Fidel Castro wurde 90 Jahre alt – ein lebendes Denkmal.

Mensch stelle sich vor, er wäre seit 1959 an Fidel Castros Stelle: gerade das allseits verhasste Regime besiegt, an der Spitze einer Regierung, die von linken und bürgerlich-liberalen Kräften unterstützt wird.

Wenn die Vorgabe lautet, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen und dafür zu sorgen, dass von außen (sprich: den USA) weder deren Wille aufgezwungen noch ein Regime-Wechsel erfolgreich initiiert wird, was würde mensch da tun?

Lieb, brav und nett sein? Dann hätte mensch erst gar keine Revolution machen brauchen. Am Ende wäre der Zustand jenem sehr ähnlich, wie er vor der Revolution bestand.

Trotz aller Misserfolge gab und gibt es auch großartige Erfolge. Alleine, dass Fidel Castro bzw. dessen Nachfolger nicht eingeknickt sind und sich seit bald 60 Jahren an der Macht halten konnten, nötigt dem Wurm Respekt ab.

Die Geschichte wird Fidel Castro freisprechen.

 

Big Brother

 

Bevor es mit Fidel Castro losgeht, sollte es klar sein, mit wem er es da aufgenommen hat. Aus dem USA-freundlichen „Wikipedia“ (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/193-die-dunkle-seite-der-wikipedia.html ) mit Schwerpunkt Lateinamerika:

 

„Liste der Militäroperationen der Vereinigten Staaten

 

- Kuba: Beteiligung am kubanischen Befreiungskampf gegen die spanische Kolonisation. Die USA entfesseln den Spanisch-Amerikanischen Krieg und unterstellen Kuba nach der spanischen Niederlage ihrer militärischen Verwaltung.

- 10. Dezember 1898: Puerto Rico – Nach dem Amerikanisch-Spanischen Krieg wird die Insel aufgrund der Niederlage Spaniens von den Vereinigten Staaten annektiert.

- 23.bis 31. März 1903: Honduras – US Truppen landen bei Puerto Cortez zum Schutz des US-Konsulates und der Schiffswerft während revolutionärer Unruhen.

- 3. November 1903: Panama – Um sich die Kontrollrechte über den geplanten Kanalbau zu sichern, unterstützen die Vereinigten Staaten die Abspaltung Panamás von Kolumbien. Panamá wird eigenständige Republik, gerät gleichzeitig aber in die völlige wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Der 1914 fertiggestellte und 1920 offiziell in Betrieb genommene Panama-Kanal wird amerikanisches Hoheitsgebiet, womit die junge Republik in zwei voneinander getrennte Hälften gespalten wird.

- Militärintervention in der Dominikanischen Republik

- 1906 bis 1909: Militärinterventionen auf Kuba

- 8. Februar 1907: Militärintervention in der Dominikanischen Republik. Die Vereinigten Staaten sichern sich die Finanzkontrolle über das Land (1940 aufgehoben).

- 18. März bis 8. Juni 1907: Honduras – Zum Schutz amerikanischer Interessen während eines Krieges zwischen Honduras und Nicaragua werden US-Truppen in Trujillo, Ceiba, Puerto Cortez, San Pedro Sula, Laguna und Choloma stationiert.

- US-Militärintervention in Nicaragua 1909–1925 – Amerikanische Streitkräfte greifen in innenpolitische Auseinandersetzungen des Landes ein.

- 1911 bis 1925: Honduras – Verschiedene Interventionen sichern die Monopolstellung der in amerikanischem Besitz befindlichen Bananenindustrie. Das Land gerät in völlige wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten.

- US-Militärintervention auf Kuba

- 1912 bis 1925: Nicaragua wird der amerikanischen Finanz- und Militärkontrolle unterstellt.

- 1914 bis 1915: Mexiko – Einmischung in innenpolitische Machtkämpfe (Protektion der Regierung Venustiano Carranzas).

- 1915 bis 1934: Haiti – Besetzung der Karibik-Republik. Verwaltung des Landes wie ein Protektorat. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen bleibt die amerikanische Finanzhoheit bestehen (bis 1947).

- 18. Februar 1916: Nicaragua – Die Vereinigten Staaten erzwingen das Recht auf Errichtung von Militärstützpunkten.

- März 1916/Februar 1917: Amerikanische Strafexpedition in Mexiko

- 1916 bis 1924: Besetzung der Dominikanischen Republik

- 1917 bis 1919: Militärische Intervention auf Kuba

- 8. bis 12. September 1919: Honduras – Militärische Intervention verhindert eine Revolution.

- 28. Februar bis 31. März und 10. bis 15. September 1924: Honduras – US-Truppen intervenieren zum Schutz amerikanischer Bürger und Interessen während der Unruhen im Vorfeld der Wahlen.

- 19. - 21. April 1925: Honduras – US-Truppen landen bei La Ceiba während politischer Unruhen.

- US-Militärintervention in Nicaragua 1926–1933, Besetzung Nicaraguas. Ihr widersetzt sich Augusto César Sandino in einem Guerillakrieg.

- In der Dominikanischen Republik verhelfen die Vereinigten Staaten Rafael Leónidas Trujillo Molina an die Macht. Dieser errichtet eines der despotischsten Regimes in der Geschichte Lateinamerikas, das bis zu seiner Ermordung 1961 standhält.

- In Kuba verhelfen die Vereinigten Staaten dem Oberbefehlshaber der Armee, General - Fulgencio Batista Zaldívar (1901–1973) an die Macht, der das Land vollständig den amerikanischen Interessen preisgibt. Die Batista-Diktatur fällt 1959 mit der Kubanischen Revolution Fidel Castros und seiner Bewegung des 26. Juli (* 1926).

- 17. April 1961: Kuba – Eine von den Vereinigten Staaten ausgebildete und ausgerüstete Guerillagruppe aus Exilkubanern scheitert bei der Invasion in der Schweinebucht auf Kuba. Die Operation wird durch die amerikanische Bombardierung kubanischer Luftabwehrstellungen vorbereitet.

- Während der sogenannten Kubakrise (Oktober/November) wird die Insel mit einer totalen Blockade belegt.

- 1964 bis 1982: Bolivien – Die Vereinigten Staaten sind in eine Vielzahl von militärischen Staatsstreichen und Gegenrevolten verwickelt.

- April bis September 1965: Dominikanische Republik (Operation Power Pack) – Nach dem Sturz des linksgerichteten Präsidenten Juan Bosch und der Installation einer mit amerikanischer Hilfe eingesetzten Militärjunta entbrennt ein Bürgerkrieg. Die Vereinigten Staaten intervenieren mit 42.000 Marines und veranlassen Neuwahlen, aus denen Joaquín Balaguer – der zuvor 30 Jahre in Diensten der Trujillo-Diktatur (vgl. Rafael Trujillo) gestanden hat – als Sieger hervorgeht. Balaguer bestimmt in enger Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten für die folgenden 35 Jahre die Dominikanische Politik.

- Bolivien – Die bolivianische Armee wird in ihrem Kampf gegen die Guerilla durch die CIA angeleitet. Mit Hilfe des CIA wird der kubanische Revolutionär Ernesto Che Guevara in Bolivien aufgespürt und am 9. Oktober erschossen.

- 1977 bis 1992: El Salvador – Die Vereinigten Staaten unterstützen die von ihnen eingesetzten oder gebilligten Regierungen im Kampf gegen die marxistisch-leninistische Opposition. In der Folge zerfällt das Land in einem zehnjährigen Bürgerkrieg.

- Ab 1981: Nicaragua – Die Vereinigten Staaten setzen nach der erfolgreichen sandinistischen Revolution von 1979 die finanzielle, militärische und logistische Unterstützung der Anhänger der davongejagten Diktatur von Anastasio Somoza Debayle fort und bekämpfen die Sandinisten, nachdem diese auf einen marxistisch-leninistischen Kurs umschwenken.

- Ab 1982: Contras, von Honduras aus operierende Gegner der Sandinisten in Nicaragua, erhalten militärische und logistische Hilfe seitens der USA.

April 1982: Argentinien – Die Vereinigten Staaten leisten den britischen Truppen im Krieg gegen Argentinien (Falkland-Krieg) mit ihrer Militärbasis auf der Atlantik-Insel Ascension logistische Unterstützung und Aufklärung durch ihre Spionagesatelliten.

- 25. Oktober 1983: Grenada – Der linksorientierte Premierminister Maurice Bishop wird von Putschisten exekutiert. Die Annäherung der neuen Regierung an die Sowjetunion führt zu einer militärischen Intervention.

- 1. Mai 1985 Nicaragua – Nach dem Wahlsieg der linksgerichteten Sandinisten vom 4. November 1984 verhängen die Vereinigten Staaten ein vollständiges Handelsembargo gegen Nicaragua, weil sich bei den Sandinisten sehr schnell die marxistisch-leninistischen Kräfte durchsetzen. Fortführung der Unterstützung der Opposition (Contras) zum Sturz des seit 1979 regierenden sandinistischen Regimes.

- Februar 1986: Haiti – Die Vereinigten Staaten wenden sich unter massivem Druck aus der Bevölkerung von der seit 1957 herrschenden und von ihr protegierten Duvalier-Familiendiktatur ab. Diktator Jean-Claude Duvalier, genannt Baby Doc, flieht ins Ausland.

- 20. Dezember 1989: Panama wird besetzt (Operation Just Cause). Der verhaftete panamaische Machthaber, General Manuel Noriega, wird in die Vereinigten Staaten überführt, wegen Drogenhandels und Geldwäsche angeklagt und am 10. Juli 1992 zu 40 Jahren Haft verurteilt.

- Ab 1990 Im Drogenkrieg in Kolumbien unterstützen die Vereinigten Staaten paramilitärische Einheiten zur Bekämpfung kommunistischer Rebellen.

- August/September 1994: Haiti – Amerikanische Truppen setzen auf Druck des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen die Reinstallation des 1991 durch einen Militärputsch gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide durch.

- März 2004: Haiti – Nach dem Sturz von Präsident Jean-Bertrand Aristide entsenden die Vereinigten Staaten zur Vorbereitung einer multinationalen Übergangstruppe des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vorerst 50, später 200 Mann nach Haiti.“

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Milit%C3%A4roperationen_der_Vereinigten_Staaten

 

Bekannte Operationen der CIA

 

- Operation Fortune: geplanter Sturz von Präsident Jacobo Arbenz Guzmán in Guatemala in Zusammenarbeit mit der United Fruit Company und dem Diktator von Nicaragua, Anastasio Somoza García. Das Unternehmen wurde 1952 auf Druck des US-Außenministeriums eingestellt. Die konzeptionellen Überlegungen gingen über in Operation Success bzw. Operation PBSUCCESS.

- Operation Washtub 1954 in Nicaragua.

- Operation PBSUCCESS: Sturz von Jacobo Arbenz Guzmán, Präsident von Guatemala 1954.

- Invasion in der Schweinebucht (Operation Zapata): Invasionsversuch von Exilkubanern auf Kuba 1961, um die Revolutionsregierung Castros zu stürzen.

- Verfolgung Che Guevaras in Bolivien in Zusammenarbeit mit der bolivianischen Armee im Jahre 1967, die mit seiner Exekution endete.

- Project FUBELT: Von 1970 bis zum Putsch 1973 verdeckte Operationen zur Unterminierung der Allende-Regierung in Chile. Dabei waren CIA-Agenten auch in die Ermordung des pro-demokratischen Generalstabschefs René Schneider verwickelt. Dem waren bereits seit 1963 umfangreiche Propaganda-Aktionen gegen die Linksparteien in Chile vorangegangen.

- Operation Condor war eine multinationale Operation rechtsgerichteter Militärdiktaturen in Südamerika zur gemeinsamen Verfolgung und Tötung politischer Gegner, die von der CIA technisch und logistisch sowie durch Schulungen unterstützt wurde.

- Operation Charly in Zentralamerika, 1979 bis ca. 1985: Bekämpfung von Guerillagruppen in El Salvador, Honduras und Guatemala unter Einbeziehung argentinischer und chilenischer Nachrichtendienste.

- Contra-Krieg: Aufbau und Unterstützung der Contra-Guerillas im Krieg gegen Nicaragua von 1981 bis 1990, ausgeführt von der Vorläuferabteilung der Special Activities Division, dem paramilitärischen Arm der CIA.

- Iran-Contra-Affäre: Unterstützung der Contras in Nicaragua durch Waffenverkäufe an den Iran und die Duldung des Schmuggels von Kokain in die USA.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Central_Intelligence_Agency#Bekannte_Operationen

 

Operation Northwoods

 

„Operation Northwoods war ein US-amerikanischer Geheimplan, der 1962 vom Generalstab des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten verfasst und am 13. März 1962 Präsident John F. Kennedy vorgelegt wurde. Neben Operation Mongoose sah dieser Plan vor, die verdeckte Kriegsführung der USA gegenüber Kuba weiter auszubauen. Durch inszenierte Terroranschläge unter falscher Flagge gegen den zivilen Luft- und Schifffahrtsverkehr innerhalb der USA, für die man im Nachhinein Fidel Castro verantwortlich machen wollte, sollte ein Vorwand zur Invasion Kubas geschaffen werden. Im Gegensatz zu Mongoose wurde Northwoods jedoch nicht umgesetzt, weil Kennedy seine Zustimmung verweigerte. Die Planungen wurden bereits unter Präsident Eisenhower vorgenommen. Unterzeichnet war das Dokument von allen Mitgliedern der Vereinigten Stabschefs, Lyman L. Lemnitzer, dem Vorsitzenden und späteren Oberkommandeur der NATO in Europa, sowie von Brigadier General William H. Craig. Nach über dreißigjähriger Geheimhaltung kam der Geheimplan 1997/98 durch den Freedom of Information Act an die Öffentlichkeit.

Mit dem Scheitern der Invasion in der Schweinebucht in Kuba und der offensichtlich gewordenen Beteiligung von CIA-Agenten im Zusammenhang mit einer organisierten Armee aus Exilkubanern, suchte die US-Regierung unter Kennedy nach subtileren Operationsmöglichkeiten gegen Kuba. Northwoods galt als ein Entwurf, der die Weltöffentlichkeit von der Gefährlichkeit des Castro-Regimes überzeugen sollte.

Das Dokument wurde mit der Absicht verfasst, eine allgemeine Zustimmung und Unterstützung für eine militärische Invasion von Kuba zu gewinnen. Die Stabschefs gingen davon aus, dass die US-Bevölkerung einen Militärangriff auf Kuba nur dann unterstützen würde, wenn dem Angriff bedrohliche und aggressive Aktionen der Inselnation gegen amerikanische Soldaten, Zivilisten, Kubaflüchtlinge oder Exilkubaner vorausgegangen wären. James Bamford kommentiert kurz nach Veröffentlichung der Dokumente den Inhalt wie folgt:

„Geheimen und lange unter Verschluss gehaltenen Dokumenten zufolge […] machte und verabschiedete der Vereinigte Generalstab Pläne, die vielleicht die schlimmsten waren, die je von einer US-amerikanischen Regierungsin­stanz produziert worden sind. Im Namen des Antikommunis­mus schlugen die Militärs einen geheimen und blutigen Terrorkrieg gegen ihr eigenes Land vor, um die amerikanische Öffentlichkeit für den irrwitzigen Krieg zu gewinnen, den sie gegen Kuba führen wollten.“

Das Dokument umfasst die Inszenierung gefälschter Angriffe mit fingierten Opfern, in anderen Fällen lässt es offen, ob die Angriffe Täuschungsmanöver oder echte Aktionen sein sollten. Für einige Angriffe wurde ausdrücklich erwogen, sie in die Realität umzusetzen. Nach der erfolgreichen Operation Northwoods wurde eine weitere Koordination durch die CIA geplant.

Einige Empfehlungen der Operation Northwoods lauteten:

- Verbreitung von Gerüchten über Kuba durch geheime Radiosender

- Anschläge gegen kubanische Flüchtlinge in den USA, für die man Castro verantwortlich machen wollte

- Versenkung eines amerikanischen Schiffes in der Bucht von Guantánamo

- Zerstörung einer amerikanischen Militärbasis oder eines amerikanischen Flugzeuges, anschließende Beschuldigung kubanischer Truppen

- Störung des zivilen Luftverkehrs, Angriffe auf Schiffe und Zerstörung eines US-Militärflugzeuges durch Flugzeuge vom Typ MiG

- Zerstörung eines angeblich mit ferienreisenden Studenten gefüllten Passagierflugzeuges

- möglichen Unfalltod des Astronauten John Glenn als kubanische Sabotage darstellen

- Inszenierung einer Terroraktion mittels des tatsächlichen oder simulierten Versenkens kubanischer Flüchtlinge

- Inszenierung von kommunistischen kubanischen Terroraktionen im Bereich Miami und in anderen Städten Floridas sowie in Washington

- Angriff und Abschuss einer zivilen Chartermaschine durch ein kubanisches Flugzeug.

Für den Angriff und Abschuss einer zivilen Chartermaschine sah man vor, ein genaues Duplikat eines tatsächlich registrierten Zivilflugzeuges der CIA anzufertigen. Vorgesehen war hierfür der Luftwaffenstützpunkt Eglin. Das Duplikat sollte durch ein Rendezvous beider Flugzeuge südlich von Florida ausgetauscht werden. Zuvor haben bereits Passagiere mit falschem Namen das tatsächlich registrierte Flugzeug betreten und fliegen auf Minimalhöhe zum vorgesehenen Luftwaffenstützpunkt Eglin zurück. Das Duplikat sollte als Drohne weiter Richtung Kuba fliegen und mit dem Notsignal „Mayday“ einen Angriff durch ein kubanisches Kampfflugzeug simulieren. Indem das Signal aufgefangen und der International Civil Aviation Organization gemeldet wird, würde der Vorfall von ganz allein genug Aufsehen erregen, ohne großes Zutun der US-Regierung.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Northwoods

Soweit nicht anders angegeben, folgt der Wurm dem Buch „Fidel Castro – Eine Biographie“ von Volker Skierka aus dem Jahr 2000.

 

Kuba im Strudel des Weltgeschehens

 

Revolution an der Macht

 

„Die Maßnahmen gegen die publizistischen Plattformen der Gegner der Revolution sind allerdings auch eine Reaktion auf die zunehmende Zahl von Anschlagen und Sabotageakten, die meist von Exilkubanern im Zusammenwirken mit der CIA von Florida aus gesteuert werden. So operiert seit Anfang 1960 in den Bergen von Escambray in Zentralkuba eine Anti-Castro-Guerilla, die so genannte „Zweite Nationale Front“. Ihr Chef ist ein früherer Kampfgefährte Castros und Guevaras, Eloy Gutierrez Menoyo, ein leidenschaftlicher Antikommunist. Finanziert und mit Waffen versorgt wird sie von Miami aus. Auch wenn es den Revolutionstruppen gelingt, diese Guerilla zu isolieren, zählt sie nach Castros eigenen Angaben zeitweilig bis zu 5.000 Kampfer, und es sollte Jahre, bis 1965, dauern, ehe sie besiegt und aufgelöst ist.

Seit dem Sieg der Revolution fliegen auch kleine Zivilflugzeuge Terrorangriffe gegen Passanten und Industrieanlagen, werfen Brandbomben auf Zuckerfabriken und -plantagen, töten Menschen und richten enormen volkswirtschaftlichen Schaden an. Nach einem Absturz bei einem toten amerikanischen Piloten gefundene Dokumente belegen, dass die Urheber der Attacken in Florida sitzen.“

„In der US-Hauptstadt glaubt man indessen, nach dem Sieg von Castros Revolution die Zuckerinsel 90 Kilometer südlich von Florida genauso in den Griff zu bekommen wie eh und je. Diese Selbstgewissheit der US-Politik ist nach Auffassung zahlreicher Beobachter  die Ursache für den späteren Totalverlust Kubas.

„Wir blickten irrtümlich durch die traditionelle Brille auf Kuba und schätzten es als kontrollierbar ein", heißt es in einer internen Analyse der US-Regierung. „Wir waren ... so vollständig von Kubas völliger Abhängigkeit gegenüber den USA überzeugt, dass wir die Stärke des kubanischen Nationalstolzes nicht wahrhaben wollten und anscheinend auch Mühe damit hatten, Kuba oder Castro ernst zu nehmen.““

„Denn Kennedy ist offenbar einer der  wenigen  in Washington mit einer differenzierten Sichtweise des Kuba-Problems. Und er scheut sich nicht, mit der Eisenhower-Administration hart ins Gericht zu gehen. Auf einer später in Vergessenheit geratenen Wahlversammlung in Cincinnati erläutert er den Zuhörern die Ursache für die kubanische Revolution: „Wir weigerten uns, Kubas verzweifeltem Verlangen nach wirtschaftlichem Fortschritt entgegenzukommen ... Wir benutzten den Einfluss unserer Regierung, um die Interessen und das Wachstum der Profite der privaten amerikanischen Gesellschaften zu fordern, die die Wirtschaft der Insel beherrschten ... Sprecher der Regierung jubelten Batista zu, feierten ihn zu einer Zeit als einen zuverlässigen Verbündeten und einen guten Freund, als er Tausende umbrachte, die letzten Überreste an Freiheiten beseitigte und dem kubanischen Volk hunderte von Millionen von Dollars stahl. Somit war es unsere eigene Politik, nicht die von Castro, die Auslöser dafür war, dass sich unser früherer Nachbar gegen uns wandte.“"

„Sein (Fidel Castros) erster Aufenthalt in New York in der Uniform des siegreichen Revolutionärs, dreieinhalb Jahre, nachdem er hier noch mit Moustache, geöltem Haar und im dunklen Zweireiher Geld für seine Revolution gesammelt hatte, gestaltet sich wie ein Triumphzug mitten durch Feindesland. Er reist mit einer siebzigköpfigen Delegation und wird getragen von einer Welle der Sympathie, Neugier und Begeisterung des aufgeklärten Bürgertums. Zu einem Redeauftritt im New Yorker Central-Park strömen über 30.000 Menschen herbei.“

„Unterdessen verhindern die USA auf internationaler Ebene die Gewährung eines 100-Millionen-Dollar-Kredites durch ein Konsortium europäischer Banken und intervenieren auf den internationalen Waffenmärkten gegen den Verkauf westlicher Rüstungsgüter an Kuba. Als Belgien sich darüber hinwegsetzt, fliegt am 4. Marz 1960 im Hafen von Havanna der mit belgischen Waffen beladene französische Frachter „Coubre“ in die Luft. 81 Menschen sterben, über 300 werden verletzt. Ein belgischer Experte nennt Sabotage als wahrscheinlichste Unglücksursache. Bei der Beisetzung der Opfer macht Castro die USA für die Tat verantwortlich.“

„Im Juli 1960 reist Raul Castro in die Sowjetunion. Mit Premierminister Chruschtschow vereinbart er ein umfangreiches Militärhilfeprogramm. Zunehmende Sabotageaktivitäten von Florida aus und Gerüchte über eine bevorstehende amerikanische Landeoperation auf Kuba veranlassen Chruschtschow am 9. Juli zu der Warnung an die USA: „Die Sowjetunion ... streckt dem kubanischen Volk seine helfende Hand aus ... Falls es nötig sein sollte, kann das sowjetische Militär das kubanische Volk mit Raketenwaffen unterstützen.“

„Währenddessen eskaliert der Schlagabtausch um die Landreform. Als die mächtige United Fruit Company, für die CIA-Chef Allen Dulles und sein 1959 verstorbener Bruder, Außenminister John Foster Dulles, einst tätig waren, sich weigert, 15 Prozent ihrer Flächen abzugeben, wird sie am 4. April 1960 enteignet. Auf Bitten Washingtons widersetzen sich nun die Raffinerien von Texaco, Esso, Shell und Standard Oil der Anordnung der kubanischen Regierung, Ölimporte aus der Sowjetunion zu verarbeiten. Daraufhin werden deren Konzernniederlassungen wie andere US-Unternehmen auch, insgesamt 36, unter kubanische Regierungskontrolle gestellt.

Nun holt Präsident Eisenhower zu einem empfindlichen Schlag gegen die vor allem vom Zuckerexport abhängige kubanische Wirtschaft aus. Am 5. Juli setzt er die Abnahmeverpflichtung für eine Lieferung von 700.000 Tonnen kubanischen Zuckers für das Jahr 1960 aus. Damit senkt er die US-Importquote für kubanischen Zucker, die 1959 noch 59 Prozent (2,4 Millionen Tonnen) der Jahresproduktion betrug, auf 35 Prozent. US-Botschafter Bonsal meinte: „Die Suspendierung der Zuckerquote war ein wichtiger Schritt in dem Konzept zum Sturz Castros.“ Zwei Wochen zuvor hatte Castro in einer Fernsehansprache vor einem solchen „Dolchstoß-Erlass in den Rücken der Revolution“ gewarnt und mit weitergehenden Enteignungen gedroht: „Sollten wir unsere ganze Zuckerquote verlieren, könnten sie ihre gesamten Investitionen in Kuba verlieren.“ Einen Monat später bewegt sich das kubanische Kabinett ein weiteres Stück in diese Richtung und kontert den „Dolchstoß-Erlass“ mit einem „Macheten-Gesetz“: Jetzt werden alle amerikanischen Firmen zwar nicht enteignet, aber unter kubanische Vormundschaft gestellt. Dadurch werden die Gewinntransfers der US-Konzerntöchter zu ihren Müttern gekappt. Zur gleichen Zeit greift die Sowjetunion Castro demonstrativ unter die Arme, indem sie sich bereit erklärt, zusätzlich das US-Zuckerkontingent für 1960 zu übernehmen.

Zwei Wochen später steigt auch die andere kommunistische Großmacht in den Ring, die Volksrepublik China. In einem Handelsabkommen mit Kuba verpflichtet  sich Peking, über fünf Jahre jährlich 500.000 Tonnen kubanischen Zuckers zu Weltmarktpreisen zu kaufen. Auf Drängen der USA verurteilt nun die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in ihrer „Erklärung von San Jose“ den „Versuch der Chino-Sowjet-Mächte“, Vorteile aus der politischen, ökonomischen oder sozialen Lage amerikanischer Staaten zu ziehen. Es gelingt den USA jedoch nicht, eine Verurteilung Kubas durchzusetzen.

Im August 1960 reagiert Castro mit der Verstaatlichung der Industrie- und Agrarbetriebe, die sich in US-Besitz befinden. Im September, unmittelbar vor seiner Abreise zur UNO-Vollversammlung, sind die Niederlassungen aller US-Banken an der Reihe. Und nach seiner Rückkehr aus New York lässt Castro im Oktober die rund 550 verbliebenen ausländischen und kubanischen großen Industrie- und Handelsbetriebe sowie die restlichen Banken (außer den kanadischen) verstaatlichen. Am 15. Oktober verkündet er im Fernsehen, nunmehr sei sein revolutionäres Programm erfüllt, das er in seiner Moncada-Verteidigungsrede „Die Geschichte wird mich freisprechen“ niedergelegt habe. Bis auf private Kleinbetriebe, die aber einige Jahre später auch an die Reihe kommen sollten, ist nur zwei Jahre nach dem Sieg der Revolution der Kapitalismus auf Kuba praktisch abgeschafft. US­ Unternehmen mit bekannten Namen wie Esso, Standard Oil, Texaco, Swift, Goodyear, Procter & Gamble, Colgate-Palmolive, Sears, Ford, die Chase Manhattan und First National Bank sowie andere Firmen und Konsortien verlieren ihre Investitionen: eine Milliarde Dollar. 100 Millionen Dollar Anlagevermögen vor allem im Tourismussektor muss allein die amerikanische Mafia abschreiben, wie Santos Trafficante, einer ihrer Statthalter auf Kuba, schätzte.

Während Castro die Masse der Bevölkerung hinter sich weiß, hat das Egalisierungsprogramm für den Mittelstand verheerende Auswirkungen. Immer mehr Selbständige, Ärzte, Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler, Wirtschaftsexperten und Facharbeiter verlassen enttäuscht das Land. Zwischen 1960 und 1962 verliert Kuba so schatzungsweise 200.000 beruflich hoch qualifizierte Bürger. Die meisten lassen sich in Florida nieder. Von Castro als „gusanos“ (Würmer) verhöhnt, schließen sich viele einer der Oppositionsgruppen gegen Castros Regime an.“

 

UNO-Vollversammlung in New York

 

„Als Castro im September 1960 anlässlich der UNO-Vollversammlung wieder in New York landet, schlägt ihm von offizieller US-amerikanischer Seite eisige Feindseligkeit bis hin zu blankem Hass entgegen. Außer Nikita Chruschtschow, dem sowjetischen Ministerpräsidenten, dessen Ankunft an Bord des Schiffes „Baltika“ im Hafen von New York durch die Schikanen der US-Behörden „ein Ereignis von niederdrückender Peinlichkeit“ gewesen sei, habe als einziger Fidel Castro „konzentriertes öffentliches Ärgernis heraufbeschworen“, schreibt Hans Ulrich Kempski, damals Chefkorrespondent der „Süddeutschen Zeitung“. „Attribute wie Mörder, Henker und Schlachter, mit denen Chruschtschow auf Plakaten und in Zeitungsartikeln bedacht wird, wollen schier respektvoll klingen, verglichen mit den Hassausbrüchen, die bereits die öffentliche Nennung von Castros Namen mit sich bringt. Noch im Vorjahr fünf Tage lang in New York stürmisch umjubelt, wird er nun als eine haarige Ratte angeprangert, als ein Strauchdieb und Mädchenschänder, dem am liebsten jeder Amerikaner eigenhändig mit dem Messer an die unrasierte Kehle ginge.“

Während die etwa 8.000 in New York lebenden Exilkubaner Castro auf den Straßen fähnchenschwingend huldigen, bringt die Boulevardpresse „Berichte und Bilder von Anti-Castro-Demonstrationen, denen freilich nicht zu entnehmen ist, dass es sich stets um das gleiche kleine Häuflein handelt, das schon seit Tagen vor dem UNO-Palast mit Plakaten und gesenkten Köpfen um ein Blumenbeet marschiert. Mehr als 25 Menschen sind es noch nie gewesen. Manchmal sind es auch bloß drei“, berichtet Kempski.

Obgleich Kuba UNO-Mitglied ist, findet die 85-köpfige Delegation des Landes zunächst keine angemessene Unterkunft. Nachdem sie sich durch willkürliche astronomische Preiserhöhungen aus dem nur unter großen Schwierigkeiten gefundenen Hotel „Shelburn“ wieder vertrieben fühlt, inszeniert Castro einen medienwirksamen internationalen Skandal. Er braust mit einer hupenden Autokolonne durch Manhattan zum UNO-Hauptquartier und fordert vom UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld eine Notaufnahme. Ansonsten, so droht der Guerillero, werde man im Central-Park kampieren. Schließlich findet die kubanische Delegation als neue Bleibe eine, die geradezu idealste Voraussetzungen für weitere publicityträchtige Provokationen des „sauberen“ Amerika bietet: Man zieht in das „Hotel Theresa“ in der 125. Straße, mitten im Farbigen-Stadtteil Harlem und hisst die kubanische Flagge. „Das Theresa gilt seit 30 Jahren als das politische Nervenzentrum der Negerpolitik des Nordens. Kein weißer Mann kann hier normalerweise Wohnung nehmen. Dass Castro, der Propagandist der Rassenintegration, es trotzdem tut und wagen kann, muss wie ein Signal für die schwarzen Völker wirken und als ein gefährlicher Affront gegen die Weißen Amerikas“, merkt Kempski an.

Während die amerikanischen Medien der Öffentlichkeit indigniert weiszumachen versuchen, die Kubaner seien in einem Bordell abgestiegen, würden Orgien mit Prostituierten feiern und in ihren Zimmern Hühner schlachten, hält Castro dort Hof. Von Reportern belagert wie kein anderer Staats- oder Regierungschef, empfängt er unter dem Jubel Tausender schwarzer und lateinamerikanischer Anhänger, welche die Straßen zum Hotel säumen, seine Besucher: den radikalen Schwarzenführer Malcolm X, den indischen Premier Jawaharlal Nehru, Ägyptens Staatschef Gamal Abd el-Nasser sowie den Regierungschef der anderen Weltmacht, Nikita Chruschtschow.“

„Die Aufmerksamkeit, mit der ihm die Versammelten lauschen, könne nur als fasziniert bezeichnet werden. Castro, den Blick meistens nach oben gerichtet, nehme sich aus „wie der Hauptdarsteller einer Tragödie“, der, einsam vor der Klagemauer stehend, die Pein seines Volkes in alle vier Winde verkünde. „Viereinhalb Stunden braucht er dazu. Er schlägt die Tür, die nach den Vereinigten Staaten führt, keineswegs endgültig zu. Schon gar nicht führt er sich auf wie ein  Kommunist. Er wirkt eher wie ein widerwilliger Verbündeter des Weltkommunismus, der in einem Volksfrontsystem kubanischer Sonderprägung den einzigen Ausweg sieht. Als Motiv möchte er glaubhaft machen, dass Washington durch ständige Aggressionen die Insel in einem halbkolonialen Zustand zu halten versucht habe. Die Belege hierfür mögen demagogisch verzerrt sein, doch reine Lügen sind sie nicht … Castro hat es geschafft, ein nachdenkliches Publikum zu hinterlassen … Dieser für Castro über jedes Erwarten günstige Effekt wird allerdings abgewertet durch die lärmende Zustimmung, die Chruschtschow und sein Anhang spenden, ... wobei er krakeelt wie ein ungezügelter Fußballplatzbesucher.“

Chruschtschows Botschaft ist nicht mehr zu übersehen: Kuba verfügt - ob es will oder nicht - über einen neuen, mächtigen Freund. Den kann Castro allerdings schon kurz darauf gut gebrauchen: Private amerikanische Gläubiger, Opfer der kubanischen Enteignungspolitik, haben Castros Turboprop-Flugzeug durch die US-Behörden beschlagnahmen lassen. Für die Heimreise muss er sich von Chruschtschow ein Flugzeug leihen.“

 

Schweinebucht

 

„Am 17. März 1960 gibt Präsident Eisenhower schließlich auf Drängen von Vizepräsident Nixon grünes Licht für das Landeunternehmen und weist CIA-Chef Dulles an, eine Streitmacht aus Exilkubanern für eine Invasion auf Kuba ausbilden zu lassen. Parallel soll die Opposition auf Kuba verstärkt Unruhe schüren und durch Anschläge das System unterminieren. Laut einem nach dem Schweinebucht-Abenteuer erstellten geheimen Memorandum der CIA vom 5. Mai 1961 werden so bis zur Landung in der Schweinebucht bei Sabotageaktionen durch 800 Brandstiftungen 300.000 Tonnen Zuckerrohr vernichtet. 150 andere von Saboteuren gelegte Brände zerstören 42 Tabaklager, zwei Papierfabriken, mehrere Geschäfte und „21 Wohnungen von Kommunisten“. Bei 110 Bombenanschlägen werden auch ein Kraftwerk und der Bahnhof getroffen. Eisenhower ordnet an, dass die USA offiziell nichts damit zu tun haben dürften.

Castro bleibt nicht verborgen, dass die CIA ab Herbst 1960 auf eine größer angelegte Aktion zum Sturz der Revolutionsregierung hinarbeitet. Am 20. Oktober 1960 wird Botschafter Bonsal zu „Konsultationen“ nach Washington zurückgerufen. Zum Ende seiner Amtszeit verhängt Präsident Eisenhower das erste Exportembargo gegen Kuba, von dem nur humanitäre Güter ausgenommen sind. Im Dezember wird die vertraglich vereinbarte Abnahmemenge für kubanischen Zucker für das Jahr 1961 auf null eingefroren. Am 3. Januar 1961, zwei Jahre nach der kubanischen Revolution und zweieinhalb Wochen vor dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten  John F. Kennedy, bricht Eisenhower schließlich die diplomatischen Beziehungen zu Kuba ab.

Jahrzehnte später weist Arthur Schlesinger Jr., der einstige Sonderberater von  Präsident Kennedy, darauf hin, „dass das ‚Mord-Projekt‘ (gegen Castro) von Anfang an ein integraler Bestandteil des Invasionsplans war“. Schlesinger Jr. zitiert den neben CIA-Chef Dulles für die Invasion direkt verantwortlichen CIA-Abteilungsdirektor Bissell mit den Worten: „Der Mord (sollte) dem Zweck dienen, den Plan voranzubringen … Später wurde die Mafia in den Plan einbezogen, als (der CIA-Verbindungsmann zur Mafia, Robert) Maheu, (die Mafiabosse Salvatore „Momo“) Giancana und (Johnny) Roselli dazuholte.“ Roselli ist Mafia-Chef in dem nach dem Verlust Kubas zum Spielerparadies ausgebauten Las Vegas, Giancana der von Chicago. Von ihm wird später bekannt, dass er sich mit Präsident Kennedy eine Geliebte teilte: Judith Exner. Sie beziehen Santos Trafficante in ihre Pläne ein. Er ist inzwischen Mafiaboss in Miami.

Mit der Verbindungsaufnahme zur Mafia beauftragt Bissell im August 1960 mit Zustimmung von Dulles den Obersten Sheffield Edwards. Einer von dessen Leuten, Jim O'Connell, trifft sich schließlich im September, vier Tage vor Castros Reise zur UNO­Vollversammlung, im New Yorker Plaza Hotel mit dem CIA-Informanten Maheu und weiht ihn in den Plan ein, Castro zu töten. Es kommt zu mehreren von Maheu vermittelten Treffen zwischen O'Connell, Roselli, Giancana und Trafficante in New York und Miami. Bissell informiert CIA-Chef Dulles, dass „ein Kontakt zur Mafia hergestellt wurde“. Für den Mordanschlag werden im Invasionsbudget 200.000 US-Dollar reserviert.

Am 18. Oktober 1960 überrascht FBI-Chef Edgar Hoover Bissell mit einer Aktennotiz, laut der er von der Verwicklung des Mafia­-Bosses Giancana in das Mordkomplott der CIA gegen Castro weiß: „Bei einem kürzlichen Gespräch mit verschiedenen Freunden erzählte Giancana, dass Fidel Castro in Kürze beseitigt sein würde … Er deutete an, sich angeblich bereits dreimal mit dem potentiellen Mörder getroffen zu haben … Giancana erklärte, dass für die Ermordung Castros alles perfekt vorbereitet worden sei und dass der „Mörder“ mit einer jungen Frau verabredet habe, Castro eine „Pille“ in ein Getränk oder ins Essen zu mischen.“

Bei der jungen Frau handelt es sich um Marita Lorenz, die deutsche Ex-Freundin Castros. Sie behauptet, eines Tages habe ihr ein Agent ein in der „Habana-Libre“-Suite aufgenommenes Foto unter die Augen gehalten, das den abgetriebenen Fötus zeigte, und auf Castro anspielend gesagt: „Das hat er dir angetan!“ Schockiert und aus enttäuschter Liebe habe sie sich daraufhin für den von CIA und Mafia gemeinsam geplanten Mordanschlag gegen Castro anwerben lassen. CIA-Mann Frank Sturgis überredet sie demnach, Castro in Havanna zu besuchen und ihn mit einer von der CIA-„Abteilung für Technische Dienstleistungen“ aus Schellfischgift hergestellten Botulismus-Pille zu töten. Dabei handelt es sich um ein kaum nachzuweisendes Neurotoxin. „Ich bekam den Auftrag, sie zu rekrutieren. Aus geheimdienstlicher Sicht war sie Gold wert. Und ich züchtete sie heran, bis sie bereit war, Castro zu vergiften“, erklart Sturgis später. Ihr werden angeblich zunächst zwei, dann sechs Millionen Dollar für den Mord versprochen.“

„Auch andere Anschläge scheitern oder werden als undurchführbar verworfen: Einmal will man Castro eine Kiste vergifteter Zigarren zukommen lassen. Ein anderer Plan sieht vor, Castros Taucheranzug mit hochansteckenden Tuberkulosebakterien zu verseuchen. Dann will man seine Taucherbrille mit einem Haarausfall-Mittel infizieren, damit er sämtliche Kopf- und Barthaare verliert und nur noch eine lächerliche Figur abgibt. Ernster zu nehmen ist der Plan eines in Havanna stationierten Agenten  mit dem Decknamen NOTLOX. Er will Castro am 9. April 1961 (wenige Tage vor der geplanten Landung in der Schweinebucht) anlässlich einer  Boxveranstaltung im Sportpalast von Havanna mit einem Panzerfaustgeschoss töten. Das Attentat wird abgeblasen, nachdem sich  rivalisierende Anti-Castro-Gruppen ins Gehege kommen. Bezeichnenderweise macht sich Castro am 8. April, einen Tag vor dem ursprünglich für den NOTLOX-Anschlag ausgewählten Termin, in einer Rede über die CIA lustig: „Wir glauben, dass die Central Intelligence Agency nicht über die geringste Intelligenz verfügt ... Wirklich, keiner dieser Central-Intelligence­ Agenten ist intelligent. Sie sollten die Central-Agency-of-Yankee-Kretins genannt werden.“ Castro weiß: „Seit Monaten baut die Central­ Agency-of-Yankee-Kretins auf dem Boden von Guatemala und dem Boden anderer Länder, die von Marionetten des Imperialismus regiert werden, Militärstutzpunkte und stellt Söldnertruppen auf, um unser Land anzugreifen.“ Und er droht: „Wenn sie auch nur einen Fuß hierhersetzen, dann werden sie die Wut des Volkes kennen lernen, die dann über sie hereinbrechen wird.“

Damit ist klar: Castro weiß darüber Bescheid, was ihn erwartet. Die „New York Times“ hatte es überdies am selben Tag berichtet. Schon im November 1960 hatte der kubanische Geheimdienst Kenntnis von dem Trainingslager in Guatemala.“

„Zwei Tage vor dem Invasionstermin kommt es zu einem entscheidenden „Vorspiel“: „Am 15. April 1961 wurden im Morgengrauen überraschend alle unsere Luftbasen bombardiert, um die wenigen Flugzeuge, die wir besaßen, zu zerstören“, erinnerte sich Fidel Castro. „Ich hatte die ganze Nacht wach auf dem Kommandoposten (in einem Haus im Stadtteil Vedado) verbracht, weil wir die Nachricht erhalten hatten, dass von Osten her eine feindliche Truppe an Land gehen würde, die in der Nähe zur Küste ausgemacht worden war. Raul war in Oriente. Almeida war ins Zentrum des Landes geschickt worden, Che war im Westen und ich in Havanna. So verteilten wir uns jedes Mal über das Land, wenn von einer Invasion der Vereinigten Staaten die Rede war.“ Die Luftangriffe gegen die Flugplätze Campo Libertad in Havanna, San Antonio de los Banos südwestlich der Hauptstadt und Santiago de Cuba als Vorspiel zur Invasion in der Schweinebucht wurden von Nicaragua aus unternommen. Dorthin, nach Puerto Cabezas, einer aus dem Dschungel herausgehauenen Stadt am Karibischen Meer, ist die aus Exilkubanern bestehende und ein Jahr lang in Guatemala von der CIA ausgebildete Invasionstruppe gebracht worden.

Der Überfall wird mit acht amerikanischen B-26-Bombern durchgeführt. Die Flugzeuge sind mit kubanischen Hoheitszeichen versehen worden, um eine Rebellion unter den kubanischen Luftstreitkräften vorzutäuschen. Damit die Welt es auch glaubt, muss eine zuvor in Nicaragua mit Einschusslöchern präparierte Maschine in Miami „notlanden“. Der Pilot berichtet dann der staunenden Presse von einer Flucht im Kugelhagel, bei der es ihm und anderen Piloten gelungen sei, die kubanische Luftwaffe zu eliminieren. Die Story platzt noch an Ort und Stelle, als ein Experte unter den Journalisten an der Metallnase das Flugzeug als US-Maschine identifiziert (kubanische B-26 besaßen Plexiglasnasen) und den Schwindel publik macht. Noch peinlicher ist, dass die Wahrheit ans Licht kommt, gerade  als der US-Botschafter Adlai Stevenson die Vereinten Nationen belogen und erklärt hat, die USA hätten damit nichts zu tun. Auch war die völlige Zerstörung von Castros Luftwaffe misslungen. „Uns blieben noch mehr Flugzeuge, als wir Piloten hatten“, konstatierte Castro: „Acht Flugzeuge und sieben Piloten“ …

Um diese Zeit ist die nach der Erkennungsnummer des am 8. September 1960 beim Training in Guatemala umgekommenen Freiwilligen Carlos Rodriguez Santana benannte Invasionsbrigade 2506 bereits unterwegs. An drei aufeinander folgenden Tagen ist sie von Puerto Cabezas aus in See gestochen. Die Flotte besteht aus acht von einem exilkubanischen Reeder und der United Fruit Company gecharterten Transportschiffen und sechs Begleitbooten. Ihr „Gastgeber“, Nicaraguas Diktator Anastasio Somoza, hat ihnen persönlich das Geleit gegeben und sie mit dem Wunsch verabschiedet, man möge ihm eine Locke von Castros Bart bringen. Die Invasionsbrigade zählt 1511 Mann. Eine Luftlandeeinheit aus 117 Infanteristen bleibt zurück und wartet mit elf B-26-Bombern auf ihren Einsatzbefehl zur Luftunterstützung …

Um kurz vor ein Uhr morgens beginnt am 17. April 1961 schließlich die von den beiden CIA-Mitarbeitern Grayston Lynch und William Robertson befehligte „Operation Zapata“. Bis zum Morgengrauen gelingt es den Invasoren, sich am Strand festzusetzen.

Allerdings hat unmittelbar vor Beginn der Landung eine motorisierte Patrouille von Almeidas Leuten blinkende Lichter auf See bemerkt, sie aber zunächst für Notsignale eines verirrten Bootes gehalten. Als Kampftaucher und ein Landungsboot die Milizen unter heftigen Beschuss nehmen und sie zu einem verlustreichen Rückzug zwingen, gibt es jedoch keinen Zweifel mehr darüber, was sich vor der Küste abspielt. Erst nach einer Stunde erreichen die Entkommenen in ihrem Jeep die nächstliegende Stadt Jagüey Grande, von wo aus sie gegen 2.30 Uhr Castro in seinem Hauptquartier „Punto Uno“ in Havanna verständigen.

Der Oberbefehlshaber, der zu dieser Zeit über 25.000 Mann gut ausgerüstete Soldaten und 200.000 leicht bewaffnete Milizionäre verfügt, setzt sofort Artillerie- und Panzerverbande, darunter ein 870 Mann starkes Elite-Bataillon der Milizen, in Marsch …

Nach 65 Stunden sind die Kämpfe vorüber. Der Invasionstruppe geht die Munition aus. Abgeschnitten von jeglichem Nachschub und schließlich eingeschlossen von 20.000 Mann, kapituliert die „Brigade 2506“ nach fast drei Tagen heftigen Widerstands in den frühen Morgenstunden des 19. April. 1189 Mann marschieren in die Gefangenschaft, 114 sind gefallen oder ertrunken. Die Übrigen konnten an Bord der geflüchteten Schiffe, zu Fuß durch die Sümpfe oder in Schlauchbooten entkommen.

Unter den Gefangenen befindet sich eine Gruppe gesuchter Mörder aus der Zeit des Batista-Regimes. Ihnen war für den Fall eines Erfolgs der Invasion die Aufgabe zugeteilt, gewissermaßen dafür zu sorgen, dass Somoza seine Locke von Castros Bart bekommt. Sie sollten - mit anderen Worten - den Führungskreis um Castro auslöschen. Wegen ihrer Taten während der Batista-­Diktatur werden vierzehn von ihnen vor Gericht gestellt. Fünf von ihnen werden hingerichtet, neun zu dreißigjährigen Haftstrafen verurteilt.

Keiner der fast 1.200 Haftlinge wird allerdings zunächst wegen seiner Beteiligung an der Invasion angeklagt. Wieder einmal münzt Castro den militärischen Sieg in einen umfassenden weltweiten Propagandaerfolg um. In einem spektakulären, Tage währenden und als „Verhör von Havanna“ bekannt gewordenen offenen Gespräch diskutiert Castro persönlich mit den Gefangenen vor der Fernsehkamera über die Invasion und über seine Revolution. „Was waren das für Leute, die gegen die Arbeiter und Bauern zu kämpfen hierher gekommen sind?“, fragt Castro in seiner Rede zum 1. Mai. „Wir haben ... festgestellt, dass sich unter ihnen etwa 800 Söhne aus reichen Familien befinden. Diese 800 Personen besaßen, zusammengenommen, 372.000 Hektar Land, das die Revolution enteignet hat, 9.666 Mietshäuser, 70 Industriebetriebe, zehn Zuckerwerke, zwei Banken, fünf Bergwerke und zwei Zeitungen … Vom Rest der tausend Gefangenen waren 135 Berufssoldaten aus der Batista-Armee; die übrigen kamen aus dem deklassierten Kleinbürgertum und aus dem Lumpenproletariat.“ Castro macht von Anfang an deutlich, dass er an seinen Gefangenen kein weiteres Interesse hat, und bietet den USA - sicherlich auch in demütigender Absicht - an, sie gegen 500 Traktoren auszulösen. Aber erst als sie nach einem Jahr doch noch vor ein Kriegsgericht gestellt und zu Arbeitslager verurteilt werden, geben die USA ihre ablehnende Haltung auf. Nach zwanzig Monaten werden sie am 23. Dezember 1962 von den USA gegen medizinische Hilfsgüiter im Wert von 53 Millionen Dollar ausgelöst und freigelassen. Zwei Tage nach dem Scheitern der Operation übernimmt Präsident Kennedy die volle Verantwortung. Er erklärt: „Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt, dass der Sieg hundert Väter hat, die Niederlage aber ist eine Waise. Ich bin der verantwortliche Offizier der Regierung.“

Der zum Zeitpunkt der Invasion etwa 50 Meilen vor der Schweinebucht liegende US-Flugzeugträger „Essex“ und sein Begleitgeschwader durften nichts unternehmen, das Blatt zu wenden. Für die CIA ist danach klar: Die Schuldigen für das Desaster sitzen im Weißen Haus und im State Department. Dass Kennedy ein Eingreifen der US-Streitkräfte, vor allem massive Luftunterstützung, von vornherein abgelehnt hat, haben ihm viele bei der CIA und unter den Exilkubanern niemals verziehen - weil sie nicht begreifen wollten, dass der Präsident größere politische Zusammenhänge im Blick behalten musste … Dessen Sonderberater Schlesinger meinte rückblickend: „Als Kennedy sagte, es werde keine amerikanische militärische Einmischung (bei der Schweinebucht-Operation) geben, meinte er es auch. Sie verstanden nicht, dass er es meinte ... Kennedy wäre weit gegangen, um eine Krise zu vermeiden, vor allem eine militärische Krise. Er lehnte es ab, die Schweinebucht eskalieren zu lassen; er lehnte es ab, die Berlin-Krise zu eskalieren, er lehnte es später ab, die kubanische Raketenkrise eskalieren zu lassen ... Er war außenpolitisch eigentlich ein sehr behutsamer Präsident ... Wie es scheint, haben Bissell und Dulles dieses nicht verstanden, und das Land hat einen furchtbaren Preis für deren vorsätzliche Fehlinterpretation des Präsidenten bezahlt“ …

Sonderberater Schlesinger merkte an: „In Wirklichkeit stellte sich heraus, dass Fidel Castro ein weit ernster zu nehmender Gegner war und ein weitaus besser organisiertes Regime führte, als jedermann vermutet hatte. Seine Patrouillen entdeckten die Invasion fast zum frühestmöglichen Zeitpunkt. Seine Flugzeuge reagierten schnell und wirkungsvoll. Seine Polizei verhinderte jede Möglichkeit von Sabotage oder Rebellion hinter den Linien. Seine Soldaten blieben loyal und kämpften hart. Er selbst geriet niemals in Panik ... Seine Leistung war beeindruckend.“

Im November 1961 werden Dulles, sein Stellvertreter General Charles P. Cabell und Bissell abgelöst. Ihre Entlassung erfolgt nach der Vorlage eines internen Untersuchungsberichtes des CIA-Inspektors General Lyman Kirkpatrick im Oktober 1961. Das erst 1998 publik gewordene, 150 Seiten umfassende, streng geheime Papier, von dem angeblich nur noch ein einziges Exemplar existierte, übt an den Planungsverantwortlichen vernichtende Kritik. Vor allem wird betont, dass die CIA ihren Kompetenzbereich weit überschritten habe, indem sie die Unterstützung exilkubanischer Anti-Castro-Rebellen zu einem eigenen militärischen Projekt habe mutieren lassen. „Die Operation entfaltete ein Eigenleben“, heißt es darin. „Die (Central Intelligence) Agency marschierte vorwärts, ohne genau zu wissen, was sie tat.“ Die CIA-Offiziere „verstrickten sich so sehr in die Operation, dass sie den Überblick verloren. Ihr Etat sei von 4,4 Millionen US-Dollar auf 46 Millionen explodiert. Ein angeblich bereitstehender organisierter Widerstand aus 30.000 Kubanern habe überhaupt nicht existiert. Nicht Kennedys Weigerung, dem Landungskommando Luftunterstützung zu gewähren, sondern die Inkompetenz der CIA sei „die fundamentale Ursache für das Desaster“. Die von Bissell  installierte Kommandostruktur für die Invasion sei „anarchisch und desorganisiert“ gewesen. Kirkpatrick geht so weit, die gesamte Planung als „wahnsinnig“ zu qualifizieren. Bissell habe den Präsidenten offenkundig irregeführt und  ihm die bei delikaten Operationen vorgesehene Rückzugsmöglichkeit auf eine „plausible deniability“, ein „plausibles Dementi“, genommen. Justizminister Robert Kennedy wirft Bissell sogar vor, seinen Bruder im Weißen Haus mit alten Landkarten aus dem Jahre 1895 getäuscht zu haben.“

 

Kuba-Krise

 

„Am 30. November 1961, einen Tag bevor Castro sich öffentlich dem Marxismus-Leninismus verschreibt, hat Präsident Kennedy grünes Licht für eine neuerliche verdeckte Operation gegen Kuba gegeben. Es ist die bis dahin weltweit umfassendste Aktion in der Geschichte der CIA gegen einen anderen Staat. Sie erhält den Decknamen „Mongoose“, benannt nach dem asiatischen Mungo, einer graubraunen Schleichkatze, die auch die größten und giftigsten Schlangen anzugreifen und zu töten vermag. 400 CIA­-Beamte, mehrere hundert Motorboote und ein Jahresetat von angeblich mehr als 50 Millionen US-Dollar werden für die Jagd bereitgestellt.

Kuba, so der Bruder des Präsidenten, Justizminister Robert Kennedy, zu dem neuen CIA-Direktor John McCone, genießt „Top-Priorität ..., alles andere ist sekundär. Es darf dabei nicht an Zeit, Geld, Anstrengung und Personal gespart werden.“ In Washingtoner Regierungskreisen heißt es, der Präsident habe angeordnet, „alle Ressourcen verfügbar zu machen, um Castro loszuwerden“. Zum Chef der Operation „Mongoose“ ernennt Präsident Kennedy auf Vorschlag seines Bruders den Brigadegeneral Edward Lansdale, einen aus der Eisenhower-Ara übernommenen Südostasien-Spezialisten für "Sonderaufgaben“. Der als „Haudegen“ berüchtigte Agent inspirierte den Schriftsteller Graham Greene zu der Hauptfigur für dessen Roman „Der stille Amerikaner“. Lansdale wird im Pentagon angesiedelt und der direkten Aufsicht Robert Kennedys unterstellt. Bei seinen CIA-Kollegen gilt Lansdale indessen als Aufschneider: „Lansdale war ein Verrückter“, meinte Samuel Halpern von der „Task Force W“, der Kuba-Abteilung in der Planungsleitstelle der CIA.

Als man mit der neuerlichen Planung zur Beseitigung der Revolutionsregierung auf Kuba beginnt, verfolgt die CIA dort allerdings nur noch über 28 Agenten: „Nach der Schweinebucht haben sie aufgeräumt, und sie haben ganze Arbeit geleistet“, gibt Halpern gegenüber seinen Vorgesetzten zu bedenken. Nach wie vor gilt die Eliminierung Castros als Voraussetzung für das Gelingen der Operation. Ende 1961 bringt der Mafioso Trafficante Rolando Cubela, den Mörder von Batistas Geheimdienstchef, ins Spiel. Für den CIA-Mann Desmond FitzGerald, den Urheber mehrerer Attentatspläne gegen Castro, war Cubela in dieser Sache so etwas wie „Robert Kennedys persönlicher Vertreter“. Ronald Steel macht in seiner Biographie über Robert Kennedy plausibel, dass die Brüder Kennedy mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Mordaktionen gegen Castro genau im Bilde waren und sie unterstützten, ohne dass man ihnen nachweisen könne, sie förmlich angeordnet zu haben.

Castros Glaubensbekenntnis zum Marxismus-Leninismus führt dazu, dass binnen weniger Wochen 13 lateinamerikanische Regierungen - meist auf Druck der USA - ihre diplomatischen Beziehungen zu Havanna abbrechen. Auf dem Gipfeltreffen der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) im Januar 1962 in Punta del Este in Uruguay wird Kuba ungeachtet heftiger Interventionen Che Guevaras mit der erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit von 14 der 21 Stimmen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die „Anbindung an den Marxismus-Leninismus“ sei „unvereinbar mit dem Inter-Amerikanischen System“, heißt es zur Begründung. Um die entscheidende Stimme Haitis zu gewinnen, muss der US-Botschafter bei der OAS bei einem Abendessen mit dem Außenminister des kleinen Landes allerdings tief in die Tasche greifen: Fünf Millionen Dollar, angeblich für den Bau eines neuen Flughafens in der Hauptstadt Port-au-Prince, soll das Dinner die USA nach einem Bericht der uruguayischen Tageszeitung „El Dia“ gekostet haben. Am 7. Februar 1962 verhängen die USA eine völlige Wirtschaftsblockade gegen Kuba. Das beschert der Insel einen jährlichen Verlust an Deviseneinnahmen in Höhe von 600 Millionen Dollar.

Zur gleichen Zeit scheinen sich Informationen zu verdichten, nach denen die USA eine erneute Landeoperation auf Kuba planen. Während eines dreistündigen Abendessens mit dem Chruschtschow-Schwiegersohn und Herausgeber der sowjetischen Regierungszeitung „Iswestija“, Alexei Adschubej, im Weißen Haus zieht Präsident Kennedy einen auffälligen Vergleich zwischen Ungarn und Kuba. Misstrauen weckt auch eine Anspielung Kennedys auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen im Jahre 1964: „Falls ich für eine Wiederwahl kandidiere ..., wird Kuba das Hauptthema des Wahlkampfes sein. Wir werden etwas tun müssen.“ Vor diesem Hintergrund und einen Tag nach Verhängung des US-Wirtschaftsembargos gibt das Präsidium des Obersten Sowjet am 8. Februar grünes Licht für ein Militärhilfe­programm für Kuba. Am 21. Februar 1962, drei Wochen nach dem Treffen Adschubejs mit Kennedy, unterrichtet KGB-Chef Semitschastny den sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko und Verteidigungsminister Rodion Malinowsky von Erkenntnissen über einen neuen Invasionsplan.

Am 20. Februar hatte General Lansdale der „Special Group (Augmented)“ (SGA) einen streng geheimen 26 Seiten umfassenden und in sechs Stufen unterteilten Zeitplan für einen Umsturz auf der Insel vorgelegt. Die Entscheidungsvorlage für das Aufsichtsgremium der Operation Mongoose unter Vorsitz des Generalstabschefs der US-Streitkräfte, Maxwell Taylor, enthielt tatsächlich eine Option für „eine entschiedene Intervention der US-Streitkräfte“. Bereits am 7. Februar, dem Tag des In-Kraft­Tretens der US-Wirtschaftsblockade gegen Kuba, acht Tage vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen, hatte in der Hafenstadt Norfolk im US-Bundesstaat Virginia Admiral Robert Dennison, der Befehlshaber der US-Streitkräfte im Atlantik (CINCLANT), die Generalstabschefs versammelt, um alle notwendigen Vorbereitungen für eine Landung auf Kuba an einem noch festzulegenden „Tag X“ zu treffen. Präsident Kennedy und seine Berater verlangen, dass ein Militärschlag gegen das Castro-­Regime innerhalb von zwei bis vier Tagen erfolgreich abgeschlossen sein musste. Am 22. Februar 1962, fünf Tage vor der UNO­ Sicherheitsratssitzung, liegt der Invasionsplan fertig in den Panzerschränken des Oberkommandierenden und des Generalstabs der US-Streitkräfte. Auf einer Konferenz zur Aufarbeitung der Raketenkrise in Havanna räumte der damalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara 1992 ein: „Wenn ich damals ein kubanischer Führer gewesen wäre, ich würde eine US-Invasion erwartet haben ... Und wenn ich ein sowjetischer Führer gewesen wäre, wäre ich wohl zu demselben Schluss gekommen.“

Im Frühjahr 1962 sind die sowjetisch-kubanischen Beziehungen bereits so eng, dass ein Verlust des neu gewonnenen Partners laut Chruschtschows Erinnerungen „ein furchtbarer Rückschlag für den Marxismus-Leninismus gewesen wäre und unser Ansehen in der Welt, vor allem in Lateinamerika, schwer beschädigt haben“ würde. Im April spielt Chruschtschow gegenüber seinem Verteidigungsminister Malinowsky erstmals mit dem Gedanken der Stationierung von Nuklearraketen auf Kuba. „Zusätzlich zum Schutz Kubas hätten unsere Raketen das ausgeglichen, was der Westen gern die „Machtbalance“ nennt. Die Amerikaner hatten unser Land mit Militärbasen eingekreist und bedrohten uns mit Nuklearwaffen, es war höchste Zeit, dass Amerika das Gefühl kennen lernte, das man hat, wenn das eigene Land und das eigene Volk bedroht sind“, schrieb Chruschtschow in seinen Memoiren. Nach heutigen Schätzungen lag das Übergewicht der Zahl der US-Atomsprengköpfe gegenüber der Zahl der sowjetischen beim Amtsantritt Kennedys immerhin zwischen 9:1 und 17:1. Zudem haben die USA entlang der Grenze des NATO-Partners Türkei zur Sowjetunion fünf Abschussrampen für nuklearbestückte Jupiter-Mittelstreckenraketen gebaut, durch die sowjetische Städte wie Kiew, Odessa und sogar Moskau bedroht werden. Die Aufstellung atomarer Mittelstreckenraketen mit einem Reichweitenradius von 1.100 sowie 2.200 Kilometern direkt vor der amerikanischen Haustür böte den Sowjets die Chance, die Zahl sowjetischer Atomraketen, welche direkt amerikanische Städte und militärische Ziele in den USA bedrohten, auf einen Schlag zu verdoppeln. Denn bisher sind nur die großen, als SS-7 oder R-16 bekannten ballistischen Interkontinentalraketen (ICBM) mit einer Reichweite von 7.000 Kilometern auf die Vereinigten Staaten gerichtet.

Am 20. Mai erörtert Chruschtschow das Thema mit seinem Stellvertreter und Kuba-Experten Anastas Mikojan, Verteidigungsminister Malinowsky, Außenminister Gromyko, dem Mitglied des Politbüros der KPdSU Frol Kozlow und dem Castro eng verbundenen bisherigen KGB-Mann in Havanna und künftigen Sowjetbotschafter in der kubanischen Hauptstadt, Alexander Alexejew: „Genosse Alexejew, wir haben entschieden oder sind dabei zu entscheiden, Mittelstreckenraketen mit nuklearen Sprengköpfen auf Kuba zu stationieren ... Was wird Fidel dazu sagen?“ „Er wird einen Schrecken bekommen“, antwortet Alexejew, „und ich glaube nicht, dass er sie annehmen wird.“

Nach einem „einmütigen“ Politbüro-Beschluss am 24. Mai, Castro die Raketenstationierung anzutragen, reist vier Tage später eine hochrangige sowjetische Delegation in geheimer Mission auf Umwegen über Conakry in Westafrika nach Havanna. Mit dabei ist auch der als „Ingenieur Petrow“ getarnte Chef der Strategischen sowjetischen Streitkräfte, Marschall Sergej Birjusow. „Er fragte mich, was nötig wäre, um einer US-Invasion vorzubeugen“, erinnerte sich Castro, und habe die Möglichkeit angesprochen, Mittelstreckenraketen, „42 Stück davon, in unserem Land zu installieren ....“ Castro beriet sich im engsten Kreis. „Wir hielten nichts von den Raketen. Wären sie nur zu unserer Verteidigung da gewesen, hätten wir sie nicht akzeptiert. Nicht so sehr wegen der Gefahren, die wir mit ihnen auf uns ziehen würden, als vielmehr wegen des Schadens, den sie dem Image der Revolution ... in Lateinamerika zufügen könnten“, meinte Castro 30 Jahre später. Aber schließlich sei es auch eine „ethische Frage“ gewesen: „Ich dachte: wenn wir erwarteten, dass die Sowjets für unsere Sache kämpften, Risiken für uns in Kauf nahmen und bereit waren, unseretwillen sogar Krieg zu fuhren, wäre es unmoralisch und feige gewesen, die Präsenz dieser Raketen hier bei uns abzulehnen ...“ Am nächsten Tag habe er den Emissären aus Moskau mitgeteilt: „Wenn es dem Zweck dient, das sozialistische Lager zu stärken und auch die kubanische Revolution zu verteidigen, sind wir bereit, die Anzahl Raketen ... die Sie für notwendig halten, in unserem Land zu installieren.“

Nach Castros Zustimmung verabschiedet das Präsidium des Obersten Sowjet am 10. Juni 1962 das bisher spektakulärste Militärhilfeprogramm in der sowjetischen Geschichte: Chruschtschow will die Karibikinsel zur ersten Atommacht außerhalb des Warschauer Paktes hochrüsten, wenn auch unter sowjetischer Kontrolle.“

„Die Tonlage in Castros Brief an Chruschtschow vom 28. Oktober 1962 ist beherrscht kühl. In Wirklichkeit aber kocht der Maximo Lider vor Wut, weil er in der entscheidenden Phase der Raketenkrise von niemandem konsultiert worden ist. Der kubanische Premierminister musste die spektakuläre Neuigkeit aus Radio­ und Agenturmeldungen entnehmen. „Hurensohn! Bastard! Arschloch!“, poltert er daraufhin gegen Chruschtschow los, erinnert sich Franqui: „Er fluchte weiter, dabei seinen bisherigen Rekord an Flüchen überbietend.“ Alles, was Chruschtschow erreicht habe, sei ein Minimalzugeständnis Kennedys. Castro findet, man hätte viel mehr für Kuba und die Sowjetunion herausholen können. Allerdings kennt Castro nur den Kuba betreffenden Teil der Verabredung zwischen den beiden Supermächten. Die für Chruschtschows angeschlagene Position innerhalb der Sowjetführung wichtige Zusage über den Abzug der amerikanischen Jupiter-Raketen aus der Türkei wird auch vor ihm streng geheim gehalten. Castro erfährt davon erst im Frühjahr des folgenden Jahres, nachdem die Raketen tatsächlich abgezogen sind.

Kaum dass die sowjetisch-amerikanische Einigung an jenem 28. Oktober bekannt gemacht ist, verlangt Castro eine Überarbeitung und schiebt fünf Forderungen nach, die über einen bloßen Verzicht der USA auf eine militärische Invasion hinausgehen: 1. Aufhebung der im Februar verhängten Wirtschaftsblockade; 2. Einstellung der subversiven Aktionen und Sabotagetätigkeiten von Amerikanern  und  ihren konterrevolutionären „Söldnern“ auf Kuba; 3. Beendigung der „Piratenüberfälle“ von Exilkubanern aus den USA und von Puerto Rico aus; 4. Ende der Verletzung des Luftraums Kubas und seiner Hoheitsgewässer durch US-Flugzeuge und Schiffe; 5. Auflösung und Rückgabe des US-Marinestützpunktes Guantanamo im Osten Kubas.

Doch jetzt ist es für Nachbesserungen zu spät. Als am 30. Oktober der Generalsekretär der Vereinten Nationen Sithu U Thant nach Havanna kommt, um die UN-Inspektion des sowjetischen Raketenabzugs zu besprechen, trifft er auf einen Revolutionsführer, der sich in einer „unmöglichen und starrköpfigen Verfassung“ befand, „äußerst bitter“ gegen die Sowjets, die Amerikaner und U Thant selbst, den er als „Lakaien der Imperialisten“ beschimpft. Bei seinem zweiten Zusammentreffen mit U Thant wird Castro offenbar so ausfallend, dass der Gast das Gespräch abbricht und konsterniert nach New York zurückreist. Castro weigert sich strikt, eine Inspektion des Raketenabzugs durch UN­-Beobachter zuzulassen, weil dies in seinen Augen eine Verletzung der Souveränität Kubas wäre. „Wer immer versuchen will, Kuba zu inspizieren, muss schon in Schlachtformation aufmarschieren“, droht er. Chruschtschow schickt den stellvertretenden sowjetischen Ministerpräsidenten Anastas Mikojan nach Havanna, um Castro zu beruhigen. Der trifft dort am 2. November ein und muss knapp drei Wochen bleiben. So lange dauert es, bis Castro sich beruhigt. Währenddessen verlangen die USA auch noch den Abzug der 42 Iljuschin-28-Bomber.“

 

Kennedy-Attentat und die Folgen

 

„Die diskreten Kontakte verlaufen mehrgleisig: Über den New Yorker Anwalt James Donovan, der für die USA die Ende 1962 erfolgte Freilassung der Schweinebuchtsöldner verhandelt hat; die populäre Reporterin des Fernsehsenders ABC Lisa Howard, der Castro im April ein großes Interview gibt, in dem er sein Interesse an einer Verbesserung der Beziehungen zu den USA signalisiert; und über den ehemaligen Journalisten und stellvertretenden UN-Botschafter William Attwood. Castros Beauftragte sind sein Leibarzt und Berater Rene Vallejo und der kubanische UN-Botschafter Carlos Lechuga. Während Castro sich immer wieder selbst in die Sondierungen einklinkt, hält sich Kennedy im Hintergrund. Für ihn agieren sein Bruder Robert, Sicherheitsberater McGeorge Bundy, dessen Stellvertreter Gordon Chase, Sonderberater Schlesinger und UN-Botschafter Stevenson. Im Hintergrund mit dabei ist auch die CIA, deren Chef McCone sich im Mai 1963 quer legt. Eine solche Politik konterkariere die gegenwärtigen CIA-Operationen gegen Castro, argumentiert er. Jedoch im September werden die Kontakte fortgesetzt. Anfang November weiß Attwood zu berichten, dass Castro „über seine gegenwärtige Abhängigkeit von der Sowjetunion unglücklich“ ist und er „gern offizielle Kontakte zu den USA etablieren würde, auch wenn dies von der Mehrheit seiner Umgebung, die wie Che Guevara die harte kommunistische Linie vertritt, nicht gutgeheißen würde“.

Als Ende Oktober der französische Journalist Jean Daniel von der Wochenzeitung „L'Exprès“ zu einem Interview nach Washington kommt und anschließend nach Havanna weiterreisen will, gibt Kennedy ihm eine mündliche Botschaft für Castro mit: Darin stellt der US-Präsident die Aufhebung des Embargos in Aussicht, wenn Castro die Unterstützung von Guerillagruppen in Lateinamerika einstelle. Castros Antwort kann Daniel nicht mehr übermitteln. Nach einem ersten Treffen am 19. November fahren Daniel und Castro am 22. November in Begleitung Vallejos zu Castros Haus am Strand von Varadero. Um die Mittagszeit klingelt das Telefon für Castro. Am anderen Ende der Leitung ist der kubanische Staatspräsident Dorticos. „Wie? Ein Attentat?“, hört Daniel seinen sichtlich konsternierten Gastgeber fragen. Alle versammeln sich um ein Rundfunkgerät. Kurz darauf wird gemeldet, dass Präsident Kennedy tot ist. Als unmittelbar danach die amerikanische Nationalhymne gesendet wird, erheben sich Castro und seine Gäste und gedenken schweigend des ermordeten Erzfeindes der Kubaner.

„Jetzt wird alles anders werden ... Das ist eine sehr ernste Situation“, sagt Castro anschließend zu Daniel. Castro vermutet richtig, dass man nun ihn für den Mord verantwortlich machen will. Immerhin hatte er erst am 7. September 1963 in einem Interview in der brasilianischen Botschaft in Havanna vor dem Hintergrund der andauernden CIA-Operationen gegen ihn die Amerikaner gewarnt: „Die Führer der USA sollten daran denken, dass sie, wenn sie terroristische Pläne unterstützen, kubanische Führer zu eliminieren, selbst nicht mehr sicher sind.“ Und war Lee Harvey Oswald, der mutmaßliche Attentäter, nicht Mitglied eines Komitees, das sich „Fair Play for Cuba“ nannte? Als Angehöriger der Marines war er in Kalifornien und auf  einem Luftwaffenstützpunkt in Japan zum Radarspezialisten ausgebildet worden und  sprach Russisch. Im Oktober 1959 desertierte er in die Sowjetunion, lebte dort mehrere Jahre, heiratete eine Russin. Im Juni 1962 kehrte er allerdings in die USA zurück, ohne dass er inhaftiert und wegen Fahnenflucht angeklagt worden wäre, und erhielt sogar problemlos einen neuen Pass. Das Milieu, in dem er sich vor dem Kennedy-Mord bewegte, war in Wirklichkeit eines aus CIA, Mafia und militanten Exilkubanern.

Als Oswald und der Kennedy-Mord mit Kuba in Verbindung gebracht werden, veranlasst Castro seine Behörden zu Nachforschungen über Verbindungen Oswalds nach Kuba. „Wir fanden heraus, dass jemand dieses Namens in unserer Botschaft in Mexiko vorstellig geworden war und um ein Visum für Kuba gebeten hatte - ich glaube, es ging um ein zeitlich begrenztes Visum zur Weiterreise in die Sowjetunion. Unsere Leute lehnten seinen Antrag ab … Ich frage mich, was Oswald in Kuba wollte ... Was wäre wohl passiert, wenn er nach Kuba gekommen, in die Sowjetunion gegangen, in die USA zurückgekehrt wäre und Kennedy umgebracht hätte?“, sagt Castro 1992 dem früheren nicaraguanischen Innenminister und Schriftsteller Tomas Borge. Später heißt es, es habe sich um einen von der CIA präparierten Doppelgänger von Oswald gehandelt. Zurück aus Mexiko, sei er angeblich mit dem Barbesitzer Jack Ruby zusammengetroffen. Ruby ist es, der Oswald nach dem Attentat auf dem Polizeirevier in Dallas erschießt. In dem Gespräch mit Borge macht Castro auf seine Art Zweifel an der offiziellen Tatversion deutlich, wonach Oswald der alleinige Täter gewesen sein soll: „Ich habe große Erfahrung in der Verwendung van Zielfernrohren, weil ich jene (Gefährten), die mit mir auf der „Granma“ waren, ausgebildet habe ... Es schien mir extrem schwierig - fast unmöglich - für jemanden, so viele Schüsse in solch kurzer Zeit und mit solcher Präzision auf ein sich bewegendes Ziel abzugeben und so Kennedy dreimal ernsthaft getroffen zu haben ... Wenn man ein Zielfernrohr  benutzt, muss man nach einem Schuss die nächste Kugel in den Lauf bringen und das Ziel neu ins Sichtfeld bekommen. Das ist nicht leicht und braucht Zeit.“

In der Endlos-Serie von Spekulationen über den Kennedy­ Mord, mögliche Motive und Hintermänner tauchen schließlich immer wieder Namen aus jenen Kreisen auf, die bis dahin vor allem Castro nach dem Leben trachteten: die Mafiosi Johnny Roselli und Santos Trafficante (der später Roselli umbrachte), einander verbundene Figuren aus dem CIA- und Exilkubanermilieu mit Querverbindung zu Jack Ruby, welcher schon vor der Revolution Geschäftsverbindungen zu Trafficante und der Kuba­-Mafia hatte. Auch Castros deutsche Ex-Freundin Marita Lorenz kommt ins Spiel: Sie behauptet später als Zeugin vor der Kommission zur Untersuchung des Kennedy-Mordes sowie in ihren Memoiren, dass ihr CIA-Freund Frank Sturgis, der sie zu dem Botulismus-Attentat auf Castro überredet hatte, in das Kennedy­-Attentat verwickelt sei. Angeblich hat sie sogar etwas von der Planung des Attentats im Hause des Exilkubaners Orlando Bosch in Miami mitbekommen. (Bosch gilt später als der Drahtzieher eines Bombenattentats auf ein kubanisches Verkehrsflugzeug, bei dem im Oktober 1976 vor Barbados 76 Menschen umkommen. Durch seine CIA-Verbindungen kommt er unter dem damaligen CIA-Direktor und späteren US-Präsidenten George Bush ungestraft davon. „Einige Jahre später fand Bosch einen Freund in George Bushs Sohn Jeb“, heißt es 1992 in Hinckles und Turners „Deadly Secrets“. Jeb Bush, Bruder des nach den Präsidentschaftswahlen 2000 auf knappste Weise an die Macht gekommenen George W Bush Jr., ist Ende der neunziger Jahre Gouverneur des US-Bundesstaats Florida).“

„Die Theorie, wonach Schweinebucht-Veteranen aus der Exilkubaner-Gemeinde und der CIA hinter der Verschwörung gegen Kennedy steckten, stützt sich darauf, dass diese sich von Kennedy verraten und im Stich gelassen fühlten. Für Lyndon B. Johnson, Kennedys Vizepräsidenten und Nachfolger, war indessen Castro der Mann hinter dem Schützen. Der Texaner sah das Geschehen als simplen „Shootout“ aus der Wildwest-Perspektive. In einem Fernseh-Interview meinte Johnson lapidar: „Nun ja, Kennedy versuchte Fidel Castro zu kriegen, aber Fidel Castro war schneller.“ Dabei fiel bei den seit dem Mord kursierenden Verschwörungstheorien auch Johnsons Name. Kennedys Rivale Nixon, der sich bis kurz vor der Ankunft des Präsidenten zufällig in Dallas aufhielt, hatte spekuliert, dass Kennedy seinen Vize vor der nächsten Wahl wohl fallen lassen wolle.“

„Nur wenige Wochen nach dem Tode Kennedys versucht Castro den Faden zu den Amerikanern wieder aufzunehmen. Im Februar 1964 übermittelt Lisa Howard sogar eine mündliche Botschaft Castros an den Kennedy-Nachfolger Johnson. Darin sichert Castro „absolute Geheimhaltung“ zu und geht sogar so weit, dass er Stillhalten für den Fall anbietet, dass Johnson sich aus innenpolitischen Erwägungen gezwungen sieht, „herabsetzende Bemerkungen“ über Kuba zu machen „oder gar eine feindselige Maßnahme zu unternehmen“. Er bittet nur darum, ihn vorab zu unterrichten. Doch von Johnson kommt keine Reaktion, auch auf spätere Initiativen Castros hin nicht.“

„Der ideologische Konflikt zwischen Moskau und Peking um den richtigen Weg wird auch innerhalb der kubanischen Führung - vor allem von Che Guevara - zunehmend thematisiert. Castro hat unmittelbar nach dem Sieg der Revolution seinem Freund und Gefährten die operative Verantwortung für das wirtschaftliche und außenpolitische Konzept Kubas übertragen. Nach anfänglicher Begeisterung beobachtet Guevara mit Unbehagen, wie Kuba durch die wachsende Abhängigkeit von der Sowjetunion in seinen innen- wie außenpolitischen Spielräumen eingeengt wird. Er findet wie die Genossen in Peking, Moskau bewege sich mit seinem ausgeprägten Staatskapitalismus auf dem falschen ideologischen Weg. Vor diesem Hintergrund erkennt Castro, dass das Schlimmste, was Chruschtschow passieren konnte, eine Verständigung Kubas mit den Chinesen wäre.

Es ist nicht so, dass Castro, als er mit Chruschtschow in Pitsunda zusammensitzt, ernsthaft mit China liebäugelt. Ideologisch ist er viel weniger dogmatisch ausgerichtet als sein Bruder Raul oder gar Che Guevara. Maßgeblich ist für Fidel Castro der politische Spielraum, der ihn sein eigener Herr im Lande bleiben lässt und Kuba ein stolzes Maß an nationaler Souveränität garantiert. Aber er will auch eine Rolle auf der internationalen Bühne spielen. Mit den Chinesen wäre dies alles viel weniger ein Problem als mit den Sowjets. Doch hat Peking ökonomisch, militärisch und politisch zu wenig zu bieten und im internationalen Kräftemessen ein zu geringes politisches Gewicht. Wenn Castro die chinesische Karte spielt, dann nur, um gegenüber Moskau den Preis zu treiben. Reale Gefahr für die sowjetisch-kubanischen Beziehungen geht deshalb am ehesten von Che Guevara aus, während der für Moskau immer noch verlässlichste Partner in der kubanischen Führungstroika Verteidigungsminister Raul Castro ist.“

 

Engagement in der 3. Welt

 

„Beflügelt von seinem wachsenden Ansehen und neuen Image als - nach außen - gemäßigter Revolutionär bricht Castro schon wenige Monate nach seiner Chile-Tour am 3. Mai 1972 an Bord seiner Iljuschin 62 zu einer diesmal zwei Monate dauernden Reise auf, in deren Verlauf er erstmals nach acht Jahren wieder sowjetischen Boden betritt … Insgesamt besucht er zehn Länder. Zunächst reist er, gewissermaßen auf den Spuren Che Guevaras, nach Afrika, wo Kuba seit Jahren heimlich oder offen Befreiungsbewegungen und linksgerichtete Regime unterstützt. Er besucht - in Begleitung einer auffallend großen Militärdelegation - Guinea, Sierra Leone und Algerien, frischt alte Beziehungen auf und pflegt neue wie zu Houari Boumedienne in Algier, der bereits Mitte der sechziger Jahre Castros und Guevaras Freund Ben Bella gestürzt hat.“

„1975 wird Kuba nach und nach in den Bürgerkrieg in Angola hineingezogen. Nachdem linksreformistische Militärs im April 1974 die Diktatur in Portugal gestürzt und angekündigt hatten, die Kolonien Angola, Mosambik, Guinea-Bissau sowie die Kapverdischen Inseln in die Unabhängigkeit zu entlassen, unterzeichneten im Januar 1975 die drei angolanischen Bürgerkriegsparteien in der portugiesischen Stadt Alvor das danach benannte Alvor-Abkommen, welches freie Wahlen und die anschließende Entlassung Angolas in die Unabhängigkeit für den November 1975 vorsah. „Man hätte erwarten können, dass die USA es voll unterstützen ... Stattdessen - es ist unglaublich - ging die Ford-Administration hin, um genau das Gegenteil zu tun: es zerriss das Alvor-Abkommen“, schreibt der ehemalige Diplomat und Kuba-Experte im US-State-Department Wayne S. Smith in seinen Erinnerungen. Der Grund: Es zeichnete sich schnell ab, dass Agostinho Netos marxistische MPLA (Volksbewegung zur Befreiung Angolas) als Sieger aus den Wahlen hervorgehen würde. Also bringt die CIA - zu einer Zeit, in der gerade Vietnam für die USA endgültig verloren geht - mit Geld, Waffen und Söldnern die rechtsgerichtete, von Holden Roberto geführte FNLA (Nationale Front zur Befreiung Angolas) dazu, die Vereinbarung zu brechen. Binnen kurzem artet der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den USA, China und Südafrika auf der einen sowie der Sowjetunion und Kuba auf der anderen Seite aus.

Im Frühjahr 1975 erreicht Havanna ein Militärhilfeersuchen der MPLA. Im Mai schickt Kuba 250 Militärberater. Als die Kämpfe sich ausweiten, beginnt Castro Ende September mit der „Operation Carlota“ - benannt nach der schwarzen Anführerin eines kubanischen Sklavenaufstandes im 19. Jahrhundert -, Ausrüstungen und Truppen zu entsenden. Anfang Oktober 1975 sind bereits 1.500 Kubaner in Angola stationiert, im Februar 1976 ist ihre Zahl mit 15.000 zehnmal so hoch. Nach 1977 sind es bis zu 36.000 Soldaten. Castro kündigt an, seine Truppen blieben so lange, wie sie gebraucht würden. Zehn Jahre später sind sie immer noch dort. Mehr als 200.000 kubanische Soldaten sind im Laufe der Zeit rotierend in Angola eingesetzt.

Castro selbst hat sich in Havanna eine Art Befehlsstand eingerichtet und greift von hier aus und nicht immer zur Freude der Offiziere in Strategie und Taktik ein. Zwar sind schon bald die entscheidenden Kämpfe unter maßgeblicher Verantwortung der Kubaner gewonnen, nicht jedoch der Krieg, der sich aufgrund militärischen und politischen Unvermögens der Angolaner selbst noch bis Ende der achtziger Jahre hinziehen sollte. Für Kuba, das anfangs in den siebziger Jahren ein hohes Maß an Selbstbewusstsein aus diesem militärischen Engagement ableitet, bedeutet der Angola-Feldzug in den Achtzigern eine zunehmende wirtschaftliche und politisch-gesellschaftliche Belastung. Denn die Unterstützung der Angolaner ist kostenlos, und es kommen nicht nur Helden, sondern auch Särge und junge Krüppel aus dem 12.000 Kilometer entfernten afrikanischen Land nach Hause zurück.

1984, als Kuba 40.000 Mann dort stationiert hat, fürchtet Castro, dass die Angolaner „die Anwesenheit der kubanischen Truppen“ offenbar „endlos verlängern“ möchten. Gegenüber dem DDR- Politbüromitglied Hermann Axen klagt er Ende Juli in Cienfuegos über Uneinigkeit, Prinzipienlosigkeit, Bereicherung, Korruption in der marxistischen Führung des afrikanischen Landes bis hin zu Gewaltakten gegenüber der Zivilbevölkerung. Auch würden überdies „seit Jahren tätige, erfahrene kubanische Berater und Spezialisten entlassen und Berater aus westlichen Ländern ins Land geholt“, mit denen man „private Transaktionen zur Bereicherung“ organisiere. Ohne die Kubaner würde langst die gegnerische UNITA das Land regieren. „Unfähig ... die innenpolitische Lage zu stabilisieren ... sucht (die Führung) Kompromisse mit dem Gegner und macht dabei selbst die kubanischen Truppen zum Verhandlungsgegenstand, um sich vermeintliche Vorteile zu verschaffen", zitiert Axen seinen Gesprächspartner Castro in einem Geheimvermerk. Im Politbüro und in der Regierung gebe es keine Einheit, man könne sich auf sie nicht verlassen. Unter diesen Begleiterscheinungen sollte die kubanische Truppenpräsenz aber noch bis 1991 dauern.

Castro hat stets betont, dass die Militärhilfe für Angola eigenem Ermessen entsprang und seine Soldaten keineswegs vorgeschickte kubanische „Gurkhas des Sowjetimperiums“ seien, wie Washington behauptete. „Die Sowjets haben uns absolut nicht gefragt. Sie haben niemals auch nur irgendein Wort in diesem Sinne geäußert. Es war ausschließlich eine kubanische Entscheidung“ sagt Castro 1977 in einem Fernsehinterview der US-Journalistin Barbara Walters. Gegenüber Tad Szulc erklärt er: „Die Angolaner haben  uns um Hilfe gebeten ... Südafrikanische Truppen waren in Angola eingefallen ... Deshalb konnten wir nichts Gerechteres tun, als Angola gegen diese Invasion von außen durch Südafrika zu helfen.“ Sowjetische Quellen bestätigen diese Version: „Die Idee für diese groß angelegte Militäroperation hatte ihren Ursprung in Havanna, nicht in Moskau.“ Selbst jene schwarzafrikanischen Staaten, die Angola und Castro nicht freundlich gesinnt sind, zollen ihm dafür Respekt. „Der Westen hat das Ausmaß, in dem die Schwarzen im Allgemeinen und die Afrikaner im Besonderen das naziähnliche Apartheid-Regime in Südafrika verabscheuten, völlig unterschätzt“, schreibt Carlos Moore in seiner Untersuchung über „Castro, the Blacks and Africa“.

In seinem Engagement auf dem Schwarzen Kontinent, in seinem Kampf gegen Unterentwicklung und Imperialismus, Süd gegen Nord, Schwarz gegen Weiß versteht der „weiße“ Castro den Umstand zu nutzen, dass die kulturellen Wurzeln des kolonialen Kuba in Afrika liegen, dass die Mehrheit der kubanischen Bevölkerung von einstigen afrikanischen Sklaven abstammt. Es waren vor allem Schwarze und ihre schwarzen Generäle gewesen, die den kubanischen Befreiungskrieg gegen Spanien angeführt hatten: „Wir sind eine latein-afrikanische Nation ... Afrikanisches Blut fließt durch unsere Adern“, betont er. Damit ist auch klar, weshalb es nicht unbedingt einen Anstoß Moskaus für dieses Engagement brauchte: „In Erfüllung unserer Pflichten, die sich aus unseren Prinzipien, unserer Ideologie, unseren Überzeugungen und unserem eigenen Blut ableiten, sind wir“, so Castro, „verpflichtet, Angola und Afrika zu verteidigen.“

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler trifft mit seiner Beobachtung einen Kernpunkt, wenn er schreibt: „Im November 1975 kehrten kubanische Regimenter, die zu drei Vierteln aus schwarzen Soldaten bestanden, von Übersee nach Hause zurück ... und zwangen die Invasoren zum Rückzug ... Schwarze Kubaner blockierten das Vorrücken der Panzer und Fallschirmjäger des weißen Südafrika.“ Castro ist deshalb überzeugt: Die kubanische Revolution hat nur eine Überlebenschance, wenn sie ihre politischen und moralischen Prinzipien exportiert und sich so Ansehen, Respekt und damit Rückhalt in der internationalen Staatengemeinschaft, die in ihrer Mehrheit aus Dritte-Welt-Staaten besteht, erarbeitet. Vor diesem Hintergrund festigt Castro durch die „Operation Carlota“ seinen Ruf als Führungsfigur der Dritten Welt mehr als je zuvor.

In der Folge spinnen Castro und seine Diplomaten weltweit ein dichtes Netz von vielschichtigen Beziehungen zu Dritte-Welt­ Staaten. Mit der Sowjetunion und einer bescheidenen wirtschaftlichen Prosperität der Revolution im Rücken, kann Kuba sich sogar ein eigenes Entwicklungshilfekonzept leisten: Mit den kubanischen Diplomaten kommen nicht nur Militärberater und Geheimdienstexperten, sondern auch Lehrer und Ärzte. Zu Tausenden schwärmen Freiwillige aus, um den neuen Freunden bei der Alphabetisierung, dem Aufbau eines Gesundheitssystems und sozialer Einrichtungen zur Überwindung von Unterentwicklung zu helfen. Bis zur Jahrtausendwende sind es laut Castro allein über 25.000 Ärzte, die Kuba in die Dritte Welt entsandt hat.

Stets betont Castro den idealistischen Charakter dieser kostspieligen Missionen: „Unsere Heimat ist nicht nur Kuba, unsere Heimat ist auch die Menschlichkeit.“ So ganz selbstlos und idealistisch ist dieser Einsatz allerdings nicht: Mittel- und langfristig geht es Castro um den Aufbau einer gegen die USA gerichteten weltumspannenden antiimperialistischen Front. Nur wenn sich die Dritte Welt und die Schwellenländer einig sind und mit einer Stimme sprechen, können sie die Terms of Trade mit der Ersten Welt zu ihren Gunsten verändern.“

„Kuba galt zeitweilig nicht nur als zahlenmäßig stärkste Militärmacht Lateinamerikas. Es ist auch das einzige Land der Dritten Welt, das über lange Zeit große Truppenkontingente in einer überseeischen Konfliktregion, in Afrika, im Einsatz hatte. Kein anderes Entwicklungsland spielte im Rahmen „internationaler Solidarität“ bei Regionalkonflikten auf ziviler wie militärischer Ebene eine so aktive und einflussreiche Rolle wie Kuba. Die Rechnung Washingtons, Angola zu Kubas „Vietnam“ und mithin zum nationalen Trauma werden zu lassen, ist jedoch trotz vermutlich Tausender Gefallener und Verwundeter nicht aufgegangen. (Genaue Zahlen sind bislang nicht verfügbar.)

Nach einem ersten Eingreifen auf Seiten Algeriens in dessen Grenzkonflikt mit Marokko im Jahre 1963 schickt Castro drei Jahre später Truppen in den Kongo (Brazzaville), wo sie fast 25 Jahre lang das dortige Militärregime unterstützen. Anfang der siebziger Jahre tauchen kubanische Soldaten im Südjemen und in Syrien auf. Dies sind jedoch verhältnismäßig kleine Kontingente im Vergleich zu denen, die später in Armeestärke von bis zu 70.000 Mann in Angola und Äthiopien stationiert werden. Insgesamt haben schatzungsweise 300.000 Kubaner außerhalb der Grenzen ihres Landes gedient. In Lateinamerika, dem erklärten Interessengebiet der USA, beschränkt sich Havanna militärisch indessen auf die Beratung und Unterweisung ihrer politischen Freunde in Surinam, auf Grenada und in Nicaragua sowie der Guerilla in El Salvador, Guatemala und Kolumbien und konzentriert sich eher auf zivile Hilfe im humanitären Bereich.

Das Ende der Sowjetunion führt dann aber auch zu einem Ende des auswärtigen militärischen Engagements Kubas. Nach der Ausarbeitung eines umfassenden Friedensplans durch Angola, Südafrika und Kuba für das südliche Afrika und dessen Unterzeichnung in New York kehren bis Mai 1991 sukzessive die letzten kubanischen Truppen in ihre Heimat zurück. Danach erklärt Castro den prestigeträchtigen, aber kostspieligen militärischen Beistand für Befreiungsbewegungen und befreundete Regierungen in der Dritten Welt definitiv für beendet.“

 

Konflikt mit dem Kapitalismus bis in die 1980er Jahre

 

„Seit 1959 ist Miami auch das Zentrum der Subversion gegen das Castro-Regime. Hier arbeiteten Exilkubaner und CIA, bisweilen unter Mitwirkung von Mafiosi, die wegen des Verlustes ihrer Pfründe eine Rechnung mit Castro offen haben, intensiv zusammen. Schätzungsweise 12.000 Agenten heuerte die CIA unter den Exilkubanern für verdeckte Operationen gegen Castros Kuba an. Daraus entstanden die bekanntesten exilkubanischen Terroreinheiten mit phantasievollen, martialisch klingenden Namen wie „Alpha 66“, „Omega 7“, „Abdala“, „Kommando Null“, „El Condor“, „Kubanische Macht 76“, „Skorpion“ und „Brigade 2506“, die Veteranenvereinigung der Teilnehmer an der Landung in der Schweinebucht. Fast alle Mordanschläge und Sabotageakte auf Kuba oder gegen kubanische Einrichtungen auch im Ausland gehen auf deren Konto. Ihre Gefährlichkeit war zeitweilig nicht zu unterschätzen. Ein Hintergrundpapier des ehemaligen DDR-Ministeriums für Staatssicherheit in Ost-Berlin vom Juli 1980 listet beispielsweise eine lange Serie von Bombenanschlägen auf, die von diesen Gruppierungen vor allem gegen kubanische Einrichtungen in New York, aber auch in Europa verübt wurden.

Sei es im Umfeld des angeblichen Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald und dessen Mörders Jack Ruby; sei es im Zusammenhang mit dem Einbruch in das Wahlkampf-Hauptquartier der Demokraten im Washingtoner Watergate-Komplex im Jahre 1972; sei es auch nach dem Bombenanschlag auf ein startendes kubanisches Verkehrsflugzeug im Oktober 1976 auf Barbados, bei dem 73 Menschen sterben müssen, oder sei es bei anderen Anschlägen, Morden und Mordversuchen: Immer wieder fallen im Zusammenhang mit diesen Taten in der einen oder anderen Form als Drahtzieher oder Handelnde dieselben Namen von Exilkubanern und CIA-Mitarbeitern. Dazu gehören der ehemalige kubanische Kinderarzt Orlando Bosch; der CIA-Agent Frank Sturgis, der verdeckt in der Sierra Maestra mitkämpfte und später der Agentenführer von Marita Lorenz war; der einstige Verbindungsmann der Exilkubaner zur Mafia, Tony Varona; der Schweinebucht-Koordinator der CIA, Howard Hunt; der mit Mordanschlägen auf Castro befasste Chef der „Task Force W“ der CIA, William Harvey, und noch einige andere mehr.“

„Die USA nehmen den Putsch zum willkommenen Anlass einer Invasion. Am 26. Oktober 1983 landen knapp 9.000 US-Soldaten auf der kleinen Insel (Grenada). Dabei kommt es am Flughafen erstmals in der Geschichte zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen US-Soldaten und Kubanern.

Zum Zeitpunkt der Landung der US-Streitkräfte befinden sich gerade knapp 800 Kubaner auf der Insel. 636 von ihnen sind Bauarbeiter, die am Ausbau des Flughafens beteiligt sind, 43 sind Militärberater, die übrigen Diplomaten. 24 von ihnen kommen bei der Invasion um, 642 werden als Kriegsgefangene in einem stacheldrahtumzäunten Lager der Weltöffentlichkeit zur Schau gestellt. Alle Angaben des Weißen Hauses über mindestens 1.100 professionelle kubanische Soldaten, die Waffenlager eingerichtet und eine Übernahme der Insel geplant hatten, erweisen sich schon wenig später als gefälscht und müssen offiziell zurückgenommen werden.

Trotz des Verlustes von Grenada als Verbündetem hat sich in Lateinamerika im Laufe der letzten Jahre das Blatt eher zugunsten Kubas gewendet. Seit die OAS 1977 mit dem Votum der USA die Restriktionen gelockert hat, gelingt es dem Inselstaat, sich aus der Isolierung zu lösen. Diplomatische Beziehungen zu fast allen lateinamerikanischen Staaten werden wieder aufgenommen, und der Bogen der Kooperationen spannt sich in der ersten Hälfte der achtziger Jahre von einem Militärhilfeangebot für die rechtsgerichtete argentinische Militärregierung im „antikolonialistischen“ Falklandkrieg bis hin zu ziviler und militärischer Hilfe für die befreundeten Sandinisten in Nicaragua und die linke salvadorianische Befreiungsbewegung FMLN. „Als wir nach dem Sieg der Revolution in Nicaragua um Lehrer gebeten wurden, meldeten sich 29.000 Freiwillige ... Am Anfang (1959) hatten wir nicht einmal genug Ärzte, um sie in unser eigenes Landesinnere zu schicken. Heute haben wir Ärzte in 25 Ländern der Dritten Welt - mehr als 1.500 Ärzte arbeiten in der Dritten Welt“, berichtete Castro stolz.

Kuba etabliert auch wieder Wirtschaftsbeziehungen zu den großen Volkswirtschaften des Kontinents wie Argentinien, Brasilien, Mexiko und Venezuela, die ihrerseits Kredite gewähren. Dabei schlittert die Dritte Welt in diesen Jahren immer tiefer in die Schuldenkrise gegenüber der Ersten Welt. In Lateinamerika ist die Entwicklung so dramatisch, dass die achtziger Jahre rückblickend als das „verlorene Jahrzehnt“ gelten. Einzig Kuba scheint es besser zu gehen - zunächst noch. „In diesen Jahren der Krise, 1982, 1983 und 1984 ..., ging das Wachstum der Volkswirtschaften der lateinamerikanischen Länder insgesamt um neun Prozent zurück, während das Kubas in der Zeit von 1982 bis 1984 um 24 Prozent wuchs. 1984 steigerte unsere Wirtschaft ihr Volumen um sieben bis acht Prozent“, sagt Castro 1985 in einem Interview mit der „Washington Post“. Während der siebziger und Anfang der achtziger Jahre sind auch die Zuckerernten so gut ausgefallen, dass die kubanischen Wirtschaftsfachleute zwischen 1981 und 1985 optimistisch in die Zukunft blicken. Angesichts einer stabilen Perspektive hat Castro Mitte und Ende der siebziger Jahre erstmals eine vorsichtige marktwirtschaftliche Öffnung im Lande zugelassen. Seit 1976 gibt es private Dienstleister wie Elektriker, Klempner, Friseure, Kfz-Mechaniker, seit 1980 private Bauernmärkte und privaten Wohnungsbau.

Jedoch die positiven Wirtschaftsdaten, die Havanna für die erste Hälfte der achtziger Jahre aufweisen kann, sind anfällig gegen Krisen. Immerhin wickelt das Land trotz der seit 1962 bestehenden US-Blockade und der Integration Kubas in den COMECON seit 1972 nach Angaben von Julio Carranza Valdes vom kubanischen „Centro de Estudios sobre America“ (CEA) noch „bis in die siebziger Jahre hinein circa 40 Prozent seines Außenhandels mit kapitalistischen Ländern ab.“

Deshalb trifft es die kubanische Wirtschaft umso schwerer, als die Reagan-Administration die Blockade verschärft und die Deviseneinnahmen durch einen drastischen Verfall des Zuckerpreises auf dem Weltmarkt von 27 Cent pro Pfund im Jahre 1980 auf 4 Cent pro Pfund im Jahre 1985 dramatisch um 80 Prozent zurückgehen. Dies ist der real niedrigste Zuckerpreis seit der Depression 1930. Auch durch die guten Ernten, die in der ersten Hälfte der achtziger Jahre bei durchschnittlich 7,5 Millionen Tonnen im Jahr liegen, sowie über die erheblichen sowjetischen Zuckerpreissubventionen kann dieser Ausfall nicht einmal annähernd ausgeglichen werden.

Ähnliche Auswirkungen hat der Einbruch der Ölpreise ab 1985. Denn gut 40 Prozent seiner Devisen oder rund 500 Millionen Dollar konnte Kuba bis dahin aus den Weiterverkäufen von etwa einem Viertel der aus der Sowjetunion jährlich importierten zwölf Millionen Tonnen Rohöl erwirtschaften. Das Absinken des Dollarkurses trägt ein Übriges zu dieser Entwicklung bei.

In der Folge dieser außenwirtschaftlichen Veränderung der „Terms of Trade“ klettert die kubanische Verschuldung im Westen von 2,8 Milliarden US-Dollar im Jahre 1983 auf 3,6 Milliarden im Jahre 1985 und auf über 6 Milliarden im Jahre 1987. Gegenüber den Ostblockstaaten hat Kuba 1987 eine Schuldenlast von 19 Milliarden Pesos/Dollar. Als Kubas Ersuchen, seine Schulden im Sommer 1986 im Pariser Club aufgrund dieser Situation neu zu verhandeln, auf Betreiben der Amerikaner zurückgewiesen wird, steht der Inselstaat mit dem Rücken an der Wand. Hinzu kommt, dass 1986 auch mit der Tilgung der Milliardenkredite der Sowjetunion begonnen werden muss. Das kommunistische Kuba, das bislang im Zusammenhang mit dem Bedienen von Krediten in Lateinamerika einen herausragenden Ruf genoss, sieht nun keinen anderen Ausweg mehr, als ein Moratorium zu verkünden und die Rückzahlung der Schulden einzustellen. Das wiederum führt umgehend zu einer Sperrung westlicher Kredite und verschärft die Lage weiter.

Castro, dessen Glaubwürdigkeit als Dritte-Welt-Autorität seit seiner Rechtfertigung des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan gelitten hat, nimmt die zugespitzte Situation zum Anlass, die Schuldenkrise Mitte der achtziger Jahre zum zentralen Thema seiner Außenpolitik zu machen. Er bedient dabei alle Hebel seiner Propagandamaschine zur Mobilisierung der internationalen Öffentlichkeit. Schnell gewinnt er damit wieder an Ansehen in der Dritten Welt, als er klar macht: „Ich glaube, die Verschuldungsfrage ist das Schlüsselproblem unserer Zeit.“ Weil er durch die Amerikaner ohnehin aus dem von den Industriestaaten dominierten Weltwirtschaftssystem ausgegrenzt ist, kann er die Nord­ Süd-Problematik in einer  Direktheit und Offenheit ansprechen und Forderungen stellen, die sich andere, am Tropf der Erste­Welt-Staaten hängende Kollegen nicht leisten können. Denn die gefährdete soziale Stabilität der meisten Entwicklungsländer hängt am seidenen Faden der Kreditgeber, vor allem  der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF), für die Kuba ein weißer Fleck auf der Landkarte ist. 325 Milliarden Dollar Zinsen und 321 Milliarden Dollar Tilgungsanteil zahlt den offiziellen Statistiken zufolge die Dritte Welt allein in der ersten Hälfte der achtziger Jahre an die Industrienationen. Die aufgelaufenen Schulden Lateinamerikas - überwiegend  bei  nordamerikanischen Banken - werden mit rund 350 Milliarden Dollar beziffert.

Castro gibt sich kämpferisch: „Dieser Zustand ist unhaltbar ... Deshalb beweisen wir mathematisch, dass die Schulden absolut unbezahlbar sind.“ Nachdrücklich setzt er sich daher für eine „Streichung der Schulden - des Kapitals und der Zinsen“ ein. Er begründet dies mit einem Blick auf die historische Entwicklung zwischen der Ersten und der Dritten Welt: „Sie haben uns ausgeplündert, und sie tun es immer noch.“ Castro schlägt eine Reform der internationalen Geldpolitik vor: „Ein wichtiger Teil unseres Vorschlags besteht darin, dass die reichen und mächtigen Gläubigerstaaten die Bürgschaft für die Verantwortung der Schulden bei ihren Banken übernehmen und dafür ungefähr zwölf Prozent ihrer Militärausgaben reservieren, die heute schon eine Billion Dollar pro Jahr übersteigen ... die Dritte Welt würde nach einer Streichung der Auslandsschulden und angesichts neuer gerechter internationaler Wirtschaftsbeziehungen über eine zusätzliche Kaufkraft von 300 Milliarden Dollar verfügen“, meint Castro. Er warnt davor, dass die USA und der IWF mit ihrer „egoistischen und absurden Wirtschaftspolitik“ eine soziale Explosion in der Dritten Welt provozieren könnten. Inzwischen ganz Staatsmann, sieht der Berufsrevolutionär - anders als früher - ein, dass soziale Revolutionen und Aufstände die Dritte Welt nicht wirklich weiter brächten, sie vielmehr noch weiter zurückfiele. Er betont deshalb: „Ich will keine unkontrollierte Explosion. Wichtiger als eine, zwei, drei, vier oder fünf Revolutionen ist in diesem Augenblick ein Ausweg aus der Krise, die Errichtung einer neuen Weltwirtschaftsordnung und die Schaffung von Bedingungen für eine wirkliche soziale Entwicklung.“

Castros Engagement in der Schuldendebatte wird aber auch zunehmend bestimmt von internen Schwierigkeiten. Denn die Gründe für die wirtschaftlichen Probleme sind nicht nur in der US-Blockadepolitik und der ideologisch bedingten Diskriminierung Kubas durch Weltbank, IWF sowie andere internationale Finanzorganisationen und Privatbanken zu finden. Sie sind auch selbst verschuldet. Seit den siebziger Jahren leben und konsumieren die Kubaner - wie zu Anfang der sechziger Jahre - über ihre Verhältnisse, importieren zu viel, opfern dafür knappe Devisenvorräte oder Kredite. Unterdessen geht die Produktivität der eigenen Betriebe kontinuierlich zurück, steigt der Aufwand, sinkt der Ertrag. Eine anschwellende Bürokratie arbeitet ineffizient, Korruption greift um sich, die privaten Bauernmärkte und Kleinbetriebe lassen Gewinnstreben, Neid und Klassengegensätze wieder aufbrechen. Das Gemeinwohl gerät ins Hintertreffen, der materielle Anreiz siegt über den verbliebenen moralischen. Castro ist enttäuscht, verärgert, wütend.“

„Zu Weihnachten 1989 besetzen US-Truppen das kleine Land (Panama). Noriega, der sich tagelang bei Freunden und in der Botschaft des Vatikan versteckt hält, stellt sich schließlich, wird in Ketten gelegt und in die USA verfrachtet. Dort wird er wegen Drogenhandels verurteilt und landet auf lange Zeit hinter Gittern. Mit dem Verschwinden Noriegas von der politischen Bildfläche sind auch Kubas Verbindungen über Panama zu den nichtsozialistischen Märkten erst einmal gekappt.“

 

Ende der Sowjetunion und Sonderperiode

 

„Während Castro nach innen kapitalistische Attitüden geißelt, versucht er zugleich auf der Suche nach Devisen Bündnisse mit dem ideologischen Teufel zu schmieden: Joint Ventures kubanischer Staatsbetriebe mit kapitalistischen Unternehmen. Im In- und Ausland werden  Gesellschaften gegründet, an denen sich westliche Firmen beteiligen. Die Kooperationen heißen Cubatabaco, Caribsugar, Cubanacan, Gaviota, Cubapak, Cimex, Banco Financiero und konzentrieren sich auf Geschäfte in den Bereichen Biotechnologie, wo Kuba weltweit eine führende Rolle spielt, Tabak und vor allem auf den Ausbau des Tourismus, vorrangig auf der Halbinsel Varadero mit ihren traumhaften Stränden. Die in Panama registrierte Cimex ist die größte der Beteiligungsgesellschaften. Assoziiert mit zwölf Partnerfirmen verfügt sie über 48 Niederlassungen und operiert in siebzehn Ländern im Tourismusgeschäft. Die 1988 gegründete Gaviota konzentriert sich auf High-Level-Tourismus und untersteht dem von Castros Bruder Raul geführten Verteidigungsministerium. Die Entdeckung des Tourismus als Devisenquelle bringt der Insel eine Steigerung der Besucherzahlen binnen zehn Jahren zwischen 1980 und 1990 von 150 Prozent auf über 320.000. Bis zur Jahrtausendwende sollte sich der Tourismus zum Hauptdevisenbringer entwickeln mit Besucherzahlen von über zwei Millionen Menschen im Jahr. Aber alle neuen Anstrengungen, an Devisen zu kommen, können die Verluste infolge der niedrigen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt nicht ausgleichen. Deshalb muss Kuba die Importe  aus westlichen Ländern immer weiter zurückfahren. Gegen seinen Willen  ist Castro stärker denn je auf die Sowjetunion und den Ostblock angewiesen. 1986, zu Beginn von „Rectificacion“ und „Perestroika“, wickelt Kuba bereits 86 Prozent seines Außenhandels mit den COMECON-Staaten ab.“

„Obwohl Kuba die privatwirtschaftlichen Ansätze abgeschafft hat, während Gorbatschow sie fördert, setzen mithin beide zur Bewältigung der Krise Instrumente der Marktwirtschaft  ein. Nur mit dem Unterschied, dass bei dem einen der Staat mit diesen Instrumenten hantiert und bei dem anderen der Staat diese Instrumente dem freien Markt übereignet. Von rein neoliberalen Schocktherapien bleiben die Kubaner dennoch nicht verschont. Sie werden ihnen zwar nicht von der eigenen Regierung verordnet, dafür aber von den einstigen Freunden und Verbündeten. Immer deutlicher führen die kubanischen Medien den Bürgern vor Augen, welche Konsequenzen die Gorbatschow'schen Reformen und die sich verschärfende wirtschaftliche und politische Krise der Sowjetunion für die soziale Sicherheit der dortigen Bevölkerung haben und welche Auswirkungen dies auf Kuba hat. Die Kubaner lernen, dass sie vom sowjetischen Liberalisierungsmodell anstelle eines höheren Lebensstandards eher Chaos und Arbeitslosigkeit zu erwarten hätten. Sie können sich darüber hinaus ausmalen, dass eine wirtschaftliche und politische Öffnung Kubas wegen des dann einsetzenden Rückkehrerstroms von Exilkubanern aus Miami aller Wahrscheinlichkeit nach weitaus weniger friedlich ablaufen würde als im Ostblock. Vor diesem Hintergrund erschlafft unter der kubanischen Bevölkerung denn auch die Wirkung der Zauberworte „Perestroika“ und „Demokratie“.“

„„Aber die wirklich brutalen Reduzierungen“, so Castro, „erfolgten in dem Moment, als die UdSSR zerfiel und wir uns praktisch einer doppelten Blockade (der USA und nun auch indirekt der UdSSR) ausgesetzt sahen.“ Zum Jahreswechsel 1991 auf 1992 deuten die Zahlen und Fakten des ökonomischen Niedergangs Kubas auf eine sich anbahnende Katastrophe hin. Diese Entwicklung ist eine unmittelbare Auswirkung der Selbstauflösung des kommunistischen Wirtschaftsbündnisses COMECON im Juni 1991 und der Sowjetunion im Dezember 1991.

Die Öllieferungen haben sich gegenüber den 13,3 Millionen Tonnen im Jahre 1989 binnen drei Jahren praktisch halbiert und werden ausschließlich zum Weltmarktpreis anstelle des bisherigen Vorzugspreises abgegeben. Für Weiterverkäufe wie früher bleibt nichts mehr übrig; es würde sich auch nicht mehr lohnen. Halbiert wird seitens der Sowjetunion gleichzeitig aber auch der Kaufpreis für kubanischen Zucker. „Eines unserer ernstesten Probleme ... ist unser gravierender Mangel an konvertierbaren Devisen ... Früher gab es konvertible Devisen und Verrechnungs-Devisen: den Rubel, die DDR-Mark, die Währungen der sozialistischen Länder. Heute müssen wir alles in konvertiblen Devisen bezahlen, vor allem Treibstoff, damit das Land weiterhin mobil bleibt. Und mit dem Treibstoff haben wir ein besonderes Problem, das die Situation extrem verschärft.“ In den ersten Jahren der Revolution habe Kuba für eine Tonne Zucker acht Tonnen Treibstoff bekommen. „Heute“, so Castro, „da das Öl ja einen Monopolpreis hat und der Zucker auf dem Weltmarkt einen, wie wir oft gesagt haben, Müllhaldenpreis, einen Minimalpreis, kann man für eine Tonne Zucker nur 1,4 oder 1,5 Tonnen kaufen.“ 1993 muss Kuba schließlich darum bangen, von Russland wenigstens noch ein Viertel - 3,3 Millionen Tonnen - der noch 1989 gelieferten Menge Öl zu erhalten und dafür wenigstens 1,5 Millionen Tonnen Zucker - gut ein Drittel des einstigen Volumens - abgenommen zu bekommen. Weil die zunehmend nach marktwirtschaftlichen Kriterien operierenden anderen Ostblockwirtschaften nach und nach ebenfalls nur noch harte Devisen sehen wollen, schrumpfen die Importmöglichkeiten Kubas bis 1992 um mindestens 70 Prozent von 8,1 Milliarden US-Dollar auf 2,2 Milliarden. Die Versorgungsprobleme spitzen sich dramatisch zu. Castros Klagen tragen Züge der Verzweiflung: „Woher nehmen wir die Devisen für die Nahrungsmittel ...? Woher nehmen wir die Devisen für die Medikamente, die wir täglich brauchen? Wir wissen, dass annähernd 300 verschiedene Medikamente fehlen. Woher nehmen wir die Rohmaterialen, wie beispielsweise Baumwolle oder die Grundstoffe für Düngemittel?“, fragt er, ohne eine Antwort zu wissen.“

„Während der russische Präsident Boris Jelzin in seiner Rolle als Sprecher der Reformer Castros Kuba jegliche weitere Unterstützung streichen lassen will - mit der Begründung, die Insel sei ein Polizeistaat aus der Breschnew-Ara -, plädieren die Altkommunisten dafür, die Unterstützung für den Alliierten in der Karibik zumindest so lange aufrechtzuerhalten, wie die USA sich weigern, die Beziehungen zu Kuba zu normalisieren.

Doch die USA denken nicht daran, weil - wie sie glauben - der Sturz Castros kurz bevorsteht. Denn Kuba befindet sich in einem Zangengriff, aus dem es offensichtlich kein Entrinnen mehr gibt: Das US-Embargo wird durch den Rückzug Osteuropas aus seinem Kuba-Engagement zusätzlich verschärft. Die Administration des Präsidenten George Bush versucht noch ein wenig nachzuhelfen: „Freiheit und Demokratie, Herr Castro! Nicht irgendwann, ... sondern jetzt!“, lässt sich der Chef des Weißen Hauses vernehmen. Erst wenn Castro freie Wahlen und eine Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen durch die Vereinten Nationen zulasse, wenn er politischen Gefangenen die Freiheit schenke und die „subversiven Aktivitäten in Lateinamerika“ beende, bestünde Aussicht auf eine Verbesserung der Beziehungen. Dies freilich sind Konditionen, die - auch durch die Form, wie sie vorgetragen werden - von vornherein allein darauf angelegt sind, von der anderen Seite zurückgewiesen zu werden, um dies sogleich wieder gegen Kuba verwenden zu können.  „Washington behielt seine harte Linie gegenüber Kuba bei, während es seine Beziehungen nicht nur mit Gorbatschows kommunistischer Regierung verbesserte ..., sondern ebenso mit China nach der Unterdrückung einer prodemokratischen Bewegung ... Um seine China-Politik zu rechtfertigen, benutzte er (Bush) genau die umgekehrte Begründung dessen, was seine Haltung zu Kuba ausmachte. Er argumentierte, dass eine Isolierung Chinas nicht gerade der beste Weg sei, demokratische Reformen durchzusetzen, merkt Susan Eckstein an.

Während Gorbatschow sich noch dagegen sträubt, unter politischem Druck die bilateralen Beziehungen zu Kuba aufzugeben, bevor Washington nicht erkennbar bereit ist, die Beziehungen zu Havanna zu normalisieren, nutzen die USA die wachsenden ökonomischen Schwierigkeiten der Sowjetunion aus und machen ihre weitere wirtschaftliche Hilfe wie die Gewährung von Aufbaukrediten für Moskau zunehmend von einer Beendigung der militärischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit Kuba abhängig. So treffen sie zum Beispiel eine Übereinkunft, nach der die USA künftig Nickel aus der Sowjetunion kaufen - aber nur unter der Bedingung, dass darin kein Milligramm kubanischer Nickelanteil enthalten ist. Dem russischen Präsidenten Jelzin wird 1992 mit einem Kredit geholfen, damit er zwei Millionen Tonnen Zucker auf dem Weltmarkt und nicht - zu günstigeren Preisen - bei den Kubanern kauft, die auf ihrer Ernte sitzen bleiben sollen. Und obwohl die Vollversammlung der Vereinten Nationen 1992 erneut ein eindeutiges Votum für die Aufhebung des US-Embargos gegenüber Kuba ablegt, unterstützen auch die westeuropäischen Staaten, vor allem Deutschland, Spanien und  Schweden, die Bemühungen Washingtons nachhaltig, durch die Sperrung von Wirtschafts- und Entwicklungshilfegeldern Castro in  die Knie zu zwingen.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat Kuba nach offiziellen Angaben allein 1992 etwa 5,7 Milliarden Dollar gekostet. Bis dahin hat die Karibikinsel binnen drei Jahren 70 Prozent ihrer Kaufkraft verloren. Und immer weiter dreht das große Amerika kräftig an der ökonomischen Garotte, um Castros System die Luft zum Überleben zu nehmen: Auf dem Gipfeltreffen mit dem russischen Präsidenten Jelzin 1993 in Vancouver macht US-Präsident Bill Clinton weitere finanzielle Hilfe für das bankrotte Russland von einer Einstellung aller Öllieferungen nach Kuba abhängig …

Für Castro vollzieht sich ein Déjà-vu-Erlebnis: Der „Verrat“ durch die Moskauer Freunde. Wie beim ersten Mal, als Chruschtschow im Oktober 1962 den Abzug der sowjetischen Raketen verfügt hatte, erfährt Castro von dem offiziellen Beschluss, alle sowjetischen Verbände heimzuholen, aus den Nachrichten. Gorbatschow selbst verkündet die Maßnahme am 16. September 1991. Dabei findet er sich pikanterweise an der Seite von US-Außenminister Baker wieder. Gleichzeitig kündigt er an, dass die Sowjetunion, deren Tage ohnehin gezählt sind, ihre Wirtschaftsbeziehungen zu Kuba nunmehr definitiv nur noch zu Weltmarktkonditionen abzuwickeln bereit ist. Für eine Subventionierung der kubanischen Wirtschaft habe Moskau keine Mittel mehr.“

 

Letzter Versuch, Kuba in die Knie zu zwingen

 

„Nach dem Parteikongress glauben die politischen Beobachter, Journalisten und Diplomaten angesichts der augenfälligen Unbeweglichkeit Castros und der zunächst ausbleibenden Liberalisierung des ökonomischen Systems, dass die Tage des ,,Castrismo“ nunmehr gezählt sind und sein Zusammenbruch unmittelbar bevorsteht. Bestärkt werden sie darin, als die Nation und die Welt zur Abschlusskundgebung am Fernsehschirm einen nur noch mühsam kontrollierten Maximo Lider mit Bunkermentalität erleben. Wütend bekräftigt er, eher mit seiner Revolution untergehen zu wollen, als den sozialistischen Weg zu verlassen. Der Parteienpluralismus sei ein „Schweinepluralismus“, schimpft er. Niemals werde Kuba „in die Falle der großen und kleinen Zugeständnisse tappen“. Den USA wirft er „Hegemonialismus“ vor und vergleicht sie mit Hitler-Deutschland. Allerdings hat Washington die Blockadeschraube in den zurückliegenden Monaten noch fester angezogen und setzt Firmen und Regierungen in Drittländern wegen ihrer Handelsbeziehungen zu Kuba nun immer rücksichtsloser unter Druck.

Zu spüren bekommt das unmittelbar die Bevölkerung. Sogar Nahrungsmittel mit lebenswichtigen Vitaminen oder Milchpulver zur Versorgung von Kleinkindern können schließlich kaum noch importiert werden, was zeitweilig zu epidemieartigen Mangelkrankheiten führt. Diese können jedoch durch das immer noch einigermaßen funktionierende Gesundheitssystem und auch mit Unterstützung europäischer Regierungen relativ rasch bekämpft werden. Aber nach dem Parteikongress geht die wirtschaftliche Talfahrt in eine Schussfahrt Richtung Katastrophe über. Nun ist nicht einmal mehr die mit der „Libreta“ garantierte Versorgung der Bevölkerung gewährleistet, gibt es nicht einmal mehr das Minimum. Auch bricht der Transport fast völlig zusammen, weil immer weniger Ersatzteile und kaum noch Treibstoff zur Verfügung stehen und damit immer mehr der immer knapperen Güter dem Verderben preisgegeben sind.“

„Auf makabre Weise führt die Provokationsstrategie der Castro-Gegner in Miami zu einem zweifelhaften Erfolg: Die Überreaktion des Sicherheitsapparates in Havanna verursacht eine postwendende Überreaktion des politischen Apparates in Washington. Am 12. März 1996 unterzeichnet der demokratische US-Präsident Bill Clinton das bereits im Oktober 1995 vom Senat verabschiedete, aber wegen seiner außenpolitischen Brisanz auf Eis liegende „Gesetz zur kubanischen Freiheit und demokratischen Solidarität“. Nach seinen Urhebern, dem republikanischen Senator Jesse Helms und seinem Parteifreund Dan Burton, einem Mitglied des Repräsentantenhauses, benannt, geht es als Helms-Burton-Gesetz in den politischen Sprachgebrauch ein. Hinter den neuen Vorschriften verbirgt sich eine drastische Verschärfung des seit fast 35 Jahren bestehenden Wirtschaftsembargos gegenüber Kuba. Die neu verfügten Maßnahmen erscheinen mindestens so unverhältnismäßig wie der Abschuss der Flugzeuge und gehen weit über jene Handelseinschränkungen hinaus, wie sie die USA gegen den Iran, den Irak und Libyen verhängt haben. Sie sind selbst nach dem Urteil kubakritischer Experten und Politiker sowie moderater kubanischer Exilantenkreise ein Bünde! an politischer Unvernunft und Kurzsichtigkeit.

So schreibt das Gesetz eine Ausweitung der Sanktionen gegen Kuba auf Firmen aus Drittstaaten vor, die Wirtschaftskontakte zu Kuba unterhalten. Dies kommt nicht nur einer Neuauflage des Platt-Amendments von 1901 nahe, mit dem sich die Vereinigten Staaten die Karibikinsel nach deren langem und blutigem Unabhängigkeitskrieg untertan gemacht und sie in eine halbkoloniale Abhängigkeit gezwungen hatten. Das Gesetz geht wegen seines die Souveränität anderer Staaten verletzenden Allmachtsanspruchs sogar noch darüber hinaus. Was damals der „big stick“ der militärischen Intervention war, ist jetzt der Knüppel der Finanz-­ und Wirtschaftssanktionen, der nach dem Willen Washingtons nicht nur das unbotmäßige Kuba, sondern auch all jene Firmen und Länder treffen soll, die sich dem amerikanischen Willen, Kuba zu isolieren, nicht fügen. Experten aller politisch-juristischen Disziplinen sind denn auch selten einhellig der Auffassung, dass das Helms-Burton-Gesetz elementar gegen das Völkerrecht verstößt, weil es nationales US-Recht über internationales Recht stellt und sogar in die demokratischen Verfassungen befreundeter und verbündeter Staaten hineinregiert. Zwar gibt es ähnliche Sanktionen auch gegen andere Länder, mit denen die USA zu dieser Zeit in Feindschaft leben, wie den Iran, den Irak und Libyen. Keine dieser Rechtsvorschriften ist jedoch so drakonisch wie jene gegen Castros Kuba. Dies wird an einer Reihe auf den Inselstaat bezogener Sonderregelungen deutlich.

In den Augen Castros ist das Embargo-Gesetz, das die Exilkubaner als weiteren Schritt „zur Beendigung der Castro-Tyrannei“ verstehen, weitaus mehr als eine Blockade: „Das ist Krieg, das ist Verfolgung, das ist Quälerei“ …

Aber auch ohne einen Castro will das Helms-Burton-Gesetz explizit verhindern, dass eine demokratische Regierung auf Kuba auf die Idee verfallen könnte, auf parlamentarischem Wege die Enteignungen der sechziger Jahre zu sanktionieren - etwa nach dem Muster der Alteigentümerverordnung des wiedervereinigten Deutschland. Nach der gingen alle einstigen Großgrundbesitzer, deren Latifundien von einst über 100 Hektar von den sowjetischen Besatzern in Ostdeutschland enteignet worden waren, leer aus. Für die weitere Entwicklung Kubas wäre eine Rückkehr zu den alten Eigentumsverhältnissen ebenso katastrophal wie die Verpflichtung zu Entschädigungszahlungen nach heutigen Wertmaßstäben.

„In seinen politischen Konsequenzen“, folgert der Kuba-Experte Bert Hoffmann in einer umfassenden Analyse, „ist dieser zweite Teil des Gesetzes verhängnisvoll. Sollte es in Kuba tatsächlich zu einer politischen Wende im Sinne der Anti-Castro-Hardliner (in den USA) kommen, dann ist das Helms-Burton-Gesetz bereits heute der undemokratische Geburtsfehler der neuen Verhältnisse, so wie es das ominöse „Platt-Amendment“ in Kubas erster Republik war. Fürs Erste aber tut das Helms-Burton-Gesetz vor allem eines: Es stärkt die rigidesten Seiten des kubanischen Systems. All denjenigen in Kubas Führung und Funktionärsschicht, die begrenzten Mut zu einer eventuellen politischen Öffnung hätten, zeigt es nur einen tiefen Abgrund, aber keinen Raum für eine Reform in Würde.“

Das Helms-Burton-Gesetz ist ein unverblümtes Vormundschaftsgesetz gegenüber einem künftigen Kuba. Es geht offenkundig gar nicht um eine wünschenswerte Demokratisierung des Systems und seiner Institutionen auf Kuba, sondern um eine neuerliche Aneignung der Insel durch den Nachbarn. Eine Rücküberführung großer Teile der kubanischen Staatswirtschaft an die US­Privatwirtschaft würde nicht nur die Wiederherstellung kaum wünschenswerter vorrevolutionärer Zustände bedeuten. Zins und Zinseszins würden noch über Generationen auf den Kubanern lasten. Profitieren könnten davon dann sogar die Nachkommen jener Mafiosi, welche mittels Gewalt, Korruption, Diebstahl, Steuerhinterziehung, Repression und fragwürdigen Rechtstiteln zu ihren Vermögen gekommen sind. Umgekehrt findet sich im Helms-Burton-Gesetz keine Bestimmung, welche eine Rücküberführung allein mindestens jener halben Milliarde Dollar plus Zinsen vorsieht, die zum Ende des Batista-Regimes aus der kubanischen Staatskasse gestohlen wurden.

„Das Helms-Burton-Gesetz“, so merkt Bert Hoffmann an, „diktiert damit langfristig und auch weit über ein Ende der Castro­-Ära hinaus die Ecksteine der politischen Verhältnisse in Kuba ... Selbst für viele Kubaner, die entschiedene Castro-Gegner sind, ist dies ungenießbar.“ Für den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter ist das Helms-Burton-Gesetz „einer der schlimmsten Fehler, die mein Land jemals begangen hat“, weil es „eine schwere Behinderung der Bemühungen um eine Demokratisierung“ auf Kuba bedeute.

Doch greift das Gesetz nicht allein Kubas nationales Selbstbestimmungsrecht an, sondern auch das all jener Länder, welche Wirtschaftsbeziehungen mit der Karibikinsel unterhalten, insbesondere die der Staaten der Europäischen Union (EU), Kanadas und Mexikos. Kapitel III gibt amerikanischen Staatsbürgern und US-Unternehmen, die mit der kubanischen Revolution ihr Eigentum auf Kuba verloren haben, das ausdrückliche Recht, nicht nur den kubanischen Staat, sondern auch ausländische Firmen vor US-Gerichten zu verklagen, wenn diese auf Kuba Geschäfte mit Staatsbetrieben oder Joint Ventures machen, die in irgendeinem Zusammenhang mit ihrem früheren Besitz stehen. Kapitel IV des Helms-Burton-Gesetzes sieht ein Einreiseverbot für leitende Angestellte, Eigentümer oder Mehrheitsaktionäre aller ausländischen Firmen in die USA vor, die gegen das Helms-Burton-Gesetz verstoßen und mit enteignetem ehemaligem US-Eigentum handeln. Auch Familienangehörige sind davon erfasst.“

„Seit seinem In-Kraft-Treten versucht Washington das Helms­ Burton-Gesetz weltweit durchzusetzen. Die absurden Weiterungen bekommt auch der Autor eines Tages zu spüren: Als er Ende 1999 seinen Pass zur Erteilung eines Visums von Hamburg aus an die kubanische Botschaft nach Berlin schicken muss und den Kurierdienst United Parcel Service (UPS) beauftragt, bringt der Bote den Briefumschlag mit dem Dokument nach drei Tagen unverrichteter Dinge an den Absender zurück. Die Beförderung wurde verweigert, ebenso eine Erklärung über den tagelangen Verbleib der Sendung. Auf dem Umschlag hat das UPS-Personal handschriftlich und mit einem markanten Ausrufezeichen versehen den Grund angegeben: „Embargo!“ Dem Hinweis, das amerikanische Embargo-Gesetz habe innerhalb der Bundesrepublik Deutschland aber weder Gültigkeit noch Rechtskraft, begegnet man am Telefon lapidar mit der Bemerkung, das interessiere nicht. Man sei eine US-Firma und folge der Geschäftspolitik der Zentrale.“

 

Schadensersatzansprüche

 

„Gegenüber den von Washington proklamierten Ansprüchen hat Havanna unterdessen eine Gegenrechnung aufgemacht. In ihrem „Bericht an den Generalsekretär der Vereinten Nationen beziffert die Regierung Castro 1999 die „Schäden, die Kuba aufgrund der USA-Blockade entstanden sind“, bis 1998 „nach Schätzungen wissenschaftlicher Einrichtungen ... mittlerweile auf insgesamt ca. 67 Milliarden US-Dollar“. Und jährlich kämen rund 1,5 Prozent des kubanischen Bruttosozialproduktes hinzu. Die nun schon seit Jahren regelmäßige, nahezu einhellige Verurteilung der US-Blockade durch die Vollversammlung der Vereinten Nationen nimmt die Regierung in Washington gleichwohl ungerührt zur Kenntnis. 2000 sind es 166 von 189 Staaten, die an der Seite Kubas gegen das Embargo stimmen. Nur Israel und die Marschall­ Inseln votieren mit den USA dafür.

Die gegenseitigen Aufrechnungen von Schadensgrößen gehen in eine neue Runde, als „das Volk von Kuba“ im Mai 1999 vor der Justiz des eigenen Landes eine Wiedergutmachungsklage gegen die USA einreicht, in der die Regierung der Vereinigten Staaten, ihre Geheimdienste und Agenten detailliert für den Tod von 3.478 Kubanern und die Invalidität von 2.099 weiteren kubanischen Staatsbürgern während der zurückliegenden 40 Jahre verantwortlich gemacht werden.

Aufgelistet werden in den Anlagen der Klageschrift Tausende vom Territorium der USA durchgeführte Operationen gegen Kuba seit dem Sieg der Revolution 1959, beginnend mit dem vom damaligen Präsidenten Eisenhower am 17. März 1960 angeordneten „Programm verdeckter Operationen gegen das Castro-Regime“ über die Invasion in der Schweinebucht, die 1962 gestartete „Operation Mongoose“ und das Aussetzen von Schädlingen zur Vernichtung der Zuckerernten durch Agenten bis hin zu den Aktionen der exilkubanischen Terrororganisationen „Alpha 66“ und „Omega 7“ in den Jahrzehnten danach - wie dem Bombenanschlag auf die DC-8 am 6. Oktober 1976, bei dem auf dem Flug von Barbados nach Kuba alle 73 Insassen ums Leben kamen. In dem Schriftsatz werden die USA überdies der biologischen Kriegführung gegen Kuba beschuldigt. Es wird behauptet, US-Agenten hätten im Mai 1981 einen Dengue-Fieber-Virus auf der Insel ausgesetzt, der nahezu zeitgleich an verschiedenen Orten zwischen der Hauptstadt und dem Osten des Landes zum Ausbruch einer Epidemie geführt habe, von der schließlich fast 350.000 Menschen betroffen gewesen seien. Nur dank sofortiger umfassender Gegenmaßnahmen und Impfungen habe die Zahl der Todesopfer auf 158 begrenzt werden können, darunter 101 Kinder.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Protokollauszug aus den Besprechungen zwischen Castro und dem DDR-Staatschef Erich Honecker bei dessen zweitem Besuch auf Kuba Ende Mai 1980. „Wir haben“, so klagte Castro hinter verschlossenen Türen, „sehr seltsame Plagen gehabt, die in jüngster Zeit aufgetreten sind. Dabei sind wir der Meinung, dass es sich bei den drei großen Plagen um Sabotage handelt. Zum einen hatten wir in den Tabakplantagen einen Pilz. In diesem Jahr wurden dadurch 90 Prozent der Tabakproduktion vernichtet, und wir mussten Tabak importieren ... Es handelt sich um Blauschimmel. Eine sehr starke Plage hatten wir auch auf den Zuckerrohrplantagen ... Das brachte einen Schaden von etwa einer Million Tonnen Zucker ... Dann haben wir die afrikanische Schweinepest ... Diese Schweinepest haben wir praktisch schon unter Kontrolle.“ Knapp zwei Wochen zuvor sei eines Nachts die Insel von einer Maschine überflogen worden, die auf einer Breite von 25 Kilometern „eine gelatineartige flüssige Substanz mit einem Pilz ganz raffiniert in mikroskopisch kleinen Kapseln abgeworfen“ habe. „Das ist sehr besorgniserregend, denn das könnten Symptome für einen bakteriologischen Krieg sein“, meinte Castro. Untersuchungen hätten ergeben, dass die verwendeten Substanzen „nicht von einer kleinen Gruppe von Konterrevolutionären“ stammten, sondern „zu einer hoch entwickelten Industrie“ gehörten.“

Auch die Versuche der „physischen Eliminierung des Führers der kubanischen Revolution“, Fidel Castro, werden in der gegen die USA gerichteten Klageschrift zur Sprache gebracht. Seit dem 11. Dezember 1959, als der CIA-Verantwortliche für die westliche Hemisphäre, Colonel J. C. King, in einem Memorandum die Beseitigung Castros anregte, „hat die kubanische Staatssicherheit 637 Anschlage auf das Leben des Oberbefehlshabers Fidel Castro in fortgeschrittenem Stadium der Planung und Organisation enthüllt, untersucht, aufgedeckt oder verhindert“, heißt es darin.

Am 2. November 1999 fallt das Volkstribunal von Havanna ein Urteil, das kaum jemals wird vollstreckt werden können: Die Regierung der Vereinigten Staaten soll 181 Milliarden US-Dollar Schadensersatz und Schmerzensgeld an das kubanische Volk bezahlen. „Sie dürfen nicht vergessen, dass die Regierung der Vereinigten Staaten dem kubanischen Volk bereits mehr als 300 Milliarden Dollar für menschlichen Schaden schuldet, verursacht durch ihre Söldnerinvasion in der Schweinebucht, ihren schmutzigen Krieg und viele andere Verbrechen sowie für die Auswirkungen der Blockade auf die Volkswirtschaft“, sagt Castro im Juli 2000 auf einer Kundgebung in Pinar del Rio.“

 

Neue Allianzen

 

„Eine ähnliche, das Image Kubas befördernde Hilfsaktion hatte Castro schon zuvor nach der Verwüstung Zentralamerikas durch den Hurrikan „Mitch“ veranlasst. Ein äußerst geschickter Schachzug, der das Ansehen Castros und Kubas in Lateinamerika ebenfalls steigert, ist die Einweihung einer „Escuela Latinoamericana de Medicina“ während des Iberoamerika-Gipfels, eines beispiellosen lateinamerikanischen Ausbildungszentrums für Ärzte und medizinisches Personal. Ganz bewusst setzt Kuba hier seinen auch in der Ersten Welt anerkannt guten Ruf im Bereich der medizinischen Forschung und Ausbildung als politisches Kapital ein.

Ende Oktober 2000 knüpft Castro die Bande zu Venezuela fester, indem er seinem Freund Chavez, der ihm mit einer noch wenig klar umrissenen „bolivarischen Revolution“ nacheifert, einen viertägigen Staatsbesuch abstattet. Zurück kommt er mit einem Fünf­ Jahres-Vertrag über eine wirtschaftlich-technische Zusammenarbeit. Wichtigster Punkt der Vereinbarung ist die Lieferung von täglich 53.000 Tonnen venezolanischen Öls oder Erdölderivaten zu Vorzugsbedingungen, was für Castro in einer Zeit der Hochpreispolitik der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) von unermesslichem Wert ist. Kuba zahlt dafür keine harten Devisen, sondern liefert im Tauschhandel Waren wie Medikamente, Zucker und Dienstleistungen, wofür Chavez seinem Vorbild wiederum einen günstigen Finanzierungsrahmen gewährt. Die Dienstleistungen Kubas sehen eine technische Unterstützung auf den Gebieten der Landwirtschaft, des Tourismus, der Medizin, der Erziehung und des Sports vor. So soll Kuba 3.000 Sporttrainer senden und venezolanisches Hotelpersonal ausbilden. Zwar hat der venezolanische Ärzteverband lautstark und standesbewusst dagegen protestiert, venezolanisches Erdöl mit humanitärer Hilfe in Gestalt kubanischer Ärzte bezahlen zu lassen. Die Naturkatastrophe im Dezember 1999 in Venezuela hat indessen erhebliche Mängel in der medizinischen Versorgung gerade außerhalb der Städte, in den ländlichen Regionen des riesigen Landes aufgedeckt.“

 

Wirtschaft im Sozialismus

 

„Womöglich hätte Castro den Sieg seiner Revolution ohne Guevara politisch nicht lange überlebt, sondern wäre zwischen dem bürgerlichen Mittelstand und den orthodoxen Kommunisten zerrieben worden, die mit dem Triumph der Revolution auf den fahrenden Zug sprangen. Während Fidel nach dem Sieg noch einen moderaten politischen Ton gegenüber der Bourgeoisie anschlägt, ist es Che, der hinter den Kulissen zusammen mit Raul Castro bereits die Installation eines marxistisch-leninistischen Staates betreibt. Für Fidel Castro ist es ein glücklicher Umstand, dass er in Guevara einen Partner hat, der es bei der Integration der 1925 gegründeten kommunistischen Partei Kubas PSP in die Revolutionsbewegung mit den moskauhörigen, machthungrigen Dialektikern um Anibal Escalante und Blas Roca aufnehmen und ein wachsames Gegengewicht bilden kann.“

 

Der neue Mensch

 

„Am Ende dieses „besseren Weges“ steht in der Vorstellungswelt Castros und Guevaras der „neue Mensch“, dessen Arbeitsanreiz und Lebensziel nicht mehr die egoistische Akkumulation materieller Güter ist, sondern die selbstlose moralische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die umgekehrt für ihn und seine Familie sorgt. Diesem Ziel widmen Castro und Guevara die neue Wirtschaftspolitik, in diesem Zusammenhang stehen das ehrgeizige Alphabetisierungsprogramm, die neu eingeführte flächendeckende Gesundheitsversorgung sowie die jedem Bürger eine Grundversorgung garantierende Sozialpolitik. Die Überwindung der Unterentwicklung Kubas als Dritte-Welt-Land ist mithin eine der Voraussetzungen für die Schaffung dieses „neuen Menschen“.“

 

Wirtschaftliche Realitäten

 

„Doch der „Große Sprung“ Kubas scheitert. In der ersten Phase der Industrialisierung geht es den Kubanern noch relativ gut. Niedrige Mieten, höhere Löhne, kostenlose Gesundheitsversorgung führen zu beträchtlichen Einkommenszuwächsen. Der Konsum und der Lebensstandard steigen. Die Produktion kann bald jedoch nicht mehr die Nachfrage befriedigen. Nach zwei Jahren sind die Vorräte aufgebraucht.“

„Einsicht in die wirtschaftlichen Realitäten zwingt die Führung schließlich, von ihren idealistischen Positionen abzurücken. Nach einer halbjährigen Versuchsphase in 247 Pilotbetrieben mit 40.000 Arbeitern wird im Dezember 1963 beschlossen, von Januar 1964 an in 4.000 Industrieunternehmen mit 400.000 Beschäftigten wieder einen Leistungslohn einzuführen. Bisher gab es einen Wildwuchs von 25.000 verschiedenen Qualifikationsmerkmalen und über 90.000 Tarifen, nach denen die Menschen entlohnt wurden. Das neue System sieht vor, die Arbeiter künftig ihrer Qualifikation entsprechend in acht Lohnstufen einzuteilen. Für jedes Prozent Überproduktion erhalten sie einen Zuschlag, der insgesamt jedoch nicht mehr als die Hälfte ihres Grundlohnes ausmachen darf; was darüber liegt, fällt dem Staat zu. Umgekehrt erhalten sie bei Nichterreichen der Norm Abzüge um bis zur Hälfte vom Grundlohn. Auch die Zuckerrohrschneider werden ab sofort nach Leistung entlohnt, nicht mehr nach festen Tarifen sowie in der bloßen Hoffnung auf Überproduktion aus moralischen Motiven und Begeisterung an der Revolution. Die neue Maßnahme ist auf Betreiben der moskautreuen Kommunisten und gegen den Widerstand der Guevara-Fraktion durchgesetzt worden.“

„In der Vergangenheit war er (Che Guevara) seinem Ziel nur wenig näher gekommen, nicht allein weil die eigene Arbeiterschaft mit einer solch gewaltigen Umstellung mangels Qualifikation und mangels - niemals zuvor abverlangter - logistischer Fähigkeiten völlig überfordert ist. Es treffen auch die vereinbarten Lieferungen an Maschinen und ganzen Fabriken aus dem Ostblock entweder gar nicht oder nur mit großer Verspätung ein. Oft sind sie von so minderer Qualität, dass es mehr Aufwand und Geld kostet, sie in Betrieb zu nehmen, als sie einfach stehen und verrotten zu lassen und die Güter zu importieren.“

„Mitte Januar 1968, zum Abschluss eines einwöchigen Internationalen Kulturkongresses in Havanna, der ihm und seiner Revolution höchste Aufmerksamkeit bringt, nutzt er die Gelegenheit, Moskau vor mehreren hundert Künstlern und Intellektuellen aus siebzig Ländern, darunter Jean-Paul Sartre und Bertrand Russell, in schärfster Form an den ideologischen Pranger zu stellen: „Es gibt nichts Anti-Marxistischeres als ein Dogma, es gibt nichts Anti­-Marxistischeres als die Versteinerung von Gedanken. Und da werden im Namen des Marxismus sogar Vorstellungen durchgesetzt, welche offenkundig echte Fossile sind ... Der Marxismus muss sich entwickeln, eine gewisse Sklerose überwinden, die Realitäten der Gegenwart in einer objektiven und wissenschaftlichen Weise auswerten, sich wie eine revolutionäre Kraft und nicht wie eine pseudorevolutionäre Kirche geben.“ Voller Unbehagen gibt Castro zu Protokoll, dass damit in seinen Augen die Arbeiterschaft vom eigentlichen Ziel  einer  idealen, nicht mehr vom Geld regierten klassenlosen Gesellschaft entfernt und entfremdet wird. Schließlich holt er zu einem Rundumschlag gegen die orthodoxen kommunistischen Parteien aus, wirft ihnen vor, sich „völlig aus dem Kampf gegen den Imperialismus herauszuhalten“, sich eher den Anweisungen der Sowjetunion zu unterwerfen als sich am „gerechten Kampf“ zu beteiligen. „Diese Gruppen“, die nicht einmal in der Lage gewesen seien, nach dem Tode Che Guevaras dessen „Banner“ hochzuhalten, wären „niemals fähig, so zu sterben wie er, noch wahrhafte Revolutionäre zu sein wie er“.

Eigentlicher Anlass für Castros Fernbleiben von den Jubelfeiern in Moskau und seine wütende Attacke ist, dass Kuba in diesen Wochen 1967/68 nicht ganz ohne Zutun der UdSSR am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs steht. Nicht nur, dass die vereinbarten Lieferungen aus der Sowjetunion unzuverlässig sind, im Oktober hat Moskau eine erbetene achtprozentige Erhöhung der Rohölexporte nach Kuba ebenso abgelehnt wie eine Ausweitung der bisher auf ein Jahr befristeten Handelsabkommen auf drei Jahre. Offensichtlich in der Absicht, Castro für seine Disziplinlosigkeit abzustrafen, lassen die Sowjets auch den Zeitpunkt für die Unterzeichnung des 1968er Handelsabkommens in der Schwebe. Da Kuba fast hundertprozentig von sowjetischen Rohöllieferungen abhängt, sieht Castro sich Anfang Januar 1968 gezwungen, vorsorglich eine Rationierung des Ölverbrauchs zu verkünden.

Doch die Sowjets sind nur ein Teil des Problems. Der andere Teil sind die Kubaner selbst. Gravierende Planungsfehler, verbunden mit sprunghaften Korrekturen und fortwährenden Improvisationen, mit Inkompetenz und Missmanagement, stetes Dreinreden des Maximo Lider auf allen Ebenen, eilfertiges Befolgen seiner spontanen, oftmals zwar richtigen, aber unzureichend koordinierten Ideen und Anregungen verursachen vor allem in der Landwirtschaft bisweilen chaotische Zustände. Um die großen Ambitionen zu erfüllen, ist die Decke an allen Enden zu kurz. Es mangelt an Kapital und Effizienz. Als fatal erweist sich, dass das verbliebene Kleingewerbe und die Kleinbauern ein Schattenwirtschaftssystem in Form eines florierenden Schwarzmarktes etabliert haben, über den die Händler zu viel in die eigene Tasche wirtschaften und zu wenig in die der Revolution.“

 

Der alte Mensch

 

„Der Absturz der Produktionsergebnisse im Übergang von der ersten zur zweiten Dekade der kubanischen Revolution offenbart trotz aller Anstrengungen auch ein Nachlassen des revolutionären Elans in der Bevölkerung. Guevaras und Castros Konzept des „moralischen Anreizes“ funktioniert nicht mehr. „Absentismus“, das „Nichterscheinen am Arbeitsplatz“, breitet sich dramatisch aus: Allein im August und September 1968 fehlen rund 20 Prozent der Beschäftigten, in Castros Heimatprovinz Oriente sind es im August sogar 52 Prozent. „Unsere vielleicht größte Illusion war es, geglaubt zu haben, dass eine Gesellschaft ... auf einen Schlag sich in eine Gemeinschaft verwandeln konnte, in der sich ein jeder in ethisch und moralisch einwandfreier Weise verhält.“ Damit signalisiert Castro - mit einer gewissen Resignation - die Bereitschaft zu einer endgültigen Abkehr vom Prinzip des „moralischen Anreizes“ als alleiniger Arbeitsmotivation. Sodann ruft er die Arbeiter dazu auf, „sich selbst zu demokratisieren, eine starke und mächtige Arbeiterbewegung zu bilden“.

Damit hat Castro jedoch alles andere als politischen Pluralismus im Sinn. Er will vielmehr die Kritik am System kanalisieren. Die Beschäftigten sollen nicht nur stärker in die Entscheidungsprozesse, sondern auch in die Produktionsverantwortung einbezogen werden. Damit hofft er das Problem des „Bummelantentums“ in den Griff zu bekommen. Neben einer umfassenden Reorganisation des Gewerkschaftsverbandes „Confederacion de Trabajadores Cubanos“ (CTC) während der folgenden drei Jahre wird 1971 flankierend ein „Anti-Faulenzer“-Gesetz erlassen, das harte Strafen für „arbeitsscheues Gesindel“ vorsieht. Gleichzeitig wird es in Zukunft zur Motivation der Arbeiter wieder - wie zeitweilig zwischen 1963 und 1966 - materielle Anreize geben, um die Produktivität zu steigern. „Zusammen mit dem moralischen Anreiz müssen wir auch den materiellen Anreiz anwenden, ohne einen von ihnen zu bevorzugen, denn das Erstere würde uns nur in den Idealismus führen, das andere nur in den Egoismus ... Wir müssen so handeln, dass weder ökonomische Anreize die einzige Motivation der Menschen bilden, noch dass moralische Anreize dazu dienen, den Rest  des Lebens nicht mehr zu arbeiten.“

„Castro lässt schnell durchblicken, welche Richtung er einschlagen möchte. Die Zulassung privater Dienstleistungen und privater Bauernmärkte habe, so Castro, „eine Klasse von Neureichen hervorgebracht, die machen, was sie wollen“. Er bezichtigt einzelne selbständige Bauern, mit einem 1 Hektar großen Knoblauchacker 50.000 bis 60.000 Pesos (1 Peso = 1 US-Dollar) zu verdienen. Zu jener Zeit gibt es nach internen Erkenntnissen „in Kuba 1.800 Millionäre und circa fünfmal so viele Menschen mit mehr als einer halben Million Pesos, von denen die Mehrheit Kuba verlassen will“. Diese Leute hätten traditionell „kapitalistische Attitüden“ wie Faulheit, Eigennutz und materialistisches Denken unter die Leute gebracht. Castro zieht gegen Betriebsmanager zu Felde, die, „herausgeputzt wie Kapitalisten, aber ohne kapitalistische Effizienz“, im Einvernehmen mit der Belegschaft den Staat hintergingen, indem sie beispielsweise die Produktionsnormen niedrig ansetzten, damit die Planvorgaben mit Leichtigkeit übererfüllt und die Einkommen mittels hoher zusätzlicher Leistungsprämien aufgebessert werden konnten.

Castro beschreibt auf überspitzte Weise, wie manche ihr Geld regelrecht im Schlaf verdienen: Ein Betriebsleiter könne einen Arbeiter anweisen: „Leg dich auf dem Fußboden schlafen. Ich bewillige dir dafür einen Zuschlag für außergewöhnliche Arbeitsbedingungen.“ Bis Mitte der achtziger Jahre, als der Prozess der „Rectificacion“ eingeleitet wird, sind die Anforderungen zur Erfüllung der Arbeitsnormen tatsächlich so weit abgesenkt worden, dass fast jeder kubanische Arbeitnehmer sie mit Leichtigkeit um das Vier- bis Fünffache zu überbieten vermag. „Obwohl wir Spielräume für Bonuszahlungen unter dem sozialistischen System zugestehen, müssen sie das Ergebnis guter Arbeit sein ..., nicht das aufgeblasener ... Berechnungen“, stellt Castro klar. In allen Bereichen wird zunehmend in die eigene Tasche gewirtschaftet. Waren und Ersatzteile werden aus den Staatsbetrieben gestohlen, unter der Hand verkauft oder im eigenen Haushalt verwendet, Agrarprodukte guter Qualität landen auf den Tresen der privaten Bauernmärkte, die schlechter Qualität landen im staatlichen Handel, Baumaterialien und Maschinen verschwinden und finden sich im privaten Haus- und Wohnungsbau wieder, Arbeitnehmer streben eine vorzeitige Pensionierung an, um mit der Rente als Grundlage private Geschäfte zu machen. Castro selbst scheut sich nicht, landauf, landab Missstände anzuprangern und dabei auch Funktionäre der Lächerlichkeit preiszugeben wie jene des Bauministeriums MINCONS (Ministerio de Construccion): „Wenn man an MINCONS appelliert ... bitte baut einen Tageskindergarten in Guanabacoa, weil es dort eine neue Fabrik gibt ... schafft es MINCONS nicht, auch nur einen einzigen Kindergarten zu bauen, nicht einen!“ Schon die einfache Bitte reiche aus, „sie in Ohnmacht fallen zu lassen“, höhnt er und spottet darüber, wie überfordert sich die Genossen dort offenbar fühlen müssen. „Wie kann man uns um eine solch furchtbare Sache bitten, einen Tageskindergarten in Guanabacoa zu bauen, bei all unseren sonstigen Verpflichtungen und all den Projekten, mit denen wir nie fertig werden.“

Vor diesem Hintergrund kündigt Castro schließlich an: „Wir werden alle diese Dinge korrigieren - und da gibt es viele, die vom revolutionären Geist abgewichen sind, der revolutionären Arbeit, den revolutionären Werten, den revolutionären Anstrengungen, der revolutionären Verantwortung …“ „Rectificacion“, das bedeutet für ihn „eine Revolution innerhalb der Revolution“, einen Schritt gegen jene, die „Ches Ideen, revolutionäres Denken, Stil, Geist und Vorbild verleugnen“. Zu dessen 20. Todestag popularisiert die kubanische Propagandamaschine die mit der „Rectificacion“ verbundene ideologische Kurskorrektur als Wiederbelebung des revolutionären Idealismus der sechziger Jahre.“

 

Sonderperiode

 

„Kuba ist nun vollkommen allein. Umgeben von Feinden und Gegnern bleibt der Regierung nur noch ein Ausweg, wenn sie nicht auch auf die „neue Weltordnung“ einschwenken will: den in die völlige Autarkie. Für Castro ist dies persönlich wie politisch die größte Herausforderung seiner Zeit und eine makabre Chance zu echter Eigenständigkeit unter denkbar ungünstigsten Umständen.

„Sozialismus oder Tod. Wir werden siegen!“ Ab September 1990 wird Castros rhetorische Überlebensformel, mit der er stets seine Reden zu beenden pflegte, in einem Ausmaß auf die Probe gestellt, wie er es sich selbst vermutlich nicht einmal in düstersten Albträumen hat vorstellen können. Das Land taumelt in eine regelrechte Agonie. Ohne Atempause muss es von der „Rectificacion“ zur „Periodo especial“, der „Sonderperiode“, übergehen. Die seinerzeit mit der „Rectificacion“ eingeleiteten Änderungen sahen „noch keine Strukturanpassungen in dem Ausmaß vor, wie sie die Wirtschaft kurze Zeit später vornehmen musste, als die Krise des sozialistischen Lagers mit voller Wucht einsetzte“, bemerkt damals Julio Carranza Valdes vom kubanischen „Centro de Estudios sobre America“ (CEA). „Ich glaube, dass in keiner historischen Epoche sich irgendein Land in der Situation befand, in der sich unseres befunden hat, als das sozialistische Lager zusammenbrach und wir unter der unbarmherzigen Blockade der USA blieben“, meinte Castro. „Niemand stellte sich je vor, dass etwas, das so unerschütterlich und sicher wie die Sonne schien, eines Tages verschwinden würde, wie es beim Zerfall der Sowjetunion geschah.“

Die „Periodo especial“ ist Castros Antwort auf den Neoliberalismus, auch wenn alle an seinem Verstand zweifeln. Obwohl sein Durchhalte-Entschluss wie politisches Abenteurertum scheint - er hatte kaum eine andere Wahl, wollte er nicht einfach aufgeben. Und so vertraute er seinem Instinkt und seinem ungebrochenen politischen Überlebenswillen. Seine Sicherheitsdienste werden ihm eine verlässliche Lageeinschätzung über die Grenzen der Belastbarkeit der Bevölkerung gegeben haben. Er scheint überzeugt, ihr auch noch die Opfer dieser „Kriegswirtschaft in Friedenszeiten“ zumuten zu können, ohne dass es zu einem Aufstand kommt. Als nach dem gescheiterten Putsch der Altkommunisten in Moskau im August 1991 die Auflösung der Sowjetunion nur wenige Monate später beschlossene Sache ist, kündigt Castro im Oktober desselben Jahres, nach Monaten zunehmender spürbarer Entbehrungen, anlässlich der Eröffnung des 4. Parteikongresses der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) an: „Wir werden uns allein verteidigen, umgeben von einem Ozean des Kapitalismus ... Das kubanische Volk ist während der langen Jahre der amerikanischen Blockade seinen Weg gegangen, gestützt auf die soliden Pfeiler des sozialistischen Lagers und der Sowjetunion. Diese Pfeiler sind zusammengebrochen.“ Die Kubaner müssten nun ein „wahres Wunder“ vollbringen, nämlich selbst „mehr Milch, Fleisch, Reis und Gemüse produzieren mit Minimalmengen an Futter, Dünger und Herbiziden“.

Die Menschen hoffen, dass Castro unter diesen erdrückenden Bedingungen wenigstens die freien Bauernmärkte wieder zulässt, die sich schon in den achtziger Jahren als Segen für die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung erwiesen hatten. Ein solcher Schritt, davon gibt sich Castro überzeugt, würde jedoch sofort die Korruption beflügeln und eine bedrohliche Ungleichheit erzeugen. Daher komme es jetzt vor allem darauf an, sagt er, „dass wir das, was auch immer wir zu verteilen haben, an alle gleich verteilen müssen.“ Er verspricht: „Nicht einmal in der Sonderperiode wird es bei uns Bettler geben, weil niemand ohne Lebensmittel bleiben wird, keiner wird auf der Straße liegen.“

Die „Periodo especial“ bedeutet - beispielsweise im Jahre 1991 - pro Person gegen Vorlage der „Libreta“, des Rationierungsbüchleins, alle zehn Tage knapp 200 Gramm Fisch, pro Woche ein Pfund Fleisch, ersatzweise auch schon mal 50 Tage lang nur Huhn, jede Woche drei bis vier Eier, ein Pfund Reis, ein bis eineinhalb Pfund Zucker, 125 Gramm Bohnen und 25 Gramm Kaffee. Speiseöl und Mehl gibt es selten, auch wenig Gemüse und Obst, keine Marmelade, so gut wie nie Butter, Milch nur für kleine Kinder, Alte und Bedürftige; Brot immerhin pro Tag ein halbes Pfund. Selten gibt es Seife, Spül- und Waschmittel, Toilettenpapier und Streichhölzer. Weil es kaum Chlor gibt, wird geraten, das Wasser abzukochen, aber dafür mangelt es an Brennspiritus. Nur alle zwei Jahre gibt es vier Unterhosen oder Büstenhalter, zwei Paar Socken, ein Hemd oder eine Bluse, vier Meter Stoff zum Schneidern von Hosen oder Röcken. An die Frauen appelliert Castro, über die nächsten fünf Jahre - so lange rechnet er, dauert die Sonderperiode - die alten Sachen aufzutragen oder umzuschneidern. „Jede Maßnahme, die dabei half, dem schrecklichen Schlag entgegenzuwirken, diskutierte man nicht nur in der Nationalversammlung, sondern auch in Hunderttausenden von Versammlungen, die in Fabriken, Produktions- und Dienstleistungszentren, Gewerkschaften, Universitäten, Mittelschulen und in allen Organisationen der Bauern, Frauen, Häuserblocks sowie in anderen Organisationen sozialen Charakters stattfanden“, erklärte Castro. „Das Wenige, über das wir verfügten, wurde mit dem höchsten Maß an Gleichheit verteilt“ …

Also lässt Castro ein ehrgeiziges Lebensmittelprogramm auflegen, das eher an die Rückkehr zur frühzeitlichen Entwicklungsphase des Homo sapiens erinnert, als dass es den Überlebenskampf einer relativ fortgeschrittenen Agrar- und Industriewirtschaft zwischen Erster und Dritter Welt spiegelt: Es zielt auf reine Selbstversorgung ab. 20.000 Hektar zusätzliche Anbauflächen werden von den Zuckerrohrfeldern abgezweigt und für den Anbau von Reis, Früchten und Gemüse kultiviert. Fischzuchtbetriebe und 1.800 Hühnerfarmen zur Produktion von 10 Prozent mehr Eiern und Hähnchenfleisch sowie über 1.000 Molkereien sollen während der nächsten fünf Jahre entstehen. In den Städten werden Hinterhöfe, Abstellflächen, leere Grundstücke, Ziergärten, Balkone in „Sieges-Gärten“ umgewandelt und zur Aufzucht von Obst und Gemüse genutzt. Bereits Mitte 1992 gibt es über eine Million solcher von Hausbewohnern, Nachbarschafts­-Hilfegruppen und Studenten betreuten „Kleingärten“. Binnen fünf Jahren soll die Gemüseproduktion um 50 Prozent gesteigert werden. Doch so manche Überlebensleistung scheitert an simplen Unzulänglichkeiten des Systems, und es rächen sich frühere Versäumnisse und Schlampereien: Ein hoher Prozentsatz der Produkte - Schätzungen reichen bis zu knapp einem Drittel - verderben wegen mangelnder Transportmöglichkeiten, unsachgemäßer Lagerung und fehlender Kühlanlagen. Vieles wird aber auch gestohlen und landet auf dem Schwarzmarkt - immerhin aber erreicht wenigstens dies die Verbraucher.

Da sich Fidel Castro der Wiederzulassung der privaten Bauernmärkte immer noch widersetzt und darauf besteht, dass alle Produktion über den Staat distribuiert wird, bleiben die Menschen auf den blühenden Schwarzmarkt angewiesen, wenn sie mehr wollen oder brauchen als die ihnen über die „Libreta“ zugeteilten Notrationen. Denn unter der Hand gibt es wie auf wundersame Weise fast alles, was sonst fehlt - zu astronomischen Preisen. Inoffizielle - und daher zurückhaltend zu bewertende - Schätzungen gehen dahin, dass der Schwarzmarktumsatz zwischen 1989 und Mitte 1993 umgerechnet von zwei Milliarden auf 14,5 Milliarden US-Dollar explodiert ist und damit das Volumen des staatlichen Einzelhandels mit seinen festgesetzten Preisen übertroffen hat. Bei einem Durchschnittsverdienst zwischen 200 und 300 Pesos im Monat kostet ein Huhn auf dem Schwarzmarkt 70 Pesos, ein Jahr später bereits 200 Pesos. Ein Pfund Schweineschmalz kostet zehn Pesos, eine Schachtel Zigaretten fünf bis zehn. Für eine Jeans-Hose werden 500 Pesos verlangt, für ein Paar Schuhe 300.

Aller Erfindungsreichtum und alles Organisationstalent, die der offiziellen Mangelverwaltung fehlen, scheinen auf den Schwarzmarkt konzentriert. Versorgt und mitgesteuert wird diese Schattenwirtschaft mit ihren geschätzten 60.000 „Negocieros“ (Geschäftemachern) lange Zeit auch von den im Lande stationierten sowjetischen Militärs und Technikern, die vor ihrem endgültigen Abzug alles, was sich noch schnell zu Geld machen lässt, verkaufen, selbst Waffen und Uniformen. Auch die Kubaner stehlen, was zu stehlen ist, meist am Arbeitsplatz, in der Landwirtschaft oder von den für den Tourismus bestimmten Warenbeständen …

Das Überlebensprogramm basiert nur noch formal auf der reinen Lehre. Es greift auf sozialistische wie auf kapitalistische und früh­kapitalistische Elemente zurück. „Dies ist nicht die Zeit des Theoretisierens, sondern vielmehr des Vorankommens, Widerstehens und Überwindens“, mahnt Castro im Dezember 1990 auf dem Kongress der Studentenvereinigung und wirft kurz darauf die - durchaus berechtigte - Frage auf: „Welches kapitalistische Land könnte solches vollbringen?“ Zur Einstimmung der Bevölkerung auf die „Null­Option“ einer völligen wirtschaftlichen Isolierung durch das Ausland bemüht er zunehmend seltener die einstigen Durchhalteparolen des Marxismus-Leninismus. Längst ist der „Sozialismus“ im offiziellen Sprachgebrauch wieder durch das „Vaterland“ ersetzt worden. In dieser Stunde der Not kehrt Castro zu den Wurzeln seiner Revolution zurück. In dramatischen Appellen stellt er die „Sonderperiode“ als eine bloße Etappe in der langen Geschichte von Kubas Kampf um die nationale Unabhängigkeit dar. In diesem Sinne bekräftigt er anlässlich des 30. Jahrestages der Invasion in der Schweinebucht im April 1991 die Entschlossenheit der Führung zum Durchhalten, indem er sich auf die geistigen Väter des Unabhängigkeitskampfes beruft: „Wir werden den Imperialisten klar machen: Nein, ihr könnt nicht mit uns machen, was ihr wollt! ... Selbst wenn wir die materiellen Entbehrungen noch ausweiten müssen, dann weiten wir sie eben aus, weil wir niemals vergessen werden, dass Jene, die unseren Unabhängigkeitskampf begannen, zehn Jahre lang in den Wäldern gelebt haben ... und als einige müde wurden und dachten, es wäre unmöglich, unter solch schwierigen Bedingungen zu kämpfen ... und (sie) den Frieden ohne Unabhängigkeit wollten, sagte (der Unabhängigkeitskämpfer und General im 19. Jahrhundert, Antonio) Maceo: Nein! Und gemeinsam mit Maceo sagten die besten Vertreter dieses heroischen Volkes: Nein! ... Und das sind wir auch: die Erben von Maceo, ... die Erben von Marti.““

 

Runter von der Insel

 

„Zwar konnte und kann nicht jeder einfach das Land ohne Erlaubnis verlassen, und nur Privilegierte verfügen über einen Reisepass. Aber anders als die Sowjetunion, die DDR und andere Ostblockstaaten hat Castro seine Gegner nicht wirklich daran gehindert, ihre Heimat zu verlassen, wenn sie es wollten, sondern sie dazu ermuntert, sobald es ihm opportun erschien, politischen Druck abzubauen. Er nahm dafür kontinuierlich sogar den volkswirtschaftlich außerordentlich schädlichen Verlust gut ausgebildeter Akademiker und Facharbeiter in Kauf.“

„Die Schätzungen, wie viele Kubaner seit Castros Sieg die Insel bis zur Jahrtausendwende verlassen haben, liegen bei über einer Million Menschen. Das wären, gemessen an der heutigen Bevölkerungszahl, zwischen zehn und fünfzehn Prozent. Die meisten haben sich in den USA, vor allem in Florida, niedergelassen. Der Bundesstaat ist politisch fest in der Hand der Exilkubaner und ihrer zumeist republikanischen politischen Freunde, die familiäre Wurzeln auf Kuba haben. Miami wird deshalb bisweilen als „Havanna Nord“ bezeichnet. Geläufiger ist jedoch der Name „Little Havanna“ für die Gegend um die 8. Straße, die Calle Ocho. Seit Generationen leben dort viele Exilkubaner. Ursprünglich waren sie gekommen in dem Glauben, nach wenigen Monaten werde Castro gestürzt und damit der Weg frei sein für eine Rückkehr. Die einen sind darüber - oft verbittert - gestorben, andere haben sich assimiliert und leben hier bereits in zweiter und dritter Generation. Dabei zieht es viele der Jungen gar nicht so sehr in das Land ihrer Väter und Großväter, vor allem wenn sie sich in den USA eigene Existenzen aufgebaut haben und familiäre Bindungen eingegangen sind. Auch von den Älteren würde offenbar nur noch die Hälfte zurückkehren wollen. Und es werden immer weniger, je länger Castro ausharrt. Aus dem Exil ist längst eine Immigration geworden.

Was die Menschen in „Havanna Nord“ eint, ist der Gegner in „Havanna Süd“. Doch uneins sind sie sich schon darin, wie er loszuwerden ist und was danach kommen soll. Auch heute ist es noch so, dass rund um die Calle Ocho nur jene gern gesehen sind, die aus ihrem kompromisslosen Hass auf Castro kein Hehl machen und für das Embargo sowie gegen jedwede Verhandlungen mit dem Regime in Havanna sind. Andere, weniger militante Oppositionelle, solche, die auf Dialog setzen, haben in diesen Kreisen keinen leichten Stand.“

 

Instrumente der Marktwirtschaft

 

„„Wir stehen ... vor der Notwendigkeit, nach Deviseneinnahmen zu suchen“, räumt Castro mit einem Anflug offenkundiger Verzagtheit ein. Der 26. Juli 1993 - ausgerechnet der 40. Jahrestag des Angriffs auf die Moncada-Kaserne - steht schließlich für die Kapitulation vor dem Dollar. An diesem Tag wird der bislang strafbare Devisenbesitz legalisiert, der US-Dollar als Parallelwährung zugelassen. „Die freie Zirkulation des US-Dollar war schlichtweg eine unverzichtbare Notwendigkeit und niemals die Frucht eines Wirtschaftskonzepts“, meint Castro sechs Jahre später und deutet nebulös gleichzeitig wieder mögliche Beschränkungen an: „Für die Zukunft denke ich, dass ein erneutes Verbot des Besitzes von US­-Dollars oder anderen ausländischen Währungen niemals mehr nötig sein wird, doch die freie Zirkulation des US-Dollar bei der Bezahlung von vielen Produkten und Dienstleistungen wird es nur für den Zeitraum geben, in dem die Interessen der Revolution dies angemessen erscheinen lassen.“

Eines der Hauptmotive ist, auf diese Weise unterm Kopfkissen gehortete Dollarvorräte abzuschöpfen und zur Erfüllung außenwirtschaftlicher Verpflichtungen in die Staatskasse zu lenken. Das Volumen der Devisen-Parallelwirtschaft wird zu diesem Zeitpunkt auf rund 200 Millionen Dollar geschätzt. Die Regierung geht sogar so weit, den eigenen offiziellen Wechselkurs von 1:1 zu unterwandern, und bietet bis zu 25 Pesos für den Dollar. Der inoffizielle Wechselkurs für einen Dollar liegt anfangs allerdings bei 150 Pesos. Das entspricht etwa zwei Drittel des Monatsgehaltes eines Arbeiters. Ein Arzt oder Ingenieur käme bei diesem Kurs für sein Monatseinkommen vielleicht auf zwei US-Dollar. Auch wenn dadurch die Bildung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft aus Dollar-Besitzern und solchen, die keine Dollars haben, gefördert wird - es scheint inzwischen das kleinere Übel zu sein. Dass nun - ausgerechnet am heiligen Moncada-Feiertag - der „Green­Buck“ des feindlichen Nachbarn die Scheine mit dem legendären Heiligen-Abbild des Guerilleros und ehemaligen kubanischen Zentralbankpräsidenten Che Guevara und mit dem Porträt Martis verdrängt und zum Sammlerstück degradiert, hat mehr als nur symbolische Bedeutung: Es markiert auch des Comandante endgültigen Abschied von Guevaras Traum der Erschaffung eines neuen Menschen.“

„Mitte der neunziger Jahre scheint der kubanische Sozialismus ganz unten angekommen zu sein. Er ist ziemlich am Ende, aber er ist nicht zu Tode gekommen, wie alle Welt erwartet hatte. Mit der „Balsero“ (Bootsflüchtlinge)-Krise ist rückblickend die Wendemarke erreicht. Wenige Wochen später werden per Dekret 191 und Resolution 423/91 die freien Bauernmärkte wieder zugelassen. Und am 1. Oktober 1994 öffnen endlich landesweit die ersten 120 der so lange ersehnten „Mercados libres agropecuarios“. Im Dezember 1994 sind es bereits 200, im Mai 1995 250. Nunmehr sollen, so heißt es am 2. Oktober 1994 im Amtsblatt der kubanischen Revolution, der „Granma“, „die landwirtschaftliche Produktion gesteigert, die negativen Auswirkungen des Schwarzmarktes neutralisiert, die Erzeugnisse, die bisher über die staatlichen Kanäle nicht verbreitet werden konnten, zugänglich gemacht, die nationale Währung gestärkt werden. Auch wenn das Pfund Schweinefleisch auf dem Bauernmarkt zunächst 45, später 38 Pesos kostet: Stand das Land noch kurz zuvor am Rande einer Hungersnot, so verändern sich nun schlagartig die Versorgungslage und die Stimmung der Bevölkerung.

Der Wiedereinführung der freien Bauernmärkte 1994 vorausgegangen ist die seit dem 9. September des Vorjahres - in der Folge der Legalisierung des Dollar - erlaubte Selbständigentätigkeit. Zugelassen sind private Dienstleistungen „auf eigene Rechnung“. „Cuentapropistas“ nennt man die Betreiber kleiner Handwerksbetriebe, privater Familien-Restaurants mit maximal zwölf Plätzen und privater Zimmervermietungen sowie anderer Privatbetriebe bis hin zu Rikscha-Taxis in der Altstadt von Havanna, die auf Dollar-Basis arbeiten. Rund 130 Dienstleistungsberufe werden für diese Tätigkeiten zugelassen.

Binnen kurzem springt die Zahl der „Kleinunternehmen“ auf rund 208.000; nach inoffiziellen Zahlen sollen es sogar 600.000 sein. Eine Lizenz als „Cuentapropista“ erhält ab dem 1. Januar 1996 aber nur, wer auch eine Steuernummer hat und entsprechende Abgaben an den Staat bezahlt. Mit Hilfe der Steuern sollen exorbitante private Gewinne beschnitten werden, um das nun unvermeidliche soziale Gefälle so niedrig wie möglich zu halten …

Eine neu geschaffene Steuerbehörde mit 2.000 Mitarbeitern bearbeitet die Erklärungen. Die Steuermoral gilt als hoch: In der Regel liefern 95 Prozent aller Steuerpflichtigen ihre Abgaben und Erklärungen bei der neuen Steuerbehörde pünktlich ab.

Auch wenn die Privatisierungsmaßnahme augenblicklich eine Entspannung der innenpolitischen Lage bewirkt, wird sie verfolgt vom Argwohn des „Jefe“ der Revolution. Doch sind die privatwirtschaftlichen Ansätze aus dem kubanischen Alltag nicht mehr wegzudenken, zumal die meisten Selbständigen im Tourismusbereich tätig sind. In der Bevölkerung kursiert dafür der dem „Maximo Lider“ in den Mund gelegte geflügelte „Dreisatz“: „Das Volk will das nicht, die Partei will das nicht, und ich will das auch nicht. Aber trotzdem müssen wir es machen.“

Ähnlich verhält es sich mit den ausländischen Firmenbeteiligungen, auf die sich die Staats- und Parteiführung nach dem dritten Parteikongress 1986 im Zuge der „Rectificacion“ mehr notgedrungen als freiwillig eingelassen hat. Anfang 1991, als die infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion ausgelöste Krise einsetzt, gibt es immerhin bereits 55 Joint Ventures mit einem ausländischen Kapitalanteil von rund 500 Millionen Dollar. Ende des Jahrzehnts steuert man bereits auf 400 ausländische Kapitalbeteiligungen zu mit einem vorsichtig geschätzten Volumen an Direktinvestitionen von über zwei Milliarden Dollar. Hauptinvestitionssektor ist die Tourismusbranche, die auf diese Weise eine Verdoppelung der Besucherzahl zwischen 1989 und 1993 auf rund 550.000 und im gleichen Zeitraum einen Umsatzsprung von 250 Prozent macht: von 200 Millionen US-Dollar auf 700 Millionen US-Dollar.

Nach der Forcierung der Joint Ventures und der Zulassung des Dollar als konvertierbare Währung wächst diese Sparte von 1993 an bis zum Ende des Jahrzehnts mit geschätzten fast zwei Millionen Touristen und etwa zwei Milliarden Dollar Bruttoeinnahmen zur umsatzstärksten der kubanischen Wirtschaft. Allerdings bleiben an Nettoeinnahmen nach Branchenschätzungen nur 15 Prozent in der Kasse, weil die heimische Wirtschaft nicht in der Lage ist, einen größeren Anteil der von den Touristen benötigten Güter in der erforderlichen Qualität selbst zu produzieren, sie daher gegen teure Devisen importiert werden müssen. Die Hauptinvestoren im Tourismus kommen aus den Ländern, aus denen auch die meisten Touristen nach Kuba gebracht werden: aus Spanien, Italien, Frankreich, Kanada, Deutschland, Schweden, Brasilien, Mexiko - aus Ländern mithin, die sich dem Embargodruck der USA klar widersetzen. Setzte das Tourismusministerium anfangs auf Quantität, so versucht man gegen Ende der neunziger Jahre vom Billigtourismus allmählich wegzukommen und - neben Badeferien in zunehmend exklusiveren Anlagen -verstärkt Städte- und Kulturreisen, Öko- und Gesundheitstourismus anzubieten.

Joint-Venture-Schwerpunkte außerhalb des Fremdenverkehrssektors sind die Schwerindustrie sowie die Exploration und Förderung von Bodenschätzen. Mit Hilfe ihrer kanadischen und europäischen Partner gelingt es der kubanischen Erdölgesellschaft Cubapetroleo binnen eines Jahrzehnts die eigene Produktion zu verdreifachen: von rund 700.000 Tonnen im Jahre 1989 auf immerhin über zwei Millionen Tonnen im Jahre 1999. Obwohl Kuba weiterhin gut drei Viertel seines Energiebedarfs - zum Teil auf Umwegen - vor allem aus Mexiko und Venezuela importieren muss, kann das Land gegen Ende des Jahrzehnts über 40 Prozent der im Lande benötigten Elektrizität aus eigener Rohölförderung erzeugen. Anfang 2000 annonciert Kuba schließlich die Freigabe einer Fläche von 112.000 Quadratkilometern seiner Hoheitsgewässer im Golf von Mexiko für die Tiefseeexploration von Öl - und fordert explizit die 40 Jahre zuvor enteigneten US-Ölkonzerne zur Erschließung der Ölfelder auf: „Die potenziellen Erdölvorkommen ... im Golf von Mexiko könnten ohne die Technologien aus dem Ausland und das von dort kommende Kapital nicht von unserem Land erschlossen und ausgebeutet werden“, räumt Castro ein.

Zu einem weiteren Schwerpunkt für Deviseneinnahmen baut die kubanische Regierung den Biotechnologie-Sektor in einem solchen Maß aus, dass das Land schon Anfang der neunziger Jahre zu den weltweit bedeutendsten Exporteuren biotechnologischer Produkte avanciert. Besondere Nachfrage gibt es für dermatologische Erzeugnisse zur Hautregeneration und bei Impfstoffen beispielsweise gegen Meningitis und Hepatitis B. Obwohl auf den internationalen Märkten durch die Pharmakonzerne der USA, Europas und Japans erbittert bekämpft, erreicht Kuba als preisgünstiger Exporteur vor allem in die Dritte-Welt-Staaten bereits 1991 die Gewinnzone und baut dieses Feld offensiv aus. Dennoch beträgt der Anteil dieses Bereichs an den gesamten Exporterlösen nur zwischen drei und fünf Prozent, mithin unter 50 Millionen US-Dollar. Die Konkurrenzfähigkeit Kubas als Dritte-Welt-Land ausgerechnet auf dem hochspezialisierten Gebiet der Biotechnologie hat entscheidend mit dem hohen medizinischen Standard zu tun, der in dem Land über die Jahrzehnte entwickelt worden ist. Die Volksgesundheitsstatistik Kubas, einschließlich der Kindersterblichkeit und der Lebenserwartung - sie beträgt 75,3 Jahre -, übertrifft im UN-Vergleich längst Länder der Ersten Welt und sogar die USA.

Dieser Standard kann sogar über die Sonderperiode und die gravierenden Versorgungsmängel weitgehend gerettet werden. „Trotz der Haushaltseinschränkungen wurden die realen Ausgaben für Gesundheit und Ausbildung sogar erhöht“, heißt es in einem umfassenden Kuba-Report der „Financial Times“ vom März 1999. Unter Berufung auf Statistiken der Vereinten Nationen verweist die Londoner Wirtschaftszeitung darauf, dass Kuba 1997 bei den sozialen Indikatoren seine Spitzenposition unter den lateinamerikanischen Ländern „mit einer der niedrigsten Armuts- und Analphabetenraten auf dem Kontinent zurückgewinnen“ konnte. Der Alphabetisierungsgrad beträgt Ende der neunziger Jahre knapp 97 Prozent. Das Blatt zitiert in diesem Zusammenhang den damaligen Finanzminister Manuel Millares mit den Worten: „Wir haben versucht, unsere sozialen Grundsätze zu garantieren. Unsere Bevölkerung lebt unter besseren Konditionen als die Mehrheit der Lateinamerikaner.“

Die Volksgesundheit bleibt auch in der Sonderperiode eines der Essentials der kubanischen Revolution. In den neunziger Jahren zählt das für die Bürger kostenlose öffentliche Gesundheitswesen 340.000 Mitarbeiter sowie 64.000 Arzte. Das bedeutet, dass auf je 193 Einwohner ein Arzt kommt (in der Bundesrepublik: ein Arzt auf 313 Personen). Das Negativbeispiel ist für Castro die ehemalige Sowjetunion: „Es wurde berichtet, dass die Lebenserwartung in dem Teil der UdSSR, der Russland ist, jetzt bei 56 Jahren liegt, 20 Jahre weniger als in Kuba, 20 Jahre!“ Castro versichert, „dass diejenigen Medikamente, welche lebenswichtig sind, jene, die Leben retten helfen, jene, die unverzichtbar sind, niemals fehlen werden: wir räumen ihnen Vorrang ein“.

Dennoch mangelt es der Bevölkerung entgegen Castros Beteuerungen bald an einfachsten Medikamenten wie Aspirin. Zu Beginn des Jahres 2000 sind nach Angaben des amerikanischen Weltgesundheitsverbandes „hunderte von Medikamenten und Materialien zur medizinischen Versorgung ... nicht verfügbar. Chirurgische Eingriffe werden nur in dringenden Fällen vorgenommen. Die ambulante Hilfsleistung ist begrenzt. Zahlreiche Aids-Medikamente stehen nicht zur Verfügung.“ Besorgnis erregend sei der Anstieg von Krankheiten wie Typhusfieber und anderen von bakteriell verunreinigtem Wasser verursachten Infektionen wie virale Hepatitis. Die Vereinigung macht die US-Embargopolitik, die auch den humanitären Bereich einschließt, für diese Situation mitverantwortlich. Bereits 1997 konstatierte der Verband: „Eine humanitäre Katastrophe konnte nur vermieden werden, weil die kubanische Regierung das hohe Niveau an Haushaltsmitteln für das Gesundheitssystem beibehalten hat, das darauf angelegt ist, allen seinen Bürgern eine Grundversorgung und Gesundheitsvorsorge zu garantieren. Immer noch hat Kuba eine Kindersterblichkeitsrate, die nur halb so hoch ist wie die von Washington D.C.“

Der Absturz und Neuanfang hat auch zu einer Neugewichtung der Wirtschaftsschwerpunkte geführt. Vierzig Jahre nach der Vertreibung Batistas und seiner amerikanischen Freunde steht der Tourismus wieder an erster Stelle. Zweitwichtigste Devisenbringer sind ausgerechnet die als „gusanos“, „Würmer“ verspotteten 1,25 Millionen in den USA lebenden Exilkubaner mit ihren Geldüberweisungen an die arme Verwandtschaft, die gegen Ende der neunziger Jahre ein Volumen von schätzungsweise einer bis 1,2 Milliarden Dollar erreichen. Das entspricht einem Fünftel aller kubanischen Deviseneinnahmen. Zucker rangiert nur noch auf Platz drei der Wirtschaftsstatistik. Allerdings gezwungenermaßen: Die veraltete Technik der landesweit 156 Zuckerfabriken, von denen über ein Viertel stillgelegt werden musste, das Fehlen von Ersatzteilen, Treibstoff und Düngemitteln haben die Ernteerträge von einst über acht Millionen Tonnen unter das niedrigste Niveau der vorangegangenen 50 Jahre gedrückt: auf 3,2 Millionen Tonnen.

Ein boomendes Geschäft ist inzwischen der Export kubanischer Zigarren, die immer noch zu den besten - und teuersten - der Welt gehören. Zwischen 1997 und der Jahrtausendwende wird eine Verdoppelung der exportierten Stückzahl auf 200 Millionen und ein Umsatz von gleichfalls 200 Millionen Dollar angestrebt - wobei die Nachfrage auf dem Weltmarkt längst nicht ausgeschöpft ist. Vom nordamerikanischen Markt sind kubanische Zigarren aufgrund des Wirtschaftsembargos verbannt - und dort zu Schwarzmarktpreisen heiß begehrt.

Die Analyse von Kubas Außenhandelsbilanz und Haushaltsentwicklung „ergibt ein generell positives Bild“, konzediert die „Financial Times“ in dem Ende März 1999 publizierten Report und lobt Kubas „eiserne Geldpolitik, auf die jeder kapitalistische Finanzminister stolz sein könnte“. Die Auslandsschulden Kubas betragen nach Angaben der kubanischen Nationalbank zu  Beginn des Jahres 1999 zwar noch 11,2 Milliarden Dollar in frei konvertierbarer Währung. Im Vergleich zur übrigen Dritten Welt nehmen sie sich geradezu bescheiden aus. Allerdings sind darin nicht Transferrubelschulden gegenüber dem ehemaligen COMECON enthalten, deren Höhe zwischen Kuba als Schuldner und den Gläubigern wegen erheblicher Differenzen bei der Bestimmung des Umrechnungskurses strittig ist. Aber unabhängig davon lobt auch die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika (CEPAL) die Stabilisierungsmaßnahmen und insbesondere die neben der Staatswirtschaft etablierte, an marktwirtschaftlichen Kriterien orientierte „zweite Wirtschaft“.

Gleichwohl legen die von der CEPAL aufgeführten Wirtschaftsvergleichsdaten den Schluss nahe, dass die kubanische Revolution wirtschaftlich genau dort angekommen ist, wo sie 1959, vierzig Jahre zuvor, schon einmal gewesen ist. Die neuen Steuern und die rigide Streichung von 70 Prozent aller Subventionen für unrentable Staatsbetriebe, die neuerdings verpflichtet sind, entweder rentabel zu arbeiten oder zu schließen, haben geholfen, das Haushaltsdefizit der zurückliegenden Jahre von 33 auf unter 3 Prozent zu drücken. Das führte zu massiven Entlassungen in den Staatsbetrieben, wie beispielsweise in der Zuckerindustrie, wo rund 10.000 der annähernd 90.000 Beschäftigten aufgefordert wurden, sich eine neue Arbeit zu suchen.

In der Folge wurde die sozialistische Gesellschaft mit einem offiziell bislang unbekannten Phänomen konfrontiert: der Arbeitslosigkeit. 1995 betrug die Quote nach Angaben aus Diplomatenkreisen acht Prozent von den rund vier Millionen Arbeitnehmern. Durch zahlreiche gegensteuernde Maßnahmen gelang in den Folgejahren eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit auf sechs bis sieben Prozent. Das IRELA-Institut in Madrid schätzt im Mai 1999 allerdings, dass annähernd ein Drittel aller kubanischen Arbeitnehmer arbeitslos oder unterbeschäftigt ist.

Der Architekt der wirtschaftspolitischen Wende, Carlos Lage, erklärt im Mai 1999 in einem Gespäch mit dem Autor: „Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems und der Untergang der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre bedeuteten für uns den Verlust von 85 Prozent unseres Außenhandels. So mussten wir zwischen 1989 oder - genauer - zwischen 1991 und 1994 einen Rückgang unseres Bruttosozialprodukts um 34 Prozent hinnehmen.“ Mehr als ein Drittel dieses Rückgangs sei in den Jahren ab 1995 bis zur Jahrtausendwende wieder aufgeholt worden. „Es waren“, so Lage, „3,5 Prozent im Jahresdurchschnitt.“ 1999 schaffte die kubanische Volkswirtschaft dann nach Angaben der CEPAL einen Sprung von sechs Prozent und erreichte ein Bruttosozialprodukt (BSP) von 17,5 Milliarden Dollar. 1999 haben laut Lage „immerhin weit über 50 Prozent der Bevölkerung Zugang zur Dollarwährung“ - mit steigender Tendenz. Die Regierung hofft, dass sich dieser Kreis rasch erweitert, um die rasant gewachsenen Ungleichheiten zwischen jenen, die über Dollars verfügen, und solchen, die diese Chance - noch - nicht haben, weiter zu verringern.

Zweifellos hat die Dollarisierung zu einer Art Zwei-Klassen-Gesellschaft von lohnabhängigen Peso-Empfängern und selbständigen oder unter privilegierten Bedingungen arbeitenden Dollarbesitzern geführt. „Die Dollarisierung hat zu einer Umkehrung der sozialen Pyramide geführt“, heißt es in einer Analyse des Hamburger Instituts für Iberoamerika-Kunde. Während „die traditionellen Stützen des Regimes, die hoch qualifizierte Einkommensgruppe der Ärzte, Lehrer und Universitätsprofessoren“, kaum Zugang zum Dollar hätten, gehörten „Kellner, Taxifahrer, Prostituierte und Hauspersonal ... im neuen wirtschaftlichen Umfeld zur aufstrebenden Elite des Landes“. Dies führt unter der Oberfläche zu wachsender Unzufriedenheit, weil der Hunger sich nur über die Bauernmärkte stillen lässt, deren Preise zwar niedriger sind als die auf dem Schwarzen Markt, aber immer noch hoch genug, um sie mit einem regulären Einkommen kaum bezahlen zu können. Außerdem sind viele Waren doch nur über den Schwarzmarkt erhältlich, über den nach Schätzungen von Experten immer noch etwa 30 Prozent der gesamten Wirtschaftstätigkeit im Lande abgewickelt werden.

Vor diesem Hintergrund verkündet Castro im Frühjahr 1999 immerhin Gehaltserhöhungen für 60 Prozent aller Beschäftigten im Schnitt von 5,7 Prozent, womit der Durchschnittslohn auf 223 Pesos steigt. Für bestimmte Berufsgruppen wie Mediziner und Lehrer steigen die Löhne sogar um durchschnittlich bis zu 30 Prozent auf 530 Pesos. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die meisten sozialen Leistungen unentgeltlich, die Wohnung und die Grundversorgung mit Lebensmitteln sowie der öffentliche Nahverkehr annähernd kostenlos sind. In manchen Betrieben - vor allem in den Joint-Venture-Unternehmen - ist man unterdessen dazu übergegangen, einen Teil der Gehälter in Dollar auszubezahlen. Weil aber der Dollar keine konvertible, sondern eine Parallelwährung ist, wird der „Peso convertible“ eingeführt, eine „Zwischenwährung“ mit eigenen Geldscheinen, der ebenfalls in den Diplomatenläden,  den so genannten „Diplotiendas“, und neu entstehenden Einkaufszentren angenommen wird. Auch müssen in der Tourismusbranche nicht mehr alle Devisentrinkgelder abgeführt werden. Umso mehr hofft die Regierung, baldmöglichst eine so breite Streuung des Dollarbesitzes erlangt zu haben, dass die Unzufriedenheit wieder abnimmt.

Experten zweifeln daran, dass eine Währungsreform langfristig das Dilemma von zwei parallel zirkulierenden Währungen „beenden und gleichzeitig die Integration des Landes in das internationale Handels- und Finanzsystem beschleunigen“ könnte. In einer Analyse des lberoamerika-Instituts wird auf das Beispiel anderer Transformationsgesellschaften verwiesen: „Die Währungsreform in Russland führte 1992 zu einer Inflationsrate von 1600 Prozent; die damit verbundenen Kaufkraftverluste destabilisieren das Land praktisch bis heute.“

Angesichts dieses Beispiels zeigt man sich in der Staatsführung selbstbewusst: „Wir haben das ganz aus eigener Kraft und ohne jede Unterstützung einer internationalen Finanzorganisation geschafft. Die von den USA verhängte Blockade bedeutet, dass wir keinen Zugang zu anderen Finanzmärkten und damit zu langfristigen Krediten haben. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds werden von den USA beherrscht“, betont Castro-Stellvertreter Lage. Der Finanzierungsbedarf für die kubanische Wirtschaft wird auf jährlich etwa 6,5 Milliarden US-­Dollar geschätzt. Aber nur auf dem privaten Kapitalmarkt bekommt Kuba Kredit: Zu Wucher-Zinssätzen, die nach Angaben von Lage „in der Regel bei etwa 15 Prozent liegen“.

Vertreter deutscher Banken, die im Frühjahr 1999 den Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, bei dessen Reise nach Kuba und zu Fidel Castro begleiten, loben indessen die kubanische Zahlungsmoral im Vergleich zu anderen Lateinamerikanern als vorbildlich. Henkel ist von seinen kubanischen Gesprächspartnern überraschend angetan: „Ich habe das Gefühl, nicht mit Ministern und Politikern, sondern mit Unternehmerkollegen und Holdingvorständen zusammengekommen zu sein.“ Der „Maximo Lider“ nimmt Henkel gar völlig gefangen. Während eines vierstündigen Gesprächs entdeckt Henkel trotz der grundlegenden ideologischen Differenzen derart „erstaunlich viele Übereinstimmungen“, dass er zur Feier der Jahrtausendwende Fidel Castro erneut - privat - besucht. Castro hat es Henkels Drängen zu verdanken, dass die rotgrüne Regierung Gerhard Schröders die unter seinem christdemokratischen Vorgänger 1988 verfügte Suspendierung der Gewährung von Hermes-Kreditbürgschaften rückgängig macht. Die Regierungsbürgschaft war seinerzeit wegen der ungeklärten Lösung der Altschuldenfrage Kubas mit den früheren COMECON-Staaten, insbesondere mit der Sowjetunion und der DDR, ausgesetzt worden. Nun ist Henkel besorgt, dass die deutsche Wirtschaft ins Hintertreffen gerät.

Die Tatsache, dass der „Castrismus“ den sowjetischen Kommunismus nicht nur überlebt hat, sondern seiner Bevölkerung auch das neoliberale Chaos ersparen konnte, in das die einstigen sozialistischen Brudervölker des Ostblocks abgestürzt sind, verleitet manchen auf Kuba engagierten westlichen Geschäftsmann zu dem - politisch keineswegs korrekten - Eingeständnis: „Wenn man Kuba mit Russland vergleicht, haben sie es sehr gut gemacht.“ Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass mit einer grundlegenden Reform des politischen Systems auf Kuba einstweilen nicht zu rechnen ist. Zwar erkennt Carlos Lage an: „Wir leben in einer globalisierten Welt, und die Globalisierung ist nicht nur unumkehrbar, sondern sie wird sich noch vertiefen.“

Aber auch wenn dies völlig ungewohnte Töne aus Havanna sind, lässt Lage zugleich keinen Zweifel daran - und aus ihm spricht die Stimme seines Herrn -, „dass alle vergangenen und zukünftigen Veränderungen innerhalb unseres sozialistischen Systems vollzogen werden. Sie zielen darauf ab, unsere Wirtschaft immer mehr mit der Weltwirtschaft zu verbinden, aber mit der Beibehaltung der dominierenden Rolle des staatlichen Eigentums. Auch wenn wir zunehmend eine Beteiligung privaten ausländischen Kapitals suchen und zulassen wollen, gibt es bei uns weder jetzt noch in Zukunft eine Privatisierungspolitik. Wir glauben nicht an den Neoliberalismus. Wir haben die Öffnung nicht durchgeführt, um unser Land zu verkaufen. Ich glaube, dass die Chancen eines Unternehmens, im Weltmarkt zu bestehen, nicht von den Eigentumsverhältnissen abhängen, sondern von dessen Fähigkeit, seine Technologie und sein Management den Anforderungen des Weltmarktes anzupassen und die eigenen Mitarbeiter zu motivieren. Im übrigen bietet Kuba Anlegern Bedingungen, die sie in vielen Ländern der Dritten Welt nicht finden: Sicherheit, Stabilität und eine Bevölkerung mit einem hohen Gesundheits- und Bildungsniveau; eine Wirtschaft, die ihren eigenen Weg gefunden und ein anhaltendes Wachstum erreicht hat, ein Land ohne Korruption, ohne Drogen und ohne organisierte Kriminalität.“

Längst erscheint das „kubanische Modell“ wie der Entwurf eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus, und manches spricht dafür, dass genau dieser Eindruck bezweckt ist. Carlos Lage allerdings, der mittlerweile als einer der möglichen Nachfolger Castros angesehen wird, weist dies mit Nachdruck zurück. Solches offen zuzugeben, könnte intern wie extern nur weitere Restriktionen provozieren.

Doch der Westen möchte es Castro nicht vergönnen, am Ende über alle toten und lebenden Gegner zu triumphieren, zumal er im Gegensatz zum 15. Parteitag der Chinesischen KP zu vergleichbaren wirtschaftlichen Reformen wie einer Privatisierung einiger staatseigener Betriebe keinesfalls bereit ist. Ein nationales Selbstbestimmungsrecht wird den Kubanern durch die führenden Industrienationen - auf Betreiben der USA - in diesem Punkt aber nicht zugestanden. Unterstützung durch internationale Organisationen bleibt an die rigorosesten Bedingungen politischer Systemveränderung im Sinne der neoliberalen „neuen Weltordnung“ geknüpft, wie sie keinem anderen Land zugemutet werden. Dabei käme Castro, wenn Kuba stärker in das internationale Finanzsystem eingebunden wäre und sich auf der Grundlage der „Dollarwirtschaft“ ökonomisch weiter erholte, kaum noch umhin, sukzessive größere politische Freiheiten zu gewähren. So aber werden Castro alle Argumente dafür in die Hand gespielt, die Schraube eher wieder anzuziehen, je besser die ökonomische Erholung auch gegen Washingtons Willen verläuft.“

„Castros offenkundige ideologische Verhärtung hat sehr viel damit zu tun, dass er zehn Jahre lang Gelegenheit hatte, das Schicksal seiner einstigen Freunde in Osteuropa zu verfolgen. Außerdem genügt ihm der Blick unmittelbar vor die eigene Haustür, nach Lateinamerika, wo Demokratisierung und Neoliberalismus für die Masse der Menschen tatsächlich wenig gebracht haben. Im Gespräch mit Zaragoza zeichnet Castro eine düstere Entwicklungsperspektive, der er sein Land nicht anheim fallen lassen will: „In vielen dieser Länder kann ein Drittel der Bevölkerung weder lesen noch schreiben, haben Millionen Lateinamerikaner kein Dach über dem Kopf ... Die Verschuldung der lateinamerikanischen Länder ist so hoch, dass viele - abgesehen vom Umfang ihres Bruttoinlandsprodukts - der Mehrheit ihrer Bürger keine würdige Lebensqualität bieten können ... Die schwachen lateinamerikanischen Währungen sind wehrlos den Spekulanten ausgesetzt ... Die Einnahmen aus den das nationale Erbe schädigenden Privatisierungen werden ... verschluckt. Lateinamerika ist, wie die übrige Dritte Welt, Opfer einer auferlegten Weltwirtschaftsordnung ... Geteilt und balkanisiert und von betrügerischen Fortschritts- und Entwicklungsillusionen ... verführt, laufen die lateinamerikanischen Länder Gefahr, ihre Unabhängigkeit definitiv einzubüßen und von den Vereinigten Staaten annektiert zu werden.“

„Allerdings gibt es auch Unternehmen, die sich über das Helms­-Burton-Gesetz hinwegsetzen. So firmiert das deutsch-amerikanische Daimler-Chrysler-Unternehmen Mercedes-Benz auf Kuba weder als deutsche noch als amerikanische, sondern als ägyptische Firma. Es ist juristisch ein Joint Venture des Mercedes-Benz­ Lizenznehmers in Kairo mit den Kubanern …

Mercedes-Benz, das hier als „MCV - Manufacturing of Commercial Vehicles“ firmiert, hat sich Kuba nicht nur als lokalen Zukunftsmarkt ausgesucht, sondern sieht die Insel auch als idealen Standort für Geschäfte im karibischen Raum: Nirgendwo in der Region sei „das soziale Klima so sauber wie auf Kuba“, gebe es ein derartiges Potential an gut ausgebildetem Personal, eine so hohe Leistungsbereitschaft, enorme Kreativität und Arbeitsmotivation, lobt der aus Stuttgart entliehene schwäbische Commercial Director Günther Roller, der gute Beziehungen zum Comandante und dessen Wirtschaftslenker Lage pflegt.

Die auch von anderen Unternehmern gepriesenen Standortvorteile sind größtenteils auf das politische System und seinen Sicherheitsapparat zurückzuführen: die durch eine allgegenwärtige Polizeipräsenz gewährleistete öffentliche Sicherheit und Ordnung, das Fehlen von Elendsvierteln, in denen Millionen von Menschen vegetieren müssen wie in den meisten anderen Ländern Süd- und Mittelamerikas und vor allem im benachbarten Haiti oder auf Jamaika, und die - in krassem Gegensatz zum Rest der Karibik und Lateinamerikas - kaum vorhandene Kriminalität und Korruption. Es ist derselbe Apparat, der nicht nur im positiven Sinne für Ruhe und Ordnung sorgt, sondern durch die Einschränkungen an politischen und persönlichen Freiheiten zugleich die Schattenseite des Systems repräsentiert. Aber für die „Ägypter“ ist das Engagement auf Kuba - wie für andere auch - von strategischer Bedeutung: „Zum einen ist Kuba mit seinen elf Millionen Einwohnern der größte einzelne Markt in der Karibik. Zum anderen bieten sich von hier aus enorme Wachstumspotenziale in den karibischen Raum und die Anrainerstaaten hinein“, sagt der Commercial Director.“

 

Gesellschaft

 

Personen- und Heldenkult

 

„Sosehr Castro einen auf sich bezogenen Personenkult wie in China zu Lebzeiten Maos oder in der Sowjetunion während der Herrschaft Stalins vermieden hat, so bewusst hat er einen Märtyrerkult um die toten Helden der Revolution aufleben lassen - zum Beispiel um den wenige Wochen nach dem Sieg der Revolution mit seinem Kleinflugzeug verschwundenen Camilo Cienfuegos und vor allem um Che Guevara. Nur wenige Monate vor Ankunft des Papstes lässt Castro die nach Guevaras Tod in Bolivien verscharrten Gebeine anlässlich des 30. Todestages seines ehemals engen Gefährten mit einem großen Propagandaaufwand nach Kuba überführen und in einem relativ bescheidenen Mausoleum in Santa Clara, dem Ort, wo Guevara Ende 1958 den entscheidenden Sieg für die Revolution errungen hatte, beisetzen. Fortan wird jeder im Lande von dem Bildnis des zu einem Nationalheiligen verklärten revolutionären Märtyrers verfolgt. Und in den Museen rund um die Sierra Maestra, an der Playa Giron oder im Revolutionsmuseum in Havanna werden die persönlichen Gegenstände gefallener Helden - bisweilen bis hin zur kugeldurchlöcherten, vom getrockneten Blut durchwirkten Kleidung - wie kostbare Reliquien dargeboten.“

 

Bürger in Uniform

 

„Die zunehmende politische und wirtschaftliche Isolation Kubas vor allem durch die Entwicklung in Osteuropa zwingt die Führung des Landes nicht nur, die Loyalität des Militärs sicherzustellen. Die Streitkräfte müssen auch in die notwendigen gesellschaftlichen Umstrukturierungen einbezogen werden. Denn es muss nicht nur der Umfang der stehenden Truppe drastisch reduziert werden, auch der Militärdienst muss verkürzt und die Modernisierung der Einheiten auf Eis gelegt werden. Vor allem ist eine Anpassung der Militärdoktrin an die neuen Bedingungen erforderlich. Die Aufgaben für die Truppe, auf deren Loyalität man jetzt mehr denn je angewiesen ist, sind neu und überzeugend zu definieren. In anderen lateinamerikanischen Ländern hätte bei solchen Einschnitten längst die Gefahr eines Militärputsches bestanden. Militärexperten führen das hohe Maß an Loyalität, das die kubanischen Truppen ihrer Führung jedoch gerade in dieser Situation entgegenbringen, darauf zurück, dass es gelungen ist, über die Jahre eine ungewöhnlich hohe Identifikation der Streitkräfte mit ihrem Land und dessen politischer Führung zu erzeugen.

Das mag daran liegen, dass die Traditionen der Revolutionären Streitkräfte Kubas nicht etwa - wie sonst in Lateinamerika - vom nationalen Befreiungskampf im 19. Jahrhundert gegen die Spanier abgeleitet sind, sondern direkt in der Person Castros und seiner Revolution wurzeln. Dazu gehörte es, dass mit dem Sieg der Revolution vom 1. Januar 1959 die alten Batista-Streitkräfte aufgelöst wurden. Brauchbare Überreste integrierte man in die neu formierten „Fuerzas Armadas Revolucionarias“. Die Militärdoktrin dieser neuen „Volksarmee“ bestand fortan stets in einer Mischung aus konventioneller und Guerilla-Kriegsführung, basierend auf einer Kombination sowjetischer Ausbildung, den Erfahrungen der Castro-Brüder und denen Che Guevaras, die dieser in seinem Guerillahandbuch niedergelegt hat.

Neben der ständigen Bereitschaft zur Landesverteidigung gegenüber dem Erzfeind USA verstand die Truppe ihre Rolle auch als militärische Rückendeckung für das politische internationalistische Engagement Castros in der Dritten Welt. Auslandsmissionen wie in Afrika trugen bei den Soldaten wie in der Bevölkerung maßgeblich zu einer Stärkung des nationalen Selbstbewusstseins bei - trotz wachsenden Unbehagens wegen der hohen Opfer und der zunehmenden Desillusionierung, die Dritte Welt mit dem kubanischen Revolutionsmodell bekehren zu können.

Die weltweit anerkannte Effizienz und hohe Kampfmoral des kubanischen Militärs hatten eine nicht zu unterschätzende Abschreckungswirkung - selbst wenn Washington dies öffentlich nicht zugeben möchte. Castros Verteidigungskonzept bestand darin, im Falle einer US-Invasion Kuba in ein zweites Vietnam zu verwandeln. Dass die USA über Jahrzehnte jeden Gedanken an eine Landung auf Kuba verwarfen, hatte daher nicht allein mit dem bei der Raketenkrise von Kennedy gegebenen Versprechen zu tun, sondern durchaus damit, dass dies auch für die Supermacht zu einem neuerlichen langwierigen, kostspieligen und desaströsen Unternehmen hätte werden können.

So ist es bezeichnend, dass neue Überlegungen Washingtons, das Kuba-Problem militärisch zu lösen, just in dem Moment wieder zu zirkulieren beginnen, als durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten das kubanische Militär und die Verteidigungsfähigkeit in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn nicht nur die Reduzierung der Truppenstärke, auch der Abzug der sowjetischen Brigade, fehlende Ersatzteile und die ausbleibende Modernisierung lassen den einst stolzen Glanz schnell verblassen. Angaben des US-State-Department zufolge hat Kuba zwar noch 1990 militärische Unterstützung durch die Sowjetunion in der Größenordnung von rund 1,5 Milliarden Dollar erhalten, danach jedoch nichts mehr. Die vereinbarte Lieferung von „mehreren Dutzend“ MIG­ Kampfflugzeugen habe noch nach Jahren auf sich warten lassen. Zwar gibt es in jenen Jahren einige Überläufer aus den höheren Rängen der Luftwaffe in die USA, und im April 1999 setzt sich am Rande des Gipfeltreffens der Vereinigung Karibischer Staaten in Santo Domingo sogar einer von Castros Chef-Leibwächtern im Hauptmannsrang in die US-Botschaft ab. Dass es dennoch nicht zu der im Westen erhofften raschen Zersetzung der Moral der Castro-Truppen von innen kommt, auch keine Auflösungserscheinungen erkennbar sind, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass dem Offizierskorps sehr bewusst ist, was ihm im Falle eines Zusammenbruchs des Systems bevorsteht: Die exilkubanische Gemeinde hat stets deutlich gemacht, wie sehr man nur darauf warte, von der Insel wieder Besitz zu ergreifen und in der politischen und militärischen Hierarchie aufzuräumen.

So einfach, wie man sich das in Miami vorstellt, würde das freilich kaum zu bewerkstelligen sein. Vor allem hätte man es nicht allein mit den Revolutionären Streitkräften zu tun. Daneben  gibt es noch die „Milicia de Tropas Territoriales“ (MTT - Miliz der Territorial-Truppen). Diese 1980 gegründete nationale zivile Miliz ist so etwas wie eine flächendeckende bewaffnete Bürgerwehr. Ihr gehören Mitte der neunziger Jahre bis zu zwei Millionen Kubaner an. Die Gründung der Territorial-Milizen war eine Reaktion auf die aggressive Rhetorik gegenüber Kuba, mit der die Reagan-Administration ihre Amtsgeschäfte aufnahm. Im Ernstfall sollen sie  entsprechend der kubanischen Militärdoktrin des „Volkskriegs“ („Guerra de todo el Pueblo“) Unterstützungsverbände für die reguläre Armee bilden. Weitere 100.000 Angehörige zählt das „Ejercito Juvenil de Trabajo“ (Junges Arbeiterheer), das 1973 als paramilitärische Eingreiftruppe für Ernteeinsätze gegründet wurde und dem die am wenigsten qualifizierten Soldaten und Offiziere angehören. Diese Hilfstruppen tragen dazu bei, die sukzessive Verkleinerung der professionellen Armee zumindest quantitativ auszugleichen.

Eine Frage, die zu Beginn der neunziger Jahre im Zusammenhang mit den ideologischen Umbrüchen nicht nur außerhalb Kubas die Politik bewegt, ist die, ob das kubanische Militär eingesetzt würde, falls die sich zuspitzende Versorgungskrise innere Unruhen auslöst. Doch lediglich einmal wird das Thema aktuell, als es im Sommer 1994 in Havanna zu öffentlichen Manifestationen der Unzufriedenheit kommt: Ähnlich wie 1980 setzt ein Massenexodus ein. Als Tausende Kubaner unter Einsatz ihres Lebens versuchen, mit allem, was schwimmt, der herrschenden Tristesse übers Meer zu entfliehen, hält Castro das Militär zurück und vermeidet eine Eskalation. Es sind die USA, die sich schließlich weigern, all die Flüchtlinge aufzunehmen, und Castro auffordern, der Situation ein Ende zu bereiten. Dazu genügt das Eingreifen der regulären Polizei. Plötzlich ist alles vorüber. Es gibt keine blutigen Straßenschlachten. Praktisch über Nacht ist die Ordnung wiederhergestellt.

Dennoch lässt in diesem Zusammenhang der Generalstab der Streitkräfte verlauten: „Wir würden unsere Waffen vor allem auf Aggressoren von außen richten, aber wir warnen deren fünfte Kolonne im Lande selbst, dass unsere revolutionären Landsleute sich niemals dafür eigneten, als Marionetten herzuhalten. Wenn jemand versucht, uns auf die Wange zu schlagen, werden wir ihm nicht auch noch die andere hinhalten. Stattdessen werden wir mit Entschlossenheit reagieren.“ Ein Militäreinsatz gegen die eigene Bevölkerung wäre vermutlich die letzte Option, derer sich die Führung bedienen würde. Und es ist keineswegs sicher, ob diese dann auch das erhoffte Resultat brächte. Denn im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern, wo das Militär immer eine Art Staat im Staate war und seine Waffen weniger auf äußere Feinde, dafür umso häufiger auf die eigenen Burger richtete, widerspräche ein solches Vorgehen auf Kuba dem ausgeprägten Selbstverständnis der Streitkräfte als „Volks-Armee“.

Eines sollte nicht unterschätzt werden: dass die kubanische Zivil-Gesellschaft nämlich in ihrer Organisation, ihrem Handeln und in ihrer Sprache immer auch eine militarisierte gewesen ist, verwurzelt in der militärischen Tradition der Guerilla in der Sierra Maestra, die einzig nur mit Hilfe der Bevölkerung überleben und siegen konnte. Die ungebrochene Fähigkeit zur schnellen Mobilisierung der Massen, sei es zu Kundgebungen wie zu Ernteeinsätzen, ist kennzeichnend dafür. Wenn andernorts die Herrschenden eine Identifikation der Bevölkerung mit dem Militär als Bedrohung ihrer Macht empfanden, gehörte auf Kuba die Verschmelzung von Zivil- und Militärgesellschaft zum politischen und militärischen Konzept der Revolution.

In den neunziger Jahren fallt dies besonders auf: Nicht nur das Innenministerium, sondern auch Schlüsselministerien wie das Transportministerium, das Ministerium für die Schwerindustrie, für Kommunikation und das Zuckerministerium werden von Generälen geleitet. Von den 1.700 Delegierten des IV. Parteikongresses 1991 gehören 240 dem Militär an; sie stellen zugleich starke Fraktionen im Zentralkomitee und im Politbüro sowie in den nachfolgenden Parteigliederungen bis hinunter zur lokalen Ebene. Damit erklärt sich auch die zwangsläufige „Selbstdisziplin“ der kubanischen Bevölkerung in kargen Zeiten. Umgekehrt verfügt Castro mit den „Milicias de Tropas Territoriales“ über ein großes ziviles Heer, mit dem er gegebenenfalls die professionellen Truppen und ihre Befehlshaber in Schach halten kann. Ein Militärputsch birgt damit nicht nur das hohe Risiko des Scheiterns, sondern auch das eines Bürgerkrieges.

Es zeugt nicht nur von einem großen Selbstvertrauen Castros, sondern auch - allen Unkenrufen zum Trotz - von einer enormen Stabilität seines Systems, wenn er es sich unter den dramatischen wirtschaftlichen Bedingungen der achtziger und neunziger Jahre erlauben kann, ein Fünftel der Gesamtbevölkerung unter Waffen zu halten, ohne befürchten zu müssen, dass diese plötzlich gegen ihn selbst gekehrt werden. Für ihn bedeutet diese Form der Bürgerwehr freilich keine Militarisierung der Gesellschaft, sondern ist vielmehr Ausdruck ihrer Demokratisierung: „ Wir haben nicht nur das Votum des Volkes, wir haben auch die Waffen in den Händen des Volkes. Kann ein Volk, das Waffen in seinen Händen hält, versklavt sein? Kann ein Volk, das Waffen in seinen Händen hält, unterdrückt sein? Kann eine Politik einem Volk aufgezwungen werden, das Waffen in seinen Händen hat? Und wie ist ein solches Wunder möglich, wenn es da nicht eine völlige Identifikation zwischen dem Volk und der Nation, zwischen dem Volk und der Revolution gibt?“

Dieses Konzept der kubanischen Variante des „Bürgers in Uniform“ macht nicht nur eine Durchdringung der Gesellschaft mit oppositionellen Kräften zu einem aussichtslosen Unternehmen. Es erlaubt auch eine Form des Krisenmanagements, das in anderen Ländern Lateinamerikas undenkbar wäre und wahrscheinlich zu einem Aufstand führte: den Einsatz von Soldaten als Reservearmee in der Landwirtschaft und der industriellen Produktion in Zeiten des Notstandes. Von Argentinien bis Venezuela würde ein solches Ansinnen den Stolz der Militärs beleidigen. Anders auf Kuba. Im Jahre 1991, als das sowjetische Imperium zerbrochen ist, die Sowjets abgezogen und die internationalistischen Missionen beendet sind, gibt Castro als neue Marschrichtung vor: „Eine der Missionen für die Streitkräfte hat jetzt zu sein, der Wirtschaft zu helfen.“ Wie schon in den sechziger und siebziger Jahren müssen Soldaten und Offiziere nun in die Fabriken, auf die Felder und in die Bürokratie umziehen. Das Versiegen der sowjetischen Militärhilfe führt dazu, dass die Streitkräfte verstärkt zur Selbstversorgung übergehen müssen - von Ersatzteilen über Ackerbau und Viehzucht bis zur Herstellung von Munition und zum Bau eines eigenen Vielzweckflugzeuges, der AC-001 Comas, sind sie nun auf sich allein gestellt. Die Militärmanöver vor Kubas Küsten und die nach dem Golfkrieg erneut zunehmende Furcht vor einer US-Invasion veranlasst die Militärführung sogar zum eiligen Bau riesiger unterirdischer Tunnelsysteme für die Lagerung und zum Schutz von Waffen und Ausrüstung. Immer stärker engagieren sich die Streitkräfte auch in zivilen Unternehmen, vor allem in Joint Ventures mit ausländischen, meist europäischen und kanadischen Investoren im Tourismusbereich. So soll der Staatshaushalt von Militärausgaben entlastet werden. 1995, so meldet das Oberkommando stolz, sei es gelungen, etwa ein Drittel des Militärbudgets aus eigener Kraft und eigenen Unternehmungen zu finanzieren - eine Form der Selbsthilfe, die anderswo auf der Welt undenkbar wäre.“

 

Ethik und Religion

 

„Selbst viele seiner Gegner billigen Castro zu, in seinem politischen Handeln von einem hohen moralischen Anspruch auch an sich selbst geleitet zu sein.“

 

Drogenhandel

 

„Dass Kuba mit seinen Tausenden von Küstenkilometern und den über 3.000 Inseln ein attraktives Schmugglerparadies für Drogenkuriere ist, wusste man schon zu Batistas Zeiten. Und nach dem Sieg der Revolution tummelten sich dort nicht nur Sabotagetrupps der CIA. Auch manches Mitglied der Exilkubanergemeinde machte hier in dunkler Nacht offenbar nebenbei schnelles Geld. Damit wurden nicht nur die privaten Taschen gefüllt, sondern auch die Kriegskasse gegen Castro, angeblich sogar mit dem Wohlwollen der CIA. So mancher Schmuggler wurde dabei von der kubanischen Küstenwacht erwischt.

Bereits 1985, also vier Jahre vor dem Ochoa-Prozess, hat Castro gegenüber der „Washington Post“ auf das Problem seiner Insel als Zwischenstation des Drogenhandels aufmerksam gemacht. „Von allen Ländern der Karibik ist Kuba dasjenige, das die meisten Drogenhändler inhaftiert hält ... Wir sind so etwas wie die Polizei der Karibik geworden, und ich frage mich, wieso eigentlich, nachdem die USA uns nicht einmal dafür bezahlen.“ Dafür würden ihn andere sehr gern entlohnen, aber nicht fürs Hingucken, sondern fürs Weggucken. Doch das, so beteuert Castro, komme nicht in Frage: „Ich versichere Ihnen, dass wir zahlreiche Angebote haben. Sie wissen, wie schamlos diese Unterwelttypen sind. Wir könnten praktisch alle unsere Devisenprobleme gelöst haben, aber wir sind an dieser Art Geld zu verdienen nicht interessiert.“ Und warum nicht? Wäre dies aus ideologischer Sicht nicht ein legitimer Beitrag zur Zersetzung des kapitalistischen Systems? „!ch weiß nicht, ob es mit der Moral oder dem Umstand zu tun hat, dass ich den Katechismus studiert habe oder alles über christliche Moral gelernt habe auf christlichen Schulen. Aber für mich ist das eine Frage von christlicher Moral und marxistisch-leninistischer Moral“, versicherte er jedenfalls.“

 

Über Menschenrechte und Demokratie

 

„Castro fehlt jedoch das wahre Verständnis für die Kritik an der Menschenrechtssituation auf Kuba. In seinem 1992 geführten Gespräch mit dem früheren nicaraguanischen Innenminister und Schriftsteller Tomas Borge offenbart er seine Sicht der Dinge zu den Vorwürfen: „Ich bin fest davon überzeugt, dass kein Land in der Welt mehr für den Schutz der Menschenrechte getan hat als Kuba. Kein Kind in Kuba muss betteln oder ist obdachlos; Kinder müssen nicht klauen ... In unserem Land kann jeder lesen und schreiben. Hunderte von Millionen Kindern in der Welt haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, aber in Kuba gibt es für jedes Kind eine Schute, und es hat Zugang zu medizinischer Betreuung.“ Des Weiteren verweist er darauf, dass Kuba eine der niedrigsten Kindersterblichkeitsraten und eine der höchsten Lebenserwartungen in der Welt hat. „In vielen Ländern gibt es Millionen van Bettlern, Frauen, die zur Prostitution gezwungen wurden, und Jugendliche, Bürger überhaupt, die Drogen nehmen ... Unterschiede zwischen Millionären und Bettlern sind verschwunden, hier muss jetzt niemand mehr betteln. Menschen brauchen mehr als Brot: sie brauchen Ehre, Würde, Respekt und eine menschliche Behandlung ... Mit der Revolution und mit dem Sozialismus haben wir ein Gefühl für Solidarität und Brüderlichkeit erzeugt ... Wir haben keine Ungleichheit ... Hier wissen die Menschen, dass sie etwas wert sind; sie sind Teil der Gesellschaft; sie fühlen, dass sie eine nationale Würde und eine Heimat haben - etwas, das sehr selten und unerreichbar ist für die große Mehrheit in der heutigen Welt ... Unsere Revolution hat ein Merkmal ..., das sehr wenige Revolutionen in der gesamten Geschichte gehabt haben: unseren Bürgern wurde beigebracht, die Kriminalität zu hassen, Folter zu hassen, den Gebrauch physischer Gewalt gegen Einzelne, den Missbrauch von Macht zu hassen.“ Die Grundlagen für diese moralischen Standards der Revolution seien in den Jahren des Kampfes gelegt worden. Er behauptet voller Idealismus: „Seit dem Triumph der Revolution ist niemand ermordet, sind keine Gefangenen gefoltert und ist keine physische Gewalt gegen Gefangene angewandt worden ... seit dem Triumph der Revolution gab es in Kuba nicht eine Todesschwadron oder irgendein Opfer solcher Methoden ... In Kuba sind keine Menschen verschwunden.“

In dem Gespräch mit Borge geht Castro auch auf sein Verständnis von „Demokratie“ ein. Er macht deutlich, dass dieser Begriff für ihn einen völlig anderen Ursprung und eine andere Dialektik besitzt als in den westlichen Demokratien, die von Kuba erwarten, ihrem Beispiel zu folgen. „Die Leute zitieren gewöhnlich die griechische Demokratie als Beispiel, die Demokratie des klassischen Altertums. Athen, welches der Prototyp der Demokratie war, hatte 40.000 Bürger - Männer, Frauen und Kinder - und 90.000 Sklaven. Ich denke an (Jose) Marti - für Marti war diese Form von Demokratie nicht vorstellbar. Ich denke an (Simon) Bolivar - für Bolivar war diese Form von Demokratie für die lateinamerikanischen Länder nicht vorstellbar. Im Gegenteil, er kritisierte Versuche, die Formen der politischen Organisation Frankreichs oder der Vereinigten Staaten zu imitieren. Diese großen Denker unseres Amerika haben sich selbst niemals mit der Art von Demokratie identifiziert, welche die Imperialisten uns aufzwingen wollten oder aufgezwungen haben oder uns aufzuzwingen versuchen - und mit der sie unsere Gesellschaften geschwächt, sie in tausend Stücke zerbrochen haben, damit diese ihre Probleme nicht lösen konnten. Es gibt keine wirkliche Beteiligung des Volkes in dieser Art Demokratie, weil die Meinungen in großem Ausmaß durch die Massenmedien manipuliert werden. Die Entscheidungskriterien der Menschen werden fast völlig von Anzeigen, Propaganda und so genannten wissenschaftlichen Methoden zur Steuerung des Denkens der Menschen beeinflusst.“

Damit stellt Castro klar, welche Welten zwischen seinem philosophischen Grundverständnis von Demokratie und dem seiner Gegner liegen. Seine Position ist in diesem Sinne stringent, wenn er für sich in Anspruch nimmt: „Ich glaube ohnehin nicht, dass es wirklich nötig ist, mehr als eine Partei zu haben. Für unsere Länder, und vor allem für ein solches Land wie Kuba, ist eines der wichtigsten Dinge „Einheit“ ... - welche es uns ermöglicht hat, fest allen Bedrohungen und Akten der Aggression der Vereinigten Staaten zu widerstehen. Wie hätte unser Land standhaft bleiben können, wenn es in zehn Teile zersplittert gewesen wäre? Das, was normalerweise Demokratie genannt wird, ist ein Mechanismus, der als Werkzeug dient; es ist ein System, das nicht nur die politischen, sondern auch die wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen des Imperialismus einschließt ... Ich glaube, dass unser System unvergleichlich demokratischer ist als jedes andere, unvergleichbar demokratischer als das System in den Vereinigten Staaten ... Ich glaube, die Ausbeutung des Menschen durch einen anderen muss verschwinden, bevor man eine wirkliche Demokratie haben kann.“ Er gibt sich davon überzeugt, dass wahre Demokratie nicht inmitten einer Gesellschaft von sozialer Ungleichheit existieren kann. „Demokratie“, reizt er seine Gegner, „kann nur im Sozialismus existieren. Die höchste Form von Demokratie wird der Kommunismus sein, aber den haben wir noch nicht erreicht." Sein politisches Weltbild basiert nicht auf der Grundlage der parlamentarischen Demokratie, sondern auf dem Lenin'schen demokratischen Zentralismus. Demnach repräsentiert die Partei die Mehrheit der Bevölkerung, die arbeitende Klasse, in deren Sinne und Interesse auch alle Entscheidungen getroffen werden. „Als Führer der Partei und der gewählten Regierung glaubt Castro, dass er im Rousseau'schen Sinne den Willen des Volkes interpretiert, ... wenn die Gesellschaft durch die Diktatur des Proletariats gelenkt wird“, heißt es bei Sheldon B. Liss. Den USA spricht Castro deshalb das Recht ab, über Kuba zu richten, weil sie kapitalistische Vorstellungen und Methoden zur Analyse der politischen Situation auf Kuba benutzten. Niemand könne den demokratischen Zentralismus aus einem liberal-demokratischen Blickwinkel betrachten und zu einer objektiven Bewertung kommen.“

 

Marxisten und Christen

 

„Die Verwandtschaft von Christentum und Sozialismus findet sich für Castro auf einer anderen als der institutionalisierten Ebene von Amtskirche und Partei. Sie liegt  in der Opferbereitschaft  für eine Idee: „Ich bin davon überzeugt, dass dieselben Pfeiler, die heute die Basis für das Opfer eines Revolutionärs sind, gestern die Basis für das Opfer der Märtyrer für ihren religiösen Glauben waren. Aus meiner Sicht ist der Rohstoff für einen religiösen Märtyrer derselbe wie der für einen revolutionären Heiden: ein uneigennütziger und selbstloser Mensch.“ Er erinnere sich noch sehr gut daran, dass während seiner „Schulzeit das Martyrium der ersten Jahrhunderte eines der Dinge war, auf die die Kirche sehr stolz war“. Aus seinen weiteren Ausführungen wird deutlich, wie sehr seine revolutionäre Motivation vom anerzogenen Glauben abgeleitet ist. Die Auseinandersetzung mit der frühen Kirchengeschichte erscheint viel emotionaler und gründlicher als seine eher zweckorientierte Beteuerung, er sei schon vor dem Sturm auf die  Moncada-Kaserne vom Marxismus beeinflusst gewesen: „Zweifellos ist das Christentum die Religion der Sklaven, der Unterdrückten und der Armen gewesen ..., die in den Katakomben lebten und Objekte grauenvoller Strafen waren ... Das Christentum war eine Lehre, die vom Römischen Reich als revolutionär betrachtet wurde ... Im Nachhinein habe ich das immer mit der Geschichte der Kommunisten verglichen ... Historisch ist es wahr, dass auch die kommunistische Bewegung in ihren Kämpfen um die Veränderung eines ungerechten gesellschaftlichen Systems eine ganze Legion von Märtyrern in ihren Reihen hat … Wenn es überhaupt einen Namen gegeben hat, den die Reaktionäre noch mehr gehasst haben als den des Kommunisten, dann war es - in einer anderen Zeit - der des Christen.“

Er glaube, sagte Castro zu Frei Betto, „dass die Märtyrer, die die Kirche im Verlauf ihrer Geschichte hatte, motiviert waren von einer Sache, die sie mehr begeistert hat als die Angst oder die Strafe“. Das zu verstehen, sei für Menschen mit revolutionärem Hintergrund „sehr viel einfacher“ als für Menschen, die sich nur darum kümmerten, zu materiellen Reichtümern zu kommen, und sich nur darum sorgten, ihr Leben zu bewahren, nicht, es zu opfern. Wie die Kirche fordere auch die Revolution „Opfer von den Menschen und bei bestimmten Gelegenheiten das Martyrium, das Heldentum, die Hingabe des Lebens“. Es sei nicht hoch genug zu würdigen, wenn ein Mensch „sein Leben für eine revolutionäre Idee hingibt und kämpft, selbst wenn er weiß, dass er dabei sterben kann; und selbst wenn er glaubt, dass es nach dem Tod kein Leben gibt“. Castro selbst hat dieses Prinzip zeit seines Lebens vorgelebt. Nie hat er Todesfurcht gezeigt, nicht in seiner Studentenzeit, nicht in der Sierra Maestra, weder vor Mördern im Auftrag von Geheimdiensten noch angesichts einer US-Invasion. Dabei hatte er wohl stets sein großes Vorbild Jose Marti im Sinn. Marti galt und gilt unter den kubanischen Revolutionären und Nationalisten auch als „der Apostel, obwohl - oder gerade weil - die katholische Kirche den kubanischen Freiheitskämpfer als Freimaurer und Agnostiker exkommuniziert hatte.“

 

Über Gott und die Welt

 

„Gerade diese eigenwillige Form der Heldenverehrung markiert die Grenze von Castros Identifikation mit den Glaubensgrundsätzen der institutionalisierten Amtskirche. „Wenn mich jemand fragt: Wann hast du eine religiöse Überzeugung gehabt? Dann werde ich antworten: Ich habe sie niemals wirklich gehabt, niemals war ich wirklich von Religion und Glauben überzeugt. In der Schute waren sie nicht in der Lage, mir diese Werte zu vermitteln. Später habe ich andere Werte erworben: eine politische Überzeugung, einen politischen Glauben ... Natürlich sind die politischen Ideen nichts wert, wenn es kein edelmütiges und uneigennütziges Empfinden dazu gibt. Manchmal sind aber auch die edlen Empfindungen nichts wert, wenn sie sich nicht auf eine gerechte und konkrete Idee stützen.“

Mithin billigt er seinen Erziehern immerhin zu, den Keim für seinen späteren politischen Reifeprozess gelegt zu haben. Was ihn aber nachhaltig hinderte, ein überzeugter Gefolgsmann der Kirche zu werden, ist der Mangel an Rationalität im christlichen Glauben. Seine jesuitischen Lehrer mussten Castro, der mit seinem scharfen Verstand gelernt hatte, zunächst nichts zu glauben und alles zu hinterfragen, in elementaren und philosophischen Fragen der menschlichen  Existenz schlicht die Antwort schuldig bleiben. „Wenn ich das rückblickend analysiere ..., dann erkenne ich den dogmatischen Charakter der religiösen Unterweisung: Das ist so, weil es eben so sein muss, wir müssen glauben, selbst wenn wir es nicht verstehen; wenn wir nicht glauben, auch ohne zu verstehen, ist das ein Vergehen, eine Sünde, eine Handlung, die bestraft werden muss. Oder die Ausblendung van Reflexion ... Mir scheint, dass der religiöse Glaube ebenso wie der politische Glaube als Fundament die Fähigkeit zur Reflexion braucht ... Wenn man wirklich Dinge akzeptieren muss, weil sie, wie gesagt wird, eben so sind, ohne darüber zu diskutieren oder reflektieren zu können, wenn außerdem das Hauptargument, das sie anführen, in dem Versprechen einer Belohnung oder der Androhung einer Strafe besteht und dabei die Strafe eine größere Rolle spielt als die Belohnung, dann ist es einfach unmöglich, bei bestimmten Personen ein Nachdenken oder ein Gefühl für den Glauben zu entwickeln, das als Basis für eine ernsthafte religiöse Überzeugung dienen könnte.“ Als abschreckendes Beispiel für seine Weigerung, sich der Doktrin seiner jesuitischen Lehrmeister zu öffnen, führt Castro die Exerzitien an: „Ich erinnere mich noch an die langen Meditationspredigten über die Hölle, die Hitze in der Hölle, die Leiden in der Hölle, die Langeweile in der Hölle, die Verzweiflung in der Hölle. Eigentlich weiß ich gar nicht, wie es überhaupt möglich war, eine so grausame Hölle zu erfinden ... denn so viel Grausamkeit für eine einzige Person ist gar nicht zu begreifen, egal wie groß ihre Sunden auch gewesen sein mögen ... Das war eine Art geistigen Terrors, diese Predigten wurden oft zu einer Terrorisierung des Geistes.“

Aber gerade dieser Rigorismus forderte Castro heraus: „Wenn man ethische Prinzipien, einen rebellischen Geist, die Ablehnung van Unrecht und eine Reihe solcher Dinge ... miteinander verknüpft, dazu noch ein Empfinden entwickelt für persönliche Würde, Ehre und Pflicht, dann ist das meiner Meinung nach die fundamentale Basis, auf der man politisches Bewusstsein entwickeln kann. So war das jedenfalls bei mir, denn ich habe dieses politische Bewusstsein nicht erworben, weil ich aus einer proletarischen, armen, bäuerlichen unteren Klasse kam, also aufgrund meiner sozialen Bedingungen. Ich habe mein Bewusst­ sein erlangt über das Nachdenken, die Reflexion, die Entwicklung einer Gesinnung und einer tiefen Überzeugung. Dasselbe würde ich über den Glauben sagen: Die Fähigkeit zu reflektieren, zu denken, zu analysieren, zu meditieren und die Vervollkommnung des Empfindens machten es möglich, dass ich revolutionäre Ideen entwickeln konnte. Und das mit einer Besonderheit: Es gab niemanden, der mir revolutionäre Ideen eingeflößt hätte.““

 

Katholische Institutionen

 

„Gegenüber Frei Betto legte Castro Wert auf die Feststellung, dass es „keine Probleme mit dem katholischen Glauben, sondern nur mit den katholischen Institutionen gab“. Und er erklärte: „Die Kirche in Kuba war keine volksnahe Kirche, nicht eigentlich eine Kirche des Volkes, keine Kirche der Arbeiter, der Bauern, der Favelabewohner, der einfachen … Bevölkerung ... In diesem Land, wo 70 Prozent der Bevölkerung Bauern waren, gab es nicht eine einzige Kirche auf dem Land! ... Kein einziger Priester dort, wo 70 Prozent der Bevölkerung lebten! ... Die Gesellschaft hielt sich für katholisch, es war üblich, die Kinder zu taufen, aber eine Anleitung und Praxis der Religion gab es nicht. Die Religion wurde in Kuba hauptsächlich über Privatschulen verbreitet, die von den Ordensmännern und Ordensschwestern geleitet wurden und nur von den Kindern der reichsten Familien des Landes besucht werden konnten, von den Kindern der Aristokratie, ... von den Kindern der oberen Mittelschicht oder zum Teil von der Mittelschicht allgemein ... Außerdem war der größte Teil des Klerus ausländisch ... Es waren vor allem Spanier, die von reaktionären Ideen durchdrungen waren, Rechte, spanische Nationalisten und auch Francisten.“ Oftmals zahlten die reichen Familien sogar die Priestergehälter und die Gemeindekosten.

Kirchlichen Quellen zufolge waren 1960 zwar zwischen 70 und 75 Prozent der Kubaner nominell katholisch; dies entsprach aber dem niedrigsten Prozentsatz unter den lateinamerikanischen Ländern. Lediglich zwischen fünf und acht Prozent davon galten als praktizierende Katholiken, die mindestens viermal im Jahr eine Messe besuchten. Entsprechend niedrig war im lateinamerikanischen Vergleich auch die Versorgung mit Priestern: auf 7.500 Einwohner kam ein Geistlicher …

Dennoch gelang es der Kirche nicht, die Gläubigen hinter sich zu bringen. Zu schwach war ihre Vertrauensbasis auf dem Lande. Die Revolution stieß in ein Vakuum, als sie sich der Nöte der Landbevölkerung annahm und dadurch rapide wachsende Unterstützung für ihre politischen Ziele erfuhr. Anders als in den Städten begegnete man in den ländlichen Gebieten häufig der Haltung: „Wenn Fidel Kommunist ist, bin ich auch Kommunist.“

Die Entfremdung zwischen Kirche und Volk wuchs überdies in dem Maße, in dem der Klerus seiner Identifikation mit der alten Bourgeoisie treu blieb und einige Kirchenobere sich für politische Konspirationen gegen die  Revolutionsregierung  einspannen ließen. Der Exekutiv-Sekretär der kubanischen katholischen Bischofskonferenz, Monsignore Carlos Manuel de Cespedes, erklärte 1970: „Viele Priester unterstützten aktiv die konterrevolutionären Bewegungen, welche sich vor allem nach dem Sommer 1960 bildeten und die in der  Schweinebucht-Invasion  im  April 1961 aufgingen.“ Manche Kirchenführer, wie beispielsweise Manuel Artime von der einflussreichen „Agrupacion Catolica“, organisierten sogar eigene konterrevolutionäre Gruppen. Artime gründete schließlich die „Revolutionäre Erneuerungsbewegung“ MRR (Movimiento de Recuperacion Revolucionario), um die sich vor allem die katholischen Studenten- und Jugendorganisationen Kubas scharten. Die MRR arbeitete eng mit der CIA zusammen und beteiligte sich maßgeblich an der Organisation der Invasion in der Schweinebucht. Nach knapp zweijähriger Inhaftierung auf Kuba und Entlassung ins Exil nach Florida gehörte Artime zum inneren Zirkel von Exilkubanern und CIA-Agenten, die in den sechziger Jahren Mordanschläge auf Castro vorbereiteten. Auch sein Name tauchte später im Umfeld des Bekanntenkreises des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald sowie im Zusammenhang mit dem Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei im Washingtoner Watergate-Komplex auf.

So waren führende Kirchenleute beiderseits der Straße von Florida in eine Aktion zur Unterminierung der moralischen Autorität der Revolutionsregierung verwickelt, die an Zynismus kaum zu übertreffen war. Man erfand, so Castro, „ein Dekret, das komplett gefälscht war; sie sagten, jemand habe es aus dem Ministerium entwendet, es handele sich um ein Projekt, wodurch die Regierung per Dekret der Familie ihre elterliche Gewalt entziehen wolle ... Und sie sagten weiter, die Kinder wurden in die Sowjetunion geschickt.“ Nach Aussagen des Leiters des „Catholic Service Bureau“ in Miami, Monsignore Walsh, war diese Operation angeblich von ihm selbst sowie von Beamten des State Department und CIA-Leuten ausgeheckt und mit Unterstützung eines Kirchenführers in Kuba in die Wege geleitet worden. Walsh zufolge soll allein das Gerücht zwischen Dezember 1960 und Oktober 1962 zu einem Exodus von 15.000 Kindern aus Kuba geführt haben, deren Eltern fürchteten, ihre Söhne und Töchter würden sonst nach Sibirien verfrachtet werden. Nun aber landeten sie in amerikanischen Auffanglagern, wo durchreisende Politiker sie als lebendige Beweise für die Grausamkeit des Castro-Regimes besichtigen, fotografieren und mit Süßigkeiten und Spielzeug beschenken konnten. Viele von ihnen sahen ihre Eltern für lange Zeit oder niemals wieder. Die Aktion trug den Namen „Peter Pan“, nach dem Märchen von James Matthew Barrie über den Jungen, der nicht groß werden wollte und Anführer einer verlorenen Kinderschar aus dem Niemals-Land war. „Peter Pan“ war hier die CIA.“

 

Was vom Tage übrig bleibt

 

„Ähnlich dem Vorbild Bolivar scheint Castro an seinem Lebensabend politisch dort angekommen zu sein, wo er angefangen hat. Der Kreis hat sich geschlossen, er hat gewissermaßen das Ende vom Anfang erreicht. Dazwischen aber hat er zweifellos eine der faszinierendsten und umstrittensten politischen Biographien des zurückliegenden Jahrhunderts gelebt. Wenn er zu Lebzeiten zum Mythos geworden ist, dann, wie er in einem Interview sagte, durch die Regierungen der Vereinigten Staaten und „dank des Scheiterns ihrer unzähligen Versuche, meinem Leben ein Ende zu setzen“. Natürlich werde er auch nach seinem Ableben ein Mythos bleiben. Und in einer Mischung aus Selbstbewusstsein und feinem Spott fügte er hinzu: „Ist etwa das Verdienst zu unterschätzen, so viele Jahre gegen ein so mächtiges Imperium gekämpft zu haben?“ Jedoch muss auch er, vielleicht noch mehr als Bolivar, davon ausgehen, sein Leben zu beschließen „ohne den Trost öffentlicher Dankbarkeit“. Und sollte er dennoch das Glück haben, dass ihm so etwas wie Dankbarkeit widerfährt, dann wird sie sich sehr in Grenzen halten. In den Grenzen Kubas. Denn immerhin, hier ist er weiter vorangekommen als sein anderes Vorbild, als Jose Marti.“

Diese Dankbarkeit wird sich nicht in erster Linie darauf beziehen, dass er der Bevölkerung Kubas, die sich seit Beginn seines politischen Kampfes in der Mitte des vorigen Jahrhunderts nahezu verdoppelt hat, bekanntermaßen ein für die Dritte Welt vorbildliches Bildungs- und Gesundheitssystem hinterlässt. Es wird auch nicht viel zählen, dass es der Masse der Kubaner trotz der wirtschaftlichen Misere und der Mängel besser geht als vor 50 Jahren - besser übrigens oder zumindest kaum schlechter als den meisten Menschen in vielen Ländern Zentral- und Südamerikas, von anderen Regionen der Dritten Welt ganz zu schweigen. Denn zum einen sind knapp zwei Drittel der Kubaner inzwischen nach der Revolution auf die Welt gekommen, und zum anderen ist vielen dafür der Preis zu hoch: Fehlende politische und materielle Freiheiten, eine ungewisse berufliche und private Lebensperspektive in ungewissen politischen Verhältnissen und verlockende, in diesem System nicht zu befriedigende Konsumbedürfnisse sorgen weiter für Unzufriedenheit.

Was indessen zählt und wofür die Kubaner Castro wohl dankbar sind, ist, dass er sie von der kolonialen Abhängigkeit befreit und ihnen ein zivilisierteres Dasein in Würde – „dignidad“ -verschafft hat. Die hatten sie vor der Revolution nämlich nicht. Die Kubaner sind ein stolzes, kein gebrochenes Volk, bei aller Not, die ihnen nicht nur die amerikanische Regierung durch das Embargo, sondern auch Castro in hohem Maße zumutet. Das kann jeder erfahren, der dorthin reist. Und deshalb ist die Identifikation der Bevölkerung, auch die vieler junger Menschen, mit der Revolution nach wie vor groß und wird den Maximo Lider überdauern. Eines wollen die Kubaner nämlich nicht: zurück in die alte Abhängigkeit vom großen Nachbarn im Norden. Die frühzeitige Einführung des Euro als konvertierbare Währung neben dem Dollar war auch ein Hilferuf, den viele europäische Politiker jedoch nicht verstanden haben.“

„Eine der zentralen Erwiderungen, mit denen seine Gegner den von Fidel Castro für sich reklamierten historischen Freispruch bestreiten, ist zugleich einer der Hauptanklagepunkte gegen sein Regime: dass er seine Bevölkerung wie ein Patriarch bevormundet hat. Er hat ihnen praktisch alle einer fortschrittlichen Gesellschaft würdigen individuellen Freiheiten vorenthalten, weil er stets glaubte, er allein wisse, was gut für sein Volk sei. „Wir entwickeln unser eigenes kubanisches System, um unsere Schwierigkeiten zu überwinden und unser Volk zufrieden zu stellen“, betonte er 1967. Den Menschen müsse ein anständiges und würdiges Leben garantiert werden, in dem Geld keine Rolle mehr spiele und der Staat für sie sorge. Umgekehrt leisteten die Menschen durch „ihre Arbeit einen Beitrag zum Wohle aller Menschen und des Staates“. Das sei „wahrer Marxismus-Leninismus, wie wir ihn sehen, und nicht ein Kommunismus, wie er in Russland, Osteuropa oder China praktiziert wird“. Immer wieder brachte er mit derartigem revolutionärem Individualismus die orthodoxen Genossen gegen sich auf.“

„Was auch immer eines Tages die unmittelbare Todesursache sein mag, sterben wird Castro auf jeden Fall an Erschöpfung. „Ich lebe und arbeite fast immer zu jeder Zeit, am Tage und bei Nacht. Darf man etwa Zeit verlieren, wenn man die 70 überschritten hat?“, meinte er in seinem Gespräch mit Federico Mayor Zaragoza. „Hinsichtlich meiner Reden bin ich - vielleicht etwas zu spät - zu dem Schluss gelangt, dass die Reden kurz zu sein haben.“ Was nicht heißt, dass er sich im Falle von Gerüchten neuerlicher Hinfälligkeit nicht wieder hinstellt und vier, fünf, sechs Stunden lang seine Zuhörer quält. So wird es weitergehen, bis zum letzten Atemzug.“

„Raul Castro zählt gewiss zur neuen Führung, falls er seinen Bruder Fidel überlebt. Denn in seiner Verantwortung liegt der Sicherheitsapparat, und auf den wird es in einer Phase des Übergangs besonders ankommen, will man nicht ein Auseinanderbrechen des Landes und ein Abgleiten in die Anarchie riskieren. Dass der Sicherheitsapparat selbst zusammenhält, dafür haben nicht nur die Castro-Brüder durch zahlreiche Privilegien gesorgt, sondern vor allem die militanten Exilkubaner in Miami. Indem sie nicht müde wurden, über Radio Marti düsterste Drohungen gegen die Polizei und das Militär auf Kuba auszustoßen, schweißten sie nicht nur die Truppen auf der Insel noch mehr zusammen. Auch in der breiten Bevölkerung gibt es viele, die etwas zu verlieren haben, und sei es nur das wenige an sozialer Sicherheit. Castro mag daran gescheitert sein, auf Kuba den „neuen Menschen“ zu formen. Gelungen ist es ihm aber, einen neuen Kubaner zu schaffen. Der möchte zwar auch besser oder so gut leben wie die Verwandten in Florida, aber er möchte dafür nicht mehr seine persönliche und nationale Identität aufgeben.

Am Personal wird erkennbar werden, wohin es politisch in der Sache gehen wird mit einem Kuba nach Castro. Die Optionen sind: es geht alles so weiter wie bisher, oder es gibt eine weitere behutsame Öffnung unter dem alleinigen Diktat der Kommunistischen Partei, ähnlich vielleicht wie in China. „Wir werden und müssen damit fortfahren, unsere wirtschaftlichen Strukturen den Veränderungen und Zeitströmungen der Weltwirtschaft anzugleichen. Wir leben in einer globalisierten Welt, und die Globalisierung ist nicht nur unumkehrbar, sondern sie wird sich sogar noch vertiefen“, erklärte Castros politischer Ziehsohn Carlos Lage 1999 dem Autor, ließ aber keinen Zweifel daran, dass diese Angleichung im Rahmen des herrschenden Systems vollzogen werde. „Wir nehmen uns keinen Dritten Weg vor, denn wir sind Kommunisten.“ Castro hat den Rahmen für die Veränderungen abgesteckt, an den will man sich halten: „Wir haben nicht die Verrücktheiten und Tollheiten begangen, die es in anderen Ländern gab, die die Ratschläge der europäischen und US-amerikanischen Experten so entgegennahmen, als ob es sich bei diesen um biblische Propheten handele ... Der Wahnsinn der Privatisierungen eroberte uns nicht, noch viel weniger die Verrücktheit, die Güter des Staates zu konfiszieren, um sich ihrer zu bemächtigen oder sie Verwandten oder Freunden zu schenken.“

Eine neoliberale Öffnung wie in Osteuropa, verbunden mit der Rückkehr des hinreichend bekannten „Gangsterismo“, wird man mit aller Macht zu verhindern suchen. Auch wenn die politische Rechte in den USA und ein Teil der Exilkubaner in Miami von einem Zusammenbruch träumen, zu wünschen wäre es niemandem. Ob Kuba nach Castro in ein Chaos mündet oder es ein Transitionsmodell  geben wird, hängt letztlich von der Vernunft  und der Verständigungsbereitschaft in Havanna, Washington, Miami und in den europäischen Hauptstädten ab.“

 

Zum Schluss

 

Oliver Stones Dokumentation „Comandante“ aus dem Jahr 2003:

 

 

 

 

In einer 8-teiligen Dokumentation „Geheimes Kuba“ hat sich das ZDF mit Kuba beschäftigt. Diese Dokumentation ist nicht objektiv, arbeitet mit manipulativen Tricks, gibt aber einen guten Überblick:

http://www.zdf.de/zdfinfo/geheimes-kuba-kolonisation-freiheitskampf-diktatur-und-revolution-41308434.html

 

Teil 1: Sklaverei und Freiheitskampf

https://www.youtube.com/watch?v=uNUQIcLB2C4

 

Teil 2: Zuckerboom und Dollar-Rausch

https://www.youtube.com/watch?v=_KBlta4Zmmc

 

Teil 3: Mafiabosse und Putschisten

https://www.youtube.com/watch?v=C930Y_iqvL8

 

Teil 4: Diktatur und Revolution

https://www.youtube.com/watch?v=g4CYbhAVqXg

 

Teil 5: Schweinebucht und neue Liebe

https://www.youtube.com/watch?v=tbvEOzhyLYw

 

Teil 6: Rubel und Raketen

https://www.youtube.com/watch?v=EKPWKv21Bwg

 

Teil 7: Militärmacht und Drogensumpf

https://www.youtube.com/watch?v=PXo6NdNl6I8

 

Teil 8: Staatswillkür und ferne Hoffnung

https://www.youtube.com/watch?v=tCqs6GPeDcg

 

Auch der Wurm hat sich schon mit Kuba beschäftigt:

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/216-menschenrechts-verletzungen-auf-kuba.html

 

Die zwei Reiseberichte über eine Wanderreise aus dem Jahr 2005 sind zum kurzen Überblick geeignet:

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/havanna-vinales-havanna/kuba/havanna-vinales-havanna.html

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/havanna-vinales-havanna/kuba/cienfuegos-santiago-baracoa.html

  

 

Dada

 

Unsere kleine Polizei-Station

 

Wir befinden uns im Jahre 2016 unserer Zeitrechnung. Ganz Deutschland ist von Verbrechern besetzt … Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Hütern des Gesetzes geführte Polizei-Station hört nicht auf, dem Verbrechen Widerstand zu leisten.

Und so ist halt noch vieles in Ordnung in der Region. Denn für Ruhe, Ordnung und Gerechtigkeit sorgt der Polizeiposten Rüppurr.

Kleine und große Spitzbuben, mehr oder weniger Leichtgläubige, Verrückte und Alkoholisierte, mehr oder weniger wilde Tiere treiben hier ihr Unwesen. Der Polizeioberkommissar und Chronist Karl Sauter hält diese Vorkommnisse fest im Buch „Tatort Rüppurr – Karl Sauters Notizen aus dem Polizei-Alltag“ aus dem Jahr 2005, jeweils monatlich im lokalen „Rieberger Bläddle“ und „Monatsspiegel“ und im Internet:

http://www.polizei.rueppurr.de/index.php?action=berichte

http://www.polizei.rueppurr.de/index.php?action=cms&id=1

Von Zeit zu Zeit möchte der Wurm eine dieser Geschichten zitieren. Diesmal geht es um folgenden Fall aus dem Jahr 2012:

 

Verhaltensauffällige Person, Teil 1

 

Eine besondere, und ich denke auch, krankhafte Veranlagung hat ein um die 60 Jahre alter Mann, der öfters in Rüppurr und Umgebung anzutreffen ist. Dieser Mann beleidigt ihm absolut fremde Personen, die an ihm vorbeigehen oder fahren auf die unflätigste Art und Weise.

Mehr als zu diesen verbalen Entgleisungen ist es bislang nicht gekommen, doch diese bewirken, insbesondere bei Frauen oder Kindern, ein Angst- und Unsicherheitsgefühl.

Wenn auch Sie in der geschilderten Art und Weise angesprochen werden, dann melden Sie den Vorfall beim Polizeiposten Rüppurr. Die Personalien des Mannes sind hier bekannt.

 

Verhaltensauffällige Personen, Teil 2

 

Nachdem ich kürzlich über einen Mann berichtet habe, welcher ihm fremde Personen unflätig beschimpft, haben sich einige Leser bei uns gemeldet, und ebenfalls Anzeige erstattet. Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich dabei nicht um dieselbe Person gehandelt hat, sondern um eine weitere, welche sich ähnlich verhält, und im Bereich der Battstraße wohnt. Auch dieser Mann ist bei uns bekannt.

Leider ist es so, dass mit den beiden Herren der Kreis der verhaltensauffälligen Personen nicht abgeschlossen ist, sie bilden quasi nur den Anfang und das Ende, und dazwischen liegen ungefähr drei Aktenordner, nicht für ganz Karlsruhe, sondern für Rüppurr, Weiherfeld und Dammerstock.

Aber keine Angst, nicht alle äußern sich beleidigend. Manche sind einfach nur laut, fühlen sich verfolgt, abgehört, von Magnetstrahlen gemartert, Laserangriffen ausgesetzt, und was weiß ich noch alles. Und, liebe Leser/innen, seit ich bei der Polizei bin, das sind nun nahezu 40 Jahre, ist dieser Personenkreis ein Teil unserer Arbeit. In diesen Fällen eine zufriedenstellende Lösung zu finden, ist oft sehr schwierig, und manchmal sogar unmöglich.

 

Das Leben geht weiter: Ob Freispruch oder Zuchthaus – und auf die Guillotin' hat unser Herr Polizeioberkommissar Karl Sauter eh niemanden geschickt.

Es ist eine liebe Zeit – trotz der Vorkommnisse, menschlich halt. Und darum kommt es immer wieder zu diesen Szenen – beim Polizeiposten Rüppurr.

 

 

 

Tja, was soll wurm bloß dazu sagen? Diese Dadaisten haben aber auch vor gar nichts Respekt! Dieses Bild ist in der Pinacoteca von Pesaro zu besichtigen.

 

 

Und diese beiden ähnlich dadaistischen Bilder sind in der Chapelle des Oblats in Aix-en-Provence bzw. im Musée du Pays Brignolais in Brignoles zu sehen.