Vor 200 Jahren wurde das berühmteste Monster der Literatur gezeugt. Wohl jedem fällt etwas ein, wenn er den Namen „Frankenstein“ hört. Wahrscheinlich dies: 

- Mensch (bzw. Wissenschaftler) schafft aus eigener Kraft ein neues Lebewesen

- dieses neue Lebewesen gerät außer Kontrolle und richtet großen Schaden an

- die Moral von der Geschicht‘: es gibt Dinge, aus denen mensch sich raus halten sollte, vor allem aus jenen, die er potentiell nicht kontrollieren kann

So oder so ähnlich wird diese Geschichte vor allem in Filmen erzählt; so oder so ähnlich wird diese Geschichte von den Menschen wiedergegeben.

Allerdings – in der Original-Version wird eine ganz andere Geschichte erzählt. Mit einem Inhalt, der in der Literatur kaum erzählt wird, der allerdings zeitlos und doch immer aktuell ist. Und sehr unangenehm für das menschliche Selbstverständnis: „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ schildert wie kaum ein anderer Roman das Monster im Menschen.

 

Das Jahr ohne Sommer

 

„Als das Jahr ohne Sommer wird das vor allem im Nordosten Amerikas und im Westen und Süden Europas ungewöhnlich kalte Jahr 1816 bezeichnet. In den Vereinigten Staaten bekam es den Spitznamen „Eighteen hundred and frozen to death“ und wurde auch im Deutschen als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Als Hauptursache wird heute der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 angesehen, der von Vulkanologen als deutlich stärker eingestuft wird als der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. und jener von Krakatau 1883 …

In Mitteleuropa kam es zu schweren Unwettern. Zahlreiche Flüsse (unter anderem der Rhein) traten über die Ufer. In der Schweiz schneite es jeden Monat mindestens einmal bis auf 800 m Meereshöhe und am 2. und 30. Juli bis in tiefe Lagen. Die Folge der niedrigen Temperaturen und anhaltenden Regenfälle in Teilen Europas waren katastrophale Missernten. Am stärksten betroffen war das Gebiet unmittelbar nördlich der Alpen: Elsass, Deutschschweiz, Baden, Württemberg, Bayern und das österreichische Vorarlberg …

Erst 1920 fand der amerikanische Klimaforscher William Jackson Humphreys eine Erklärung für das „Jahr ohne Sommer“. Er führte die Klimaveränderung auf den vulkanischen Winter infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien zurück. Dieser war im April 1815 mit einer Stärke von 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex ausgebrochen und hatte neben ungefähr 150 km³ Staub und Asche auch Schwefelverbindungen, die auf ein Schwefeldioxidäquivalent von 130 Megatonnen geschätzt werden, hoch in die Atmosphäre geschleudert, wo sie sich verteilten und wie ein Schleier um den gesamten Erdball legten. Die Abkühlung des Weltklimas durch den Ausbruch hielt noch bis 1819 an.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Jahr_ohne_Sommer

 

 

Die Nacht aller Nächte

 

Aus „Wikipedia“: „Die Villa Diodati ist ein Landgut in Cologny am Genfersee …

Hier trafen 1816 Mary Godwin, der Romantiker und Marys späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley, der englische Dichter Lord Byron (George Gordon Byron) mit seiner schwangeren Exgeliebten Claire Clairmont (Marys Halbschwester) sowie der Arzt und Schriftsteller John Polidori zusammen. Die Villa war von Lord Byron gemietet worden, da er (irrtümlich) glaubte, dass John Milton 1638 dort die Familie dessen kurz davor verstorbenen Jugendfreundes Charles Diodati besucht hätte. Sie gilt seither als wichtige Stätte der Literaturgeschichte.

1816 ging als Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein, da aufgrund eines Ausbruchs des indonesischen Vulkans Tambora im Jahre 1815 das Klima weltweit gestört war. Aufgrund des extrem schlechten Wetters konnten die Freunde daher oft das Haus nicht verlassen.

Neben dem exzessiven Genuss von Laudanum widmeten sie ihre Zeit den Disputen politischer, philosophischer und spiritistischer Fragen. Okkulte Phänomene bildeten bald das Hauptthema ihrer nächtelangen Gespräche, darunter auch Erasmus Darwins Versuche, tote Materie zum Leben zu erwecken. Da die Runde gerne aus deutschen Gespenstermärchen vorlas, schlug Byron schließlich vor, jeder solle sich selbst eine solche Geschichte ausdenken.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Diodati

 

Laut John Polidoris Tagebuch war diese Nacht der 16. Juni 1816. Mit weitreichenden Folgen zumindest für die Kultur-Geschichte der Menschheit. Es waren allerdings nicht die beiden Großdichter Byron und Shelley, die dafür sorgten, dass diese Nacht unvergesslich wurde, sondern die Hobby-Schriftsteller Mary Godwin (später: Mary Shelley) mit ihrer Frankenstein-Geschichte und John Polidori mit „Der Vampyr“:

„Der Vampyr (englischer Originaltitel: The Vampyre) ist eine 1816 entstandene Kurzgeschichte des englischen Schriftstellers John Polidori. Mit dieser Geschichte schuf Polidori die erste Vampirerzählung der Weltliteratur und begründete gleichsam mit der Hauptfigur des Lord Ruthven den Typus des modernen Vampirs …

Die Geschichte war ein großer Erfolg, weil sie unter Byrons Namen veröffentlicht wurde und eine typische Gothic novel war, die den damaligen Zeitgeschmack der schwarzen Romantik traf. Vampirdarstellungen waren zwar schon früher bekannt, wie in Gedichten von Heinrich August Ossenfelder (Mein liebes Mädchen glaubet, 1748), in Bürgers Lenore (1774), Goethes Die Braut von Korinth (1798) oder Hymnen an die Nacht von Novalis (1800), in denen Vampire aber eher geisterhaft in Erscheinung treten. 1797 wird nur als Randerscheinung in Thalaba the Destroyer von Robert Southey ein Vampir beschrieben. Samuel Taylor Coleridge stellt in seiner Erzählung Christabel von 1797/1800 den Vampir weiblich dar und Ignaz Ferdinand Arnolds Roman Der Vampir aus dem Jahr 1801 ist nicht mehr erhalten. Auch in einer Passage von Byrons epischem Gedicht The Giaour (1813) wird lediglich die traditionelle volkstümliche Vorstellung von Vampiren bedient. Vor Der Vampyr waren deshalb meist Vampire in den Erzählungen des Volksglaubens vorherrschend, die in der Vorstellung einen wilden animalischen Charakter hatten. Im Gegensatz dazu stattete Polidori seinen Vampir zum ersten Mal mit aristokratischen und vornehmen Zügen aus und erstellte den Archetypus des Byronic Heros.

Polidoris Werk beeinflusste die zeitgenössische Literatur und es erschienen mehrere Ausgaben und Übersetzungen von Der Vampyr …

Das Thema des vornehmen Vampirs in Polidoris Erzählung beeinflusste das ganze nachfolgende Vampirgenre. Edgar Allan Poe (Berenice, 1835), Alexei Konstantinowitsch Tolstoi (Der Vampir, 1841), Joseph Sheridan Le Fanu (Carmilla, 1872) und schließlich Bram Stoker (Dracula, 1897) schrieben ebenfalls Vampirgeschichten, deren Vampire der Aristokratie entstammten und nicht mehr die wilden Bestien des Volksglaubens waren.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Vampyr_(Polidori)

Hier ist „Der Vampyr“ zum Nachlesen:

http://www.vampyrbibliothek.de/geschriebenes/novellen/novellen-der-vampyr.htm

Ken Russel hat die Nacht aller Nächte zu einem Film inspiriert, der allerdings etwas gewöhnungsbedürftig ist:

„Gothic ist ein Film aus dem Jahr 1986 von Ken Russell. Die Kombination aus Horrorfilm, Thriller, Drama und Historienfilm mit Gabriel Byrne, Julian Sands und Natasha Richardson in den Hauptrollen thematisiert eine Begebenheit im Leben der Schriftsteller Lord Byron, Percy Shelley und Mary Shelley, die als wichtiges Ereignis in die Geschichte der phantastischen Literatur eingegangen ist. Das historische Treffen, bei dem der Grundstein für den Roman Frankenstein gelegt wurde und das gemeinhin als Initialzündung für die Entstehung der Phantastik gilt, nimmt Russell jedoch nur als Ausgangspunkt, um unter anderem mit den Mitteln des erotischen und des surrealistischen Films eine symbolhafte eigene Interpretation der damaligen Ereignisse vorzulegen.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Gothic_(Film)

 

Frauen als Schriftsteller

 

Nun ist „Frankenstein“ mit seinem Monster ja doch etwas gewalttätig und ist eigentlich nicht das typische Thema für eine 19-jährige Frau. Warum eigentlich nicht? Erwartet mensch von Frauen automatisch emotionales Gesülze? Es gibt auf dieser Welt auch seriöse Frauen, die sich in erster Linie als Mensch und nicht als Frau verstehen (umgekehrt gilt dies natürlich auch für Männer). Gerne zitiert der Wurm aus seinem Beitrag über Bertha von Suttner:

„Zur Gleichberechtigung der Frauen hat sich Bertha von Suttner eindeutig und ausgiebig geäußert, hat sich allerdings nicht in Frauen-Vereinen engagiert. Sie stand zwar in persönlichem Kontakt mit der Frauen-Bewegung, war bei Frauen-Kongressen dabei und 1904 wurde ihr sogar die Präsidentschaft des Weltbundes der Frauen angeboten. Sie war aber so sehr mit dem Frieden beschäftigt, dass sie sich da nicht auch noch engagieren konnte („Nein, ich kann das nicht alles anpacken“). Dennoch verwundert es sehr, dass sie heute nicht zu den Ikonen der Frauenbewegung gehört.

Mit ein Grund könnte darin liegen, dass sie Frauen zwar den Männern gegenüber gleichwertig sah, aber nicht als besser. Mit Entschiedenheit verwahrte sie sich gegen alle Versuche, die Friedensbewegung als typisch weibliche Bewegung gegen das männliche Prinzip des Krieges hinzustellen: „Die Generalisierung auf die Politik aller Frauen in Hinblick auf meine Politik hat En Löwos wieder einmal in helle Wut versetzt – jedes einzelne Mähnos sträubt sich!“ (sie nannte sich selbst gerne „En Löwos“ oder „Es Löwos“).

Brigitte Hamann: „Der Kampf für den Frieden sei ein allgemein menschliches Anliegen, das von Männern wie von Frauen gleichermaßen vertreten werden müsse. Jenen ihrer ‚Schwestern‘, die allzu viel von der weiblichen Überlegenheit in Sachen Frieden redeten, gab sie zu bedenken, ‚daß es gleichfalls Frauengruppen sind, die Sammlungen für Torpedoboote einleiten und in kürzester Zeit 800 000 Kronen zu diesem Zweck zusammenbringen; daß Fürstinnen es sich zur höchsten Ehre rechnen, Regimentschef zu sein, daß von keiner der gegenwärtig regierenden Königinnen noch ein Wort, geschweige denn eine Tat gegen den Krieg gekommen ist, daß die Mütter die besten Kunden der Bleisoldatenfabriken sind, daß Bismarck mit aller Zuversicht zu der ihm huldigenden Frauendeputation sagen konnte, die Frauen werden das heranwachsende Geschlecht zu patriotisch-kriegerischer Gesinnung heranziehen.‘“

Voller Bewunderung (und auch etwas neidisch) sah sie auf die Frauenbewegung in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern. Schon zur damaligen Zeit waren die deutschsprachigen Länder in gesellschaftlicher Hinsicht rückständig. Während hier (salopp ausgedrückt) ein paar Hansel aktiv waren, saßen dort Frauen teilweise in Parlamenten, durften selbst wählen, durften an die Universitäten. In den USA hatten sich sogar 300.000 Männer den Frauenvereinen angeschlossen …

Während es im 19. Jahrhundert allein in England mehrere schriftstellernde Frauen gab, deren Werke heute noch zu den Klassikern der Weltliteratur zählen (wie Mary Shelley, Jane Austen, die Bronte-Schwestern und George Eliot), galt dieser Beruf hierzulande als für Frauen ungehörig und in "wissenschaftlichen" Werken der Zeit wurde "bewiesen", dass Frauen gar nicht zur Schriftstellerei befähigt seien. Bertha von Suttner zitiert solche Werke in "Das Maschinenzeitalter", das zuerst unter dem Pseudonym "Jemand" erschien. Aus dem Grund, damit es überhaupt von Männern gelesen wurde. Die Tatsache, dass keiner drauf gekommen ist, dass dieses Buch eine Frau geschrieben hatte, war für sie der Beweis, dass es keine spezifisch "weibliche" Literatur gab.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/101-die-waffen-nieder.html

Das mag sich etwas geändert haben, aber nur etwas. Das wird der merken, der etwa „Frankenstein’s Daughters - Women Writing Science Fiction“ von Jane Donawerth aus dem Jahr 1997 liest. In der 17-seitigen Literatur-Liste gibt es kaum einen deutschsprachigen Namen.

 

Mary Shelley

 

Die Mutter: Mary Wollstonecraft

Der Wurm hatte Mary Wollstonecraft und ihr Werk bereits kurz in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/139-irgendein-mensch-sollte-darum-besorgt-sein-diesem-schrecken-ein-ende-zu-machen.html erwähnt.

„Emma“ im Jahr 2009: „Sie hat es schon vor über zwei Jahrhunderten gewusst. Und jetzt, zwei Generationen nach den erneuten feministischen Warnungen vor der Sackgasse Hausfrau, bestätigten es die deutschen VerfassungsrichterInnen endgültig: Hausfrau und Mutter-Sein ist kein lebenslanger Job mehr. Maximal drei Jahre lang hat heutzutage der Ehemann die Pflicht, die Frau zu finanzieren – danach müssen auch alleinerziehende Mütter ökonomisch eigenständig sein.

"Wie sehr beleidigen uns diejenigen, die uns dazu anleiten, dass wir uns selbst zu sanften Haustieren machen!" konstatierte Mary Wollstonecraft (1759–1797) schon anno 1792. Und die zweifache Mutter warnte: "Aber die geschlechtsspezifische Schwäche, die die Frauen wegen ihres Unterhaltes vom Mann abhängig macht, erzeugt eine Art katzenhafter Zuneigung, die eine Frau dazu bringt, um ihren Ehemann herumzuschnurren, wie sie es bei jedem anderen Mann täte, der sie füttert und streichelt. Männer sind jedoch zufrieden mit dieser Art der Zuneigung, die sich in tierischer Weise auf sie beschränkt."

Das schrieb die Frauenrechtlerin 1792 in ihrem bekanntesten Werk, "Zur Verteidigung der Frauenrechte", in dem die Pionierin auch die "vorherrschende Meinung, über das, was geschlechtstypisch ist", diskutiert. Sie kommt zu dem Schluss, dass man Frauen gar nicht erlaube, "ausreichend Geistesstärke zu besitzen, um das zu erreichen, was wirklich die Bezeichnung Tugend verdient". Lange vor Simone de Beauvoir erkannte Wollstonecraft, dass Frauen "zu schwachen und elenden Geschöpfen gemacht werden".

Mary Wollstonecraft stammte aus einer verarmten, achtköpfigen Familie mit einem jähzornigen Vater und einer unterwürfigen Mutter. Doch: "Die Schläge ihres Vaters stimmten sie keineswegs demütig, sondern empörten sie vielmehr. Bei solchen Gelegenheiten fühlte sie ihre Überlegenheit und neigte dazu, ihre Verachtung auch zu zeigen", schrieb ihr zweiter Partner, der große Humanist und Frauenrechtler, William Godwin 1798 in seinen Erinnerungen an seine Frau. Die war wenige Tage nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Mary Shelley (der späteren Autorin des Gruselklassikers "Frankenstein") am Kindbettfieber gestorben.

Ihrer ersten Tochter, mit dem Sklavenrechtler Gilbert Imlay, hatte Wollstonecraft den Namen "Fanny" gegeben. So hieß auch ihre Seelenverwandte, die sie mit 16 Jahren zwischen mehreren Familienumzügen kennengelernt hatte. Fanny Blood war zwei Jahre älter als Mary und "eine junge Frau von ungewöhnlichen Vorzügen", schreibt Godwin. "Sie sang und musizierte mit Geschmack." Fanny unterrichtete Mary im professionellen Schreiben und 1784 gründeten die beiden Frauen eine Schule. Doch ein Jahr später ging Blood nach Lissabon, um zu heiraten. Wollstonecraft konnte die Schule finanziell nicht halten und arbeitete zunächst als Erzieherin. 1786 schrieb sie ihr erstes Buch über die Erziehung von Töchtern und beschloss, von nun an als Schriftstellerin ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Ein bisschen Gouvernante ist Mary Wollstonecraft auch in ihrem bekanntesten Werk, "A Vindication of the Rights of Women", geblieben. "Lehrt sie zu denken!" lautete ihre Maxime – womit sie aber nicht nur Frauen meinte. Denn auch Männern und potenziellen Vätern sollte klar werden, dass nur eine Frau mit einer eigenen Persönlichkeit eine interessante Gesprächspartnerin und souveräne Mutter sein kann.

Neben der Anregung zu selbstständigem Denken zählte aber auch die gleiche Bildung von Jungen und Mädchen zu ihren grundlegenden Erziehungsmaßstäben. Sie kritisierte: "Das Kind, besonders das Mädchen, wird keinen Moment seiner eigenen Führung überlassen, und wird so abhängig – diese Abhängigkeit nennt man dann natürlich."

Mit den Ansichten des Franzosen Jean Jacques Rousseau über Frauen legte die Engländerin sich offensiv an. Der war ja der Auffassung, "die Frau" sei ein Naturwesen und ihre wichtigste Aufgabe sei es, "dem Mann" zu gefallen und Mutter zu werden. Wollstonecraft setzte dem entgegen: "Von Kindesbeinen an gelehrt, dass die Schönheit das Zepter einer Frau ist, formt sich der Geist dem Körper entsprechend, bewegt sich in seinem goldenen Käfig und will nur sein Gefängnis schmücken."

Mit ihrer "Verteidigung der Frauenrechte" beeinflusste Wollstonecraft entscheidend die Frauenbewegung in England und den USA. "Wer sich ein bisschen damit beschäftigt hat, wird schnell die Ähnlichkeiten bei Elizabeth Stanton, Lucretia Mott oder Margaret Fuller erkennen", so die Herausgeberin der neuen Auflage, Ursula Meyer. Doch ahnte Mary Wollstonecraft offenbar schon vor über 200 Jahren, dass es noch lange dauern könnte: "Wer kann sagen, wie viele Generationen nötig sein werden, der Tugend und den Talenten einer befreiten Nachkommenschaft von elenden Sklavinnen Kraft zu verleihen?"“

http://www.emma.de/artikel/mary-wollstonecraft-die-vordenkerin-263997

Ähnliches schreiben die „Philosophinnen“: „„Teach them to think“, mit dieser Forderung wollte die Philosophin Mary Wollstonecraft auf die Missstände in der Mädchenbildung ihrer Zeit aufmerksam machen. Viele Frauen, auch der besseren Gesellschaft, konnten kaum Lesen und Schreiben. Während man für die Jungen Privatlehrer engagierte, schien eine solche Investition für Mädchen überflüssig. Das Bürgertum war auch damals der Meinung, dass ein Mädchen später nur eine Tätigkeit ausüben würde, die der Ehefrau und Mutter und das erfordere keine Bildung.

Wollstonecraft versucht mit ihrem wichtigsten Text A Vindication of the rights of Women klar zu machen, dass Frauen sehr wohl Bildung benötigen, nämlich die Bildung ihres Verstandes und ihrer Moral. Ohne die Hauptaufgabe der Frauen in Zweifel zu ziehen, macht sie deutlich, dass auch diese Aufgabe eine Vorbereitung erfordere.

Wollstonecrafts Erfahrungen als Gouvernante haben ihr besonderes Augenmerk auf die intellektuelle Bildung, das Wecken und Trainieren des Verstandes gelegt. Mit ihren Argumenten schaltete sie sich in die zeitgenössische Diskussion um die Existenz der weiblichen Vernunft ein. Darin federführend war damals Jean-Jacques Rousseau, der mit seinem Erziehungsroman Emile (1762) die Unterlegenheit des weiblichen Geistes einmal mehr manifestiert hat.

Gegen ihn und andere, auch religiöse Führer wandte sich Wollstonecraft mit ihrer 1792 veröffentlichten Vindication of the Rights of Woman. Ihre Rehabilitierung der Frauen beginnt sie mit einer Betrachtung der Rechte und Pflichten des Menschen, der sie drei Thesen voranstellt: Worin besteht die Überlegenheit der Menschen über die Tierwelt? In der Vernunft. Was ist der selbst erworbene Vorzug, der ein vernünftiges Wesen über andere stellt? Die Tugend. Zu welchem Zweck wurden den Menschen die Leidenschaften gegeben? Der Kampf mit ihnen soll zu Erkenntnis und Erfahrung anleiten.

Als Aufklärerin sieht Wollstonecraft die Vernunft als das zentrale Charakteristikum, das die Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Es gibt zwar Menschen, die ihre Vernunft nicht ausgebildet und ihren Verstand nicht kultiviert haben, aber die Ursache dafür liegt für Wollstonecraft eher in ihrer Sozialisation als in ihrer Natur. Alle Menschen, egal welchen Geschlechts oder welcher Klasse, sind nach ihrer Meinung zur Vernunft fähig, denn sie sieht diese als Geschenk Gottes. Den Frauen die Kraft ihres Geistes vorzuenthalten, widerspreche deshalb dem christlichen Glauben. Vernunft könne nicht im Besitz nur eines Geschlechtes sein, denn sie ist eine unsterbliche Qualität des Menschen; die Förderung der Vernunft ist seine Lebensaufgabe.“

http://www.philosophinnen.de/lexikon/w/wollstonecraft.htm

Rolf Löchel: „Zu den bekanntesten Sequenzen der Philosophie- und Geistesgeschichte dürfte Immanuel Kants Definition der Aufklärung zählen. In einer Ausgabe der „Berlinischen Monatsschrift“ aus dem Jahre 1783 bestimmte er sie als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und verband mit ihr die Aufforderung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Weit unbekannter ist hingegen, dass eine englische Zeitgenossin des Königsberger Transzendentalphilosophen Formulierungen fand, deren Ähnlichkeit derart frappierend ist, dass man zu der Annahme neigt, sie habe sich dessen „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ zu eigen gemacht.

„Der Geist, der entschlossen seine eigenen Grundsätze bildet, muss stark sein“, erklärt Mary Wollstonecraft in ihrer „Verteidigung der Frauenrechte“ von 1792, „denn es herrscht eine Art intellektueller Feigheit vor, die viele Menschen vor dieser Aufgabe zurückschrecken oder nur halb tun lässt“. Daher wolle sie „Frauen dazu überreden, das Wagnis einzugehen, sowohl körperlich als auch geistig Kraft zu erwerben“.

Abgesehen davon, dass sich Wollstonecrafts Ermutigung an ihre Geschlechtsgenossinnen richtet, entspricht ihr Anliegen dem Kants. Und die Formulierung ihres Vorhabens, „es zu wagen, meine eigene Vernunft anzustrengen“, deckt sich sogar fast wörtlich mit seiner Maxime. Ob die englische Feministin die Schrift des berühmten Weltweisen und Alleszermalmers allerdings tatsächlich gelesen hatte oder ob vielmehr zwei große Geister zur gleichen Erkenntnis gelangt sind, ist nicht überliefert, oder vorsichtiger ausgedrückt: Es entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten. Soviel aber ist klar: Die Lektüre von Wollstonecrafts „Verteidigung der Frauenrechte“ ist nicht weniger zu empfehlen als die der Aufklärungsschrift Kants.

So auffallend diese Ähnlichkeiten sind, so gravierend unterscheiden sich allerdings Kants und Wollstonecrafts Auffassungen darüber, was Frauen vermögen und was nicht. Und da hat die Frauenrechtlerin allemal das bessere Ende für sich. Wenn sie etwa erklärt, es sei eine „Farce, irgendein Wesen tugendhaft zu nennen, dessen Tugenden sich nicht daraus ergeben, dass es seinen eigenen Verstand benutzt“, dann unterscheidet sie implizit zwar ähnlich wie Kant zwischen moralgemäßen Handlungen und Handlungen aus Moral, doch ist sie ganz und gar nicht dessen Ansicht, Frauen seien qua Geschlecht unfähig, aus Prinzipien zu handeln und darum nur zu dem moralgemäßen Handeln fähig. Anzumerken ist allerdings, dass Wollstonecraft hierbei nicht wie Kant den Ausdruck „Moral“ benutzt, sondern von „Tugend“ spricht.“

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13289

„Wollstonecrafts letztes Lebensjahr brachte zwar die intellektuell und menschlich viel versprechende Ehe mit William Godwin, wurde aber zugleich überschattet von ihrer zweifellos ungewollten Schwangerschaft. Bei der Geburt ihres zweiten Kindes starb sie, wie erwähnt, an den Folgen des Kindbettfiebers. Mangelnde medizinische Kenntnisse und katastrophale hygienische Standards waren die Ursache für diese Infektionskrankheit, von der bis zu den Erkenntnissen des österreichischen Arztes Ignaz Semmelweis (1818-1865) zahlreiche Frauen hingerafft wurden. Auch dies gehörte zu den Lebensbedingungen der Frauen im 18. Jahrhundert mit Auswirkungen bis weit ins 19. und 20. hinein: den Risiken des weiblichen Körpers durch fehlende sexuelle Aufklärung und kaum zugängliche Verhütungsmittel ausgesetzt zu sein, Schwangerschaft und Niederkunft als Ursache von oft lebensbedrohlichen Gefahren erleben zu müssen. Einerseits war Wollstonecraft zu prüde und zurückhaltend, andererseits war die Zeit noch nicht reif für eine öffentliche Debatte dieses damals, zumal in England, als äußerst brisant geltenden Aspekts der ´Rechte der Frau´, auch wenn schon zu ihrer Zeit erste Initiativen zu einer sexuellen Volksaufklärung unternommen wurden.

Nach ihrem frühen Tod war Mary Wollstonecraft lange Zeit vergessen; ihr Werk wurde während der Restaurationszeit im prüden, viktorianischen England erfolgreich verdrängt und sie selbst in die Nähe einer moralisch leichtfertigen Lebedame und ausgehaltenen Mätresse gestellt. Erst in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde sie als Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau, zugleich als Pionierin eines neuen, Beruf und Familie miteinander verbindenden weiblichen Lebensentwurfs, wieder entdeckt. Ihr Werk liegt inzwischen in einer englischen Gesamtausgabe vor, und zahlreiche Biographien im englischsprachigen Raum zeugen vom lebhaften Interesse am Leben und Werk dieser mutigen, unkonventionellen Frau.

Mary Wollstonecraft kann in unsere zunehmend arbeitsteiligen Raster nur schwer eingeordnet werden. Weder war sie Künstlerin noch Pädagogin, weder Philosophin noch Historikerin oder politische Theoretikern. Und doch war sie von allem etwas. In nur zehn Jahren, zwischen 1787 und 1797, ihrem Todesjahr, schrieb sie über pädagogische, politische und historische Gegenstände, verfasste das viel gerühmte Skandinavienbuch, arbeitete für ihren Broterwerb als Literaturkritikerin und Übersetzerin und trat mit zwei autobiographischen Romanen über Leben und Werk der englischen Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft vor. Zugleich rang sie während ihrer kurzen Verbindung mit Imlay und später in ihrer Partnerschaft mit Godwin um ein Verhältnis der Geschlechter zueinander, in dem romantische Emphase in Einklang gebracht werden könnte mit gegenseitigem Respekt in geistiger Arbeitsgemeinschaft.

Die große Zeit ihrer Wiederentdeckung waren die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als die neue oder zweite Frauenbewegung das Interesse an frauenpolitischen Vorläuferinnen schärfte. Nicht nur das Leben und Wirken von Mary Wollstonecraft, auch das anderer engagierter Frauen des 18. Jahrhunderts wie z.B. Olympe de Gouges oder Théroigne de Méricourt, wurden aufgearbeitet und einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Es mag an der Quellenlage liegen oder an anderen Gründen, aber keine hat so viele Kommentare ausgelöst und so viele Schriften hervorgerufen wie Mary Wollstonecraft. In rascher Folge erschienen zwischen 1970 und 2000 fast Jahr für Jahr zahlreiche Biographien über die englische Feministin, zuletzt die umfangreiche, akribische Arbeit von Janet Todd.

Aber so weit gespannt und widersprüchlich wie das Leben und Werk der Wollstonecraft sind auch die Urteile über sie und schwanken zwischen Zuschreibungen wie pedantisch, oberlehrerhaft, bourgeois auf der einen und revolutionär, rebellisch, zukunftsweisend auf der anderen Seite. Wieder andere waren hingerissen von ihrem Charme, beeindruckt von ihrer sensiblen Intelligenz und dem ´Glamour´, der ihr Leben umgab. Konnte man sich ´gelehrte Frauen´ damals nur als unattraktiven Blaustrumpf vorstellen, so hatte Mary Wollstonecraft nichts davon.

Schon zu Lebzeiten war sie nicht nur als Autorin, sondern auch als Person umstritten und blieb lange angefeindet, besonders nach ihrem Tod. Messalina hat man sie genannt, Xanthippe, Hyäne in Petticoats, männermordend, zänkisch, rechthaberisch, geltungssüchtig, ja sogar heuchlerisch. Auch wenn Wollstonecraft, die selbst als erste unter ihren Launen und Gemütsschwankungen litt, zweifellos unbequem und wetterwendisch im Umgang war, so entsprechen diese gehässigen Attribute doch eher den Klischees, mit denen unkonventionelle, selbständige, geistig aktive Frauen, die überdies noch ihren Erfolg der eigenen Leistung und nicht ihrer Herkunft verdankten, bedacht wurden.

Wo Leben und Werk so sehr ineinander übergehen wie bei Mary Wollstonecraft, wird ein abschließendes Urteil über sie kaum möglich sein, und das gilt auch für die Einschätzung ihrer Rolle in der Geschichte der Frauenbewegung. Aber in einer Zeit, in der es, zumal in Deutschland, immer noch schwer ist, beruflichen Erfolg, Mutterschaft und Familie miteinander zu verbinden, erscheint sie als eine überaus mutige, konsequente und beherzte Frau, deren Gedanken, vor allem im Bereich der Erziehung, weder veraltet noch von der Realität eingeholt sind, sondern in großen Teilen immer noch als Aufgabe vor uns stehen.“

https://www.fernuni-hagen.de/imperia/md/content/gleichstellung/priester.pdf

Der Vater: William Godwin

“* 3. März 1756 in Wisbech (Nord Cambridgeshire), Δ 7. April 1834 in London;

englischer Philosoph und Schriftsteller. In seinen philosophischen wie in seinen literarischen Schriften, vertrat er aufklärerische und anarchistische Gedanken.

Mit seinen Romanen beeinflusste er die englische Literatur der Romantik nachhaltig.

Der Sohn eines Priesters einer streng calvinistischen Glaubensgemeinschaft wurde zunächst selbst Prediger. Sein Interesse an den Schriften der Aufklärer führte jedoch schon bald dazu, dass er seinen Glauben und sein Amt aufgab. Er ging nach London und lebte dort als Schriftsteller und Journalist, der für eine regierungskritische Zeitung schrieb.“

http://hpd.de/node/3984

„William Godwin ist nicht nur der erste Vertreter des modernen Anarchismus, sondern auch sein konsequentester und weitblickendster Theoretiker. Eine Ironie des Schicksals wollte jedoch, daß sein Einfluß auf die anarchistische Bewegung des 19. Jhdt. minimal blieb, während er aus der Literatur der englischen Romantik ebensowenig wegzudenken ist wie aus der englischen Arbeiterbewegung. Robert Owen und Francis Place stehen tief in seiner Schuld. Ja selbst Karl Marx dürfte über William Thompson eine vermittelte Bekanntschaft mit der Godwinschen Vorstellung vom „Dahinschwinden des Staates“ gemacht haben.“

https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/biografien-von-anarchisten-und-anarchistinnen/55-william-godwin-biografie

„Neben einem großen Publikumserfolg hatte „Caleb Williams“ auch einen nachhaltigen Einfluss auf die englische Literatur. In den neunziger Jahren machte sich Godwin einen Namen durch heftige publizistische Attacken und erfolgreich durchgeführte Pressekampagnen gegen die englische Regierung der großbürgerlichen Whigs, die mittels scharfer innenpolitischer Repression den von Frankreich herübergewehten Geist der Revolution zu ersticken suchte.

1797 heiratete Godwin die bekannte Schriftstellerin und erste Frauenrechtlerin Englands, Mary Wollstonecraft. Dieser formale Eheschluß war eine Konzession an die puritanisch-prüde Moral ihrer Zeit – waren sich doch beide in der entschiedenen Ablehnung der Institution Ehe als Einschränkung der freien Entfaltung der Verheirateten einig. Dementsprechend betrachteten sich Godwin und seine Frau auch weiterhin als ungebundene und völlig autonome Individuen. Noch in demselben Jahr allerdings fand diese Beziehung mit dem Tod von Mary Wollstonecraft ihr jähes Ende. Von diesem Schicksalsschlag erholte sich Godwin nie. Es gelang ihm nicht mehr, etwas gleich Bedeutendes wie die „Politische Gerechtigkeit“ auf politisch-philosophischem, oder „Caleb Williams“ auf poetischem Gebiet zu produzieren.

Es war kein Zufall, dass 1793 mit Godwins „Politischer Gerechtigkeit“ die erste ausformulierte philosophische Begründung des Anarchismus ausgerechnet in England und nicht etwa in Frankreich, dem Land der großen Revolution, erschien.

Der philosophische Zeitgeist Frankreichs war dominiert von der Staatsphilosophie Jean-Jacques Rousseaus. Mit seiner „Gesellschaftsvertrags“-Theorie („Du contrat social“; 1762) hatte dieser den geistigen Boden für die revolutionäre Empörung gegen das „alte Regime“ bereitet. Seine Thesen von der Notwendigkeit der völligen Unterordnung des einzelnen unter den – im demokratischen Staat verkörperten – „Gemeinwillen“ hatten jedoch zugleich die Begründung geliefert für den autoritären Glauben an die positive und umfassende Kraft des Staates. Das jakobinische Streben nach einer starken zentralistischen Staatsmaschinerie war nichts anderes als die politische Konsequenz dieser Gedanken.

Die radikale englische Philosophie hingegen stand am Ende des 18. Jahrhunderts ganz im Zeichen einer entgegengesetzten Ideenströmung, die in Godwin ihren Höhepunkt fand: im Zeichen des staatskritischen politischen Individualismus. Seine Vertreter waren u.a. Joseph Priestley, Richard Price, Thomas Paine, der frühe Edmund Burke und Jeremy Bentham. Das Grundlegende ihres Denkens war die feste Überzeugung, dass das größte Glück für die gesellschaftliche Allgemeinheit nicht etwa durch eine möglichst „gute“ und starke Regierung, sondern allein durch die freie Entwicklung eines jeden Individuums gewährleistet werden kann. Daraus entwickelten sie die Forderung nach einer weitgehenden Einschränkung der Machtbefugnisse des Staates. Dieser selbst blieb von ihnen aber in der Regel unberührt. Erst Godwin entfaltete diesen philosophischen Ansatz durch die grundsätzliche Negierung der Staatlichkeit zu seiner vollen politischen Konsequenz.

Auf ökonomischem Gebiet wurde Godwin durch englische Frühkommunisten wie Richard Woodward, Thomas Spence und vor allem William Ogilvie beeinflußt. Aus der Kritik der sozialen Folgen der Herrschaft der Grundbesitzer-Oligarchie sowie der in England bereits eingesetzten kapitalistisch-industriellen Entwicklung hatten diese in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Ideen einer kommunistischen Eigentumsordnung entwickelt.

Den Ausgangspunkt von Godwins politischen Gedankengängen bildet die These, dass der wahre Weg zu individuellem und gesellschaftlichem Glück die „Gerechtigkeit“ ist, unter welcher er das ethische Prinzip solidarischer zwischenmenschlicher Beziehungen versteht. Gerecht zu sein, d.h. „Menschenliebe“ zu üben, ist aber eigentlich das natürliche Verhalten eines jeden. Denn „Gerechtigkeit“ ist das oberste, unveränderliche Vernunftgesetz und der Mensch ist „... im besten Sinne ein vernunftbegabtes Wesen ... [und] zur Übung der Verstandestätigkeit bestimmt ...“ [Godwin 2004, S. 607 und S. 500]. Wenn das Individuum also seine intellektuellen Fähigkeiten entfaltet und sich dabei allein auf die Autorität der eigenen Vernunft und des eigenen Gewissens verläßt, so gelangt es ganz von selbst zur „sittlichen Vervollkommnung“. Die derart von den einzelnen erlangte Mündigkeit und Tugendhaftigkeit muss zu einer zivilisierten, harmonischen und glücklichen Gesellschaft führen.

Vor dem Hintergrund dieser Prämissen enthüllt sich Godwin die Ursache für den trostlosen Zustand der Gesellschaft: Es ist die Herrschaft des Menschen über den Menschen, welche seiner natürlichen sittlichen Vervollkommnung entgegensteht und daher dafür verantwortlich ist, dass die Geschichte eine einzige Abfolge von Verbrechen und gegenseitiger Selbstvernichtung darstellt. Herrschaft führt nicht nur zur moralischen Pervertierung derjenigen, welche sie ausüben, sondern auch derjenigen, welche ihr unterworfen sind. Denn die über Zwang und Manipulation vermittelte Fixierung auf Autoritäten und entfremdete Institutionen erzeugt bei den Beherrschten eine Mentalität blinden Gehorsams, die gleichbedeutend ist mit der Außerkraftsetzung des eigenen Verstandes.

„Solange der Mensch seinen eigenen Verstand befragt, ist er die Zierde des Universums. Wenn der Mensch seine Vernunft aufgibt und Parteigänger des blinden Glaubens und passiven Gehorsams wird, ist er das schädlichste aller Lebenwesen. ... Er ist im Augenblick der Unterwerfung das blinde Werkzeug jeder schändlichen Absicht seines Vorgesetzten und wenn er sich selbst überlassen wird, ist er anfällig für die Verführung zu Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Ruchlosigkeit. ... Derart gegängelte Personen sind streng genommen nicht einer einzigen Tugend fähig“ [Godwin 2004, S. 170 und S. 544]. Um die „Schäden“ der Gesellschaft wirklich zu beseitigen, muss daher Herrschaft in allen ihren Formen aufgehoben und durch ein absolut gesetztes individuelles Freiheitsprinzip ersetzt werden. Denn nur in völliger Freiheit kann der Mensch sich zu einem mündigen, daher sittlichen und glücklichen Wesen entwickeln. Deswegen lehnt Godwin jegliche Einschränkung, Reglementierung und Einordnung des Individuums in autoritär vorgegebene Regelungen kategorisch ab.

Insbesondere der Staat steht der menschlichen Selbstbestimmung antagonistisch gegenüber, da er selbst in seiner demokratischsten und liberalsten Form die Inkarnation des Herrschaftsprinzips und damit der eigentliche Garant der „gesellschaftlichen Übel“ ist. Deswegen kann es nicht darum gehen, die staatlichen Institutionen lediglich zu reformieren. Vielmehr gilt es, die Menschen endgültig vom Staat zu befreien. „Mit welcher Freude muss jeder wohlinformierte Menschenfreund auf die glückverheißende Zeit blicken, die Auflösung der politischen Regierung, jener primitiven Maschinerie, welche die einzig beständige Ursache der Schlechtigkeiten der Menschen gewesen ist und die ... Übel verschiedenster Art in ihrem Wesen vereinigt hat und sich nicht anders beseitigen lässt als durch ihre völlige Vernichtung!“ [Godwin 2004, S. 526/527].

Godwin unterscheidet ausdrücklich zwischen Staat und Gesellschaft: Der gesellschaftliche Zusammenschluss der Menschen zum Zwecke gegenseitiger Unterstützung ist natürlich und in jeder Form ein „Segen“. Im Gegensatz dazu steht der Staat, der historisch erst später durch die „Verirrungen“ und die „Schlechtigkeit“ von wenigen zustande gekommen ist. Er ist unnatürlich, behindert noch in der besten seiner Formen das freie Zusammenleben und dient immer nur dem egoistischen Interesse einiger weniger.

Jeder Eingriff des Staates in die Gesellschaft ist eine zutiefst antisoziale Tat. So lehnt Godwin auch grundsätzlich das vom Staat garantierte allgemeinverbindliche Recht und Gesetz ab. Zum einen ist der Anspruch absurd, die verschiedenen Handlungen der unterschiedlichen Individuen nach einem einheitlichen, festen Maßstab beurteilen zu wollen. Zum anderen hindert gesetzliches Recht die einzelnen daran, sich in jedem konkreten Fall ein selbständiges Urteil zu bilden. Auf diese Weise trägt es zur Aufrechterhaltung der intellektuellen und moralischen Unmündigkeit bei. Es verewigt also die eigentlichen Ursachen der Verbrechen, die es zu bekämpfen vorgibt. Dasselbe gilt für die Praxis des staatlichen Strafvollzugs. Sein einziger Zweck liegt darin, dem betroffenen Individuum „Qualen“ zuzufügen, wodurch aber dessen rationale und ethische Eigenschaften nicht etwa gebessert, sondern im Gegenteil vollends korrumpiert werden. Dies liegt in „... der allgemeinen Natur der Strafe, die den wahren Prinzipien des Geistes zuwider ist und innerhalb möglichst enger Grenzen beschränkt werden sollte, wenn nicht sofort abgeschafft“ [Godwin 2004, S. 581]. Die beste Resozialisierung eines inhaftierten „Verbrechers“ besteht offensichtlich in seiner Freilassung – „Es gibt keine andere Möglichkeit, ihn tugendhaft zu machen, als ihn unabhängig zu machen“ [Godwin 2004, S. 686].

Auch allen anti-individualistischen Ideologien sagt Godwin entschieden den Kampf an: Neben dem Patriotismus wird z.B. auch die Idee des gesellschaftlichen Allgemeinwohls, bzw. die Rousseausche Fiktion des „Gemeinwillens“ von der institutionalisierten Herrschaft als manipulatives Unterdrückungsmittel gegen das einzelne Individuum angewendet.

Ein weiteres Grundübel erblickt Godwin in der – auf ökonomischer Ausbeutung beruhenden – Eigentumsordnung. Die Akkumulation von Reichtum in den Händen weniger, der die materielle Not der großen Masse gegenübersteht, befestigt die Herrschaftsverhältnisse und ist die größte „Quelle des Verbrechens“.

Die von Godwin angestrebte Neuaufteilung des gesellschaftlichen Reichtums soll ökonomischer Ausbeutung dadurch den Boden entziehen, dass jedem Menschen das, dessen er bedarf, frei verfügbar ist. Die solcherart realisierte Gleichheit aller Individuen würde erst die ökonomische Grundlage ihrer freien Selbstentfaltung schaffen. Außerdem würde der Arbeitsaufwand für die Notwendigkeiten des Lebens beträchtlich sinken. Denn sobald die Menschen ihre wahren Interessen erkannt hätten, würden sie nicht mehr vom entfremdeten Bedürfnis nach „Gepränge“ und „Luxus“ getrieben; irrationale Eitelkeit und Ehrgeiz würden durch echte Werte ersetzt werden. In einem solchen „... Zustand gleichen Eigentums ...[hätten] alle ... Muße, um die gütigen und menschenfreundlichen Neigungen der Seele zu kultivieren und ihren Fähigkeiten auf der Suche nach intellektueller Vervollkommnung freien Lauf zu lassen ... und folglich würde die Menschenfreundlichkeit die Herrschaft wiedergewinnen, welche die Vernunft ihr zuweist“ [Godwin 2004, S. 745, S. 732 und S. 736].

Obwohl Godwin den unabhängigen Kleinproduzenten als Idealbild vor Augen hat, ist er doch kein Maschinenstürmer. Im Gegenteil will er alle Möglichkeiten einer rationell und mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln ausgestatteten Produktion ausgeschöpft wissen. Maschinelle Mechanisierung könnte schon bald die Menschen von einer Unzahl langweiliger und entwürdigender Handarbeiten befreien. Eines aber lehnt Godwin an der Industrialisierung entschieden ab: den – vom industriellen Produktionsprozeß gesetzten – Zwang für das Individuum, bei der Bedienung von Maschinen mit anderen Menschen zusammenarbeiten zu müssen. Deswegen fordert er, möglichst rasch ins Zeitalter der Automation hinüberzugelangen, in dem der Einzelne Herr der Maschine und damit auch wieder seiner Zeiteinteilung wird.

Ein radikalisiertes Prinzip individueller Freiheit stellt auch die Grundlage dar für Godwins Entwurf einer staats- und herrschaftsfreien Gesellschaftsordnung. Diese beruht allein auf der Vernunft und „Menschenliebe“ der vollständig autonomen Individuen. In diesem „lichten Reich der Gerechtigkeit“ ist das friedfertige Miteinander der Einzelnen auf eine Vielzahl freiwilliger, gegenseitiger und kurzfristiger Vereinbarungen gegründet. Langfristige Bindungen verwirft Godwin als Einschränkung der individuellen Unabhängigkeit.

Wie die Ehe, so wird auch die patriarchale Familie abgeschafft werden, da sie auf zwischenmenschlicher Herrschaft und Eigentumsstreben gegründet ist. Bereits bei der Erziehung der Kinder ist der Freiheit in vollem Umfang Rechnung zu tragen; keinerlei autoritäres Recht der Eltern wird sich mehr gegen das rationale Interesse der Kinder geltend machen können.

Wie sehr Godwin der Vernunft den Primat über die menschlichen Gefühle und Leidenschaften zuspricht, wird auch deutlich in seinen Überlegungen zu Liebe und Sexualität: „Ich werde beharrlich den Umgang mit der Frau pflegen, deren Bildung mich am nachhaltigsten beeindruckt. ‚Aber es kann geschehen, dass andere Männer die gleiche Vorliebe für sie empfinden wie ich.‘ Das wird keine Schwierigkeit bereiten. Wir können alle ihre Unterhaltung genießen und wir werden weise genug sein, um den körperlichen Verkehr als ein sehr belangloses Objekt anzusehen“ [Godwin 2004, S. 772/773].

Ihre gemeinsamen öffentlichen Angelegenheiten werden von den Menschen unter Vermeidung jeder festen Institutionalisierung selber geregelt werden. Alle Handlungen und Entscheidungen sollen dabei auf Diskussion und rationaler Einsicht der jeweils Betroffenen beruhen. Daher muß die neue Gesellschaft dezentral aufgebaut sein. Ihre Basis ist die vom Einzelnen überschaubare kleine, autonome und selbstverwaltete Gemeinde, die sich bei Bedarf mit anderen Gemeinden gleicher Art föderiert. „So würde, was zuerst ein großes Reich mit einheitlicher Gesetzgebung war, schnell in einen Bund von kleineren Republiken umgeformt werden, mit einem allgemeinen Kongress ..., der dem Zweck eines gewissen Grades von Zusammenarbeit bei außergewöhnlichen Anlässen entspräche“ [Godwin 2004, S. 601]. Die in bestimmten Fällen notwendige Zusammenarbeit zwischen einzelnen Gemeinden bzw. auf höherer Ebene zwischen einzelnen Bezirken wird ebenso wenig durch allgemeinverbindliche Richtlinien festgeschrieben sein, wie die Kooperation der Individuen in ihrer jeweiligen Gemeinde: „... es wird zu diesem Zweck keines ausdrücklichen Vertrages und noch weniger eines gemeinsamen Zentrums der Autorität bedürfen. Allgemeine Gerechtigkeit und gegenseitiges Interesse erweisen sich als geeigneter, die Menschen zu binden, denn Unterschriften und Siegel“ [Godwin 2004, S. 515]. Die einzige Autorität von Menschen über Menschen gründet sich in dieser Gesellschaft auf die freiwillige Überzeugung mit dem Mittel der rationalen Argumentation, die Godwin scharf von der manipulierenden Überredung unterscheidet.

Auch in den von Godwin vorgeschlagenen Mitteln zur Erlangung der neuen Gesellschaft spiegelt sich seine konsequent individualistisch-rationalistische Grundhaltung wider. Er hat durchaus den kapitalistischen Antagonismus von „Arbeit und Kapital“ durchschaut, jedoch zieht er nicht die marxistische Konsequenz des Klassenkampfes. Ihm geht es nicht um Klassen, sondern um die geistige Emanzipation des Individuums. Denn aus seiner Perspektive sind „Arme“ und „Reiche“ gleichermaßen verstrickt in die durch Herrschaft erzeugte „Falschheit des Bewußtseins“.

Alle Herrschaft beruht letztlich auf dem Vertrauen der Beherrschten. Ihr Vertrauen aber ist die Folge von Unwissenheit. Beseitigt man diese auf dem Wege rationaler Aufklärungsprozesse, so wird unweigerlich die Grundlage der bestehenden Herrschaftsverhältnisse untergraben. Aufgabe der Revolutionäre ist es also, kontinuierlich daran zu arbeiten, der Vernunft und Wahrheit größtmögliche Verbreitung zu verschaffen.

Den Erfolg derartiger Aufklärungsbemühungen sieht G. jederzeit als möglich an. Diese Möglichkeit in die Wirklichkeit umzusetzen, hängt allein von der Aktivität der „Aufklärer“ ab und nicht von irgendwelchen „objektiven“ gesellschaftlich-geschichtlichen Bedingungen.

Allerdings lehnt Godwin jede Form organisierter Propaganda ab. In der verbindlichen Disziplin, die in solchen Organisationen notwendig ist, erblickt er eine unerträgliche Einschränkung der freien Initiative ihrer Mitglieder. Stattdessen sollen die einzelnen „Aufklärer“ in völliger Unabhängigkeit und ausschließlich aus eigenem Antrieb heraus an der Verbreitung ihrer Ideen wirken.

Auch der Versuch, die Herrschenden auf dem Wege revolutionärer Gewaltanwendung zur Aufgabe ihrer Privilegien zu bewegen, ist grundverkehrt. Denn in gewaltsamen Auseinandersetzungen regierten „Leidenschaften“ und nicht die Vernunft; außerdem sei ihr Ausgang stets von zufälligen Kräfteverhältnissen abhängig. Darüber hinaus sind gewaltsame Aufstandsversuche auf die Dauer ganz und gar überflüssig. „Die Phalanx der Vernunft ist unverletzlich, sie schreitet mit wohl erwogenem und entschlossenem Schritt voran, und nichts kann ihr widerstehen“ [Godwin 2004, S. 195].

Mit seinen extremen Schlußfolgerungen aus dem Individualismus und dem Rationalismus der Aufklärung hat Godwin nahezu alle wesentlichen Gesichtspunkte der anarchistischen Theoriebildung vorweggenommen.

Mit der Einsicht in die verderblichen Auswirkungen der Herrschaft auf die Menschen; dem konsequenten Insistieren auf den Bedürfnissen und Interessen des konkreten Individuums gegenüber allen Zwängen und abstrakten Ansprüchen, die an es herangetragen werden; seinem Gesellschaftsbegriff; der radikalen Absage an den Staat, seinen Institutionen und jeder Form der Regierung; der ausgesprochenen Tendenz zur gesellschaftlichen Dezentralisierung und zum föderalen Neuaufbau „von unten nach oben“; dem Vertrauen auf die Rationalität und Vervollkommungsfähigkeit des von jeglicher Autorität befreiten Einzelnen und der kleinen Gruppe, die aus freien Vereinbarungen entsteht und jede starre Institutionalisierung vermeidet; und nicht zuletzt mit der Konzeption, dass Emanzipation historisch jederzeit möglich war und ist und allein von den subjektiven Bestrebungen derjenigen abhängt, die sie wollen – mit all dem sprach Godwin Grundthesen anarchistischen Denkens aus.

Im Namen des „allgemeinen Glücks“ trieb Godwin seinen Begriff individueller Freiheit bis zur letzten Konsequenz (vgl. etwa seine prinzipielle Ablehung jeder langfristigen Kooperation der die neue Gesellschaft anstrebenden „Aufklärer“). Diese Radikalität erlaubt es – bei aller Problematik einer solchen Klassifizierung – ihn in die Schule des Individual-Anarchismus einzureihen. Godwins ökonomische Vorstellungen von freier Bedürfnisbefriedigung bringen ihn in die Nähe des Kommunistischen Anarchismus.

Sein Revolutionsbegriff schließlich läßt in ihm einen Vorläufer des Gewaltfreien Anarchismus erkennen.

Gleichwohl blieb Godwin ohne direkten Einfluss auf die anarchistische Bewegung des 19. Jahrhunderts. Lediglich radikale Vertreter der frühen englischen Arbeiterbewegung wie Robert Owen und Francis Place hatten Anleihen bei ihm gemacht. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet Godwins politische Theorie jedoch in nahezu vollständige Vergessenheit. Eine 1798 in Nordamerika erschienene Ausgabe der „Politischen Gerechtigkeit“ blieb ohne nennenswerte Resonanz, ebenso wie eine 1803 in Deutschland herausgegebene Übersetzung ihres ersten Bandes.

Peter Kropotkin war es, der Godwin als Vorläufer des Anarchismus wiederentdeckte. Vermutlich in den Jahren unmittelbar vor der Jahrhundertwende erkannte er den anarchistischen Charakter der Ideen Godwins und eröffnete diese einer Rezeption aus libertärer Sicht.“

http://dadaweb.de/wiki/William_Godwin

Der Geliebte: Percy Bysshe Shelley

„Seine Schriften blieben politisch nicht unwirksam, sie hatten etwa Einfluss auf die Chartisten. Eleanor Marx, die jüngste Tochter von Karl Marx, stellte die Bedeutung Shelleys für die Arbeiterbewegung mit den Worten heraus: "Ich habe meinen Vater und Engels wieder und wieder darüber sprechen hören, und ich habe dasselbe von den vielen Chartisten gehört, die ich glücklicherweise als Kind kennenlernen durfte.""

https://de.wikipedia.org/wiki/Percy_Bysshe_Shelley

„Vorwort des Uebersetzers

Ich habe dieser Verdeutschung einer Auswahl von Shelley's Gedichten ein paar kurze Bemerkungen vorauszusenden, welche sich auf das Verhältniß meiner Arbeit zu den vorhandenen Uebersetzungen beziehen …

Einige Notizen über Shelley's Leben und Schriften dürften dem Leser willkommen sein. Percy Bysshe Shelley war der älteste Sohn des Baronets Sir Timothy Shelley, und am 4. August 1792 auf dem Landsitz seines Vaters, Fieldplace bei Warnham in der Grafschaft Sussex, geboren. Schon in frühester Jugend brachte ihn die ideale Richtung seines Geistes und seine unerschrockene Wahrheitsliebe in herben Konflikt mit seiner Umgebung. Der starre Pennalismus auf der Schule von Eton, die Roheiten seiner Mitschüler und die Grausamkeit seiner Lehrer entflammten ihn zu edlem Zorn und Widerspruch; vor Allem erregte die fromme Heuchelei, welche stets die Worte »Gott« und »Christenthum« im Munde führte, während ihre Beweise Schläge und Drohungen waren, seinen vollsten Abscheu, und er brach kühn entschlossen mit einem Glauben, der in seinen Bekennern nur die Frucht des Hasses und tyrannischer Härte zu reifen schien. Schon im zweiten Jahre seines Aufenthaltes in Oxford verfaßte Shelley eine Schrift: »Ueber die Nothwendigkeit des Atheismus«, und überreichte dieselbe den Häuptern der Kirche und der Universität. Er wurde vor den Professoren-Konvent beschieden, und als er sich weigerte, den geforderten Widerruf zu leisten, traf ihn das Schicksal, wegen Atheismus von der Universität ausgestoßen zu werden. Er trug sein Loos mit der Würde eines Märtyrers, und als sein Vater ihn mit kalter Verachtung empfing, verließ er für immer das elterliche Haus und bezog zunächst ein kleines Stübchen in London, wo er in tiefer Einsamkeit sich seinen poetischen und philosophischen Studien hingab.

Die Intoleranz, der er bis jetzt überall begegnet war, der Gegensatz zwischen Reich und Arm, welcher sich ihm täglich in der Weltstadt aufdrängte, die Tyrannei, welche ihr blutiges Scepter über fast alle Länder der Erde schwang, erweckten in dem jungen Träumer heiß und heißer die Sehnsucht nach einem tausendjährigen Reiche des Friedens und der Liebe, und in diesem Sinne dichtete er in seinem achtzehnten Lebensjahre die »Königin Mab«, welche er damals (1810) nur in wenigen Exemplaren als Manuskript für Freunde drucken ließ. Erst zehn Jahre später wurde das Gedicht, gegen Wunsch und Willen des Verfassers, von einem Londoner Verleger eigenmächtig wieder abgedruckt, und fand seitdem die weiteste Verbreitung.

In demselben Jahr entführte Shelley die fünfzehnjährige Miß Harnet Westbrook und ließ sich von dem bekannten Schmiede zu Gretna Green mit ihr trauen. Die übereilt geschlossene Ehe war eine höchst unglückliche, und wurde nach drei Jahren wieder gelöst, nachdem die junge Frau zwei Kindern das Leben geschenkt hatte. Im Frühjahr 1813 wurde Shelley, dessen Konstitution zeitlebens eine ungemein zarte und schwächliche war, von einer gefährlichen Krankheit befallen; es zeigten sich entschiedene Symptome der Lungenschwindsucht, und die schmerzhaftesten Brustkrämpfe quälten ihn. Plötzlich trat eine auffallende Besserung ein, die Lungenkrankheit verschwand gänzlich, aber es blieb eine nervöse Reizbarkeit zurück, die sich mit den Jahren steigerte und durch mannigfache körperliche wie geistige Leiden genährt ward.

Sobald der Friede von 1814 das Reisen auf dem Kontinent gestattete, machte Shelley zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit einen Ausflug durch Frankreich nach der Schweiz, und kehrte rheinabwärts über Belgien nach England zurück. Da er jetzt mündig geworden war, gestalteten sich seine bisher ziemlich gedrückten äußeren Verhältnisse um vieles günstiger. Er trat das ihm zugefallene Lehnsgut gegen eine Rente von 1000 Pfund Sterling wieder an seinen Vater ab, und miethete ein Haus auf Bishopsgate Heath am Rande des Waldes von Windsor. Von dort aus durchstreifte er im Laufe des Jahres 1815 die Küste von Devonshire, besuchte die Quellen der Themse, und schrieb nach der Rückkehr von diesen Ausflügen den » Alastor«, während er oft tagelang unter den riesigen Eichbäumen des Parkes von Windsor lag. Der Schatten des Todes, der ihm in den letzten Jahren so oftmals als ein Erlöser von aller irdischen Qual erschienen war, wirft ein geheimnißvoll erhabenes Dunkel über diese tiefsinnige Elegie, welche in den glühendsten Farben die Reize der Natur und die Qualen einer leidenschaftlich kämpfenden Dichterseele, eines vergeblich die Liebe suchenden Herzens besingt.

Bald nachher lernte er auf einer zweiten Reise nach der Schweiz Miß Mary Woolstonecraft Godwin, die Tochter des Verfassers von »Caleb Williams«, kennen, und vermählte sich mit dieser edlen, hochherzigen und feingebildeten Dame, welche ihm seitdem in allen Freuden und Leiden des Lebens eine treue Gefährtin blieb. Er verlebte den Sommer des Jahres 1816 großentheils am Genfer See, und verkehrte dort besonders mit Lord Byron, auf dessen poetische Entwickelung er zu jener Zeit einen bedeutenden Einfluß übte.

Traurige Ereignisse erwarteten ihn bei seiner Rückkehr nach England. Er erfuhr in Bath, daß seine erste Gattin in einem Anfalle von Schwermuth ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende gemacht habe. Tief erschüttert, wünschte er jetzt, seine Kinder aus erster Ehe zu sich zu nehmen, aber das Kanzleigericht, unter Vorsitz des Lordkanzlers Eldon, that Einspruch dagegen, weil Shelley in seiner »Königin Mab« Unchristlichkeit und Immoralität gelehrt habe. Im folgenden Jahre (1817) vollendete Shelley ein großes Gedicht in zehn Gesängen: » Die Empörung des Islam«, das er, wie seine damaligen Briefe beweisen, für sein bedeutendstes Werk hielt. Die Kritik ist mit Recht anderer Ansicht; das Gedicht spiegelt in vielen Beziehungen Shelley's Wesen und Denken treuer als manche andere seiner Schöpfungen ab, allein dem reinen Kunstgeschmack wird eine derartige, metaphysisch-allegorische Tendenzpoesie niemals sonderlich Zusagen.

Shelley's Gesundheitszustand hatte sich während seines Aufenthaltes in der Heimat so bedenklich verschlimmert, daß seine Uebersiedelung nach einem wärmeren Klima dringend geboten erschien. Er verließ England am 17. Mai 1818 auf Nimmerwiederkehr, und nahm seinen Wohnsitz fortan in Italien. Von Venedig, wo er Byron besuchte, ging er nach Rom und Neapel, und dann wieder nach Rom. Er schrieb in dieser Zeit das Drama: »Der entfesselte Prometheus«, eine symbolische Verherrlichung des Befreiungskampfes der Menschheit, und das Trauerspiel: »Die Cenci«, welches von Byron in gerechter Werthschätzung das bedeutendste Drama der englischen Literatur seit Shakspeare genannt worden ist. Shelley hatte dasselbe in stetem Hinblick auf die Bühne verfaßt und mit Bestimmtheit gehofft, die Rolle der Beatrice durch Miß O'Neill, die gefeierte Tragödin des Coventgarden-Theaters, dargestellt zu sehen; allein der Stoff erregte begreiflicherweise im prüden England zu viel Anstoß, und auch in Deutschland hat bis auf den heutigen Tag keine Bühnendirektion sich das Verdienst erworben, dies Meisterwerk dramatischer Kunst zur Aufführung zu bringen, obschon der Versuch sicher der Mühe verlohnte.

In den Jahren 1818 und 1819 verlor Shelley seine beiden Kinder aus zweiter Ehe durch den Tod, und litt außerdem viel durch Krankheit, sowie durch das rohe Benehmen seiner ihm in Italien begegnenden Landsleute, die ihn als »Atheisten« höhnten und mißhandelten. Die politischen Schicksale seines Vaterlandes, das unter dem ehernen Druck des Ministeriums Castlereagh seufzte, die blutige Schlächterei von Manchester und der Prozeß der Königin Karoline erregten sein lebhaftes Interesse, wie zahlreiche Gedichte aus jener Zeit bezeugen; auch die italienischen Revolutionen sowie den Befreiungskampf Griechenlands verherrlichte er 1821 durch schwungvolle Hymnen und durch das lyrische Drama »Hellas«, dessen Schlußchor zu den erhabensten Weissagungen der Poesie gehört …

Fassen wir in kurzen Worten unser Urtheil über diesen, in Deutschland bis jetzt kaum nach Verdienst gekannten Dichter zusammen, so möchten wir vor Allem behaupten, daß ein reinerer und edlerer Vertreter der humanistischen Weltanschauung schwerlich jemals gelebt hat. Shelley, der verschrieene Atheist, wandelte als ein Hohepriester der aufopferndsten Menschenliebe und des seligsten Friedens durch die Welt, – ein Märtyrer seiner Ueberzeugung, der auch in den trübsten Tagen niemals den Glauben an die ursprüngliche Güte der Menschennatur und den endlichen Sieg des Guten und Schönen verlor. Wenn eine allzu idealistische Auffassung der letzten und höchsten Menschheitsziele ihn häufig in abstrakte Regionen verlockte, die mehr der Philosophie als der reinen Poesie angehören, so läßt sich doch nicht leugnen, daß Shelley als Dichter der ernsten Betrachtung an intensiver Warme des Gefühls und hohem Adel der Sprache die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger auf diesem Gebiete weit überragt.“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/konigin-mab-alastor-oder-der-geist-der-einsamkeit-8334/2

„Die Werke des englischen Romantikers sind auf deutsch nicht vollständig und auswahlweise nur in oft unzureichenden Übersetzungen zu haben. Aber übersetze einer Poesie! Wer Shelley lesen will, muß Englisch können. Liest er ihn im Original, faszinieren ihn seine feurigen, voluptuösen Verse vielleicht geradeso wie einst deren Schöpfer Galvanisation und freie Liebe ... Shelleys Stoffe und Symbole entstammten der klassizistisch verklärten Antike, sie brachten nichts Neues. Aber seine Musikalität, seine kühnen syntaktischen Bögen und seine energischen semantischen Farben lohnen die Lektüre. Shelley war ein Lyriker mit einer kraftvollen Stimme, ruhigem Melos und rastlosem politischen Sendungsbewußtsein. Es hörte ihm bloß keiner zu. Als er mit knapp dreißig Jahren starb, hinterließ er ein reiches Werk: Dramen, Essays, Versepen und – in der Hauptsache – Lyrik, das damals so gut wie unbekannt geblieben war.

Nur in den kleinen Zirkeln seiner Frauen, Freunde und Dichterkollegen hatte man Shelley zur Kenntnis genommen, bewundert und ermutigt. Die lesende Öffentlichkeit Englands und Europas ignorierte ihn. Zwar erschienen seine Poeme im Druck, aber die kleinen Auflagen verschwanden rasch wieder vom Markt; die Rezensionen waren großenteils hämisch-abqualifizierend und der unglückliche Verleger von Shelleys Werken nie sicher vor der Polizei. Der Dichter nämlich hatte die Welt für schlecht eingerichtet befunden und mit der grundlegenden Wandlung, die er anstrebte, bei sich selbst begonnen. Mit dem Effekt, daß sich die geschmähte Welt mit ihm überwarf und ihr britischer Teil den verlorenen Sohn ausstieß …

Es gibt eine bravouröse Shelley-Biographie aus der Feder des Londoner Literaturprofessors Richard Holmes, der (unter anderem) eine Coleridge- und eine Kipling-Biographie verfaßt hat. Das vom damals 29jährigen Holmes im Jahre 1974 der Öffentlichkeit vorgelegte Buch „Shelley. The pursuit“ umfaßt gut 800 Seiten, und fast keine davon ist zuviel. Es liest sich wie das Protokoll eines Zeitreisenden, der heute dabei war. Leider liegt keine deutsche Version vor. Dabei fände sie wohl Leser auch außerhalb der kleinen Population eingefleischter Lyrik-Freunde und studierter Anglisten. Denn die Vita des Dichters und Rebellen Shelley weist so viele stupende Parallelen auf mit der Lebensgeschichte so mancher antiautoritärer Protestler der Jahre 1968 ff., daß man bei der Lektüre auf die Idee eines epochenübergreifenden Musters revolutionärer Biographie geradezu gestoßen wird.

An der Wurzel von Shelleys Ausbruch aus der ihm vorgezeichneten Lebensbahn liegt der Konflikt mit dem Vater, einem wohlhabenden Landedelmann. Shelley findet nicht, wie Jugend letztlich meist, zum Kompromiß mit dem Establishment. Er bleibt unversöhnlich. Er kann es dem Vater, allen Vätern, nicht vergeben, daß sie die Not der englischen Manufakturarbeiter und der irischen Tagelöhner, daß sie die Polizeieinsätze gegen erste Streiks, das Blutbad von Manchester, dem der brutale Frühkapitalismus seinen Namen verdankt, hinnehmen wie von Gott gewollt. Ausgangspunkt all seiner Attacken bleibt die Frömmelei, ja weiter: die Religion. Was ist die anderes als eine organisierte Illusion und Drohgebärde, gut allein dazu, das Gewissen der Ausbeuter zu beschwichtigen und die Ansprüche der Armen auf die nächste Welt zu lenken? Immer wieder wird Shelley gegen die religiös verklärte Heuchelei aufstehen, und diese Standhaftigkeit – „Atheismus“ ist damals sogar in England noch ein Delikt – wird ihn letztlich zum Exil zwingen. „... weiß ich, daß Tugend mehr entgegensteht / Als Macht und List: Legaler Mord und Brauch, als faulste Frucht der blut’ge Glaube auch ...“

Shelleys Familie war begütert und stolz. Der Sohn soll das Anwesen erben, verwirft aber statt dessen das Erbrecht. Der hochintelligente Student, den es in die Politik zieht, benutzt seine Gaben nicht, um Karriere zu machen, sondern um alles und jedes, von der Kindererziehung bis zur kirchlichen Hierarchie, mit wütender Kritik zu geißeln. Vor seinen eigenen Lebensumständen macht er schon gar nicht halt. Alltag, Liebe, Eigentum – nichts davon ist so geregelt, daß der Mensch Mensch sein könnte. „Geschichte ist von ihrer Schmach beschämt, Kunst hüllt den Spiegel ein und scheut den Tag ...“ Die Universitäten sind nach Shelleys Überzeugung Anstalten zur geistigen Knebelung und seelischen Verstümmelung junger Männer. Der Neunzehnjährige verfaßt eine Streitschrift mit dem Titel: „Die Notwendigkeit des Atheismus“, in der er nicht mehr verlangt, als daß der „Standpunkt“ des Atheismus als einer unter mehreren zu Wort kommen dürfe, Toleranz also für den Unglauben. Die Antwort Oxfords ist die sofortige Relegation des Ketzers. Vater Shelley enterbt seinen Erstgeborenen.

Percy Bysshe rebelliert nie allein. Er hat immer Freunde und Weggefährten um sich, mit denen er nicht nur Kampfschriften und Flugblätter verfaßt und verteilt, sondern hinfort auch zusammenwohnen und durch Europa reisen wird. Die Idee einer Community Gleichgesinnter, die gemeinsam leben, arbeiten, rebellieren und ihre Kinder großziehen, läßt ihn sein Leben lang nicht los. In wechselnden Besetzungen probt er die Verwirklichung dieser Idee. Prominentester zeitweiliger Partisan in Shelleys italienischer Kommune war der Dichter-Kollege und -Rivale Lord Byron …

Zu Shelleys bewunderten Vorbildern gehört der Philosoph William Godwin, in dessen Schriften der junge Dichter all das wiederfindet, was ihn bewegt. Godwins erste Frau, die Feministin Mary Wollstonecraft, war zur Zeit der Begegnung Godwin-Shelley nicht mehr am Leben. Aber ihre Tochter, auch Mary geheißen, damals sechzehn Jahre alt und, wie die Überlieferung will, genauso schön und gescheit wie ihre Mutter, kehrt gerade aus Schottland, wo sie erzogen wurde, ins Vaterhaus zurück. Es dauert nur ein paar Wochen, und Shelley weiß noch besser, warum er die Ehe haßt. Zum zweiten Mal brennt er – inzwischen 23 Jahre alt – mit einer Sechzehnjährigen und deren Schwester auf den Kontinent durch. Diesen Coup verzeihen ihm nicht mal seine besten Freunde, zu schweigen von den Westbrooks und der armen Harriet. Für Shelley sind es das Leben und die Liebe selbst, die solche Schritte fordern. Er macht gar Harriet den Vorschlag, sich ihm und seiner neuen Liebe zuzugesellen – warum sollen uns überlebte Konventionen daran hindern, alle miteinander glücklich zu werden? …

Shelley heiratet ein zweites Mal – um Mary und die gemeinsamen Kinder vor der sozialen Ächtung zu bewahren. Aber es nützt nicht viel. Die Polizei überwacht die Familie, die Londoner Society geht auf Distanz. Der Revolutionär hat sich selbst aus der britischen Gesellschaft ausgeschlossen.

In Italien wird er mit Frau, Schwägerin, Kindern und Freunden die zweite Kommune gründen. Er wird in Florenz, Pisa und Venedig leben, seine Bewunderinnen mit elektrischen Experimenten erschrecken, Marys „Frankenstein“ redigieren, immer neue Sprachen lernen und sich zu einem exzellenten Übersetzer ausbilden, revolutionäre Gewalt befürworten und Gedichte schreiben – auch unpolitische, die von Natur und Liebe, vom Westwind und von einer gewissen Jane handeln. „Alle Süße wäre leer, küßtest du mich nicht.“

Kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag ertrinkt Shelley mit zwei Freunden auf einer Bootsfahrt im Golf von Livorno.

Laut Richard Holmes ist das unselige Monster, das Dr. Frankenstein erschafft und per Galvanisierung belebt und das daraufhin seines Lebens nicht froh und seiner Mitwelt zum Schrecken wird, niemand anders als Shelley selbst. Zwar war der Dichter keineswegs so furchtbar anzuschauen wie Boris Karloff in der Monster-Maske, er soll zart und hübsch gewesen sein – aber seine Brust barg dieselbe Unfähigkeit zu einer sauberen Sozialisation wie die des Monsters. Dabei wollte er, wie Frankensteins Unhold, nur Mensch sein. Man ließ ihn nicht.

Ganz wie einst die 68er haben auch Percy B. und Mary Shelley der Gesellschaft, die anfangs entsetzt fragte: Warum wollt ihr nicht mit mir leben?, die Antwort zugemutet: weil wir Menschen sein wollen. Der Revolutionär, der die Welt, sein Land und die Liebe befreien will, erntet nichts als Unglück. Aber er hinterläßt Eindruck: Gedichte, Ideale, Visionen, die fortwirken. Was es heißen könnte, „Mensch zu sein“, wird nach Shelley in neuer Tonlage gefragt. Als Mary starb, die ihren Mann um drei Jahrzehnte überlebte, war Shelley anerkannt und hoch berühmt. Heute ist er eine Institution, die Kinder lernen seine hochverräterischen Verse in der Schule. Die Flaschenpost, die ein Dichter ins Meer der Geschichte wirft, kommt immer irgendwo an. Die Beleidigungen, die der Revolutionär seiner Zeit antut, werden nicht vergessen. Einige stellen sich später als wohlbegründet heraus.“

http://www.zeit.de/1992/32/das-unselige-monster

Auswirkungen dieser drei Personen

Dies waren die drei Personen, deren geistiger Einfluss unmittelbar auf Mary Shelley wirkte. Sie wird zwar nicht vorpreschen, aber deren Gedanken aufnehmen und mit der Praxis des Lebens zu verbinden suchen.

Und solchen Unfug (zumindest nach der Meinung und den Erfahrungen der Bewohner des Erdreichs) nach dem Motto „der Mensch ist von Natur aus gut, mensch muss ihn nur lassen“ nach ihren Erfahrungen mit den Menschen bleiben lassen.

Sie selbst ist alles andere als revolutionär drauf, aber solche Schlussfolgerungen wie „Aufgabe der Revolutionäre ist es also, kontinuierlich daran zu arbeiten, der Vernunft und Wahrheit größtmögliche Verbreitung zu verschaffen“ wird sie als Blödsinn abtun. In einer späteren Zeit hätten solche Meinungen für einen guten Sketch getaugt, etwa zu den Revoluzzern aus „Das Leben des Brian“: „Wie vertreiben wir die Römer? – Wir appellieren an ihre Vernunft!“

Aus dem Schicksal dieser drei Personen und ihrem eigenen weiss sie zur Genüge, dass Menschen aus der Gesellschaft ausgestoßen und von ihren Mitmenschen verachtet werden, wenn sie eine andere Meinung als die gängige haben oder anders leben wollen, als die Gesellschaft es ihnen vorschreibt. Obwohl diese überhaupt nichts Böses getan haben.

Dieses Ausstoßen aus der Gesellschaft und der Ärger der Opfer über dieses Verhalten ist eines der beiden Hauptthemen des „Frankenstein“.

Erziehung und Stoizismus

Wenn nicht anders angegeben, stammen die angegebenen Zitate aus dem Buch „Mary Shelley – Leben und Werk“ von Alexander Pechmann.

„Mary Shelley las die Bücher ihres Vaters mehr als einmal und bewunderte die ‚tiefe Kenntnis der menschlichen Natur‘, die in diesen farbigen und spannenden Werken zum Ausdruck kommt.“

„William Godwin unterrichtete seine Tochter Mary und seine Stieftochter Fanny selbst. Offenbar war er ein hingebungsvoller, aber strenger Lehrer, der seinen Schülerinnen einiges abverlangte – sowohl in bezug auf Inhalte als auch in moralischer Hinsicht. Entsprechend seinen eigenen theoretischen Arbeiten vermittelte er eine Vorstellung von Tugend, die sich an der stoizistischen Philosophie orientierte und den selbstlosen Einsatz für das Wohl der Mitmenschen in den Mittelpunkt und über persönliche Wünsche, Gefühle und Sehnsüchte stellte.“

Exakt diese Eigenschaften stellen das zweite der beiden Hauptthemen im „Frankenstein“ dar: Victor Frankenstein ist der perfekte Stoiker, der seine Ideale bis zum Schluss bis ins Extrem lebt: er opfert sein persönliches Glück, sich selbst und sein nächstes Umfeld, um die gesamte Menschheit vor Schaden zu bewahren.

Über den Stoizismus: „Welche Schicksalsschläge uns auch immer ereilen, der Stoizismus hilft uns, sie zu akzeptieren und zu überwinden. Er ist daher eine wirklich therapeutische Philosophie. Nie klagt ein Stoiker über sein Los oder lässt sein Herz über seinen Verstand siegen ...

Die stoische Ethik hält sich daher an einfache Prinzipien, die auch heute nichts von ihrer Bedeutung verloren haben. Epiktet meinte, dass es wichtig sei, zwischen dem, was wir beeinflussen können und dem, was wir nicht beeinflussen können, zu unterscheiden: „Was wir beeinflussen können, das sind unsere Auffassungen, unser Verlangen, unsere Abneigungen - also Akte unseres Geistes. Was wir nicht beeinflussen können, das ist unser Körper, unsere Besitztümer, unser Ansehen, öffentliche Ämter – also alles, was nicht Akt unseres Geistes ist“. Sofern wir etwas nicht beeinflussen können, ist es müßig, zu weinen. Ganz im Gegenteil, nach der stoischen Logik müssen wir diese Trauer überwinden.

Die gesamte stoische Ethik dreht sich demnach um den richtigen Gebrauch menschlicher Vernunft, welcher es uns ermöglicht, in allen Lagen die Kontrolle über unsere Ansichten zu behalten …

Es ist richtig, dass der Stoiker zuallererst seine eigene Ausgeglichenheit anstrebt und Liebe in der Form von Nächstenliebe in seiner Philosophie nicht an erster Stelle steht. Aber dieser Egoismus ist völlig relativ, da der Stoiker trotzdem ein Mensch, und der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist. Es besteht überhaupt kein Gegensatz zwischen Philanthropie und dem Stoizismus. Es handelt sich lediglich um eine klardenkende Philanthropie und nicht um Selbstaufgabe für einen anderen. Jedoch ist niemand, der der stoischen Lehre folgt, auf Philanthropie angewiesen.

Der Stoizismus ist in der Theorie eine philosophische Lehre, die den Verstand als Mittel gegen die Leiden des Lebens begreift. Es ist nämlich genau dieser dem Menschen eigene Verstand, der es uns ermöglicht, Glück (im Sinne der Ataraxie) im Leben zu erreichen, und das ungeachtet der Lebensumstände. Ob Sklave oder Herr, Arbeiterklasse oder Oberschicht, der Stoiker bleibt Herr seiner Ansichten, also seiner Einstellung den Dingen gegenüber. Er sieht die Dinge, wie sie sind und ist sich ihrer Vergänglichkeit bewusst. Und er gibt sich nur mit Verstand seinen Leidenschaften hin.“

http://www.lejournalinternational.fr/Die-zeitlose-Philosophie-des-Stoizismus_a2436.html

Mary und Percy Shelley

„Am 11. November 1812 hatte sie die Gelegenheit, einen begeisterten Leser von Godwins Political Justice kennenzulernen, der dem Autor, den er bereits für tot und begraben gehalten hatte, seine Aufwartung machte: Percy Bysshe Shelley und seine Frau Harriet Westbrook besuchten den Verlag in der Skinner Street.“

„Percy B. Shelley hatte schon seine Jugendliebe Harriet Grove mit Zitaten aus dem theoretischen Werk William Godwins so weit verunsichert, daß sie ihre Beziehung löste und einen gänzlich unintellektuellen Landbesitzer aus der Nachbarschaft heiratete.“

„Was er brauchte, war jemand, der den Alltag von ihm fernhielt, und nicht jemand, der ihn stündlich daran erinnerte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er die Person finden würde, die diesem Wunsch gerecht werden konnte.“

„Shelley hatte also bereits innerlich mit Harriet abgeschlossen, und das Idealbild einer neuen Liebschaft funkelte beständig in seiner lebhaften Phantasie, als er am 18. Juni 1814 Mary Godwin zum (vermutlich) zweiten Mal im Hause ihres Vaters traf … ‚Damals, wie tief empfand ich da meine Unterlegenheit, wie bereitwillig bekannte ich, daß sie mich an Originalität, natürlicher Würde und geistiger Brillanz weit übertraf, ehe sie ihre Talente mit mir zu teilen bereit war. Sehr bald spürte ich ein glühendes Verlangen, diesen unermeßlichen Schatz zu besitzen.“

„Mary Godwin war zunächst über ihren neuen Verehrer nicht sonderlich glücklich. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt, hatte aber auch Schuldgefühle. Sollte sie ihren persönlichen Wünschen folgen und alles verraten, was ihr Vater ihr an moralischer Pflicht und Vernunft beigebracht hatte? War ihre Liebe nicht egoistisch und zerstörerisch für ihre Familie, für sie selbst und für andere? … Nachdem er sich wieder erholt hatte, versuchte er erneut, Mary zu überreden, mit ihm zu fliehen. Sie hatte ihm ihre Liebe gestanden, doch scheint sie sehr viel deutlicher als Shelley gesehen zu haben, welches Leid ihr ‚Verrat‘ ihrem Vater verursachen würde. Lange zögerte sie, doch gab sie schließlich nach, als Shelley ihr von der angeblichen Untreue seiner Frau und von einem 'Major Ryan‘ erzählte, den er auch für ihre erneute Schwangerschaft verantwortlich machte. Sie beschlossen, in die Schweiz zu fliehen, nach Uri, dem idyllischen Schauplatz von Godwins Roman Fleetwood. Claire, die Mary und Shelley stets bei ihren Spaziergängen begleitet hatte, wußte von dem abenteuerlichen Plan und bedrängte die beiden, sie mitzunehmen.“

„Um die eigene gesellschaftliche Position zu festigen und somit eine positive Grundlage für die Beantragung des Sorgerechts an seinen beiden Kindern zu schaffen, ließen sich Mary und Shelley so schnell wie möglich trauen (Ende 1816). Die Hochzeit fand in London statt und führte auch zur offiziellen Aussöhnung mit Godwin, der die Familienehre wiederhergestellt sah. Godwin schrieb in einem triumphierenden Ton über die Heirat seiner Tochter, verschwieg allerdings, daß er mit Selbstmord gedroht hatte, sollten die beiden ihre Beziehung nicht baldigst legalisieren. Ein wahrhaft merkwürdiges Verhalten für jemanden, der einst die Institution der Ehe als menschenunwürdig verdammt hatte.“

Zwischen 1814 und 1819 gebar Mary vier Kinder, von denen drei früh im Alter von zwei Wochen bis 3 ½ Jahren starben. Was bei ihr natürlich zu Depressionen führte. Lediglich der Letztgeborene Percy erreichte das Erwachsenen-Alter.

Im Juni 1822 erleidet sie eine Fehlgeburt, die für sie lebensgefährlich war und im folgenden Monat ertrinkt Percy Shelley bei einem Segel-Ausflug.

 

Frankenstein

 

Die Urfassung von „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ wird 1818 veröffentlicht; 1831 kommt es zu einer überarbeiteten Neuausgabe. Auf die Unterschiede zwischen beiden Versionen geht der Wurm weiter unten ein. Zum überwiegenden Anteil wird in der Literatur die Version von 1831 genommen. Im „Projekt Gutenberg“ ist diese zu lesen und aus der nimmt der Wurm die folgenden Zitate.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/frankenstein-oder-der-moderne-prometheus-5870/1

Das Monster, das keinen Namen bekommen hat, redet im Buch recht viel über seine Geschichte und seine Beweggründe. Mit einer kurzen Ausnahme gegenüber einem blinden Greis, redet das Monster ausschließlich zu seinem Schöpfer Victor Frankenstein.

Mensch vergesse alles, was er über „Frankenstein“ zu wissen glaubt und versuche, sich in die Situation des Monsters hineinzuversetzen.

Monster erwacht – Verantwortung des Schöpfers

Das Monster erblickt das Licht der Welt in einer Wohnung in Ingolstadt.

Frankenstein: „Nahezu zwei Jahre hatte ich gearbeitet, nur um etwas zu schaffen, dem ich Leben einflößen könnte. Dazu hatte ich mich also meiner Ruhe und Gesundheit beraubt! Mit der ganzen Glut meines Herzens hatte ich mich nach der Vollendung gesehnt, und nun war die Schönheit des Traumes verblichen, unsäglicher Schrecken und Ekel erfüllten mich. Unfähig, den Anblick meines Geschöpfes noch länger zu ertragen, rannte ich aus dem Laboratorium und in mein Schlafzimmer, wo ich auf- und abging, da ich keine Ruhe finden konnte. Schließlich aber kam doch eine entsetzliche  Müdigkeit über mich und ich warf mich auf mein Lager, vollkommen angekleidet, und hoffte auf einige Zeit Vergessenheit zu finden. Es war umsonst! Wohl schlief ich, aber die furchtbarsten Träume quälten und ängstigten mich. Mir war, als sähe ich Elisabeth in der Blüte ihrer Jugend und Gesundheit in den Straßen von Ingolstadt dahinschreiten. Überrascht und erfreut eilte ich ihr nach und schloß sie in die Arme. Aber kaum hatte ich ihr den ersten Kuß auf die Lippen gedrückt, als sie fahl wurde wie eine Tote; ihre Züge veränderten sich und ich hielt den Leichnam meiner Mutter in den Armen. Ein Leichentuch umhüllte sie, in dessen Falten ekle Würmer krochen. Ich fuhr entsetzt auf; kalter Schweiß rann mir über die Stirn, meine Zähne klapperten und meine Glieder zitterten. Und da – da stand im bleichen, gelblichen Lichte des Mondes, das durch die Fenstervorhänge drang, das Ungeheuer, das ich geschaffen. Es hielt den Bettvorhang mit einer Hand zurück und stierte mich mit seinen Augen an, wenn man überhaupt von Augen reden kann. Es öffnete seine Kinnladen und stieß einige unartikulierte Laute aus, während sich die Haut seiner Wangen unter einem häßlichen Grinsen runzelte. Ob es gesprochen hat, kann ich nicht sagen, denn ich hörte es nicht, weil ich davonrannte, als es die Hand nach mir ausstreckte, und die Treppe hinuntereilte. Ich suchte Zuflucht im Hofe des von mir bewohnten Hauses. Dort ging ich bis zum Morgen auf und nieder, aufs tiefste erregt, und lauschte auf jeden Laut, der sich aus dem Hause vernehmen ließ. Mir war es, als müßte der häßliche Dämon nahen, dem ich so leichtsinniger Weise Leben verliehen hatte.

O, kein Sterblicher hätte ohne Grauen den Anblick dieses Gesichtes ertragen können. Eine Mumie, die lebendig geworden, konnte nicht so abscheulich sein als dieses Unding. Ich hatte es betrachtet, als es noch nicht vollendet war. Es war schon damals überaus häßlich, aber als diese Muskeln und Gelenke sich zu bewegen begannen, sah ich, daß ich etwas geschaffen, das sich Dantes Phantasie nicht grausiger hätte vorstellen können.“

Und hier das Monster:

„Bald nach meiner Ankunft in dem Schuppen hatte ich in einer Tasche des Kleides, das ich bei meiner Flucht aus deinem Laboratorium mitgenommen, einige Papiere entdeckt. Zuerst kümmerte ich mich nicht darum, aber nun, da ich sie zu entziffern vermochte, machte ich mich eifrig daran sie zu studieren. Es war dein Tagebuch aus den vier Monaten, die meiner Schöpfung vorausgingen. Du beschriebst darin jeden Fortschritt, den dein Werk machte, und dazwischen fanden sich wieder Notizen über deine Nachrichten von zu Hause. Du erinnerst dich sicherlich dieser Blätter. Hier sind sie. Alles, was darin steht, gibt Aufschluß über meinen Ursprung. Die ganzen häßlichen, abstoßenden Details sind anschaulich geschildert; du gibst die genaueste Beschreibung meiner verhaßten, abscheulichen Persönlichkeit in einer Sprache, die deinen Ekel nur zu deutlich zum Ausdruck bringt und mir unsägliches Leid verursachte. Ich wurde förmlich krank, als ich das alles las. »Verfluchter Tag, an dem ich ins Leben trat,« schrie ich in rasender Verzweiflung. »Verflucht sei mein Schöpfer. Warum mußtest du auch ein Ungeheuer schaffen, das so häßlich war, daß selbst du voll Ekel dich von mir abwandtest? Gott bildete den Menschen in seiner Güte nach seinem eigenen Bilde; aber du gabst mir Antlitz und Gestalt, die nur ein erschreckendes Zerrbild deines Leibes waren. Satan selbst hat seine Genossen, die mit ihm leben; aber ich bin allein und verhaßt, wo man mich erblickt.«“

„Du warst der Einzige, von dem ich noch Hülfe erwarten konnte, wenn ich auch gegen dich nichts empfand als den bittersten Haß. Herzloser! Grausamer! Du hast mich mit Gefühlen und Empfindungen ausgestattet und dann warfst du mich auf die Straße, jedermann zum Spott und Entsetzen. Von dir allein hatte ich Mitleid und Hülfe zu erwarten und du allein konntest mir das geben, was ich von jedem anderen Wesen in Menschengestalt umsonst gefordert hätte.“

Frankenstein: „Ich empfand auch das erste Mal, daß ein Schöpfer seinem Werke gegenüber Verpflichtungen habe und daß ich versuchen müsse, dem Armen etwas Glück zu bescheren. All diese Erwägungen machten mich seinen Bitten geneigter.“

Monster alleine auf der Welt: wie es leidet und sich freut

"»Mit Mühe nur erinnere ich mich der ersten Zeit, nachdem ich entstanden war. Alles, was sich in jener Zeit ereignete, ist mir unklar und verschleiert. Eine Menge unbestimmter Gefühle bemächtigte sich meiner, meine sämtlichen Sinne traten zugleich in Aktion und es bedurfte längerer Erfahrung, bis ich sie auseinander zu halten vermochte. Ich erinnere mich, daß helles Licht auf mich eindrang, so daß ich die Augen schließen mußte. Dann wurde es dunkel um mich und ich fürchtete mich. Als ich dann die Augen wieder öffnete, war es so hell wie zuvor. Ich setzte mich in Bewegung und stieg auf die Straße hinab. Da war es nun wieder ganz anders. Vorher hatten mich undurchsichtige Grenzen umgeben, die ich weder körperlich noch auch mit den Augen durchdringen konnte; draußen aber bemerkte ich, daß ich mich ungehindert zu bewegen vermochte. Das Licht tat mir allmählich weh und zugleich belästigte mich die große Hitze. Ich suchte deshalb einen Platz aus, wo ich mich im Schatten ausruhen konnte. Es war dies ein Wald in der Nähe von Ingolstadt, und hier ließ ich mich am Ufer eines Baches nieder und ruhte, bis mich Hunger und Durst auftrieben. Ich verzehrte Beeren, die ich an Sträuchern oder am Boden fand. Dann stillte ich meinen Durst mit dem Wasser des Baches und legte mich wieder schlafen.

Es war finster, als ich erwachte. Ich fror und hatte ein drückendes Gefühl des Alleinseins. Ehe ich dein Haus verließ, hatte ich mich, da mir kalt war, mit einigen Kleidern behängt, aber sie waren völlig ungenügend, um mich vor dem Tau der Nacht zu schützen. Ich war ein armes, elendes, bedauernswertes Geschöpf. Ich wußte nichts, ich verstand nicht, mich all des Unangenehmen zu erwehren, das von allen Seiten auf mich eindrang. So setzte ich mich nieder und weinte.

Unterdessen kam am Himmel ein mildes Licht heraufgestiegen und ich empfand Freude darüber. Ich sprang auf und erblickte eine glänzende Scheibe, die über den Bäumen stand. Wie ein Wunder starrte ich sie an. Ich bewegte mich langsam und vorsichtig, aber dann bemerkte ich, daß sie mir auf meinem Wege leuchtete. Ich begab mich wieder auf die Suche nach Beeren. Es war noch kalt und unter einem Baume fand ich etwas Schutz. Bestimmte Gefühle hatte ich nicht, alles war noch ganz konfus. Ich fühlte Licht und Dunkelheit, ich empfand Hunger und Durst; unendliche Geräusche füllten mir die Ohren und allerlei Gerüche drangen mir in die Nase. Das Einzige, was ich genau unterscheiden konnte, war der Mond, den ich mit einem gewissen Vergnügen betrachtete.

Mehrere Tage und Nächte waren vergangen und der Mond hatte schon bedeutend abgenommen, als ich allmählich imstande war, meine Empfindungen auseinander zu halten. Ich sah den klaren Bach, der mich mit Wasser versorgte, und die Bäume, die mir mit ihrem Laub Schatten und Schutz gaben. Mit Freude entdeckte ich, daß ein liebliches Geräusch, das mir unter Tags fast unausgesetzt an die Ohren schlug, von kleinen, geflügelten Wesen herrührte. Oftmals versuchte ich ihren Gesang nachzuahmen, aber es war mir unmöglich. Oft auch bemühte ich mich, meinen Gefühlen in meiner Weise Ausdruck zu geben. Da ich aber nur harte, unartikulierte Laute zuwege brachte, erschrak ich und schwieg.

Unterdessen hatte der Mond aufgehört, in den Nächten zu scheinen, und war dann wieder als kleine Sichel am Himmel aufgetaucht. Ich aber weilte immer noch im Walde. Meine Sinne hatten sich während dieser Zeit geschärft und jeder Tag brachte mir neue Anregungen. Meine Augen hatten sich an das Licht gewöhnt und gelernt, die Gegenstände in ihrer richtigen Form zu erkennen. Ich konnte einen Käfer von einer Pflanze und die Pflanzen wieder unter sich unterscheiden. Ich hatte entdeckt, daß der Sperling nur rauhe, häßliche Laute zur Verfügung hat, während der Gesang der Nachtigall oder der Drossel mir Entzücken verursachte."

Zuneigung zu den Menschen

„Es war ein Instrument, dem er Töne entlockte, die mich mehr entzückten als der Gesang der Drossel oder der Nachtigall. Es war für mich armes Wesen, das ja noch nie etwas Schönes gesehen, ein lieblicher Anblick. Das Silberhaar des Greises und sein gutes Gesicht ließen mich Ehrfurcht empfinden, während das Verhalten des Mädchens mir Liebe einflößte. Die Weise, die der Alte spielte, lockte  Tränen in die Augen des lieblichen Kindes; er achtete ihrer aber nicht. Erst als sie laut aufweinte, sprach er einige Worte zu ihr. Sie kniete dann zu seinen Füßen nieder und er streichelte sie zärtlich. Ich kann die Gefühle nicht beschreiben, die ich dabei empfand. Sie waren ein Gemisch von Lust und Schmerz, wie ich es noch nie kennen gelernt hatte, so ganz anders als Hunger oder Durst, Kälte oder Hitze. Jedenfalls waren sie seltsam und überwältigend, so daß ich mich vom Fenster zurückziehen mußte.“

„Es war schön anzusehen, welche Liebe und Verehrung die jungen Menschen dem Greise zuteil werden ließen. Sie pflegten ihn mit zarter Hingabe und wurden durch sein gütiges Lächeln belohnt.“

„Ich entdeckte auch ein Mittel, ihnen bei ihrer Arbeit behülflich zu sein. Ich hatte beobachtet, daß der junge Mensch einen großen Teil des Tages darauf verwendete, Holz für den heimatlichen Herd zu sammeln. Ich nahm daher in der Nacht sein Werkzeug an mich, dessen Gebrauch ich rasch erlernte, und brachte Heizmaterial mit nach Hause, das für mehrere Tage ausreichte.“

„Ich kann dir das Vergnügen nicht schildern, das ich empfand, als ich einigermaßen in die Gedankenwelt der guten Leute eindringen konnte.“

„Unterdessen war der Winter vergangen und ich hatte diese Menschen sehr lieb gewonnen, so daß ich mit ihnen litt, wenn sie traurig waren, und mich freute, wenn sie sich freuten.“

„Ich könnte dir unzählige Beispiele aufführen, die unverkennbar zeigten, wie sehr diese Leute aneinander hingen. Mochte auch Armut und Mangel schwer auf ihnen lasten, der Bruder vergaß doch nicht, die ersten weißen Blümchen, die aus dem Schnee lugten, seiner Schwester zu bringen. Früh am Morgen, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kehrte er den Schnee von dem Wege, den sie zu gehen hatte, um nach dem Stalle zu gelangen, holte Wasser aus dem Brunnen und schleppte Brennholz ins Haus, immer sehr erstaunt, wenn er bemerkte, daß der Vorrat von unbekannter Hand wieder ergänzt worden war.“

„Mein Leben verlief sehr gleichmäßig. Morgens sah ich meinen Freunden zu, und wenn sie dann ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgingen, legte ich mich schlafen. Den Rest des Tages verbrachte ich dann wieder in der gleichen Weise wie den Morgen. Wenn sie sich dann zur Ruhe begeben hatten, ging ich, vorausgesetzt, daß der Mond oder die Sterne die Nacht erleuchteten, in den Wald, um Nahrung für mich und Brennholz für meine Freunde zu sammeln. Nach meiner Rückkehr reinigte ich dann, wenn es nötig war, den Weg vom Schnee und verrichtete Arbeiten, die sonst Felix besorgt hatte. Diese Hilfe von unbekannter Seite erregte stets das Erstaunen der guten Menschen, und mehrere Male hörte ich, wie sie bei solchen Gelegenheiten ausriefen, »ein guter Geist« oder »ein Wunder«; Worte, deren Sinn ich damals noch nicht begriff.“

„Unter den warmen Regenschauern und dem wohligen Wehen der Frühlingswinde nahm die Erde allmählich ein ganz anderes Aussehen an. Die Menschen, die sich vorher unter dem rauhen Atem des Winters in ihre engen Wohnungen zusammengepfercht hatten, zerstreuten sich in Feld und Flur, um sich dort verschiedenen Beschäftigungen hinzugeben. Die Vögel sangen lieblich und überall grünte es an den Zweigen. Glückliche, schöne Erde! Jetzt ein Wohnsitz für Götter, und doch war sie noch vor kurzer Zeit traurig, öde und kalt. Auch in meinem Innern wirkte der Frühling wohltätig; das Vergangene war vergessen, die Gegenwart war ruhig und fröhlich, und die Zukunft lag vor mir im goldenen Sonnenschein der Hoffnung und der Freude.“

„Immer schöner wurde es draußen und ein wolkenloser Himmel spannte sich über die Erde, die nach langer Wintersnacht nun grün und blühend geworden war. Tausend Wohlgerüche strömten auf mich ein und mein Auge erfreute sich immer neuer Schönheiten.“

„Am nächsten Morgen begab sich Felix wieder an die gewohnte Arbeit und die Fremde ließ sich, während Agathe die Wohnung in Ordnung brachte, zu Füßen des alten Mannes nieder. Dieser nahm seine Zither und spielte einige Lieder so schön, daß mir die Tränen des Mitleids und des Entzückens aus den Augen flössen. Dann sang die Fremde. Ihre Stimme ertönte in reicher Fülle und so lieblich, daß ich meinte, die Nachtigall des Waldes singen zu hören.“

Monster will Menschen als Freunde

„Das, was mir besonders zu denken gab, waren die liebenswürdigen Manieren dieser Leute. Ich sehnte mich danach, mit ihnen in Verbindung zu treten, aber ich wagte es nicht. Nicht umsonst erinnerte ich mich der barbarischen Behandlung, die mir in der vergangenen Nacht von Seite der Dorfbewohner zuteil geworden war.“

„Immer lebhafter beschäftigten sich meine Gedanken mit diesen Menschen. Ich verlangte danach, auch ihre Gefühle kennen zu lernen; vor allem wollte ich herausbringen, warum Felix so niedergeschlagen, Agathe so traurig war. Ich dachte – Narr, der ich war! – daß es vielleicht in meiner Macht stände, ihnen das Glück wiederzugeben. Im Schlafen und im Wachen standen mir die Gestalten vor den Augen, der verehrungswürdige alte Mann, das reizende Mädchen, der schöne junge Mensch. Sie kamen mir vor wie höhere Wesen, wie Götter, die über mein künftiges Schicksal zu entscheiden hätten. Ich stellte mir tausendmal in meinem Innern vor, wie sie mich wohl aufnehmen würden, wenn sie mich das erste Mal sähen. Ich dachte mir, daß sie anfangs ja sehr erschrecken, dann aber, gewonnen durch meine Güte und mein mildes Wesen, mir ihre Gunst und schließlich ihre Liebe schenken müßten.“

„Aber wenn ich mir überlegte, wie freundlich und gut meine Beschützer sein mußten, tröstete ich mich damit, daß sie sich an meine körperliche Häßlichkeit gewöhnen würden, wenn sie erst erkannt hätten, daß mein Inneres so ganz anders sei als mein Äußeres. Waren sie imstande, einen um Mitleid und Freundschaft Flehenden von ihrer Tür wegzujagen, weil er so mißgestaltet war? Schließlich war es mir klar, daß ich nicht die Hoffnung aufgeben dürfe, und bereitete mich auf eine Begegnung mit ihnen vor, die über mein ganzes künftiges Geschick entscheiden mußte. Trotzdem schob ich aber die Ausführung des Planes noch um mehrere Monate hinaus, denn die Wichtigkeit, die ich der Sache beilegte, erfüllte mich immer wieder mit einer gewissen zaghaften Scheu. Außerdem merkte ich, daß meine Fertigkeit im Gebrauch der Sprache von Tag zu Tag wuchs, und wollte aus diesem Umstände Nutzen ziehen, um ihnen möglichst gut vorbereitet entgegentreten zu können.“

„Als ich keine Gelegenheit mehr hatte, die Blumen auf den Feldern zu betrachten und dem Gesang der Vögel zuzuhören, wandte ich meinen Freunden wieder mehr Aufmerksamkeit zu. Das Scheiden der schönen Jahreszeit tat ihrem Glücke keinen Abbruch. Sie waren alle einander herzlich zugetan und freuten sich ihres Lebens, unbekümmert um das, was draußen in der Natur vor sich ging. Je öfter ich sie sah, desto ungeduldiger nahm ich mir vor, ihren Schutz und Beistand anzurufen. Mein Herz dürstete danach, sich diesen liebenswürdigen Menschen offenbaren zu dürfen. Ihre Blicke liebevoll und mit Interesse auf mir haften zu sehen, war das, was ich am meisten ersehnte. Ich wagte es gar nicht daran zu denken, daß sie mich mit Grauen und Ekel von sich weisen könnten. Von ihrer Tür war sicher noch kein Hülfesuchender weggejagt worden. Mir war es ja um mehr zu tun als um Speise oder ein vorübergehendes Unterkommen, ich wollte ihre Liebe, ihr Mitleid; Dinge, deren ich mich keineswegs für unwürdig hielt.“

Die Begegnung

„Immer winterlicher ward es im Lande, und einmal schon hatte die Natur ihren ewigen Kreislauf vollendet, seit ich zum Leben erweckt worden war. Plan auf Plan entwarf ich in meinem Innern, wie ich es anfangen sollte, mich meinen Beschützern zu nähern. Endlich entschloß ich mich, das Haus dann zum ersten Male zu betreten, wenn der Alte allein war. Ich war mir darüber vollkommen im klaren, daß es meine außergewöhnliche Häßlichkeit gewesen war, was diejenigen erschreckt hatte, die bisher mit mir in Berührung gekommen waren. Meine Stimme war ja rauh, aber sie hatte nichts Abstoßendes. Ich dachte mir, daß ich zuerst die Liebe des alten de Lacey gewinnen müßte, um dann in ihm einen Fürsprecher bei seinen Kindern zu haben.

Eines Tages, die Sonne leuchtete goldig auf den farbigen Blättern, die allenthalben den Boden bedeckten, und schien noch einmal dem Auge den Sommer vortäuschen zu wollen, traten Safie, Felix und Agathe einen längeren Spaziergang an, während der Greis seinem Wunsche entsprechend zu Hause gelassen wurde. Als er allein war, nahm er seine Zither und spielte einige ernste, ergreifende Weisen, ernster und schöner, als ich sie je von ihm gehört. Zuerst lag ein Schimmer heller Freude auf seinem Angesicht, dann aber nahm es einen immer traurigeren, schmerzlicheren Ausdruck an. Er legte sein Instrument zur Seite, stützte das Haupt auf die Hände und schien in tiefes Nachsinnen versunken zu sein.

Mein Herz klopfte stürmisch; der Augenblick war gekommen, wo es sich entscheiden mußte, ob meine Hoffnungen begründet waren oder meine Furcht. Die Dienstboten waren alle zu einem Fest gegangen. Still war es im Hause und ringsum. Die Gelegenheit war günstig. Aber als ich zur Ausführung meiner Absicht schritt, versagten mir die Glieder den Dienst und ich sank zu Boden. Dann richtete ich mich wieder auf, und all meine Kraft und meinen Mut zusammennehmend entfernte ich die Bretter, die ich zu meinem Schutze an den Eingang des Schuppens gelehnt hatte. Die frische Luft tat mir wohl und mit froher Zuversicht näherte ich mich dem Eingangstore.

Ich klopfte. »Wer ist da?« ertönte die Stimme des alten Mannes aus dem Inneren »Tretet ein!«

Ich folgte der Aufforderung. »Entschuldigt, daß ich hier eindringe,« sagte ich. »Ich bin ein Wanderer, der etwas Ruhe bedarf. Ihr würdet mich zu großem Dank verpflichten, wenn Ihr mir einige Minuten Rast an Eurem gastlichen Herde gönnen möchtet.«

»Kommen Sie nur,« sagte de Lacey, »ich will Ihnen gern zu Diensten sein. Aber leider sind meine Kinder nicht hier, und da ich blind bin, wird es mir schwer fallen, einen Imbiß für Euch herbeizuschaffen.«

»Macht Euch deshalb keine Sorge, lieber Gastfreund, Hunger habe ich nicht; nur Ruhe und Wärme suche ich bei Euch.«

Ich ließ mich nieder und es entstand eine Pause. Ich wußte, daß jeder Augenblick kostbar war, wußte aber nicht, wie ich die Unterhaltung beginnen sollte. Da sagte der Alte:

»An Eurer Sprache, Fremdling, meine ich zu erkennen, daß Ihr ein Landsmann von mir seid. Seid Ihr Franzose?«

»Nein, das nicht, aber ich wurde bei einer französischen Familie erzogen und lernte nur ihre Sprache kennen. Ich habe nun die Absicht, den Schutz einiger Freunde zu suchen, die ich herzlich lieb habe und auf deren Gunst ich meine ganze Hoffnung setze.«

»Sind es Deutsche?«

»Nein, es sind Franzosen. Aber wollen wir von etwas anderem sprechen. Ich bin ein armes, verlassenes Geschöpf. Wenn ich mich auf Erden umsehe, habe ich keinen Verwandten, keinen Freund. Die liebenswürdigen Leute, zu denen ich will, haben mich noch nie gesehen und wissen nichts von mir. Ich bin voll Angst, denn wenn ich bei ihnen meinen Zweck verfehle, dann bin ich ausgestoßen aus der ganzen Welt.«

»Nur nicht verzweifeln! Freundlos sein ist ja ein Unglück. Aber die Herzen der Menschen sind, wenn nicht der Egoismus von ihm Besitz ergriffen hat, gut und mitleidig. Laßt also der Hoffnung Raum, daß diese Freunde, wenn sie wirklich gut und edel sind, Euch nicht verstoßen werden.«

»Sie sind gut, sie sind die besten Geschöpfe, die ich kenne; aber unglücklicherweise haben sie ein Vorurteil gegen mich. Ich habe bis jetzt ein sehr harmloses Leben geführt und bin auch gewissermaßen wohltätig gewesen. Aber ein Schleier liegt vor ihren Augen; denn anstatt in mir einen treuen, aufrichtigen Freund zu sehen, halten sie mich für ein verabscheuungswürdiges Ungetüm

»Das ist allerdings traurig. Aber ist es Euch, wenn Ihr wirklich so unschuldig seid, nicht möglich, sie von der Wahrheit zu überzeugen?«

»Das eben möchte ich, und wenn ich daran denke, ergreift mich eine entsetzliche Angst. Ich liebe diese Menschen zärtlich, ich bin unerkannt schon Monate lang mit ihnen in freundschaftlichem Verkehr gestanden; aber sie meinen, ich wolle ihnen schaden, und diese Meinung will ich ihnen nehmen.«

»Wo wohnen denn diese Leute?«

»Nicht weit von hier.«

Der Alte schwieg einen Moment, dann sagte er: »Wenn Ihr mir rückhaltlos Eure ganze Geschichte erzählen wollt, kann ich Euch vielleicht in diesem Bestreben helfen. Ich bin blind und erkenne Euer Gesicht nicht, aber es liegt in Eurer Rede etwas, das mir sagt, Ihr seid ein guter Mensch. Ich bin arm und lebe hier in der Verbannung; aber es macht mir Freude, einem Anderen in jeder Weise dienstbar zu sein.«

»Edler Mann, wie danke ich Euch! Ich nehme Euer hochherziges Anerbieten an. Ihr erhebt mich mit Eurer Güte aus dem Staube und ich hoffe, daß es Euch gelingen wird, mich so wirksam zu schützen, daß ich nicht mehr aus der Gesellschaft Eurer Mitmenschen vertrieben werde.«

»Davor bewahre Euch der Himmel! Und wenn Ihr ein Verbrecher wäret, denn das ist das einzige, was Euch verzweifeln lassen kann. Auch ich bin unglücklich; ich bin, vollkommen unschuldig, mit meiner ganzen Familie aus der Heimat verbannt worden. Ihr werdet dann begreifen, daß ich Eurem Unglück nicht gefühllos gegenüberstehe.«

»Wie kann ich Euch danken, mein einziger, liebster Wohltäter? Von Euren Lippen habe ich das erstemal Worte der Güte gehört, die mir galten. Das werde ich Euch nimmer vergessen. Und die Freunde, denen ich ja nun bald gegenübertreten werde, hoffe ich, werden mir auch barmherzig sein.«

»Darf ich den Namen und den Wohnort dieser Freunde wissen?«

»Ich schwieg. Das war der Augenblick, der mir das Glück auf immer bringen oder rauben mußte. Ich rang nach Worten, um ihm alles einzugestehen, aber ich fand nicht die Kraft. Ich sank auf einen Stuhl und stöhnte laut. Draußen hörte ich die Schritte der jungen Leute. Zeit war keine mehr zu verlieren. Ich ergriff die Hand des Greises und schrie: »Nun ist es Zeit, daß ich es sage. Helft mir und schützt mich! Ihr und die Euren sind die Freunde, die ich suche. Verlaßt mich nicht in meiner Not!«

»Großer Gott!« rief der alte Mann. »Wer seid Ihr?«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Zimmers und Safie, Felix und Agathe kamen herein. Verstört und entsetzt starrten sie mich an. Agathe sank um und Safie rannte aus dem Zimmer, unfähig, der Ohnmächtigen Hülfe zu leisten. Felix stürzte auf mich zu und riß mich mit übermenschlicher Kraft von seinem Vater weg, an dessen Kniee ich mich geklammert hatte. Im Übermaß der Wut warf er mich zu Boden und schlug wie ein Rasender mit einem Stock auf mich ein. Ich hätte ihm ja leicht die Glieder auseinanderreißen können, wie es der Löwe mit der Gazelle tut. Aber das unendliche Leid nahm mir die Kraft. Ich sah, wie er den Arm zu einem neuen Schlag erhob, da sprang ich auf und rannte aus dem Hause. In der allgemeinen Verwirrung vergaß man mich zu verfolgen.“

Zweifel am Menschen: aus bewunderten Göttern werden Ekel und Abscheu

„Das Buch, aus dem Felix Safie unterrichtete, war Volneys »Zertrümmerte Reiche«. Ich hätte ja den Inhalt des Buches nie erfaßt, wenn nicht Felix immer ausführliche Erläuterungen dazu gegeben hätte. Er hatte dieses Werk gewählt, weil der Stil des Werkes außerordentlich anschaulich war.“

„Der Inhalt jenes Buches regte mancherlei Gedanken in mir an. Waren denn die Menschen wirklich zugleich so mächtig, tugendhaft und groß und doch dabei so lasterhaft und schlecht? Der Mensch erschien mir einmal als der Repräsentant des bösen Prinzips und dann ein andermal wieder als der Inbegriff des Edlen und Göttlichen. Ein großer, tugendhafter Mensch zu sein, das mußte doch das Herrlichste bedeuten, was sich ein denkendes Wesen vorstellen kann; und als tiefste Erniedrigung erschien es mir, lasterhaft und schlecht zu sein, ein Leben zu führen, das nutzloser war als das des blinden Maulwurfs oder des harmlosen Wurmes. Lange konnte ich es überhaupt nicht begreifen, daß es Wesen gäbe, die imstande waren, ihresgleichen zu morden, und warum es Gesetze und Regierungen gab. Aber als ich von Verbrechen und Blutvergießen erzählen hörte, wunderte ich mich nimmer, sondern wandte mich voll Ekel und Abscheu ab.

Jedes Gespräch der Hausbewohner eröffnete mir neue Perspektiven. Bei Gelegenheit der Belehrungen, die Felix der Fremden gab, erfuhr ich auch von dem seltsamen System der menschlichen Gesellschaft. Ich hörte von Teilung des Besitzes, von unermeßlichen Reichtümern und entsetzlichster Armut, von Rang, Abkunft und edlem Blute.

Dieses Kapitel veranlaßte mich, über mich selbst nachzudenken. Ich sah, daß das, was meine Mitmenschen als das Höchste betrachten, edle, fleckenlose Abkunft und Reichtum sind. In seltenen Fällen mochte es ja vorkommen, daß einer, der nur einen dieser beiden Vorzüge besaß, geachtet war; meistens aber betrachtete man einen solchen Menschen als Lump oder Sklaven, der lediglich dazu da ist, seine Kräfte im Dienste weniger Auserwählter zu verbrauchen. Und was war ich? Ich wußte von meiner Entstehung, von meiner Abkunft gar nichts; aber das wußte ich, daß ich kein Geld, keine Freunde mein eigen nannte. Außerdem war ich noch besonders häßlich und mißgestaltet und nicht einmal dasselbe Wesen wie ein Mensch. Ich war beweglicher als ein solcher und kam mit weniger Nahrung aus; ich ertrug mit größerer Gleichgültigkeit Kälte und Hitze und war an Größe und Kraft weit überlegen. Aber wenn ich um mich sah, fand ich niemand, der mir glich. Ich war also eine Abnormität, ein Ungeheuer, ein Schandfleck der Schöpfung, den alle Menschen flohen und von sich stießen.“

Von Menschen verschmäht

„Die Reste des Frühstücks stecke ich in einen Ranzen, den ich zufällig vorfand, und trat meine Reise an, bis ich nach mehreren Stunden, als es Abend werden wollte, ein Dorf erreichte. Wie wunderbar mir alles schien, die Hütten, die kleineren und die ansehnlicheren Häuser! In den Gärten standen noch vereinzelte Gemüsestauden und durch die Fenster konnte ich Milchschüsseln und Käselaibe erkennen, wodurch sich mein Appetit noch steigerte. In eines der schönsten Häuser trat ich ein; aber kaum hatte ich die Schwelle überschritten, als auch schon Kinder schrien und eine Frau ohnmächtig wurde. Das ganze Dorf geriet in Aufruhr. Manche flohen, manche aber griffen mich an, bis ich, vertrieben durch Steinwürfe, auf die Felder hinaus entwich.“

Einsames Monster

„Andere Dinge, die ich hörte, wirkten noch niederdrückender auf mich. Ich erfuhr vom Unterschied der Geschlechter, von der Geburt und der Erziehung der Kinder; von dem glücklichen Lächeln des Vaters, von der Liebe und Hingebung der Mutter; von Bruder, Schwester und all den anderen Verwandtschaftsgraden, die die Bande bezeichnen, die die Menschen unter einander bindet.

Aber wer sind meine Freunde und Verwandten? Kein Vater hat meine Kinderjahre behütet, keine Mutter mir ihre Liebe und Zärtlichkeit geschenkt; oder wenn es doch so war, dann war mein bisheriges Leben ein Traum, von dem ich nichts mehr weiß. So weit meine Erinnerung reichte, ich war immer derselbe, wie ich damals war, und hatte an Größe und Gestalt mich nicht verändert. Ich kannte niemand, der mir ähnlich war oder der sich die Mühe genommen hätte, sich mit mir zu beschäftigen. Was war ich, woher kam ich? Das waren die Fragen, die sich in mir erhoben und auf die ich keine Antwort fand als meine Seufzer.“

„Zuweilen gestattete ich sogar meinen Gedanken sich ein Paradies vorzugaukeln, in dem ich mit lieblichen Wesen, die mich verstanden, zusammenlebte; engelgleiche Gesichter lächelten mir Trost und Zuversicht zu. Aber alles war nur Wahn; keine Eva linderte mein Leid oder teilte meine Sorgen; ich war allein. Ich erinnerte mich der Worte, mit denen Adam vor seinen Schöpfer trat. Aber wer war der meine? Er hatte sich von mir gewandt und voll tiefster Erbitterung hatte ich nur Flüche für ihn.“

„Schließlich suchte ich Zuflucht in diesen Bergen und durchstreifte ihre tiefsten Schluchten, verzehrt von einer brennenden Leidenschaft, die nur du allein befriedigen kannst. Du wirst diesen Platz nicht verlassen, ehe du mir versprochen hast, meine Bitte zu erfüllen. Ich bin allein und unglücklich. Mit Menschen werde ich nie verkehren können, das habe ich gesehen; aber ein Wesen, das ebenso häßlich und mißgestaltet ist wie ich, wird mir seine Neigung nicht versagen. Meine Genossin muß von derselben Art sein wie ich und dieselben Mängel haben. Dieses Wesen mußt du mir schaffen.“

„Teuflische Wut leuchtete aus seinen Augen, als er dies sagte. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer unbeschreiblich schrecklichen Grimasse; aber rasch beherrschte er sich und fuhr ruhiger fort:

»Doch ich hatte ja die Absicht, vernünftig mit dir zu reden. Diese Leidenschaftlichkeit hat keinen Zweck, denn du bist dir ja doch nicht im klaren, daß du alles verschuldet hast. Ein einziger Mensch nur sollte mir sein Wohlwollen beweisen, und um dieses Einen willen würde ich Frieden schließen mit seinem ganzen Geschlecht. Aber ich will nicht in Träumen schwelgen, die doch nie zur Wirklichkeit werden. Was ich von dir fordere ist gerechtfertigt und bescheiden. Ich verlange ein Wesen, das von mir geschlechtlich verschieden, aber ebenso häßlich ist wie ich. Es ist nur wenig, was ich von dir erbitte, aber es ist mir genug. Wahr ist ja, daß wir Ungeheuer sind, die mit der Welt nichts zu schaffen haben; aber umso lieber werden wir einander sein. Wir werden kein glückliches Leben führen, aber wir werden niemand etwas zu Leide tun. O mein Schöpfer, tu mir das zu Liebe; ich will dir für diese eine Wohltat unbegrenzt dankbar sein. Laß mich sehen, daß wenigstens ein lebendes Wesen Mitleid mit mir hat und schlage mir meine Bitte nicht ab.«“

»Wenn du tust, um was ich dich bitte, sollst weder du noch irgend ein anderes menschliches Wesen fürderhin noch etwas von mir hören. Ich will in die weiten Urwälder Südamerikas gehen. Meine Nahrung ist nicht die blutige der Menschen. Ich vernichte nicht Lämmer und Ziegen, um meinen Hunger zu stillen; Nüsse und Beeren genügen mir. Da meine Genossin ebenso beschaffen sein wird wie ich, wird auch sie mit der gleichen Nahrung vorlieb nehmen. Wir werden uns unser Lager aus trockenen Blättern bereiten und die Sonne wird uns ebenso warm scheinen wie den Menschen. Das Bild, das ich dir von unserem künftigen Leben entwarf, ist gewiß ein friedliches und harmloses, und nur in verbohrter Grausamkeit und starrem Eigensinn kannst du mir die Gewährung meiner Bitte versagen. Erbarmungslos warst du bisher gegen mich, aber nun sehe ich deine Augen in einem Schimmer von Mitgefühl leuchten. Laß diesen Augenblick nicht vorübergehen, ohne mir zu versprechen, daß du das tun wirst, um was ich dich bat

»Du hast mir ja allerdings versprochen, mit deiner Genossin die Wohnstätten der Menschen zu fliehen und dich in jenen Gegenden niederzulassen, wo nur die Tiere der Wildnis deine Wege kreuzen. Aber wer gibt mir Gewißheit, daß du, der du dich doch so sehr nach der Liebe der Menschen sehnst, es in deinem Asyl aushalten wirst? Du wirst zurückkehren und dich wieder den Menschen zu nähern versuchen und wieder auf ihre Abneigung stoßen. Dein Haß wird von neuem auflodern und du wirst dann nicht mehr allein sein bei deinem Zerstörungswerke. Und das darf nicht sein; gib dir keine Mühe mehr, ich darf nicht ja sagen.«

»Wie unverlässig sind doch eure Gefühle! Eben noch warst du fast gewonnen und nun verschließest du dich plötzlich wieder meinen Bitten. Ich schwöre dir bei der Erde die mich trägt, bei dir selbst, mein Schöpfer, daß ich mit meiner Genossin weit, weit fortgehen werde von den Plätzen, wo Menschen wohnen. Mein Haß wird dann verlöschen, wenn ich einmal nur Wohlwollen gegen mich sehe. Mein Leben wird in Ruhe dahinfließen, und wenn ich sterben muß, dann kann ich dankbar dessen gedenken, der mich geschaffen

»Was soll das heißen? Ich will nicht mit mir scherzen lassen, sondern ich verlange eine strikte Antwort. Wenn ich nicht Liebe finde, ist Haß und Verbrechen mein gutes Recht. Liebe allein vermag das Schlimme, das in mir lauert, zu verhüten, und ich werde ein Geschöpf werden, von dessen Existenz niemand eine Ahnung hat. Meine Verbrechen sind nur Früchte der verhaßten Einsamkeit und meine Tugenden werden dann zur vollen Geltung kommen, wenn ich mit einem Anderen mein Leben teilen kann. Ich werde mit einem fühlenden Wesen zusammen sein und meine Existenz wird ein Glied bilden in der Kette der Existenzen und Ereignisse, wie ich es mir erhofft

Ich dachte noch eine Zeitlang über alles nach, was er mir erzählt hatte, und erwog das Für und Wider. Ich war mir klar, daß sein ursprünglich gutmütiges Wesen durch die schlechte Behandlung von Seiten aller, die ihm begegneten, verdorben worden war. Und in meinen Erwägungen spielten seine außergewöhnliche Kraft und die Drohungen, die er ausgestoßen, eine bestimmende Rolle. Ein Wesen, das, wie er, in den Eishöhlen der Gletscher wohnen und sich vor allen Verfolgungen in die unzugänglichsten Schroffen der Gebirge flüchten konnte, durfte nicht unterschätzt werden."

Monster zwischen Gut und Böse

Damals erschien mir jedes Verbrechen wie ein Übel, das vollkommen außerhalb meines Gesichtskreises lag. Ich meinte es wirklich gut und hoffte, ein nützliches Glied der kleinen Gesellschaft werden zu können, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte.“

„»Alle Menschen verfolgen mich mit ihrem Haß. Und warum muß ich gerade so gehaßt werden, der ich doch selbst so über alle Maßen elend bin? Und auch du, mein Schöpfer, du fluchst und zürnst mir, deinem Geschöpf, mit dem dich doch Bande verknüpfen, die nur durch die Vernichtung eines von uns beiden gelöst werden können.

Habe ich noch nicht genug Leid getragen, daß auch du es noch vergrößern mußt? … Frankenstein, du bist gerecht und gut gegen andere, nur gegen mich allein, der deiner Liebe, Güte und Gerechtigkeit am meisten bedarf, bist du grausam und hart. Bedenke doch, daß ich ein Werk deiner Hände bin! Eigentlich sollte ich der Adam sein, aber ich bin mehr der gefallene Engel, einer, den du aus dem Paradies vertreibst und elend machst. Überall sehe ich Freude und soll doch ihrer nie teilhaftig werden. Ich war gut und wohlwollend; das Unglück hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Verschaffe mir das Glück und ich will stille sein.«“

„Kann denn kein Bitten, kein Flehen dich bewegen, gnädig auf dein Geschöpf zu blicken, das dich um Güte und Mitleid bittet? Glaube mir, Frankenstein, ich war anfangs nicht böse, in meiner Seele wohnten Güte und Liebe; aber ich bin allein, so furchtbar allein. Du, mein Schöpfer, verabscheust mich, und was habe ich von deinen Mitmenschen zu erwarten, die mir so gar nicht nahestehen? Sie hassen und verfolgen mich. Die öden Berghalden und traurigen Gletscher sind meine Zufluchtsorte. Ich habe mich hier so manchen Tag aufgehalten. Die Eishöhlen, die allein ich nicht fürchte, sind meine Wohnstätten, und um sie beneidet mich kein menschliches Wesen. Ich segne diesen kalten Himmel, denn er ist gütiger mit mir als deine Mitmenschen. Glaube mir, es wissen ja nicht viele von meiner Existenz; aber wenn das der Fall wäre, dann würden sie sich, wie du, zu meiner Vernichtung entschließen.“

Böses Monster

„Ich sank auf den feuchten Boden nieder und grübelte über mein Elend nach. Unter den Millionen Menschen war nicht einer, auch nicht einer, der mir geholfen oder auch nur Mitleid mit mir gehabt hätte, und ich sollte gegen meine Feinde mild und gut sein? Nein! In diesem Augenblick erklärte ich dem ganzen verruchten Geschlecht Krieg bis aufs Messer, und besonders dem, der mich gebildet und an all dem unsäglichen Leid Schuld trug.“

„Den Rest des Tages verbrachte ich in meinem Schuppen und gab mich der tiefsten Verzweiflung und dumpfem Schmerze hin. Meine Beschützer waren fort und hatten so das einzige Band zerrissen, das mich an die Welt fesselte. Es war das erste Mal, daß Gefühle der Rachsucht und des Hasses in meiner Brust Raum fanden, und ich gab mir keine Mühe sie zu unterdrücken. Ich ließ mich von dem Strome tragen, der mich zu Verbrechen und Mord hinführte. Der Gedanke an meine Freunde, an die milde Stimme des Greises, die schönen Augen Agathes und an den Liebreiz Safies verdrängte immer wieder auf kurze Zeit meine bösartigen Gefühle. Aber wenn ich mir überlegte, daß sie mich vertrieben, mich geschlagen hatten, dann kehrte die Wut wieder, eine maßlose Wut; und da kein menschliches Wesen da war, an dem ich meine Raserei hätte austoben können; stürzte ich mich auf Unbelebtes. Als es Nacht wurde schleppte ich alles Brennbare, dessen ich habhaft werden konnte, in der Nähe des Hauses zusammen und zerstörte im Garten jede Spur der pflegenden Menschenhand. Dann wartete ich, bis der Mond unterging, um mein Werk zu vollenden.

Ein frischer Wind kam aus dem nächtlichen Walde und zerstreute die Wolken, die am Himmel hingen. Ich ergriff einen trockenen Ast, zündete ihn an und tanzte dann wie ein Toller um das dem Verderben geweihte Haus. Immer wieder blickte ich nach dem westlichen Horizont, hinter dem der Mond schon zum Teil versunken war. Und als der glutrote Ball gänzlich untergetaucht war, warf ich mit lautem Schrei den Brand in die aufgehäufte Streu. Prasselnd schlugen die Flammen auf, umfluteten bald das ganze Gebäude und leckten, gepeitscht vom rauschenden Winde, mit ihren spitzen, zerstörenden Zungen an den Wänden hinauf.

Ich wartete nur so lange, bis ich erkannt hatte, daß keine Macht der Erde auch nur das Geringste noch zu retten vermochte, und verkroch mich dann in den Tiefen des Waldes.“

„O Erde, wie oft habe ich dir geflucht und dem, der mich schuf! Meine natürliche Gutmütigkeit war dahin und hatte sich in Gift und Galle verwandelt. Je näher ich deiner Heimat kam, desto heißer erwachte die Sehnsucht nach furchtbarer Rache. Schnee und Eis hielten meinen Schritt nicht auf. Im großen und ganzen war es wohl nur Zufall, daß ich  mich zurechtfand. Mein Wunsch, dir gegenüberzutreten, ward immer heftiger und beschleunigte meine Schritte, und jedes Hindernis, das sich mir in den Weg stellte, gab meiner Wut und meinem Zorn nur noch mehr Nahrung. Und ein Abenteuer, das ich erlebte, als ich die Schweizer Grenze erreichte – es war schon wieder warm geworden und die Erde hatte ihr grünes Kleid angelegt – war besonders geeignet, meine Bitterkeit und meine Wut aufs höchste zu steigern.

Wie ich schon erwähnte, pflegte ich nur des Nachts zu wandern und des Tages zu ruhen, um ungesehen zu bleiben. Eines Morgens aber entschloß ich mich doch, meinen Weg weiter fortzusetzen, da er, wie ich bemerkte, durch dichtes Holz führte, so daß ich das Antlitz des Tages nicht zu scheuen hatte. Es war ein herrlicher Frühlingstag und selbst ich empfand wohltuend den warmen Sonnenschein und die milde Luft. Und ich fühlte sogar Freude und Behagen, die ich in mir vollkommen gestorben wähnte. Halb überrascht davon, gab ich mich ihrem Zauber hin und wagte es, meine Einsamkeit und Häßlichkeit vergessend, glücklich zu sein. Lindernde Tränen rannen mir die Wangen herab und ich erhob dankend meinen Blick zu der lachenden Sonne, die das Wunder in mir gewirkt hatte.

Ich wand mich vorsichtig auf den Waldwegen dahin, bis ich an eine Schlucht kam, durch die ein wilder Bach dahinbrauste. Die Uferbäume hingen ihre sprossenden Zweige in die klare, frische Flut. Ich blieb einen Augenblick stehen, um mir zu überlegen, wie ich weiter käme als ich Stimmen vernahm. Rasch verbarg ich mich unter einem dichten Baum. Kaum war das geschehen, als ein junges Mädchen in vollem Laufe dahereilte. Sie lachte laut und herzlich, als spotte sie eines Verfolgers. Sie lief dann am Ufer entlang. Plötzlich glitt sie aus und stürzte in die Fluten. Ich sprang aus meinem Versteck ihr nach und brachte sie mit großer Mühe aufs Trockene. Sie war bewußtlos und ich bemühte mich, sie wieder ins Leben zurückzurufen, als sich ein Landmann näherte, wahrscheinlich der, vor dem sie geflohen war. Kaum hatte er mich erblickt, so drang er schon auf mich ein, riß das Mädchen aus meinen Armen und zog sich eilig mir ihr tiefer ins Gehölz zurück. Ich rannte ihm nach, warum weiß ich heute noch nicht. Als der Mann bemerkte, daß ich ihm folgte, riß er seine Flinte von der Schulter, zielte auf mich und schoß. Ich sank zu Boden und sah meinen Gegner gerade noch im dichten Walde verschwinden.

Das also war der Lohn für das Gute, was ich getan! Ich hatte einen Menschen vor dem sicheren Tode gerettet; dafür hatte ein Geschoß mein Fleisch durchbohrt und einen Knochen zerschmettert. Die Schmerzen, die meine Wunde verursachte, ließen mich rasch die frohen Gefühle vergessen, die ich noch kurz vorher gehegt, und in mir erwachte wieder eine höllische Wut, die meine Zähne knirschend aufeinanderpreßte. Gepeinigt von gräßlichen Schmerzen schwor ich dem ganzen verhaßten Geschlecht der Menschen ewige Rache.

Einige Wochen führte ich ein elendes Dasein in den Wäldern, bemüht, meine Wunde zu kurieren. Die Kugel war in die Schulter eingedrungen und ich wußte nicht, saß sie da noch fest oder war sie hindurchgegangen. Jedenfalls hatte ich keine Möglichkeit sie zu entfernen. Am meisten schmerzte es mich, daß es Undank und Ungerechtigkeit waren, denen ich diese Leiden zu verdanken hatte. Mein Wunsch nach Rache, nach furchtbarer, tödlicher Rache wuchs von Tag zu Tag. Umsonst wollte ich diese Kränkungen und Qualen nicht erduldet haben.

Es dauerte einige Wochen, bis meine Wunde geheilt war; dann setzte ich meine Wanderung fort. Auch die liebliche Sonne und das milde Wehen des Frühlingswindes waren nicht mehr imstande, die Glut meiner Rachegefühle zu besänftigen. Alles Liebliche schien mir wie ein Hohn, der mich mit Verzweiflung erfüllte und mich nur noch mehr fühlen ließ, daß ich nicht zur Freude auf dieser Erde war.

Allmählich näherte ich mich meinem ersehnten Ziele. Nach etwa zwei Monaten hatte ich Genf erreicht.“

„»Du bist im Irrtum«, erwiderte der Dämon. »Und anstatt dir zu drohen, bitte ich dich, meinen Vernunftgründen dein Ohr zu leihen. Ich bin nur schlecht, weil ich elend bin. Verfolgen und hassen mich nicht alle, die mich erblicken? Du, mein Schöpfer, du würdest mich frohlockend in Stücke reißen. Sage mir, warum soll ich mit den Menschen mehr Mitleid haben als sie mit mir? Du würdest dich keines Mordes schuldig fühlen, wenn du mich, das Werk deiner Hände, in eine dieser Eisspalten werfen und zerschmettern könntest. Soll ich jemand achten, der mich verachtet? Glaube mir, wenn jemand sich entschließen könnte, gut gegen mich zu sein, ich würde es ihm mit Tränen der Dankbarkeit in den Augen danken und ihm alles Gute tun, was in meiner Macht stünde. Aber das wird ja nie geschehen; die menschlichen Sinne bilden unüberwindliche Hindernisse. Doch gedenke ich nicht, mich ohne weiteres zu fügen. Ich will mich für das Erlittene rächen. Wenn ich nicht Liebe einflößen kann, dann will ich Furcht und Entsetzen verbreiten. Und ganz besonders dir, meinem Schöpfer, meinem Erzfeind, schwöre ich unauslöschlichen Haß. Hüte dich! Ich will an deinem Verderben arbeiten und nicht enden, ehe ich dich so unglücklich gemacht, daß du der Stunde deiner Geburt fluchst.«“

„Soll ich denn die nicht hassen dürfen, die mich so verabscheuen? Und ich lasse nicht mit mir spaßen. Ich bin elend und verflucht und sie sollen es auch werden. Du hast es in der Gewalt, mich versöhnlich zu stimmen und die Welt von einem Ungeheuer zu befreien, das nicht nur dich und die Deinen, sondern auch Tausende anderer im Wirbelwinde seines Zornes zermalmen kann.“

„An dir liegt es, ob ich dann die Nähe der Menschen fliehe und irgendwo versteckt ein harmloses Dasein führe oder dir und vielen anderen zum Würger werde.“

Frankenstein entscheidet sich gegen sein eigenes Wohl und für das der Menschheit

Frankenstein: „Dabei gingen mir allerlei seltsame Gedanken durch den Kopf und ich ward mir eigentlich zum ersten Male bewußt, welche Folgen mein Beginnen haben könnte. Drei Jahre früher hatte ich mich ja schon in der gleichen Weise beschäftigt und ein Wesen geschaffen, dessen barbarische Grausamkeit mich tief unglücklich gemacht und mein Gewissen für immer aufs Furchtbarste belastet hatte. Ich war nun daran, ein zweites Geschöpf zu bilden, von dessen Eigenschaften ich im voraus ja auch nichts wissen konnte. Es konnte noch viel tausendmal schlimmer werden als sein Vorgänger und ebenfalls an Mord und Grausamkeit seine Freude haben. Jener hatte ja geschworen, daß er sich aus dem Angesicht der Menschheit zurückziehen und sich in irgend einer Wüste verbergen werde. Aber wer bürgte mir dafür, daß die neue Kreatur sich dem Pakt, der vor ihrer Entstehung geschlossen ward, fügen würde? Es war auch nicht unmöglich, daß die beiden Ungeheuer sich gegenseitig mißfielen, denn mein Dämon hatte schon seinen eigenen Anblick hassen gelernt und war vielleicht enttäuscht, wenn ihm seine Häßlichkeit in weiblicher Gestalt gegenübertrat. Auch das neugeschaffene Weib konnte sich vielleicht entsetzt von der Mißgestalt seines Genossen abwenden und an der menschlichen Schönheit Gefallen finden. Mein Dämon war dann wieder allein, nur daß ihn das Bewußtsein, sogar von seinesgleichen verabscheut zu werden, noch rasender machte.

Und wenn sie nun wirklich aneinander Gefallen fanden und zusammen Europa verließen, war es da nicht selbstverständlich, daß ihrer Verbindung Nachkommenschaft entsprang? Und war dieses Geschlecht von Teufeln nicht ganz geeignet, die Existenz des Menschengeschlechts zu gefährden, sie zumindest aber zu einer schreckensvollen zu machen? Durfte ich um meinetwillen einen solchen Fluch auf die kommenden Generationen laden? Ich hatte mich durch die Sophismen des Dämons bestimmen lassen und seine fürchterlichen Drohungen hatten meinen Widerstand gebrochen. Nun kam mir zum ersten Male die ganze Verruchtheit meines Versprechens zum Bewußtsein. Ich schauderte bei dem Gedanken, daß man in späteren Zeiten meinem Andenken fluchen werde, als dem eines Mannes, der um seines eigenen Friedens willen die ganze Existenz der Menschheit verkauft hatte.“

„Als ich dieses Gesicht voll Bosheit und Grausamkeit erblickte, ergriff mich bei dem Gedanken, daß ich mich verpflichtet hatte, ein ihm ähnliches Wesen zu schaffen, eine furchtbare Raserei und ich zertrümmerte das Werk meiner Hände. Der Dämon sah, wie ich das vernichtete, auf dessen künftige Existenz er seine ganzen Glückshoffnungen aufgebaut hatte, und verschwand mit einem Geheul satanischer Rachsucht vom Fenster. Ich verließ das Laboratorium, verschloß dessen Tür und legte mir selbst das Gelübde ab, diese Arbeit nie wieder aufzunehmen."

„Das Ungeheuer sah, daß ich festen Willens war, und knirschte in hilfloser Wut mit den Zähnen. »Soll denn jeder Mensch,« schrie er, »ein Weib finden, das er in die Arme schließen kann, und jedes Tier sein Weibchen haben? Und soll ich allein bleiben? Ich hatte das Beste gewollt und das vergilt man mir mit Haß und Abscheu. Meinetwegen hasse mich; aber sei auf der Hut! Dein Leben soll in Gram und Leid dahinfließen, und bald wird der Riegel fallen, der dich von aller Freude abschließen soll. Du sollst nicht glücklich sein, während ich nach einem bißchen Licht und Freude schmachte. Du kannst alle meine Wünsche unterdrücken, aber nicht meine Rache; die Rache soll mir heilig sein und mir vorgehen vor Sonne und Nahrung. Und wenn ich untergehe, dann mußt vorher du, mein Tyrann, mein Quäler, dem Lichte geflucht haben, das deinem Elend geleuchtet. Hüte dich! Ich fürchte nichts und deshalb bin ich stark. Ich will listig wie eine Schlange warten, bis ich dir den Giftzahn ins Fleisch schlagen kann. Du sollst das Unrecht bereuen, das du an mir getan!«“

Das Monster ermordet tatsächlich das gesamte private Umfeld des Victor Frankenstein. Dieser macht Jagd auf das Monster, um es zu töten und verfolgt es bis in die unwirtlichsten Gegenden dieser Erde. Nun wäre es für das Monster ein leichtes, Frankenstein zu töten, lässt sich aber von ihm verfolgen und gibt ihm immer wieder Zeichen, dass Frankenstein die Spur nicht verliert.

Letztendlich kommt Frankenstein zu Tode auf einem Schiff im Polarmeer.

Das Ende des Monsters

„»Auch du bist mir zum Opfer gefallen!« schrie er. »Und mit deinem Tode ist die Reihe meiner Greueltaten zu Ende; ich habe meine grausige Aufgabe erfüllt. O Frankenstein, du edles, hingebendes Geschöpf! Was hilft es, daß ich dich jetzt um Verzeihung bitte? Ich, der dich unerbittlich zu Grunde richtete, indem ich dir alles nahm, was dir ans Herz gewachsen war. Leider bist du nun tot und kannst mir nicht mehr antworten.«

Seine Stimme erstickte in Schluchzen, und meine anfängliche Absicht, den Wunsch meines sterbenden Freundes zu erfüllen, wich einem seltsamen Gefühl von Neugierde und Mitleid. Ich näherte mich dem Unglücklichen, aber ich wagte es nicht ihn anzusehen, so sehr hatte mich sein erster Anblick bestürzt und entsetzt. Ich versuchte zu sprechen, aber die Worte wollten mir nicht über die Lippen. Unterdessen erging sich der Dämon in schrecklichen, wilden Selbstvorwürfen. Schließlich aber zwang ich mich doch, ihn anzureden: »Eure Reue kommt zu spät! Hättet Ihr früher auf die Stimme des Gewissens gehört, statt in sinnloser, blutiger Rache zu schwelgen, dann wäre Frankenstein heute noch unter den Lebenden.«

»Bilden Sie sich ein, glauben Sie wirklich,« erwiderte das Ungeheuer, »daß ich nicht besseren Regungen zugänglich war? Er,« dabei deutete es auf den Toten, »er litt nicht so viel wie ich, nicht den zehntausendsten Teil davon. Aber es drängte mich unaufhaltsam vorwärts auf der eingeschlagenen Bahn, trotzdem mich die Gewissensbisse unsäglich peinigten. Glauben Sie, daß mir das Geröchel Clervals Musik war? Mein Herz war geschaffen für Liebe und Mitleid und es litt schwer darunter, daß ich von einem grausamen Schicksal dazu verdammt ward, meinen Weg durch Blut und Tränen zu gehen.«

»Nach dem Tode Clervals kehrte ich in die Schweiz zurück, gebrochen und elend. Ich bemitleidete Frankenstein, und dieses Mitleid wurde zum Entsetzen, zum Entsetzen über mich selbst. Aber als ich bemerkte, daß er, der Urheber meines Lebens und damit meiner unbeschreiblichen Leiden, es wagte, an Erdenglück zu denken; daß er, der Schmerz und Verzweiflung über mich gebracht hatte, nun daran ging, Liebe und Seligkeiten zu genießen, die mir auf ewig versagt waren, da ergriff mich von neuem grimmiger Haß und brennender Rachedurst. Ich erinnerte mich meiner Drohung und beschloß, sie auch wahr zu machen. Ich wußte, daß ich mir selbst wieder neue Qualen schuf; aber ich war der Sklave meiner Leidenschaft, die ich selbst verabscheute, der ich aber gehorchen mußte. Wie, wenn sie stürbe, dann wäre mein Durst gestillt! Ich hatte alles Mitleid vergessen, ich unterdrückte meine Angst, um ganz in der Grausamkeit meiner Verzweiflung schwelgen zu können. Und von da an machte mir das Grausame Freude. Nachdem ich einmal so weit war, gab ich mich willenlos der Leidenschaft hin. Die Erfüllung meiner teuflischen Bestimmung ward mir eine Genugtuung. Und nun ist es zu Ende; hier liegt mein letztes Opfer.«

Zuerst rührten mich diese Ausbrüche seiner Reue, diese Schilderungen seines Elends; aber dann erinnerte ich mich dessen, was Frankenstein von der Beredsamkeit und dem bestechenden Wesen des Dämons mir gesagt hatte. Und als meine Blicke auf die irdischen Reste meines Freundes fielen, ergriff mich Groll und Haß. »Verfluchter,« sagte ich, »nun kommt Ihr und klagt über das Unheil, das Ihr angerichtet. Ihr habt eine brennende Fackel in das Haus geworfen, und nun sitzt Ihr auf den Trümmern und weint über die Zerstörung. Heuchlerischer Teufel! Wenn dieser hier wieder aufstünde, so würde er von neuem das Ziel eurer grausamen Rachsucht sein. Es ist nicht Mitleid, was Ihr fühlt; Ihr jammert nur darüber, daß euch euer Opfer aus den Krallen geglitten ist.«

»Nein, nein – so ist es nicht, wenn auch der Augenschein gegen mich spricht. Ich erhoffe mir jetzt keine Genossin mehr in meinem Elend, und Liebe wird mir nimmermehr zuteil werden. Ja, als ich noch gut war, sehnte ich mich danach, dadurch glücklich zu werden, daß ich selber glücklich machte. Aber mit der Güte ist es vorbei und die Hoffnung auf Glück hat sich in bittere Verzweiflung gewandelt, in der ich keines Mitgefühls mehr bedarf. Ich bin zufrieden, wenn ich mein Leid allein tragen kann; lange wird es ja ohnehin nicht mehr dauern. Einst schwoll mein Herz in stolzen Hoffnungen von Ruhm, Ehre und Freude. Ich war so töricht zu glauben, daß ich Wesen finden könnte, die, über meine äußerliche Häßlichkeit hinwegsehend, das Gute lieben würden, das ohne Zweifel in mir wohnte. Aus den lichten Höhen ward ich herabgestürzt und das Verbrechen hat mich zum Tier gemacht. Keine Schuld, keine Missetat, keine Bosheit, keine Schlechtigkeit, die ich mir nicht zu eigen gemacht hätte. Wenn ich das gräßliche Register meiner Verbrechen im Geiste aufrolle, kann ich mich selbst nicht mehr erkennen. Aber es ist eben so: gefallene Engel werden zu Teufeln. Nur hat der Erzfeind Gottes und der Menschen Genossen seiner Schmach – und ich bin allein.«

»Sie, der Sie Frankenstein Ihren Freund nannten, scheinen über sein Unglück und meine Übeltaten unterrichtet zu sein. Aber mochte er Ihnen alles noch so eingehend erzählen, über die qualerfüllten Stunden, Tage und Monate, die ich durchleben mußte, gab er Ihnen wahrscheinlich ebensowenig Rechenschaft, wie sich selbst. Denn während ich sein Glück, seine Hoffnungen eine nach der anderen vernichtete, blieben meine eigenen Wünsche unbefriedigt. Sie brannten noch lichterloh in mir; immer noch sehnte ich mich nach einer Genossin, nach Liebe und Freundschaft. Lag darin nicht eine grausame Ungerechtigkeit? Warum bin ich der einzige Schuldige, da doch alle sich an mir versündigten? Warum hassen Sie denn nicht Felix, der den Armen mit Schlägen von seiner Schwelle vertrieb? Warum suchen Sie nicht den Bauern, der den Retter seines Kindes mit der Mordwaffe schwer verwundete? Nein, das sind reine, edle, makellose Wesen, und ich, der Unglückliche, Verlassene, bin eine Mißgeburt, die man stoßen und schlagen und treten darf. Noch heute kocht mein Blut, wenn ich dieser Ungerechtigkeit, dieser Schmach gedenke.«

»Ich weiß, ich bin ein Verbrecher. Ich habe liebliches, unschuldiges Leben hingemordet; ich habe die harmlosen Menschen gewürgt, während sie schliefen, und ihnen die Kehle zugedrückt, daß sie starben; und sie hatten doch weder mir noch anderen ein Leid getan. Ich habe mir geschworen gehabt, meinen Schöpfer, eine Zier seines Geschlechtes, einen lieben, anbetungswürdigen Menschen, dem Verderben zu weihen; ich habe ihn verfolgt bis an die Pforten des Todes. Hier liegt er nun, bleich und kalt und starr. Sie hassen mich, aber Ihr Haß, Ihr Abscheu kann lange nicht mit dem verglichen werden, den ich selbst gegen mich empfinde. Ich sehe die Hände an, die das Verruchte getan; ich höre das Herz klopfen, in dessen Tiefen die grausamen Pläne reiften, und ich sehne mich nach der Zeit, da diese Augen nicht mehr die blutigen Hände sehen und die düstren Gedanken schlafen gegangen sein werden.«

»Seien Sie unbesorgt; ich werde nicht länger mehr ein Werkzeug des Bösen sein. Meine Aufgabe ist nahezu vollendet. Weder Ihr Leben noch das eines anderen Menschen brauche ich mehr, um den Ring meiner Verbrechen zu schließen. Mein eigens Leben ist es, das zum Opfer fallen muß. Glauben Sie auch nicht, daß ich noch lange damit warten werde. Ich werde Ihr Schiff verlassen und mich auf meinem Schlitten dahin begeben, wo der Pol ins eisige Weltall hinausragt. Dort will ich mir aus den Trümmern meines Schlittens und aus angespülten Schiffsplanken einen Scheiterhaufen bauen und diesen elenden Leib verbrennen zu Asche, so daß kein sterbliches Auge mich mehr sieht; daß kein Verwegener aus meinen Überresten erraten kann, wie man solche Wesen schafft, wie ich eines bin. Ich werde sterben und frei werden von den namenlosen Qualen, die mir auf Erden beschieden waren. Auch er ist tot, der mich ins Leben rief, und dann wird die Erinnerung an uns bald erloschen sein. Nicht länger mehr darf ich in die Sonne und in die funkelnden Sterne schauen, nicht länger mehr den Hauch des Windes um die Wangen säuseln lassen. Licht, Gefühl und Denken werden dahinschwinden, und dieser Zustand des Nichtmehrseins ist meine Hoffnung. Vor einigen Jahren noch, als sich mir die Augen öffneten für die Schönheiten dieser Welt, als ich den wärmenden Strahl der Sommersonne empfand, das Rauschen der Blätter und das Singen der Vöglein vernahm, da wäre ich nur mit Schmerzen geschieden. Heute ist der Tod mein einziger Trost. Befleckt mit verabscheuungswürdigen Verbrechen, gepeitscht von wahnsinnigen Gewissensbissen, finde ich nirgends anders Ruhe.«

»Leben Sie wohl! Ich gehe von Ihnen, und Sie sind das letzte Menschenwesen, auf dem meine Augen ruhten. Schlafe sanft, Frankenstein. Wärest du noch am Leben und möchtest mich in deiner Rachsucht am bittersten quälen, dann gingest du an mir vorüber, ohne mich zu töten. Aber du wußtest nicht, daß du mir damit eine Wohltat erwiesen hättest. Du warst verflucht, aber die größeren Leiden hatte ich zu tragen; denn die Reue nagt an meinem Herzen und wird nicht eher ruhen, als bis dieses zu schlagen aufgehört hat.«

»Aber bald,« rief er mit feierlichem, ernsten Tone, »werde ich tot sein und das, was ich empfand, nicht mehr länger empfinden müssen. Und dann ist es vorbei mit diesen entsetzlichen Qualen. Jubelnd werde ich meinen Scheiterhaufen besteigen und mich freuen an den lodernden Flammen, die mich umzüngeln. Und die Flamme wird in sich zusammenbrechen und der brausende, frische Wind wird meine Asche weithin über das endlose Meer tragen. Ich werde Frieden finden; und wenn mein Geist noch weiter lebt und denkt, dann werden es andere Gedanken sein als die, die mir das Erdenleben verbittert haben. Lebt wohl!«

Rasch sprang er aus dem Fenster der Kajüte in den Kahn, der längsseits am Schiffe befestigt war. Die Wogen trugen ihn davon, immer weiter und weiter, bis er in der Dämmerung verschwand.“

Die Moral von der Geschicht

Wie bereits vorher erwähnt, gibt es zwei Hauptthemen im Frankenstein:

1. Wg. Äußerlichkeiten wird ein Wesen massiv abgelehnt und aus jeglicher menschlicher Gemeinschaft ausgeschlossen ohne die geringste Chance, auch nur minimal integriert zu werden. Dadurch, dass es nicht integriert ist, ist dieses Wesen eine Art Vorläufer des Wurms und erkennt die Widersprüche zwischen dem, was die Menschen sagen und dem, was sie tun, dem, was sie zu sein vorgeben und dem, was sie wirklich sind. Nachdem es von den Menschen nur Negatives erlebt hat bis hin zum Tötungs-Versuch, nachdem es einem Menschen das Leben gerettet hat, wird dieses Wesen böse und richtet Unheil unter den Menschen an.

Es ist völlig unwichtig, ob es sich bei diesem Wesen um einen künstlich geschaffenen Menschen, einen Außerirdischen, einen Anders-Farbigen oder sonstwie auffälligen Menschen handelt – die Erfahrungen würden sehr ähnlich sein.

Ähnliche Erfahrungen hatte auch Mary Shelley gemacht. Sie, von der nicht bekannt ist, dass sie je etwas Schlechtes dachte oder machte, war seit jeher aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Weil sie in die falsche Familie geboren wurde, die „falschen“ Freunde hatte, einen eher unüblichen Lebenswandel hatte, eine „falsche“ Meinung hatte, rational dachte, nicht genug Geld hatte.

Ihr unmittelbares Umfeld Vater, Mutter, Gemahl, ragten unter den Menschen hervor und wollten nur deren Bestes. Mit dem Ergebnis, dass diese auf die eine oder andere Art und Weise verfolgt und ausgeschlossen wurden. Auch musste sie mehrere Selbstmorde oder Selbstmord-Versuche aus ihrem näheren Umfeld miterleben von Menschen, die unter anderen Menschen bzw. „gesellschaftlichen Zwängen“ litten.

2. Verantwortung des Menschen gegenüber seinen Schutzbefohlenen und Verantwortung gegenüber der gesamten Menschheit

Was wäre aus dem Monster geworden, wenn Victor Frankenstein nicht schreiend davon gerannt wäre, sondern es liebevoll erzogen hätte? Das Monster hat von allen menschlichen Eigenschaften deutlich mehr als der Mensch selbst: es ist schneller, kräftiger und stärker in seinen Empfindungen: Freude, Trauer, Einsamkeit, Wut.

Weitere Themen sind:

3. Möglichkeit der Integration Außenstehender in die Familie bzw. Gesellschaft

Aus dem Nachwort der neu übersetzten Urfassung von Alexander Pechmann:

„Das Vorwort von 1818 unterstreicht die Absicht der Autorin, die „Liebenswürdigkeit familiärer Zuneigung“ darzustellen. Die Tragödie des Romans besteht in der Zerstörung der Familie Frankensteins und im Scheitern des Monsters, in die Familie De Lacey aufgenommen zu werden, die Utopie des Romans besteht in der Beschreibung vorbildlich funktionierender Familien.

Die Familien, die Mary Shelley so liebevoll beschreibt, sind keine geschlossenen, unzugänglichen Gemeinschaften, sie sind überraschend modern, weltoffen und bereit, Außenstehende in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Die Araberin Safie wird umstandslos in die Familie De Lacey aufgenommen. Henry Clerval ist faktisch ein Familienmitglied der Frankensteins, ohne mit ihnen verwandt zu sein. Elisabeth Lavenza wird von Alphonse Frankenstein wie eine Tochter behandelt. Diese „Patchwork-Familien“ entsprechen der Lebenserfahrung der Autorin im Hause ihres Vaters, aber auch in der Ehe mit Shelley, und sie wäre gern bereit gewesen, die beiden Kinder ihres Mannes mit dessen erster Frau Harriet in ihre Familie aufzunehmen. Die Utopie einer familiären Gemeinschaft, die nicht ausschließlich auf gemeinsamer Abstammung oder einer institutionalisierten Lebensgemeinschaft beruht, hat ebenfalls Wurzeln in den theoretischen Werken ihrer Eltern, wird jedoch im Spätwerk immer bedeutsamer und spiegelt nicht zuletzt die Sehnsucht einer Frau, die den Tod ihrer Kinder, ihres Mannes, ihrer engsten Freunde miterleben mußte.“

Das Monster beschreibt es so: „Ich sah, daß das, was meine Mitmenschen als das Höchste betrachten, edle, fleckenlose Abkunft und Reichtum sind.“

4. Kritik am Gerichtswesen

Alexander Pechmann: „Die Familie Westbrook hatte bereits rechtliche Schritte gegen ihn eingeleitet und nutzte seine politisch radikalen und religionskritischen Veröffentlichungen gegen ihn. Plötzlich sah er sich gezwungen, sich für die in Queen Mab enthaltenen Ansichten öffentlich rechtfertigen zu müssen. Das Urteil wurde am 27. März 1817 gefällt. Shelley wurde wegen „höchst unmoralischer Prinzipien“ das Sorgerecht für Ianthe Eliza und Charles Bysshe abgesprochen.“

Ob aus persönlicher Anschauung oder vom Hörensagen glaubwürdiger Zeugen: Mary Shelley war nicht gut zu sprechen auf das Gerichtswesen. Und brachte dies im „Frankenstein“ zum Ausdruck.

„Die Kritik entspricht zudem der Philosophie von Mary Shelleys Vater William Godwin und dessen Angriffen auf das seiner Meinung nach korrupte englische Rechtssystem in seinem Roman Caleb Williams (1794).“

a) Fehlurteil und Todesstrafe Nr. 1 (das Monster hatte Frankensteins kleinen Bruder getötet und der gutmütigen Justine dessen Medaillon untergeschoben):

„Ich befand mich in einer entsetzlichen, geradezu unerträglichen Lage, und als ich an den ernsten Gesichtern der Richter erkannte, daß sie, der Stimme des Volkes entsprechend, die Unselige verurteilen mußten, stürzte ich von Höllenqualen gepeinigt aus dem Saal …

Der Beamte fügte noch bei, daß Justine selbst ihre Schuld eingestanden habe. »In diesem so klaren Falle wäre das ja gar nicht nötig gewesen,« bemerkte er, »aber trotzdem ist es besser so, denn unsere Richter verurteilen nicht gern auf Grund von Indizienbeweisen, mögen sie noch so schlüssig sein.« …

»Ich habe gestanden, aber was ich gestand, war eine Lüge. Ich gestand nur, um Absolution zu erlangen, und nun liegt mir diese Unwahrheit noch schwerer auf dem Herzen als alle meine anderen Sünden zusammen. Gott im Himmel sei mir gnädig! Aber seit ich verhaftet wurde, ließ mein Beichtvater nicht mehr von mir ab; er schalt und drohte mir, bis ich schließlich selbst daran glaubte, daß ich das Ungeheuer war, zu dem er mich machte. Mit Exkommunitation und Schilderung aller Höllenstrafen suchte er mich weich zu machen. Liebste Freundin, ich hatte niemand, der mich gestützt hätte; jeder blickte auf mich wie auf eine Verdammte, deren Los Schmach und Tod war. Was konnte ich tun? In einer schwachen Stunde unterschrieb ich mein erlogenes Geständnis, und nun bin ich erst ganz elend geworden.« …

Justine schüttelte traurig den Kopf. »Ich fürchte den Tod nicht,« sagte sie, »er hat keinen Stachel mehr für mich. Gott wird mir Kraft geben, dieses Schwere zu tragen. Ich scheide aus einer bösen, traurigen Welt, und wenn Ihr meiner in Liebe gedenkt und mir als einer ungerecht Verurteilten euer Mitleid schenkt, dann bin ich für das Schicksal entschädigt, das meiner wartet. Ich habe gelernt, mich ohne Widerstreben in den Willen des Höchsten zu fügen.«“

b) Fehlurteil und Todesstrafe Nr. 2 (das Monster erzählt die Geschichte der Familie de Lacey):

„Der Vater Safies war der Urheber ihres Unglücks. Er war ein türkischer Kaufmann und hatte lange Jahre in Paris gewohnt, als er, ich weiß nicht aus welchem Grunde, der Regierung verdächtig wurde. Er wurde gefangen genommen und in den Kerker geworfen, am gleichen Tage als Safie aus Konstantinopel eintraf. Er wurde verhört und zum Tode verurteilt. Die Ungerechtigkeit dieses Richterspruches lag klar zu Tage und ganz Paris war darüber empört. Man vermutete wohl mit Recht, daß seine Religion und sein Reichtum mehr zu seiner Verurteilung beigetragen hatten, als das ihm zur Last gelegte Verbrechen

Der Tag der Hinrichtung des Gefangenen war nun herangekommen. Aber in der vorhergehenden Nacht war er entwichen und befand sich bei Tagesanbruch schon viele Meilen von Paris entfernt …

Die französische Regierung war über die Flucht ihres Opfers aufs äußerste erbost und sparte keine Mühe und keine Kosten, um den Befreier zu entdecken und zu bestrafen. Bald hatte man eine Spur des Täters, und kurz danach wanderten de Lacey und Agathe ins Gefängnis. Als Felix hiervon Nachricht erhielt, war sein Glückstraum zu Ende. Sein alter, blinder Vater und seine liebliche Schwester schmachteten in kalter, dunkler Zelle, während er in Freiheit war und sich seiner reizenden Geliebten erfreute …Dann riß er sich von dem geliebten Weibe los, eilte nach Paris und stellte sich selbst dem Gericht in der Hoffnung, dadurch seinem Vater und seiner Schwester die Freiheit wiederzuverschaffen.

Aber er hatte keinen Erfolg damit. Fünf Monate blieben sie in Haft, bis endlich die Verhandlung festgesetzt wurde. Das Resultat derselben war, daß ihr Vermögen konfisziert und sie zu lebenslänglicher Verbannung aus ihrem Heimatland verurteilt wurden.“

c) Frankenstein selbst unter Mordverdacht:

„Ich konnte nicht umhin zu fühlen, daß sich die Beweiskette mühelos schließen ließ. Aber da ich ja an dem Abend, an dem man die Leiche gefunden hatte, noch mit mehreren Bewohnern meiner Insel gesprochen hatte, konnte ich verhältnismäßig ruhig den Ereignissen ins Auge sehen …

Tiefste Niedergeschlagenheit hatte sich meiner bemächtigt und ich überlegte mir öfter, ob es nicht besser sei, den Tod zu suchen, als sich an ein Leben anzuklammern, das mir doch nur mehr unermeßliches Leid zu geben hatte. Ich hatte weiter nichts zu tun, als mich schuldig zu bekennen, um, unschuldiger noch als damals Justine, dem Gesetz zu verfallen.

Unterdessen kam der Tag der Verhandlung näher. Ich war schon drei Monate im Gefängnis, und wenn ich mich auch vor Schwäche kaum auf den Beinen halten konnte, so mußte ich doch eine Reise von nahezu hundert Meilen unternehmen, um die Hauptstadt der Grafschaft zu erreichen, wo der Gerichtshof tagte. Herr Kirwin hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben, Entlastungszeugen für mich beizubringen und mir einen tüchtigen Verteidiger zu besorgen. Allerdings blieb es mir erspart, als Angeklagter vor dem Gericht zu erscheinen, das über Leben und Tod entschied. Die vorsitzenden Richter hatten die Anklage fallen lassen, da erwiesen war, daß ich zu der Zeit, als der Leichnam meines Freundes gefunden ward, mich auf einer der Orkneyinseln aufhielt. Vierzehn Tage später war ich frei.“

Was wäre ohne das Engagement des Herrn Kirwin passiert?

d) Das Monster soll vor Gericht

„Ich begab mich zu einem der Richter der Stadt und erhob Anklage gegen den Mörder meiner Familie; ich gab an, ihn zu kennen und forderte, daß mit aller Strenge gegen den Täter vorgegangen werde.

Aufmerksam und freundlich hörte mir der Richter zu. »Seien Sie überzeugt, Herr Frankenstein,« sagte er, »daß ich keine Mühe und Arbeit scheuen werde, um des Schurken habhaft zu werden.« …

Diese Aufforderung rief eine gewaltige Änderung im Verhalten des Beamten hervor. Er hatte mir zugehört mit dem halb gutmütigen Glauben, den man solchen Geschichten von Gespenstern und übernatürlichen Vorgängen zu schenken pflegt. Als er aber sich in dieser Weise aufgefordert sah offiziell einzuschreiten, wurde es wesentlich anders. »Ich möchte ja,« sagte er milde, »Ihnen gern in jeder Hinsicht behülflich sein, aber das Wesen, von dem Sie sprachen, scheint mit Kräften und Eigenschaften ausgestattet zu sein, die alle meine Bemühungen vereiteln würden. Wer könnte diese Bestie fangen, die mühelos Gletscher überquert und sich in Höhlen und Schluchten versteckt, die kein Mensch zu betreten wagen darf? Außerdem sind ja Monate verflossen, seit sich das alles ereignet hat, und wer könnte sagen, wohin er sich gewendet hat, wo er sich jetzt aufhält?« …

Während ich so sprach, mochte es in meinen Augen zornig geblitzt haben, denn der Richter sagte eingeschüchtert: »Sie irren sich. Ich werde bestrebt sein, so weit es in meiner Macht steht, das Ungeheuer zu fangen und es nach seinen Verbrechen zu bestrafen. Aber nach allem, was Sie mir berichtet haben, glaube ich nicht, daß es sich wird ermöglichen lassen, und Sie werden enttäuscht sein.« …

Aber für einen Genfer Richter, dessen Seele ja so unendlich weit von dem entfernt ist, was mit Heroismus zusammenhängt, hatte mein Verhalten nichts anderes bedeutet als die Wutausbrüche eines Irren.“

Es bleibt jedem überlassen, nach seinem Geschmack den Text zu interpretieren und weitere Punkte zu finden. Etwa

5. Realismus

Die Vervollkommnung des Menschen, in Percy B. Shelleys Dichtungen und Godwins Theorien eine Notwendigkeit, erscheint hier als reine Hybris. Man kann das Buch sogar als Satire auf die romantische Idee der Vervollkommnung lesen, denn Godwins Gesellschaftsutopie prophezeite die Überwindung von Krankheit und Tod durch den Menschen. Dies ist im Grunde auch Frankensteins Ziel, doch der Versuch, diesen Traum zu verwirklichen, scheitert hier zwangsläufig an der menschlichen Unvollkommenheit und an einer dunklen Vorbestimmung, der niemand entkommen kann.“

Eine ursprünglich gute Idee wird ihrem Schicksal überlassen und artet schließlich aus - darauf deutet auch Ingolstadt als Studienort des Victor Frankenstein hin. Mal davon abgesehen, dass zur Zeit des Romans die medizinische Fakultät in Ingolstadt als überaus fortschrittlich galt:

„Die Universität Ingolstadt war Mary Shelley als Gründungsort des Illuminatenordens (1775) bekannt, der sich einer radikalen Aufklärung verpflichtete und von einigen Autoren mit der Französischen Revolution in Zusammenhang gebracht wurde. Die entsprechenden Informationen hatte sie aus einem Buch über die Geschichte des Jakobinismus, das sie 1814 und 1815 gemeinsam mit Percy B. Shelley gelesen hatte: Abbé Augustin Barruel: Mémoires pour servir à l’histoire du Jacobinisme (1797).“

6. Materialismus

„Safie teilte ihm mit, daß ihre Mutter eine Christin gewesen, die von den Türken gefangen genommen und in die Sklaverei abgeführt worden war. Bezwungen von ihrer Schönheit, hätte ihr, Safies Vater, sie zum Weibe genommen. Das junge Mädchen sprach in den Ausdrücken tiefster Liebe und Verehrung von ihrer Mutter, die, in Freiheit aufgewachsen, die Knechtschaft, in der sie leben mußte, sehr schmerzlich empfand. Sie unterrichtete ihre Tochter in den Lehren ihrer Religion und riet ihr, stets nach höheren geistigen Gütern und nach geistiger Freiheit zu streben, die ja den Mohammedanerinnen strenge verboten ist. Die Frau starb, aber ihre Lehren hatten sich Safies Geist tief eingeprägt, die der Gedanke, nach Asien zurückkehren und sich in irgend einen Harem einsperren lassen zu müssen, tief niederdrückte; denn die kindischen Vergnügungen, die allein ihr dort erlaubt sein würden, hätten schlecht zu dem gepaßt, was sie sich in Europa an großen Ideen angeeignet hatte. Die Aussicht, einen Christen heiraten und in einem Lande bleiben zu dürfen, wo auch der Frau es möglich war, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, bereitete ihr Entzücken.“

Das ist so ziemlich das Einzige, was beim „Frankenstein“ etwas mit Religion zu tun hat. Und auch nur als Mittel zum Zweck: „stets nach höheren geistigen Gütern und nach geistiger Freiheit zu streben“ gehört nicht zu den ersten Zielen von Religion.

„Nachdem die Zeremonie vorüber war, versammelte sich eine große Gesellschaft im Hause meines Vaters.“

„Die Zeremonie“ war die Heirat Victor Frankensteins mit Elisabeth und war der einzige Satz zu diesem Thema. Weitere religiöse „Zeremonien“ wie etwa Beerdigungen (immerhin kommen ja einige Menschen zu Tode) kommen so gut wie gar nicht vor; die einzig nennenswerte religiöse Gestalt ist jener unselige Beichtvater, der die unschuldige Justine dazu nötigt, sich schuldig zu bekennen.

Offensichtlich leben die beiden glücklichen Familien Frankenstein und de Lacey ganz gut, rechtschaffen und harmonisch ohne Kirchgänge und Gebete.

7. Soziale Frage

Die soziale Frage wird zwar nur am Rande erwähnt, aber sie wird:

„Es war eine Wärterin, die Frau eines der Aufseher, und ihr Gesicht wies unverkennbar die charakteristischen Züge dieser Menschenklasse auf. Es war hart und roh, wie abgestumpft von dem immerwährenden Anblick des Elendes.“

„Bei Gelegenheit der Belehrungen, die Felix der Fremden gab, erfuhr ich auch von dem seltsamen System der menschlichen Gesellschaft. Ich hörte von Teilung des Besitzes, von unermeßlichen Reichtümern und entsetzlichster Armut, von Rang, Abkunft und edlem Blute.

Dieses Kapitel veranlaßte mich, über mich selbst nachzudenken. Ich sah, daß das, was meine Mitmenschen als das Höchste betrachten, edle, fleckenlose Abkunft und Reichtum sind. In seltenen Fällen mochte es ja vorkommen, daß einer, der nur einen dieser beiden Vorzüge besaß, geachtet war; meistens aber betrachtete man einen solchen Menschen als Lump oder Sklaven, der lediglich dazu da ist, seine Kräfte im Dienste weniger Auserwählter zu verbrauchen. Und was war ich? Ich wußte von meiner Entstehung, von meiner Abkunft gar nichts; aber das wußte ich, daß ich kein Geld, keine Freunde mein eigen nannte.“

8. Weitere Punkte

„Frankenstein“ ist ein vielschichtiges Werk und jeder wird für sich weitere, für ihn wichtige Punkte finden.

Einen Punkt wird mensch entweder vergeblich finden, oder wenn, dann ganz weit hinten: Kritik an der Wissenschaft.

Kritik an der Wissenschaft?

„Der nach dem Unmöglichen strebende Wissenschaftler und die Erschaffung eines künstlichen Menschen sind demnach nur Mittel, um dieses moralische Dilemma zu verdeutlichen. Die Schuld Frankensteins liegt nicht in dem Versuch, Gott zu spielen, sondern in seiner Unfähigkeit, sich seines Geschöpfes anzunehmen und es zum Nutzen aller in die menschliche Gemeinschaft zu integrieren. Hier konnte die Autorin erneut auf die Lehren ihres Vaters zurückgreifen: Gut ist, gemäß der utilitaristischen und stoizistischen Moral Godwins, die Mary Shelley zur Grundlage für Frankensteins Handeln macht, was bei möglichst vielen Menschen Gutes bewirkt. Frankensteins Tragödie besteht darin, daß er dieses Ziel stets vor Augen hat – sowohl bei der Erschaffung des Monsters als auch bei der Erkenntnis, daß er es jagen und töten muß, obwohl dies seinen eigenen Tod und den Untergang seiner Familie bedeutet.“

„Wer Mary Shelleys Roman als Wissenschaftskritik liest, wird überrascht sein, daß Victor Frankenstein zunächst keineswegs als Vertreter einer fortschrittlichen und fortschrittsgläubigen Wissenschaft auftritt, sondern sich im Gegenteil mit den halbvergessenen und verlachten Forschungen der Alchimisten beschäftigt – sich also bewußt gegen die moderne Wissenschaft wendet, obwohl er dann die fragwürdigen Ziele seiner okkulten Vorbilder mit modernen Mitteln erreicht.“

Einige der Anspielungen auf verwendete Literatur

„Die Anspielungen auf Godwin, dem der Roman gewidmet ist, und auf seine Philosophie sind zahlreich …“

„Manche Aspekte des Romans Frankenstein haben ihren Ursprung in den zum Teil gemeinsam mit Shelley gelesenen Büchern. Der Untertitel, „Der moderne Prometheus“, stammt aus einer von Hesiod überlieferten Version des antiken Mythos, nach welchem Prometheus Menschen aus Lehm erschuf. In der umfangreichen Aufzählung der Lektüren zwischen 1815 und 1817 finden sich zudem alle wichtigen Vertreter des Schauerromans – William Beckford, M. G. Lewis, Ann Radcliffe, Charles Brockden Brown – neben zeitgenössischen Dichtern wie Coleridge, Wordsworth, Southey und Byron. Klassiker der Antike wurden ebenso verschlungen wie populäre Romane der Zeit. Die Zahl der literarischen Anspielungen, die sich im Roman wiederfinden, ist beeindruckend. Interessant sind vor allem jene Titel, aus denen das Monster seine Bildung bezieht, während es sich in der Scheune der Familie De Lacey versteckt: Miltons Verlorenes Paradies, Goethes Die Leiden des jungen Werther, Plutarchs Lebensläufe sowie Constantine Volneys Ruinen der Weltreiche – Bücher, durch die es zunächst lernt, sich mit menschlichen Gefühlen und Idealen zu identifizieren, um dann durch schmerzliche Erfahrung zu erkennen, wie wenig es mit den Menschen gemein hat.“

Die vom Monster gelesenen Werke von Milton, Goethe und Plutarch sind in der Version von 1831 gestrichen, obwohl es auch dort zahlreiche Verweise auf „Verlorenes Paradies“ gibt.

„Frankenstein“ geht seinen Weg: die Versionen von 1818 und 1831

„Überrascht stellte sie fest, daß ihr Frankenstein in einer von Richard Brinsley Peake bearbeiteten Bühnenfassung im English Opera House ein außerordentlicher Publikumsmagnet war, obwohl sich die Kritiker nicht sonderlich freundlich darüber äußerten und besorgte Christen zum Boykott des Stückes aufriefen. Presumption, or the Fate of Frankenstein markierte den Beginn der zahllosen Bearbeitungen und Popularisierungen von Mary Shelleys Roman, die den Stoff meist auf die Grundidee und die entsprechenden Schaueffekte reduzierten. Dennoch mochte Mary Shelley die spektakuläre Inszenierung und bewunderte die pantomimische Leistung des blau angestrichenen Darstellers des Monsters. Sie besuchte zusammen mit ihrem Vater, ihrem Bruder und Jane Williams eine Aufführung am 28. August und amüsierte sich prächtig.

Der Erfolg von Presumption („Anmaßung“) inspirierte sogleich vier weitere Variationen des Frankensteinstoffes, die im Sommer und Herbst des Jahres 1823 auf Londoner Bühnen Premiere feierten – inklusive einer Parodie und einer Fortsetzung des Autors der ersten Bühnenfassung.“

Aus Alexander Pechmanns „Frankenstein“-Nachwort: „Frankenstein wurde zum Inbegriff des verrückten Wissenschaftlers, der gegen die göttliche Ordnung verstößt und der dafür konsequent bestraft oder zum Besseren belehrt wird. Wie wenig dies mit der Radikalität der ursprünglichen Romanvorlage zu tun hat, offenbart sich erst durch einen Vergleich mit der Urfassung von 1818 …

Auch Richard Brinsley Peakes Theaterstück Presumption, or the Fate of Frankenstein war zunächst aus moralischen Gründen umstritten; es gab sogar öffentliche Proteste und Boykottaufrufe. Bald änderten sich die Stimmen der Kritiker und gaben der simplen Bühnenversion den Vorzug vor dem Roman, der immer noch als schockierend empfunden wurde.

Mary Shelley, die nach Frankenstein weitere Romane, Erzählungen, Dramen und Gedichte verfaßt hatte, war sich der teils heftigen Kritik an ihrem Erstling stets bewußt, und sie konnte den gewaltigen Publikumserfolg der verschiedenen Frankenstein-Dramen und Frankenstein-Farcen auf Londons Bühnen, an denen sie übrigens keinen Penny verdiente, mit einiger Verblüffung beobachten. Dieses genaue Wissen um die Details des Romans, die Anstoß erregten, und Aspekte des Stoffes, die einer Moralisierung dienlich sein konnten, ging in eine überarbeitete Neufassung ein, die 1831 veröffentlicht wurde und die für fast alle modernen Ausgaben und Übersetzungen die Grundlage bildete. Der Frankenstein-Roman, der in den Kanon der Weltliteratur einging, ist demnach nicht die „wunderbare Arbeit eines neunzehnjährigen Mädchens“ (Zitat von Lord Byron), sondern das Werk einer erfahrenen Schriftstellerin, die sich von den Idealen und Persönlichkeiten, die ihre jungen Jahre geprägt hatten, weitgehend emanzipiert und die sich den Mahnungen ihrer Kritiker gebeugt hatte …

In der Überarbeitung wurden viele jener Stellen gestrichen, die Aufschluß über Lektüren und Ideen geben können, welche die junge Autorin beeinflußt hatten. Es wurden Sätze eingefügt, die den Charakter Frankensteins in einem milderen Licht erscheinen lassen. Zusätzlich wurden jene Episoden geändert, die man als Anspielung auf die Familienverhältnisse Percy B. Shelleys hätte verstehen können. Für all diese Änderungen gab es Gründe, doch sie dienten nicht ausschließlich der Verbesserung des Romans, sondern waren zum Teil auf die Lebenssituation Mary Shelleys in den Jahren nach 1822 zurückzuführen, einer jungen Witwe und alleinerziehenden Mutter, die finanziell von ihrem Schwiegervater abhängig war, die durch ihre schriftstellerische Tätigkeit ihr spärliches Einkommen aufzubessern suchte und die sich gleichzeitig von den radikalen gesellschaftskritischen Visionen ihres verstorbenen Mannes und ihres Vaters distanzieren mußte. Diese Distanzierung war notwendig, um dem verbitterten Schwiegervater, Sir Timothy Shelley, keinen Anlaß zu bieten, ihr die regelmäßigen Zuwendungen für die Erziehung ihres Sohnes mit der Begründung zu entziehen, sie würde durch ihre Veröffentlichungen dem guten Ruf der Familie schaden. Sie war aber auch notwendig, um ihre Arbeiten an jene Verleger verkaufen zu können, die ein bürgerliches Publikum bedienten, welches – wie es einer der frühen Kritiker des Frankenstein so treffend ausdrückte – von der Lektüre Erbauung und Amüsement verlangte. Außerdem erschien der Autorin selbst eine gewisse Distanz zu allem, was sie mit der sogenannten „Satanischen Schule“, der zweiten Generation der englischen Romantik, verbunden hatte, durchaus wünschenswert. In den Jahren nach dem Tod ihres Mannes wurden ihr die Rufe derjenigen zunehmend lästig, die unablässig von ihr verlangten, in die Fußstapfen ihrer berühmten Eltern, der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft und des Anarchisten William Godwin, zu treten, um sich für deren politische Zwecke zu engagieren.

Die auffälligste Änderung in der Neufassung des Frankenstein war die ergänzende Einleitung, in der die Ursprünge der Romanidee ausführlich beschrieben werden …

In diesen Zeilen ihrer neuen Einleitung führte Mary Shelley einen aus der moralischen Perspektive ihrer Zeitgenossen notwendigen Aspekt ein, der in der Urfassung völlig fehlte, der aber in den populären Bühnenadaptionen stets im Mittelpunkt stand: Die „Verhöhnung des Weltenschöpfers“ durch Frankensteins „unheilige Künste“, die zwangsläufig entsetzliche Folgen haben muß.“

Den Weg Frankensteins ging auch der Kapitän Robert Walton mit seinem Schiff auf dem Polarmeer. Mensch vergleiche die beiden unterschiedlichen Fassungen:

1818: „Die tapferen Burschen, die ich überredet habe, mich zu begleiten, erwarten Hilfe von mir – doch ich kann ihnen keine geben. Unsere Lage hat etwas schrecklich Beängstigendes, doch mein Mut und meine Zuversicht verlassen mich nicht. Vielleicht überleben wir, und falls nicht, werde ich mich der Lehren meines Seneca erinnern und leichten Herzens sterben.“

1831: „Die braven Burschen, die ich überredet habe, an meinem Unternehmen sich zu beteiligen, schauen stumm und hülfesuchend auf mich. Aber ich kann ihnen keinen Trost gewähren! Es ist ein furchtbar niederdrückendes Gefühl, aber mein Mut und meine Hoffnung sind noch ungebrochen. Es tut mir in der Seele weh, zu wissen, daß ich, wenn wir zu Grunde gehen müssen, mit meinen ehrgeizigen Plänen allein die Schuld trage.“

Alexander Pechmann kommentiert dies folgendermaßen: „Die Anspielung auf den römischen Stoiker Lucius Annaeus Seneca (4 – 65 n.Chr.) ist ein Hinweis auf die moralische und philosophische Position Waltons, die derjenigen Frankensteins entspricht: Er ist Materialist, er verfolgt sein Ziel ohne Rücksicht auf seine eigenen Gefühle, er fühlt sich dem Dienst an seinen Mitmenschen verpflichtet …

Die Originalfassung kritisiert Waltons Forscherdrang nicht, sondern unterstreicht seine stoische Haltung.“

Anders ausgedrückt: in der neuen Fassung hat Walton aus Frankensteins Fehler gelernt und dreht bei.

Nichtsdestotrotz: Auch mit diesen (teilweise erzwungenen) Änderungen ändert sich an den Aussagen des Romanes kaum etwas. Während der Forscherdrang in der Urfassung überhaupt nicht kritisiert wurde, wird dieser in der Neufassung pflichtschuldig bemängelt. Die Wissenschafts-Kritik ist jetzt zwar da – steht aber nicht bei den wichtigen Punkten, sondern steht ganz weit hinten. Bei „Frankenstein“ geht es nach wie vor um ganz andere Themen.

„Frankensteins“ Bedeutung

„Frankenstein markiert den Beginn eines neuen Genres. Während die Handlungsmuster eines typischen Schauerromans – wie etwa The Mysteries of Udolpho von Ann Radcliffe oder auch Shelleys Zastrozzi – der späteren Kriminalliteratur ähnlich sind, indem sie von einem rätselhaften Ereignis ausgehen und am Ende zur Enthüllung des Geheimnisses und rationalen Erklärung führen, oder aber – wie William Beckfords Vathek und M.G. Lewis The Monk – ganz im Rahmen des Märchenhaften bleiben, ist Mary Shelleys Vorgehensweise eine völlig andere. Die Autorin fragt nicht, ob es das Übernatürliche gibt oder nicht. Sie geht davon aus, daß es tatsächlich existiert, und fragt danach, was die wahrscheinlichen Folgen wären. Grundlage der Handlung ist eine Spekulation, auf deren Wahrscheinlichkeit im Vorwort ausdrücklich hingewiesen wird. Die Autorin folgt den logischen und moralischen Konsequenzen ihrer Spekulation und betrachtet sie aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie erforscht die Möglichkeiten, die ihre anfängliche Idee – die Erschaffung eines künstlichen Menschen – ihr bietet. Auf diese Weise ist ihr ein für ihre Zeit ungewöhnliches und hellsichtiges Werk gelungen, ein Vorbild für moderne Erzählmuster, für intelligente Genreliteratur und für kritische Science Fiction.“

 

Mary Shelley: Das Leben geht weiter

 

„Mary Shelleys Weltbild ist demnach weitaus schwärzer, ihre Visionen sind düsterer und ihr Menschenbild ist hoffnungsloser als alles, was in vergleichbaren Darstellungen ihres Mannes Percy B. Shelley und ihres Vaters William Godwin zum Ausdruck kommt. Vielleicht waren die Schicksalsschläge des vergangenen Jahres für den grimmigen Ton des Romans verantwortlich. Die Verzweiflung, die Verbitterung und die Einsamkeit in den Worten des Monsters wirken menschlicher als alles, was sein Schöpfer Frankenstein von sich gibt. Die Autorin war in der Lage, den Ursprung solcher Gefühle zu verstehen, und sie konnte sie durchaus nachempfinden, wenn sie etwa an das traurige Schicksal ihrer Halbschwester Fanny dachte, die ihre menschlichen Qualitäten nie unter Beweis stellen durfte. Mary Shelley wußte nur zu gut, daß der Versuch, übermenschliche Ideale zu verwirklichen, in der Zerstörung einfachen Glücks, alltäglicher menschlicher und familiärer Beziehungen münden kann.“

„Als Motiv bleibt die vergebliche Suche nach dem oder der Geliebten, die an einem einsamen Grab endet, in Mary Shelleys späteren Werken erhalten. Früher hatte sie Shelley indirekt vorgeworfen, er würde ihr Leid zu Literatur machen, während sie mit der Wirklichkeit leben mußte. Nun setzte sie dieses Spiel auf ihre eigene Art fort: Durch ihre Worte wurde das eigentlich banale Ende Percy Bysshe Shelleys zum großen Finale einer klassischen Tragödie. Ihr persönlicher Verlust wurde zum Verlust der ganzen Welt. Ihre künftige Rolle als Hohepriesterin des Shelley-Kultes scheint bereits vorgegeben. Dies heißt nicht, daß ihre Angst um Shelley und ihr Schmerz, als sie endlich von der Entdeckung seiner Leiche erfuhr, gespielt war. Es zeigt jedoch, auf welche Weise sie ihre Schicksalsschläge verarbeitete: durch Stilisierung, Dramatisierung, Legendenbildung – durch Literatur.“

„In dieser erotisch aufgeladenen Darstellung des Todes (A Tale of the Passions) spiegelt sich eine dunkle Sehnsucht, die auch in Mary Shellys Tagebuchnotizen aus jener Zeit überaus präsent ist. Es erscheint wie ein Vorgriff auf die Morbidität und Melancholie Edgar Allan Poes und dessen Nachfolgern, den Autoren der Décadence. Bei Mary Shelley entspringt diese Melancholie, die viele ihrer späteren Werke durchdringt, ihrer persönlichen Erfahrung und Lebensbewältigung nach dem Tod ihres geliebten Mannes.“

„Nicht lange nach ihrer Rückkehr nach England begann Mary Shelley erneut mit ihren heimlichen Exzessen des Selbstmitleids, die sie in endlosen Tiraden ihrem Tagebuch anvertraute, Sie versank in Depressionen, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit. Nacht für Nacht betete sie um einen frühen Tod …

Die abgrundtiefe Verzweiflung, die sie in ihrem Inneren trug, blieb im kleinen Kreis ihrer Freunde und Bekannten unbemerkt. Sie duldete es nicht, daß ihre schwarzen Gefühle nach außen drangen. Godwin hatte sie gelehrt, ihre Trauer zu verbergen, um ihren Mitmenschen nicht zur Last zu fallen. In ihren Briefen gelang es ihr relativ gut, das Bild einer tapferen, lebenswilligen Frau erscheinen zu lassen. Da sie es nicht gewohnt war, ihre Gefühle öffentlich auszudrücken, mußte sie auf ihre unmittelbare Umgebung jedoch nach wie vor steif, zurückhaltend und kalt wirken.“

„Die Wahl, ein zusätzliches, wenn auch vergleichsweise recht geringes Auskommen als Schriftstellerin zu finden, entsprach ihren Interessen und ihrer Begabung, war aber gleichzeitig auch aus der Not geboren. Alternativen gab es kaum für eine Frau in ihrer Zeit und ihrer Position. Möglichkeiten, ihre Talente und ihre umfassende Bildung in anderen Berufen als Privatlehrerin, Gouvernante oder eben Autorin zu nutzen, waren ihr verwehrt. Sie hatte keinen Zugang zu Universitäten, und in der Politik hatte sie Schwierigkeiten, auch nur einen Platz als Zuhörerin der Parlamentsdebatten zu bekommen. Die Situation war nicht viel anders als vor dreißig Jahren, als Mary Wollstonecraft ihre Bücher publizierte, und sie änderte sich eigentlich erst im 20. Jahrhundert. Das Frauenbild im 19. Jahrhundert pendelte zwischen einer Idealisierung von Jungfrau, Ehefrau, Hausfrau und Mutter und der Dämonisierung „gefallener Frauen“. Gebildete, intellektuelle und künstlerisch tätige Frauen wurden als „Blaustrümpfe“ karikiert – wie in Byrons Stück The Bluestockings sowie in einigen boshaften Zeilen seines Don Juan.“

„Als Schriftstellerin hatte Mary Shelley mit Lodore einen Höhepunkt ihrer Karriere erreicht, die für sie persönlich wichtigere Arbeit war jedoch ihr umfangreicher Beitrag zu Reverend Dionysius Lardners Buchreihe The Cabinet of Biography. Ihre ungeheure Belesenheit machte es ihr leicht, die biographischen Artikel zu verfassen …

Tatsächlich zeigen die Texte eine große Liebe zu Kunst und Literatur und ein Einfühlungsvermögen, das dem Leser weit mehr als nur biographische Informationen vermittelt. In den Artikeln zur italienischen Literatur spiegelt sich Mary Shelleys nie erloschene Sehnsucht nach Italien … Oft identifizierte sie sich mit den Schicksalen, die sie beschrieb, vor allem mit jenen Persönlichkeiten, die zu Lebzeiten unter der Ignoranz, dem Unverständnis und der Gleichgültigkeit ihrer Mitmenschen litten, wie Cervantes oder Machiavelli, der durch das Schreiben seiner unsterblichen Werke eine Lebenskrise aus bedrückender Einsamkeit und Isolation überwand.“

„Mary Shelley hätte Grund gehabt, der sozialkritischen Tradition ihrer Mutter zu folgen, doch blieb sie in diesem Punkt immer zurückhaltend, bis sie sich schließlich ganz von den radikalen Positionen ihrer Eltern und ihres Mannes distanzierte. Damit enttäuschte sie viele Anhänger Godwins und Shelleys. In den Jahren nach der Veröffentlichung von The Last Man war sie freilich viel zu sehr mit ihren privaten Problemen beschäftigt, um auch nur auf die Idee zu kommen, auf irgendeine Weise politisch aktiv zu werden.“

„“ …Doch seit ich Shelley verlor, habe ich kein Interesse mehr, mich mit den Radikalen zu verbünden – ich empfinde nur Abscheu für sie. Gewalttätig, ohne jeden Sinn für Gerechtigkeit – selbstsüchtig bis zum Äußersten – Geschwätz ohne Wissen – grob, neidisch & unverschämt – ich will mit ihnen nichts zu tun haben“.

Mary Shelles Dilemma war, daß sie trotz ihrer offeenen Distanz zu den Radikalen auch keine herzliche Aufnahme in bürgerlichen Kreisen erfuhr. Ihr Name war zu sehr mit der „satanischen Schule“, mit dem Anarchismus Godwins, dem Atheismus Shelleys und der „Amazone“ Mary Wollstonecraft verbunden.“

„Sie hatte sich immer gewünscht, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Früher war ihr dies durch den Pariastatus des von den vornehmen Kreisen geächteten Percy B. Shelley verwehrt worden sowie durch die Abneigung des Dichters für Formalitäten, Gesellschaften, Bälle und die dazugehörenden Konventionen, gegen die sie selbst nichts einzuwenden hatte. Nun war sie nicht mehr ausgeschlossen, weil sie immer noch mit den Rebellen der „Satanic School“ in Verbindung gebracht wurde, sondern weil ihr einfach die finanziellen Mittel fehlten. So beschränkten sich ihre neuen Bekanntschaften meist auf Personen, die in den Zirkeln der Verlagsbuchhändler, der Schriftsteller und Intellektuellen verkehrten.“

„Für Mary Shelley, die Disraeli am Beginn seines politischen Aufstiegs kennenlernen sollte und stets ein reges Interesse an der Politik gezeigt hatte, war es überaus schmerzlich, die spannenden Debatten und die erwachende Aufbruchstimmung nur indirekt miterleben zu können. In Harrow war sie mehr denn je von den gesellschaftlichen Kreisen ausgeschlossen, in denen sie gerade erst begonnen hatte, zaghaft Fuß zu fassen.“

 

Die Literatur der Mary Shelley

 

„Mary Shelley gilt heute vielen Lesern allein aufgrund ihres Romans Frankenstein als Ursprung und Inbegriff der modernen Science Fiction und der Horror-Literatur. Es wäre jedoch ein großer Irrtum, ihr überraschend vielseitiges Werk allein innerhalb der Grenzen dieser populären Genres zu betrachten. Sie nutzte phantastische Motive nie um des bloßen Effekts willen, sondern stets, um die Möglichkeiten ihrer Ideen und Konzepte auf mehr als nur einer Ebene erforschen zu können.“

„Auch nach Frankenstein veröffentlichte Mary Shelley weitere originelle Texte, die den Rahmen des klassischen Schauerromans sprengen und die konventionelle Literatur ihrer Zeit hinter sich lassen. Sie schrieb genau recherchierte historische Romane, einen Zukunftsroman über das Ende der Menschheit, autobiographisch inspirierte Gesellschaftsromane, mythologische Versdramen, Gedichte, Erzählungen, Rezensionen, Essays, Reiseberichte und Kurzbiographien europäischer Künstler und Wissenschaftler ...

Mary Shelleys vielleicht wichtigster Beitrag zur Rezeption romantischer Literatur ist nicht Frankenstein, sondern ihre Edition des Nachlasses ihres Mannes, Percy B. Shelley, die eine unverzichtbare Grundlage für alle späteren Herausgeber und Biographen des Dichters darstellt und ohne die er heute wohl völlig vergessen wäre. Die vielfältigen Kontakte zu bedeutenden Schriftstellern und interessanten Persönlichkeiten wie Lord Byron, Sir Walter Scott, Benjamin Disraeli, Prosper Mérimée, Edward Bulwer und General Lafayette belegen ein waches Interesse am Literaturbetrieb sowie an den politischen, sozialen und künstlerischen Entwicklungen ihrer Zeit. Doch trotz ihrer Nähe zu den einflußreichsten Dichtern und Denkern des frühen 19. Jahrhunderts bewahrte sie stets ihre geistige Unabhängigkeit. Einigen grundlegenden Positionen der Romantik stand sie sehr kritisch gegenüber. Ihre Selbstkritik und ihr Skeptizismus, die sich im Laufe ihres Lebens noch verstärkten, unterscheiden sie von anderen Autorinnen und Autoren ihrer Zeit.“

„Die traurige Heldin dieser Erzählung (The Dream) wird letztlich durch einen wackeren Ritter aus ihrer Einsamkeit erlöst, doch gibt es bei Mary Shelley nie eine Garantie auf ein glückliches Ende. Nicht wenige Geschichten enden mit Verzweiflung, Tod oder gar Selbstmord, wie in der bedrückenden Erzählung The Mourner von 1829, die das Drama einer jungen Dame schildert, die sich am Tod ihres Vaters schuldig gemacht hat und diese Schuld nicht überwinden kann …“

Valperga

„Am deutlichsten wird dies in der Figur der Euthanasia. Sie verkörpert die Ideale, die in den Schriften der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft formuliert wurden: Unabhängigkeit, umfassende Bildung, Verstand und Sensibilität. Mary Shelley hatte die theoretischen Arbeiten ihrer Mutter erneut gelesen, während sie an Valperga arbeitete. Euthanasia ist gewissermaßen ihre Verbeugung vor den Werken und Zielen ihrer Mutter. Weisheit und Wissen sind für sie „reine Ausstrahlungen der Gottheit“.“

„Ganz im Gegenteil: Castruccio könnte als Kritik an der fragwürdigen Verehrung Napoleons durch englische Romantiker wie Lord Byron gewertet werden. Sie teilte die Bewunderung für den „Tatmenschen“ und „Selfmademan“ nicht, der das Erreichen seiner Ziele mit dem Blut anderer bezahlte – auch wenn diese Ziele vermeintlich dem Geist der Aufklärung verpflichtet waren.

Eine offene Kritik am arkadischen Italienbild der Romantiker – wie es etwa in John Keats‘ Eve of St. Agnes erscheint – ist ihre Beschreibung von Armut, Elend, Schmutz, Aberglauben, politischer Zerrissenheit, Fremdherrschaft, Despotie und Bürgerkrieg – in welcher sich durchaus der durch Metternichs Heilige Allianz konstruierte Flickenteppich spiegelt, als den Mary Shelley das Italien der Jahre 1819 bis 1823 erlebt hat. Diese kritische Haltung nimmt fast satirische Züge an, als der junge Castruccio in sein Heimatland zurückkehrt und seinem Begleiter bei der Überquerung der Alpen erklärt, hier würde er das Paradies finden, sein Unglück zu heilen. Dieser antwortet trocken, er sei selbst Italiener. Die erste Nacht in Italien verbringen sie in einer armseligen, überfüllten, dreckigen, verqualmten und stinkenden Bauernhütte …

Gegen Gewalt, Rachsucht, Ehrgeiz und Profitstreben scheinen die Ideen der Aufklärung , insbesondere der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, keinerlei Chance zu haben … Hinzu kommt noch der zynische Kommentar von Castruccios Stellvertreter Vanni: „Ich hielt sie für einen Engel, und nun ist sie nur eine Frau – eine jener schwachen, närrischen Kreaturen, die wir alle verachten.“

Ist dies als Kritik am eindimensionalen und idealisierenden Frauenbild vieler romantischer Dichter zu verstehen? Auf jeden Fall kommt Mary Shelley in diesem Satz dem Werk ihrer Mutter näher als je zuvor oder danach. Sie übernimmt auch ihre Resignation angesichts der ausbleibenden Wirkung ihres sozialkritischen Werkes, indem sie Euthanasias Scheitern an mittelalterlicher Ignoranz zum Spiegel des ausbleibenden sozialen und politischen Fortschritts ihrer Zeit macht. Doch durch das tragische und hoffnungslose Ende des Romans wird die Notwendigkeit einer Veränderung im Sinne der darin aufgeführten Ideale nur um so deutlicher. Valperga steht in dieser Hinsicht in der Tradition der propagandistischen Romane William Godwins und Mary Wollstonecrafts, die zur Illustration ihrer jeweiligen sozialkritischen Thesen dienten.“

The Last Man

„Das Buch endet mit dem Thema von Frankenstein: der vollkommenen Einsamkeit und dem verzweifelten Versuch, dem Leben, das ohne einen Gefährten sinnlos erscheint, zumindest den Anschein von Sinn zu verleihen.

Der Ursprung des spektakulären Zukunftsromans läßt sich wie Frankenstein bis auf die Wochen am Genfer See im Sommer 1816, auf die Gespräche in der Villa Diodati und die Ausflüge zu den Alpengletschern zurückverfolgen. Percy B. Shelley hatte damals wiederholt auf die Möglichkeit einer weltweiten Katastrophe hingewiesen, auf das Erlöschen der Sonne, auf die „Degeneration der menschlichen Spezies“ und auf eine Theorie des französischen Naturforschers Buffon, die eine Vereisung des gesamten Planeten vorhersagt.“

„Wie ihre früheren Werke zeigt auch die Geschichte des letzten Menschen eine kritische Haltung der Autorin gegenüber den idealistischen Positionen der Romantik. Durch die Konfrontation der Hoffnungen Adrians und Raymonds auf ein irdisches Paradies und die Vervollkommnung des Menschen mit der grausamen Realität der totalen Auslöschung werden Ideale als Illusionen bloßgestellt. Den Nutzen solcher Illusionen stellt Mary allerdings nicht in Frage, denn ohne sie wäre die menschliche Existenz nicht zu ertragen …

Nachdem Raymond zum Lord Protector gewählt wurde, beginnt sich England tatsächlich in ein Paradies zu verwandeln – zumindest in den Plänen der Politiker: „Unablässig war er von Projekten und Planern umgeben, die aus England einen Ort des Reichtums und der Wunder machen sollten: Armut sollte abgeschafft werden; Menschen sollten mit einer Leichtigkeit von Ort zu Ort transportiert werden wie die Prinzen Hussein, Ali und Achmed in den Märchen aus Tausend und einer Nacht; der menschliche Körper würde bald nicht weniger schön sein als jener der Engel; Krankheiten gäbe es nicht mehr; Arbeit würde von Mühen und Plagen befreit sein.“

Von diesen wundervollen Vorstellungen bleibt nach dem Ausbruch der tödlichen Pest nur die groteske Prophezeiung des Hofastrologen Merrival, der aus einer Sternenkonstellation schließt, daß das irdische Paradies mit einiger Bestimmtheit kommen wird – in hunderttausend Jahren!

Mary Shelley kritisiert in diesem Text die Position der Vorstellungskraft bzw. Imagination im Weltbild der Romantiker. Schon für die erste Generation der englischen Romantik hatte die Imagination Vorrang vor der rein verstandesmäßigen Auseinandersetzung mit der Realität. Es schien denkbar, daß die Welt durch die Wahrnehmung geformt wurde, nicht umgekehrt. Samuel Coleridge, der stark vom deutschen Idealismus beeinflußt war, hatte in seinem autobiographischen und theoretischen Werk Biographia Literaria über den Unterschied zwischen Vorstellungskraft und reiner Phantasie geschrieben und die Bedeutung der Vorstellungskraft noch einmal hervorgehoben. In The Last Man wird die Imagination jedoch wieder zur Phantasie, zu einer Seifenblase, die wirkungslos zerplatzt und nur noch die Funktion des Trostes hat.

Alle hochfliegenden Pläne, Projekte, Hoffnungen sind in Mary Shelleys Roman zum Scheitern verurteilt. Jeder Hoffnungsschimmer erweist sich als Illusion angesichts eines Kosmos, in dem sowohl persönliche Schicksale als auch das ganze Schicksal der ganzen Menschheit ohne Bedeutung sind. Lionel Verney, der letzte Mensch, lebt ohne Hoffnung und Freude. Lediglich „rastlose Verzweiflung und die rasende Sehnsucht nach Veränderung“ treiben ihn voran. Wie in Frankenstein wird die romantische Idee der Vervollkommnung des Menschen zu einem bösen Witz degradiert.“

„Die Verlagerung der Romanhandlung in die Zukunft, zusammen mit den entsprechenden Spekulationen über politische, soziale, nationale und technologische Entwicklungen – von denen letztere allerdings kaum von Bedeutung sind – macht The Last Man zu einem Vorläufer moderner Science Fiction. Innerhalb dieses Genres sind der Weltuntergang und menschheitsbedrohende Katastrophen häufig aufgegriffene Themen. Mary Shelley steht mit ihrem Roman am Beginn einer modernen Erzähltradition, die erst am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich populär werden sollte.“

„Die unaufhaltsame Apokalypse und die Auslöschung der Menschheit sind freilich Themen, die jemandem, der mit Bildern zweier Weltkriege, der Angst vor der Atombombe, biologischen Kampfstoffen und Seuchen wie AIDS oder SARS aufgewachsen ist, naheliegender erscheinen müssen als Mary Shelleys Zeitgenossen. Ihr unbarmherziger Pessimismus war sicher ungewohnt in einer Zeit, in der man von der Zukunft Reformen, Fortschritt und Verbesserung der Lebensumstände erwartete. Ebenso ihr kritischer Umgang mit dem utopischen Konzept einer englischen Republik, die sich dann als überaus fragil, populistisch und keineswegs utopisch entpuppt – ein Ansatzpunkt, der bereits den gesellschaftskritischen Utopien des frühen 20. Jahrhunderts vorgreift.

Doch Mary Shelleys Vision ist, wie oben gezeigt wurde, tief in ihrer Biographie verwurzelt und will weder Warnung noch Prophezeiung sein, wie thematisch ähnliche Werke. Der letzte Mensch, der durch die verlassenen Straßen Roms wandert und den kalten Marmor antiker Statuen küßt, um sich die Illusion menschlicher Gefährten zu wahren, spiegelt nicht zuletzt den Überlebenswillen der Autorin. Trotz all ihrer persönlichen Katastrophen, ihrer unerwiderten Sehnsucht, ihrer Verzweiflung war sie entschlossen, nicht aufzugeben. In der Einsamkeit würde sie Bäume lieben.“

Perkin Warbeck

„Ansatzweise wird hier noch einmal die Kritik an der romantischen Vorstellung wiederholt, die Imagination sei höher als der Verstand zu bewerten. Eine Vorstellung, die immer wieder Leid verursacht, indem sie sich als blind gegenüber realen Problemen und Bedürfnissen erweist. Bei Mary Shelley führt der Weg der Imagination fast immer in die Irre, wie in The Last Man, zur Entfesselung unbeherrschbarer Mächte, wie in Frankenstein und Transformation, zu Krieg und Gewalt, wie in den historischen Romanen Valperga und Perkin Warbeck.“

Lodore

Lodores Schulfreund Derham ist ein Beispiel für jemanden, der sich dem sozialen Druck nicht beugt und den Preis dafür zu zahlen bereit ist: Er ist ein Außenseiter, der die Bedingungen und Regeln der Gesellschaft durchschaut, so daß er sein Leben unabhängig von jenen Zwängen gestalten kann. Obwohl Derham und Fanny die heimlichen Helden des Romans sind, geht Mary Shelley undogmatisch vor. Sie zeigt anhand ihrer Figuren die psychologischen Folgen gesellschaftlicher Zwänge, ohne diese Zwänge anders als durch ihre Beispiele zu verurteilen. Es handelt sich demnach nicht um einen propagandistischen Roman wie Godwins Caleb Williams, da es dem Leser überlassen bleibt, die eigenen Schlüsse zu ziehen …

Während in Frankenstein, Valperga und The Last Man die Ideale der Aufklärung an den gesellschaftlichen Realitäten, an der menschlichen Unvollkommenheit oder einfach an der Vorbestimmung scheitern müssen, zeigt Lodore, daß es möglich ist, all diese Zwänge und Hindernisse zu überwinden und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, wenn man bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.“

„Als Porträt der englischen Klassengesellschaft bleibt Mary Shelleys Roman unvollkommen, denn es fehlt, ebenso wie in allen „silver-fork novels“, eine wirkliche Gegenwelt der Arbeiter, Bettler, Straßenhändler, Gauner, der Armut und des Elends – eine Gegenwelt zur „fashionable world“, wie sie etwa in den beliebten Räuberromanen von William Ainsworth beschrieben wurde. Dies ist ihr jedoch kaum vorzuhalten, da die Verknüpfung beider Welten erst einige Jahre später in der viktorianischen Literatur, durch Autoren wie Charles Dickens, vollzogen wurde.“

Falkner

Falkner befürchtet, daß Elizabeths Talente und Qualitäten „unter den Weltlichen und Gefühllosen“ zerstört werden würden. Er übernimmt die Verantwortung für sie, um zu ihrem Glück und ihrer Tugendhaftigkeit beizutragen und auf diese Weise seine vergangene Schuld zu tilgen. Das Ergebnis soll vollkommen sein, und im Unterschied zu Frankenstein und Lodore ist es das auch: Elizabeth wächst zu einem idealen, engelhaften Wesen heran, das nicht wie Ethel aus dem vorherigen Roman lediglich männliche oder gesellschaftliche Ideale verkörpert.

Damit entfernt sich Mary Shelley sehr weit von den Konzepten der „fashionable novel“, die für Lodore noch bedeutsam gewesen waren: hier soll die Tochterfigur nicht in die vornehme Gesellschaft initiiert und integriert werden, sie soll vor konventionellen Maßstäben und Einstellungen bewahrt und gerettet werden, nach denen Ambitionen, Macht und Geld mehr zählen als Wahrheit, Aufrichtigkeit, Liebe, Treue und Ehre. In Mary Shelleys Romanwelt kann nur eine Erziehung außerhalb der Einflüsse der Gesellschaft, eine Erziehung, die ihrer eigenen gleicht, zu einem perfekten Ergebnis führen.“

 

Auf den Spuren von Mary Shelley in Rom

 

„Auch wenn die englische Schriftstellerin nur einige Monate ihres Lebens, das ob der vielen Schicksalsschläge selbst wie ein Horrorroman anmutet, in Rom verbracht hat, gibt es einige bitter-süße Orte, an denen man ihr noch nach über 200 Jahren nahe kommen kann. Und dem Rom, der Grand Tour, einem verheißungsvollen Ort für europäische Künstler und der Antike verfallene Adlige, die durch die frei zugänglichen Überbleibsel der antiken Römer streiften und malten, dichteten und sich bildeten.“

Nicole Testa-Kerpen hat auf ihrer Rom-Seite einen kleinen, aber feinen und liebevollen Beitrag zu Mary Shelley. Wer mal in Rom ist, kann sich dort auf die Spuren von Mary Shelley und der englischen Romantiker begeben. Und wird unter anderem feststellen: Prinz Charles war auch schon im Keats-Shelley-House.

http://www.unterwegs-in-rom.eu/ciao-bella/eine-frau-die-der-welt-das-f%C3%BCrchten-lehrt-mary-shelley/

 

Dummheit, Bösartigkeit, Gehirnwäsche?

 

Nun ist der Inhalt der Geschichte Frankensteins für alle, die den Roman nicht gelesen haben, der, dass da einer auf die Idee kommt, Gott zu spielen. Was mensch besser bleiben lassen sollte, da dies nur zu Unheil führt. So wird es immer und immer wieder erzählt.

Aus einer im Grunde atheistischen Geschichte (Religion kommt nur sehr am Rande vor und die redlichen Familien kommen ganz gut ohne diese aus) wird nun eine mit hoch-religiöser Bedeutung. So ziemlich alle Aspekte, die im Roman behandelt werden, kommen in den nachfolgenden Bearbeitungen kaum noch vor. Das mag ärgerlich sein, ist jedoch legitim: Ein jeder Regisseur hat das Recht, eine bestehende Geschichte zu verwenden und ihr die Bedeutung zu geben, die er für richtig hält. Im Grunde ist das überhaupt der Sinn vom Theater.

Jetzt gibt es aber solche, die den Roman tatsächlich gelesen haben – und die meisten davon, vor allem, wenn sie ihre Meinung dazu veröffentlichen, geben kund, dass es bei „Frankenstein“ um den verrückten Wissenschaftler geht.

Der Wurm bleibt dabei: trotz der Änderungen der Version von 1831 geht es um ganz andere Dinge. Die Text-Passagen, die der Wurm zitiert, stammen alle aus dieser 2. Version. Wie kommt mensch, nachdem er die Geschichte des Monsters gehört hat, nachdem es allein gelassen wurde, nachdem Victor Frankenstein sich selbst und sein Umfeld zum Wohle der gesamten Menschheit opfert, auf die Idee, zu behaupten „dies ist die Geschichte des verrückten Wissenschaftlers, der sich anmaßt, Gott zu spielen“?

Ist es Dummheit?

Ist es Bösartigkeit? Sollen die Menschen, die den Roman nicht gelesen haben, gar nicht erst erfahren, um was es hier geht und direkt oder indirekt auf religiöse Wege umgeleitet werden?

Oder handelt es sich um Gehirnwäsche? Mensch ist schon so sehr in seinem Trott, dass er Rationales schon gar nicht mehr aufnimmt und einfach nachplappert, was ihm schon andere vorgeplappert haben.

Am Beispiel des „Frankenstein“ sollte es für einen denkenden Menschen klar sein, dass er sich auf das Urteil von anderen Menschen lieber nicht verlassen sollte. Und die für ihn wichtigen Sachen lieber mit den eigenen Sinnen nachprüfen sollte.

 

Das Monster im Menschen

 

Weiter oben hatte der Wurm geschrieben:

„Es ist völlig unwichtig, ob es sich bei diesem Wesen um einen künstlich geschaffenen Menschen, einen Außerirdischen, einen Anders-Farbigen oder sonstwie auffälligen Menschen handelt – die Erfahrungen würden sehr ähnlich sein.

Ähnliche Erfahrungen hatte auch Mary Shelley gemacht. Sie, von der nicht bekannt ist, dass sie je etwas Schlechtes dachte oder machte, war seit jeher aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Weil sie in die falsche Familie geboren wurde, die „falschen“ Freunde hatte, einen eher unüblichen Lebenswandel hatte, eine „falsche“ Meinung hatte, rational dachte, nicht genug Geld hatte.

Ihr unmittelbares Umfeld Vater, Mutter, Gemahl, ragten unter den Menschen hervor und wollten nur deren Bestes. Mit dem Ergebnis, dass diese auf die eine oder andere Art und Weise verfolgt und ausgeschlossen wurden. Auch musste sie mehrere Selbstmorde oder Selbstmord-Versuche aus ihrem näheren Umfeld miterleben von Menschen, die unter anderen Menschen bzw. „gesellschaftlichen Zwängen“ litten.“

Der Wurm hatte sich bereits mehrfach mit Menschen beschäftigt, die von anderen benachteiligt werden. Unter anderem zum Thema Amok. Also der Zeitpunkt, zu dem der Mensch zum Monster wird:

„Wer sind die Täter?

„Ein Mann, der in einem bestimmten Zeitfenster mehrere Menschen tötet. In einer Schule, am Arbeitsplatz, in einem öffentlichen Gebäude, in einem Sommercamp. Er tötet ohne Vorwarnung und ohne erkennbares Motiv. Und oft tötet er sich selbst. Es gibt einen Namen dafür: Amok.

"Sie töten wie eine Maschine. Sie befinden sich in einer Trance. Sie agieren wie in einem Computerspiel."

Amok. Ein Begriff, mit dem Wissenschaftler nicht besonders glücklich sind. Amok stammt aus dem malaiischen und bedeutet so etwas wie plötzliches Ausrasten. Doch ein Amokläufer rastet nicht plötzlich aus. Die Tat ist oft lange geplant. Und die Ausführung kalt und kontrolliert.

"Sie gehen vor die Tür, laden nach, machen die Türen auf, schießen das Magazin leer, sie schießen teilweise durch Türen hindurch und schießen dann auf Menschen, die plötzlich auf dem Gang auftauchen. Und das scheinbar unbewegt. Ohne Mimik, ohne Emotion, ohne Mitleid und ohne zu zögern."

Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie, Universität Gießen, beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema:

"Ich habe noch nie erlebt, dass einer die Tat bereut hat" …

"Amoktäter sind stille Zeitgenossen, die lange solche Taten planen, die lange in Hass und eher kalter Wut schwelgen, das heißt sie fühlen sich über lange Jahre verletzt, gedemütigt, angegriffen, gemobbt. Diese ganze Palette. Das schreiben sie auf - sie führen ja häufig Tagebuch, sie kommunizieren in sozialen Netzwerken, und da wird deutlich, dass sie sich völlig missverstanden fühlen. Völlig angegriffen fühlen von fast jedem. Und daraus leiten sie auch ihre Rechtfertigungen für ihre Taten ab."

Der tödliche Mix. Eine unglückliche Verkettung von persönlichen Eigenschaften und äußeren Umständen. Ein problematisches Elternhaus. Eigenes Versagen. Kaum Anerkennung. Kränkungserlebnisse. Mangelnder Selbstwert. Außenseitertum. Faszination für Waffen. Das sind nur einige der Zutaten, aus denen sich die hochexplosive Mischung zusammenbraut. Und deren Essenz ist: Junge Amokläufer haben im Umgang mit anderen Menschen offenbar große Schwierigkeiten. Bannenberg:

"Ihr Bindungsverhalten ist komplett gestört. Warum das so ist, wissen wir nicht, aber wir wissen schon, dass sie nicht in der Lage sind, enge, tragfähige Bindungen zu irgendeinem Menschen einzugehen. Sie haben keine engen Freunde, sie haben keine Freundin, sie scheinen aber durchaus über längere Zeit diesen Kontakt zu suchen und merken aber selbst, dass das nicht so gut funktioniert. Und daraus resultiert möglicherweise auch der Hass und die Abwertung anderer Menschen, die Ablehnung anderer Menschen" …

Forscher können die Risikofaktoren immer näher eingrenzen. Aber die Sache hat einen Haken: Es gibt Millionen Menschen auf der Welt, die psychisch krank sind, die an einer Schizophrenie oder an Depressionen leiden. Millionen Menschen, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, die im Alltag versagen, die sich missverstanden und allein fühlen …

Da sind immer wiederkehrende Gedanken, Fantasien, mächtig zu sein, sich an Menschen, die einen verletzt haben, rächen zu können. In seinem Kopf wird er zum Krieger, zum Helden, der es allen zeigt, der den Feind vernichtet, und oft auch sich selbst.“

http://www.deutschlandfunk.de/amok-manuskript-teil-1-taeterprofile.740.de.html?dram:article_id=283256

„Auslöser für die Tat sind oft Probleme im privaten Umfeld des Täters. Das können soziale Isolation, Versagen oder Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule sein. Der Täter hat das Gefühl, ständig ungerecht behandelt zu werden. Dadurch staut sich bei ihm über längere Zeit eine unterschwellige Aggression auf, die sich schließlich in der Tat entlädt.

Als Tatort wird meistens eine Örtlichkeit gewählt, die der Täter mit der Verletzung seiner Psyche in Verbindung bringt. Typische Beispiele dafür sind die Amokläufe in Gerichts- oder Schulgebäuden. In den meisten Fällen bereitet der Täter seinen Amoklauf akribisch genau vor. Spontantaten sind eher selten.“

https://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/psychologie/gewalt/tempx_gewalt_amoklauf.jsp

Auch bei obigen Experten-Beiträgen können Menschen herauslesen, dass es sich bei den Tätern um mehr oder minder psychisch Gestörte handelt. Der Wurm hat dazu eine andere Meinung. Um die verständlich zu machen, möchte er fragen, ob der Leser den Begriff „Nerd“ kennt.? …

Der Wurm möchte zwei Stellen wiederholen:

„auffällig rational geprägte Denk- und Verhaltensweisen. Dies lässt sie aus Sicht ihrer Altersgenossen oft unangepasst und eigenbrötlerisch erscheinen.“

„Allen Varianten und „Verwandten“ des Nerd gemeinsam ist die im Vergleich zur hohen fachlichen Kompetenz weitaus geringere soziale Kompetenz bzw. Fähigkeit zur Selbstdarstellung, zur „Show“."

Anders ausgedrückt: Der Nicht-Nerd, also „normale“ Mensch ist irrational und hat eine große Fähigkeit zur Selbstdarstellung, zur „Show“. Je größer die Show, umso erfolgreicher.

Diese Nerds sind oft alleine, während die normalen Selbstdarsteller immer in mehr oder weniger großen Gruppen zusammen sind. Jetzt stelle sich mensch vor, wie diese Gruppen auf einen einzelnen Nerd reagieren – es wird nicht positiv sein. Wenn der Nerd alleine ist, hat er zwei Möglichkeiten: er wird selbst ein irrationaler Selbstdarsteller oder er weigert sich und bleibt für sich allein.

Und entspricht damit dem Idealtypus des späteren Amokläufers.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/116-amok.html

Monster werden nicht geboren, Monster werden gemacht. Tagtäglich werden allein in Deutschland Millionen von Menschen von ihren Artgenossen auf die eine oder andere Art und Weise beleidigt, gedemütigt, gemobbt, werden von der Gruppe, zu der sie gehören wollen, entweder nicht anerkannt oder sind ganz ausgeschlossen.

Auch dann, wenn sie nur das Beste für ihre Mitmenschen wollen – Mary Shelley ist überall.

„Frankenstein“ beschreibt, wie ein zutiefst gutmütiges Wesen zum Monster wird. Die Menschen werden zuerst von ihm quasi angebetet und zu „Göttern“ erklärt. Nachdem es erkennt, wie die Menschen tatsächlich sind und wie sie es behandeln, wird dieses Wesen zum Monster.

Viel besser kann mensch nicht beschreiben, wie Menschen zu Monstern werden. Deshalb wäre es auch wichtig, den Sinn des „Frankenstein“ zu verstehen: wie sind die Menschen und wie behandeln sie ihresgleichen? Nur dann, wenn die Menschheit von ihrem hohen Ross runter kommt und sich selbst versteht, kann sie verhindern, dass Menschen zum Monster werden, die andere Menschen wahllos töten. Religiöse Motive mögen in einigen oder sogar vielen Fällen den letzten Ausschlag geben – aber der eigentliche Grund liegt darin, dass sie von den Menschen vorher Jahre und Jahrzehnte lang gequält wurden.

Wer ist das wahre Monster? Jene Menschen, die ausrasten und zum Monster werden? Oder diejenigen, die ihre Mitmenschen schlecht behandeln und damit dafür sorgen, dass diese zum Monster werden?

 

 

Dada

 

von Rupert Regenwurm

 

Die Heilsarmee stürmt ins Café

 

Stürmt die Heilsarmee in das Café

Und trinkt dort einen Tee

Kommt mit Bomben und Trompeten

Um zum Tee zu beten

Schmiert dort die Posaunen

Und alle andern staunen.

 

 

 

Wenn mensch die Gelegenheit hat, ein Keramik-Museum zu besuchen, dann sollte er es tun. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann er dort die Werke von Dadaisten bewundern, die sich gerne an der Kunst der Fayence-Malerei austoben.

Der Harfe spielende Esel ist nur eines der vielen dadaistischen Werke im Museum von Moustiers-Sainte-Marie (Provence). Im Video ab der 5. Minute zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=HAl8jUuKStE