Vor 90 Jahren wurde Joachim Fest geboren. Als Mitherausgeber der FAZ sowie Verfasser der Biographien von Albert Speer und Adolf Hitler war der 2006 verstorbene Joachim Fest eine bedeutende und einflussreiche Persönlichkeit.

Vor allem war er der Repräsentant des deutschen Großbürgertums.

„Bundespräsident Horst Köhler schrieb seiner Witwe Ingrid Fest: „In seiner Persönlichkeit haben sich christliches Ethos und Bürgertugend, tiefe Bildung und intellektuelle Redlichkeit, konservative Skepsis und weltbürgerliche Liberalität zu einem wahrhaft lebendigen Geist verbunden.““

https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Fest

Der Wurm möchte aus vier seiner Bücher die für ihn wichtigen Passagen zitieren, um dann zum Schluss selbst seine Aussagen zum Bürgertum (in diesem Fall ist mit „Bürgertum“ immer das Großbürgertum gemeint) und zu Joachim Fest zu treffen.

Zuerst „Wikipedia“ über das Bürgertum: „„Bürgertum“ ist die zusammenfassende Bezeichnung für eine vielschichtig strukturierte, im Einzelnen nur schwer abgrenzbare Gesellschaftsschicht zwischen Oberschicht sowie Bauern und Arbeiterschaft. Sie setzt sich im Wesentlichen aus den Teilschichten des Großbürgertums und des Kleinbürgertums zusammen. Seit der industriellen Revolution wird sie meist dem Mittelstand zugeordnet …

In der Zeit des abendländischen Feudalismus erkämpfte sich das Bürgertum in Abgrenzung zu Bauern und Adel seine bürgerlichen Freiheiten, zunächst in den reichsunmittelbaren Städten, gestützt auf kaufmännische Gilden und handwerkliche Zünfte. Die im Zeitalter der Aufklärung formulierten und u. a. in der Französischen Revolution von den Bürgern erkämpften Bürgerrechte gelten heute als Menschenrechte.

Eine erste moderne Definition zu den rechtlichen Bestimmungen des Bürgerstandes stammt aus dem Jahre 1794 und findet sich im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR) Zweyter Theil. Achter Titel. Erster Abschnitt. Vom Bürgerstande überhaupt:

1. Der Bürgerstand begreift alle Einwohner des Staats unter sich, welche, ihrer Geburt nach, weder zum Adel, noch zum Bauernstande gerechnet werden können, und auch nachher keinem dieser Stände einverleibt sind.

2. Ein Bürger im eigentlichen Verstande wird derjenige genannt, welcher in einer Stadt seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und daselbst das Bürgerrecht gewonnen hat.

3. Personen des Bürgerstandes in und außer den Städten, welche durch ihre Ämter, Würden, oder besondere Privilegien, von der Gerichtsbarkeit ihres Wohnortes befreyt sind, werden Eximierte genannt. […]

5. Einwohner der Städte, welche weder eigentliche Bürger, noch Eximierte sind, heißen Schutzverwandte.

6. Bürger und Schutzverwandte der Stadt werden nach den Statuten ihres Wohnorts, Eximierte hingegen nach den Provinzialgesetzen, und in deren Ermangelung, nach dem allgemeinen Gesetzbuche beurtheilt.

Bürgerrecht war also ein ständisches Recht. Es wurde durch Geburt erworben oder an solche Bewerber verliehen, die es beantragten und wichtige Bedingungen erfüllen mussten. Waren sie leistungsfähig und verfügten sie über Vermögen, waren sie willkommen. Das Allgemeine Landrecht verweist mit dieser Definition bereits auf drei Grundarten des Bürgerbegriffs: Stadtbürger (Handwerksmeister, wohlhabende Kaufleute, Ladenbesitzer, Gastwirte – insgesamt auch als Kleinbürger bezeichnet), Bildungsbürger im Staatsdienst (Eximierte) und Wirtschaftsbürger oder Bourgeois (ebenfalls Eximierte) …

Das Bürgertum prägte in der Zeit des Frühkapitalismus die „bürgerliche Weltanschauung“ aus, die eng mit den „bürgerlichen Tugenden“ Leistung, Fleiß und Sparsamkeit verbunden ist. Dabei formten die bürgerlichen Intellektuellen sich zu einem entweder staatlich alimentierten oder freiberuflichen Bildungsbürgertum, das teilweise auch Kritik an den vorherrschenden bürgerlichen Vorstellungen und Ideen zu formulieren vermochte.“

https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgertum

Zur großbürgerlichen Lebensform gehören:

„- Eigenständiges wirtschaftliches Handeln – statt Angestelltendasein, dem zunehmend auch Mitglieder der Freien Berufe zuzurechnen sind

- Materieller Wohlstand durch berufliche Leistungen oder Erbschaftsvermögen

- Jedenfalls während der Erziehungsphase einer regelmäßig größeren Kinderschar nicht erwerbstätige Ehefrauen, die sich um den bürgerlichen Haushalt und oft karitative Aufgaben kümmern

- Gehobene, oft grenzüberschreitende und kostenaufwendige Ausbildung der Kinder

- Mäzenatentum mit karitativem, sozialem oder politischem Engagement“

https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fb%C3%BCrger

 

Bürgerlichkeit als Lebensform - Späte Essays

 

"Der Irrtum Hannos oder Bürgerlichkeit als geistige Lebensform. Eine Dankrede"

Zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises im Jahr 1982. „Hanno“ ist die Romanfigur Hanno Buddenbrook, der im kindlichen Alter davon ausgeht, der letzte der Dynastie zu sein.

„… In „Dichtung und Wahrheit“ ist einmal davon die Rede, daß der Mensch ein Gutteil seiner inneren Stabilität, seiner Kraft und seines Glücks aus der regelmäßigen Wiederkehr der äußerlichsten Verhältnisse beziehe, dem Wechsel von Tag zur Nacht, von einer Woche zur anderen, von Jahreszeit zu Jahreszeit, und daß der Überdruß an diesen einfachen Abläufen die eigentliche Seelenkrankheit sei.

Das ist in hohem Maße bürgerlich gedacht. Aber diese fast rituelle Ordnung des Lebens, die Fügung ins Zyklische, in das, „was pflichtgemäß wiederkehrt“, ist noch nicht die Bürgerlichkeit selbst, sondern deren äußere Bedingung: sozusagen der Rahmen, in dem sich jener Leistungswille erst entfalten kann, dem das Bürgertum alles verdankt, was erinnerungswürdig an ihm ist. Die Antriebe und verborgenen Rechtfertigungsbedürfnisse, denen es entstammt, sind hier nicht zu erörtern, einiges davon ist, wie man weiß, in der Verknüpfung mit dem Protestantismus und der aus dieser Verbindung hervorgegangenen bürgerlichen Tugendlehre begründet. Aber daß das Bürgertum ohne eine tiefe „produktions-ethische Gesinnung“ nicht zu denken ist und seine innerste Selbstgewißheit an einer Leistungsidee von drakonischem Charakter hängt, die alle Sphären gesellschaftlichen Verhaltens durchdrang, Arbeitswelt und positive Wissenschaft, Recht und Philosophie, Kunst und private Lebensgestaltung: das alles ist unbestreitbar. Von hier aus lassen sich, über mancherlei Zwischenglieder, die faßbarsten Zusammenhänge herstellen: Bürgerlich ist die Idee der Konkurrenz, des Exzellierens auf allen Gebieten; bürgerlich der Wille zum Herausragenden und, daraus hervorspringend, der Sinn für individuellen Rang, auch für menschliche oder künstlerische Größe, der wiederum aufs engste mit dem zu tun hat, was man das bürgerliche Genie zur Bewunderung nannte. Und bürgerlich ist schließlich, dies alles zusammenfassend, die Faszination durch das Einzigartige, auf deren Grund ein schroffes, im Einzelfall oft mitleidloses Bekenntnis zu menschlichen Unterschieden, sogar zur Ungleichheit greifbar wird. Der Idee nach soll sie aber den einzelnen nicht fesseln, sondern ihm vielmehr Ansporn und Möglichkeit geben, das Besondere zu werden. Wir wissen unterdessen, zu welchen Verheerungen das Prinzip geführt hat. Aber es war und blieb lange die Ausgangsmaxime, ungeachtet der Opfer an der Strecke.

Das ist der Umriß, der mit dem Bild des bürgerlichen Typus in allen seinen facettenreichen Varianten erst noch auszufüllen wäre. Dazu gehörte vorab der Gedanke von der Vervollkommnung des einzelnen, der einhergeht mit dem stark pädagogischen Zug, der zu diesem Menschenbild gehört, der ununterdrückbaren Neigung zu Kritik und Selbstkritik. Dahinter steht die Idee der Verantwortung des Menschen sowie die seiner Befreiung durch sich selbst, und es macht, um auf die Gegenwart zu kommen, den ganzen Abstand sichtbar, der uns vom gleichsam klassischen bürgerlichen Lebensgefühl trennt, daß heute alles Heil von Gruppenbildungen erwartet und Befreiung durchweg als soziales, nicht dagegen als individuelles Problem verstanden wird.

Wodurch aber die Befreiung bewirkt wird, ist nach bürgerlichem Verständnis vor allem die Selbsterziehung. An ihrem Ende steht, was das Bürgertum mit einem seiner kanonisierten Begriffe als „Bildung“ bezeichnete. Die verbreitete Verachtung, die dem Begriff des „Bildungsbürgers“ inzwischen entgegenschlägt, seine Herabwürdigung zu einer Art Pfahlbürger, den Eugen-Roth-Verse beglücken, Dr.-Tigges-Reisen und Sonntagsmatineen mit dem städtischen Tenor vorm Gummibaum, weiß nichts von dem, was ursprünglich damit gemeint war: nicht das jederzeit abrufbare Klassikerzitat oder die Melodie von „O du mein holder Abendstern“. Das war die Karikatur. Gemeint war vielmehr die geformte, vom elementaren Hunger nach geistigen Erfahrungen lebenslang geprägte Persönlichkeit. Natürlich ist dieses Bild lange verloren. Aber noch im verdünnten, blassesten Ausdruck, den es im Typus etwa der höheren Tochter oder der ältlichen Besucherin lokaler Dichterlesungen und Quartettabende gefunden hat, kann man einen Widerschein davon entdecken. Auf seinem Grunde stößt man auf jene Leidenschaft für die Teilhabe an der Kultur, aus der nach bürgerlicher Auffassung die Persönlichkeit, das Zusammenleben in geordneter Freiheit und strenggenommen überhaupt erst Kultur werden kann. Historisch gesprochen ist dieses Bedürfnis nach unermüdlicher Selbstformung eine Erscheinung, die allein dem Bürgertum als Klasse zugehört. Der Begriff des „Bildungsromans“, der ja nichts anderes als die charakteristische Biographie des bürgerlichen Menschen meint, hält diese Richtung fest. Sie zielte durchweg auf mehr und anderes als das Studienratswissen. „Wo kam die schönste Bildung her, und wenn sie nicht vom Bürger wär'?“, liebte Thomas Mann zu zitieren …

Vielleicht hat der trotz alledem zu verzeichnende Fortbestand bürgerlicher Daseinsform am Ende damit zu tun, daß keine andere sich zeigt. Während das frühe Bürgertum die eigenen Wertvorstellungen und Verhaltensnormen im bewußten Widerstand gegen die seigneurale Lebensführung ausbildete und, Punkt um Punkt, Arbeit gegen Müßiggang, Sparsamkeit gegen Verschwendung, Ordnung gegen Laune setzte, hat die Arbeiterklasse, aus mannigfaltigen Gründen, kein bewußt sich abgrenzendes Bild ihrer selbst und folglich keine eigene Kultur entwickelt. Im Grunde hat sie nicht einmal jenen Typus angenommen, den Bürger wie Bertolt Brecht, Anna Seghers, Käthe Kollwitz und andere als eine Art Leitbild des nachbürgerlichen Menschen entworfen haben. Vielmehr haben diejenigen, die dem proletarischen Milieu entwuchsen, durchweg nach Verbürgerlichung gestrebt und die Lebensmaximen der nie anders als sehnsüchtig befehdeten Klasse kurzerhand übernommen. Desgleichen haben sich die kollektivistischen Zusammenschlüsse, wie sie sich vor allem in der Zwischenkriegsepoche unter gegensätzlichen, linken wie rechten, aber vom Widerspruch zur bürgerlichen Welt geeinten Vorzeichen entfalteten, nicht behaupten können; und ähnliches gilt schließlich von den Formen sogenannten alternativen Lebens dieser Tage, die eher die Ausweichbewegungen einer produktiv unlustigen Minderheit und für die Gesellschaft im ganzen gerade keine Alternative sind; denn sie tragen weder dem sozialen Pflichtbewußtsein, den Ordnungsansprüchen und unexzentrischen Erwartungen der Mehrheit noch gar der Tatsache Rechnung, daß ihre Anhänger in hohem Maße auf Kosten derer leben, von denen sie sich so hochmütig in ihre biodynamischen Eremitagen absetzen.

Es bleibt die Frage, warum überhaupt von einer halbwegs aufgegebenen, halbwegs verleugneten und im allgemeinen Exitusgerede stehenden Sache noch viel Aufhebens zu machen wäre. Denn unbestreitbar ist ja auch, daß von der Bürgerlichkeit als geistiger Lebensform vor allem die Form im äußerlichsten Sinne fortbesteht, Konventionen, leere Gesten und mechanische Reflexe. Und einzuordnen ist darüber hinaus, daß das verkürzte Bild, das hier entworfen wurde, den idealen Typus nach vorn rückte. Seine strengen Lebensregeln, sein Ethos haben nur für einige Generationen verbindliche Kraft besessen. Es gab die Abgänge zur Seite Hannos hin und, weit stärker noch, die in Richtung auf Diederich Heßling: die Verformung des Bürgers zum Bourgeois mit all den bornierten Zügen, die dazugehören, seiner reaktionären Ängstlichkeit sowie dem bloß noch dekorativen, von keinem Anspruch an sich selbst beunruhigten Behagen in der Kultur. Auftrumpfend, wie er sich zur Erscheinung brachte, hat er die unauffälligere bürgerliche Daseinspraxis mit ihren diskreten Tugenden immer wieder in den Hintergrund gedrängt.

Das ist bis heute so, wofern der Bürger sich nicht selbst verleugnet. Nicht zuletzt deshalb ist es angezeigt, wieder zu sagen, was ein Bürger war und ist; von Maßstäben und leitenden Vorstellungen zu sprechen, die das Bürgertum so groß gemacht haben, daß es nach wie vor ohne Gegenbild ist. Ein Teil der Unsicherheiten und Ängste der Gegenwart rührt zweifellos aus dem Verlust dieser Normen her, die, wie drückend sie auch vielfach empfunden wurden, niemals nur Last, sondern stets auch Halt bedeuteten. „Ich wünschte, ein Bürger zu sein“, hat Theodor Mommsen in seinem Testament vermerkt, und damit nicht nur eine Sehnsucht, sondern auch etwas von dem hohen Anspruch zum Ausdruck gebracht, den der Begriff für ihn, allen antibürgerlichen Affekten auch jener Zeit zum Trotz, stets bewahrt hatte. Vielleicht ist der Gedanke nicht aus aller Welt, daß die gegenwärtig so verschreckt wirkenden Bürger sich ihrer Werte wieder bewußt werden und aus dem Schweigen treten. Dann würde auch die Kritik daran, indem sie auf Widerspruch und Behauptungswillen stieße, ihre Funktion zurückgewinnen und, anders als derzeit gegenüber lauter Unbetroffenen, nicht immer nur ins Leere laufen. Möglicherweise entschlüsselte sich damit die subjektive Wahrheit Hannos ein weiteres Mal als objektiver Irrtum über die Zukunft der bürgerlichen Welt, und der Besorgnis wäre einiges genommen, es käme nichts mehr.“

 

Ich nicht – Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend

 

Vater Johannes Fest

 

Kein sozialer Dünkel

„Zu sagen ist auch, daß mein Vater ohne jeden sozialen Dünkel war und mit der Bäckermamsell so unbefangen plaudern wie mit dem Ministerialbeamten ernste Staatsdinge bereden konnte, daß er mit dem Universitätslehrer so aufgeräumt umging wie mit den Kindern an unseren Geburtstagen. Er sang gern und hatte vom „Prinzen Eugen“ bis zum vergessenen, nur in der akademischen Festouvertüre von Johannes Brahms melodisch überlebenden „Ich hab' mich ergeben ...“ ungezählte Lieder im Kopf. Zum Ende einer Gesangsrunde präsentierte er mit Vorliebe Kurfürstendamm-Chansons, die etwa, wie ich mich erinnern kann, die Behauptung unvergeßlich machten, daß „mein Papagei keine harten Eier frißt“, ein andermal die Frage stellten, was, um Himmels willen, der Mayer am Himalaya treibe oder, noch ein andermal, eine Freundin namens Titine besangen, von der ihr Liebhaber, wohl nicht zuletzt des Reimes wegen, kühn behauptete, daß sie in seinem „Lebenskuchen“ nichts Geringeres als die „Rosine“ sei. Er lachte gern und konnte einen Tisch abendelang mit geistvollen oder, wenn es sein sollte, auch schlichten Anekdoten erheitern."

 

Volksgemeinschaft, Fußballspiele

„Er sei ohne jeden sozialen Hochmut, schaltete sich noch einmal mein Vater ein, daran habe ihn schon seine Herkunft gehindert. Aber die Idee der Volksgemeinschaft, die auf der linken wie auf der rechten Seite ihre leidenschaftlichen Anwälte gehabt habe, sei ihm stets als schlechthin beleidigend erschienen. Niemals werde er sich mit dem SS-Mann Henschel von gegenüber, mit dem Kommunistenführer Teddy Thälmann oder gar mit Franz von Papen gemein machen. Ein andermal sprach er über den Krieg, die Vaterlandsliebe oder was das Wort von „Abrahams Schoß“ bedeute. Wolfgang und ich fanden diese Unterweisungen nicht weniger spannend als die Fußballspiele des SC Oberschöneweide, die wir oft besuchten, und redeten manchmal noch im Bett weiter darüber - bis es meinem Vater, der sich auf viele dieser Gespräche mindestens kurz vorbereitete, eines Tages zuviel wurde. Infolgedessen schlug er uns Streitgespräche vor: über das beste Buch, das wir gelesen hatten, über den Unterschied zwischen den Orden der Benediktiner und der Jesuiten, über den Ursprung mancher Berliner Redensarten, die Baugeschichte von Schwanenwerder oder andere angemessene Themen.“

 

Ich nicht

„Und ebenso wichtig sei, fuhr er fort, nie unter der Vereinzelung zu leiden, die mit dem Gegensatz zur Meinung der Straße zwangsläufig einhergehe. Er wolle uns dafür einen lateinischen Satz aufgeben, den wir nie vergessen sollten; am besten wäre es, ihn aufzuschreiben, dann ins Gedächtnis sozusagen einzubrennen und die Notiz wegzuwerfen. Ihm jedenfalls habe dieser Satz oft geholfen und sogar manche Fehlentscheidung erspart. Denn am seltensten habe er geirrt, wenn er einzig dem eigenen Urteil gefolgt sei. Er legte jedem von uns einen Zettel hin und diktierte: „Etiam si omnes - ego non! Ist aus ‚Matthäus‘“, erläuterte er, „Ölbergszene.““

 

Familie Fest in der Zeit

 

Menschheitsdämmerung

„Lasse ich mich auf einige Marginalien zu den politischen Verhältnissen und ihren familiären Verknüpfungen ein, bleibt zu sagen, daß die Kalamitäten der späten zwanziger Jahre, zumal der unaufhaltsame Aufstieg Hitlers, die Nerven bis zum Reißpunkt gespannt hatten. Gleichzeitig tauchten, wie immer in Krisenzeiten, allenthalben die absonderlichsten Propheten auf, Doktoren okkulter Weltheilungsrezepte, Sektenprediger und Edengärtner, die mit salbungsvoll verdrehten Augen darlegten, daß die Menschheit dem Untergang geweiht sei. Eine Hoffnung bestehe nur, sofern die durch sie verkündete Botschaft Anhang sowie einen Führer finde, der entschlossen auf dem Schicksalsweg voranschreite und der Welt neue Weisungen erteile. Sie kannten sich in den skurrilsten Schriftwerken vergangener Zeiten aus, abseitigen Prophezeiungen, die auf oftmals verblüffende Weise mit ihren Narreteien übereinstimmten. Schon bald begann mein Vater, Literatur zu diesem Thema zu sammeln.

Denn bedenklich an diesen bizarren Vorhersagen war, daß sie der Republik unmerklich den Boden entzogen. Angesichts ihrer offenkundigen Ohnmacht nach innen wie nach außen erschien die neue staatliche Ordnung einer wachsenden Zahl als Synonym für Schande, Unehre und machtpolitischen Jammer. Mehr und mehr ergaben sich die Menschen der Auffassung, daß das romantische, gedankentiefe, im Spirituellen beheimatete Deutschland mit der Republik einen Akt des metaphysischen Verrats an sich selbst begangen habe. Die deutsche Kultur sei den Tausch gegen die seichte Zivilisation des Westens niemals wert.

Hinzu kam, daß mit dem Ernst der Krise das Bedürfnis nach Abwechslung und billigem Zeitvertreib immer ungehemmter hervortrat. „Vorne die Armenküchen und auf der Rückseite Charleston und Bubikopf, La Jana und das Parkettgehopse“, wie mein Vater spottete. Die traditionellen Werte, die dem Leben der Menschen bis dahin Halt und Richtung gegeben hatten, begannen nun vor aller Augen zu bröckeln. Und viele wirkten beim Zerstörungswerk mit, ermutigt durch die Stichworte der Zeit, die sämtlich auf Absturz und Ruin zielten: Menschheitsdämmerung, Stahlgewitter, Apokalypse oder Untergang des Abendlandes. „Die Verfallsprozesse“, sagte einer der Freunde meiner Eltern, der Zentrumsabgeordnete Richard Schönborn, „kündigen sich zuerst in der Welt der Begriffe an.“ Ein Land und eine Gesellschaft, die solche Vokabeln als Modeworte verwendeten, könnten nicht überdauern.

Verband man solche Symptome mit den gewichtigen Ereignissen jener Jahre, konnte einem Zeitgenossen, wie mein Vater später bemerkte, schon die Überlegung durch den Kopf gehen, nicht gegen die radikalen Formationen der Politik zu stehen, sondern „gegen den Geist der Epoche“. Heute wisse er, meinte er einmal lange nach dem Krieg, daß man mit der bloßen Anwandlung dieses Gedankens schon verloren gewesen sei. Den einzigen Ausgleich habe er in der Überlegung gefunden, auf der richtigen Seite zu stehen. Wer untergeht, möchte wenigstens die Gewißheit haben, im Bund mit der besseren Sache zu sein.“

 

Thomas Mann hat jedes Ansehen verspielt

„Mit Thomas Mann verhielt es sich anders. Nach einigen Tagen, als ich gerade bei der Schilderung von Onkel Gottholds Tod angelangt war, entdeckte er das Buch und fragte, woher ich das hätte. Als ich ihm von Dr. Meyers Vorliebe für Thomas Mann berichtete, erwiderte er unbeeindruckt: Dr. Meyer wisse das nicht - doch komme ihm Thomas Mann nicht ins Haus. Der sei zwar ein bedeutender Schriftsteller, aber ein politisch verantwortungsloser Mensch. Für ihn, fuhr mein Vater fort, habe Thomas Mann mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ jedes Ansehen verspielt. Gerade weil auch dieses Buch so gut geschrieben sei, habe es mehr für die Entfremdung des Bürgertums von der Republik getan als Hitler. So etwas dürfe man nicht verzeihen. Er forderte mich auf, das Buch umgehend an Dr. Meyer zurückzuschicken, er selber werde ein paar erklärende Zeilen dazulegen.“

 

Gesetz ist wichtiger als Recht

„Mit dem SPD-Freund Max Fechner unternahm mein Vater Ende 1933 einen Spaziergang durch die Kiefernwaldungen bei Erkner, die er aus Sicherheitsgründen gern aufsuchte, wenn er politische Gespräche führen wollte. „Also lassen wir uns mal eine Zeitlang von Rüpeln regieren“, sagte Fechner, die machten es nicht lange. Mein Vater führte auf, was diesem Urteil widersprach, und wies auf die „Schmach“ der Machtergreifung hin. Die republikanischen Verbände hätten nach Millionen gezählt, aber nicht einmal einen Generalstreik zustande gebracht. Sondern sich binnen weniger Tage auf bloße Regierungsanordnung hin widerstandslos in Luft aufgelöst und es sich bei den Aufmärschen unter den Fahnen der Nazis gemütlich gemacht. Jetzt fielen allen ständig neue Gründe für ihr Mitlaufen ein.

Es habe sich anschließend, hat mein Vater von dem Waldgang berichtet, eine längere Auseinandersetzung ergeben. Fechner habe darauf hingewiesen, daß die Schlauheit der Nazis ihnen das ganze Konzept verdorben habe: Er und seine Freunde hätten stets mit einem Staatsstreich gerechnet, sämtliche Aktionspläne seien davon ausgegangen. Doch der Staatsstreich sei ausgeblieben, und daß Hitler halbwegs legal zur Macht gekommen sei, habe sie „bis ins Mark“ getroffen. Der Vorstand seiner Partei sei nie darüber hinweggekommen, daß das Gesetz gegen sie war. Infolgedessen habe er jede Form des Widerstands verboten. Mein Vater habe ihm, wie mir Max Fechner nach dem Krieg bei einem Besuch meiner Eltern bestätigte, zur Antwort gegeben, daß er schon verstehe: Als richtigen Deutschen sei ihnen das Gesetz wichtiger als das Recht.“

 

Soziales Gefüge zerbricht

„Es war beängstigend zu bemerken, wie das so lange stabile soziale Gefüge Karlshorsts nach kurzem Innehalten auseinanderfiel. Unversehens ergaben sich Feindschaften, die zwar durchweg ideologische Begründungen erhielten, in Wirklichkeit aber nichts als dem Neid, der Bosheit sowie der natürlichen Gemeinheit Auslauf verschafften.

Mein Vater nahm diese Veränderungen mit Bestürzung wahr. Als ich ihn später fragte, was ihm am meisten zugesetzt habe, meinte er, es sei der „leere Raum“ gewesen, der sich damals aufgetan und eine „Mauer aus Schweigen und Weggucken“ um ihn errichtet habe. Das habe ihn tiefer getroffen als vermutet. Denn an den Übeltaten derjenigen, die plötzlich eine Uniform trugen und Macht hatten, sei nichts Unerwartetes gewesen; dergleichen habe er vorhergesehen und sich eher darüber verwundert, daß viele sich anständiger verhielten, als er ihnen zugetraut hatte. Aber am Ende seien stets die gemeinen Instinkte zum Vorschein gekommen wie bei der so lange liebenswürdigen Frau Köhler. Auf die Genugtuung, mit seiner Menschenskepsis recht behalten zu haben, hätte er gern verzichtet. Im Laufe eines Zornausbruchs entfuhr ihm einmal, es sei ihm immerzu „zum Kotzen“. Aber viel zu wenige Leute kotzten mit.“

 

Jüdische Freunde

„Ein anderes Mal erwähnte er eine Auseinandersetzung mit Dr. Goldschmidt, einem ihm seit Jahren verbundenen Anwalt, den er 1935, nach dem Erlaß der Nürnberger Gesetze, beschworen hatte, baldmöglichst das Land zu verlassen. Aber Dr. Goldschmidt, der sich als Patriot seit je verpflichtet gefühlt hatte, nur deutschen Rotwein statt des weitaus besseren französischen zu trinken und lediglich deutsche Kleidung, deutsche Lebensmittel oder Schuhe zu kaufen, sei unbelehrbar gewesen. Deutschland sei nun einmal, meinte Dr. Goldschmidt, ein Rechtsstaat, das stecke den Menschen gleichsam im Blut. Seine Familie habe schon im 18. Jahrhundert „unter Friedrich Wilhelm“ erst bei Teltow, dann in Berlin eine nahezu vorurteilslose Aufnahme gefunden und lebe in der sechsten Generation hier. Natürlich habe es Anfeindungen gegeben, doch seine Vorfahren hätten alles überlebt. Man dürfe nicht in Panik verfallen.

Es gab anhaltende Auseinandersetzungen. Aber weder Dr. Goldschmidt noch andere jüdische Bekannte wie David Jallowitz oder Dr. Meyer zeigten sich einsichtig. Die meisten von ihnen habe ich nur bei gelegentlichen Besuchen gesehen. Vorherrschend war der Typus mit asketischem Gesicht, geistvoll und von jenem überraschenden Witz, den mein Vater so liebte. In der Erinnerung an manche dieser jüdischen Freunde sagte er mir nach dem Krieg, aufgrund ihrer Selbststrenge, ihrer stillen Korrektheit und unsentimentalen Bravour seien sie eigentlich die letzten Preußen gewesen, jedenfalls habe er seine Vorstellung vom Preußischen unter den eingesessenen, oft hochkultivierten Berliner Juden häufiger angetroffen als irgendwo sonst.“

 

Frankreich

„Im Morgengrauen des 10. Mai 1940 begann die mehr als ein halbes Jahr lang immer wieder verschobene Offensive gegen Frankreich. Anders als im Ersten Weltkrieg war die Auseinandersetzung schon nach wenigen Wochen entschieden, und mein Vater geriet neuerlich in den Konflikt der letzten Jahre. Beim zweiten Abendtisch, an dem inzwischen auch Winfried teilnahm, bemerkte er, daß er den Franzosen die Niederlage von Herzen gönne, doch Hitler nie und nimmer den Triumph.“

 

Verstand, Staatstreue und kämpferische Entschiedenheit

„Herkunft, Lebensweg und Überzeugungsstärke hatten meinem Vater vier Bestimmungen vermacht, von denen keine zu den anderen zu passen schien und jede gegenüber den drei übrigen ihre Unduldsamkeiten ausgebildet hatte. In seinem Falle jedoch wurden alle Widersprüche durch die Kraft der Persönlichkeit zusammengehalten, und jede einzelne dieser Denklinien hat einen Teil zu seiner Unnachgiebigkeit gegenüber dem NS-Regime beigetragen. Trotz der Unzulänglichkeiten der Gründung von Weimar, die ihm deutlich vor Augen standen, war er ein überzeugter Republikaner. Die Nöte des Augenblicks dürften niemals das Prinzip in Frage stellen, hörten wir ihn verschiedentlich sagen, und jedes von uns Geschwistern hat später seine Empörung erlebt, als nach dem Ende der Hitlerdiktatur das weitverbreitete Rechtfertigungsargument auftauchte, man habe 1932/33 nur die Wahl zwischen NSDAP oder KPD gehabt und sich mit Hitler für das geringere Übel entschieden. Hätte man sich nicht klüger und vor allem verantwortungsbewußter für die Republik entscheiden können, widersprach er dann, ob nun für die SPD, das Zentrum oder für die Liberalen? In Wirklichkeit habe es damals allen, die später von einer Situation ohne Ausweg sprachen, an Verstand und an Staatstreue gefehlt. Außerdem an kämpferischer Entschiedenheit.“

 

Bildungsbürger Johannes Fest

 

Meinungsstreit unter Bildungsbürgern

„Was er da vortrage, griff mein Vater das Gespräch wieder auf, klinge alles vernünftig, aber ebendeshalb befinde er sich im Irrtum. Man dürfe die Rechnung nicht ohne Hitlers Widervernunft machen. Stets habe er gegen das Naheliegende gehandelt. Daher könne man nur ein Wort anführen, um die Situation angemessen zu beschreiben, es stamme von Goethe und laute: „Jeder Trost ist niederträchtig, /und Verzweiflung nur ist Pflicht.“ Genau das spiegele unsere Lage wider. Nach einigem Herumdenken hellten sich die Züge von Dr. Gans auf, und man konnte geradezu wahrnehmen, wie er umschwenkte: „Schon richtig!“ stieß er dann nicht ohne Mühe hervor. „Mag sein, daß ich nicht hinreichend bedacht habe, daß dieser Staat einen Verrückten an der Spitze hat.“ Und nach kurzem Innehalten: „Die zitierte Stelle stammt übrigens aus den ‚Paralipomena‘ zu Faust II. Ich kenne sie auch.“ Kopfschüttelnd hörte Dr. Gans anschließend meinen Vater sagen, er kenne als Fundstelle lediglich die „Bruchstücke“; darüber erhob sich alsbald eine Art Philologendisput. Jeder beharrte auf seiner Meinung, und da wir inzwischen am Gartentisch saßen, war es zu umständlich, die Bände zur Prüfung nach unten zu schaffen. Man werde, einigten sich beide, am folgenden Tag telefonieren. Als ich anderntags aus der Schule kam, stellte sich heraus, daß sie denselben Text, wenn auch unter verschiedenen Titeln vermerkt, im Sinn gehabt hatten. Die Szene ist mir immer als Inbegriff eines Meinungsstreits unter Bildungsbürgern im Gedächtnis geblieben.“

 

Bücher wichtiger als Haus

„Als der Abend zu Ende gegangen war und mein Vater sich zurückgezogen hatte, fragten wir uns, ob die Pointen, die er früher so sicher zu setzen verstand, wirklich so matt waren, wie wir sie wahrgenommen hatten, oder ob nur die seltsam tonlose Stimme, die wie abgerückt weit hinten von der Lehne des Sessels kam, den Eindruck leeren Heruntererzählens vermittelte. Einmal hatte er im Verlauf des Abends über seine verlorene Bibliothek geklagt, die Goetheausgabe vor allem, die er von seinem ersten Gehalt gekauft hatte, den Shakespeare und einiges Weitere wie den Hintze, den Kugler mit den unvergeßlichen Menzelzeichnungen, die dicke Görresausgabe. Diese Verluste, meinte er, machten ihm mehr zu schaffen als das aufgegebene Haus mit allem, was darin gewesen war, der Garten und die hier und da verstreuten Freunde von ehedem.“

 

Bildungsbürger Joachim Fest

 

Opernbesuch mit 8 Jahren

„Ein folgenreiches, niemals vergessenes Erlebnis des zu Ende gehenden Jahres steht noch aus, und ich weiß nicht mehr, was alles ich mir nach der Ankündigung einredete. Jedenfalls konnte ich es kaum erwarten, daß Tante Dolly mich, angesichts der vielen geheimnisvollen Andeutungen, die ich mir zusammenzureimen versuchte, erstmals in die Oper führte. Sie wünschte mich, wochenlang im voraus schon, zu sprechen und verlangte für „unseren großen Abend“ einen sauberen Kragen sowie blanke Schuhe. Außerdem forderte sie mit Nachdruck, das Textbuch zu lesen, und fragte mich bereits vierzehn Tage vor der Aufführung nach Szenen und Arien ab. Ich bin ihr bis heute dankbar dafür, daß sie für den damals noch nicht Neunjährigen als Einstieg in die musikalische Märchenwelt Mozarts „Zauberflöte“ gewählt hatte. Vom Sinn der Sache, Sarastros Priesterorden, der Königin der Nacht oder der Feuer- und Wasserprobe verstand ich trotz meiner Lesemühen und Tante Dollys zusätzlichen Erklärungen kein Wort, und nur Papageno leuchtete mir ein, auch wenn mir niemand sagen konnte, warum Papagena so lange als alte Hexe und erst gegen Ende des Stückes, auf Papagenos Zaubermusik hin, als bezauberndes Mädchen in Erscheinung trat. Aber von der Musik bin ich ein Leben lang nicht losgekommen. „Und bitte noch einmal: nicht berlinern!“ wies mich Tante Dolly beim Betreten des Theaters zurecht; Bühnensäle seien „heilige Hallen“, und ich wüßte doch hoffentlich, wo das über die ‚Heiligen Hallen‘ stehe. Dabei war es lediglich das Foyer des Rose-Theaters, wenn ich die Örtlichkeit richtig in Erinnerung habe.

Aber im ganzen war die Aufführung ein überwältigendes Erlebnis, ich soll sogar gefragt haben, ob wir das Stück nicht am kommenden Tag noch einmal sehen könnten. Tante Dolly lachte nur. Als sie jedoch wahrnahm, welchen Erfolg sie mit ihrer Einladung gehabt hatte, besuchten wir schon fünf Wochen später Lortzings „Zar und Zimmermann“, dann in einem Gemeindehaus die „Entführung“ und später den „Wildschütz“. Nach manchen anderen Aufführungen beklatschten wir zuletzt, kurz vor meinem Weggang aus Berlin, die „Hochzeit des Figaro“ sowie dessen, wie sie sagte, textliche Vorgeschichte und musikalische Weiterführung im „Barbier von Sevilla“. Die frühen Opernbesuche mit der „aufs Höhere versessenen Tante“ haben meine Zuneigung zu aller Musik geweckt und dauerhaft begründet.“

 

Schiller

„Mein Fluchtort aus den Verdrießlichkeiten des Internats blieb Friedrich Schiller. Ich hatte den Band mit den frühen Dramen nach Freiburg mitgenommen und während der Reise „Die Räuber“, dann den Beginn von „Kabale und Liebe“ gelesen. Doch die Unruhe im Abteil mit dem ständigen Wechsel der Fahrgäste und dem Mal um Mal neu einsetzenden Gerede über die kleinen Wendungen, die ihr Leben aufgrund des großen Schicksals genommen hatte, behinderten die Lektüre. Folglich begann ich bald nach der Ankunft in Freiburg noch einmal von vorn, am häufigsten abends unter dem Bettzeug im Schlafsaal, wenn überall Stille herrschte.

Es waren der hohe Ton und die schöne Exaltation, die mich wie schon während der Reise, von der ersten Zeile an, gefangennahmen. Gegen alle verfinsterten Formeln, die Schiller oftmals dem Niedrigen und Bösartigen zubilligte, drang am Ende das helle Licht oder wenigstens sein Vorschein unwiderstehlich auf die Szene. Manche Passagen kann ich mir noch heute nicht ohne ein Gefühl von Rührung, Glück und Verzauberung in Erinnerung rufen, wie es sonst nur die Musik zustande bringt. Dazu zählen am wenigsten die redensartlichen Wendungen, die damals noch jedermann geläufig waren. Aber die Worte, mit denen Thekla, die sich zur Bestürzung ihrer Mutter in Max Piccolomini verliebt hat, einer Freundin gegenüber ihre Verspätung begründet, sind mir auf Dauer unvergeßlich geblieben, weil sie den ausweglosen Konflikt der Gefühle in zwei Zeilen fassen: „Die Mutter weinte wieder so, ich seh' sie leiden / und kann's nicht ändern, daß ich glücklich bin.“ Oder der Ausbruch des alten Miller mit der stetig wiederkehrenden, von unterwürfigem Hohn zeugenden Schranzenformel „Halten zu Gnaden!“. Und natürlich der Monolog Wallensteins und jene Textstellen, die mir als Schillersche Lakonie im Gedächtnis blieben - am berühmtesten wohl der Schluß der Räuber, wonach dem armen Teufel, von dem Franz Moor gehört hatte, geholfen werden könne. Oder Lady Milfords schlichte, darum aber um so überwältigender klingende Entgegnung auf Ferdinands herabsetzende Suada: „Das hab' ich nicht verdient, Herr Major!“ Und so unendlich vieles noch.

Und dann die hehren und gleichwohl nicht angestrengt wirkenden Bilder des Dichters, wie ich damals fand, sein Freiheitsgedanke oder sein psychologischer Scharfsinn, den unsereins, wie mich der immer einen Schritt vorausgebildete Wolfgang belehrte, unwillkürlich ins Politische übersetzte. Wer denke nicht, meinte er, an den „Fettwanst-Komödianten Göring“, wenn er den Satz von den „Affen der Gottheit“ höre? An eine Gaunerfigur wie Goebbels, wenn von der „Logis am Galgen“ die Rede sei? Und schließlich an sie alle, wenn der Dichter vom Schauspiel der Stärke rede, das nur Verzweiflung sei? Wo habe er denn das gelesen, entfuhr es mir im halben Ärger darüber, daß er auch das bereits kannte. Wie gerate er immer wieder an Zitate, mit denen er mir voraus sei?

Jedenfalls wurde da und anderswo bei Schiller eine Menschenskepsis hörbar, die fast das gesamte Dramenwerk durchzieht. Der Dichter gilt ja unter Deutschen als etwas naiver Freiheitspathetiker, man denkt an die IX. Sinfonie und die Weltumarmungen des Schlußchores, an die Grenze aller Tyrannenmacht, gegen die der Mensch in den Himmel greift, um seine „ew'gen Rechte“ herunterzuholen, „die droben hangen wie die Sterne selbst“. Doch erkannte ich bald, daß Schiller politisch weit weniger naiv war als die Nation insgesamt. Zwar konnte er den „lieben Vater überm Sternenzelt“ preisen und die Kleinbürgeridylle der „Glocke“ verfassen - aber eben auch einen Essay wie den „Über naive und sentimentalische Dichtung“, dessen ausgepichter Scharfsinn im deutschen Sprachraum kaum Vergleichbares hat.

Zumindest ahnungsweise erfaßte ich, daß Schiller aufs Ganze gesehen in den allgemeineren Texten, namentlich in den Gedichten, an seinem Optimismus in den Menschheitsfragen festhielt. In den dramatischen Stücken hingegen, die näher an der Wirklichkeit sind, in „Kabale und Liebe“, im „Fiesco“ oder gar in der „Jungfrau von Orleans“, behalten die düsteren Gegenmächte die Oberhand, der „Wallenstein“ ist eine breit ausgelegte Schleppe abgefeimter Intrigen, und Hegel hat sogar, wie ich Jahre später las, einen „Abgrund von Nihilismus“ bei seinem schwäbischen Landsmann entdeckt: eine riesige Welt von Verrat, Hinterlist und gebrochenen Schwüren, von Gemeinheit, Tücke und Menschenverachtung. Franz Moor läßt der Dichter ausrufen, daß der Mensch aus Morast entstehe, eine Weile im Morast wate, Morast mache und wieder im Morast zusammengäre: Weiter kann der Pessimismus eines Menschenbildes kaum reichen …

Im Spätherbst las ich Schillers „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ sowie, einmal am Zuge, die „Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande“. Anders als Goethe war Schiller damals noch eine Art „Kulturheld“ der Deutschen, und Daniel Rauch hat ihn als den idealischen Jüngling dargestellt, in dem sich die Nation gern wiedererkannte. Nach den ersten, in Verstimmung endenden Annäherungen im Thüringischen stellte Schiller fest, daß Goethe die eigene Existenz „wohltätig kund mache, aber nur wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben“. Jemanden wie ihn sollten die Menschen nicht unter sich aufkommen lassen, setzte er in einem aus Scheu, Verehrung und eingestandenermaßen auch aus Eifersucht gemischten Satz noch hinzu.

Aber dann schrieb Schiller, wie ich irgendwo im Kleingedruckten fand, unvermittelt den Bewunderungsbrief an Goethe mit dem, wie ich in meiner Vorliebe für ihn erkannte, grundfalschen Satz: „Sie haben ein Königreich zu regieren, ich nur eine etwas zahlreiche Familie von Begriffen.“ Ich war damals tief überzeugt, daß eher das Gegenteil zutraf: Der Regent des poetischen Königreichs war Schiller, während Goethe einer zwar großen, aber bei den ungezählten halbfertigen Lebensvorhaben mit reichlich vielen Bankerts gemischten Familie vorstand. Und er verfügte für mich, wie etwa Heinrich von Kleist im „Prinzen von Homburg“, über einen Ton, dem Goethe allenfalls in den frühen Gedichten mit der Verbindung von warmem Naturlaut und Kunstschönheit nahekam: den Akkord von einem immer großen Gedanken mit impulsiver Leidenschaft und unvergleichlicher Schönheit des Ausdrucks. Anfangs hatte ich, als nach wenigen Wochen das Schiller-Fieber wieder bei mir ausbrach, ein schlechtes Gewissen, daß ich sowohl den „Cornet“ als auch einige der Rilke-Gedichte nur noch elegant fand. Sie waren gewiß mehr als das, und ich danke bis heute den vielen Umständen, die mir, wenn auch für eher kurze Zeit, ein „Rilke-Fieber“ beschert haben, das mir nie gänzlich verlorenging.“

 

Musik

„Ich drängte schnell weg vom Thema, und da wir vor dem Grammophon und vor Bergen von Platten saßen, lenkte ich die Unterhaltung auf Mozart. Vor kurzem hätte ich eine Äußerung Leopold Mozarts gelesen, wonach ihm nie jemand begegnet sei, der von seinem „Wundersohn“ nicht als von einer „Unbegreiflichkeit“ gesprochen habe, Haydn eingeschlossen. Erstaunlicherweise blieb Wittenbrink nicht bei Mozart, sondern wechselte bald zu Rossini und schwärmte von den einzigartig aufgebauten Ensembleszenen, die sich, wie er ungefähr ausführte, in der Verbindung von Crescendo und Accelerando zu zauberischen Musikpalästen auftürmten. Die Aktschlüsse wie im „Barbier“ raubten ihm seit je den Atem, sagte er und spielte mir eine seiner neuen Tauschplatten mit Passagen aus „Cenerentola“ vor. Doch wenn man, setzte er, wie plötzlich in die Welt zurückkehrend, hinzu, nach all dem tumultuarischen Glück, das Rossini entfalte, die Hallen dieser Musikpaläste genauer durchwandere, seien sie in aller grandiosen Weite seltsam leer: das herrlichste irdische Vergnügen sozusagen mitten im Nichts. Die Abteilung Spiritualität, Trost und Tiefe sei nebenan zu finden, bei den deutschen Komponisten.

Ich kannte von Rossini bis dahin nur den „Barbier von Sevilla“ aus jener Aufführung, zu der mich Tante Dolly eingeladen hatte, und wußte zu alldem kaum etwas zu sagen. Aber inzwischen war Wittenbrink bei Beethoven. Goethe habe bemerkt, in der Komödie werde nicht gestorben, ihr Ziel sei immer die Liebe, die Heirat und das Glück. Doch die große Ausnahme sei Beethovens „Fidelio“. Diese Oper habe bei allem Vereinigungsjubel am Ende nichts von einer Komödie; da glaube ein vom Weltvertrauen der Aufklärung erfüllter Kopf, daß alle Not und alle Unterdrückung in reine Seligkeit ausgehe. So sei es natürlich nicht. Die Rettung sei das Seltenste in der Welt, sie geschehe nicht einmal im Traum. Nicht ihm jedenfalls. Man sehe sich nur um! Dann war er bei der Politik, dem Krieg und den ungezählten Scheußlichkeiten überall …

Im Laufe des Winters ging ich mehrmals ins Theater, doch erst im Frühjahr kam ich in die Oper. Auf dem Spielplan standen die „Meistersinger“ unter Bruno Vondenhoff, der das Städtische Orchester leitete. Mir hat die Aufführung die liebenswürdige und oftmals mitreißende Seite des Wagnerbildes geprägt. Gleichwohl entdeckte ich, durch Gespräche und Überlegungen angeregt, neben der Alt-Nürnberger Butzenscheiben- und Schindeldachromantik viel Neuschwanstein und pompöse Pappkulisse darin. Verwischt wurde der im ganzen dennoch nachhaltige Eindruck durch meine Rückkehr ins Internat. Da ich aus irgendeinem aberwitzigen Jungenstolz keine Sondererlaubnis erbitten wollte, hatte ich Winfried gebeten, mein Bett für den meist flüchtigen abendlichen Kontrollgang so herzurichten, daß es wie belegt wirkte. Die größere Schwierigkeit boten die Kletterei über den hohen Metallzaun des Seminars und das Vorbeikommen an der Pforte. Aber alles verlief reibungslos, so daß ich bald darauf meinen zweiten Opernausflug auf Einladung eines Klassenfreundes unternahm.

Der Vater Willibalds, wie der Freund hieß, war ein angesehener Freiburger Verleger, der durch ein plötzliches Dazwischenkommen verhindert war, an jenem Abend die Oper zu besuchen. Zwar hätte ich am liebsten eine der mir bekannten Mozart-Opern gehört, doch stand Beethovens „Fidelio“ auf den Programmzetteln. Als mich kurz zuvor zufällig Pfarrer Wittenbrink anrief, um einen der „Fragebriefe“ zu beantworten, mit denen ich unsere Berliner Unterredungen fortzuführen versuchte, wirkte er auf die Nachricht von meiner Operneinladung wie elektrisiert. „Fidelio!“ rief er und fiel in ein Durcheinander von Worten. Er erzählte von Rollen, Steigerungen, dem Finale und zwischendurch immer wieder etwas wie „Der Schluß: Achte darauf! Da kommt das Signal!“. Dann fiel er in neues, selbstbegeistertes Reden, bis ich von der Geschichte nichts mehr verstand. Bei einer abseitigen, aber nach seinem überstürzten Reden nur allzu verständlichen Frage forderte er mich auf, das Libretto des „Fidelio“ zu lesen.

Mit der Lektüre des Textbuchs mühte ich mich lange herum, und zu dem Klassenfreund sagte ich, es sei ein Jammer, daß nicht Schiller das Buch zum „Fidelio“ verfaßt habe, sondern, wie ich gelesen hätte, ein unbekannter Franzose und noch irgendwer. Am Abend vor der Aufführung rief Wittenbrink ein zweites Mal an und drängte, wenn auch diesmal in beherrschtem Ton: „Achte auf die Trompete! Das habe ich dir sagen wollen. Die ist das Signal! Die Trompete ist alles!“ Und so einige Zeit weiter, bis er am Ende ohne alle politische Vorsicht hinzufügte: „Den Glauben an das Trompetensignal, den darf man nie, auch heute nicht, verlieren!“

Es war dann merklich nicht Schiller, sondern tatsächlich „ein unbekannter Franzose“, mit dem die Vorstellung begann. Nach der Ouvertüre habe ich mich redlich um den Ausdruck interessierter Langeweile bemüht, den ich im Halbdunkel des Parketts überall von den Gesichtern las. Aber spätestens mit dem Gefangenenauftritt, der Kerkerszene und dem Erscheinen des Gefängniswärters in Begleitung Leonores sowie des Kommandanten wuchs nach meinem damaligen Verständnis die Szene zusehends ins Große und bald Übergroße. Nie mehr habe ich aus dem Ohr verloren, wie sich die mir unbekannte Sängerin der Leonorenpartie dem mit dem Dolch herumfuchtelnden Pizarro entgegenstellte und mit einem schrillen „Töt' erst sein Weib!“ den Pistol zieht, wie es damals wohl hieß. Dann kam es wirklich von weit her und in die Entsetzensstille hinein: das Trompetensignal. Dergleichen hört und vergißt man nie, oder man hat es nie, in keinem Sinne, je gehört.“

 

Bislang einseitige Bildung

„Im Verlauf der Monate, die ich mich mit Somerset Maugham beschäftigte, bin ich auf keine umständliche oder gar langweilige Zeile gestoßen. Die Lektüre machte mir im Anschluß an das erste Gespräch mit Captain Donaldson auch klar, daß meine literarischen Kenntnisse bislang zu einseitig von klassischen deutschen Texten bestimmt waren, daß ich weder Musil noch Heinrich oder Thomas Mann kannte, auch Balzac nicht, Flaubert, Dickens oder die großen Russen: durchweg häufig auftauchende Namen, mit denen ich nicht viel anzufangen wußte. Darüber hinaus lernte ich durch die Zeitschrift „Die Brücke“, die eigens für die amerikanischen Gefangenenlager hergestellt wurde, die Namen zeitgenössischer deutscher Autoren kennen. Erstmals hörte ich von Friedrich Reck-Malleczewen, Reinhold Schneider oder Romano Guardini und las beeindruckt die Gedichte von Erich Fried.“

 

Der lange Abschied vom Bürgertum (2005)

 

Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler im Gespräch mit Frank A. Meyer

 

Was ist bürgerlich?

 

„Frank A. Meyer Gibt es noch ordentliche Bürgerlichkeit? Den Bürger mit Manieren und Krawatte? Die hierarchisch-harmonisch gegliederte Gesellschaft, wie sie das Symphonieorchester verkörpert? Gibt es noch Manieren, Stil und Ordnung? In der modernen Gesellschaft sind dies keine auffälligen Eigenschaften mehr. Hat das Bürgertum abgedankt?

Vielleicht ist Bürgerlichkeit ja noch etwas anderes als ihr klassisches Erscheinungsbild. Jedenfalls ist der Citoyen mehr als das. Er unterscheidet sich vom Bourgeois durch seinen aktiven Bürgersinn: Er engagiert sich übers Private hinaus für den Lauf der gesellschaftlichen Dinge. Bildungsbürgerlich formuliert, für die „res publica“.

Und es gibt sie noch: die Citoyenne und den Citoyen. Die erste dauerhafte deutsche Demokratie lebt von den Frauen und Männern, die sich ums öffentliche Wohl bemühen, in der Zivilgesellschaft wie in der Politik. Dieser zweite demokratische Versuch auf deutschem Boden ist gelungen. Denn für ihn setzen sich genügend Citoyens aus allen sozialen Schichten ein - anders als einst für die Weimarer Republik.“

„Frank A. Meyer Herr Fest, was sind die wichtigsten bürgerlichen Tugenden?

Joachim Fest Dolf Sternberger hat mir einmal gesagt, er habe bei Aristoteles nachgelesen, was den idealen Bürger einer Polis kennzeichne: Was muß ein Stadtbürger, wie es ihn damals gab, an Werten und Tugenden besitzen, um ein angesehenes, geachtetes Mitglied der Gesellschaft zu sein? Sternberger hat dann alle Begriffe, die bei Aristoteles auftauchen, zusammengestellt und den Schluß gezogen, daß das Resultat das ziemlich genaue Bild eines Bürgers sei, wie ihn das 18. und 19. Jahrhundert sich geträumt habe - der Traum vom Citoyen wohlgemerkt, nicht vom Bourgeois.

Frank A. Meyer Können Sie einige zentrale Citoyen-Tugenden nennen?

Joachim Fest Zuverlässigkeit, Gesetzestreue, Pflichtbewußtsein und was man geradezu als den Inbegriff bürgerlicher Tugenden bezeichnet - Staatsernst, wie Sternberger das mit Liebe nannte, also die Auffassung, daß es zu den Verrichtungen eines vollständigen Lebens gehöre, ein guter Staatsbürger zu sein. All das hat Sternberger bei Aristoteles gefunden und gesagt: Das ist der bürgerliche Mensch, so sollte er auch unter modernen Verhältnissen ungefähr aussehen.“

„Wolf Jobst Siedler Wenn man aus einer bürgerlichen Familie stammte, war man Sohn und Enkel und Urenkel, man stand in einer langen Kette. Die Empfindung, auf Generationen zurückzublicken, war auf jeden Fall sehr deutlich und gehörte zum Bürgertum …

Ob im Roman oder in der Wirklichkeit, Thomas Mann hat seine Buddenbrooks geliebt. Übrigens auch sein Bruder Heinrich, mit dem seine Familie ebenfalls endet. Seine Frau, eine Alkoholikerin, die jahrelang vergeblich suchte, sich von der Krankheit zu befreien, hat Selbstmord begangen, und Söhne hat er nicht gehabt.“

„Frank A. Meyer Joachim Fest, für Sie ist das Bürgertum ewig da, ist selber etwas Zeitüberdauerndes. Das wäre dann eigentlich der Glaube an die permanente revolutionäre Kraft des Bürgertums - als Garant eines Fortschritts der Gesellschaft.

Joachim Fest Ich will, woraus das Bürgertum besteht, auf einen ganz einfachen Begriff bringen: Es ist das Leben in geordneter Freiheit. Das ist die Formel, die aus dem hervorgeht, was Aristoteles schreibt. Es braucht aber einen bestimmten Typus Mensch, um ein Leben in geordneter Freiheit zu ermöglichen.

Frank A. Meyer Freiheit gibt es ja ausschließlich in einer Ordnung, sonst verkommt sie zur Freiheit des Stärkeren.

Joachim Fest Ja, eben. Und so wird es immer wiederkommen, wenn man das Bürgertum zu breit definiert.“

„Wolf Jobst Siedler Es ist für mich zweifelhaft, ob man heute noch von Bürgertum sprechen darf Sie reden von Bürgern, wenn die Herren einen doppelreihigen Anzug und möglichst auch eine Weste tragen. Aber ist das Personal dieser Welt wirklich noch bürgerlich? Sind die Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates von großen Konzernen wirklich noch Bürger? Wenn wir das zugrunde legen, was wir in der letzten halben Stunde formuliert haben, dann sind es keine Bürger mehr, soviel sie auch verdienen und wie famos auch ihre Kleider sind. Ich will darauf hinaus, daß das Einkommen kein Gradmesser für Bürgerlichkeit ist, eher würde ich sagen, daß extreme Summen fast ein Hinweis sind, daß das Bürgerliche verlorengegangen ist. Das Bürgertum hat nie mit sich geprotzt, heute protzt jedermann.“

„Frank A. Meyer Die Demokratie lebt von einem gewissen Mißtrauen gegen Eliten, sie ist eher elitefeindlich. Das ist in der durch und durch demokratischen und republikanischen Schweiz sehr gut zu beobachten. Die bürgerliche Demokratie ist ein Machtbrechungsapparat. Und Elite suggeriert immer eine gewisse Macht. Könnte es sein, Herr Siedler, daß sich die Elite heute anders definiert als die konservative Elite damals? Für mich ergibt sich die Definition nicht aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht, sondern durch das Verhalten in der Gesellschaft. Sie können als gesellschaftlich engagierter Arbeitnehmer, der monatlich 2.000 Euro verdient, genauso zur Elite zählen wie der Chef eines Unternehmens, der über 100.000 Arbeitnehmer führt, sich aber gegenüber der Gesellschaft verantwortlich, kämpferisch und mutig verhält.“

 

Was ist nicht-bürgerlich?

 

„Wolf Jobst Siedler Ja, wenn Sie die Formulierung so gebrauchen, wäre ich einverstanden, obwohl es sehr weit her mit dem Bürgerlichen bei Speer auch nicht ist. Er heiratete eben nicht ein Mädchen aus dem Bürgertum, sondern eine Handwerkstochter …“

„Frank A. Meyer Aber die individuelle Entwicklung ändert ja nichts an der Tatsache, daß Speer eben doch einer bürgerlichen Familie entstammt. Ist für Sie Albert Speer rückblickend kein Bürger?

Wolf Jobst Siedler Er war eben ein entlaufener Bürger – wie Thomas Mann zu sagen pflegte - der schon in seiner Studentenzeit dem Bürgertum entlaufen war, der auf dem Neckar paddelte und mit seiner späteren Frau Margarete am Ufer zeltete. Das war keine typische Jugend für einen Bürgersohn, sondern zeigt, wie er schon damals neue Formen des Lebens suchte. Ganz offensichtlich brachte ihn das in eine Nähe zur Hitler-Bewegung, wenn er damals auch noch nichts von Hitler wußte.

Frank A. Meyer Eigentlich, Herr Fest, hätte das dem Bürger Speer ja nicht passieren dürfen. Wir haben vorhin den Bürger als den verpflichteten Citoyen bezeichnet, der politisch bewußt, also emanzipiert handelt.

Joachim Fest … Das also hat Speer empört, die KZs hat er gar nicht wahrgenommen. Das eine waren die bürgerlichen Moralvorstellungen oder das bürgerliche Klischee, das war durch Hitler verletzt worden, und auf der anderen Seite konnte man Menschen zu Tausenden ins KZ werfen.“

„Keiner von den Männern, die die erste oder zweite Republik prägten, stammte aus dem traditionellen Bürgertum. Fast alle kamen aus Familien, die nicht der alten Führungsschicht angehört hatten; sie prägten ihre Epoche aber durch ihre Persönlichkeit. Konrad Adenauer, der seine Zeit in solchem Maße bestimmt hatte, daß man von der „Epoche Adenauers“ spricht, wird als typischer Bürger gesehen, aber sein Vater war der erste in der Familie, der sein Abitur gemacht hatte, und keiner seiner Vorfahren war ein Bürger im Sinne der letzten Jahrhunderte.“

 

Nicht-deutsches Bürgertum

 

„Joachim Fest Das deutsche Bürgertum ist keineswegs verunglückt. Ist das französische Bürgertum denn wirklich so citoyenesque, so freiheitsbewußt und freiheitsliebend, wie es Ihre Worte suggerieren? Ich würde sagen, eine Ausnahme gibt es: die Engländer. Bei den Engländern scheint diese freiheitlich-demokratische Macht zu herrschen, die England seinen Institutionen verliehen hat. Das schafft ein anderes Bürger-Gefühl - was natürlich auch mit der Insellage zu tun hat. Aber die französischen Citoyens sind genauso spießig wie die italienischen, die deutschen, die schweizerischen oder die österreichischen, um nur ein paar Nationalitäten zu nennen.

Frank A. Meyer Sie reden mit einem Schweizer - 1848 ist einem Bürgertum die Revolution gelungen: dem schweizerischen. Die Schweiz war ja dann auch die Nation der Flüchtlinge, die insbesondere aus Deutschland kamen. Also uns, meinen Vorfahren, wenn ich das so sagen darf, ist etwas gelungen, was in Deutschland mißlungen ist durch die Spaltung der Demokraten in der Paulskirche.“

„Frank A. Meyer Würden Sie also den Schweizern, dieser gelungenen bürgerlichen Gesellschaft, unterstellen, daß sie eine „Volksgemeinschaft“ pflegen, weil die Schweizer seit Generationen Konsenspolitik betreiben?

Joachim Fest Die Schweizer haben das Privileg, alle Begriffe unschuldig verwenden zu können, wir Deutschen dagegen können fast keinen Begriff unschuldig verwenden.

Frank A. Meyer Insofern sind die Schweizer das Gegenteil der Deutschen.

Joachim Fest Sie sind noch im paradiesischen Zustand; wir sind schon aus dem Paradies vertrieben.

Frank A. Meyer Das ist so, weil wir eben 1848 im Gegensatz zu den Deutschen eine bürgerliche Demokratie errichtet haben.

Wolf Jobst Siedler Und außerdem in kleinen, überschaubaren Verhältnissen leben. In Luzern ist man eben eher ein Bürger als in Berlin oder in Hamburg, und ähnlich steht es mit allen anderen Städten der Schweiz. Selbst Zürich mutet ja, kommt man aus Deutschland, kleinstädtisch an, und deshalb lieben wir Zürich und die Schweizer so.

Frank A. Meyer Außerdem: Unsere Revolution gelang. Und seither müssen wir das Bürgerliche nicht mehr im Privaten suchen, denn das Bürgertum hat seit mehr als einhundertfünfzig Jahren politische Macht.

„Wolf Jobst Siedler Wie war es eigentlich in Frankreich zur Zeit von Dreyfuß? Da war das französische Bürgertum mehrheitlich für das Urteil gegen Dreyfuß, nämlich für die Autorität, für die Armee. Man darf nicht vergessen, daß Zola eine einzelne Stimme war, und sein berühmter Satz „J'accuse“ stand einsam gegen ein Meer von Zustimmung.“

„Joachim Fest Erst einmal waren die Deutschen über Frankreichs Niederlage glücklich: daß Frankreich - sagen wir es mal salopp - eins auf den Hut bekommen hatte, das befriedigte selbst Leute, die Gegner des Regimes waren.

Frank A. Meyer Das hat auch das Schweizer Bürgertum sehr beeindruckt - und weite bürgerliche Kreise schwenken oder zumindest schwanken lassen, zum Teil sogar die Regierung.

Joachim Fest Die Franzosen hatten immer über ihre machtpolitischen Verhältnisse gelebt, sie haben sich immer als eine Großmacht aufgeführt, die sie nicht mehr waren. In Wirklichkeit waren sie im Stadium der Dekadenz … Ich weiß aus den Erzählungen meines Vaters, daß man bei dem schnellen Sieg über Frankreich den Eindruck hatte, die Weltgeschichte sei hier einmal gerecht. Selbst er hatte die Empfindung, endlich sei der Richtige bestraft worden, der immer „das Maul so voll genommen hatte“, wie er sich ausdrückte.“

 

Bürgertum und andere

 

„Joachim Fest Auch das hat etwas mit der Nazizeit zu tun. Meiner Ansicht nach geht ja die ganze Bewältigungspolitik - oder wie immer man es nennen will – völlig falsche Wege. Es gibt einen Begriff aus der Nazizeit, den die Deutschen verinnerlicht haben und den sie bis heute hochhalten: Volksgemeinschaft. Ein Bürgertum grenzt sich ja von denen da oben, dem Adel, oder denen da unten, den Arbeitern, sehr deutlich ab, auch durch ein besonderes Wertebewußtsein. Aber das gibt es nicht mehr. Als der Fabrikdirektor Hand in Hand mit dem Arbeiter am 1. Mai 1933 zum Tempelhofer Feld zog, war das das Ende des Bürgertums. Das tut man nicht. Ein Bürger wäre niemals mit dem Arbeiter untergehakt zum Tempelhofer Feld gezogen …

Wolf Jobst Siedler Das meine ich, wenn ich darauf Wert lege, daß es eine egalitäre Gesellschaft gibt, aber keine bürgerliche mehr. Die alten Stände, Aristokratie, Bürgertum und Arbeiterschaft, gibt es nicht mehr, und vielleicht macht das die Gesundheit der deutschen Gesellschaft aus.“

„Wolf Jobst Siedler Vom Bürgertum wurden die Nazis als eine Revolution des Kleinbürgertums empfunden. Die alten sozialen Schranken bestanden ja noch lange weiter. Die sogenannte „Volksgemeinschaft“, die Einebnung der sozialen Schichten, gehört zu jenen Erscheinungen, die auch nach dem Untergang des Dritten Reiches noch weiterlebten, worüber Ralf Dahrendorf in seinem Buch „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ einige treffende Bemerkungen gemacht hat. Aber bis in den Krieg hinein hielten die Bürger den alten Abstand zu den Kleinbürgern, zum unteren Mittelstand. Es ist schwer zu sagen, ob die egalisierende Wirkung des Krieges oder die Ideologie der Nazipartei größeren Anteil daran hatten.“

„Wolf Jobst Siedler Die Linken mochten ursprünglich an eine sozialistische Kultur geglaubt haben, die Rechten an die Aufhebung aller Schranken zwischen den Klassen. Diese Eruption von Gewalt, die das Dritte Reich vorgeführt hat, wäre ohne Hitler nicht möglich gewesen, ohne diesen Kleinbürger aus Linz, dessen Vorfahren aus dem Mühlviertel kamen, dem Armenviertel der Habsburger Monarchie.

Der „Reichsmarschall“ Göring wäre ohne Hitler ein geschasster Kampfflieger des Ersten Weltkrieges geblieben, der Propagandaminister Goebbels ein unglücklicher Verfertiger von trostlosen Theaterstücken und mißglückten Romanen und der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler ein Geflügelzüchter. Sie alle brauchten Hitler, um die zu werden, als die sie in die Geschichte eingegangen sind. Sie alle waren Inhaber einer abgeleiteten Macht. Auch Speer, um wieder zu ihm zurückzukehren, wäre ohne Hitler nichts gewesen, vermutlich ein kleiner Architekt in einer westdeutschen Stadt.“

„Wolf Jobst Siedler Da geht es mir wie Herrn Fest, daß mein Elternhaus entschieden einer verlorenen Partei angehörte. Mein Vater war Mitglied der „Demokratischen Partei“. Ich höre ihn noch über das „dahergelaufene Gesindel“ der Nazis reden. Es war, glaube ich, Oswald Spengler, der damals den Satz prägte, die Nazis seien die Organisation der Arbeitslosen durch die Arbeitsscheuen. Das war im Grunde die Stimmung ganz Dahlems, also des Bürgertums. Ich erinnere mich, daß man bei mir zu Hause im Falkenried nur in der Gegenwart von zwei oder drei Leuten aus der Nachbarschaft leiser sprach, weil man sagte, das seien Nazis. Sonst wurden ganz offen Scherze über die Vulgarität der Nazis gemacht, über den Weinhändler Ribbentrop, der sich von einem entfernten Verwandten adoptieren ließ, wodurch er ein von Ribbentrop wurde, und über den „Trunkenbold“ Robert Ley, der das Heer der einstigen Gewerkschaftsmitglieder als „Deutsche Arbeitsfront“ organisierte, und über den Hühnerzüchter Heinrich Himmler. Ich will damit sagen, daß die bürgerliche Welt, soweit wir sie in unserer Nachbarschaft wahrnahmen, zwar nicht aus prononcierten Anti-Nazis bestand, aber man verachtete sie, die mit ihren braunen Hemden provozierend auf der Straße erschienen. Hitler war ein Sonderfall: Sonderbarerweise galt er als Garantie gegen eine Radikalisierung der SA und der Partei. Daß die Radikalisierung gerade von Hitler ausging, hat man nicht gesehen.“

 

Bürgertum in der Kaiserzeit

 

„Wolf Jobst Siedler Was sagen Sie dann zum deutschen Bürgertum zwischen 1875 und 1918? Die deutsche Revolution war mißlungen, aber das deutsche Bürgertum kam auf seinen Höhepunkt.

Frank A. Meyer Ich sage, daß das deutsche Bürgertum jenes Zeitabschnitts, von außen gesehen, einen ganz bedauerlichen Mangel hatte: Es erbrachte zwar eine gewaltige Leistung in der Wissenschaft, in der Wirtschaft und in der Kultur, aber politisch setzte es sich nicht durch, im Gegenteil, es machte den Kotau vor der miefigen wilhelminischen Militär- und Bürokratenmonarchie. Der Schweizer Freisinn war an der Macht. Das ist der fundamentale Unterschied.

Joachim Fest Das deutsche Bürgertum hat seine ganz große Leistung im Privaten erbracht, das haben Sie jetzt weggelassen. Die private Welt ist mir mindestens so wichtig wie die politische.“

„Frank A. Meyer Das Bürgertum hat doch 1871 eigentlich die Demokratie verraten, um die Nation zu bekommen. Das war doch ein anderer Weg als ihn - ich nehme jetzt mal nicht die Schweiz - die Franzosen gegangen sind. Ich suche nach den Gründen dafür, daß sich das deutsche Bürgertum so lange in einer unterworfenen politischen Situation befunden hat.

Wolf Jobst Siedler Wir sprechen vielleicht zu einfach von dem deutschen Bürgertum. Galt das auch für das hanseatische Bürgertum, für Lübeck, für Hamburg und Bremen, galt es für die süd-, west- und ostdeutschen Hansestädte, für Köln oder Augsburg, Nürnberg oder Danzig? Ist das Bürgertum dort nicht intakt geblieben? Reduzieren Sie Ihre Sicht nicht allzusehr auf das Bürgertum einer von der Monarchie bestimmten Gesellschaft, also das wilhelminische und das preußische Bürgertum? Ich glaube, die Lübecker oder Bremer Bürger unterschieden sich wenig von dem französischen Bürgertum.“

„Wolf Jobst Siedler Ursprünglich war das Bürgertum gar nicht so schockiert, als der Kaiser mit einem Mal nicht mehr da war. Wilhelm II. hatte mit seinen bramarbasierenden Reden alle Welt, auch das deutsche Bürgertum, zu oft provoziert, und man nahm ihn in großen Teilen des Bürgertums nicht mehr ganz ernst. Mein Großvater, ein Oberst der preußischen Armee, der schon in den ersten Tagen des Weltkrieges fallen sollte, hatte lange vor Kriegsbeginn seinen Abschied genommen, wobei seine Zurücksetzung Adligen gegenüber eine gewisse Rolle spielte. Er lebte von da an als Privatier, was er sehr gut konnte, weil seine Frau, meine Großmutter, sehr vermögend war.“

 

Bürgertum in der Weimarer Republik

 

„Wolf Jobst Siedler Ganz zweifellos hatte das Bürgertum den Halt verloren, als der Staat plötzlich nicht mehr da war, mit dem es sich identifiziert hatte und auf den es sich bezog. Mit der Revolution von 1918 waren ja die Formationen verschwunden, die es getragen hatten: die Monarchie, die Armee und die agrarische Welt, die zumindest im Osten, im sogenannten Ost-Elbien, eine entscheidende Rolle spielten.

Joachim Fest Es war eine, wenn ich das sagen darf, gesellschaftliche Schicht, Klasse, oder wie immer man es nennen will, ohne Alternativen. Da war einmal die Monarchie, die hatte durch den Abgang des Kaisers, durch die schmähliche Flucht, auch das Prestige verloren, ihre innere Legitimation. Das war das eine. Das andere war: Es gab 1918 und zu Beginn 1919 zwar eine große Begeisterung für die Republik, die ist aber kaputtgemacht worden durch die Räte-Republik, die sich überall breitmachte, sie ist aber ganz besonders ruiniert worden durch die Friedensbedingungen von Versailles. Mein Vater hat immer gesagt, die Republik hatte keine Chance, denn sie erlitt zwei Dolchstöße: den einen durch die Hindenburg-Ludendorff-Legende vom Dolchstoß, den zweiten durch die Siegermächte von Versailles. Die Republik konnte nicht überleben, die republikfreundlichen Bürgerlichen waren eine zusammenschmelzende Minderheit, die bis 1933 kämpfte, also so lange es möglich war. Aber es war nicht durchzuhalten.

Frank A. Meyer Ich gebrauche wieder einen provokativen Begriff, eine Führeranfälligkeit gab es doch auch. Das Resultat war der Ersatzmonarch Hindenburg.

Wolf Jobst Siedler Aber diese Anfälligkeit war nicht typisch deutsch. Es gab sie überall: mit Mussolini in Italien, Franco in Spanien, Pétain in Frankreich. Wenn man so will, sehnte sich das führungslos gewordene Bürgertum nach Autorität, und da es keine Monarchen mehr gab, griff man nach denen, die Autorität versprachen.“

„Joachim Fest Sie vergessen übrigens, Herr Meyer, daß die Deutschen mit ihren Fürsten im allgemeinen sehr gut gefahren sind. Es gab eine große Verwaltungsgerechtigkeit, eine gewisse Fairneß im Umgang von oben und unten. Die Deutschen haben keine schlechten Erfahrungen gemacht, und dann kann man nicht einem Volk sagen: Es ist an der Zeit, jetzt Demokrat zu sein und die Fürsten zu vertreiben.

Frank A. Meyer Ich sage nur: Die Leidenschaft für die Republik war nicht sehr stark ausgeprägt im deutschen Bürgertum.

Wolf Jobst Siedler Da würde ich weitgehend zustimmen. Eben weil die republikanische Staatsform von den Deutschen nicht für wirklich wichtig gehalten wurde. Wichtig war, daß die bürgerlichen Werte nicht beseitigt wurden, und sie waren ja in der Weimarer Republik erhalten geblieben. Ich bin der Meinung von Herrn Fest, daß im Grunde das Zermahlen der bürgerlichen Schicht das Entscheidende war - während der fünfzehnjährigen Dauer der Republik jagte eine wirtschaftliche Katastrophe die andere. Zuerst kam die militärische Niederlage, dann folgten die Friedensbedingungen von Versailles, die allgemein als ungerecht und demütigend empfunden wurden, dann kam die große Geldentwertung und die allgemeine Pauperisierung. Deshalb fiel Weimar am Ende wie eine reife Frucht in die Hände der Radikalsten, eben der Partei Hitlers, dieses hergelaufenen österreichischen Kleinbürgers. Eine Zeitlang war es allerdings noch unsicher, ob die Kommunisten oder die Nazis triumphieren würden. Vor dieser Alternative haben sich die Deutschen dann eben für die Nazis entschieden, denn im Vergleich zu Stalin schien Hitler das kleinere Übel zu sein.“

„Joachim Fest Außerdem muß man bedenken, daß die Demokratie oder Republik in dem Geruch stand, den Deutschen von den Siegermächten aufgenötigt worden zu sein. Das lesen Sie in den Tagebüchern von Thomas Mann, da spricht er genau diese Problematik an: Die „Lügendemokratie“ und die „Lügenordnung“ des Westens seien den Deutschen aufgenötigt worden, die alles brav nachgeplappert hätten. Da kommt das ganze Ressentiment gegen die demokratische Ordnung zum Ausdruck. Also ging es nicht nur um den Vorwurf, die Republik sei links, sei sozialdemokratisch, sei gar kommunistisch, sondern ganz besonders auch um den Vorwurf sie sei „westlich“. Das war der andere große Gegner. Aber mit dem Frieden von Versailles - es wurde immer nur vom „Diktat von Versailles“ gesprochen – sei Deutschland gedemütigt worden. Wenn die Siegermächte eine Demokratie anstelle der Monarchie forderten, so stellte sich für viele Deutsche die Frage: Weshalb wollen die Alliierten unbedingt eine Demokratie in Deutschland etablieren? Weshalb sollen die Fürsten abgeschafft werden, auch die kleinen, sympathischen Großherzöge wie der Großherzog von Weimar oder der ziemlich belanglose, aber einigermaßen liebenswürdige Großherzog von Hessen-Darmstadt, der den Jugendstil auf der Mathildenhöhe legitimiert hat? Und die Antwort lautete dann: Damit Deutschland möglichst schwach bleibt und ein Spielball ausländischer Interessen wird. Aber das können Sie alles bei Thomas Mann nachlesen.“

„Frank A. Meyer Es gibt einen dramatischen Satz, der Ihnen beiden geläufiger sein muß als mir: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Das schleuderte der Sprecher der Sozialdemokratischen Partei Otto Wels in seiner größten Rede dem siegreichen Hitler im Reichstag entgegen. Ich halte diesen Satz, mit dem Otto Wels seine Rede schloß, für ein tragisches Dokument bürgerlichen Denkens.

Wolf Jobst Siedler Die Sozialdemokratie war zu dieser Zeit schon weitgehend verbürgerlicht. Das ist kein typischer Satz einer Arbeiterpartei, sondern der des demokratischen Gewissens.

Frank A. Meyer Was eigentlich bürgerliche Verpflichtung gewesen wäre.

Wolf Jobst Siedler In der zur Auflösung drängenden Republik gab es die klassischen Parteien eigentlich nicht mehr, nur eine amorphe Masse. Ganz sicher legten die Abgeordneten, die für Hitlers Ermächtigungsgesetz stimmten, damit kein Bekenntnis zu Hitlers Diktatur ab. Wenn es eine Alternative gegeben hätte zwischen Diktatur und Demokratie, dann hätte die Mehrheit für die Demokratie gestimmt, das muß man sehen.

Frank A. Meyer Es gibt ja einen Begriff, den ich für sehr bürgerlich halte, allerdings nicht für bourgeois: das ist der Begriff „Zivilcourage“. Eigentlich gehört es zum Wesen oder zur Tugend des Citoyen, daß er in der Demokratie Zivilcourage zeigt, also auch damals hätte zeigen müssen.“

„Frank A. Meyer Die Sozialdemokraten und die linken Demokraten, das demokratische Zentrum, wo Vater Fest Reichsbannerführer war, das waren doch die Kräfte, die zu Weimar standen. Warum waren sie zu schwach?

Wolf Jobst Siedler Weil sie schon pauperisiert waren durch die Revolution von 1918 und weil sie am Ende des Weltkrieges von Niederlage zu Niederlage gegangen waren. Deshalb sehnte sich das Bürgertum nach Ordnung und meinte, man müsse, bis das Chaos vorübergeht, eine gewisse Gewaltsamkeit hinnehmen, selbst für den Preis des vorübergehenden Verzichts auf Freiheit.“

 

Bürgertum im Nationalsozialismus

 

„Frank A. Meyer Das ist klassisch für Despoten und Diktatoren: Wenn die Kumpane der frühen Jahre zu mächtig werden, dann folgt die Nacht der langen Messer. Röhm mußte beseitigt, die SA entmachtet werden, weil sie Hitlers Macht und Reputation vis-à-vis der Wehrmacht und der kollaborierenden bürgerlichen Schichten gefährdete.“

„Frank A. Meyer Wenn ich Sie beide höre, Herr Siedler, Herr Fest, kommen Sie aus Familien, die in gewisser Weise resistent waren. Sie, Wolf Jobst Siedler, sind ja auch mit siebzehn Jahren als Schüler verhaftet worden und wurden vor ein Feldgericht gestellt. Sie meinen sogar, daß praktisch das ganze alte Bürgertum naziresistent war.

Joachim Fest Das war bei uns anders. Mein Vater hat nach dem Krieg davon gesprochen, der Raum um ihn – er meinte den sozialen Raum um ihn - sei nicht 1933, als er aus dem Amt entlassen wurde, sondern so ab 1936, 1937, 1938 - und der Anschluß Österreichs war eigentlich dann der Tiefpunkt - leer geworden; da seien immer mehr Leute übergewechselt zur anderen Seite; er habe sich ziemlich einsam gefühlt.“

„Joachim Fest Wir haben eine Frage nicht behandelt: Wo ist das Bürgertum während der Nazizeit geblieben? Wo hat es sich aufgehalten? Es ist einfach vom Erdboden verschwunden. Wie war das möglich?

Wolf Jobst Siedler Nach 1933 hatte man anfangs das Gefühl, unsere Sache ist verloren, aber man gab den Nazis nur kurze Zeit. Dann kam die Zeit der scheinbaren Erfolge Hitlers, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit in noch nicht einmal drei Jahren und die Wiederherstellung der alten Reichsgrenzen mit der Rheinlandbesetzung und der Wiedereinführung der „Wehrhoheit“. Da sagte auch das ursprünglich distanzierte Bürgertum: „Der Kerl, so wenig er uns liegt, ist einfach genial. Fünfzehn Jahre haben wir gebettelt, jetzt schlägt Hitler mit der Faust auf den Tisch und verlangt es einfach, und er bekommt alles, was er fordert.“ Nach den innen- und außenpolitischen Erfolgen kamen die militärischen Triumphe, 1939 der Polenfeldzug mit seinen ganzen achtzehn Tagen, 1940 die Besetzung Dänemarks und Norwegens, im selben Jahr, schon wenige Wochen später, folgte der französische Blitzkrieg, der im Grunde kein richtiger Krieg, sondern auch nur ein Feldzug war. Nach sechs Wochen war Frankreich besiegt und England aus dem Kontinent geworfen, und die Heimkehr Hitlers nach Berlin war ein einziger Triumphzug. Jetzt, glaubte jedermann, würde man Schluß machen, jetzt käme der ersehnte Frieden. Aber nun ging der Krieg erst richtig los.

Man darf nicht vergessen, daß diese Reihe von Erfolgen zu einer Solidarisierung der Bevölkerung mit Hitler und seinem Regime führte. Arbeiter, Kleinbürger und Bürger sind in Massen zu Hitler übergelaufen, wenn auch die etwas anrüchige Partei noch immer mit Zurückhaltung gesehen wurde. Wer jetzt noch gegen den „Führer“ opponierte, stand gegen die überwältigende Mehrheit der Deutschen.“

 

Ist Nationalsozialismus „links“ oder „rechts“?

 

„Joachim Fest Ich möchte noch etwas ergänzen. Bürgerlich war Speer in gewissen Verhaltensweisen in den äußerlichsten Formen. Aber das ganze war natürlich doch eine zutiefst antibürgerliche Führungsmannschaft, die daraus nie einen Hehl gemacht hat. Es waren natürlich viel eher Sozialisten. Der Nationalsozialismus war, wie ich immer behauptet habe und auch weiterhin sage, ein linkes Phänomen und nicht ein rechtes, wie heute oft behauptet wird.

Frank A. Meyer Ich gehöre zu denen, die Faschismus und Nationalsozialismus ganz entschieden als rechtes Phänomen betrachten, und ich teile diese Überzeugung mit zahlreichen Historikern.

Wolf Jobst Siedler Gegen die These von Joachim Fest habe ich ebenfalls meine Bedenken. Speer hat sich, als Generalbaumeister Hitlers wie als sein Rüstungsminister, mit bürgerlichen Fachleuten umgeben, ob es Architekten wie Wolters oder Industriemanager wie Blohm waren.

Joachim Fest Gut, wir können darüber streiten. Aber ich finde immer, es war ein sozialistisches Phänomen: die Verbrüderung von Menschen, die Aufhebung von Klassenstrukturen, der 1. Mai, das KdF-Programm, auch die Verachtung von herkömmlichen Werten, all das, was das Bürgertum großgemacht hat.

Frank A. Meyer Für mich ist die Verachtung herkömmlicher, traditioneller Werte zunächst einfach ein prononciert antibürgerlicher Affekt, was ja zu Faschismus und Nationalsozialismus paßt, die beide einen vorbürgerlichen Traum träumen.

Joachim Fest Der Historiker Götz Aly hat gerade ein Buch über den „Sozialstaat“ geschrieben, den die Nazis zumindest ansatzweise errichtet haben. Bei ihm ist sehr viel darüber zu erfahren, inwieweit der Nationalsozialismus ein linkes Phänomen gewesen sei, der durch Bestechung die Leute stillgehalten habe.

Frank A. Meyer Die Geschichtswissenschaft liefert stets, was gewisse gesellschaftliche Aktualitäten gerade brauchen. Zum ultraliberalen Zeitgeist paßt vorzüglich die Diffamierung des Sozialstaates als Erbe von Faschismus und Nationalsozialismus. Was Götz Aly, den ich bisher sehr schätzte, pünktlich abliefert, was auch Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch „Entfernte Verwandtschaft“ entwickelt, wirkt auf mich wie ein Gefälligkeitsgutachten für ultraliberale Ideologen, wobei ich den beiden Autoren nicht unterstelle, sie hätten in dieser Absicht geschrieben. Aber auch die Wissenschaft ist nicht frei von Zeitstimmungen.

Joachim Fest Wollen Sie Wolfgang Schivelbuschs und Götz Alys Bücher ganz einfach Machwerke des Ultraliberalismus nennen? Ein wirklich zitierfähiges Wort von Hitler, was ja sehr selten ist, lautet: „Ich brauche nicht die Fabriken und die Unternehmen zu sozialisieren, ich sozialisiere die Menschen.“ Er meinte natürlich, dann gehörten die Unternehmen ohnehin ihm. Das ist sozialistisch, das ist aber eine neue Form von Sozialismus, nicht die uns bekannte Form.

Frank A. Meyer Das ist eine Form des Antisozialismus unter Vorspiegelung sozialistischer Tatsachen. Aber wesentlich bleiben doch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Hitlers Diktatur schaffte den Kapitalismus nicht ab. Hitler war sogar darauf bedacht, die Unternehmer-Elite für sich zu gewinnen. Lenin und Stalin zerschlugen sie. Das macht den grundsätzlichen Unterschied zwischen rechtem und linkem Totalitarismus.

Joachim Fest Macht es wirklich einen grundsätzlichen Unterschied, wie Sie, Herr Meyer sagen, ob man die Produktionsmittel oder die Menschen verstaatlicht? Ich weiß noch aus den Erzählungen meiner Eltern, wie enthusiastisch die Leute waren, als am 1. Mai 1933 der Arzt neben dem Arbeiter ging und der Unternehmer neben dem Werkmeister. Die Empfindung war, endlich gehört das Volk zusammen, und das ist eine große sozialistische Idee. Das kann man doch nicht bestreiten.

Frank A. Meyer Finden Sie auch, Herr Siedler, daß der Nationalsozialismus eine Form des Sozialismus war?

Wolf Jobst Siedler Ich würde sagen, es mischten sich im italienischen Faschismus und im deutschen Nationalsozialismus die verschiedensten widersprüchlichen Elemente. Es war eine vulgäre Form von Massenhypnose. Ob man sagen kann, ihr Grundzug war sozialistischer Natur, würde ich sehr zurückhaltend beantworten. Vor allem würde ich bezweifeln, daß der Faschismus eine linke Ideologie war.

Joachim Fest Den Faschismus habe ich nicht genannt, will aber doch darauf hinweisen, daß ich mit Renzo de Felice, dem großen italienischen Faschismusforscher, in Rom ein Streitgespräch führte, in dem er behauptete, der Nationalsozialismus sei eine extrem rechte Ideologie, der Faschismus aber eine linke - also ziemlich exakt das Gegenteil dessen, was Sie behaupten.

Wolf Jobst Siedler Ist der Nationalsozialismus wirklich links gewesen? Im Dritten Reich wurden die Besitzverhältnisse überhaupt nicht angetastet, weder die Strukturen der agrarischen Großbetriebe noch die der Schwerindustrie. Die großen Güter, auf denen Hermann Göring zur Jagd ging, und die Konzerne, in denen die Panzer und die Geschütze hergestellt wurden, die der Eroberung Europas dienten, waren zum Ende des Krieges noch gewachsen, und die Träger von Ritterkreuzen mit Schwertern erhielten als höchste Auszeichnung ein Gut im Osten, meist im Wartegau, wie die eroberten polnischen Provinzen zum großen Teil genannt wurden. Himmler schwärmte von dem neuen Adel, den das Reich schaffen werde. Kann man da sagen, der Nationalsozialismus sei ein linkes Phänomen?

Joachim Fest Aber ich komme darauf zurück, der Nationalsozialismus und in gewissem Maße auch der Faschismus haben die Menschen sozialisiert.

Wolf Jobst Siedler Nicht die Besitzverhältnisse. Das ist doch nicht Sozialismus …

Frank A. Meyer Wenn Sie das alles als „sozialistisch“ bezeichnen, dann gibt es nur linken Totalitarismus. Das läuft auf die Exkulpation der Rechten hinaus, auch auf die Exkulpation der bürgerlichen Gesellschaft, die mit rechtem Totalitarismus kollaboriert, ihn gar an die Macht bringt.

Joachim Fest Um Gottes willen, nein, das ist keine Exkulpation. Das war die Verführung der Massen, wobei viel Propaganda und Korruption im Spiel war, Bestechung und natürlich auch Opportunismus und Angst.

Frank A. Meyer Es gibt da zwischen Ihnen, Herr Fest, und mir eine fundamentale Meinungsverschiedenheit. Ich bin jetzt sehr streng: Wir müssen hier die Begriffe klären. Sozialismus hat in meinen Augen mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu tun. Daß sozialistische Ideen auch von den Faschisten und Nazis aufgenommen wurden, das gehörte zur Propaganda und zur Machttechnik: Man wollte das Volk gewinnen, also bot man ein Amalgam aus rassistischen und sozialistischen Parolen an. Die Arbeitsfront, die Massenorganisation von Robert Ley, hatte weder mit sozialistischen noch mit gewerkschaftlichen Überzeugungen zu tun. Dagegen hatte sie viel zu tun mit der exemplarisch antisozialistischen Idee von der Volksgemeinschaft: Volksgemeinschaft versus Klassenkampf das war das Programm, das ganz besonders die Elite der Unternehmer bezirzte, übrigens weit über Deutschland hinaus bezirzte, zum Beispiel auch viele Schweizer Unternehmer, die der Kollaboration mit Nazi-Deutschland das Wort redeten.

Wolf Jobst Siedler Sozialistische Ideen und Ideologien wurden aufgenommen, aber nur, um den Sozialismus zu eliminieren.

Joachim Fest Wo wäre das denn nicht so gewesen? Der springende Punkt ist doch das Menschenbild, nicht die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln. Das Menschenbild ist aber im einen wie im anderen Falle, im klassischen Sozialismus wie im Nationalsozialismus, weitgehend dasselbe.

Frank A. Meyer Ich bleibe dabei: Die Grundstruktur der Gesellschaft gibt Auskunft, um was für ein System es sich handelt.“

 

Bürgertum in der BRD

 

„Frank A. Meyer Lassen Sie uns zur Bundesrepublik kommen, bevor Sie sich allzusehr dem Siegestaumel von 1940 hingeben. Wolf Jobst Siedler, verschwindet das Bürgertum? Ist der postmoderne Zeitgeist antibürgerlich?

Wolf Jobst Siedler Alle Werte, auf die sich das Bürgertum in der Weimarer Zeit beziehen konnte und tatsächlich gestützt hat, sind verschwunden, nichts ist mehr da: weder Ostelbien mit dem Großgrundbesitz noch die Ruhr mit den großen Industrieverbänden oder die eben noch machtvollen Gewerkschaften. Von dem zusammengebrochenen Deutschland blieb eine amorphe, fleißige Masse, die keinen Ehrgeiz hatte außer Volkswagen und Rimini. Es gibt ja selbst die Armee nicht mehr, jedenfalls nicht im Sinne der kaiserlichen Armee oder der starken Reichswehr der Republik, aus der dann die Wehrmacht des Dritten Reiches wurde.“

„Frank A. Meyer Also sprechen wir jetzt von der Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik. Was sind eigentlich die unverzichtbaren Elemente einer bürgerlich-demokratischen Gesellschaft? Mir fällt etwas auf: Vorhin äußerten Sie eine gewisse Herablassung der sogenannten Massengesellschaft gegenüber; andererseits stelle ich fest, daß diese erste deutsche Demokratie, die jetzt schon oder auch erst über ein halbes Jahrhundert dauert, vom Kleinbürgertum getragen wird.

Wolf Jobst Siedler Das ist mir immer wichtig gewesen. Die tragenden Schichten der alten Gesellschaft haben ihre Rolle ausgespielt. Die Aristokratie taucht hauptsächlich in Blättern wie der „Bunten“ oder der „Gala“ auf, selbst aus der Armee ist der Adel weitgehend ausgeschieden. In der Gesellschaft spielt der Adel nur noch eine dekorative Rolle, die nicht ohne Peinlichkeit ist. Man muß sich nur die Rubriken der Zeitungen ansehen, in denen das Society-Personal tonangebend ist. Es sind „die Reichen und die Schönen“, wie es immer bei den Gesellschaftsjournalisten heißt, aber Bürger sind das doch nicht mehr. Man muß sich hüten, daß man nicht aus einem gewissen Wohlstand und adretten Kleidern den Schluß zieht, das sei das neue Bürgertum. Zum Bürgertum gehört auch so etwas wie Dauer.

Frank A. Meyer Die Menschen, die bei Neckermann ihre Reisen buchen und ihren Urlaub in einem Ferienort des Massentourismus machen, sind weiß Gott nicht in Ihrem Sinne bürgerlich.

Wolf Jobst Siedler Auch das Personal der ersten Nachkriegszeit kommt ja aus dem Kleinbürgertum, die Landwehrmajore, die Landräte Ostelbiens, die Reserveoffiziere, die in der ersten Republik eine so große Rolle gespielt hatten, sie alle gibt es jetzt nicht mehr. Nun kommt das Personal aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht, wobei ihre Tüchtigkeit vielleicht gerade daher kommt. Adenauer, Erhard, Gerstenmaier, Speidel - keiner von ihnen gehörte dem traditionellen Bürgertum an, geschweige denn dem Großbürgertum. Oft waren sie die ersten in ihren Familien, die das Abitur gemacht hatten.

Frank A. Meyer Ich glaube, die demokratische Gesellschaft braucht ein tüchtiges Kleinbürgertum.

Joachim Fest Finde ich auch.

Wolf Jobst Siedler Ja, völlig richtig, wobei man korrekterweise nicht vom Kleinbürger, sondern vom Mittelstand sprechen soll.

Joachim Fest Nicht nur tüchtig soll er sein, sondern auch staatstreu.

Frank A. Meyer Sagen wir doch lieber demokratietreu.

Joachim Fest Einverstanden. Der Weimarer Republik ist durch die Kriegsanleihen, die Inflation und durch die Weltwirtschaftskrise dieses wirtschaftliche Fundament von Bürgertum und Kleinbürgertum verloren gegangen, und damit war dieser Staat in seinen Grundfesten erschüttert. Auf den Adel, das Großbürgertum und die Intellektuellen kann eine Demokratie notfalls verzichten. Sie sind, jeder zu seiner Zeit, wichtig, aber für die Stabilität des Staates sind die Mittelschichten, wenn Sie wollen, die Kleinbürger, entscheidend. Und in diesem Sinne kann man sie Bürger nennen. Adenauer ist ein richtiger Bürger, ganz gleich, ob seine Familie drei oder fünf Generationen tonangebend war, Erhard ist ein Bürger, wenn ihn auch die Großbürger ein wenig über die Schulter angesehen haben, aber er spielt eine entscheidende Rolle in der Fundamentierung der deutschen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. So steht es auch mit den anderen Repräsentanten des Staates von Bonn, der nun plötzlich der Staat von Berlin ist.“

 

Bürgertum in Zukunft

 

„Frank A. Meyer Und was wünschen Sie, Herr Siedler, vom Bürger?

Wolf Jobst Siedler Daß es ihn überhaupt gäbe. Ich glaube nicht, daß es zur Zeit ein Bürgertum in der Bundesrepublik gibt, weder im alten Sinn der Handels- oder Hansestädte noch im Sinn der Beamtenbürger, wie sie das Kaiserreich kannte. Man müßte schon hoffen, daß es wieder Bürgerlichkeit gibt und daß das Bürgerliche wieder Kraft gewinnt und sich selbst behauptet. Aber in dieser Hinsicht bin ich sehr skeptisch. Sicher wird es eine gewisse Führungsschicht wieder geben, aber sie wird nicht mehr bürgerlich sein.

Frank A. Meyer Und Sie glauben wirklich , daß das geschehen wird?

Wolf Jobst Siedler Zumindest werden die bürgerlichen Tugenden ihren Wert wiedergewinnen, diese Hoffnung und diesen Glauben habe ich.“

„Frank A. Meyer Liegt also Bürgerlichkeit in der Luft? …

Joachim Fest Aber es bleibt zu sagen: Die Indizien sprechen eher für das Gegenteil. Zum Bürger gehört, daß er lesen, rechnen, schreiben kann. Wir aber haben Tausende Schulabgänger jedes Jahr, die weder lesen noch rechnen noch schreiben können. Ein Tischler hat mir neulich gesagt, er habe vier Bewerber für eine Lehrstelle geprüft, keiner beherrschte eine dieser Grundfähigkeiten. Wenn sich dieser neue Analphabetismus verbreitet und dann nicht mehr nur zwei oder vier Prozent, sondern 30 Prozent nicht mehr lesen, schreiben und rechnen können, dann ist nicht nur die Demokratie am Ende, dann ist dieses ganze Land am Ende und vielleicht mehr als dieses Land.“

„Joachim Fest Ja, anspruchsvoll, weil die Welt so kompliziert ist und die Politik so wenig ausrichtet. Ich habe gestern mit einem Politiker gesprochen, als ich von Frankfurt nach Hamburg flog, und er sagte mir, wir bekommen keinen Nachwuchs mehr, es kommen keine begabten jungen Leute mehr zu uns. Ich spreche mit Dutzenden von jungen Leuten und möchte sie dazu bekehren, doch irgendwann in die Politik zu gehen, aber sie antworten: „In die Politik? Sind Sie noch zu retten, was soll ich in der Politik? Ich habe nicht die geringste Lust dazu. Da besteige ich lieber die Alpen.“

Frank A. Meyer Wenn dieser Befund zutrifft, dann ist die bürgerliche Demokratie tatsächlich sehr gefährdet.

Joachim Fest Herr Meyer, Peter Glotz hat mir vor rund zehn Jahren, als er als Geschäftsführer der SPD zurücktrat und sich dann auch politisch immer mehr absentierte, die Erfurter Universität aufbaute und später in die Schweiz nach St. Gallen ging, gesagt, er sähe keine Zukunft in der Politik mehr, er sähe keine jungen Leute mehr, zumindest nicht in seiner Partei. Er sprach nur für seine SPD, aber von der CDU hört man dasselbe.

Frank A. Meyer Ich habe das Problem einmal so umrissen: Der bürgerliche Mensch ist jemand, der über das Private hinausgreift, der mit seinen Interessen nicht dort aufhört, wo er seine Karriere gemacht und seine privaten Lebensumstände wohlgeordnet hat, der politisch in die Gesellschaft eingreifen will. Hat sich diese auch aufs öffentliche Interesse ausgerichtete Lebenshaltung in den europäischen Demokratien überlebt? Herr Siedler, nach den Worten von Joachim Fest ist die Demokratie jetzt in einer gefährlichen Situation. Sehen Sie das ähnlich?

Wolf Jobst Siedler Ja, das würde ich auch so sehen.

Frank A. Meyer Und was tun wir dagegen?

Wolf Jobst Siedler Ich meine, was Herr Fest sagte, daß sich niemand mehr in der Politik und für die Politik engagieren will, das gilt ja schon für unsere Generation nach dem Krieg. Wer von unseren Freunden ging noch in die Politik?

Joachim Fest Vorhin habe ich meinen frühen Überdruß an der Politik formuliert und gesagt, daß ich meinen Umzug von Berlin nach Hamburg als Motiv nahm, der Politik den Rücken zu kehren. Aber im Grunde wäre das ein zu äußerliches Motiv. Ich wollte mein eigenes Leben führen.

Frank A. Meyer Es sind ja stets nur wenige, die sich in der Politik engagieren. Aber es ist eine kritische Masse solcher Bürgerinnen und Bürger nötig, damit die Demokratie lebt und resistent gegen Anfechtungen bleibt. Haben Sie das Gefühl, diese kritische Masse ist heute unterschritten?

Joachim Fest Das würde ich sagen. Ich überlege jetzt zum ersten Mal - das ist ja auch bezeichnend, daß ich das erst im Rahmen unseres Gespräches tue -, wer von meinen Freunden und Bekannten in die Politik ging.“

„Frank A. Meyer Die letzte derartige Studie stammt übrigens aus den USA. Auch im gelobten Land des Kapitalismus ist die Verarmung des Mittelstandes eine Realität. Meine Frage an Sie, Herr Siedler: Ist Demokratie in Deutschland ohne wirtschaftlichen Erfolg denkbar? Oder findet in der Krise die Abkehr von der Demokratie statt?

Wolf Jobst Siedler Ich frage mich, wenn Sie das auf die heutige Zeit beziehen, wie wäre das im Jahre 1800 oder im Jahre 1900 gewesen? Ist das wirklich jemals so gewesen, daß die führenden Schichten sich verantwortlich fühlten? Fühlte der Bürger um 1800 oder um 1900 sich wirklich verantwortlich für den Staat? Ist das nicht eine nachträgliche Idealisierung?

Frank A. Meyer Jetzt muß ich wieder einmal den Schweizer wie ein Kaninchen aus dem Zylinder zaubern: Ich glaube schon, daß ein ganz normaler, also ganz durchschnittlicher Schweizer sich verantwortlich fühlt für den Staat.“

„Wolf Jobst Siedler Man sollte nicht übersehen, was für eine Beschleunigung es in der Generationenfolge gegeben hat. Das Bürgertum des späten Mittelalters, nehmen wir die Fugger und Welser als Exempel, hält zumindest ein Jahrhundert vor, die Fuggerei gibt es noch heute, und die Arbeitersiedlungen der Fugger werden noch in unserer Zeit ihrer Vorbildlichkeit wegen vorgeführt - nach einem halben Jahrtausend. Das zweite, historisch faßbare Bürgertum, das Handelsbürgertum des späten 18. oder frühen 19. Jahrhunderts, also im wesentlichen das hanseatische Bürgertum der großen Seestädte, hält nur noch drei oder vier Generationen. Die Idys und die Slomans, und wie sie alle heißen, sind dann schon erschöpft. Die großen Reederfamilien gibt es heute alle nicht mehr, ihre Flotten sind zum Teil wieder aufgebaut, aber sie werden von anonymen Zusammenschlüssen geleitet. Die Welt, die auf Dauer angelegt war, ist nicht mehr vorhanden, und damit ist auch das Bürgerliche verschwunden. Heute übernehmen skandinavische Firmen die noblen deutschen Unternehmen, oder englische oder griechische, und bald werden ostasiatische Firmenagglomerationen den Markt beherrschen. Die bürgerliche Welt ist tatsächlich an ihrem Ende. Heute gibt es nur noch starke einzelne, bei denen schon die Söhne, spätestens die Enkel müde sind. Die Industriebürger, die dann kommen, halten im Grunde nur eine Generation, schon die Söhne sind verbraucht, tragen die Firma nicht mehr, werden bestenfalls von ihr getragen. Das wird bei den Krupps am deutlichsten, der Enkel Arndt Krupp von Bohlen und Halbach ist eigentlich sehr glücklich, als er die Last des Erbes loswird, keine Verantwortung mehr hat und die Firma in eine Stiftung umwandeln kann, wofür er sich dann eine „Rente“ von ein paar Dutzend Millionen zusichern läßt. Die Verbrauchtheit gibt sich aber auch im persönlichen Gebrechen zu erkennen. Arndt Krupp, der letzte Erbe der Dynastie, macht aus seiner Homosexualität wenig Hehl, der Wille, die Familientradition fortzuführen, ist eben erschöpft. So ist es bei den meisten Gründerfamilien - bei den Haniels, bei den Thyssens oder bei den Flicks. Schon die zweite oder dritte Generation hat Mühe, das Erbe aufrechtzuerhalten, dann retten sie sich in Kunstsammlungen und stiften Museen, um naheliegende Beispiele aufzugreifen."

„Wolf Jobst Siedler Selbst bei den Krupps und den Borsigs waren die Firmenchefs zugleich auch die Firmeninhaber, die Patrons. Heute sind die Patrons verschwunden, der nichtbesitzende Unternehmenschef, der Manager, hat den ersten Platz in der Hierarchie übernommen, aber er kann am nächsten Tag bereits ausgewechselt werden, wobei er dann Dutzende oder sogar Hunderte von Millionen als Abfindung erhält. Man ist fast überrascht, wenn noch ein Erbe oder Familienmitglied eine Firma leitet. Der Gegensatz zwischen der Höhe der Bezüge - und im Entlassungsfall der Abfindungen - und der Stellung im Unternehmen ist eklatant.

Frank A. Meyer Halten wir den Begriff des Managers fest, der Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre in den Vereinigten Staaten aufkommt, denken wir an das epochemachende Buch von James Burnham: „The Managerial Revolution“, das gleich nach dem Kriege auch in deutscher Übersetzung erschien. Wenn ich aber frage, wodurch sich eigentlich der Manager definiert, so ist ein Manager ein Unternehmensführer ohne eigenes Kapital, und, wenn man so will, ohne Verantwortung. Er ist also nicht Besitzer der Produktionsmittel im marxistischen Sinne, aber er verfügt darüber. Das ist eine neue Klasse oder Kaste; sie besitzt eine gewaltige Macht, mitunter auch erheblichen Reichtum, ohne Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Bürgerlich ist dieser Typus nicht mehr.

Wolf Jobst Siedler Der Typus des klassischen Managers der Nachkriegszeit ist auch schon im Verschwinden, denn diese Rolle setzte ja so etwas wie die Berthold Beitz-Figur voraus - daß einer sozusagen das Unternehmen kommandiert. Heute weiß man aber gar nicht mehr, wer für das Unternehmen verantwortlich ist: eine neue Gesellschafterversammlung und schon wird ein anderer Vorstandsvorsitzender bestellt.

Joachim Fest Herrn Merkle von der Firma Bosch kannte man noch, auch Herrn von Pierer von Siemens und Herrn Schrempp von Mercedes oder jetzt DaimlerChrysler vielleicht auch noch, obwohl diese Art von einflußreichen Vorstandsvorsitzenden nur am Rande mit den alten Eigentümern identisch ist.

Wolf Jobst Siedler Wenn Schrempp demnächst abgelöst werden wird, verändert das nicht die Unternehmensstruktur.

Frank A. Meyer Spüren wir diesem Gedankengang weiter nach; was würde es bedeuten? Ursprünglich gab es den Patron, wie Sie ihn ins Feld führten, Herr Siedler, das ist der Besitzer eines Unternehmens, dann gab es den Manager, der ein Unternehmen führte, als sei er der Besitzer, auch mit dem Verantwortungsgefühl eines Besitzers. Als Exempel können wir den alten Rathenau, Emil Rathenau, ins Feld führen, den Gründer und Leiter der AEG. Heute aber wird ein Manager geheuert und gefeuert, gefeuert allerdings mit einem goldenen Fallschirm. Dieser postmoderne, globalisierte Manager räumt eben unglaublich viel Geld ab, was auf einen bürgerlichen Menschen geradezu pervers wirkt. Ich erblicke darin das Verschwinden der Verantwortung für das Ganze und damit das Verschwinden von Bürgertugend, also von Bürgertum.“

„Frank A. Meyer Das Primat der Ökonomie schwächt natürlich die Politik. Die Politik muß das Ganze im Auge behalten, die Ökonomie ist nur ein Teil des gesellschaftlichen Ganzen, aber sie sieht sich plötzlich als das Ganze, als die herrschende, die alles andere beherrschende Macht. Das ist fatal. Aber die Frage ist, ob die totale Ökonomisierung gestoppt werden kann. Wenn es nicht gelingt, werden die Demokraten entmachtet. Es sind bei den Bürgerinnen und Bürgern ja heute schon weitverbreitete Gefühle der Ohnmacht zu beobachten. Die Ökonomie droht mit ihren Gesetzen des Marktes zur totalen Macht zu werden. Bis zur totalitären Macht ist es dann nicht mehr weit.

„Wolf Jobst Siedler … Wenn wir die Summen hören, die zu Adenauers Zeit von den Managern kassiert wurden, so wirkt das geradezu rührend. Hermann Abs, der in Dutzenden von Aufsichtsräten saß und ganz nebenbei noch die Deutsche Bank regierte, wäre nie auf den Gedanken gekommen, diese Summen zu kassieren, die heute jeder bessere Manager bezieht. Die Debatte über die Offenlegung der Managerbezüge würde Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Hermann Abs geradezu phantastisch vorkommen.“

„Frank A. Meyer Gesichert ist Demokratie nie, in Deutschland nicht und auch nicht anderswo. Autoritäre Herausforderungen allerdings sind nur gefährlich, wenn sie von den Bürgern übersehen oder verdrängt werden. Eine solche Gefährdung aber geht gerade um in Europa: der Ultraliberalismus, gängig auch Neoliberalismus.

Diese aggressive Form des Liberalismus predigt den Abbau des Staates: die Substitution des Staates durch die Wirtschaft. Der Markt ist der neue Weltgeist. Er steuert Geschicke und Geschichte. Er bestraft und belohnt, Menschen wie Nationen.

Der Markt als Gott des 21. Jahrhunderts verheißt die Aufhebung des Staates, das Ende der Geschichte, das Gelobte Land. Wie einst Marx. Nur umgekehrt. Marktismus statt Marxismus.

Gegen diese letztlich totalitäre Utopie steht der demokratische Rechtsstaat als größte Errungenschaft des Bürgertums. Und noch steht er in Europa stark und stolz und auch sozial, von keinem anderen System übertroffen, aber immer wieder gefährdet, bekämpft, beseitigt durch Usurpatoren von links und rechts: durch kommunistische Parteien und faschistische Führer.

Massiv bedrängt wird die bürgerliche Demokratie – und eine andere haben wir nicht! - durch den totalen Ökonomismus: durch das Primat der autoritären Wirtschaft statt des Primats der demokratisch bestimmten Politik; durch Aktionärsdemokratie statt one man, one vote. Der Staat soll allenfalls noch für die Kollateralschäden des neuen Menschheitsexperiments zuständig sein.

Es ist eine machtvolle antibürgerliche Offensive im Gang: gegen die demokratische Teilhabe des Citoyens am gesellschaftlichen Geschehen; gegen den Staat als Ort der Verwirklichung eines gemeinsamen bürgerlichen Willens; gegen die zutiefst bürgerliche Überzeugung, daß alles Geschehen durch Menschen zu regeln, zu verändern, zu gestalten ist.

Ja, die säkulare Religion des Neoliberalismus zielt mit ihrem Markt-Mantra auf die Entmündigung der Bürgerschaft. Und so ist das Bürgertum herausgefordert wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“

 

Die schwierige Freiheit (1994)

 

Einleitung

 

„Dieses Buch knüpft an die Betrachtungen an, die in dem Essay über den „Zerstörten Traum“ vorgetragen wurden. Sie schlössen mit einigen Hinweisen auf die im Menschlichen wie im Politischen liegenden Schwierigkeiten, die mit dem Ende des utopischen Zeitalters zu erwarten seien, und drückten den Zweifel darüber aus, ob das Wünschenswerte auch das Menschenmögliche und eine Ordnung ohne Erlösungsversprechen und ohne überpersönliche Orientierungen erreichbar sei.

Diese Fragen und folglich die Zukunft der offenen Gesellschaft sind das Thema dieses Bandes …

Jetzt bringt der ohne eigenes Zutun errungene Erfolg der freien Ordnung deren innere Schwächen und Gefährdungen zurück. Sie werden sich nur abwehren lassen in dem Bewußtsein, daß die Ursachen überwiegend ihr selber entstammen: ihrer tiefen Gleichgültigkeit gegenüber der so leidenschaftlich erwarteten Antwort auf die Sinnfragen des modernen Menschen, ferner der Überdehnung der Freiheit im Namen der Freiheit, dem Abbau der Normen und Verbindlichkeiten, auch der Ermüdung der Institutionen und anderem mehr. Das heißt zugleich, daß auf den einzelnen Bürger eine Verantwortung fürs Ganze zurückkommt, die zur Idee der demokratischen Ordnung gehört und nur deshalb vergessen werden konnte, weil sie ihm, teilweise zumindest, vom großen Gegenspieler abgenommen oder doch erleichtert worden ist.

Die Frage lautet, ob der Bürger dieser Verantwortung gewachsen sein wird. Zu den Voraussetzungen für die Dauer freier Gesellschaften zählt neben vielem, wovon auf den folgenden Seiten die Rede ist, auch der Verzicht auf die wilden Denkspiele, die seit der Aufklärung immer neue Phantasiegebilde der idealen Welt hervorgebracht haben. Doch sind die Utopien, deren gestern noch so redemächtige Anwälte nach kurzem Verstummen zur Sprache zurückgefunden haben, zu einem nicht mehr einholbaren Anachronismus geworden. Das vorliegende Buch setzt sich mit den gewichtigeren Einwänden auseinander, die gegen die These vom Ende des utopischen Zeitalters vorgebracht wurden. Hier wie dort wird der Begriff der Utopie in seiner historisch einzig relevant gewordenen Form verwendet: nicht schon, wie unterdessen immer häufiger, als ein anderes Wort für persönliche Sehnsüchte und Wunschvorstellungen, sondern als die Bezeichnung eines gedanklich konstruierten, geschlossenen Gesellschaftssystems, das den Menschen Gleichheit, Gerechtigkeit, Wohlstand und Frieden verheißt, und mit alledem auch eine Antwort auf den Sinn ihres Tuns und damit eine Art Erlösung von dem Übel noch in dieser Welt.

Der schmale Band macht sich die Freiheit des Essays zu eigen und erörtert Themen, Motive, Sorgen, die dem Autor dringlich erscheinen. Es sind längst nicht alle. Das Nachdenken über die Gesellschaftsform, in der die Gegensätze nach festen Spielregeln ausgetragen werden, jeder sich von jedem ohne Angst unterscheiden darf und die erforderlichen Vorkehrungen gegen die inneren Gefahren, die aus immer anderen Richtungen herkommen, der Freiheit selber keinen Abbruch tun, ist ein Thema für viele und eine Sache ohne Ende.“

 

Keine Intervention von außen, kein Jubel

 

„Zu den nicht hinreichend beachteten Umständen, die dem Zusammenbruch des Sozialismus den einzigartigen Charakter geben, gehört, daß sich sein Ende ohne jede Intervention von außen ereignete. Zwar hat er sich gern als „belagerte Utopie“ ausgegeben, um die ökonomischen Rückschläge und die Unterjochungspraktiken zu rechtfertigen, aus denen er nie herausfand. In Wahrheit aber hatte der Westen ihn mit einem Heer intellektueller Sympathisanten aus Kirchenleuten, Schriftstellern, Professoren und Journalisten, aber auch mit Krediten, Begünstigungsklauseln und anderen wirtschaftlichen Zugeständnissen über Jahre hin gestützt, obwohl er doch der erklärte Feind seiner Lebensordnung war.“

„Auffällig war darüber hinaus, daß der Zusammenbruch des großen Gegenspielers ohne alles Triumphgeschrei von selten des Westens abging. Es gab keine Freudenfeste, keine Umzüge, kein Glockenläuten, und der Tanz auf der Berliner Mauer, die Tränen und die Umarmungen in der vereinten Stadt feierten weit mehr das Wiedersehensglück als einen politischen Sieg. Nie jedenfalls ist eine historische Wende von solchem Gewicht so stumm, von so wenig Jubel und so viel Verlegenheit begleitet gewesen wie diese.“

 

Schwächen der offenen Gesellschaft

 

„Solange sich die westlichen Demokratien an den staatssozialistischen Regimen messen konnten, lag ihre Überlegenheit auf der Hand, zumindest erschienen ihre Schwächen in milderem Licht. Jetzt treten sie offen hervor.

Die Frage ist, was es bedeutet, daß die freien Gesellschaften keinen Gegner mehr haben; daß sie sogar ohne eine Alternative sind, die sie zumindest gedanklich in Frage stellen und dazu nötigen, die Richtung, die sie einschlagen, und die Wegmarken Mal um Mal zu überprüfen; ob dem Zerfall ihres großen Widersachers mehr und anderes als der eigene Zerfall folgen wird, ein gestärktes Selbstbewußtsein womöglich, oder doch nur Ermüdung, Wertschwäche und Privatismus, ein Regime der Nichtigkeiten, das weder übergeordnete Gesichtspunkte noch Verantwortungen wahrnimmt. Die Anzeichen, die auf das Vordringen solcher Tendenzen deuten, sind unübersehbar. Ihr gemeinsamer Grund ist der Verlust eines motivierenden Zukunftsbildes. Denn die offene Gesellschaft hat kein anderes als die Bewahrung ihrer Offenheit. Alles jedenfalls, was darüber hinausreicht, bleibt auch bei noch so breiter Übereinstimmung, wie sie derzeit etwa die Sozialpflichtigkeit des Gemeinwesens oder die Erhaltung der Umwelt findet, dem Streit der Meinungen unterworfen.“

„Erkennbar wird in alledem, wenn auch in zeitgenössisch verwandelter Gestalt, das alte Doppelgesicht der Freiheit, deren Zweideutigkeiten sich nicht auf die Jubelzeile einer Nationalhymne verkürzen lassen. Ihre Verwirklichung zerreißt zwar äußere Herrschaftsfesseln, zerbricht aber auch die vertrauten Formen des Zusammenlebens, so daß das Freiheitsverlangen in einen beständigen Gegensatz zum Bedürfnis nach Sicherheit gerät. Die halbreligiösen, auf Ideologie und Führertum gestützten Zwangsstaaten dieses Jahrhunderts waren nicht zuletzt ein Versuch, diesen Widerspruch aufzuheben. Ihr Versprechen und ihre Verlockung gingen dahin, dem ratlosen, auf sich selbst verwiesenen Einzelnen durch eine suggestive Zukunftsidee ein Ziel und damit einen neuen Glaubensgrund, auch Bindungen, Enthusiasmus, Kameraderien sowie Motive für sein Verlangen nach uneigennützigem Tun und mit alledem ein Gefühl des Aufgehobenseins zurückzugeben. Vermutlich hat ihnen zu dem Massenanhang, den sie fanden, nichts so sehr wie die Tatsache verholfen, daß sie die Menschen nicht jener Freiheit überließen, die viele nur als Verlust an Daseinssicherheit erleben. Von den demokratischen Ordnungen erwarten sie aber die Freiheit und die Sicherheit zugleich. Und zusehends fällt es ihnen schwerer, sich Rechenschaft darüber abzulegen, daß das eine nur auf Kosten des anderen zu haben ist.“

 

Gegen jegliche Regeln

 

„Denn die demonstrative Verachtung zivilisierter Regeln, zumindest in Deutschland, ist nicht zuletzt das Ergebnis einer Gesellschaftspolitik, die das antibürgerliche, alle überlieferten Maßstäbe umstülpende Ressentiment der Hitlerjahre gerade mit dem Vorsatz ihrer „Bewältigung“ weiterführte.“

„Aber die literarischen Claqueure stehen wie immer bereit und feiern das Gewaltwesen, wie die amerikanische Hohepriesterin des neuen Brutalismus, Camille Paglia, als Rückeroberung der „verdrängten dionysischen Seite der menschlichen Natur“. Andere verkünden den „wild man“ oder die „Wolfsfrau“ mit dem Ziel, die verschütteten Instinkte wiederzugewinnen und durch Erdberührungen, Maskenzauber und ekstatische Tanzübungen das „schlafende Tier“ im Menschen zu wecken.

In einem weiteren Sinne gehören in den nämlichen Zusammenhang die Massenauflagen esoterischer Werke, wo von Erdstrahlen und kosmischen Kraftfeldern die Rede ist, aber auch von Dämonenspuk, Hexenspeisen und der Wiederkunft längst totgeglaubter Götter. Am anderen Ende des Spektrums und von solchen bizarren Auskünften nur durch ein hohes Maß an Feinsinn getrennt, erscheint dann jene synkretistische Erbauungsliteratur, die bei Eugen Drewermann beginnt und bei Franz Alt noch lange nicht endet und wo aus Privattheologie, Errettungspädagogik und Schwarmgeisterei immer neue Rezepturen für rückschlägige Sehnsüchte zusammengebraut werden. Aber auch jedes Rockkonzert offenbart diese Regressionsbedürfnisse, wie schon die Namen vieler Gruppen verraten, ob sie sich „Public Enemy“, „Störkraft“, „Blitzkrieg“, „Killer“ oder „Bulldozer“ nennen, und es vervollständigt diesen Befund nur, daß der Rocksänger David Bowie sich unlängst nach einem Konzert vor über 70.000 Zuhörern auf die Knie warf und in schluchzendem Ton das Vaterunser travestierte.

Gemeinsam ist den meisten dieser auf den ersten Blick so widersprüchlich anmutenden Erscheinungen nicht nur die Wendung ins Irrationale, sondern auch, daß sie die zivilisatorischen Bestände der Gesellschaft offen negieren oder nur noch als Spielmaterial exzentrischer Auftritte verwenden. Man mag darin eine Blüte selbstbestimmter, emanzipatorischer Kultur sehen. Aber man kann nicht daran vorbei, daß jede soziale Ordnung sich, schon dem Begriff nach, von einem Katalog verbindlicher Grundannahmen herleitet, die sie weder dem Gespött noch dem Amüsierbetrieb preisgeben und in ein Miasma der Beliebigkeiten wegrutschen lassen kann, ohne sich selbst zu zerstören. Nach einem Wort von Thomas Hobbes gibt es überhaupt keine Freiheit, wo nicht zugleich freiheitsbeschränkende Regeln gelten, sei es in Form von Gesetzen oder selbstauferlegten Verboten. Das ist ein Gedanke, der den libertären Gesellschaften der Gegenwart unendlich fern liegt oder doch mehr und mehr entschwindet.“

„Denn die großen Weltreligionen haben sich keineswegs darauf beschränkt, die Jenseitsfragen zu beantworten sowie Trost für die Daseinsnöte zu leisten. Vielmehr haben sie zugleich ein Regelwerk moralischer Maßstäbe geschaffen und damit, weit über ihre geistliche Botschaft hinaus, soziale Bedeutung gewonnen. In diesem Sinne hat Rousseau noch zu einer Zeit, als die christlichen Glaubensinhalte längst brüchig geworden waren, die Auffassung vertreten, daß der Gottlose unfähig sei, „die Gesetze und die Gerechtigkeit aufrichtig zu lieben“ und folglich als „Feind der Gesellschaft“ gelten müsse. Gemeint war damit, daß jede und zumal die demokratische Ordnung auf einen ethischen Minimalkonsens angewiesen ist, doch selbst dieser eigentlich banale Gedanke ist dabei, hinter den Horizont des Bewußtseins zu fallen.

Die Merkwürdigkeit der von so vielen Seiten wie im Wettlauf betriebenen Aufkündigung des Wertzusammenhangs offenbart sich nicht nur in spektakulären, auf Verletzung und Provokation zielenden Auftritten, die im Kulturbetrieb längst zum Tagesprogramm zählen und auf nahezu ungeteilten Beifall rechnen können. Es gab und gibt keinen Regelverstoß, keine Verhöhnung von Tabus und Restriktionen, die auf diesem Felde nicht rasche Prominenz, Umsatz, auch Einschaltquoten und Ermunterung von vielen Seiten einbrächten. Hans Magnus Enzensberger hat darauf hingewiesen, daß die Rockgruppe „Guns n ' Roses“ ihr Debüt-Album mit dem Titel „Appetite for Destruction“ fünfzehnmillionenmal verkaufte. Ganze Erfolgsgeschichten gründen auf solche Pronunciamentos von Zerstörung, Horror oder Vandalismus. Zur Inferiorität der Motive hat, als nur einer von vielen, der Lifestyle-Journalist Maxim Biller bei Gelegenheit bekannt, er habe mit seiner Kolumne „Hundert Zeilen Haß“, mit der er regelmäßig Anschwärzung und Rufmord betrieb, nichts anderes als das Ziel verfolgt, „berühmt, reich und sexy“ zu werden.

Aber dergleichen beschreibt schon das Ende des Prozesses. Den Beginn machen eher unschuldig scheinende, auf keine Gefährdung deutende Änderungen im Sozialverhalten, die aber den Wind einer wohlmeinenden Zeittendenz hinter sich haben. Die zahlreichen Befreiungsschübe, die seit den fünfziger und sechziger Jahren in immer neuen Wellen über die Gesellschaft hinweggegangen sind, haben zwar manche Petrefakte und überholte Formen beseitigt; auch sind sie, partiell jedenfalls, Ausdruck eines von den Zwängen bloßer Existenzsicherung befreiten Daseins und gehören insoweit unstreitig auf die Gewinnseite jeder Zustandsbeschreibung. Aber ohne ein vitales Empfinden für die letzte unübersteigbare Grenze geht in den immer neuen Befreiungen leicht die Freiheit selber zugrunde. Denn ihrer eigenen Tendenz überlassen, finden solche Entwicklungen niemals ein Ende in sich selbst und drängen durchweg auf ihre äußerste Konsequenz, der kein sozialer Lebenszusammenhang standhält.

Die Idee der Selbstverwirklichung beispielsweise, deren Parolen nacheinander, von der Debatte über die antiautoritäre Erziehung, das Aussteigertum und die Sexualmoral bis hin zur Abtreibungsdiskussion, immer neue Bereiche eroberten und hinter jedem Wertbegriff finstere Repressionsstrategien am Werke sahen, wurde vielfach als Rückkehr zu den unverfälschten Ursprüngen verstanden. Anfangs meist von Minderheiten als Verlangen auf Duldung eines normabweichenden Verhaltens vorgetragen, wurden auf einer nächsten Stufe förmliche Rechtsansprüche und noch später dann materielle Kompensationen daraus hergeleitet, so daß die Gesellschaft Mal um Mal für den Verstoß gegen ihren Konsens Entschädigung zu leisten hatte. Niemand wollte wahrhaben, wie sehr diese Praxis die Zerstückelung der Interessen vorantrieb und die Teilnahmslosigkeit in den Fragen des politischen und sozialen Ganzen förderte, die zugleich beklagt wurde.

Statt dessen wurde jeder Geländegewinn als Schritt in eine bessere, von alten Beengungen erlöste Zukunft verstanden, und viele, die dabei mitmachten und mitjubelten, ahnten nicht, daß mit der neuen Freiheit immer wieder auch die eine oder andere jener Normen abging, die einen Kulturzusammenhang ausmachen. Überhaupt haben die tausend gewollten Mißverständnisse, die Begriff und Praxis der Selbstverwirklichung begleiteten, nur verdeckt, daß es, häufig jedenfalls, in Wahrheit um eine Absage an die zivilisierten Standards selber ging, deren Wesen aus lauter Brechungen des Natürlichen besteht: aus Stil, Konvention und komplexen Regelwerken, die niemals nur leeres Ritual und Äußerlichkeit sind, sondern gerade die Inhalte bewahren, deren oberster das befriedete Zusammenleben ist. Wer hinter die Formen und Schranken zurück will, die jede Kultur errichtet, und das System gestufter Distanzen, aus dem sie besteht, nur als Einschnürung begreift, endet zuletzt bei den Daseinsverhältnissen der Horde.

In diesen Zusammenhang gehört, daß nahezu alle normvermittelnden, eine Kultur mit sich selber bekannt machenden Einrichtungen kaum noch wissen, wofür sie stehen, angefangen von den Schulen über die Kirchen bis hin zu den Theatern oder gar den elektronischen Medien, deren Programme in einzigartiger Weise die Sprache, das Konsumverhalten, die Umgangsformen, die Geschlechterbeziehungen und anderes mehr prägen. Viele ihrer Wortführer sehen sich mit Vorliebe an der Spitze im Befreiungsprozeß der Gesellschaft, während sie in Wahrheit nur den jeweils fortgeschrittensten Zustand ihrer Sklerose anzeigen. Jedenfalls gibt es kein formuliertes Menschenbild, das sie erkennbar machten, und selbst das Wertesystem des Grundgesetzes findet in diesen Institutionen allenfalls halbherzige, von prinzipiellen Zweifeln erfüllte Fürsprecher. Zwar hat die Verfassung, die sich lange Zeit des Hohns der progressiven Köpfe erwehren mußte, allmählich jene Art Anerkennung gefunden, die dem unbezwungenen Gegner von gestern zukommt, und inzwischen ist sogar die Idee des „Verfassungspatriotismus“ aus den Winkeln abseits besorgter Konventikel ins Licht der aufgeklärten Öffentlichkeit gezogen worden. Aber dessen ungeachtet wird die darauf fußende Ordnung, insbesondere die Wirtschaftsverfassung des Landes, wieder und wieder als „strukturell inhuman“ beschrieben, während sich ihr Leistungspathos und ihre „Kälte“, zumal in der Plappermetapher von der „Ellbogengesellschaft“, gegen ein eingebildetes Wärmeglück ausgespielt sehen.

Die stärkere Tendenz im Blick auf das gesellschaftliche Ganze jedenfalls kommt nach wie vor aus einer tiefen Indignation. Sie richtet sich nicht nur gegen auftretende Mißstände, sondern gegen die Voraussetzungen dieser Ordnung, und gerade die „Werte“ werden dazugerechnet. Statt sie im Einzelfall kritisch in Frage zu stellen, ihren Wandel zu erwägen, wird ihnen insgesamt jede gesellschaftliche Bedeutung bestritten und das Beharren darauf nur taktisch, als Erkennungsmarke konservativer oder neo-autoritärer Bestrebungen wahrgenommen. Die Einsicht, daß Werte gerade mit dem individuellen Freiheitszuwachs regulierendes Gewicht gewinnen und ein selbstbestimmtes Dasein im sozialen Zusammenhang überhaupt erst ermöglichen, ist hier so unbegriffen wie die Grundlagen des eigenen Tuns.“

„Was nicht ganz so vereinzelt, wie die interessierte Vergeßlichkeit inzwischen glauben machen möchte, schon angesichts der äußeren Bedrohung durch den sozialistischen Gegner offenbar wurde, tritt auch im Blick auf die innere Bedrohung hervor: der Mangel an Standortbewußtsein und Selbstbehauptungswillen. Eine Gesellschaft, die nicht mehr weiß, was den Zivilisierungsprozeß in Gang setzte und daß er immer auf „Unterdrückungen“ hinausläuft, ist dabei, sich selbst aufzugeben. Nichts jedenfalls, was in diesem Jahrhundert geschah, widerlegt die Einsicht von Sigmund Freud, daß selbst in entwickelten Kulturen, dicht unter einem dünnen Firnis, die Instinkte einer „Rotte von Mördern“ lebendig sind, und die jugendlichen Gewalttäter sind ebenso ein Beleg dafür wie die gierige Anteilnahme, mit der die Gesellschaft aus den Massakern an wehrlosen Einzelnen gleichzeitig den Stoff zur Unterhaltung, zur Empörung und zur Selbstanklage zieht.

Statt die Einhaltung der Regeln, auf denen das Zusammenleben beruht, mit allem Nachdruck zu erzwingen, widmet die Öffentlichkeit den Gewalttätern in ungezählten Interviews, Talkshows oder Abhandlungen ein fast ethnologisches Interesse, als handle es sich um eine neuartige Spezies aus einer fremden, ergründungsbedürftigen Welt. In Wirklichkeit bricht nur ein vorkultureller Typus durch, und ergründungsbedürftig ist nicht er, sondern eine Gesellschaft, die weit hinter den einfachsten Erkenntnisstand ihrer Existenzbedingungen zurückgefallen ist. Natürlich kommt man an der Erforschung der Ursachen solcher massenhaft auftretenden Erscheinungen nicht vorbei. Doch sobald dahinter kein Abwehrwille spürbar wird, überhaupt eine Gesellschaft die Angst des Menschen vor dem Menschen nicht mehr wachhalten und in gemeinsam respektierte Formen umsetzen kann, ist sie so gut wie am Ende.“

 

Individualität

 

„Es macht die Schwäche und die Größe liberaler Ordnungen aus, daß sie eine schlüssige Entgegnung darauf nicht haben und sie sich sogar prinzipiell verbieten. Denn ihr erster und oberster Grundsatz ist es gerade, keinen Glaubenssatz und keine vorgeblichen Richtigkeiten zuzulassen, sondern um des höchsten Guts überhaupt, des inneren Friedens und der Freiheit des Denkens willen, aus der großen Sache der Wahrheit, in einem Akt ernüchternder Formalisierung, eine Sache der bloßen Mehrheit zu machen. Hermann Lübbe hat darauf hingewiesen, wie schwer sich vor allem das theoriensüchtige intellektuelle Milieu mit diesem Wesenszug liberaler Ordnungen immer getan hat und wie sehr es ihm dank seines Einflusses auf die Medien gelang, dieses kardinale Unterscheidungsmerkmal gegenüber allen Zwangsgesellschaften ins Vergessen zu drängen.“

„Der Satz, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist, gilt auch im gesellschaftlichen Sinne. James Madison, einer der Autoren der „Federalist Papers“, hat in einer Vielzahl nichtstaatlicher Vereinigungen, in denen ein eigenes, aber doch aufs Gemeinwohl zielendes Ethos wirksam ist, eines der aussichtsreichsten Widerlager gegen die immer drohende Einzelherrschaft und eine der verläßlichsten Garantien für den Bestand der Freiheit gesehen. Dazu zählen soziale Bewegungen aller Art und Richtung, Gewerkschaften, Glaubensorganisationen, Universitäten, Stiftungen, freie Verbände und andere Gruppen, deren Mitglieder für ein Interesse, eine private Vorliebe, eine Aufgabe oder eine Wertvorstellung Anschluß und Echo suchen. Doch wie einzelgängerisch ihre Absichten mitunter auch sein mögen, unterbauten sie gleichsam die staatliche Gewaltenteilung auf gesellschaftlicher Ebene und weckten zugleich ein unabhängiges Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten.

Diese Überlegung hat Tocqueville, wenn auch ohne den zukunftsgewissen Optimismus der amerikanischen Verfassungsväter, weitergeführt. In immer neuen Anläufen hat er sich den Problemen jener im Entstehen begriffenen demokratischen Gesellschaft zugewandt, in der das Gleichheitsverlangen, in dem er nichts anderes als den Ausdruck eines Neidkomplexes sah, alle Bande der Zusammengehörigkeit lockern und schließlich zerreißen werde. Die daraus erwachsenden Gefahren ließen sich nur vermeiden, versicherte er, wenn man die isolierten, zur Ichsucht erweckten Einzelwesen in ein vielfach verknüpftes Netzwerk gesellschaftlicher Vereinigungen einbinde.

Kein Begriff taucht in den davon handelnden Passagen seines Werks so häufig auf wie „liens“. Daß der von den egalitären Verhältnissen auf seinen Egoismus zurückgeworfene, von keinem Gemeininteresse mehr erreichbare Einzelne nur durch die enge Verflechtung mit ungezählten anderen Einzelnen im rechtlichen wie im moralischen Sinne frei bleiben könne, war der schwache Hoffnungsschimmer, den er seinem Zukunftsbild abgewann. Die Einsamkeit dagegen, die Auslieferung des Menschen an den „amour propre“, müsse zwangsläufig der Tyrannei die Einfallstore öffnen. Was Margaret Thatcher mit ihrem hochmütigen Einwurf gemeint hat, daß es eine Gesellschaft gar nicht gebe, sondern nur das Gewimmel der Individuen, zählte für ihn zu den eigentlichen Bedrohungen der Freiheit.

Aber selbst ein Netzwerk selbständiger, wie dicht auch immer geknüpfter Strukturen kann allenfalls ein Zusatzinstrument der Freiheitssicherung sein, und kein entschlossener Diktator hat je sonderliche Mühe gehabt, solche Geflechte zu zerreißen oder gleichzuschalten. Die materiellen Notwendigkeiten unterhöhlen zudem die Unabhängigkeit vieler freier Vereinigungen und verwandeln sie zunehmend in Lobbies, die den Eigennutz der Einzelnen lediglich im Gruppenbild darstellen und, wie alle Welt, die Freiheit vor allem als Freiheit in der Verfolgung des jeweiligen, vom Gemeininteresse kaum noch gezügelten Vorteils verstehen. Der Staat tritt dabei nur noch als eine Agentur beim Ausgleich der widerstreitenden Ansprüche in Erscheinung und muß sich für die Geltendmachung jedes übergeordneten Gesichtspunkts von Fall zu Fall immer neu legitimieren.

Das gilt, bei unterschiedlich vorangeschrittenem Zustand, überall. Und einiges spricht dafür, daß das „Streben nach Glück“, das, dem Vorbild der amerikanischen Verfassung folgend, ausgesprochen oder nicht, die wahrhaft beherrschende Maxime aller politischen Praxis der Gegenwart ist, an seinem äußersten Punkt die Gesellschaften in eine Ansammlung berechnender, eifersüchtig sich befehdender Interessen zurückbildet, die keine „unsichtbare Hand“ mehr steuert. Was Kurt Biedenkopf über die Bundesrepublik bemerkt hat, daß nämlich die Grundrechte der Verfassung zunehmend zu einer „Magna Charta des Egoismus“ würden, gilt der Tendenz nach für die modernen Gesellschaften überhaupt. Historisch ungebrochene Völker mögen im Begriff der Nation eine Appellinstanz besitzen, die sich zugunsten des Gemeinwohls anrufen läßt. In Deutschland dagegen lassen die Erfahrungen der Vergangenheit dergleichen nicht zu, auch wenn man unterdessen fragen muß, ob die vielbeschworene historische Last nicht längst als Alibi dient, um alle Behelligung durch überpersönliche, von keinem Zugewinn gedeckte Ziele oder Verantwortungen abzuwehren.“

„Auch das verbreitete und in den entwickelten Industriegesellschaften weiter um sich greifende antipolitische Ressentiment hat mit diesem Soupcon zu tun. Die Richtung, die es nimmt, ist darauf zurückzuführen, daß alles politische Tun zusehends auf die unausgesetzte und oft vergebliche Bemühung hinausläuft, die Folgen der nahezu von jedermann gewollten und vorangetriebenen, doch zugleich beklagten Modernisierung einzudämmen. Der Widerspruch wird nicht empfunden. Bezeichnend für die unterdessen redensartlich gewordene Verdrossenheit gegenüber allem Politischen ist gerade deren parasitärer Zug, der die Daseinserleichterungen und Freiheitsgewinne der modernen Welt umstandslos in Anspruch nimmt, jede Gegenleistung dafür jedoch verweigert und längst dazu übergegangen ist, die Politik als Konsument, gleichsam von der Loge aus, nach ihrem Unterhaltungswert zu beurteilen.

Natürlich kommt in der wachsenden Geringschätzung der Politik auch die Resignation darüber zum Vorschein, daß alle die zuversichtlich stimmenden oder tröstlichen Irrtümer des Zeitalters, die Utopien und die Beglückungsträume, die technischen und humanen Fortschrittserwartungen, zu Ende sind. Doch zwingt diese Einsicht gerade nicht dazu, die Welt ihrem Lauf zu überlassen und alles preiszugeben, was sich mit der Vorstellung verbesserter Zustände je verband. Sie macht, im Gegenteil, die Bemühung darum überhaupt erst sinnvoll, weil die Beseitigung einer nahen Unerträglichkeit nicht nur konkrete Phantasie, Augenmaß und Verantwortungswillen verlangt, sondern auch gewisse Erfolgsaussichten bietet, während der Einsatz für ein fernes Ideal nur die Fluchtschiene ist, die von alledem wegführt. Ans Ende gelangt ist vielmehr das, was den Begriff der Utopie in seiner historisch gewachsenen Form ausmachte: die Erwartung, mit Hilfe eines durchkonstruierten, geschlossenen Gesellschaftssystems den Menschen nicht nur Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand, sondern auch eine Antwort auf die letzten Fragen und damit Erlösung noch im Diesseits zu verschaffen.

Das bleibt unerreichbar. In der Welt, wie sie ist, wird es immer unbeantwortete Fragen und uneingelöste Hoffnungen geben. Weil das so ist und das Bestehende sich geradezu als das Unvollkommene definiert, wird der Traum einer vollkommenen Welt immer wiederkehren. Vielleicht wird man, im Rückblick auf das Zeitalter der Utopien, einmal sogar sagen, es sei die beste Zeit gewesen: als aus dem Grundgefühl eines voranschreitenden Daseins so viel Hoffnung in den Menschen wie in die herstellbare Harmonie der Welt aufzubringen war; als in einer Art Schöpfungsrausch immer neue, großherzige, überspannte, aus Diesseitseifer und Metaphysik seltsam gemischte Zukunftsbilder konstruiert wurden, mit all dem selbstbetörten Glück vor Kartenhäusern, die gleichwohl die Logik wie die Moral für sich zu haben schienen; als es noch die Stimmung für große Ideen und große Entwürfe gab, auch noch Ernst, Leidenschaft und das Empfinden, daß der Mensch mit dem Rücken zur Wand stehe statt auf einem Jahrmarkt, wo man Späße treibt; und als am Ende eines von Kampf und Mühsal beschwerten Weges noch die Türme eines irdischen Jerusalem sichtbar wurden und nicht das Budenlicht eines Supermarkts. „Good bye to all that!”, schrieb Peter Jenkins 1992 in einem Nachruf auf die Epochenidee einer neuen Welt, der zugleich ein Abgesang auf ein Zeitalter der Wahrheiten, der emphatischen Überzeugungen und der Hingabe an Menschheitsziele war. Was verlorenging, ist schließlich die Glaubensbereitschaft, auch die Zukunftsbegeisterung, die solche universalen Projekte verlangen. Im Unterschied zur zurückliegenden Epoche weiß die Gegenwart, daß Ideen sterblich sind: korrumpierbar, für Bemäntelungen geeignet und jeder machiavellistischen Verdrehung offen. Die Erkenntnis der Mißbrauchsmöglichkeit selbst der humansten Idee, des hurenhaften Wesens, mit dem sie jedem Regime dienstbar gemacht werden kann, ist auf lange Zeit irreversibel. Das eben verleiht dem System des prinzipiellen Verzichts auf die eine Wahrheit und der Beschränkung auf die Spielregeln, der Kritik und des gewaltfreien Wandels, trotz aller offenkundigen Schwächen, eine neue Ermächtigung."

 

Verlangen nach Glauben

 

„Aus dem Geisterreich, das die utopischen Weltheilungsdespotien erträumten, kehrt der Mensch jetzt wieder zu sich selbst zurück. Die unüberschaubaren Leichenberge, die sie zu Seiten ihres Weges häuften, haben ihn darüber belehrt, daß er der Utopie im Sinne eines konstruierten Entwurfs vom vollkommenen Zusammenleben nicht bedarf. Aber zugleich ist offenbar geworden, daß zu jener „condition humaine“ auch das Verlangen nach einem Glauben zählt, nach einer Verheißung oder doch einem überpersönlichen Gedanken, der den Menschen hilft, mit den Ungereimtheiten und tausend Nöten fertig zu werden, die das Leben selber, in welcher Ordnung auch immer, ausmachen.“

„Etwas von dem Schock, der während der späten dreißiger und der vierziger Jahre viele kommunistische Gläubige angesichts der meist unvermittelt eintretenden Wahrnehmung dieses Mangels überfiel, ist in dem Buchtitel „Gottes Thron war leer“ festgehalten, unter dem namhafte Intellektuelle ihre Abkehr von den Illusionen einer innerweltlichen Erlösungsidee beschrieben. Denn offensichtlch braucht der Mensch eine Hoffnung, die sein Dasein übersteigt, eine Sehnsucht nach etwas ganz Anderem, Großem und Fraglosem, das ihm Gewißheiten gibt über die Glückserfüllungen sei es gerecht geordneter, sei es hedonistischer Daseinsumstände hinaus - man kann auch sagen, nach Transzendenz.“

„Der dramatischste Ausdruck dieser Suche nach neuem Halt sind sichtlich die Bürgerkriege, die auf immer anderen Schauplätzen im ehedem sozialistischen Machtbereich losbrechen. Doch es gibt auch, dort wie hier, im früheren Westen, die stillen Erscheinungsformen, die aber dem gleichen Bedürfnis entstammen, wie groß der Abstand sich auch ausnehmen mag. Am eindeutigsten zählt dazu das Sektenwesen, das so auffälligen Zulauf findet, das Wirken alchimistischer oder „biospiritualistischer“ Zirkel und Gebetskreise, die zunehmende Wendung zu östlichen Meditationstechniken sowie die Anziehungskraft fundamentalistischer Gruppen. Noch handelt es sich, aufs Ganze gesehen, eher um ein Bedürfnis nach Kult und Geheimlehre als nach religiöser Bindung, und fast nirgendwo verdichten sich die oft befremdlichen Exerzitien zu den Umrissen eines neuen Ethos. Aber auch hinter diesen vagabundierenden Ausdrucksformen einer entfremdeten Spiritualität meldet sich das Verlangen nach Zuflucht vor einer Gegenwart, deren Ineinander von Freiheitsgewinn und Bindungsverlust Max Weber als „Entzauberung“ beschrieben hat.

In der gleichen Richtung sind auch die Ursachen der neuen „Gefühlskultur“ zu suchen. Bereits bei den „Blumenkindern“ der sechziger und siebziger Jahre hat die Sehnsucht nach erlebter Unmittelbarkeit, nach Entrückung, Rausch und zarter Besinnungslosigkeit als verbindender Impuls gewirkt. Über Bhagwan, New Age und andere Zusammenschlüsse lief sie in gewandelter Form weiter und ist unterdessen bei Erscheinungen des öffentlich vorgetragenen Selbstmitleids sowie der Weltklage angelangt, einer ganzen „culture of complaint“, wie die neue Formel dafür lautet.

Nur in scheinbarem Gegensatz dazu stehen die unter widersprüchlichen Vorzeichen sich zusammenrottenden aktionistischen Gruppierungen, die durch ausbruchartig um sich greifende Gewaltakte blinde Verwahrung gegen den Weltzustand im ganzen einlegen. Zu ihren charakteristischen Zügen zählt, daß die brachialen Exzesse gerade nicht im Zeichen einer radikalen Verneinungsideologie verübt werden. Im Grunde geht es überhaupt nicht um Programme, sondern auch hier wiederum um Erfahrungen von Gemeinschaft, Nähe und wärmendem Zusammenhocken. Was hinzukommt, ist eine Milizionärsgesinnung, die ihre Vorbilder zwischen Mostar und Phnom Penh und irgendwelchen vergessenen Orten in Lateinamerika findet, die Flucht zurück in eine Welt primitiver Stammesbindungen, deren Horizont oft an nahegelegenen Straßenzügen, dem Krieg um ihre Behauptung oder Eroberung, endet, sowie schließlich um das Glück der Verwilderung, das einer komplizierten, in unendlichen Abhängigkeiten verflochtenen Welt entgegengehalten wird.“

„Etwas ganz anderes dagegen ist die „heilsame Furcht vor der Zukunft“, die der erste kritische Betrachter demokratischer Zustände zu deren unerläßlichen Bedingungen gezählt hat und deren Rechtfertigung der Natur dieser Ordnung selber entstammt. Bronislaw Geremek hat unlängst bemerkt, daß die freiheitlichen Systeme, und schienen sie „noch so gefestigt und belastbar, immer gefährdet“ sein werden, sie seien geradezu der „Prototyp eines schwachen Regimes, das sich nicht gut verteidigen kann“. Man kann noch einen Schritt weitergehen und einiges an der Vermutung finden, daß sie ein Experiment wider die Wahrscheinlichkeit sind. Auch historisch haben sie häufig den Charakter von bloßen Zwischenspielen gehabt, kurzen erwartungsvollen Entr'actes, ehe die alten bösen Lieder wieder angestimmt und von Millionen mitgesungen wurden.

Denn zuletzt gründen die freien Gesellschaften auf einer Reihe von Voraussetzungen, die strenggenommen gegen die menschliche Natur gerichtet sind: auf einem System der Instinktverleugnungen und Selbstverbote, der zivilisierenden Regeln und der Normen, auf der Duldung und sogar Privilegierung von Minderheiten, dem Recht des Schwächeren, auch des Fremden und Nichtzugehörigen, sowie auf immer neuen Anstrengungen, die nicht von äußeren Notwendigkeiten erzwungen sind, sondern der allezeit unterlegenen Stimme der Einsicht folgen. Und sie bieten für diese schwierigen Ansprüche kaum Rechtfertigungen, die über die freie und geordnete Alltäglichkeit hinausreichen, und jedenfalls keine Verheißungen mit einem grandiosen Weltenprospekt als Ziel. Das einzige Versprechen der offenen Gesellschaften ist die prekäre, immer von Mühsal begleitete Aussicht auf ein halbwegs zuträgliches Zusammenleben von Menschen mit Menschen.

In diesem ihrem gewöhnlichen Wesen liegt aber das eigentümliche Pathos der Idee einer freien Ordnung. Angesichts ihrer Widernatur schien nichts in der Geschichte unwahrscheinlicher, als daß dergleichen je zustandekäme, sich verschiedentlich erfolgreich seiner äußeren Feinde erwehrte und sogar innere Bedrohungen überwand. Und dennoch war es so. Aber es bleibt ein dauernd riskantes Unterfangen und gewiß nicht die letzte, von Anfechtungen freie Stufe der politischen Entwicklung der Menschheit. Wer auf die Hoffnungen, die hochmütigen Träume und Entwürfe zurückblickt, mit denen das Zeitalter begann, und deren Scheitern erlebte, kommt um die Einsicht nicht herum, daß im Menschen ein Kern steckt, der nicht domestizierbar ist und ein System der Vorkehrungen verlangt.“

 

Ende der Gesellschaft

 

„Aber schon ein oder zwei Menschenalter später beginnt das Bewußtsein für den Zusammenhang zu zerreißen, der zwischen diesen Prinzipien und dem allgemeinen Wohlergehen besteht, zwischen der Freiheit und dem Kanon jener unbezweifelten Normen, die in der politischen Philosophie seit je unter dem Begriff der „öffentlichen Tugenden“ beschrieben wurden. Und ohne daß eine sichtbare Veränderung auszumachen wäre, zersetzen die trügerischen Selbstverständlichkeiten unmerklich alles Denken, der Reichtum geht in den Luxus über, das Gefahrenbewußtsein weicht der Bequemlichkeit, und während die Gesetze, die Werte und die Gesinnungen mehr und mehr zum bloßen Spielmaterial werden, zerbricht allmählich das Fundament, auf dem der scheinbar festgegründete Bau errichtet wurde. Ernst-Wolfgang Böckenförde hat diesen zyklischen Prozeß auf die Formel gebracht, daß die freien Gesellschaften die Voraussetzungen nicht erzeugen können, die ihre Existenz gewährleisten, ja man könne sogar sagen, sie bauten sie unablässig ab. Die Besorgnis äußert sich auf vielen Seiten und durch oft unvermutete Stimmen, bis beispielsweise hin zu Umberto Eco, der unlängst mit Blick auf die Gegenwart dargelegt hat, daß die Welt des „anything goes“, ihrem eigenen Gesetz folgend, nicht einen steten Zuwachs an Freiheit bringe, sondern zwangsläufig zu Unterwerfungsverhältnissen hindrängt.

Die Einsicht nötigt zu der Überlegung, wie diese historisch wieder und wieder belegbare Kalamität vermieden und die einmal errungene Freiheit einer Gesellschaft halbwegs dauerhaft gemacht werden kann; wie sie den Kanon der Prinzipien zu bewahren und aus dem Bewußtsein freien Daseins so viele haltgebende Genugtuungen zu ziehen vermag, daß sie in ökonomischen und politischen Krisenlagen über hinreichende Widerstandskräfte verfugt; wie überhaupt den Bürgern ein waches Empfinden für die prekäre, von Gefährdungen aller Art bedrohte Natur eines solchen Gemeinwesens, das gleichsam immer dicht am Rande des Abgrunds steht, zu vermitteln ist.“

„Zwar ist es nie zu krisenhaften Einbrüchen gekommen, und gerade die raschen Konsolidierungen haben im Gegenteil dem Eindruck vom nahezu gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen Demokratie und materiellem Wohlstand vorgearbeitet. Doch täuscht dieser Eindruck oder trifft doch nur insoweit zu, als die offenen Ordnungen gewisse Voraussetzungen für ein allgemeines Wohlergehen schaffen.

Ganz unbestreitbar ist jedoch die Umkehrung dieses Satzes, wonach keine andere Ordnung von ihren wirtschaftlichen Bedingungen auf ähnlich existentielle Weise abhängig ist. Was wird, wenn das Bruttosozialprodukt nicht mehr wächst? Wenn die zu Ansprüchen verdichteten Wohltaten zurückgenommen werden müssen und auch die andere Außenstütze demokratischer Systeme, die Bedrohung durch den Feind, den Überlebenswillen nicht mehr stärkt? Wieviel Legitimität bleibt dann? Und zu welcher Zukunftsanstrengung überhaupt sind Gesellschaften fähig, die sich daran gewöhnt haben, nur auf materielle Anreize zu antworten und sich anders keinen Entschluß, kein Einverständnis und keine Energieleistung mehr abzuringen vermögen? Zu den glücklichen Umständen, die den Westen die Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Lager bestehen ließen, zählt, daß ihm ein Zusammenbruch, vergleichbar der Weltwirtschaftskrise der späten zwanziger Jahre, erspart geblieben ist. Dieses Glück hat viele aber blind dafür gemacht, daß die offene Gesellschaft diese offene Flanke hat.“

 

Letztes Gefecht?

 

„In den gleichen Zusammenhang gehören die seit jüngerem gleichsam aus dem Boden hervorschießenden Entwürfe einer sogenannten postmateriellen Utopie. Doch keiner von ihnen entkommt dem utopischen Dilemma, ob man nun die ökologischen und feministischen Zukunftsprogramme dazurechnet oder den Begriff auf Ordnungsvorstellungen beschränkt, die dem Wachstumsgedanken entsagen, Wissenschaft und Technik von allen utilitaristischen Absichten trennen oder den ungehemmten Güterverbrauch durch „die Aufwertung sexueller und künstlerischer Bedürfnisse“ ersetzen wollen.

Zwar suchen fast alle diese Lösungsvorschläge von jener Verbindung aus Allmachtswahn, sozialem Perfektionismus und Erlösungsversprechen loszukommen, die den historischen Utopismus ins Totalitäre führte. Aber die Frage ist, wie die utopische Ausgangsmaxime, wonach es mit der Welt nicht weitergehen dürfe wie bisher, auf jene Gewalt und den Gedanken eines universellen Endkampfes verzichten kann, in denen doch nicht nur der Schrecken, sondern auch die Faszination der großen Entwürfe lag. Niemand vermag zu sagen, ob eine utopische Botschaft noch einmal auf Resonanz stoßen wird. Doch ob sie sich sozialistisch, parafaschistisch, theokratisch oder unter einem noch unbekannten Vorzeichen organisiert: sie wird nach aller Erfahrung nur Massenanhang finden, sofern sie ihre Verheißung in einen apokalyptischen Prospekt zu stellen weiß, durch den die Welt erst hindurch muß, damit sich die Zeit vollende und das verborgene Muster all der verworrenen Wege offenbar werde, die aus der irrenden Vergangenheit in die Gegenwart und weiter in eine endlich erlöste Zukunft führen. Es sind uralte Stereotypen, die in solchen Bildern ihre Kraft erweisen und die Heimkehr des Menschen zu sich selbst an die Vorstellung einer äußersten Prüfung binden, heiße sie Armageddon, Weltgericht oder Letztes Gefecht.“

 

Anmerkungen zum Bürgertum

 

Es sind Namen und Begriffe gefallen, zu denen sich der Wurm schon vorher geäußert hatte:

- Berthold Beitz: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/29-gerechter-unter-den-voelkern.html

- Nacht der langen Messer: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/104-nacht-der-langen-messer.html

- Schweizer Demokratie: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/97-hassobjekt-schweiz.html

- Offene Gesellschaft: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/114-der-staatsphilosoph.html

 

Abgehoben

 

Wenn ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass Konrad Adenauers „Vater war der erste in der Familie, der sein Abitur gemacht hatte, und keiner seiner Vorfahren war ein Bürger im Sinne der letzten Jahrhunderte“, wenn es nicht um „Kinder“ sondern um „Söhne“ geht, wenn Albert Speer vorgeworfen wird, dass er „auf dem Neckar paddelte und mit seiner späteren Frau Margarete am Ufer zeltete“ und „Er heiratete eben nicht ein Mädchen aus dem Bürgertum, sondern eine Handwerkstochter“, dann handelt es sich bei den Vertretern des Bürgertums um arrogante Schnösel.

Spätestens hier werden zwei Punkte verständlich, die in vorherigen Beiträgen des Wurms kurz thematisiert wurden:

„Belanglosigkeiten mit geistigen Zwergen auszutauschen wird tatsächlich nicht sein Ding gewesen sein, zumal er von ihnen zeitweilig wg. seiner Scheidung in den 1970ern geschnitten wurde. Da hat die Leistung also nicht gezählt“ (über den gesellschaftlichen Umgang von Top-Managern der Deutschen Bank gegenüber Alfred Herrhausen) http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/124-herrhausens-ende.html

„Der 1960 erschienene und in London spielende Film „Peeping Tom“ (deutsch: „Augen der Angst“) ist die Geschichte eines Frauenmörders. Mit diesem Film erwarteten sich der Regisseur Michael Powell und Karlheinz Böhm den Durchbruch zu Weltstars. Während beide nach der Premiere Ovationen erwarteten, gingen die Premierengäste nach Ende der Vorführung schweigend an ihnen vorüber und die Kritiker „verrissen“ danach den Film. Wobei „verrissen“ noch sehr harmlos ausgedrückt ist – es ist zu bezweifeln, ob ein Film je dermaßen in den Abgrund geschleudert wurde wie „Peeping Tom“.

http://www.planet-interview.de/interviews/karlheinz-boehm/33637/

Hier zwei Auszüge aus den Kritiken:

„Die einzig wirklich befriedigende Art, sich des Films Peeping Tom zu entledigen, würde darin bestehen, ihn aufzuschaufeln und ihn rasch in die nächste Kloake hinunterzuspülen. Und sogar dann würde noch der Gestank zurückbleiben“

„In den vergangenen dreieinhalb Monaten habe ich mein von der Reise schmutzig gewordenes Gerippe zu einigen der dreckigsten, wie eine eiternde Wunde verfaulenden Slums in Asien gekarrt. Aber nichts, nichts, nichts – weder die hoffnungslosen Leprakolonien von Ost-Pakistan, noch die Seitenstraßen von Bombay und auch nicht die Kloaken von Kalkutta – haben bei mir ein solches Gefühl der Übelkeit und der Depression erzeugt wie jenes, das mich diese Woche überkam, als ich einen neuen britischen Film mit dem Titel Peeping Tom durchsaß.“

Die Frage drängt sich auf: warum? An den Morden lag es nicht, sondern daran, dass einer verlogenen Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wurde. War es bis dahin üblich, dass der Mörder entweder ein gewöhnlicher Krimineller oder ein mehr oder weniger Durchgeknallter war, der auf die eine oder andere Art und Weise von außerhalb kam, war dies hier anders. Karlheinz Böhm spielt einen Professoren-Sohn, den mensch als „gut bürgerlich“ bezeichnen könnte: er sieht gut aus, trägt gute Kleidung, ist Hausbesitzer, geht einem Beruf als Kameramann nach und pflegt Umgang mit gut situierten Menschen.

Wenn in einem finsteren Schloss im fernen Transsilvanien einer den anderen das Blut aussaugt, geht das ja noch an. Peter Lorre als Kindermörder in „M“ ist ja auch noch ganz unterhaltsam und kommt auch von „außen“; er ist Untermieter eines kleinen Zimmers, sieht nicht gut aus und ist halt böse. Dagegen ist der elegante Karlheinz Böhm mit (meistens) guten Umgangsformen einer der Ihren. Und das ist zu viel! Dazu kommt noch, dass er nicht einfach „böse“ ist, sondern es wird erklärt, woher das kommt: sein Vater hatte ihn als Kind zu Forschungszwecken gequält. Das ging bis hin zu Todesangst, die filmisch aufgenommen wurde.

Die „gute Gesellschaft“ kann ein Kind also dazu bringen, dass es später zum Massenmörder wird. Dass diese „gute Gesellschaft“ auch sonst heuchelt, ist in der Szene zu sehen, in der ein konservativer Herr sich ein Erotik-Magazin besorgt und es zwischen zwei konservativen Zeitungen versteckt.

Wir befinden uns im Jahre 1960. Ob in Deutschland, England oder sonst wo auf der Welt: alles, was nicht in die „heile Welt“ passt, wird ausgemerzt oder es wird so getan, als ob es das nicht gäbe.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/99-mensch-fuer-menschen.html

 

Sich Dinge schön reden

 

Dass „die Deutschen mit ihren Fürsten im allgemeinen sehr gut gefahren sind“ stimmt nur zu einem gewissen Teil. Die Mär von der „guten alten Kaiserzeit“ stimmen auch nur diejenigen an, die in ihr gut gelebt haben – wozu unter anderem das Großbürgertum gehörte. Mit dem Buch „Die goldenen Jahre: Die Sage von Deutschlands glücklicher Kaiserzeit“ hatte Bernt Engelmann auch diese Legende entkräftet.

Dass das Bürgertum „nie geprotzt“ hätte, ist Ansichtssache. Naja – es hat zumindest repräsentiert. Vor allem durch Architektur und Kunst. Und allerlei Dinge, die ohne sehr viel Vermögen nicht möglich gewesen wären.

Den Worten von Wolf Jobst Siedler „Eine Zeitlang war es allerdings noch unsicher, ob die Kommunisten oder die Nazis triumphieren würden. Vor dieser Alternative haben sich die Deutschen dann eben für die Nazis entschieden, denn im Vergleich zu Stalin schien Hitler das kleinere Übel zu sein“ möchte der Wurm jene von Johannes Fest gegenüberstellen:

„und jedes von uns Geschwistern hat später seine Empörung erlebt, als nach dem Ende der Hitlerdiktatur das weitverbreitete Rechtfertigungsargument auftauchte, man habe 1932/33 nur die Wahl zwischen NSDAP oder KPD gehabt und sich mit Hitler für das geringere Übel entschieden. Hätte man sich nicht klüger und vor allem verantwortungsbewußter für die Republik entscheiden können, widersprach er dann, ob nun für die SPD, das Zentrum oder für die Liberalen? In Wirklichkeit habe es damals allen, die später von einer Situation ohne Ausweg sprachen, an Verstand und an Staatstreue gefehlt. Außerdem an kämpferischer Entschiedenheit“.

 

Kapitalismus

 

„Wolf Jobst Siedler Ist der Nationalsozialismus wirklich links gewesen? Im Dritten Reich wurden die Besitzverhältnisse überhaupt nicht angetastet …“

Da liegt der gute Mann aber gewaltig daneben: die Besitzverhältnisse eines bedeutenden Teils des deutschen Bürgertums wurden zur Gänze vernichtet – jene der Juden. Darüber wird seitens des Bürgertums nicht gerne geredet. Vor allem deshalb nicht, weil die Nutznießer dessen „arische“ Bürger waren, die gar nicht schnell genug drängeln konnten, um für sehr wenig Einsatz unter anderem Firmen, Häuser, Professoren-Titel oder Direktoren-Posten zu ergattern.

Es handelt sich um die späteren Stützen der bürgerlichen Gesellschaft, die ihre eigenen „Werte“ nicht hoch genug halten konnten. Darüber redet bürger nicht gern. Genausowenig über folgende Verdienst-Möglichkeiten:

„Im Spätsommer 1944 waren etwa ein Viertel der Arbeitskräfte in der gesamten deutschen Wirtschaft Zwangsarbeiter, Anfang 1945 stellten Ausländer ein Drittel der gesamten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Sie stammten aus allen von der Wehrmacht besetzten Ländern Europas, die meisten aus Polen und der Sowjetunion, letztere wurden auch als Ostarbeiter bezeichnet. Etwa die Hälfte von ihnen waren Mädchen und Frauen.“

http://de.wikipedia.org/wiki/NS-Zwangsarbeit

Es gab Ausbeutung und Kosten/Nutzen-Rechnung bis ins Letzte: „wertlose“ Menschen wurden umgebracht (Euthanasie), die Überreste der Getöteten wurden Gewinn bringend verwertet. Im Vernichtungslager Auschwitz ist heute noch ein Raum mit gesammelten Haaren zu sehen (bestimmt für Perücken oder für Seiler). Das, was von den toten Menschen immer noch übrig blieb, wurde zu Seife verarbeitet.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/104-nacht-der-langen-messer.html

Wenn derzeit über den Neoliberalismus gejammert wird, dass er die Gesellschaft und die bürgerlichen Werte zerstöre, möchte der Wurm folgende Frage stellen: Wer profitiert denn vom Neoliberalismus und wer hat ihn erschaffen? Arbeiter und Bauern dürften ja nicht viel damit zu tun haben. – Es handelt sich um bürgerliche Finanziers, bürgerliche Vordenker, bürgerliche Unternehmen, bürgerliche Aktionäre.

 

Bildung

 

Joachim Fest schildert, welch ein Genuss Bildung sein kann und wie seine Bildung schon seit frühester Kindheit in der Familie gefördert wurde, schildert aber auch, dass ihm durch einseitige Bildung wesentliche Dinge vorenthalten wurden.

Wenn er sich über den heutigen Bildungsstand beschwert, kann ihm der Wurm nur beistimmen. Auf dem hohen Niveau eines Bildungsbürgers braucht sich jetzt nicht jeder zu bewegen – aber diese schauderhafte Allgemeinbildung bis hin zur allgemeinen Bildungs-Verachtung tut schon weh. So ziemlich jeder ist auf sein eigenes (meist „billiges“) Amusement aus, hält das für die völlige Normalität und schaut sehr schief auf jene herab, die Genuss aus tatsächlicher Bildung erfahren.

Mensch sage lieber nicht, dass er sich mit Joachim Fest und dem Bürgertum beschäftigt. Mensch sage lieber nicht, dass er sich gerne Vorträge, welcher Art auch immer, anhört. Mensch sage lieber nicht, dass er sich im Kino einen Film über den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ansieht. Mensch sage lieber nicht, dass er sich gerne Filme von Andrzej Wajda ansieht. Mensch sage lieber nicht, dass er nach Trier fährt, um sich dort die Nero-Ausstellung anzusehen.

In allen diesen und vielen anderen Fällen wird die Reaktion mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ bis sehr negativ ausfallen. Auch von Akademikern.

Es ist zum Verzweifeln und wurm fragt sich, wo das noch enden soll.

Für den einzelnen Menschen kein Entschuldigungs-Grund, dennoch fragt sich der Wurm, ob die bürgerlich geprägten Schulen alles richtig gemacht haben und warum gerade jene Medien, die mit zur Verdummung beitragen, gerade den bürgerlichen Parteien nahe stehen.

 

Wertelosigkeit

 

Der letzte Satz lässt sich Wort für Wort auch zum Thema „Werte“ verwenden. Wobei sich der Verdacht aufdrängt, dass Joachim Fest mit Werten auch viele solcher Sachen meint, die auch für viele Bürger mittlerweile als überholt gelten. Etwa auf dem Neckar zu paddeln und mit seiner späteren Frau am Ufer zu zelten.

Auch der Wurm hatte sich schon mehrfach über die allgemeine Wertelosigkeit beklagt. Unter anderem hier:

„Vor allem in den letzten Jahrzehnten gibt es zumindest im westlichen Europa die Tendenz, dass so ziemlich alles egal ist. Das hat den Vorteil, dass es extreme Positionen nicht mehr so einfach haben wie zu früheren Zeiten und mehr und mehr Menschen die Möglichkeit haben, nach ihrer eigenen Art und Weise leben zu können. Mehr oder weniger.

Im religiösen Bereich hat das die Folge, dass selbst gläubige Menschen entweder nicht wissen, was ihr Glauben beinhaltet oder sie sich schön reden. Hölle oder Teufel? Abgeschafft. „Frau hat in der Gemeinde zu schweigen“? In einigen christlichen Kirchen dürfen Frauen Priester werden und diejenigen, die das nicht erlauben, müssen sich scharfe Kritik anhören. Sex vor der Ehe, „wilde Ehe“, Scheidung, Homosexualität – gang und gäbe, kaum Kritik.

Einerseits ist das aus humanistischer Sicht ja erfreulich – andererseits hat das Treiben mit dem ursprünglichen Glauben nichts mehr zu tun und sie könnten’s dann gleich bleiben lassen.

Einige lassen’s tatsächlich bleiben und basteln sich ihre eigene Religion zusammen. Ein bisschen von hier, ein bisschen von da, ein bisschen von dort, wie es Einem halt so in den Kram passt. Esoterischer Blödsinn kommt dann auch noch dazu. Alles Irre.

Im säkularen Bereich gibt es die Aufklärung, zu deren Verteidigung Bassam Tibi aufruft. Jetzt frage mensch mal andere Menschen, etwa bei der Arbeit, was „Aufklärung“ bedeutet. Er kann sich sicher sein, dass das Wissen darüber erschreckend ist, nämlich kaum vorhanden …

Für die Idee, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben sollten, waren lange Kämpfe erforderlich und viele sind dafür gestorben. Jetzt gibt es kaum noch welche, die sich dafür interessieren, alles relativieren und für alles andere Verständnis haben. Wo ist da der Widerstand gegen solche Kräfte, die die Errungenschaften der Aufklärung abschaffen wollen?“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/131-islam-in-europa.html

Ein hoher Wert ist der der Wahrheit: „Du sollst nicht lügen!“ Und da kann der Wurm sagen: gerade die bürgerlichen Medien halten sich nicht daran. Sie beteiligen sich an sämtlichen Schlammschlachten und Lügengeschichten. Auch dann, wenn die Opfer zu konservative Personen aus dem eigenen konservativen Lager sind (http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/40-flug-lug-und-betrug.html ).

 

Gesellschaft

 

Wenn schon das Kleinbürgertum entscheidend für die Demokratie ist, sollte es schon im Eigen-Interesse derer von weiter oben sein, es nicht in Abstiegsängste zu versetzen.

Dass es mit dem gesellschaftlichen Engagement und der Gesellschaft immer weiter bergab geht, ist dem Wurm auch nicht verborgen geblieben. Auch nicht der zerstörerische Charakter des Neoliberalismus. Regelmäßige Wurm-Leser „durften“ schon mehrere Beiträge dazu lesen.

Auch über die stetig zunehmende Esoterik: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/125-brett-vorm-kopf.html

 

Auch Du!

 

„Ich nicht“ lautet das Lebensmotto von Joachim Fest und auch dessen Autobiographie über seine ersten 20 Lebensjahre.

Vielleicht glaubt Joachim Fest selbst daran – der Wurm tut das nicht.

Während sein Vater Johannes Fest noch Prinzipien bis hin zum Starrsinn hatte (mit der bloßen NSDAP-Mitgliedschaft wäre er wieder Schuldirektor geworden und seiner materiellen Sorgen ledig) – von Joachim Fest lässt sich das nicht behaupten.

Wg. seines schlechten Einflusses auf das Bürgertum anfangs der Weimarer Republik wollte Johannes Fest mit Thomas Mann nicht das Geringste zu tun haben – seinen Sohn stört das nicht.

Dass sich Joachim Fest genauso wie sein Vater vom politischen Gegner für seine Prinzipien verprügeln lässt (als Saalordner bei einer republikanischen Veranstaltung in der Weimarer Republik), ist völlig undenkbar.

 

Speer und ER

 

Mensch sollte den Disput zwischen ihm und Marcel Reich-Ranicki (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/37-tod-eines-kritikers.html ) kennen:

„Röhl: Sie beschreiben, dass FAZ-Mitherausgeber Joachim Fest, als Sie Anfang der siebziger Jahre in Frankfurt bei der FAZ als Literaturchef im Feuilleton begannen, Sie zu der Präsentation seines Buches "Hitler. Eine Biographie" nach Berlin eingeladen hatte und Sie und Ihre Frau dort Albert Speer persönlich begegneten. Und dass dies ein schockierendes Erlebnis natürlich war. Ich empfinde diese Begegnung als eine der ungeheuerlichsten Erlebnisse in dem Buch überhaupt, diese Zusammenführung auf einem Parkett...

MRR: Ja!

Röhl: .... wo Albert Speer nicht als Kriegsgefangener oder als Verbrecher vor Ihnen stand, sondern quasi als eingeladener...

MRR: Als Ehrengast! Was wollen Sie von mir wissen? Es steht alles in meinem Buch!

Röhl: Ja, mir scheint fast zu wenig. Ich finde, dass dieser Punkt keine angemessene, öffentliche Beachtung gefunden hat, wenn ich das sagen darf. Ich habe gelesen, dass Sie ( zu Tosia RR gewandt) sehr erschrocken waren über den für sie überraschenden Gast.

MRR: Ja.

Röhl: Ist das von Joachim Fest eine Art Koketterie gewesen? Wollte er wissen: Wie reagieren die jetzt? Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

MRR: Ich bin überzeugt, dass Joachim Fest sich überhaupt nicht dessen bewusst war, was er mir damit angetan hat. Und ich bin überzeugt, dass es für Joachim Fest eine Ehre war, dass eine so historische Persönlichkeit wie Albert Speer bei der Präsentation seines Buches zugegen war.

Röhl: Okay, wenn er in Handschellen dort gestanden hätte, in einer Ecke.

MRR (lacht): Ich verstehe Sie.

Tosia RR (lacht)

MRR: Er war ein eleganter Herr ohne Handschellen. Sehr elegant, dezent angezogen, überaus höflich. Eingeladen wurde er von Wolf Jobst Siedler. In dessen Wohnung fand ja die Sache statt. Und der Siedler scharwenzelte um ihn her, um den Ehrengast.

Röhl: Er bekam die Aufmerksamkeit.

MRR: Ja.

Röhl: Er war der Mittelpunkt.

MRR: So war's.

Tosia RR: So war's.

Röhl: Und Sie können dann ja nicht hingehen und ihm eine runterhauen, wenn ich es mal salopp ausdrücken darf. Es gibt einfach kein angemessenes Mittel. Was macht man da in dieser Situation?

MRR: Wissen Sie, die Sache war die, dass ich mir einen Augenblick überlegt habe, wie ich reagieren soll. Und da kam von hinten oder von der Seite Siedler und führte mich hin zu ihm, ganz schnell ging das. Ich war schon da! Ich hatte von ihm fünf, sechs Schritte entfernt gestanden - und nun stand ich direkt vor ihm und er grüßte mich. Er war schon darauf aufmerksam gemacht worden, dass da noch ein Jude übrig geblieben ist und jetzt da ist, den er gleich sehen wird.

Röhl: Er war bestimmt vorher genau informiert worden.

MRR: Bestimmt war er das, das weiß ich. 'türlich! Er war vorbereitet. Er war zu mir auf übertriebene Weise höflich.

Tosia RR: Natürlich!

Röhl: Das sprengt den Rahmen, wenn so einer geladen wird als Ehrengast, dann gibt es keine Handlungsmöglichkeiten mehr.

MRR: Ja. Und denken Sie an die Äußerung von ihm, die ich zitiere! Das Buch war ja aufgebahrt auf einem Pult mit Samt bezogen und er kuckte auf das Buch und dann nach oben und sagte: ER hätte seine Freude dran. Ja, ER, Adolf Hitler.“

http://bettinaroehl.blogs.com/bettinaroehl/2005/05/marcel_reichran.html

Joachim Fest widerspricht Marcel Reich-Ranicki übrigens vehement, weshalb der Wurm diesen Vorfall auch nicht werten möchte:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40525907.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40788943.html

„Von 1973 bis 1993 war Fest Mitherausgeber der FAZ und Leiter des Feuilletons. In dieser Position verantwortete er 1986 die Veröffentlichung des Artikels Vergangenheit, die nicht vergehen will von Ernst Nolte. Nach einer Replik von Jürgen Habermas, der in der Zeit Nolte und drei weiteren Historikern eine revisionistische und den Nationalsozialismus wie auch den Holocaust verharmlosende Position sowie die Entwicklung eines im Sinne des Kalten Kriegs nutzbares Geschichtsbild vorwarf, entwickelte sich der sogenannte Historikerstreit. Fest distanzierte sich von den Thesen Noltes, verteidigte aber dessen Recht, sie zur Diskussion zu stellen.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Fest

Wie mensch auch immer zu Joachim Fests Rolle im Historikerstreit stehen mag – das Recht, bestimmte Thesen zur Diskussion zu stellen, sollte einem Journalisten unbenommen bleiben. Zum Historikerstreit siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Historikerstreit und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/110-go-east.html

 

Vergleich mit Fritz Bauer

 

Joachim Fest hatte mit dem Nationalsozialismus nun wirklich nichts zu tun. Aber es ist von ihm auch nicht überliefert, dass er nach dem Krieg in nennenswerter Weise gegen Alt-Nazis vorgegangen wäre. Das mag verständlich sein im Hinblick darauf, dass zum Aufbau der neuen Republik die „Ehemaligen“ gebraucht wurden. Auch war nicht unbedingt zu erwarten, dass der Bildungsbürger Fest „die Keule raus holt und um sich schlägt“.

Der Vergleich hinkt, unter anderem deshalb, weil er 23 Jahre älter und in der Emigration war. Nichtsdestotrotz ging ein anderer Bildungsbürger einen völlig anderen Weg: Fritz Bauer. Siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/122-triumph-und-tragik-des-fritz-bauer.html

Während Fritz Bauer juristisch, politisch und gesellschaftlich Bedeutendes im Nachkriegsdeutschland geleistet hat und viele Feinde hatte, war Joachim Fest das Sprachrohr des Bürgertums, Everybody’s Darling, Initiator des Historikerstreits und (wenn auch ungewollt) Verbreiter von Verständnis für die Nazi-Größen und der Zeit des Nationalsozialismus.

Es ist immer interessant, sich die Frage zu stellen, was passiert wäre, wenn es eine bestimmte Person nicht gegeben hätte.

Ohne Fritz Bauer wohl kein Auschwitz-Prozess, kein Eichmann-Prozess, die Ansicht, das NS-Regime sei ein Unrechtsstaat gewesen, Respekt für die Widerstandskämpfer des 20. Juli, intensive Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit (die letzten drei Punkte hätte es vielleicht auch ohne ihn gegeben – dann aber wesentlich später). Fortschritte im Humanen Strafvollzug sind ihm auch zuzuschreiben. Er war bekennender Atheist und großer Humanist, der wollte, dass es allen Menschen auf der ganzen Welt gut oder zumindest besser ginge.

Von Joachim Fest wird übrig bleiben, dass er dafür gesorgt hat, dass die Personen Albert Speer und Ernst Nolte ihre Ansichten verbreiten konnten. Er war bekennender Christ. Wohl eher aus konservativen Gründen, weil sich das so gehört. Und wollte, dass es den Menschen aus seiner Schicht gut geht. Soziale Gedanken kommen bei ihm relativ wenige vor.

Nicht in der Zeit des Nationalsozialismus - wohl aber in der BRD-Gesellschaft war Joachim Fest nicht viel mehr als ein Mitläufer.

Das alles mag zu kurz gegriffen und ungerechtfertigt sein – zeigt aber im Verhältnis zu Fritz Bauer die wahre Größe (bzw. Kleine) von Joachim Fest.

 

Ohne jede Intervention von außen

 

„Zu den nicht hinreichend beachteten Umständen, die dem Zusammenbruch des Sozialismus den einzigartigen Charakter geben, gehört, daß sich sein Ende ohne jede Intervention von außen ereignete“.

Mit Verlaub: wer so etwas behauptet, ist entweder dumm oder er lügt.

Schon zu Anfang wurde die Sowjetunion, um nach Winston Churchill „das Baby schon in der Wiege zu ersticken“, unter massiver Hilfe westlicher Truppen in einen Bürgerkrieg hineingezogen, der Millionen von Menschenleben kostete.

Und wurde all die Jahre ihrer Existenz durch Wettrüsten finanziell ausgeblutet.

Für diejenigen, die sich noch an die Cocom-Liste erinnern können:

„Embargoliste des Coordinating Committee for East-West Trade Policy, welches 1951 zur Überwachung der Embargobestimmungen (Embargo) im Ost-West Handel gegründet wurde. Sie enthält jene Waren, die in sogenannte Sperrländer des Ostblocks nicht geliefert werden dürfen (z.B. bestimmte Computer, Maschinen usw., die militärischen Zwecken oder Produktionen dienen könnten).“

http://www.wirtschaftslexikon24.com/d/cocom-liste/cocom-liste.htm

„Die Cocom-Liste ist da stets ein willkommenes Hilfsmittel gewesen: Ohne laute öffentliche Debatten ließen sich bestimmte Produkte, die den Roten vielleicht aus ihrem Wirtschaftschaos hätten helfen können, vom Ostexport ausschließen. Der mögliche militärische Nutzen war ein wohlfeiles Totschlagargument; die angeblich notwendige Geheimhaltung entzog die Praxis der Cocom-Bürokraten jeder demokratischen, vernunftorientierten Kontrolle.“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13530890.html

Keine massive westliche Propaganda in den sozialistischen Staaten? Etwa durch „Radio Free Europe“?

In http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/129-sir-ceausescu.html hatte der Wurm beschrieben, wie der Regime-Wechsel in Rumänien 1989 geplant und vollzogen wurde; in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/239-der-letzte-seiner-art.html , wie es Jahrzehnte lang auf Kuba versucht wurde.

Und da kommt so ein Hoidoi daher und bringt es allen Ernstes fertig, „Zu den nicht hinreichend beachteten Umständen, die dem Zusammenbruch des Sozialismus den einzigartigen Charakter geben, gehört, daß sich sein Ende ohne jede Intervention von außen ereignete“ zu behaupten.

An anderer Stelle heisst es „Jetzt bringt der ohne eigenes Zutun errungene Erfolg der freien Ordnung deren innere Schwächen und Gefährdungen zurück“.

Was nutzt aller Intellekt, was nutzt alle Bildung, wenn ein Mensch so dermaßen dumm ist, dass er die einfachsten Zusammenhänge nicht erkennt?

Oder: Was ist von einem Menschen zu halten, der selbst althergebrachte Werte hoch hebt, aber die Wahrheit mit Füßen tritt? Du sollst nicht lügen!

Mensch kann sich aussuchen, welchen der beiden letzten Punkte er bei der Beurteilung von Joachim Fest bevorzugt.

Und ob der sich auf das gesamte Bürgertum übertragen lässt.

 

 

Dada

 

Unsere kleine Polizei-Station

 

Wir befinden uns im Jahre 2016 unserer Zeitrechnung. Ganz Deutschland ist von Verbrechern besetzt … Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Hütern des Gesetzes bewohnte Polizei-Station hört nicht auf, dem Verbrechen Widerstand zu leisten.

Und so ist halt noch vieles in Ordnung in der Region. Denn für Ruhe, Ordnung und Gerechtigkeit sorgt der Polizeiposten Rüppurr.

Kleine und große Spitzbuben, mehr oder weniger Leichtgläubige, Verrückte und Alkoholisierte, mehr oder weniger wilde Tiere treiben hier ihr Unwesen. Der Polizeioberkommissar und Chronist Karl Sauter hält diese Vorkommnisse fest im Buch „Tatort Rüppurr – Karl Sauters Notizen aus dem Polizei-Alltag“ aus dem Jahr 2005, jeweils monatlich im lokalen „Rieberger Bläddle“ und „Monatsspiegel“ und im Internet:

http://www.polizei.rueppurr.de/index.php?action=berichte

http://www.polizei.rueppurr.de/index.php?action=cms&id=1

Von Zeit zu Zeit möchte der Wurm eine dieser Geschichten zitieren. Diesmal geht es um folgenden Fall vom Frühjahr diesen Jahres:

 

Ladendiebstahl

 

Ladendiebstähle gibt es natürlich nicht nur in der Innenstadt, auch hier in Rüppurr haben wir es hin und wieder mit einem ertappten Langfinger zu tun. In einem solchen Fall hat der Täter die Ware zurückzugeben oder zu bezahlen, und er muss mit einer Strafanzeige und einem Hausverbot rechnen.

Auch kürzlich wurde ein Rüppurrer beim Diebstahl erwischt, zum wiederholten Male, und neben den bereits erwähnten Maßnahmen hatte er auch eine Bearbeitungsgebühr von 100 € zu bezahlen, was er auch machte.

Zu Hause überlegte er hin und her, wie denn diese Gebühr mit dem Stehlgut, das lediglich 5 € betragen hatte, in Einklang zu bringen sei. Er kam nach einiger Überlegung zu dem Schluss, dass die Gebühr zu hoch war, und so erschien er erneut im Laden, und forderte die Differenz zu 100 €, also 95 € wieder zurück.

Diese Gebühr, das sei hier erwähnt, ist nicht für die Arbeit der Polizei gedacht, sondern für den Aufwand der Geschäftsleute. Sie ist unabhängig von der Höhe des entwendeten Gutes, was dann auch erklärt, dass er die 95 € nicht zurückbekommen hat.

 

Das Leben geht weiter: Ob Freispruch oder Zuchthaus – und auf die Guillotin' hat unser Herr Polizeioberkommissar Karl Sauter eh niemanden geschickt.

Es ist eine liebe Zeit – trotz der Vorkommnisse, menschlich halt. Und darum kommt es immer wieder zu diesen Szenen – beim Polizeiposten Rüppurr.

 

 

 

Dadaisten machen sich gerne auf Bänken breit, wie hier in Santiago de Compostela.