Wo sonst Monate für eine Untersuchung gebraucht werden, ging es in diesem Fall sehr, sehr schnell: bereits einen Tag, nachdem die erste Blackbox des in den französischen Alpen abgestürzten Flugzeugs der Germanwings gefunden wurde, wurde von der französischen Staatsanwaltschaft der Co-Pilot Andreas Lubitz beschuldigt, dass er das Flugzeug absichtlich hat abstürzen lassen und 149 Menschen mit in den Tod nahm.

Ende letzter Woche wurde die zweite Blackbox gefunden und nur einen Tag später wurde diese These bestätigt.

Möglicherweise stimmt das auch – aber wenn das so ist, widerspricht der Wurm der allgemeinen Meinung, dass es sich um ein individuelles Versagen gehandelt hätte. Genau das ist es nämlich nicht: es handelt sich um ein gesellschaftliches Versagen.

 

Der offizielle Tathergang

 

„Mit dem Fund des zweiten Flugschreibers erhärten die Ermittler ihre Theorien zum Absturz von Germanwings-Flug 9525. Immer klarer zeichnen sie die Abläufe des 24. März, vervollständigen das Bild des jungen Mannes, der alleine im Cockpit saß, als der Airbus A320 mit 150 Menschen an Bord gegen die Felswand in den französischen Alpen raste. Die bisherigen Erkenntnisse im Überblick …

Als der Flugkapitän kurz darauf wieder in die Kanzel will, bleibt die Cockpittür verschlossen. Auf den Aufnahmen des bereits am Unglückstag gefundenen Stimmenrekorders ist der regelmäßige Atem von Co-Pilot Andreas Lubitz zu hören. Ein Hinweis darauf, dass er nicht etwa ohnmächtig, sondern bis zuletzt bei Bewusstsein war und vermutlich absichtlich die Tür versperrte.

Die Daten der nun gefunden Blackbox untermauern diese These. Die Experten der französischen Luftfahrtermittlungsbehörde BEA erkannten anhand der gespeicherten Parameter: Lubitz benutzte den Autopiloten, um das Flugzeug in einen Sinkflug auf eine Höhe von 100 Fuß - umgerechnet etwa 30 Meter - zu bringen. "Dann hat der Pilot während des Sinkflugs mehrfach die Einstellungen des Autopiloten geändert, um die Geschwindigkeit des sinkenden Flugzeugs zu erhöhen."

Bereits am Donnerstag hatte der ermittelnde Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, gesagt, Lubitz habe in den letzten Minuten des Flugs "mehrfach" verhindert, dass ein Alarm ausgelöst werde, der eine zu hohe Geschwindigkeit des Flugzeugs anzeigt.“

http://www.spiegel.de/panorama/germanwings-absturz-flugschreiber-stuetzt-bisherigen-erkenntnisse-a-1027049.html

 

Zweifel an der offiziellen Darstellung

 

Der Schuldige ist benannt, der Vorgang aufgeklärt, mensch kann einen Haken dran setzen. Zu schön, um wahr zu sein. Zu schön, um nicht zu glauben, dass da etwas nicht stimmt. Der ehemalige Lufthansa-Pilot Peter Haisenko beschreibt diese Zweifel:

„Die Informationspolitik zum Absturz des German Wings Airbus kann nicht als vertrauensfördernd bezeichnet werden. Zu schnell sind mögliche Ursachen ausgeschlossen worden, zu früh wurde ein Schuldiger benannt. Die Presse hat sich in detaillierten Sekundärbeweisen verbissen, die der unbewiesenen Täterschaft des Copiloten eine höhere Glaubwürdigkeit verleihen sollen. Am meisten aber irritieren mich die Meldungen zum Flight-Recorder.

Nachdem der Voice-Recorder schnell aufgefunden war, hieß es kurz darauf zunächst, dass auch der Flight-Recorder gefunden sei, aber auf mysteriöse Weise Speicherelemente fehlten. Dann gab es eine Korrektur, man habe den Flight-Recorder doch noch nicht gefunden. Dabei ist es für einige Tage geblieben. Der gefundene Voice-Recorder war zwar stark verbeult, aber die Lackierung zeigte die Originalfarbe rot-orange – ohne Brandspuren …

Vor allem im Netz wurde die Frage nach dem Flight-Recorder immer drängender und schließlich wurde der Fund desselben bekanntgegeben. Nicht nur das. Dem für die Aufklärungsarbeit so wichtigen Objekt wurde ein glaubwürdigkeitsförderndes Element angehängt: Das Gesicht der Finderin. Jetzt beginnen die Ungereimtheiten. Zunächst war ich sehr erstaunt, wie schnell, bereits nach wenigen Stunden, das Ergebnis einer ersten Auswertung mitgeteilt wurde, das die Täterschaft des Copiloten bestätigte. Da hat man also einen beschädigten Recorder und kann diesen in derart kurzer Zeit auswerten. Das erscheint zumindest ungewöhnlich.

Dann der Zustand des aufgefunden Flight-Recorders. Unter 30 Zentimeter Schutt soll er vergraben gewesen sein, sieht aber aus, als ob er eine Weile im Feuer gelegen hat – und so wurde es auch dargestellt. Hier habe ich mindestens zwei Probleme. 1. Es hat nicht gebrannt (siehe oben). Wieso weist dann dieser Recorder Brandspuren auf? Besonders im Vergleich mit dem Voice-Recorder, der ganz in der Nähe des angesengten Flight-Recorders im Flugzeugheck eingebaut war und keine Brandspuren aufweist. 2. Der Recorder lag unter 30 Zentimeter Schutt. An diesem Ort kann er keinem Feuer ausgesetzt gewesen sein und wir können davon ausgehen, dass er nur wenige Sekunden nach dem Aufprall an dieser Stelle aufgeschlagen und sofort von dem Geröll zugedeckt worden ist. Der Zustand des Flight-Recorders mit Brandspuren ist für mich ein großes Rätsel.

Um eine solide Unfallaufklärung zustande zu bringen, müssen die Daten der zwei Recorder synchronisiert werden. Die Geräusche und die technischen Daten müssen zeitmäßig zueinander passen. Dieses Kunststück kann aber nicht innerhalb weniger Stunden nach Auffinden eines beschädigten Recorders vollbracht werden. So drängt sich mir der Verdacht auf, dass hier zum zweiten Mal ein Ergebnis präsentiert worden ist, das in der Form keine ehrliche Basis hat und nur dazu dient, das erste zu bestätigen; die Öffentlichkeit „auf Spur“ zu halten. Angesichts dessen stellt sich die Frage: Gibt es etwas zu verbergen, und wenn ja, was? …

Nicht nur hier drängt sich mir der Verdacht auf, dass die Informationen so aufbereitet sind, dass die „normale“ Öffentlichkeit die Inkohärenzen nicht erkennen kann und nur ganz wenige Fachleute mit ihren berechtigten Fragen unbefriedigt bleiben. Solange die großen Medien diese Fragen nicht aufgreifen, gibt es keinen Grund, die Öffentlichkeit mit schlüssigeren Details aufzuschrecken. Ich als Fachmann kann zu dieser Informationspolitik nur sagen, dass sie äußerst ungewöhnlich ist und zu viele Fragezeichen hinterlässt. Einige dieser Fragen, die zum Teil von Lesern an mich herangetragen wurden und die ich derzeit nicht befriedigend beantworten kann, will ich nachfolgend auflisten.

Vorangestellt sei eine Frage, die mir auch mehrfach gestellt wurde und die ich beantworten kann: Könnten die Daten auf einem Flight-Recorder nachträglich hergestellt, also gefälscht werden? Ja, das ist möglich. Es hätte genügend Zeit dafür zur Verfügung gestanden. Allerdings wird eine mögliche Fälschung schwierig, wenn sie mit dem unverfälschten Voice-Recorder synchron sein soll. Ob also Fälschungen vorliegen könnten, muss aus heutiger Sicht in den Bereich der Spekulationen verwiesen werden. Meine Antwort auf die Frage ist rein technischer Natur und sollte keinesfalls dazu dienen, irgendeine „Verschwörungstheorie“ zu fördern. 

Hier einige der unbeantworteten Fragen: 

Wie ist es bei der offensichtlich chaotischen Unglücksstelle möglich, binnen weniger Stunden einen Terrorakt (oder irgendeine andere Kausalität) auszuschließen?

Wieso beschreiben alle belastbaren (prüfbaren) Primärquellen A. L. als lustig, freundlich und ruhig?

Wieso schreibt ein Suizidtäter mit angeblicher Agenda keinen Abschiedsbrief oder eine vergleichbare Notiz?

Wieso plant ein Suizidtäter langfristig eine Tat, gibt an, sich für die Nachwelt verewigen zu wollen, nutzt dann aber nicht die Möglichkeit einer finalen Ansprache?

Wie planbar ist für einen vermeintlichen Suizidtäter der Toilettengang des Piloten auf einem Kurzstreckenflug?

Wieso wählt ein leidenschaftlicher Flieger mit Suizidabsicht den komplizierten Weg eines A320-Crashes, wo es ihm doch ein Leichtes gewesen wäre, sein angebliches Ziel jederzeit im Segelflieger zu erreichen?

Wer recherchiert im Internet nach Suizidmöglichkeiten, um dann genau den Weg zu wählen, nämlich die Fliegerei, die sein ganzes bisheriges Leben dominiert hat?

Warum ist es für jemand, der eine komplette Pilotenausbildung (spezifisch für A 320) absolviert hat, erforderlich, im Internet die Funktionsweise der Cockpittür zu recherchieren?

Wieso finden sich in allen offiziell publizierten Bildern absolut keinerlei Hinweise auf Sitze, Koffer, Bauteile oder des Interieurs?

Wie wahrscheinlich ist es, dass die einzige Amazone in den Heerscharen von Hilfskräften genau an ihrem ersten Einsatztag den FDR ausgräbt?

Wieso wurden von Beginn an die üblichen "Standard-Schurken" wie Muslime und Russen ausgeschlossen?

Wieso veröffentlicht die New York Times angebliche Kernaussagen des Voice-Recorders noch vor der öffentlichen Pressekonferenz des BEA?

Wie erklärt sich das sofortige, beinahe panische Stelldichein dreier höchster Staatsvertreter in Anbetracht der Schwere des Unglücks im Vergleich zu früheren Verhaltensweisen?

Wieso gibt es keine plausible Erklärung zu Anzahl und Auftrag der am Unglücksort gesehenen Kampfflugzeuge?

Die Liste ist unvollständig …“

http://www.anderweltonline.com/wissenschaft-und-technik/luftfahrt-2015/german-wings-absturz-zu-viele-offene-fragen/

Den Wurm würde auch interessieren, warum ein „hochrangiger Militär“ mit der Untersuchung befasst war:

„Interessant ist jedoch: Das BEA ist, genau wie die deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU), eine rein zivile Behörde. Die "New York Times" nennt als Quelle für ihren Bericht aber einen "hochrangigen Militär", der mit den Untersuchungen befasst sei. Noch ist unklar, inwieweit die BEA für die Untersuchung des Germanwings-Absturzes auf Hilfe der französischen Armee zurückgreift.“

http://www.spiegel.de/panorama/germanwings-absturz-nur-ein-pilot-war-beim-absturz-im-cockpit-a-1025626.html

Irgend etwas stimmt da nicht. Darüber zerbricht sich der Wurm jetzt aber nicht den Kopf und folgt den offiziellen Verlautbarungen.

 

Vorgeschichte des Co-Piloten

 

„Bei der Durchsuchung der Düsseldorfer Wohnung von Andreas Lubitz beschlagnahmten Beamte zahlreiche medizinische Unterlagen, aus denen sich eine Krankengeschichte rekonstruieren lässt. Demnach hatte ein Psychiater Lubitz für fast zwei Wochen, inklusive dem Tag des Unglücks, krankgeschrieben - wohl wegen einer bipolaren Störung. Nach Angaben der Ermittler zerriss der junge Pilot das Attest und trat seinen letzten Flug an.

Wegen einer psychischen Krankheit unterbrach Lubitz seine Pilotenausbildung bei der Lufthansa 2009 für sechs Monate und begab sich in psychotherapeutische Behandlung. Laut Düsseldorfer Staatsanwaltschaft war Lubitz damals selbstmordgefährdet. Nach seiner Ausbildungsunterbrechung wurde seine geistige und körperliche Gesundheit im Auftrag der Lufthansa überprüft - im Anschluss durfte er seine Ausbildung an der Flugschule in Bremen wieder aufnehmen.

Zuletzt teilte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft mit, dass sich Lubitz in den Tagen vor dem Unglück im Internet über Umsetzungsmöglichkeiten eines Suizids informierte. Die Ermittler hatten diese Erkenntnis durch die Auswertung von Lubitz' Tablet gewonnen. Auch suchte der 27-Jährige seinem Browser-Verlauf zufolge nach Informationen zu den Sicherheitsvorkehrungen an Cockpittüren.

Lubitz hatte in der vergangenen Zeit mehrere Ärzte aufgesucht. Nach SPIEGEL-Informationen wurde Lubitz bei mindestens fünf Medizinern vorstellig, darunter Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie. Die Ermittler stellten seine Krankenakten in den Praxen sicher. Auch ließ er sich vor wenigen Wochen in der Düsseldorfer Uni-Klinik untersuchen.“

http://www.spiegel.de/panorama/germanwings-absturz-flugschreiber-stuetzt-bisherigen-erkenntnisse-a-1027049.html

 

Die Art und Weise des Selbstmordes

 

Vorausgesetzt, es war ein Selbstmord, können es die meisten Menschen nicht verstehen, warum auf diese Art und Weise.

Aus der Sicht eines Wurms gibt es dafür drei Gründe:

1. Zum Schluss seiner Lieblings-Beschäftigung nachgehen: andere rauchen noch ihre letzte Zigarette oder rauschen im nicht-geöffneten Fallschirm zu Boden. Möglicherweise mit dem Lied „Leaving on a Jet Plane“ von John Denver (der auch noch bei einem Flugzeug-Absturz ums Leben kam) im Kopf

https://www.youtube.com/watch?v=xFEhzS0hYco

http://www1.wdr.de/themen/archiv/stichtag/stichtag7006.html

2. Zorn auf die Menschheit, die ihn in eine ausweglose Lage gebracht hat, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/116-amok.html

3. Unsterbliche Berühmtheit wie beim Hirten Herostratos, der im Jahre 356 vor unserer Zeitrechnung den Tempel der Artemis in Ephesos in Brand setzte und ihn zerstörte. Motiv: unsterblicher Ruhm – sein Name und seine Person sollten ewig bekannt bleiben.

„Sein Name wurde zum Synonym für einen Menschen, der aus Geltungssucht Kulturgüter zerstört oder andere irrationale Taten begeht. Als Herostrat wird dementsprechend ein Mensch bezeichnet, der Untaten begeht, allein um berühmt zu werden.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Herostratos

Nicht schön, aber nachvollziehbar.

 

Wirtschaftliche Weichen-Stellungen

 

Gewinn-Maximierung

Ernst Wolff bringt‘s auf den Punkt:

„Um die Hintergründe dieser Entwicklung zu verstehen, ist es hilfreich, einen kurzen Blick auf die Geschichte der Lufthansa (der Muttergesellschaft der Germanwings) zu werfen: Das 1926 gegründete Unternehmen war vierzig Jahre lang ausschließlich in staatlichem Besitz. 1966 ging es an die Börse. Im Zuge der Privatisierungswelle Anfang der Neunziger Jahre reduzierte der deutsche Staat seinen Anteil an den Aktien von über 50 % auf 34 %, 1997 erfolgte die vollständige Privatisierung. Das heißt im Klartext: Seit 1997 liegt die Finanzierung der Lufthansa in den Händen privater und an ihrem Gewinn interessierter Investoren.

Da der durch die Deregulierung der Finanzwirtschaft ermöglichte und für Investoren hochlukrative Bereich der reinen Finanzprodukte (Derivate) seit der Mitte der Neunziger Jahre förmlich explodiert ist, befindet sich die Realwirtschaft, zu der auch die Luftfahrtindustrie gehört, seitdem in einem immer schärferen Konkurrenzkampf um Renditen und Profite.

Um in diesem Kampf bestehen zu können, wurde das Billigfliegergeschäft in den Neunzigern erheblich ausgeweitet und auch von den großen Fluggesellschaften übernommen. Flogen 1994 nur 3 Mio. Passagiere mit Billigfliegern, waren es 1999 bereits 17,5 Mio. 2002 wurde das Lufthansa-Tochterunternehmen Germanwings gegründet. 2013 bewältigte es mit nur wenig mehr als 2.000 Mitarbeitern bereits ein Fluggastaufkommen von 13 Mio. Passagieren …

Hinzu kommen zwei weitere Faktoren, die die Entwicklung der internationalen Luftfahrt in den vergangenen Jahren entscheidend geprägt haben: Die Krise von 2007 / 2008 hat nicht etwa zu einer Eingrenzung, sondern zur Ausweitung der Derivatewirtschaft geführt. Die den Banken in den USA, Japan und der Eurozone fast zum Nullzinssatz zur Verfügung gestellten Billionenbeträge sind fast ausschließlich zur Spekulation benutzt worden und haben den Druck auf die Investoren in der Realwirtschaft noch weiter erhöht.

Der zweite Faktor ist der seit einigen Jahren tobende Wettbewerb der klassischen Luftfahrtindustrie mit neuen, nur wenige Jahre alten Konkurrenzairlines aus dem Nahen Osten, die samt und sonders von den erheblich niedrigeren Treibstoffkosten ihrer ölreichen Länder profitieren.

Da unter diesen erschwerten Geschäftsbedingungen die normalerweise fällige Erhöhung der Flugpreise wegen der nachlassenden Kaufkraft der Zielgruppe der Billigreisenden (sie sind am stärksten vom Absinken der Reallöhne und der Ausweitung des Billiglohnsektors betroffen) nicht möglich war, blieb den Airlines angesichts des Pochens der Investoren auf hoher Rendite nur die kontinuierliche Senkung ihrer Kosten. Sie hat bei allen Luftfahrtunternehmen eine höchst gefährliche Spirale in Gang gesetzt und zur fortschreitenden Verschlechterung der Sicherheitssituation für die Fluggäste geführt.

Um genau diesen Missstand zu verschleiern und somit von den wahren Ursachen der Misere der Branche abzulenken, beeilt sich die Luftfahrtindustrie nach jedem Unglück, den Fokus der Öffentlichkeit so schnell wie möglich auf Faktoren wie "menschliches Versagen" zu richten. Bereits beim bis heute nicht erklärten Verschwinden des Fluges 370 der Air Malaysia wurden verschiedenste Spekulationen über einen möglichen Selbstmord des Piloten verbreitet. Diesmal sind es die angeblichen und bisher nicht bewiesenen psychischen Probleme eines Kopiloten, die der Öffentlichkeit als Ursache der Katastrophe präsentiert werden.

Dass die Mainstream-Medien die Luftfahrtindustrie dabei rückhaltlos und unter Missachtung aller journalistischen Grundsätze unterstützen, liegt daran, dass sich die Informationsindustrie als ein Teil der Realwirtschaft in einem ähnlichen Kampf wie die Luftfahrtindustrie befindet. Auch hier verlangen die Investoren, dass jede Möglichkeit, die Rendite zu erhöhen, ergriffen wird.

Sowohl der Absturz der Germanwings-Maschine - mit dem Hintergrund der billigenden Inkaufnahme geringerer Sicherheitsstandards zur Kostensenkung - als auch die anschließende Kampagne der Mainstream-Medien - die moralische Vernichtung von Toten und ihren Angehörigen - zeigen, welche verheerenden Auswirkungen die inzwischen allumfassende Beherrschung der Weltwirtschaft durch den Finanzsektor auf sämtliche Bereiche unserer Gesellschaft hat.“

http://www.heise.de/tp/artikel/44/44541/1.html

Sparen beim Personal

„Billigfluggesellschaften zahlen ihren Mitarbeitern, die entweder nicht oder nur zu einem geringen Prozentsatz gewerkschaftlich organisiert sind, bei härteren Arbeitsbedingungen schlechtere Löhne und greifen häufig auf (zum Teil von ihnen selbst mitbetriebene) Leiharbeitsfirmen zurück. Zudem üben sie wegen der direkten Konkurrenz einen erheblichen Druck auf die Mitarbeiter der verbliebenen konventionellen Fluglinien aus.“

http://www.heise.de/tp/artikel/44/44541/1.html

„Laut "WamS" haben Lufthansa-Ärzte Lubitz seit 2009 insgesamt mindestens sechsmal die Tauglichkeit bestätigt. Nachdem 2009 zusätzlich zum gewöhnlichen Test ein psychiatrisches Gutachten erstellt wurde, hätten die Ärzte dem Vernehmen nach darauf verzichtet, weitere derartige Gutachten einzuholen.

Wegen Einsparungen seien vor allem die Ärzte des AMC in Frankfurt überfordert gewesen, zitiert die Zeitung einen Insider. Sie hätten immer weniger Zeit für die Tauglichkeitsprüfungen, sogenannte Medicals, gehabt. Der "WamS" liege ein Personalplan vor, der das bestätige: Demnach habe die Lufthansa derzeit nur noch elf Fliegerärzte für die Top-Kategorie der Piloten in den eigenen Reihen. Davon wiederum arbeiten der Auflistung zufolge zwei in Teilzeit. Drei hätten entweder gekündigt oder gehen bald in Rente …

Auch beim Luftfahrtbundesamt soll laut einem Bericht des "Wall Street Journal" kürzlich Personalknappheit festgestellt worden sein. Demnach forderte die EU-Kommission im November 2014 "seit Langem bestehende Probleme" bei der Behörde zu lösen. EU-Vertreter hätten einen Mangel an Personal festgestellt, welcher die Kontrollfunktion des Amtes beeinträchtigen könne, schrieb die Zeitung unter Berufung auf zwei Insider.“

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/andreas-lubitz-luftfahrtbundesamt-offenbar-nicht-ueber-krankheit-informiert-a-1027136.html

„Warum ging Lubitz trotz Krankschreibung zur Arbeit? Fürchtete er seinen Job zu verlieren, der offenbar sein Traumberuf war? Er war bereits als 15-Jähriger dem örtlichen Segelflugverein beigetreten und hatte sich nach dem Abitur in Bremen von der Lufthansa zum Piloten ausbilden lassen. Er unterbrach die Ausbildung dann allerdings für sechs Monate – nach unbestätigten Berichten wegen Depressionen.

War Lubitz dem wachsenden Arbeitsdruck nicht gewachsen, der gerade bei der Lufthansa und ihrer Billig-Tochter Germanwings ständig zunimmt. Um diese Frage dreht sich der seit einem Jahr dauernden Tarifauseinandersetzung der Piloten.

Arbeitsstress und damit verbundene psychische Erkrankungen haben nicht nur in der Luftfahrtindustrie, sondern in der ganzen Gesellschaft rasant zugenommen. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden 5 Prozent der deutschen Bevölkerung im Arbeitsalter an einer behandlungsbedürftigen Depression, das sind 3,1 Millionen Menschen. Die Anzahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen hat nach Angabe der Krankenkassen in den letzten Jahren um das 18-Fache zugenommen; allein 2012 stieg sie um zehn Prozent …

Die Politiker, die der Opfer gedacht haben, werden dieses Bedürfnis allerdings nicht erfüllen. Sie kehren von den Gedenkfeiern zurück, um ihre Politik des Sozialabbaus, der Arbeitsmarktreformen sowie der inneren und äußeren Aufrüstung weiter voranzutreiben.“

https://www.wsws.org/de/articles/2015/03/28/gewi-m28.html

 

Treiben in die Verzweiflung

 

Massenkrankheit Depression

„Die Depression ist die am häufigsten diagnostizierte psychische Störung. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass in Deutschland vier Millionen Menschen unter einer Depression leiden und dass gut zehn Millionen Menschen bis zum 65. Lebensjahr irgendwann einmal eine Depression durchleben.

Die Masse dieser Menschen führt ein Leben in stiller Verzweiflung und nimmt brav die verordneten Antidepressiva ein. Das Leben Depressiver ist häufig eine ständige Vertagung des Selbstmordes, der für viele von ihnen eine Option ist. Langzeitstudien haben ergeben, dass etwa 15 Prozent aller depressiven Patienten schließlich Suizid begehen. Bekannt ist auch, dass Depressionen gelegentlich eine gehörige Portion Aggressivität beigemischt ist. Diese kann in verschiedene Richtungen gehen. Wendet sie sich gegen die eigene Person, mündet es in den Suizid oder andere strafende und selbstschädigende Handlungen gegen den eigenen Körper. Wendet sie sich nach außen, kann die Amalgamierung von Aggression und Depression sich zu einem explosiven Gemisch verdichten, das man einen „erweiterten Selbstmord“ nennt. Depressive Rückzüge im Vorfeld eines Amoklaufs gelten fast allen Beschreibern als typisch. Man spricht von der Phase des „Brütens“, die dem „Raptus“, dem blutigen Wüten, vorausgeht. In der Folge von Enttäuschungen und Misserfolgen zieht sich der zukünftige Amokläufer von der Außenwelt mehr und mehr zurück in seine seelischen Innenräume, die für das Austragen solcher Energien ungeeignet sind. Sie sind zu eng. Unglückserfahrungen sind dann am explosivsten, wenn ihnen gesellschaftliche Berührung fehlt und sie nur noch in sich rotieren. Seine Wahrnehmungsweise verzerrt und verengt sich und Handlungsalternativen schwinden. Zorn und Wut verwandeln sich in reinen Hass, der auf Entladung drängt.“

http://www.nachdenkseiten.de/?p=25597

Das System an sich macht krank

„Diese Erkenntnisse passen zu den Aussagen von Psychologen, Psychiatern und eines Flugkapitäns gegenüber SPIEGEL ONLINE. Sie zeichnen ein besorgniserregendes Bild vom Umgang mit psychischen Problemen in der Luftfahrtbranche. Depressionen, Alkoholsucht, chronische Müdigkeit und Überarbeitung werden demnach oft totgeschwiegen. Einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen gebe es nicht, stattdessen herrsche ein Klima von Verdrängung und Karriereangst …

Für noch problematischer halten Experten und Insider die Tatsache, dass die Psyche der Piloten im späteren Berufsleben fast gar kein Thema mehr ist. Stattdessen verschlechtere sich die Situation immer weiter. "Der Druck vom Management nimmt immer weiter zu", sagt ein Flugkapitän, der seit 20 Jahren in der Branche tätig ist. "Die Krankschreibungen wegen chronischer Ermüdung und psychischen Problemen haben drastisch zugenommen." Mitunter würden deshalb auch Flüge gestrichen.

Nicht alle betroffenen Kollegen würden sich krankschreiben lassen, so der Flugkapitän, der aus Angst vor beruflichen Nachteilen anonym bleiben möchte. "Die Leute funktionieren trotzdem. Manche schaffen das mit Alkohol oder Medikamenten." Wie verbreitet psychische Erkrankungen unter Piloten sind, lasse sich kaum seriös beziffern, sagt der Bochumer Psychologe Diepgen. "Die Fluggesellschaften geben dazu keine Daten heraus." …

Kein Pilot kommuniziert ehrlich mit einem Flugmediziner, weil immer die Gefahr im Raum steht, für fluguntauglich erklärt zu werden." Der Flugkapitän bestätigt das: "Der Job hängt bei so etwas sofort am seidenen Faden - insbesondere wenn es um Alkoholkonsum oder Depressionen geht." …

Der Flugkapitän sieht das ähnlich. "Über psychische Probleme kann unter Piloten nicht offen geredet werden. Das verbietet meist der Anspruch an sich selbst, und die Kollegen würden jemanden mit solchen Schwierigkeiten auch nicht akzeptieren." Deshalb sei es falsch, Co-Pilot Lubitz als Einzelfall abzutun. "Das System an sich macht krank."“

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/germanwings-psychische-probleme-werden-in-der-branche-verdraengt-a-1025983.html

„Nach der Germanwings-Katastrophe berichten viele Piloten über hohe Arbeitsbelastung, Mobbing und Angst vor Jobverlust wegen Krankheit. Die Schwierigkeiten fangen schon in der Ausbildung an …

Doch das sehen manche Flugzeuglenker offenbar anders - und nach dem Germanwings-Absturz in Südfrankreich, offenbar absichtlich verursacht von einem Co-Piloten, brechen viele ihr Schweigen. Die Rede ist von brutaler Arbeitsbelastung, autoritären Strukturen, ständiger Angst um den Arbeitsplatz und dem gezielten Verschweigen von Krankheiten. "Das Märchen vom Traumjob wird hochgehalten", sagt ein ehemaliger Pilot, "aber es ist genau das: ein Märchen."

Das fange schon bei der Ausbildung an, deren Kosten die Piloten nach der Einstellung abstottern müssten. Wer sich etwa bei der Lufthansa schulen lässt, muss am Ende 70.000 Euro zurückzahlen. Hinzu kommt ein Darlehen von bis zu 25.000 Euro für Lebenshaltungskosten, zuzüglich Zinsen. Zwar verdienen Co-Piloten bei der Lufthansa von Beginn an mehr als 60.000 Euro im Jahr, langgediente Kapitäne sogar über 200.000 Euro. Doch wer in jungen Jahren psychisch oder körperlich erkrankt und nicht mehr fliegen kann, hat ein finanzielles Problem.“

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/pilot-der-alptraumberuf-a-1026534.html

„Was bei Robert S. der verschwiegene Schulverweis gewesen ist, könnte bei Andreas L. seine geheim gehaltene Erkrankung gewesen sein. Er wusste, dass er diese dauerhaft nicht würde für sich behalten können und er in der Folge der Aufdeckung seines Geheimnisses Gefahr lief, seine Fluglizenz und damit seinen Traumberuf zu verlieren. Wenn der Beruf verloren geht, geht häufig viel mehr verloren als die Arbeit. Die Berufsrolle ist in unserer Kultur eine zentrale Stütze des Selbstgefühls und fungiert für viele Menschen geradezu als Selbstwertprothese. Der Beruf des Piloten, der ja als Traum von zahllosen kleinen Jungen gilt und von einem gewissen Glamour umgeben ist, versorgt denjenigen, der ihn ausübt, mit narzisstischen Gratifikationen mannigfacher Art und kann seine Vorstellungen der eigenen Grandiosität stützen.

Wenn das für den Kopiloten Andreas L. zutreffen sollte, bekommen wir eine Ahnung von der Dramatik der Situation. Bevor es dazu kommen konnte, die Fluglizenz zu verlieren, könnte er beschlossen haben, seinem Leben ein Ende zu setzen und sich die Schmach der Enthüllung seiner Erkrankung zu ersparen. Der Kollaps des Selbstgefühls und der narzisstische Zusammenbruch gehören zu den bedrohlichsten seelischen Ereignissen. Um sie zu vermeiden, nimmt man mitunter den eigenen Untergang in Kauf …

Psychologen, Psychiater und ein Flugkapitän zeichnen gegenüber SPIEGEL ONLINE ein besorgniserregendes Bild vom Umgang mit psychischen Problemen in der Luftfahrtbranche. Depressionen, Alkoholsucht, chronische Müdigkeit und Überarbeitung werden demnach oft totgeschwiegen. Einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen gebe es nicht, stattdessen herrsche ein Klima von Verdrängung und Karriereangst. “Der Druck vom Management nimmt immer weiter zu”, sagt ein Flugkapitän, der seit 20 Jahren in der Branche tätig ist. “Die Krankschreibungen wegen chronischer Ermüdung und psychischen Problemen haben drastisch zugenommen.” Mitunter würden deshalb sogar Flüge gestrichen. Nicht alle betroffenen Kollegen würden sich krankschreiben lassen, so der Flugkapitän, der aus Angst vor beruflichen Nachteilen anonym bleiben möchte. “Die Leute funktionieren trotzdem. Manche schaffen das mit Alkohol oder Medikamenten.”

http://www.nachdenkseiten.de/?p=25597

„Als man in den 80er Jahren in den USA im Zuge der Reaganomics dazu überging, die Post zu privatisieren und zu verschlanken, kehrten zahlreiche ehemalige Angestellte bewaffnet an ihren Arbeitsplatz zurück und schossen dort um sich. „Going postal“, aufs Postamt gehen, ist seither in den USA ein Synonym für Amoklaufen. In Frankreich hat die seit einigen Jahren betriebene Privatisierung des Telekommunikationskonzerns France Telecom eine Selbstmordwelle ausgelöst: Innerhalb von nur 18 Monaten haben sich 25 Angestellte das Leben genommen. (Süddeutsche Zeitung vom 30.10.2009) In Europa scheinen noch immer ein eher depressiver Modus der Reaktion auf biographische Brüche und der Modus einer Reprivatisierung gesellschaftlicher Konflikte vorzuherrschen. Die Menschen geben sich selbst die Schuld und versinken in Resignation und stiller Verzweiflung. Wie wir jetzt sehen, muss das nicht unbedingt so bleiben. Wie wir es auch drehen und wenden, am Ende unserer Überlegungen finden wir uns unter den giftigen Bäumen unseres neoliberalen Dschungels vor.“

http://www.nachdenkseiten.de/?p=25597

Das Recht des Stärkeren

„Oft ist das Problem die Zusammenarbeit im Cockpit: Kapitän und Co-Pilot sollen als Team funktionieren, sich gegenseitig überprüfen und hinterfragen. In Europa und den USA wurde deshalb das sogenannte Crew Resource Management (CRM) eingeführt: Mindestens alle drei Jahre müssen Piloten ihre Sozial- und Entscheidungskompetenz unter Beweis stellen.

"Die Trainer achten darauf, dass im Cockpit keine Diktatur herrscht", sagt Co-Pilot Bernd Mertens (alle Piloten-Namen von der Red. geändert). "Im Simulator funktioniert das auch." Im Alltag aber sehe es manchmal anders aus. In seiner 25-jährigen Karriere "haben sich die Verhältnisse nie verbessert", sagt Mertens. Besonders schlimm sei es nach einem Wechsel ins Ausland gewesen: "Ich wurde ständig suggestiv bedroht, dass der nächste Flug mein letzter sein könnte."

In Deutschland sehe es insgesamt zwar deutlich besser aus, doch auch hier komme es regelmäßig zu Problemen. "Ich werde an etwa jedem zehnten Arbeitstag von den Kapitänen buchstäblich wie der letzte Dreck behandelt", sagt Mertens, der vier Jahre lang selbst Kapitän war. "Es gibt keinen Einbezug in Entscheidungen, obwohl das zwingend vorgeschrieben ist, keinen Einbezug in Gespräche, teilweise fliegt man schweigend zehn Stunden nebeneinander her."

Ex-Pilot Stefan Bender äußert sich ähnlich: "Der Kapitän ist der Gott, der Co-Pilot hält den Mantel." Im Cockpit herrsche mitunter "ein Ton wie auf dem Kasernenhof, Co-Piloten werden nicht selten fertiggemacht". Das teils extreme Hierarchiegefälle widerspreche der Sicherheitsphilosophie der gegenseitigen Kontrolle: "Der Co-Pilot hat nichts zu sagen."

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/pilot-der-alptraumberuf-a-1026534.html

Mangelnde Akzeptanz

„Depressionen können in schweren Fällen zu so etwas wie einer Versteinerung führen, einen Menschen handlungsunfähig machen und seine Antriebskräfte lähmen. Das berufliche Image eines Piloten zeigt in allen Punkten das genaue Gegenteil: einen aktiven, hellwachen, entschlusskräftigen, zupackenden Menschen, der jederzeit Herr der Lage ist und selbst in Momenten der Gefahr den Überblick behält. In Werbebroschüren sieht man kräftige Männer in gut sitzenden Uniformen, mit blendend weißen Zähnen und einem vertrauenserweckenden Lächeln. Wer möchte schon sein Leben einem depressiven Trauerkloß und Zauderer anvertrauen?“

http://www.nachdenkseiten.de/?p=25597

„Kolitzus sieht ein weiteres Problem darin, dass psychische Erkrankungen in der Gesellschaft und insbesondere in manchen Berufen noch immer mit einem Stigma behaftet sind. Als Beispiel nennt er den Suizid des früheren Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke. "Der Umgang mit psychischen Erkrankungen ist seitdem nicht besser geworden, weder gesamtgesellschaftlich noch im Profifußball", so Kolitzus. In der Luftfahrtbranche sehe es nicht anders aus.“

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/germanwings-psychische-probleme-werden-in-der-branche-verdraengt-a-1025983.html

„Ein ebenso großes Tabu wie das Versagen deutscher Technik ist das Versagen des deutschen Gemüts. Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder bipolare Störungen, unter denen offenbar Andreas Lubitz litt, gelten in unserer auf volle Funktionalität geeichten deutschen Gesellschaft als unerträglich. Mögen Zeitschriften und TV-Magazine in letzter Zeit noch so empathisch über Phänomene wie Burn-out berichten - die Realität fällt hinter diesen Erkenntnisstand weit zurück.

Das Einknicken vor dem Druck, Job und Familie in Einklang zu bringen, also gleichzeitig im Beruf zu reüssieren und als soziales Wesen zu glänzen, um ein ebenfalls von den Medien propagiertes, makelloses Mustermann-Ideal zu erfüllen, ist nicht vorgesehen: Wer Fehler macht, wer Schwäche zeigt, gilt als stigmatisiert - er wird zum Sonderling. Im Spätkapitalismus hat längst das Individuum selbst diese Konformisierung vom Staat und von den Unternehmen übernommen; wir sind uns selbst unser größter Schinder.

Der französische Philosoph Michel Foucault nannte diesen Effekt "Selbsttechnologie": Der Einzelne sieht sich selbst in einer Art Bringschuld gegenüber dem System. Hinzu komme, wie der Soziologe Heinz Bude unlängst in seinem Aufsatz "Gesellschaft der Angst" formulierte, ein Optimierungszwang, der gerade die mittlere Generation von heute in Depressionen stürzen könne: "Früher sagte man: Ich bin, der ich bin. Heute denkt man: Ich bin, der ich sein könnte", so Bude im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Ob sich auch Andreas Lubitz solchen Drücken ausgeliefert sah? …

Die suggerierte Alternativlosigkeit des Immer-weiter-Funktionierens aber, übrigens kein rein deutsches Phänomen, sondern ein Symptom aller spätkapitalistischen Gesellschaften, droht sonst im Gefühl der Ausweglosigkeit zu münden.“

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/debatte-ueber-germanwings-absturz-dem-chaos-eine-chance-a-1026941.html

„Bevor wir uns der Frage zuwenden, warum manche Suizidanten andere Menschen in ihren Tod mitreißen, muss man sich mit der Frage beschäftigen, warum das Offenbaren einer depressiven Erkrankung als Schande und Kränkung empfunden wird.

„Prominente und Wohlhabende bekommen einen Burnout attestiert, arme Schlucker und normale Leute eine Depression“, sagte mir dieser Tage ein befreundeter Arzt. Während das Burn-out-Syndrom als Veteranenmedaille der Leistungsgesellschaft gilt: „Ich habe alles gegeben und mich dabei übernommen, ich brauche jetzt mal eine Auszeit“, klingt Depression nach Psychiatrie und Versagertum. Wer dem Leitbild des „Winners“, des aktiv handelnden, allzeit fitten, gut gelaunten und erfolgreichen Tatmenschen nicht entspricht, empfindet sich als „Loser“, schämt sich und zieht sich zurück. Er scheidet aus dem Rennen um Erfolg, Karriere und Geld aus, das schon im Kindergarten beginnt, sich in den Schulen fortsetzt und in den Kampf um beruflichen Aufstieg und Erfolg mündet.

Das Problem ist nicht so sehr die Depression, sondern die damit verbundene Stigmatisierung und soziale Ächtung. Der Depressive wird von der Leistungsgesellschaft behandelt wie ein Deserteur, der sich unerlaubt von der „Arbeitsbrigade“ entfernt hat. In einem gesellschaftlichen Umfeld, das sich über Leistung definiert und Anerkennung an Leistung bindet, hat Depression eine schlechte Presse und Depressive einen schweren Stand. Das kann dazu führen, dass man Zuflucht nimmt zur Lüge und zum Versteckspiel …

Die Depression hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor, in dem wir uns erkennen könnten. Weil wir das nicht riskieren wollen, zerbrechen wir den Spiegel, machen aus der Depression einen genetischen Defekt oder eine hirnorganische Erkrankung und verbannen die Depressiven in Krankenhäuser.“

http://www.nachdenkseiten.de/?p=25597

Humanes Umfeld

„Diepgen hält ein "aufmerksames Umfeld" und "sanktionsfreies Kommunizieren" für wichtiger als regelmäßige Untersuchungen. "Eine Atmosphäre, in der human mit dem Problem umgegangen wird, wäre hilfreich." Dass es dazu aber kommt, hält der Psychologe für unwahrscheinlich. "Die Öffentlichkeit hat keine Toleranz für psychische Erkrankungen."“

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/germanwings-psychische-probleme-werden-in-der-branche-verdraengt-a-1025983.html

„Der Ruf nach mehr Datentransparenz führt jedenfalls ins Leere, denn selbst in den USA, das zeigt eine ebenfalls in den vergangenen Tagen von der "Times" veröffentlichte Analyse, wo es längst Lockerungen der Arzt-Schweigepflicht gibt, lautet die ernüchternde Erkenntnis: Der Patient wird dadurch nur noch weiter in ein Vorgaukeln von Normalität getrieben, unerreichbar für Ärzte und andere Hilfsangebote. Das vermeintliche Frühwarnsystem wird somit zum Risikoverstärker. Und der Kurzschluss kommt noch unvorhergesehener als zuvor.

Über was man jedoch dringend reden sollte, ist Fehlerkultur. Im Mitleid, im Verständnis für den psychisch kranken "Täter" Lubitz, aus dem der Reflex erwächst, seine Privatsphäre zu schützen, liegt eine Chance, in der Gesellschaft offener über die Angst vor dem Versagen zu reden, mehr Gelassenheit und Toleranz gegenüber dem Scheitern zu entwickeln.“

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/debatte-ueber-germanwings-absturz-dem-chaos-eine-chance-a-1026941.html

„Das einzige, was in einer solchen Lage helfen könnte und den drohenden Fall aus der Welt hätte auffangen können, wäre ein Netz von emotionalen Bindungen an Freunde oder Verwandte. Wer das Glück hat, in einem solchen Netz von Beziehungen zu leben, die er als bestätigend empfindet und notfalls aktivieren kann, der ist viel besser gegen massive Einbrüche geschützt als jemand, der auf sich allein gestellt ist.

Gefahr droht immer dann, wenn jemand in einer kritischen Lebenssituation nicht den Kontakt und das Gespräch sucht oder findet, sondern sich in ein Lügengebäude und ins Verschweigen zurückzieht. Es gibt ja durchaus so etwas wie ein heilsames Sich-Aussprechen von verdrängten pathogenen Geheimnissen – ein Aussprechen, das einen instand setzt, es irgendwann selbst mit den schlimmsten Wahrheiten und den peinlichsten Kränkungen aufnehmen zu können. Was ausgesprochen werden kann, muss nicht länger ausagiert werden, fatale Handlungen lassen sich durch schmerzhafte Geständnisse ersetzen. Hat Andreas L. möglicherweise den Weg zu ihm nahe stehenden Menschen nicht gefunden? Bei Robert S. war es ein sehr stark auf Leistung zentriertes familiäres Klima, das ihm das Eingeständnis seines schulischen Scheiterns vermeintlich erschwerte oder verunmöglichte.

Ein weiterer schützender Faktor wäre in Fällen wie dem des Andreas L. ein von Vertrauen geprägtes Betriebsklima, das psychische Probleme von Mitarbeitern nicht nur als Störung und Leistungsminderung wahrnimmt. Nur, wer nicht von Kündigung und beruflicher Abstufung oder gar Absturz bedroht ist, wird in einer Notlage den Weg zu Kollegen und Vorgesetzten finden.“

http://www.nachdenkseiten.de/?p=25597

 

Wenig Verständnis

 

Spaßeshalber möchte der Wurm erwähnen, dass die Piloten noch vor Kurzem in den Medien als „Edel-Beschäftigte“ bezeichnet wurden, die es wagten, sich gegen die Beschneidung ihrer verbrieften Rechte zu wehren (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/119-niedere-beweggruende.html ).

Wenig Verständnis hat der Wurm für die Gewinner des Systems, die entweder auf Kosten der Leidtragenden leben oder diese nicht sehen bzw. der Meinung sind, dass die selbst schuld an ihrem Unglück wären.

Das drückt sich in solchen Sprüchen aus wie „Ja, uns geht’s doch gut!“ oder so wie bei Bert Rürup: „Seit einigen Jahren ist Deutschland ein wirklich tolles Land.“ Die meisten Deutschen seien heute offen, liberal, nicht mehr verhuscht. „Und alles funktioniert. Alles!“, ruft er. „Wenn ich Papst wäre, wüsste ich, warum ich den Boden küsse, wenn ich nach Deutschland komme.““

http://www.capital.de/dasmagazin/bofinger-wundert-sich-ueber-irren-arbeitsmarkt.html

Aus moralischen Gründen mag mensch von dieser Sorte Mensch halten, was er mag – die Zahl ihrer Opfer geht in die Millionen. Viele leiden vor sich hin, viele werden durch den extremen Druck zu Fehlern gezwungen und viele sitzen an entscheidenden Stellen. Wenn sie dort diese Fehler machen oder gar nicht mehr „funktionieren“, dann knallt’s. Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Jubiläum

 

Trotz des traurigen Anlasses und der ganzen Traurigkeit, die der Wurm inmitten der Menschen erleben muss, freut sich der Wurm über diese, die 100. Ausgabe seiner kleinen Kolumne und feiert in den Worten von Ion Creanga (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/130-subversiver-maerchen-erzaehler.html ):

 

Und der Wurm hatte fertig und sah, dass es gut war.

 

Um sein Glück zu sehen, kam nun alle Welt,

Mond und Sterne lachten ihm vom Himmelszelt.

 

Zum Abendmahl hat er geladen

 

Eidechs, Habicht und Juchtenkäfer,

Hoher Tiere auch nicht wenig

Und auch der, der dies erzählt.

Armer Teufel ohne Geld.

Unter ihnen allen herrschte große Freude,

Aßen doch und tranken selbst die armen Leute.

 

Und dieser Jubel dauerte Jahre und hält auch heute noch an. Bei uns aber trinkt und ißt nur der, der Geld hat; wer aber keins hat, sieht zu und darbt.