„Unerreichbar hoch liegt die Messlatte für Mütter am Anfang des 21. Jahrhunderts: Als perfekt geölte Supermaschine sollten sie die Kinder morgens pünktlich mit vollwertigen Pausenbroten ausgerüstet in der Schule abliefern, sie nachmittags zu Musikunterricht, Theater AG und Fußballtraining chauffieren, dazwischen einen Ganztagsjob in Halbtagszeit erledigen und danach organische gluten-, zucker- und fettfreie und trotzdem leckere Muffins für den Bakesale zaubern, anspruchsvolle Projektarbeiten der Kinder fertigen und beim Elternabend neue Aktionen planen. Und natürlich auch noch gut gelaunt und wunderschön die erotischen Bedürfnisse ihrer Männer erfüllen. So sehr sich Amy (Mila Kunis) auch bemüht, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden, sie hechelt immer hinterher und erntet dann auch noch abschätzige Blicke der Alphamütterriege, wenn sie mal eine Minute zu spät ist oder mit gekauftem Kuchen in der Aula auftaucht.“

http://www.epd-film.de/filmkritiken/bad-moms

„Doch diesen äußeren Schein zu wahren erfordert ein großes Maß an Anstrengung. In Wahrheit ist die Vorbild-Mutter gestresst, überarbeitet und steht mit ihrer Erschöpfung kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Erst die Begegnung mit zwei weiteren Müttern (Kathryn Hahn und Kristen Bell), denen das Familienleben ebenfalls zu viel abverlangt, stellt einen Befreiungsschlag in Aussicht.

Die drei schließen sich zusammen, um ihre Verantwortung hinter sich zu lassen und einmal ganz unmütterlich nur für sich selbst Spaß zu haben. Und wenn sie dabei zugleich noch der Clique der perfekten Mütter rund um Gwendolyn (Christina Applegate) eine Lektion erteilen können - um so besser!“

http://www.moviepilot.de/movies/bad-moms

 

 

http://tobis.de/film/bad-moms/

 

Zur Zeit läuft der Film „Bad Moms“ (Schlechte Mütter) in den Kinos. Eine Komödie, die das aktuelle Mutter-Dasein widerspiegelt : sie selbst hat perfekt zu sein, die Ehe hat perfekt zu sein, die Kinder haben perfekt zu sein.

Alles hat sich um das Kind bzw. die Kinder zu drehen, deren Leben wie ein Aufenthalt in einem Rundum-Sorglos-Hotel mit Ganztages-Animation zu inszenieren ist.

„Bad Moms“ greift ein wichtiges Thema auf. Leider hält sich der Anspruch des Films in Grenzen. Er spielt ausschließlich in sehr gut verdienenden Kreisen, die ihre Kinder in die entsprechende Schule bringen. Und zum Schluss löst sich alles in Wohlgefallen auf: Männer, Kinder, „gegnerische“ Mütter sind auf einmal genau so, wie es sich die „Bad Moms“ gewünscht hatten.

Der Film ist ganz gut geeignet für gestresste Mütter, die mit ihren Freundinnen ein paar schöne Stunden im Kino und danach verbringen wollen. Vor allem dient er dazu, über die Rolle der Mütter bzw. Familien nachzudenken.

Denn vor einer oder zwei Generationen hat das Familien-Leben noch ganz anders ausgesehen. Geschweige denn zu früheren Zeiten. Die Ansprüche, wie eine Mutter bzw. eine Familie zu sein hat, haben nämlich überhaupt nichts mit „Normalität“ oder „natürlichem Instinkt“ zu tun, sondern werden von außen vorgegeben.

Mutterliebe gab es schon immer und schon immer gab es Mütter, deren Liebe sich in Grenzen hielt.

Folgende Zitate stammen aus dem Buch „Die Mutterliebe – Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute“ von Elisabeth Badinter aus dem Jahr 1980. Elisabeth Badinter beschränkt sich auf die Situation in Frankreich, jedoch kann mensch davon ausgehen, dass es im übrigen Europa nicht viel anders war.

„Was ist das für ein Instinkt, der bei den einen auftritt und bei den anderen nicht? Muß man alle Frauen, bei denen er sich nicht zeigt, als „anormal“ betrachten? Und was soll man von einem pathologischen Verhalten denken, das so viele Frauen aus unterschiedlichen Verhältnissen betrifft und sich jahrhundertelang erhält?“

Das Denken der Menschen, auch jedes Einzelnen, beruht auf den Gedanken vorheriger Menschen. Kein Mensch sollte sich auf „Selbstverständliches“ oder „Logik“ berufen. Aus einem früheren Beitrag des Wurms:

„Und das war alles andere als eine selbstverständliche Entwicklung, wie es viele meinen. Bedeutende Menschen wurden lange Jahre inhaftiert (Roger Bacon), ermordet (Giordano Bruno, Siger von Brabant) oder ausgebuddelt, damit sie nicht mehr in „geweihter Erde“ begraben sein konnten (Amalrich von Bene).

Es ist eine faszinierende Geschichte der Menschen. Umso trauriger ist es für uns Würmer und andere Bewohner des Erdreiches, mit ansehen zu müssen, wie viel die heutigen Menschen davon wissen: so gut wie nichts. Die haben nicht die geringste Ahnung, wer ihre heutigen Gedanken vorgedacht hat, wer für sie gekämpft hat, wer für sie gestorben ist.

Die halten ihre Gedanken allesamt für „logisch“ oder „normal“. Wenn alles so „logisch“ ist: warum haben die Menschen aller Zeiten nicht so gedacht? Und: warum denken die meisten Menschen außerhalb Europas und der von Europäern besiedelten Länder nicht so? Mal davon abgesehen, dass es mehr als genug Menschen in den europäisch geprägten Ländern gibt, die nichts von Naturwissenschaft halten.

Es ist schon traurig, als Wurm unter solchen Menschen sein Dasein fristen zu müssen.

Der Ausdruck „Meme“ geht übrigens auf den Biologen Richard Dawkins zurück. Im Vergleich zu den biologischen Genen, pflanzen sich die Meme auf der gedanklichen Ebene fort. „Die Meme des Eriugena“ heisst damit, dass sich Eriugenas Gedanken weiter fortgesetzt haben und das Denken doch einiger Menschen in der Gegenwart sich auf Eriugena begründen. Auch, wenn sie noch nie etwas von ihm gehört hatten.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/53-die-meme-des-eriugena.html

 

Die Zeit bis Mitte des 18. Jahrhunderts

 

Augustinus als geistige Grundlage

 

„Noch mitten im 17. Jahrhundert lassen Philosophie und Theologie eine regelrechte Angst vor der Kindheit erkennen. Alte Reminiszenzen, aber auch neue Theorien verschaffen dieser schrecklichen Vorstellung Glaubwürdigkeit.

Die christliche Theologie in Gestalt des heiligen Augustinus entwickelte ein für lange Jahrhunderte gültiges, dramatisches Bild der Kindheit. Schon von Geburt an ist das Kind Symbol für die Kraft des Bösen, ein unvollkommenes Wesen, das von der Last der Ursünde niedergedrückt wird. Im Gottesstaat erklärt Augustinus ausführlich, was er unter der „Sünde meiner Kindertage“ versteht. Er beschreibt den jungen Menschen in seiner Unwissenheit, Leidenschaft und Launenhaftigkeit: „Ließe man ihn leben, wie er will, und tun, was er will, würde er dann nicht in diese von mir erwähnten, keineswegs sämtlich aufgezählten Schand-  und Freveltaten, wenn nicht in alle, so doch in viele, verfallen?“ G. Snyders bemerkt zu Recht, daß die Kindheit fiir Augustinus der bedrückendste Beweis einer allen Menschen geltenden Verdammnis ist, weil sich an ihr zeigt, wie die verderbte menschliche Natur dem Bösen verfällt …

Wenn Augustinus in seinen Bekenntnissen sagt: „Bin ich nun in Unreinheit empfangen und hat mich meine Mutter in Sünde in ihrem Leib genährt, wo, mein Gott, ich bitte dich, wo, Herr, wo oder wann war ich, dein Knecht, ohne Schuld?“, so sind diese entsetzlichen Worte nur unter Bezugnahme auf die Lehre von der Ursünde zu verstehen, die im 17. Jahrhundert noch immer Geltung hatte.

Nicht weniger überrascht ist man, daß das Kind der größten Sünden beschuldigt und nach den Normen der Erwachsenen verurteilt wird. Für Augustinus unterscheidet sich die Sünde eines Kindes in nichts von der seines Vaters. Zwischen ihnen besteht kein Wesensunterschied und kaum ein gradueller Unterschied, denn Bewußtsein, böser Wille oder Vorsatz spielen keine Rolle …

Augustinus übersetzte das Wort Jesu und antwortete darauf: „Nein, Herr, es gibt keine kindliche Unschuld.“ Der Wert der Kindheit ist ganz und gar negativ und besteht nur darin, daß es an einem regelrechten Willen fehlt. Der Wille des Kindes ist zu schwach, um wirklich schlecht zu sein und sich bewußt dem Willen Gottes zu widersetzen. „Es ist also eine Form der Demut, was Ihr in dem geringen Wuchs des Kindes gerühmt habt, als Ihr sagtet: ‚Denn solcher ist das Reich Gottes‘.“ Die Konsequenz aus einer solchen Theorie wird natürlich eine vollkommen repressive Erziehung sein, die den Wünschen des Kindes zuwiderläuft. Denn die Natur des Kindes ist derart verdorben, daß die mühsame Besserung nicht schmerzlos abgehen kann. Augustinus rechtfertigt vorweg all die Drohungen, Stöcke und Ruten. Der Ausdruck „Edukation“ ist nie mit größerem Recht verwendet worden. So wie man den jungen Baum mit Hilfe eines Stützpfahls, der seine aufrechte Kraft der konträren Kraft der Pflanze entgegensetzt, aufrichtet, so sind Aufrichtigkeit und Güte des Menschen nur durch ein Entgegensetzen von Kräften, also durch Gewalt zu erreichen.

Das Denken Augustinus' hat die Geschichte der Pädagogik lange geprägt. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts immer wieder aufgegriffen, hat es, was man auch immer sagen mag, in der Familie und in den neuen Schulen für eine Atmosphäre der Strenge gesorgt.“

Die geistige Grundlage für Augustinus ist das Christentum, genauer die Bibel. Der Wurm ist auf die christliche Erziehung bereits vorher eingegangen. Siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/49-fest-der-familie.html

 

Kind als Plage

 

„Das tragische Bild der Kindheit, wie es Theologen, Pädagogen und Philosophen sich vorstellten, wurde vermutlich nicht von einer Mehrheit geteilt. Der Einfluß der Ideologen und lntellektuellen auf die herrschenden und gebildeten Schichten darf zwar nicht unterschätzt werden, doch war dieser Einfluß in den übrigen gesellschaftlichen Kreisen erkennbar begrenzt.

Angesichts der wirklichen Verhaltensweisen der einen wie der anderen hat man den Eindruck, daß das Kind weniger als das Übe! oder die Sünde, sondern vielmehr als eine Last empfunden wird, ja, sogar als ein Unglück. Aus unterschiedlichen und sogar entgegengesetzten Motiven scheint das Kind und besonders der Säugling für den Vater, dem es seine Frau nimmt, und damit indirekt auch für seine Mutter eine unerträgliche Bürde zu sein.

Die Pflege, Aufmerksamkeit und Beanspruchung, die ein Kleinkind in der Familie mit sich bringt, scheinen nicht immer nach dem Geschmack der Eltern zu sein. Und diese bestehen in verschiedenen sozialen Kreisen nicht den, wie Shorter es nennt, „Test der Opferbereitschaft“, das sichtbarste Symbol dessen, was man heute unter elterlicher Liebe und im engeren Sinne unter Mutterliebe versteht. Da viele dieser Eltern nicht in der Lage und manche - sie sind zahlreicher,  als man oft glaubt - nicht bereit sind, das unumgängliche wirtschaftliche Opfer zu bringen oder ihren Egoismus aufzugeben, haben sie sich vielfach bemüt, sich der Bürde zu entledigen. Es gab und gibt noch immer ein Spektrum an Lösungen für dieses Problem, das von der physischen Aussetzung bis zur moralischen Verwahrlosung des Kindes, von der Kindestötung bis zur Gleichgültigkeit reicht. Zwischen den beiden Extremen gibt es vielfältige, sich teils überschneidende Lösungsmöglichkeiten, und es hängt hauptsächlich von ökonomischen Kriterien ab, welche gewählt wird.“

 

Pflege

 

„Im Jahre 1780 werden von den 21.000 Kindern, die jährlich in der Hauptstadt geboren werden (bei einer Bevölkerung von 80.0000 bis 90.0000 Einwohnern), weniger als tausend von ihrer Mutter und tausend von einer im Haus lebenden Amme gestillt. Alle übrigen, also 19.000, werden in Pflege gegeben. Von diesen 19.000, die einer Amme außerhalb des Elternhauses anvertraut werden, wurden 2.000 bis 3.000, deren Eltern über beachtliche Einkünfte verfügten, in der näheren Umgebung von Paris untergebracht, die anderen, die weniger begütert waren, wurden in die Ferne verbannt …

Was die Pflegeeltern betrifft, so stammen sie aus den einfachsten Kreisen, denn bei der Prüfung der Steuern, die sie zu zahlen haben, stellt Galliano fest, daß sie entweder Null betragen oder zwischen einem und fünf Pfund schwanken. Es sind vorwiegend Gärtner oder Tagelöhner, zuweilen sehr bescheidene Handwerker. Aus all den quantitativen Untersuchungen geht hervor, daß es ein allgemeiner Brauch war, seine Kinder in Pflege zu geben. Allerdings muß man hinzufügen, daß zwei sozioprofessionelle Kategorien durch Abwesenheit oder durch Seltenheit in unseren Tabellen glänzen. Shorter bemerkt, daß Kinder von Fabrikarbeitern, die die Speerspitze der Modernisierung bilden, praktisch fehlen. Die Frauen, die in der Fabrik arbeiteten, brachten ihre Kinder tagsüber unter, holten sie aber, wie es scheint, am Abend wieder ab. Gewichtiger ist, daß Kinder von wohlhabenden oder reichen Bauern auf unseren Listen nicht vorkommen.

Nach P. Goubert gehören 80 % der französischen Bevölkerung im 18. Jahrhundert zur bäuerlichen Welt. Gewiß sind nicht 80 % wohlhabende oder reiche Bauern, und in den Tabellen sind ja auch schon Kinder von Tagelöhnern aufgetaucht. Es ist außerdem bekannt, daß die ärmsten Bäuerinnen sich gezwungen sahen, ihre eigenen Kinder zu verlassen, um die aus der Stadt zu stillen. Trotzdem stellt die Bauernschaft eine erhebliche Ausnahme dar, da sie lieber ihre Kinder im Hause behält, statt sich ihrer zu entledigen.“

 

Ärzte

 

„Ein solches Bild der Kindheit erklärt weitgehend das Fehlen einer Kinderheilkunde. Dieses Fach sollte bekanntlich erst im 19. Jahrhundert entstehen, und der Ausdruck „Pädiatrie“ sollte erst im Jahre 1872 aufkommen. Allerdings werden sich die Ärzte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Besonderheit des Kindes bewußt, was, wie der englische Arzt G. Buchan gesteht, bis dahin nicht der Fall gewesen war: „Die Ärzte haben der Art und Weise, in der die Kinder aufgezogen werden, nicht genügend Beachtung geschenkt. Diese Beschäftigung wurde im allgemeinen als ausschließliche Sache der Frauen betrachtet, und häufig haben die Ärzte es abgelehnt, kranke Kinder zu empfangen.“

Obwohl zahlreiche Kinderkrankheiten wie Pocken, Windpocken, Mumps, Diphterie, Keuchhusten, Scharlach usw. von den Medizinern exakt beschrieben worden waren, ist das, was die Ärzte praktisch tun, nicht gerade glänzend. Man meinte nämlich, wie der Arzt aus Schottland berichtet, daß Krankheiten bei Kindern schwieriger zu heilen seien als bei Erwachsenen, aus dem zutreffenden Grund, daß die Erwachsenen sprechen, die Kinder aber nicht. Die wichtigste Informationsquelle des Arztes waren eben die Antworten auf seine Fragen und nicht das Abhorchen.

Dadurch erklärt sich, daß manche Ärzte des 18. Jahrhunderts sich fur die Ätiologie der Kinderkrankheiten, also für die Theorie ihrer Entstehung interessiert haben, während sie die Praxis den Frauen überließen, auch wenn sie ihnen scheinbar einen Vorwurf daraus machten. Für ihr Desinteresse gibt Buchan folgende Erklärung: „Die Medizin hat der Erhaltung der Kinder sehr wenig Beachtung geschenkt, und zwar aus Gleichgültigkeit und in Verkennung des potentiellen Reichtums der Kindheit ... Was für eine Mühe, was für Aufwendungen machen wir nicht tagtäglich, um einen schwankenden, dem Tode nahen alten Körper noch eine Zeitlang am Leben zu erhalten, während diejenigen, die der Gesellschaft noch nützlich werden können, zu Tausenden umkommen, ohne daß man geruhte,  ihnen auch nur die geringste Hilfe zukommen zu !assen oder sie auch nur anzusehen.“

Die Passage von Buchan, dessen Buch 1775 von dem französischen Arzt Duplanil übersetzt wurde, drückt sehr gut die gewandelte Auffassung aus und erklärt sie. Wer beide Ideologien kennt, kann die entgegengesetzten Haltungen, die er selbst nacheinander eingenommen hat, besser darstellen, als wir es könnten. Buchan sagt es deutlich: Zuvor zählte das Kind wenig, weil es weder als unersetzlich noch als eine einmalige Persönlichkeit noch gar als ein Reichtum galt. Buchan, der die Mentalität seiner Zeitgenossen richtig erkannt hat, schließt: „Die Menschen können die Dinge nur nach ihrem gegenwärtigen Nutzen und niemals nach dem Nutzen beurteilen, den sie eines Tages davon haben könnten … Nach anderen Ursachen für die allgemeine Gleichgültigkeit, mit der man dem Tod der Kinder begegnet, braucht man nicht zu suchen.“ Buchan ist entschieden nicht nur ein scharfsinniger Psychologe. Es steckt ein Physiokrat in diesem Mann, denn was er mehr noch als die Gleichgültigkeit der Eltern an seinen Zeitgenossen mißbilligt, ist die Tatsache, daß sie schlecht rechnen. Für sie hat das Kind keinen großen Wert, weder einen spezifischen noch einen langfristigen wirtschaftlichen Wert.“

 

Literatur

 

„Ein drittes Anzeichen fiir die Bedeutungslosigkeit des Kindes sehen wir in der Stellung, die ihm bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Literatur eingeräumt wurde. Allgemein wird es dort als ein langweiliger Gegenstand betrachtet, der jedenfalls nicht verdient, daß man ihm Beachtung schenkt. Was einem auffällt, ist eine gewisse Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Gefühllosigkeit gegenüber dem kleinen Kind …

Die literarische Darstellung der Stellung des Kindes in der Gesellschaft ist deshalb sehr wichtig, weil die Werke der zitierten Autoren ihren Lesern aus Adel und Bürgertum (das sind die Klassen, die überhaupt lesen oder ins Theater gehen) nahegehen und ihnen ein Bild von sich selbst vermitteln. Während die philosophischen und theologischen Theorien sich besonders an die lntellektuellen wenden, also an ein spezialisiertes und begrenztes Publikum, erreicht die Literatur größere Kreise und drückt wahrscheinlich besser die in der herrschenden Klasse bestimmende Einstellung aus.

Sie setzt der tragischen und pessimistischen Sicht der Kindheit eine königliche Mißachtung des Kindes entgegen. Das Kind ist nicht so sehr ein Übe! als vielmehr ein bedeutungsloses Nichts oder Fast-Nichts. Diese Beinahe-Bedeutungslosigkeit erklärt teilweise die mütterliche Gleichgültigkeit bei dem dritten, oben erwähnten Frauentyp.“

 

Selektive Liebe

 

„Wie kann die Liebe, wenn sie etwas Natürliches und daher Spontanes ist, sich mehr auf ein Kind als auf ein anderes richten? Warum sollten wir, wenn Wahlverwandtschaften sich schon nicht gleichermaßen zwischen allen Personen herstellen, ausgerechnet den Jungen mehr lieben als das Mädchen, den Erstgeborenen mehr als den Nachgeborenen?

Steckt darin nicht das Eingeständnis, daß man ein Kind vor allem deshalb liebt, weil es uns in gesellschaftlicher Hinsicht etwas einbringt und weil es unserem Narzißmus schmeichelt? Ein Mädchen wird seinen Vater immer eine Mitgift kosten, ohne ihm irgend etwas einzubringen, außer vielleicht gewisse Verbindungen oder die Freundschaft seines Nachbarn. Das ist letzten Endes recht wenig, wenn man bedenkt, daß Verbindungen und Freundschaften bei veränderter lnteressenlage auseinanderbrechen können. Und wenn man seine Tochter nicht verheiraten kann, weil es an dem ihrem Rang entsprechenden Geld fehlt, muß man sie in ein Kloster einkaufen, sie als Dienerin behalten oder sie in einem anderen Hause als Dienerin unterbringen. Nein, eine Tochter ist für ihre Eltern wahrlich kein Geschäft, und es scheint auch kein Einverständnis zwischen ihr und ihrer Mutter zu geben, das die beiden einander näher brächte. Was sie an Zärtlichkeit und Stolz besitzt, behält die Mutter ihrem Ältesten vor, der, sofern die Eltern dem Adel angehören, der Alleinerbe von Besitz und Titel ist.

In allen gesellschaftlichen Schichten genoß der Erbe innerhalb der Familie eine sehr bevorzugte Behandlung. Sobald die Eltern nur irgend etwas zu vermachen hatten, seien es einige Morgen Land oder die Krone von Frankreich, war dieser erstgeborene Sohn Gegenstand einer vorbildlichen Fürsorge. In der bäuerlichen Familie erfährt der Älteste tagtäglich Annehmlichkeiten, die seinen Geschwistern, Schwestern wie jüngeren Brüdern, unbekannt bleiben. Die guten Stücke vom Eingepökelten oder vom Braten, wenn es welchen gibt, bekommt er. Bei einfachen Familien bekommen die jüngeren Brüder nur selten etwas davon, die Mädchen nie.

In seiner Untersuchung über das Languedoc zeigt Yves Castan, daß der Status des ältesten Sohnes ambivalent ist. Er ist um so eher gehorsam, als er sonst befürchten muß, zugunsten eines jüngeren Bruders, der mehr Entgegenkommen zeigt, enterbt zu werden. Andererseits geht aus den zahlreichen von Castan herangezogenen Dokumenten hervor, daß der Älteste von den Eltern gefühlsmäßig bevorzugt wird. Statt alle Kinder gleichmäßig zu lieben oder gar den jüngeren mehr Zärtlichkeit zukommen zu !assen, um sie für ihre spätere Armut zu entschädigen, glaubt die Mutter verpflichtet zu sein, sie strenger zu erziehen, um sie, wie es heißt, auf die Härte ihres Schicksals vorzubereiten.

Folglich behält die Mutter ihren Ältesten während der ersten Kindheitsjahre bei sich. Sie stillt ihn und kümmert sich selbst um ihn. Die Jüngeren gibt sie dagegen gem in Pflege und läßt sie dort jahrelang. Es ist nicht zu bestreiten, daß die Ältesten entsprechend den Möglichkeiten der Eltern fast durchweg mehr umhegt und besser erzogen wurden.

Wo steckt in diesem so selektiven Gefühl die Mutterliebe, von der man leichthin sagt, sie sei immer und überall gegenwärtig? Die Bevorzugung des Ältesten ist nicht ganz unschuldsvoll und wahrscheinlich nicht natürlich. Nach Ansicht Castans lag dieser mütterlichen Zärtlichkeit ein gehöriger Schuß Vorsorge zugrunde, wie man sie sonst kaum  bemerkt: Wenn der Vater vor der Mutter stirbt und diese gebrechlich wird, von wem hängt dann ihr Überleben, ihre Alterssicherung und ihr Glück ab, wenn nicht von dem Erben? Man muß·sich daher mit demjenigen, von dem das eigene Schicksal abhängen kann, gut stellen.

Bei dem jüngeren Bruder sind derartige Vorkehrungen nicht nötig.“

 

Stillen: Säugling stört

 

„Die Ehemänner waren in einem gewissen Maße dafür mitverantwortlich, wenn ihre Frau sich weigerte, das Kind zu stillen. Manche beklagen sich, als sei es ein Angriff auf ihre Sexualität und eine Einschränkung ihres Vergnügens, wenn ihre Frau stillt. Einige finden stillende Frauen mit ihrem starken Milchgeruch und ihren ständig nässenden Brüsten offenkundig widerlich. In ihren Augen ist das Stillen eine Schweinerei. Ein regelrechtes Mittel gegen die Liebe.

Selbst wenn der Vater nicht angewidert ist, stört ihn das von seiner Mutter gestillte Kleinkind erheblich. Denn Mediziner und Moralisten jener Zeit untersagen einhellig sexuelle Beziehungen nicht nur während der Schwangerschaft, sondern auch während der gesamten Dauer des Stillens. Das Sperma, so heißt es, verdirbt die Milch und läßt sie gerinnen. Es bedeutet also eine Gefahr für das Leben des Kindes. Da die Medizin im 18. Jahrhundert nicht aufhört, diese falsche Parole zu verbreiten, sieht sich der Vater zu einer langen Periode freudloser Enthaltsamkeit verurteilt. Da man andererseits durch eine Verletzung des Tabus festgestellt hatte, daß die stillende Frau während dieser Zeit weniger fruchtbar war, stand der Vater vor einer unangenehmen Alternative. Entweder verschaffte man sich das Vergnügen, ohne allzusehr ein neues Kind zu befürchten (eine recht angenehme Versuchung), und brachte so das Leben des Babys in Gefahr, oder man enthielt sich, um es zu bewahren. Die nächstliegende Lösung war, das Ehebett zu fliehen und einige außereheliche Liebschaften zu haben. Diese Lösung mißfiel natürlich den Ehefrauen sehr. Im einen wie im anderen Falle war der Zusammenhalt der Familie gefährdet …

Ein Säugling ist für seine Eltern objektiv eine Belastung, und man kann verstehen, wenn er bis zur Entwöhnung der liebevollen Pflege einer Saugamme überlassen wurde. Aber dabei belassen die Mütter es nicht, denn sie lehnen das Kind pauschal ab, gleichgültig, wie alt es ist. Es stört die Mutter nicht nur in ihrem Eheleben, sondern auch bei ihren Vergnügungen und in ihrem gesellschaftlichen Leben. Sich um ein Kind zu kümmern ist weder amüsant noch chic …

Für andere Personengruppen ist die Stadt und besonders die Großstadt auch ein Ort der Befreiung. Für die Privilegiertesten bedeutet sie Begegnung und Kultur. Sie ist schlechthin der Ort des Wissens, wo der Geist herrscht und es reichliche Gelegenheiten zum Dialog gibt.

Man kann sich vorstellen, daß die privilegiertesten Frauen lieber drauBen in Gesellschaft glänzten, als daheim auf hausfrauliche und mütterliche Pflichten beschränkt zu sein, die ihnen keine sonderliche Anerkennung einbrachten. Bald dachten sie nur noch an ihren Salon, hatten sie keine Zeit mehr, sich um die Ihren zu kümmern und den Haushalt zu führen. Ganz in ihren eigenen Dingen aufgehend, hatten sie nicht eine Sekunde mehr, die sie jemand anders hätten widmen können.

Hierin besteht der große Unterschied zur reichen Bäuerin. Ihre Lebensbedingungen machen es verständlich, daß sie dem Stillen und der Kinderversorgung überhaupt treu blieb. Die Landfrau hat, selbst wenn sie über die entsprechenden Mittel verfügt, keine Gelegenheit, etwas anderes zu tun. Aus ihrem Hof und ihren Ländereien kommt sie kaum heraus, und man würde es ihr übelnehmen, wenn sie ihr kleines Kind wegen eines Buches vernachlässigte, vorausgesetzt, sie kann überhaupt fließend lesen. Nichts und niemand vermag sie auf ein anderes Gebiet als das der Mutterpflichten zu führen. Sie ist weder von Galanterie noch von Kultur bedroht. Ihre ganze Tugend (ihr Wert) liegt in ihrer Bescheidenheit, und ihre Macht geht über den Rahmen ihrer Küche und ihres Hühnerhofes nicht hinaus; allenfalls macht sie sie gegenüber ihren Kindern, dem Knecht und dem Geflügel geltend. Da keine äußere Versuchung bis zu ihr gelangt, bleibt sie ihren traditionellen, manche würden sagen, natürlichen Funktionen verhaftet. Aber vielleicht nur aus Mangel an Wahlmöglichkeiten.

Die wohlhabenden Frauen in der Stadt waren dagegen allen erdenklichen Versuchungen ausgesetzt, die sie von diesen traditionellen Funktionen ablenkten.“

 

Frau und Wissen

 

„Dennoch bot ihnen gerade ihr gesellschaftliches Leben manche Gelegenheit des Dialogs und der Unterweisung, und so konnten sie die ersten Anfangsgründe der Wissenschaft und der Philosophie kennenlernen. Das übrige besorgte dann die Lektüre.

Allerdings wurde dieser kulturelle Heißhunger von Vätern und Ehemännern nicht sehr gem gesehen. Da sie seine Ursache nicht unterbinden konnten, setzten sie alles daran, seine Wirkungen aufzuhalten. Vom Ende des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts versuchten die meisten Männer - und unter ihnen waren die bedeutendsten -, die Frauen mit vereinten Kräften und mit den immer gleichen Argumenten davon abzubringen, diesen Weg weiterzuverfolgen. Man beschwört sie - angefangen von Montaigne über Molière und Fénélon bis hin zu Rousseau -, zu ihren natürlichen Aufgaben als Hausfrau und Mutter zurückzukehren. Das Wissen, so sagt man, verdirbt die Frau, indem es sie von ihren heiligsten Pflichten ablenkt.“

 

Kindersterblichkeit

 

„Im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts ist der Tod des Kindes etwas Alltägliches. Nach den von F. Lebrun vorgetragenen Zahlen liegt die Sterlichkeit von Kinder bis zu einem Jahr durchweg weit über 25%. Die Sterbeziffer von Kindern liegt in ganz Frankreich beispielsweise von 1740 bis 1749 bei 27,5 % und zwischen 1780 und 1789 bei 26,5% …

lnteressant ist eine Bemerkung von Doktor Gilibert über die soziale Herkunft der Kinder, denn daraus geht hervor, daß der Tod nicht nur das Los der armen Kinder ist. Bestätigt wird das durch die Untersuchung Alain Bideaus über die Kleinstadt Thoissey, deren Kinder von verhältnismäßig gehobener Herkunft bei den Ammen in den nahe gelegenen Gemeinden ebenfalls in großer Zahl starben. Hier wie auch anderwärts sind die Kinder, die von ihrer Mutter gestillt werden, privilegiert.

Noch schlimmer war das Schicksal der Findelkinder, deren Zahl während des 18. Jahrhunderts unablässig stieg. F. Lebrun stellt fest, daß zwischen 1773 und 1790 die Zahl der alljährlich ausgesetzten Kinder im Durchschnitt bei 5.800 liegt. Das ist enorm, wenn man bedenkt, daß die jährliche Geburtenzahl in Paris sich zwischen 20.000 und 25.000 Kindern bewegt. Die Zahl bleibt selbst dann eindrucksvoll, wenn man weiß, daß Mütter, die nicht aus der Hauptstadt stammen, dort ihre Kinder aussetzen …

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts sterben vor Vollendung des ersten Lebensjahres über 90% der Kinder, die beim Hospital von Rouen ausgesetzt werden, 84 % in Paris und 50 % in Marseille.

Diese Zahlen machen endgültig klar, daß Kinder, die von ihrer Mutter gestillt werden oder, falls diese es nicht tut, von guten Ammen, die anständig bezahlt und sorgfältig von den Eltern ausgewählt werden, die größten Überlebenschancen haben. Die Sterblichkeitsrate verhält sich im allgemeinen wie eins zu zwei, je nachdem ob das Kind von seiner Mutter gestillt wird oder nicht, und wie eins zu sechs oder eins zu zehn, je nachdem, ob das Kind ausgesetzt wird oder nicht.

„Objektiv“ ist die Überlassung des Kindes an eine Amme daher eine verschleierte Kindestötung. Das springt einem um so mehr ins Auge, als man weiß, daß die höchste Sterblichkeit im ersten Lebensjahr des Kindes und besonders im ersten Monat liegt. Wenn der erste schicksalhafte Monat vorüber ist, sinken die Zahlen ab, und man kann feststellen, daß die Sterblichkeit der Kinder, die in Pflege gegeben werden, nach einem Jahr kaum über die Sterblichkeit der Kinder hinausgeht, die von ihrer Mutter gestillt werden.

Man stellt sich auf einmal vor, daß, wenn all diese Kinder vielleicht nur für einen oder zwei Monate bei ihrer Mutter geblieben wären, bevor sie ausgesetzt oder einer Amme anvertraut wurden, fast ein Drittel von ihnen überlebt hätte …

Was soll man schließlich vom Verhalten so wohlbestallter Bürger wie der Eltern von Madame Roland denken, die sich nicht dadurch erschüttern ließen, daß all ihre Kinder der Reihe nach starben, und die die nächsten wiederum zu einer Amme gaben? In diesen Fällen kann weder Armut noch Unwissenheit als Vorwand für einen solchen Kindermord herhalten. Eine solche Haltung, die bis weit ins 18. Jahrhundert hinein von der moralischen und gesellschaftlichen Ideologie nicht ernsthaft verurteilt wurde, ist nur mit Desinteresse und Gleichgültigkeit zu erklären. Dieser letzte Punkt ist entscheidend, denn er zeigt doch wohl, daß die Mutter, sofern sie keinem entsprechenden Druck ausgesetzt ist, nach ihrer eigenen Natur handelt, die egoistisch ist, und nicht aufgrund eines Instinkts, der ihr befehlen würde, sich für das Kind, das sie zur Welt gebracht hat, zu opfern.“

 

Der Weg des Kindes

 

„Im 17. und vor allem im 18. Jahrhundert verläuft die Erziehung des Kindes beim Bürgertum und bei der Aristokratie durchweg nach einem Ritual, das sich kaum ändert und sich aus drei verschiedenen Phasen zusammensetzt: Erst wird das Kind in Pflege gegeben, dann kehrt es ins Elternhaus zurück, schlieBlich kommt es in ein Kloster oder ein Pensionat. Das Kind bringt im Höchstfalle durchschnittlich fünf oder sechs Jahre im Elternhaus zu, was keineswegs bedeutet, daß es mit seinen Eltern lebt. Wir können jetzt schon sagen, daß das Kind des Handwerker-Kaufmanns oder des Handwerksmeisters, das Kind des Richters oder des adeligen Höflings lange alleingelassen wird, daß es ihm gelegentlich an der nötigen Fürsorge fehlt und daß es häufig moralisch und gefühlsmäßig richtiggehend verwahrlost.“

 

Bei der Amme

 

„Der Polizeileutnant von Lyon berichtet: „Es gibt in unserem Volk drei Arten, sich eine Amme zu verschaffen: Man wählt sie vorher aus, man findet sie zufällig, oder man greift auf Vermittlerinnen zurück“ …

Die dritte, verbreitetste Methode besteht darin, sich an Besorgerinnen zu wenden, die als „Empfehlerinnen“ bezeichnet werden und sich als Mittelspersonen auf den Märkten und den großen Plätzen aufhalten. Sie führen eine Art von Vermittlungsbüro, für die erst im Jahre 1715 eine Reglementierung eingeführt wird.

Vor diesem Datum und außerhalb von Paris ist ihr Wirken ganz ungeregelt. „Ohne Namen, ohne festen Wohnsitz, sind sie bei der Taufe dabei, nehmen die Geschenke entgegen, nehmen das Kind mit, geben es mit einem Abschlag weiter oder überlassen es dem Erstbesten … Sie nennen der Amme nicht den Namen des Kindes ... Der Familie nennen sie nicht den Namen einer Amme, die sie noch gar nicht haben und die sie erst anschließend zu finden hoffen.“

Der Lyoner Polizeidirektor stellt daher im Jahre 1778 fest: „Während unsere Hospitäler alle ausgesetzten Kinder, für die sie die Sorge übernehmen, eintragen und nummerieren ..., während der Jäger seinen Hund markiert, damit man ihn nicht verwechseln kann, während der Metzger die Tiere, die geschlachtet werden sollen, um uns Nahrung zu geben, sorgfältig auseinanderhält, verläßt das Kind aus dem Volke unsere Mauern ohne einen Taufschein, ohne ein Papier, ohne Personenbeschreibung, ohne daß man weiß, was aus ihm werden soll.“ Sein Leben hängt von einer Vermittlerin ab, die kein Verzeichnis führt und nicht lesen kann. Wenn sie verschwindet oder stirbt, sind alle Kinder, für die sie einen Platz besorgt hat, mit ihr verschollen ...

Die ärmsten der Kinder haben zunächst die grausame Prüfung der Reise zu bestehen, die sie zu ihrem ländlichen Aufenthaltsort bringen soll. Doktor Buchan berichtet, daß sie auf Wagen zusammengepfercht werden, die kaum eine Abdeckung besitzen, und daß sie in so großer Zahl hineingestopft werden, daß die unglücklichen Ammen ihnen zu Fuß folgen müssen. Sie sind der Kälte, der Hitze, dem Wind und dem Regen ausgesetzt, und die Milch, die sie zu saugen bekommen, ist nur durch die Ermüdung und mangelnde Ernährung ihrer Ammen erwärmt. Die anfälligsten Kinder überstanden eine solche Behandlung nicht und wurden häufig einige Tage nach ihrer Abreise von den Wagenführern ihren Eltern zurückgebracht.

M. Garden berichtet von einigen Einzelheiten, die in den Polizeiberichten von Lyon oder Paris über diese entsetzlichen Transportbedingungen auftauchen. Mal komme es vor, daß eine Vermittlerin sechs Kinder auf einem kleinen Wägelchen mitnimmt, einschlafe und nicht bemerke, daß ein Baby herunterfällt und, von einem Rad überrollt, stirbt. Mal werden einem Gespannführer sieben Säuglinge anvertraut, von denen er einen verliert, ohne daß man in Erfahrung hätte bringen können, was aus ihm geworden ist. Ein andermal werden drei Neugeborene einer alten Frau anvertraut, die angibt, nicht zu wissen, zu wem sie sie bringen soll.

Die gesamte Gesellschaft zeigt eine derartige Gleichgültigkeit, daß erst im Jahre 1773 durch eine Polizeiverordnung den Wagenführern oder sonstigen Personen, die Kinder transportieren, vorgeschrieben wird, die Planken des Wagens ausreichend mit frischem Stroh zu bedecken, den Wagen mit einer soliden Plane abzudecken und die Ammen im Wagen mitfahren zu lassen, damit sie aufpassen können, daß kein Kind herunterfällt ...

Für diejenigen, die die Prüfung der Reise überstehen (dabei sterben je nach Jahreszeit fünf bis fünfzehn Prozent), ist das Unglück jedoch noch nicht zu Ende. Das liegt vor allem an der elenden Lage der Ammen selbst. Ihnen werden von den Medizinern und Moralisten des 18. Jahrhunderts alle möglichen Sünden vorgeworfen: Gewinnsucht, Faulheit, Dummheit, Vorurteile, Laster und Krankheiten. Über die Ursachen dieser Sünden macht man sich allerdings, soweit wir wissen, wenig Gedanken. Immerhin gibt einer dieser Männer, der Lyoner Arzt Gilibert, im Jahre 1770 zu, daß der Grund von vielen, häufig tödlichen Fehlern in der unsäglichen  Armut dieser Ammen besteht: „Die Frauen sind vom Elend abgestumpft und hausen in Löchern.“

Gilibert schildert, daß diese Frauen gezwungen sind, im Schweiße ihres Angesichts auf den Feldern zu arbeiten, und daß sie den größten Tei! des Tages fern ihrer Hütte verbringen. „Während dieser Zeit ist das Kind völlig sich selbst überlassen; es erstickt in seinen Exkrementen, ist angebunden wie ein Verbrecher und ganz von Mücken zerstochen ... Die Milch, die es saugt, ist eine durch heftige Anstrengung erhitzte Milch, eine bittere, seröse, gelbliche Milch. Es kommt daher zu den furchtbarsten Krankheitserscheinungen, die sie, die Kinder, bis ins Grab bringen können.“

Nicht selten sind diese armen Ammen krank: Sie sind durch schlechte Nahrung geschwächt, haben aus der Stadt die Syphillis mitgebracht, zuweilen Krätze oder Skrofeln und Skorbut. Ihre Krankheiten verschlechtern die Milch und übertragen sich auf das Kind. Kann man ihnen angesichts der allgemeinen Gleichgültigkeit daraus einen Vorwurf machen?

Und kann man ihnen vorwerfen, daß sie ihr eigenes Kind behalten und das fremde Kind mit den Resten füttern, die sie durch einen völlig unverdaulichen Brei ergänzen? Dieser Brei ist ein Gemisch aus Wasser und Brot, das sie vorkauen, bevor sie das Kind damit füttern. Zuweilen geben sie ihm auch zerstoßene Kastanien, ein wenig Trüffel oder grobes Brot, das in verdünntem Essig eingelegt wurde. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Gilibert feststellt: „Bald ist der Bauch ganz aufgedunsen, es treten Krämpfe auf, und diese unglücklichen Kleinen sterben.“

Erst im 18. Jahrhundert gehen die Ammen dazu über, Kuhmilch in kleinen durchlöcherten Hörnern (den Vorläufern der Saugflasche) zu geben, denn nach einem fest in der Volksseele verankerten Vorurteil, saugt man mit der Milch auch den Charakter und die Leidenschaften des Wesens ein, das die Milch gibt. Das Verfahren ist allerdinqs nicht ungefährlich, weil man die Milch, die mit Wasser vermischt werden muß, nicht richtig zu dosieren versteht.

Schließlich wird das Kind ohne alle Regeln oder feste Zeiten gefüttert. Es bekommt die Brust, wenn das der Amme in den Plan paßt. Es bekommt zu viel oder zu wenig. Das hat eine Flut von kleinen Beschwerden zur Folge, die allerdings verhängnisvoll werden können: Übersäuerung des Magens, Blähungen, Koliken, grüner Durchfall, Krämpfe oder Verstopfungen und Fieber.

Zu dieser schlechten Ernährung kommen noch andere, häufig tödliche Praktiken hinzu wie etwa die Verwendung von Narkotika, die man dem Kind verabreicht, damit es schläft und man seine Ruhe hat. In den südlichen Provinzen sind Mohnsirup, Opiumtinktur oder Branntwein allgemein gebräuchlich. Die Apotheker geben diese Mittel ohne Umstände ab, so daß es, wie man hört, nicht selten vorkommt, daß ein Kind an einer Überdosis stirbt.

Wenn dem Kind nicht die Ernährung zum Verhängnis wird, muß seine Natur mit einem anderen, furchtbaren Übel fertig werden: dem Schmutz und dem Mangel an einer auch nur minimalen Hygiene. Neben anderen schildert der Arzt Raulin die katastrophalen Verhältnisse, unter denen das Kind stundenlang, manchmal ganze Tage, wenn nicht länger in seinem Schmutz dahinvegetiert. Die Ammen lassen zuweilen ganze Wochen verstreichen, ohne die Kleider des Babys oder den Strohsack, auf dem es ruht, zu wechseln.

Auch daher rührt eine Vielzahl von Krankheiten, trotz der wiederholten Warnungen der Ärzte, die allerdings nicht bis zu den Ammen vordringen, die aber von den Eltern hätten wahrgenommen werden können …

Der Arzt Gilibert bekundet persönlich: ,,Wie oft haben wir, wenn wir die Bänder der Kinder öffneten, entdecken müssen, daß sie über und über mit Exkrementen bedeckt waren, deren stinkende Ausdünstung hinreichend klarmachte, daß sie schon alt waren; die Haut dieser Unglücklichen war ganz entzündet. Sie waren von Schmutzgeschwüren übersät. Ihr Stöhnen, das wir bei unserer Ankunft vernahmen, hätte auch das grausamste Herz erweicht; man wird sich ein Bild von ihren Qualen machen, wenn man hört, daß sie sofort Erleichterung spürten, wenn man ihre Bänder löste und sie frei waren ... Sie waren überempfindlich, so daß sie durchdringende Schreie ausstießen, wenn man sie ein wenig unsanft berührte. Nicht bei allen Ammen erreicht die Vernachlässigung dieses himmelschreiende Ausmaß. Wir können jedoch versichern, daß es sehr wenige gibt, die so aufmerksam sind, ihre Kinder in einem befriedigenden Zustand der Sauberkeit zu erhalten, ihnen also die Krankheiten, die sie bedrohen, gänzlich zu ersparen.“

Eine andere Ursache von Unbehagen und Krankheiten des Kleinkindes war der Brauch, es zu wickeln. Zunachst zog man ihm ein grobes Hemdchen an, das sich mehrfach kräuselte und faltete, und darüber schlug man eine Windel; dann preßte man ihm die Arme gegen die Brust und zog ihm unter den Achseln ein breites Band durch, das Arme und Beine blockierte. Daraufhin wurden Wäsche und Bänder zwischen den Schenkeln zusammengefaltet, und das Ganze wurde dann von den FüBen bis zum Hals so straff wie möglich von einem rundum laufenden Band zusammengeschnürt.

Diese Einwickelei hatte äußerst üble Folgen. Die rundum laufende Schnürung drückt die scharfen Falten des Hemdchens gegen die Haut des Babys, und wenn man es auswickelt, scheint sein kleiner Korper ganz von roten Furchen und Druckstellen übersät zu sein. Nicht minder nachteilig ist das Zusammenbündeln der Wäsche zwischen seinen Schenkeln, denn dadurch konnen sich Urin und Kot nicht von seinem Körper entfernen. So entstehen Wundstellen und skrofulöse Bläschen. Die straffe Wicklung hatte in den Augen der Ammen zwei Vorteile: Sie verhindert eine Verrenkung der Wirbelsäule, und sie läßt das Fett unter dem Kinn hervortreten, sodaß der Säugling dicker erscheint. Allerdings drückt die Wickelung die Rippen zusammen und behinderte dadurch die Lungen und somit die Atmung. Das löste Hüsteln und Erbrechen aus, weil die Verdauung behindert war. Das so verschnürte Kind weint die meiste Zeit, bis es nicht mehr kann, und leidet unter Krämpfen.

Den Ammen kann man diesen Brauch nicht zum Vorwurf machen. Jahrhundertelang und bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden die Babies auf diese Weise gewickelt, weil man befürchtete, daß ihnen sonst infolge ihrer Ungeschütztheit etwas zustoßen könnte, und weil man hoffte, daß sie so gerade und wohlgeformt wachsen würden. Auch können wir uns nicht den Moralisten des 18. Jahrhunderts anschließen, die die Amme als eine Rabenmutter geißelten. Wenn die Ammen ihre Kinder in dem Wickelkleid stundenlang an einem Nagel hängen ließen, so geschah es in der guten Absicht, sie vor Bissen oder Verletzungen durch die Tiere des Hofes zu schützen. Es steckt keine Bosheit darin, auch wenn die Resultate für das Kind grausam sind, weil sein Blut schlecht zirkulieren kann.

Natürlich gab es Ammen, die mit den ihnen anvertrauten Kindern hart umsprangen, und recht häufig empfanden sie sie als eine Belastung, der sie nicht nachtrauerten, wenn die Kinder starben. Sollte man sie deshalb aber mehr tadeln als die Mütter, die ihre Kinder an sie preisgaben?

Es ist nicht übertrieben, von einer Preisgabe durch die Mütter zu sprechen, denn nachdem das Kind der Amme übergeben war, interessierten sich die Eltern nicht mehr für sein Schicksal. Der Fall der Madame de Talleyrand, die sich in vier Jahren nicht ein einziges Mal nach ihrem Sohn erkundigt, ist keine Ausnahme. Dabei hätte ihr das, anders als vielen anderen Müttern, überhaupt keine Mühe gemacht. Sie konnte schreiben, und ihr Sohn war bei einer Pflegemutter, die ebenso wie sie in Paris lebte.

Vier Jahre beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer des Kindes bei seiner Amme. Sie werden zwar mit fünfzehn, achtzehn, manchmal auch zwanzig Monaten abgestillt, doch kehren die Kinder deshalb noch nicht in ihre Familie zuriick. Sie bleiben bei den Ammen, die die Entwöhnung bis zu drei, vier oder fünf Jahren fortsetzen. Manchmal !änger.

Die Eltern schienen sich während dieser ganzen Zeit wenig um das Schicksal des fernen Kindes zu sorgen. Selten besuchten sie es. Gelegentlich schrieben sie, um sich zu vergewissern, daß alles in Ordnung war. Vorn Pfarrer unterstützt, antworteten die Ammen durchgängig mit beruhigenden Worten und mit der Bitte um Geld für zusätzliche Aufwendungen. Nachdem sie so beruhigt war, wollte die Mutter nichts mehr davon wissen, sei es, weil sie offenkundig desinteressiert war, sei es, weil sie zu arm war und es deshalb vorzog, von der Amme vergessen zu werden.

Es sind nicht nur die Ärmsten, die Desinteresse an ihrem Kind bekunden. Entsprechende Einzelfälle sind aus allen Schichten der Gesellschaft bekannt. Garden führt mehrere an, darunter den Fall eines Pflegevaters aus Nantua, der im Jahre 1755 an den leiblichen Vater, einen Hutmachergesellen in Lyon, schreibt: „Seit wir es haben, haben Sie nicht gefragt, wie es ihm geht. Gott sei Dank geht es ihm gut.“ Im gleichen Jahr beklagt sich ein Zimmermeister (der keine Not leidet) über den schlechten Zustand, in dem die Pflegeeltern ihm ein Kind zurückgeben. Diese antworten: „Es ist nicht an uns, die Väter und Mütter zu benachrichtigen, sondern an ihnen, ihre Kinder zu besuchen.“

Sicher kommt es häufig vor, daß das Kind bei der Rückkehr in die elterliche Familie - sofern es zurückkehrt - verkrüppelt, mißgebildet, rachitisch, schwächlich oder gar sehr krank ist. Die Eltern beklagen sich darüber stärker und vielleicht lauter, als wenn ihr Kind gestorben wäre. Denn ein Kind von schlechter Gesundheit bedeutet voraussehbar hohe Auslagen und wenig langfristigen Gewinn.“

 

Zu Hause

 

„Auch für das Kind der begüterten Klassen ist jetzt die Stunde seiner Rückkehr in den Schoß der Familie gekommen. Der Fall des jungen Talleyrand, der gleich nach dem Abschied von seiner Amme zu seiner Großmutter aufs Land geschickt wird, ohne seine Eltern zu sehen, ist eher ein Einzelfall. Die meisten Kinder lernen nun endlich ihre Eltern kennen. Für den Versuch, sie richtig kennenzulernen, haben sie vier oder fünf Jahre Zeit. Wenn es von seiner Amme zurückkommt, wird das Kind der begüterten Klassen gleich bis zum Alter von sieben Jahren einer Gouvernante übergeben. Ist es ein Junge, so wird es anschließend einem Hauslehrer anvertraut.

Das Dasein des kleinen Madchens wird von den Brüdern Goncourt folgendermaßen beschrieben: „Sie ist mit der Gouvernante in den Dachkammern untergebracht ... Die Gouvernante versucht, mit viel Schmeicheleien und Verwöhnungen aus ihr eine kleine Persönlichkeit zu machen ... Denn die künftige Erbin großer Vermögenswerte war pfleglich zu behandeln ... Sie lehrte sie das Lesen und Schreiben (nicht immer sehr gut) ... Sie legte ihr ans Herz, sich gerade zu halten und vor jedermann einen Knicks zu machen ... Das ist ungefähr alles, was die Gouvernante ihr beibrachte.“

Die Mutter scheint während dieser Zeit ihre ganze Zuneigung ihrem kleinen Hund vorzubehalten, der ihr als Spielzeug dient und in ihrem Zimmer oder gar in ihrem Bett schläft. Zu ihrer Tochter hat sie kaum eine Beziehung, oder nur eine sehr distanzierte …

Für den jungen Adligen war das Leben nicht angenehmer als für seine Schwester, ganz im Gegenteil. Wenn sie auch nicht bis zu jener übertriebenen Rohheit ging, die Friedrich Wilhelm von Preußen gegenüber seinem Sohn an den Tag legte, war die Haltung der Eltern doch durchweg von Härte bestimmt. Der Sohn des Marschalls de Noailles hat berichtet, daß er als kleiner Junge um fünf Uhr morgens geweckt wurde, daß er eine Steckrübensuppe erhielt und manchmal so hungrig war, daß er versuchte, von den reich beladenen Tellern, die von der väterlichen Tafel zurückkamen, ein Stück Fleisch zu stibitzen. Wenn die Diener ihn verpfiffen, ließ sein Vater ihn auspeitschen. Das gleiche bekundet Lauzun: „Zurn Ausgehen die schönsten Kleider, zu Hause nackt und sterbenshungrig.“

Was sagen die Mütter dieser sieben- oder achtjährigen Kinder dazu? Sie sagen nichts, stimmen stillschweigend zu und gehen ihren Geschäften nach …

Der Hauslehrer oder Erzieher löste die Gouvernante ab. Er gehörte genau wie der Lakai zu den Domestiken, doch bemerkt Crousaz: „Wenn man sich der Gegenwart seiner Kinder entledigen will, ist es ehrenhafter, sie bei einem Hauslehrer als bei einem Lakaien abzuliefern.“ Er sollte den Kindern Lesen und Schreiben beibringen, einige Worte Latein, ein klein wenig Geographie und eine Prise Geschichte. Man brauchte sich daher keine große Mühe zu geben, jemanden zu finden, der fähig wäre, dieses Amt auszuüben. „Man nimmt mit dem Erstbesten vorlieb: Die Empfehlung eines Domestiken oder von Personen, die ebensowenig lntelligenz besitzen, mit denen man aber durch irgendwelche Geschäfte verbunden ist, hat zur Folge, daß man das, was für einen das Kostbarste sein sollte, in unbekannte Hände gibt.“

Die Auswahl des Hauslehrers erinnert an die der Amme. Gemeinhin entscheidet man sich für den billigsten. Was Voltaire über den Hauslehrer schrieb, den er fiir Fräulein Corneille suchte, hätten alle reichen Bürger des 18. Jahrhunderts sagen können: „Wenn Sie irgendwelche armen Männer kennen, die lesen und schreiben können und eine Spur von geographischen und geschichtlichen Kenntnissen haben  ..., so bieten wir ihnen Unterkunft, Heizung, Wäsche und Getränke frei, und wir bezahlen sie, allerdings bezahlen wir sehr mäßig.“

Man zahlt ihnen in der Tat nicht viel … Die Kinder bemerken das, und „ihr Herz schließt daraus, daß er nur dem Namen nach ihr Gebieter ist und daß er im Grunde weit unter ihnen steht ... Im besten Falle ist er ihr erster Domestik.““

 

Schule

 

„Der Brauch wollte es, daß man das Kind zur Vervollständigung seiner Bildung mit acht, zehn Jahren erneut von zu Hause fortschickte. Vor dem 17. Jahrhundert ging das Kind bei Nachbarn in die Lehre. Die Familien tauschten untereinander ihre Nachkommenschaft aus und ließen sie als Hausdiener oder Lehrlinge dienen. Ein erstaunlicher Brauch, wenn man sich überlegt, daß das Kind anderswo lernt, was die Eltern ihm selbst hätten beibringen können. Dieser Brauch zeigt jedoch, daß man leichter ein besserer Lehrherr als ein guter Vater ist. So als ob die Beziehungen schwieriger würden, wenn die Blutsbande eine Rolle spielen.

Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts tritt die Schule immer stärker als Erziehungsmittel an die Stelle der Lehre. Im 17. Jahrhundert nimmt die Zahl der Jungen- und Mädchenschulen zu, wobei das Kolleg mit Internat für die Jungen und die Klosterschule für die Mädchen bestimmt ist. Jesuiten und Oratorianer wetteifern um die bessere Erziehung der jungen Leute aus den guten Familien. Ihre Prunkstücke sind auf der einen Seite das Louis-le-Grand und das Kolleg la Flèche, auf der anderen Seite Juilly und Sainte-Barbe.

Mit den Schulen und vor allem mit den Ende des 17. Jahrhunderts geschaffenen lnternaten, die Erwachsene und Kinder radikal voneinander trennen, beginnt nach Ariès „ein !anger Prozeß der Einsperrung der Kinder (wie der Irren, der Armen und der Prostituierten), der bis in unsere Tage nicht zum Stillstand kommen sollte“ …

Wenn wir überdies die generelle Haltung der Eltern gegenüber ihren Kindern und vor allem die von uns beobachtete Gleichgültigkeit und den Egoismus in Rechnung stellen, sind wir doch sehr versucht, in dem neuen Brauch, die Kinder auf die Schule und vor allem ins lnternat zu schicken, ein moralisch ehrenwertes Mittel zu sehen, sich ihrer zu entledigen …

Der beste Beweis für diese Trägheit der Eltern sind die Klosterschulen, in denen man die kleinen Mädchen bis zur Heirat unterbringt. Sie bieten den Eltern die Möglichkeit, sich ihrer Töchter zu entledigen. Gelegentlich brachte man sie schon mit sechs Jahren dorthin. Dieser Methode, die mehr von gesellschaftlichen Konventionen diktiert war, als daß sie eine wirkliche Erziehung bot, bediente sich die übergroße Mehrheit der Eltern um so bereitwilliger, als sie wenig kostete. Unter Ludwig XIV. betrug die jährliche Pension in einem bedeutenden Kloster nicht mehr als 200 Pfund und war damit billiger als ein Hauslehrer. Wenn sie erst einmal im Kloster war, sahen die Eltern ihre Tochter nur noch selten bei einigen episodischen Besuchen. Dort wartete sie, geschützt vor jeder Versuchung, die ihrer Tugend hätte schaden können, auf einen Ehemann. Bewarb sich kein Mann um die Arme, dann ließ man das junge Mädchen nicht selten im Kloster, damit es dort den Schleier nahm.

Wenn das Mädchen endgültig nach Hause zurückkehrte, hatten die Eltern nur noch eines im Sinn: es zu verheiraten und damit loszusein …

In der gleichen Weise wurden die jungen Burschen eingesperrt. Nachdem sie zunächst einen Hauslehrer gehabt haben, wird es immer gebräuchlicher, sie zur Vervollständigung ihrer klassischen Bildung in ein Kolleg zu schicken. Das läßt sich zunächst maßvoll an, weil es noch üblich ist, die Schüler in der Nähe des Kollegs bei bürgerlichen Familien übernachten zu !assen oder auch bei Pädagogen, Repetitoren, die mehrere Schüler bei sich aufnehmen und deren Arbeit beaufsichtigen. Nach und nach wünschten die Eltern jedoch, ihre Kinder unter der ständigen Aufsicht ihrer Lehrer zu !assen …

Wenn man sich die drei Abschnitte der Erziehung betrachtet (die Überlassung an eine Amme, die Erziehung dlurch die Gouvernante beziehungsweise dlurch den Hauslehrer und das Verschicken aufs Kolleg), muß man den gemeinsamen Leitgedanken erkennen: „Wie kann man sich das Kind vom Hals schaffen und dabei den Kopf hochtragen?“ Das ist die Hauptsorge der Eltern, denn in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Mutter keineswegs vom Vater.“

 

Aufklärung: Mutterliebe als neuer Wert

 

„Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts vollzieht sich so etwas wie eine Revolution der Einstellungen. Das Bild der Mutter, ihrer Rolle und ihrer Bedeutung ändert sich tiefgreifend, wenn auch die tatsächlichen Verhaltensweisen noch nachhinken.

Nach 1760 erscheint eine Unmenge von Publikationen, in denen den Müttern empfohlen wird, sich persönlich um ihre Kinder zu kümmern, und in denen ihnen „befohlen“ wird, sie zu stillen. Die Frau wird darin verpflichtet, vor allem Mutter zu sein, und es entsteht ein Mythos, der auch zweihundert Jahre später noch immer sehr lebendig ist: der Mythos vom Mutterinstinkt oder von der spontanen Liebe einer jeden Mutter zu ihrem Kind …

Neu ist auch die Verknüpfung der beiden Worte „Liebe“ und „mütterlich“, worin sich eine Aufwertung nicht nur des Gefühls, sondern auch der Frau als Mutter andeutet. Der Lichtstrahl der Ideologie, der sich unmerklich von der Autorität weg zur Liebe bin verschiebt, läßt immer stärker die Mutter hervortreten, zum Nachteil des Vaters, der zunehmend in den Schatten tritt.

Den Wert der väterlichen Autorität hatte man deshalb so sehr betont, weil es vor allem darauf ankam, fügsame Untertanen für Seine Majestät heranzuziehen. Am Ende des 18. Jahrhunderts ist es für manche weniger darum zu tun, fügsame Untertanen aufzuziehen, als vielmehr, überhaupt Untertanen zu machen: Menschen zu produzieren, die dann den Reichtum des Staates bilden werden. Zu diesem Zweck muß - koste es, was es wolle - die Verschwendung von Menschenleben unterbunden werden, die für das Ancien Regime charakteristisch ist.

Das neue Gebot lautet also: Die Kinder müssen überleben. Diese neue Sorge rückt jetzt vor die alte Besorgnis, jene zu dressieren, die nach dem Ausscheiden der Verluste übrig blieben. Der Staat interessiert sich für jene, die früher verloren gegangen waren, und sucht sie vor dem Tode zu bewahren. Wichtig ist also nicht mehr so sehr der zweite Abschnitt der Kindheit (nach der Entwöhnung) als vielmehr der allererste Lebensabschnitt, den die Eltern gewöhnlich vernachlässigt hatten, der jedoch die größte Sterblichkeit aufwies.

Um die Rettung ins Werk zu setzen, galt es, die Mütter davon zu überzeugen, sich der vergessenen Aufgaben anzunehmen.

Moralisten, Administratoren und Ärzte gingen an die Arbeit und formulierten die subtilsten Argumente, um die Mütter zu überzeugen, sich wieder besseren Gefühlen zuzuwenden und „wieder die Brust zu geben“. Ein Teil der Frauen war für diese neue Forderung empfänglich. Nicht etwa, weil sie den wirtschaftlichen und sozialen Motiven der Männer gehorchten, sondern weil sich hinter dieser Rede ein anderer Diskurs abzeichnete, der in ihren Ohren verlockender klang. Es war der Diskurs vom Glück und von der Gleichheit, der sie in erster Linie betraf. Fast zwei Jahrhunderte lang versprachen ihnen alle Ideologen goldene Berge, falls sie sich ihrer mütterlichen Aufgaben annehmen würden: „Seien Sie gute Mütter, und Sie werden glücklich und geachtet sein. Machen Sie sich in der Familie unentbehrlich, und Sie werden das Bürgerrecht erhalten.“

Unbewußt ahnten einige der Frauen, daß sie, falls sie diese für die Gesellschaft notwendige Familienarbeit erbrachten, eine beträchtliche Bedeutung erlangen würden, welche die meisten von ihnen nie gekannt hatten. Sie glaubten an die Versprechungen und dachten, Anrecht auf die Achtung der Männer, Anerkennung ihrer Nützlichkeit und ihrer Eigenart zu erlangen. Endlich eine notwendige und „edle“ Aufgabe, die der Mann nicht übernehmen konnte oder wollte! Eine Pflicht zudem, welche die Quelle des menschlichen Glücks sein sollte.

Doch aus unterschiedlichen Gründen waren nicht alle Frauen gleichermaßen empfänglich für diese Argumente. Selbst wenn Rousseau von einer Handvoll von Frauen, die nicht ohne Einfluß waren, verstanden wurde, so war er doch nur der Vorläufer einer bestimmten Denkweise. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch und bis in das Frankreich Pétains hinein kamen die Ideologen immer wieder auf diesen oder jenen Aspekt der Rousseauschen Theorie der Mutter zurück. Wäre diese eintönige Wiederholung der immer gleichen Argumente nötig gewesen, wenn all die gewünschten Effekte eingetreten wären? Ist das nicht der Beweis dafür, daß nicht alle Frauen sich endgültig überzeugen ließen? Wenn viele freudig die neuen Werte aufnahmen, so tat ein großer Teil der Frauen um des lieben Friedens willen so, als würden sie sich ihnen beugen. Andere leisteten Widerstand, und man machte ihnen den Krieg.“

 

Der wirtschaftliche Diskurs

 

„Er geht darauf zurück, daß man sich dessen bewußt wird, wie wichtig die Bevölkerung für eine Nation ist. Diese Bewußtmachung war weitgehend das Werk einer neuen Wissenschaft - der Demographie.

Das Interesse an demographischen Untersuchungen tritt in unserer Geschichte relativ spät auf, nämlich erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Colbert war der erste, der eine große, landesweite Bevölkerungsenquete anordnete. Er ließ 1663 einen Fragebogen anfertigen, den er an alle lntendanten des Reiches versandte. Korrekte Antworten erhielt er allerdings nur von wenigen.

1697 unternahm der Herzog von Beauvillier erneut den Versuch, um seinem Zögling, dem Herzog von Burgund, Bericht erstatten zu könen. Pierre Goubert sieht darin den ersten ernsthaften Versuch einer Bevölkerungsschätzung … Nach dieser Publikation wurde die gebildete Öffentlichkeit von einer wahren Leidenschaft für die Volkszählung erfaßt …

Für die Minister Turgot, Bertin, Necker und Calonne steht das Problem, die Kinder am Leben zu erhalten, auf der Tagesordnung, und es bleibt bis zum ersten Weltkrieg aktuell. Alle suchen nach Mitteln, um die übergroße Sterblichkeit während der ersten Monate, ja der ersten Stunden des Neugeborenen unter Kontrolle zu bringen. Der physiokratische Minister Bertin gab dadurch, daß er den Unterricht ausweitete, der Geburtshilfe einen neuen Anstoß. Es ging vor allem darum, die Hebammen zu beraten, die durch ihre Unwissenheit für eine Vielzahl von Unfällen während der Entbindung verantwortlich waren. Bertin bat den königlichen Leibarzt, den großen Joseph Raulin, um ein Aufklärungswerk für die Hebammen auf dem Lande und ließ es in die verschiedenen Sprachen des Reiches übersetzen. Was den jungen Intendanten Turgot betraf, der ebenfalls der physiokratischen Schule nahestand,  so schuf er in seiner Generalität von Limoges die erste Hebammenschule.

Abgesehen von den humanitären Beweggründen dieser hohen Staatsbeamten besteht ein echtes ökonomisches Interesse an der Produktion überhaupt. Bertin war um die tierische Produktion ebenso besorgt wie um die menschliche Produktion, vielleicht sogar stärker um die erstere! 1762 schafft er eine Veterinärschule in Lyon und 1766 die berühmte Schule von Alfort. Im selben Geiste förderte er die Landwirtschaft, den Gartenbau und schuf unablässig Schulen, um besser produzieren zu können. Man kommt - auch ohne Ironie - nicht umhin, die Hebamme, den Veterinär und den Landwirt miteinander zu vergleichen, denn ihrer aller Aufgabe ist es, Leben zu geben oder möglich zu machen. Für eine Nation bedeutete das größeren Reichtum und größeren Wohlstand.

Tatsache ist, daß das Kind, besonders gegen Ende des 18. Jahrhunderts, einen kommerziellen Wert erhält. Man bemerkt, daß es einen potentiellen wirtschaftlichen Reichtum darstellt …

Vom Menschen in Begriffen von Preis und Rohstoff sprechend verwendet Moheau den kapitalistischen Diskurs der Quantität. Während es in der alten christlichen Auffassung vom Menschen vor allem auf die Qualität der Seele ankam, gilt es nun, am Ende des 18. Jahrhunderts, vor allem die Quantität an Menschen zu schätzen, denn sie ist die Quelle des Genusses. Um noch deutlicher zu werden, bezieht sich Moheau auf England, wo „man den Preis jedes Menschen gemäß seinen Beschäftigungen errechnet hat: man schätzt einen Matrosen auf so viel wie mehrere Landwirte und einige Künstler auf so vie! wie mehrere Matrosen. Es ist hier nicht der Ort festzustellen ..., ob der Beruf, der die meisten Taler abwirft, wirklich der für den Staat nützlichste ist, doch stellen wir fest, daß man bei dieser Bewertungsweise im Menschen gemäß dem Einsatz seiner Kräfte oder seines Fleißes die Grundlage des nationalen Reichtums erkennt“.

Der Mensch ist zu einer für den Staat wertvollen Ware geworden - nicht nur, weil er Reichtümer produziert, sondern auch, weil er Garant seiner militärischen Macht ist. Daher wird jetzt jeder Verlust an Menschen als entgangener Gewinn für den Staat betrachtet. 1770 faßt Didelot die neue Ideologie folgendermaßen zusammen: „Ein Staat ist nur so mächtig, wie er volkreich ist ... (und um so mächtiger,) je zahlreicher die Hände, die tätig sind und die ihn verteidigen.“

Freilich hatte bereits hundert Jahre zuvor Colbert sehr eindringlich diese merkantilistische Eingebung gehabt und eine entsprechende Wirtschaftspolitik eingeleitet … Colbert hatte also an alles gedacht außer daran, das Überleben der Säuglinge zu fördern, und die steuerlichen Maßnahmen erwiesen sich - wie immer - als unzureichend, um das Problem der Geburtenzahl zu lösen.

Erst nach einer längeren Pause begegnet uns zur Mitte des 18. Jahrhunderts die Ideologie der Produktion wieder in den Schriften der Physiokraten.

Für diese neue quantitative Betrachtungsweise besitzen alle menschlichen Hände Wert, selbst jene, denen man früher eine gewisse Verachtung entgegenbrachte. Die Armen, die Bettler, die Prostituierten und selbstverständlich die ausgesetzten Kinder werden als Kräfte für eine mögliche Produktion interessant. Man könnte sie beispielsweise in die französischen Kolonien schicken, wo große Reichtümer nur auf ein paar tüchtige Hände warteten, um reiche Frucht zu bringen …

Derart erbärmliche Überlegungen veranlaßten Chamousset, sich für das Überleben der ausgesetzten Kinder zu interessieren. Sein lnteresse verrät auch nicht eine Spur von Humanismus oder gar von christlicher Nächstenliebe. Dennoch galt Monsieur de Chamousset zu seiner Zeit als ein großer Menschenfreund! Seine Überlegungen, die von sozialer Gerechtigkeit nichts wissen, zeigen, daß der Status des Kindes sich geändert hat: Es ist zu einem möglichen Marktwert geworden. Nachdem sich bei den Menschen der Jahrhundertwende das vorausschauende Denken entwickelt hatte, sieht man im Kind nicht mehr die Last, die es kurzfristig darstellt, sondern die Produktivkraft, die es langfristig verkörpert. Es wird zu einer gewinnträchtigen lnvestition für den Staat, die zu vernachlässigen dumm und „kurzsichtig“ wäre. Diese neue Sicht des Menschen in Begriffen von Arbeitskraft, Profit und Reichtum ist Ausdruck des entstehenden Kapitalismus. Wenn Chamousset (häufiger als Colbert, der nur das lnteresse des Staates sieht) vom „Profit des Staates“ spricht, so äußert er sich im Namen der herrschenden Klassen und ihres staatlichen Ausdrucks …

Seit Ende des 18.Jahrhunderts werden vom Staat und von Privatpersonen Initiativen ergriffen, um notleidenden Müttern zu helfen. Die Stadtgemeinden, beispielsweise die von Rouen, besolden die Ammen, und in allen Großstädten, so in Paris, Lyon und Bordeaux, entstehen Mutterschutzvereine, die armen Müttern, welche ihren Säugling stillen wollen, Hilfe gewähren. Die Sterblichkeit dieser Kinder lag insgesamt unter derjenigen der Säuglinge, die von besoldeten Pflegemüttern aufgezogen wurden. Allerdings waren diese punktuellen lnitiativen sehr begrenzt, und die durchschnittliche Kindersterblichkeit im Lande wurde dadurch wenig beeinflußt.

Die bevölkerungspolitischen Argumente der Ökonomen und der Philanthropen richteten sich zu jener Zeit in erster Linie an die „verantwortlichen“ Männer. So richtig es war, sie davon zu überzeugen, wie wichtig das Überleben der Kinder ist, so waren es doch nicht sie als vielmehr ihre Frauen, die es zu erreichen galt. Nur sie konnten durch ihre intensive Pflege die Kinder vor dem Tod bewahren, der ihnen bei den Ammen allzu häufig drohte. Nun hat es aber noch nie ausgereicht, auf wirtschaftliche und politische Notwendigkeiten hinzuweisen, um die Verhaltensweisen und Bräuche zu verändern. Die Alarmrufe und Beschwörungen der Männer hatten allzu wenig mit den Sorgen der Frauen zu tun, als daß diese dazu bewogen worden wären, das verlangte Opfer zu bringen. Denn für viele Frauen ging es durchaus um ein Opfer.

Mit der Forderung, die seit zwei Jahrhunderten vergessenen Aufgaben zu übernehmen, erwartete man von ihnen nichts geringeres, als daß sie ihren Egoismus zugunsten ihrer Kinder zum Schweigen brachten. Der wirtschaftliche und soziale Imperativ hätte keine Chance gehabt, bei den Frauen Gehör zu finden, wäre ihm nicht gleichzeitig ein anderer Diskurs zur Seite getreten, der mehr Befriedigung verhieß und mehr Begeisterung weckte und sich sowohl an die Männer als auch an ihre Frauen wandte. Dieser Diskurs sprach nicht von Pflichten, Lasten und Opfern, sondern von Gleichheit, Liebe und Glück.“

 

Gleichheit und Glück

 

„Die Philosophie der Aufklärung propagierte zwei große, einander ergänzende Ideen, die in einem gewissen Sinne die Entwicklung der Liebe und ihres Ausdrucks förderten: die Ideen der Gleichheit und des individuellen Glücks …

Was die Gleichheit betrifft, so scheint die Philosophie der zweiten Jahrhunderthälfte der Alltagspraxis weit vorgegriffen zu haben. Darüber hinaus hat sie sich für die Gleichheit der Männer untereinander (Gleichheit der Stände) stärker eingesetzt als für die Gleichheit unter den Menschen: die Gleichheit von Mann, Frau und Kindern.

Dennoch macht sich am Ende des Jahrhunderts eine egalitäre und libertäre Strömung in der Gesellschaft bemerkbar. Wenn es auch sehr wenige sind, die sich für die politische Gleichheit von Mann und Frau interessieren, so ändert sich doch allmählich der Status des Vaters, der Mutter und sogar des Kindes im Sinne einer stärkeren Angleichung. Diese ersten Stöße, die der väterlichen Autoritat versetzt wurden, nutzten nicht allein dem Kind, sondern auch seiner Mutter, die sich stärker zur Geltung bringen und eine gewisse Autonomie erringen konnte.

Das Bild des Vaters und seiner Macht wandelt sich: Die Stärke des Vaters ist jetzt nur noch ein zeitweiliger, hilfreicher Ausgleich für die Schwäche des Kindes. Der Wandel der Einstellungen wird an zwei Texten deutlich. Der eine ist der Artikel über die väterliche Gewalt aus der Enzyklopädie, der andere eine Passage aus dem Gesellschaftsvertrag von Rousseau …

Die Enzyklopädisten, die unseren heutigen Wertvorstellungen nahestehen, meinen, daß die Eltern das Recht haben, Liebe und Achtung von ihren Kindern zu fordern. Und deshalb gestehen sie ihnen diese letzte moralische Autorität zu, die erst mit dem Tod erlischt.

Ihre Ansichten verdienten, da sie uns heute so selbstverständlich erscheinen, keiner Erwähnung, wenn ihnen nicht ein Philosoph widersprochen hätte, der schließlich einer der ihren war: Rousseau.

Im Gesellschaftsvertrag legt Rousseau eine völlig neue Theorie der Familie dar. Er sagt dort: „Die älteste aller Gesellschaften und die einzig natürliche ist die der Familie. Und selbst dort bleiben die Kinder nicht länger an den Vater gebunden, als sie seiner zu ihrer Erhaltung bedürfen. Sobald diese Bedürftigkeit aufhört, löst sich das natürliche Band. Die Kinder, befreit vom Gehorsam, den sie dem Vater schuldeten, und der Vater, befreit von der Sorge, die er den Kindern schuldete, beide kehren gleichermaßen in die Unabhängigkeit zurück. Wenn sie weiter zusammenbleiben, geschieht dies nicht mehr natürlich, sondern willentlich, und die Familie selbst wird nur durch Übereinkunft aufrechterhalten.“

Dieser Text fordert zu einigen Überlegungen heraus. Seltsamerweise hat man bei dieser Passage aus dem Gesellschaftsvertrag, die ausschließ!ich von der Familie handelt, stärker die politische Tragweite als die eigentliche Bedeutung und deren Implikationen gesehen. Nun ist sie aber nicht nur für ihre Zeit etwas sehr Eigenständiges, sondern sie liegt auch noch quer zu unseren heutigen Wertvorstellungen.

Indem er eingangs behauptet, daß die Familie die „einzig“ natürliche Gesellschaft sei, spricht Rousseau der politischen Autorität des Königs über seine Untertanen jegliche Legitimation ab, soweit sie sich auf das Vorbild der Autorität des Vaters über seine Kinder beruft.

Was die Familie im eigentlichen Sinne betrifft, so ist Rousseaus Nichtübereinstimmung mit seinen Vorgängern nicht minder groß, wenn er behauptet, daß die Familie nur eine provisorische Gesellschaft sei. In der Tat hält das „natürliche“ Band zwischen Eltern und Kindern nur so lange, wie die Kinder seiner „bedürfen“, um sich zu erhalten. Nur ihre naturbedingte Schwäche macht die Fürsorge und Hilfe der Eltern erforderlich. Für die Eltern ist es eine Pflicht, darauf angemessen zu reagieren. Rousseau spricht, nebenbei gesagt, weder in diesem Text noch im Emile über die Fürsorge, die den Kindern gewidmet wird, im Sinne eines natürlichen Triebes, sondern stets im Sinne der moralischen Pflicht. So weit hat die Gesellschaft die Stimme der Natur zum verstummen gebracht, bis sie erstickt. Oder wir müssen annehmen, daß die Natur nicht viel zu sagen hat ...

Dort, wo Rousseau sich den hypothetischen Naturzustand ausmalt, beschreibt er die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der natürlichen Familie folgendermaßen: „Die Männer und die Weiber vereinigten sich zufällig, je nach dem Zusammentreffen, der Gelegenheit und Begierde ... Sie verließen sich mit gleicher Leichtigkeit. Die Mutter säugte zuerst ihre Kinder wegen ihres eigenen Bedürfnisses, nachdem die Gewohnheit sie ihr teuer gemacht hatte, ernährte sie die Kinder dann wegen deren Bedürfnis.“ Man wird feststellen, daß die Weibchen-Frau auf dieser gleichsam animalischen Stufe ihr Kleines zunächst nur ernährt, um ihr eigenes Bedürfnis zu befriedigen, d. h. um sich von den Schmerzen des Einschießens der Milch in die Brust zu befreien. Was sie in erster Linie veranlaßt, die Brust zu geben, ist also das Bedürfnis und nicht die Liebe, und dieses Bedürfnis ist daher die erste Ursache der mütterlichen Fürsorge. All jene, die sich des langen und breiten über die Mutterliebe und die spontane Hingabe der Mutter ausließen, waren, was diesen Aspekt der Dinge betrifft, nicht sehr redselig. Man vergaß, daß das Stillen vor allem auf dem mütterlichen Egoismus und weniger auf ihrem Altruismus beruhte.

Die natürliche Mutter empfindet das wiederkehrende Bedürfnis, ihre Milch loszuwerden und folglich das Kleinkind saugen zu !assen. Die Wiederholung dieser Handlung läßt die Gewohnheit eines regelmäßigen Kontakts mit dem Kind entstehen. Und aus dieser Gewohnheit erwächst die mütterliche Zärtlichkeit. Diese wiederum verleiht der Mutter eine großmütige Haltung auch dann, wenn die Bedürfnisse des Kindes ihrerseits befriedigt sind. Wenn aber die Liebe nichts Ursprüngliches ist und ihr Auftreten vom Bedürfnis der Mutter abhängt, was geschieht dann, wenn man dieses Bedürfnis künstlich zum Schweigen bringen kann? Wenn man das Einschießen der Milch unterbindet, was wird dann aus der mütterlichen Liebe? …

Damit sie der „Natur des Kindes“ entspricht, darf die Vorenthaltung seiner Freiheit nur vorübergehend sein. Deshalb, sagt Rousseau, „löst sich das natürliche Band“, „sobald diese Bedürftigkeit aufhört“. Dasselbe betont er bereits im Zweiten Diskurs (über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen), wo er über die Bindungen zwischen der Mutter und ihren Kindern sagte: „Sobald die Kinder die Kraft hatten, selbst ihre Nahrung zu suchen, zögerten sie nicht, ihrerseits ihre Mutter zu verlassen. Da sie fast kein anderes Mittel hatten, sich wiederzufinden, als sich nicht aus dem Auge zu verlieren, waren sie bald soweit, daß die einen die anderen nicht mehr wiedererkannten.“ Auch hier löst sich das Band, das die Kinder mit der Mutter verbindet, endgültig, sobald das Bedürfnis erlischt.

Das sind gewichtige Worte. Sie zeigen, daß Rousseau weit über das Deken der Enzyklopädisten hinausgeht, die niemals erwogen haben, daß das Band zwischen Eltern und Kindern zerreißen könnte. Im Gesellschaftsvertrag ändern sich, sobald das Kind für sich selber sorgen kann, seine Beziehungen zu den Eltern wesentlich, und sie können letztlich sogar zu bestehen aufhören, wie es der Zweite Diskurs annimmt.

Auf seine Eltern nicht mehr angewiesen, ist das Kind nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet, ja es hat nicht einmal mehr die geringste Pflicht ihnen gegenüber. Diese haben umgekehrt keine Befehlsgewalt mehr noch eine Verpflichtung, sich um das Kind zu kümmern. Die Eltern werden ebenso wie die Kinder im Verhältnis zueinander gleich, unabhängig und frei. Wenn die Autorität des Vaters oder der Mutter sich gleichwohl zu behaupten sucht, wird sie „künstlich“ und zu einer Fessel für die grundsätzliche Unabhängigkeit des Menschen, der in diesem Fall das Kind ist. Der Vater wird, seine Rechte überschreitend, zum Tyrannen und Despoten.

Die Rousseausche Idee von einem Zerreißen der natürlichen Bande zwischen Eltern und Kindern ist folgenreich. Wenn man nämlich bei entsprechendem Alter beschließen kann, seine Eltern für immer zu verlassen, und wenn diese jegliches Band mit ihren Nachkommen  zerreißen können, wird unsere ganze gegenwärtige Vorstellung von der Familie falsch und verlogen. Denn das bedeutet ja, daß von einem gewissen physischen und geistigen Entwicklungsstand an die Bande und die Zuneigung, welche Eltern und Kinder miteinander verbinden, weder Notwendigkeit noch Pflicht, sondern zerbrechlich sind und zerbrechen können - wenn man nicht sogar soweit geht, daß es in der Zeit der Kinderaufzucht Liebe überhaupt nicht gegeben hat. Doch anzunehmen, daß es die Liebe nicht oder nicht mehr gibt, heißt das nicht, daß sie ihrem Wesen nach etwas Zufälliges, etwas Mögliches ist, aber nichts Sicheres?

Wer würde hier nicht an die „tierische Gesellschaft“ denken? Denn mag der von Rousseau beschriebene Naturzustand auch nur eine Arbeitshypothese sein, so ist die Beziehung des Tierweibchens zu seinem Jungen sehr wohl Realität. Diese animalische Beziehung, die man so gern beschwört und zuweilen sogar den Frauen als Modell vorhält, löst sich, wenn die Zeit dazu gekommen ist, stets auf. Wenn das Junge entwöhnt ist und die Zitzen des Weibchens leer sind, dann geht das Junge und verläßt das Muttertier, von dem es seine Milch bekommen hat, für immer. Es fällt keinem ein, dagegen zu protestieren, denn darin äußert sich - im Tierreich - die wahre Stimme der Natur.

Es ist also einigermaßen ungeschickt, das Tier und die Natur als Modelle für menschliches Verhalten heranzuziehen. Desgleichen ist es in sich widersprüchlich, von entarteten („denaturierten“) Kindern oder Eltern zu sprechen, wenn die einen die anderen im Stich lassen. Waren all die Eltern des 17. und 18. Jahrhunderts, die ihre Kinder fremden Händen überließen, entartet oder amoralisch? Und bestand nicht ihr hauptsächlicher Fehler lediglich darin, daß sie sie zu frühzeitig abgaben?

Doch Rousseau setzt nicht den Menschen mit dem Tier gleich, und wenn das Zerreißen der Bande auch denkbar ist, so ist es doch nicht die einzige Möglichkeit. Das Kind des Menschen kann wieder Bande anderer Art zu seinen Eltern knüpfen. Das sind dann nicht mehr natürliche Bande, sondern freiwillige, das heißt bewußt und frei gewählte, zufällige und nicht mehr notwendige Bande. In der Sichtweise des Gesellschaftsvertrages stellt Rousseau sich vor, daß, wenn der Augenblick gekommen ist, jedes Mitglied der Familie entscheidet, ob es Beziehungen zu den übrigen haben will oder nicht. Diese freie Entscheidung ist so etwas wie ein stillschweigender Pakt, eine Übereinkunft, welche die Angehörigen der künftigen, neuen Familie untereinander treffen. Im Zweiten Diskurs folgert Rousseau: „Jede Familie wurde eine Gesellschaft im kleinen. Sie war um so inniger, weil gegenseitige Zuneigung und Freiheit ihre einzigen Bande waren.“ Von diesem Augenblick an ist die Familie kein natürlicher Verband mehr, sondern ein freiwilliger Zusammenschluß, nicht anders als eine politische Gemeinschaft, die auf gegenseitigen Abmachungen beruht.

Dieses zweite Stadium der Familie, wie Rousseau es sich ausmalt, gibt uns einiges zu denken. Wie hat man sich das konkret vorzustellen, daß die ursprünglichen, natürlichen Bande zerreißen und anschließend freiwillig und rational neue Bande geknüpft werden? Wie ist es möglich, mit den alten Gewohnheiten, mit der Liebe und dem Haß, die sich während der ersten Lebensjahre tief eingewurzelt haben, radikal Schluß zu machen? Ist das, was Rousseau uns beschreibt, nicht eine ideale Lösung, ja beinahe ein Mythos? Dem Menschen des 20. Jahrhunderts, der ein Unbewußtes hat und an einer Reihe von Verboten trägt, ist es nicht möglich, die Bande, die ihn mit seinen Eltern verbinden, nacheinander zu zerreißen und dann wieder auf anderen Grundlagen neu aufzubauen, weil die erste Lebensetappe die spätere allzu tief prägt. Man kann nicht einmal den (durch die Zurückweisung der Eltern charakterisierten) Übergang von der Adoleszenz zum Erwachsenenalter mit dem Rousseauschen zweiten Stadium in Beziehung bringen. Nach unserer gegenwärtigen Auffassung hat nämlich das Kind in Wirklichkeit nicht die Freiheit der Wahl, weil das Uber-Ich mit seinem Gefolge von Schuldgefühlen so mächtig ist. Anders bei Rousseau: Gerade die Freiheit, auch Nein sagen zu können, verleiht der neu angeknüpften Beziehung ihren Wert. Diese ideale Wiederversöhnung zwischen gleichberechtigten Menschen, die ihre früheren Streitigkeiten um ihrer gegenwärtigen Freundschaft willen vergessen, ist - auf der emotionalen Ebene - das Symbol der perfekten politischen Gemeinschaft. Dank der familiären Übereinkunft hat man seine Familie nicht einfach hinzunehmen, sondern man wählt sie. Was für das Mitglied des Familienverbandes gilt, gilt auch für den Bürger der politischen Gemeinschaft: Beide sind frei, sich zusammenzutun, und frei fortzugehen.

Die Darstellung im Gesellschaftsvertrag wirft ein neues Licht nicht nur auf den Status des Vaters, sondern auch auf den des Kindes. Mit dem ersten Satz seines Buches: „Der Mensch ist frei geboren“ stellte Rousseau die Freiheit als eine unzerstörbare Gegebenheit des menschlichen Wesens dar. Zugleich schrieb er dem Vater wie dem Sohn ein gleichartiges Wesen zu. Das Kind ist danach ein potentiell freies Geschöpf, und die eigentliche Aufgabe des Vaters besteht darin, die Verwirklichung dieser noch schlummernden Freiheit zu ermöglichen. Ein Kind zu erziehen heißt, aus einem zeitweilig schwachen und seiner selbst nicht mächtigen Wesen eine Person zu machen, die ebenso selbständig ist wie ihre Eltern: den Sohn ebenso selbständig wie seinen Vater, die Tochter ebenso selbständig wie ihre Mutter.

Leider hören Rousseaus Logik und Reformismus an den Grenzen des Geschlechts auf. Die Frau bleibt für ihn ein auf den Mann bezogenes Individuum. Wir werden noch sehen, wie Sophie erzogen wird, um die Wünsche Emiles und die Bedürfnisse ihrer Kinder zu befriedigen. Aber wenn Rousseaus Auffassung von der in ihrer Rolle als Gattin und als Mutter eingeschlossenen Frau sich auch für lange Zeit durchsetzte, so machten sich dennoch andere Stimmen vernehmbar, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist …

In Le Systeme Social bringt Holbach, der Montesquieu näher steht als Rousseau, die untergeordnete Stellung, in der die Frau gehalten wird, als erster mit der Erziehung in Zusammenhang, die man ihr zuteil werden läßt. Er denunziert die „Spielzeug-Frau“, welche die Männer sich zu ihrem Vergnügen und um ihre Macht zu genießen zurechtgemacht haben: „Man bietet ihnen nichts als Abgeschmacktheiten und Nichtigkeiten, man gestattet ihnen nur, sich mit Spielereien, Moden und Schmuck zu befassen.“ Die Frau ist nichts anderes als ein Geschöpf des Mannes, in dem doppelten Sinne, daß sie von dem Manne und für den Mann geschaffen ist. Zu jener Zeit hat der Mann die Frau noch nicht als die hingebungsvolle Mutter seiner Kinder erfaßt. Noch einen Augenblick Geduld, und es ist soweit ...

Was Voltaire betrifft, so entwickelt er einen vermittelnden Gedankengang, der Rousseaus Ideologie mit der Montesquieus oder Holbachs in Einklang zu bringen versucht. Er meint, eine solide Erziehung der Frauen würde diese noch stärker dazu bestimmen, gute Mütter und gute Ehefrauen zu sein. Je stärker eine Frau sich intellektuell entfalte, um so anziehender würden für sie die häuslichen Pflichten. Allerdings klingt der Erbe Molières und Komplize Rousseaus hindurch, wenn er sagt: „Eine Frau, welche die Pflichten ihres Standes vernachlässigen würde, um die Wissenschaften zu pflegen, wäre freilich verdammenswert“ …

Die lesenden Frauen waren in ihrer Mehrheit rousseauistisch, selbst jene, die sich anheischig machten, Funktionen auszufüllen, welche ihr Idol mißbilligt hätte. Madame Roland und Olympe de Gouges waren nicht, gleichgültig, was sie selbst davon dachten, die Enkelinnen Rousseaus. Die Revolution, rousseauistischer als sie selbst, richtete sie hin, weil sie nach der Macht gestrebt und es abgelehnt hatten, mit der Rolle der Gattin und Mutter vorlieb zu nehmen. Nichts ist in dieser Hinsicht beredsamer als der Bericht von der Exekution Madame Rolands in der Zeitung Feuille du Salut Public: „Die Frau Roland, ein Schöngeist mit hochfliegenden Plänen und eine Philosophin, die wenig hinterlassen hat  ..., war ein Ungeheuer in jeder Hinsicht ..., sie war Mutter, doch sie hatte die Natur vernachlässigt, indem sie sich über sie erheben wollte; der Wunsch, eine Gelehrte zu sein, brachte sie dazu, die Tugenden ihres Geschlechts zu vergessen, und dieses stets gefährliche Vergessen ließ sie schließlich auf einem Schafott enden.“

Wenn sich die Stellung der Frau im 18. Jahrhundert und selbst während der französischen Revolution nicht nennenswert geändert hat, so hat sich doch die Stellung der Ehefrau und Mutter gehoben. Gegen Ende des Jahrhunderts scheint sich das Verhalten des Ehemanns gegenüber seiner Frau in Theorie und Praxis nicht nur bei den besitzenden Klassen, sondern auch bei den einfachsten Bürgern zu ändern. Füir diesen Wandel gibt es vor allem zwei Gründe. Zurn einen die neue Mode der Liebesheirat, welche aus der Gattin eine liebevolle Gefährtin macht, zum anderen wollen die verantwortlichen Männer, daß die Frauen innerhalb der Familie und vor allem bei ihren Kindern eine bedeutendere Rolle einnehmen. Die Enzyklopädie betonte, wie wir gesehen haben, daß die sogenannte väterliche Gewalt in Wirklichkeit mit der Mutter geteilt wird. Es fiel daher immer schwerer, die Autorität des Gatten über die Ehefrau wie die unumschränkte Gewalt des Souveräns über seinen Untertan aufzufassen und die Frau so zu behandeln, wie man einst sein Kind behandelt hatte.

Zwar hat das 18. Jahrhundert nicht die reale Gleichheit von Mann und Frau sanktioniert, doch hat es den Status der Ehefrau beträchtlich dem ihres Mannes angenähert. Das liegt nicht allein an der wachsenden Bedeutung, die dem Kind in der Gesellschaft eingeräumt wird, sondern zu einem großen Teil auch an einer wahren Obsession der Aufklärungsphilosophie: dem Streben nach Glück, dem rasch die Aufwertung der Liebe folgt. Diese beiden neuen Werte kommen wie gerufen, um die Angleichung zwischen den Ehegatten und auch die zwischen Eltern und Kindern zu festigen. Insofern ist das Streben nach dem Glück in der Familie ein bedeutsamer Schritt in der Entwicklung zur Gleichheit.“

 

Streben nach Glück

 

„In einem Brief an die Präsidentin de Bernière schreibt Voltaire: „Das große und das einzige Anliegen, das man haben soll, ist, glücklich zu leben.“ Was jetzt zählt, ist nicht mehr so sehr die Vorbereitung auf das künftige Leben der Seele als vielmehr die möglichst angenehme Organisation des irdischen Lebens. Philosophieren heißt nicht mehr, sterben zu lernen, sondern zu lernen, hier und jetzt zu leben. Das ganze 18. Jahrhundert wird immer wieder dieses Thema aufgreifen, das sich, wie R. Mauzi sagt, „zu einer Obsession“ auswächst. Ausgehend von dem Postulat, daß der Mensch dazu da sei, um glücklich zu sein, blieb den Denkern der Aufklärung nur noch, dafür die Bedingungen zu finden.

Die Enzyklopädie drückt in ihrem Artikel über das Glück sehr gut die neue Ideologie aus, wenn sie zu beweisen sucht, daß auch die Religion den Menschen das wahre Glück bringe. Man läßt nicht mehr wie einst das ewige Heil von den irdischen Prüfungen abhängen, sondern behauptet, daß „die Natur uns allen ein Gesetz unseres eigenen Glücks gemacht“ habe. Gott hat den Menschen nur in die Welt gesetzt, um ihm, während er auf die ewige Seligkeit wartet, ein Glück zu bieten, das seiner gefallenen Natur entspricht. Aus den Worten des Abbé de Gourcy hat R. Mauzi geschlossen, daß sich ein neuer Christenglauben ausbreitete, der zu einem zweistufigen Hedonismus verwässert war. Von nun an ist die Kontinuität vom irdischen bis zum ewigen Glück vollkommen. Schmerz und Leid sind keine notwendigen und unmittelbaren Gegebenheiten des Daseins mehr.

Diese allgemeine Idee beherrscht das 18. Jahrhundert, in dem nicht weniger als fünfzig Abhandlungen über das Glück erscheinen. Es wird in allen Zirkeln und in allen Büchern behandelt, und Stanislaus Leszczynski bestätigt, daß „die Gespräche in den Vereinigungen sich nur um das Glück und das Unglück drehen“. Doch mit dem Glück befaßt man sich nicht nur in den vornehmen Salons; man spricht darüber ebenfalls zu den Schlichtesten und Ungebildetsten. Wenn ein Landpfarrer seine Schäfchen zu Tugend und Arbeit ermahnen will und das tragische Thema der Höllenfeuer, das nicht immer die erhofften Resultate bringt, erschöpft hat, greift er nicht selten auf ein verlockenderes Thema zurück. Er erklärt ihnen ganz einfach, daß man seine Pflicht tun muß, um in dieser Welt glücklich zu sein.

Wenn man während des 18. Jahrhunderts lang und breit über die Definition und die Bedingungen des Glücks diskutierte, so war man sich im ganzen doch über eine Theorie des vernünftigen Glücks einig. Ein gesunder Körper, ein ruhiges Gewissen, eine befriedigende Stellung - das ist es, worauf der vemünftige Mensch hoffen darf. Wenn aber das Glück in dieser Welt möglich ist, dann hat es vor allem im familiären Kleinverband seinen Platz. Deshalb wird das Streben nach Glück spürbar die familiären Einstellungen beeinflussen; es erklärt ihre Entwicklung ebenso, wie es teilweise den Wandel der politischen Ideologie verständlich macht.

Das Glück ist nicht mehr eine bloß individuelle Angelegenheit. Man hofft, es zunächst zu zweit zu verwirklichen, solange man es noch nicht mit allen erleben kann. Damit die Beziehungen zwischen Ehegatten und Kindem glücklich seien, müssen sie, so entdeckt man im 18. Jahrhundert, auf Liebe gegründet sein - nicht auf die aus leidenschaftlichem und launischem Begehren erwachsene Liebe, die Höhen und Tiefen, Leiden und Freuden kennt, sondern auf jene freundschaft!iche Liebe, die wir heute Zärtlichkeit nennen.

Der Bürger, sagt R. Mauzi, wird zum „glücklichen Bewohner dieser Welt“, weil er den Traum des Jahrhunderts verwirklicht, mühelos Neigung und Pflicht in Einklang zu bringen. Er liebt die Ordnung und die Harmonie, die er unmittelbar lebt. Zweifellos ist er, wie Mauzi bemerkt, nicht für alle Arten des Glücks geschaffen. Er kennt von der Liebe nur die eheliche Hingabe, die sich auch auf seine Kinder erstreckt. Aber das genügt ihm, und er schließt es sorgsam in seinem Heim ein, fern von Versuchungen und Zerstreuungen.

Im 18. Jahrhundert vollzieht sich also ein Sittenwandel, der zum erstenmal nicht von der Aristokratie ausgeht, sondern von der neuen, aufsteigenden Klasse. Seit Beginn des Jahrhunderts verstärken die kirchlichen Moralvorschriften diesen Wandel. Sie bestätigen, daß die Frau sich im Ehealltag nach und nach teilweise von der Vormundschaft des Gatten befreit hat. Flandrin bemerkt dazu, daß die Unterordnung unter den Gatten, zu Beginn des 17. Jahrhunderts von Benedicti und Toledo noch ausdrücklich hervorgehoben, während des 18. Jahrhunderts, etwa in dem Handbuch von Antoine Blanchard, nicht mehr betont wird.

In Sprichwörtern und Volksliedern ändert sich der Ton, und es werden sogar traditionelle Motive auf den Kopf gestellt. So wird nicht mehr empfohlen, seine Frau zu schlagen. Die Vorstellung vom prügelnden Ehemann schickt sich einfach nicht mehr, zumindest bei den Bürgern. Eine solche Haltung gilt im Gegenteil als Barbarei. Man muß, heißt es jetzt, „der Kamerad seiner Frau und der Herr seines Pferdes sein“.

Die Frau wird nicht mehr mit der Schlange aus der Schöpfungsgeschichte oder mit einer verschlagenen und teuflischen Kreatur gleichgesetzt, die es zur Ordnung zu rufen gilt. Sie wird zu einer sanften und vernünftigen Person, von der man Verständigkeit und Nachsicht erwartet. Aus Eva wird ganz unmerklich Maria. Die Neugierige, Ehrgeizige, Kühne verwandelt sich in ein bescheidenes und vernünftiges Geschöpf, dessen Ambitionen nicht über die Grenzen des Heims hinausreichen.

Der Wandel der Sitten ist auch an der Sprache abzulesen. Im 18. Jahrhundert scheint die freundschaftliche Liebe Zärtlichkeit und sogar ein gewisses Streben nach Lust zu beinhalten. Verständlich wird das nur, wenn man berücksichtigt, daß sich eine neue Vorstellung von der Ehe ausbreitet.

Die von zwei Familien arrangierte Eheschließung wird gegen Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr zum Ärgernis, weil sie die Vorlieben und Neigungen der betroffenen Individuen übergeht. Eine solche Eheschließung, die die menschlichen Gefühle gering achtet, wird, wie Flandrin sagt, mit einer Art von Entführung gleichgesetzt. Eine solche, im Namen sozioökonomischer Maßstäbe aufgezwungene Verbindung scheint den beiden neuen Rechten zu widersprechen: dem Recht auf Glück und der individuellen Freiheit. Wir werden nicht so weit gehen zu sagen, daß die Preziösen die Schlacht gegen die alte Ehe gewonnen haben. Doch man legt mehr Wert darauf, materielle lnteressen und Glück miteinander in Einklang zu bringen. Man tut sogar so, als würde man den materiellen Voraussetzungen der Eheschließung nicht allzuviel Bedeutung beimessen. Man trägt, wie im Ehekontrakt Balzacs, dafür Sorge, das Wesentliche durch Notare aushandeln zu !assen. Madame Evangelista verkauft ihre Tochter für eine unangemessene Summe, weil der Zukünftige, Paul de Manerville, in sie verliebt ist. Alle geschäftlichen Fragen werden also, zumindest dem Anschein nach, in Abhängigkeit von den Gefühlen, die man empfindet, geregelt.

Bei dieser neuen  Eheschließung steht die Freiheit der Gattenwahl ebenso dem jungen Mann wie dem jungen Mädchen zu. Voltaire schreibt bereits 1749 ein Stück – Nanine -, in dem er sich nicht scheut, die diesbezügliche Freiheit seiner Heldin zu proklamieren. Er läßt sie sagen: „Meine Mutter hat mich würdig befunden, selber zu denken und selbst einen Ehemann zu wählen.“ Und im Vorwort zur Hochzeit des Figaro denunziert Beaumarchais die alte, traditionelle EheschlieBung, „bei der die Großen ihre Kinder mit zwölf Jahren verheirateten und die Natur, den Anstand und den Geschmack den allergemeinsten Konventionen unterwarfen …, ihr Glück interessierte niemand“.

Für die Frauen erschütterte dieses neue Recht auf Liebe den Autoritarismus, der sie ihr Leben lang in Unterwerfung hielt. Denn mit der Gewährung dieses einfachen Rechts erkannte man an, daß es sie so zu erziehen galt, daß sie eher befähigt waren, besser zu urteilen. Jetzt gilt es, das junge Mädchen zu befähigen, „selber zu denken“. Dazu, schrieb Voltaire, sei es nötig, es aus dem Kloster zu holen, in dem er eine wahre Verdummungsanstalt sah, die dem jungen Mädchen das Verlangen eingebe, es mit dem Erstbesten zu verlassen: „Sie kommen kaum aus Ihrem Gefängnis heraus, um schon einem Unbekannten verlobt zu werden, der Sie gerade am Sprechgitter erspäht hat: Wer er auch sei, Sie sehen in ihm einen Befreier, und Sie schätzen sich, wäre er auch ein Affe, überglücklich: Sie geben sich ihm hin, ohne ihn zu lieben. Dies ist ein Geschäft, das man macht, ohne Sie zu fragen, und bald danach bereuen es beide Seiten.“

Man rät deshalb immer stärker dazu, die Mädchen zu Hause aufzuziehen, unter einigermaßen glücklichen Bedingungen, damit sie nicht danach drängen, den Verhältnissen um jeden Preis zu entfliehen.

Dieses Recht auf eine auf wechselseitiger Freiheit beruhende Liebe war die beste erdenkliche Einführung in die Gleichheit der Ehegatten. Wie konnte der neue Ehemann seine Frau weiterhin als minderwertig behandeln, wenn die neue Heloise feierlich verkündet, die Ehe sei die Verbindung zweier Wesen, die sich in Freiheit wählen und verbinden?

Die in der Wahl des anderen zum Ausdruck gekommene Freiheit muß logischerweise im gemeinsamen Leben weiterbestehen. Die anfängliche Gleichheit muß dem Eheleben unfehlbar eine andere Färbung geben. Wenn eine Frau genügend Urteilskraft besessen hat, um ihren Lebensgefährten zu wählen, kann man sie da anschließend behandeln, als besäße sie überhaupt kein Urteil?

Auf Freiheit gegründet, wird die neue Ehe zum bevorzugten Ort des Glücks, der Freude und der Zärtlichkeit. Ihre Krönung: die Fortpflanzung. In dem Artikel, den die Enzyklopädie Locke widmet, kann man lesen: „Ich will, daß der Vater und die Mutter gesund sind, daß sie zufrieden sind, daß sie fröhlich sind und daß der Augenblick, da sie sich anschicken, einem Kind das Dasein zu schenken, derjenige ist, da sie mit ihrem eigenen Dasein aufs äußerste zufrieden sind.“ Ist das nicht ein ganz eindeutiges Loblied auf die in ihrer Totalität erfaßte Liebe? Ist es doch eine Huldigung nicht nur an die Zärtlichkeit, sondern auch an das Begehren und an die Sinnlichkeit, denen man in der Familie endlich Bürgerrecht gewahrt.

Die Fortpflanzung ist eine der Annehmlichkeiten der Ehe; ist es da nicht ganz natürlich, daß man deren Früchte liebt? Wenn die Gatten einander frei gewählt haben, wird sich die Liebe, die sie füreinander empfinden, ganz natürlich in ihrer Nachkommenschaft konkretisieren. Die Eltern werden ihre Kinder um so mehr lieben, und die Mütter werden sich, so sagt man, spontan und freiwillig ihnen zuwenden. Das besagt zumindest die neue Ideologie, zu deren hervorragendsten Vertretern Rousseau gehörte.

Aus dieser Sicht rühmt man endlos die Freuden der Mutterschaft, die nicht mehr eine auferlegte Pflicht ist, sondem die beneidenswerteste und angenehmste Tätigkeit, die eine Frau sich erhoffen darf. Es wird als eine erwiesene Tatsache hingestellt, daß die neue Mutter ihr Kind um ihres eigenen Vergnügens willen stillen wird und als Lohn dafür eine unendliche Zärtlichkeit empfangen wird. Die Eltern werden sich zunehmend für das Glück und das Unglück ihrer Nachkommenschaft verantwortlich fühlen. Diese neue Verantwortung der Eltern, die man bereits bei den katholischen und protestantischen Reformatoren seit dem 17. Jahrhundert antraf, wird während des ganzen 19. Jahrhunderts immer deutlicher betont. Sie wird im 20. Jahrhundert durch die psychoanalytische Theorie ihren Höhepunkt erreichen. Wenn das 18. Jahrhundert - soviel kann man jetzt schon sagen - den Gedanken der elterlichen Verantwortung aufbrachte, so hat das 19. Jahrhundert ihn voll aufgenommen und dabei die Verantwortung der Mutter hervorgekehrt, während das 20. Jahrhundert den Begriff der mütterlichen Verantwortung in den Begriff der mütterlichen Schuld umwandelte.

E. Shorter hat die neue Familie sehr gut und knapp charakterisiert, wenn er von einer „Gefühlseinheit“ oder auch von der „Nestwärme“ spricht, die den Mann, die Frau und die Kinder einhüllt. Es entsteht die moderne Kernfamilie, die nach und nach die Mauer um ihr Privatleben errichtet, um sich vor jeder möglichen Einmischung der Gesellschaft zu schützen: „Die Liebe löst das Paar aus der Gesellschaft heraus und aus der Kontrolle, welche diese früher ausübte. Aus der mütterlichen Liebe entsteht die Nestwärme, in die die Familie sich einkuschelt.“

Die Bande der Familie werden enger, und man zieht sich auf sich selbst zurück. Jetzt schätzt man die Intimität, die kleinen, gemütlichen Stadthäuser, die selbständigen Wohnungen mit separatem Eingang, die eine größere Vertraulichkeit erlauben. Eltern und Kinder finden sich, vor äußeren Belästigungen geschützt, im Eßzimmer zusammen, sitzen zusammen vor dem Kaminfeuer.

So wird zumindest die Familie in der Literatur und Malerei des ausgehenden Jahrhunderts geschildert. Moreau le Jeune, Chardin, Vernet und andere gefallen sich darin, die Interieurs dieser friedvollen Häuser und deren Bewohner darzustellen. Man rühmt allerorten die herzliche Vertrautheit, die darin herrscht, und man verkündet, daß die Familie revolutioniert worden sei. Lassen wir als Zeugen den Doktor Louis Lepecq de la Cloture über seine kleine Stadt Elbeuf im Jahre 1770 zu Wort kommen: „Hier herrscht in den Familien die Eintracht und jene wahre gegenseitige Fürsorge, mit der man gleichermaßen die Leiden und die Freuden des Haushalts miteinander teilt, Treue zwischen den Ehegatten, Zärtlichkeit bei den Vätern, Respekt bei den Kindern und innige häusliche Verbundenheit.“ Dasselbe bezeugen auch die von Shorter zitierten napoleonischen Präfekte. Der Präfekt des Indre, Dalphonse, erklärt, in seinem Departement sei „die Ehe kein Joch; sie ist nichts als liebenswürdiger, gegenseitiger Erweis von Fürsorglichkeit, von Zärtlichkeit“. Der Präfekt von Savoyen, Verneilh, bekräftigt, bei ihm seien „der Ehemann der Ehefrau und die Mutter ihren Kindern nähergerückt; alle haben das Bedürfnis empfunden, einander gegenseitig zu unterstützen und sich Trost zu verschaffen ..., indem sie sich häuslichen Besorgungen widmen, die sie früher verachtet hätten.“

In Wirklichkeit erscheint uns dieses idyllische Bild der neuen Familie recht optimistisch. Ungeachtet der Maler und der rührenden literarischen Äußerungen läßt sich nur mit Mühe feststellen, daß Väter und Mütter sich für ihre Kinder interessieren oder gar aufopfern. Der langwierige Kampf für das Stillen durch die Mutter beginnt erst, und seine Anhänger sind von einem Sieg noch weit entfernt. Sie führen ihre Argumente an, doch die Frauen, die den Anschein erwecken, als würden sie interessiert zuhören, sind nicht ohne weiteres bereit, jene bewundernswerten Mütter zu sein, die zu spielen man sie anfleht.

Die Philosophie des Glücks und der Gleichheit spielte gewiß eine nicht zu übersehende Rolle im Wandel der Einstellungen, doch traf sie nur auf ein begrenztes Publikum, und sie schien das, was noch zu leisten war, als eine feststehende Tatsache zu betrachten. Was sie verkündete, war um so verlockender, als es lediglich Versprechungen und Empfehlungen, aber keinen Zwang enthielt. Nun war jedoch das Überleben der Kinder in den Augen der herrschenden Klasse zu einem vorrangigen Problem geworden, das mit den mehr oder weniger beruhigenden Worten über Glück und Liebe nicht zu lösen war.“

 

Pflichten der Frauen zu allen Zeiten

 

„Mit einem ganz anderen Diskurs wendet sich der Staat an die Frauen, und zwar vermittelt durch seine Agenten, die ihnen am nächsten stehen. Da der Erfolg der Operation von den Frauen abhängt, werden sie nunmehr zu den bevorzugten Gesprächspartnern der Männer. Sie werden daher zu „Verantwortlichen für die Nation“ erhoben, denn einerseits braucht die Gesellschaft sie und sagt ihnen das auch, und andererseits gemahnt man sie an ihre mütterliche Verantwortung. Man fleht sie an und weckt zugleich Schuldgefühle.

Gewiß haben schon seit Beginn des Jahrhunderts verschiedene Ärzte den Müttern empfohlen, ihre Kleinkinder selbst zu stillen, und andere die Ammen getadelt. Doch erst mit der Veröffentlichung des Emile im Jahre 1762 beginnt die aufgeklärte Öffentlichkeit sich zu regen. Rousseau nahm kein Blatt vor den Mund: „Vorn Bemühen der Frauen hängt die erste Erziehung der Männer ab; von den Frauen hängen außerdem ihre Sitten ab ... Die Männer zu erziehen, wenn sie jung sind, sie zu umsorgen, wenn sie groß sind, sie zu beraten, sie zu trösten …, das sind die Pflichten der Frauen zu allen Zeiten.“

Diese Worte müssen offenbar den Vorzug gehabt haben, etwas Neues zu sein, denn sie wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein häufig wiederholt. Im Jahre 1775 wundert sich der schottische Arzt Buchan in seinem hausmedizinischen Ratgeber Traite de medicine domestique, der sich an die Adresse  der Frauen wendet,  darüber, daß diese sich ihres Einflusses und ihrer Verantwortung noch nicht bewußt geworden seien: „Wenn die Mütter über ihren großen Einfluß in der Gesellschaft nachdenken würden, wenn sie sich davon überzeugen lassen wollten, dann würden sie jede Gelegenheit ergreifen, um sich über die Pflichten zu unterrichten, welche ihre Kinder ihnen abverlangen  ... Durch sie sind die Männer gesund oder krank; durch sie sind die Männer nützlich in der Welt oder werden zu Plagen der Gesellschaft.“

Offenbar hatte die Bewußtwerdung noch nicht stattgefunden, doch das Thema des weiblichen und mütterlichen Einflusses war in Mode, denn gegen Ende dieses Jahrhunderts erschienen darüber alle möglichen Broschüren. Alle haben ein Wort mitzureden: Ärzte, Moralisten, Philanthropen, Administratoren und Pädagogen, nicht zu vergessen die Polizeileutnants von Paris und Lyon. Jeder wiederholt unermüdlich dieselben Argumente, um die Frauen davon zu überzeugen, daß sie sich persönlich um ihre Kinder kümmern.

Denn wenn auch ein gewisser, nicht sehr zahlreicher Frauentyp für die Thesen Rousseaus empfänglich war, so gingen doch die Überzeugung und das theoretische Akzeptieren nicht bis zur Umsetzung dieser neuen Theorien in die Praxis. Die Mühe, die man ihnen abverlangte, muß den Frauen noch allzu groß erschienen sein, als daß sie sich sogleich an die Arbeit gemacht hätten ... Es bedurfte noch mehrerer Jahrzehnte und vieler Plädoyers, Predigten und Anschuldigungen, bis die Frauen sich endlich entschlossen, „ihre Mutterpflichten zu erfüllen“.

Mehr als ein Jahrhundert lang wurden ständig und übereinstimmend dreierlei Argumente benutzt, die man folgendermaßen zusammenfassen kann: „Meine Darnen, wenn Sie auf die Stimme der Natur hören, werden Sie belohnt werden, wenn Sie sie aber mißachten, wird sie sich rächen, und Sie werden bestraft werden.““

 

Zurück zur Natur

 

„Das erste dieser Argumente, das im 18. Jahrhundert sehr im Schwange war, bezieht sich auf die Rückkehr zur Natur. Lange vor Rousseau, dessen diesbezügliche Theorien bekannt sind, haben sich seit der Antike Moralisten gefunden, die die Frauen daran erinnerten, „was die Natur verlangt“. Wie es scheint, war Plutarch der Initiator der ersten moralischen Bewegung zugunsten des Stillens durch die Mutter. Daraus kann man entnehmen, daß schon damals zumindest ein Teil der Frauen nur widerwillig seine Pflicht erfüllte. Wie hätte er sonst derart nachdrücklich betonen können, daß die Frau deshalb „Brüste“ hat, damit sie ihr Kind stillt?

Bei allen Verfechtern des Stillens durch die Mutter - von Plutarch über Favorinus, Erasmus und viele andere bis hin zu Doktor Brochard (Ende 19. Jahrhundert) - stößt man unfehlbar auf ein Bekenntnis des Glaubens an die Natur: „Die Natur verlangt, daß die Mutter ihr Baby stillt.“ Ihr nicht zu gehorchen, ist in moralischer Hinsicht schlecht und in physischer Hinsicht verkehrt. Bei all diesen Moralisten schimmert hindurch, daß sie das „göttliche Gesetz“ meinen, wenn sie vom „Gesetz der Natur“ sprechen. Und es tut nicht gut, Gott den Gehorsam zu versagen …

In seiner Histoire naturelle räumt Buffon diesen Zeugnissen viel Platz ein. Er untersucht die Gebräuche der verschiedenen exotischen Völker aufs genaueste und verdammt die Praxis der Saugammen in Grund und Boden. Das Journal des Savants macht es sich 1763 zur Aufgabe, alle einschlägigen Werke zu rezensieren. Roulin kann sich 1769 nicht genug tun, die Sitten der „Wilden“ zu rühmen. Alle verdienen seine Bewunderung: Afrikaner, Amerikaner, Brasilianer ... Er kommt zu dem Schluß, daß die Kinder dieser Völkerschaften glücklicher sind als die unseren, weil ihre Mütter gesunde Frauen sind, die eine der Schwangerschaft und der Stillzeit entsprechende Lebensweise befolgen. Gerührt äußert er sich über die sanftmütigen und in ihrer Zärtlichkeit beständigen mexikanischen Frauen: „Sie leben ständig von denselben Nahrungsmitteln, ohne deren Zusammensetzung zu verändern, während sie ihre Kinder mit ihrer Milch ernähren. Gewöhnlich dauert das vier Jahre.“

Im Jahre 1778 ist es an dem Polizeileutnant Prost de Royer, die Gebräuche der Wilden zu rühmen, um die unseren um so heftiger zu brandmarken. Es versetzt ihn in Entzücken, daß die „wilde“ Frau in der glühenden Wüste und in den nordischen Eismassen niederkommt, daß sie ihr Baby tagtäglich in eisigem Wasser badet, daß sie es, während sie es stillt, an ihrer Brust wieder aufwärmt. Und er schließt: „Der Wilde ist größer, besser gebaut, besser organisiert, gesünder und robuster, als er es wäre, wenn man die Natur in ihrem Gang aufgehalten hätte“, wobei zu ergänzen wäre: wie bei uns. Was Prost nicht erwähnt, ist, daß sich die natürliche Auslese voll ausgewirkt haben muß. Von der Kindersterblichkeit bei den Wilden weiß man nichts, doch ist zu vermuten, daß bei einer solchen Lebensweise nur die Stärksten überlebten.

Den Frauen unzivilisierter Gegenden verwandt, wurden die Frauen der alten, barbarischen Zeiten gleichfalls aufs Podest erhoben. Der nämliche Prost spricht mit bewegten Worten vom Gewicht der Waffen der alten Römer und von der Größe der Gräber der Gallier, die von der gewaltigen Kraft und von der beeindruckenden Größe unserer Vorfahren zeugen. Hieran ist deutlich „der Niedergang der menschlichen Gattung in unserem verderbten und zivilisierten Europa“ zu ermessen. Im Jahre 1804 verwendet der Arzt Verdier-Heurtin nicht weniger als elf Seiten, also mehr als ein Zehntel seiner Abhandlung über das Stillen darauf, die Kraft und Gesundheit der alten Hebräer, der alten Griechen, Römer, Germanen und Gallier zu rühmen, die er der Degeneration der kleinwüchsigen, schwächlichen und kränklichen Europäer des 18. Jahrhunderts gegenüberstellt. Nun war es aber bei all diesen barbarischen Völkern so, daß jede Mutter selbst ihre Kinder stillte. Dagegen stellt Verdier-Heurtin fest, daß die Mütter von dem Augenblick an nicht mehr stillen wollten, als diese Völkerschaften zivilisierter, reicher und kultivierter wurden. Es wurden Saugammen in Dienst genommen, und unfehlbar wurden die folgenden Generationen schwächer, und die Rasse degenerierte. Verdier und viele andere zogen daraus den Schluß, daß die großen Nationen vom guten Willen der Mütter abhängig seien. Sie seien die wahrhaft Verantwortlichen für die Stärke und politische Größe der Zivilisationen …

Unsere Moralisten schlossen aus dieser Geschichte auf eine Ähnlichkeit zwischen der Neuzeit und dem Niedergang Roms. All diese aus der alten Zeit entlehnten Beispiele waren jedoch ein zweischneidiges Schwert. Sie zeigten zwar durchaus, daß die Frauen um so mehr stillten, je näher man dem primitiven Zustand kam, doch bewiesen sie zugleich, daß die Mütter jedesmal, wenn sie dazu die Möglichkeit hatten, ihre Kinder fremden Brüsten überließen. So sehr man auch den verderblichen Luxus verdammen mag, es bleibt dennoch eine Tatsache: Je reicher und kultivierter eine Nation ist, desto geringer wird das Interesse der Mütter an ihrem Muttersein …

Wenn man das liest, hat man den Eindruck, daB Gilibert es bedauert daß die Frau mit Vernunft und Willen begabt ist. Die ideale Frau wäre jene, die dem Weibchen am nächsten kommt. Man begreift, warum seit langem die Mehrzahl dieser Humanisten nicht gem sah, dass die Frauen eine Bildung erhalten. Was sie brauchten, waren gute Gebärerinnen ohne Neugier und ohne Ehrgeiz. Da die Vernunft leicht durch Vorurteile korrumpiert wird, ist es besser, wenn die Vernunft derFrauen weiter schläft!“

 

Versprechungen

 

„Beginnen wir mit dem Honig. Um die bestehenden Einwände zu überwinden, machte man den Müttern, die zu stillen bereit waren, fünf Versprechungen. Da die Frauen sich beklagten, daß das Stillen sie ermüde, ihre Brüste in Mitleidenschaft ziehe und ihr Aussehen verschlechtere, stimmte man ein Loblied auf die Schönheit der Ammen an. Manche bewunderten die Frische ihres Teints, andere die Fülle ihres Busens und den Eindruck von Gesundheit, der von ihnen ausgehe. Noch im 19. Jahrhundert behauptet Doktor Brochard, die Dichter, Historiker und Maler hätten die Schönheit der Griechinnen und Römerinnen deshalb gefeiert, weil diese ihre Kinder stillten. Doktor J. Gerard stellt 1904 „die schönen und üppigen Ammen den Modepuppen gegenüber, die mit ihrem gepuderten Gesicht mit 20 Jahren abgezehrt und mit 30 ledern wirken“.

Im 18. Jahrhundert betont man noch stärker als im 19. besonders die Annehmlichkeiten der Mutterschaft. Alle Männer, die sich an die Mütter wandten, waren sich darin einig, daß es keine angenehmere Beschäftigung gebe, als für sein Kind zu sorgen …

Wenn die Frauen weder für das Argument der Gesundheit noch für die Argumente der Schönheit und des Glücks empfänglich waren, kam man noch mit dem Argument des Ruhmes. Rousseau scheute sich nicht, die weibliche Eitelkeit zu kitzeln und den stillenden Müttern „die Hochachtung und Ehrerbietung der Welt ..., das Vergnügen, sich dereinst von ihren Töchtern nachgeahmt und andern zum Beispiele angeführt zu sehen“, zu versprechen. Doktor Brochard versicherte ebenfalls: „Das Kind an der Mutterbrust ist der Ruhm der Mutter.“ Gern zitierte er seinen Kollegen Perrin, der zu betonen pflegte: „Was die Mutter, inmitten der Kinder, die sie stillt, ihnen an Fürsorge und Opfer zuteil werden läßt, gewinnt sie an Würde und Hochachtung.“

Andere, etwa Legouvé, gingen daran, die Rolle der Mutter bei der Fortpflanzung aufzuwerten und die Lehren des Aristoteles zu widerlegen. Nein, sagt er, die Mutter gleicht nicht der Erde, in die man den Samen legt: Sie ist ebenso schöpferisch wie der Vater, auch wenn dieser den „ersten Anstoß“ gibt! Die Mutter wirkt gestaltend, und mit dem Stillen vollendet sie ihre Schöpfung. Neben zahlreichen anderen greift Paul Combes 1908 diesen Gedanken auf und behauptet: „Man kann beinahe sagen, daß jede Frau durch die Mutterschaft am Werk der Schöpfung mitarbeitet“!“

 

Drohungen

 

„Wenn die Mutter sich zu stillen weigert, wird die Natur sich rächen und sie körperlich bestrafen. Diese Strafe umfaßt all jene Krankheiten, von denen die Frauen getroffen werden, die ihre Milch künstlich versiegen !assen. Verschiedene Ärzte zögern nicht zu behaupten, daß die Frauen sogar den Tod riskieren.

Raulin hob die mit der Zurückhaltung der Milch verbundene Gefahr auf zweierlei Art hervor. Zunächst brachte er eine pseudowissenschaftliche Erklärung unter Berufung auf die Mechanik der Flüssigkeiten vor, die im 18.Jahrhundert im Schwange war: Bei der Zurückhaltung der Muttermilch findet diese ihren natürlichen Ausgang versperrt und „ergießt sich unterschiedslos, je nach den Hindernissen, die diese ihr entgegensetzen, in alle Körperteile, wo sie dann unterschiedliche Beschwerden hervorruft“. Jacques Donzelot zieht eine interessante Parallele zwischen dieser Erklärung und der Gefahr, der man sich durch Onanie aussetzt. Doktor Tissot hatte nämlich vor der Verschleuderung des Spermas (dieses „essentiellen Öles, dessen Verlust die übrigen Säfte schwach und schal werden läßt“) durch die Onanie gewarnt, die zwangsläufig alle möglichen Krankheiten heraufbeschwören müsse. In beiden Fällen wird ein kostbarer Stoff „vergeudet“. Ob man nun seine Milch oder seinen Samen vergeudet - die Folgen können tödlich sein. Diese Anwendung der bürgerlichen Moral auf die kostbaren Säfte ist einfach zum Lachen: Jede Verschwendung verdient Strafe!

Raulin begnügte sich nicht mit der wissenschaftlichen Erklärung. Er versuchte außerdem, seine Leserinnen mit dem „unheilvollen Beispiel“ einer gerade niedergekommenen Dame einzuschüchtern, die mit alien Mitteln ihre Milch zurückhalten wollte: „Sie begann zu husten ..., es stellte sich ein schleichendes Fieber ein, ein eitriger Auswurf ..., die Kranke befand sich eindeutig in einem schwindsüchtigen Zustand.“ Der königliche Leibarzt schrieb diese Schwindsucht der Angespanntheit ihrer Nerven und der Verkürzung der Fasern zu. Und was meinen Sie, was aus dieser Unglücklichen wurde? Sie starb schlicht und einfach daran. In medizinischer Hinsicht ist das Beispiel wenig überzeugend, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Dame bereits schwindsüchtig war, bevor sie niederkam, und daß die Zurückhaltung der Milch nichts mit ihrem Tod zu tun hat. In erkenntnistheoretischer Hinsicht ist anzumerken, daß ein Beispiel nicht genügt, um einen gesetzmäßigen Zusammenhang zu erklären. Daß die Dame gestorben ist, berechtigt Raulin nicht dazu, drohend zu verstehen zu geben, daß „wer nicht stillt, stirbt“. In psychologischer Hinsicht ist allerdings die Wirkung unbestreitbar. Es genügt, bei den Leserinnen Verwirrung zu stiften.

Einigermaßen verwunderlich ist, daß das Verschleppen von Erregern durch die Milch, was zu Beginn des  19. Jahrhunderts  tödlich sein konnte, am Ende des Jahrhunderts noch immer als Popanz diente. Ein solches Glanzstück leistet sich jedoch Brochard, der den nicht stillenden Frauen alle möglichen Krankheiten verspricht: „Nasenbluten, Bluthusten, mehr oder weniger hartnäckiger Durchfall, Schweißausbrüche ...“ Ganz zu schweigen von den „akuten und chronischen  Affektionen der Milchdrüsen, den schweren fieberhaften Entzündungen von Gebärmutter und Bauchfell, den Affektionen des Uterus“. Schlimmer noch, Brochard droht diesen „Halbmüttern ... mit Brustkrebs oder gar mit plötzlichem Tod“. Manche seien wie vom Blitz getroffen dahingeschieden, ohne daß man ihnen noch hätte helfen können.

Dieses tragische Bild der Gefahren, die der schlechten Mutter drohen, zeigte, daß die Natur sich grausam an jenen zu rächen wußte, die ihr nicht gehorchten. Nicht nur die Natur ließ die schlechte Mutter dafur büßen. Wenn die Mutter sich zu stillen weigert, wird das von allen übereinstimmend nicht nur als ein Fehler der Ernährungsweise, sondern auch und vor allem als eine Sünde wider Gott, als unmoralische Handlungsweise dargestellt.“

 

Die neue Mutter

 

„Auf all diese eindringlichen und wiederholten Reden reagierten die Frauen unterschiedlich und vor allem zögernd. Es wäre ein Irrtum anzunehmen, die Schriften Rousseaus, der Moralisten und der Mediziner hätten die Gebräuche und Sitten schlagartig verändert. Die meisten Frauen brauchten lange, bevor sie sich dem „Test der Opferwilligkeit“ unterzogen.

Wieder einmal wurde das Verhalten der Mutter durch das Interesse der Frau bestimmt. Zwar wurde das Verhalten der Mutter durchaus von jenen Reden beeinflußt, in denen man die gewichtige Stellung der „guten Mutter“ rühmend hervorkehrte, doch gab es zwei Faktoren, die auf die Entscheidung der Frauen mindestens ebenso großen Einfluß hatten. Das waren zunächst ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten, dann aber auch, je nach ihrer sozialen Stellung, die Hoffnung, innerhalb der Welt der Familie, aber auch innerhalb der Gesellschaft eine lohnendere Rolle zu übernehmen. Die Frau des ausgehenden 18. und vor allem die Frau des 19. Jahrhunderts akzeptierte, je nachdem, ob sie reich, gut situiert oder arm war, mehr oder weniger rasch die Rolle der guten Mutter.

Rousseau hatte, zusammen mit anderen, 1762 gewiß eine kleine Bresche aufgerissen, doch blieben in den Herzen der Frauen noch immer eine ganze Reihe von Festungen einzunehmen; es bedurfte fast eines Jahrhunderts, um den Egoismus und die Gleichgültigkeit der Mütter weitgehend auszumerzen. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein prangerte man die Nachlässigkeit der schlechten Mütter erbarmungslos an …

Seit dem 18. Jahrhundert zeichnet sich allmählich ein neues Bild der Mutter ab, dessen Züge in den folgenden zweihundert Jahren immer deutlicher werden. Die Epoche der Liebesbeweise ist angebrochen. Der Säugling und das Kind werden zu den bevorzugten Objekten der mütterlichen Zuwendung. Die Frau opfert sich bereitwillig auf, damit ihr Kleines an ihrer Seite ein besseres Leben hat.“

 

Abschaffung des Wickelkissens

 

„So ungenau diese Angaben auch sein mögen, sie alle betonen die Fortschritte des Stillens durch die Mutter und die größere Aufmerksamkeit, welche die Mutter ihrem Kind widmet. Immer mehr ist sie bereit, ihre eigene Freiheit zu beschränken, um ihrem Kleinen um so mehr Freiheit zu !assen. So gibt sie nach und nach das traditionell gebräuchliche Wickelkissen auf, in dem der Säugling zwar gefangen war, das ihr aber erlaubte, bequemer ihren Geschäften nachzugehen. Dieselben Männer, die den Frauen befohlen hatten, ihre Kinder zu stillen, hatten ihnen empfohlen, die Wickeltücher abzuschaffen und den kleinen Körper frei zu lassen. Die Leserinnen von Rousseau, Desessarzt, Ballexserd und Gilibert beschlossen, ihre Säuglinge von der „Tyrannei des Wickelkissens“ zu befreien.

In Paris wie in der Provinz begann die Befreiung der Säuglinge gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Wickelkissen „in Straßburg nahezu völlig verpönt“, und in den ländlichen Gebieten verzichteten die höheren Klassen nach und nach darauf. Dagegen zeigen die Informationen, die wir über die benachteiligten Klassen auf dem Lande haben, daß diese die Verwendung des Wickelkissens länger beibehielten und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fast nichts darüber wußten, daß es in der Stadt üblich war, die Kinder frei zu lassen.

Daß die Ärmsten zögerten, ihre Kinder vom Wickelkissen zu befreien, ist sehr verständlich. Frauen, die auf dem Felde oder in der Stadt an der Seite ihres Mannes arbeiteten, Frauen, die keine Hilfe im Haushalt hatten, konnten nicht ständig auf ihre Kleinkinder achtgeben. Sie wußten nichts von den schädlichen orthopädischen Auswirkungen des Wickelkissens, lasen weder Rousseau noch sonst jemanden und hielten sich daher an die traditionelle Praxis, die es ihnen erlaubte, die täglichen Aufgaben zu erfüllen und das Kind allein zu lassen, ohne sich um mögliche Unfälle allzu sehr zu sorgen.

Nicht mehr vom Wickelkissen gefesse!t, kann das Kleinkind andere Beziehungen zur Mutter entwickeln. Von seiner Zwangsjacke befreit, kann es mit ihr spielen, sie anfassen, sie berühren und kennenlernen. Die Mutter hat es leichter, das Kind zu streicheln und zu küssen, während, wie Shorter bemerkt, das eingewickelte Kleinkind unfähig ist, auf mütterliche Zärtlichkeiten zu reagieren. Nachdem dieses Gerüst gefallen ist, werden endlich Zärtlichkeit und körperliche Kontakte zwischen Mutter und Kind möglich …

Die mütterlichen Liebkosungen, die Freiheit des Körpers und die sauberen Windeln zeugen von einer neuen Liebe zum Kleinkind. Um das alles zu leisten, muß die Mutter ihr Leben ihrem Kind widmen. Die Frau tritt hinter die gute Mutter zurück, die von nun an alles daran setzt, ihre Verantwortung auszuweiten. Am Ende dieses 18. Jahrhunderts wird die Aufmerksamkeit der Mutter vor allem durch die Hygiene und die Gesundheit des Kleinkindes gefesselt.

Ihre Pflichten beginnen, sobald sie schwanger ist. Die neue Mutter wird sorgfältig auf die richtige Ernährung achten. Statt fettem Fleisch, pikanten Soßen, Alkohol und schweren Speisen wie früher zieht sie nun leichtere Kost vor, die, wie Rousseau empfiehlt, auf Gemüse, Früchten und Milchprodukten beruht. Nach der Niederkunft wird sie bei dieser Diät bleiben, weil sie nun weiß, daß zwischen ihrer Ernährung und der Qualität ihrer Milch, damit aber auch der Gesundheit ihres Babys ein enger Zusammenhang besteht.“

 

König Kind

 

„Nun ist das Kind König, denn es ist zum kostbarsten aller Güter, zu einem unersetzlichen Wesen geworden. Sein Tod wird jetzt als ein Drama erlebt, das nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater trifft …

Die Gesundheit des Kindes ist zum Hauptgegenstand der elterlichen Besorgnis geworden. Man macht sich große Sorgen um die kleinen Beschwerden der ersten Kindheit, die in nicht unwesentlichem Maß die Kindersterblichkeit beeinflussen, darunter das Zahnen, das mit Fieber, Durchfall und Krämpfen verbunden ist, die Verdauungsstörungen, die sommerlichen Diarrhöen, der Wurmbefall usw. …

Diese väterliche Fürsorge angesichts von harmlosen Erkrankungen verrät einiges über die Besorgnis der Eltern bei ernsthafteren Krankheiten. Dazu zählen die Pocken, die noch in der zweiten Jahrhunderthälfte Verheerungen anrichten, denn jedes zehnte Kind stirbt daran. Die in den Jahren nach 1730 in Frankreich eingeführte Impfung war Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Die aufgeklärtesten Geister gehen mit gutem Beispiel voran: Tronchin, Turgot und der Herzog von Orléans lassen ihre Kinder impfen. Aber die Eltern fragen sich doch, was es mit dieser neuen vorbeugenden Medizin auf sich hat. Bei den höheren Klassen, die sich eine Spritze geben !assen, weil es modern ist, geht man häufig das kalkulierte Risiko der Impfung ein …

Die Entwicklung der Pockenimpfung durch Jenner im Jahre 1796, dank derer das kleine Kind gefahrlos immunisiert werden kann, findet vollends bei den aufgeklärten Eltern Zustimmung. Es bedarf jedoch noch vieler Jahrzehnte und einer eindringlichen Propaganda seitens der Ärzte, der Hebammen und der Behörden, bis auch auf dem flachen Lande die Eltern sich damit abfinden, daß man Gift in das Blut ihrer Kinder einführt …

Die neue Mutter, die sich für die Gesundheit des Kindes verantwortlich fühlt, macht aus ihrer Beunruhigung keinen Hehl und bittet den Arzt in erhöhtem Maße um Rat und Hilfe. Im 19. Jahrhundert macht sich die Gegenwart dieser neuen Persönlichkeit innerhalb der Familie immer stärker bemerkbar. Die Bücher Giliberts, Raulins und Buchans vermögen die Besorgnisse der Mütter nicht mehr zu zerstreuen. Man will die Autorität zu Hause konsultieren können. Die Ärzte nutzten die Gelegenheit und schlossen stillschweigend einen „Sonderbund“ mit der Mutter. Sie gewannen bald eine beträchtliche Bedeutung innerhalb der Familie und machten die Mutter zu ihrer Gesprächspartnerin, Assistentin, Krankenschwester und Erfüllungsgehilfin.“

 

Präsenz und Hingabe

 

„Die Aufsichtspflicht der Mutter ist von unbegrenzter Dauer. Kein Tag, keine Nacht, wo die Mutter nicht liebevoll bei ihrem Kleinen wacht. Gleichgültig, ob es gesund oder krank ist, sie muß wachsam bleiben. Wenn sie einschläft, während das Kind leidet, macht sie sich des größten Verbrechens schuldig, das eine Mutter begehen kann: der Nachlässigkeit.

Die neue Mutter bringt also sehr viel mehr Zeit mit ihrem Kind zu, als ihre eigene Mutter es mit ihr getan hatte. Gerade der Faktor „Zeit“ macht den Unterschied zwischen zwei Generationen von Frauen am ehesten deutlich. Die Frauen der alten Generation „bemerkten“ ihre Nachkommenschaft kaum und widmeten den größten Teil ihrer Zeit sich selbst. Die Frauen der neuen Generation sind ständig um ihre Kinder. Sie stillen, beaufsichtigen, baden, kleiden an, führen aus und pflegen. Das Kind wird nicht mehr in die Ferne verbannt oder in ein anderes Stockwerk abgeschoben. Es spielt in unmittelbarer Nähe der Mutter, nimmt seine Mahlzeiten mit ihr ein und erobert sich wie aus zahlreichen Stichen hervorgeht, seinen Platz im Salon der Eltern. Es entstehen Bindungen, die es schwieriger, wenn nicht unmöglich machen, sich wie früher voneinander zu trennen. Die Eltern - und besonders die Mutter - wollen ihre Kinder nicht mehr in Klöster oder Internate verbannen …

Diese Vollzeitbeschäftigung nimmt sie völlig in Anspruch. Wenn sie ihre Kinder hüten, beaufsichtigen und erziehen will, muß sie tatsächlich zu Hause sein. Ganz in ihren neuen Verpflichtungen aufgehend, hat sie keine Zeit und auch keine Lust mehr, in den Salons zu verkehren und an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Ihr einziger Ehrgeiz sind ihre Kinder, und sie träumt davon, daß sie eine noch glänzendere und sicherere Zukunft haben mögen als sie selbst. Die neue Mutter ist die uns wohlbekannte Frau, die alle ihre Machtwünsche auf ihre Kinder überträgt. Um deren Zukunft besorgt, schränkt sie freiwillig ihre Fruchtbarkeit ein. Lieber wenige Kinder, die gut versorgt sind, denkt sie, als eine zahlreiche Nachkommenschaft mit ungewissem Schicksal. Außerdem macht sie zwischen dem Älteren und dem Jüngeren, zwischen dem Mädchen und dem Jungen keinen Unterschied mehr. Ohne jemanden zu bevorzugen, liebt sie alle gleichermaßen. Jedem gibt sie das Beste von sich. Wenn es um die Kinder geht, ist ihr kein Aufwand zu groß, weil sie sie als einen Teil von sich selbst empfindet. Sie findet es unerträglich, daß man sich früher so lange von ihnen trennte. Sie braucht sie um sich, weil sie mehr liebt und weil die Kinder ihr wesentlicher Daseinsgrund sind. Der bevorzugte Ort solcher engen Bande, das neue Reich der Frau ist das gegen äußere Einflüsse abgeschirmte „Zuhause“.

Somit taucht am Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Lebensweise auf, die sich während des 19. Jahrhunderts weiter entfaltet. Ausgerichtet auf das „Innere“, das die familiären Gefühlsbindungen schön warmhält, formiert sich die moderne Familie um die Mutter, die eine noch nie gekannte Bedeutung gewinnt …

Glaubt man Balzac, der sich nicht gerade durch seinen Feminismus auszeichnete, so ist die rousseauistische Konzeption der Ehe vor allem für den Ehemann von Vorteil, der seine Frau besser als früher unter Kontrolle hat. Da sie ganz in ihren Kindern und in ihrem Haushalt aufgeht, stellen verschwenderische Ausschweifungen für sie keine Verlockung dar.“

 

Vorteil der Mutterschaft: Verbesserung des Status

 

„Es ist sicherlich kein Zufall, wenn die Frauen, die als erste auf die männlichen Reden über die Mutterschaft hörten, zum Bürgertum gehörten. Weder arm noch sonderlich reich oder glänzend, hat die Frau aus der Mittelschicht in dieser neuen Funktion die Gelegenheit zu einem Aufstieg und zu einer Emanzipation erkannt, die der Aristokratin gleichgültig war.

Mit der Bereitschaft, die Erziehung der Kinder in die Hand zu nehmen, verbesserte die bürgerliche Frau ihren persönlichen Status, und zwar in zweifacher Weise. Zusätzlich zu der Schlüsselgewalt (der Verfügung über die materiellen Besitztümer der Familie), die sie seit Iangem besaß, erhielt sie Gewalt über Menschen, nämlich die Entscheidungsbefugnis über ihre Kinder. Sie wurde dadurch zum Angelpunkt der Familie. Verantwortlich für das Haus, seine Güter und seine Seelen, ist die Mutter die unanfechtbare „Herrscherin des Hauses“ …

Aus all dem geht hervor, daß es in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch kein einheitliches mütterliches Verhalten gibt. Es bleiben große Unterschiede zwischen den Haltungen der Mütter bestehen, die je nach ihrer sozialen Zugehörigkeit sehr unterschiedlich reagieren. Die wirtschaftlichen Mittel, aber auch die Ambitionen der Frauen bedingen weitgehend ihr Verhalten als Mutter. Die Ankunft eines Kindes in der Familie wird von den Frauen sehr unterschiedlich erlebt: als Last oder als Erfüllung eines Bedürfnisses, als Unausweichlichkeit oder als Resultat einer freien Wahl.

Im Gegensatz zu dem, was man aufgrund von Bildern aus dem 18. Jahrhundert vermuten könnte, ist die Wiege des Kindes nicht immer von einer gerührten Familie umringt, die bereit ist, alles für das Wohlbefinden des Neugeborenen zu opfern …

Wenn selbst die intensive Propaganda Rousseaus und seiner Nachfolger nicht alle Frauen davon überzeugen konnte, grenzenlos hingebungsvolle Mütter zu sein, so hatten ihre Reden dennoch eine starke Wirkung auf sie. Frauen, die sich weigerten, den neuen Imperativen zu gehorchen, fühlten sich mehr oder weniger genötigt, zu mogeln und alle möglichen Verstellungskünste zu benützen. Etwas hatte sich also grundlegend geändert: Die Frauen fühlten sich in wachsendem Maße für ihre Kinder verantwortlich. Deshalb fühlten sie sich, wenn sie ihre Pflicht nicht wahmehmen konnten, schuldig.

In diesem Sinne hat Rousseau einen ganz wichtigen Sieg errungen. Das Schuldgefühl hat ins Herz der Frauen Eingang gefunden.“

 

Die erzwungene Liebe: eingesperrt in der Mutterrolle

 

„Die Bedeutung der Mutterschaft änderte sich. Um neue Aufgaben bereichert erstreckte sie sich über die unverkürzbaren neun Monate hinaus. Es blieb nicht dabei, daß die mütterliche Arbeit erst beendet war, wenn das Kind „körperlich“ aus dem gröbsten heraus war, denn man entdeckte bald, daß die Mutter ebenfalls für die Erziehung ihrer Kinder und zu einem bedeutenden Teil für ihre geistige Bildung zu sorgen hatte.

Die Frauen guten Willens griffen diese neue Verantwortung mit Begeisterung auf, wie aus der beachtlichen Zahl der von Frauen verfaßten Bücher über Erziehung hervorgeht. Man wurde sich bewußt, daß die Mutter nicht nur eine „animalische“ Funktion hat, sondern auch die Pflicht, einen guten Christen, einen guten Bürger, schließlich einen Mann heranzuziehen, der innerhalb der Gesellschaft den bestmöglichen Platz findet. Das neue ist, daß man die Mutter für die geeignetste hält, diese Aufgaben wahrzunehmen. Wie es heißt, weist „die Natur“ ihr diese Aufgaben zu.

Im 18. Jahrhundert Helferin des Arztes, im 19. Mitarbeiterin des Priesters und des Lehrers, nimmt die Mutter des 20. Jahrhunderts eine noch weitergehende, äußerste Verantwortung auf sich - die für das Unbewußte und die Wünsche ihres Kindes.

Durch die Psychoanalyse wird die Mutter zur „Hauptverantwortlichen“ für das Glück ihres Sprößlings befördert. Eine entsetzliche Aufgabe, die ihre Rolle erschöpfend festlegt. Gewiß ging die wachsende Belastung, die man ihr nach und nach aufbürdete, mit einer Aufwertung des Bildes der Mutter einher, doch verschleierte diese Aufwertung eine doppelte Falle, die gelegentlich als Entfremdung erlebt wird.

Die Frau ist in die Mutterrolle eingesperrt und kann sich ihr nur bei Strafe moralischer Verurteilung entziehen. Dies war lange ein bedeutender Anlaß der Schwierigkeiten, die der Frauenarbeit im Wege standen. Es war zugleich der Grund dafür, daß man Frauen gegenüber, die keine Kinder hatten, Verachtung oder Mitleid empfand, und daß man es als eine Schande betrachtete, wenn Frauen keine Kinder wollten.

Auf der einen Seite wurden die Aufgaben der Mutter in den höchsten Tönen als großartig und nobel gepriesen, auf der anderen Seite wurden alle Frauen, die diese Aufgaben nicht perfekt zu erfüllen vermochten, verurteilt. Von der Veranwortung zur Schuld war es nur ein kleiner Schritt, und dieser Schritt wurde rasch getan, sobald nur die geringste Schwierigkeit mit den Kindern auftauchte. Jetzt wurde es üblich, von der Mutter Rechenschaft zu verlangen ...

Die Frauen, die ganz in ihrem Muttersein aufgingen, übernahmen freudig die entsetzliche Bürde. Für sie lohnte sich die Mühe. Die anderen aber, die zahlreicher waren, als man meinen würde, konnten sich nicht ohne Angst oder Schuldgefühle von der neuen Rolle distanzieren, die man ihnen antrug. Das lag einfach daran, daß man die „weibliche Natur“ gerade so definiert hatte, daß sie alle Merkmale der guten Mutter beinhaltete. Entsprechend entwerfen Rousseau und Freud, durch 150 Jahre voneinander getrennt, ein merkwürdig übereinstimmendes Bild der Frau: Nach ihrer Ansicht zeichnet sich die „normale“ Frau vor allem durch Hingabe und Opfersinn aus. Von solchen Autoritäten in dieses Schema gepreßt, fällt es den Frauen schwer, sich ihrer, wie man es zu benennen liebte – „Natur“ zu entziehen. Die einen bemühten sich, dem verordneten Modell so „treu“ wie möglich zu sein, und verstärkten damit seine Autorität, die anderen versuchten, sich von ihm zu distanzieren, und mußten teuer dafür bezahlen. Eine Frau, die sich der herrschenden Ideologie widersetzte, wurde als egoistisch, böswillig, ja sogar als seelisch gestört bezeichnet, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre „Anormalität“ schlecht und recht auf sich zu nehmen. Da es jedoch schwer ist, mit der Anormalität - wie mit jeder Art von Abweichung - zu leben, unterwarfen sich die Frauen stillschweigend, manche von ihnen beschwichtigt, andere frustriert und unglücklich.

Heute sind wir teilweise schon ein Stückchen weiter. Von den Feministinnen attackiert liegt das Modell der idealen Frau von Rousseau und Freud in den letzten Zügen. Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß eine weitere Revolution der Familie begonnen hat. Zwei Jahrhunderte nach der Rousseau-Begeisterung richtet sich der Scheinwerfer erneut auf den Vater, nun aber nicht, um die Mutter wieder in den Schatten treten zu lassen, sondern um erstmals in unserer Geschichte Vater und Mutter gleichzeitig stärker ins Licht zu rücken.“

 

Der Staat tritt an die Stelle des Vaters

 

„lnnerhalb von zweihundert Jahren hat sich das Bild des Vaters beträchtlich gewandelt. Im 17. Jahrhundert galt er als „der Stellvertreter Gottes“ und Ersatz des Königs innerhalb seiner Familie. Von diesen beiden absoluten Autoritäten hatte er die Vorrechte und Vollmachten erhalten, die er im Rahmen der Familie ausübte. Für seine Angehörigen war er von Rechts wegen „allwissend, allmächtig und voller Güte“. Das 18. Jahrhundert hatte die Nichtigkeit dieser königlichen Attribute deutlich gemacht. Man mußte jedoch erst das 19. Jahrhundert abwarten, um zu bemerken, daß der Familienvater dumm, fehlbar und böse sein konnte. Nach der Entdeckung der leiblichen Rabenmutter nahm man offiziell von der Existenz des „Rabenvaters“ Kenntnis, eines Familienoberhaupts, das die gesellschaftlichen Normen weder befolgte noch weitergab …

Im 19. Jahrhundert interessiert sich der Staat immer stärker für das Kind, das für ihn Opfer, Delinquent oder auch nur mittellos ist, und er gewöhnt sich an, den Vater zu überwachen. Jedesmal, wenn in gebührender Weise ein Versäumnis des Vaters festgestellt wird, nimmt der Staat sich vor, den Pflichtvergessenen durch neue Institutionen zu ersetzen. Neue Personen tauchen in der Welt des Kindes auf, und sie haben alle mehr oder weniger die Aufgabe, die von dem leiblichen Vater offen gelassene Rolle auszufüllen: der Lehrer, der Jugendrichter, die Sozialfürsorge, der Erzieher und später der Psychiater, die alle einen Teil der früheren Attribute des Vaters besitzen.

Daß der Staat, der den Vater aller oder doch eines Teils seiner Vorrechte Schritt für Schritt beraubte, nur das Los des Kindes verbessern wollte, steht außer Zweifel. Daß die ergriffenen Maßnahmen einen geschichtlichen Fortschritt bedeuteten, steht ebenfalls außer Zweifel. Am tatkräftigsten werden die Rechte des Vaters übrigens von liberalen Regierungen beschnitten, gegen den Widerstand der Reaktion. Infolge der Kinderfürsorge- und Schutzpolitik geriet freilich nicht nur die Familie unter eine immer kleinlichere Kontrolle, es trat auch an die Stelle des familiären Patriarchats ein „Staatspatriarchat“ …

Die Schule für alle machte im 19. Jahrhundert mit dem Mythos der väterlichen Allwissenheit Schluß, indem sie zeigte, daß mancher Vater unfähig ist, dem Lehrstoff seiner Kinder zu folgen oder auch nur eine Hausaufgabe zu erklären. Der Vater mußte sich zu dem Eingeständnis durchringen, „es nicht zu wissen“. Im 19. Jahrhundert entdeckte man ebenfalls, daß die alte Annahme von der natürlichen Güte des Vaters unberechtigt war. Daß ein Mann unbesonnen sein Kind schlug oder es grundlos einsperren ließ, war schließlich nichts Neues. Es war jedoch niemandem und noch weniger dem Gesetzgeber in den Sinn gekommen, daß man die Handlungen des Vaters verurteilen könnte. Der Staat wollte ihm die Vollmacht lassen zu richten und zu strafen. Im Höchstfalle half er ihm, seine Funktionen zu erfüllen, und hielt sich bereit, ihn zu ersetzen, wenn er seine Pflicht nicht erfüllte. Seine Autorität in Frage zu stellen hätte bedeutet, sie zu schwächen, und es hätte Unruhe in die Familie gebracht. Das wollte die Regierung nicht. Dann nahm man doch lieber einige Ungerechtigkeiten in Kauf …

Man kann sich fragen, welche Rolle dem Vater noch bleibt, nachdem die Mutter und der Staat, -beide auf ihre Weise - die väterlichen Funktionen weitgehend an sich gerissen haben. Es scheint, daß seine Qualität, sein Prestige und seine Güte mehr als an jeder anderen Leistung an seiner Fähigkeit gemessen werden, die Familie zu unterhalten. Dieses Bild des guten Vaters, der als Ernährer für das Wohlergehen der Familie sorgt, hat sich bis in unsere Tage erhalten. Je mehr er sich schindet, um pünktlich seinen gesamten Lohn zu Hause abzuliefern, um so eher wird sein Wert anerkannt. Die Kinder und das Haus sind für ihn nur mittelbar ein Gegenstand der Sorge. Sobald er abgeliefert hat, was diese kleine Fabrik in Gang hält, darf er beruhigt seine Pantoffeln anziehen und warten, daß man ihm die Suppe serviert. Dieser Vater hat jahrzehntelang zufrieden gelebt, sicher, seinen Auftrag erfüllt zu haben ... Und warum sollte er auch nicht zufrieden sein, verlangte man doch von ihm nichts weiter, als ein guter Arbeiter zu sein, der jeden Abend brav nach Hause kommt? Wenn es hoch kam, war man ihm dankbar dafür, daß er am Abend das widerspenstige Kind zurechtstauchte oder den fleißigen Schüler belobigte.

Man muß gerechterweise zugeben, daß der Mann seiner Väterlichkeit beraubt worden ist. Indem man ihm nur (und allein ihm) eine wirtschaftliche Funktion zuerkannte, hat man ihn - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne - immer stärker von seinem Kind entfernt. Den ganzen Tag über physisch abwesend und am Abend abgespannt, hatte der Vater keine große Gelegenheit mehr, um zu dem Kind eine Beziehung zu haben. In unserer von Männern regierten Gesellschaft scheint jedoch alles darauf hinzudeuten, daß dieser Verlust nicht ohne das Einverständnis derer möglich war, die ihn zu ertragen hatten. Welcher Vater wäre bereit gewesen, mit der Frau zu tauschen? Aber welcher Mann hätte auch gewagt, die Arbeitsteilung innerhalb der Familie und die geltende Unterscheidung zwischen Vater- und Mutterrolle infrage zu stellen? Möglich, daß während dutzender aufeinanderfolgender Generationen einige Väter im stillen darunter gelitten haben.

Paradoxerweise bedurfte es erst der wirtschaftlichen Befreiung der Frau, der Öffnung von einst den Männern vorbehaltenen Karrieren für sie, damit die Männer, durch die so entstehende Gleichberechtigung angestoßen, endIich über den beharrlichen Vorschlag der Frauen nachdenken, die Vaterrolle infrage zu stellen. Werden sie auch für sich die Befreiung vom wirtschaftlichen Zwang und das Recht fordern, endlich als Vater präsent zu sein?“

 

Ein Ende der totalen Hingabe?

 

„Was ist aus all diesen Zahlen zu schließen? Zunächst ist festzustellen, daß zwischen 1962 und 1978 11% der Frauen eine Berufstätigkeit gewählt haben, und das war nicht eine Zeit des Mangels, des Krieges oder der Krise, sondern eine Periode der Prosperität und der wirtschaftlichen Expansion. Für einen beträchtlichen Teil der Frauen war das zweite Einkommen folglich nicht in dem Maße notwendig wie 1906. Andererseits werden bei einem gewissen Anteil der Haushalte die mit der Berufstätigkeit der Mutter verbundenen Einbußen an sozialen und steuerlichen Vorteilen und die Kosten für die Beaufsichtigung der Kinder kaum durch das zweite Einkommen ausgeglichen. Zieht man neben diesem geringfügigen Vorteil noch die Strapazen des doppelten Arbeitstages, die nervliche Belastung durch den Arbeitsweg usw. in Betracht, so muß man sich wundern, wie es ja auch viele tun, daß die Frauen sich für diese Lösung entscheiden. Wenn es schließlich stimmt, daß viele, vor allem die angelernten und ungelernten Arbeiterinnen im sekundären Sektor keine andere Wahl haben, weil das zweite Einkommen für die Familie lebensnotwendig ist, so weist der Anstieg der weiblichen Qualifikation im tertiären Sektor in eine ganz andere Richtung. Zurn ersten Mal in der jahrtausendelangen Geschichte der Frauenarbeit entschließen sich Frauen freiwillig, Haushalt und Kinder zu verlassen, um außerhalb des Hauses zu arbeiten. In ihren Augen ist die Arbeit nicht mehr mit dem „Tripalium“ von einst gleichzusetzen, sondern sie stellt ein Mittel der Selbstverwirklichung, wenn nicht sogar der Entfaltung der Persönlichkeit dar.

Wir können feststellen, daß seit rund fünfzehn Jahren eine wachsende Zahl von Frauen, denen es möglich wäre, zu Hause zu bleiben und nach Belieben ihr Baby zu hätscheln, es vorzieht, diese Aufgaben anderen zu überlassen und ihre Zeit zum großen Tei! außerhalb des Hauses zu verbringen.

Dies ist natürlich nicht bei der Mehrheit der Fall, denn mehr als die Hälfte der Französinnen sind Mütter und Hausfrauen und unter denjenigen, die arbeiten, kann eine sehr große Zahl gar nicht anders. Tatsache bleibt dennoch, daß die Frauen mit wachsendem Bildungsstand und wachsenden Möglichkeiten einer interessanten Berufstätigkeit beschlieBen, das Haus zu verlassen …

Wir haben schon darauf hingewiesen, in welchem Maße die Medien sich zum Träger der ökologischen Kampagne für das natürliche Stillen gemacht haben. Haben diese Kampagne und die Publizität, die man den Mahnungen der Kinderärzte verschaffte, solche Wirkungen hervorgerufen? Bei den Müttern ist allerdings ein regelrechter Meinungsumschwung festzustellen. Bis zu den siebziger Jahren nahm trotz ständiger Proteste der Psychologen und Kinderärzte die Zahl der Frauen, die ihr Kind stillen, regelmäßig ab. 1972 waren es nur 37%. 1976 ging aus einer im Auftrag von Giugoz in französischen Entbindungskliniken durchgeführten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts S. 0. F. R. E. S. hervor, daß 48 % der Frauen ihr Kind während der ersten Woche nach der Geburt stillen. Eine zweite Umfrage im Jahre 1977 ergab 51 %. Im Gegensatz zu vorherrschenden Ansichten war der Prozentsatz höher bei Frauen mit Berufstätigkeit, höherem Bildungsniveau und Zugehörigkeit zu privilegierten sozialen Gruppen. Bei Frauen von leitenden Angestellten waren es 57% gegenüber 25 % der Landfrauen. Die Untersuchung sagt jedoch nichts darüber, ob die Frauen von leitenden Angestellten selbst leitende Angestellte waren.

Diese neue Mode des Stillens ist etwas Seltsames in einer Zeit, wo die Kindersterblichkeit ihren tiefsten Punkt erreicht hat und es auch nie einen besseren Ersatz für die Muttermilch gegeben hat! In einem wesentlichen Punkt lassen uns diese Umfragen im Stich: Wir wissen, daß die Frauen in den Entbindungskliniken immer mehr zum Stillen übergehen, aber wir wissen nicht, wie lange sie das zu Hause fortsetzen. Ebensowenig erfahren wir über ihre neuen Motive oder über die unbewußten Pressionen, denen sie ausgesetzt sind. Wir wissen jedoch, daß in einigen Pariser Modell-Entbindungskliniken die neuen Mütter in diesem Sinne beeinflußt werden. Man kann daher nur sehr schwer den Prozentsatz der Frauen abschätzen, die es spontan und aus Vergnügen tun, derjenigen, die es mechanisch tun, um einer Mode zu gehorchen, und derjenigen schließ!ich, die stillen, um sich nicht schon in den ersten Tagen ihres Kindes schuldig und als „schlechte Mutter“ zu fühlen. Die Tatsache, daß vor allem berufstätige Frauen und Frauen mit gehobener Bildung als erste und am massivsten dem Aufruf der Kinderärzte gefolgt sind, legt verschiedene Hypothesen nahe. Sind Frauen, die bereit sind, neue Erfahrungen zu machen, nicht am wenigsten rigide, am wenigsten traditionsgebunden? Vielleicht haben sie, die von ihrer eigenen Mutter wahrscheinlich kaum oder überhaupt nicht gestillt wurden, gedacht, sie gäben ihrem Kind durch das Stillen eine „zusätzliche Befriedigung“ und eine zusätzliche Chance, ausgeglichen und glücklich zu sein! Man kann ebenso die Hypothese aufstellen, daß sie, durch die herrschende Ideologie ermutigt, sich ein echtes Vergnügen gönnen konnten, das sie früher nicht zu fordern wagten. Da jedoch die berufstätigen Frauen in höherem Maße stillen als die anderen, kann man ebensogut annehmen, daß es an einem unklaren Schuldgefühl liegt, das sie dem Kind gegenüber empfinden, das sie bald anderen überlassen werden. Sie denken vielleicht: „Ich gebe dir meine Milch, um dich ein wenig für meine spätere Abwesenheit zu entschädigen ...!“

Was die Frauen unbewußt leitet, ist nur schwer festzustellen, weil jede ihre eigenen Gründe dafür hat, daß sie stillt oder nicht stillt. Nach unserer Auffassung wäre es jedoch ein Irrtum, von dem erneuten Vordringen des Stillens allzu rasch auf eine natürliche Hingabe der Mutter für ihr Kind zu schließen.

Während das Stillen im 18. Jahrhundert unbestreitbar Ursache einer größeren Überlebenschance des Kindes und daher ein objektiver Liebesbeweis war, können wir heute nicht mehr sagen, ob die Mutter stillt, um sich und ihrem Kind ein Vergnügen zu machen, oder ob sie es tut, um ihre Angstgefühle zu beschwichtigen.“

 

Distanz gegenüber der Mutterschaft

 

„Die Entwicklung der weiblichen Einstellungen zur Mutterschaft können wir aus zweierlei Arten von Unterlagen ablesen: Umfragen und Selbstzeugnisse, in denen ein tiefgreifender Wandel der Auffassungen sichtbar wird. Die neuen Einstellungen sind zwar nur bei einer Minderheit zu beobachten, doch ist diese so aktiv und emanzipiert, daß man sie ernst nehmen muß. Das Neue ist nicht so sehr, daß ein gewisser Überdruß an der Mutterschaft geäußert wird, daß Enttäuschung und Entfremdung laut werden, das Neue ist vielmehr, wie es gesagt wird. Die Frauen äußern sich heute ohne Schuldgefühle, aber nicht ohne eine gewisse Bitterkeit. Das ist weit entfernt von den Herzensergüssen oder Geständnissen einer Madame Guitton (der Mutter des Philosophen Jean Guitton), einer großen Christin aus dem Bürgertum. Als Mutter eines Einzelkindes schrieb sie nicht ohne einige Gewissensbisse: „Ich sollte mich vollkommen glücklich fühlen mit einem Ehemann, der mich sehr liebt, und einem Kind, das vielleicht nicht hübsch, aber lieb und gesund ist. Und dennoch scheint es mir manchmal - schelten Sie mich ruhig - mit meinem unruhigen und unersättlichen Geist, daß mir etwas fehlt. Mein Leben ist inhaltlich so abstumpfend geworden, daß ich keine Zeit mehr habe zum Nachdenken, keine Zeit mehr ein besseres Leben zu leben.“ Später fügt sie hinzu: „An der Wiege meines kleinen Lieblings habe ich alles, was ich liebte, geopfert, die Lektüre, die von Arbeit erfüllten Stunden, alles, was früher mein Leben ausfüllte.“

Diese Klagen der Madame Guitton beeindrucken uns umso mehr, als sie von einer Frau stammen, die im Geiste der Hingabe und des Opfers aufgezogen wurde. Sie belegen, daß die Mutterschaft durchzumachen schwerer ist, als man glaubt, und daß die allmächtige Natur die Frauen nicht hinreichend ausgerüstet hat, um damit fertigzuwerden. Da sie nicht genügend masochistisch ist, leidet Madame Guitton, ohne dabei auf ihre Rechnung zu kommen. Das Frauendasein scheint ihr so wenig beneidenswert, daß sie gesteht: „Stellen Sie sich vor, ich möchte niemals Mädchen haben ... Mit der Bejahung ihres Wesens würde ich ihnen eine zusätzliche Gelegenheit geben, an den kleinen Stichen und der Schäbigkeit des Daseins zu leiden.“

 

Solche Geständnisse findet man heute nicht mehr, heute wird verkündet und angeklagt.

„Die Kinder, das ist schwer, das frißt einem das Leben auf.“

„Es gibt Tage, wo man viel dafür gäbe, daß sie nicht da sind; man könnte sie alle umbringen.“

„Jahrelang habe ich nur aus Pflichtgefühl gelebt, so daß ich nicht einmal mehr wußte, was mir Spaß machte. Für sich zu leben, das muß toll sein.“

„Sie saugen mich aus; es gibt Tage, da hängt es mir zum Hals raus, da möchte ich mit mir allein sein.“

„An manchen Tagen bin ich dermaßen erschöpft, dermaßen mit meinen Nerven am Ende, daß ich sie nur deshalb nicht schlage, weil ich weiß, daß sich dadurch nichts ändern würde, daß es noch schlimmer wäre.“

„Eine Mutter ist eine Milchkuh, die man ununterbrochen melkt bis zur Erschöpfung.“

„Meine Kinder haben mich ausgepumpt, ich habe keine Lebenskraft mehr.“

„Wer es nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, was diese ständige Beanspruchung bedeuten kann; der einzige Trost ist, daß die Kinder auch einmal Eltern sein werden!“

„Jetzt, wo meine Kinder groß sind, ist es nicht mehr dasselbe, aber um nichts in der Welt würde ich noch einmal die Zeit durchmachen wollen, wo sie klein waren; es gibt Dinge, die macht man einmal im Leben, aber nicht noch einmal.“

„Ich wußte nicht einmal mehr, was mir Spaß macht!“

„lch habe so viele Aktivitäten wegen meiner Kinder aufgesteckt, weil sie nicht mit der Pflege, die sie brauchen, unter einen Hut zu bringen waren, ich habe auf so viele Dinge verzichtet, die mir fehlen.“

 

All diese aus dem Leben gegriffenen Zeugnisse sprechen von der Enttäuschung, der Erschöpfung und dem Verzicht, den die Mutterschaft für manche Frauen bedeutet. „Sie sind ausgelaugt, aufgefressen, ausgesaugt, leergepumpt, abgezehrt, ausgeleert, zerstört, mit allem fertig ...“ und doch, merkt B. Marbeau-Cleirens an, „hat keine dieser befragten Frauen mehr als vier Kinder gehabt!“ Am auffälligsten ist jedoch die Bitterkeit und der Wunsch nach Rache, die aus diesen Worten sprechen und die wahrscheinlich dreißig Jahre zuvor nicht hätten geäußert werden können. Diese Frauen machen einfach Schluß mit dem traditionellen Bild der Mutter und erklären, daß sie darauf nicht noch einmal hereinfallen werden. Sie sagen, ihre Erfahrung als Mutter habe ihr Leben als Frau verdorben, und wenn sie es vorher gewußt hätten, dann ...

Neben denjenigen, die sich damit begnügen, das Scheitern ihrer Erfahrung als Mutter festzustellen, sind andere Feministinnen daran gegangen, den Mythos von der natürlichen Mutterschaft zu zerstören. Sie haben den Begriff des Mutterinstinkts in Frage gestellt: „Gibt es einen Mutterinstinkt, oder gibt es in den Beziehungen zwischen Mutter und Kind nicht nur jene Gefühle, die wir auch anderswo finden, Liebe, Haß, Gleichgültigkeit, jeweils in unterschiedlicher Dosierung? ... Gibt es den Mutterinstinkt, oder ist das ein großer Witz? Ein großer Witz, der den Frauen beibringen soll, daß sie die ,Drecksarbeit‘ zu machen haben, nämlich immer dasselbe machen, ohne daß man ihnen etwas abnimmt, endlos, immer den Boden wischen, den die Gören dreckig gemacht haben, immer die Gören füttern?“

Was ist das fiir ein Instinkt, der sich bei manchen Frauen zeigt und bei anderen nicht? „Von sechs Millionen Frauen, die Kinder haben können, ist ein Teil unverheiratet, ein Teil ist verheiratet, lehnt aber die Mutterschaft ab. Außerdem gibt es zwischen 500.000 und einer Million (?) Abtreibungen pro Jahr.“

Wäre es nicht besser, statt von einem lnstinkt von einem unwahrscheinlichen sozialen Druck zu sprechen, der den Frauen einreden will, sie könnten sich nur in der Mutterschaft verwirklichen? B. Marbeau-Cleirens hat das sehr gut ausgedrückt: „Aus der Tatsache, daß die Frau Mutter sein kann, hat man nicht nur abgeleitet, daß sie Mutter sein sollte, sondern auch, daß sie nichts als Mutter sein sollte und nur in der Mutterschaft das Glück finden könne.“

Wie kann man wissen, ob der legitime Wunsch, Mutter zu sein, nicht ein teilweise entfremdeter Wunsch ist, eine Reaktion auf gesellschaftliche Zwänge (unverheiratet zu sein und nicht Mutter zu sein wird bestraft, als Mutter genießt die Frau soziale Anerkennung)? Wie kann man sichergehen, daß dieser Wunsch, Mutter zu sein, nicht Kompensation für unterschiedliche Frustrationen ist?

In Wirklichkeit, sagen die einen wie die anderen, sei die Mutterschaft ein doppelköpfiges Ungeheuer (Fortpflanzung und Fürsorge), dessen patriarchalische Strategie darauf ziele, Verwirrung zu stiften. Sie sei der Angelpunkt der Unterdrückung der Frau. Denn „die Spezialisierung der Frau auf diese Mutterfunktion ist die Ursache und das Ziel der Schikanen, die sie im ganzen sozialen Leben zu erdulden hat ... Erst werden die Frauen in der Mutterschaft mobilisiert, damit man sie besser immobilisieren kann.“

Für all diese Frauen ist die Mutterschaft, wie sie seit Jahrhunderten erlebt wird, nur der Ort der weiblichen Entfremdung und Sklaverei. Sie fordern daher das uneingeschränkte Recht, kein Kind zu haben, und sie proklamieren die Forderung, daß „Fortpflanzung und alleinige Sorge für das Kind seitens der Frauen voneinander getrennt werden, denn nur unter dieser Bedingung gibt es in der Mutterschaft eine freie Wahl.“

Man wird sicher bemerkt haben, wie sehr diese Klagen denen der Preziösen des 17. Jahrhunderts ähneln. Die einen wie die anderen erheben den Vorwurf, die Mutterschaft koste sie ihr Leben als Frau, und sie lassen nicht gelten, dais die rein biologische Tatsache der Schwangerschaft ihnen für lange Zeit eine als unveräußerlich betrachtete Freiheit raubt. Zwischen diesen Frauen, die drei Jahrhunderte voneinander trennen, besteht allerdings ein wesentlicher Unterschied. Die ersteren flüchteten sich in die Enthaltsamkeit, weil sie keine Hoffnung hatten, die Männergesellschaft verändern zu können. Wenn man nur zwischen zwei verschiedenen Frustrationen wählen konnte, opferte man besser den Körper und die körperlichen Freuden als seine Unabhängigkeit!

Heute lehnen die Frauen diese Alternative und das Opfer ab und sind stattdessen entschlossen, die Einrichtung der Welt zu verändern, mit anderen Worten: das Verhalten der Männer. Nicht nur, daß sie kein Kind mehr machen wollen, um deshalb als „vollendete Frau“ bezeichnet werden zu können; sie fordern auch, als Voraussetzung der Bereitschaft zur Fortpflanzung, daß man alle Mühen der Mutterschaft und der Erziehung mit ihnen teilt.

Gewiß stellen die Frauen, die diese Forderung erheben, nur eine recht schwache Minderheit dar. Es wäre jedoch falsch, sie gleich achselzuckend als Utopisten mit unrealisierbaren Forderungen abzuweisen. Ihre Reden mögen zwar zunächst die Männer und eine Mehrheit der Frauen schockiert haben, doch haben ihre Ideen sich allmählich durchgesetzt, wie aus einer Reihe neuerer Untersuchungen hervorgeht.“

 

Zum Schluss

 

Im Jahr 2010 erschien Elisabeth Badinters Buch „Der Konflikt – Die Frau und die Mutter“, woraus der Wurm zitieren möchte:

„Übrigens ließ mich der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim 1981 wissen, meine These aus dem Buch Die Mutterliebe – dass es nämlich keinen angeborenen Mutterinstinkt gebe – missfalle ihm. Mein Verlag hatte ihn gebeten, ein Vorwort für die amerikanische Ausgabe zu schreiben, worauf er folgendermaßen antwortete: „Mein ganzes Leben lang habe ich mit Kindern gearbeitet, deren Leben zerstört war, weil ihre Mütter sie hassten. Natürlich gibt es keinen mütterlichen Instinkt, sonst hätten nicht so viele Kinder eine professionelle Hilfe gebraucht. Aber das zu demonstrieren, zu zeigen, dass so viele Mütter ihre Kinder ablehnen, würde nur andere von ihrem Schuldgefühl befreien, das wenigstens ein paar Kinder vor Selbstmord, Magersucht und so weiter gerettet hat. Ich kann meinen Namen nicht hergeben, dieses letzte Bollwerk zu beseitigen, das so vielen unglücklichen Kindern noch einen Schutz vor der Zerstörung bietet.““

Über die „Heilige Allianz der ‚Reaktionäre‘“: „Angesichts all dieser Umwälzungen und Unsicherheiten ist die Versuchung groß, sich auf die gute alte Mutter Natur zu berufen und die Ambitionen der vorangehenden Generation als Verirrung anzuprangern. Die Versuchung wird noch verstärkt durch einen neuen Diskurs, der sich mit dem Nimbus der Modernität und der Moral umgibt und der den Namen Naturalismus trägt. Diese Ideologie, die einfach die Rückkehr zum traditionellen Rollenmodell predigt, ist eine Bedrohung für die Zukunft der Frauen und ihre Freiheit der Wahl. Wie einst Rousseau will der Naturalismus von heute die Frauen davon überzeugen, wieder in eine Beziehung zu ihrer Natur zu treten und sich auf die Fundamente zurückzubesinnen, die vom Mutterinstinkt getragen seien.“

Wer „zurück zur Natur“ will, möge sich die „edlen Wilden“ anschauen, wie die mit ihren Kindern umgehen: sie sind ihnen zu einem großen Teil egal. Diejenigen Menschen aus jenen Ländern, zu denen die Philosophie der Aufklärung noch nicht vorgedrungen ist, handeln sehr ähnlich wie die Regierungen, Mütter und Väter der europäischen Länder, als diese die Aufklärung noch nicht kannten.

Auf die heutzutagige Erziehung ist der Wurm noch gar nicht eingegangen. Es geht in die Richtung, die im Film „Bad Moms“ und den Kritiken zum Film beschrieben werden: ausnahmslos alles hat sich um das Kind bzw. um die Kinder zu drehen.

Das ist weder gut für die Kinder noch für die Gesellschaft. Für den Wurm findet sich bestimmt noch eine Gelegenheit, sich darüber seine Gedanken zu machen.

 

Dada

 

Unsere kleine Polizei-Station

 

Wir befinden uns im Jahre 2016 unserer Zeitrechnung. Ganz Deutschland ist von Verbrechern besetzt … Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Hütern des Gesetzes bewohnte Polizei-Station hört nicht auf, dem Verbrechen Widerstand zu leisten.

Und so ist halt noch vieles in Ordnung in der Region. Denn für Ruhe, Ordnung und Gerechtigkeit sorgt der Polizeiposten Rüppurr.

Kleine und große Spitzbuben, mehr oder weniger Leichtgläubige, Verrückte und Alkoholisierte, mehr oder weniger wilde Tiere treiben hier ihr Unwesen. Der Polizeioberkommissar und Chronist Karl Sauter hält diese Vorkommnisse fest im Buch „Tatort Rüppurr – Karl Sauters Notizen aus dem Polizei-Alltag“ aus dem Jahr 2005, jeweils monatlich im lokalen „Rieberger Bläddle“ und „Monatsspiegel“ und im Internet:

http://www.polizei.rueppurr.de/index.php?action=berichte

http://www.polizei.rueppurr.de/index.php?action=cms&id=1

Von Zeit zu Zeit möchte der Wurm eine dieser Geschichten zitieren. Diesmal geht es um folgenden Fall von Anfang 2015:

Freiheitsberaubung

Einen besonderen Fall von Freiheitsberaubung hatten die Kollegen des Streifendienstes zu bearbeiten. Ein 16-Jähriger meldete dem Revier, dass sein gleichaltriger Freund widerrechtlich zu Hause festgehalten würde. Dies hätte er ihm über Handy mitgeteilt. Die Kollegen gingen natürlich sofort dem Hinweis nach und überprüften die Situation vor Ort.

Dort stellte sich die Situation in etwa so dar wie geschildert, allerdings lag keine Straftat vor, denn die „Freiheitsberaubung“ war lediglich eine erzieherische Maßnahme in Form eines Hausarrestes. Zu einer vorzeitigen Entlassung aus diesem führte der polizeiliche Besuch letztendlich nicht.

Das Leben geht weiter: Ob Freispruch oder Zuchthaus – und auf die Guillotin' hat unser Herr Polizeioberkommissar Karl Sauter eh niemanden geschickt.

Es ist eine liebe Zeit – trotz der Vorkommnisse, menschlich halt. Und darum kommt es immer wieder zu diesen Szenen – beim Polizeiposten Rüppurr.

 

 

 

Dieses in einem Museum in Norditalien aufgenommene Bild sieht zwar reichlich dadaistisch aus, ist es aber nicht – das liebe Jesulein ist in das traditionelle Wickelkissen eingewickelt. Ochs' und Esel sind fassungslos.