Zeit und Ruhe.

In den Pubs hat er Gelegenheit, die Menschen kennen zu lernen. So auch eine junge Frau, die gerade ihr neuntes Kind erwartet. Ihr Mann arbeitet in England und kommt nur im Winter heim. Nach neun Monaten bekommt sie wie in jedem Jahr ein Kind.

Kinderreich sind die irischen Familien alle, aber leider ist es schwer, den Nachwuchs durchzubringen, da es kaum Arbeit gibt. Nicht das tägliche Brot, aber der tägliche Regen in Irland ist sicher. So ist es normal, dass aus einer Familie mit neun Kindern mindestens fünf später als Emigranten zum Arbeiten nach England oder gar Amerika auswandern müssen. Diese tränenreichen Abschiede erlebt Heinrich Böll hautnah.

Allabendlich amüsiert er sich über den Brauch der „last Order“. An jedem Abend wird in jedem Pub eine Glocke vom Wirt geläutet und er ruft: „Last order please“, das bedeutet für die Iren, sie müssen sich mit dem Trinken beeilen und die Schlagzahl erhöhen!

Er durchreist das halbe Land und beschreibt verschiedene Städte und Orte, wie Dublin, Limerick, Mayo und Conemarra in ihrer vollen Schönheit. Sattes Grün und ein sanfter Regen, der ihn überall hin begleitet.

Leider ist auch sein Geld irgendwann aufgebraucht und er muss die Heimreise nach Deutschland antreten. Doch der Abschied fällt ihm schwer. Mit einem weinenden Auge erinnert er sich gern zurück an die Insel der Heiligen.“

http://www.hoerbuecher4um.de/Rezensionen/Besprechungen/GHI/IriTageB.htm

Und hier eine umfangreiche Inhaltsangabe, die geeignet ist für denjenigen, der das „Irische Tagebuch“ bereits gelesen hat und sich an vieles wieder erinnert. Oder als Diskussions-Grundlage für den Schul-Unterricht:

„In dieser autobiografischen Erzählung von Heinrich Böll geht es um eine Reise nach Irland. Der Autor folgt zwar einer chronologischen Reihenfolge, aber er erzählt nur verschiedene Ereignisse aus diesem Abenteuer in mehreren Kapiteln. Er beschreibt zunächst seine Reise, später aber berichtet er dann von kleineren Geschichten aus dem irischen Alltag.

Die Hauptperson, also der Autor, nimmt zuerst die Fähre von Liverpool nach Dublin. Liverpool beschreibt er als eine von Englands düsteren Seiten. Auf dem Dampfer kann er schon das Irische spüren, es riecht schon keltisch, es herrscht aber auch Armut auf dem Dampfer.

Hier erfährt er schon etwas typisch irisches, nämlich dass jährlich 10 Pfund Tee pro Kopf in Irland verbraucht werden. Auch merkt er, dass die Iren sehr viel Zigaretten rauchen und Whiskey trinken, denn an der Bar auf dem Schiff stehen Männer, Frauen, Nonnen, Priester und alle trinken Whiskey.

Die Passagiere auf dem Schiff müssen auf dem Boden schlafen, und da er keinen Platz zum schlafen fand, bat ihn ein Priester, sich neben ihn zu legen. Auf der anderen Seite neben dem Priester lag eine Frau, die früher als Kellnerin in London gearbeitet hatte. Sie denkt, dass alles in Irland sehr schlecht ist und sie fährt nur hin, weil sie jedes Jahr ihre Eltern und Großeltern besuchen muss. Darauf erzählt ihr der Priester von Gott.

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang trank Böll eine Tasse Tee und ihm kommt der Vergleich, dass es sicherlich genauso falsch wäre, in Irland einen Kaffee zu trinken, wie in Italien einen Tee.

Kurze Zeit später kam das Schiff am Hafen von Dun Laoghaire (bei Dublin) an. Er ging vom Schiff und taumelte müde in den Zug und stieg am Bahnhof Westland Row wieder aus. Dieser Ort wirkt auf den ersten Blick sehr dunkel auf ihn.

Er stellt fest, dass die Iren früh Morgens alle sehr mürrisch sind, denn auf alles, was er sie fragte, antworteten sie nur mit einem „Sorry“. Er ging weiter in den Ort hinein und betrachtete die Ladenschilder. Schließlich kaufte er sich etwas zum lesen und ging dann zu einem Bed & Breakfast, was auch wieder sehr typisch für Irland ist, frühstückte ausgiebig und las seine Zeitung. Als er aus dem Fenster sieht, sieht er viele Menschen in die Kirche gehen, und im wird bewusst, dass Irland sehr fromm ist, denn in Deutschland sieht man nur zu Ostern und zu Weihnachten so viele Menschen in die Kirche gehen.

Gegen 8 Uhr setzt er seine Reise weiter fort, und ihm wird von einem Landsmann gesagt, dass hier alles sehr schmutzig und teuer ist. Und obwohl er Irland noch gar nicht richtig kennt, verteidigt Böll es. Während er dann mit dem Bus weiter fuhr und aus dem Fenster sah, stellte er fest, dass es in Irland sehr viele Kinos gab und vor allen standen Menschenschlangen. Und so denkt sich Böll, dass die Iren nicht nur Weltmeister im Tee- und Whiskeytrinken, sondern auch im Kinogehen sind.

Bei seinem Besuch in der St. Patrick’s Kathedrale in Dublin war sie sehr menschenleer und erschien ihm deshalb auch sehr kalt. Vor der Kathedrale begegnete er einem Bettler, von dem es in Irland viele zu geben scheint. Dieser hatte keine Arme mehr. Böll steckte ihm etwas Geld zu und zündete ihm eine Zigarette an und steckte sie in seinen Mund.

Er empfindet auch Dublin als düsteren Ort, über Dublin liegt Dunkelheit, und von dem irischen Grün ist weit und breit nichts zu sehen. Nach St. Patrick’s besichtigt er die umliegenden Slums, die noch viel dreckiger waren, als das, was er vorher schon gesehen hatte. Und dann fand er endlich eines seiner Reiseziele: Die berühmte Einzelsäuferkoje. In diese sperrt sich der Trinkende selbst ein, um mit Whiskey und seinem Schmerz allein zu sein. Dort bleiben die Trinker dann meist so lange, bis sie kein Geld mehr haben, und müssen wieder an die „Oberfläche“.

Nach dem Besuch der Einzelsäuferkoje ging er wieder zurück in die St. Patrick’s Kathedrale. Der Bettler war immer noch da. Diesmal waren aber viele Menschen in der Kirche und deshalb erschien sie ihm viel heller und sauberer als er das erste mal da war. Auch hier wird ihm wieder die Frömmigkeit der Iren deutlich: Der Bettler kniet in der hintersten Reihe und betet und sogar Schulkinder sind in der Kirche, um zu beten.

In der Kathedrale schweift Bölls Blick über eine Tafel, auf der steht: Bete für Kevin Cassidy, der am 20.12.1930 dreizehnjährig starb. Das machte ihn sehr erschrocken, denn im Dezember 1930 war er selbst 13 Jahre alt gewesen, und deshalb muss er für den Rest des Tages immer wieder an Kevin Cassidy denken, sein Schatten begleitet ihn. Das ganze hat ihn so betroffen, dass er mit zwei Whiskeys in die Einzelsäuferkoje zurückging. Einen trank er für sich und, den anderen für Kevin Cassidy.

Am nächsten Tag fährt er mit dem Zug nach Athlone. Dort wird der Zug auseinandergekoppelt, und die eine Hälfte fuhr kurze Zeit später nach Westport. Während seiner Zugfahrt findet er das Grün Irlands: Er blickt aus dem Fenster und sieht grüne Wiesen und überall sehr viel grünes frisches Moos.

Nach einer Weile kamen sie dann in der Provinz Mayo an. Hier stellt er eine eher merkwürdige Angewohnheit der Iren fest: Immer wenn jemand das Wort Mayo sagt, fügen sie „God help us!“ hinzu.

In Mayo hielten sie an einem kleinen Bahnhof, und wie an allen anderen Bahnhöfen auch, wurden hier wieder Zigaretten ausgeladen, denn das Rauchen ist ja sehr typisch für die Iren.

In Mayo verliert er das Grün Irlands wieder, denn hier sieht er überall nur Moorlandschaft.

Dann kam er in Westport an und die Passagiere wurden dort vom Bahnhofsvorsteher persönlich begrüßt. Er verließ den Bahnhof und ging zur Bushaltstelle. In den Blicken und Gesichtern der Menschen, die er an der Bushaltestelle sah, sah er Hunger, und deshalb lud er sie alle ein zu Tee, Eiern, Schinken, Salat, Keksen und Eiskrem. Er stellt fest, dass die Iren sehr gerne und sehr viel Eiskrem essen. Dann fuhr er zu seinem Ziel am Rande von Mayo, wo er sich direkt an der Küste eine Unterkunft gemietet hat. Dort gab es ein großes Begrüßungsmahl, und er fand das Grün Irlands wieder, denn um ihn herum waren grüne Wiesen und auch das Meer war hellgrün.

In der Nähe seiner Unterkunft war ein Berg, und auf diesen ist er mit einigen anderen Gästen hoch gewandert. Auf dem Berg entdeckten sie ein altes verlassenes Dorf (es gibt viele verlassene Dörfer in Irland), und waren sehr überrascht, denn niemand hatte ihnen von diesem Dorf erzählt. Aufgrund des Zustandes dieses Dorfes beschreibt er es als Skelett eines Dorfes (Rohbauten, graue Steinmauern, dunkle Fensterhöhlen, kein Stoff, nichts Farbiges). Alles, was nicht Stein war, war weggefressen von Wind, Sonne, Regen und der Zeit.

Sie gingen eine Weile durch das Dorf, liefen die wenigen Straßen entlang und betrachteten die Häuser. Sie verbrachten fünf Stunden in diesem Dorf, konnten aber nicht herausfinden, warum es verlassen worden ist.

Als er wieder zurück in seiner Pension war, trank er mit einem Iren namens Padriac zusammen Bier, und dieser fragte ihn, ob er nicht alle Iren für verrückt halte. Böll wollte wieder nichts Schlechtes über Irland sagen, und sagte nur, dass er nur die Hälfte für verrückt hält. Dann unterhalten sie sich weiter, unter anderem über den Krieg und Böll erzählt dem Iren von Hitler, was diesen sehr mitnimmt.

Ein weiterer Ort von Bölls Reise durch Irland ist Limerick. Limericks sind ja bestimmte Gedichte, die fast wie verschlüsselte Witze sind. Von der Stadt Limerick, die diesem Gedichttyp den Namen gab, hatte er deshalb eine heitere Vorstellung, mit lauter Fröhlichkeit auf allen Straßen. Durch Limerick wurde er mit dem Auto gefahren und sie sahen tatsächlich viele fröhliche Schulkinder.

In Deutschland hörte er, dass man sagt: die Straße gehört dem Motor. In Irland dachte er sich dagegen: die Straße gehört der Kuh. Denn dort werden die Kühe so frei zur Weide geschickt, wie die Kinder zur Schule. Die Autos müssen langsam fahren und Rücksicht auf die Kühe und die Kinder nehmen. Und deshalb würden die Iren niemals sagen, dass die Straße dem Motor gehört.

Sie stellten dann ihr Auto in der Nähe der Kathedrale von Limerick ab und schlenderten zu Fuß weiter. Plötzlich zog ein Unwetter auf, die Schulkinder verschwanden und die Straßen wurden leer. Die Stadt kam ihnen auf einmal sehr einsam vor. Er erinnerte sich, dass ihm in Dublin gesagt wurde, dass Limerick die frömmste Stadt der Welt ist. Und dann wussten sie, warum die Straßen so einsam waren: Limerick war in der Kirche, denn schließlich war es morgens um elf.

In Limerick kauften sie dann viele Souvenirs, wie zum Beispiel Zigaretten, Seife und Ansichtskarten.

Am Abend beobachteten sie die Möwen, die über dem Shannon in Limerick umher flogen.

Mit einem Blick durch die Stadt, stellt er fest, dass es in Limerick sehr viele Wettbüros gibt, und stellt sich vor, dass dort viele Familienväter ihr Geld lassen.

Sie hielten sich dann noch eine Weile bei King John’s Castle (Burg in Limerick) auf, und beobachteten die Menschen in den Straßen Limericks und sahen dabei ziemlich viele Betrunkene.

Ein irisches Sprichwort lautet: Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht. Und deshalb, denkt er sich, verbringen die Iren sehr viel Zeit im Kino, zumal im Kino das Rauchen erlaubt ist.

Und so ging er am nächsten Abend um 21 Uhr auch ins Kino. Im Kino wurde anfangs sehr viel geredet. Das Kino macht auf ihn einen recht runtergekommenen Eindruck, denn es herrscht sehr schlechte Luft, da keine Belüftung vorhanden ist, und die Sitze fast alle kaputt waren. Als es dann dunkler wurde im Kino und der Film begann, verstummten auch die letzten Gespräche. Hinterher beobachtete er noch, wie sich alle über den Inhalt des Filmes unterhielten.

Am nächsten Tag regnete es sehr stark und deshalb blieben alle tagsüber in der Unterkunft.

Irgendwann klopfte es an der Tür und ein durchnässter Mann kam herein, der Schutz vor dem Regen suchte. Er setzte sich zu den anderen und sie sprachen über die Bibel, spielten ein wenig Karten, erzählten sich Geschichten und tranken wieder Whiskey. Es stellte sich dann heraus, dass dieser Mann ein wenig deutsch spricht, da er mal in deutscher Gefangenschaft war.

Dann unterbricht Böll erst einmal, von seiner Reise weiter zu erzählen und erzählt Geschichten aus dem irischen Alltag.

Eine dieser Geschichten handelt von einer Arztfrau, deren Mann am Abend los musste, um einer anderen Frau bei der Geburt ihres Kindes zu helfen. Um sich die Zeit zu vertreiben, während sie auf ihren Mann wartet, trinkt sie mal einen Schluck Whiskey, raucht mal, liest ein Wenig, fängt an zu stricken, bringt aber nichts zu Ende, weil sie sehr nervös ist und sich Sorgen um ihren Mann macht und hofft, dass er heil wieder nach Hause kommt. Ab und zu stochert sie in dem Kaminfeuer herum und schaut immer wieder nach ihren schlafenden Kindern. Dann geht sie zum Fenster, sieht hinaus und betrachtet die Landschaft. Sie hört das Gebrüll der Brandung und das macht sie noch ängstlicher. Nachts um halb zwei sieht sie ein weiteres mal aus dem Fenster und blickt auf den Mond und sieht dann die Scheinwerferkegel vom Auto ihres Mannes, und sie ist erleichtert, dass er endlich heimkommt.

Bei einer weiteren Geschichte stoppt ein Polizist ein Auto. Der Fahrer dreht das Fenster runter, und beide begrüßen sich freundlich. Dann fangen sie an, über den netten Tag und das Wetter zu reden. Sie vermuten, dass es bald regnen könnte. Dann reden beide von ihren entfernten Verwandten und deren Ereignissen, die ihnen widerfahren sind, bei denen es mal geregnet hat. Dann fragt der Polizist den Autofahrer nach seinen Papieren, aber dieser hatte sie vergessen. Der Polizist antwortet darauf mit: „Na, ihr Gesicht wird schon Ihres ein.“ Und dann verabschiedeten sich beide genauso freundlich, wie sie sich auch begrüßt hatten.

Damit wird eigentlich gezeigt, dass überall zwischen den Iren Freundlichkeit herrscht, und sich gerne jeder mit jedem unterhält.

Eine andere Geschichte handelt von einem Mann namens Seamus. Seamus hat sehr großen Durst und würde gerne ein Glas Bier trinken. Und da es in manchen Gebieten so ist, dass zu bestimmten Zeiten in den Kneipen nur Gäste aus anderen Orten etwas zu Trinken bekommen, und die „Einheimischen“ nicht, beschließt Seamus, mit seinem Fahrrad in das Nachbardorf zu fahren, um dort ein Bier zu trinken, denn dort ist er ja dann fremd. Auf dem Weg dorthin muss er über einen Berg fahren. Auf diesem Berg begegnet er seinem Vetter, dem es genauso geht wie ihm. Auch er hat Durst und kriegt zu dieser Zeit in seinem Dorf nichts, und fährt deshalb in das Nachbardorf. Auf dem Berg unterhalten sie sich kurz und sausen dann beide den Berg hinunter, jeder jeweils bis in die Stammkneipe des anderen. Nachdem jeder ein Glas Bier getrunken hat, überlegen sie sich, dass sich doch der weite Weg nur wegen einem Glas Bier nicht gelohnt hat, und deshalb betrinken sich beide. Später taumelten sie dann nach Hause und mussten ihre Fahrräder schieben.

Die letzte Geschichte handelt von einer gewissen Mrs. D.. Ihr neuntes Kind, James Patrick Pius, wurde an dem Tag geboren, als ihr ältestes Kind, Siophan, 17 Jahre alt wurde. Was aus Siophan werden sollte, war schon lange geplant: Sie wird die Post übernehmen und sie wird heiraten. Ihren Zukünftigen wird sie bei ihrer Arbeit bei der Post kennen lernen.

Fünf oder Sechs von den neun Kindern der Mrs. D. werden auswandern müssen, um Arbeit zu finden.

Diese Geschichte soll die schlechte Wirtschaftslage Irlands zu dieser Zeit darstellen. Weil die Menschen in Irland keine Arbeit finden, müssen sie auswandern, um Arbeit zu finden. Und deshalb nimmt die Einwohnerzahl Irlands zu dieser Zeit auch sehr stark ab.

Dann widmet sich Heinrich Böll wieder seiner Reise.

Sie fuhren mit dem Boot auf eine Insel im Shannon. Sie landeten langsam in einem kleinen Hafen und dort saß ein alter Mann auf einer Ruine. Dieser Mann war 88 Jahre, er hatte weiße Haare und rauchte gerade eine Pfeife. Der Mann machte dann das Boot an dem Steg fest und begrüßte sie freundlich und lud sie zu sich nach Hause ein. Und dort wurde wieder sehr viel Tee getrunken. Das Haus war voll mit Kindern, Enkeln und Urenkeln des Mannes und diese brachten ihnen Tee, Wasser, Brot und Kuchen. Eine fünfjährige brachte ihm als Zeichen der Gastfreundlichkeit einen halben Keks.

Als die Sonne unterging, gingen sie ans Ufer des Shannon zurück und genossen dort die Natur und die frische Luft. Er besinnt sich auf das Grün Irlands, die Insel erscheint ihm wie ein großer grüner Schwamm, der halb im Wasser liegt und halb herausragt und sich von unten mit Feuchtigkeit voll saugt. Nach Sonnenuntergang verließen sie die Insel wieder.

Am nächsten Tag fuhr er weiter mit dem Zug über Ballymoe. Mit ihm im Zug saßen eine rothaarige Frau und ein Priester. Die Frau war groß, dick und blass und hatte eine dreijährige Tochter, die mit dem Buch des Priesters spielte.

Es regnete wieder einmal sehr heftig und Böll beobachtete aus dem Zug heraus, wie die Bauern über ihre überschwemmten Wiesen paddelten, um das Heu zusammenzufischen, wie die Wäsche, die die Leute zum Trocknen auf die Hecken gelegt hatten wieder nass wurde und wie nasse Hunde den Zug anbellten.

Er sieht, dass in Irland die Bahnschranken nicht die Autos vor den Zügen schützen, sondern die Züge vor den Autos.

Dann lauscht er wieder dem Gespräch zwischen der Frau und dem Priester. Die Frau hat Angst und fühlt sich in Irland sehr unwohl. Sie findet Irland sehr traurig und hat Angst vor dem ganzen Wasser (Regen, Seen, Flüsse, Bäche). Der Priester beruhigt sie, dass es doch nur Wasser sei. Dann hielt der Zug in Ballymoe und die Frau stieg aus.

Dann fuhr der Zug weiter nach Sligo. Dort regnete es immer noch und die Straßen waren leer und voller Pfützen.

Er nahm sich dann ein Taxi und ließ sich zum Drumcliff Churchyard fahren. Sie fuhren eine Weile und dann sah er im Nebel einen Kirchturm, um den Krähen herumflogen. Dort hat er sich die Kirche und den Friedhof mit den ganzen alten Grabsteinen angeschaut, und hatte dabei das Gefühl, dass ihn die Krähen verhöhnen. Dann ließ er sich zum Bahnhof zurückfahren.

Dann befasst er sich noch einmal kurz mit den Redensarten.

In Deutschland sagt man oft: Schlimmer hätte es nicht kommen können. Passiert einem in Irland etwas Schlimmes, so sagt man: es könnte schlimmer sein.

Ebenso häufig wird auch gesagt: Ich würde mir keine Sorgen machen. Und das, obwohl sie laut Böll allen Grund hätten, sich Sorgen zu machen, wegen der ganzen Hungersnöte und Missernten.

Dann folgt auch schon der Abschied und dieser fällt ihm sehr schwer, weil er so notwendig ist, zum Beispiel war das Geld verbraucht, das Wetter wurde immer schlechter und er konnte keine gescheite Unterkunft mehr finden.

Die letzten Pennys, die er noch hatte, gab er im Nationalmuseum in Dublin aus, indem er sich dort noch ein paar Kerzen kaufte.

Zum Schluss spielte er noch einmal mit anderen in einer Pension Karten und ließ sich schließlich von einem Taxi zum Bahnhof fahren und tritt seine Heimreise an.“

http://www.lerntippsammlung.de/Heinrich-B-oe-ll-_-Irisches-Tagebuch.html

Wer das „Irische Tagebuch“ gelesen hat, wird dankbar sein für die zurück geholten Erinnerungen. Allerdings auch traurig darüber, dass der Zusammenfasser oftmals den Geist nicht so richtig erfasst hat. Und auch manchmal falsch gelegen ist. Wer sich über Dinge wundert, die „sie“ taten: damit sind Heinrich Böll, seine Frau und seine Kinder und eine zusätzliche weibliche Erwachsene (wahrscheinlich Kindermädchen) in wechselnden Kombinationen gemeint.

 

„In den Blicken und Gesichtern der Menschen, die er an der Bushaltestelle sah, sah er Hunger, und deshalb lud er sie alle ein zu Tee, Eiern, Schinken, Salat, Keksen und Eiskrem“ – da hat der Zusammenfasser einiges durcheinander gebracht – tatsächlich lud Heinrich Böll seine eigene Familie zum Essen ein.

 

„Bei einer weiteren Geschichte stoppt ein Polizist ein Auto. Der Fahrer dreht das Fenster runter, und beide begrüßen sich freundlich. Dann fangen sie an, über den netten Tag und das Wetter zu reden. Sie vermuten, dass es bald regnen könnte. Dann reden beide von ihren entfernten Verwandten und deren Ereignissen, die ihnen widerfahren sind, bei denen es mal geregnet hat. Dann fragt der Polizist den Autofahrer nach seinen Papieren, aber dieser hatte sie vergessen. Der Polizist antwortet darauf mit: „Na, ihr Gesicht wird schon Ihres ein.“ Und dann verabschiedeten sich beide genauso freundlich, wie sie sich auch begrüßt hatten.

 

Damit wird eigentlich gezeigt, dass überall zwischen den Iren Freundlichkeit herrscht, und sich gerne jeder mit jedem unterhält.“

 

Diese Beschreibung tut schon etwas weh. Im Original liest sich das nämlich so:

 

Der tote Indianer in der Duke Street

 

„Nur zögernd hebt der irische Polizist seine Hand, um das Auto zu stoppen. Wahrscheinlich ist er der Nachfahre eines Königs oder der Enkel eines Dichters, der Urneffe eines Heiligen, vielleicht auch hat er, der hier das Gesetz zu hüten scheint, die andere Pistole, die der Außergesetzlichkeit des Freiheitskämpfers, zu Hause unter dem Kopfkissen liegen. Niemals aber war die Tätigkeit, die er hier ausübt, Gegenstand eines der unzähligen Lieder, die seine Mutter ihm an der Wiege sang: die Nummer in den Zulassungspapieren mit der des Autos zu vergleichen, die blasse Fotografie des Besitzers mit dessen lebendigem Gesicht - welch eine törichte, fast erniedrigende Beschäftigung für den Nachkommen eines Königs, den Enkel eines Dichters, den Urneffen eines Heiligen - für den, der vielleicht die wilde Pistole der Außergesetzlichkeit mehr liebt als die des Gesetzes, die an seiner Hüfte baumelt.

Mit schwermütigem Zögern also stoppt er das Auto, der Landsmann drinnen dreht das Fenster herunter, der Polizist lächelt, der Landsmann lächelt, und das dienstliche Gespräch kann beginnen:

„Ganz netter Tag heute", sagte der Polizist, „wie geht es Ihnen denn?"

„Oh, ganz gut, und Ihnen?"

„Es könnte besser sein, aber sagen Sie: haben wir nicht einen netten Tag?"

„Wirklich reizend - oder glauben Sie, daß es regnen wird?"

Feierlich blickt der Polizist nach Osten, nach Norden, Westen und Süden - und in dieser genußvollen Feierlichkeit, mit der er den Kopf schnuppernd durch die Luft schiebt, liegt das Bedauern darüber, daß es der Himmelsrichtungen nur vier gibt; wie schön müßte es sein, genußvoll und feierlich in sechzehn Himmelsrichtungen blicken zu können -, dann wendet er sich nachdenklich dem Landsmann zu:

„Nicht ganz ausgeschlossen, daß es regnen wird. Wissen Sie, an dem Tag, an dem meine Älteste ihr jüngstes Kind bekam - ein reizender kleiner Bengel mit ganz braunem Haar und ein Paar Augen - ein Paar Augen, sage ich Ihnen! -, an diesem Tag, es war vor drei Jahren, wohl um diese Jahreszeit, dachten wir auch, es sei ein reizender Tag; aber am Nachmittag ging es dann los."

„Ja", sagte der Landsmann im Wagen drinnen, „als meine Schwiegertochter - die Frau meines zweitältesten Sohnes -, als sie ihr erstes Kind bekam - eine süße Kleine mit ganz hellblondem Haar und ganz hellblauen Augen, ein entzückendes Kind, sage ich Ihnen! -, an diesem Tag war das Wetter fast so wie heute."

„Auch der Tag, als meine Frau den Backenzahn gezogen bekam - morgens Regen, mittags Sonne, abends wieder Regen -, genauso war es an dem Tag, als Catie Coughlan den Pfarrer von St. Mary erstach ..."

„Hat man je 'rausgekriegt, warum sie es tat?"

„Sie erstach ihn, weil er sie nicht absolvieren wollte. Vor Gericht sagte sie dauernd zu ihrer Verteidigung: ,Sollte ich denn, mit all meinen vielen Sünden bedeckt, vielleicht sterben?'- genau an diesem Tag bekam das drittjüngste Kind von meiner zweitältesten Tochter seinen ersten Zahn, und wir feiern doch die Zähne: ich aber schlich im strömenden Regen durch Dublin, um Catie zu suchen."

„Fandet ihr sie?"

„Nein, sie saß schon zwei Stunden auf dem Revier und wartete auf uns - aber es war niemand da, weil wir ja alle unterwegs waren, sie zu suchen."

„Zeigte sie Reue?"

„Nicht eine Spur. Sie sagte: Ich nehme an, daß er gleich in den Himmel gekommen ist: was will er eigentlich mehr' - Schlimm war auch der Tag, an dem Tom Duffy den Bären im Zoo den großen Schokoladeneger brachte, den er bei Woolworth geklaut hatte. Es waren vierzig Pfund reine Schokolade, und alle Tiere im Zoo wurden wild, weil das Gebrüll der Bären sie verrückt machte. An diesem Tag schien die Sonne so schön, den ganzen Tag über - und ich wollte mit der Ältesten von meiner Ältesten an die See fahren: so aber mußte ich Tom abholen: er lag zu Hause im Bett und schlief fest, und wissen Sie, was der Kerl sagte, als ich ihn weckte? Wissen Sie's?"

„Ich entsinne mich nicht."

„,Verdammt`, sagte er, warum mußte dieser herrliche Schokoladeneger auch Woolworth gehören. Nicht mal ruhig schlafen laßt ihr einen.' 0 törichte, dumme Welt, in der die richtigen Dinge immer den falschen Leuten gehören - ein wunderbarer Tag, und ich mußte den blöden Tom verhaften."

„Ja", sagte der Landsmann im Auto drinnen, „auch der Tag, an dem mein Jüngster im Abschlußexamen durchfiel, war so ein herrlicher Tag ..."

Multipliziert man die Anzahl der Verwandten mit deren Lebensalter, dieses Ergebnis dann mit der Zahl 365, dann hat man ungefähr die Anzahl der Variationsmöglichkeiten des Themas Wetter. Man weiß nie, was wichtiger ist: Catie Coughlans Mord oder das Wetter, das an diesem Tag herrschte; wer das Alibi für was ist, läßt sich nicht 'rauskriegen: ob der Regen für Catie oder Catie für den Regen, das bleibt unentschieden. Ein gestohlener Schokoladeneger, ein gezogener Backenzahn, ein nicht bestandenes Examen: diese Ereignisse stehen nicht einsam in der Welt, sie sind der Wettergeschichte zu,-, in sie eingeordnet, sie gehören in ein geheimnisvolles, unendlich kompliziertes Koordinatensystem.

„Schlimm war es auch", sagte der Polizist, „an dem Tag, an dem eine Nonne in der Duke Street den toten Indianer fand: Sturm herrschte und Regen peitschte uns ins Gesicht, als wir den armen Kerl zur Wache brachten. Die Nonne ging die ganze Zeit neben uns her und betete für seine arme Seele - das Wasser lief ihr in die Schuhe, und der Sturm war so heftig, daß er ihr schweres nasses Habit hochhob, und ich konnte für Augenblicke sehen, daß sie ihre dunkelbraune Hose mit rosa Wolle gestopft hatte ..."

„War er ermordet worden?"

„Der Indianer? Nein - man hat nie 'rausgekriegt, wo er herkam, zu wem er gehörte, weder wurde Gift in ihm noch irgendein Zeichen einer Gewalttat an ihm gefunden: er hatte das Kriegsbeil in der Hand, war in Kriegsbemalung und Kriegsschmuck, und weil er ja einen Namen haben mußte - wir erfuhren seinen richtigen Namen nie -, nannten wir ihn Unser lieber roter Bruder aus der Luft. ,Er ist ein Engel', weinte die Nonne, die nicht von seiner Seite wich, er muß ein Engel sein: seht doch sein Gesicht ..."

Glanz kam in die Augen des Polizisten, feierlich straffte sich sein Gesicht, das vom Whisky ein wenig schwammig war, und er sah plötzlich so jung aus — „Wirklich, ich glaube heute auch, daß er ein Engel war: wo sollte er sonst herkommen?"

„Merkwürdig", flüsterte der Landsmann mir zu, „ich habe nie von diesem Indianer gehört."

Und ich begann zu ahnen, daß der Polizist nicht der Enkel eines Dichters, sondern selbst ein Dichter sei.

„Wir trugen ihn zu Grabe, erst eine Woche später, weil wir jemand suchten, der ihn gekannt haben könnte, aber niemand hatte ihn gekannt. Das merkwürdigste war, daß auch die Nonne plötzlich verschwunden war. Ich hatte doch die rosa Stopfwolle auf ihrer braunen Hose gesehen, wenn der Sturm ihr schweres Habit hochhob - es gab natürlich einen Mordskrach, als die Polizei die Hosen aller irischen Nonnen besichtigen wollte."

„Bekamt ihr sie zu sehen?"

„Nein", sagte der Polizist, „wir bekamen die Hosen nicht zu sehen, ich bin sicher, daß die Nonne auch ein Engel war. Wissen Sie, was mich nachdenklich gemacht hat: ob sie im Himmel wirklich gestopfte Hosen tragen?"

„Fragen Sie doch den Erzbischof”, sagte der Landsmann, und er drehte sein Fenster noch weiter herunter und reichte die Zigarettenschachtel nach draußen. Der Polizist nahm eine Zigarette.

Das kleine Geschenk schien den Polizisten an sein eigentliches, dieses lästige irdische Leben erinnert zu haben: alt war plötzlich sein Gesicht wieder, schwammig und schwermütig, als er fragte: „übrigens, kann ich Ihre Papiere einmal sehen?"

Der Landsmann unternahm nicht einmal den Versuch, den Suchenden zu spielen: nicht diese künstliche Nervosität, mit der wir nach etwas suchen, von dem wir wissen, daß es nicht da ist; er sagte einfach: „Oh, ich habe sie vergessen."

Der Polizist stutzte nicht einen Augenblick. „Oh", sagte er, „Ihr Gesicht wird ja wohl Ihres sein."

Ob das Auto auch seins ist, scheint nicht so wichtig zu sein, dachte ich, als wir weiterfuhren: wir fuhren durch herrliche Alleen, an prächtigen Ruinen vorbei, aber ich sah nicht viel von allem: ich dachte an den toten Indianer, der in der Duke Street von einer Nonne gefunden wurde, bei Sturm und peitschendem Regen: ich sah die beiden deutlich, ein Engelpaar - den einen im Kriegsschmuck, den anderen mit einer braunen Hose, die mit rosa Wolle gestopft war, deutlicher sah ich sie als das, was ich wirklich hätte sehen können: die wunderbaren Alleen und die prächtigen Ruinen ...“

 

Deutschsprachiger Tourismus nach Irland

 

„Zweifellos war sich der deutsche Autor bewusst, dass er die Klischees, die er wissend und willig in sein «Irisches Tagebuch» einfliessen liess, vertiefte. Im Vorspann weist er warnend darauf hin, dass es dieses Irland, das er beschreibe, zwar gebe, «wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor». Dennoch oder gerade deshalb gilt Böll als Vater des deutschen Irland-Tourismus. Und wenn – so die frühere irische Präsidentin Mary Robinson – das Land nicht schon einen Nationalheiligen hätte, müsste man Heinrich Böll dazu ernennen.“

http://www.nzz.ch/wo-die-poesie-auf-der-strasse-liegt-1.18438427

„Die meisten Besucher aus dem Ausland kommen aus Deutschland und haben meist Heinrich Böll im Kopf. Jeder will das „Skelett einer menschlichen Siedlung“ sehen, das verlassene Dorf am Fuße des Slievemore, über das Böll im „Irischen Tagebuch“ schreibt.

An warmen Sommertagen wimmelt es zwischen den grauen Ruinen vor Menschen. 1957 wurde das Tagebuch veröffentlicht und verkaufte sich allein in deutschsprachigen Ländern über zwei Millionen Mal. Drei Jahre zuvor waren die Bölls das erste Mal nach Achill Island gereist, schon vier Jahre später legten sie sich ein Cottage in Dugort zu.

1983, zwei Jahre vor seinem Tod, war Heinrich Böll zuletzt dort gewesen. Heute werden in dem kleinen Landhaus Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung untergebracht, die dort in Ruhe schreiben oder malen sollen.“

https://www.welt.de/reise/nah/article115648723/Wo-Heinrich-Boell-sein-irisches-Tagebuch-schrieb.html

 

Die Iren und das Irische Tagebuch und eine andere Wahrnehmung

 

„Der irische Schriftsteller Hugo Hamilton, Sohn einer Deutschen und eines Iren, hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, die von seiner Kindheit in den fünfziger Jahren handeln. Und natürlich kennt er auch Heinrich Bölls 1957 erschienenes "Irisches Tagebuch" ganz genau. Ein Werk, das bis heute in Irland nicht die ihm gebührende Anerkennung gefunden habe: "Leider ist das Buch nie hier angekommen. Also, es wurde fast als Beleidigung angenommen hier. Ich glaube, das Buch erinnerte die Iren an erstmal die Armut, die Auswanderung, dieses kleine provinzielle Niveau hier. Die Iren wollten das eigentlich loswerden, die wollten sich eher an Amerika anknüpfen und an London und ich glaube, dass die warme romantische Beschreibung, die passte denen gar nicht. Und die Rezeption, die in Deutschland wahrgenommen wurde, das ist was ganz anderes. Ich beschreibe das jetzt gerne als eine literarische Landschaft, die übrig geblieben ist, auch wenn Achill Island sehr dem Wandel ausgesetzt ist. Man spricht von dem Klimawechsel, alles Mögliche wird Achill ständig wieder umändern. Aber diese literarische Landschaft bleibt …

Im Zentrum des Dubliner Altstadtviertels lebt Tony MacMahon, einer der profundesten Kenner der irischen Musiktradition und selbst ein begnadeter Meister des Akkordeons. Er ist aufgewachsen in einer Kleinstadt im Westen Irlands.

Seine Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in den fünfziger Jahren sind alles andere als fröhlich. "Den Stiefel der Kirche im Nacken", den habe er verspürt damals. Der Westen Irlands? Ein grauer Erinnerungscocktail aus Nonnen und Priestern, klammen, regnerischen Tagen, Düsternis und Angst.

Dass Böll beeindruckt und schier überwältigt war von dem, was er in der irischen Kirche als eine Atmosphäre aus Wärme und Gemeinschaftlichkeit zu beobachten glaubte – ja, das habe es gelegentlich gegeben – aber die Regel sei das nicht gewesen. Angst habe geherrscht. Angst vor der Sünde …

Der Dubliner Poet Pearse Hutchinson (1927-2012) zählt zu den bedeutendsten irischen Schriftstellern der Gegenwart und war einer der besten Kenner der bewegten Literaturszene der fünfziger Jahre. Die fünfziger Jahre, das waren – wie die vierziger Jahre zuvor – düstere und beengende Zeiten, erinnerte er sich und zitierte damit seinen Freund und Kollegen John Jordan. Schriftsteller, Theaterleute, Künstler und Journalisten mussten kämpfen um ihr Terrain geistiger Freiheit im Lande der Priester, Mönche und Nonnen. Und sie taten es – mit ihren Mitteln. Ob der in Deutschland immer bekannter werdende Schriftsteller Heinrich Böll während seines ersten Aufenthaltes in Dublin den einen oder anderen seiner irischen Kollegen persönlich kennen gelernt hat, ist nicht bezeugt.“

http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/feature/boell-irland102.pdf

 

Die Suche nach der guten, alten Zeit und dem edlen Wilden

 

Warum setzte nach Erscheinen des „Irischen Tagebuches“ ein kleiner Touristen-Boom ein, der bis heute anhält?

 

Armuts-Tourismus

 

Es geht zu Menschen, die ärmer sind als mensch selbst und sozial unter einem stehen. Mensch hat ein gutes Gefühl, überlegen zu sein. Und kann sich sicher sein, dass die unter ihm stehenden Menschen alles tun werden, damit der Gast zufrieden ist. Dessen gerührt bezeichnet der Gast dies als „Gastfreundschaft“.

Leider sind die Menschen in den wenigsten Fällen gastfreundlich. Wenn „Gäste“ kommen, die sozial nicht gleichrangig oder über den Einheimischen stehen, sondern mehr oder weniger deutlich darunter, ist meistens sehr schnell aus mit Gastfreundschaft.

Das Gefühl, dass mensch noch „wer“ ist, hat mensch gerne. Viele Deutsche, die etwa in die osteuropäischen Länder reisen, haben oft kein Interesse an deren Hochkultur, sondern suchen bewusst ärmliche Gegenden auf, von denen sie dann zu Hause erzählen können, wie ärmlich es dort zugeht und was dort alles ihrer Ansicht nach nicht klappt.

 

Vorindustrielle Zeit

 

Der größte Teil menschlichen Fortschritts, auch zivilisatorischer Art, hat mit der Industrie zu tun. Die mag manchmal über’s Ziel hinaus schießen, ist aber ein anderes Thema.

Welches sind die Folgen für die Menschen, wenn der Fortschritt, gerade finanzieller Art, über sie kommt? Sie haben eine weitaus bessere medizinische Versorgung, eine deutlich längere Lebensdauer, sehen zu, dass sie eine größere Wohnfläche für sich alleine mit ihrer eigenen Familie haben, versorgen sich mit immer mehr und immer besseren technischen Geräten.

Je besser es ihnen geht, umso weniger Kinder haben sie und umso mehr wenden sie sich von der Religion ab.

Und diese mehr oder weniger reichen Touristen (in den Augen der Einheimischen sind jene immer reich) stoßen nun bewusst auf arme Menschen, die viele Kinder haben, tiefgläubig sind, geringen Wohnraum und nur wenige technische Geräte haben und deren medizinische Versorgung zumindest nicht so gut ist wie die eigene.

Sibelius Storch ist ein weitgereister Freund der Bewohner des Erdreichs, der auch gerne auf Gruppenreisen mit Menschen geht. Wenn es in etwas abgelegenere Regionen geht, erlebt er jedes Mal folgende Reaktionen auf die Einheimischen:

„Ach, was haben die es gut“, „ach, da leben noch mehrere Generationen im selben Haus“, „ach, wie ist das schön, kinderreiche Familien zu haben“, „ach, wie ist das schön, dass die Nachbarn sich dauernd sehen und treffen“, „ach, wie ist das schön, dass kein Fernseher, kein Radio, kein Internet, kein Auto die Geselligkeit stört“, „ach, wie ist das schön, dass die Menschen so fromm sind“.

All diese Touristen könnten ein ähnliches Leben führen, wenn sie es denn wollten. Aber genau das wollen sie nicht. Dann sollten sie die Armut und Einfachheit der anderen aber auch nicht idealisieren.

 

Bleierner Ort

 

Mensch stelle sich ein Dorf in Deutschland vor. Halbwegs vor-industriell, halbwegs abgelegen, halbwegs homogen.

Jeder kennt sich, jeder weiss über jeden Bescheid. Es wird von jedem erwartet, dass er sich an die Regularien hält. Dazu zählt, sonntags in die Kirche zu gehen, sich an bestimmte Essens-Vorschriften zu bestimmten Zeiten zu halten.

Da sieht es um die Minderheiten-Rechte aber sehr schlecht aus!

Jeder, der sich nicht aufzwingen lassen will, was er gefälligst zu tun und zu lassen hat, jeder, der nicht will, dass hinter ihm hergeschnüffelt wird und alle anderen wissen, was er tut oder nicht tut, will so schnell wie möglich raus. Und wenn es nur Fluchtmöglichkeiten etwa einmal in der Woche sind.

Diese Dorfgemeinschaft wird alles tun, damit alles so bleibt, wie es schon immer war. Sich innerlich anders zu verhalten, geht ja noch an, aber bitte nicht nach außen hin. Wenn dann doch, können diese Dörfler aber sehr böse werden.

Mensch stelle sich vor, es kommen Fremde in dieses Dorf, die Geld bringen und nach relativ kurzer Zeit wieder gehen. Denen ist mensch gegenüber sehr freundlich und sehr gastfreundlich. Die Fremden freuen sich auch, wie einfach es die Leute haben, wie fromm sie sind, wie viele Kinder sie haben, wie viele im gleichen Haus auf engem Raum beieinander hocken. Und werden diese Zustände idealisieren. Dass die Einheimischen im Normalzustand, wenn sie unter sich sind, äußerst unfreundlich sein können, wird erst gar nicht zur Kenntnis genommen.

Der Wurm wiederholt gerne obige Stellen:

„Leider ist das Buch nie hier angekommen. Also, es wurde fast als Beleidigung angenommen hier. Ich glaube, das Buch erinnerte die Iren an erstmal die Armut, die Auswanderung, dieses kleine provinzielle Niveau hier. Die Iren wollten das eigentlich loswerden, die wollten sich eher an Amerika anknüpfen und an London und ich glaube, dass die warme romantische Beschreibung, die passte denen gar nicht. Und die Rezeption, die in Deutschland wahrgenommen wurde, das ist was ganz anderes …

Im Zentrum des Dubliner Altstadtviertels lebt Tony MacMahon, einer der profundesten Kenner der irischen Musiktradition und selbst ein begnadeter Meister des Akkordeons. Er ist aufgewachsen in einer Kleinstadt im Westen Irlands.

Seine Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in den fünfziger Jahren sind alles andere als fröhlich. "Den Stiefel der Kirche im Nacken", den habe er verspürt damals. Der Westen Irlands? Ein grauer Erinnerungscocktail aus Nonnen und Priestern, klammen, regnerischen Tagen, Düsternis und Angst.

Dass Böll beeindruckt und schier überwältigt war von dem, was er in der irischen Kirche als eine Atmosphäre aus Wärme und Gemeinschaftlichkeit zu beobachten glaubte – ja, das habe es gelegentlich gegeben – aber die Regel sei das nicht gewesen. Angst habe geherrscht. Angst vor der Sünde …

Der Dubliner Poet Pearse Hutchinson (1927-2012) zählt zu den bedeutendsten irischen Schriftstellern der Gegenwart und war einer der besten Kenner der bewegten Literaturszene der fünfziger Jahre. Die fünfziger Jahre, das waren – wie die vierziger Jahre zuvor – düstere und beengende Zeiten, erinnerte er sich und zitierte damit seinen Freund und Kollegen John Jordan. Schriftsteller, Theaterleute, Künstler und Journalisten mussten kämpfen um ihr Terrain geistiger Freiheit im Lande der Priester, Mönche und Nonnen. Und sie taten es – mit ihren Mitteln. Ob der in Deutschland immer bekannter werdende Schriftsteller Heinrich Böll während seines ersten Aufenthaltes in Dublin den einen oder anderen seiner irischen Kollegen persönlich kennen gelernt hat, ist nicht bezeugt.“

Anders ausgedrückt: Heinrich Böll hat das gesehen, was er sehen wollte. Wie alle anderen Armuts-Touristen auch.

 

 

Dada

 

Unsere kleine Polizei-Station

 

Wir befinden uns im Jahre 2016 unserer Zeitrechnung. Ganz Deutschland ist von Verbrechern besetzt … Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Hütern des Gesetzes bewohnte Polizei-Station hört nicht auf, dem Verbrechen Widerstand zu leisten.

Und so ist halt noch vieles in Ordnung in der Region. Denn für Ruhe, Ordnung und Gerechtigkeit sorgt der Polizeiposten Rüppurr.

Kleine und große Spitzbuben, mehr oder weniger Leichtgläubige, Verrückte und Alkoholisierte, mehr oder weniger wilde Tiere treiben hier ihr Unwesen. Der Polizeioberkommissar und Chronist Karl Sauter hält diese Vorkommnisse fest im Buch „Tatort Rüppurr – Karl Sauters Notizen aus dem Polizei-Alltag“ aus dem Jahr 2005, jeweils monatlich im lokalen „Rieberger Bläddle“ und „Monatsspiegel“ und im Internet:

http://www.polizei.rueppurr.de/index.php?action=berichte

http://www.polizei.rueppurr.de/index.php?action=cms&id=1

Von Zeit zu Zeit möchte der Wurm eine dieser Geschichten zitieren. Diesmal geht es um folgenden Fall von vor einem Jahr:

 

BTC

 

Mit diesem Kürzel können viele nichts anfangen, ich eigentlich auch nicht. Es ist die Abkürzung für Bitcoin, eine digitale Währung im Internet. Bitcoins steigen und fallen wie Aktien, man kann mit ihnen einkaufen, sie verschenken oder auch verkaufen.

Wie mit vielem kommt es im Zusammenhang mit dieser Währung zu Straftaten, mit denen auch unser Polizeiposten in der Vergangenheit mehrfach zu tun hatte.

Wie mit Aktien handelte unser Protagonist mit BTC. Der Kurs ist gut und er bot über eine Verkaufsplattform im Internet Bitcoins zum Verkauf an. Ein Interessent meldete sich und über den Mailverkehr wurden dann die Details abgesprochen. Das ist natürlich nicht so wie früher, wo der Herr Maier aus Rüppurr mit dem Herr Schneider aus Bulach einen Kaufvertrag aushandelte.

Heutzutage verhandeln eine Frühlingsrolle3 und ein Geldhahn8 miteinander und keiner weiß, wer der andere ist. Und trotzdem kommen Geschäfte zustande.

In unseren Fällen war es dann so, dass die Frühlingsrolle sein digitales Geld in Euro, also in bare Münze tauschen wollte. Er schrieb deshalb dem Geldhahn, dass er einen Bitcoin für 300 € verkaufen würde, allerdings wolle er davor Bares auf seinem Konto sehen.

Als nun die 300 € auf dem Konto lagen, überwiesen mit einem uns allen bekannten Überweisungsformular, verschickte die Frühlingsrolle seinen Bitcoin sozusagen ins Nirwana.

Jetzt hätte alles seine Ordnung, wenn nicht das Überweisungsformular gefälscht gewesen wäre. Es ist davon auszugehen, dass der Geldhahn über die Bankdaten unbescholtener Bürger verfügt, ein Überweisungsformular mit den Daten eines dieser Bürger versieht, die Unterschrift fälscht, und wenn die Bank nichts merkt, wird der Betrag an die Frühlingsrolle überwiesen.

Das kommt natürlich früher oder später raus, was zur Folge hat, dass der unbescholtene Bürger die Frühlingsrolle anzeigt, weil diese ja in seinen Augen den Überweisungsträger gefälscht hat und unberechtigt über sein Geld verfügt. Die Frühlingsrolle ist natürlich auch sauer, weil sie ja etwas verkauft hat und nun jemand den Kaufpreis zurück haben will.

Der lachende Dritte ist der Geldhahn, den man zudrehen müsste, aber keiner weiß, wo er ist.

 

Das Leben geht weiter: Ob Freispruch oder Zuchthaus – und auf die Guillotin' hat unser Herr Polizeioberkommissar Karl Sauter eh niemanden geschickt.

Es ist eine liebe Zeit – trotz der Vorkommnisse, menschlich halt. Und darum kommt es immer wieder zu diesen Szenen – beim Polizeiposten Rüppurr.

 

 

 

 

Dadaisten sorgen dafür, dass die Nachwelt noch von ihnen weiss. Hier grüßt einer aus einem Fenster in Lemberg.