Der „Eurovision Song Contest“ (ESC) ist ein Wettbewerb, bei dem mensch sicher sein kann, dass nicht automatisch das beste Lied gewinnen wird. Die Interpreten müssen im Vorfeld oft gesendet werden und einen sympathischen Eindruck machen. Je öfter und je besser darüber geredet wird, umso besser die Sieges-Chancen. Wie bei allen anderen Wettbewerben auch.

Der ESC hat dazu noch die Besonderheit, dass pro Land je zur Hälfte die Stimmen des anrufenden Publikums und einer „Fachjury“ gewertet wird.

Im Internet sind die Beiträge bereits einige Wochen vorher anzusehen. Anhand der Klickzahlen in den jeweiligen Ländern lässt sich relativ gut vorhersagen, wie die jeweiligen Lieder abschneiden werden.

Und wenn sich da abzeichnet, dass ein Lied aus einem bei den Verantwortlichen unbeliebten Land gewinnen könnte – was könnte da getan werden? Jenes Lied entweder totschweigen oder diffamieren und sich hinter den Kulissen auf den Beitrag eines Landes einigen, dem mensch zutraut, das Lied aus dem unbeliebten Land auf einen der hinteren Plätze zu verweisen.

Einige Jurys sprechen sich ab und in den Medien wird der Favorit präsentiert, der quasi eine Dauer-Präsenz im Fernsehen hat, über den nur positiv berichtet wird, über den gesagt wird, dass er der Favorit sei.

Exakt das ist passiert (zumindest liegt der Verdacht sehr nahe): der russische Beitrag sollte nicht siegen und gegen den wurde der schwedische in Stellung gebracht. Wer die deutschen Fernseh-Berichte im Vorfeld gesehen hat, bei dem blieben drei Dinge „hängen“: der ESC ist schwulen-freundlich, Australien ist mit dabei und Schweden ist der große Favorit – obwohl der schwedische Beitrag so gut jetzt auch wieder nicht war: in einem Jahr wird sich kaum einer mehr an die Melodie erinnern können.

Leidtragender an dieser Mauschelei war noch nicht mal der russische Beitrag, sondern der italienische, der bei den Zuschauern klar vorne lag, zusammen mit den Stimmen der Jurys jedoch nur den dritten Platz erreichen konnte.

Bei den Zuschauern wäre es zu folgender Punkteverteilung gekommen:

Italien:  366 Punkte (Jury: 171 Punkte)

Russland:  286 Punkte (Jury: 234 Punkte)

Schweden: 279 Punkte (Jury: 353 Punkte)

http://de.wikipedia.org/wiki/Eurovision_Song_Contest_2015#Aufteilung_Televoting.2FJuryvoting

Die litauischen Anrufer sahen Russland auf Platz 3, die Jury leider nur auf Platz 20. Das macht insgesamt Platz 11 und damit null Punkte für Russland:

http://www.eurovision.tv/page/results?event=2083&voter=LT

Dass nicht nur beeinflusst, sondern auch direkt manipuliert wird, zeigt sich darin, dass dieses Jahr die Jury-Wertungen von Mazedonien und Montenegro wg. offensichtlicher Manipulation nicht ins Ergebnis einflossen.

Stefan Niggemeier äußert Zweifel an der aserbeidschanischen Jury und schreibt zur deutschen:

„Übrigens gibt es auch bei der deutschen Jury wieder eine erstaunliche Übereinstimmung: Alle Juroren (die sich, wie gesagt, nicht absprechen dürfen) setzten Lettland an die erste Stelle. In vergangenen Jahren haben alle damaligen deutschen Juroren den ersten und den zweiten Platz gleich gewählt.“

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/21161/jury-aus-aserbaidschan-beeindruckt-wieder-im-synchronabstimmen/

  

Der russische Beitrag

 

„A Million Voices“ (eine Million Stimmen) von Polina Gagarina hört sich recht gut an und war verdient weit vorne.

https://www.eurovision.de/teilnehmer/2015-Polina-Gagarina,russland624.html

Was den Wurm daran stört, ist, dass nicht erkennbar ist, dass es aus Russland kommen könnte: nicht an der Musik, nicht an der Sprache, nicht an der Kleidung, nicht am Aussehen. Demjenigen, der vorher gesagt hätte, dass es sich um den deutschen oder isländischen Beitrag gehandelt hätte, wäre sofort geglaubt worden.

Der Inhalt nach dem Motto „Love and Peace“ war so allgemein und unkonkret, dass es schon nicht mehr ernst zu nehmen ist. Was aber beim Halligalli-Publikum traditionell gut ankommt. So wurden die Lieder mit ambitionierten Themen abgestraft: Armenien (Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren), Frankreich (1. Weltkrieg vor 100 Jahren), Ungarn (aktuelle Kriege und Kriegsgefahren) und Rumänien (Eltern müssen im Ausland arbeiten, Kinder bleiben in Rumänien).

Die Sängerin  sieht gut aus und hat eine gute Stimme. Scheint aber nicht gerade eine Intellektuelle zu sein:

„„Was ,Million Voices‘  betrifft, so kommen darin Menschen verschiedenen Alters – Kinder, Erwachsene und auch ältere Leute zu Wort, sie  sprechen zwar verschiedene Sprachen, aber im Grunde genommen nur eine Sprache – und zwar die Sprache der Liebe“, fügte sie an. „Dieses Gefühl der Liebe möchte ich mit dem Lied und bei dem Wettbewerb vermitteln“ …

„Das Lied gibt mir die Möglichkeit nicht nur meine vokalischen, sondern auch schauspielerischen Potentiale  zu entfalten, und es beinhaltet eine mir sehr wichtige und notwendige Botschaft, und zwar die Botschaft der Liebe und des Lichts. Es gefällt mir einfach. Die Hauptsache ist, dass der Sänger und das Lied eins sind. In meinem Fall ist es so“ …

„Ich habe Glück, ich bin eine Blondine“, reagierte die junge Dame selbstironisch auf diese Frage: „Über Blondinen gibt es bekanntlich viele Witze. Da bin ich eine ihrer Heldinnen. Ich bin absolut apolitisch, ich verstehe nichts von Politik. Auch kochen kann ich nicht. Ich kann vieles nicht. Das Einzige, was ich kann, ist singen. Zudem bin ich keine schlechte Schauspielerin. So wird auch bald  ein Film erscheinen, in dem ich mitwirke. Die Kunst ist das Einzige, worin ich mich auskenne.““

http://de.sputniknews.com/panorama/20150504/302176287.html

Jetzt ist es einem Künstler nicht zu verübeln, wenn er sich aus der Politik raus hält (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/153-was-gesagt-werden-muss.html ), aber sich dumm stellen zeugt auch nicht grade von hoher Intelligenz.

Nichtsdestotrotz: ihr Beitrag hätte gewinnen können. Trotz der guten Chancen wurde er zumindest in Deutschland entweder totgeschwiegen oder nieder gemacht.

 

Monumente des Widerlichen

 

Wurm ist es mittlerweile ja schon gewohnt, findet das Verhalten der deutschen Staatsmedien aber nach wie vor zutiefst widerlich.

Aus der „Propagandaschau“: „Schon im Vorfeld des ESC hatten Hetzer in deutschen Medien dazu aufgerufen, die russische Sängerin Polina Gagarina auszubuhen oder ihren Auftritt als heuchlerisch und von Putin inszeniert gebrandmarkt. Diese Hetze unter dem Deckmantel der Gutmenschlichkeit, die vorgibt, sich für die Rechte von Homosexuellen einzusetzen, in Wahrheit aber nur eigenen Ressentiments und dümmlichen Vorurteilen über Russland freien Lauf lässt, passt so wenig zu einem internationalen Gesangswettbewerb, wie die aus der gleichen politischen Richtung propagierte “Schutzverantwortung” zu den heutigen Verhältnissen im Irak, Libyen oder Syrien.

Wenn ein dummer Mensch, wie Jens Maier vom STERN, gegen den Auftritt der russischen Sängerin hetzt, dann perpetuiert sich in seinem Artikel sowohl die Desinformation und Propaganda über angebliche staatliche Schwulenverfolgung in Russland, als auch die Lügen und Manipulationen der gleichgeschalteten westlichen Mainstreammedien über die wahren Vorgänge in der Ukraine – und bei dieser Feststellung ist die Frage, warum denn eine Sängerin dafür haftbar gemacht werden sollte, wenn in ihrem Heimatland denn tatsächlich Homosexuelle unterdrückt würden, noch gar nicht tangiert.

Tatsächlich sind Hetzer wie Maier oder der unsägliche deutsche ESC-Moderator Peter Urban (23.02 Uhr zum Auftritt Russlands: „Sie werden es nicht glauben, aber jetzt kommt noch ein Friedenssong“) um keinen Deut besser, als jene, die Homosexuelle auf der Straße anpöbeln. Schlimmer noch: sie hetzen pauschal, vor großem Publikum – und im Falle Urbans auf GEZ-Zahlerkosten – gegen ein ganzes Land – aufgewiegelt und für dumm verkauft von der Propaganda der eigenen Kollegen …

Die da also gestern oftmals lautstark buhten, sodass sich eine der Moderatorinnen zwischenzeitlich veranlasst sah, zu Fairness aufzurufen, waren nicht nur aufgehetzte und politisch manipulierte Opfer westlicher Propaganda, sondern sie waren auch unfaire und nicht an Toleranz oder Völkerverständigung interessierte Zeitgenossen, die echten homophoben Hetzern ähnlicher sind, als ihnen lieb sein könnte. Was sich da zum Teil artikulierte, war homosexuelles Mobbing – und das ist genauso abstoßend und indiskutabel wie homophobes Gegröhle in Fußballstadien.“

https://propagandaschau.wordpress.com/2015/05/24/esc2015-politische-hetze-und-desinformation-uberschatten-den-wettbewerb/

Hier ein paar der Widerlichkeiten:

Holger Kreitling: „Lange führte die Russin Polina Gagarina mit ihrem Schmuse-Propaganda-Lied "A Million Voices", das um Frieden und Heilung barmt. Auch Deutschland gab zwölf Punkte für das fiese Stück. Immerhin: Im vergangenen Jahr wurde der harmlose russische Beitrag noch offen ausgebuht und angefeindet. Nun Belobigungen und Entspannungskurs.“

http://www.welt.de/vermischtes/article141408454/Null-Chance-dass-Deutschland-so-weitermacht.html

Mely Kiyak: „In Russland findet sich alles, was Frieden und Freiheit ruiniert: Hetze gegen Minderheiten, Zensur, Annexionen, Kriegstreiberei, Propaganda. Von Menschenhand geschaffen. Eine solche Sängerin zu entsenden ist Teil einer politischen Propaganda. Fast hätte das Mädchen gewonnen. Ein Alptraum! Denn dann hätte auch der russische Präsident Putin gewonnen, der sie quasi eigens ausgesucht hatte, um diese Show abzuziehen. Die Ukraine indes konnte und wollte am ESC nicht teilnehmen. Aufgrund der aktuellen politischen Lage. An der Russland nicht unschuldig ist. Kurz: Der ESC spiegelt die politischen Verhältnisse und Beziehungen.

Wie also mit Russland umgehen? Vom Sänger-Wettbewerb ausschließen? Vielleicht wäre es eine Idee, sinnvoller als alle anderen Sanktionen. Nämlich jene Länder, die an Kriegen beteiligt sind, an Megaevents wie dem Eurovision Song Contest, den Olympischen Spielen und der Fußballweltmeisterschaft nicht mehr teilnehmen zu lassen. Das würde die Anzahl der Wettbewerbsteilnehmer erheblich dezimieren. Wer ist denn gerade nicht in einen Krieg verwickelt?“

http://www.zeit.de/kultur/2015-05/singhammer-moskau-reise-abgesagt

„Das Mädchen“ ist übrigens eine erwachsene Frau.

Den Vogel hat tatsächlich der von der „Propagandaschau“ als „dummer Mensch“ bezeichnete Jens Maier abgeschossen. Hier sein Artikel vom März 2015 in Gänze. Allein, um zu dokumentieren, auf welch tiefes Niveau der „Stern“ gesunken ist. Und seine Leser, die sich nicht darüber empören:

„Russland als Weltverbesserer? Zum Kotzen!

Russland schickt eine Weltverbesserer-Ballade zum Eurovision Song Contest: Polina Gagarina singt in Wien vom "Traum" auf "Frieden". Eine widerliche Inszenierung, denn scheinheiliger geht es nicht.

Ein bisschen Frieden geht immer. Spätestens seitdem Nicole 1982 mit dem gleichnamigen Siegel-Song den Eurovision Song Contest gewann, ist in jedem Jahr mindestens ein Lied am Start, das sich dem Wunsch nach einer besseren Welt annimmt. Im Kanon unzähliger Liebes-Balladen meist eine nette Abwechslung, wird die Friedens-Hymne in Wien für viele Ohren wie Hohn klingen. Denn ausgerechnet Russland macht auf Peace and Love.

Ohne Zuschauerabstimmung bestimmte der russische Staatssender "Channel One Russia" nicht nur Sängerin Polina Gagarina als Teilnehmerin, sondern auch gleich ihren Beitrag. Die 27-Jährige wird vor rund 140 Millionen Fernsehzuschauern weltweit die Ballade "A Million Voices" zum Besten geben. "Wir sind das Volk der Menschheit, verschieden und doch gleich. Wir glauben an einen Traum. Beten für Frieden und Heilung", heißt es darin. Ein Weltverbesserer-Schmachtfetzen nach bester Nicole-Manier. Einfach zum Kotzen.

Denn mit dem Lied missbraucht Wladimir Putin die ESC-Bühne erneut für seine politischen Manöver. Bereits beim ESC 2009 in Moskau ließ der Mann im Kreml keinen Zweifel daran, wie wichtig Russland den größten Musikwettbewerb der Welt nimmt. Der ESC ist Chefsache und ein willkommenes Mittel zum Zweck für Propaganda. Putin will sein Land im besten Licht präsentiert wissen. Krim-Annexion, Ukraine-Konflikt und Schwulenhetze sollen im triefenden Glanz einer Friedenshymne vergessen gemacht werden.

Wenn im Video zum Song glückliche Kinder spielen, die gemeinsam die Zukunft ein Stück besser machen wollen, ist das nicht nur zynisch, sondern auch allzu durchschaubar. Dennoch wird Europa am 23. Mai die heuchlerische Inszenierung mehr oder weniger hilflos mit ansehen müssen. Zwar heißt es im Regelwerk der European Broadcasting Union (EBU), die den Wettbewerb veranstaltet, dass politische Meinungsäußerungen auf der Bühne nicht erlaubt sind. Doch die Formulierungen im Lied sind so allgemein gehalten, dass das Verbot geschickt umgangen wird.

Im vergangenen Jahr zeigten die Zuschauer in der Arena in Kopenhagen schon mehr als deutlich, was sie von der russischen Tartüfferie halten. Die Tolmatschowa-Schwestern wurden für ihre Friede-Freude-Eierkuchen-Ballade "Shine" ausgebuht. Sehr zum Ärger einiger Fans, die darauf bestehen, dass der ESC eine unpolitische Show ist, in der nur die Musik zu bewerten sei. Doch angesichts der kriegerischen Auseinandersetzung in der Ostukraine kann es nicht gelingen, den russischen Beitrag losgelöst von der menschenverachtenden Politik Russlands zu sehen.

So könnte es in Wien gut passieren, dass sich auch Polina Gagarina für ein Pfeifkonzert rüsten muss. Um die Künstlerin kann es einem leidtun, schließlich steht nicht Putin auf der Bühne. Doch gerade Wien mit seiner Vorjahressiegerin Conchita Wurst, die wie keine andere für Freiheit und Toleranz steht, wird ein Zeichen setzen müssen. Zur Not auch mit Buhrufen.“

http://www.stern.de/kultur/musik/eurovision-song-contest/esc-song-fuer-wien-russland-als-weltverbesserer-zum-kotzen-2180452.html

Jens Berger äußerte sich über diesen Artikel folgendermaßen:

„Fest steht jedoch, dass Teile der deutschen Medienlandschaft die Brücken nicht bauen, sondern einreißen. Anders ist Jens Maiers im Stern erschienener Kommentar „Russland als Weltverbesserer? Zum Kotzen!“ kaum zu verstehen. ESC-Spezialist Maier echauffiert sich dort lautstark und stets unter Gürtellinie, dass „ausgerechnet“ aus Russland ein Lied ins Rennen geschickt wird, in dem es um Frieden geht. Damit setzt der Stern ein weiteres Highlight der langen Reihe antirussischer Demagogie in den deutschen Medien. Und es ist zu befürchten, dass die Demagogen ihre Leser und Zuschauer bis zum ESC derart aufputschen, dass es zum Eklat kommt. Maiers Rat an die Zuschauer in Wien lautet: „Zur Not auch mit Buhrufen“ … dieser Rat wird sicher von einigen verwirrten Geistern gehört werden.

Vielleicht sollten wir Jens Maier einmal fragen, mit welchem Lied Russland denn seiner Meinung nach am ESC teilnehmen sollte? Wahrscheinlich würde er gerne sehen, dass Wladimir Putin höchstpersönlich eine Performance als homophober Gangster-Rapper zum Besten gibt. Nun ist dieser Part aber bereits von zahlreichen Berliner Jünglingen besetzt, die jedoch keine nennenswerte Chance haben, ihr Land beim ESC zu vertreten. Was also dann? Vielleicht hilft eine kurze Übersicht der ins Deutsche übersetzten Titel, mit denen die Künstler beim diesjährigen ESC zu glänzen versuchen: „Ich will Deine Liebe“, „Ich bin am Leben“, „So wie du bist“, „Schönheit lügt nie“, „Kriege für nichts“ (Obacht, dieser Titel stammt aus Ungarn und somit laut Stern-Logik direkt von Viktor Orban), „Abschied“, „Es gibt ein Meer, das uns trennt“, „Die Hoffnung stirbt nie“, „Im Namen der Liebe“, „Für Dich da“, „Große Liebe“, „Ich gehöre Dir“ und „Immer noch in dich verliebt“ – letzterer Song stammt übrigens aus dem von Grund auf pazifistischen Großbritannien. So kennt man Schlager, so kennt man den ESC. Liebe, Herz, Schmerz und die Hoffnung auf Frieden in der Welt allenthalben – und ausgerechnet Russland soll nun nach dem Willen des Sterns offenbar martialisch daherkommen? …

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Man kann natürlich vortrefflich über die musikalische Qualität des russischen ESC-Beitrags streiten – dafür sind solche Veranstaltungen schließlich auch gedacht. Ihn als Propagandawerkzeug zu verunglimpfen, ist ungehörig und bigott. Und das Publikum zu einem Pfeifkonzert aufzustacheln, ist – um es mit Jens Maier zu sagen – einfach zum Kotzen.“

http://www.nachdenkseiten.de/?p=25491#more-25491

Das „zum Kotzen“ seiende Treiben der deutschen Medien ist nicht nur auf Russland beschränkt. Diese Woche hat Stefan Niggemeier Teile der widerlichen Kampagne gegen Claus Weselsky (siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/119-niedere-beweggruende.html ) und Yanis Varoufakis kurz zusammengefasst. Unbedingt lesen:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/21153/waterboarding-fuer-den-gemeingefaehrlichen-irren-deutsche-journalisten-ueber-claus-weselsky/

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/21131/der-boese-ist-immer-der-griechische-finanzminister/

Zur gesteuerten Propaganda gegen Russland einer von wenigen westeuropäischen Politikern, die noch Rückgrat haben, der österreichische Ewald Stadler im Dezember 2013:

 

 

Vorwürfe gegen Russland

 

Diktatorisch bestimmt

„Ohne Zuschauerabstimmung bestimmte der russische Staatssender "Channel One Russia" nicht nur Sängerin Polina Gagarina als Teilnehmerin, sondern auch gleich ihren Beitrag.“

„Denn dann hätte auch der russische Präsident Putin gewonnen, der sie quasi eigens ausgesucht hatte, um diese Show abzuziehen.“

Einmal der „russische Staatssender“ und dann gleich der leibhaftige Putin selbst – ja, in pösen Diktaturen ist das halt so üblich, möchte der Wurm da beinahe sagen.

Aber so unüblich und böse ist das jetzt auch wieder nicht: dieses Jahr haben 13 Länder so verfahren, darunter solche „Diktaturen“ wie Frankreich, Niederlande, Belgien, Spanien und letztes Jahr wurde Vorjahressieger Conchita Wurst "ohne Zuschauerabstimmung" von Österreich bestimmt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Eurovision_Song_Contest_2015#Nationale_Vorentscheidungen_in_allen_teilnehmenden_L.C3.A4ndern

Im Jahr 2011 kam es in Deutschland zu folgendem Szenario:

„In der deutschen Vorentscheidung Unser Song für Deutschland wählten die Fernsehzuschauer das Lied für den ESC. Dabei stellte Meyer-Landrut in zwei Halbfinalshows, die am 31. Januar und 7. Februar bei ProSieben live übertragen wurden, jeweils sechs Lieder vor, von denen je drei in das Finale der Vorausscheidung kamen. In dieser am 18. Februar von der ARD übertragenen Livesendung entschieden sich die Zuschauer für das von den kalifornischen Komponisten Gus Seyffert und Nicole Morier zusammen mit der norwegischen Sängerin Monica Birkenes geschriebene Lied Taken by a Stranger.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Lena_Meyer-Landrut#2011:_Unser_Song_f.C3.BCr_Deutschland_und_Good_News

Da wurde also der Künstler ausgewählt und das Volk durfte abstimmen, welches vom Künstler vorgetragene Lied das Land vertreten sollte.

Dem Wurm ist nicht in Erinnerung, dass dieses Vorhaben groß kritisiert wurde. Etwa als Sinnbild für die deutsche „Demokratie“: den Bestimmern ist es relativ egal, wie abgestimmt wird – es ist immer das, was von ihnen vorgegeben wurde.

Krim-„Annexion“

Zur Krim hat sich der Wurm an anderer Stelle schon ausführlich geäußert: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/88-bruch-des-voelkerrechts.html

Das geschah zwar nicht gerade nach ukrainischem Recht, aber sehr wohl nach internationalem Recht und damit ist es keine Annexion. Der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung der Krim ist heilfroh, dass es so gekommen ist.

Mal davon abgesehen, dass es sich bei der Krim-Bevölkerung überwiegend um Russen handelt - denen ist klar vor Augen, wie es in Odessa zuging (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/156-lauffeuer.html ) und in der Ost-Ukraine zugeht.

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die ukrainischen faschistischen Banden vor der Nase der russischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol gewalttätig geworden wären.

Und das wäre ausgeartet – jeder soll froh sein, dass die Krim da ist, wo sie eigentlich auch hingehört, nämlich zu Russland.

Kriegerisches Russland

Wo soll Russland bitte Krieg führen? In der Ost-Ukraine? Wenn ja, dann wäre der Konflikt aber sehr schnell zu Ende. Natürlich sind Menschen aus Russland am Bürgerkrieg beteiligt. Genauso wie etwa US-amerikanische oder englische „Militärberater“ und Söldner.

Aber keine Verbände der russischen Armee. Wenn Lügen, die das Gegenteil behaupten, andauernd wiederholt werden, werden sie nicht wahrer, siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/143-gipfel-der-dreistigkeit.html .

Die Lügnerei ist dermaßen offensichtlich und überzogen, dass sich sogar die deutsche Regierung öffentlich darüber beschwert:

„Es ist Mittwoch vergangener Woche in der Ostukraine: In diesen Tagen ist es im Kriegsgebiet so ruhig wie seit Langem nicht mehr, die Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten sind größtenteils eingestellt, erstes schweres Gerät wird abgezogen. Die Waffenruhe von Minsk hält nicht vollständig, aber sie hält.

Am selben Tag tritt in Washington General Philip Breedlove, 59, vor die Presse, der Nato-Oberbefehlshaber in Europa: Putin, sagt er, habe den Einsatz in der Ostukraine noch einmal erhöht - mit "mehr als tausend Kampffahrzeugen, russischen Kampftruppen und Artillerie-Bataillonen" sei der russische Präsident im Donbass in Aktion. Breedloves Fazit: "Die Lage wird in diesem Moment nicht besser, sie wird jeden Tag schlechter."

In Berlin ist man fassungslos. Man versteht nicht, wovon Breedlove redet. Wieder einmal teilt die Bundesregierung, gestützt auf Angaben des Bundesnachrichtendienstes (BND), die Einschätzung des Supreme Allied Commander Europe (Saceur) nicht.

Es ist immer dasselbe Muster: Seit Monaten äußert sich Breedlove zu russischen Aktivitäten in der Ostukraine. Truppenaufmarsch an der Grenze, Massierung von Kriegsgerät, angebliche Kolonnen russischer Panzer. Immer wieder liegen Breedloves Zahlen deutlich höher als die anderer Nato-Partner. Und spielen so den Hardlinern im amerikanischen Kongress und in der Nato in die Hände.

Die Bundesregierung ist besorgt. Wollen die Amerikaner die von Kanzlerin Angela Merkel angeführten europäischen Vermittlungsbemühungen in der Ukraine hintertreiben? Von "gefährlicher Propaganda" ist im Kanzleramt die Rede. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sah sich vor Kurzem sogar genötigt, die Causa Breedlove gegenüber Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg anzusprechen.“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-132212229.html

Trotz aller Kriegshetze und Propaganda der westlichen Staaten ist dem Wurm keine einzige Aussage aus Russland bekannt, die auf Angriffskrieg gegen NATO-Staaten oder sonstige Staaten aus wäre.

George Friedman vom US-Think Tank „Stratfor“ nach einem Besuch in Moskau im Dezember 2014 (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/149-teile-und-herrsche.html ): “Ich kam mit zwei Erkenntnissen zurück. Eine war, dass Putin in seinem Amt sicherer ist, als ich dachte. Das hat nicht viel zu bedeuten. Präsidenten kommen und gehen. Aber es ist eine Erinnerung daran, dass Entwicklungen, die einen westlichen Führer zu Fall bringen würden, einen russischen möglicherweise unberührt lassen. Zweitens, die Russen planen keine Aggression.“

Jens Berger: „Während alle genannten westlichen Staaten nachweislich und völkerrechtswidrig einen Angriffskrieg führten, ist die russische Beteiligung am Bürgerkrieg in der Ukraine eher indirekter Natur. Und wenn man nun Beispiele aufzählen würde, in denen westlichen Staaten indirekt in Kriege involviert waren und gleichzeitig belanglose Liebes- oder Friedenslieder zum ESC entsandten, käme wohl eine Liste heraus, die diesen Rahmen hier sprengen würde. Und wenn man gar den Rahmen des ESC verlassen und einmal protokollieren würde, wie viele amerikanische Herz-Schmerz-Schlager weltweit gefeiert wurden und werden, während die USA weltweit unsägliches Leid anrichteten und anrichten, würde dies wohl vollends den Rahmen sprengen. Dazu habe zumindest ich jedoch noch nie Kritik vernommen.“

http://www.nachdenkseiten.de/?p=25491#more-25491

Homophobie

Gert Ewen Ungar entkräftet die Vorwürfe der Schwulen-Feindlichkeit der russischen Regierung vollständig:

„Der Vorlauf zu meinem Besuch im Moskau begann schon 2013. Am 31.08.2013 um genau zu sein. An diesem Tag versammelten sich tausende Demonstranten vor der Russischen Botschaft in Berlin, um gegen ein Gesetz zu protestieren, das unter dem Schlagwort Homophobie-Gesetz die deutsche und westliche Öffentlichkeit empörte. Ich hatte mich auch empören lassen und lief mit.

Eine ausgesprochene Dummheit, für die ich mich heute schäme. Ich schäme mich deshalb, weil ich all das, was ich im Nachklang der Demonstration an Recherche unternahm, vorher hätte unternehmen sollen. Hätte ich es getan, wäre ich nicht hingegangen.  Doch immerhin war das der Tag, an dem Russland überhaupt wieder in meinen Gesichtskreis rückte …

Erst 2013 wurde ich durch Putins perfide Attacke auf die Schwulenrechte aus meinem Schlaf gerissen. Vehement! Ein bisschen zu vehement allerdings.

In der Monate andauernden Berichterstattung über die schwindenden Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in Russland sah es nämlich in den deutschen Medien so aus, als würde sich Bundespräsident Gauck schützend vor die queere Community stellen und aus Protest nicht nach Russland zu den Olympischen Spielen nach Sotchi reisen. Das war dann doch zu viel des Guten, in keiner Weise mehr glaubhaft, löste daher bei mir die allergrößte Skepsis aus.

Dass in Russland Schwule und Lesben unter Druck sind, diesen Schritt war ich bereit, ohne Überprüfung mitzumachen, es schien mir plausibel. Dass ein Bundespräsident deshalb ein Land diplomatisch brüskiert, das war doch deutlich zu viel der Solidaritätsbekundung, zumal gleichgeschlechtliche oder, um es in der russischen Diktion zu sagen, nicht traditionelle Lebensentwürfe hier in Deutschland, Europa und dem Westen ebenfalls umstritten sind, sich auch nicht gerade einer langen, jahrhundertealten Tradition erfreuen. Es ist auch hier ziemlich neu, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften schützenswert sind.

Also setzte ich mich hin und suchte nach einer deutschen Übersetzung des besagten Gesetzestextes, der fortan die russischen Schwulen und Lesben von jeder Beteiligung am öffentlichen Leben ausgrenzen würde, der sie der Gewalt von Nazi-Schlägern überließ, ohne dass die Polizei eingriff, die einem klerikalen Mob das Recht gab, Homosexuelle zu misshandeln und zu drangsalieren. Ich suchte und ich wurde auf paradoxe Weise fündig, denn ich fand – nichts!

Da braust ein Sturm der Empörung durchs Land, da werden Schreckensszenarien beschworen, wie in Russland Lesben, Schwule und Transsexuelle in grausamster Weise unterdrückt werden, da wird dem Präsidenten der Russischen Föderation unterstellt, er wäre persönlich verantwortlich, würde aufgrund seiner Homophobie einem Monarchen gleich einfach mal so homophobe Gesetze erlassen, da wird die Schwulenfeindlichkeit einer ganzen Nation konstatiert, da wird all dies behauptet und der Stein des Anstoßes, das Gesetz selbst findet sich in den Weiten des Internets nicht in einer deutschen Übersetzung? Das war ausgesprochen interessant.

Inzwischen bin ich, was das Gesetz angeht, schlauer. Es handelt sich um Ergänzungen in einigen Gesetzen des Zivilrechts. Nicht des Strafrechts wohlgemerkt und es geht ausschließlich um Jugendschutz. Das Wort Homosexualität kommt nicht vor. Ich will jetzt nicht in die Tiefe von Gesetzestexten eintauchen, ich bin kein Jurist.

Allerdings ist für mich zu meinem eigenen Erstaunen der Eindruck entstanden, die Gesetzeslage sei in der russischen Föderation trotz des Gesetzes in vielerlei Hinsicht deutlich liberaler als sie es zum Beispiel in zahlreichen Bundesstaaten der USA ist.

Dieses Erlebnis weckte eine größer werdende Skepsis im Hinblick auf unsere Berichterstattung gegenüber Russlands. Diese Skepsis kam keinen Augenblick zu früh, denn inzwischen zog die Ukrainekrise herauf und die Schärfe, die die deutschen Medien gegenüber der Russischen Föderation an den Tag legten, nahm mit jedem Tag ein bisschen zu. Spätestens als der Bürgerkrieg ausbrach, überschlugen sich die deutschen Medien mit Falschmeldungen, die als Lügen zu bezeichnen man kaum vermeiden kann.

Leider, das stellte ich bei dieser Gelegenheit auch fest, konnte man all das Geschreibsel von der angeblich ebenfalls stattfindenden russischen Propaganda nicht überprüfen, ich konnte kein Russisch, war daher darauf angewiesen, dass die Information in der Presse stimmte. Dieser misstraute ich jedoch inzwischen zutiefst, es war einfach in sich nicht schlüssig und evident.

Um dem Abhilfe zu schaffen, buchte ich einen Sprachkurs und suchte per Internet nach Kontakten nach Russland, was erstaunlich leicht gelang.

Die Informationen, die von dort kamen, waren diametral zu denen, die hier in den Medien verbreitet wurden. Natürlich war nicht alles super, wo war es das schon. Außerdem pflegt man in Russland, inzwischen weiß ich das, eine gewisse Larmoyanz. Meine russischen Freunde waren gegenüber ihrem Land viel kritischer als wir es gegenüber unserem sind. Wir sind im Hinblick auf uns selbst recht blind und ungesund selbstzufrieden. Wir sind Exportweltmeister, das ist doch super. Wir sind Wirtschaftslokomotive, wir sind das Modell für Europa.

Die Problematik, die sich hinter all dem verbirgt, übersehen wir mit einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz.

Der Larmoyanz ungeachtet meinten alle meine Kontakte, die Freiheit habe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugenommen, erheblich zugenommen. Das war der Tenor, der mir entgegenschlug. Und noch etwas wurde mir deutlich: Im Gegensatz zu unserer Selbstwahrnehmung betrachten uns meine russischen Freunde keineswegs als frei, sondern als am Gängelband der USA gehalten. Aus dieser Perspektive erscheint Russland mit Berechtigung viel freier. Und dieser Anspruch, in vielerlei Hinsicht, vor allem aber politisch freier zu sein als die Menschen in der Bundesrepublik, zog sich wie ein roter Faden durch meine Unterhaltungen. Ein Augenöffner! Eine diskussionswürdige Perspektive.

Spätestens dann wurde mir klar, ich müsste dringend mal nach Russland, um mir selbst ein Bild zu machen. Ich hatte das Gefühl, keine zwei Flugstunden von hier ist eine Welt, zu der ich keinen Zugang hatte, ein völlig unbekanntes Terrain, eine andere Sicht, die man dringend wahrnehmen muss, denn sie könnte viel erhellen.

Wenn in Florida die Schulkinder aufgrund des Wetters auf ihrem Weg zur Schule einen Schal tragen müssen, wurde ich darüber umfassend bis zur Belästigung informiert. Über Russland – nichts. Nichts über Alltag in Russland, russische Feste, russische Filme, russischen Pop, nichts. Lediglich Informationen zu politischen Themen, denen ich nicht mehr traue, denn sie sind überzogen, einseitig, verstoßen gegen Evidenz, Psychologie, Hermeneutik und Erfahrung, sind offensichtlich dazu gemacht, zu manipulieren, sind hoch aggressiv …

Ich hatte den Wunsch geäußert, ich wolle die schwule Szene von Moskau sehen. Genau das bekam ich. Wir besuchten Cafés und Bars, besuchten ein Freundespaar, zwei Programmierer, die zusammen in einer Wohnung in einer Moskauer Satellitenstadt lebten, gingen in Discos und sahen diversen Damenimitatoren bei ihren Auftritten zu.

Langer Rede kurzer Sinn, von der in Deutschland an die Wand gemalte Unterdrückung keine Spur. Keine Razzien, keine Übergriffe durch Nazis, keine Attacken orthodoxer Christen. Es gibt in Moskau eine funktionierende Szene, die genauso funktioniert wie die Szene in anderen europäischen Metropolen auch. Mir wurde gesagt, die Szene in St. Petersburg wäre noch viel besser und die in Jekaterinburg müsste ich auch unbedingt mal sehen.

Wir sprachen viel über queere Politik. Ich trug deutsche Argumente vor. Ja, es gab in Moskau keine Gay Pride. Meine Gesprächspartner waren sich aber auch gar nicht sicher, ob das ein Ziel sein sollte. Ein Argument, das immer wieder fiel, war, der Christopher Street Day sei ein durch und durch US-Amerikanisches Fest, es hätte mit Russland und seiner Geschichte gar nichts zu tun. Es hätte da nie die Übergriffe von Polizei auf Bars wie Stonewall-Inn in der New Yorker Christopher Street gegeben, die dann Auslöser für die Proteste in den USA waren. Warum sollte man das feiern? Man hätte eigene Probleme, die eigene Antworten erforderten.“

http://logon-echon.com/2015/03/09/moskau-ein-reisebericht/

„Offensichtlich stößt diese ganz archaische Form der Meinungsäußerung bei den Zuschauern des Grand Prix auf große Beliebtheit. Schon im vergangenen Jahr wurde der russische Beitrag ausgebuht. Es ist daher zu erwarten, dass Jens Maier mit seiner Forderung auf große Gegenliebe stößt. Letztes Jahr ging es bei der gutturalen Meinungsäußerung anlässlich des russischen ESC-Beitrags um eine Einfügung in einen russischen Gesetzestext, durch den sich vor allem die schwule Community zur Empörung hinreißen ließ.

Dieses Jahr soll es das Thema Weltfrieden und Vielfalt sein, gegen das man sich zu empören hat, denn nur der Westen ist für Weltfrieden und Vielfalt. Wenn so etwas aus Russland kommt, dann ist es verzerrt, entstellt, zum Kotzen. Unsere Arroganz kennt keine Grenzen.

Die westliche Propaganda gegen Russland wirkt wunderbar. Denn schon zum sechzigsten Jubiläum des Eurovision Song Contest vor einigen Tagen wurde der Beitrag des russischen und darüber hinaus schwulen Preisträgers von 2008 Dima Bilan ausgebuht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die schwule Gemeinde buht einen schwulen Sänger aus, weil ihr die Gesetzgebung in dessen Heimatland nicht passt, von der sie darüber hinaus keinen blassen Schimmer hat.

Es gibt nämlich keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Auch die Wiederholung der Behauptung macht den Satz nicht wahrer. Aber es gibt westliche Propaganda, die es hervorragend anzustellen weiß, die Gay-Community für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Der Artikel von Jens Maier ist ein herausragendes Beispiel dafür …

Jeder der buht, zeigt, dass er nichts vom ESC verstanden hat. Jeder, der buht, lässt sich wie Jens Maier für primitive Propaganda in einem geopolitischen Spiel einspannen, zerstört den ganz naiven Glauben, der den ESC hervorgebracht hat; den Glauben an Weltfrieden und das harmonische Zusammensein aller Menschen.

Wer aber glaubt, das ganze Pathos des ESC wäre eine zwar kitschige, nichtsdestotrotz eine wichtige Vision, wer meint, Pop-Kultur wäre ein Weg, diese Vision für einen Moment zu verwirklichen, der stimmt in diesem Jahr für Polina Gagarina.

Wer meint, das könne man unmöglich tun, weil es neben Frieden beim Grand Prix auch um queere Kultur und ihre weltweite Durchsetzung ginge, der sollte sich das Abstimmungsergebnis der letzten Jahre ansehen. Da bekam Conchita Wurst aus Deutschland genau so viele Punkte wie aus Russland; sieben nämlich. 2007 vergab Russland für die ukrainische Tunte Verka Serduchtka übrigens zehn Punkte.

Aus Deutschland kam damals nichts, die Performance und der Witz wurde nicht verstanden. Verka Serduchka erfreut sich in Russland übrigens großer Beliebtheit.“

http://logon-echon.com/2015/05/10/wer-buht-ist-ein-arschloch/

Und hier Jasinna mit einem sehr sehenswerten Beitrag zu Wladimir Putin. Die Gesetzgebung zur Homosexualität kommt ab Minute 34:

 

 

Null Punkte

 

Deutschland hat null Punkte erhalten. Der Sieg wurde nicht erwartet, aber zumindest ein Platz im Mittelfeld. Trotzdem Lied und Auftritt allgemein als gut empfunden wurden, gab es von 39 abstimmenden Ländern keinen einzigen Punkt.

Matthias Matussek schreibt dazu Folgendes (der Wurm ist sich allerdings nicht sicher, ob er das ernst meint, sich einen Spaß erlaubt oder vorher etwas getrunken hat):

„Kein einziges Pünktchen für Deutschland – dieser Abend war für uns eine große Demütigung. Und das, obwohl wir uns in Europa ständig abmühen …

Ich glaube, an diesem Abend ist die Idee Europa ein für alle mal zu Grabe getragen worden. Da schuften wir uns ab und geben unsere D-Mark her für den Euro und pauken die südlichen Nachbarn raus – und was ist der Dank?“

http://www.welt.de/vermischtes/article141426777/Der-deprimierende-Abend-an-dem-die-Idee-Europa-starb.html

Auf jeden Fall denken viele so.

Seit 1990 wird dieses Volk immer schwerer erträglich. Waren sie (also die im Westen aufgewachsenen Deutschen) vorher noch neugierig auf die Welt und haben auf allgemeine Verständigung gesetzt, erzählen sie nun überall, wie die anderen sich zu verhalten hätten.

Sie selbst haben es nicht „besser“ gemacht, sie haben es überhaupt „richtig“ gemacht. In früheren Zeiten hieß das „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“.

In Reisegruppen, auch auf Studienreisen mit hohem Niveau, hat mensch gute Chancen, diesen Deutschen zu begegnen.

Der Schweizer „Freeman“ sagt aus leidvoller Erfahrung Folgendes:

„Über alles in der Welt reisst Ihr das Maul auf und wissen tut Ihr immer alles besser, dabei stapelt sich der Dreck bei Euch bis zum Dach. Kehrt doch den Dreck vor der eigenen Haustür zuerst.

Zeigt doch endlich, Ihr könnt nicht nur rummaulen und schimpfen, sondern auch was für Euer Land tun und es verbessern.“

http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2015/05/die-verrater-sitzen-in-berlin-und-der.html

Das Schlusswort gehört Gert Ewen Ungar:

„Wir sind wieder was als Deutsche, lächerlich nämlich. Lächerlich und gefährlich sind wir in unserer Ignoranz und Blödheit. Unsere Medienlandschaft ist ein Desaster gerade angesichts eines Landes wie Russland, auf das wir nur allzu bereit sind hinunter zu gucken. Es gibt in Russland einseitige Berichte, die den Namen Propaganda verdienen mögen, aber es gibt eben auch eine Vielzahl anderer Positionen, die Raum finden. Genau diese Pluralität besitzt die deutsche Medienlandschaft eben nicht. Aus diesem Grund weiß ich auch genau zu beurteilen, welche Nation unter der Glocke umfassender Propaganda hockt. Die Russen sind es nicht.

Die Menschen in Russland sind politisiert und haben vielfältige Ansichten, die kontrovers diskutiert werden. Hier sind die Menschen zur Kontroverse oft gar nicht mehr in der Lage, weder im Politischen noch im persönlichen Umgang. Das ist das Ende jeder Dynamik.

Wir haben das Gefühl, wir hätten alles richtig gemacht und hätten daher das Recht, andere zu belehren. Belehren im Hinblick auf ihr Wirtschaften, die Umsetzung von Reformen, von Menschenrechten, die Ausgestaltung von Demokratie. Ein ausgesprochen unangenehmer Zug, der zudem noch in grundlegend falschen Annahmen wurzelt. Wir merken gar nicht, wie lächerlich wir uns damit machen, zumal es um unsere Demokratie, um unsere sozialen und politischen Errungenschaften angesichts von TTIP, Austeritätspolitik und marktkonformer Demokratie keineswegs gut bestellt ist. Jeder weiß das, jeder außerhalb Deutschlands. Nur die Deutschen selbst, die wissen es nicht. Ihnen bleiben die Zusammenhänge verborgen.

Deutschland träumt von seinem Modellcharakter, glaubt, das, was hier gut sei, sei für alle gut, und verpennt dabei, wie Rechte und Freiheiten hier angegriffen und beschnitten werden, wie asymmetrisch und einseitig unsere Wahrnehmung absichtsvoll gehalten wird. Deutschland pennt und glaubt sich wach.

Es ist ein sehr hässliches Bild, das wir inzwischen wieder abgeben. Einige Tage in Moskau brachten dies deutlich und schmerzlich zum Bewusstsein. Es braucht diesen Austausch, das hinausschauen über den eigenen Tellerrand, Vernetzung, um sich entwickeln zu können und auch sich selbst wahrnehmen zu können. Es war übrigens Wladimir Putin, der genau dies für  das Verhältnis von EU und Russland immer wieder vorgeschlagen hat. Austausch, Zusammenarbeit, Vernetzung, Handel. Wir haben das zurückgewiesen.“

http://logon-echon.com/2015/03/09/moskau-ein-reisebericht/

Wenn Russland mit seinem Beitrag in Deutschland und Europa sehr erfolgreich ist, heisst das, dass die Anti-Russland-Hetze bei vielen nicht wirkt.

Und wenn der deutsche Beitrag trotz eines ordentlichen Auftritts keinen einzigen Punkt erhält, liegt das mit Sicherheit an der Politik. Sprich: Wirtschafts- und Finanzpolitik, die den anderen Ländern so aufgezwungen wird.

Wer Kollegen aus dem Ausland, vor allem aus dem südlichen Europa, hat, möge die mal fragen. Die Antwort wird er schon bekommen.