„Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und die Mutter, Weib und Kinder, Brüder und Schwestern haßt, dazu aber auch seine eigene Seele, der kann nicht mein Jünger sein.“

„Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.  Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz nimmt und mir nachfolgt, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“

„Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu schleudern, und wie wollte ich, es wäre schon entzündet! Aber ich habe eine Taufe zu bestehen, und wie drängt es mich, bis sie vollbracht ist!  Meinet ihr, daß ich gekommen sei, Frieden zu spenden auf Erden? Nein, ich sage euch, sondern eher Zwietracht.“

„Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Tempel, die sprach zu den sieben Engeln: Gehet hin und gießet die sieben Schalen des Zornes Gottes aus auf die Erde!“

Vor 20 Jahren setzten Mitglieder der japanischen Sekte Aum Shinriky (Aum (sprich: Om) Höchste Wahrheit) während des morgendlichen Berufsverkehrs  in fünf U-Bahnzügen in Tokio das tödliche Nervengift Sarin frei. Jeder Zug wurde von einem Mann bestiegen, der zwei oder drei kleine, in Zeitungspapier eingewickelte Plastikbeutel mit sich führte, diese zu einem vereinbarten Zeitpunkt auspackte, auf den Boden legte und mit der geschliffenen Spitze eines Regenschirms durchbohrte. In den Zügen selbst, auf den Stationen, an denen sie hielten, und an den Ausgängen begannen die Passagiere zu husten und zu würgen, wurden von Krämpfen geschüttelt und brachen zusammen. Elf Menschen wurden getötet, nahezu fünftausend wurden verletzt.

Wäre es Aum gelungen, eine reinere Form des Gases zu produzieren, hätte die Zahl der Todesopfer durch diesen einen Anschlag in die Hunderttausende gehen können. Die Täter, die das Nervengas freisetzten, verstanden sich als Beauftragte ihres Gurus Shoko Asahara, als Vollstrecker seines allumfassenden Plans, die Menschheit zu erlösen.

Anbei eine Dokumentation über Aum und den Anschlag:

 

 

Würde es sich bei den Tätern um Bewohner des Erdreichs handeln, würde der Wurm sie als verrückt oder als durchgeknallt bezeichnen. Da es sich aber um Menschen handelt, würde der Wurm sie als normal bezeichnen. Weder ihr Denken noch ihr Tun fallen aus deren Rahmen. Jeremias Juchtenkäfer von der Arbeitsgruppe REA (Religiöses, Esoterisches, Abstruses) weiss ein Lied davon zu singen. 

 

Shoko Asahara – eine Karriere

 

Colin Goldner beschreibt in einem Kapitel seines Buches „Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs“ den Werdegang Shoko Asaharas, der als Chizuo Matsumoto auf die Welt kam. Eine Karriere, die so ähnlich auch in westlichen Ländern hätte statt finden können:

Hokuspokus

„Nach seiner Haftentlassung (wg. Schlägerei) ging er erneut nach Tokyo, wo er 1978 eine Studentin aus wohlhabendem Hause heiratete. Mit Geld aus der Familie seiner Frau eröffnete er bald darauf eine Klinik für traditionelle Medizin, an der er – ohne irgendwelche heilkundliche Ausbildung – Patienten mit zweifelhaften Akupunktur- und Kräuterkuren behandelte. Eine der Tinkturen, die er als sogenannte „Allmächtige Medizin“ für teures Geld verkaufte, bestand aus nichts anderem als Mandarinenschalen in Alkohollösung. Einen über betrügerische Krankenkassenabrechnungen erschwindelten Betrag in Höhe von umgerechnet rund 30.000 Euro mußte er zurückzahlen. 1981 gründete er die „Himmlische Segnungsgesellschaft“ und stellte in großem Umfang „Medizin“ her, die er auf Tingeltouren durch die besseren Hotels in Tokyo an vornehmlich ältere Mitbürger verkaufte. In weißem Mantel und mit Stethoskop machte er seiner gutgläubigen Kundschaft vor, er könne jedwede Krankheit, insbesondere Rheuma, heilen. 1982 wurde er wegen Betruges verhaftet und zu einer Geldstrafe verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er mit seinen Wundermitteln umgerechnet eine viertel Million Euro eingenommen.

Neben dem Verkauf seiner Schwindelmedizin praktizierte Chizuo die Künste des Handlesens , der Geomantie und der Hellseherei. 1984 gründete er in Tokyo eine Yoga-Schule und gleichzeitig einen AUM Ltd. Genannten Versandhandel für wundertätige Tinkturen, Amulette und sonstiges religiöses Zubehör.“

Mensch vergleiche das mit hierzulande, wo auch jeglicher esoterische Scheiss Hochkonjunktur hat. Die Menschen glauben ausnahmslos jeden Blödsinn!

Endgültige Erleuchtung

„Bereits Anfang der 1980er hatte er Texte einer 1969 gegründeten Fundamentalisten-Sekte namens Agonshu gelesen, die ihren Anhängern mittels allerlei buddhistischer Rituale den Erwerb übernatürlicher psychischer Kräfte versprach. Die in Japan äußerst erfolgreiche Organisation – sie betrieb sogar einen eigenen Satellitenfernsehsender – brachte Chizuo auf die Idee, sich selbst zum Guru zu deklarieren und eine eigene Sekte ins Leben zu rufen: Er benannnte sein Unternehmen in Aum-Gemeinschaft der Magier vom Berge um. Mitte 1986 reiste er für einige Wochen nach Nordindien, um sich in den zahllosen Religionszentren und Ashrams des Himalaya umzusehen und von den jeweiligen Gurus dazuzulernen. Wie er später verkündete, sei eine Pilgerreise das Ende einer langen spirituellen Suche gewesen: ‚Ich probierte alle religiösen Rituale aus, Taoismus, Yoga, Buddhismus, und fügte deren Essenz in meine Übungen ein. Schließlich erreichte ich mein Ziel in der heiligen Atmosphäre des Himalaya-Gebirges. Ich hätte glücklicher nicht sein können‘. Er habe, so behauptete er nach seiner Rückkehr nach Tokyo, die „endgültige Erleuchtung“ gefunden. Hinfort sei er in der Lage, Kontakt zu Toten aufzunehmen, durch Betonwände zu gehen, stundenlang unter Wasser zu meditieren und frei in der Luft zu schweben … Seiner wachsenden Bedeutung gemäß legte Chizuo seinen zu gewöhnlich klingenden Namen ab und nannte sich fortan „Shoko Asahara“.“ 

Empfehlung des Dalai Lama

„Asahara hatte die Idee, seinen eigenen und den Stellenwert seiner Aum-Gemeinschaft durch einen Besuch beim Dalai Lama aufzuwerten, der auch in Japan enormes Ansehen genoß und den er ein paar Jahre zuvor bei dessen Auftritt im Hauptquartier der Agonshu-Sekte erstmalig gesehen haben dürfte. Im Sommer 1987 reiste er nach Dharamsala/McLeod Ganj in Nordindien, wo er, im Gegensatz zu den sonstigen TouristInnen und BittstellerInnen, die den Dalai Lama an seinem Regierungssitz aufsuchen und von diesem in der Regel mit ein paar Unverbindlichkeiten und vor allem gruppenweise abgefertigt werden, sofort zu einer Privataudienz empfangen wurde. Ganz offenbar übte Asahara bereits bei dieser ersten Zusammenkunft enorme Wirkkraft auf den Dalai Lama aus. Er wurde mit Weihwasser besprenkelt, gesegnet und mit einer weitreichenden spirituellen Aufgabe betraut. Der Dalai Lama, so zumindest beschreibt Asahara die Begegnung, habe ihm folgendes eröffnet: ‚Lieber Freund, sieh dir den Buddhismus im heutigen Japan an. Er ist zu Zeremonien degeneriert und hat die eigentliche Wahrheit der Lehre verloren. Wenn das so weitergeht, wird der Buddhismus in Japan verschwinden. Irgendetwas muß jetzt getan werden, und du solltest den wirklichen Buddhismus dort verbreiten. Du kannst das gut. Wenn du dies tust, wäre ich sehr erfreut und es würde mir in meiner Mission helfen‘.

Die Gründe, weswegen der Dalai Lama sich ausgerechnet auf den mehrfach vorbestraften Betrüger und Gewalttäter Asahara kaprizierte, werden weiter unten näher erörtert. Politische oder pekuniäre Erwägungen seitens des tibetischen Gottkönigs dürften – zunächst jedenfalls – keine Rolle gespielt haben: zum Zeitpunkt des ersten Treffens war Asahara noch eine relativ unbedeutende Figur mit kaum nennenswerter Anhängerschaft, einer unter tausenden selbsternannter Klein-Gurus, wie sie in Japan seit Ende der 1970er ihr Unwesen trieben.

Kurz nach seiner Rückkehr nach Japan veröffentlichte Asahara den Wortlaut seiner Unterredung mit dem Dalai Lama in einer eigenen Schrift Supreme Initiation. Der Dalai Lama trat dieser Inanspruchnahme nicht entgegen, offensichtlich hatte er auch keine Einwände, daß Asahara mit seinen „besten Verbindungen zum spirituellen Oberhaupt der Tibeter“ großangelegte Werbung betrieb. Ganz im Gegenteil, er empfing ihn in den Folgejahren noch mehrmals in Privataudienz, erteilte ihm verschiedene Initiationen in buddhistische Geheimlehren und stattete ihn letztlich im Mai 1989 mit zwei hochoffiziellen Empfehlungsschreiben aus, die ihn als „kompetenten religiösen Lehrer“ und seine Sekte als ehrenwerte „religiöse Organisation“ auswiesen …

Im Frühjahr 1989 landete Asahara den für die weitere Entwicklung von Aum Shinrikyo entscheidenden Coup. Erneut machte er dem Dalai Lama seine Aufwartung und wurde, wie gewohnt, in Privataudienz empfangen. Bei seiner Rückkehr nach Japan hatte er zwei Papiere unschätzbaren Wertes im Gepäck: Freund Tenzin hatte ihn und seine Sekte mit hochoffiziellen Empfehlungsschreiben ausgestattet …

Zurück in Japan begann für Asahara erst seine eigentliche Mission. Mithin aufgrund der Empfehlungsschreiben des Dalai Lama - gezielte Einschüchterung  der zuständigen Beamten beschleunigte das Verfahren – wurde Aum Shinrikyo im August 1989 offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Die Anhängerschaft

„Durch die offizielle Anerkennung vor jeder Kontrolle geschützt, war Aum nicht mehr aufzuhalten. Der Zustrom neuer Mitglieder nahm immer gigantischere Ausmaße an: tausende, fast ausnahmslos junge Menschen zwischen Anfang und Mitte Zwanzig brachen ihre Ausbildungen ab, kündigten ihre teils hochdotierten Karriereposten und Jobs, verließen ihre Familien und Freunde, um sich Asahara anzuschließen. Viele Neuzugänge der Sekte waren StudentInnen der Naturwissenschaften und Technik und zählten zu den Otaku, den Computerfreaks Japans, die ihre gesamte Freizeit damit verbringen, sich in Computernetzwerke einzuloggen und wahllos irgendwelche Daten anzusammeln. Asahara konnte sich perfekt einklinken in einer lebensunerfahrenen Generation, die innerhalb des japanischen Schulsystems nichts anderes gelernt hatte, als reibungslos zu funktionieren. Wie die Autoren Kaplan und Marshall es formulieren: ‚Talentierte junge Menschen werden in dieser Ausbildungsmaschinerie zerrieben. Was in dieser Welt zählt, sind Anpassung, Gehorsam und reines Auswendiglernen. Japanische Schüler sollen nicht analysieren oder hinterfragen, sie sollen nur Fakten anhäufen und diese in endlosen Prüfungen wie Computer voller Gigabytes an Daten wieder abspulen. In Japan kann man das Gymnasium absolvieren, ohne jemals Ethik-, Philosophie- oder Religionsunterricht besucht zu haben‘. Asahara bot beides, den gewohnten Drill und zugleich das Versprechen, das paralysierende Sinnvakuum zu füllen. Keineswegs strömten der Sekte irgendwelche Gestrandete zu, vielmehr waren es in erster Linie Angehörige der akademischen Intelligenz, Chemiker, Biologen, Ärzte, Computerspezialisten mit teils brillanten Karriereaussichten, die sich zu seinen Füßen einfanden: Die Hightech-Generation des postindustriellen Japan war fasziniert von Asaharas geschickt inszenierten Prophezeiungen der herandämmernden Apokalypse und der elitären Zusage des eigenen Überlebens in einer neuen, besseren, lebenswerteren Welt. Und sie war fasziniert von seinem absolut irrationalen esoterischen Firlefanz.“

Strafe muss sein

„Um seine AnhängerInnen an sich zu binden, bediente Asahara sich einer Vielzahl an Methoden der Bewußtseinskontrolle, wie sie in sämtlichen Sekten überall auf der Welt praktiziert werden. Sie durften höchstens drei Stunden pro Tag schlafen und bekamen nur wenig zu essen. Ihr Identitätsgefühl wurde unterlaufen durch die Zuweisung eines neuen Namens sowie strikte Verunmöglichung jedes Kontaktes zu Angehörigen. Tag und Nacht prasselten Asaharas Lehren und Mantrengesänge per Video und/oder Tonband auf seine Gefolgschaft hernieder. Unermüdlich und bis zur totalen Erschöpfung wurde gearbeitet. Selbst der kleinste Ungehorsam wurde vom Meister persönlich oder von seinen Meisterschülern mit Stockschlägen geahndet. Die Strafaktionen wurden als „Entsorgung des Karmas“ bezeichnet, als Abwerfen spirituellen Ballasts, der dem Gläubigen in diesem oder dem nächsten Leben nur hinderlich sei. Asahara bekannte sich ganz offen dazu, daß er seine Schüler häufig züchtige, da er sie „von ihrem schlechten Karma befreien“ müsse. „Üble Missetäter“, AnhängerInnen beispielsweise, die beim Onanieren ertappt worden waren, wurden auf Anweisung des Gurus tagelang in winzige Zellen gesperrt. Diese enthielten lediglich einen Toilettenkübel und ein Videogerät, das vierundzwanzig Stunden am Tag in ohrenbetäubender Lautstärke Asahara-Lehren abspielte. Einmal am Tag erhielten die DelinquentInnen eine karge Mahlzeit. Regelmäßig gab Asahara an alle Zweigstellen Rundschreiben heraus, die das Strafmaß für verschiedene Vergehen festsetzten. Eine Woche Zellenarrest erwartete etwa auch den, der während eines Kurses sprach oder einnickte. Darüberhinaus gehörten stundenlange „Meditationen“ und psychophysische „Reinigungsübungen“ zum Pflichtprogramm, bei denen die Anhänger angetrieben wurden, bis zum Blackout zu hyperventilieren; sie mußten immense Mengen Wasser trinken und dies dann wieder erbrechen; über extrem heiße Bäder und Megadosen irgendwelcher „Vitamincocktails“ – später auch über Verabfolgung selbsthergestellter Drogen wie LSD – wurden fieberhafte Wahnzustände erzeugt, die der Meister zu „mystischen Erfahrungen“ umdeutete. Gelang einem Jünger die Flucht, schwärmten spezielle Rollkommandos aus und schafften ihn mit Gewalt zurück; er wurde stundenlang verhört und brutal gefoltert. Eine bis heute nicht bekannte Anzahl abtrünniger Aum-Mitglieder wurde von der Sekte ermordet; ihre Leichen wurden im Wald verscharrt oder in einem Hochleistungs-Mikrowellenofen verbrannt. Bei der Stürmung der Sektenzentrale in Kamikuishiki im Mai 1995 fand die Polizei ein Verlies mit etwa fünfzig Anhängern, die dort im Dämmerzustand vor sich hinvegitierten: Opfer von Strafaktionen oder Gehirnwäscheexperimenten; viele waren ohne Bewußtsein oder zu schwach, um zu stehen.

Sex untereinander war den Aum-Anhängern streng untersagt. Der Guru selbst behielt es sich vor, attraktive weibliche Neuzugänge mittels seiner wundertätigen Körpersäfte zu „initiieren“; daneben hielt er sich einen Harem Dutzender von Gespielinnen. Zwei Gläubige, die beim Sex erwischt worden waren, ließ Asahara an den Füßen aufhängen.“

Lohnendes Geschäftsmodell

„Wie zu Beginn seiner Betrügerkarriere verhökerte Asahara seiner gläubigen Anhängerschaft zu Irrwitz-Preisen irgendwelche Wundermittel. So verkaufte er etwa Schnipsel seines Bartes als Heilsbringer, den Zentimeter zu exakt 375 US-Dollar. Auch sein schmutziges Badewasser, „Zauberteich“ genannt, konnte käuflich erworben werden – für 800 US-Dollar pro Liter. Daneben bot er zwanzig freierfundene „Initiationen“ an, so etwa die „Heilige-Haare-Initiation“, bei der, in grotesker Anlehnung an die traditionelle japanische Teezeremonie, eine seiner Haarsträhnen in kochendem Wasser aufgebrüht und die Brühe dann getrunken wurde. Die ultimative Glaubenserfahrung sollte die „Blut-Initiation“ vermitteln: Die Einnahme eines Gläschens Guru-Blutes, vermischt mit einer gerinnungshemmenden Substanz, versprach dem Adepten ungeahnte Energieschübe und augenblickliche Superintelligenz. Kosten pro Blutampulle: 7.000 US-Dollar. Die Kosten für Sperma-Ampullen lagen noch darüber. Bevorzugt wurde auch mit Elektroschocks experimentiert: Asahara hatte den Prototyp einer Elektrodenkappe entwickeln lassen, ein helmförmiges, verdrahtetes Gerät, über das Stromstöße direkt ins Gehirn des jeweiligen Initianden verabfolgt werden konnten. Mittels gezielter und regelmäßiger Stromstöße, so Asahara, sei es den Adepten möglich, ihre Gehirnströme mit den seinen zu synchronisieren und damit übernatürliche Kräfte zu erlangen. Die Stromkappen, betrieben über 6-Volt-Batterien, wurden später serienmäßig produziert und gehörten zur Grundausrüstung jedes Aum-Mitglieds. Sie konnten zu einem Preis von 7.000 US-Dollar pro Monat gemietet oder für 70.000 US-Dollar käuflich erworben werden. Die „PSI“-Kappen genannten Geräte (für Perfect Salvation Initiation) wurden zum Verkaufsschlager der Sekte, weitere Geräte, beispielsweise ein „Astral-Telereporter“ zur Übertragung der „Mantra-Schwingungen“ des Meisters, folgten …

Anfang 1988 verlegte Asahara seine Aktivitäten in sein neues Hauptquartier am Fuße des Fujiyama, eine Autostunde südwestlich von Tokyo …

Massenweise pilgerten die Gläubigen in Asaharas neues Zentrum und bezahlten über 2.000 US-Dollar für einwöchige Seminare, bei denen sie auf dem Boden schlafen mußten und nur einmal pro Tag etwas gekochtes Gemüse erhielten. Zwischen den Seminarteilnehmern in Kamikuishiki lebten die Mitglieder der Sekte als „Mönche“ und „Nonnen“. Als solche hatten sie jedweden privaten Besitz an Aum Shinrikyo abgetreten: Ersparnisse, Wertpapiere, Grund- oder Immobilienbesitz, Schmuck, Kleidung, sogar Telefonkarten. Sie hatten folgenden Eid geschworen: ‚Ich vertraue mein spirituelles und physisches Selbst sowie allen Nachlaß Aum Höchste Wahrheit an und werde alle Verbindungen zur Außenwelt abbrechen.‘ War jemand als Mitglied von Aum aufgenommen, mußte jeder Yen, den er ausgeben wollte, vom Schatzmeister der Sekte genehmigt werden …

Aum Shinrikyo war innerhalb kürzester Zeit zu einer der reichsten Sekten der Welt aufgestiegen. Anfang 1993 verfügte der Guru über ein Vermögen von rund 140 Millionen US-Dollar. Unter dem Schutz von Gesetzen, die anerkannten religiösen Gemeinschaften quasi Steuerbefreiung gewähren, errichtete Asahara daraus ein gigantisches Wirtschaftsimperium. Dutzende profitabler Firmen wurden gegründet beziehungsweise aufgekauft, darunter Ex- und Import-Gesellschaften, Restaurants, eine Computerdiscountkette, ein Krankenhaus, eine Fabrik für Präzisionsmaschinen; daneben betrieb er Fitnesszentren, Schönheitssalons, einen Partner- sowie einen Wahrsageservice und zahllose weitere Geschäfte. In Japan und Übersee erwarb er an die dreihundert Immobilien. 1995, nur sechs Jahre nach jener einträglichen Empfehlung durch den Dalai Lama, belief sich das Vermögen der Sekte auf rund eine Milliarde US-Dollar.“

Weltenende

„Die Vorstellung vom Ende der Welt faszinierte Asahara ungemein. Schon die Sekte Agonshu hatte vor einer bevorstehenden Apokalypse gewarnt, die nur durch massenhaften Eintritt in die Kultgemeinschaft abgewendet werden könne. Asahara spann seine Untergangstheologie wesentlich um die Hindu-Gottheit Shiva herum, zuständig für die Zerstörung der Welt. Seinen Shiva-Wahn ergänzte er durch die jüdisch-christliche Vorstellung des Armageddon, des letzten Gefechts zwischen Gut und Böse und dem Ende der Welt, die er bei einer flüchtigen Lektüre des „Buches der Offenbarung“ gefunden hatte. Eine ähnliche Vorstellung fand er auch im Buddhismus: die Zeit des Chaos, „Mappo“ genannt, wenn die Welt die Lehren des Buddha vergißt und in Anarchie und Gewalt versinkt. Die biblische Vorstellung gefiel Asahara besser und so war in seinen Vorträgen immer häufiger vom Herannahen des Armageddon die Rede. Daneben bezog er sich gerne auch auf die düsteren Prophezeiungen des französischen Astrologen Nostradamus aus dem 16. Jahrhundert. Nostradamus‘ Werke waren in den siebziger Jahren ins Japanische übersetzt worden und rangierten seither auf sämtlichen Bestsellerlisten. Auch die Science-Fiction-Visionen von Isaac Asimov oder William Gibson spukten in Asaharas Kopf herum.

In seinen Predigten und Büchern wie Day of Annihilation verkündete er die kommenden Schrecken: Nachdem Japan bereits 1996 im Meer versunken sein werde, beginne 1999 das Ende der Welt. Anfangs des neuen Jahrtausends würden Rußland, China, die USA und Europa zusammenbrechen, im Jahre 2003 werde Armageddon mit einem Atomkrieg die gesamte Zivilisation auslöschen. Aus den Überresten der postapokalyptischen Welt werde allerdings eine neue Rasse von „Übermenschen“ entstehen – die Gefolgsleute von Aum Shinrikyo. Ein neues, tausendjähriges Reich werde anbrechen, mit ihm, Shoko Asahara, als Regenten und Meister.“

Apocalypse Now

„Mit diesem Geld organisierte Asahara die vorhergesagte Apokalypse (die, so Roettgen/Trimondi, entscheidend am tibetischen Shambhala-Mythos (bzw. am Kalachakra-Tantra) orientiert gewesen sei: ‚Beeinflußt wurde er also von einem System, das auch der Dalai Lama praktiziert … Sein okkult-magisches Weltbild, die Sexualmagie, die Akkumulation von Macht durch das Absaugen weiblicher Energie, das Herbeizitieren der Götter, die Beschleunigung des Weltuntergangs, die Verherrlichung der Zerstörungskraft, die große Faszination an Kriegsmaschinen, die militärischen Obsessionen, die Heilsidee, die Hoffnung auf ein buddhokratisches Paradies, der Anspruch auf Weltenherrschaft – alle diese für Asahara so bedeutsamen Leitmotive sind Melodien aus dem Repertoire des tibetischen Buddhismus‘).

In der Tat kann kein Horrorfilm übertreffen, was im Reich von Aum Shinrikyo Wirklichkeit wurde. Schon seit Mitte 1990 wurde in geheimen Labors an der Herstellung biologischer Kampfstoffe gearbeitet. In erster Linie züchtete man Kulturen mit Botulismus-Erregern, deren Typ A, ein Vielfaches toxischer als Strychnin, als tödlichste aller biologischen Substanzen gilt. Daneben experimentierte man mit dem hochinfektiösen Milzbrand-Erreger und versuchte sich an dem tödlichen Ebola-Virus aus Zaire. Man stellte gewaltige Mengen an LSD und Amphetaminen her, produzierte Sprengstoffe wie TNT und baute eine computergesteuerte Fabrik zur Massenproduktion automatischer AK-47-Gewehre, der Standardwaffe der russischen Armee. Die Blaupausen für die Gewehre lieferten Verbindungen, die Asahara in Moskau geknüpft hatte. Auf seiner ersten Reise nach Rußland im Frühjahr 1992 spendete er Radio Moskau einen Betrag von 700.000 US-Dollar: fortan wurde zweimal täglich eine halbe Stunde Aums „Absolute Wahrheit des Heiligen Himmels“ ausgestrahlt. Daneben sponsorte er zahlreiche Forschungsinstitute, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter mangelnder finanzieller Ausstattung zu leiden hatten, mit enormen Geldbeträgen. Auch mit Spitzenpolitikern rund um Vizepräsident Alexander Ruzkoj traf er zusammen, wobei wiederum großzügige Spendengelder flossen. Bald standen Asahara in Rußland Türen und Tore offen, Aum Shinrikyo konnte Filialen im ganzen Land etablieren. 1993 verfügte die russische Gliederung der Sekte bereits über zehntausend Mitglieder, 1995 waren es dreißigtausend. In Rußland fanden sich aus dem Nachlaß der Sowjetunion zahllose unterbezahlte oder arbeitslose Spezialisten für Massenvernichtungsmittel, Physiker, Chemiker, Biologen, Atomwissenschaftler, die Asahara für sich einzuspannen wußte. Kurz nach seinem ersten Rußland-Besuch begann man in den Labors der Sekte mit Nervengift-Versuchen. Aum Shinrikyo bediente sich auch auf dem Waffen-Schwarzmarkt Rußlands: um 700.000 US-Dollar kaufte man einen Kampfhubschrauber, der, in Einzelteile zerlegt, über die Slowakei, Österreich und die Niederlande nach Japan verschifft wurde. Desweiteren zeigte man sich sehr interessiert an Gewehren mit Laserlinsen, Minen und Handgranaten; auch an T-72-Panzern und einem MiG-29-Jagdbomber. Wie sich später herausstellte, stand auch ein 15-Millionen-Dollar-Angebot für Nuklearsprengstoff im Raume.

In der japanischen Sektenzentrale beschäftigten sich hochqualifizierte Wissenschaftler mit der Herstellung einer Strahlenwaffe. 1993 kaufte Aum eigens eine 200.000-Hektar-Farm in Australien, um dort nach Uran zu schürfen. Das Vorhaben scheiterte zwar, auf der abgelegenen Ranch konnte man dafür ungestört die neue Sarin-Produktion testen: Eine Herde Schafe verendete unter heftigen Krämpfen. Wenige Monate später erfolgte im japanischen Matsumoto der erste „Test“ an Menschen.

Im Sommer 1994 verfügte der Hitler-Bewunderer Asahara über ein Arsenal an Waffen und Kampfstoffen, um ganze Landstriche zu entvölkern. Er begann, mit Hilfe einer Litanei antisemitischer Texte aus dem Dritten Reich, gegen die Juden zu hetzen – zu denen er auch Kaiser Akihito, Bill Clinton und Madonna zählte -, die sich verschworen hätten, Japan zu vernichten. Um dies zu verhindern, so kündete er seinen Anhängern, sei es nötig, sofort die Macht zu übernehmen. Der Plan zum Staatsstreich trug den Namen „Tag X“. Ein Spezialisten-Team von Aum-Kämpfern sollte in die Hauptstadt Tokyo einmarschieren, deren Bevölkerung man zuvor durch einen verheerenden Luftangriff mit Sarin ausgelöscht hätte. Die Asahara-Truppe sollte die Errichtung einer Theokratie verkünden und Asahara zum neuen Führer der Nation ausrufen. Für den Einsatz trainierte eine paramilitärische Abteilung der Sekte im Gebirge den Nahkampf.

Das entscheidende Signal Armageddons kam unvorhergesehen. Am 17. Januar 1995 erschütterte ein mächtiges Erdbeben die Stadt Kobe in Zentraljapan, bei dem fünfeinhalbtausend Menschen starben. Asahara erklärte das Beben zu einem Angriff der USA mit einer „seismischen Waffe“ und tat kund: „Es bleibt uns keine andere Wahl als der Kampf“. Nachdem die Polizei für den 21. März 1995 eine landesweite Razzia in allen Einrichtungen der Sekte angekündigt hatte, beschloß Asahara den Angriff. Als Ziel wurde der große U-Bahnhof Kasumigaseki im Zentrum Tokyos anvisiert. Über dem Bahnhof befinden sich wichtige Regierungs- und Verwaltungsgebäude; vor allem durch die Präsidien von Stadt- und Staatspolizei: Kasumigaseki gilt als das „Herz des japanischen Staates“. Am 20. März, kurz nach acht Uhr morgens, brach hier das Inferno los.

Es folgten weitere Terroranschläge, unter anderem wurde dem Gouverneur von Tokyo eine Briefbombe zugestellt, durch die dessen Sekretär erheblich verletzt wurde …“

 

Robert Lifton

 

„Es muß gesagt werden, weil Professoren sich in Deutschland überwiegend akademisch und unverständlich auszudrücken pflegen und deshalb ihre Kenntnisse meist dem Normalleser vorenthalten:

Lifton ist Professor der Psychologie und der Psychiatrie.  Wie übrigens auch die Amerikanerin Margaret Singer, die sich ebenfalls verständlich auszudrücken pflegt. Singer hat eine der besten Analysen der Sekten-Situation der Neunziger Jahre geliefert. Lifton analysiert Gefahren, die im 21. Jahrhundert drohen.

Bereits 1963 schrieb er über die "Psychologie des Totalismus". Immer wieder hat er sich seither mit angrenzenden Fragen befaßt …

Liftons Buch von 1963 liefert bis heute für viele ehemalige Anhänger von Sekten eine Erklärung dafür, was mit ihnen geschehen ist. Das Buch ist nie übersetzt worden. Hier das wichtigste Kapitel auf deutsch:“

http://www.agpf.de/Lifton.htm

http://www.agpf.de/lifton22.htm

„Wikipedia“ fasst das Folgendermaßen zusammen:

„Liftons Buch von 1961 Thought Reform and the Psychology of Totalism: A Study of Brainwashing in China war eine Studie der Zwangstechniken, die andere als „brainwashing“ oder „mind control“ bezeichnet hatten. Lifton beschreibt im Detail acht Methoden, die ihm zufolge benutzt werden, um den Geist von Menschen ohne deren Einverständnis zu ändern:

- Milieukontrolle (kontrollierte Beziehungen zur Außenwelt)

- mystische Manipulation (die Gruppe hat höhere Ziele als die restliche Welt)

- Beichte (Beichte gegenwärtiger und vergangener Sünden)

- Selbst-Heiligung durch Reinheit (das Individuum dazu drängen, eine nicht erreichbare Perfektion anzustreben)

- Aura einer heiligen Wissenschaft (die Überzeugungen der Gruppe sind sakrosankt und vollkommen)

- überladene Sprache (neue Bedeutungen für Worte, um Schwarz-Weiß-Denken zu fördern)

- Doktrin über die Person (die Gruppe ist wichtiger als das Individuum)

- verschonte Existenz (Insider werden gerettet, Outsider sind zur Vernichtung verdammt)“

http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Lifton

Für den aktuellen Fall bedeutender ist jedoch sein Buch „Terror für die Unsterblichkeit“, aus dem der Wurm öfter zitieren wird. Hier eine Kurzkritik:

„Robert Jay Liftons "Terror für die Unsterblichkeit" beschäftigt sich vor allem mit der japanischen Aum-Sekte, die am 20. März 1995 in der Tokioter U-Bahn das Nervengas Sarin freisetzte. Ihr Ziel war die Erlösung der Menschheit durch Vernichtung. Lifton ist Psychiater und hat durch aufwendige Recherchen und zahlreiche Interviews ein eindrückliches Bild der Täter, ihrer Ideologie und ihres Wahns gezeichnet. Lifton zeigt, wie zentral die Guru-Jünger-Beziehung ist. Er macht deutlich, dass die Zerstörung des Individuums diesem nicht aufgezwungen, sondern von ihm als Erlösung begriffen wird. Es fühlt sich befreit und will auch andere - zur Not mittels des Nervengases - befreien. Es gibt eine Sehnsucht nach Vernichtung. Die terroristische Gruppe erniedrigt ihre Mitglieder, aber nur zu oft mit deren lustvollem Einverständnis. Es geht Lifton aber nicht um Krankheitsbilder, nicht um abweichendes Verhalten, sondern um eine Seite des Dispositivs Mensch, die gerne weggeschoben wird auf die zu vernichtenden "Anderen". Lifton gelingt es, diese heiklen Zusammenhänge wesentlich klarer und deutlicher zu formulieren als ich es hier kann. Das macht sein Buch zu einem zentralen Beitrag zur Terrorismus-Debatte.“

http://www.perlentaucher.de/vom-nachttisch-geraeumt/terror-krieg-islam-afghanistan.html

http://www.perlentaucher.de/buch/robert-jay-lifton/terror-fuer-die-unsterblichkeit.html

 

Buddhismus als geistige Grundlage von Aum

 

Zen und Gewalt

Lifton: „Die Sekte (Aum) entstand nicht nur aus dem schwierigen sozialen Klima der Nachkriegszeit, sondern erweckte auch Teile der psychologischen Verfassung zum Leben, in der Japan für seinen Kaiser in den Krieg gezogen war. Dieses gesamte militärische Projekt hatte im Grunde die Form eines Religionskrieges für einen göttlichen Kaiser und seine – und Japans – ewige Göttlichkeit. Der Kaiser war ein göttlicher Guru, den gewöhnliche Untertanen weder zu Gesicht noch zu Gehör bekamen. Der einzelne kämpfte und tötete nicht für sich, sondern für den Kaiser; wenn er dabei Frauen oder Kinder umbringen mußte, so geschah dies im Dienste einer Gottheit. Folglich hatte er nichts Falsches getan. Jeder Soldat war zugleich ein shinka, ein Vasall, und ein sekishi, ein Landeskind des Kaisers: sein Diener und seine biologische Fortsetzung. Diese Kombination war das psychologische Äquivalent zum Aum-Prinzip eines Klons …

Zwar wurde die Kaiserreligion von den Meiji-Führern im Dienste des Staatsshintoismus geschaffen, doch war es der Buddhismus, insbesondere der Zen-Buddhismus, der für einen Großteil der psychischen Disziplin und Motivation in der japanischen Kriegsführung verantwortlich war. Die Verbindung von Zen und Gewalt geht auf den chinesisch-japanischen Krieg von 1894-95 und auf die Behauptung eines jungen buddhistischen Gelehrten namens D.T. Suzuki zurück (der später im Westen eine gemäßigte Form des Zen bekanntgemacht hat), daß eine Religion dem Staat in seinem Kampf gegen „aufsässige Heiden“ dienen müsse und daß der Dienst auf dem Schlachtfeld seinem Wesen nach ein „religiöser Akt“ sei. Suzukis Lehrer Soen Shaku war ein buddhistischer Geistlicher im chinesisch-japanischen Krieg. Die Worte, mit denen er seinen Soldaten predigte, daß sie das Böse bekämpfen müßten und ihr Tod auf dem Schlachtfeld einer „Wiedergeburt der Seele“ und Erleuchtung gleichkomme, erinnern an Shoko Asahara. Noch weiter ging ein anderer buddhistischer Autor der Zeit mit der Aussage, daß die höchste Form der Bodhisattvaschaft (Erlangung der Buddhaschaft durch die Errettung anderer) „das barmherzige Nehmen von Leben“ sei. Das Prinzip des Tötens als eine Form des Mitgefühls, das sich die japanische Propaganda im Zweiten Weltkrieg zunutze machte, stand Aums poa-Doktrin sehr nahe …

Zunehmend geriet der Zen-Buddhismus zu einem Instrument des Staates, das den Ehrenkodex des japanischen Kriegers propagierte …

Damals hatte sich eine Art „kaiserliches Reichs-Zen“ entwickelt – ein „Soldaten-Zen“ -, als dessen vollkommene Verkörperung Goro Sugimoto galt, ein Major, der 1937 in China auf dem Schlachtfeld fiel. Seine Betrachtungen, die postum in einem Band mit dem Titel Die Große Pflicht veröffentlicht wurden, hätten sehr wohl von einem Aum-Jünger stammen können, wenn man das Wort „Kaiser“ durch Asahara ersetzen würde: „… Die Kriege des Reiches sind geheiligte Kriege … heilige Kriege. Sie sind die Ausübung des allumfassenden (buddhistischen) Mitgefühls. Daher muß die kaiserliche Armee aus heiligen Offizieren und heiligen Soldaten bestehen“ … Sugimoto wurde von Zen-Anhängern nicht weniger als von militärischen Nationalisten als ein „Gott des Krieges“ verehrt. Sein Buch wurde von Schulkindern in ganz Japan begeistert gelesen und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs bei der Rekrutierung von Kamikaze-Einheiten – Jungen unter zwanzig Jahren – eingesetzt. „Diese blutjungen Burschen“, bemerkt Saburo Ienaga bitter, „wurden in Sondereinheiten verheizt und sprengten sich selbst in die Luft, indem sie sich auf feindliche Schiffe warfen.“

Die spirituelle Selbstzweckmoral, mit der japanische Zenmeister und Denker der Zeit brutale Gewalt rechtfertigten, hätten in Asahara einen Bruder im Geiste gefunden. Einer erklärte zu Japans Verhalten in China (wo japanische Greueltaten an der Tagesordnung waren): „Wohin immer die Kaiserliche Armee vorstößt, herrschen nur Mildtätigkeit und Liebe. Sie könnte nie auf die barbarische und grausame Weise handeln, in der die chinesischen Soldaten vorgehen … (weil) die Offiziere und Männer der Kaiserlichen Armee im Geiste des Buddhismus geschult sind.“ Diese Moral wurde bisweilen von einem Prinzip des Ausschaltung aller Sinne gestützt, so daß sämtliche Erfahrungen des Sterbens, Tötens oder Verstümmelns als Illusion gewertet werden konnten. Man tötete wahllos und ohne innere Beteiligung. Gerüstet mit einer Unsterblichkeit verheißenden Vision und einer an den Kaiser gebundenen Reinheit vermochten die Soldaten mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften zu kämpfen, sich extremsten Entbehrungen zu unterwerfen (starkem physischem Unwohlsein, Schlafentzug und Hunger) und hemmungslos zu töten. Die chinesischen Berichte über die Taten japanischer Soldaten schildern häufig deren dämonische, scheinbar übermenschliche Energie und Grausamkeit …

Ebenfalls an den Buddhismus knüpfte die in den Kriegsjahren verstärkt herrschende Vorstellung an, daß geistige Kraft materielle Härte überwinden könne. Diese Idee, nach der zum Teil aus Überzeugung, zum Teil aus Verzweiflung gehandelt wurde, nahm so extreme Formen an, daß in den letzten Kriegstagen Zivilisten ausgebildet und mit Speeren bewaffnet wurden, um amerikanische Landungstruppen abzuwehren … Die japanischen Führer und Soldaten drückten in ihrem Psychismus einen traditionellen ostasiatischen Glauben an die Überlegenheit des Geistes über die Materie aus, ein Prinzip, das in Sportarten wie Judo, Kendo und andere Kampfsportarten wie Karate eingegangen ist. Extreme Formen des Psychismus können leicht zu der phantasie-gelenkten Gewalt führen, von der Planung und Verhalten der Japaner im Zweiten Weltkrieg häufig bestimmt waren. Aums ebenfalls ausgeprägter Psychismus manifestierte sich in der Behauptung des Gurus, daß spirituelle Fähigkeiten vor radioaktiver Strahlung in einem Atomkrieg schützten oder das Überleben von Armageddon ermöglichten.

In Japan herrschte während des Krieges zudem ein streng hierarchisches System absoluten Gehorsams, das vom niedrigsten Soldaten oder Reservisten bis zum Kaiser reichte. Innerhalb des Militärs galt absoluter Gehorsam gegenüber dem unmittelbaren Vorgesetzten, dessen Befehle die des Kaisers repräsentierten … Auch innerhalb von Aum standen die Befehle der unmittelbar Höherrangigen für den allmächtigen Willen des Gurus und waren demzufolge sakrosankt. Beide Systeme vertraten das Ideal absoluter Reinheit – wie sie vom Kaiser oder Guru verkörpert wurde -, und die Unfähigkeit, dieses Ideal zu verwirklichen, wurde zu einer Angelegenheit persönlichen wie kollektiven Versagens.“

Bushido

Lifton: „Die Literatur des Bushido, des (ursprünglich vom Buddhismus beeinflußten) traditionellen Ehrenkodex des Kriegers, ist im Grunde eine Meditation über den Tod: „Der Weg des Kriegers offenbart sich im Akt des Sterbens“. „Man sollte den Tod täglich erwarten … Stirb jeden Morgen im Geiste, und du wirst den Tod nicht fürchten“. Ein „großer Mann“ muß bereit sein, „seinen Leib um seines Geistes Willen zu opfern …, (so daß) sein Geist ewig leben möge, auch wenn der Leib verdirbt“. Der Tod wird also mit der Erfahrung von Transzendenz und Erlangung von Unsterblichkeit gleichgesetzt. Ein würdiges Scheitern in der Schlacht vermag sogar mehr Unsterblichkeit zu verleihen als der Erfolg, solange der Tod heldenhaft war. Das Ideal des Samurai, der über seinen heldenhaften Tod meditiert und ihn schließlich erleidet, wurde auf die Soldaten im Zweiten Weltkrieg übertragen, besonders auf die Kamikaze-Flieger gegen Ende des Krieges.“

Töten ist Liebe

Victor und Victoria Trimondi (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Trimondi ) beschreiben das Prinzip des „Phowa“ bzw. „poa“ folgendermaßen:

„„Wenn euer Guru euch befiehlt, das Leben von jemandem zu nehmen, ist es ein Anzeichen dafür, dass die Zeit dieses Menschen bereits abgelaufen ist.“ – sagte Asahara zu seinen Anhängern – „Mit anderen Worten, ihr tötet diese Person genau zur rechten Zeit und ermöglicht das Phowa dieser Person. [...] Der Zweck rechtfertigt die Mittel. Beispielsweise gibt es einen Menschen, der dermaßen viel Laster hat, dass er bestimmt in die Hölle kommt, wenn er stirbt. Wenn eine erleuchtete Person entscheidet, dass es das Beste ist, seinem Leben ein Ende zu bereiten und ihn wirklich tötet, würde diese Tat allgemein von der Gesellschaft schlicht als Mord angesehen werden. Aber im Lichte unserer Lehre läuft das Töten darauf hinaus, diesem Menschen sein Phowa zu ermöglichen. Jede erleuchtete Person wird sofort sehen, dass sowohl der Mörder wie der Ermordete durch die Tat Gewinn haben.“ Nach tibetischer Sicht versteht man unter der Phowa Praxis das bewusste Hinführen einer „unreinen“ Seele auf eine höhere spirituelle Ebene, damit diese von dem an ihr haftenden, schädlichen Karma in ihrem jetzigen Leben befreit werden kann. Diese spirituelle Intention kann auch die Tötung eines Menschen rechtfertigen. 

Durch ein Schwurgebet mit dem Titel Das Vajrayana Gelübde wurde die Phowa-Praxis von Asahara mit dem Endzeit-Krieg in einen Zusammenhang gestellt. Der Refrain des Gebetes lautete: „Ich werde Vajrayana praktizieren, - ohne mir Gedanken zu machen – Jetzt, wie es in der Bibel steht, kommt endlich der Tag Armageddons. – Ich werde mich der Heiligen Armee anschließen, - um allen Missetätern phowa zu geben. – Ich werde ein, zwei, vielen bösen Menschen phowa geben. –  Phowa ist die Erlösung der Welt. – Phowa ist verdienstvoll. Das Praktizieren von phowa wird mich in die höchste Welt führen.“ Asahara forderte diesen Aufruf zum Massenmord „ein Tausend, ein Millionen, ein Milliarden Mal“ wie ein Mantra aufzusagen. „Deshalb müssen wir so bald wie möglich alle töten, die der Höchsten Wahrheit [AUM = Höchste Wahrheit] ablehnend gegenüberstehen.“ – predigte er 1994 und ein Jahr später forderte er: „Wir müssen siebzig Tonnen Sarin versprühen.“ Religiös legitimierte Normübertretungen waren in Asaharas Sekte an der Tagesordnung. Die AUM-Nonne Harada kolportierte die Botschaft ihres Gurus mit fast denselben Worten, die wir oben aus dem Kalachakra-Tantra zitiert haben: „Es ist in Ordnung, einige Menschen zu opfern, zu stehlen, zu töten, Ehebruch zu begehen oder zu lügen, weil das eine Abkürzung zur Erlösung sein kann.“

http://www.trimondi.de/Lamaismus/Krieg-6-Asahara.htm

Lifton: „Hier erwähnte Iwai insbesondere die Wiedergabe einer Parabel durch den Guru, die ihrem Verständnis nach den Schriften des tantrischen Buddhismus entnommen war: „Es gibt eine Geschichte von einer spirituell sehr hoch entwickelten Person, die am Flußufer einen Fisch briet und verspeiste und gefragt wurde: ‚Wie kommt es, daß Ihr, ein so erleuchtetes Wesen, einen lebendigen Fisch tötet und eßt?‘ Der Angesprochene erwiderte, indem er einen lebenden Fisch esse, gebe er diesem poa und verhelfe ihm so zu einer besseren Welt im nächsten Leben“. Wie sie sagte, wurde dieses Gleichnis in Aum immer wieder erörtert, und sie zweifelte nicht daran, daß es als Rechtfertigung für Mord gemeint war.

Den Predigten und Schriften des Gurus hatte Iwai entnommen, daß dieser das Prinzip lehrte, „daß diejenigen, die ein höheres Stadium erreicht haben, die anderen, die sich in einem niedrigeren Stadium befinden, emporheben und erlösen (indem sie sie töten). Wenn nur wenig Zeit bleibt (für die Erlösung), ist es notwendig auszuwählen, wer erlöst werden soll“. Die indirekte Schlußfolgerung daraus lautet, daß diejenigen, die „ausgewählt“ wurden, um getötet zu werden, Glück hatten, weil sie eine Erlösung erlangen würden. Sie wurde bewegt und überzeugt durch die Lehren des Gurus, eine Tötung auf diese Weisung bedeute, ein Leben zu „verwandeln“ und dem Getöteten zu ermöglichen, in einer menschlichen Welt wiedergeboren zu werden und nicht in der niedrigeren tierischen Welt, die ein schlechtes Karma ihm sonst bestimmt hätte. Iwai erinnerte sich lebhaft an mehrere Gleichnisse aus den Predigten ihres Gurus, in denen erleuchtete Menschen anderen Menschen, die „schlechtes Karma anhäufen“, poa geben, weil diese andernfalls „in der Hölle enden“ würden …

„Man kann“, sagte sie, „die Sache von zwei Seiten sehen“. Auf der einen Seite „wurden die Opfer des Sarins um spirituell hochentwickelter Wesen willen getötet, wodurch sie Verdienste erworben haben. Diese Opfer haben ihr Leben für die weitere Entwicklung spirituell hochstehender Wesen gegeben, und ihr Tod durch das Sarin war ein Opfer zum Schutz von Aum. Ohne daß sie es wollten, haben sie Aum beschützt“. Auf der anderen Seite „haben die Menschen, die dem Gas ausgesetzt waren, Verletzungen erlitten. Aber es waren Menschen, die nicht glücklich waren – oder vielleicht ist glücklich kein gutes Wort. Menschen, die sich auf einer niedrigen spirituellen Stufe befinden, führen ein wertloses Dasein und leben auf eine Weise dahin, die anderen Schwierigkeiten macht. An einem bestimmten Punkt haben sie vielleicht viel erlitten, aber sie sind jetzt über das Leiden hinausgelangt und haben eine höhere Stufe der Spiritualität erreicht und können auf diese Weise (in späteren Leben) anderen Menschen zu größeren Verdiensten verhelfen anstelle der Leiden, die ihnen selbst widerfuhren“.“

Nicht-Töten von Lebewesen

Haruki Murakami beschreibt in seinem Buch „Untergrundkrieg“, wie Mitglieder von Aum Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche hatten. Das hat natürlich mit dem Anschlag zu tun, vor allem aber damit, dass sie so tierlieb (besser ausgedrückt: gleichgültig gegenüber Tieren) sind. In der Praxis heisst das, dass sich in ihren Wohnungen gerne solche Tiere ausbreiten, die Vermieter gar nicht gerne haben. Etwa Kakerlaken oder Ratten.

Lifton: „Shimazono setzt Asaharas Gewaltbereitschaft auch in Beziehung zum allgemeinen buddhistischen Prinzip des Nicht-Anhaftens, das er hier als das Fehlen einer moralischen Schranke vor dem Töten interpretiert. Der Religionshistoriker Manabu Watanabe hat ein potentiell bedrohliches Paradox des Buddhismus herausgearbeitet. Seiner Ansicht nach kann das Verbot, Lebewesen überhaupt zu töten, zur Vorstellung führen, daß das Töten eines Menschen sich prinzipiell vom Töten eines Insekts nicht unterscheidet. An dieser Stelle möchte ich zwei psychologische Möglichkeiten ergänzen. In der Erkenntnis der Unmöglichkeit, dem Ideal absoluter Gewaltlosigkeit zu entsprechen, mögen einige Buddhisten die Vorstellung, einen Menschen zu töten, bereitwilliger akzeptieren. Überwältigt von Gefühlen der Scham und Schuld über ihre Unfähigkeit, rechtfertigen andere vielleicht im Affekt begangene Morde als Bekundungen ihrer „Aufrichtigkeit“ oder moralischen Unbeirrbarkeit.“

Abnahme von schlechtem Karma

Mal was Lustiges, das manche der Menschen zur Ausrede inspirieren könnte.

Lifton: „Bei diesen Anlässen betonte Asahara, seine Gewichtszunahme komme von dem vielen schlechten Karma, das er seinen Jüngern abnehme, und daß bei jedem shaktipat schlechte Energie in seinen Magen gelange.“

 

Weitere geistige Grundlagen von Aum

 

Lifton: „Für Aum und seine Fixierung auf den Weltuntergang war Japans nukleares Erbe und seine Verarbeitung im futuristischen Reich der Populärkultur von ganz entscheidender Bedeutung. Ein einziger Monsterfilm gab den apokalyptischen Tenor vor. 1954 stürmte Godzilla (japanisch Gojira), ein verstrahltes, dinosaurier-ähnliches Reptil ungeheurer Größe, in den Tiefen des Pazifischen Ozeans durch amerikanische Atomversuche am Bikini-Atoll aufgeweckt, in japanische (und dann amerikanische) Kinos und zerstampfte Tokio zu radioaktivem Staub …

Die sich in Godzilla äußernde Atomangst fand bald ihr Gegenstück im Weltall. Wieder diente ein amerikanisches Filmgenre als Vorbild. Japan wird von Invasoren aus dem All heimgesucht … Wieder einmal gelingt es, dank des Mutes und der überlegenen Kenntnisse der japanischen Wissenschaftler, die schlimmsten dieser Kreaturen zu besiegen, und das Universum ist gerettet.“

Ob in Filmen, Fernseh-Serien, Büchern oder Comics – der Weltuntergang und das Leben danach war allgegenwärtig. Dazu zählte auch die übergroße Beliebtheit des Weltuntergangs-Propheten Nostradamus (siehe http://www.edwin-grub-media.de/reisefilme/rund-um-die-provence/interessante-persoenlichkeiten.html ).

Lifton: „Ein ehemaliges Aum-Mitglied schrieb, ältere Japaner „würden vielleicht lachen, wenn sie hören, daß Armageddon bevorstand“, doch für seine Generation habe sich die Frage, „wer an Armageddon glaubte und wer nicht“, wegen dieser Darstellungen der „Weltkatastrophe“ überhaupt nicht gestellt.“

Nicht zu unterschätzen ist der christliche Einfluss durch die Person des Jesus, die Offenbarung des Johannes (Apokalypse) und dem dort ausgeführten Endkampf zwischen Gut und Böse (Armageddon). Dazu mehr weiter unten.

 

Die Schüler des Gurus

 

Der Wurm hat bereits Colin Goldner zur Anhängerschaft zitiert. Robert Lifton ist etwas detaillierter.

Problematische Gesellschaft

„Nachdem ihre Eltern, mittlerweile in den Siebzigern, das Scheitern aller Versuche eines konstruktiven gesellschaftlichen Wandels in den sechziger Jahren erlebt hatten, orientierten sie sich nur noch an materiellen Dingen und wirtschaftlichem Erfolg und zogen sich ins Privatleben zurück. Iwais eigene Generation war unzufrieden mit rein wirtschaftlichen Privilegien, und zu einer Zeit, da die Familie und andere Institutionen zu zerfallen schienen, „sehnte ich mich nach dem idealen Vater oder der idealen Mutter“. Sie sprach von der „Kluft zwischen der Art und Weise, wie die Gesellschaft tatsächlich funktioniert, und der Weise, wie sie von einem unreifen Bewußtsein wahrgenommen wird“, die wesentlich zum Aufstieg einer Sekte wie Aum beigetragen habe. Sie zählte eine lange Reihe aktueller sozialer Probleme Japans auf, von denen die meisten in den Medien thematisiert worden waren: das Mobbing unter Kindern (das in Japan gewalttätig sein und verheerende psychische Folgen haben kann und als gravierendes Problem gilt), Morde, die von höheren Schülern begangen werden, unvermittelte Weigerung von Männern über vierzig, zur Arbeit zu gehen, und Ausbrüche von Gewalt in Familien, zum Beispiel das Totprügeln eines Kindes durch die Stiefmutter oder Kindesmißhandlung durch die Eltern. Angesichts dieser gesellschaftlichen Probleme sollten sich die Japaner lieber fragen, „warum wir in Aum eingetreten sind, und nicht, wie in Aum Gehirnwäsche betrieben wurde“.“

„Er (Isoda) paßte gut in das allgemeine Profil, dem ich bei ehemaligen Aum-Anhängern begegnet bin. Dieses entsprach nicht etwa den Dimensionen eines rigiden Persönlichkeitstypus, sondern einem mehr oder weniger gemeinsamen Ensemble von Tendenzen, in deren Zentrum das Gefühl einer Entfremdung von der etablierten Gesellschaft und der Abneigung ihr gegenüber stand. Als ein Mensch mit künstlerischen Neigungen sah er sich als „nutzlos“ für diese Gesellschaft und widersetzte sich ihren unnachgiebigen Anpassungsforderungen und ihrem extremen Konformismus.“

„Da er selbst in seinem Leben viele Zurückweisungen erfahren hatte, gelangte Isoda zu dem Eindruck, daß es wohl nicht nur die phantasierte Vollkommenheit des Gurus in der Gegenwart war, was ihn zu diesem hingezogen hatte, sondern auch der Umstand, daß auch der Guru in der Vergangenheit die Erfahrung eines fortwährenden Scheiterns gemacht hatte … In diesem Punkt brachte Isoda die besondere Anziehungskraft des Gurus auf junge Menschen zum Ausdruck, die sich in der einen oder anderen Weise als Versager oder Außenseiter fühlten.“

„Es überrascht kaum, daß junge Leute, die sich zu Aum hingezogen fühlten, bereits eine starke Orientierungslosigkeit – einschließlich der Identifikation von individuellem mit globalem Sterben – erlebt hatten, noch ehe sie dem Guru je begegnet waren.“

Schwaches Selbstbewusstsein

„Viele äußerten sich zu den Charaktereigenschaften der Menschen, die sich wie sie selbst von Aum angezogen fühlten. Isoda betonte beispielsweise eine Weichheit und Abhängigkeit bei sich und anderen Aum-Mitgliedern, die er mit einer zu großen elterlichen Nachsicht und Fürsorge erklärte und die es ihnen erschwert hätten, sich von der Familie zu lösen und eigenverantwortlich zu handeln. Wie er sagte, sei er auch auf eine Weise „von Idealen besessen“ gewesen, der jeder Bezug zur Wirklichkeit gefehlt habe.

Iwai äußerte sich ähnlich: „Mein schwaches Selbstbewußtsein führte dazu, daß ich mich mit anderen identifizierte und ständig ihre Bestätigung und Zuneigung suchte“. Nach ihren Worten „trat das Problem Japans in mir, einem schwachen Wesen, zutage“. Ein Teil des Problems war ihrer Ansicht nach der Konflikt zwischen einem oberflächlichen Anspruch auf Individualität und dem „Ballast alter (japanischer kultureller) Erwartungen“ … „Wir haben uns dem Einfluß und den Methoden Aums unterworfen, die in gewisser Weise wie die der Nazis waren. In meinem Fall“, fügte sie hinzu, „ging es nicht um Gehirnwäsche. Ich schloß mich Aum aufgrund meiner Bedürfnisse an“.“

Verzückung

„Die Macht eines solchen Gurutums hat auch ein ehemaliger Jünger des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh beschrieben … Nach einer Schilderung  des Zustands der „wahren Seligkeit und überströmenden Freude“, die er in Rajneeshs Gruppe erlebt hatte, bemerkt der ehemalige Bhagwani: „Alle, die sich verächtlich über die ‚schlimmen Sekten‘ auslassen, haben überhaupt keine Ahnung, wie verzückt dieser Zustand sein kann, an den keine andere Lustempfindung heranreicht.“ Die Erfahrung von Aum-Mitgliedern läßt vermuten, daß es tatsächlich ein Zustand ist, der süchtig machen kann. Der ehemalige Bhagwani hat dazu bemerkt: „Die meisten Menschen, die eine Zeitlang in einer Sekte verbracht haben, werden diese Seligkeit gekostet haben, und deshalb kommen sie auch immer wieder zurück.“ Und es ist das, was der Philosoph William James als jene „freudige Stimmung“ bezeichnet hat, „die … durch absolute Unterwerfung erzeugt werden kann“. Und an einer anderen Stelle schreibt er: „Die Wonne einiger dieser Zustände scheint jedes sonstige Glücksgefühl zu übersteigen“. An dieser Erfahrung einer glückseligen Transzendenz müssen beide Parteien teilhaben, damit es zu einer „ekstatischen Verschmelzung von Führer und Anhänger“ kommt, wie der Sozialwissenschaftler Charles Lindholm geschrieben hat.

In früheren Studien habe ich diesen Zustand einer sinnlich erfahrenen Transzendenz als so intensiv und allumfassend beschrieben, daß in ihr Zeit und Tod aufgehoben sind. Menschen haben schon immer solche Zustände angestrebt, durch religiöse oder weltliche Mystik, häufig in Verbindung mit kulturellen Riten, Drogen, Sauerstoffmangel (durch schnelles Atmen), Schlafentzug oder andere Formen der Selbstkasteiung. Aber sie sind auch in vertrauteren Aktivitäten erfahrbar wie beim Singen, Tanzen, im Krieg, in der Sexualität, bei der Geburt eines Kindes, nach sportlichen Anstrengungen, beim Fliegen und bei künstlerischer oder intellektueller Tätigkeit. Alle diese Aktivitäten gehen einher mit der Empfindung außergewöhnlicher psychischer Einheit und einer unbeschreiblichen Erleuchtung und Offenbarung. Das Ich fühlt sich außerordentlich lebendig – verbunden, aktiv, integriert – und in Kontakt mit umfassenderen, kosmischen Kräften. Alle traditionellen Kulturen haben Möglichkeiten eröffnet und Spielräume geschaffen für die Erfahrung der Transzendenz, doch in der postmodernen Welt erscheinen solche Möglichkeiten geschmälert oder marginalisiert. Die Sehnsucht danach ist jedoch geblieben und geht ein in unsere zahllosen Verwirrungen. Gurus und Jünger können sich auf moderne und jahrtausendealte Kulturelemente stützen, um Rituale für inszenierte Transzendenzerfahrungen zu schaffen, und dadurch eine Bindung herstellen, die ein von der Gruppe sanktioniertes Handeln einschließlich Gewalttaten bis hin zum Mord ermöglicht.“

„Seiichi Endo …erhielt ein eigenes Laboratorium zur Herstellung von Sarin und anderen Nervengasen sowie von illegalen Drogen … Vor Gericht erklärte er: „Ich möchte gern, daß die Aum-Anhänger sich der Tatsache stellen, daß das, was sie für „religiöse Erfahrungen“ gehalten haben, lediglich die Folge von eingenommenen Drogen war“.“

Die Lehre steht über der Person

„Ich gewann den Eindruck, daß er sehr viel Verdrängungsarbeit geleistet haben mußte, um sich die zerstörerische Natur der Geheimarbeit, die in seiner Umgebung vor sich ging, nicht eingestehen zu müssen.

Die Erlebnisse Yanos vermitteln etwas von der starken heilenden Komponente eines extremen Gurutums sowie von der Komplexität und Tiefe der Beziehung zwischen Guru und Jünger. Yano erinnerte sich an Augenblicke des Mißtrauens gegenüber Asahara sowie eine frühe „Eingebung, daß etwas nicht in Ordnung war, daß seine Augen merkwürdig wirkten“. Doch angesichts der Zwänge und der für ihn befriedigenden Aspekte der Welt von Aum „habe ich solche Eingebungen als Zeichen meiner Beflecktheit angesehen“. Man könnte hier von einer Tabu-Ambivalenz sprechen: es treten kritische Empfindungen auf, die entweder sogleich unterdrückt oder der eigenen Schlechtigkeit oder „Beflecktheit“ zugeschrieben werden. In diesem absolutistischen Muster („die Lehre steht über der Person“) fühlt sich der Jünger genötigt, aus Gründen einer Demonstration nach außen und einer Reinigung nach innen seine Bemühungen um eine absolute Hingabe zu verstärken.“

Gespaltene Persönlichkeiten

„Besonders auffällig war für mich die extreme innere Gespaltenheit der ehemaligen Mitglieder – ein Teil ihres Ichs verurteilte Aum und den Guru wütend, während ein anderer Teil sich ihm und der Gruppe noch immer tief verbunden fühlte. Diese Existenz zweier mehr oder weniger getrennter, einander sogar widersprechender Ichs innerhalb derselben Psyche war eine Spaltung, die bereits zum Sektenleben gehört hatte.

Jetzt gab es das Ich des verbitterten Überlebenden und Gegners von Asahara, Aum und dem Guruismus im allgemeinen und das Ich des Jüngers, das noch immer eins mit dem Guru war und in der Erinnerung noch immer die vom Guru gespendete Ekstase erlebte. Das noch an Asahara gebundene Aum-Ich stand in schmerzlichem Widerspruch zum Post-Aum-Ich, das darum kämpfte, sich vom Guru, seinen Verbrechen und dem Sektenleben loszusagen. Die größte Schwierigkeit für meine Gesprächspartner bestand jedoch darin, die transzendenten Erfahrungen hinter sich zu lassen, an denen das Aum-Ich noch festhielt (während gleichzeitig das Post-Aum-Ich extreme Verlustgefühle, Verwirrung oder ein Gefühl der Auflösung durchlebte). Auch wenn die beiden Ichs selbstverständlich nie völlig autonom waren, erwies es sich als eine beängstigende Aufgabe für alle ehemaligen Jünger, sie in einer einzigen Psyche zu integrieren.“

Danach

„Ehemalige Aum-Mitglieder hatten es schwerer, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, als Angehörige anderer japanischer Sekten. Beispielsweise fanden sie nur schwer Arbeit und damit die Mittel, sich in der Welt außerhalb von Aum zurechtzufinden. Manche schlossen sich buddhistischen Vereinigungen oder einem buddhistischen Lehrer an, während einige wenige christlichen Organisationen beitraten. Andere suchten Beistand bei christlichen oder buddhistischen Beratungsstellen sowie Psychologen und Psychiatern. Auch amerikanische Therapeuten boten ihre Hilfe an. Manchmal verfolgten die Helfer eigene religiöse oder psychologische Absichten, und die (ohnehin zum Argwohn neigenden) ehemaligen Aum-Mitglieder beklagten sich gelegentlich, von ihnen ausgebeutet worden zu sein. Ebenso beschwerten sie sich darüber, raschen Vorverurteilungen ausgesetzt zu sein, ohne daß die Komplexität ihrer Erfahrungen adäquat berücksichtigt worden sei.“

„Die meisten meiner Interviewpartner bemühten sich, familiäre Brüche zu kitten, doch in vielen Fällen erwies sich der Konflikt zwischen den Generationen als unlösbar. Zwar leisteten die Eltern loyale Unterstützung in unterschiedlichster Form, doch gleichzeitig blieben sie die Urheber psychischer Konflikte und die Repräsentanten der Gesellschaft, aus der sich viele Aum-Mitglieder noch immer ausgeschlossen fühlten. Häufig gaben diese sogar der tiefen Verderbtheit und Heuchelei dieser Gesellschaft die Schuld am Phänomen „Aum“. Sie verglichen Aum mit verschiedenen sozialen und kulturellen Institutionen und Verhaltensmustern wie dem Tenno-System und dessen Prinzipien des blinden Gehorsams oder dem gewalttätigen Linksextremismus der sechziger und siebziger Jahre oder den bestehenden Firmenpraktiken, deren intensive Gruppenschulungen Loyalität und Begeisterung für die Firma fördern sollen.“

 

Aum innerhalb der japanischen Gesellschaft

 

Im Grunde geht’s in Japan auch nicht anders zu als im Rest der Welt: kaum singt einer „Halleluja“ oder „Om“, wird ihm nur das Beste unterstellt, bei allen Behörden und Medien bevorzugt und das Geld wird ihm auch noch nachgeschmissen.

Lifton: „Am Eingang zum bisherigen Sarinlabor wurden eine große Shivastatue und eine kleinere goldene Buddhastatue aufgestellt. Aum verwies gegenüber Besuchern stolz auf diese beiden Statuen als Beweis für die Harmlosigkeit der Sekte, ohne ihnen jedoch zu erlauben, die verschlossenen Räume hinter den Statuen zu betreten, wo noch immer genügend Gerätschaften von ihrem ursprünglichen Zweck zeugten. In einem bekanntgewordenen Fall wurde ein Tokioter Professor, der Aum und anderen neuen Religionen im allgemeinen wohlwollend gegenüberstand, von einer Zeitschrift gebeten, eine „Inspektion“ durchzuführen, und nachdem man ihm die beiden Statuen gezeigt hatte, war er zu dem Schluß gelangt, Aum sei lediglich eine religiöse Organisation …

Im Oktober 1989 hatte ein renommierter Tokioter Fernsehsender ein Interview mit Tsutsumi Sakamoto (der später mit seiner Familie von Aum ermordet wurde) aufgezeichnet, bei dem dieser über Aums illegales Treiben berichtete. Auf Druck der Sekte hatte der Sender das Band einigen Aum-Mitgliedern vorgeführt und so, wenn auch unbeabsichtigt, Asaharas Zorn auf Sakamoto geschürt. Aums lautstarke Beschwerde, gefolgt vom mysteriösen Verschwinden der Familie Sakamoto, hatte TBS (Tokyo Broadcasting System) dazu gebracht, die geplante Sendung abzusetzen. TBS-Angestellte hatten es zudem versäumt, die Behörden über ihre Beziehungen zu Sakamoto und Aum zu unterrichten …

Auch das erstaunliche Versagen der Polizei angesichts der zunehmenden Hinweise auf Aums Produktion und Lagerung von Waffen warf kritische Fragen auf. Obwohl bei ihrem Zögern Überlegungen zur Religionsfreiheit durchaus eine Rolle gespielt hatten, vermuteten viele Japaner, daß hohe Beamte mit Geld oder in anderer Form bestochen worden waren. Der Organisator einer Elterninitiative gegen die Sekte erzählte mir, er sei von Sektenmitgliedern aufgespürt und fast mit VX getötet worden. Dennoch habe die Polizei darauf beharrt, er habe Selbstmord begehen wollen. Bei einem anderen Vorfall beschuldigte die Polizei fälschlich ein Opfer des Sarinanschlags in Matsumoto, an der Tat beteiligt gewesen zu sein, und zog die Anklage nur sehr zögernd zurück …

Obwohl das erfolgreiche und ausgedehnte Computergeschäft der Sekte allgemein bekannt war, sollte ihre weniger gut sichtbare Computertechnik die japanischen Behörden in neue peinliche Verlegenheiten bringen. Ende Februar und Anfang März 2000 kam heraus, daß mehrere Unternehmen im Besitz von Aum für viele Regierungsbehörden des Landes, darunter die Ministerien für Bau, Post und Telekommunikation und das Bildungsministerium, komplexe Software-Systeme entwickelt und geliefert hatten.

Außerdem hatte Aum Computersysteme für die Verteidigungsbehörde und die Stadtpolizei Tokios geliefert, was bedeutete, daß die Sekte daran mitwirken konnte, die Streifenstrecken derselben Polizeibehörde festzulegen, von der sie eigentlich überwacht werden sollte. Da die Software sich auch auf NTT erstreckte, die größte Telekommunikationsgesellschaft Japans, war bereits sorgenvoll von einem „Cyberangriff“ Aums die Rede. Ein Zeitungsartikel mit der Schlagzeile „Vom Sarin zur Software“ befürchtete Schlimmes von dieser Verbindung und erging sich in Vermutungen darüber, daß die Sekte nach wie vor modernste Technik für ihre zerstörerischen Absichten einsetzen wolle. Selbstverständlich machten sich sämtliche Behörden und Unternehmen, in deren Computersysteme Aum eingedrungen war, sogleich daran, ihre Computer neu zu konfigurieren und sich von diesen anrüchigen Quellen ihrer Programme zu distanzieren.“

 

Haruki Murakami: „Untergrundkrieg“

 

Aus „Wikipedia“:

„Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Der erste Teil besteht aus zahlreichen Interviews mit Opfern des Giftgasanschlages oder deren Angehörigen, die Haruki Murakami von Januar bis Dezember 1996 führte, kategorisiert in die betroffenen U-Bahnlinien und deren Fahrtrichtungen. Der zweite Teil des Buches mit dem Untertitel Der versprochene Ort beinhaltet Interviews mit Mitgliedern der Ōmu-Shinrikyō-Sekte, die an diesem Anschlag direkt oder indirekt beteiligt waren.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Untergrundkrieg:_Der_Anschlag_von_Tokyo

http://de.wikipedia.org/wiki/Haruki_Murakami

http://www.perlentaucher.de/buch/haruki-murakami/untergrundkrieg.html

So interessant der zweite Teil des Buches sein mag: wer Robert Liftons Buch gelesen hat, wird keine großen Überraschungen mehr erleben. Umso ergebnisreicher ist der erste Teil mit den Opfer-Interviews. Denn unabhängig davon, wie die Opfer zum Opfer wurden, ins Krankenhaus gebracht, dort behandelt wurden und hinterher mit den Langzeitfolgen zurecht kommen (viele mehr oder weniger stark körperlich, einige „nur“ seelisch), zeichnen die Interviews ein äußerst interessantes Bild der japanischen Gesellschaft: welche Arbeit hatten die Interview-Partner, wie füllten sie diese aus, welche Hobbies, welche Gedanken haben sie, wie sind ihre Familien-Verhältnisse, was hat sich für sie nach den Anschlägen in Beruf und Familie geändert?  Wer sich für Japan und seine Menschen interessiert, bekommt hier beste Informationen.

Und eine Analyse zur Gesamt-Situation Japans von Haruki Murakami: „Gewiss, Katastrophen dieser Größenordnung bringen immer ein gewisses Maß an Verwirrung und Unterlassungen mit sich. Wie auch aus den Interviews hervorgeht, ist es auf allen Ebenen – U-Bahn, Feuerwehr, Polizei, Krankenhäuser – zu größeren oder kleineren Fehleinschätzungen und Irrtümern gekommen …

Relevanter scheint mir das Eingeständnis, dass diese Fehleinschätzungen unmittelbar aus dem lückenhaften und ungenügenden japanischen Krisenmanagement resultierten.

Bedauerlich und vielleicht sogar gefährlich ist, dass aus den Fehlern wenig gelernt wurde, und zwar zum Teil einzig deshalb, weil kein entsprechender Informationsaustausch stattgefunden hat. Japanische Institutionen sind immer noch in sich geschlossene Kreise, die höchst empfindlich auf jede Art von öffentlichem Gesichtsverlust reagieren und daher kaum gewillt sind, Fehler öffentlich zuzugeben. Viele Bemühungen, übergreifend Erfahrungswerte zusammenzutragen, scheiterten an den alten Vorwänden: „Das wird bereits untersucht …“ oder „Das ist allein Angelegenheit der Regierung“.

Übrigens bekam auch ich öfter ähnliche Ausreden zu hören; „Ich selbst würde ihnen ja gern helfen, aber die Nachbarn, die über uns wohnen …“. Wahrscheinlich hat man in Japan das Gefühl, dass irgendjemand die Verantwortung auf sich nehmen muss, wenn man sich zu offen äußert.

Natürlich wird niemandem ausdrücklich der Mund verboten. Eher wird der Vorgesetzte einen sanften Rat erteilen: „Ist doch eigentlich alles schon passé. Am besten, wir reden mit Außenstehenden gar nicht mehr so viel darüber …“ Doch jeder versteht die Andeutung …

Doch als ich zu dem Sarin-Anschlag recherchierte, wurde mir bewusst, dass die Tendenz der japanischen Gesellschaft zur Abschottung und zum Zurückscheuen vor Verantwortung, der ich nun begegnete, sich kaum vom damaligen Verhalten der Kaiserlichen Armee unterschied.“

 

Christlicher Weltuntergang

 

Oft erwartet, nie gekommen: der Weltuntergang beschäftigte das Denken hochrangiger Christen, die die Apokalypse mehrfach datierten. Martin Luther gleich drei mal. Anbei eine Liste der verpassten Weltuntergänge:

http://orf.at/stories/2157048/2156924/

http://www.unmoralische.de/weltuntergang.htm

Erzwingen des Weltuntergangs

Es gab christliche Gruppen, die den Weltuntergang erzwingen wollten. Robert Lifton schreibt über die Taboriten im 15. Jahrhundert:

„Als Priester und umherziehende Krieger überzogen die Taboriten das Land mit den „Plagen der Rache“, wie sie es nannten, um „die große Reinigung“ zu vollziehen, die die Wiederkunft Christi einleiten sollte. Danach würde er seine Herrschaft über eine Schar überlebender Heiliger „strahlend wie die Sonne im Reich ihres Vaters ohne jeden Makel antreten, die den „gleichen Zustand der Unschuld wie die Engel“ wiederherstellen würde. Die Morde im Dienste des Tausendjährigen Reiches der Taboriten erinnern an Aum, wenn jene auch länger bestanden (etwa dreißig Jahre) und mehr Menschen umbrachten.

Die Adamiten, eine radikale Gruppe, die sich ursprünglich innerhalb der Taboriten gebildet hatte, gingen noch weiter. Sie wollten das Tausendjährige Reich der Offenbarung durch einen „heiligen Krieg“ herbeizwingen. Zu diesem Zweck legten sie Feuer in Dörfern und ermordeten alle Einwohner …

Während der Stand der Technik den Taboriten lediglich Schwerter als Waffen ermöglichte und ihre Bilderwelt sich auf biblische Katastrophen und Höllenfeuer beschränkte, verfügte Aum über die Mittel, eine wesentlich konkretere und realistischere Version des Weltendes zu planen. Auffällig ist eine gewisse geistige Gemeinsamkeit in der größenwahnsinnigen Idee, die Welt zerstören zu wollen, um sie zu retten.“

In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder Sekten, die den Weltuntergang prophezeiten und ihn beschleunigen wollten. Am Sympathischsten sind noch diejenigen, die sich selbst umbrachten, um im Weltall weiter zu leben. Dazu gehören „Heaven’s Gate“ und die „Sonnentempler“:

http://de.wikipedia.org/wiki/Heaven%E2%80%99s_Gate_(Neue_Religi%C3%B6se_Bewegung)

https://www.youtube.com/watch?v=SH2DZg98VJo

http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnentempler

https://www.youtube.com/watch?v=ZNZ9sCdqbpM

Waffen für den Weltuntergang hatten die „Branch Davidians“ in Waco gehortet, waren aber ansonsten relativ ungefährlich. Auch ungeschicktes Verhalten der Polizei bei deren Belagerung führte zum Ende der Sekte: teilweise Selbstmord, teilweise Mord durch die Anführer.

http://de.wikipedia.org/wiki/Branch_Davidians

http://www.spiegel.de/video/vor-20-jahren-sturm-auf-die-ranch-der-davidianer-im-texanischen-waco-video-1258251.html

https://www.youtube.com/watch?v=9vs6RIbSFA0

Nachdem ein US-Kongress-Abgeordneter zusammen mit Reportern die Siedlung der „Volkstempler“ in Guyana begutachtet hatte, wurden diese getötet. Anschließend brachte sich die gesamte Sekte selbst um oder wurde von ihren Führern getötet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Peoples_Temple

http://de.wikipedia.org/wiki/Massensuizid_von_Jonestown

https://www.youtube.com/watch?v=hJtlRVbpNJw

Die „Bewegung zur Wiederherstellung der Zehn Gebote“ war eine ugandische Sekte, hatte eine eigene Endzeitmystik festgelegt und den 31. Dezember 1999 als vermeintlichen Tag des Weltuntergangs festgelegt. Als die Erde dennoch fortbestand, begannen einige Anhänger der Gruppe nach Berichten von Überlebenden misstrauisch zu werden. Sie verlangten ihr Eigentum zurück, das sie der Gemeinschaft zuvor übertragen hatten. Wer nach seinem Besitz gefragt habe, sei auf ungeklärte Weise verschwunden. Während eines Gottesdienstes in einer Kirche in Kanungu am 17. März 2000 fanden die ersten 530 Sektenangehörigen den Tod. Während der Feier ließen die Sektenführer die Tür vernageln und übergossen den Holzbau mit vier Kanistern Benzin und zündeten ihn an. Kibwetteere blieb nach dem Feuer verschwunden. Dass er nicht unter den Toten ist, gilt als sicher. Am Tag nach dem Massenmord wurde er lebend gesehen. In den kommenden Tagen wurden auf den übrigen Anwesen der Gruppe noch mehrere hundert Leichen entdeckt, so dass die Summe der Toten sich zum Schluss auf über tausend belief.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bewegung_zur_Wiederherstellung_der_Zehn_Gebote

http://www.aufklaerungsgruppe-krokodil.de/Uganda.pdf

http://www.irrglaube-und-wahrheit.ch/sutra7663.html&sid=3c8cc86e12bd17d9e388a98f251ed97f

„Der kultische Wahn eines Sektenführers braucht sich durchaus nicht nur nach innen zu richten. Der Kalifornier Charles Manson etwa sah sich als fünften Engel der Apokalypse, der "den Brunnen des Abgrunds auftat", aus dem Heuschrecken und Skorpione herausströmen, über die Menschen herfallen und sie quälen.

Manson nahm den Zerstörungsauftrag überaus wörtlich. Er befahl 1969 vier Anhängern, drei Mädchen aus gutbürgerlichem Hause und einem jungen Mann, in zwei Hollywood-Villen einzudringen und insgesamt sieben Menschen in einer wahren Blutorgie abzuschlachten, darunter die Filmschauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski.

Gegen den Anführer der "Family" hieß es später in der Mordanklage: "Das Volk des Staates Kalifornien gegen Charles M. Manson, auch bekannt als Jesus Christus . . ."“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9176635.html

https://www.youtube.com/watch?v=_sIXar485Sg

Meistens handelt es sich bei den Sektenführern um ehemalige Gescheiterte mit kriminellem Hintergrund, die sich für Jesus halten.

Jesus

Lässt mensch mal den ganzen Weihrauch weg, handelt es sich bei Jesus um einen fanatischen Sektenführer, der den Weltuntergang predigte. Die ersten drei Zitate dieses Textes stammen von ihm. Der Wurm wiederholt sie gerne:

„Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und die Mutter, Weib und Kinder, Brüder und Schwestern haßt, dazu aber auch seine eigene Seele, der kann nicht mein Jünger sein.“  Lukas  14; 26

http://www.bibel-online.net/buch/schlachter_1951/lukas/14/#1

„Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.  Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz nimmt und mir nachfolgt, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“  Matthäus 10; 34-39

http://www.bibel-online.net/buch/schlachter_1951/matthaeus/10/#1

„Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu schleudern, und wie wollte ich, es wäre schon entzündet! Aber ich habe eine Taufe zu bestehen, und wie drängt es mich, bis sie vollbracht ist!  Meinet ihr, daß ich gekommen sei, Frieden zu spenden auf Erden? Nein, ich sage euch, sondern eher Zwietracht.“  Lukas 12; 49-51

http://www.bibel-online.net/buch/schlachter_1951/lukas/12/#1

Jeder dieser kriminellen Sektenführer hätte diese Worte sagen können.

Und wer der christlichen Propaganda aufsitzt, dass die frühen Christen ausnahmslos friedliche Leute waren, möge sich die Jesus-Worte „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu schleudern, und wie wollte ich, es wäre schon entzündet!“ noch mal zu Gemüte führen und sich fragen, ob niemand von den frühen Anhängern den Weltuntergang erzwingen hätte wollen. Nach dem Großbrand Roms hatte Nero die Christen beschuldigt, daran schuld zu sein. Völlig ausgeschlossen, dass er Recht gehabt haben könnte?

Jesus hatte den nahen Weltuntergang gepredigt:

„Denn es wird geschehen, daß des Menschen Sohn komme in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln; und alsdann wird er einem jeglichen vergelten nach seinen Werken. Wahrlich ich sage euch: Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich.“  Matthäus 16; 27-28

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/matthaeus/16/#1

„Die Jesusbewegung war von einer starken Naherwartung geprägt. Man erwartete das Kommen Jesu nahezu stündlich. Die erste Generation der Christen lebte in der Hoffnung, noch im eigenen Leben das Kommen des Reiches Gottes zu erleben (1 Thess 4,13-17 EU). Dass einige Christen schon gestorben sind, bevor die Parusie eingetreten ist, ist für Paulus zunächst die Ausnahme. Da die Zahl der Todesfälle anstieg, musste Paulus reagieren. In 1 Kor 15,51f geht er wohl schon davon aus, dass die meisten vor der Parusie sterben werden, dass einige sie aber wohl noch erleben werden. In 2 Kor 5,1-10 EU scheint eine zunehmende Verzögerung ins Bewusstsein zu rücken. Daraus entwickelt Paulus die Vorstellung, dass jeder Christ bei seinem Tod einen verwandelten Leib erhält und dass das Kommen Jesu in eine fernere Zukunft rückt.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Parusie

http://www.bibelcenter.de/bibel/studien/d-std108.php

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_thessalonicher/4/#1

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_korinther/15/#1

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/2_korinther/5/#1

Asahara und Jesus

Im Film über den Giftgasanschlag in Tokio https://www.youtube.com/watch?v=V_DRQ8Zuegc sagt Shoko Asahara in Minute 30: „Wenn ich, wie prophezeit wurde, Christus bin, und der dritte Weltkrieg ausbricht, dann werden alle, die bei Aum sind, einen gewaltigen Sprung nach vorn machen. Genau wie ich.“

Alexander L. Dvorkin schreibt Folgendes:

„Damit kommen wir zu Shoko Asaharas neuester Botschaft: Er behauptet seit dem 24. Oktober 1991, Christus (oder der Geist, der in alle Wahrheit führt) zu sein. Nicht mehr, nicht weniger: "Ich verkündige, daß ich der Christus bin" (Shoko Asahara: Declaring Myself the Christ. Disclosing the True Meaning of Jesus Christ's Gospel. Translated and Edited by Aum Translation Commitee, Shizuoka, Japan, 1992) ist der Titel seines Buches, auf dessen Umschlag er abgebildet ist, an einem Kreuze hängend mit einer Dornenkrone und einem Tuch um seine Lenden. Und mit diesen Worten beginnt sein Buch: "Ich verkündige hiermit, daß ich Christus bin. Ich nehme an, du wirst davon überzeugt sein, wenn du dies Buch gelesen hast. Vor dem 23. Oktober 1991 hatte ich keine einzige Seite des Neuen Testaments gelesen außer der Offenbarung des Johannes. An jenem Tage aber wurde ich davon überzeugt, daß dies Buch Prophezeiungen darüber enthält, wie ich der Heiland (Messias) bin." Asahara schrieb diese Worte am 24. Oktober, d. h. einen Tag, nachdem er das Neue Testament kennengelernt hatte. Wie er es gelesen hat, zeigt sich zum Beispiel daran, daß er von einem Evangelium spricht, das über die Apostel berichtet, sowie von verschiedenen Evangelien nach St. Paulus.

Asaharas wahre Einstellung zum Christentum findet man anderswo, in der Zeitung "Mahayana". Er schreibt: "Seit langer Zeit schon wird diese Welt von Freimaurern manipuliert, von denen man zwei Arten unterscheiden kann. Die eine Art sind Freimaurer, die an Vorhersagen glauben und die Ankunft Christi erwarten ..." In anderen Worten: Der "ehrwürdige Lehrer" hält die ganze christliche Kirche für eine freimaurerische Einrichtung.

Das Werk besteht aus drei Teilen: Im ersten unternimmt Asahara es, zu beweisen, daß er selbst - im Gegensatz zu vielen falschen Christussen und vielen falschen Propheten - der echte Christus sei, im zweiten enthüllt er die "wahre Bedeutung" des Evangeliums, und im dritten informiert er uns darüber, daß Buddhismus und Christentum absolut identisch seien.

Die wahre Bedeutung des Neuen Testaments wird im zweiten Teil des Buches auf äußerst langatmige und konfuse Weise enthüllt. Es scheint, daß die wichtigste Botschaft des Neuen Testaments die alltägliche Notwendigkeit sei, Asahara finanzielle Spenden zukommen zu lassen. Und zwar je höher, desto besser.

Diese wahre Bedeutung des Christentums, die bisher allen verborgen war, erweist sich als identisch mit dem ursprünglichen Buddhismus. Asahara der Geist der Wahrheit und zweite Christus - hat Christus übertroffen. "Jesus Christus wurde gekreuzigt, ich jedoch, der nächste Christus, soll nicht gekreuzigt werden, aber ich muß weiter gehen und die Wahrheit über die ganze Welt verbreiten.(S.134)" Man kann die Frage stellen, warum er sich dann am Kreuz hängend darstellt? Weiterhin informiert uns Asahara, daß Jesus Christus kam, die Seelen der Gläubigen in die "heiligen Himmel" zu bringen, aber er, der Erdbeben und Hungersnöte, Vulkanausbrüche und Wirbelstürme vorhersagt, kann seinen Anhängern zu einer noch höheren Ebene verhelfen - zum Nirwana, "der Welt der großen und vollständigen Zerstörung weltlicher Begierden".

http://www.religio.de/dialog/295/295s37.html

Die Offenbarung des Johannes

„Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Tempel, die sprach zu den sieben Engeln: Gehet hin und gießet die sieben Schalen des Zornes Gottes aus auf die Erde!“  Offenbarung 16;1

http://www.bibel-online.net/buch/schlachter_1951/offenbarung/16/#1

Auf alle Apokalyptiker übt die Offenbarung des Johannes eine ungemeine Faszination aus.

„Offenbarung Jesu Christi, welche Gott ihm gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Bälde geschehen soll; und er hat sie kundgetan und durch seinen Engel seinem Knechte Johannes gesandt, welcher das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi bezeugt hat, alles, was er sah. Selig, wer liest und die da hören die Worte der Weissagung, und bewahren, was darin geschrieben steht! Denn die Zeit ist nahe.“

Wer sich den ganzen Text antun will: hier ist er:

http://www.bibel-online.net/buch/schlachter_1951/offenbarung/1/#1

 

Weltuntergang in der Politik

 

Der Einfluss von Aum auf Politik, Behörden und Medien in Japan hat der Wurm bereits geschildert. Das ist nicht nur in Japan so. Mehr oder weniger große religiöse Spinner werden in so ziemlich allen Staaten gehätschelt und als positiv dargestellt; wenn ein Mensch von sich behauptet, fromm zu sein, wird das in den meisten Fällen von seinen Mitmenschen als positiv bewertet.

Und: religiöse Spinner haben großen Einfluss auf die Politik. Auch in Deutschland, siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/150-der-apotheker-danach.html und http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/49-fest-der-familie.html

So richtig unangenehm wird es in den USA. In einem Artikel aus dem Jahr 2006, aus dem der Wurm zitieren möchte, bringt es Peter Bürger auf den Punkt:

Das Ende ist nahe

Präsident Ronald Reagan beglückte sein evangelikales Publikum 1983 in einer berühmt gewordenen Rede damit, die Sowjetunion als "Evil Empire" (Reich des Bösen) zu identifizieren. Unter der Überschrift "Der Einfluss der Propheten" berichtete die Frankfurter Rundschau am 31.10.1983 überdies:

„US-Präsident Ronald Reagan hält es nach Darstellung eines Washingtoner Lobbyisten für durchaus möglich, dass sich die Welt gemäß der Offenbarung Johannis dem Jüngsten Gericht und der Entscheidungsschlacht von Armageddon zwischen Gut und Böse nähert. Thomas Dine, Geschäftsführer eines für gute Beziehungen zwischen den USA und Israel werbenden Komitees, sagte am Wochenende, dass der Präsident ihm am 18. Oktober erzählt habe, dass er, Reagan, am Abend zuvor mit den Eltern eines in Beirut ums Leben gekommenen US-Marineinfanteristen gesprochen hat. Der Präsident habe das Gespräch mit den Worten fortgesetzt: "Wie Sie wissen, gehe ich immer wieder auf Eure alten Propheten im Alten Testament und auf die Anzeichen zurück, die Armageddon ankündigen. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich frage, ob wir die Generation sind, die erlebt, wie das auf uns zukommt. Ich weiß nicht, ob Sie in letzter Zeit eine dieser Prophezeiungen wahrgenommen haben. Aber glauben Sie mir, sie beschreiben ganz gewiss die Zeit, die wir jetzt erleben.“

Heute sind mehr als die Hälfte der US-Amerikaner in einem wörtlichen (!) Sinn davon überzeugt, dass die Johannes-Offenbarung sich erfüllen wird. Seit mehr als zwei Jahrzehnten verbreiten die "elektronischen TV-Kirchen" oder Bücher wie Hal Lindsey’s Bestseller "Late Great Planet Earth" (1970) das endzeitliche Gedankengut der maßgeblichen Fanatiker. Etwa ein Viertel der US-Bevölkerung kauft apokalyptische Bücher dieser Art und mehr als jeder dritte denkt laut einer Time-Umfrage regelmäßig über das Ende der Welt nach. Säkulare und seit geraumer Zeit auch explizit "christliche" Kampfspiele am Computer greifen die Entscheidungsschlacht zwischen Licht und Finsternis auf. Äußerst massenwirksam ist das bislang 14 Bände umfassende Romanwerk Left Behind (deutsch: "Finale") über die letzten Jahre der Menschheit, das bereits eine Auflage von 40 Millionen (!) erreicht hat. Mittlerweile wird es auch in Form von Computerspielen umgesetzt: Materieller und spiritueller Krieg gegen den Antichrist.

Umweltschutz lohnt sich nicht

Die politische Brisanz dieses religiösen Fatalismus liegt auf der Hand. Ronald Reagans erster Innenminister James Watson glaubte das Jüngste Gericht nahe und lehnte deshalb zum Beispiel jede Art des Umweltschutzes ab. Ähnlich selbstgefällig pflegen viele Politiker in den USA heute ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Prognosen zum Klimawandel. Während die christliche Weltökumene die reale Möglichkeit einer Selbstvernichtung der Menschheit als Sünde betrachtet, zu der es nicht kommen darf und soll, können fundamentalistische US-Apokalyptiker das nukleare Zerstörungspotential oder andere globale Bedrohungen als Erfüllung einer Prophezeiung begrüßen und ausdrücklich von einer "moralischen Pflicht zum Einsatz von Atombomben" sprechen.

Evangelikale Massenverführer

Seit der Zeit des Reaganismus warnen vor allem lateinamerikanische Befreiungstheologen vor den gefährlichen Ideen vieler evangelikaler Massenverführer in den Vereinigten Staaten. Franz J. Hinkelammert schrieb über sie bereits 1989:

„Je schlimmer, um so besser, das ist das fundamentalistische apokalyptische Denken. In unserer heutigen Welt ist der Fundamentalismus wohl die wichtigste Denkform, die der Zerstörung einen positiven Sinn abgewinnen kann. Je schlimmer es wird, um so besser, denn jede Katastrophe ist ein Zeichen der Zeit, das die Wiederkunft Christi ankündigt. Der Fundamentalismus ist daher auch wohl die einzige, viele Menschen bewegende Ideologie, die dem Atomkrieg einen Sinn abgewinnt. Als Atom-Armageddon wird er als Hoffnungszeichen in die Sicht der Zukunft aufgenommen. Wo alles zerstört wird, da wird alles gut.“

Die Breitenwirkung von "christlichen" Endzeitextremisten, die in den USA seit dem Erfolg der 1979 gegründeten "Moral Majority" als politisches Sprachrohr fundamentalistischer Kreise fungieren, ist nicht zu unterschätzen. Ihre Geschichtsprophetie zielt auf eine "letzte Schlacht um Gottes Reich" und benötigt zwingend die Weltverschwörung, wahlweise durch Kommunisten, säkulare Humanisten, Friedensaktivisten, "Perverse" (besonders Homosexuelle), liberale Christen, Katholiken, UNO, Europa oder aktuell in erster Linie durch den Islam …

Zu den evangelikalen Heilsstrategien auf dem Weg zum "Ende aller Tage" gehören uneingeschränkter Kapitalismus, Militarismus – einschließlich Atomwaffengebrauch – und US-amerikanische Vormachtstellung bzw. Supernationalismus. Globaler Kulturdialog, Interreligiöse Begegnung, Weltökumene, Weltkirchenrat und internationale Rechtsordnung gelten den christlichen Apokalyptikern als Teufelswerk. Ihren angeblich wortwörtlichen Biblizismus verbinden sie mit Auslegungssystemen, die das Sozialethos und die Friedensweisung des christlichen Evangeliums willkürlich außer Kraft setzen …

Der Kontext, in dem die Zukunftsfragen der menschlichen Zivilisation nun 2000 Jahre später von den rechten Christen in den USA betrachtet werden, ist die unausweichliche und willkommen geheißene Katastrophe. Dass Gott im Atomzeitalter das Monopol über das "Ende der Welt" verloren hat und nunmehr der Mensch die Instrumente für eine jederzeit mögliche Totalvernichtung besitzt, gilt als gutes Zeichen …

Die radikalen Apokalyptiker sind nicht repräsentativ für das gesamte fundamentalistische Spektrum. Bei der Politisierung der vielfältigen fundamentalistischen Szene im Dienste der Republikaner bzw. der "Neokonservativen" spielen sie jedoch eine zentrale Rolle. Die meisten Führer der christlichen Rechten bekennen sich zu Endzeitspekulationen vom Armageddon-Typ.

Die letzte Schlacht

Nicht nur in den "neokonservativen" Denkfabriken der USA spricht man leichtfertig, bisweilen begeistert vom dritten oder vierten Weltkrieg. Auch unter evangelikalen Endzeitchristen werden alle Vorboten eines neuen großen Krieges begrüßt. Erwartet wird in allernächster Zeit die letzte Schlacht, die dieser verdorbenen Welt ein Ende bereitet. Da ein "Israel in biblischen Grenzen" Schauplatz des Endzeitkampfes zwischen Gut und Böse sein wird, gibt man sich "pro-israelisch" …

Aktuell können einige Prediger von evangelikalen Kirchen ihre Freude über den Libanonkrieg nur mühselig verbergen: "Was zur Zeit mit Israel und seinen Nachbarn passiert, wurde doch schon in der Bibel prophezeit." (Pastorin Margaret Stratton) In diesen Kreisen glaubt man: Der große Widersacher, der "Anti-Christ" bzw. Satan, wird sich als Friedensstifter für den Nahen Osten verkleiden und will die Erfüllung der Prophezeiungen über die letzte Entscheidungsschlacht sabotieren …

In diesem Kontext kann man jetzt verstehen, dass einige Theologen der apokalyptischen Szene den "Anti-Christen" unter Berufung auf das biblische Daniel-Buch (Vers 9,27) namentlich auch als Friedensstifter im Nahen Osten erwarten. Die Eskalation ist im Sinne des beschriebenen Fahrplans ja erwünscht und darf nicht aufgehalten werden. Ausdrücklich gilt es nach James Robison als Irrlehre, vor der Wiederkunft Christi Lehren vom Frieden zu verbreiten.

Islam als Werkzeug des Teufels

In der Theologie von Endzeitchristen gilt der Islam hingegen als "Werkzeug des Teufels", das man mit Schmähungen überziehen darf und mit allen Mitteln bekämpfen muss. Bereits 1999 hat die Islamwissenschaftlerin und Kurdologin Tanja Duncker dazu auch erschreckende deutschsprachige Zeugnisse aus evangelikalen Pamphleten gesichtet. Eine Verbundenheit der drei auf Abraham zurückgehenden Religionen gibt es diesen zufolge nicht. Die vielen muslimischen Migranten in Ländern der "abendländischen Kultur" sind Teil einer bösen Strategie. Das "dämonische System des Islams" gilt nach dem "Holocaust" als der zweite große Versuch, Jerusalem den Juden zu entreißen und dadurch das heiß ersehnte endzeitliche Schauspiel im Heiligen Land zu vereiteln.

Friedensgespräche mit den Palästinensern oder andere Grenzen Israels als die "biblischen" werden abgelehnt. Über Jerusalem kann nie und nimmer verhandelt werden. Man will ganz sicher wissen: "JESUS kommt nicht in palästinensisches, sondern in jüdisches Hoheitsgebiet zurück."

Fürst des Krieges

In theologischer Hinsicht muss die Apokalyptik der Fundamentalisten besonders auch als Regression zu einem primitiven Dualismus bewertet werden. Die Sehn-Sucht nach Reinheit pervertiert in ein gefährliches Hygiene-Programm, mit dem – so referiert Petra Bahr – alles "Unreine" ausgemerzt werden soll. Die Menschheit wird klar geschieden in Erlöste und Unerlöste, Wiedergeborene und Verdammte, Auserwählte und Verworfene. Dem entspricht eine "Verschwörungstheorie von kosmischen Ausmaßen" (Scherer-Edmunds), der zufolge Gott und Satan, das absolut Gute und das absolut Böse, miteinander Krieg führen. Projizierte religiöse Bildaussagen, die man schon in den Alten Kirche allegorisch auslegte und die heute tiefenpsychologisch zu beleuchten wären, werden "wörtlich" als Fahrplan der äußeren Geschichte verstanden.

Erwartet wird in diesem Zusammenhang die Ankunft Christi als die eines Kriegsfürsten, der auf der Erde unter den Verderbten ein nie da gewesenes Massenblutbad anrichten wird! …

Die Anschläge von New York und Washington am 11.9.2001 wurden von Fundamentalisten nicht nur als Strafe Gottes für Sittenverfall bewertet, sondern vor allem auch als Anzeichen dafür, dass diese Ereignisse nicht mehr fern liegen. Unter den wiedergeborenen Christen stimmten laut einer Umfrage des Endzeitpropheten Hal Lindsay über 70 Prozent dem Satz zu: "Ich glaube daran, dass wir derzeit die Anfänge jenes Krieges sehen, der zum Antichristen und zu Armageddon führt." Vorausgegangen war die apokalyptisch-dualistische Vergeltungs-Propaganda zwischen "Gut und Böse" oder "Licht und Finsternis" in den Reden von Präsident George W. Bush Junior. Am 14. September 2001 verkündete dieser in der National Cathedral in Washington die Mission der Vereinigten Staaten:

„Aber unsere Verantwortung vor der Geschichte ist bereits klar: auf diese Anschläge reagieren und die Welt vom Übel zu befreien.“

Als bekennender "Wiedergeborener" deckte der Präsident schließlich gar eine "Axis of Evil" (Achse des Bösen) aus Iran-Irak-Nordkorea auf, die zufällig auch mit "neokonservativen" Strategiedokumenten korrelierte. Die gezielt ausgewählten Reizwörter fanden in den USA Beifall, weil das ihnen zugrunde liegende Weltbild für viele Zuhörer fraglos richtig und "wahr" ist.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23322/1.html

Dazu passt auch folgender Beitrag aus dem Jahr 2007, der aber auch aus diesem Jahr sein könnte:

„„Achse des Bösen“, der „Krieg gegen den Terrorismus“ oder der Kampf gegen den Islamismus als „entscheidender ideologischer Kampf unserer Zeit“, das sind Denk- und Deutungsmuster extremistischer christlicher Fundamentalisten und ihrer Think-Tanks. Sie prägen Weltbild und Sprache des amerikanischen Präsidenten. Selbst die Demokraten in den USA scheinen sich, um ihre Wahlchancen zu wahren, evangelikalen Strömungen anpassen zu müssen. Sarah Posner hat sich seit langem mit diesen Strömungen beschäftigt, mit einem Beitrag in AlterNet beschreibt sie, wie christliche Fundamentalisten die Stimmung für einen Krieg der Amerikaner gegen den Iran schüren.“

http://www.nachdenkseiten.de/?p=2044

 

Weltenende durch Phantomzellen

 

1995 zündete Timothy McVeigh mit Hilfe seines Freundes Terry Nichols in der Nähe eines Bundesgebäudes in Oklahoma City eine Bombe, die 168 Menschen tötete.

Lifton: „Dennoch fühlte er sich offenbar bereits seit seiner Jugend stark zur komplexen Märtyrerideologie einer „Randgruppe der rassistischen Rechten mit apokalyptischen Zielen“, wie sie der Politologe Michael Barkun bezeichnet, hingezogen, ein amerikanisches Milieu, das sich aus Survivalists, Paramilitärs, Neo-Nazis, weißen rassistischen Millenaristen und einer Vielzahl von Verschwörungstheoretikern zusammensetzt. Gruppen, die mit einer als „Christian Identity“ bekannten Religion in Verbindung stehen, der McVeigh zwar nicht angehörte, bildeten die aggressive, staatsfeindliche, chiliastische Subkultur, auf die er sich aber bezog. Vor allem jedoch hatte er sich statt in einen Guru oder eine Sekte in einen Text verliebt, die Turner Diaries („Turner-Tagebücher“), einen apokalyptischen Neo-Nazi-Roman, der auf dramatische Weise eine Revolution der Weißen in den USA schildert, die zu einem globalen nuklearen Holocaust führt, in dem alle Juden und Nichtweißen vernichtet werden. McVeigh begeisterte sich so für dieses Buch, daß er es nachdrücklich seinen Kameraden in der Armee empfahl und es bei Waffenmessen und anderen Zusammenkünften verkaufte. Angeblich lag es sogar immer unter seinem Kopfkissen. Dank der Tagebücher brauchte er keine Sekte und auch keinen Guru aus Fleisch und Blut. Das Buch verschaffte diesem Amerikaner Zugang zum Äquivalent einer radikalen Sektenerfahrung …

Die Phantomzellen in Beams führerlosem Widerstand legen die Idee eines Phantomgurus nahe, einer unsichtbaren und immateriellen Quelle unantastbarer Weisheit für die Aktivisten. Diese Form des Widerstands setzt nach Barkun Gesetzesbrüche oder Gewalttaten auf lokaler Ebene voraus, wie der Anschlag in Oklahoma City gezeigt hat, der von einer Phantomzelle aus zwei oder möglicherweise drei Menschen, die sich innerhalb einer größeren Gruppe Gleichgesinnter bewegten, ausgeführt wurde. Beams Konzept könnte McVeigh sehr wohl dazu verleitet haben, aus den Schranken gemäßigterer Gruppen auszubrechen und aus eigenem Antrieb einen dramatischen Beweis seiner zerstörerischen Macht zu liefern. Diese Form einer amorphen Führerlosigkeit erschwert zwar koordinierte, großangelegte Operationen, gleichzeitig aber auch die Möglichkeiten, den rechtsradikalen Terrorismus zu kontrollieren.

In diesem neuen gewalttätigen Umfeld sind die Turner-Tagebücher zu einem Klassiker der extremen Rechten geworden und bleiben eine Quelle der Anregung für deren unterschiedliche Anhänger, haben vielleicht jedoch etwas von ihrer guruistischen Macht eingebüßt. Inzwischen existieren kleine und größere Gruppen im Überfluß: „Milizen“ (einige unter dem Einfluß von Christian Identity) wie die Freemen von Montana, die Michigan-Miliz und die Bürgermiliz von Chemung County, New York. Christian-Identity-Gruppierungen rangieren von der gewaltlosen Church of Israel bis zur militanteren „Christian-Patriots Defense League“ und zur aktionsprophetischen Gruppe „Covenant, Sword and Arm oft he Lord“. Dazu kommen traditionellere, rechtsgerichtete Gruppierungen wie der Ku Klux Klan und die American Nazi Party – ganz zu schweigen von den Phantomzellen, über die kaum etwas bekannt ist. Sie alle existieren in einer Welt voller Visionen von einem erzwungenen rassistischen Armageddon und von Unsterblichkeit verleihenden Projekten eines Massenmords durch allmächtige Vernichtungswaffen.

Alarmierend war in den letzten Jahren der Erwerb von kleinen Mengen potentieller Agentien für die Herstellung biologischer Waffen durch Rechtsextremisten. Ebenfalls zu beobachten ist die ausgedehnte Nutzung des Internets durch rechtsradikale Gruppen in der Absicht, Größe und Macht vorzutäuschen und sich national und global zu vernetzen. Es ist unmöglich vorherzusehen, ob oder wann in dieser unübersichtlichen Landschaft eine dieser Gruppierungen mit dem nötigen technisch-wissenschaftlichen Knowhow hervortreten wird, um ihre Phantasien und Impulse in die Tat umzusetzen. Sicher ist jedoch, daß Phantomgurus, ob sie sich im Cyberspace verbergen oder auf anderem Weg anonyme Aufrufe verbreiten, ihre Gegenwart spürbar machen werden. Künftige Phantomzellen werden über kurz oder lang Zugang zu komplexeren Techniken und schlagkräftigeren Waffen als Bomben aus Düngemitteln erhalten.“

http://de.wikipedia.org/wiki/The_Turner_Diaries

http://de.wikipedia.org/wiki/Bombenanschlag_auf_das_Murrah_Federal_Building_in_Oklahoma_City

http://de.wikipedia.org/wiki/Timothy_McVeigh

 

Mach' den Bushido

 

Ob Menschen oder Bewohner des Erdreichs: Machen wir den Bushido: „Man sollte den Tod täglich erwarten … Stirb jeden Morgen im Geiste, und du wirst den Tod nicht fürchten“.

Für diejenigen, die noch an das Gute im Menschen glauben: je anständiger und gerechter die Welt ist, umso zufriedener sind die Menschen und haben weniger Anlass, sich mehr oder weniger großen Sekten anzuschließen und das Weltenende herbeizuführen.

 

This is the End: https://vimeo.com/6159478