Nachdem der erste Teil schon über 7 Millionen Zuschauer im Kino hatte, steht „Fack ju Göhte 2“ mit über 5 Millionen Besuchern nach gut zwei Wochen auch nicht schlecht da.

Unabhängig davon, wie gut oder schlecht der Film sein mag – bei den hohen Besucherzahlen muss er gesellschaftlich einen Nerv getroffen haben.

 

Zum Film

 

Tatsächlich ist der Film an sehr vielen Stellen sehr unrealistisch und ist von vorne bis hinten kompletter Blödsinn. Das ist etwa „Das Leben des Brian“ auch – aber dort ist es niveauvoller Blödsinn, während es sich bei „Fack ju Göhte 2“ um niveaulosen Blödsinn handelt. Dass den „Faust“ „der Reclam“ geschrieben haben soll, hat ja noch einen gewissen Witz. Ansonsten möchte der Wurm über die weiteren Gags lieber den Mantel des Schweigens breiten.

 

 

Aus der Film-Homepage:

„Alle lieben Haudrauf-Lehrer Zeki Müller (Elyas M'Barek), aber den nervt sein neuer Job an der Goethe-Gesamtschule: frühes Aufstehen, aufmüpfige Schüler und dieses ständige Korrigieren! Zu allem Überfluss will Power-Direktorin Gerster (Katja Riemann) die altsprachliche Konkurrenz ausbooten und dem Schillergymnasium die thailändische Partnerschule abjagen. Ihr Traum: Das Image der Goethe-Gesamtschule steigern, um Aushängeschild der neuen Kampagne des Bildungsministeriums zu werden.

Nichts liegt Zeki ferner, als mit seinen "Schwachmaten" auf internationale Klassenfahrt zu gehen, aber als ein überraschend aufgetauchter Rest seiner Beute durch ein Missgeschick von Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth) in einem Spendencontainer nach Thailand landet, hat er keine andere Wahl: Er muss seine in einem Kuscheltier versteckten Diamanten zurückbekommen.

Müller verdonnert sich freiwillig zur Klassenfahrt in ein thailändisches Küstenkaff. In Südostasien drehen Chantal (Jella Haase), Zeynep (Gizem Emre), Danger (Max von der Groeben) & Co erst so richtig auf und präsentieren ein schillerndes Spektrum an sozialer Inkompetenz. Und als ob Zeki mit dem wilden Lehrer-Schüler-Krieg nicht schon genug zu tun hätte, entbrennt auch noch ein gnadenloser Konkurrenzkampf mit dem elitären Schillergymnasium und dessen versnobtem Superpädagogen Hauke Wölki (Volker Bruch), der nur ein Ziel hat: Müllers Karriere zu beenden.“

http://www.fjg-film.de/

„Wie heißt der Typ, der „Faust“ geschrieben hat? Na, Reclam. „Fack ju Göhte 2“ ist genau so ein Blödsinn wie der erste Teil, aber viel lustiger – dank dem Film seinem Personal.

Der erste Teil von „Fack ju Göhte“ war ein riesiger Publikumserfolg und ein Schmarren sondergleichen. Kleinkrimineller mit Migrationsvordergrund stapelt sich zum Lehrer hoch, um vergrabene Beute nächtens unterm Turnhallenanbau der Gesamtschule herauszubuddeln. Muss tagsüber die hochunbegabte, rauchende, fluchende, prügelnde Problemklasse unterrichten, was bis dahin keiner Lehrkraft gelang. Ihm auch nicht, aber er flucht, lügt, prügelt und kiezdeutscht so lange zurück, bis die Schüler nachgeben wie Hunde, die ihren Herrn gefunden haben und nicht mehr beißen, sondern süß sind. Alte Grenzphantasie der Erziehung im Übergang zur Sozialarbeit: Man muss ihre Sprache sprechen, dann gehorchen sie, entwickeln Achtung, ja Verehrung gar. Schule, heißt das, muss mancherorts Resozialisierung sein.

Die Komik war bei diesem Plot überwiegend hämisch und unterleibslastig. Die verklemmte Lehramtskandidatin im Praxisschock, die hysterische Ausgetrocknete, die Schüler und Kollegen nur noch hasst, der verquast an allen vorbeibramarbasierende Leiter der Theater-AG, die Schüler, die keinen geraden Satz hinbekommen, dafür einander mit „Opfer“, „Nutte“ und noch viel weiter abwärts traktieren. Zugleich war der Plot erbärmlich kitschig. Der harte Hund mit weichem Kern. Die Gosse voller Perlen. Prostituierte und Schläger sind eigentlich gute Kumpels. Die verlorenen Seelen dürsten nach Zuwendung, die Prüde nur nach einem durchtrainierten Gegenüber. Nahm man beides, den Hohn und den Kitsch, zusammen, kam heraus: Das Herz der Dummheit ist voll krass mit Marmelade gefüllt.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/filmkritik-zu-fack-ju-goehte-2-mit-elyas-m-barek-13792011.html

 

Vergleich zu älteren Filmen

 

Lustige Filme über Schüler und Lehrer hat es schon immer gegeben (auch nicht immer auf hohem Niveau) und bieten sich deshalb sehr schön an, um gesellschaftliche Entwicklungen vergleichen zu können. Gerade bei den erfolgreichsten Filmen ihrer Zeit:

- „Die Feuerzangenbowle“ (1944, spielt um 1900)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Feuerzangenbowle_(1944)

- „Die Lümmel von der ersten Bank“ (1967 - 1972)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_L%C3%BCmmel_von_der_ersten_Bank

- „Fack ju Göhte“ (2013 – 2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Fack_ju_G%C3%B6hte

https://de.wikipedia.org/wiki/Fack_ju_G%C3%B6hte_2

Mensch vergleiche jeweils die Kleidung von Schülern und Lehrern, die Ausstattung der Schule, das Verhalten der Lehrer gegenüber den Schülern, das Verhalten der Schüler gegenüber den Lehrern, die gesellschaftliche Stellung des Lehrers.

Und mensch vergleiche die Machart der Filme: gibt es Schleichwerbung (und wenn ja: wieviel), wie oft gibt es welche Musik, wie lange dauert eine Szene, wie viele Gags gibt es im ganzen Film?

Bei „Fack ju Göhte 2“ gibt es viel Schleichwerbung, viel Musik, die Szenen sind sehr kurz, es gibt Gags „am laufenden Band“. Mit der Folge, dass jüngere Menschen daran gewöhnt sind, dass alles sehr schnell gehen muss, dass alles sehr lustig sein muss und alles sehr einfach ist.

Nun gibt es aber Dinge, die sind nicht lustig, die sind nicht belanglos, die sind nicht kurzfristig. Und da, in der „richtigen Welt“, haben diese Menschen ihre Probleme.

Das ist nicht nur bei jüngeren Menschen so – der größte Teil der Menschheit ist mittlerweile so drauf. Das zeigt sich etwa darin, dass viele stündlich nach den Aktienkursen schauen und die Geschäftsinteressen oft kurzfristig ausgerichtet sind. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, wie das Unternehmen in ein paar Jahren da stehen wird (mit den entsprechenden mittel- bis langfristigen Planungen und Entwicklungen), geht die Konzentration auf den nächsten Vierteljahres-Bericht.

Was bei allen lustigen Schulfilmen vorkommt: es gibt zumindest einen konservativen (bzw. „strengen“) Lehrer, der mit seinen „frechen“ Schülern nicht klar kommt. Dem werden immer mehrere Streiche gespielt. Oder er kriegt den einen, großen Schluss-Streich ab.

Bei „Fack ju Göhte 2“ ist das nicht anders. Da bleibt es aber nicht bei harmlosen Streichen – wie in der Gesellschaft, fallen auch hier die letzten Schranken bis hin zur Vernichtung: die entsprechende Lehrerin (die nichts Böses getan hat), wird ins Narrenhaus getrieben. Sehr lustig, das Publikum hat sich darüber gefreut.

 

Alles egal

 

Lehrer und Schüler dürften im Film Kollegen bzw. Mitschüler wiedererkannt haben. Vielleicht etwas überzogen, aber im Kern doch treffend.

Den Wiedererkennungswert gibt es jedoch noch an anderer Stelle: Gesellschaft und Film bedingen sich gegenseitig. Gesellschaftliche Entwicklungen fließen in den Film ein und dieser verstärkt diese Entwicklungen oder schiebt sie erst an.

Dazu gehört die Tendenz, dass alles egal sei und nichts ernst genommen werden müsse. Mensch braucht nur ein „gutes Herz“ und alles wird gut.

Da kann irgend einer „von der Straße“ kommen, in die Schule gehen und Schüler unterrichten. Obwohl er selbst nicht die geringste Ahnung vom Unterrichts-Stoff hat. Ist ja eh alles egal. Die Schüler freut’s und lernen jetzt wenigstens ein bisschen etwas.

Dazu passt, dass diese dümmsten Schüler, die die Film-Geschichte kennt, Abitur machen wollen. Keine Frage – mit diesem „Lehrer“ klappt das schon. Ist ja eh nichts Besonderes.

Das mag leicht überzogen sein. Aber auch nur leicht. Vielleicht gibt es noch Respekt vor Menschen mit technischem Wissen – alles andere Wissen wird von den meisten Menschen herablassend angesehen. Nach dem Motto „das könnte ich auch“. Wenn nicht sofort, dann, nachdem ich ein Buch gelesen oder einen einwöchigen Kurs besucht habe.

Da fragt sich wurm, wozu die entsprechenden Fachkräfte (wie Lehrer) ihre lange Ausbildung gemacht haben und warum deren Berufserfahrung und Weiterbildung nichts zählen sollen.

Der mit weitem Abstand intelligenteste Schüler, der nicht andauernd blöde Sprüche vom Stapel lassen und dauernd auf sich aufmerksam machen muss, ist offiziell behindert: er hat das Asperger-Syndrom. Eine abgeschwächte Variante des Autismus, die sich unter anderem in extremer Berührungsangst zeigt.

Da dieser Schüler nicht so lustig ist und deshalb „nervt“, wird er zum größten Teil von den anderen ignoriert.

Bis dahin, wo ihn der „Lehrer“ aus dem Boot wirft und ihm die Rettungsleiter vorenthält. Der um sein Leben Kämpfende hat die Wahl, zu ertrinken oder die ausgestreckte Hand der Mitschülerin zu ergreifen. Natürlich ergreift er nach voran gegangenen Qualen die Hand. Eine pädagogisch „wertvolle“ Aktion, die „lustig“ ist und was gebracht hat.

Die Todesängste des behinderten Schülers – egal. Soll sich halt nicht so anstellen. Hat sich doch positiv ausgewirkt. Und wenn es schief gegangen wäre, wäre es ja auch egal gewesen.

So egal, wie es egal ist, wie es der im Narrenhaus befindlichen Lehrerin ergeht. Und was deren Angehörige oder Freunde dazu sagen. Oder Tiere oder pflegebedürftige Menschen, die auf sie angewiesen wären. Oder sonstige Menschen, die ihre Hilfe oder ehrenamtliches Engagement brauchen würden.

 

Die Moral von der Geschicht

 

Neben den Schülern des Goethe-Gymnasiums gibt es noch diejenigen des Schiller-Gymnasiums, der Schule der Besserverdienenden. Sie haben die bessere Schule, die engagierteren Lehrer, fliegen in der Business Class, fahren im Luxusbus und wohnen bzw. übernachten sehr gut.

Alles stark überzogen, aber eine gute Komödie hätte da was draus machen können.

Die Schüler werden langweilig dargestellt und eine Schülerin wird von denen der Konkurrenz-Schule gefoltert, um an notwenige Informationen zu kommen. Alles sehr lustig. Auch deren Todesqualen.

Deren Lehrer wird als übereifriger Streber und Gutmensch dargestellt. Zum Schluss erweist er sich als Schlechtmensch.

Im Gegensatz zum „Lehrer“ der Goethe-Schüler, der das Geld seiner Diamanten dafür verwendet, ein Waisenhaus zu bauen.

Diese Diamanten haben tauchende Waisenkinder für ihn aus dem Meer geholt und sich zum Lohn dafür mit einem „McDonalds“-Gericht abspeisen lassen. Diese Waisenkinder haben natürlich einen Anführer und natürlich ist das kein Einheimischer, sondern ein „weisses“ Kind.

Womit kann mensch jüngere Menschen am Besten strafen? Indem er ihre Unterhaltungs-Elektronik (vor allem Smartphones) weg nimmt. Mensch fahre mal ein paar Stationen mit der Straßenbahn und er wird feststellen, dass kaum einer (zumindest keiner von den Jüngeren) sich noch um seine Mitmenschen kümmert. Sie setzen sich an ihren Platz und verschmelzen praktisch mit ihrem Gerät. Da müsste schon sehr viel passieren, um wahrzunehmen, was um sie herum passiert.

Zuguterletzt klaut der „Lehrer“ den Schülern ihre Smartphones. Das Elend ist da – ohne ihre Geräte fühlen sich die Schüler quasi nackt. Von ihren Smartphones aus hat der „Lehrer“ ihren Eltern Nachrichten geschickt nach dem Motto „Ihr habt’s nicht immer leicht mit mir, dabei liebe ich Euch so sehr“, worüber die Eltern unendlich glücklich sind und die verkorksten Eltern-Kind-Beziehungen auf einen Schlag wunderbar werden.

Mensch muss nur freundlich zu seinen Mitmenschen sein und alles wird gut. Auch, wenn er bis dahin nur bösartig war.

„Fack ju Göhte 2“ erhebt keinen besonderen Anspruch, hat bewusst sehr viele Unsinnigkeiten und Blödsinnigkeiten und will einfach nur unterhalten. Gut und schön – dann hätten die „moralischen“ Sachen aber auch gleich weg bleiben können.

Der Film sagt mehr über den Zustand der Gesellschaft aus, als die meisten wahrhaben wollen.