Vor 25 Jahren wurde Nicolae Ceausescu, damaliger Präsident Rumäniens, standrechtlich erschossen.

Er soll eines der grausamsten Regime der Welt errichtet haben, selbst ein größenwahnsinniger Diktator gewesen sein, sein Volk in den wirtschaftlichen Niedergang geführt und dabei selbst unverantwortliche Protzbauten angeordnet haben und ist bei einem spontanen Volksaufstand ums Leben gekommen.

Die Realität wollte Nicolae Ceausescu nicht sehen und hat nur Ohrenbläser um sich geduldet. Einer davon hatte Folgendes von sich gegeben:

„Seit einigen Jahren ist Rumänien ein wirklich tolles Land.“

„Und alles funktioniert. Alles!“

„Wenn ich Papst wäre, wüsste ich, warum ich den Boden küsse, wenn ich nach Rumänien komme.“

Mit Ausnahme des ersten Satzes ist all dieses gelogen bzw. stark übertrieben. Die Worte des Ohrenbläsers stimmen tatsächlich – allerdings nur dann, wenn mensch das Wort „Rumänien“ durch „Deutschland“ austauscht. Diese Sätze sind dieser Tage allen Ernstes vom Stapel gelassen worden. Und zwar von Bert Rürup, „ehemaliger Kopf der Wirtschaftsweisen“, in Wahrheit wohl eher ein Wirtschaftsdummer. Hier das Original:

„Auch Bert Rürup, ehemaliger Kopf der Wirtschaftsweisen, ist voll des Lobes über Deutschland: „Seit einigen Jahren ist Deutschland ein wirklich tolles Land.“ Die meisten Deutschen seien heute offen, liberal, nicht mehr verhuscht. „Und alles funktioniert. Alles!“, ruft er. „Wenn ich Papst wäre, wüsste ich, warum ich den Boden küsse, wenn ich nach Deutschland komme.““

http://www.capital.de/dasmagazin/bofinger-wundert-sich-ueber-irren-arbeitsmarkt.html

Jubel und Protz

Zurück zu Nicolae Ceausescu: Menschen sehen und hören gerne schöne Sachen, haben’s nicht so mit der Realität, sondern machen es sich in ihrer behaglichen Kuschelecke angenehm. Es gibt nur Wenige, bei denen das anders ist. Nicolae Ceausescu hat sich nicht selbst bejubelt, das taten Partei und Bevölkerung selbst. Bei seinen Reisen durchs Land wurden ihm volle Lebensmittel-Läden und sehr gut funktionierende Firmen gezeigt. Also alles Bestens.

Dass er die negativen Seiten nicht gesehen hat, mag ihm anzukreiden sein. In erster Linie aber denjenigen, die ihm diese „heile Welt“ präsentierten und ihm zujubelten bzw. dafür sorgten, dass ihm zugejubelt wird.

Mit dem Parlamentspalast ließ er eines der größten Gebäude der Welt errichten. Touristen können in Führungen das Gebäude besichtigen – und werden dabei sehr wahrscheinlich feststellen, dass der repräsentative Palast vielfältig genutzt wird. Unter anderem für Kongresse und Werbe-Veranstaltungen. Aus „Wikipedia“:

„Nach weiteren Umbauten dient das Gebäude seit 1997 als Sitz der rumänischen Abgeordnetenkammer, 2005 bezog auch der Senat seinen Sitz im Palast. Außerdem gibt es ein internationales Konferenzzentrum, in dem zum Beispiel im April 2008 die Parlamentarische Versammlung der NATO stattfand. In den oberen Etagen befindet sich eine internationale Zoll- und Polizeiorganisation. Auf der Rückseite des Gebäudes ist das Nationalmuseum für Moderne Kunst untergebracht. 

Südwestlich neben dem Parlamentspalast errichtet die Rumänisch-Orthodoxe Kirche mit Unterstützung des Staates seit 2010 die Kathedrale der Erlösung des Volkes, deren Kuppel mit 120 m Höhe den Palast beträchtlich überragen soll.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Parlamentspalast

Wer die Rumänen kennt, weiss, dass sie gerne sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich zu Repräsentation bzw. Prunk neigen. Alleine in Bukarest gibt es viele solcher Protzbauten.

Für ca. 300 Millionen Euro wird gerade „die Kathedrale der Erlösung des Volkes, deren Kuppel mit 120 m Höhe den Palast beträchtlich überragen soll“ gebaut. Wie diese Kathedrale mal aussehen wird, zeigt eine sehr schöne Animation:

http://www.dailymotion.com/video/xli8kh_tur-virtual-al-catedralei-mantuirii-neamului_shortfilms

http://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_der_Erl%C3%B6sung_des_Volkes

Zur Erinnerung: Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst wurde für ca. ein Zehntel der Summe unter fragwürdigen Umständen quasi zum Teufel gejagt. Siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/40-flug-lug-und-betrug.html

Wenn sich weder im Westen noch in Rumänien selbst kaum einer über die Rumänisch-Orthodoxe Kirche aufregt (schließlich gibt es in Rumänien genug Arme, denen mit dem für diesen Protzbau aufgewendeten Geld geholfen werden könnte) – warum dann die Verdammung Nicolae Ceausescus? In so ziemlich allen Reiseführern und Reisekatalogen wird auf seinen „Größenwahn“ hingewiesen. 

Auch in der damaligen rumänischen Verfassung stand nicht, dass eine Person über alles Geld frei verfügen kann – es müssen noch andere dafür gewesen sein.

Im Folgenden benutzt der Wurm hauptsächlich zwei Quellen. Zum Einen das Buch „Reporter – eine Art Beruf“ von Dagobert Lindlau, ehemaliger Chefreporter des Bayerischen Rundfunks und Moderator des „Weltspiegel“ in der ARD.

Zum Andern der Film „Schachmatt - Strategie einer Revolution oder Fallstudie amerikanischer Politik“: „Wie fabriziert oder inszeniert man eine Revolution?

Susanne Brandstätter hat fast drei Jahre lang an ihrem Dokumentarfilm "Schachmatt - Strategie einer Revolution" gearbeitet, um die Hintergründe der rumänischen Revolution 1989 und des Sturzes von Diktator Nicolae Ceausescu aufdecken zu können. Ihr Film zeigt, wie und warum Deutschland, Ungarn und vor allem die USA hinter den Kulissen agiert haben. Dabei ging es nicht nur um das Wohl des rumänischen Volkes. Europas Einigung und Deutschlands Wiedervereinigung standen auf dem Spiel - und Amerikas Vormacht. Susanne Brandstätter stellt die Ereignisse in Rumänien in einen internationalen Kontext und lässt die ganze Dimension dieser Geschehnisse erkennen. Es war ein internationales Schachspiel - ein Machtspiel mit weit reichenden Folgen für Europa und die USA.“

https://www.youtube.com/watch?v=m7BEenUr6ZQ

Im Film kommen unter anderem folgende Personen zu Wort:

Charles Cogen, ehemaliger CIA-Chef in Paris

Dominique Fonrielle, ehemaliger Führungsoffizier des französischen Geheimdienstes

Laszlo Hamos, Hungarian Human Rights Foundation, New York

Robert Hutchings, Nationaler Sicherheitsberater USA 1989

Dagobert Lindlau

Miklos Nemeth, Ministerpräsident von Ungarn 1989

Gheorghe Ratiu, Abteilungsleiter des rumänischen Geheimdienstes 1989

Christopher Smith, Abgeordneter im US-Kongress

Stelian Tanase, Politologe in Rumänien

Dan Voinea, Generalstaatsanwalt nach Ceausescu

Freund des Westens

Lindlau: „Noch mit Datum vom 3. September 1987, also knapp ein Jahr vor der weltweiten Empörung über Ceausescus »Bulldozerpolitik« und 13 Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Systematisierung der Dörfer, war der deutschen Botschaft in Bukarest vom Auswärtigen Amt in Bonn ein geheimes Richtlinienpapier übermittelt worden, in dem aufgelistet war, warum der rumänische Despot als Freund des Westens zu gelten habe. In dem Papier hieß es: Die letzten sowjetischen Truppenkontingente seien schon 1958 auf Drängen von Ceausescus Vorgänger Gheorghe Gheorghiu-Dej aus Rumänien abgezogen worden. 1967 habe das Mitglied des Warschauer Pakts noch vor Jugoslawien diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland aufgenommen. 1968 habe sich Ceausescu geweigert, seine Truppen an der militärischen Intervention der fünf anderen Staaten des Warschauer Pakts gegen den Prager Frühling zu beteiligen. Als erstes Land des Ostblocks habe Rumänien 1973 einen Wirtschaftsvertrag mit der Bundesrepublik Deutschland abgeschlossen und 1979 der Eröffnung eines deutschen Kulturinstituts zugestimmt. Schon 1980 sei die Unterzeichnung erster Verträge mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft erfolgt, und vier Jahre später habe Rumänien dann sogar an den Olympischen Spielen teilgenommen, obwohl die Gerontokraten in Moskau deswegen im Dreieck gesprungen waren. Ceausescu war im Westen zum leuchtenden Vorbild  für die anderen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang geworden. Eine Redaktion der ARD mußte sich vor dem Richtlinienausschuß eines Rundfunkrats verantworten, weil sie Ceausescus Spitzelsystem und seinen Terror in einem Kommentar angeprangert hatte.“

Feind des Westens

„Dann schlug die Stimmung um. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Die Linke und die Rechte in Deutschland wurden sich über Nacht einig, daß der rumänische Regierungschef ab sofort als der blutrünstigste Tyrann des Ostblocks zu gelten habe. Und die Presse machte wie auf Kommando mit. Nach dem, was wir in Rumänien sahen und hörten, schien Ceausescu zu einem »zweiten Hitler« eine ganze Menge zu fehlen. Sein Terror war nicht mit dem Hitlers zu vergleichen, wenn man den Opfern der Nazis nicht ins Grab spucken wollte. In Tirgu Mures waren bei Ausschreitungen der Miliz vier Menschen ermordet worden. Vier Tragödien. In der deutschen Dissidentenszene war danach von einem »rumänischen Auschwitz« die Rede gewesen.“

Lobbyarbeit

„Laszlo Hamos trägt maßgeblich dazu bei, dass sich die öffentliche Meinung über Ceausescu ändert“. Hamos: „Als wir mit unseren Aktivitäten begannen, war der angeblich Gute in Mitteleuropa der Außenseiter Ceausescu. Und das angeblich Böse, wie es in den frühen 70er Jahren in der New York Times und verschiedenen Leitartikeln dargestellt wurde, war alles, was die territoriale Integrität Rumäniens bedrohte. Einschließlich der ungarischen Minderheit. Es war ein ungemein langwieriger Prozess, die Meinung über ihn um 180 Grad zu drehen, so dass die Minderheit als die Guten wahrgenommen wurde, die von einer aggressiven territorialen Regierung verfolgt wurde.“

„Laszlo Hamos und andere betreiben zeitgleich intensives Lobbying im Kongress. Ceausescu soll Kredite oder Beihilfen nur noch bekommen, wenn er reformwillig ist. Der rumänische Diktator lässt sich nicht unter Druck setzen und beginnt seine Auslandsschulden abzubezahlen. April 1989 ist das Land schuldenfrei und das Volk bettelarm.“

Hutchings: „Man zwang ihn, sich zwischen Pest und Cholera zu entscheiden. Er konnte weiter westliche Kredite beziehen zum Preis von Reformen, die sein Regime zu Fall gebracht hätten – oder die Kredite zurück zahlen und dadurch die wirtschaftliche Situation derart verschlechtern, dass sein Regime ebenfalls stürzen würde.“

Smith: „Als man die Geldhähne für internationale, also für amerikanische Unterstützung bei der Umschuldung abdrehte, der wie eine Rettungsleine für Ceausescus Wirtschaft gewesen ist, beschleunigte das seinen Machtverlust.“

Dorfzerstörung + Dissidenten

„Westliche Sender wie Radio Freies Europa, BBC und Deutsche Welle, ersetzten während des Kalten Kriegs die freie Presse im Ostblock, auch in Rumänien … es ist ein Leichtes für den Geheimdienst, Informationen zu manipulieren, Geschichten zu lancieren. Um Massen zu beeinflussen, benutzen sie Dissidenten, die ihren Unmut gegen Ceausescu an die Öffentlichkeit bringen wollen. Als es heisst, Ceausescu plane, 7.000 rumänische Dörfer abzureissen, erhebt Doina Corneu als Erste ihre Stimme“

„Immer mehr Menschen erfahren vom Dorfzerstörungsplan. Inzwischen heisst es, 15.000 Dörfer sollen zerstört werden, vorwiegend die der ungarischen und deutschen Minderheiten“

„Im Ausland mehrt sich der Protest wie erwartet“

„Zur Dorfzerstörungs-Propaganda kamen Berichte über Menschenrechts-Verletzungen. Manche wahrheitsgetreu, andere maßlos übertrieben. Aber 1988 ist das Volk noch nicht zum Aufstand bereit. Die Zeit ist noch nicht reif.“

Lindlau: „Zeitungen, Radio- und TV-Sender hatten monatelang und weltweit über ein Ereignis berichtet, das es nicht gab, nämlich die Bulldozerpolitik Ceausescus, die, so hieß es, dabei war, alle Dörfer Rumäniens zu zerstören. Die Berichte täuschten Millionen von Zeitungslesern und  Fernsehzuschauern und veranlaßten rumänische Bauern, ihre Höfe zu verlassen und zu fliehen. 

Über die »Bulldozerpolitik« Ceausescus, die 8000 Dörfer dem Erdboden gleichmachen sollte oder nach einigen Meldungen längst gleichgemacht hatte, war seit Monaten berichtet worden. Die Berichterstattung war zu einer gigantischen Woge der Empörung aufgelaufen. Was ihr diente, wurde gedruckt und gesendet, was nicht, wurde unterschlagen.

Wie so oft, gab es auch hier einen wahren Kern, der allerdings keine Ähnlichkeit mit den von den westlichen Medien verbreiteten Horrormeldungen hatte.

Aus dem Diktator Nicolae Ceausescu, den das dänische Königshaus ebenso wie König Juan Carlos von Spanien, wie Richard von Weizsäcker, Johannes Rau, die Kaiserin von Japan und andere Berühmtheiten, zum Ritter des höchsten Ordens Dänemarks* geschlagen hatte, aus diesem auch in konservativen deutschen Zeitungen gefeierten Conducator hatten rumänische Dissidenten, die nach Deutschland geflohen waren, über Nacht einen »Dracula« gemacht und einen Despoten, »schlimmer als Hitler«. Was den radikalen Stimmungswandel verursachte, war ein Gesetz zur Dorfsystematisierung. Ceausescu hatte das Gesetz 1974, also sechs Jahre vor der Ordensverleihung, unter dem Beifall seiner Gesinnungsfreunde bekanntgegeben.“

Dagobert Lindlau vergaß zu erwähnen, dass die englische Königin Nicolae Ceausescu 1978 in den Adelsstand erhob. Weiter mit Dagobert Lindlau:

„Der Verehrung des Westens für den rumänischen Diktator hat es nicht geschadet. Viele westliche Zeitungen begrüßten sogar den Versuch, die zunehmende Landflucht, die dem Land die Lebensbasis entzog, durch den Aufbau »agro-industrieller Zentren« aufzuhalten … Ungarn hatte eine Chance für seine Begehrlichkeiten in bezug auf Siebenbürgen gewittert, das Gesetz über die »Systematisierung« aber erst 14 Jahre nach dessen Inkrafttreten hochgespielt und ausgebeutet. Und die gesamte westliche Presse fiel darauf herein. Nicht eine einzige Zeitung in Deutschland sah sich veranlaßt, wenigstens im nachhinein die Berichterstattung zu korrigieren. Die Unfähigkeit, eigene Fehler einzugestehen, unterscheidet die gehobene deutsche Presse von der gehobenen angelsächsischen, die eigene Fehler nicht nur korrigiert, sondern ihren Lesern immer wieder erklärt, wie und warum es zu einer falschen Berichterstattung gekommen ist …

Während sich in der westlichen Presse die Berichte über die angebliche Bulldozerpolitik Ceausescus überschlagen, bekommen wir zu unserer Überraschung von der Presseabteilung des Zentralkomitees der Partei die Genehmigung, Bukarest zu verlassen und uns im Land umzusehen, wo immer wir wollen, um mit Kamera und Mikrophon über die Systematisierung zu berichten. Das hatte es noch nie gegeben. Schon gar nicht für kritische Regionen wie um das Dorf mit dem deutschen Namen Gottlob, das angeblich bereits dem Erdboden gleichgemacht war. Wir lassen einen Aufpasser, den sie uns mitgegeben haben, damit er uns die Türen der lokalen Parteibonzen öffnet, vor den Dörfern stehen, denn wir wollen ungestört mit den Bewohnern reden und finden in Gottlob einen Bauern, der Deutsch kann. Viele sind weg, sagt er, weil sie westliche Sender gehört haben. Sie hätten zwar gewußt, daß das angeblich dem Erdboden gleichgemachte Dorf noch steht, waren aber aufgrund westlicher Nachrichten sicher, daß es demnächst dem Erdboden gleichgemacht werden würde. Die westliche Desinformationskampagne war zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung geworden.

Alle der angeblich zernierten Dörfer, die wir besuchten, standen noch. In Bukarest zurück, fand ich im Hotel eine Nachricht des deutschen Botschafters Dr. Matthias vor. Ob wir vor dem Abflug nach Deutschland noch auf einen Bissen in der Residenz vorbeikommen könnten. Der Botschafter wollte von uns wissen, was wir gesehen hatten. Nach der Rundreise waren wir davon überzeugt, daß die Rumänen weder das Geld noch das Personal, geschweige denn die Organisation hatten, um gegen den Willen eines großen Teils der Bevölkerung eine Systematisierung in dem von der westlichen Presse geschilderten Ausmaß durchzusetzen.

Außerdem, erzählten wir dem Botschafter, stünden die Dörfer noch, die angeblich längst zerstört waren. Er fand damit seine eigenen Beobachtungen bestätigt. Aber schnallen Sie sich fest an, gab er uns mit auf den Weg, wenn Sie das berichten. Das hört in Deutschland jetzt keiner gern.

Die Spezialisten, die beim BND in Pullach auswerten, was ihre Beschaffer aus Rumänien berichten, bestätigten, was wir gesehen hatten. Aber auch der Präsident des BND Hans-Georg Wieck prophezeite uns nach einem Recherchengespräch, daß uns der Bericht um die Ohren fliegen werde. Warum denn der BND nicht wenigstens das Auswärtige Amt und damit den Außenminister korrekt informiert habe, will ich von Wieck wissen. Da gebe es Transportprobleme, sagt Wieck.

Was für Transportprobleme? Auch die im Auswärtigen Amt lesen lieber die Bild-Zeitung als unsere Berichte.“

Medien in Deutschland

Lindlau: „Fritz Pleitgen ist bereit, die Reportage zu senden, die der gesamten Berichterstattung widerspricht. Sie wird im Weltspiegel des WDR am 20. November 1988 unter dem Titel »Die Dörfer stehen noch« ausgestrahlt.

Danach sind wir vogelfrei. Die Hatz geht auf. Im Sender werden Gerüchte gestreut, Ceausescu habe uns für den Bericht bezahlt. Ich sei mit Elena Ceausescu ins Bett gegangen, um eine Drehgenehmigung zu bekommen. Mein Sender macht in der Hauptsendezeit zwei Stunden frei, um seinen eigenen Reporter von einer Dissidentenriege, verstärkt durch den SZ-Korrespondenten Olaf Ihlau, schlachten zu lassen. In der Maskenbildnerei begegne ich Ihlau beim Schminken. Na, sagt er zu mir, heute werden Sie zur Sau gemacht. Ein rumänischer Experte wird ausgeladen, damit er in der Sendung keine echten Daten und Zahlen vorlegen kann. Der bayerische Verfassungsschutz schnüffelt in meiner Umgebung herum, ein Geheimdienst, der vor allem durch den Ministerialdirigenten und Chef der Staatsschutzabteilung im Bayerischen Innenministerium, Dr. Hans Langemann, in die Schlagzeilen gekommen ist. Langemann hatte sich als Handlanger der CSU aufgespielt und als Provinz-James-Bond geheime Akten verhökert. Meine Telefonate werden abgehört, Briefe geöffnet. Der TV-Hanswurst Karl Dall distanziert sich unter dem Beifall seines Publikums von unserem Bericht, den er vermutlich gar nicht gesehen hat. Die Redaktion von III nach 9 in Bremen lädt mich unter einem Vorwand in die Talkshow ein, wo mich Giovanni di Lorenzo wegen meiner vermeintlichen Unterstützung des Ceausescu-Regimes zur Rechenschaft zieht. In der Redaktionskonferenz meines Senders behauptet ein Kollege, die BBC habe Filmmaterial, das mich als Begleiter Ceausescus auf der Bärenjagd in den Karpaten zeige. Er nimmt das erst zurück, als ich drohe, die Namen von deutschen Politikern zu nennen, die wirklich in Rumänien Klinken geputzt hatten, um mit Ceausescu auf Bärenjagd gehen zu dürfen und um nachher in seinen Jagddatschen mit Saufgelagen ihre Jagderfolge zu feiern.

Nach ein paar Monaten bin ich reif, will aufgeben und meinen Beruf an den Nagel hängen. Wenn Reporter nicht mehr berichten dürfen, was sie mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben, sollten sie etwas anderes machen. Ich verhandle mit einem amerikanischen Unternehmen, das mir die Leitung einer Presseabteilung anbietet, damit ich meinen Kollegen künftig für das dreifache Gehalt erzähle, was ich selbst nicht glaube.“

Dissidenten

Lindlau (im Film): „Gottlob sollte vollkommen flach gemacht worden sein. Ich bin hingefahren und Gottlob gab’s nach wie vor. Dann kam ich zurück, dann haben mir die Dissidenten gesagt‚ na ja, die haben nur gewartet, bis Sie wieder weg sind, und jetzt ist das Dorf nicht mehr da‘ – also fuhr ich ein zweites Mal dahin – Gottlob war immer noch da.“

Lindlau: „Läden ohne Schlangen zu drehen konnte uns von den rumänischen Dissidenten in Deutschland als Unterstützung eines totalitären Regimes angekreidet werden.

Bei diesen Leuten geriet man schnell in den Verdacht, ein Sympathisant Ceausescus zu sein. Selbst ein Nebensatz über das herrliche Herbstwetter in Rumänien stieß auf Kritik. Im Lande Ceausescus hatte es zu regnen. Auch gute Zeitungen wie die Süddeutsche beugten sich dem Trend. Die SZ berichtete, daß in Rumänien nur 20-Watt-Birnen erlaubt seien, um Strom zu sparen. Tatsächlich konnte man so viel Strom verbrauchen, wie man wollte, wenn man bereit war, die progressiv ansteigenden und daher aberwitzigen Kosten zu bezahlen. Außerdem gab es weder in Rumänien noch sonstwo 20-Watt-Haushaltsbirnen, sondern nur 25 Watt starke. Fünf Watt Abzug ä conto Trend …

Die Scham, mitgemacht zu haben, der Wunsch, sich reinzuwaschen, und die Wut auf ein verhaßtes Regime hatten zu den klassischen Symptomen einer Massenpsychose geführt: Realitätsverlust, Wahnvorstellungen und Aggression. Redaktionen, die Berichte gegen den Trend zulassen, gibt es in vielen guten Zeitungen und TV-Sendern. Aber sie sind selten. Was nicht von allen Medien wiedergekäut wird, gerät leicht in den Verdacht, nicht wahr zu sein. Nur was viele glauben, ist wahr.

Eine Schlüsselfunktion haben bei solchen Desinformationskatastrophen sehr oft Dissidenten, die bestenfalls daran interessiert sind, sich an einem Unrechtsregime zu rächen, das sie vertrieben hat, und die schlimmstenfalls einen Umsturz zu ihren Gunsten herbeiführen wollen, der ihnen nicht nur die Rückkehr ermöglicht, sondern auch andere Vorteile verschafft. Was rumänische Dissidenten in Ungarn, Österreich und Deutschland an Zweckpropaganda in die Welt gesetzt haben, hat zwar nicht zu einer vergleichbaren außenpolitischen Katastrophe geführt wie später die frei erfundenen Informationen von Dissidenten über die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins, aber die Dramaturgie ist die gleiche. Dissidenten sind unbrauchbare Quellen. Wenn Nachrichtendienste zögern, eigene Spione loszuschicken, weil sie an die Wand gestellt oder zu Tode gefoltert werden, wenn man sie erwischt, und sich statt dessen auf Dissidenten verlassen, werden sie irregeführt.“

Aktionen im Hintergrund

„Die nationalen Interessen von Ungarn und den USA decken sich. Speziell, was Rumänien betrifft. Ceausescu ist ein Hindernis der europäischen Wiedervereinigung und damit eine Bedrohung für Ungarns weiteren Reformprozess.“

Nemeth: „Deshalb war es wichtig, diejenigen aus dem Weg zu räumen, die diesen Prozess aufhalten und verhindern würden, unter anderem Ceausescu … aus dieser Sicht also waren die Wege erst geebnet, als er verschwunden war.“

Nemeth: „Wir haben ihnen eine Menge Hilfe angeboten, sogar Waffen und Munition. Wir haben versucht, Schlüsselpersonen zu beeinflussen. In verschiedenen Abteilungen und Ministerien gelang es uns, gute Leute zu finden, die in der Lage waren, auf raffinierte Weise andere Leute in rumänischen Regionen zu unterstützen. Einige der Personen in Schlüsselpositionen sprachen fließend Ungarisch.“

Zündender Funke in Temesvar

Fonrielle: „Die Umstände müssen vorbereitet werden und gegebenenfalls so verfälscht werden, dass sie es erlauben, die Revolution auszulösen … Der Nachrichtendienst wird mit Szenarien arbeiten, die ein Geschehen als glaubwürdig erscheinen lassen, die aber vollkommen gefälscht sind. Also, im Falle Rumäniens sage ich nicht, dass die erste Demonstration in Temesvar vollkommen gefälscht war. Aber es gab Fälle, bei denen die Vorgänge komplett manipuliert waren.“

"Mit gezielter Hilfe zündet der Funke. Am 17. Dezember gehen in Temesvar Tausende auf die Straße.“

„Radio Freies Europa spielt stündlich einen Bericht, gestaltet mit Schüssen und Schreien. Die Menge wird zusätzlich durch ausgebildete Provokateure angeheizt.“

Tote in Temesvar

Ratiu: „Im rumänischen Brasov gab es im November 1987 eine ähnliche Bewegung. Da niemand gestorben ist, haben sich die Leute beruhigt. Und dann, bei der Wiederholung, hat man die Schlussfolgerung gezogen, dass, bevor nicht genug Menschen gestorben sind, sich das Volk nicht erheben wird.“

Ratiu: „Die Securitate hatte Informationen und ist auch gezielt in diese westlichen Lager eingedrungen. Es gibt ein Lager in Deutschland, in Zirndorf, ein anderes in der Nähe von Wien, in Traiskirchen, eines in Budapest, noch ein weiteres in Ungarn, in Becske, 40 Kilometer in Richtung Österreich in einer ehemaligen Kaserne. Hier wurden Leute in Guerilla-Techniken ausgebildet. Es wurden Einheiten ausgebildet, die Unruhen stiften sollten, um die Volksrebellion zum Ausbruch zu bringen. Obwohl diese Lager sich innerhalb Deutschlands, Österreichs und Ungarns befanden, waren die Ausbilder Amerikaner.“

Nemeth: „Die Deutschen, die Amerikaner in Österreich, im Süden von Deutschland und auch einige andere Länder beteiligten sich daran und haben die richtigen Leute trainiert. Wir wussten zu dem Zeitpunkt darüber Bescheid und haben unseren Teil dazu beigetragen.“

Fonrielle: „Man wird das führende Regime dazu zwingen, auf brutale Weise zu reagieren, damit die Opposition sich offenbart und sich die Massen in Bewegung setzen. Und zu genau diesem Zeitpunkt greift das befreundete Nachbarland ein. Aus humanitären, aus politischen Gründen. Dann sorgen die Verbündeten für Stabilität. Sie gewährleisten Sicherheit und erlauben endlich die Machtübernahme einer neuen Regierung. Mit einem Staatschef, der von den Oppositionsleuten anerkannt wird.“

Die Folgen

Tanase: „Die Figur Ceausescus als Landesvater war nach dem Temesvar-Massaker vollkommen zerstört, vollkommen. Jeder, der ihn sah, wusste, dass er ein Diktator ist, dass Blut an seinen Händen klebt. Sein Image hatte sich total verändert: Er hatte das Image eines Mörders, eines Meuchlers. Als er anfing, das Volk zu töten, war er am Ende. Er war sehr schlecht beraten, diese Kundgebung abzuhalten – oder vielleicht war es die Arbeit eines Geheimdienstes? Irgend jemand sagte zu ihm: ‚Lasst uns die Menschen zusammen rufen und zeigen, dass Sie noch beliebt sind‘ – und er stimmte zu.“

Nemeth: „Ungefähr eine Woche später folgten auf die Initiative, die von dem ungarischen Pastor ausging, die Ereignisse in Bukarest und in den anderen großen Städten. Das war auch kein Zufall, bestimmt nicht.“

Lindlau: „Wenige Wochen danach wird die Flintenjustiz eines Schnellgerichts Ceausescu und seine Frau Elena zum Tode verurteilen, von Schergen in einen Hinterhof zerren und dort wie Vieh über den Haufen schießen lassen. Vermutlich damit der Conducator und seine Frau nicht mehr vor einem ordentlichen Gericht über ihre Helfer reden können.“

Mit „wenige Wochen danach“ meint Dagobert Lindlau das Interview, das er mit Nicolae Ceausescu einige Wochen vorher drehen konnte. Die Art und Weise, wie dessen Umfeld agierte, ließ Dagobert Lindlau zum Schluss kommen, dass Nicolae Ceausescu nicht mehr lange Staatspräsident sein würde.

„Terroristen“

„Man behauptete, es gäbe 60.000 Tote, um die Angst vor den sogenannten „Terroristen“ zu schüren. Rumäniens Bevölkerung wird aufgerufen, die Revolution gegen die Ceausescu-treuen Truppen zu verteidigen. Nach den Wirren leitet Militärstaatsanwalt Dan Voinea eine Untersuchung.“

Voinea: „Wir haben etwas Erstaunliches dabei entdeckt. Nach dem 22. Dezember 1989 gab es ein großes Ablenkungs-Manöver. Es wurden sogenannte „Terroristen“ erfunden, die angeblich die Bevölkerung angegriffen haben. In Wirklichkeit und unserer Ermittlung zufolge hat es diese Terroristen nicht gegeben.“

Ratiu: „In Bukarest, am Beginn der Ereignisse, gab es auch Konfusion, weil die Armee angefangen hat, auf wessen Befehl weiss ich nicht, Waffen an die Zivil-Bevölkerung zu verteilen. Es wurde befohlen, die Anhöhen zu besetzen und alle glaubten, die jeweils anderen seien Terroristen. Und sie haben sich gegenseitig beschossen.“

Fonrielle: „Solange die öffentliche Sicherheit zum Zeitpunkt einer solchen Revolution nicht voll gewährleistet ist, kann man sich nicht sicher sein, die Bevölkerung voll und ganz in der Hand zu haben. Diese Scharfschützen werden den Terror aufrecht erhalten, werden die Bevölkerung in einer Verfassung halten, die dazu veranlasst, zu glauben, dass der Diktator weiterhin eingreift. Also wird diese Bevölkerung versuchen, die Revolution noch mehr voranzutreiben, um die völlige Freiheit zu erlangen und um die vollständige Ausschaltung des Diktators zu erreichen. Man muss eine gewisse Unsicherheit aufrecht erhalten, bis die neue Regierung etabliert ist.“

Nemeth: „Die Bedeutung eines Ereignisses kann nicht durch die Augen eines Einzelnen erfasst werden, sondern erst im Lauf der Geschichte. Um zum Beispiel demokratisch zu werden, muss fast jedes Land zahllose Opfer bringen.“

Fonrielle: „Es muss Opfer geben, weil ohne Opfer eine Revolution nicht glaubwürdig ist.“

Gefälschte Tote für die Medien

Lindlau: „Wenn sich Reporter widerspruchslos der redaktionellen Aufbereitung fügen, dann haben sie ein schlechtes Gewissen. Tun sie es nicht, dann wird das, was sie beschreiben, entweder nicht oder nur ungern gedruckt oder gesendet. Am ehesten noch in publizistischen Nischen, wie zum Beispiel Transatlantik eine war. Nur da oder in der International Herald Tribune war es möglich, nach dem Sturz Ceausescus den Schwindel mit den angeblichen Folterleichen der Securitate auffliegen zu lassen.

Tatsächlich waren diese Folterleichen ein Mann, der unter Alkoholeinfluß in ein stillgelegtes Abflußrohr gekrochen und darin erstickt war. Man hatte die stark verweste Leiche mit Drähten herausgezogen. Die Drähte wurden in den Bildunterschriften der westlichen Medien zu Fesseln der Folterer. Außerdem zeigte man, an den Situationsnähten deutlich erkennbar, die kunstgerecht sezierte Leiche einer Frau, die im Krankenhaus an Alkoholabusus gestorben war. Man hatte ihr zum Fototermin einen ebenfalls obduzierten Säugling auf die Brust gelegt, der nichts mit ihr zu tun hatte. Der Säugling war ein Opfer des SIDS-Syndroms (sudden infant death syndrome) gewesen. Der Nachweis der Fälschungen machte die Verelendungsdiktatur des Conducators Ceausescu nicht besser, aber eine Fälschung ist eine Fälschung.

Am 29. Dezember 1989 macht die International Herald Tribune mit der Nachricht auf, daß die Revolution nicht - wie von allen Medien verbreitet - 80000 Tote, sondern 766 Tote gefordert habe. Auch 766 Tote sind 766 Tote zuviel. Selbst dann, wenn Menschen, die an Krankheiten oder durch Verkehrsunfälle gestorben sind, mitgerechnet werden, wie der französische Reporter, der von einem Panzer überfahren worden war. Aber 79 234 Totgesagte, die von der Dissidentenszene zu Propagandaleichen gemacht worden waren, lebten noch. In der deutschen Presse wird die Nachricht unterschlagen.

Am 23.Januar 1990 lassen die International Herald Tribune und der TV-Sender RTL die  Fälschung endgültig platzen. Drei rumänische Arzte treten bei RTL auf und bestätigen dem Reporter Ullrich Meyer, daß die angeblichen Folteropfer der Securitate eines natürlichen Todes gestorben sind und von ihnen routinemäßig obduziert wurden, um die Todesursachen zu klären. Am Tag danach meldet die Nachrichtenagentur APA: »Die Toten waren keine Revolutionsopfer, sondern Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben sind, die bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sind oder ertranken.«

Die Meldung bestätigt, daß der Säugling auf der Brust einer an Alkoholabusus verstorbenen Frau von Fotografen dorthin gelegt wurde und mit der Frau nichts zu tun hat. Der Trend hält sich trotzdem. Fast alle Medien verbreiten die Bilder von den Leichen nach wie vor im Folterkontext. Am 7. Februar 1990 beschwert sich ein deutscher Fußballfunktionär darüber, daß die Bilder von den Folterleichen vom Fernsehen viel zu selten ausgestrahlt würden. Deshalb seien zu einem Benefizspiel zwischen dem FC Bayern München und der rumänischen Nationalmannschaft nur 4000 Zuschauer ins Stadion gekommen. Das Fernsehen sei schuld daran, daß die Einnahmen nicht den Erwartungen entsprochen hätten, weil es die Folterleichen der Securitate nicht oft genug gezeigt habe …

Unsere Dolmetscherin erzählt, man habe ihren vor sechs Jahren an Krebs verstorbenen Großvater exhumiert und seine sterblichen Überreste als Opfer der Securitate zur Schau gestellt. Eine Bewohnerin von Timisoara berichtet, man habe ihren toten Hund, den sie heimlich und nächtens in einer Grünanlage vergraben hatte, wieder ausgebuddelt. Im siebzehnten Jahrhundert hat der Dekan der Pariser Universität das Phänomen beschrieben: Hexen findet nur jemand, der an Hexen glaubt. Und er hatte hinzugefügt: Es gebe Krankheiten der Phantasie, die ansteckend sind …

Die 80000 Opfer der Revolution hat es also nie gegeben. Mehr noch: Einiges spricht sogar dafür, daß es die verhaßte Securitate war, die verhindert hat, daß Zehntausende sterben mußten. Wer das damals publiziert hätte, wäre geteert und gefedert worden …

Der Chef der Securitate, Generalleutnant Julian Vlad, brachte den Regierungschef zum Flugplatz, kam niedergeschlagen und deprimiert zurück und befahl Oberst Gheorghe Ratiu, mit allen Einheiten der Securitate im Land Verbindung aufzunehmen, um ihnen zu sagen, daß sie keinesfalls in die Menge der Demonstranten schießen sollten. Die Securitate galt als Inbegriff von Ceausescus Regime und war es vermutlich auch. Sie hatte aber vor allem eine nachrichtendienstliche Aufgabe, das heißt, sie überzog das Land mit Spitzeln. Proteste auf der Straße sollten von den Truppen der Miliz und von der CTS (Commando Trupelor de Securitate) niedergeschlagen werden. Im Apparat dieser Kreuzung aus Nachrichtendienst und Geheimpolizei gab es neben Oberst Ratius Direktion 1 fünf weitere Direktionen. Die Direktion 2 sollte die Wirtschaft schützen. Die Direktion 3 befaßte sich mit Spionageabwehr und die Direktion 4 mit der militärischen Gegenspionage. Aus der Direktion 5 rekrutierte sich die Leibgarde Ceausescus. Die Direktion 6 beschäftigte sich nur mit Strafverfolgung.

Eine Sondereinheit war die USLA, ausgebildet für den Einsatz gegen terroristische Attacken. Sie schützte Botschaften, kontrollierte Flughäfen, wurde aber nicht gegen Demonstranten eingesetzt wie die regulären Truppen der Securitate, die CTS-Miliz. Bei Schießereien waren Militär und Securitate leicht zu unterscheiden. Die einen hatten rote, die anderen blaue Kragenspiegel. In der deutschen Presse wurde jeder, der schoß und eine Uniform anhatte, zum Mitglied der Securitate.“

Revolution in Temesvar

Offensichtlich kannte Dagobert Lindlau den Film von Susanne Brandstätter nicht. Denn er schreibt „Die Revolution zwischen dem 16. und 22. Dezember 1989 hätte auch in Bukarest, lasi, Cluj (Klausenburg), Kronstadt, Ploiesti, Pitesti, Constanta oder Galati beginnen können. Sie war kein Umsturzversuch von Aufrührern, sondern eine echte Volkserhebung gegen das Regime Ceausescu. Daß sie in Timisoara begann, war mehr oder weniger Zufall. Sie hatte sich dort am Protest gegen die Ausweisung eines ungarischen Dissidenten, des Pastors Läszlö Tökes, entzündet.“

Selbst einen solch erfahrenen Reporter wie Dagobert Lindlau kann mensch täuschen – nicht aber den Wurm. Bekanntlich kann dieser durch ein unterirdisches Wurmloch durch die Zeiten und Räume wandeln, und über dunkle Kanäle und finstere Gestalten an so manche Sachen heran kommen, was den Normalsterblichen verschlossen bleibt (siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/123-johannis-fest.html ).

Und kann schildern, wie das „normale Volk“ die Revolution erlebt hat:

Die Stimmung war nicht gerade revolutionär, aber auf Nicolae Ceausescu bzw. den real existierenden Sozialismus waren nicht viele gut zu sprechen.

Ausgangspunkt war der Geistliche Laszlo Tökes, ein ungarischer Nationalist der übelsten Sorte. Auch heute noch. Was Nachrichten aus Ungarn, aber auch die Länder Osteuropas angeht, ist der „Pester Lloyd“ eine gute Quelle. So auch hier:

http://www.pesterlloyd.net/Links/suche/suche.html?cx=partner-pub-2377804231135252%3Abu4tzqlvg7j&cof=FORID%3A10&ie=windows-1250&q=t%F6kes&sa=Suche&siteurl=www.pesterlloyd.net%2FLinks%2Fsuche%2Fsuche.html&ref=www.pesterlloyd.net%2Fosteuropa%2FROBLG%2Froblg.html&ss=2049j1335857j5

Außerhalb seiner eigenen Gemeinde war er in Temesvar so gut wie unbekannt. Los ging’s am 16. Dezember. Am 17. Dezember war jedem in der Stadt bekannt, dass etwas passiert ist und dass in einer Einkaufsstraße, in der sich die Menschenmenge befand, alle Scheiben eingeschlagen waren und alles darin Befindliche gestohlen war.

Die Leute wollten sehen, was da los war und wurden dazu aufgestachelt, ins Zentrum zu gehen. Polizei und Securitate verhielten sich ruhig und irgend wann kam Militär ins Spiel. Es wimmelte vor Gerüchten, Genaues war nicht bekannt. Und dann hieß es „es wird geschossen“.

Am 2. bzw. 3. Tag scheinen tatsächlich Teile des Militärs geschossen zu haben. Ansonsten dürften etliche Heckenschützen geschossen haben. Nicht nur Demonstranten, sondern auch weitab von den Demonstrationen wurden einzelne Menschen erschossen. Etwa in ihren Wohnungen oder auf dem Weg zur Arbeit. Entweder wahllos oder weil persönliche Rechnungen damit beglichen wurden.

Die Tunichtgute, also stadtbekannte, gewaltbereite junge Männer im Alter zwischen ca. 18 und 25 Jahren (wie es sie in großer Anzahl in jedem Dorf und jeder Stadt gibt), waren plötzlich mit Kalaschnikows ausgestattet und bewachten ihre „Reviere“ in den jeweiligen Straßen. Keiner wusste, woher sie diese Waffen hatten. Ab und zu waren in den Wohngebieten Schüsse zu hören.

Mittlerweile war richtig revolutionäre Stimmung und die Demonstranten waren „wild“. Heute käme kein Mensch mehr darauf, dass die heutzutagigen „braven Bürger“ damals die Geschäfte geplündert haben, alles, was nicht niet- und nagelfest war, genommen und damit die Militärs beworfen haben. Dazu gehörten etwa volle Gurkengläser.

Beim Sturm auf den Stadtrat wichen die Militärs dann doch zurück (wer lässt sich auch gern mit Gurkengläsern beschmeissen). Die Stadträte wurden abgesetzt und neue Stadträte bestimmt. Die neuen Stadträte waren weitest gehend unbekannt, waren aber gut im Reden schwingen.

Von der Kommunistischen Partei gab es einen Aufruf an die Parteifunktionäre, die Stellung in den Industriebetrieben zu halten, also Streiks zu verhindern. Das war nicht nötig, denn die meisten Menschen kamen zur Arbeit und arbeiteten auch. Bemerkenswert ist, dass während der ganzen Revolution die gesamte Infrastruktur funktioniert hat. Zumindest war sie nicht schlechter als vorher.

Jedoch waren in der ganzen Stadt alle Scheiben der Geschäfte zerbrochen und alles darin Befindliche geklaut. Das wurde dann auf den „Volkszorn“ geschoben.

Es gab jede Menge Gerüchte. Vor allem „Radio Freies Europa“ hat diese gestreut. Da hieß es, Ceausescu wolle Temesvar „platt“ machen, etwa durch die Sprengung von in der Stadt sich befindlichen Chemie-Fabriken; aus dem ganzen Land würde Militär dorthin zusammen gezogen; die Securitate bringe die Leute in den Krankenhäusern um oder das Trinkwasser würde vergiftet.

Ein harmloseres Gerücht besagte, dass die Menschen in der Großbäckerei nicht arbeiten könnten und es deshalb kein Brot mehr gäbe. Es gab tatsächlich Leute, die darauf hin zur Großbäckerei gingen und sich anboten, dort zu arbeiten. Sie wurden nach Hause geschickt, denn alle Arbeiter waren bei der Arbeit und die Versorgung mit Brot war sicher gestellt.

Als die Revolution in Bukarest und im Rest des Landes los ging, war sie in Temesvar schon wieder vorbei. Allerdings wurden noch Wochen später bei Tag und bei Nacht vor der Oper revolutionäre Reden geschwungen und noch Wochen lang stand dort in der Nähe ein Panzer (ohne Besatzung) als Zeichen der Verbundenheit zwischen Militär und Volk.

Kaum war der Sozialismus zu Ende, ging die große Beterei los. Vor der Rumänisch-Orthodoxen Kathedrale wurden zahlreiche Holzkreuze aufgestellt und viele wurden auf einmal religiös. Die orthodoxen Kirchen sind meistens sehr eng mit dem Staat verbunden. Im sozialistischen Rumänien war das nicht anders. Nachdem jeder Pope in jedem seiner Gottesdienste für das persönliche Wohl von Nicolae Ceausescu hat beten lassen, waren sie (die Popen) jetzt auf einmal „Verfolgte des Regimes“.

Noch im Dezember trafen die ersten Hilfslieferungen aus Deutschland ein. In erster Linie waren das Carepakete und Waschmittel. Das deutet darauf hin, dass das schon länger geplant war. Auch 10 VW-Busse trafen ein, die auf deutsche Einrichtungen verteilt wurden: dazu gehören das deutschsprachige Lenau-Lyzeum, Zeitungs-Redaktionen und Kirchen.

Rumänien nach der Revolution

Zur diesjährigen „Braunen Revolution“ in der Ukraine schrieb der Wurm etwas, das auf die meisten ehemaligen sozialistischen Länder zutrifft, also auch auf Rumänien:

„Um die Gegenwart der Ukraine zu verstehen, muss mensch ihre jüngere Geschichte kennen: das Land war bis 1991 Teil der großen Sowjetunion, das Leben im Sozialismus war kein Zuckerschlecken und es gab genügend Grund zu schimpfen. Aber: es gab keine Arbeitslosigkeit; die Grundbedürfnisse wie Miete und Lebensmittel waren stark subventioniert und gegen alle Unwägbarkeiten des Lebens gab es eine Absicherung. Da es schon damals eine größere Korruption gab, war diese Absicherung nicht immer optimal, aber sie war halbwegs gewährleistet.

Nach dem Ende des Sozialismus fielen die Subventionen weg. Mit dem Ergebnis, dass sich viele ihre Grundbedürfnisse nicht mehr leisten konnten (wie die meisten Rentner) und viele arbeitslos wurden. Die konnten sich natürlich auch nichts mehr leisten. Eine adäquate Krankenversorgung gibt es natürlich auch nicht mehr. Wer seine Operation nicht bar bezahlen kann, kann davon ausgehen, statt ins Krankenhaus direkt auf den Friedhof zu kommen.

Die Folge ist, dass viele das Land verlassen und versuchen, im Ausland zu arbeiten bzw. sich im wahrsten Sinne des Wortes zu prostituieren. Auch wer in der Ukraine Arbeit hat, hat sehr oft nicht das Geld, das er zum Leben braucht. Natürlich haben materielle Probleme auch Folgen für die Familien: die Scheidungsrate ist mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland und viele Kinder wachsen bei einer allein erziehenden Mutter oder der Großmutter auf - oder sind ganz allein auf sich gestellt.

Dazu kommt noch die Rolle der Kirchen, die wg. verzweifelter Lage der Menschen immer stärkeren Zulauf bekommen. Während die „westlich“ orientierten Kirchen wie die Katholische Kirche wenigstens noch einen sozialen Anspruch haben und wenigstens ein klein wenig tun, gibt es dieses soziale Denken bei den orthodoxen Kirchen so gut wie gar nicht.

Dazu kommt noch der Ausverkauf des Staates: rentable Firmen und Immobilien wurden nach Einzug des Kapitalismus zu Schleuderpreisen verkauft (natürlich mit entsprechender „Provision“ an die Entscheidungsträger), was zu einer Kaste von extrem reichen Menschen geführt hat. Zu Lasten des Volkes. Diejenigen, die durch ihre Korruptheit schon im Sozialismus vorzüglich gelebt hatten, können jetzt aber so richtig abkassieren. Der Volkszorn ist entsprechend.

Im Grunde geht das in allen ehemaligen sozialistischen Staaten so zu. Mal mehr, mal weniger.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/57-boxer-aufstand.html

Ca.4 bis  5 Millionen Rumänen sind offiziell ausgewandert. Dazu kommen 2 bis 3 Millionen Rumänen, die saisonal oder dauerhaft in EU-Ländern arbeiten. Mit unguten Folgen für die Familien-Verhältnisse.

Wer durch Rumänien fährt, wird sich wg. der Einkaufsmöglichkeiten wundern: fast wie zu Hause. Von den kleinen Dorfläden abgesehen, kann mensch bei „Edeka“, „Lidl“, "dm", „real“ oder dem österreichischen "billa" einkaufen. Der französische „carrefour“ stört ein wenig beim heimeligen Gefühl genauso wie einer der wenigen rumänischen Läden wie etwa der „Iulius“:

http://www.iuliusmall.com/en/timisoara

In allen Läden gibt es westliche Produkte zu kaufen. Das mag für einige bequem sein; allerdings ist das eher grausig. Wenn im ehemaligen Agrarland Rumänien mehr Tomaten aus Spanien, den Niederlanden oder der Türkei als aus heimischem Anbau angeboten werden, ist das kein gutes Zeichen. Auch nicht, wenn Milchprodukte hauptsächlich von französischen oder schweizer Marken kommen. So ziemlich alles Einheimische, was mit Landwirtschaft und deren Verarbeitung zu tun hatte, wurde von den großen Konzernen platt gemacht.

Früher im Sozialismus konnten die Kleinbauern ihre Erzeugnisse auf den Märkten in den Städten anbieten und konnten davon gut leben (also „bescheiden gut“). Heute wird der heimische Markt mit Billig-Produkten aus dem Ausland überschwemmt. Folge ist, dass viele Felder brach liegen und die ehemaligen Bauern bzw. deren Kinder für billiges Geld im Westen arbeiten müssen. Möglicherweise noch als Erntehelfer.

Viele Ländereien wurden den Eigentümern aus der Zeit vor der Verstaatlichung zurück gegeben. Die haben sich darüber gefreut. Mit zwei nennenswerten Effekten: bei der Rückgabe wurde nicht danach geschaut, ob der Eigentümer die Ländereien auch bewirtschaften will. Wenn der dies nicht wollte oder nicht konnte, wurden aus ehedem blühenden nun verfallene Landschaften. Der andere Effekt war rücksichtslose Ausbeutung, vor allem Abholzung. Mit der Folge von nicht wenigen Erdrutschen in hügeligem Gelände.

Blieb den Kirchen im Sozialismus der Zugang zum Erziehungswesen weitest gehend verwehrt, haben sie jetzt vollen Zugriff darauf. Jetzt gibt es kirchlich geführte Kindergärten, Religions-Unterricht in den Schulen; wissenschaftliche Inhalte in den Schulen wie die Evolutions-Lehre werden mehr und mehr zurück gedrängt.

Wurde im Sozialismus noch auf eine Gleichberechtigung der Geschlechter Wert gelegt, ist das heute nicht mehr der Fall: es gibt mittlerweile deutlich weniger weibliche Führungskräfte sowohl in privaten Firmen als auch in öffentlichen Institutionen.

Der Staat hatte ein starkes Auge auf nationalistische Umtriebe und auf Gleichberechtigung der nationalen Minderheiten. Heute ist das anders. Vor allem gibt es Probleme mit der ungarischen Minderheit. Beiderseits. Teilweise derb. Neben dem berüchtigten Laszlo Tökes gibt es noch mehrere andere, die da gerne zündeln. Auch hier lohnt sich ab und zu ein Blick in den „Pester Lloyd“:

http://www.pesterlloyd.net/osteuropa/ROBLG/roblg.html

So, wie Nicolae Ceausescu und seiner Frau Elena ein im wahrsten Sinne des Wortes „kurzer Prozess“ gemacht wurde, der mit beider Hinrichtung endete, war klar, dass der neue Staat mit dem Begriff „Rechtsstaat“ nicht viel zu tun haben würde.

Die „zweite Reihe“, die Nicolae Ceausescu ehedem überschwänglich gehuldigt hatte und die bei einem ordentlichen Prozess wohl schwer von diesem belastet worden wäre, war jetzt an der Macht und an der Geldmaschine. Und bediente sich dort. Für viele der Intellektuellen, die sich an der Revolution beteiligt hatten, bereit gewesen wären, dazu beizutragen, das Land neu aufzubauen, war das Verhalten der neuen (bzw. alten) Regierung der letzte Anlass, das Land zu verlassen und in den Westen zu gehen.

Zusammenfassung

- das deutsche Außenministerium sagt den Reportern, wie sie über ein bestimmtes Land zu berichten haben. Tun sie das nicht, bekommen sie eins auf den Deckel

- möglicherweise gibt es ernst zu nehmende Dissidenten. In der Mehrzahl aber haben sie eine stark verzerrte Wahrnehmung (bzw. sie lügen maßlos) und hetzen gegen ihr Herkunftsland

- was es auch immer Negatives über sozialistische Wirtschaftspolitik, vor allem über die damalige rumänische Wirtschaftspolitik zu sagen gibt: das größere Problem liegt woanders: In den 1970ern gab es einen wirtschaftlichen Aufschwung in Rumänien und in den 1980ern den Niedergang. Verantwortlich dafür ist nicht der rumänische Sozialismus, sondern ausländische Kräfte im Hintergrund

- über die 1980er in Rumänien gibt es wahre Horror-Geschichten. Menschen neigen dazu, zu übertreiben, vor allem dann, wenn es um ihr eigenes Leid geht. Auch gab es keine Hungersnot: die staatlichen Lebensmittel-Geschäfte waren zwar oft leer, dafür gab es einen florierenden Schwarzhandel (geklaute Lebensmittel aus staatlichen Firmen).  Die wirtschaftliche Situation  führte für Millionen von Rumänen zu Vermögens-Verlusten wg. gesteigerter Korruption und „Unannehmlichkeiten“ wie Strom, Wasser- und Heizungsausfällen. Hauptsächlich auf Betreiben des ungarischen Staates

- der ungarische Staat hat bereits in den 1970ern auf eine Destabilisierung Rumäniens hingearbeitet und (zumindest ab den 1980ern) geheimdienstlich mit den westlichen Ländern zusammen gearbeitet. Zur Erinnerung: das „sozialistische Bruderland“ Ungarn war bis 1989 zusammen mit Rumänien im Militär-Bündnis des „Warschauer Paktes“ und hat 1989 als erstes osteuropäisches Land seine Grenzen geöffnet – vorher muss einiges gelaufen sein)

- die „befreundeten“ Geheimdienste haben zusammen mit ihren rumänischen Helfern bewusst dafür gesorgt, dass es während und nach den Demonstrationen Tote gibt, um die Revolution anzuheizen bzw. weiter führen zu können

- der österreichische Geheimdienst hat munter mitgemischt, obwohl Österreich damals wie heute offiziell neutral war bzw. ist

- antikommunistische Radiostationen wie „Radio Freies Europa“ haben die ganzen Jahre über für Unruhe gesorgt; auch rumänische Nicht-Kommunisten hatten dies als „Hetze“ bezeichnet; und „normale“ Medien haben sich einspannen lassen

- bezeichnenderweise äußern sich in Susanne Brandstätters Film keine Deutsche bzw. Österreicher. Traditionell meinen in diesen beiden Ländern die Oberen, dass die Unteren nicht alles wissen müssten. In anderen Ländern geht es sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Raum wesentlich offener zu

- trotz den hochrangigen Gesprächspartnern und deren Offenheit ist der Film in Rumänien kaum bekannt. Zum Einen hat das damit zu tun, dass der Film von offizieller Seite als „Verschwörungs-Theorie“ und damit als Spinnerei abgetan wird. Zum andern damit, dass sich die Rumänen „ihre“ Revolution nicht nehmen lassen wollen. Genauso wenig wie ihre "Sündenböcke" Ceausescu und Sozialismus. 

Vergleich Rumänien 1989 – Ukraine 2014

An Hand des im Film angegebenen „Putschhandbuches“ zeigt Michael Lehner, wie dieses im Fall der Ukraine umgesetzt wurde:

„Ukraine: Wie das “Putschhandbuch” der Geheimdienste umgesetzt wurde

In der im Jahre 2003 vom ZDF und ORF produzierten Dokumentation Schachmatt – Strategie einer Revolution oder Fallstudie amerikanischer Politik zeichnet der ehemalige Führungsoffizier des französischen Geheimdienstes Direction Générale de la Sécurité Extérieure, kurz DGSE, Dominique Fonvielle den typischen Ablauf eines von außen gesteuerten Putsches in einem Land auf, dessen Führung der Westen “entsorgen” möchte.

Er beschreibt diesen Vorgang kurz anhand von fünf Teilschritten – in seiner Terminologie dem Schachspiel angelehnt -, die in der Regel durch die ausländischen Schlapphutträger gesteuert, unterstützt, logistisch betreut und finanziert werden:

1.Eröffnung

2.Maskierter Angriff

3.Kombination

4.Königsangriff

5.Schachmatt

Im Folgenden soll dieses “Putschhandbuch” nach Dominique Fonvielle mit den bisher vorliegenden Fakten im Falle des illegalen Umsturzes in der Ukraine verglichen werden.

1. Eröffnung

Im ersten Schritt für eine erfolgreiche Umsetzung eines Putsches muss der entsprechende Gegner ausgemacht werden. Bezüglich der Ukraine ein leichtes Unterfangen, da Janukowitsch dem vom Westen gewünschten Verträgen zu einer Annäherung an die EU eine klare Absage erteilt hat. Und stattdessen Russland den Vorzug gab, da sowohl die Finanzierungshöhe als auch die dahinter liegenden Verpflichtungen für das bankrotte Land wesentlich leichter zu tragen waren.

Im Anschluss erfolgen verschiedene nachrichtendienstliche Operationen, um politische Gegner der derzeitigen Regierung zu finden, die für eine Destabilisierung des Landes eingesetzt werden können. Im Falle der Ukraine wurden hierzu von den Geheimdiensten die rechten Gruppierungen Allukrainische Vereinigung „Vaterland“ und Rechter Sektor (Favoriten der USA) und Vitali Klitschko (Favorit der EU) ausgewählt. Beide Gruppen verfügen über zahlreiche Mitglieder, die auch den Einsatz von Gewalt nicht ablehnen. Zusätzlich erfolgen erste finanzielle Unterstützungsleistungen durch den Westen (vgl. dazu Nulands “5 Milliarden US-Dollar-Aussage”).

2. Maskierter Angriff

Nachdem die ersten Maßnahmen eingeleitet und auf den Weg gebracht sind, entwickelt der Geheimdienst eine wirksame Propagandastrategie, die von außen gesteuert wird und belegt, dass der derzeitige Machthaber von der Mehrheit der Menschen abgelehnt wird. Dies führt letztendlich zu ersten Demonstrationen, die von der “ausgewählten Gruppierung” angeführt werden. Bezogen auf die Ukraine erfolgte seitens des Westens eine massive “Propagandashow”, dass die Ukrainer eine EU-Anlehnung vorziehen und eine Annäherung an Russland ablehnen, obwohl nach heutigen Informationen dies keinesfalls gegeben war.

Gleichzeitig versucht die Propaganda die Opposition als legitim und vom Volk gewünscht darzustellen, weil die bestehende Regierung mehrheitlich korrupt, unfähig usw. sei. Es erfolgt eine klassische Konditionierung der Bevölkerung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Diese falschen Tatsachen führen dazu, dass sich die normale Bevölkerung hinter die vom Westen gesteuerten Gruppen stellt und deren Forderungen übernimmt – ohne die eigentlichen Interessen und Interessensvertreter (vgl. hierzu das Chevron-Logo bei Nulands Pressekonferenz zur Ukraine) dahinter zu sehen. In der Ukraine nahm nach der erfolgreichen Konditionierung die Anzahl an Demonstranten sprunghaft zu.

3. Kombination

In diesem dritten Schritt wird der zukünftige Staatschef durch den Westen ausgewählt und aufgebaut. Zumeist greift man dabei auf einen Verantwortlichen der Opposition zurück bzw. auf einen Vertreter, der von der Opposition akzeptiert wird. Im Falle der Ukraine nahmen die EU und die USA unterschiedliche Standpunkte beim Thema neuer Staatschef ein. Während die USA einen der Anführer der Allukrainischen Vereinigung „Vaterland“, Arsenij Jazenjuk als Ministerpräsident bevorzugten (vgl. hierzu das bekannte “Fuck the EU”-Telefonat Nulands), setzte die EU auf Klitschko. Doch dabei hatte die EU zwei wichtige Details vergessen: Der Kandidat sollte nicht aus dem Ausland kommen (Hauptwohnsitz Klitschkos ist Deutschland; sein Ukrainisch nur rudimentär) und er sollte Glaubwürdigkeit besitzen (Millionär Klitschko scheint hier dann wohl doch etwas fehl am Platz, wie unter anderem die “Ablehnung seiner Person per Feuerlöscher” zeigte).

4. Königsangriff

Darunter wird die Vorbereitung und die letztendliche Ausführung des Putsches verstanden. Die Basis dafür wurde mit allseitiger Propaganda gelegt und die westlichen Geheimdienste bauen ein für den normalen Bürger glaubwürdiges Szenario einer kompletten Ablehnung der bisherigen Regierung auf. Eine Vielzahl an Demonstrationen in neuralgischen Städten werden durchgeführt. Gegebenenfalls wiederum mit finanzieller Unterstützung durch den Westen (vgl. hierzu die Berichte, dass die Demonstranten pro Tag 20€ erhielten). Die bisherige Regierung wird massiv unter Druck gesetzt – sowohl inlands wie auch durch die Regierungschefs aus dem Ausland.

5. Schachmatt

Dies führt uns bereits zum letzten Ausführungspunkt im “Putschhandbuch” der Geheimdienste – dem Schachmatt. Bei diesem Schritt wird der amtierenden Regierung größtmögliche Brutalität durch den Westen vorgeworfen bzw. muss durch vom Westen ausgelöste Gewalt dazu gebracht werden, mit Gegengewalt zu reagieren. Damit wird das Ziel einer “Offenbarung” verfolgt, dass die Regierung das Böse ist und die Opposition und die Bevölkerung im Recht sind. Bezüglich der Ukraine scheinen hier die Scharfschützen, die beide Gruppen (Demonstranten und Polizisten) ermordeten, zur Eskalation benutzt worden zu sein. Das Telefonat zwischen Paet und Ashton gibt hier eindeutige Hinweise. Als Folge der – nach dem Drehbuch von der Regierung ausgelösten – Brutalität müssen die Nachbarländer (vgl. hierzu z.B. die Rolle Polens) und Partner der Opposition (EU, NATO) eingreifen. Im Falle der Ukraine flog der deutsche Außenminister Steinmeier mit weiteren Kollegen nach Kiew und verhandelte ein Abkommen mit dem – bis heute legitimen – Präsidenten Janukowitsch, was jedoch seitens der Opposition innerhalb weniger Stunden gebrochen wurde. Dies führt letztendlich zum eigentlichen Ziel des Putsches: Der Machtübernahme durch die vom Westen gesteuerte, finanzierte und gewollte Opposition, die alsbald vom Westen anerkannt wird. Janukowitsch weg – Jazenjuk da.

Dieses “Putschhandbuch”, das Dominique Fonvielle beschreibt, ist nicht nur das Werkzeug für die Ukraine gewesen, sondern diente bereits in vielen anderen Fällen (Ägypten, Rumänien, Lybien usw.) als Drehbuch für einen vom Westen gesteuerten Umsturz. Und es beweist in meinen Augen ganz klar, dass der Westen – aus welchen wirtschaftlichen, militärischen oder finanziellen Gründen auch immer – diese Revolution in der Ukraine steuerte.

http://konjunktion.info/2014/03/ukraine-wie-das-putschhandbuch-der-geheimdienste-umgesetzt-wurde/

Zur Analyse von Michael Lehnert gibt es nicht viel zu sagen. Zwei Sachen noch: Relativ bald nach den Schüssen war es ziemlich nahe liegend, dass die Todesschüsse von Kiew aus den eigenen Reihen kamen. Mittlerweile gibt es eine sehr erdrückende Indizien-Last:

„Der kanadisch-ukrainische Politikwissenschaftler Ivan Katchanovski von der Universität Ottawa hat das Kiewer Blutbad des 20. Februar in Eigenregie untersucht. Akribisch wertete er monatelang Zeugenaussagen, Filmmaterial und Funkübertragungen aus, um den Massenmord im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt zu rekonstruieren. Katchanovski belegt, dass auch Oppositionskräfte Scharfschützen einsetzten. Dabei nahmen die Maidan-Schützen nicht nur Polizisten, sondern auch die eigenen Leute und Journalisten unter Feuer. Die Spur führt zum Rechten Sektor.“

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43590/1.html

Als „Zugabe“ gab es im Juli noch den Abschuss eines Zivil-Flugzeugs, den die Regierung der Ukraine der russischen Seite in die Schuhe schieben wollte. So ziemlich alles deutet darauf hin, dass der Abschuss von ukrainischer Seite kam. Sehr wahrscheinlich so geplant und bewusst ausgeführt. Siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/106-falsche-flagge.html

Erstaunlich ist, dass die Menschen nichts dazu lernen. Anstatt sich wenigstens ab und zu gute Dokumentationen anzusehen, lassen sie sich von mehr oder weniger billiger Unterhaltung dauer-berieseln. Bekommen dadurch von ernsthaften Sachen nichts oder nur wenig mit, meinen aber, groß die Klappe aufreissen zu müssen. Und wenn sie mal was kapiert haben, ziehen sie nicht den nächsten logischen Schluss.

Bei der Ukraine handelt es sich ja nicht gerade um die erste vom Westen durchgeführte Revolution. Aber sie glauben alles, was ihnen erzählt wird und fallen auf jegliche Propaganda rein. Und das auch noch gerne.