„Gegenwärtig hat man den Eindruck, dass die Welt nach dem Kalten Krieg in neue geopolitische Konflikte und endlose Kämpfe gegen islamistische Terroristen versinkt. Aber es gibt auch Terroranschläge, die nicht politisch oder religiös motiviert sind. Es sind die Amokläufer, die von Wut, Verzweiflung und dem Streben nach Aufmerksamkeit getrieben, möglichst viele Menschen mit in den Tod ziehen wollen. Wahrscheinlich hängt die Motivation, sich Terrorgruppen im Ausland anzuschließen und sein Leben aufs Spiel zu setzen, mit der zusammen, sich selbst in einem finalen und blutigen Aufmerksamkeitsspektakel aus dem Leben zu verabschieden …

Das FBI hat nun in Zusammenarbeit mit der Texas State University einen Bericht über die Amokläufer in den USA zwischen 2000 und 2013 veröffentlicht. Insgesamt 160 solcher "active shooter incidents" gefunden und ausgewertet, 40 Prozent davon "Massentötungen", bei denen 3 und mehr Menschen umgebracht wurden. Gemeint sind damit Vorfälle, in denen "Einzelpersonen Menschen in bevölkerten Gebieten aktiv getötet oder versucht haben, Menschen zu töten" (Ist die Provinz der Ursprung des massenmörderischen Bösen?). Schießereien, die mit Gangs oder Drogen verbunden sind, wurden nicht einbezogen.

Nach dem FBI ist die Zahl der Amokläufe in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Bis 2007 gab es durchschnittlich 6,4 Vorfälle, in den letzten 7 Jahren waren es schon 16,4, also fast die dreifache Menge. 2010 gab es einen Rekord von 26 Vorfällen, 2011 waren es 10, 2012 wieder 21 und 2013 ging die Zahl auf 17 zurück. 2012, wo sich die Amokläufe in Aurora (12 Tote) oder Newton (27 Tote) ereigneten, gab es mit 90 Toten und 108 Verletzten bislang die meisten Opfer.

Bei den 160 Amokläufen wurden 486 Menschen getötet, die Täter nicht einbezogen, und 557 verwundet. Abgesehen von 2 Vorfällen handelte es sich immer um Einzeltäter, fast ausschließlich handelte es sich um männliche Täter (nur in 6 Fällen waren es Frauen). Die meisten Vorfälle ereigneten sich in Geschäften, Firmen oder anderen kommerziellen Einrichtungen, gefolgt von Bildungsinstitutionen, also in Universitäten oder Schulen. 90 der Schießereien wurden durch den Täter selbst beendet, der in 40 Prozent der Fälle Selbstmord beging oder der floh. 5 Täter wurden nicht festgenommen. Ein Viertel der Täter brachte sich selbst um. Manchmal aber konnten auch unbewaffnete Menschen den Täter überwältigen. Wenn die Polizei einschreitet, dann wird es eher noch gefährlicher. Bei 21 der insgesamt 45 Vorfälle, bei denen Sicherheitskräfte mit Schusswaffen gegen den Täter vorgingen, wurden 9 Polizisten getötet und 28 verwundet. Oft sind die Amokläufe oder Schießereien sehr kurz. Von den 64 Vorfällen, bei denen die Dauer feststand, waren 44 in weniger als fünf Minuten zu Ende, 23 von diesen sogar in weniger als zwei Minuten.

Der Bericht analysiert nur die vorhandenen Fakten, um allen, die möglicherweise in solch eine Situation geraten können, Informationen zu bieten. Unklar bleibt nicht nur die Motivation der Täter, sondern auch, warum die Zahl der Schießereien in den letzten Jahren angestiegen ist.

Andre Simons von der Abteilung für Verhaltensanalyse des FBI geht davon aus, dass dafür auch der Nachahmungseffekt verantwortlich ist. Die Täter würden inspiriert durch vorhergehende Amokläufe und vor allem durch das Aufsehen, das sie finden. Auch das verbindet Amokläufer bei allen Unterschieden mit Selbstmordattentätern, es handelt sich um Aufmerksamkeitstäter, die mit einem möglichst großen schrecklichen Spektakel, das in den Medien widerhallt, aus dem Leben scheiden wollen.“

Soweit die Zusammenfassung von Florian Rötzer:

http://www.heise.de/tp/artikel/42/42895/1.html

Es gibt Leute, die mit der Statistik kommen und erzählen, dass verglichen mit anderen Todesarten in den USA die Amokläufe nur sehr wenige Menschen betreffen und deshalb zu vernachlässigen seien – siehe manche der Kommentare zu obigem Artikel.

Nach diesem Muster könnte mensch einen Mörder ignorieren, der jede Woche einen Menschen umbringt – weil statistisch fällt das ja nicht ins Gewicht in die Masse der sonstwie Verstorbenen.

Die Opfer und deren Angehörige sind mit Sicherheit nicht der Meinung, dass die „geringe“ Anzahl der Toten bei Amokläufen zu vernachlässigen sei.

Und abgesehen von den Toten, Verletzten und Traumatisierten haben diese Amokläufe Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft: zumindest in den USA. John W. Whitehead schreibt dazu: 

„Der Einsatz von Metalldetektoren an Schuleingängen und Polizisten, welche die Schulen patrouillieren, gewöhnen junge Menschen daran, zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens zu potenziell Verdächtigen zu avancieren. Teilweise durch staatliche Zuschüsse finanziert, haben Schuldistrikte im ganzen Land die lokalen Polizeikräfte dafür bezahlt, speziell abkommandierte Schulpolizisten für High Schools, Middle Schools und in manchen Fällen sogar schon für Grundschulen zur Verfügung zu stellen. Wie die New York Times berichtet: "Hunderte an zusätzlichen Schuldistrikten, zu denen unter anderem auch Houston, Los Angeles und Philadelphia gehören, haben sogar ihre eigenen Polizeikräfte rekrutiert. In diesem Zuge kam es zur Einstellung und Vereidigung von Tausenden von neuen Polizisten." Problem hierbei ist natürlich, dass die physische Präsenz dieser Polizisten an den Schulen dazu führt, dass immer mehr Schüler für nicht gewaltsame Verbrechen oder schlichtweg kindisches Verhalten verhaftet oder angeklagt werden.“

http://www.heise.de/tp/artikel/42/42636/1.html

Aber auch in Deutschland werden die Schulen aufgerüstet: 

„Inzwischen hat sich viel getan. Es wurden Empfehlungen erarbeitet und Präventionsmaßnahmen entwickelt. Und die Stadt Stuttgart rüstet nach und nach ihre Schulen auf. 16 Millionen Euro werden allein in den Einbau von Sprachalarmierungssystemen gesteckt. 63 der 162 Schulen haben inzwischen solche Anlagen, zehn weitere sollen in diesem Frühjahr in Betrieb gehen …

Doch Technik ist nur das eine. Das Thema muss auch in die Köpfe. Die Abläufe im Krisenfall wollen geübt sein. Inzwischen müsse jede Schule einen Krisenplan mit aktuellen Daten erstellen, der auch den Einsatzkräften vorliegt. Zudem benennt jede Schule ein Krisenteam mit klar verteilten Aufgaben der Lehrer. Auf Fortbildungen werden regelmäßig Vertreter aller Schulen von Polizei, Feuerwehr, Schulpsychologen und Schulverwaltungsamt auf Gefahrenlagen vorbereitet und sollen ihre Erkenntnisse den Kollegen weitergeben.“

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.sicherheit-in-stuttgart-schulen-ruesten-sich-gegen-amoklaeufe.ca41df32-fe7e-431e-a727-27f0f4375eab.html

Natürlich läuft das bei vielen staatlichen Behörden nicht viel anders. Unter anderem bei den Arbeitsämtern. Wer das Glück (oder Pech) hatte, dort in den letzten Jahren nicht gewesen zu sein, möge einen kurzen Blick in den Eingangsbereich werfen. Und wird dort mit Sicherheit einen auffälligen, bewaffneten Menschen vom Sicherheitsdienst sehen. Nicht ohne Grund.

„In deutschen Amtsstuben gehen immer wieder randalierende Kunden auf Mitarbeiter los. In einigen Fällen wurden Angestellte verletzt oder sogar getötet.

September 2012: Ein 52-jähriger Mann stürmt in das Jobcenter im niederrheinischen Neuss und ersticht eine Mitarbeiterin mit einem Fleischermesser. Der Vater von fünf Kindern hatte der Behörde illegalen Handel mit seinen persönlichen Daten unterstellt.

August 2011: Ein 41-jähriger Arbeitsloser zündet in einem Berliner Jobcenter einen Brandsatz. Die Mitarbeiter können jedoch Schlimmeres verhindern.

Mai 2011: Eine 39-Jährige randaliert in einem Frankfurter Jobcenter und verletzt einen Polizisten mit dem Messer. Dessen Kollegin schießt und trifft die Frau tödlich.

April 2011: Ein 34-Jähriger zertrümmert in einem Berliner Jobcenter mit einer Axt die Büroeinrichtung eines Sachbearbeiters und drei Türen.

Juni 2010: Wegen der drohenden Abschiebung ihres Sohnes stürmt eine 58-Jährige mit einem Messer in das Ausländeramt im hessischen Bad Schwalbach. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei überwältigt sie nach mehr als sechs Stunden. Verletzt wird niemand.

März 2010: Nach einem Streit um Verzögerungen beim Arbeitslosengeld greift ein junger Mann im Jobcenter Essen einen Angestellten mit einem Teppichmesser an. Das Opfer wird an Kopf und Hals verletzt. Der Angreifer kommt in die Psychiatrie.

Januar 2010: Im hessischen Erbach greift ein randalierender Mann im Landratsamt eine Mitarbeiterin an. Der 48-Jährige demoliert die Einrichtung und wirft einen Monitor nach der Frau. Sie bleibt unverletzt. Der Mann stand unter Drogeneinfluss.

November 2009: In Erftstadt in Nordrhein-Westfalen schlägt ein vermummter 21-Jähriger mit einem Baseballschläger auf den Schreibtisch einer Mitarbeiterin ein. Der Mann wird von Kollegen der Frau überwältigt.

Februar 2001: Ein 46 Jahre alter Langzeitarbeitsloser tötet den Direktor des Arbeitsamtes in Verden in Niedersachsen mit 25 Stichen in den Kopf. Die Behörde hatte ihm zuvor die Unterstützung gestrichen.

Mai 1998: Ein 69-Jähriger erschießt aus Rache und Hass auf die Justiz einen 52 Jahre alten Amtsrichter in Essen. Er feuert viermal auf den Richter in dessen Dienstzimmer. Dann tötet er sich selbst.“

http://www.lvz-online.de/nachrichten/topthema/hintergrund-gewalt-gegen-behoerdenmitarbeiter-in-deutschland/r-topthema-a-189304-print.html

Und hier gibt’s die „Überlegungen zur Gewaltprävention für Beschäftigte in Agenturen für Arbeit und Jobcentern“:

https://fragdenstaat.de/files/foi/8891/130219_AK_Sicherheit_Mit_Offenen_Augen.pdf

Opfer von Amokläufen gibt es in Schulen, in Gerichten, in Behörden, in Firmen – und die entsprechende Angst bei vielen, die dort arbeiten, einem Anschlag zum Opfer zu fallen. Für die entsprechenden Sicherheitstechniken, Sicherheitsdienst und Trainings der Mitarbeiter werden Steuergelder im Milliarden-Bereich ausgegeben.

Wer sind die Täter?

„Ein Mann, der in einem bestimmten Zeitfenster mehrere Menschen tötet. In einer Schule, am Arbeitsplatz, in einem öffentlichen Gebäude, in einem Sommercamp. Er tötet ohne Vorwarnung und ohne erkennbares Motiv. Und oft tötet er sich selbst. Es gibt einen Namen dafür: Amok.

"Sie töten wie eine Maschine. Sie befinden sich in einer Trance. Sie agieren wie in einem Computerspiel."

Amok. Ein Begriff, mit dem Wissenschaftler nicht besonders glücklich sind. Amok stammt aus dem malaiischen und bedeutet so etwas wie plötzliches Ausrasten. Doch ein Amokläufer rastet nicht plötzlich aus. Die Tat ist oft lange geplant. Und die Ausführung kalt und kontrolliert.

"Sie gehen vor die Tür, laden nach, machen die Türen auf, schießen das Magazin leer, sie schießen teilweise durch Türen hindurch und schießen dann auf Menschen, die plötzlich auf dem Gang auftauchen. Und das scheinbar unbewegt. Ohne Mimik, ohne Emotion, ohne Mitleid und ohne zu zögern."

Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie, Universität Gießen, beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema:

"Ich habe noch nie erlebt, dass einer die Tat bereut hat" …

"Amoktäter sind stille Zeitgenossen, die lange solche Taten planen, die lange in Hass und eher kalter Wut schwelgen, das heißt sie fühlen sich über lange Jahre verletzt, gedemütigt, angegriffen, gemobbt. Diese ganze Palette. Das schreiben sie auf - sie führen ja häufig Tagebuch, sie kommunizieren in sozialen Netzwerken, und da wird deutlich, dass sie sich völlig missverstanden fühlen. Völlig angegriffen fühlen von fast jedem. Und daraus leiten sie auch ihre Rechtfertigungen für ihre Taten ab."

Der tödliche Mix. Eine unglückliche Verkettung von persönlichen Eigenschaften und äußeren Umständen. Ein problematisches Elternhaus. Eigenes Versagen. Kaum Anerkennung. Kränkungserlebnisse. Mangelnder Selbstwert. Außenseitertum. Faszination für Waffen. Das sind nur einige der Zutaten, aus denen sich die hochexplosive Mischung zusammenbraut. Und deren Essenz ist: Junge Amokläufer haben im Umgang mit anderen Menschen offenbar große Schwierigkeiten. Bannenberg:

"Ihr Bindungsverhalten ist komplett gestört. Warum das so ist, wissen wir nicht, aber wir wissen schon, dass sie nicht in der Lage sind, enge, tragfähige Bindungen zu irgendeinem Menschen einzugehen. Sie haben keine engen Freunde, sie haben keine Freundin, sie scheinen aber durchaus über längere Zeit diesen Kontakt zu suchen und merken aber selbst, dass das nicht so gut funktioniert. Und daraus resultiert möglicherweise auch der Hass und die Abwertung anderer Menschen, die Ablehnung anderer Menschen" …

Forscher können die Risikofaktoren immer näher eingrenzen. Aber die Sache hat einen Haken: Es gibt Millionen Menschen auf der Welt, die psychisch krank sind, die an einer Schizophrenie oder an Depressionen leiden. Millionen Menschen, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, die im Alltag versagen, die sich missverstanden und allein fühlen …

Da sind immer wiederkehrende Gedanken, Fantasien, mächtig zu sein, sich an Menschen, die einen verletzt haben, rächen zu können. In seinem Kopf wird er zum Krieger, zum Helden, der es allen zeigt, der den Feind vernichtet, und oft auch sich selbst.“

http://www.deutschlandfunk.de/amok-manuskript-teil-1-taeterprofile.740.de.html?dram:article_id=283256

„Auslöser für die Tat sind oft Probleme im privaten Umfeld des Täters. Das können soziale Isolation, Versagen oder Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule sein. Der Täter hat das Gefühl, ständig ungerecht behandelt zu werden. Dadurch staut sich bei ihm über längere Zeit eine unterschwellige Aggression auf, die sich schließlich in der Tat entlädt.

Als Tatort wird meistens eine Örtlichkeit gewählt, die der Täter mit der Verletzung seiner Psyche in Verbindung bringt. Typische Beispiele dafür sind die Amokläufe in Gerichts- oder Schulgebäuden. In den meisten Fällen bereitet der Täter seinen Amoklauf akribisch genau vor. Spontantaten sind eher selten.“

https://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/psychologie/gewalt/tempx_gewalt_amoklauf.jsp

Auch bei obigen Experten-Beiträgen können Menschen herauslesen, dass es sich bei den Tätern um mehr oder minder psychisch Gestörte handelt. Der Wurm hat dazu eine andere Meinung. Um die verständlich zu machen, möchte er fragen, ob der Leser den Begriff „Nerd“ kennt.? Um aus „Wikipedia“ einige Passagen zu zitieren:

„Nerd [nɜːd] (engl. für Fachidiot, Computerfreak, Sonderling, Streber / Geek, Außenseiter) ist ein gesellschaftliches Stereotyp, das besonders für in Computer, Science-Fiction oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen steht. Manchmal wird auch ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient (IQ) als begleitende Eigenschaft genannt. Am häufigsten sind Computerenthusiasten gemeint. Während der Begriff ursprünglich negativ, insbesondere im Sinne von sozialer Isolation, besetzt war, hat er sich in Internetcommunitys und unter Computerspielern und -freaks zu einer selbstironischen Eigenbezeichnung gewandelt …

Ob jemand ein Nerd ist, hängt in erster Linie von der Einschätzung des Umfelds ab. Zwei Wertungsvarianten lassen sich feststellen:

- Außenstehende meinen Nerd tendenziell abwertend.

- Betroffene verwenden Gleichgesinnten und sich selbst gegenüber den Begriff umgekehrt als Auszeichnung.

Oft sind Nerds aufgrund ihrer gesellschaftlichen Absonderung in einer schwachen sozialen Stellung. Charakteristisch für Menschen, die gerne als Nerds bezeichnet werden oder die sich selbst gerne so bezeichnen, sind ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Interesse an der Erlangung von Fach- oder Allgemeinwissen sowie auffällig rational geprägte Denk- und Verhaltensweisen. Dies lässt sie aus Sicht ihrer Altersgenossen oft unangepasst und eigenbrötlerisch erscheinen. Viele Nerds zeigen deutlich wenig Interesse an den vorherrschenden Jugend- oder gesellschaftlichen Trends. Im weiteren Sinn konzentrieren sich Nerds auf Spezielles, das anderen Menschen langweilig oder abstrus erscheinen kann, aber nicht muss.

Im sozial abgrenzenden Gebrauch kann der Begriff unter anderem auch auf angebliche Mängel in der emotionalen Zugänglichkeit eines Individuums anspielen …

Allen Varianten und „Verwandten“ des Nerd gemeinsam ist die im Vergleich zur hohen fachlichen Kompetenz weitaus geringere soziale Kompetenz bzw. Fähigkeit zur Selbstdarstellung, zur „Show“. Die Existenz genau gegenteilig veranlagter Menschen ist unstrittig, hat jedoch bislang keinen modernen, griffigen Begriff in der Populärkultur hervorgebracht – wobei ältere Begriffe wie „Blender“ oder formale wie „Hochstapler“ durchaus existieren.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Nerd

Der Wurm möchte zwei Stellen wiederholen:

„auffällig rational geprägte Denk- und Verhaltensweisen. Dies lässt sie aus Sicht ihrer Altersgenossen oft unangepasst und eigenbrötlerisch erscheinen.“

„Allen Varianten und „Verwandten“ des Nerd gemeinsam ist die im Vergleich zur hohen fachlichen Kompetenz weitaus geringere soziale Kompetenz bzw. Fähigkeit zur Selbstdarstellung, zur „Show“."

Anders ausgedrückt: Der Nicht-Nerd, also „normale“ Mensch ist irrational und hat eine große Fähigkeit zur Selbstdarstellung, zur „Show“. Je größer die Show, umso erfolgreicher.

Diese Nerds sind oft alleine, während die normalen Selbstdarsteller immer in mehr oder weniger großen Gruppen zusammen sind. Jetzt stelle sich mensch vor, wie diese Gruppen auf einen einzelnen Nerd reagieren – es wird nicht positiv sein. Wenn der Nerd alleine ist, hat er zwei Möglichkeiten: er wird selbst ein irrationaler Selbstdarsteller oder er weigert sich und bleibt für sich allein.

Und entspricht damit dem Idealtypus des späteren Amokläufers.

Um sich selbst zu zitieren (http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/36-steinbrueck-und-der-typus-typ.html ):

„‘Normale‘ Menschen gibt es mehr als genug. Da sollte es kein Schaden sein, wenn es auch solche gibt, die etwas abseits der Norm sind (und die niemandem schaden). Und in der Tat haben eher ungewöhnliche Charaktere gute Chancen im kulturellen oder sportlichen Bereich. Und sogar in der Religion werden solche nicht selten angebetet.

Wehe, wenn so jemand aber im Alltag auftaucht. Menschen sind Gruppenwesen und nur wenige dulden ein „Anderssein“, auch wenn es ihnen überhaupt nicht schadet. Mensch hat sich angepasst zu verhalten, ansonsten ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er Probleme bekommen wird.

Das fängt schon bei Kindern an. Ausnahmslos jede Form des Anders-Seins wird nieder gemacht. Wer als Kind zum Beispiel eine Brille tragen musste, dem wird der Ausdruck „Brillenschlange“ heute noch geläufig sein.

Je nach Größe der Gruppe, in der mensch sich befindet, ist es schon eine Überlegung wert, sich anzupassen. Wer etwa in einem kleinen Dorf in der entsprechenden Zeit aufgewachsen ist, wird sich sehr wohl überlegt haben, wie er sich etwa religiös oder politisch zu verhalten hat, wie er sein Sexual-Verhalten der öffentlichen Meinung anpasst oder wie er sich überhaupt in der Öffentlichkeit bewegt.

Was tut jetzt so ein Unangepasster? Entweder er passt sich halt doch an. Dann gibt es zwei Versionen dieser Person: die offizielle und die inoffizielle. Mit dem Zustand kommen manche zurecht, andere nicht. Diese leiden dann darunter bzw. lassen andere leiden.

Oder er macht sein Ding. Muss sich aber darüber bewusst sein, dass das von seiner Umwelt gar nicht gern gesehen wird und er mit den entsprechenden Konsequenzen leben muss.“

Dazu passt folgender Vortrag von Katherine Newman:

„Der schön gemachte Blog homosociologicus.de hat auf eine Vorlesung von Katherine Newman aufmerksam gemacht, die von ihren Untersuchungen über verschiedene Amokläufe von Schülern in den USA handelt. Im Blog heißt es: "Katherine Newman hat in den USA etwas getan, was uns in Deutschland noch bevorsteht. Sie hat eine exzellente Studie und eine mehr als hörenswerte Rede erarbeitet, was genau die Menschen kennzeichnet, die “Amok laufen”. Sie stellt fest, dass diese Menschen in vielerlei Hinsicht genau so sind, wie ihre Mitschüler. Das macht sie auch so unsichtbar. Darüber hinaus leben sie in einer Region, in der es keine “bösen Menschen” geben darf. Sie wachsen in den unterschiedlichsten Regionen auf, aber das, was die Medien letzten Endes als “Amoklauf” oder “rampage shooting” bezeichnen, geschieht in einer ruhigen und “perfekten” Gegend. Wie kommt das zu Stande? In etwas weniger als einer Stunde fasst Katherine S. Newman ihre Ergebnisse zusammen, wer wann wie und wo Amok läuft."“

http://www.systemagazin.de/serendipity/index.php?/archives/1150-Amok-Die-Suche-nach-Aufmerksamkeit-und-ihre-Verweigerung.html

Auf den ersten Blick überraschend ist, dass Amokläufe gerade nicht in kriminellen Problem-Familien, Problem-Schulen, Problem-Vierteln geschehen. Sondern in eher „ruhigen“ und „perfekten“ Gegenden.

Grund dafür ist die „Selbstdarstellung“ und soziale Kontrolle der Menschen in Dörfern und Kleinstädten. Wer auf irgend eine Art und Weise für die anderen nicht „normal“ ist, einen „anderen“ Lebensstil hat, gerne „andere“ Kleidung trägt oder „ungewöhnliche“ Interessen hat, wird in der Großstadt Gleichgesinnte finden und kann sich dort mühelos austoben, nicht aber auf dem flachen Land in der heilen Welt. Dort ist er mehr oder weniger allein und wird von den Selbstdarstellern mehr oder weniger gemobbt.

Nicht jeder Außenseiter ist ein Nerd. Es kann so ziemlich jeden treffen. Aus http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/105-weltmeister.html :

„Mobbing-Opfer: über eine Millionen im Berufsleben, 54% aller Schüler und 32% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind von Cyber-Mobbing betroffen

http://de.wikipedia.org/wiki/Mobbing#Am_Arbeitsplatz

http://de.wikipedia.org/wiki/Mobbing_in_der_Schule

http://de.wikipedia.org/wiki/Cyber-Mobbing

Der Wurm hatte schon vorher die Angst von Mitarbeitern in Behörden vor Amokläufen erwähnt – und oft haben sie ja auch mit Menschen aus „sozialen Brennpunkten“ zu tun, um es freundlich auszudrücken. Um nachvollziehen zu können, warum es zu lang angestauter Wut und einem gewalttätigen Ausrasten kommen kann, lohnt es sich, Folgendes zu lesen:

„In einer aktuellen Pressemitteilung der Polizeigewerkschaft nach dem Tod einer Jobcentermitarbeiterin in Neuss vom 26.09.2012 heißt es unmissverständlich:

Mangelhafte Gesetze provozieren Wut und Verzweiflung

"Der tödliche Messerangriff auf eine 32 jährige Mitarbeiterin der Arge Einrichtung in Neuss ist kein Einzelfall. Wir erinnern uns an den Angriff einer 39jährigen Frau in einem Frankfurter Jobcenter 2011, aber auch sonst nehmen die An- und Übergriffe auf die Beschäftigten dort stets zu. Die Gesetzeslage ist viel zu kompliziert und häufig weder einsehbar und geschweige dann nachvollziehbar."

Und weiter heißt es:

"Die in den letzten Jahren hohen Quoten - zig hunderttausende Klagen - der erfolgreichen Widersprüche und Klagen belegen, dass der Gesetzgeber handeln muss. Die Betroffenen Menschen müssen das Handeln der öffentlichen Verwaltung nachvollziehen können. Wenn es um die Existenz geht, dann sind Kurzschlusshandlungen aus Wut und Verzweiflung alles andere als unvorhersehbar." 

Sachbeschädigung, Drohungen, Körperverletzungen, Gewaltandrohungen und Beleidigungen sind demnach zwar nicht hinnehmbar und bleiben rechtlich verwerflich, aber aus psychologischer Sicht werden solche Übergriffe von Profis als folgerichtig, ja vorhersehbar eingeschätzt. Deeskalation ist zuerst Sache der Gesetzgeber.

Diese reale Existenzbedrohung geht gerade von der Sanktionspraxis des SGB II aus. Dabei machen die Jobcentermitarbeiter auch vor 100%-Sanktionen nicht halt. "So steht es im Gesetz und den Dienstanweisungen." - Selberdenken, nein danke.

Auch das Jobcenter Märkischer Kreis hat zu viele 100%-Sanktionen verhängt - und vermutlich sind die meisten davon rechtswidrig. Rechtskraft erlangten sie nur, weil die Betroffenen keine Hilfe hatten. Einige wenige solcher Klagen werden als Beispielklagen hier dokumentiert. Monatelang kein Geld, Energiesperren, Räumungsklagen, Obdachlosigkeit, psychische Erkrankung - all das wird billigend in Kauf genommen.

Die nachfolgende Sammlung von Pressemeldungen zeigt eindrucksvoll, dass Sanktionen, Leistungsverweigerungen und Existenzbedrohung schwerpunktmäßig Auslöser der Wutattacken und Ausraster sind. Aber auch der Umgang mit den Leistungsberechtigten stimuliert die Aggression.“

Auf der selben Seite:

„Im Weiteren sollen bekanntgewordene Todesfälle im Zusammenhang mit antisozialer Politik gesammelt werden. Dabei ist fest zu stellen, dass es eine eindeutige "Diagnose: Hartz IV-Tod" so kaum geben kann, weil meist mehrere Faktoren zusammenspielen. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes gehen nicht selten auch Beziehungs- und Schuldenprobleme zusammen, psychische und körperliche Erkrankungen fließen mit ein, aber auch der Verlust der Energieversorgung oder gar der Wohnung durch Sanktionen zermürben die Betroffenen. Die Reaktionen zeigen sich in Resignation und Zusammenbruch, aber auch in Wut und offener Aggression.

Allerdings es gibt einige konkrete Beispiele von Menschen, die vor ihrem Suizid Abschiedsbriefe hinterlassen haben und die Angst vor Hartz IV, bzw. die Not durch Hartz IV als Entscheidung erheblich benennen.

Zum Dritten werden anhand von Pressemeldungen Übergriffe aus Jobcentern chronologisch aufgelistet. Selbstverständlich muss man auch hier die Verhältnismäßigkeit im Auge haben. Vor dem Hintergrund der Vielzahl der Jobcenter und Optionskommunen in Deutschland und der beinahe 5 Millionen Leistungsberechtigten, erscheinen die Vorfälle unbeachtlich.

Und sicherlich ließe sich eine weitaus höhere Zahl von "Gewalt gegen Kunden" durch rechtswidrige Sanktionen, Existenzbedrohung und Nötigung belegen. Dabei sind nach Medienberichten und Forenbeiträgen auch eine erschreckend hohe Zahl von Beleidigungen durch Behördenmitarbeiter dokumentiert.

Die Existenzsicherungssysteme stellen einen politisch konstruierten sozialen Brennpunkt dar, der mit jedem Jahr verschärft wurde.“

http://www.beispielklagen.de/IFG055.html

Von solchen Menschen abgesehen, die „von sich aus“ und „schon immer“ zur Gewalt neigten, sind die meisten Amokläufer Menschen, die einen Teil ihres Lebens (und manchmal auch ihr ganzes Leben) von Institutionen und/oder ihren Mitmenschen mehr oder weniger stark ausgelacht, beschimpft, beleidigt, geschnitten und ungerecht behandelt werden. Oder es zumindest so empfinden.

Dafür, dass es sehr vielen Menschen so geht (siehe die Anzahl der Mobbing-Opfer), ist es noch erstaunlich, dass es so „wenige“ Amokläufe gibt.

Zu diesem Thema gehört auch die Behandlung von Immigranten.

Normalerweise ist die Generation, die im neuen Land in die Schule gegangen ist und die Sprache von klein auf gelernt hat, deutlich angepasster als die Eltern-Generation. Bei manchen Volksgruppen ist das genaue Gegenteil der Fall.

Woran liegt das? Jeder, der irgend wie „anders“ als die „normalen“ Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen ist und sein Anders-Sein für gut hält, wird auf die ein oder andere Art und Weise wie schon vorher erwähnt, „mehr oder weniger stark ausgelacht, beschimpft, beleidigt, geschnitten und ungerecht behandelt“.

Und wer halt nicht alleine ist, findet Gleichgesinnte, denen es genauso ergeht und geht dagegen auf die eine oder andere Art und Weise vor.

Da es meistens nicht einzelne Personen sind, von denen sie sich gepiesackt fühlen, sondern von vielen, werden die Opfer zu Tätern und rächen sich auch an solchen Menschen, die ihnen gar nichts getan haben (aber zur gleichen Gruppe gehören): an Mitschülern, an Menschen, die in der gleichen Firma oder Behörde arbeiten, an Frauen, an Männern, an Menschen aus der gleichen Nationalität, Religion, Berufsgruppe.

Es ist schön, ein Wurm sein zu dürfen. Da kann ein jeder so sein, wie er will. Keiner sagt was dagegen und akzeptiert ihn, so wie er ist. Entsprechend kommt keiner auf die Idee, Amok zu laufen.