Vor 25 Jahren wurde in Bad Frankenhausen (Thüringen) ein Kunstwerk eingeweiht, das in seiner Machart nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit einzigartig ist. 

„Der Schreiber dieser Zeilen hatte das Glück, den Rundbau auf dem Hügel bei Frankenhausen im Oktober des Jahres 1987 zu besuchen, einige Wochen bevor Werner Tübke, nach zwölfjähriger Arbeit, sein Werk als vollendet bezeichnete, anderthalb Jahre bevor es der Öffentlichkeit gelegentlich einer Feier zugänglich gemacht werden wird. Wir waren zu dritt, mit zwei freundlichen Erklärern. Danach durften wir noch das Ehepaar Tübke begrüßen. Der Meister war tief erschöpft, soviel spürte man, sehr erholungsbedürftig, aber glücklich wohl auch. Was konnte ich ihm sagen? Kaum mehr, als was ich in das Gästebuch schrieb: „Voll Bewunderung und Staunen.“ Betritt man das riesige Gewölbe, sieht man steil nach oben, so wird man zunächst von etwas wie Schwindel erfasst. Dann versucht man sich zu orientieren; wozu eine Stunde niemals ausreichen kann. Es ist eine Welt, die sich da auftut; Menschenwelt im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Hatte der Meister Vorbilder, so waren es Maler eben jener Zeit; keineswegs die Historien-Maler des neunzehnten, die gar so schlecht auch nicht waren, mit denen sich aber jeder Vergleich verbietet. Überhaupt versagt hier das bloße Wort. Realismus? Ja, doch, der auch. Man sieht die Qual eines aufs Rad Geflochtenen. Man sieht Henker und Gehängte. Man sieht das üppige Leben, Lust und Wollust neuen, reich gewordenen Bürgertums. Stimmig ist auch hier eine Druckerwerkstatt mit von der Partie: Wirklichkeit und Symbol der neuen Großmacht. Aber wer unter jener Kuppel auf dem Frankenberg steht, dem Gemälde ohne Anfang, ohne Mitte und ohne Ende, der Schau, in welcher Symbole wie der berstende Turm von Babylon oder ein Regenbogen hoch über dem Schlachtengewimmel sich mit historischen Figuren versöhnen, dem wird die Zaubermacht der Kunst für einen Moment alle Theorie als grau in grau erscheinen lassen.“

 

Beim Schreiber dieser Zeilen handelte es sich um Golo Mann, einen der bedeutendsten deutschen Historiker. 

http://www.mdr.de/lexi-tv/avobjekt4736.html

 

Aus "Wikipedia":

„Das Bauernkriegspanorama ist ein monumentales Panoramabild über den Bauernkrieg (Titel des Kunstwerkes: Frühbürgerliche Revolution in Deutschland) des Leipziger Malers und Kunstprofessors Werner Tübke. Es befindet sich in einem eigens dafür errichteten Gebäudekomplex, dem Panorama Museum, auf dem Schlachtberg bei der thüringischen Kleinstadt Bad Frankenhausen am Fuße des Kyffhäusergebirges. Das Werk entstand in den Jahren 1976 bis 1987, ursprünglich zum Gedenken an den Deutschen Bauernkrieg und den Bauernführer Thomas Müntzer. Mit einer Fläche von 1722 m² zählt es zu den größten Tafelbildern der Welt … 

Entgegen den Intentionen der Auftraggeber (siehe Geschichte) schuf Tübke das Abbild einer ganzen Epoche, der Renaissance, das in der Literatur häufig mit „theatrum mundi“ (Welttheater) umschrieben wird. Er beschränkte sich dabei keineswegs auf eine zeitlich oder räumlich genau bestimmbare Momentaufnahme, geschweige denn die getreue Wiedergabe realer historischer Ereignisse, noch auf die schwerpunktmäßige Betonung einzelner Aspekte. Neben den durchaus auch auftretenden historischen Figuren wie Müntzer und Luther hat der Maler eine Vielzahl allegorischer Anspielungen auf Ereignisse (auch anderer Epochen), vor allem aber auf ureigene menschliche Ängste, auf Aberglauben, apokalyptische Vorstellungen und biblische Themen in seiner gewaltigen suggestiven Bildersprache visualisiert. Daneben nahm er zahlreiche Anleihen bei zeitgenössischen Gemälden und Holzschnitten. Außerdem hat er sich selbst, als angesichts der schier übermenschlichen Aufgabe von Selbstzweifeln geplagten Menschen, an einigen Stellen verewigt und damit den Entstehungsprozess seines Werkes dokumentiert.

 

Das Zentrum der Darstellung – den Ausschnitt, der bei den meisten Abbildungen des Gemäldes wiedergegeben wird – bildet das Panorama der Schlacht von Frankenhausen selbst, mit Thomas Müntzer im Mittelpunkt. Während rings um Müntzer noch die Kämpfe toben, hält dieser die Flagge der Bundschuhbewegung bereits gesenkt – er weiß, dass seine Sache verloren ist. Schon nähert sich ihm der Tod mit dem Dudelsack. Müntzer ist hier also nicht der strahlende Held sondern ein müder, gebrochener Mann.

 

Durch eine Hecke vom Schlachtgeschehen abgetrennt, hat Tübke im selben Teil des Bildes bedeutende Persönlichkeiten der Zeit um einen Brunnen herum gruppiert, darunter Albrecht Dürer und Martin Luther.

Tübke bezeichnete Albrecht Dürer und Lucas Cranach den Älteren als seine künstlerischen Vorbilder und verband in seinem Stil eigene Techniken mit unverkennbaren Anleihen an die Alten Meister und (speziell für dieses Monumentalwerk) an zeitgenössischer Darstellungsweise. In mehrjähriger Vorbereitung hat er sich mit intensivem Quellenstudium in die Vorstellungswelt und künstlerische Darstellung dieser Epoche zwischen ausgehendem Mittelalter und früher Neuzeit eingearbeitet.

Obwohl es größere Rotunden gibt, gilt Tübkes Werk als einzigartig. Es ist nicht eine bildhaft-dokumentarische Momentaufnahme in der Art eines typischen „Schlachtengemäldes“, sondern kann als metaphorische Gesamtdarstellung in einem Panorama als Prototyp eines eigenen Genres gelten …

Offizieller Auftraggeber des Gemäldes war das Kulturministerium der DDR, das damit einen Beschluss des SED-Politbüros vom 9. Oktober 1973 umsetzte. Anfang der 1970er Jahre fand mit dem Ende der Ulbricht-Ära auch ein Wandel der kulturpolitischen Doktrin der SED statt. Mehr Vielfalt und Akzeptanz auch nicht ausschließlich dem Realsozialismus verpflichteter Kunst sollte einerseits das internationale Ansehen heben, andererseits auch die Vereinnahmung historischer Gestalten und Ereignisse als „revolutionäre“ Vorgänger des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ erleichtern, deren Vermächtnis nun durch die DDR als natürlicher Erbe verwirklicht sei. Thomas Müntzer wurde zum bedeutendsten Frührevolutionär Deutschlands stilisiert, die Bauernaufstände des frühen 16.Jahrhunderts gemäß der geschichtsphilosophischen Auffassungen von Karl Marx zum Teil einer „frühbürgerlichen Revolution“ erhoben, die den Übergang vom Feudalismus zum Frühkapitalismus einleitete. Die Verehrung Thomas Müntzers drückte sich zum Beispiel darin aus, dass er ab 1975 auf der 5-Mark-Banknote der DDR zu sehen war.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Bauernkriegspanorama

Wissenswertes zum Bauernkriegspanorama wie die Worte von Golo Mann gibt’s hier:

http://www.planet-franken-online.de/muentzer/muentzer.html

Und natürlich auf der Homepage vom Bauernkriegspanorama:

http://www.panorama-museum.de/de/panorama-museum-2.html

Beim nächsten Link kann mensch sich das ganze Panorama ansehen. Einfach das untere Bild anklicken und auf „Wiedergabe“ drücken. Das Bild kann jederzeit angehalten und vergrößert werden, so dass jedes Detail sichtbar wird.

http://www.panorama-museum.de/de/bildsaaltour.html

Literatur zum Verständnis der einzelnen Motive gibt es hier:

http://www.panorama-museum.de/de/artikelliste/kategorie/literatur.html

Wissenswertes zu Werner Tübke …

http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_T%C3%BCbke

… und zu Thomas Müntzer:

http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_M%C3%BCntzer

Eine wunderbare Übersicht über alle bekannten Bauernkriege und –aufstände weltweit hat Hans Holger Lorenz zusammen getragen, der sein Wissen dankenswerterweise der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Hier ein paar Links zu Hans Holger Lorenz.

Kunstgeschichtliches zum Großen Deutschen Bauernkrieg:

http://www.bauernkriege.de/kunstgeschichte.html

Albrecht Dürers Arbeiten zu den Bauern:

http://www.bauernkriege.de/duerer.html

Denkmäler zum Großen Deutschen Bauernkrieg:

http://www.bauernkriege.de/GrosserDeutscherBK.html#Bauernkriegsdenkmäler

Übersicht zum Großen Deutschen Bauernkrieg:

http://www.bauernkriege.de/GrosserDeutscherBK.html

Startseite zu den Bauernkriegen:

http://www.bauernkriege.de/

Hier noch eine Übersicht zu den Bauernkriegsmuseen in Deutschland:

http://www.arge-dbkm.de/html/standorte_-_arbeitsgemeinschaf.html

Neben dem Werk von Hans Holger Lorenz zum Großen Deutschen Bauernkrieg gibt es natürlich einen Beitrag von „Wikipedia“ …

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Bauernkrieg

… und vor allem von Friedrich Engels. Dessen Interesse besteht in erster Linie an den Parallelen zwischen Bauernkrieg und der Revolution von 1848.

Hier ist der gesamte Text: http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_327.htm

Und hier eine gekürzte Version. Hat den Nachteil, dass interessante Teile fehlen, aber den Vorteil, dass sie für das menschliche Auge leichter lesbar ist:

http://www.deutsche-revolution.de/bauernkriege-cat-3.html

Hier einige Auszüge:

„Während sich in dem ersten der drei großen Lager, im konservativ-katholischen, alle Elemente zusammenfanden, die an der Erhaltung des Bestehenden interessiert waren, also die Reichsgewalt, die geistlichen und ein Teil der weltlichen Fürsten, der reichere Adel, die Prälaten und das städtische Patriziat, sammeln sich um das Banner der bürgerlich-gemaßigten lutherischen Reform die besitzenden Elemente der Opposition, die Masse des niederen Adels, die Bürgerschaft und selbst ein Teil der weltlichen Fürsten, der sich durch Konfiskation der geistlichen Güter zu bereichern hoffte und die Gelegenheit zur Erringung größerer Unabhängigkeit vom Reich benutzen wollte. Die Bauern und Plebejer endlich schlossen sich zur revolutionären Partei zusammen, deren Forderungen und Doktrinen am schärfsten durch Münzer ausgesprochen wurden.

Luther und Münzer repräsentieren nach ihrer Doktrin wie nach ihrem Charakter und ihrem Auftreten jeder seine Partei vollständig. [...]

Wir werden sehen, wie treu der Charakter und das Auftreten der beiden Parteichefs die Haltung ihrer Parteien selbst widerspiegeln; wie die Unentschiedenheit, die Furcht vor der ernsthaft werdenden Bewegung selbst, die feige Fürstendienerei Luthers ganz der zaudernden, zweideutigen Politik der Bürgerschaft entsprach und wie die revolutionäre Energie und Entschlossenheit Münzers in der entwickeltsten Fraktion der Plebejer und Bauern sich reproduzieren.“

Martin Luther

"Luther hat in den Jahren 1517 bis 1525 ganz dieselben Wandlungen durchgemacht, die die modernen deutschen Konstitutionellen von 1846 bis 1849 durchmachten und die jede bürgerliche Partei durchmacht, welche, einen Moment an die Spitze der Bewegung gestellt, in dieser Bewegung selbst von der hinter ihr stehenden plebejischen oder proletarischen Partei überflügelt wird."

„Als Luther 1517 zuerst gegen die Dogmen und die Verfassung der katholischen Kirche auftrat, hatte seine Opposition durchaus noch keinen bestimmten Charakter. Ohne über die Forderungen der früheren bürgerlichen Ketzerei hinauszugehn, schloß sie keine einzige weitergehende Richtung aus und konnte es nicht. Im ersten Moment mußten alle oppositionellen Elemente vereinigt, mußte die entschiedenste revolutionäre Energie angewandt, mußte die Gesamtmasse der bisherigen Ketzerei gegenüber der katholischen Rechtgläubigkeit vertreten werden.

Geradeso waren unsere liberalen Bourgeois noch 1847 revolutionär, nannten sich Sozialisten und Kommunisten und schwärmten für die Emanzipation der Arbeiterklasse. Die kräftige Bauernnatur Luthers machte sich in dieser ersten Periode seines Auftretens in der ungestümsten Weise Luft.

‚Wenn ihr‘ (der römischen Pfaffen) ‚rasend Wüten einen Fortgang haben sollte, mich es wäre schier kein besserer Rat und Arznei, ihm zu steuern, denn daß Könige und Fürsten mit Gewalt dazutäten, sich rüsteten und diese schädlichen Leute, so alle Welt vergiften, angriffen und einmal des Spiels ein Ende machten, mit Waffen, nicht mit Worten. So wir Diebe mit Schwert, Mörder mit Strang, Ketzer mit Feuer strafen, warum greifen wir nicht vielmehr an diese schädlichen Lehrer des Verderbens, als Päpste, Kardinäle, Bischöfe und das Geschwärm der römischen Sodoma mit allerlei Waffen und waschen unsere Hände in ihrem Blut?‘

Aber dieser erste revolutionäre Feuereifer dauerte nicht lange. Der Blitz schlug ein, den Luther geschleudert hatte. Das ganze deutsche Volk geriet in Bewegung. Auf der einen Seite sahen Bauern und Plebejer in seinen Aufrufen wider die Pfaffen, in seiner Predigt von der christlichen Freiheit das Signal zur Erhebung; auf der andern schlossen sich die gemäßigteren Bürger und ein großer Teil des niederen Adels ihm an, wurden selbst Fürsten vom Strom mit fortgerissen.

Die einen glaubten den Tag gekommen, wo sie mit allen ihren Unterdrückern Abrechnung halten könnten, die andern wollten nur die Macht der Pfaffen, die Abhängigkeit von Rom, die katholische Hierarchie brechen und sich aus der Konfiskation des Kirchengutes bereichern. Die Parteien sonderten sich und fanden ihre Repräsentanten. Luther mußte zwischen ihnen wählen.

Er, der Schützling des Kurfürsten von Sachsen, der angesehene Professor von Wittenberg , der über Nacht mächtig und berühmt gewordene, mit einem Zirkel von abhängigen Kreaturen und Schmeichlern umgebene große Mann zauderte keinen Augenblick. Er ließ die populären Elemente der Bewegung fallen und schloß sich der bürgerlichen, adligen und fürstlichen Seite an.

Die Aufrufe zum Vertilgungskampfe gegen Rom verstummten; Luther predigte jetzt die friedliche Entwicklung und den passiven Widerstand (vgl. z.B. "An den Adel teutscher Nation", 1520 etc.). Auf Huttens Einladung, zu ihm und Sickingen auf die Ebernburg, den Mittelpunkt der Adelsverschwörung gegen Pfaffen und Fürsten, zu kommen, antwortete Luther:

‚Ich möchte nicht, daß man das Evangelium mit Gewalt und Blutvergießen verfechte. Durch das Wort ist die Welt überwunden worden, durch das Wort ist die Kirche erhalten, durch das Wort wird sie auch wieder in den Stand kommen, und der Antichrist, wie er Seines ohne Gewalt bekommen, wird ohne Gewalt fallen.‘

Von dieser Wendung, oder vielmehr von dieser bestimmteren Feststellung der Richtung Luthers, begann jenes Markten und Feilschen um die beizubehaltenden oder zu reformierenden Institutionen und Dogmen, jenes widerwärtige Diplomatisieren, Konzedieren, Intrigieren und Vereinbaren, dessen Resultat die Augsburgische Konfession war, die schließlich erhandelte Verfassung der reformierten Bürgerkirche.

Es ist ganz derselbe Schacher, der sich neuerdings in deutschen Nationalversammlungen, Vereinbarungsversammlungen, Revisionskammern und Erfurter Parlamenten in politischer Form bis zum Ekel wiederholt hat. Der spießbürgerliche Charakter der offiziellen Reformation trat in diesen Verhandlungen aufs offenste hervor.“

„Daß Luther, als nunmehr erklärter Repräsentant der bürgerlichen Reform, den gesetzlichen Fortschritt predigte, hatte seine guten Gründe. Die Masse der Städte war der gemäßigten Reform zugefallen; der niedere Adel schloß sich ihr mehr und mehr an, ein Teil der Fürsten fiel zu, ein anderer schwankte. Ihr Erfolg war so gut wie gesichert, wenigstens in einem großen Teile von Deutschland. Bei fortgesetzter friedlicher Entwicklung konnten die übrigen Gegenden auf die Dauer dem Andrang der gemäßigten Opposition nicht widerstehn.

Jede gewaltsame Erschütterung aber mußte die gemäßigte Partei in Konflikt bringen mit der extremen, plebejischen und Bauernpartei, mußte die Fürsten, den Adel und manche Städte der Bewegung entfremden und ließ nur die Chance entweder der Überflügelung der bürgerlichen Partei durch die Bauern und Plebejer oder der Unterdrückung sämtlicher Bewegungsparteien durch die katholische Restauration.

Und wie die bürgerlichen Parteien, sobald sie die geringsten Siege erfochten haben, vermittelst des gesetzlichen Fortschritts zwischen der Scylla der Revolution und der Charybdis der Restauration durchzulavieren suchen, davon haben wir in der letzten Zeit Exempel genug gehabt. Wie unter den allgemein gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen der damaligen Zeit die Resultate jeder Veränderung notwendig den Fürsten zugute kommen und ihre Macht vermehren mußten, so mußte die bürgerliche Reform, je schärfer sie sich von den plebejischen und bäurischen Elementen schied, immer mehr unter die Kontrolle der reformierten Fürsten geraten.

Luther selbst wurde mehr und mehr ihr Knecht, und das Volk wußte sehr gut, was es tat, wenn es sagte, er sei ein Fürstendiener geworden wie die andern, und wenn es ihn in Orlamünde mit Steinwürfen verfolgte. Als der Bauernkrieg losbrach, und zwar in Gegenden, wo Fürsten und Adel größtenteils katholisch waren, suchte Luther eine vermittelnde Stellung einzunehmen. Er griff die Regierungen entschieden an. Sie seien schuld am Aufstand durch ihre Bedrückungen; nicht die Bauern setzten sich wider sie, sondern Gott selbst. Der Aufstand sei freilich auch ungöttlich und wider das Evangelium, hieß es auf der andern Seite. Schließlich riet er beiden Parteien, nachzugeben und sich gütlich zu vertragen.

Aber der Aufstand, trotz dieser wohlmeinenden Vermittlungsvorschläge, dehnte sich rasch aus, ergriff sogar protestantische, von lutherischen Fürsten, Herren und Städten beherrschte Gegenden und wuchs der bürgerlichen, "besonnenen" Reform rasch über den Kopf. In Luthers nächster Nähe, in Thüringen, schlug die entschiedenste Fraktion der Insurgenten unter Münzer ihr Hauptquartier auf. Noch ein paar Erfolge, und ganz Deutschland stand in Flammen, Luther war umzingelt, vielleicht als Verräter durch die Spieße gejagt, und die bürgerliche Reform weggeschwemmt von der Sturmflut der bäurisch-plebejischen Revolution.

Da galt kein Besinnen mehr. Gegenüber der Revolution wurden alle alten Feindschaften vergessen; im Vergleich mit den Rotten der Bauern waren die Diener der römischen Sodoma unschuldige Lämmer, sanftmütige Kinder Gottes; und Bürger und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther und Papst verbanden sich "wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern".

‚Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muß!" schrie Luther. "Darum, liebe Herren, loset hie, rettet da, steche, schlage, würge sie, wer da kann, bleibst du darüber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen.‘“

Thomas Müntzer

„Noch war Münzer vor allem Theologe; noch richtete er seine Angriffe fast ausschließlich gegen die Pfaffen. Aber er predigte nicht, wie Luther damals schon, die ruhige Debatte und den friedlichen Fortschritt, er setzte die früheren gewaltsamen Predigten Luthers fort und rief die sächsischen Fürsten und das Volk auf zum bewaffneten Einschreiten gegen die römischen Pfaffen.

‚Sagt doch Christus, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Was sollt ihr" (die sächsischen Fürsten) "aber mit demselben machen? Nichts anders, denn die Bösen, die das Evangelium verhindern, wegtun und absondern, wollt ihr anders Diener Gottes sein. Christus hat mit großem Ernst befohlen, Luc. 19,27, nehmt meine Feinde und würget sie vor meinen Augen ... Gebet uns keine schalen Fratzen vor, daß die Kraft Gottes es tun soll ohne euer Zutun des Schwertes, es möchte euch sonst in der Scheide verrosten. Die, welche Gottes Offenbarung zuwider sind, soll man wegtun, ohne alle Gnade, wie Hiskias, Cyrus, Josias, Daniel und Elias die Baalspfaffen verstöret haben, anders mag die christliche Kirche zu ihrem Ursprung nicht wieder kommen. Man muß das Unkraut ausraufen aus dem Weingarten Gottes in der Zeit der Ernte. Gott hat 5. Mose 7 gesagt, ihr sollt euch nicht erbarmen über die Abgöttischen, zerbrecht ihre Altäre, zerschmeißt ihre Bilder und verbrennet sie, auf daß ich nicht mit euch zürne.‘

Aber diese Aufforderungen an die Fürsten blieben ohne Erfolg, während gleichzeitig unter dem Volk die revolutionäre Aufregung von Tag zu Tag wuchs. Münzer, dessen Ideen immer schärfer ausgebildet, immer kühner wurden, trennte sich jetzt entschieden von der bürgerlichen Reformation und trat von nun an zugleich direkt als politischer Agitator auf.“

Thomas Müntzer war das, was Menschen einen „Radikalen“ nennen, möglicherweise auch einen „Fanatiker“. Menschen, die von Kindheit an die christliche Propaganda vom lieben Jesulein und dem Gutmenschen Jesus gehört haben, werden überrascht sein zu hören, dass genau dieser Jesus eines der ganz großen Vorbilder für die Fanatiker der allerübelsten Sorte ist.

Hier sind die beiden Stellen, die Thomas Müntzer zitiert: Matthäus 10; 34 und Lukas 19; 27:

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/matthaeus/10/#1

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/lukas/19/#1

Auch der Wurm hatte sich schon mal kurz über den Fanatismus des Jesus seine Gedanken gemacht:

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/26-die-katholiban-und-das-leben.html

Zurück zu Friedrich Engels:

Folgen des Bauernkriegs

„Wer unter diesen Umständen vom Ausgang des Bauernkriegs allein Vorteil zog, waren die Fürsten. Wir sahen schon gleich im Anfang unserer Darstellung, wie die mangelhafte industrielle, kommerzielle und agrikole Entwicklung Deutschlands alle Zentralisation der Deutschen zur Nation unmöglich machte, wie sie nur eine lokale und provinzielle Zentralisation zuließ und wie daher die Repräsentanten dieser Zentralisation innerhalb der Zersplitterung, die Fürsten, den einzigen Stand bildeten, dem jede Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zugute kommen mußte.

Der Entwicklungsgrad des damaligen Deutschlands war so niedrig und zu gleicher Zeit so ungleichförmig in den verschiedenen Provinzen, daß neben den weltlichen Fürstentümern noch geistliche Souveränetäten, städtische Republiken und souveräne Grafen und Barone bestehen konnten; aber sie drängte zu gleicher Zeit, wenn auch sehr langsam und matt, doch immer auf die provinzielle Zentralisation, d.h. auf die Unterordnung der übrigen Reichsstände unter die Fürsten hin. Daher konnten am Ende des Bauernkriegs nur die Fürsten gewonnen haben. So war es auch in der Tat.

Sie gewannen nicht nur relativ, dadurch daß ihre Konkurrenten, die Geistlichkeit, der Adel, die Städte, geschwächt wurden; sie gewannen auch absolut, indem sie die spolia opima (Hauptbeute) von allen übrigen Ständen davontrugen. Die geistlichen Güter wurden zu ihrem Besten säkularisiert; ein Teil des Adels, halb oder ganz ruiniert, mußte sich nach und nach unter ihre Oberhoheit geben; die Brandschatzungsgelder der Städte und Bauernschaften flossen in ihren Fiskus, der obendrein durch die Beseitigung so vieler städtischen Privilegien weit freieren Spielraum für seine beliebten Finanzoperationen gewann.

Die Zersplitterung Deutschlands, deren Verschärfung und Konsolidierung das Hauptresultat des Bauernkriegs war, war auch zu gleicher Zeit die Ursache seines Mißlingens.

Wir haben gesehen, wie Deutschland zersplittert war, nicht nur in zahllose unabhängige, einander fast total fremde Provinzen, sondern auch wie die Nation in jeder dieser Provinzen in eine vielfache Gliederung von Ständen und Ständefraktionen auseinanderfiel. Außer Fürsten und Pfaffen finden wir Adel und Bauern auf dem Land, Patrizier, Bürger und Plebejer in den Städten, lauter Stände, deren Interessen einander total fremd waren, wenn sie sich nicht durchkreuzten und zuwiderliefen. Über allen diesen komplizierten Interessen, obendrein, noch das des Kaisers und des Papstes.

Wir haben gesehen, wie schwerfällig, unvollständig und je nach den Lokalitäten ungleichförmig diese verschiedenen Interessen sich schließlich in drei große Gruppen formierten; wie trotz dieser mühsamen Gruppierung jeder Stand gegen die der nationalen Entwicklung durch die Verhältnisse gegebene Richtung opponierte, seine Bewegung auf eigene Faust machte, dadurch nicht nur mit allen konservativen, sondern auch mit allen übrigen opponierenden Ständen in Kollision geriet und schließlich unterliegen mußte.

So der Adel im Aufstand Sickingens, die Bauern im Bauernkrieg, die Bürger in ihrer gesamten zahmen Reformation. So kamen selbst Bauern und Plebejer in den meisten Gegenden Deutschlands nicht zur gemeinsamen Aktion und standen einander im Wege. Wir haben auch gesehn, aus welchen Ursachen diese Zersplitterung des Klassenkampfs und die damit gegebene vollständige Niederlage der revolutionären und halbe Niederlage der bürgerlichen Bewegung hervorging.

Wie die lokale und provinzielle Zersplitterung und die daraus notwendig hervorgehende lokale und provinzielle Borniertheit die ganze Bewegung ruinierte; wie weder die Bürger noch die Bauern, noch die Plebejer zu einem konzentrierten, nationalen Auftreten kamen; wie die Bauern z.B. in jeder Provinz auf eigne Faust agierten, den benachbarten insurgierten Bauern stets die Hülfe verweigerten und daher in einzelnen Gefechten nacheinander von Heeren aufgerieben wurden, die meist nicht dem zehnten Teil der insurgierten Gesamtmasse gleichkamen - das wird wohl aus der vorhergehenden Darstellung jedem klar sein.

Die verschiedenen Waffenstillstände und Verträge der einzelnen Haufen mit ihren Gegnern konstituieren ebensoviel Akte des Verrats an der gemeinsamen Sache, und die einzig mögliche Gruppierung der verschiedenen Haufen nicht nach der größeren oder geringeren Gemeinsamkeit ihrer eignen Aktion, sondern nach der Gemeinsamkeit des speziellen Gegners, dem sie erlagen, ist der schlagendste Beweis für den Grad der Fremdheit der Bauern verschiedner Provinzen gegeneinander.“

"Wer an den Folgen des Bauernkriegs am meisten litt, war die Geistlichkeit. Ihre Klöster und Stifter waren verbrannt, ihre Kostbarkeiten geplündert, ins Ausland verkauft oder eingeschmolzen, ihre Vorräte waren verzehrt worden. Sie hatte überall am wenigsten Widerstand leisten können, und zu gleicher Zeit war die ganze Wucht des Volkshasses am schwersten auf sie gefallen.

Die andern Stände, Fürsten, Adel und Bürgerschaft, hatten sogar eine geheime Freude an der Not der verhaßten Prälaten. Der Bauernkrieg hatte die Säkularisation der geistlichen Güter zugunsten der Bauern populär gemacht, die weltlichen Fürsten und zum Teil die Städte gaben sich daran, diese Säkularisation zu ihrem Besten durchzuführen, und bald waren in protestantischen Ländern die Besitzungen der Prälaten in den Händen der Fürsten oder der Ehrbarkeit.

Aber auch die Herrschaft der geistlichen Fürsten war angetastet worden, und die weltlichen Fürsten verstanden es, den Volkshaß nach dieser Seite hin zu exploitieren. So haben wir gesehen, wie der Abt von Fulda vom Lehnsherrn zum Dienstmann Philipps von Hessen degradiert wurde. So zwang die Stadt Kempten den Fürstabt, ihr eine Reihe wertvoller Privilegien, die er in der Stadt besaß, für einen Spottpreis zu verkaufen.

Der Adel hatte ebenfalls bedeutend gelitten. Die meisten seiner Schlösser waren vernichtet, eine Anzahl der angesehensten Geschlechter war ruiniert und konnte nur im Fürstendienst eine Existenz finden. Seine Ohnmacht gegenüber den Bauern war konstatiert; er war überall geschlagen und zur Kapitulation gezwungen worden; nur die Heere der Fürsten hatten ihn gerettet. Er mußte mehr und mehr seine Bedeutung als reichsunmittelbarer Stand verlieren und unter die Botmäßigkeit der Fürsten geraten.

Die Städte hatten im ganzen auch keinen Vorteil vom Bauernkrieg. Die Herrschaft der Ehrbarkeit wurde fast überall wieder befestigt; die Opposition der Bürgerschaft blieb für lange Zeit gebrochen. Der alte patrizische Schlendrian schleppte sich so, Handel und Industrie nach allen Seiten hin fesselnd, bis in die französische Revolution fort. Von den Fürsten wurden zudem die Städte verantwortlich gemacht für die momentanen Erfolge, die die bürgerliche oder plebejische Partei in ihrem Schoß während des Kampfes errungen hatte.

Städte, die schon früher den Gebieten der Fürsten angehörten, wurden schwer gebrandschatzt, ihrer Privilegien beraubt und schutzlos unter die habgierige Willkür der Fürsten geknechtet (Frankenhausen, Arnstadt, Schmalkalden, Würzburg etc. etc.), Reichsstädte wurden fürstlichen Territorien einverleibt (z.B. Mühlhausen) oder doch in die moralische Abhängigkeit von angrenzenden Fürsten gebracht, wie viele fränkische Reichsstädte.“

Mensch muss mit den Analysen von Friedrich Engels (und damit der marxistischen Geschichtsschreibung) nicht übereinstimmen. Sollte sie aber kennen und bereit sein, anzuerkennen, dass deren Denkansätze zum Begreifen des Geschehens einen wertvollen Beitrag leisten.

Zwölf Artikel

Wer an die Bauernkriege denkt, sollte die Zwölf Artikel nicht vergessen. Zum einen sind sie ein bedeutendes Werk und zum anderen machen sie deutlich, warum sich die Bauern bzw. die gemeine Bevölkerung erhoben haben.  Aus „Wikipedia“:

„Die Zwölf Artikel gehören zu den Forderungen, die die Bauern im deutschen Bauernkrieg 1525 in Memmingen gegenüber dem Schwäbischen Bund erhoben. Sie gelten als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa, und die zu den Zwölf Artikeln führenden Versammlungen gelten als erste verfassungsgebende Versammlung auf deutschem Boden …

1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn zu entsetzen (abzusetzen), wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.

2. Von dem großen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan (aufgegeben) werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.

3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute (Leibeigene) gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.

4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.

5. Haben sich die Herrschaften die Hölzer (Wälder) alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle Hölzer, die nicht erkauft sind (gemeint sind ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten) der Gemeinde wieder heimfallen (zurückgegeben werden), damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.

6. Soll man der Dienste (Frondienste) wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben (sie ziemlich reduzieren), wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.

7. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war durchaus üblich.)

8. Können viele Güter die Gült (Pachtabgabe) nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Gült nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.

9. Werden der große Frevel (Gerichtsbußen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich). Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.

10. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.

11. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.

12. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lf_Artikel

Mit den Intellektuellen der damaligen Zeit war es wie immer: viele waren von ihren Geldgebern abhängig, machten sich deren Sache zu eigen oder schwiegen. Einige äußerten vorsichtig ihre Sympathie mit den Gemeinen wie der bereits erwähnte Albrecht Dürer. Dessen Entwurf zu einem Denkmal des Bauernkrieges mit dem Bauern auf der Spitze der Säule, dem ein Schwert im Rücken steckt, zeigt deutlich, auf wessen Seite er stand.

Direkt auf der Seite der Gemeinen standen heute noch bekannte Künstler wie Tilman Riemenschneider und Jörg Ratgeb. Tilman Riemenschneider wurde gefoltert und danach wurde dafür gesorgt, dass er nie mehr ein Kunstwerk machen konnte und Jörg Ratgeb wurde gleich gevierteilt:

http://de.wikipedia.org/wiki/Tilman_Riemenschneider

http://de.wikipedia.org/wiki/Jerg_Ratgeb

Ein denkenswerter Beitrag zu Intellektuellen im Bauernkrieg und überhaupt stammt von A.F. Reiterer:

http://www.antiimperialista.org/de/node/244389

Dort wird auch angesprochen, dass nach dem Ende der DDR die Stadt Mühlhausen ihren seit 1975 amtlichen Beinamen „Thomas-Müntzer-Stadt“ im Jahre 1991 wieder abschaffte.

Und damit ist der Wurm beim Siegeszug der westlichen, bürgerlichen Geschichtsschreibung im Osten Deutschlands. Revolutionäre Bauern und ein positiv gesehener Thomas Müntzer passen da nicht dazu. Und natürlich kam (und kommt) das Bauernkriegspanorama da überhaupt nicht gut an.

Wie wird da üblicherweise vorgegangen?

1) vernichten

2) ignorieren

3) als unsinnig oder als „Propaganda“ bezeichnen

4) lächerlich machen

5) vereinnahmen

Genau das ist hier auch passiert bzw. es wurde der Versuch dazu unternommen. Aus „Wikipedia“:

„Vor allem wurden die überdimensionierten Ausmaße des im Auftrag der Regierung entstandenen Bildes kritisiert, da sie in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Lage der DDR zu seiner Entstehungszeit stünden. Große Teile der Bevölkerung sahen das Bild zu dieser Zeit als pures Propagandamittel der Herrschenden an, die damit ihr idealisierendes Geschichtsbild von den Bauernkriegen propagieren wollten. Demgegenüber steht die Ausführung dieser Idee durch Werner Tübke, dessen Darstellungsweise eben nicht den Vorstellungen der Politiker entspricht.

Schon kurz nach der Errichtung hatte der zugehörige Rundbau vom Volksmund den respektlos-verächtlichen Spitznamen „Elefantenklo“ erhalten. Andere Bezeichnungen lauteten „Gasometer“ und „Silo“. Das millionenschwere Prestigeobjekt erschien der Bevölkerung angesichts des sich ständig verschärfenden Mangels in allen Lebensbereichen als purer Hohn und Zynismus der Herrschenden. Von Kritikern wurde – und wird auch heute noch – angeführt, durch das kostspielige Kunstprojekt seien mehrere andere Projekte in der Region gestrichen worden, unter anderem eine Turnhalle in Sangerhausen. Befürworter des Projekts verweisen hingegen auf die Devisen, die Tübke durch den Verkauf seiner Bilder ins Ausland eingebracht habe. Diese Kritik erstreckte sich auch auf den – teilweise ungerechtfertigt, teils berechtigt – so titulierten „Staatskünstler“ von Gnaden der SED. Tübke selbst äußerte sich jedoch auch nach der Wende rundum zufrieden über sein bekanntestes Werk. Weiterhin betrachtete er sich nach eigener Aussage auch nicht als Künstler der DDR und schon gar nicht als Staatskünstler, sondern als außerhalb der DDR-Kunst stehend.

Nach dem Ende der DDR war die Zukunft des Panorama-Museums infolge der bereits während der Arbeiten Tübkes entstandenen Kritik in der Bevölkerung ungewiss. Es wurde sogar eine Schließung des Museums diskutiert, die jedoch durch Sachverständige im Thüringischen Kunstministerium abgewendet werden konnte.“

Da wird schon mal ein überragendes Kunstwerk geschaffen und dann kommen die Kleingeister mit der „Turnhalle in Sangerhausen“, die deswegen nicht gebaut werden konnte …

Zur Vereinnahmung: „Es gibt heute zwei verschiedene Interpretationsansätze zu dem Gemälde. Die eine geht davon aus, dass Tübke durch seine Darstellung eine Allegorie auf die zum Scheitern verurteilte DDR geschaffen habe. So wie Thomas Müntzer einsehen muss, dass seine Vision von einer besseren Zukunft für die einfache bäuerliche Landbevölkerung gescheitert ist, so sei auch die Vision der DDR-Führung von einem sozialistischen Staat gescheitert, in dem der Mensch das Maß aller Dinge sei.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Bauernkriegspanorama

Nach der Eingliederung der DDR in die BRD wurde dort nicht nur der Bauernkrieg umgedeutet, sondern auch die dortige Geschichtswissenschaft „erobert“ und der Versuch unternommen, sie zu vernichten oder zumindest mundtot zu machen.

Einen sehr interessanten Beitrag hierzu liefert Horst Schneider, der das Buch „Abwicklung. Das Ende der Geschichtswissenschaft in der DDR“ von Werner Röhr bespricht und genug Grund hat, sich aufzuregen:

„Seit mehr als zwanzig Jahren mühen sich die Sieger dieser Runde der europäischen Geschichte mit enormem personellem und finanziellem Aufwand, die DDR nach „allen Regeln der Kunst“ wegzuretuschieren. Die Ergebnisse der DDR-Geschichtswissenschaft zu verschweigen und zu verfälschen, gehört zu dieser offiziellen Politik. Dem ist Werner Röhr couragiert und mit Akribie entgegengetreten. Überdies rückt er den Verlauf und die Ergebnisse ihrer Abwicklung sowie deren Drahtzieher ins grelle Licht des Tages …

Aus der Alt-BRD „eingeflogene“ Berater der im Aufbau befindlichen Landesregierungen und Vertreter bundesdeutscher Historikerverbände verhinderten damals rigoros jegliche Weiterentwicklung der Geschichtswissenschaft der DDR aus eigenen Kräften. Die „Kollegen“ von jenseits der Elbe propagierten zwar offiziell „Wissenschaftspluralismus“, verfolgten in der Praxis aber einen skrupellosen Alleinvertretungsanspruch …

War 1980 auf dem Weltkongreß der Historischen Wissenschaften von dessen damaligem Präsidenten Karl Erdmann (BRD) die „Ökumene der Historiker“ gefeiert worden, so forderte Wolfgang Mommsen auf dem Historikertag in Bochum Ende September 1990 nun die  bedingungslose Kapitulation der DDR-Historiker. Auch diesmal lautete der stärkste Vorwurf, die DDR-Geschichtswissenschaft habe die „Legitimierung des SED-Regimes“ betrieben. Röhr setzt sich mit der wahrheitswidrigen Behauptung von der angeblichen Unterwürfigkeit der DDR-Historiker überzeugend auseinander …

Kapitel 5 des Röhr-Buches dürfte für Opfer der Abwicklung besonders aufschlußreich sein, denn sie erleben hier ihre eigenen „sanften und unsanften Tode“ noch einmal – ob es die Spezialisten für die Geschichte der Arbeiterbewegung oder die Militärhistoriker sind. Die Ergebnisse sprechen für sich: Aus der „Erhaltung leistungsfähiger Einrichtungen“ wie sie Artikel 38 des „Einigungsvertrages“ noch versprochen hatte, wurden Trümmerlandschaften ohne Ende.“

http://www.rotfuchs.net/zeitung/archiv/2012/RF-177-10-12-Extra.pdf

Mensch kann darüber streiten, ob das gesamte Geschichtsbild der DDR, ihre Meinung zum Bauernkrieg oder das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen „Propaganda“ ist. Was mensch auch immer zur DDR-Regierung zu sagen hat - zumindest hat sie sich dieses Themas angenommen, Stellung für die damalige „gemeine Bevölkerung“ genommen und ihre eigene Bevölkerung dafür zu interessieren versucht.

Mensch vergleiche nur einmal das monumentale Bauernkriegspanorama mit den läppischen Bauernkriegs-Denkmälern und –Museen im Westen Deutschlands (bei allem Respekt vor den lokalen Bemühungen).

Wenn selbst in Westdeutschland aufgewachsene Menschen, die sich als „gebildet“ bezeichnen, zu Thomas Müntzer nicht viel einfällt, vom Schicksal von Tilman Riemenschneider oder Jörg Ratgeb kaum etwas kennen, von der Schrift von Friedrich Engels „Der deutsche Bauernkrieg“ oder den „Zwölf Artikeln“ noch nie etwas gehört haben und auch nichts vom monumentalen Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen und von staatlicher Seite dazu wenig bis nichts dazu vermittelt wird – das ist Propaganda.