Es war nur eine Frage der Zeit, bis das erfolgreichste deutsche Sachbuch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling verfilmt wurde.

Hape Kerkeling: „Mir ging es in erster Linie darum, den Geist des Buchs für den Film zu bewahren.“

Dass das Buch so erfolgreich war, kann nicht allein an dessen Qualität liegen, sondern muss den Zeitgeist getroffen haben. Das ist nicht unbedingt als Kompliment gemeint.

 

Das Buch

 

Aus „Wikipedia“:

„Kerkeling beschreibt die Erlebnisse seiner Pilgerreise nach Santiago de Compostela im Jahr 2001. Auslöser für die Entscheidung, den Jakobsweg zu gehen, war ein Hörsturz sowie die Entfernung seiner Gallenblase. Kerkeling beschäftigte sich zudem mit Shirley MacLaines Buch „Der Jakobsweg: eine spirituelle Reise“, in dem die Autorin unter anderem von ihren verschiedenen bisherigen Reinkarnationen berichtet und ihre Reise mit zahlreichen Erlebnissen ausschmückt.

Kerkeling wählte für seine Wanderung den Camino Francés und musste sich wie alle Pilger mit den physischen und psychischen Anforderungen einer solchen Reise auseinandersetzen. Er lernt dabei nicht nur sich selbst und seinen Glauben, – Zitat – „Buddhist mit christlichem Überbau“, besser kennen, sondern trifft auch auf die verschiedensten Menschen, deren Charaktere er sehr plastisch beschreibt. Im amüsant plaudernden Ton schildert Kerkeling seine Erfahrungen, die an manchen Stellen tiefsinnig werden, und reflektiert über den Sinn des Lebens. Mit dem „klassischen“ christlichen Pilger sucht er keinen Kontakt, er schätzt sie umschreibend als „nicht lernfähig“ ein (Zitat: „Die werden als die gleichen Menschen die Reise beenden, als die sie sie begonnen haben…“). Stattdessen ziehen ihn „Sonderlinge und Exoten“ an, er macht u. a. Erfahrungen mit einer heiratswilligen Südamerikanerin, einem sexlüsternen Mitwanderer, Spießern, Kirchenkritikern, Esoterikern und Spiritisten.

Besonders intensiv beschreibt Kerkeling die geschlossene Freundschaft mit der Engländerin Anne und der Neuseeländerin Sheelagh, denen Kerkeling im Prolog des Buches für die gemeinsamen Erfahrungen dankt. Kerkeling geht - nach bis dahin eher ungeplanten, aber regelmäßigen Treffen - ab dem 5. Juli 2001 gemeinsam mit diesen beiden Frauen auch den überwiegenden Teil des restlichen Pilgerweges bis Santiago de Compostela, wo sie zum Abschluss der Pilgerreise noch 5 Tage zu dritt verweilen. Beide erhalten von Kerkeling dort als Abschieds- bzw. Erinnerungsgeschenk ein Silberglöckchen, zu dessen Bedeutung und verbindende Wirkung Kerkeling im Nachwort eine persönliche Anekdote erzählt. Anne Butterfield hat 2010 nochmals den Jakobsweg bereist und ihre Erfahrungen in dem Buch „Ich bin da noch mal hin“ beschrieben …

Das Buch gilt mit mehr als vier Millionen verkauften Exemplaren als erfolgreichstes deutschsprachiges Sachbuch seit „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C. W. Ceram und befand sich nach seinem Erscheinen 2006 monatelang auf den vorderen Plätzen der deutschen Bestsellerlisten. Es verkaufte sich nach Auskunft des Verlages bis Ende 2007 rund 3 Millionen mal und belegte für 100 Wochen Platz 1 der Sachbuch-Bestsellerliste.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_bin_dann_mal_weg

Das Buch trifft deshalb den Zeitgeist, weil sehr viele sich mit Hape Kerkeling identifizieren können:

- sie befinden oder befanden sich in einer Lebenskrise

- sie wollen oder wollten daraus ausbrechen

- sie können mit sich selbst nichts so richtig anfangen und wollen sich selber besser kennen lernen (ein Bewohner des Erdreichs käme erst gar nicht auf die Idee – wir kennen uns selbst gut genug)

- sie wollen ihren Glauben besser kennen lernen

- sie reflektieren über den Sinn des Lebens

- sie basteln sich als „Buddhisten mit christlichem Überbau“ ihre Religion selbst zurecht (die Bewohner des Erdreichs brauchen so etwas erst gar nicht – wir glauben an uns selbst)

- die „klassischen“ Christen werden als altbacken und gestrig empfunden, das christliche „Bodenpersonal“ wird als ungut gesehen

- und sie hätten gerne „Freundschaften“ mit anderen Menschen

 

Der fehlende Hühnerstall

 

Der Film schließt sich ans Buch an und die wichtigste Botschaft ist: 3 Einzelpersonen, die jeweils kurz davor sind, aufzugeben, schließen sich zusammen und erreichen gemeinsam das Ziel. – Nur gemeinsam schafft mensch das!

Anbei eine Filmkritik der „FAZ“:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/hape-kerkelings-bestseller-ich-bin-dann-mal-weg-im-kino-13986049.html

Zurück zum Buch:

„Anders als beispielsweise im "Moppel-Ich", den Bekenntnissen einer anderen Fernsehpersönlichkeit, die sich lange in den Bestsellerlisten hielten, dreht es sich bei Kerkeling nicht um Eitelkeiten, Erfolg und die Optimierung des eigenen Ich. Es geht bei ihm um lauter Dinge, die so sehr aus der Mode sind, daß man sie fast schon im Wörterbuch nachschlagen muß. Um Dinge wie Demut, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Dankbarkeit, ja sogar um Glauben geht es. Kerkeling hat sich aufgemacht, ein paar wichtige Fragen des Lebens für sich zu beantworten.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/das-wunder-hape-kerkeling-1386130.html

Auch, wenn es in Buch und Film um sympathische Menschen geht, denen es selbst „nicht um Eitelkeiten, Erfolg und die Optimierung des eigenen Ich“ geht – ja: um was geht es ihnen denn bitte dann?

Das Erschreckende an den geschilderten Menschen ist, dass es ausschließlich um sie selbst geht. Auch, wenn sie sich für andere Menschen interessieren und mit diesen Freundschaften schließen.

Da marschieren Menschen mehrere Wochen mehrere hundert Kilometer auf einem alten, seit relativ kurzer Zeit wieder belebten Pilgerweg mit langer Tradition und entsprechenden Gebäuden wie Kirchen, Kapellen oder Gasthäusern. Dass diese Menschen offensichtlich nicht das geringste Interesse an Architektur und Kunst haben, die hier in Überfülle geboten wird, gilt als normal, das stört auch niemanden.

„Wikipedia“: „Zudem gehören zur Welterbestätte eine Liste von über 1800 Einzelbauten in 166 Städten und Dörfern. Neben Sakralbauten aller Arten, von der Kathedrale über das Kloster bis zur Feldkapelle, gehören dazu auch Einrichtungen für die Versorgung der Pilger, Paläste, Privathäuser, Brücken, Schleusen und Wegekreuze. Ihre Entstehung datiert vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Jakobsweg

Keinerlei Interesse am Weltkulturerbe!

Ausdrücklich im Film erwähnt wird die Stadt Santo Domingo de la Calzada, wo die Pilgerschar eintrifft. Nun steht in jedem Reise- und Pilgerführer, dass es in der Kathedrale nach einem „Hühner-Wunder“ seit Jahrhunderten einen Hühnerstall gibt, in dem eine Henne und ein Hahn gehalten werden.

 

 

 

Hühnerstall in der Kathederale? Das ist doch mal was Interessantes! Das interessiert diese Menschen aber nicht. Die haben keinerlei Interesse an Kunst, Architektur und noch nicht einmal an offensichtlichen Skurrilitäten, die es am Jakobsweg in Hülle und Fülle zu bestaunen gibt.

Selbst die so sympathisch geschilderten Menschen, denen es „nicht um Eitelkeiten, Erfolg und die Optimierung des eigenen Ich“ geht, haben nur drei Themen, um die sich ihr gesamtes Denken dreht: Ich, Ich und nochmals Ich.

Auch besteht keinerlei Interesse an der einheimischen Bevölkerung. Was bauen sie an, wie und wovon leben sie, wie gehen sie mit den vielen Pilgern bzw. Touristen um, welche Auswirkungen hat der Tourismus auf sie? - Menschen mit esoterischen Interessen sind immer auf sich selbst fixiert.

Kein Wunder, dass es in der Gesellschaft kaum noch Menschen gibt, die über den eigenen Teller-Rand hinaus schauen können und sich jenseits ihrer eigenen Interessen auch für andere Menschen einsetzen.

Geschwurbel

Wenn Menschen einige Tage oder einige Wochen mit sich selbst beschäftigt sind, kommen sie auf seltsame Gedanken und meinen, diese der übrigen Menschheit mitteilen zu müssen. Je mehr Menschen den Jakobswegs ganz oder teilweise gehen, umso mehr Jakobsweg-Literatur gibt es. Am Bekanntesten sind die Bücher von Paolo Coelho (mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um esoterisches Geschwurbel) und das Buch von Shirley MacLaine, das Hape Kerkeling beeindruckt hatte.

Wolfgang Dannhäuser schreibt in einer Rezension darüber:

„Sie ist, keine Frage, eine großartige Schauspielerin. Aber ist sie wirklich, wie sie versichert,als Fußpilgerin von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela gewandert und hat sie hierbei nur in einfachen Pilgerherbergen übernachtet? Eine boshafte Frage, zugegeben.

Aber: Ist die Pilgerherberge im Kloster Roncesvalles eine "Baracke"? (Nein, ein historischer Steinbau).

Kann man dort als Fußpilger zweimal übernachten? (Nein, es sei denn, man wäre schwer erkrankt).

Kann man dort "um die Mittagszeit" eine Pilgermesse besuchen? (Nein, nur am Abend, um die Mittagszeit sind die Pilger schon längst über alle Berge).

Ist sie wirklich die 160 km durch die glühendheiße Meseta gepilgert? (Ihr Pilgerpaß weist für diese lange Strecke nur einen einzigen Stempel auf und zwar aus dem "Hostal de Palmeros y de Santiago" in Fromista, eine "komfortable Unterkunft", wie ein vielbenutzer Pilgerführer schreibt).

Haben ihr in Leon im "Hostal de San Marco" Mönche eine "einfache Mahlzeit - Brot und Käse und Wein" gereicht? (Kaum, denn dieses historische Hostal ist seit vielen Jahren schon ein Luxushotel).

Hat sie wirklich im Kantabrischen Gebirge auf dem Cebreiro-Gipfel im Freien übernachtet? (Kaum, denn ihr Pilgerpaß weist dummerweise eine dortige Übernachtung in einer Posada -also einem Gasthaus- in Piedrafita aus).

Ist sie z.B. bis Fromista wirklich pro Tag "ungefähr 22 Meilen", also etwa 35 km gelaufen? (Kaum, denn wenn man an Hand ihres Pilgerpasses nachrechnet, kommt sie bis Fromista nur auf eine Tagesleistung von durchschnittlich 21,5 km).

Hat sie an der Kathedrale von Compostela wirklich ein Priester -er wußte nicht, wer ich war", wie sie schreibt,- begrüßt, ihr einen Stempel in den Pilgerpaß gedrückt und ihr dann "zur Feier der vollendeten Pilgerschaft" die Füße gewaschen? (Das ist natürlich schon eine schöne Geschichte, aber leider ist sie ja nun doch nicht der Papst; und ihr Pilgerpaß weist auch gar keinen Eintrag aus Compostela auf, sonst eigentlich für jeden Fußpilger ein Kleinod).

Und kann man in der riesigen Kathedrale von Compostela wirklich "aus dem Fenster" sehen, ob da draußen die gierigen Journalisten auf sie warten? (Na ja, bei Riesengiraffen mag das ja vielleicht gehen, wenn sie ein bißchen hochhüpfen).

Es gäbe da noch so viele Fragen an die Autorin. Aber ihre Esoterik entschädigt dann doch: Das ist ja nun wirklich toll, daß sie in ihrem früheren Leben einen Maurenherrscher von seiner Impotenz befreit hat, da hat der Harem sicher gejubelt. Und auch Karl der Große, der alte Schürzenjäger zu Aachen, wird sehr befriedigt gewesen sein, daß sie sich ihm hingab. Für solche Einfälle sollte man dem Buch schon einen Punkt geben.“

http://www.amazon.de/Jakobsweg-Eine-spirituelle-Reise/dp/3442449065/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1452955352&sr=8-1&keywords=shirley+MacLaine

Es ist nicht nur der große Erfolg des Buches, der Rückschlüsse auf die Leserschaft zulässt, die offensichtlich liebend gerne esoterisches Geschwurbel liebt.

Es ist auch ein Sinnbild dafür, dass es nur noch sehr wenige Menschen gibt, die die Realität wieder geben können. Ansonsten wird hemmungslos drauf los phantasiert, was das Zeug hält: was gesehen, gehört oder gelesen wurde, wird sofort in die eigene Welt umgewandelt. Und das hat dann meistens mit der Wirklichkeit überhaupt nichts mehr zu tun.

Wer den Menschen von etwas überzeugen will, braucht erst gar nicht mit Fakten zu kommen, sondern muss versuchen, emotional zu wirken. Das wirkt so gut wie immer.

Buch und Film „Ich bin dann mal weg“, deren Leser und Zuschauer und überhaupt ein Großteil der Gesellschaft zeigen den Weg dafür.

 

Der Jakobsweg

 

Aus „Wikipedia“:

„Seit den 1970er Jahren hat die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg einen großen Aufschwung erlebt. 1982 besuchte Papst Johannes Paul II. Santiago de Compostela und rief im Rahmen einer großen „Europa-Feier“ den alten Kontinent auf, seine Wurzeln wieder zu beleben. Der Europarat erklärte 1987 den Weg zum ersten europäischen Kulturweg. Wurden damals gut 3.000 Pilger pro Jahr registriert, waren es im Jahr 2003 über 74.000 aus allen Ländern der Erde. 2004, im Heiligen Compostelanischen Jahr, kamen 179.932. Sie haben entweder den ganzen Weg oder den Weg durch Spanien, mindestens aber die letzten 100 Kilometer der Strecke zu Fuß oder zu Pferd oder die letzten 200 Kilometer per Fahrrad zurückgelegt …

1980 begann der spanische Priester Elías Valiña Sampedro, den Camino Francés in Nordspanien mit gelben Pfeilen zu markieren und für den Aufbau eines Herbergsnetzes zu sorgen, nachdem er zuvor eine Doktorarbeit über die historischen und kirchenrechtlichen Grundlagen des Weges vorgelegt hatte. Zugleich nahmen namhafte wissenschaftliche Kongresse und Ausstellungen (u. a. München 1984, Gent 1985) die europäischen Dimensionen der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in den Blick. Die wachsende Popularität des Weges war für den Europarat Anlass, sich ebenfalls dem Thema zu widmen. Seine Deklaration von Santiago de Compostela (23. Oktober 1987) erhob die Wege der Jakobspilger in Europa zur ersten europäischen Kulturstraße (Council of Europe Cultural Route). An Behörden, Vereine und Einzelpersonen erging die Aufforderung, „die Pilgerstraßen nach Santiago in ganz Europa zu kennzeichnen und zu identifizieren“ …

In Spanien wurde seit den 1950er Jahren Anstrengungen unternommen, die historischen Bauten entlang des Jakobsweges zu schützen. 1962 wurde der Hauptweg offiziell zum historisch-künstlerischen Ensemble erklärt. Ab 1984 ernannte der Europarat den Weg zur Europäischen Kulturroute und erklärte seinen Schutz zum vorrangigen Ziel europäischer Kulturpolitik.

Im Jahre 1992 richtete Spanien eine gemeinsame Verwaltung des Weges und der Kulturschätze an der Strecke ein. Der Consejo Jacobeo ist eine gemeinsame Kommission des Kulturministeriums, Vertreter verschiedener anderer Ministerien, der Provinzregierungen und der autonomen Kommunen. 1993 erfolgte die Ernennung des Jakobsweges zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Geschützt wurde der gesamte historische Weg auf spanischem Territorium, wie er im Liber Sancti Jacobi als Camino Francés beschrieben ist, auf einer Breite von mindestens 30 Metern beiderseits des Weges. Diese Zone verbreitert sich dort, wo auch Einzelgebäude am Weg oder ganze Dörfer dem Denkmalschutz unterliegen. Zudem gehören zur Welterbestätte eine Liste von über 1800 Einzelbauten in 166 Städten und Dörfern. Neben Sakralbauten aller Arten, von der Kathedrale über das Kloster bis zur Feldkapelle, gehören dazu auch Einrichtungen für die Versorgung der Pilger, Paläste, Privathäuser, Brücken, Schleusen und Wegekreuze. Ihre Entstehung datiert vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Jakobsweg

Es bedarf immer Einzelpersonen und Organisationen, die etwas in die Wege leiten – die Zeit muss dafür aber auch „reif“ sein. Es ist kein Zufall, dass der Jakobsweg seit den 1970ern groß in Mode gekommen ist:

„Erst ab einem gewissen Wohlstand kümmern sich die Menschen um solche Sachen wie „Bewahrung“ und Lebensqualität. Erst dann, ab den 1970ern, begannen sich die Menschen um ihre Umwelt und ihr historisches Erbe zu sorgen. Der gleiche Prozess ist heute in aufstrebenden Ländern wie China zu beobachten.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/132-national-gallery.html

Hier noch ein paar nützliche Informationen zum Jakobsweg:

http://www.jakobs-weg.org/

http://www.jakobsweg.de/

http://www.jakobsweg.info/

http://www.jakobsweg.de/startseite/jakobsweg-in-bildern/

http://www.reisemosaik.at/Spanien/Spanien_Jakobsweg.html

http://www.edwin-grub-media.de/reiseberichte/europa/spanien/jakobsweg/jakobsweg-in-aller-kuerze.html

 

 

Der Heiligen-Kult

 

Aus einem früheren Wurm:

„So ein Heiliger ist praktisch. Große Freude in dem Land und vor allem an dem Ort, aus dem er stammt. Die Stätten, an denen er wirkte, werden gerne besucht. Dort wird gegessen, getrunken, übernachtet, Andenken werden gekauft. Kurzum: so ein Heiliger ist ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor. Ein Beispiel von vielen: das im 9. Jahrhundert „gefundene“ Grab vom Apostel Jakobus dem Älteren beschert noch heute der Stadt Santiago de Compostela und den sich am „Jakobsweg“ befindlichen Orten einen gewaltigen Gewinn.

Interessant sind natürlich auch Orte, an denen Teile aufbewahrt werden, die mit dem Heiligen zu tun haben. Also von ihm selbst wie Blut, Haare, Haut, Knochen oder solche Sachen, die mit ihm in Berührung kamen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das einzige, wovon der Wurm noch nicht gehört hat, ist vom späteren Heiligen benutztes Kloopapier.

http://www.spiegel.de/panorama/reliquien-von-paepsten-wie-glaeubige-das-blut-verehren-a-965641.html#js-article-comments-box-Pager

Und es passieren an diesen Orten Wunder über Wunder. Karlheinz Deschner (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/92-aufklaerung-ist-aergernis.html ) untersuchte in „Opus Diaboli“ den Reliquienkult mit dem Ergebnis, dass von 19 überprüften Heiligen noch heute in Kirchen und Klöstern 121 Köpfe, 136 Leiber sowie eine verblüffende Fülle anderer Glieder existieren.

Die Vorhaut von Jesus ist 14fach vorhanden. Allein in Frankreich gibt es über 500 Zähne des Jesuskindes. Auch die Milch der Muttergottes, die Federn und Eier (!) des Heiligen Geistes werden an vielen Orten aufbewahrt.

Die Sehnsucht nach Überresten Verstorbener ist für die Bewohner des Erdreichs faszinierend. Sie erstreckt sich auch keineswegs auf Religion. Politiker wie Ho Chi Minh (in Hanoi) oder Sänger wie Elvis Presley (in Graceland) werden nach ihrem Tod noch heute an ihren Wirkungsstätten verehrt und selbst die Stadt Weimar profitiert heute noch von den ehemaligen Wirkungsstätten von Johann Wolfgang von Goethe.

Es ist erstaunlich, dass nicht mehr Organisationen auf die Idee gekommen sind, verdiente Mitglieder „heilig“ zu sprechen. Bei der CDU wäre Helmut Kohl mit Sicherheit zu Lebzeiten heilig gesprochen worden, bei der SPD Willy Brandt. Märtyrer der Arbeiterbewegung hätte es auch zur Genüge gegeben. Heutzutage wären die mit Sicherheit gut zu vermarkten.

Bei der Schaffung neuer Heiliger sollte Folgendes beachtet werden: Regionalproporz (schließlich will jede Region „ihren“ Heiligen), Repräsentierung der je nach Organisation wichtigen gesellschaftlichen Schichten (Geschlecht, soziale Herkunft, Beruf, Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung …), Berücksichtigung finanzieller „Zuwendungen“ (wer macht welche „Spenden“ an die Entscheidungsträger bzw. an die Organisation, wenn ein bestimmter Mensch heilig gesprochen wird), welche „politische“ Aussage der Entscheidungsträger soll mit der Heiligsprechung getroffen werden bzw. welches Ziel soll damit erreicht werden?

Das wären die Gedanken, die eine weltliche Organisation bedenken müsste. Bei religiösen Organisationen ist das natürlich nicht der Fall. Da kommt die Eingebung ja direkt von Gott und ein Heiliger ist ausdrücklich so von Gott gewollt. Sagen zumindest die Religiösen.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/94-heiliger-bimbam.html

 

Der Jakobs-Kult

 

Aus dem Bildband „Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela – Unterwegs zu Kunst und Kultur des Mittelalters“ von Natascha Kubisch:

Die Translation des Heiligen Jakobus

„Die erst im 7. Jahrhundert aufkommende Legende, Jakobus habe in Spanien gepredigt und sei dort begraben worden, ist nach heutigem Forschungsstand nicht haltbar. Der Überlieferung nach blieben die Apostel zwölf Jahre, also bis nach dem Tode des Jakobus, in Jerusalem. Den Römerbriefen zufolge waren damals in Spanien noch keine Kirchen gegründet worden (vgl. Römer 15; 24). http://www.bibel-online.net/buch/neue_evangelistische/roemer/15/#1

Die spanischen Legenden des Mittelalters berichten jedoch, die Jünger hätten den Leichnam des heiligen Jakobus von Jerusalem aus zur nahe gelegenen Hafenstadt Jaffa getragen, wo sie ein Schiff wundersam zu erwarten schien. Sie seien mit dem Leichnam eingestiegen und hätten den Segeln freien Lauf gelassen. Nach einwöchiger abenteuerlicher Fahrt sei das Schiff in den Hafen von Iria Flavia, dem heutigen Ort Patron im nordspanischen Galicien, eingelaufen. Nicht weit von der Küste entfernt hätten die Jünger einen Altar aufgestellt und den Leichnam begraben. Die Jünger hätten sich über das Land verteilt, um es zu missionieren. Nur zwei von ihnen, Atanasio und Theodoro seien am Grab des heiligen Jakobus zurückgeblieben, um die Totenwache zu halten. Als die beiden verstarben, sollen sie neben dem Grab beigesetzt worden sein. Der Altar, der nur aus einfachen Steinen errichtet worden sein soll, wurde überwuchert und geriet in Vergessenheit.“

Die Wiederentdeckung der Reliquien

„Im Sommer 813 wurden die vermeintlichen Jakobusreliquien wiederentdeckt. Ein Hirte namens Pelayo (lat. ‚Pelagius‘) hütete des Nachts seine Schafe, als Engel ihm kundtaten, er werde das Grab des heiligen Jakobus dort finden, wo Sterne leuchteten. Pelayo sah einen Kometen und folgte diesem. So fand er das Grab des Jakobus mit den Reliquien. Beeindruckt von seinem Fund lief er zum Bischof von Iria Flavia und unterrichtete diesen. Bischof Theodimir eilte sogleich auf das Feld der Erscheinung und entdeckte damit ganz offiziell die Reliquien. König Alfons II. von Asturien (*759, 792 – 842) wurde unterrichtet und eilte sofort herbei. Er war damit der erste Pilger, der das vermeintliche Grab des Heiligen besuchte. Alfons II. deklarierte den heiligen Jakobus zum Schutzpatron seines Reiches und errichtete ihm eine kleine, heute nicht mehr erhaltene Kirche.“

Das Grab des heiligen Jakobus und die Gründung von Santiago de Compostela

„Um die Kirche entstand eine Ortschaft, die nach dem heiligen Jakobus (span. ‚Santiago‘) und dem Feld (lat. ‚campus‘), auf dem die Sterne (lat. ‚stella‘) leuchteten, ‚Santiago de Compostela‘ genannt wird. Die Stadt wird 813 erstmals erwähnt und soll bereits 844 erste Pilger angezogen haben.“

Die Entstehung des Jakobskultes im Zeichen der Reconquista.

„In dieser kritischen Lage glaubte man nicht mehr an die Rettung des Landes und erhoffte sich somit Hilfe auf geistiger Ebene. Bezeichnenderweise fällt die Entdeckung der Jakobus-Reliquien in das Jahr 813 und damit in diese unruhige und kriegerische Zeit. Alfons II. deklarierte den heiligen Jakobus sogleich als Schutzpatron seines Reiches. Der Glaube an einen Schutzpatron sollte die Streitkräfte einen und das Reich festigen. Außerdem sollte ein starker christlicher Glaube ein Gegengewicht zu dem kontrovers ausgerichteten Islam bilden, der seine Macht zusehends ausdehnte. Schon zeigten sich die ersten militärischen Erfolge für die Christen, womit als erwiesen galt, dass der heilige Jakobus seine Patenschaft über Spanien angenommen hatte. Dies förderte seine Popularität und ‚Santiago, Matamoro!‘ – ‚Jakobus, der Maurentöter!‘ – wurde zum Kampfschrei der christlichen Truppen.“

Die Verehrung des heiligen Jakobus aus kirchenpolitischer Sicht

„Den außerrömischen Kirchenordnungen blieb um ihrer Selbstbehauptung willen, laut Odilo Engels, keine andere Lösung, als sich um eigene Apostolität zu bemühen, wie Rom sie schon besaß. Der Ursprung der Kirche musste auf einen Apostel zurückzuführen sein, und zwar in zweifacher Weise: Ein Apostel musste die Orts- und Landeskirche anlässlich seiner Missionstätigkeit errichtet haben, und außerdem musste er nach dem Vorbild Roms dort auch bestattet sein. In Byzanz lässt sich solch eine Aufwertung der Kirche gut beobachten. Anfangs war Rom aufgrund der Apostolizität des heiligen Petrus in der kirchlichen Hierarchie tonangebend. Dann berief sich Byzanz aber auf den Apostel Andreas, der bereits früher in Byzanz missioniert haben soll als dies der Apostel Petrus in Rom getan hatte. Außerdem befanden sich die Reliquien des heiligen Andreas seit dem Jahre 257 in Byzanz, womit die Kirche von Byzanz der Kirche von Rom die Vormachtstellung ablief, was letztendlich zur Teilung des Reiches in Westrom und Ostrom (= Byzanz) führte …

Asturien konnte sich zwar darauf berufen, dass der Apostel Jakobus das Land missioniert hatte, aber es brauchte zur Ergänzung noch das Grab. Diese Vorgänge sollten in Santiago de Compostela nicht nur den Bischofssitz legitimieren, sondern richteten sich auch gegen den überzogenen Anspruch des Erzbischofs von Toledo und wirkten sich positiv auf das Selbstwertgefühl des asturischen Königshauses aus.

Die Kirche von Santiago de Compostela versuchte sich von den kirchlichen Bindungen an das ihr übergeordnete Erzbistum Toledo zu lösen; schon allein aus diesem Grund war die Berufung auf den Apostel geeignet, um Toledo die beanspruchte Autorität zu nehmen. Außerdem war das asturische Königreich auf seine Selbstbehauptung hin orientiert gewesen. König Alfons II. versuchte, die untergegangene Westgotenherrschaft und ihre Kirchenordnung fortzusetzen und damit auch die unverfälschte westgotische Kirchenordnung zu unterstützen. Es entstanden Dispute, die sich nicht nur auf theologische Fragen beschränkten, wie z.B. der Adoptianismusstreit, sondern sich auch auf die rechtlichen Kirchenordnungen erweiterten. So hatte das im 9. Jahrhundert der apostolischen Missionstätigkeit zugefügte Grab nicht nur einen Grabkult entfacht, sondern mit ihm auch die westgotisch-mozarabische Kirchenordnung, wie sie das Asturische Reich präsentierte, gefestigt, indem sie ihr einen apostolischen Ursprung gab …

Auch die Existenz des Heiligengrabes musste durch die römische Kirche bestätigt werden. Erst Papst Calixtinus II. (1119 – 1124), der wiederum eng mit dem asturischen Königshaus verbunden war, kümmerte sich um die offizielle Anerkennung des Apostelgrabes.“

 

Pilgerwesen im Mittelalter

 

Ablauf einer Pilgerreise

Natascha Kubisch: „Bevor man sich auf die Pilgerreise begab, musste man seine häuslichen Angelegenheiten in Ordnung bringen, d.h. der angehende Pilger musste seinen Frieden mit der Familie, den Nachbarn, Freunden und Bekannten machen und sie für begangenes Unrecht um Verzeihung bitten. Nur so konnte ein Mensch den Status eines Pilgers erlangen, der sich reinen Gewissens auf die Wallfahrt begab. Großzügige Geldspenden an alle, denen er in seinem Leben Schaden zugefügt hatte, sowie an die Armen der Gemeinde und die Kirche selbst, waren für den wohlhabenden Gläubigen Pflicht. Anstehende Schulden mussten beglichen und Rechtsangelegenheiten, die während der Abwesenheit des Pilgers hätten anfallen können, sollten vor Reisebeginn geklärt werden. Dazu gehörte auch das Ausstellen eines Testaments, denn niemand, der eine Reise antrat, wusste, ob er von ihr auch lebend zurückkehren würde. So geläutert, mit sich selbst und der Welt im Reinen, stellte sich der angehende Pilger auf die Reise ein. Jetzt hieß es nur noch Geld auftreiben, sich für die Wallfahrt einkleiden und sich von dem Pfarrer ein Empfehlungsschreiben bzw. einen Pilgerausweis ausstellen lassen, in dem der Pilger später die einzelnen Stationen der Reise an den dafür vorgesehenen Orten abstempeln ließ. Zum Schluss hieß es noch beichten, Abschied nehmen und aufzubrechen zur größten Reise seines Lebens.“

„Die Pilgerreisen zum Grab des heiligen Jakobus wurden von Cluny aus gefördert, so dass bereits im Mittelalter ganze Pilgerströme nach Santiago de Compostela zogen. Die Pilgerreise musste zu Fuß angetreten werden, wenn ihr sühnender Charakter beibehalten werden sollte. Diese Form der Bußpilgerschaft war weit verbreitet. Ihr liegt die Anschauung der Kirche zugrunde, dass die ewige Strafe für begangene Sünden durch freiwillige asketische Leistungen des Gläubigen abgekürzt werden kann.“

„Neben der Bußpilgerschaft gab es auch die Bittwallfahrt, die ein Gläubiger in der Hoffnung antrat, so von einer Krankheit oder einem anderen Leiden erlöst zu werden … Da sich die medizinische Kunst der Ärzte häufig auf den Aderlass beschränkte, war der Besuch eines Heiligengrabes meist die einzige Hoffnung der Kranken.“

„Da Kranke und Sterbende kaum die Hoffnung hatten, die Pilgerstätten lebend zu erreichen, war es ihnen auch gestattet, Familienangehörige an ihrer Stelle auf die Pilgerreise zu schicken und so die Erlösung von Sünden und ewiger Verdammnis zu erlangen. Diese Stellvertreter-Wallfahrt erfreute sich im Mittelalter zunehmender Beliebtheit, und so kam es auch vor, dass wohlhabende Bürger einen Pilger dafür bezahlten, dass er in ihrem Auftrag nach Santiago de Compostela reiste und dort eine Messe für sie lesen ließ.“

„Beliebt und im ‚Liber Sancti Jacobi‘ bezeugt ist die Gelübdewallfahrt. In einer Notsituation, wie z.B. in Gefangenschaft, wurde ein Heiliger angefleht und für den Fall der Erhörung des Gebets eine Wallfahrt zum Heiligtum des betreffenden Fürsprechers gelobt. Die Gläubigen bemühten sich, ihrem Versprechen unverzüglich nachzukommen, da sie andernfalls mit überirdischen Vergeltungsmaßnahmen des geprellten Heiligen rechnen mussten.“

„Die Angst vor dem Jüngsten Gericht und die Furcht vor ewiger Verdammnis verursachten zeitweilig eine regelrechte Hochblüte der Bußpilgerschaft.“

„Auch die Teilnahme an Kreuzzügen sowie die Entsendung von Kreuzrittern nach Spanien zum Schutz des Pilgerwegs kam einer Pilgerreise gleich und sorgte im 11. und 12. Jahrhundert für einen nicht abnehmenden Pilgerstrom nach Santiago de Compostela.“

Hierüber berichtet Natascha Kubisch nicht – es gab aber auch noch andere Beweggründe für eine Pilgerschaft:

„Diesen freiwillig unternommenen Pilgerfahrten läßt sich der Typus der zunächst von kirchlichen, dann auch von weltlichen Instanzen verordneten Buß- bzw. Strafpilgerfahrt gegenüberstellen. Es handelte sich dabei zuerst um eine Praxis des kanonischen Rechts, die sich in der Karolingerzeit entwickelt hatte und über Jahrhunderte lebendig blieb. Ab dem 13. Jahrhundert werden auch von weltlichen Instanzen, besonders im belgisch-niederländischen Raum, später auch in den Hansestädten, Strafwallfahrten nach Santiago verhängt. Zwischen 1415 und 1513 erfolgten allein in Antwerpen etwa 2500 Verurteilungen zu verschiedenen Pilgerfahrten. Nicht umsonst hat man hier von einer Art Sozialhygiene gesprochen (Steven Runciman). Es blieb nicht aus, daß dieser Typus von Pilgerfahrt auf das Pilgerbild im allgemeinen negativ abfärbte. Im Extremfall wurden die Begriffe "Pilger" und "Verbrecher" synonym.“

http://www.kath.de/quodlibe/santiago/santia05.htm

Pilgern nach Santiago

Auszüge aus Julia Fröhlich: „Pilgern nach Santiago. Motive, Rituale und Wege“

„Außer religiösen Gründen spielten bei der Entscheidung für eine Pilgerfahrt auch andere Gründe eine Rolle: So lockten neben Reise- und Abenteuerlust die Entfernung vom Alltag mit all seinen Problemen und Sorgen. Auch drückende Pflichten ließen viele in die Ferne aufbrechen. Zudem verließen einige Pilger ihre Heimat, um vor kursierenden Krankheiten oder Seuchen zu fliehen. Im späten Mittelalter nahmen die religiösen Motive ab. Besonders Adlige unternahmen die Pilgerfahrten aus Prestigegründen oder gar zum Vergnügen bzw. Zeitvertreib.

Betrachtet man speziell Santiago de Compostela, so lässt sich das große Interesse an diesem Pilgerort folgendermaßen erklären: Zunächst war Jakobus als der Älteste der Apostel ein Symbol für Weisheit und ist als einer der Jünger Jesu von besonderer Wichtigkeit. Er wurde als solcher in direkter Konkurrenz zum Apostel Paulus gesehen, was der Stadt Santiago eine besondere Stellung einbrachte. Außerdem galt er als Märtyrer und seine Herkunft aus dem einfachen Volk beschied ihm eine besondere Volksnähe. Sein Ruf als Heiliger und Bewirker von Wundern verbreitete sich so in alle Richtungen. Ebenfalls wichtig ist, dass ein Apostelgrab im Westen, weit entfernt von Rom, etwas Besonderes war. Aufgrund der Entfernung war Santiago de Compostela gleichzeitig weniger mit der Hierarchie schon bestehender Pilgerorte verbunden, was sich angeblich gut auf die Popularität dieses Pilgerortes auswirkte. Eine gute Infrastruktur aus Herbergen, Hospizen und Straßen trug mit Sicherheit auch zum Erfolg dieser Pilgerstraße bei. Außerdem verband sich mit der Reise nach Santiago der Reiz, das ‚Ende der Welt‘ zu entdecken, da zu der damaligen Zeit nicht weit entfernt die äußerste westliche Grenze der damals bekannten Welt lag.

Außer diesen Vorbereitungen musste man sich um eine angemessene Ausstattung kümmern. Dazu gehörten traditionell ein Stab und eine Tasche, ein Mantel und eine Trinkflasche. Die Pilgertasche bestand aus einem engen Lederbeutel. Die geringe Größe des Beutels verdeutlichte den Anspruch, dass ein rechter Pilger arm sein musste. Die Haut des Tieres galt als Symbol für das Abwerfen seines mit Lastern und Begierde versehenen Fleisches. Zudem war der Beutel grundsätzlich nicht verschlossen. Dies symbolisierte die Bereitschaft zur Barmherzigkeit. Ein Pilger war darauf angewiesen, sowohl zu geben als auch zu nehmen – ein grundsätzlicher Wert der Pilgerfahrt. Auch der Pilgerstab hatte neben seinem praktischen Nutzen als Verteidigungswaffe (gegen Wölfe oder Diebe) eine symbolische Bedeutung. So verkörperte er als „dritter Fuß“ den Glauben an die Dreifaltigkeit.

Für Santiago de Compostela galt es als bedeutende Tradition, zunächst die Kathedrale zu betreten, die dauerhaft geöffnet war. Nach einem Gebet hielten die meisten Pilger wohl Nachtwache, wobei sie versuchten, dem Grab des Heiligen möglichst nahe zu sein. Dass es dabei des Öfteren zu erbitterten Kämpfen um den besten Platz kam, ist vielfach nachzulesen. Besonders vor Hauptfesten wurde die gesamte vorausgehende Nacht als Vigil in der Kathedrale zugebracht. Eine gängige Tradition war das Berühren und Küssen der Statue, des Altares und vor allem des Schreins. Zudem wurden die Pilger einmal um die Statue des Heiligen Jakobus geführt, die hinter dem Hauptaltar steht. Auch hier wurde traditionell die Statue umarmt, was als Höhepunkt der Pilgerreise galt. Anschließend erfolgte die Übergabe der mitgebrachten Geschenke und Opfergaben. Dabei handelte es sich in vielen Fällen um kunstvoll geformte Wachsfiguren, die zum Beispiel einen Körperteil darstellten, der vom Heiligen geheilt worden war oder noch geheilt werden sollte. Geldgaben oder größere Schenkungen, so genannte Oblationen, waren ebenfalls möglich. Die Gaben kamen vor allem den Kanonikern zugute und deckten einige Kosten zum Unterhalt der Kathedrale. Im 13. Jahrhundert entwickelte sich ein komplexes Ritual zur Übergabe von Opfergaben. Der Chorherr soll dabei hinter dem Bild des Apostels gestanden haben und die Gaben in dessen Namen entgegengenommen haben. Dabei soll er den Pilger mit einem Stab auf dem Rücken, den Armen und den Schenkeln berührt haben. Anschließend wurden die Gaben in der Nähe des Apostelgrabes aufgestellt. Nachdem all diese Traditionen und religiösen Rituale vollzogen waren, konnte sich der Pilger von den Strapazen erholen.

Das Pilgerwesen, so sollte der vorliegende Beitrag zeigen, beeinflusste das kulturelle und wirtschaftliche Leben der Menschen über Jahrhunderte hinweg. Besonders entlang der Pilgerwege lassen sich noch heute Spuren dieser immensen Bewegung auch im alltäglichen Leben der Bewohner finden. Es scheint erstaunlich, wie weit sich die Faszination für den Heiligen Jakobus ausbreitete, getragen von vielen Wundergeschichten und Legenden, die die Menschen durch rituelle Handlungen und Erzählungen aufrecht erhielten und vergegenwärtigten nicht zuletzt bis in unsere Moderne hinein. Die Spuren der Jakobusverehrung wirken besonders an den Originalschauplätzen, wie zum Beispiel in Santiago de Compostela, noch heute spürbar auf das Leben der Menschen ein. Noch immer zieht es viele Tausend Besucher in die mittelalterliche Stadt, die so dazu beitragen, dass der Mythos des Heiligen Jakobus nicht versiegt.“

http://www.uni-kiel.de/symcity/ausgaben/03_2012/data/02_Froehlich.pdf

 

 

Hier noch ein Link zum Pilgerwesen im allgemeinen:

http://www.planet-wissen.de/kultur/religion/pilgern/pwwbpilgern100.html